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Nebel

Ein Reich ohne Schatten

Lisa Merkens


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Lektorat: Melanie Wittmann

Titelbild gestaltet mit Bildern von © Matthew Jacques ‒ Shutterstock lizensiert

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2013.

Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-249-6 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-234-0 - E-Book

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Inhalt

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Prolog

Sie spürte wie jedes Mal die Übelkeit in sich aufsteigen und wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Schließlich umfing sie dieses seltsame Gefühl, als sie nicht mehr auf dem frisch lackierten Holzboden, sondern auf feuchtem Waldboden stand.

„Da bist du ja endlich!“ Die Stimme, die sie begrüßte, war rau wie die eines Revolverhelden und Luna trat aus den Schatten. Sie verkniff sich ein Grinsen. Geduld, wenn man sie nicht unbedingt brauchte, hatte Luna nicht.

Sie war froh, dass sie das bereits wusste. Damals, bei ihrem ersten Treffen, hatte Luna sie mit ihrer rauen und direkten Art erschreckt. Da, wo diese herkam, war alles anders, deswegen wunderte sie sich nicht im Geringsten. „Ich freue mich auch, dich zu sehen.“ Sie lächelte Luna strahlend an.

Diese nickte knapp, meinte: „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass du vergessen hast zu kommen.“ Sie quittierte diesen Kommentar mit einem enttäuschten, fast beleidigten Blick, worauf Luna hinzufügte: „Und ich habe vergessen, wie schnell man dich beleidigen kann.“

Sie spielte mit dem Gedanken, sich schmollend abzuwenden und gleich wieder zu verschwinden, doch dann lachte sie und entgegnete: „Ich wiederum habe vergessen, dass ich eigentlich hier bin, um euch eine frohe Botschaft zu überbringen!“

„Dann mal los!“ Nun löste sich Luke von Lunas Seite, der sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten hatte.

„Ich habe einen würdigen Nachfolger gefunden.“ Ein erleichtertes Seufzen entfuhr ihr. Nach einem Blick auf die verwirrten Gesichter von Luke und Luna fügte sie hinzu: „Ich meine natürlich, Nachfolgerin!“ An ihrem Grinsen merkte man ihre überaus große Erleichterung.

„Und es ist wirklich sie?“ Lunas rauer Stimme hörte man hingegen deutliche Zweifel an.

„Ja, sie ist es wirklich.“

„Also, ich weiß nicht ... Sie ist laut deinen Beschreibungen und von deinen Fotos her so ... anders!“

„Hast du vergessen, wie ich war, als ich euch zum ersten Mal begegnet bin, ich hab mich doch seitdem total verändert!“ Jetzt klang auch sie selbst ungeduldig.

„Nein, natürlich nicht ... Aber sie ist trotzdem anders, als du damals gewesen bist!“

„Ach was! Sie ist bloß mein damaliges Ich von heute.“

„Ich komme mit eurer Zeit noch immer nicht ganz klar, mit eurer Rechnung und so ...“, sagte Luna kopfschüttelnd.

Bevor sie antworten konnte, mischte sich Luke ein: „Woher weißt du überhaupt, dass sie die Richtige ist?“ Er zögerte kurz, dann setzte er noch die Worte „deine Nachfolgerin“ hinzu. Er sah sie fragend an.

Sie grinste, strich sich eine Locke aus der Stirn und sagte: „Ich weiß es, weil ich ihr den Spiegel geschenkt habe und sie sich verstohlen die Gänsehaut von den Armen gerieben hat. Sie fühlt es auch ... das Prickeln ... das Geheimnis!“ Ihr eindringlicher Blick wanderte von Luke zu Luna und wieder zurück.

Die beiden schwiegen und nickten schließlich, als könnten sie verstehen, was sie mit dem Geheimnis meinte. Doch sie war sich nicht sicher, ob sie wirklich nachvollziehen konnten, was es hieß, den Spiegel in den Händen zu halten.

„Ich muss mich von euch verabschieden.“ Als sie das sagte, spiegelte sich der Wald in ihren feuchten Augen. Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen, und auch Luna und Luke sahen unglücklich aus.

„Ja.“ Luna nickte nun verständnisvoll und in ihren Augen schimmerte die Trauer über den bevorstehenden Abschied.

„Ich ...“ Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, nicht mehr sprechen zu können. „Ich wollte euch sagen, dass ... dass ... ich euch sehr dankbar für alles bin und dass ...“ Die erste Träne lief über ihr Gesicht. „Und dass ich euch sehr vermissen werde und ...“

„Hey.“ Mitgefühl schwang in Lunas sonst spöttischer Stimme. „Du machst es dir gerade unnötig schwer, weißt du das?“ Luke nickte zustimmend.

Doch sie redete weiter, obwohl sich noch mehr Tränen ihren Weg über ihre Wangen bahnten. „Dass ihr mir ... so viel geschenkt habt ... und dass ich dieses Geschenk für immer in meinem Herz trage ...“ Ein Schwall weiterer salziger Tränen rann über ihr Gesicht.

Nun war er wieder da, der Spott in Lunas Stimme. „Ich hab dir doch schon mal gesagt, dass ich es hasse, wenn jemand so dramatisch wird!“

Auf ihrem Gesicht entstand ein leises Lächeln, und Luke stupste Luna vorwurfsvoll gegen die Schulter, dann wandte er sich erneut an sie. „Ich finde es wirklich sehr schade, dass du gehen musst, aber“, sein Blick wurde eindringlicher, „es ist das Beste. Das, was wir tun müssen!“

Sie nickte trotz all der Tränen, streckte die Hand aus und streichelte Luna zum Abschied über den Kopf. Zumindest versuchte sie es, denn als ihre Fingerspitzen Lunas Haare berührten, zog ihr diese mit einem schnellen Ruck die langen, spitzen Krallen über die Hand. Erschrocken riss sie den Arm zurück, doch sofort schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht und sie dachte sich, dass sie eigentlich mittlerweile wissen sollte, dass Luna streicheln noch mehr verabscheute als hochdramatische Menschen. Sie wischte das Blut von ihrem Handrücken. Sie würde also noch mehr von hier mitnehmen als nur die Erinnerungen in ihrem Herzen, auch die Narben, die aus diesen Kratzern entstünden, würde sie immer besitzen.

„Tschüss.“ Das war das einzige Wort, das sie jetzt sagen konnte.

Wenig später stand sie wieder auf dem Holzfußboden und wischte sich mit der blutenden Hand übers Gesicht. Noch immer liefen Sturzbäche von Tränen über ihre Wangen und tropften auf den Fußboden. Für alle Zeit würde man die Wasserflecken auf dem Parkett sehen.

*

Mein Spiegelbild

Ich glaube, dass es im Leben vieler Menschen, vielleicht sogar im Leben von jedem, einen Wendepunkt gibt, doch ich glaube auch, dass dieser in meinem Dasein ein ganz besonderer ist. Deshalb will ich davon erzählen.

Ich werfe das benutzte Taschentuch in den Mülleimer, drücke die Türklinke herunter und stoße die Tür auf. Hier ist mein Reich. Meines. Es gehört niemand anderem.

Jeder, der hereinkommen will, braucht eine ausdrückliche Erlaubnis von mir. Wenn er trotzdem eintritt ohne die zugehörige Befugnis, bekommt er ganz schön Ärger. Nicht, dass ich ihn anschreien würde, nein, so etwas tue ich nicht, aber ich kann ganz schauerliche Gerüchte in der Schule oder irgendwo anders verbreiten und zum Beispiel dafür sorgen, dass dieser jemand, der eine Strafe von mir haben will, unverzüglich von allen ignoriert oder missachtet wird.

Ja, so bin ich, und da ich sehr beliebt bin, habe ich auch einen sehr großen Einfluss.

Ehrlich, ich will wirklich nicht angeben, aber mein Zimmer ist geradezu paradiesisch. Links neben der Tür steht mein Bett. Es ist ernsthaft riesig. Der Bezug ist blau, türkisblau wie der Pazifik. Ich weiß, wie blau der Pazifik ist, erst in den letzten Ferien waren wir auf Hawaii.

Mein weißes Regal beherbergt einige Bücher, allesamt äußerst bekannt und jeder liest sie im Moment. Dann eine riesige Stereoanlage, daneben drei Schubladen voll alphabetisch sortierter CDs – es hat mich mehrere Tage gekostet, sie genau so einzuräumen, wie es mir passt. Normalerweise hätte das natürlich unser Dienstmädchen getan, doch ich hasse es wirklich, wenn dieses in meinem Zimmer herumschnüffelt. Eigentlich gibt es in meinem Regal nicht viel zu sehen – außer reihenweise ebenfalls sortierter Modezeitschriften. Einige Fotos sind darauf arrangiert, fein säuberlich eingerahmt natürlich, und ein paar Autogrammkarten – allesamt auf Blickhöhe, damit man sie keinesfalls übersehen kann – von Promis, auf die im Moment alle stehen, habe ich an die Schubladen geklebt.

Die Wand rechts von der Tür ist weiß, genauso wie die, an der mein Bett steht, die anderen beiden sind blau, türkisblau natürlich. Tja, und an der Wand gegenüber der Zimmertür ist das Fenster mit dem Ausblick auf die Großstadt, auf Berlin, auf die Hauptstadt Deutschlands.

„Arm, aber sexy“, heißt es immer. Ich kenne jedoch nur den Teil Berlins, für den gilt: „Reich und sexy.“

Und man sollte das Wichtigste nicht vergessen: meinen Kleiderschrank! Drei auf drei Meter ist er groß, aus weiß lackiertem Holz, auf das ein Maler wunderschöne Spiralen gepinselt hatte, natürlich in Türkisblau. Und wenn man die Tür aufschließt und in meinen Schrank hineinsieht, blickt man ins Paradies der Modefreaks. Vor den Wänden stehen Kleiderständer, und zwar zweireihig. In der hinteren Reihe stehen die Ständer mit der Kleidung der letzten Saison, in der vorderen die der aktuellen. Wenn irgendetwas älter ist als eine Saison, wird es aussortiert und kommt in die Altkleidersammlung.

Mein Bruder meint, ich sei verrückt, Dinge wegzugeben, bloß weil sie nicht mehr in seien. Nur, wer will denn schon altmodische Sachen anziehen? Und da wir keinen Geldmangel haben, kann ich jederzeit neue Klamotten bestellen oder, was noch viel besser ist, durch die Läden der Großstadt bummeln und die neuesten Trends anprobieren.

