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Lew Tolstoi (1828–1910)
Lew Tolstoi
Keiner ist besser als der andere
Worte eines menschheitlichen Menschen
Herausgegeben von Anna Schloss

»Die Hauptsache ist, daß du stets dessen eingedenk seist, wer du bist.«
Lew Tolstoi, Tagebücher
Inhalt
»Die Menschen sind wie Flüsse«
Philosophisches und Psychologisches zum menschlichen Wesen
»Ein Merkmal der Entartung unserer Welt«
»Die Hauptquelle ist die Liebe«
Das Wesen der Liebe, Leidenschaften und Ehe
»Der Despotismus der Regierung«
»Weil die Weisheit der Gewalt nicht bedarf«
Gegen Krieg, Gewalt und das Militärwesen
»Die Kunst kann man nicht vernichten«
Kunst, Literatur, Musik, Wissenschaft und Kultur
»Der Glauben sind es viele, der Geist aber ist nur einer«
Religion, Kirche und Gott
»Die Erziehung ist die Einwirkung auf die Herzen«
Erziehung und Kindheit
»Anschauungen vom Sinne des Lebens«
»Jeder kommt auf seinem Weg zur Wahrheit«
Nachwort
Literaturverzeichnis
»Nur langweilige Naturen sind frei von Widersprüchen.«
Erich Mühsam, Tolstois Vermächtnis
»Er ging über die Straßen und Wege mit dem geschäftsmäßigen, schnellen Schritt des geschulten Erforschers der Erde, und mit scharfen Augen, vor denen nicht ein Kieselstein und nicht ein Gedanke sich verstecken konnte, schaute er, maß er, prüfte er, verglich er. Und um sich streute er die lebendigen Samen unbezwinglicher Gedanken.«
Maxim Gorki, Erinnerungen an Lew Nikolajewitsch Tolstoi
»Tolstoj will nichts anderes, als das wahre, ungeheuchelte Empfinden dem ererbten Fühlen und Denken gegenüberstellen. Wahrheit! Wahrheit um jeden Preis! Und koste sie das Leben, das des Einzelnen, der Menschheit!«
Raphael Löwenfeld, Leo N. Tolstoj
»Die Menschen sind wie Flüsse«
Philosophisches und Psychologisches zum menschlichen Wesen
Es gibt gar keine schlechten Menschen; alle Menschen sind eines Vaters Kinder, alle Menschen sind Brüder und untereinander gleich – keiner ist besser als der andere.
(Briefe)
Es ist einer der gewöhnlichsten und verbreitetsten Aberglauben, daß jeder Mensch nur eine ihm zugehörige, bestimmte Eigenschaft habe, daß ein Mensch gut, böse, klug, dumm, energisch, apathisch u. s. w. sei. Die Menschen pflegen nicht so zu sein. Wir können von einem Menschen sagen, daß er öfter gut als böse, öfter klug als dumm, öfter energisch als apathisch und umgekehrt sei, aber es ist nicht wahr, wenn wir von einem Menschen sagen, daß er gut oder klug, und von einem andern, daß er schlecht oder dumm sei. Wir aber teilen die Menschen immer so ein. Und das ist nicht richtig. Die Menschen sind wie Flüsse: das Wasser ist überall gleich, überall dasselbe, aber jeder Fluß ist bald schmal, bald rasch, bald breit, bald still, bald rein, bald kalt, bald trübe, bald warm. Ebenso auch die Menschen. Jeder Mensch trägt in sich die Keime aller menschlichen Eigenschaften, und manchmal offenbart er die einen, manchmal die andern, und ist oft sich selber ganz und gar nicht ähnlich, während er doch immer dasselbe Selbst bleibt.
(Auferstehung)
Brüderlichkeit ist den Menschen eigentümlich und natürlich. Unbrüderlichkeit, Entzweiung wird künstlich anerzogen.
(Tagebücher)
Der Mensch denkt das, was sein Herz begehrt.
(Tagebücher)
Der Mensch ist doch ein geistiges und tierisches Wesen. Man kann den Menschen in Bewegung setzen, indem man auf sein geistiges Wesen Einfluß übt, und kann ihn in Bewegung setzen, indem man auf sein tierisches Wesen Einfluß übt, so wie man eine Uhr am Zeiger und am Hauptrade in Bewegung setzen kann. Und wie es für die Uhr besser ist, ihre Bewegung durch den inneren Mechanismus zu leiten, so ist es auch angemessener, den Menschen – sich selbst oder andere – durch das Bewußtsein zu leiten.
(Warum die Menschen sich betäuben)
Jeder Mensch, besonders ein Christ, will ein Werkzeug sein, das geistig, nicht physisch wirkt.
(Briefe)
Der Mensch ist nie ein solcher Egoist, wie in Augenblicken seelischer Hochstimmung.
(Die Kosaken)
Der Mensch ist ein von allen anderen abgesondertes Wesen, das seine Grenzen fühlt.
(Tagebücher)
Der Mensch ist ein Wesen außerhalb der Zeit und des Raumes, er sieht sich aber in Bedingungen von Zeit und Raum gestellt.
(Tagebücher)
Damit sich ein Wesen als existierend erkenne, ist es nicht nötig, daß es begrenzt sei. Wenn die Wesen nicht begrenzt wären, existierten sie auch nicht. Wir sagen: der Mensch ist ein bewußtes Wesen, weil es begrenzt ist, aber man könnte ebenso gut sagen: der Mensch ist begrenzt, weil er ein bewußtes Wesen ist.
(Tagebücher)
Für die Menschen sind im Leben nicht Taten das Bestimmende, sondern Worte. Es kommt ihnen nicht sowohl auf die Möglichkeit an, etwas zu tun oder nicht zu tun, als vielmehr auf die Möglichkeit, mit Bezug auf allerlei Gegenstände gewisse Worte von konventioneller Bedeutung zu gebrauchen. Solche Worte, die bei ihnen für sehr wichtig gelten, sind die Worte ›mein, meine‹, deren sie sich in bezug auf die verschiedensten Dinge, auf lebende Wesen und leblose Gegenstände, bedienen, sogar in bezug auf den Erdboden, auf Menschen und auf Pferde. Sie haben untereinander festgesetzt, daß von ein und demselben Dinge immer nur einer ›mein‹ sagen darf. Und wer nach diesem unter ihnen vereinbarten Spiel von der größten Anzahl von Dingen ›mein‹ sagt, der gilt bei ihnen für den Glücklichsten. Weshalb das so ist, weiß ich nicht; aber es ist so.
(Der Leinwandmesser)
Es ist leichter, selbst nachzugeben, als andere zu beugen.
(Familienglück)
In der Jugend sind alle Seelenkräfte auf das Zukünftige gerichtet, und dieses Zukünftige nimmt unter dem Einfluß der Hoffnung, die nicht auf der Erfahrung der Vergangenheit beruht, sondern auf der eingebildeten Möglichkeit des Glückes, so verschiedenartige, lebendige und bezaubernde Formen an, daß schon die bloßen Begriffe und die Mitteilung der Phantasien von künftigem Glück ein wirkliches Glück dieses Alters bilden.
