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Lennart Ramberg
Schmetterlinge im Eis

Ökothriller

Aus dem Schwedischen

von Kerstin Schöps

Saga

»The CF4 [Fluormethan] concentration has been increasing linearly since about 1960 ... [and] has made an essentially permanent contribution to radiative forcing ... produced as byproduct of traditional aluminium production ...«

Aus: Contribution of Working Group I to the Fourth Assessment Report, im Rahmen des UN-Klimapanels, hrsg. Mai 2007

Kapitel 1

Kimi hatte es sofort bereut, aber jetzt war es zu spät. Er stampfte auf das kleine Stück Wellblechboden, schlug gegen die Fensterscheiben und rüttelte am Türschloss. Die Gondel der Schwebebahn setzte ihre Fahrt nach Ny-Ålesund mit unverminderter Geschwindigkeit fort. Unter seinem Gewicht hin und her pendelnd, ließ sie die Gletscher und Berggipfel von Spitzbergen am Horizont vorbeischaukeln. Was sollte er bloß sagen? Was hatte er, Kimi Hoorn, dem Premierminister schon zu sagen?

Ein Ballon sollte in die Stratosphäre geschickt werden – so viel stand fest. Um dort die klimarelevanten Gase zu messen – so weit auch verständlich. Mit Hilfe einer neuen, einzigartigen Methode – alles klar. Die Wahrheit war jedoch, dass lediglich ein einziger Mensch wusste, wie das funktionieren sollte: Professor Emil Planck, von dem aber seit über fünf Wochen niemand mehr etwas gehört oder gesehen hatte.

Statt des renommierten Forschers schwebte nun ein Ersatzmann aus dem Labor der Zeppelinstation an Stahlseilen heran – der Doktorand Kimi Hoorn, zwei pappende Overheadfolien in den Händen haltend. Der gescheiterte Doktorand Kimi Hoorn, wie er sich selbst nannte. Der Lückenbüßer. Warum hatte er sich nicht einfach geweigert? Das Rascheln seines Jackenstoffs übertönte für einen Augenblick das monotone Heulen des Windes. Er hatte um Aufschub gebeten, aber die Vorstellung des Ballonprojekts war der letzte und wichtigste Programmpunkt der großen Einweihungsfeier, eine Art Finale. Der Höhepunkt und letzte Schachzug des Premierministers. Kimi warf einen Blick auf seine Folien. Handbeschrieben. Auf der reflektierenden Oberfläche sah er sein Spiegelbild, ein schiefes Grinsen hinter grünen Filzstiftbuchstaben. Gedankenversunken strich er sich den Pony zur Seite. Es war, wie es war. Er hatte weder Zeit für eine Rasur gehabt, noch hatte er seine Kaschmirjacke überziehen können.

Die Gondel hielt mit einem Ruck, eine Sekunde später ließ sich die Türverriegelung öffnen. Kimi drückte die Schiebetüren auf, nahm sein Gewehr und zwängte sich mit den Folien unter der Daunenjacke hinaus ins Freie. Die Zündschlüssel steckten im Schneemobil, so wie er alles zurückgelassen hatte. Die Maschine startete sofort, und mit heulendem Motor fuhr er die Strecke durch die vegetationsfreie Landschaft hinunter in das etwa einen Kilometer entfernte Ny-Ålesund. Der feine Schnee wurde von den Kufen aufgewirbelt, ein Rentierkalb trottete von dannen, der Weg in den Ort war leicht und schnell zu befahren.

Zwischen den alten Holzhütten aus der Zeit des Kohletagebaus und den ausgeblichenen Forschungsgebäuden, ebenfalls älteren Datums, stach das neue Botaniklabor mit seiner hellblauen Farbe leuchtend hervor. Darauf steuerte er zu.

Kimi riss die Waffe an die Brust, bevor er von seinem Fahrzeug sprang und die Stufen der Eingangstreppe hochlief. Saß der norwegische Premierminister schon ungeduldig oben im Hörsaal, starrte in die Luft und wartete auf einen total verspäteten Doktoranden? Kimi riss die Glastür auf und wollte in den Eingangsbereich stürmen.

»Stehen bleiben!«

Er hörte die Worte, reagierte aber nicht.

»Bleiben Sie sofort stehen!«

Der Sinn des Gesagten drang jetzt erst zu ihm durch. Kimi sah einen Mann im asphaltgrauen Anzug, der seine Hand unter das Jackett gesteckt hatte, daneben seinen Kollegen mit gezogener Waffe.

»Das Gewehr auf den Boden! Ganz langsam!«

Kimi gehorchte.

»Nicht so schnell! Gehen Sie einen Schritt zur Seite!«

»Wer sind Sie?«, stammelte Kimi.