Klamotten sind mein absolutes Hobby. Natürlich mache ich noch andere Dinge. Ich bin in einem Cheerleaderverein und nehme Hip-Hop-Unterricht. Das mache ich eigentlich nur, weil es gerade angesagt ist. So richtig interessiere ich mich nur für Klamotten. Ich finde es nicht nur cool, in Modezeitschriften zu blättern oder in angesagten Läden zu stöbern, ich liebe es auch, über die Stoffe zu streichen und die Preise zu betrachten, weil ich dabei immer sehe, wie viel Geld meine Eltern besitzen. Ich habe viel Spaß dabei, diese Sachen mit alten oder billigen Kleidungsstücken zu vergleichen und mich immer wieder vor dem Spiegel zu betrachten – von jeder Seite, um nicht nur die Kleidung, sondern auch mein hübsches Spiegelbild anzustarren.

Tja, und dann gibt es links von der Tür mein bestes Stück: einen großen Spiegel. Um ehrlich zu sein, denke ich, dass der Wert des Spiegels bloß so groß ist, weil er sehr teuer war und mit Gold und Edelsteinen verziert ist. Der Spiegel ist ziemlich groß, ungefähr eineinhalb Meter, und er passt hervorragend in mein Zimmer, weil er nicht nur golden ist, sondern auch blau, türkisblau. Ich habe ihn von meiner Oma zum letzten Geburtstag bekommen. Eigentlich soll ich zu meiner Oma gar nicht „Oma“ sagen, sondern „Großmutter“, aber ich finde, dass das ziemlich altmodisch klingt und total distanziert, als wäre sie gar keine nahe Verwandte, sondern irgendjemand, den ich nicht duzen darf.

Wie gesagt, der Spiegel ist wunderschön, nicht nur, weil er unter anderem mit Blau- und Türkistönen bemalt worden war, sondern auch, weil er mit wunderschönen Ornamenten verziert ist und eine so eigenartige und wundersame Ausstrahlung besitzt. Diese kann ich mir jedoch nicht erklären. Das Seltsamste aber ist, dass niemand außer mir diese Ausstrahlung überhaupt zu bemerken scheint.

Die blau schimmernde Spiegelfläche umgibt ein goldener Rahmen, der in regelmäßigen Abständen mit Edelsteinen besetzt ist. Zuerst kommt immer ein dunkelblauer, dann ein meergrüner und schließlich ein türkisfarbener. Auf den ersten Blick ist das Muster recht regelmäßig, fast ein wenig langweilig, denn die Unterseite sieht beinahe genauso aus wie die Oberseite des Rahmens. Es gibt nur einen, nein, zwei winzig kleine Unterschiede. Der erste ist, dass in die Unterseite „von Schwarzberg“ eingraviert ist, mein Familienname, den meine Oma genauso trägt wie ich, und der andere Unterschied ist so minimal, dass ich ihn erst bemerkte, als ich den Spiegel einmal umhängte. Ich hatte ihn bis dahin schon hundertmal angesehen und über seinen Goldrahmen gestrichen, aber es war mir wirklich nicht aufgefallen: Ganz unten im Goldrahmen hat jemand etwas aufgeklebt oder eher in das noch flüssige Gold gedrückt. Eine kleine Spiegelscherbe.

Okay, ich will euch jetzt nicht mit Geschichten von Spiegelscherben langweilen! Im Rahmen steckt auch ein Bild von Jan.

Jan ist mein Traumprinz! Er ist der bestaussehende Junge in der ganzen Umgebung, das könnt ihr mir glauben. Die Mädchen himmeln ihn an, als wäre er der einzige Junge weit und breit. Das Foto habe ich in den Sommerferien aufgenommen. Die Sonne scheint von einem strahlend blauen Himmel hinab und bringt Jans dunkles Haar zum Glänzen. Es ist ungefähr so dunkel wie Zartbitterschokolade, die einzige Schokolade, die ich überhaupt esse. Er trägt seine Haare so lang, dass sie ihm immer bis über die Nase fallen, wenn er sie nicht aus seinem Gesicht streicht. Er beschwert sich ständig darüber, dass sie ihn kitzeln. Wenn ich ihm aber vorschlage, das Haar einfach abzuschneiden, sieht er mich kritisch an und fragt, ob er mir dann immer noch gefalle. Und diese Frage muss ich leider verneinen, denn sein Haarschnitt ist wirklich süß. Noch süßer ist es, wenn er wegen seiner kitzelnden Haare niesen muss und sich die dunklen Strähnen mit einer wütenden Handbewegung aus dem Gesicht fegt. Jan ist sechzehn, ein Jahr älter als ich. Über seine gerade, wohlgeformte Nase und seine markanten, hohen Wangenknochen zieht sich eine glatte, milchkaffeefarbene Haut. Das liegt nicht allein daran, dass sich Jans reiche Eltern luxuriöse Urlaube irgendwo im Süden leisten können, sondern auch daran, dass seine Großeltern aus Griechenland kommen, wo jeder diese dunklere Hautfarbe hat. Dass er ziemlich erfolgreich Basketball spielt und deshalb regelmäßig trainiert, sieht man ihm an, vor allem, wenn er mal wieder mit meinem Bruder Armdrücken macht und seine Muskeln dabei deutlich hervortreten.

Tja, ich glaube, all diese Tatsachen verzaubern mich. Jans Aussehen, sein Charme und seine Freundlichkeit, die Tatsache, dass mein Cheerleaderverein für seine Basketballmannschaft herumhüpft, das Gefühl, dass er mich mindestens so sehr mag wie ich ihn, und natürlich das Wissen, dass er in der Schule ebenso beliebt ist wie ich. Um ehrlich zu sein, so blöd das klingt ... ich weiß, dass der Gedanke daran, dass sich mein Ansehen in der Schule noch deutlich vergrößert, weil ich einen so beliebten Jungen als Freund habe, meine Zuneigung zu ihm fördert. Obwohl ich das natürlich niemals zugeben würde, nicht einmal vor mir selbst.

Ich schließe vorsichtig die Tür meines Kleiderschrankes, trete in den leicht bläulich schimmernden Raum, wende mich um und betrachte kritisch mein Spiegelbild. Ich bin für meine fünfzehn Jahre eher schmächtig gebaut, etwas zierlicher. Allerdings stört mich das herzlich wenig, ich falle trotz meiner geringen Größe genug auf.

„Resa“, ruft meine Mutter, aber ich sperre die Geräusche von unten und von überall sonst einfach aus. Sie sind mir gerade total egal. Für mich zählen im Moment nur mein Spiegelbild und das neue langärmlige T-Shirt, das ich mir erst heute gekauft habe.

Resa – so werde ich von allen genannt, ich habe auch nichts dagegen. Es weiß kaum jemand, dass mein richtiger Name Theresa ist. Die meisten kennen mich nur unter meinem Spitznamen. Selbst meine Eltern stellen mich mit „Resa von Schwarzberg“ vor. Von Schwarzberg – das ist kein schlechter Name. Andere Leute haben solche langweiligen wie Müller. Wenn man etwas mehr Aufsehen erregen will, ist ein solch gewöhnlicher Name eindeutig ungeeignet.

Ich lege die Stirn in Falten und betrachte mit zusammengekniffenen Augen mein Spiegelbild. Ich bin dunkelblond, wobei das Gold darin überwiegt, und meine Haare glänzen in der Sonne wie der Rahmen des Spiegels. Wenn ich mir meine fast hüftlange, volle Mähne aus dem Gesicht streiche, fällt sie mir in weiten, schweren Wellen über die Schultern, und wenn ich sie mit einem Haargummi zusammenfassen will, kann ich dieses nur dreimal um den Pferdeschwanz schlingen und nicht fünfmal wie andere Leute.

Meine Stirn hat dieselbe glatte Haut wie meine gerade Nase und meine hohen Wangenknochen. Dass ich meine Sommerurlaube in der Karibik oder auf Hawaii verbringe, merkt man nicht nur daran, dass ich den genauen Farbton des Pazifiks kenne, sondern auch an meiner Bräune. Wenn ich mein Spiegelbild betrachte, habe ich fast das Gefühl, eine dunkelhäutige Südländerin darin zu sehen, die ihre Haare blond gefärbt hat, und meine strahlend klaren grünen Augen wirken wie zwei funkelnde Edelsteine in meinem Gesicht.

Der Ausschnitt meines neuen Shirts unter meinem schlanken Hals ist so tief, dass man eigentlich fast ohne Bemühungen geradewegs hineinblicken kann. Meine Freundinnen ziehen mich stets damit auf, dass es sich „lohnen“ würde, aber ich finde ihre Sticheleien, um ehrlich zu sein, ziemlich peinlich. Ich werde bei diesen Kommentaren selbst unter meiner dunkel gebräunten Haut rot.

Ich bin wirklich ziemlich schlank und zierlich, fast dürr, aber natürlich finde ich, dass ich auf gar keinen Fall mehr dicker werden darf. Meine Beine sind sehr grazil und lang. Alles an mir ist dünn und alles scheint auf eine Karriere als Topmodel ausgerichtet zu sein, denn ich bin wirklich hübsch, das kann man beim besten Willen nicht bestreiten ...

Meinem Spiegelbild kann man natürlich ansehen, dass sich meine Eltern teure Kleidung und ebenfalls teure Urlaube leisten können. Dass ich mir nichts sagen lasse, kann man an einem energischen, selbstsicheren Funkeln in den Augen erkennen. Ich habe meinen Blick immer auf mein Ziel gerichtet, Schlenker in irgendeine andere Richtung gibt es bei mir gar nicht. Ich mache immer nur das, was ich machen will, und interessiere mich nur für meine eigenen Dinge. Angelegenheiten anderer Leute gehen mich rein gar nichts an. Ich tue das, was mir gefällt, was ich für richtig halte, was ich will – was andere wollen, ist mir egal.

Alle Dinge, die ich tue, halte ich für richtig und das Wort „Fehler“ kenne ich nur vom Hörensagen. Vielleicht gebe ich meine Fehler einfach nicht zu und vergesse sie darum bald, genauso wie Schuldgefühle und Ähnliches, oder ich sehe sie schlichtweg nicht. Wenn mich jemand darauf aufmerksam machen will, dass ich gerade unhöflich bin, ignoriere ich ihn. Allerdings bin ich sehr nachtragend und rede oft wochenlang nicht mehr mit Leuten, die mich irgendwie geärgert haben.

Ja, ich bin mein ganzes Leben in dem Glauben aufgewachsen, dass alles, was ich tue, absolut korrekt ist, selbst wenn ich jemandem Schaden zufüge. Wenn ich jemandem wehtue, glaube ich sogar, dass das total in Ordnung wäre, denn ich bin ja deutlich wichtiger als diese blöde Person, die ich verletzt habe.

Ich bin unglaublich selbstsüchtig, mein Ego ist um einiges größer als alles andere in meinem Leben. Ich denke ausschließlich an mich selbst, an meine Zukunft, an mein Image, an mein Geld. Ich beachte stets nur meine Sachen und ich sehe immer nur, was ich sehen will. Für Armut und das Leid anderer bin ich vollkommen blind. Für mich zähle nur ich selbst.