(Knabenalter)
Die Menschen, die einem Führer folgen, ihm glauben und auf ihn hören, irren unbedingt im Dunkeln, mitsamt ihrem Führer.
(Tagebücher)
Was für ein zerstörungssüchtiges Wesen ist doch der Mensch, wieviel lebende Organismen mannigfachster Art vernichtet er, um sein eignes Leben zu erhalten!
(Chadschi Murat)
Ist es denn den Menschen zu eng auf dieser schönen Welt, unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann sich denn wirklich inmitten dieser bezaubernden Natur im Herzen des Menschen das Gefühl von Feindschaft und Rachsucht oder die Leidenschaft, seinesgleichen auszurotten festsetzen? Alles Böse im Menschenherzen sollte schwinden bei der Berührung mit der Natur, diesem unmittelbarsten Ausdruck alles Schönen und Guten.
(Der Überfall)
Nur jene Menschen, welche starker Liebe fähig sind, können auch starke Schmerzen empfinden; aber das Bedürfnis zu lieben, dient ihnen auch als Gegenwirkung gegen den Schmerz und macht sie wieder gesund. Daher ist die moralische Natur des Menschen noch lebenskräftiger als die physische; Schmerz tötet nie.
(Kindheit)
Wer die Schüchternheit aus Erfahrung kennt, weiß, daß dieses Gefühl sich im geraden Verhältnisse zur Zeit vergrößert, während die Entschlossenheit sich im umgekehrten Verhältnisse vermindert; das heißt, je länger dieser Zustand währt, desto unüberwindlicher wird er und desto geringer wird die Energie.
(Kindheit)
Die Eitelkeit ist ein Gefühl, das sich mit echter Trauer ganz und gar nicht verträgt, und dabei ist dieses Gefühl so fest verwachsen mit der menschlichen Natur, daß es selbst durch den größten Schmerz nur sehr selten ganz vertrieben wird. Eitelkeit im Schmerz äußert sich in dem Wunsche, sehr betrübt oder unglücklich oder stark zu erscheinen; und diese niedrigen Wünsche, die wir nicht eingestehen, die uns aber beinahe nie – selbst im bittersten Leide nicht – verlassen, nehmen dem Schmerz Kraft, Würde und Aufrichtigkeit.
(Kindheit)
Es ist ein großer Irrtum zu denken, daß die menschliche Vernunft etwas Vollkommenes sei und dem Menschen alles entdecken könne.
(Tagebücher)
Es wird mir immer klarer, daß der Mensch der fremden Einflüsterung umso mehr zugänglich ist, je schwächer er in seinem Gefühlsleben ist und je weniger er des Selbstdenkens fähig ist.
(Tagebücher)
Je stärker der Mensch geistig ist, desto weniger ist er der fremden Eingebung unterworfen, sondern unterliegt der eigenen Eingebung und umgekehrt.
(Über Erziehung und Bildung)
99 unter 100 Handlungen entstehen durch Nachahmung, Suggestion und Instinkt. Eine Handlung unter 100 entspringt aus der Vernunft; aber diese eine unter 100 Handlungen ist das, was die Menschheit in Bewegung setzt, ist das eigentliche, wahre Leben.
(Tagebücher)
Was für eine schreckliche Eigenschaft ist doch die Selbstzufriedenheit! Das ist eine Art Zufrieren des Menschen, es bildet sich rings um ihn eine Eiskruste, die jedes innere Wachsen, jede Gemeinschaft mit den anderen unmöglich macht; und diese Eiskruste wird immer dicker!
(Tagebücher)
Die Menschen leben ihre Gedanken, setzen die Gedanken Anderer in Leben um, sie leben ihre Gefühle, setzen die Gefühle Anderer in Handlungen um (d. h. sie lassen sich durch die Gefühle der Andern leiten). Der beste Mensch ist der, welcher seine eigenen Gedanken lebt und sich von den Gefühlen der Andern bestimmen läßt; die schlimmste Sorte Mensch ist die, welche sich von fremden Gedanken und fremden Gefühlen leiten läßt. Aus den verschiedenen Verbindungen dieser vier Motive des Handelns, ergibt sich die ganze Verschiedenheit der Menschen. Es gibt Menschen, die weder eigene noch fremde Gedanken haben und die nur in den Gefühlen anderer Menschen leben; das sind die aufopferungsvollen Närrchen, die Heiligen. Es gibt Menschen, die nur in ihren eigenen Gefühlen stecken – das sind Tiere. Es gibt Menschen, die nur in ihren eigenen Gedanken leben: die Weisen, die Propheten. Und es gibt Menschen, die nur in fremden Gedanken zuhause sind: das sind die Gelehrten und die Schwachsinnigen. In der Mischung dieser Eigenschaften besteht die ganze Musik der menschlichen Charaktere.
(Tagebücher)
Alle Menschen leben und wirken teils eigenen Gedanken gemäß, teils gemäß den Gedanken anderer Leute. Darin, in wie weit die Menschen nach eigenen Gedanken und in wie weit nach den Gedanken anderer Leute leben, darin besteht einer der Hauptunterschiede der Menschen unter einander: die einen brauchen in den meisten Fällen ihre Gedanken gleichsam zu einem geistigen Spiel, gehen mit ihrem Intellekt um, wie mit einem Schwungrad, von dem der Transmissionsriemen abgenommen worden, und in allen ihren Handlungen unterwerfen sie sich fremden Gedanken – dem Brauch, der Überlieferung, dem Gesetz. Die anderen dagegen, die ihre eigenen Gedanken für die Hauptbewegkraft ihrer ganzen Tätigkeit halten, geben fast immer den Forderungen ihres Intellekts Gehör und unterwerfen sich ihm, und nur selten, und dies nur nach kritischer Schätzung, folgen sie dem, was die anderen entschieden haben.
(Auferstehung)
Zu den qualvollsten geistigen Leiden gehört die Situation, wenn die Menschen dich nicht verstehen und du dich mit deinen Gedanken hoffnungslos einsam fühlst.
(Tagebücher)
Es gibt Charaktere, die sich an keine der Abscheulichkeiten erinnern, die sie verübt haben, sie erinnern sich aber an alles, was man ihnen angetan hat.
(Tagebücher)
Der Mensch besitzt die Eigentümlichkeit, die Leiden nicht zu sehen, die er nicht sehen will. Und die Leiden, die er selbst verursacht, will er eben nicht sehen.
(Tagebücher)
Ein wunderlich Ding: ich weiß von mir, wie böse und dumm ich bin, während die andern mich für einen genialen Menschen halten. Wie muß es da erst mit den andern Leuten bestellt sein?
(Tagebücher)
Einer der häufigsten und folgenschwersten Irrtümer, dem die Leute anheimfallen, ist der, daß sie das für gut halten, was ihnen lieb ist.
(Tagebücher)
Ich mag Menschen nicht, wenn sie betrunken sind, aber ich kenne welche, die interessant werden, wenn sie einen Schwips haben, die dann etwas kriegen, was ihnen in ihrem nüchternen Zustand nicht natürlich ist – Witz, Schönheit des Gedankens, Geistesgegenwart und Reichtum der Sprache. In solchen Fällen bin ich bereit, den Wein zu segnen.