»Die Frage lautet wohl eher, wer Sie sind? Na, na ... bleiben Sie, wo Sie sind! Sie stürmen hier mit einem Gewehr ins Gebäude und wollen einfach so in den Hörsaal laufen.«

Obwohl ihn niemand dazu aufgefordert hatte, stand Kimi mit erhobenen Händen da. »Selbstverteidigung. Gegen Eisbären.« Er schnappte nach Luft. Die Overheadfolien rutschten aus seiner Jacke. »Alle hier müssen eine Waffe tragen. Das ist Pflicht, wenn man allein da draußen unterwegs ist.«

Der asphaltgraue Sicherheitsbeamte zog die auf dem Boden liegenden Folien mit der Schuhspitze zu sich heran und betrachtete sie mehr oder weniger interessiert. Es knirschte, als das Plastik über den rauen Bodenbelag rutschte. Dann steckte der blaue Beamte seine Waffe wieder ins Holster zurück. »Okay. Wir kennen diese Regelung. Sie dürfen Ihre Hände wieder runternehmen.«

Kimi gehorchte. Seine Hände zitterten.

»Aber es wäre für uns alle einfacher, wenn Sie das nächste Mal nicht so angerannt kämen«, sagte der Blaue und lächelte unsicher, während sein Kollege Kimis Gewehr nahm, das Magazin leerte und ihm die Waffe zurückgab.

Kimi ärgerte sich über die Kratzer auf den Folien, ließ die beiden Männer stehen und drückte die Tür zum Hörsaal des Botaniklabors auf.

Bloß nicht die Zuhörer ansehen oder ihren Blicken begegnen, noch nicht, redete er sich zu. Geh ungezwungen und elegant wie auf einem Laufsteg einfach geradeaus. Die kurze Strecke zum Rednerpult war das Einzige, was ihm in diesem Augenblick durch den Kopf ging.

Mit einer lakonischen Geste wies Kimi den Hörsaaltechniker an, die gesamte Multimediaausrüstung auszuschalten und stattdessen einen alten Overheadprojektor aufs Podium zu schieben. Das Gerät dröhnte laut. Die erste Folie kam auf das Projektionsglas, das Bild wackelte und wurde schief an die Wand geworfen. Aber bevor der Regierungschef und sein Gefolge sich in die Abbildung vertiefen konnten, lenkte Kimi ihre Aufmerksamkeit zurück zum Rednerpult und warf ein zauberhaftes Lächeln in den Saal.

»Mein Name ist Kimi Hoorn. Und eigentlich sollte ich hier gar nicht stehen.«

Hatte sein Lächeln eine Wirkung erzielt? Ja, es schien funktioniert zu haben, und er fühlte sich besser, auch wenn er wusste, dass ihm jede noch so gut einstudierte Mimik nur wenige Sekunden Aufschub verschaffte.

»Ich werde versuchen, Ihnen das geplante Experiment anhand weniger Bilder zu erläutern, die ich auf die Schnelle skizziert habe. Wie Sie aus dem Programm ersehen können, steht Emil Planck hinter dieser Initiative und leitet auch die gesamte Versuchsanordnung. Ich bin sein Assistent. Professor Planck ist selbstverständlich im Besitz weitaus ansprechenderer Bilder und Aufnahmen. Aber ...«

Der Forschungsdirektor des Norwegischen Polarinstituts, ein großer Mann in einem karierten, offenen Hemd, unterbrach ihn mit diplomatischer Eleganz und erläuterte dem Auditorium, dass es Professor Planck leider nicht möglich gewesen sei, an der Konferenz teilzunehmen. Plancks Mitarbeiter Kimi Hoorn habe glücklicherweise so kurzfristig für ihn einspringen können. Seine Brust hob und senkte sich unter dem blau melierten Seidenpullover, und Kimi merkte, wie viel leichter ihm das Atmen fiel, wenn jemand anderes das Wort hatte.

»Ja, hier taucht man wohl auch nicht so mir nichts, dir nichts auf«, warf der Premierminister ein. »Wie oft landet hier ein Flugzeug? Einmal in der Woche? Zweimal?« Ihn schien es offensichtlich zu amüsieren, dass Planck sich dafür entschieden hatte, nicht vor ihm und seiner Gefolgschaft zu erscheinen, die aus der Umweltministerin, zwei Staatssekretären, deren Pressereferenten, acht weiteren Mitarbeitern sowie einigen geladenen Journalisten bestand.

»Was hat dieser Planck denn für andere, wichtige Angelegenheiten zu erledigen?«

Kimi zögerte mit der Antwort, während einer der Mitarbeiter kurz über die Flugverbindungen informierte. Als die erhobene Hand des Premierministers diese Ausführungen abrupt unterbrach, sah er sich jedoch gezwungen, etwas zu sagen.

»Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung, wo er sich befindet.« Kimi sah, dass der Premier dies zur Kenntnis nahm, während sich die drei Journalisten weiter hinten im Hörsaal eifrig Notizen machten. Kimi wagte einen neuen Versuch.

»Lassen Sie uns nun kurz das Experiment ansehen, um das es geht! Ziel ist die Messung des Fluormethangehalts in der Stratosphäre. Sie haben richtig gehört, Fluormethan, eines der sechs Treibhausgase, deren Emission laut Forderung des Kyoto-Protokolls reduziert werden soll. Ein äußerst schädliches Gas. Sechstausend Mal schlimmer als das gewöhnliche Kohlendioxid.« Bei diesen Worten zeigte er auf die Sechstausend, die er mit dem Filzstift in die obere Ecke der Folie geschrieben hatte. Durch das Zittern seiner Hand verwischte die Zahl, die Spitze des Stiftes hüpfte unruhig über die Folie. »Die Versuchsanordnung sieht vor, mithilfe eines Forschungsballons Luftproben in circa zwanzig Kilometern Höhe zu nehmen. Niemand hat das bisher so weit im Norden versucht. Ein einzigartiges Vorhaben. Mit dem Ballon werden zwei Stahlflaschen aufsteigen. Wenn er die richtige Höhe erreicht hat, öffnet sich ein Ventil, Luft wird eingesogen, und das Ventil schließt sich wieder. Damit ist die Luftprobe gesichert. Etwas später, in noch größerer Höhe, geschieht dasselbe mit der zweiten Flasche. Danach werden beide abgeworfen.« Kimi zeigte mit dem Stift auf seine naive Zeichnung, auf der die Stahlflaschen wie zwei Bomben vom Korb des kugelrunden Ballons auf ein darunter stehendes Strichmännchen fielen.

»Es wird noch ungefähr eine Woche dauern, bevor wir den Ballon tatsächlich steigen lassen können, möglicherweise auch zwei oder drei. Wir müssen abwarten, bis sich die Jetströme gelegt haben und ihre Richtung ändern. Dann, und nur dann, kann der Ballon gestartet werden. Wir wissen noch nicht genau, wann das sein wird.«

»Und was geschieht danach mit ihm? Also, mit dem Ballon?« Eine Frau mit randloser Brille erhob sich, während sie ihre Frage stellte.

»Er wird davongetrieben ... Unser Interesse gilt selbstverständlich den Flaschen, sie haben Fallschirme, das hatte ich vergessen einzuzeichnen.« Und dann verlor Kimi sich in einer wortreichen Erläuterung darüber, wie das Forscherteam die wertvollen Proben in der Eiswüste aufspüren würde. Nach außen wirkte er ruhig und gelassen, während seine Zunge nervös hinter seinen makellosen weißen Zähnen hin und her fuhr. Er sah, wie die Journalisten ihre Stifte aufs Papier senkten, als sein Bericht den Höhepunkt erreichte: wie die Proben mithilfe einer besonderen Apparatur eingelesen werden würden.

»Ich meine, vorhin die Frage gehört zu haben, wie hoch das zu erwartende Messergebnis sein wird. Wahrscheinlich wird es sich im Bereich von achtzig ppt bewegen. Was ppt ist? Der billionste Teil. Richtig, das ist nicht besonders viel, aber vergessen Sie bitte nicht: Es handelt sich dabei um ein sehr schädliches Gas. Es ist zweifellos eine Herausforderung, eine solche Messung überhaupt vorzunehmen, aber die Ausrüstung hier in Ny-Ålesund ist absolute Weltklasse.«

Hier warf der Forschungsdirektor ein, dass sich das vortreffliche Instrument im Labor der Zeppelinstation befände, und schielte verstohlen zur Uhr.

Fragen zu den Kosten wehrte Kimi ab, indem er lauter kleine Einzelposten aufzählte und es wie eine Antwort klingen ließ, auch wenn es keine war. Als er gefragt wurde, wer die zu quantifizierenden Verursacher der Fluormethanemission seien, antwortete er: »Aluminiumschmelzöfen – die Produktion von Rohaluminium ist die Quelle von bis zu neunzig Prozent des gesamten Fluormethans. Einigen Schmelzofenbetreibern ist es bereits gelungen, ihren CF4-Ausstoß zu reduzieren, anderen nicht. Unabhängig davon, oder fast unabhängig davon, steigt der CF4-Gehalt in der Atmosphäre kontinuierlich an. Natürlich wäre es hinsichtlich des Treibhauseffekts besser, wenn sich der CF4-Gehalt verringerte, denn dieses Gas hält sich eine Ewigkeit in der Atmosphäre, mindestens fünftausend Jahre. Folglich wird der Gehalt, solange wir leben, stetig ansteigen.« Kimi lächelte verlegen.