„Resa!“ Es klopft an meiner Zimmertür und meine Mutter klingt wirklich böse. Anscheinend hat sie mich schon mehrere Male gerufen und ich habe einfach nichts mitbekommen. Das ist nicht selten der Fall. Wenn ich mit meinen Klamotten beschäftigt bin, bekomme ich rein gar nichts mit.

„Ja, Mama! Ich komme gleich!“ Ich stöhne innerlich auf. Weshalb hat es meine Mutter immer so eilig? Okay, sie will nicht, dass ihr Essen kalt wird, das verstehe ich. Nur wieso muss sie immer so eine Hektik verbreiten?

„Resa! Ich habe keine Zeit mehr, das Essen ist innerhalb von zehn Minuten ausgekühlt und bis dahin muss ich dich noch etwas fragen.“ Meine Mutter klingt jetzt wie eine Bombe, die kurz davor steht, in die Luft zu gehen, aber das wundert mich nicht sonderlich. Auch das kommt nicht selten vor.

Ich stöhne wieder leise auf, ziehe eilig das neue Shirt aus und streife ein anderes über den Kopf. Dann überprüfe ich geschwind, ob meine Schminke nicht verwischt ist, und verlasse danach eilig meinen Kleiderschrank, um meiner Mutter die Tür zu öffnen. Sie schäumt schon vor Wut und ihr sonst so hübsches Gesicht ist zu einer wütenden Grimasse verzogen.

Doch ich schenke ihr das Lächeln, bei dem die Jungs schwach wurden, und wende mich der Treppe zu.

Zu meinem Leidwesen bin ich kein Einzelkind. So etwas wie Geschwisterliebe will ich nicht kennen, genauso wenig wie mein Bruder. Es mag ja Geschwister geben, bei denen sie vorkommt, aber für uns war sie ein absolutes Fremdwort. Mein Bruder Mike und ich streiten nicht, nein, streiten war eine Sache der „niederen Schicht“, wir ignorieren uns weitgehend. Wenn wir miteinander sprechen, dann nur mit einem spöttischen Tonfall in der Stimme. Aber tief, ganz tief in mir drin, da mag ich Mike, auch wenn ich das selbst nicht wahrhaben will. Ich glaube, ich hasse meinen Bruder bloß, weil ich es selbst will. Ich will die Gute in einer Heldengeschichte sein, und für eine Heldengeschichte mit einer guten Prinzessin braucht man natürlich noch einen bösen Drachen und diese Rolle habe ich einfach Mike zugedacht und passend für ihn geformt.

Und deshalb kennen alle Leute, mit denen ich mehr als zwei Sätze spreche, Mike nur als bösen, gehässigen Bruder, der auf all das neidisch ist, was ich habe. Nur meine Freundinnen und die Leute, die ihn persönlich kennen – mein Bruder geht auf eine andere Schule, ihm gefällt die meine nicht –, glauben mir nicht und die meisten Mädchen, denen er über den Weg läuft, himmeln ihn an. Mike ist eineinhalb Jahre älter als ich und eine Klasse über mir. Er geht in dieselbe Klasse wie Jan. Die beiden sind ziemlich gute Freunde, auch wenn Mike sich mittlerweile ständig darüber beschwert, dass Jan, wenn er da ist, mehr Zeit mit mir verbringt als mit ihm. Bei mir stößt er da auf taube Ohren und Jan scheint das nicht weiter zu stören. Die beiden spielen zusammen Basketball, beide ziemlich erfolgreich, was ich natürlich nie eingestehen würde, schließlich ist Mike mein böser Drache.

„Oh, auch schon da?“ Mike wirft mir zur Begrüßung einen spöttischen Blick zu, aber daran bin ich gewöhnt.

„Ja, ausnahmsweise bist du nicht der Letzte.“ Das Lächeln, mit dem ich Mike auf seinen bösen Kommentar antworte, ist eiskalt. Es ist so kalt wie der schneidende Wind der Antarktis, und dieser bläst Mike sein spöttisches Lächeln aus dem Gesicht. Doch ihm bleibt keinerlei Zeit zu einer Erwiderung, denn meine Mutter trägt das Essen auf den Tisch und mein Vater wirft mir und Mike einen mahnenden Blick zu.

Für den Rest des Tages ist das unsere letzte Konfrontation, so kann ich den ganzen Nachmittag darauf verwenden, mich mit mir selbst und meinen schicken Klamotten zu befassen.

Dass dies vorläufig das letzte Mal sein würde, kann ich ja nicht wissen ...

*

Der Tag, an dem sich alles ändert

Ich werfe einen Blick auf meinen Wecker. Es wird Zeit, dass ich aus dem Bett komme. Die Schule beginnt zwar erst in eineinhalb Stunden beginnen und wie jeden Morgen wird mich mein Vater dorthin fahren, aber ich brauche immer Ewigkeiten, um mich fertig zu machen, all meine Klamotten anzuziehen und die vollständigen drei Kilogramm Schminke aufzutragen – okay, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber das ganze Make-up, das ich mir ins Gesicht schmiere, ist wirklich viel!

„Resa!“, ruft meine Mutter durch die geschlossene Zimmertür. „Du musst jetzt aufstehen!“ Ja, jetzt wird es wirklich Zeit, dass ich aus den Federn komme, denn wenn meine Mutter nach mir rufen muss, bedeutet das, dass mit ihr nicht mehr zu spaßen ist. Sie hasst es nicht nur, einem Bescheid sagen zu müssen, wenn das Essen fertig ist, nein, sie mag es auch nicht, wenn man verschläft, Verabredungen verpasst oder zu spät zur Schule kommt.

Entschlossen schwinge ich meine Beine aus dem Bett, reibe mir noch den letzten Rest Schlafsand aus den Augen und verschwinde erst einmal ins Bad. Als ich mich einige Zeit später an den Frühstückstisch setze, stelle ich fest, dass ich einmal mehr die Letzte bin. Doch meine Familie ist das gewohnt und so lässt sich noch nicht einmal Mike zu einer Spöttelei hinreißen. Das Frühstück verläuft wie sonst, schweigsam, jeder starrt gedankenverloren auf seinen Teller, der mit einem Goldrand verziert ist, und niemand hält es ernsthaft für nötig, ein gepflegtes Tischgespräch zu führen.

Als wir im schicken, nagelneuen Audi meines Vaters sitzen und ich mich mit einem letzten Blick in den Spiegel vergewissere, dass meine Frisur anständig aussieht, beginne ich, mir wie jeden Morgen auf der Hinfahrt zur Schule auszumalen, was der heutige Tag wohl bringen wird.

Ich glaube, dieser Tag ist der erste, an dem nicht das passieren wird, was ich mir kurz zuvor im Auto vorgestellt habe. Wenn ich versuche, mir Dinge zu überlegen, stimmen die Gedanken mit den darauffolgenden Geschehnissen eigentlich immer überein. Eigentlich. Heute ist der erste Tag in meinem Leben, an dem etwas Unvorhersehbares passieren wird, ein unglaublicher Tag.

Als mein Vater mit einem kleinen Ruck seinen Audi anhält, stehen schon einige Schüler und Schülerinnen am Parkplatz und warten auf mich. Bevor ich aussteige und mir meinen neuen Rucksack auf den Rücken schwinge, setze ich mein freundlichstes Lächeln auf. Es ist mein Standardlächeln, hinter dem ich meine Gefühle perfekt verbergen kann. Niemand sieht wirklich, was in mir vorgeht, das merkt derjenige nur, wenn der Atem meiner Rache seine Wange streift, also wenn sein schlechter Ruf ihm schon vorauseilt. Außerdem ermöglicht es mir, auf jeden sofort freundlich und nett zu wirken, obwohl ich gerade mal „Hallo“ gesagt habe. Und mit einem Lächeln im Gesicht sehe ich eben noch eine Spur besser aus als ohnehin schon.

Mit einem Blick in die Runde stelle ich fest, dass der innerste Kreis meiner Clique vollständig versammelt ist: meine Freundinnen Nina, Ellie, Leonie und Sandra. „Resa, schön, dass du da bist!“, werde ich wie jeden Morgen stürmisch begrüßt.

Trotzdem merke ich, dass etwas nicht so ist wie sonst. Das hängt nicht mit der Begrüßung zusammen, sondern mit den Gesichtern, die meine Freundinnen hinter der Routine verbergen wollen. Ich habe zwar nicht sonderlich viel Ahnung von den Stimmungen anderer, aber ich kenne Nina, Ellie, Leonie und Sandra mittlerweile gut genug, um zu sehen, dass etwas nicht in Ordnung ist und sie es mir nicht sagen wollen. Und dann ist da noch dieses miese, gemeine, zwickende Gefühl in meiner Magengegend.

Das Lächeln verschwindet von meinem Gesicht wie ein Bild, das man von der Tafel wischt. Stattdessen macht sich ein forschender Ausdruck darin breit. Er ist so kalt, dass mir ein Schauer den Rücken hinunterläuft, als meine Mundwinkel in ihre natürliche Position hinuntersinken. „Was ist hier los?“

Auch das Strahlen meiner Klassenkameraden verschwindet mit einem Schlag. Das liegt allerdings weniger an meinen Worten, weder an deren Schärfe und Kälte noch an deren Bedeutung, sondern vielmehr an der Tatsache, dass ich nicht lächele. Außerdem werden die Mädchen totenstill. Es ist, als wären wir auf einem Friedhof, und passend dazu senken sie nun auch betreten ihre Köpfe. Wie Marionetten, deren Puppenspieler die Hände abgeschlagen wurden.

Mein forschender Blick schweift über die Reihen der Schüler, allesamt stehen sie da, still, totenstill, mit gesenktem Kopf, hochgezogenen Schultern, den Blick fest auf die Schuhe gerichtet. Ich kann nur noch ihre Scheitel sehen und die Sandhügel, die sie verlegen mit den Füßen aufhäufen. Es ist unübersehbar, dass sie etwas wissen, das ich nicht weiß. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich und plötzlich wünsche ich mir, ich hätte nichts gefrühstückt. Die Banane und der fettarme Joghurt in meinem Magen beginnen, sich zusammenzuziehen, und mein Blut scheint in meine Beine zu sickern. Für einen Moment ist mein Gehirn wie leer gefegt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was passiert ist, dass meine Clique so verlegen und unsicher wirkt.

Ellie hebt schließlich den Blick und sieht mir direkt in die Augen. Dieser Blick ist besorgt und resigniert. Sie weiß, dass das, was sie so erschreckt hat, mir ebenso zusetzen wird. „Ich zeige es dir.“ Ihre Stimme ist leise, brüchig. Doch dann wendet sie sich noch einmal zu mir um. „Es ... es wird dir nicht gefallen“, murmelt sie noch.