(Erinnerungen an Lew Nikolajewitsch Tolstoi)
Das allerschlimmste ist der Rausch, durch Wein, Spiel, Gewinnsucht, Politik, Kunst oder Verliebtsein. Mit solchen Menschen kann man solange nicht sprechen, bis sie ausgeschlafen haben. Furchtbar.
(Tagebücher)
Wie gut ist es, daß man die Folgen seiner Handlungen nicht kennt! Wenn man sie kennte, (…) so würde man sich zu nichts mehr entschließen. So aber entschließt man sich, nicht weil man die Folgen kennt, sondern weil man muß.
(Tagebücher)
Sie sind alle Menschen, und haben ihre Fehler wie wir; weshalb also soll es Mißgunst und Hader geben?
(Anna Karenina)
Je länger man lebt, desto öfter verändert man sich (…) Ich denke, die Mängel und die guten Eigenschaften – die Grundlagen des Charakters bleiben immer dieselben, aber die Ansichten über das Leben und über das Glück müssen sich mit den Jahren ändern.
(Briefe)
Je länger ich lebe, desto mehr fange ich an, die Menschen zu schätzen, die nie störrisch werden.
(Briefe)
Übrigens spürt man den Zauber der Ruhe erst nach der Ermüdung, und die Freuden der Liebe nur nach dem Verlust.
(Briefe)
Der Mensch überlebt Erdbeben, Epidemien, die Schrekken der Krankheit und alle Todesqualen der Seele, aber seine marterndste Tragödie all die Zeit war, ist und wird sein – die Tragödie des Schlafzimmers.
(Erinnerungen an Lew Nikolajewitsch Tolstoi)
Wenn der Mensch nicht lüstern wäre, hätte er gar keinen Begriff für Keuschheit.
(Briefe)
Das Plaudern – ist die allertörichteste und doch auch wieder eine große Sache.
(Briefe)
Ja ich bin dumm gewesen; ich glaubte noch an Menschen und liebte sie und opferte mich für sie auf. Aber Erfolg haben in der Welt nur diejenigen, die schändlich und nichtswürdig sind.
(Krieg und Frieden)
Es gibt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso leben.
(Anna Karenina)
Wenn zwei Menschen im Streit miteinander leben, so sind immer beide schuldig, und die eigene Schuld wiegt immer schrecklich schwer, wenn die andere Person nicht mehr ist.
(Krieg und Frieden)
Es ist sonderbar, wenn man bedenkt, wie leicht wir Böses sprechen.
(Briefe)
Wer kennt nicht jene geheimnisvollen, wortlosen Beziehungen, die sich in dem kaum merklichen Lächeln, in einer Bewegung oder in einem Blick, bei Menschen, die immer zusammenleben, verraten: bei Brüdern, Freunden, Ehegatten, bei Herr und Diener, besonders, wenn diese Leute nicht vollständig aufrichtig gegeneinander sind. Wie viele unausgesprochene Wünsche und Gedanken, wieviel Furcht, durchschaut zu werden, drükken sich in einem zufälligen Blicke aus, wenn die Augen sich scheu und zaghaft begegnen!
(Knabenalter)
In Nechljudow waren, wie in allen Leuten, zwei Menschen. Der eine, geistige, strebte nur nach dem Heil, das auch anderen zum Heile gereicht; und der andere, der animalische Mensch, nur nach dem eigenen Heil, bereit, diesem das Wohl der ganzen Menschheit zum Opfer zu bringen.
(Auferstehung)
Damals sah er sein wahres Ich in seinem inneren, geistigen Menschen, jetzt galt ihm sein gesundes, frisches, animalisches Ich als der eigentliche Mensch.
Und diese ganze furchtbare Wandlung hatte sich nur dadurch in ihm vollzogen, daß er aufgehört hatte, sich selbst zu glauben, und statt dessen begonnen hatte, andern zu glauben, weil es ihm gar zu schwer ward, zu leben, indem er sich selbst glaubte; wenn er nämlich sich selbst glaubte, mußte er fast jede Frage so entscheiden, daß die Entscheidung zu Ungunsten seines animalischen Ichs ausfiel, das nur nach leichten Genüssen strebte; wenn er dagegen den andern glaubte, brauchte er nichts selbst zu entscheiden, alles war vielmehr bereits entschieden, und zwar gegen sein geistiges Ich und zugunsten seines animalischen Ichs. Und nicht genug daran: wenn er sich selbst glaubte, konnte er sicher sein, daß die Menschen ihn stets verurteilten – glaubte er dagegen den andern, dann war er des Beifalls von seiten derjenigen, die ihn umgaben, gewiß.
(Auferstehung)
Nichts ist schlimmer, als seine üble Laune anerkennen (…) Ich gestehe mir so etwas nie ein, und bin daher immer bei guter Stimmung.
(Auferstehung)
Die Menschen können über mich urteilen, wie sie wollen; Menschen kann ich betrügen, mich selbst aber nicht!
(Auferstehung)
Jeder Mensch muß, um handeln zu können, seine Tätigkeit für wichtig und gut halten. Und daher wird der Mensch, gleichviel in welcher Lage er sich befindet, sich stets eine solche Ansicht vom menschlichen Leben überhaupt zu eigen machen, vermöge welcher ihm seine Tätigkeit wichtig und gut erscheinen muß.
Man pflegt gewöhnlich zu glauben, daß ein Dieb, ein Spion, eine Prostituierte ihre Profession für schlecht halten und sich ihrer schämen müssen. Es geschieht aber das gerade Gegenteil davon. Die Menschen pflegen, vom Schicksal und durch ihre eigenen Sünden und Fehler in eine gewisse Lage gebracht, sei dieselbe auch noch so schief, sich immer eine Lebensanschauung zu bilden, die es ihnen ermöglicht, ihre Position für gut und achtungswert zu halten. Um aber eine solche Anschauung aufrecht erhalten zu können, halten sich die Leute instinktiv zu dem Kreise der Gesellschaft, in dem diese Auffassung des Lebens eine allgemeine Anerkennung genießt. Wir wundern uns darüber, wenn es sich um Diebe handelt, die mit ihrer Geschicklichkeit, um Prostituierte, die mit ihrer Lasterhaftigkeit, oder um Mörder, die mit ihrer Grausamkeit prahlen. Aber es wundert uns nur darum, weil der Kreis dieser Leute ein beschränkter ist und, was die Hauptsache ist, weil wir selbst uns außerhalb dieses Kreises befinden.
Aber findet nicht dieselbe Erscheinung bei den Reichen statt, die mit ihrem Reichtum, das heißt Raub, prahlen, bei den Kriegsführern, die mit ihren Siegen, das heißt Mordtaten, bei den Machthabern, die mit ihrer Macht, das heißt Gewalttätigkeit, prahlen? Wir sehen bei diesen Leuten die zum Zwecke einer Entschuldigung ihrer Position vorgenommene Entstellung der Anschauung vom Leben, vom Guten und vom Bösen, wir sehen diese Entstellung nur darum nicht, weil der Kreis von Leuten mit solchen entarteten Anschauungen ein größerer ist, und weil wir selbst zu diesem Kreise gehören.