Der Forschungsdirektor erhob sich mit einem Räuspern.

»Um zum Schluss zu kommen ...«, setzte er an.

Kimi wollte erleichtert aufatmen, als der Direktor vom Premierminister unterbrochen wurde: »Einen Augenblick noch!« Dann wandte er sich an seine Kollegin aus dem Umweltressort. Sie beugte sich eifrig vor, und die beiden unterhielten sich flüsternd.

Kimi blieb abwartend am Rednerpult stehen. Aus dem Getuschel hörte er ein »muss ich fragen« heraus.

Die Angesprochene richtete sich wieder auf, erhob sich dabei fast von ihrem Stuhl und zeigte mit einem teuren Stift in Richtung Podium. »Die vorherrschende Meinung über dieses große Experiment ist – darüber sind wir uns einig –, dass es sich hierbei um das kostspieligste Unterfangen in der Forschungsgeschichte von Ny-Ålesund handelt. Würden Sie uns daher das Vorhaben bitte noch einmal kurz zusammenfassen?«, sagte sie und senkte ihren Stift.

»Wie ich bereits angeführt habe, werden wir Messungen ...«

»Ja doch. Das haben wir schon verstanden. Fluormethan. Stratosphäre. Aber sollten Sie wirklich höhere Werte feststellen, oder gar niedrigere, was würde das bedeuten?«

»Ein niedriger Wert wäre natürlich wesentlich besser ...«

»... als ein höherer, das klingt plausibel. Aber wie lautet Ihre Hypothese? Was ist Ihre wissenschaftliche Annahme?«

»Professor Emil Planck hätte Ihnen da eine konkretere Auskunft geben können ...«

»Geben Sie uns einen Einzeiler, bitte, die Lightversion ist vollkommen ausreichend!«, bat einer der Journalisten aus den hinteren Reihen.

»Die Lightversion ... Ich weiß nicht so recht ...« Kimi tastete nach einem Schlipsknoten, den er nicht hatte.

»Nein, mühen Sie sich nicht mit dem Light ab. Erzählen Sie uns alles so ausführlich wie nötig.« Die Umweltministerin war Professorin in anorganischer Chemie und schreckte offenbar nicht vor ein oder zwei Formeln zurück.

»Ich weiß nicht so genau ... Nein, eigentlich gar nicht. Professor Planck ...«

»... wird in Kürze hier erwartet, damit er die Frage beantworten kann«, der Forschungsdirektor unterbrach Kimi, der sich trotz seines beherrschten Äußeren und seines unverwüstlichen Leinwandlächelns fühlte wie ein Boxer, der die Ringseile touchierte.

»Wir werden mit einer vollständigen Antwort auf Sie zurückkommen, sobald uns dies möglich ist«, fügte der Forschungsdirektor hinzu und bekräftigte seine Worte mit einem Kopfnicken.

Stuhlbeine scharrten über den nagelneuen Linoleumboden, als sich nun die etwa zwei Dutzend Zuhörer erhoben. Viele der Forscherkollegen, die vor Kimi Hoorn am Rednerpult gestanden hatten, diskutierten angeregt, aber gedämpft miteinander, so als würden sie das Gesagte in ihrem kleinen Kreis bewahren wollen. Kimi sah nur ein einheitliches Kopfschütteln, während sie auf den Ausgang zugingen. Einige der Forscher wurden von den Journalisten mit Fragen belagert. Aber offensichtlich sah sich niemand veranlasst, auf ihn zuzukommen, ihn, den Doktoranden von der Universität Göteborg, der nach Ny-Ålesund im Norden von Spitzbergen gereist war, um bei einem epochalen Experiment mitzuwirken, dessen Präsentation allerdings soeben gescheitert war. Verloren stand er da mit seinen verschmierten Folien in der Hand.

Fünfundzwanzig Minuten Vorwarnzeit hatte er gehabt, wovon fünfzehn für den Weg mit der Seilbahn draufgegangen waren.

»Das werden Sie doch mit Bravour meistern!«, hatten seine einzigen Instruktionen gelautet.

Auch schien es bisher keiner ernst genommen zu haben, dass Planck tatsächlich spurlos verschwunden war.

Kimi sank auf einen Stuhl, als hätte jemand die Luft aus ihm rausgelassen. Planck war verschwunden. Auch dieses Mal würde es ihm nicht gelingen. Erneut würde ihm eine große Chance ungenutzt zwischen den Fingern zerrinnen.