Ich folge ihr über den Parkplatz, der Ring um meine Brust wird enger bei dem Gedanken an Ellies Blick. Meine Freundin führt mich auf das blau gestrichene Schulgebäude zu, dann weicht sie ein wenig vom eigentlichen Weg ab. Ihr ausgestreckter Arm weist auf ein riesiges Plakat, das jemand mit Kabelbindern am Zaun, der die ganze Schule umgibt, befestigt hat. Mir sticht sofort etwas ins Auge. „Gleichheit“ ist das Wort, das mich so aus der Fassung bringt.

„Siehst du?“ Ellie schaut mich an. „Jetzt fängt es auch bei uns an!“

Ich nicke, ich bin immer noch sprachlos. Gleichheit ist eines der Dinge, für die ich am wenigsten übrig habe. Ich höre oft, wie Leute, die offenbar nichts Besseres zu tun haben, irgendwelche Protestaktionen starten, Banken blockieren oder auf Parkplätzen übernachten, bloß wegen ein paar armer Schlucker, die man nicht noch ärmer machen darf.

Ich unterdrücke ein Würgen und beginne, das Plakat zu lesen. In roten Lettern auf einem grünen Hintergrund schreit es: „Wegen der Gleichheit aller Schülerinnen und Schüler wird Schulkleidung eingeführt!“ Daneben hängt ein Foto von einem sehr tristen, hässlichen Poloshirt und es dauert einen Moment, bis mir klar wird, dass ich dieses blaue ... Ding wohl für den Rest meines Lebens in der Schule anziehen muss. Unter dem Foto steht in kleineren blauen Buchstaben: „Nähere Informationen zur eingeführten Kleiderordnung wird die Schulleitung bald geben.“

Ich sehe überhaupt nicht ein, dass eine solche Entscheidung manchmal durchaus Sinn ergibt, sondern höre weg, wenn jemand versucht, mir den Zweck der Gleichheit zu erklären. Auf einer Schule zu sein, die für so ein Gehabe nichts übrig hat, machte mich immer sehr froh, aber heute scheint der Tag zu sein, an dem sich dies ändert ... Dass es andere Schulen in Deutschland gibt, die die einheitliche Kleidung einführen wollen oder es bereits getan haben, das habe ich schon gehört, aber es hat mich nicht interessiert. Dass das nun aber auf meine Schule überschwappen soll, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.

„Was sollen wir jetzt machen?“ Fragend sieht Ellie mich an.

Zum ersten Mal im Leben weiß ich keine Antwort, und das aus zwei Gründen. Erstens, weil mir vor Schreck meine Schlagfertigkeit abhandengekommen ist. Zweitens weiß ich zwar nicht wirklich auf alles eine Antwort, aber sonst kann ich zumindest einen coolen Kommentar dazu abgeben. Nur heute, heute bleibt Ellies Frage in der Luft stehen.

Meine anderen Klassenkameraden kommen langsam nach, alle mit eingezogenen Köpfen, den Blick fest auf den Boden gerichtet, als fühlten sie sich für dieses Plakat verantwortlich, und im Moment denke ich auch, dass nicht der Anbringer dieses Plakats die Schuld an meiner Ratlosigkeit trägt, sondern meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Die meisten anderen Kids werden unter meinem Blick immer kleiner, ihr Hals wird zwischen ihren Schultern immer kürzer, die Schultern wandern nach oben und der Blick wird schuldbewusster.

„Ich glaube, wir sollten aufgeben, wir schaffen es ja doch nicht, diesen Quatsch aufzuhalten“, murmelt Nina.

Ich starre sie an, als hätte sie ihren Verstand verloren, und in diesem Moment denke ich das auch. Und dann sehe ich das Plakat wieder an, denke daran, wie unsere Schule mal gewesen ist und dass es wohl Dinge gibt, die sich nicht aufhalten lassen. Das sind die Momente, in denen man sich einfach in seiner Villa verstecken, die Rollläden zuziehen und niemandem die Tür öffnen will. Aber auch das würde nicht funktionieren. Mir fällt wieder ein, dass Nina normalerweise nicht aufgibt, sie ist eine entschlossenere Person als alle anderen, die ich kenne. Und dennoch hat sie es getan. Sie hat aufgegeben.

Eigentlich hätte ich hoffnungslos, niedergeschlagen sein müssen, weil wir beschlossen haben, uns nicht dagegen zu wehren, dass wir in Zukunft alle in derselben Trauerkleidung in die Schule gehen werden. Stattdessen werde ich wütend. Meine Hände krampfen sich in meinen Hosentaschen zusammen und hinterlassen Spuren auf meinen Oberschenkeln. Meine Augen habe ich so fest zusammengekniffen, dass ich kaum etwas sehen kann. Und trotz meiner Wut spuken die Gedanken in meinem Hinterkopf herum, die Gedanken der Hoffnungslosigkeit, die wohl kommen werden, wenn meine Wut verraucht ist. Ich habe niemals erwartet, dass Nina je aufgeben würde. Und doch ist der Tag gekommen, der Tag, an dem sich zumindest das ändert ...

„Also, heute wollen wir uns noch einmal mit der möglichst gleichmäßigen Verteilung des Geldes innerhalb und zwischen Industrie- und Entwicklungsländern beschäftigen.“

„So? Wollen wir das?“, denke ich bloß.

Tja, so beginnt unsere Erdkundelehrerin die sechste Stunde und die Wut, die sich seit dem Morgen etwas abgeschwächt hat, beginnt wieder, in mir zu brodeln. Und tatsächlich setzt sich unsere Lehrerin intensiv mit den globalen Folgen der ungleichmäßigen Verteilung des Geldes auseinander, während meine Augen schmaler und schmaler werden. Ich kann noch nicht einmal mein alltägliches Lächeln aufsetzen, ich empfinde nur blanke Wut. Wut auf die Lehrerin, die uns das eingebrockt hat, Wut auf die Politiker oder wer eben sonst die Lehrpläne schreibt und dafür verantwortlich ist, dass wir nun in Zukunft in Trauerkluft in die Schule kommen werden. Ich kann und will das alles nicht verstehen, aber mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als mich damit zu arrangieren. Doch bis ich mich damit abgefunden habe, wird diese Wut wohl jeden armen Menschen treffen, der mir über den Weg läuft.

Mein Zorn umgibt mich, wie die Atmosphäre die Erde umgibt. Er knistert in der Luft und tritt in elektrischen Blitzen zutage, zumindest erscheint es mir so. Er schmeckt wie heißes Feuer auf der Zunge und riecht verkokelt. Ich labe mich an dieser Wut, sie erfüllt mich mit der Befriedigung, dass, obwohl ich aufgegeben habe, sie alle Schuldigen irgendwann treffen wird. Und das nicht bloß wegen der Sache mit der Schulkleidung, sondern wann immer jemand mir etwas einbrocken wird, das überhaupt nicht meiner Meinung entspricht, wird meine Wut ihn treffen und ... na ja, er wird sich wünschen, es nicht getan zu haben. Ein Brennen macht sich auf meiner Haut breit. Es ist wie das Lodern von Feuer, von brennender Wut.

Meine Erdkundelehrerin sagt gerade: „Es ist unheimlich, wirklich unheimlich wichtig, dass wir uns um die gleichmäßige Verteilung des Geldes kümmern, denn das ist überlebenswichtig für viele von uns ...“

Niemals habe ich geglaubt, dass sich meine Erdkundelehrerin Frau Vender jemals auf die Seite dieser Gleichheitsfanatiker stellt, der Leute, die für diese Schulkleidung verantwortlich sind. Frau Vender trägt nur teure Markenkleidung und wahrscheinlich werden auch die Lehrer auf irgendeine Weise dieser neuen Kleidungsordnung unterworfen werden. Von diesem Kram, über den sie gerade redet, habe ich ja letztlich keine Ahnung, aber ich glaube zu verstehen, dass wir auf einmal den armen Leuten unser Geld abgeben sollen. Wir, die wir hart dafür gearbeitet haben, sollen das, was wir uns verdient haben, abgeben? Das dürfte Frau Vender doch genauso wenig passen wie mir.

„Resa, kann ich kurz mit dir über etwas sprechen?“ Die Stimme meiner Erdkundelehrerin hat etwas Einfühlsames an sich, sie klingt verständnisvoll, warm und freundlich.

Ich will schon genervt aufseufzen, doch ich halte mich zurück. Ich schaffe es sogar, mein Lächeln aufzusetzen, von dem ich geglaubt habe, dass ich es verloren hätte. „Worum geht es denn?“ Aber ich schaffe es nicht, den schleimigen Tonfall, den ich normalerweise benutze, zu treffen.

„Ich mache mir Sorgen um dich“, erklärt mir Frau Vender. Ich setze ein unwissendes Gesicht auf, als wüsste ich tatsächlich nicht, was sie meint. „Es geht darum, dass du dich heute gar nicht am Unterricht beteiligt hast, wie du es sonst tust.“ Der Blick von Frau Vender ist ernsthaft besorgt.

„Oh!“ Ich klinge zwar überrascht, bin es aber nicht. Ich weiß selbst, dass meine mündliche Mitarbeit in dieser Stunde wirklich zu wünschen übrig gelassen hat. Allerdings stört mich das herzlich wenig, ich habe einfach keinen Bock, mich mit Gleichheit und so weiter auseinanderzusetzen.

„Was war denn los? Geht es dir nicht gut? Bist du krank? Möchtest du nach Hause gehen? Oder stimmt etwas mit deinen Freundinnen nicht? Hast du vielleicht Liebeskummer? Du kannst wirklich gern mit mir darüber reden, dazu sind wir Lehrer schließlich da.“ Frau Vender überschüttet mich geradezu mit Fragen, nicht nur mit denen, die aus ihrem Mund herausgesprudelt kommen, auch mit der einen unausgesprochenen in ihrem Blick und ihrer Gestik: „Resa von Schwarzberg, was ist mit dir los?“

Allerdings lässt mich diese Fragerei vollkommen kalt. Ich denke noch nicht einmal im Traum daran, mit meiner Lehrerin darüber zu reden, ob ich mit jemandem ein Problem habe. Normalerweise schreie ich ja niemanden an, ich verbreite nur hinter seinem Rücken die übelsten Gerüchte, aber wenn man mich so herausfordert wie jetzt Frau Vender, tut es mir leid, dann werde ich sie eben doch anschreien.

„Sie wollen also wissen, was mich bedrückt?“, frage ich mit hochgezogenen Brauen. Ich will, dass meine Erdkundelehrerin ein wenig vorgewarnt ist, wenn ich sie gleich anbrüllen werde.