(Auferstehung)
Ein guter Mensch, der seine Fehler nicht eingesteht und sich stets rechtfertigen will, kann ein Ungeheuer werden.
(Tagebücher)
Nichts erweicht das Herz so sehr wie das Bewusstsein der eigenen Schuld, und nichts verhärtet es so sehr, wie der Unfehlbarkeitsdünkel.
(Tagebücher)
Je schuldiger man vor seinem eigenen, wiewohl verborgenen Gewissen ist, desto lieber und ganz unwillkürlich sucht man die Schuld bei anderen, und besonders bei denen, gegen die man sich vergangen hat.
(Tagebücher)
Eines der dringendsten Bedürfnisse des Menschen, das so dringlich wie Essen, Trinken, Wollust, ja noch dringlicher als diese ist, ein Bedürfnis, dessen Existenz wir häufig vergessen, ist das Bedürfnis, seine Person hervorzutun, zu wissen, das habe ich getan. Sehr viele Handlungen, die an sich unerklärlich wären, sind durch dieses Bedürfnis verständlich. Man darf es bei der Erziehung und beim Verkehr mit Menschen nicht vergessen. Vor allem muß man sich bemühen, daß dieses Bedürfnis Tätigkeit erzeugt und nicht Prahlerei.
(Tagebücher)
Man muß sehr auf der Hut sein, um die Eitelkeit und die Liebe zum Lob in sich nicht großwerden zu lassen. Wenn der Feind einen Menschen verderben wollte, gelänge es ihm fast leichter durch Lobeserhebungen als durch Verleitung zum Trunke. Es entwickelt sich beim Lob eine krankhafte Empfindlichkeit, die zu haltloser Schwäche führt und die beim Tadel in Erbitterung und Mutlosigkeit ausartet. Hauptsächlich vermehrt sich die Kränklichkeit und Verwundbarkeit.
(Tagebücher)
Der Franzose hat Selbstvertrauen, weil er sich persönlich als Geist und Körper für unwiderstehlich bezaubernd hält, sowohl für Männer als für Damen. Der Engländer hat Stolz und Selbstvertrauen darum, weil er ein Bürger des besteingerichteten Reichs der Welt ist und darum als Engländer immer weiß, was er zu tun hat und überzeugt ist, daß alles, was er als Engländer tut, unzweifelhaft gut sei. Der Italiener hat Selbstvertrauen, weil er von lebhaftem Temperament ist und leicht sich und andere vergißt. Der Russe hat Selbstvertrauen eben deshalb, weil er nichts weiß und nichts wissen will, weil er nicht glaubt, daß man irgend etwas sicher wissen könne. Der Deutsche besitzt ein stärkeres und widerlicheres Selbstvertrauen als alle anderen, weil er sich einbildet, er wisse die Wahrheit, hält die Wissenschaft, die er sich selbst erdacht hat, aber für absolute Wahrheit.
(Krieg und Frieden)
Wenn ich an mein Knabenalter zurückdenke (…), verstehe ich vollkommen die Möglichkeit des schrecklichsten Verbrechens ohne einen Zweck, ohne den Wunsch zu schaden, nur so aus Neugier, aus dem unbewußten Verlangen, etwas zu tun. Es gibt Augenblicke, in welchen die Zukunft dem Menschen in so düsterem Lichte erscheint, daß er sich fürchtet, seinen geistigen Blick auf sie zu richten, daß er die Tätigkeit des Verstandes in sich anhält und sich selbst zu überzeugen sucht, daß das Zukünftige nicht sein wird und das Vergangene nicht war. Zu solchen Augenblicken, wenn der Gedanke die willenlose Stimmung nicht im voraus beurteilt, und wenn als einzige Triebfeder des Lebens die Sinneninstinkte übrig bleiben, begreife ich, daß ein unerfahrenes Kind, das besonders zu diesem Gemütszustände veranlagt ist, ohne Zögern und ohne Furcht mit einem Lächeln der Neugier an das eigene Haus Feuer legt und einen Brand anfacht, an das Haus, in dem seine Brüder, sein Vater, seine Mutter, die es alle zärtlich liebt, schlafen. Unter dem Einfluß einer ebensolchen, zeitweiligen Geistesabwesenheit – man möchte sagen Zerstreutheit – schwingt der siebzehnjährige Bauernbursche beim Anblick der Schneide des eben geschliffenen Beiles neben der Bank, auf welcher mit dem Gesicht nach unten sein alter Vater schläft, plötzlich das Beil und sieht mit stumpfer Neugier zu, wie das Blut aus dem zerschnittenen Hals unter die Bank rinnt; unter dem Einfluß dieser selben Gedankenlosigkeit und instinktiven Neugier empfindet der Mensch eine Art von Genuß darin, sich an den äußersten Rand eines Abhanges zu stellen und zu denken: wie, wenn ich mich da hinunterstürze? Oder eine geladene Pistole an seine Stirn zu halten und zu denken: wie, wenn ich den Hahn losdrücke? Oder eine angesehene Persönlichkeit, für welche die ganze Gesellschaft kriechende Verehrung hegt, anzusehen und dabei zu denken: wie, wenn ich jetzt hingehe, ihn an der Nase fasse und sage: ›Nun mein Lieber, komm einmal mit‹?
(Knabenalter)
Es ist oft zu beobachten, daß in bezug auf Schlauheit ein dummer Mensch klügere leitet.
(Krieg und Frieden)
Für die besten, freundschaftlichsten und einfachsten Beziehungen sind Lob und Schmeichelei ebenso unentbehrlich wie die Schmiere für das Wagenrad.
(Krieg und Frieden)
Er war einer jener Theoretiker, welche ihre Theorie so sehr lieben, daß sie das Ziel derselben darüber vergessen – ihre Anwendung auf die Praxis. Aus Liebe zur Theorie verabscheute er auch jede Praxis und wollte nichts davon wissen.
(Krieg und Frieden)
Über Recht und Unrecht zu entscheiden, ist dem Menschen nicht gegeben. Der Mensch hat immer geirrt und wird immer irren und in keiner Beziehung mehr als in der Beziehung auf das, was er für Recht und Unrecht hält.
(Krieg und Frieden)
»Ein Merkmal der Entartung unserer Welt«
Er fragte eine sehr einfach Sache; er fragte: warum und mit welchem Recht die einen Menschen die anderen einsperren, quälen, verschicken, peitschen und töten? Obgleich sie selber genau eben solche Leute sind, wie diejenigen, die sie quälen, peitschen und töten.