Die Regierungsdelegation bewegte sich wie ein kleiner Bienenschwarm zum Ausgang, während der Forschungsdirektor, wie so oft, eifrig mit den Armen wedelte. Die Minister nickten ihm zu. Lachten. Es schien im Großen und Ganzen eine erfolgreiche Einweihungsfeier gewesen zu sein.

Der Premierminister hob sein Glas. »Lassen Sie uns anstoßen – auf Spitzbergen und die Wissenschaft!«

Die Frau gegenüber von Kimi nahm einen großen Schluck aus ihrem Rotweinglas und sah ihm danach viel zu tief und viel zu lange in die Augen.

»Mir gefiel Ihr Auftritt wirklich außerordentlich gut«, sagte sie. »Er war ... anders ... so ... ehrlich.«

Kimi sah sie fragend an. Sein Auftritt war miserabel gewesen, wie wohlwollend man das auch betrachten wollte. Er hatte sich bereits an das äußerste Ende der Tafel gesetzt und hätte am liebsten das ganze Dinner sausenlassen, wenn ihm das möglich gewesen wäre. Ihm fiel nichts Vernünftiges ein.

»Andere wollen immer so wahnsinnig klug erscheinen«, sagte die Frau. »Patent. Raffiniert. So überirdisch intelligent.«

Aha, dachte sich Kimi. Sie kennt mich seit zwei Stunden und behauptet schon jetzt, ich sei dumm.

»... mit anderen Worten, ich hege die Hoffnung, dass ...«, hörte Kimi den Premier sagen. Gleichzeitig war er sich der Tatsache bewusst, dass es kein Zufall sein konnte, dass die Frau sein Bein ein zweites Mal aus Versehen berührte. »... das Wagnis, welches das neue Botaniklabor für uns bedeutet ...« Sie hatte ihren Blick auf den Premierminister gerichtet, als wäre nichts geschehen. Was dachte sie sich eigentlich dabei? »... die Versäumnisse der vorangegangenen Regierung ...« Das war doch ein Zeh, den er da spürte! Sie hat ihren Schuh abgestreift! »... wir Norweger müssen auch an die Zeit nach dem Ölboom denken ...« Kimi schob den Stuhl zurück, stand auf und ging.

Einige Minuten später befand er sich in seinem kleinen Zimmer und ärgerte sich über seine Jacke. Alle anderen hatten Hemd und Schlips zum Dinner getragen. Nur er nicht, er hatte dafür als Einziger einen Leinenblazer angehabt. Und das hier oben, am Nordpol. Nicht einmal seine Kleidung hatte er im Griff.

Er setzte sich aufs Bett und starrte auf die weiß gestrichene Raufasertapete. Er versuchte, sich eine vernünftige Versuchsanordnung einfallen zu lassen, eine, die er in den vergangenen drei Wochen noch nicht im Labor hoch oben auf dem Berggipfel aufgebaut hatte. Er traute sich nicht, Ulrika anzurufen. Wahrscheinlich schlief sie schon und würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn das Telefon plötzlich klingelte. Diese Vernissage, zu der sie wollte, war doch erst am Mittwoch? Oder schon heute? Dann wäre sie bestimmt noch unterwegs. Er versuchte, die Bruchstücke seiner Erinnerung zusammenzufügen, aber es gelang ihm nicht. Deshalb wählte er zur Sicherheit den virtuellen Weg, um sie zu erreichen.

Der Bildschirmschoner verschwand beim ersten Tastendruck, das E-Mail-Programm war bereits geöffnet, ein leeres, weißes Textfeld wartete auf ihn. Es durfte auf keinen Fall eine Aufzählung von Trivialitäten werden, für Schneemobile oder Eisbären interessierte sich Ulrika nicht. Es sollte von etwas Großem, Gefühlvollem, Tiefem handeln. Darüber, wie es ihn enttäuschte, wenn andere Menschen nur sein hübsches Äußeres sahen, nicht hinter die Fassade blickten. Er folgte alten, oft bearbeiteten Gedanken, kleidete sie in neue Worte, hämmerte diese in die Tasten und sah, wie sich der Text vor seinen Augen entwickelte.

Er überflog die Mail. Die Klage über seinen Kummer, für attraktiv, aber dämlich gehalten zu werden, umfasste fast fünfzig Zeilen. Er löschte alles und erhob sich vom Schreibtischstuhl.

Dieses Zimmer ging ihm auf die Nerven.

Dabei gab es, objektiv betrachtet, keinen Grund zur Klage. Alles war nagelneu, kein Kratzer auf dem Linoleum, die Kiefernmöbel hell und unbenutzt, die Federn der Jalousien voller Spannung. Er sah sich um. Der Raum war sehr zweckgemäß eingerichtet worden, die Rohre an der Decke waren mit kleinen Schildern versehen, und aus den Lamellen neben dem Schreibtisch drang die Heizungsluft ins Zimmer.