„Sicher ... Aber natürlich nur, wenn du das möchtest ...“

„Nun gut.“ Meine Stimme wird gefährlich ruhig. „Die Antwort ist, dass ich keine Nerven für solch miserablen Unterricht habe.“

„Wie, du meinst, dass ich meinen Unterricht schlecht mache, weil ich zu streng bin?“ Frau Vender scheint wirklich schockiert zu sein. Mit so einer Antwort hat sie einfach nicht gerechnet.

„Nein“, zische ich so energisch und impulsiv, dass einige Tropfen Spucke durch die Luft fliegen, was mir an jedem anderen Tag furchtbar peinlich gewesen wäre, aber, wie ich schon erwähnt habe, heute ist einfach alles anders ...

„Und was ist es dann?“, fragt meine Erdkundelehrerin. Sie klingt unsicher, was wahrscheinlich an der geballten Ablehnung liegt, die mein Spucken ausgedrückt hat.

„Ich hasse dieses Gleichheitstheater“, keife ich, drehe mich um und stolziere davon.

Frau Vender bleibt noch eine Zeit lang stehen und sieht mir kopfschüttelnd nach. Ihr verständnisloser Blick brennt Löcher in meine schicke, neue Bluse. Ich weiß auch, weshalb sie mir so erschrocken nachsieht. Sie kann es einfach nicht fassen, dass ich mich gegen sie gestellt habe und so respektlos mit ihr umgegangen bin. Sie hat nicht gedacht, dass sie jemals erleben würde, wie ich, die größte Schleimerin überhaupt, die Dreistigkeit besitze, ihr so ins Gesicht zu keifen. Sie hat wirklich nicht gedacht, dass dieser Tag mal kommen würde, dass der Tag mal kommen würde, an dem sich alles ändert ...

***

Die alte Frau sitzt in ihrem Wohnzimmer und spielt nervös mit ihren Händen herum. Sie fragt sich, ob sie wirklich bereit dazu ist, all diese Dinge zu erfahren. Wie soll sie es ihr nur sagen? Sie weiß es einfach nicht, und Luke und Luna fragen, das geht ja nun nicht mehr, das würde nur sie tun können. Soll sie ihn ihr also tatsächlich geben? Ist ihre Enkelin wirklich bereit dazu, diese andere Welt kennenzulernen, die Wahrheit kennenzulernen? Die Wahrheit, die einen tatsächlich umwirft.

Außerdem, was ist, wenn sie sich geirrt hat, wenn sie doch die Falsche ist, wenn doch jemand anderes diese überaus große und mit Strapazen angefüllte Reise antreten sollte? Gedankenverloren streicht die alte Frau über die beiden parallelen Narben auf dem Handrücken und ihr Blick wandert zu den beiden Wasserflecken auf ihrem Fußboden.

*

Großmutter

„Mama, muss das sein?“ Es ist der Nachmittag des Tages, an dem irgendwie alles ganz falsch gelaufen ist, und ich sitze mit meiner Mutter und unserem Fahrer im Auto. Wir sind auf dem Weg zu meiner Oma ... äh, Pardon, Großmutter.

„Ja, Schätzchen, das muss sein! Wir haben meine Mutter jetzt schon zwei Wochen nicht gesehen“, entgegnet Mama entschieden.

„Und weshalb können wir nicht einfach shoppen gehen oder so? Das ist viel interessanter ... und außerdem ...“

Meine Mutter unterbricht mich: „Aber du gehst praktisch jeden Tag shoppen, und dass wir meine Mutter besuchen, kommt wirklich deutlich seltener vor, und jetzt hat sich Fernando ja auch noch Zeit genommen.“ Fernando ist unser Fahrer, obwohl das eigentlich bloß sein „Künstlername“ ist.

„Aber wir können doch einfach in einen anderen Stadtteil von Berlin gehen, um da zu shoppen, und da kann uns Fernando ja hinbringen ...“

„Ich weiß nicht, warum ich mich vor meiner eigenen Tochter rechtfertigen muss!“ Die Stimme meiner Mutter ist schneidend und kalt. Hätte ich ein bisschen genauer auf ihren Tonfall geachtet, hätte ich Mama nicht einfach so widersprochen.

„Aber es war schon in der Schule so bescheuert und da muss der Tag doch nicht genauso bescheuert weitergehen!“

„Fernando, Sie müssen jetzt links abbiegen, Sie könnten doch einfach Ihr Navigationsgerät einschalten, dann muss ich nicht das Ihre spielen.“ Das ist die einzige Antwort, die mir Mama auf meinen Einwand hin gibt.

„Aber Frau von Schwarzberg ... Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass das alte Navigationsgerät kaputtgegangen ist und ich bis jetzt noch keine Zeit hatte, ein neues zu kaufen.“ So führen meine Mutter und Fernando ein mehr oder weniger hitziges Gespräch über das Navigationsgerät, das aus recht unerfindlichen Gründen nicht mehr funktioniert, während ich nur auf meinem Rücksitz vor mich hin gammele.

Meine Oma heißt Jasmin von Schwarzberg. Sie ist die Mutter meiner Mutter, und seltsamerweise hat meine Mama sich meinem Vater gegenüber durchgesetzt und er hat ihren Namen angenommen. Jasmin von Schwarzberg gilt als wunderliche Frau, die mit dreiunddreißig plötzlich auf unerklärliche Weise verschwunden ist, und als sie zurückkehrte, hat sie ihren Mann verlassen und sich bloß noch zwangsweise um ihre Tochter gekümmert. Angeblich soll sie vor diesem Verschwinden sehr auf ihr Äußeres bedacht gewesen sein, immer viel Geld in der Tasche gehabt und so wie wir mitten in Berlin gewohnt haben. Auch sonst soll sie mir und meiner Mutter sehr geähnelt haben. Das sagt sogar meine Mutter, aber nach diesem Verschwinden soll alles anders geworden sein. Plötzlich hat sich meine Oma für Naturschutzgebiete, Umweltschutz und soziale Probleme interessiert, was sie sehr zu meinem Leidwesen noch immer tut, und ihr Geld an gemeinnützige Organisationen gespendet, und zwar nicht, weil es angesagt ist, sondern weil sie helfen will. Alles soll anders gewesen sein und das Seltsamste ist, dass sie angeblich nicht sagen kann, wo sie gewesen und wie sie verschwunden ist, genauso wenig, wie sie sagen kann, wie sie wieder zurückgekehrt ist. All diese Dinge sind große, vollkommen im Schatten liegende Geheimnisse.

Ob ich das glaube?

Nun, Fakt ist, dass meine Oma – ’tschuldigung, Großmutter – vor ihrem Verschwinden tatsächlich so gedacht hat wie wir und dass niemand weiß, wo sie gewesen ist. Die Gerüchte, dass sie durch ein Double ersetzt worden oder gestorben und wieder auferstanden sei, bezweifele ich, aber leider ist meine Großmutter eine sehr wunderliche, alte Frau und ich bange um ihren Verstand.

Ich setze, wie immer wenn wir bei meiner Großmutter sind, mein undurchsichtiges, gekonntes Lächeln auf, allerdings verrutscht es mir ein wenig. Ich bin mir sicher, dass meine Großmutter dies überhaupt nicht wahrnehmen wird, schließlich ist sie eine verrückte, alte Frau. Allerdings scheint zumindest für einige Augenblicke doch alles zu sein wie sonst. Natürlich habe ich nicht vergessen, was in der Schule passiert ist, aber es ist in den Hintergrund meines Denkens gerutscht und ich will mich auf das konzentrieren, was vor mir liegt: ein aufregender und vielleicht auch ein wenig verrückter Nachmittag bei meiner Großmutter, bei der ich mir hundertprozentig sicher bin, dass sie eine Schraube locker hat.

Fernando öffnet meine Tür, lächelt mir freundlich zu und sagt ein wenig scherzhaft: „Wenn die Dame nun aussteigen wolle!“

„Kommst du, Resa?“, ruft meine Mutter. Sie steht bereits auf der kleinen Treppenstufe des Landhäuschens meiner Großmutter und beugt sich vor, um diese – sehr förmlich – auf beide Wangen zu küssen. „Der Kaffee wird kalt!“ Ich hasse es, wenn meine Mutter so tut, als wäre ich schwer von Begriff, und ich ärgere mich auch über mich selbst, dass ich so lange in Gedanken war und nicht ausgestiegen bin.

Ich schiebe mit einem Ruck die Beine aus dem Auto, und als ich vor der Treppenstufe stehe, höre ich Fernando mit dem Auto wegfahren. Ich mache mir nicht mehr die Mühe, mich umzudrehen. Stattdessen trete ich auf meine Großmutter zu und umarme diese. Ich finde, ich könnte sie wirklich Oma nennen, aber das darf ich ja nicht und meine Mutter nimmt alles sehr ernst, wenn es darum geht, die Wünsche meiner Großmutter zu erfüllen. Anscheinend denkt sie, meine Großmutter wird so vielleicht wieder ihren Verstand zurückerlangen.

Als sich meine Oma – sorry, Großmutter – aus meiner Umarmung befreit, die sehr steif gewesen ist, beugt sie sich vor und sieht mir prüfend in die Augen. Dann murmelt sie so leise, dass außer ihr selbst nur ich es hören kann: „Kind, Hass ist nicht gut, er lässt uns eigennützig und unüberlegt handeln.“

Was habe ich über den Geisteszustand meiner Großmutter gesagt?

„Möchtest du noch Kaffee, Malena?“ Die Frage meiner Großmutter ist an Mama gerichtet, die daraufhin den Kopf schüttelt und freundlich erwidert: „Nein, danke.“

„Wirklich nicht?“, hakt sie nach.

„Nein wirklich nicht. Weißt du, ich mache gerade zwar keine Diät, dennoch ich muss auf meine Figur achten und da kann ich nicht Milchkaffee en masse in mich hineinschütten. Das sieht man in drei Tagen sofort.“

„Aber er muss weg“, entgegnet meine Großmutter sehr freundlich, die Augenbraue fragend nach oben gezogen. Doch danach fährt sie ebenso freundlich wie zuvor fort: „Wenn du nichts möchtest, nehme ich den Rest, oder möchtest du, Resa?“

„Nein, danke. Erstens nicht, weil ich keinen Kaffee mag, und zweitens, weil er meiner Figur ebenso schadet wie Mamas.“

Meine Großmutter zieht bei dieser Antwort überrascht die zweite Augenbraue nach oben. „Du machst dir Sorgen um deine Figur? Ich würde sagen, du bist zu dünn und nicht zu dick.“

„Ich habe auch nicht gesagt, dass ich zu dick bin, ich meinte nur, dass ich nicht zunehmen darf.“ Meine Stimme ist scharf und eiskalt.