(Auferstehung)
Warum fehlt all diesen hochentwickelten humanen Menschen, die in ihrer Gesamtheit zu jedem ehrenvollen humanen Werk fähig sind, das gewöhnliche menschliche Gefühl für ein persönliches gutes Werk? Warum finden alle diese Menschen, die in ihren Parlamenten, Meetings und Vereinen mit solchem Eifer für die Lager der ehelosen Chinesen in Indien, für die Verbreitung des Christentums und der Zivilisation in Afrika und für die Gründung von Vereinen zur Besserung der gesamten Menschheit sorgen, in ihrem Herzen nicht die einfachen, ursprünglichen Gefühle des Menschen für den Menschen? Ist denn dieses Gefühl gänzlich ausgestorben, und ist an seine Stelle der Ehrgeiz und der Eigennutz getreten, von denen sich diese Leute in ihren Parlamenten, Meetings und Vereinen leiten lassen? Widerspricht denn die Verbreitung des Prinzips eines vernünftigen und egoistischen Zusammenwirkens von Menschen, das man Zivilisation nennt, dem Bedürfnis eines instinktiven und selbstlosen Zusammenwirkens?
(Luzern)
Wir sind so verstrickt, daß wir durch jeden Schritt im Leben am Bösen teilnehmen: an der Gewalt, wie der Unterdrückung. Wir dürfen nicht verzweifeln, aber müssen uns langsam aus dem Netz befreien, in dem wir gefangen sind; nicht zappeln – sonst verwickelt man sich noch mehr – sondern langsam entwirren.
(Tagebücher)
Zu etlichen Hunderttausenden hatten sich die Menschen auf einem einzigen kleinen Fleck angesammelt, und wie sehr sie sich auch Mühe gaben, die Erde, auf der sie sich preßten und drängten, zu verunstalten, sie mit Steinen zu verrammeln, damit nichts darauf wüchse, jedes Gräschen, das sich ans Licht wagte, sogleich auszujäten, die Luft mit Steinkohlen- und Naphthadünsten zu vergiften, die Bäume zu beschneiden und alle Tiere, alle Vögel zu verjagen – der Frühling war doch Frühling geblieben, sogar in der Stadt. Die Sonne wärmte, das neubelebte Gras wuchs und grünte überall, wo es nur irgend nicht ausgerissen war, nicht allein auf den Rasenplätzen der Boulevards, sondern auch zwischen den Steinplatten, und die Birken, die Pappeln, die Traubenkirschen entfalteten ihre harzigen, duftenden Blätter, die Linden trieben ihre platzenden Knospen; die Dohlen, Spatzen und Tauben machten schon in froher Lenzstimmung ihre Nester zurecht, und die Fliegen summten im warmen Sonnenschein an den Wänden. Froh waren sie alle, die Pflanzen, die Vögel, die Insekten und die Kinder. Die Menschen aber – die großen, erwachsenen Menschen – hörten nicht auf, einander zu betrügen und zu quälen. Die Menschen waren der Meinung, heilig und wichtig sei nicht dieser Frühlingsmorgen, nicht diese Schönheit der Gotteswelt, die zur Beseligung aller Wesen gegeben ist und alle Herzen zum Frieden, zur Eintracht, zur Liebe stimmt – heilig und wichtig sei vielmehr das, was sie selbst sich ausgedacht haben, um über einander zu herrschen.
(Auferstehung)
Die Zivilisation ist das Gute, die Barbarei das Böse; die Freiheit ist das Gute, die Unfreiheit das Böse. Dieses imaginäre Wissen vernichtet in der menschlichen Natur das instinktive, selige ursprüngliche Streben nach dem Guten. Wer kann definieren, was Freiheit, was Despotismus, was Zivilisation und was Barbarei ist? Wo sind die Grenzen zwischen diesen Begriffen? Wer hat in seiner Seele einen so unfehlbaren Maßstab für Gut und Böse, daß er mit ihm alle die flüchtigen und verworrenen Tatsachen zu messen vermöchte? Wessen Verstand ist so groß, daß er auch nur die Tatsachen der starren Vergangenheit umfassen und wägen könnte? Und wer hat schon je einen Zustand gesehen wo Gut und Böse nicht miteinander vermengt wären? Und wenn ich mehr von dem einen als von dem andern sehe, woher weiß ich denn, daß ich die Dinge vom richtigen Gesichtspunkte aus betrachte? Wer ist imstande, sich im Geiste, wenn auch nur für einen ganz kurzen Augenblick, so vollkommen vom Leben loszulösen, daß er es ganz objektiv von oben herab betrachten könnte? Wir haben nur einen unfehlbaren Führer: den Weltgeist, der uns alle und jeden einzelnen wie eine Einheit durchdringt, der einem jeden das Streben nach dem, was notwendig ist, eingegeben hat. Es ist der gleiche Geist, der dem Baume befiehlt, der Sonne entgegenzuwachsen, der der Blume befiehlt, im Herbste ihre Samen auszustreuen, und der uns befiehlt, uns unwillkürlich aneinanderzuschmiegen.
Diese einzige unfehlbare, himmlische Stimme übertönt die lärmende und hastige Entwicklung der Zivilisation.
(Luzern)
Ich hatte schon mehrmals Gelegenheit, den Gedanken auszusprechen, daß der Patriotismus für unsere Zeit ein unnatürliches, unvernünftiges, schädliches Gefühl sei, welches einen großen Teil der Übel verursache, unter denen die Menschheit leidet, und daß daher dieses Gefühl nicht genährt und großgezogen werden dürfte, wie es jetzt geschieht, sondern im Gegenteil unterdrückt und durch alle Mittel, die vernünftigen Menschen zugänglich sind, vernichtet werden sollte.
(Patriotismus und Regierung)
Die elende Lage der Fabrik- und Stadtarbeiter liegt nicht darin, daß er lange arbeitet und wenig bekommt, sondern darin, daß er der natürlichen Bedingungen des Lebens inmitten der Natur beraubt ist, daß er keine Freiheit hat, daß er zur unfreien, fremden und eintönigen Arbeit gezwungen wird.
(Die Sklaverei unserer Zeit)
Die Bedingungen des Lebens aber, an welche die Menschen aus den begüterten Klassen gewöhnt sind, bildet eben jene reiche Produktion der verschiedenartigen Gegenstände, die für ihre Bequemlichkeiten und Vergnügungen nötig ist und die nur dank den jetzt bestehenden Fabriken und Werkstätten und unter ihrer jetzigen Organisation möglich ist. Wenn nun die Männer der Wissenschaft über die Verbesserung der Lage der Arbeiter diskutieren, so schlagen sie als Vertreter der begüterten Klasse immer nur solche Verbesserungen vor, unter denen die Fabrikproduktion fortbestehen, und die Bequemlichkeiten des Lebens, die sie dadurch genießen, dieselben bleiben sollen.
(Die Sklaverei unserer Zeit)
Wenn die Menschen nur begreifen werden, daß man kein Recht hat, seine Mitmenschen für die eigenen Vergnügungen auszunutzen, so werden sie alle Fortschritte der Technik so anzuwenden verstehen, daß sie das Leben ihrer Brüder nicht vernichten. Sie werden lernen, das Leben so einzurichten, daß sie alle technischen Machtmittel über die Natur benutzen, die man benutzen darf, ohne ihre Mitmenschen zu Sklaven zu machen.