Es war ein Platz für Menschen, die Spitzbergen nur besuchten, um Resultate zu erzeugen, ein professioneller Ort für effektive Menschen.

Er überlegte, wie er an ein großzügiges Glas Whisky kommen könnte, ohne zurück zum Bankett gehen zu müssen. Aber ihm fiel nichts ein.

Erneut begann er, das freie Textfeld zu füllen. Er erzählte von seinem Treffen mit dem Premierminister. Über den kurzen Augenblick im Rampenlicht während der Präsentation des neuen Forschungsvorhabens. Erwähnte seinen Platz am VIP-Tisch beim Dinner. Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. Und jedes entsprach der Wahrheit. Aber würde Ulrika den Unterton verstehen, die Ironie bemerken? Dass er eigentlich gar nichts zu sagen gehabt hatte? Dass die Person, von der er vollkommen abhängig war, Emil Planck, nicht aufzufinden war? Würde sie das Offensichtliche, das er nicht zu formulieren wagte, begreifen? Dass Plancks Abwesenheit seine letzte Chance zunichtemachte, nach drei ergebnislosen Promotionsjahren endlich den Ansatz einer wissenschaftlichen Entdeckung vorlegen zu können?

Er trat vor den Spiegel und betrachtete lange seine Augen, deren besondere grüne Farbnuance ihm einst in der Kartei einer der führenden Modelagenturen eine eigene Unterrubrik verschafft hatte. Er sah aus wie immer. Wie jemand aus einer x-beliebigen Hochglanzmagazinreklame für klebrige Cremes ohne Eigenschaften, Tabletten ohne Wirkung oder etwas anderes Oberflächliches, das er hinter sich gelassen hatte.

Seine heutige Leistung jedoch war nicht mehr als ein schlechter Witz gewesen, eine weitere Szene in einer Forscherlaufbahn, die sich in Kimis Augen zu einer Farce entwickelte, einer schwarzen Komödie, bei der alle Lacher auf seine Kosten gingen. Er überlegte kurz, aufs Ganze zu gehen, die Posse zu beenden und eine Einladung zu verschicken:

Herzlich willkommen zu Kimi Hoorns Disputatio, in der er seine Dissertation »Woran man erkennt, dass ein Typ hohl ist« verteidigen wird. Hierin geht es um die Hintergründe des soziologischen Gesetzes, welches besagt, dass der Mensch sehr gut aussehende Artgenossen zwar zu schätzen weiß, jedoch gleichzeitig der festen Überzeugung ist, diese wohlgeratenen Exemplare seien wesentlich dümmer als er selbst. Ein herzliches Willkommen sei besonders an all jene Mitglieder der selbsternannten Kulturelite gerichtet, die meinen, sie würden Ulrika Malmsten kennen. Bitte beachten Sie: Diese Disputatio ersetzt die ursprünglich geplante Arbeit über den Einfluss des Fluormethans auf den Treibhauseffekt, die leider mangels Ergebnissen eingestellt werden musste.

Er kicherte und zog sich seinen Fleecepullover und die Daunenjacke an. Ihm war ein möglicher, oder zumindest nicht vollkommen ausgeschlossener Weg eingefallen, wie er mit Plancks Dateien weiterarbeiten könnte. Er schrieb einen Einzeiler an Ulrika, dass er sie liebe, und fuhr mit der Seilbahn zurück ins Labor.

Kapitel 2

Diana McManus sah, wie sich endlich die Tür zwischen den zwei Ölporträts an der Wand öffnete und der Anwalt Lewitt den Konferenzraum betrat. Er lächelte seinem Gast freundlich zu und legte zwei Papierstapel mit Spiralbindung auf den schweren Eichentisch.

»Entschuldigen Sie bitte, dass Sie warten mussten, Frau McManus. Jetzt dürfte so weit alles seine Richtigkeit haben.«

Er zog einen Stift aus der Innentasche seines tadellos sitzenden Jacketts und schob ihn Diana zu.

»Selbstverständlich können Sie den Vertragstext in aller Ruhe noch einmal durchlesen, wenn Sie es wünschen. Kein Problem.« Er strich sich über die zurückgekämmten Haare.

»Absolut kein Problem«, murmelte auch der Mann am Kopf des Tisches und steckte seinen Stift zurück in die Tasche.

Diana hob den obersten Stapel hoch und blätterte die hinteren Seiten durch. Sie wurde daran erinnert, warum ihre Vereinbarung auf über dreißig eng bedruckten Seiten festgehalten werden musste. »Das Abkommen führt nicht zu einem Angestelltenverhältnis«, hieß es in einem der Paragraphen, der auf beinahe zwei Seiten ausführte, was das im Einzelnen bedeutete. »Das Abkommen führt nicht zur Gründung einer Firma«, lautete ein anderer Paragraph. Sie las hier und dort einige Zeilen und war entsetzt, wie Menschen freiwillig ihr Leben mit dem Verfassen von so vielen, sinnlosen Paragraphen verbringen konnten.