„Also, ehrlich gesagt, Malena, ich finde, du solltest dir wirklich Sorgen um das Wohlbefinden deiner Tochter machen. Sie ist einfach zu dünn.“

Insgeheim denke ich: „Gut, dann muss ich mich nicht drum kümmern, darf Mama sich damit rumärgern.“

„Lass sie doch einfach, Jasmin. Es ist ihre eigene Sache, wir mischen uns schließlich auch nicht in deine Sachen ein.“ Meine Mutter klingt wie immer freundlich und höflich, aber auch energisch und distanziert. Ihrer Meinung nach ist das einer der besten Wege, etwas zu erreichen. Stets schön freundlich bleiben und hinter dieser Fassade schon mal schön Druck aufbauen, sodass dem Gegenüber gar nichts anderes übrig bleibt, als zuzustimmen.

„Natürlich ist es ihre Sache.“ Meine Großmutter scheint noch nicht mal am Rande das Gefühl zu haben, dass sie unter Druck steht. „Allerdings würde ich mir an deiner Stelle ernsthaft Sorgen um sie machen, und ich sage dir, wenn sie so weitermacht, wird sich das denkbar schlecht auf ihre Gesundheit auswirken, ich spreche aus Erfahrung.“

„Ja, das mag sein, und dennoch mache ich mir keine Sorgen um sie, weil ich ihr vertraue.“ Meine Mutter beißt sich ein wenig auf die Unterlippe, wie immer wenn sie wütend ist, aber sonst ist ihr nichts anzusehen. Man muss sie schon sehr gut kennen, um das zu sehen.

„Großmutter, weißt du, wie es deinen Geschwistern geht?“ Ich habe keinen Bock auf einen Streit zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter, und so einfach funktioniert die Ablenkung. Es klappt jedes Mal.

„Schätzchen?“

„Ja, Mama?“ Ich sehe meine Mutter fragend an.

Diese erhebt sich von ihrem Stuhl und sagt: „Weißt du, ich muss noch mal los, einige Dinge einkaufen, und ich kann dich dahin nicht mitnehmen, deshalb könntest du vielleicht hierbleiben. Natürlich nur, wenn das geht, Jasmin?“

Meine Mutter klingt schon so, als rechne sie fest mit Protest. Und den bekommt sie auch.

„Aber Mama, ich mag nicht hierbleiben!“, jammere ich mit dem Ton einer Sechsjährigen, die im Laden vor einer Barbiepuppe steht, die ihr keiner kaufen will.

„Aber ich kann dich nicht mitnehmen, Schätzchen!“ Meine Mutter fährt mir durch die blonden Haare – ich hasse das!

„Lass deine Finger aus meinen Haaren!“, schnauze ich schon fast automatisch.

„Also, von mir aus kann Resa gern dableiben“, mischt sich nun auch meine Großmutter mit ein. „Wir werden uns gut amüsieren, nicht wahr?“ Sie zwinkert mir lächelnd zu.

Jetzt will ich überhaupt nicht mehr dableiben, nicht, wenn sich meine Großmutter schon überlegt, was wir machen können. Jetzt bekomme ich richtig Angst. Vorhin ist es reine Bockigkeit gewesen, wegen der ich nicht habe herkommen wollen. Ich habe einfach keine Lust gehabt. Ich habe mich allerdings innerlich schon damit abgefunden dazubleiben, auf dem Sofa zu liegen, mit den Stöpseln meines nagelneuen iPods in den Ohren, doch nun habe ich richtige Angst!

„Mama, ich will aber nicht hierbleiben!“ Ich klinge geradezu weinerlich.

„Ach, Schätzchen!“ Meine Mutter fährt mir wieder durchs Haar, woraufhin ich mit meiner Gabel nach ihren Fingern schlage. „Ach, Schätzchen!“, seufzt meine Mutter noch ein zweites Mal. „Ich kann dich nicht mitnehmen, hier geht es um Geschäfte, die nur abgewickelt werden dürfen, wenn man zu zweit ist, sie gehen dich nichts an und du darfst nicht mitkommen.“

Es ist nicht zu überhören, dass ich ihr keinen Kompromiss abringen kann, trotzdem versuche ich es.

„Mama, kann mich nicht Fernando abholen?“, bettele ich.

Meine Mutter hat schon einen Widerspruch auf der Zunge liegen und hebt bereits an, mich streng zu ermahnen, wahrscheinlich gefolgt von einer Drohung, die sie wohl auch wahr machen wird, wenn ich jetzt nicht anständig bin.

„Resa, du hast es gehört, deine Mutter hat wichtige Geschäfte zu erledigen, bei denen du nicht dabei sein solltest. Bleib doch einfach hier. Das ist das Beste für alle Beteiligten.“

Mir steht der Mund offen! So ruhig und dennoch so entschieden habe ich meine Oma – Pardon, Großmutter – noch nie reden gehört. Das ist dermaßen entschlossen gewesen, dass ich es nicht wage, ihr auch nur ansatzweise zu widersprechen.

Meine Mutter nickt, steht nun endgültig auf, schultert ihre Umhängetasche und verabschiedet sich mit zwei Küsschen auf die faltigen Wangen bei meiner Großmutter und einer kurzen Umarmung bei mir.

Ich zucke zusammen, als die Tür mit einem Rums ins Schloss fällt. Ich habe Angst vor der alten Frau, die mich freundlich anlächelt. Mir kommt es vor, als wäre es das Lächeln einer Hexe, das heimtückische Grinsen einer Kannibalin, bevor sie ihr Opfer brutal verschlingt. Ich fürchte mich vor der Frau, die jetzt den letzten Schluck Kaffee aus der Tasse schlürft, diese dann abstellt und sich mit einem kurzen Ächzen von ihrem Stuhl erhebt. Ich erzittere vor der Frau, die nun auf mich zukommt, die Hände ausgestreckt, als wolle sie mich gleich damit schnappen, festhalten, zerdrücken, zerfleischen, kurz gesagt, qualvoll töten. In diesem Moment habe ich die schlimmsten Gedanken. Ich befürchte, meine Großmutter könnte für mich nun lebensbedrohlich werden, und in diesem Moment überlege ich wirklich, ob ich entweder mit dem Teller, der vor mir auf dem Tisch steht, das Fenster einschlagen oder mir einen Weg in den Flur und damit zu meinem Handy freikämpfen sollte, um die Polizei zu rufen.

„Bei dem, über das ich mit der reden will, handelt es sich um eine überaus ernste Sache.“ Das eröffnet mir meine Großmutter, als sie auf ihrem schäbigen, alten, wie ich finde, äußerst ekligen und dreckigen Sofa sitzt, die Beine übereinander geschlagen, den Blick direkt in meine Augen gerichtet, während ich noch mit mir selbst kämpfe. Ich will unbedingt hier raus, kann aber keinen Ausweg finden. „Es handelt sich hierbei um dein Talent und um deine Bestimmung, um das, was du dir zu deinem Lebensziel machen solltest, um das, was deinen Lebensweg leiten und bestimmen soll, immer wenn du an einer Weggabelung stehst.“ Ich sehe meine Großmutter an wie ein Auto. Was hat sie das denn zu interessieren? Schließlich hat sie schon immer eine ausgeprägte Abneigung Klamotten, dem Beliebtsein und dem Großstadtleben allgemein entgegengebracht, und das halte ich ja für meine Bestimmung und mein Talent.

Der Blick, mit dem sie mich mustert, wird intensiver. Er nimmt mich gefangen, zwingt mich, ihr zuzuhören, sie anzusehen, mich auf das zu konzentrieren, was sie mir sagt, obwohl ich noch fürchte, sie könnte tatsächlich zu der verrückten, Kinder fressenden Hexe werden, für die ich sie schon immer gehalten habe.

„Es geht hier um das, weswegen ich vor so vielen Jahren verschwunden bin“, fährt sie fort. Den Blick hat sie dabei zwar auf meine Stirn gerichtet, aber sie scheint nicht meine makellos faltenfreie Haut betrachten, sondern etwas, von dem ich keine Ahnung habe. „Ich kann dir nicht erklären, wo ich war ...“ Meine Großmutter klingt wehmütig, traurig, gepresst, so als würde es ihr Schmerzen bereiten, über diese überaus mysteriöse Sache zu sprechen. „Das darf ich niemandem erzählen ... Du brauchst dich nicht davor zu fürchten, wirklich nicht.“

Mir ist, als hätte sie meine Gedanken und Gefühle gelesen, meine Angst auf meine Stirn geschrieben gesehen.

„Ich war früher genauso wie du, stets darauf bedacht, total angesagt zu sein, immer auf der Suche nach dem bestaussehenden Jungen, ständig musste ich im Mittelpunkt stehen.“ Ihre Augen sind erneut abgeschweift. Ihr Blick klärt sich jedoch auch rasch wieder. „Doch das änderte sich, wie du ja siehst ...“ Sie weist mit einer Kopfbewegung zunächst auf sich selbst und dann auf den ganzen Raum, an dem man deutlich erkennen kann, dass sie sich nicht wirklich etwas aus den Dingen macht, die angesagt sind.

„Es änderte sich, als ich damals verschwand ...“ Sie klingt wehmütig, so als ob der Ort, an dem sie damals gewesen ist, ein schöner war. Dabei kann sie sich doch angeblich gar nicht daran erinnern. Doch ich wage es nicht, sie zu unterbrechen, in der Hoffnung, ihr Monolog halte sie davon ab, wieder verrückt zu werden.

Nun bohrt sich ihr trauriger Blick fest in meine Augen. „Resa, du bist eine würdige Erbin für das, was dieser Ort dir zeigen wird. Deine Mutter war es nicht. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich spüre, dass sie nicht dasselbe Talent hat wie du. Sie ist ... anders ...“

Jetzt hat sie wirklich den Verstand verloren! Wovon schwafelt sie da? Und was soll ich erben?

Ich habe schon den Mund geöffnet, um sie das zu fragen, als sie sich zu mir vorbeugt, meine Hand nimmt, sie öffnet – ich habe sie aus lauter Angst zu einer festen Faust geballt –, etwas hineinlegt und sie wieder schließt. Dann sieht sie mir in die Augen und ich bemerke zum ersten Mal, wie traurig diese sind. Aber ich mache mir nichts daraus, mir ist egal, ob sie traurig ist oder nicht, und ich will ihr das, was sie mir in die Hand gelegt hat, am liebsten gleich wieder zurückgeben, wenn nicht sogar ins Gesicht schleudern. Doch der Blick meiner Großmutter zwingt mich dazu, zu schweigen und mich nicht zu rühren. Ich weiß nicht, woran es liegt.