(Die Sklaverei unserer Zeit)
Worin besteht denn die Sklaverei unserer Zeit? Wodurch werden die einen Menschen Sklaven der anderen? Wenn wir die Arbeiter in Rußland sowie die in Europa und Amerika, die in Fabriken und bei den verschiedenen Dienstleistungen in Stadt und Land beschäftigt sind, fragen, was die Menschen gezwungen hat, jene Lage zu wählen, in der sie sich befinden, so werden sie alle sagen, daß sie dazu geführt hat: entweder, daß sie keinen Boden haben, auf dem sie leben und arbeiten können; oder daß man von ihnen Steuern fordert, direkte und indirekte, die sie nicht anders bezahlen können, als durch Verrichtung fremder Arbeit; oder auch, daß die Versuchungen der luxuriösen Gewohnheiten, die sie sich angeeignet haben und die sie nur durch den Verkauf ihrer Freiheit und ihrer Arbeit befriedigen können, sie in den Fabriken zurückhalten.
(Die Sklaverei unserer Zeit)
Wir sind sehr besorgt um die Sonntagsruhe der Handlungsgehilfen, noch mehr um die Nichtübermüdung unserer Kinder in den Gymnasien, wir verbieten den Lastfuhrleuten aufs strengste, ihre Pferde zu überlasten, wir richten sogar Schlachthöfe ein, in denen die Leiden der zum Schlachten bestimmten Tiere auf das Minimum reduziert werden sollen.
Was ist denn das für eine sonderbare Umnachtung, die uns befällt, sobald es sich um die Millionen von Arbeitern handelt, die sich überall langsam und oft qualvoll zugrunde richten durch jene Arbeiten, deren Erzeugnisse wir zu unserer Bequemlichkeit und zu unserem Vergnügen gebrauchen?
(Die Sklaverei unserer Zeit)
Es offenbart sich immer mehr und mehr, daß die Kultur nur dank dem Zwange der Arbeiter zur Arbeit existieren kann.
(Die Sklaverei unserer Zeit)
Je mehr sich die Lage der Arbeiter verschlechtert, desto mehr wächst ununterbrochen ihre Abhängigkeit von den Reichen, und mit derselben Gleichmäßigkeit und Stetigkeit wächst der Reichtum der Reichen, ihre Macht über das Arbeitervolk, ihre Furcht und ihr Haß.
(Das Gesetz der Gewalt und das Gesetz der Liebe)
Ach, dieser Luxus, dieser Reichtum, diese unaufhörliche Sorge um das materielle Leben! Wie ein an Nährstoffen überladener Boden. Reinigt und brennt man alles ringsherum aus, so gibt der zu fette Boden gute Ernte; sonst überwuchert er mit allerlei Unkraut und wird entsetzlich.
(Tagebücher)
Es ist, als ob die Menschheit unserer Zeit an irgend etwas hängen geblieben wäre; als wäre irgendeine äußere Ursache vorhanden, welche sie verhinderte, die Stellung einzunehmen, die ihr nach dem eigenen Bewußtsein ziemt, und diese Ursache – wenn nicht die einzige, so doch die hauptsächlichste – diese Ursache ist der physische Zustand der Betäubung, in welchen sich durch Wein und Tabak die ungeheure Mehrzahl der Menschen unserer Welt versetzt.
(Warum die Menschen sich betäuben)
Es ist kein Zweifel daran, daß die Panzerschiffe, die Eisenbahnen, der Buchdruck, die Tunnels, die Phonographen, die Röntgenstrahlen und so weiter sehr gut sind. Alles dies ist sehr gut; aber gut ist auch, unvergleichlich über alles gut, wie Ruskin gesagt hat, – das Leben des Menschen, welches jetzt erbarmungslos millionenweise für die Erwerbung von Panzerschiffen, Eisenbahnen, Tunnels untergeht, die nicht einmal das Leben verschönen, sondern es nur verunstalten … Sobald die Menschen nicht alle Menschen für ihre Brüder halten, und solange das menschliche Leben nicht für den allerheiligsten Gegenstand gilt, welcher nicht nur nicht verletzt werden darf, sondern welchen zu erhalten als allererste, unerläßlichste Pflicht gerechnet wird: d. h. wenn die Menschen zueinander sich nicht religiös verhalten, so werden sie immer für ihren persönlichen Vorteil das Leben des Nächsten vernichten.
(Was ist Religion?)
Je kranker die Gesellschaft ist, desto mehr Anstalten sind für die Heilung der Symptome vorhanden und desto weniger ist man um die Änderung des gesamten Lebens besorgt.
(Über Erziehung und Bildung)
Es gibt kein leitendes religiöses Prinzip unter den Völkern der christlichen Welt.
Es gibt nur eine religiöse, eine kirchliche Lüge; und nicht nur eine, sondern verschiedene, die sich feindselig gegenüberstehen: die katholische, die griechisch-katholische, die lutherische usw. Es gibt wissenschaftliche Lügen, und zwar sehr viele verschiedene, die einander befeinden und befehden. Es gibt politische Lügen und internationale Parteilügen. Es gibt Lügen der Kunst, Lügen der Überlieferung und Lügen der Gewohnheit. Es gibt viele sehr verschiedenartige Lügen, aber ein leitendes moralisches Prinzip, das auf einer religiösen Weltanschauung basiert, gibt es nicht. Und die Menschen der christlichen Welt leben dahin wie die Tiere, nur geleitet durch ihre persönlichen Interessen und den gegenseitigen Kampf, und unterscheiden sich nur dadurch von den Tieren, daß diese sich seit undenklichen Zeiten denselben Magen, dieselben Krallen und dieselben Stoßzähne erhalten, während die Menschen mit immer größerer Geschwindigkeit von Landstraßen zu Eisenbahnen, von der Pferdekraft zu den Dampfmaschinen, von der mündlichen Rede und der Schrift zur Buchdruckerei, zu Telegraphen und Telefonen, von den Segelbooten zu Ozeandampfern, von den Handwaffen zu Pulver, Kanonen, Mausergewehren, Bomben und Kriegsaeroplanen übergehen. Und das Leben mit seinen Telegraphen, Telefonen, seiner Elektrizität, seinen Bomben und Aeroplanen und dem Haß aller gegen alle, das Leben, das von keinem vereinigenden geistigen Prinzip geleitet, sondern, im Gegenteil, von allen tierischen Instinkten, die die geistigen Kräfte zu ihrer Befriedigung benutzen, zerrissen wird, – dieses Leben wird immer mehr erfüllt von Wahnsinn und Elend.
(Das Gesetz der Gewalt und das Gesetz der Liebe)
Für Menschen unserer Welt gibt es keine einzige Frage, an welche sie schlicht und einfach herantreten könnten: alle Fragen – ökonomische, innere und äußere Fragen der Regierung, politische, diplomatische, wissenschaftliche, schon nicht zu reden von philosophischen und religiösen Fragen – sind so künstlich inkorrekt aufgestellt, und darum mit einem so dichten Schleiertuch von komplizierten, unnötigen Erwägungen, von spitzfindigen Begriffs- und Wortverdrehungen, von Sophismen und Streitigkeiten umstrickt, daß alle Erwägungen solcher Fragen sich auf einer Stelle im Kreise drehen, ohne etwas zu erfassen und, wie ein Rad ohne den treibenden Transmissionsriemen, zu gar nichts führen, außer jenem einzigen Ziel, zu dessen Zweck sie auftauchen: dazu, vor sich selber und den Menschen das Böse zu verbergen, worin sie leben und was sie begehen.