Sie warf die Unterlagen mit etwas zu viel Schwung zurück auf den Tisch, so dass sie einmal quer über die glatte Oberfläche rutschten. Überrascht musterte Lewitt sie durch seine Schildkrötenbrille, der andere Mann hingegen hatte seinen Blick auf den Anwalt geheftet.

»Frau McManus ...?«

»Das sieht gut aus.«

»Ach so, ja. Gut! Dann kommen jetzt die Unterschriften ...«

Diana nahm den schweren, kalten Stift in ihre Rechte, blätterte mit der Linken zu den Seiten mit den markierten Zeilen. Unter der einen stand Diana McManus, Generalsekretärin Serve Earth, unter der anderen der nichtssagende Name des zweiten Mannes am Tisch sowie der Name der Firma von den Cayman-Inseln, die er vertrat.

»Ist Ihr Titel so richtig geschrieben?«, fragte Lewitt.

»Ja, Generalsekretärin.«

Sie blätterte mit dem Daumen die Seiten von hinten durch, von den unwichtigen Bemerkungen am Ende bis zu den bedeutungsvolleren im vorderen Teil. »Die Parteien sind sich darüber einig, dass Serve Earth ...« Zuerst las sie die einzelnen Passagen genauso sorgfältig wie beim ersten Mal, ging dann aber dazu über, die Zeilen schnell zu überfliegen, um festzustellen, dass nichts Bedeutsames verändert worden war. Dann schlug sie die Seite für die Unterschriften wieder auf und unterschrieb schwungvoll.

»Und das zweite Exemplar ...« Lewitt legte die Kopie mit der Handbewegung eines Croupiers auf den Tisch, Diana drehte an dem Stift.

Sie beobachtete, wie der andere Mann eine Vollmacht aus der Jacke holte, Lewitt aber hatte kein Interesse daran, diese genauer zu begutachten, und setzte seine Unterschrift neben die von Diana.

Die eigentlichen Akteure sind heute beide nicht vertreten, dachte sie. Dieser Typ ist doch nur ein Mittelsmann, den ich nicht kennenlernen will oder muss. Der Eindruck eines Stellvertreters verstärkte sich noch, als er einen Scheck herausholte, ihn unterschrieb und ihr reichte, ohne eine Spur von Bedenken, sich von einem Betrag dieser Größenordnung zu trennen. Diana steckte das kleine Stück Papier ins Innenfach ihrer flauschigen Umhängetasche.

»So ... Ja, schön! McManus – schottisch?«, fragte der Anwalt.

»Wahrscheinlich früher mal. Ich bin viel herumgekommen«, antwortete Diana. Das klang neutral, befreite von weiteren Verpflichtungen. Sie hatte keine Lust, Details aus dem turbulenten Leben ihrer Familie preiszugeben, die in aller Herren Länder gezogen war, um die Kampfflugzeuge des Arbeitgebers ihres Vaters zu verkaufen.

»Ich verstehe«, sagte Lewitt, öffnete einen Karton und holte ein klobiges, graues Telefon heraus. »Das hier ist auch Teil der Abmachung, die gerade geschlossen wurde«, sagte er und reichte ihr den Apparat. »Das Telefon muss unter freiem Himmel benutzt werden, es darf sich kein Hindernis zwischen Antenne und Satellit befinden.« Diana nickte stumm und ließ das Gerät in ihre Tasche gleiten, spürte sein Gewicht, wie das einer Prothese, von der man sich nicht befreien kann.

Diana und die beiden Herren erhoben sich, besiegelten ihr Abkommen per Handschlag und beendeten ihr Treffen. Ihr Vertragspartner, der zu Beginn seine Forderungen heruntergerasselt hatte und dann mehr oder weniger in Schweigen verfallen war, streckte ihr die Hand entgegen. Sie war warm und feucht, der Rest des Mannes aber wirkte kalt wie ein Fisch. Dich will ich nie wiedersehen, dachte Diana. Sie hatte genug von mahagonigetäfelten Wänden und Holzverzierungen, die an die Oberfläche einer Ananas erinnerten. Sie hatte dieses verworrene Fachchinesisch der Juristen und den dünnen Tee satt, dem sie die letzten drei Stunden ausgesetzt gewesen war. Drei Stunden auf dem Lederstuhl in einem fensterlosen Konferenzraum im zweiten Stock der Anwaltskanzlei von Thornthorp Lewitt. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, dass sie dieser Welt auch angehört hätte, wenn sie nicht rechtzeitig von der Universität gegangen wäre. Erneut durchfuhr sie ein Schaudern, sie wollte nur schnell von hier verschwinden.