„Resa, ich kann dir nicht viel darüber sagen, worum es hier geht. Du musst es selbst herausfinden, so wie ich damals, nur dass es bei mir aus reinem Zufall geschah. Du sollst ein bisschen besser darauf vorbereitet sein, denn“, sie macht eine kurze Pause, „es handelt sich hierbei um etwas, das noch wichtiger ist als dein Leben ... oder zumindest wichtiger als dein Tod ...“

Also damit kann ich rein gar nichts anfangen. Wieso denn mein Tod? In meinem Herzen verstärkt sich wieder der Drang, meiner Großmutter die Augen auszukratzen. Ich will einfach nichts hören, das wichtiger ist als ich selbst. Und dennoch gehorche ich. Ich weiß selbst nicht, warum. Vielleicht ist es die Entschlossenheit, mit der sie spricht, vielleicht die Traurigkeit in ihren Augen, vielleicht die Leidenschaft in ihrer Stimme, als sie sagt: „Sieh dir an, was ich dir gegeben habe, und denk darüber nach.“

Ich öffne meine Faust und sehe eine kleine Spiegelscherbe.

***

Sie sieht aus dem Fenster in ihren Garten, so wie immer, wenn sie etwas bedrückt.

Es ist geschehen! Es ist passiert! Sie hat es tatsächlich getan! Ja, sie hat Resa wirklich die Spiegelscherbe gegeben!

Sie ist sich nicht sicher, ob sie darüber den Kopf schütteln oder das vollkommen in Ordnung finden soll. Doch es ist geschehen, es lässt sich nun nicht mehr ändern. Beinahe kann sie Lunas Stimme hören, wie sie dieselben Worte sagt. Aber hat sie recht? Kann sie es nun wirklich nicht mehr ändern? Und was ist mit ihr selbst? Hat sie das Richtige getan, indem sie ihrer Enkeltochter die Spiegelscherbe gegeben hat?

Die Antwort weiß einzig und allein die Zukunft.

Auch das hat sie Luna schon mehrfach sagen hören. „Du musst den Dingen vertrauen, und außerdem findet sogar ihr Menschen manchmal den richtigen Weg, manchmal entscheidet sogar euer Instinkt richtig!“

Aber ist es wirklich ihr Instinkt gewesen, der sie geleitet hat? Und wenn ja, ist es wirklich die richtige Entscheidung gewesen?

*

Die Scherbe

Auf der Rückfahrt im Auto schweige ich. Meine Mutter ist gekommen, direkt nachdem ich gesehen habe, was mir meine Großmutter zuvor gegeben hat.

Ich muss nachdenken – das kommt bei mir eigentlich nie vor.

Ich grübele über das, was mir meine Großmutter gesagt hat, darüber, was sie mir gegeben hat, aber eigentlich verstehe ich nur Bahnhof. Ich habe keine Ahnung, wie meine Oma einmal gewesen ist, was sie denkt. Ich weiß noch nicht einmal, was ihr Lieblingsfilm ist oder ob sie überhaupt Filme sieht. Das kann ich mir bei ihr irgendwie nicht richtig vorstellen. Über meine Großmutter weiß ich fast gar nichts, bloß wie sie heißt, dass sie um die achtzig Jahre alt ist, dass sie einen total anderen Geschmack und total andere Ansichten hat als ich und dass sie verrückt ist.

Meine Gedanken sind so wirr und durcheinander, dass ich für einen Moment glaube, dass die Dinge, die mir meine Großmutter gesagt hat, tatsächlich ernst zu nehmen sind und sie überhaupt nicht verrückt ist. Im nächsten Moment denke ich, ich wäre im Auto eingeschlafen und hätte dabei diesen merkwürdigen Traum gehabt. Dann meine ich, dass meine Großmutter komplett verrückt ist, so albern kommen mir ihre Worte nun vor. Ich weiß überhaupt und rein gar nichts, ich bin bloß verwirrt.

Gedankenverloren spiele ich mit der Spiegelscherbe in meinen Fingern. Sie schimmert silbrig und weiß, aber nicht, weil sie angelaufen ist, sondern weil das Metall hinter der Glasscheibe eine seltsame Farbe hat. Es ist nicht wie das von anderen Spiegeln. Die glatte Oberfläche glänzt in den letzten Strahlen der Abenddämmerung. Als ich vorsichtig mit dem linken Zeigefinger darüberfahre, ist mir, als würde sie im Sonnenlicht heller und heller glänzen, bis ich blinzele. Danach ist das Strahlen wieder weg. Mein Zeigefinger hat keine Abdrücke auf der Scherbe hinterlassen, obwohl meine Hände feucht von meinem Angstschweiß sind. Verwundert runzele ich die Stirn. Wie kann es sein, dass diese Scherbe immer noch so sauber ist, obwohl ich sie ganz fest mit meiner Faust umschlossen habe? Was hat das zu bedeuten?

Vorwurfsvoll schüttele ich den Kopf.

Vorwurfsvoll? Ich mache mir Vorwürfe?

Jetzt fantasiere ich schon!

Was hat es schon zu bedeuten, dass meine Großmutter mir eine kleine Spiegelscherbe geschenkt hat, auf der man keine Fingerabdrücke sieht? Wahrscheinlich hat sie sie mir nur gegeben, weil sie eben endgültig verrückt wird.

Der Glanz der Spiegelscherbe ist mit der Zeit sicherlich nicht größer geworden! Das liegt doch bloß daran, dass mir meine Großmutter so einen Quatsch vorgedichtet hat, so einen Blödsinn! Und ich fange jetzt auch schon an, das alles zu glauben! Vielleicht sollte ich mir ja nicht nur um den Geisteszustand meiner Großmutter Sorgen machen, sondern ebenfalls um meinen? So einen bodenlosen Schwachsinn kann man doch gar nicht glauben.

Und dennoch ... irgendetwas ist hier seltsam, das sagen mir mein Verstand und mein Gefühl ...

Der Raum um mich herum beginnt zu kreisen, mir wird schwindelig, schlecht, ich will mich schon aufrappeln und in mein Bad rennen, um mich dort zu übergeben und nicht in meinem Bett. Doch da beruhigt sich der Wirbelwind, der mein Zimmer durch die Luft geschleudert hat, auch die Übelkeit verschwindet. Mir ist schlecht geworden, weil ich die ganze Zeit auf die Spiralen auf meinem Kleiderschrank geschaut habe. Obwohl ... es kann auch mit etwas anderem zusammenhängen. Mit der Scherbe, mit meiner Verwirrung. Was soll ich mit dieser Scherbe anfangen? Und woher kommt diese merkwürdige Ahnung? Dieses komische Gefühl aus meiner Magengegend, das mir zuflüstert, dass heute etwas völlig Unerwartetes passieren wird. Ich verstehe es nicht. Und dann wird mir wieder schlecht.

Alles, was sich in meinem Magen befindet, macht sich erneut auf den Weg nach oben. Erschrocken versuche ich, es herunterzuschlucken, aber es gelingt mir nicht. Der Orangensaft und das halbe Stück Kuchen wandern gerade meine Speiseröhre nach oben.

Hastig springe ich von meinem Bett auf. Mit einem Satz bin ich in meinen Hausschuhen – ich hasse es, sockig herumzulaufen –, mit einem zweiten Sprung bin ich an der Badezimmertür, bis ich registriere, dass meine Übelkeit wieder weg ist. Bloß, woher kommt sie?

Langsam wende ich mich um und lasse mich wieder in die tiefen Polster meines Bettes fallen. Erneut versuche ich, das Gefühl in meiner Magengegend zu ergründen, und abermals wird mir übel. Doch diesmal höre ich nicht auf das Gefühl der Übelkeit. Ich glaube zu wissen, dass es nicht echt ist, sondern vielmehr ein ... ein ... ein ... eine Warnung. Ich habe so etwas noch nie gehabt. Es ist so seltsam, so ungewohnt, so merkwürdig ... Besonders komisch finde ich die Tatsache, dass die Übelkeit verschwindet, als mein Blick durch mein Zimmer schweift und am fünften Band von Harry Potter hängen bleibt. Ich erinnere mich, dass es da eine Stelle gibt, die ich noch einmal gerne lesen würde, habe aber vergessen, welche Seite das ist.

Als ich mich wieder auf das Gefühl der Warnung konzentriere, wird mir sofort wieder schlecht. Und diesmal richtig! Ich versuche, den schon in meiner Speiseröhre hängenden Mageninhalt herunterzuschlucken, aber es gelingt mir nicht. Er drückt mit solch einer Kraft nach oben. Diesmal schlüpfe ich gar nicht mehr in meine Hausschuhe, so eilig habe ich es, in mein Bad zu kommen. Jetzt hört die Übelkeit auch nicht auf, als ich an der Tür zum Bad stehe. Mit einem Würgen kommen das halbe Stück Kuchen und der Orangensaft, den ich ausnahmsweise bei meiner Großmutter getrunken habe, wieder hoch und ergießen sich in die Toilette. Der Anblick ist so ekelerregend, dass ich gleich ein weiteres Mal würgen muss, aber in meinem Magen ist nichts mehr drin, das ich herausbrechen könnte.

Schnell springe ich auf, drücke die Klospülung, wende mich schnellstmöglich von dem unappetitlichen Inhalt der Toilette ab und wische mir angeekelt über den Mund. Reste dessen, was ich vor nicht allzu langer Zeit heruntergewürgt habe, hängen noch in meinen Mundwinkeln. Eiligst greife ich nach meinem Zahnputzbecher, fülle ihn mit Wasser und gurgele. Es ist ein angenehmes Gefühl, nicht mehr diese bittere Magensäure zu schmecken. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, mich nun schwer am Waschbecken abzustützen, einen erschöpften Gesichtsausdruck aufzusetzen anstatt des unsäglichen Lächelns und nach meiner Mutter zu brüllen, dass ich krank sei und unverzüglich zum Arzt müsse. Doch schon einen Augenblick später verwerfe ich diesen Gedanken, denn ausnahmsweise habe ich Wichtigeres vor, als mich mit Mitleid überschütten zu lassen – was wieder einmal zeigt, wie verwirrt ich bin. Ich muss diesem komischen Gefühl der Warnung endlich auf die Schliche kommen.

Wieder auf meinem Bett liegend grübele ich weiter. Ich weiß, dass die Übelkeit von einer seltsamen Empfindung herrührt, die aus meiner Magengegend kommt. Sie ist einfach da und sagt mir, dass hier etwas gar nicht gut läuft. Langsam hebe ich meine linke Hand. Sie ist zu einer Faust geballt, und als ich sie öffne, sehe ich sie wieder: die schimmernde Scherbe, die mir meine Großmutter gegeben hat, mit diesen seltsamen Worten, die mir nicht mehr aus dem Sinn gehen wollen. Die Spiegelscherbe hat sich tief in meine Haut gebohrt und dunkelrote Striemen auf meiner Hand hinterlassen, so fest habe ich sie zusammengedrückt. Ein Sonnenstrahl lässt die glänzende Oberfläche aufleuchten. Es ist der letzte des heutigen Tages, und schon senkt sich eine drohende Dunkelheit über Berlin.