(Was ist Religion?)
Die Menschen entfernen sich immer mehr und mehr, immer weiter und weiter von der Möglichkeit, die Wahrheit in sich aufzunehmen.
(Was ist Religion?)
Es scheint den Menschen, daß ihre Lage sich infolge der Änderung der äußeren Lebensformen bessert. Indessen ist die Änderung der äußeren Lebensformen stets nur eine Folge des veränderten Bewußtseins, und das Leben wird nur in dem Maße verbessert, in welchem diese Änderung auf der Änderung des Bewußtseins gegründet ist.
Alle äußeren Änderungen der Lebensformen, denen keine Änderungen des Bewußtseins zugrunde liegt, verbessern nicht nur die Lage der Menschen nicht, sondern verschlechtern sie meist noch.
(Das Gesetz der Gewalt und das Gesetz der Liebe)
Der hauptsächlichste Irrtum des Menschen ist der, daß es jedem einzelnen scheint, als ob die Richtschnur seines Lebens das Streben nach Genuß und der Verzicht auf das Vermeiden der Leiden sei.
(Der Sinn des Lebens)
Nicht der Eigennutz und der Neid, nicht Parteiprogramme und Haß, nicht Grimm und Ehrgeiz, ja selbst nicht das Gefühl der Gerechtigkeit und vor allem nicht der Wunsch, das Leben anderer Menschen umzugestalten, wird euch von dem Übel, das ihr erleidet, retten und erlösen und euch das wahre Wohl geben, nach dem ihr in so unvernünftiger Weise strebt, sondern nur die Arbeit an der eigenen Seele, die, so sonderbar es auch erscheinen mag, kein äußeres Ziel hat und keiner Erwägung bedarf, was sie zu erreichen imstande ist.
(Das Gesetz der Gewalt und das Gesetz der Liebe)
Ich habe mich vom Leben unserer Kreise losgesagt, denn ich habe erkannt, dass dies kein Leben, sondern nur Abklatsch des Lebens ist, dass der Überfluss, in welchem wir leben, uns der Möglichkeit beraubt, zu begreifen, was das Leben ist, und zwar nicht das unsrige Schmarotzerleben, sondern jenes des einfachen, arbeitenden Volkes, jenes Volkes, welches das Leben schafft.
(Meine Beichte)
Sobald ich begriffen hatte, was Reichtum und Geld sind, erkannte ich deutlich, ja mit absoluter Gewissheit, was alle anderen tun müssen, ja zwangsläufig tun werden. (…) Ich begriff, dass der Mensch nicht ausschließlich für sein eigenes Glück leben darf, sondern notwendigerweise auch dem Glück anderer Menschen dienen muss. (…) Ich begriff, dass dies das Naturgesetz des Menschen ist, jenes Gesetz, welches ihm ermöglicht, seine Bestimmung zu erfüllen, glücklich zu werden. (…) Ich begriff, dass das Unglück der Menschen in der Sklaverei liegt, welche die einen den anderen auferlegen. Ich begriff, dass die Sklaverei unserer Zeit durch den Kriegsdienst, die Aneignung von Grund und Boden und das Eintreiben von Geld herbeigeführt wird. Und nachdem ich diese drei Grundlagen der neuen Sklaverei erkannt hatte, konnte ich nur eins wünschen, nämlich daran nicht länger teilzuhaben.
(Was sollen wir denn tun?)
Die Serie der von den Mächtigen und Reichen empfundenen Gefühle, die von der Rolle der Arbeit im Leben keine Ahnung haben, ist viel armseliger, viel beschränkter und unbedeutender, als die Serie der dem arbeitenden Menschen natürlichen Gefühle.
(Gegen die moderne Kunst)
Es kam der Augenblick, da ich mich entsetzte. Wir leben von fremden Mühen, schreiben anderen vor, sie hätten für uns zu arbeiten, setzen Kinder in die Welt, die wir für dasselbe Leben erziehen. Ja, dann kommt das Alter, der Tod, und ich werde mich fragen: Wozu habe ich gelebt? Um Schmarotzer zu zeugen, wie ich einer bin?
(Und das Licht leuchtet in der Finsternis)
In ganz Rußland, ja, ich glaube nicht allein in Rußland, sondern in der ganzen Welt geschieht dasselbe. Die Reichtümer der bäuerischen Produzenten gehen in die Hände der Händler, der Gutsbesitzer, der Beamten, Fabrikanten über, und die Leute, welche diese Reichtümer empfangen, wollen sie genießen. Voll und ganz können sie dieselben nur in der Stadt genießen. Im Dorfe kann man erstens wegen der Zerstreutheit der Bevölkerung schwer die Befriedigung der Bedürfnisse reicher Leute finden, es gibt da nicht all die verschiedenen Handwerker, Verkaufsläden, Banken, Restaurants, Theater und öffentliche Vergnügungen aller Art. Zweitens kann eine der hauptsächlichsten Annehmlichkeiten, welche der Reichtum gewährt – der Ehrgeiz, das Verlangen, die Bewunderung anderer zu erwecken und sie an Luxus zu übertreffen – abermals wegen der Zerstreutheit der Bevölkerung im Dorfe schwer befriedigt werden. Im Dorfe gibt es wenig Leute, welche den Aufwand würdigen, da ist niemand, dessen Bewunderung man erregen könnte. Was für Verschönerungen seines Hauses, Gemälde, Bronzen, was für Equipagen, Toiletten der Dorfbewohner sich auch anschaffen mag – die Bauern verstehen dies alles nicht.
Und darum sammeln sich die reichen Leute bei einander und bauen sich bei eben solchen reichen Leuten mit denselben Bedürfnissen in den Städten an, wo die Befriedigung eines jeglichen luxuriösen Geschmacks sorgfältig durch die Polizei geschützt wird.
(Unsere Armen und Elenden)
Ich wollte den Armen bloß deshalb helfen, weil ich Geld habe, und ich teilte den allgemeinen Wahn, daß das Geld der Vertreter der Arbeit oder überhaupt etwas Gutes sei, doch nachdem ich begonnen hatte, dieses Geld zu geben, ersah ich, daß Geld an und für sich nichts Gutes, sondern offenbar ein Übel sei, welches die Menschen des hauptsächlichsten Heils der Arbeit und des Genusses dieser Arbeit beraubt, und daß ich dieses Heil niemandem zuwenden könne, weil ich selbst desselben beraubt sei: bei mir gibt es keine Arbeit und das Glück nicht, aus meiner Arbeit Nutzen zu ziehen.
(Unsere Armen und Elenden)
Ob die Mühe, welche auf die Erwerbung des Geldes verwendet worden war, dem Vergnügen, welches der dafür erkaufte Gegenstand gewährte, wirklich entsprach, diese Erwägung war schon lange verloren gegangen.
(Anna Karenina)
Ach, das Geld, das Geld! Wieviel Unheil verursacht das Geld in dieser Welt.
(Krieg und Frieden)
Was liegt am Geld. Geld ist Staub.
(Polikuschka)
Das Geld ist das Recht oder die Möglichkeit, von fremder Arbeit zu leben. Das Geld ist eine neue Form der Sklaverei, die sich von den älteren Formen nur durch das Unpersönliche des Sklaventums unterscheidet, durch die Befreiung von den Fesseln aller menschlichen Beziehungen zum Sklaven.
(Was sollen wir denn tun?)
Wir sind derart an den Gedanken gewöhnt, daß alles nur für uns da sei, daß die Erde mir gehöre, daß wir uns im Angesicht des Todes wundern, wenn diese meine Erde, mein Eigentum also dableibt, während ich davongehe. Der Irrtum besteht darin, daß mir die Erde als etwas Erworbenes, mir beigegeben erscheint, während ich doch von der Erde erworben, ihr beigegeben bin.
(Tagebücher)
Die Hauptursache aller Leiden ist also die, daß man das erwartet, was nicht vorhanden ist, nicht aber das erwartet, was stets da ist. Und von diesen Leiden kann man nur dadurch erlöst werden, daß man keine Freuden erhofft und nur Böses erwartet und sich darauf bereitet, es zu ertragen. (…)
Deshalb sind auch die Armen weniger unglücklich als die Reichen: sie wissen im voraus, daß ihnen Mühe, Kampf und Plage bevorsteht, und so schätzen sie alles, was ihnen Freude bietet. Weil die Reichen sich aber auf lauter Glück gefaßt machen, so sehen sie in allen Hindernissen nur Mißgeschick und übersehen und mißachten das Gute, das ihnen zuteil wird.
(Tagebücher)
Es gibt kein unnützer Ding als das Zusammenraffen, Aufbewahren oder Vermehren von Reichtümern.
(Tagebücher)
Es ist ein Merkmal der Entartung unserer Welt, daß sich die Leute ihres Reichtums nicht schämen, ja daß sie auf ihren Reichtum stolz sind.
(Tagebücher)
Wir alle – und das ist kein Gleichnis, sondern fast die Beschreibung der Wirklichkeit – wachsen auf und werden erzogen in einem Räubernest. Und erst, wenn wir erwachsen sind und uns umblicken, begreifen wir, wo wir sind und was wir treiben. Dann gilt es für jeden Einzelnen, sich zu entscheiden: die einen schließen sich den Räubern an und plündern, die andern meinen, daß sie nicht schuldig sind, wenn sie am Raube bloß teilhaben, ohne ihn gutzuheißen, besonders wenn sie sich bemühen, ihn zu verhindern; wieder andere lehnen sich auf und möchten das Räubernest am liebsten zerstören, aber sie sind schwach und ihrer sind zu wenige. Was soll man tun?
(Tagebücher)
Von den ärmsten an bis zu den begütertsten Klassen der Gesellschaft auf ist meines Erachtens die Gefräßigkeit das verbreitetste Laster unseres Lebens.
(Die erste Sprosse)
Entsetzlich sind weniger die Leiden und der Tod der Tiere als der Umstand, daß der Mensch ohne Not die edelste Regung seiner Seele, das Mitleid für die Mitgeschöpfe, in sich unterdrückt, mit Gewalt sein Herz dagegen verhärtend. Und wie tief ist es eingegraben in das Menschenherz, das Verbot, die Tiere zu töten!
(Die erste Sprosse)
Das Fleisch soll der gehorsame Hund des Geistes sein, eilends seine Gebote zu erfüllen; aber wir – wie leben wir? Das Fleisch rast und praßt, und der Geist folgt ihm hilflos und elend.
(Erinnerungen an Lew Nikolajewitsch Tolstoi)
Der Profit des einen Räubers ruft stets den Neid anderer hervor, und die gemachte Beute wird zum Gegenstande des Streites und die Ursache des Verderbens für diejenigen, die sie gemacht. Dasselbe geht bei den Hunden vor sich, und genau so ist es bei den Menschen, die zu Tieren herabgesunken sind.
(Briefe)
Erwerb auf unehrlichem Wege, durch Anwendung von List, ebenso wie der Erwerb von Bankbureaus, sind von Übel (…)
(Anna Karenina)
Land darf man, meiner Meinung nach, weder verkaufen noch kaufen, weil, wenn man es verkaufen darf, diejenigen, die Geld haben, das ganze Land aufkaufen, und dann werden sie von demjenigen, der kein Land hat, für das Recht, es zu benutzen, so viel nehmen, wie sie wollen; sie werden Geld dafür nehmen, daß man auf der Erde stehen dürfe.
(Auferstehung)
Wissen, daß irgendwo, weit von hier, die einen Menschen die anderen quälen, indem sie sie auf allerlei Weise moralisch verderben, allen möglichen unmenschlichen Erniedrigungen und Leiden unterwerfen, oder während dreier Monate fortwährend dieses Verderben und diese Quälerei der einen Menschen seitens der andern mit ansehen, – das ist etwas ganz anderes.
(Auferstehung)
Wir meinen, wirkliche Arbeit müsse etwas äußerliches sein: ein Erzeugen, Vermehren, Vermögen, Haus, Vieh, Frucht, die Arbeit an der eigenen Seele aber sei bloß eine Phantasie. Indes ist aber jede andere Arbeit außer der an der eigenen Seele, durch die die Gewohnheit des Guten vermehrt wird, nichtig.
(Tagebücher)
Mein Erwachen bestand darin, daß ich an der Realität der materiellen Welt zu zweifeln begann. Sie verlor für mich alle Bedeutung.
(Tagebücher)
Die großen Vermögen entstehen immer entweder durch Gewalt – das ist das gewöhnlichste – oder durch Geiz, oder durch einen großartigen Spitzbubenstreich, oder durch kleinere aber chronische Betrügereien.
(Aufruf an die Menschheit)
Je moralischer ein Mensch ist, um so sicherer geht er des Vermögens, das er besitzt, verlustig, und je unsittlicher er ist, um so sicherer erhält und vermehrt er sein Vermögen. Die Volksweisheit sagt: »Ist gerecht die Arbeit dein, baut sie dir kein Haus aus Stein« und »Arbeit macht nicht reich, sondern bucklig«.
(Aufruf an die Menschheit)
Es kommt die Zeit, und sie ist schon da, wo die Täuschung, welche die – mündliche – Verneinung dieses Lebens zum Zweck der Schaffung eines zukünftigen und die Anerkennung der bloßen, tierischen, persönlichen Existenz für das Leben und der sogenannten Pflicht für das Werk des Lebens ausgibt, – wo diese Täuschung der Mehrzahl der Menschen klar wird und wo nur noch durch die Not verdummte und durch ein wüstes Leben abgestumpfte Menschen existieren können, ohne die Sinnlosigkeit und Armseligkeit ihres Daseins zu empfinden.
(Das Leben)
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