Sofort beschleunigt sich mein Herzschlag, mein Atem wird flach, ein fester Ring legt sich um meine Brust, ein Schwindelgefühl überkommt mich. Für einen Moment blitzt ein Gedanke in meinem Kopf auf, doch schon eine Sekunde später halte ich ihn für total hirnrissig. Nämlich der Gedanke, dass meine Übelkeit etwas damit zu tun hat, dass ich diese Warnung spüre und dass diese irgendwie in Verbindung mit der Spiegelscherbe steht. Jetzt denke ich auch an das Schimmern, das ich im Auto beim Ansehen der Scherbe bemerkt habe, und an das Gefühl, dass sie immer heller leuchtet. Das Ganze ist so bescheuert, dass ich mich am liebsten geohrfeigt hätte. Allerdings hält diese blöde Übelkeit noch an und ich bin bereits aufgesprungen, um mich im Bad gleich erneut zu übergeben.

Doch da verschwindet sie mit einem Schlag wie zuvor, nämlich als meine Mutter ruft: „Resa, Essen ist fertig! Kommst du bitte?“

„Hallo!“ Mein Bruder lächelt schadenfroh, als ich mit müdem Gesichtsausdruck, langsam und mit einer gewissen Farblosigkeit in den Wangen unten ins Esszimmer trete, mich dann aber mit gewohnt hoheitsvoller Miene an den Tisch setze.

„Hallo“, entgegne ich, trotz meiner erhabenen Miene doch nicht so eingebildet wie sonst.

Meinem Bruder scheint das gar nicht aufzufallen. Er lächelt stattdessen weiterhin blöd und in meinem Kopf tauchen bloß zwei Gedanken auf: „Sieht man mir nicht an, wie erbärmlich es mir geht?“ Und: „Versteht der einen denn überhaupt nicht?“

Die Aufmerksamkeit meines Bruders ist wirklich katastrophal, wenn er nicht bemerkt, wie schlecht es mir wirklich geht. In der Glasscheibe des Regals auf der anderen Seite des Tisches erkenne ich mein Spiegelbild. Es sieht so anders aus als die hübsche Gestalt, die mich gestern noch aus dem Spiegel meiner Großmutter angestrahlt hat. Ich bin blass, um nicht zu sagen leichenblass, das kann auch die Schminke in meinem Gesicht nicht verbergen. Unter meinen Augen habe ich dunkle Ringe und meine Augenlider hängen müde herab wie die Ohren eines Esels, der schon eine Woche kein Wasser mehr gesehen hat. Sonst zeugt gerade die Tatsache, dass ich nicht wie sonst permanent lächele, davon, dass es mir nicht gut geht.

Aber wie gesagt, mein Bruder sieht das nicht und weder meine Mutter noch mein Vater haben sich ernsthaft Zeit genommen, mir ins Gesicht zu blicken. Stattdessen sind sie dabei, mit Mike über weiteres Basketballtraining zu diskutieren, wobei die Unterhaltung sehr einseitig verläuft. Mein Bruder kommt mit irgendwelchen schlechten Argumenten an, meine Mutter wiederholt tausendmal, dass seine schulischen Leistungen nicht unter einem weiteren Basketballtraining leiden dürfen, und mein Vater unterbricht immer wieder mit den Worten: „Ich sage es ja nur ungern, aber ich denke, wir stoppen diese Diskussion jetzt hiermit. Mike, deine Mutter und ich werden darüber nachdenken, dir ein weiteres Basketballtraining zu erlauben, doch dafür brauchen wir Zeit und die haben wir jetzt gerade nicht.“ Mein Vater wiederholt sich in einer Endlosschleife. Niemand außer mir hört ihm zu.

Meine Mutter und mein Bruder debattieren immer weiter, so lange, bis unser Dienstmädchen das Essen auf den Tisch bringt, einen guten Appetit wünscht und verschwindet. Nun gewinnen die guten Manieren die Oberhand. Meine Mutter und mein Bruder stoppen ihre Diskussion und mein Vater beginnt, Mike über die Schule auszufragen, lauter belanglose Dinge.

„Resa, und wie war es bei dir in der Schule?“, wendet sich nun meine Mutter auch an mich.

„Gut.“ Meine Antwort ist kurz und außerdem habe ich gelogen, aber darum schere ich mich herzlich wenig, das ist eines meiner geringsten Probleme.

„Das ist gut ...“ Sie lächelt mir zu. „Und habt ihr irgendwelche Tests zurückbekommen?“

„Nein.“

„Das wird langsam wirklich unverschämt, wie lang die Lehrer ... Resa?“ Ihr Blick zeigt Bestürzung, aber ich kann es ihr wirklich nicht verdenken. Die Übelkeit hat wieder eingesetzt, mir wird schwindelig, sehr schwindelig. Ich habe das Gefühl, die Kontrolle über mich selbst zu verlieren. Alles schwankt um mich herum wie auf einem Segelschiff und ich spüre, wie alles Blut aus meinem Gesicht weicht. „Resa, ist alles in Ordnung? Sollen wir einen Krankenwagen holen? Oliver, hol doch schnell das Telefon!“ Den zweiten Teil ihres Satzes hat meine Mutter an meinen Vater gewandt gesagt.

„Nein ... ich ... ich ... es ist schon in Ordnung ...“ Meine Stimme klingt brüchig, rau, nicht klar. Man versteht mich kaum, und ich spüre, wie meine Sinne zu schwinden beginnen. Ich habe das Gefühl, dass mir jemand mit einem Brett auf den Kopf geschlagen hat, und langsam wird mir schwarz vor Augen. Ich sehe Sterne um mich herum tanzen, meine Hände rutschen vom Tisch, die Gabel fällt klirrend auf den Boden und ich glaube zu merken, wie mein Kopf hin und her schwankt, als wäre ich betrunken. Die besorgten Stimmen meiner Eltern werden immer leiser, immer undeutlicher. Ich verstehe nicht einmal mehr meinen eigenen Namen und vor meinem inneren Auge sehe ich mich bereits bewusstlos mit den Haaren im Teller liegen, dann an alle möglichen Schläuche angeschlossen im Krankenhaus mit zwei Ärzten an der Seite des Bettes, die die Hände auf dem Rücken verschränkt haben und sorgenvoll ihre Köpfe wiegen.

Das Telefon klingelt.

Ein tiefes Stöhnen entweicht meiner Brust, als ich auf mein Bett falle. Auch unter meinem geringen Gewicht knatscht der Lattenrost leicht und ich versinke in den Tiefen der Decken und Kissen.

In dem Moment, in dem das Telefon geklingelt hat, ist meine Übelkeit verschwunden. Ich habe meine Gabel unter meinem Stuhl hervorgezogen, eine gelassene Mine aufgesetzt und meinen Rücken gestrafft. Dann habe ich mir heimlich mit den Händen über das kalte Gesicht gestrichen, um dafür zu sorgen, dass erneut Röte hineinsteigt. Meine Mutter ist dennoch kurz davor gewesen, den Notarzt anzurufen, und hat sich erst beruhigt, als ich wieder mein Standardlächeln auf meine Lippen gezaubert und meinen Bruder ein wenig zu necken begonnen habe.

Trotzdem ist mir immer noch ein wenig schlecht und so ganz sicher fühle ich mich nicht auf den Beinen. Ich habe meine Sinne zwar mittlerweile wieder unter Kontrolle, sehe keine Sterne mehr und verstehe klar und deutlich, was mein Gegenüber sagt, aber da ist dieses seltsame Gefühl. Ich bin nicht fähig, es abzuschütteln oder aus meinen Gedanken zu verbannen. Es ist stärker als ich und erinnert mich an die unheimliche Scherbe.

Dennoch steckt mehr dahinter. Es ist eine Warnung, eine Angst, etwas, das mir sagt, dass hier etwas eindeutig nicht stimmt. Es ist wie jemand, der mir ununterbrochen ins Ohr flüstert, dass ich gefälligst mit irgendetwas aufhören sollte, nur, dass ich nicht weiß, womit. Mein unruhiger Blick gleitet durch mein Zimmer. Es wirkt leer, kalt, verlassen. Die wunderschönen Türkistöne, die ich sonst über alles liebe, machen mir heute aus unerfindlichen Gründen Angst. Ich fühle mich zurückgelassen, einsam, wie jemand, den man im Getümmel auf der Straße verloren oder – noch schlimmer – sitzen gelassen hat. Niemand ist da, dem ich mich anvertrauen kann, der versteht, ich fühle mich ... wie der einzige Mensch auf der Welt! Allein mit meinen Gefühlen, die mir unentwegt Dinge zuflüstern, von denen ich keine Ahnung habe. Mein Verstand sagt mir, dass ich nicht darauf hören soll, dass das, was sie mir mitteilen wollen, vollkommener Schwachsinn sei, während mir die Gefühle einflüstern, mein Verstand läge grottenfalsch ... Und ich? Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.

Wieder und wieder streichen meine Finger über die Scherbe. Sie ist mittlerweile warm geworden, weil ich sie durchgehend in meinen Händen behalten habe, beim Essen habe ich sie in meine Hosentasche gestopft. Irgendetwas bringt mich dazu, sie immer bei mir zu haben. Was es ist, kann ich nicht sagen.

Das fahle Mondlicht – es ist so kalt, dass es mir einen Schauer über den Rücken jagt – bringt den kleinen Spiegel zum Glänzen. Er ist so voll und strahlend, dass er mich blendet. Ein weiterer Schauer gleitet mein schmales Kreuz hinab, so kalt wie die arktischen Winterstürme.

Ich fahre erschrocken zusammen, als ein Schatten für einen Moment das blasse Licht des Mondes verdeckt. Der Schemen ist sofort wieder weg, schnell wie eine Fliege, die nicht von einem umherfliegenden Schuh getroffen werden will. Obwohl der Augenblick so kurz gewesen ist, erhasche ich einen Blick auf den Übeltäter, den ich für den Bruchteil einer Sekunde für einen Geist gehalten habe.

Es ist eine dunkle, riesige Krähe gewesen, eine von denen, die mit ihren gewaltigen schwarzen Flügeln und den intelligent schimmernden Knopfaugen über dem scharf gebogenen Schnabel auch hier in Berlins City herumfliegen. Dieses kurze Schockerlebnis trägt nicht gerade dazu bei, meine Angst loszuwerden.

Ich halte die Spiegelscherbe noch ein letztes Mal ins Licht des Mondes. Ich habe schon vor, sie in meine Nachttischschublade zu legen, doch als sie erneut aufstrahlt, fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

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221 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783960742340
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