»Möchten Sie kein Vertragsexemplar mitnehmen?«, fragte Lewitt, als sie sich zur Tür wandte. Er klang irritiert.

»Nein, das hatte ich eigentlich nicht vor.«

»Aber Ihnen ist doch hoffentlich klar, dass Sie die Verpflichtung haben ...«

»Meine einzige Verpflichtung ist es, ab und zu ein Telefonat zu führen. Trotz all dieser Paragraphen. Das Telefon habe ich, und die Nummer ist notiert.«

»Ja, doch ... Es ist richtig, dass der konkrete Gegenstand der Vertragsabsprache erst während der einzelnen Telefonate formuliert wird, aber wir haben uns doch über eine Vielzahl von Vereinbarungen verständigt – die Rede ist hier von einem vierunddreißigseitigen Vertragstext. Niemand kann sich an so viele Einzelheiten erinnern!« Lewitt nahm die Brille ab, was seine Augen viel kleiner aussehen ließ und auch weniger freundlich als zuvor.

»Ich habe keinen Ort, an dem ich den Vertrag aufbewahren könnte. Und ihn an Bord zu haben, wäre keine gute Idee. Ein anderes Zuhause habe ich im Moment nicht.«

»Und einen eigenen juristischen Beistand sicher auch nicht!«

»Nein, nichts dergleichen.«

Lewitt erklärte sich bereit, die Unterlagen in seiner Akte aufzubewahren. Diana konnte nicht einschätzen, wie selbstlos dieses Angebot war, aber darüber wollte sie sich in diesem Moment keine weiteren Gedanken machen.

Erleichtert stieß sie die Eingangstür auf und verließ das Gebäude. Auf dem kleinen Treppenabsatz blieb sie stehen und hörte die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Sie streckte sich, legte den Kopf in den Nacken und kniff die Augen so fest zu, dass sich feine Fältchen bildeten. Dann öffnete sie die Augen wieder und kniff sie erneut zu, mehrere Male hintereinander.

Im Taxi zur Bank konnte Diana kaum einen zusammenhängenden Gedanken fassen. Der Fahrer hatte auf ihren Wunsch, sie zur nächsten Barclays-Filiale zu bringen, lediglich mit einem Nicken reagiert, das Taxameter angestellt und Gas gegeben. Der Bankangestellte am Schalter war dafür weitaus gesprächiger. Er brachte sie zum Lachen, hell und klingend, eine Seltenheit in dieser Welt aus Panzerglas und Mikrofonen.

»Nein, wirklich nicht«, antwortete sie, nachdem sie sich wieder gefangen hatte. »Ich bin keine großzügige Spenderin.«

Sie erklärte, sie sei eine Repräsentantin von Serve Earth und wolle den Scheck auf das Konto der Umweltorganisation einzahlen.

»Ich bin die Generalsekretärin. Wollen Sie meine Legitimation sehen?«

Der Schalterbeamte schüttelte energisch den Kopf.

»So etwas benötigen wir nur, wenn Sie Geld abheben. Es wird wohl niemand beim Überweisen eines Vermögens auf das Konto eines anderen betrügen. Nein, es ist alles in Ordnung so. Gleich wissen wir Bescheid, ob der Scheck gedeckt ist ... so, erledigt ... und die Quittung.«

Als Diana wieder auf der Straße stand, wusste sie zunächst nicht, wohin sie gehen sollte. Sie hatte in letzter Zeit wenig in der Gegend westlich von Kensington Garden zu erledigen gehabt, sich immer mehr im Osten der Stadt, in der Nähe des Hafens aufgehalten. Für Mitte April war es schon ungewöhnlich warm, was ihr zuvor nicht aufgefallen war. Jetzt aber hängte sie sich ihre Jacke über die Schulter. Ihre Kleidung hatte sie sorgsam ausgewählt, um den richtigen Eindruck zu vermitteln. Ausreichend seriös, um Vertrauen zu schaffen, und angemessen alternativ, um ihre eigene Sache glaubhaft zu vertreten.

Emil Planck musste nun so schnell wie möglich erfahren, dass sie jetzt endlich zu ihm aufbrechen konnten. Sie hatte sich lange genug Zeit gelassen. Glücklicherweise war er nicht aufdringlich gewesen, hatte weder angerufen noch gemailt, um sie unter Druck zu setzen. Sie schätzte seine umsichtige Art und war deshalb umso mehr bestrebt, ihm die guten Nachrichten zu verkünden. Das Geld war auf dem Konto. Sie rief ihn an. Planck ging nicht an den Apparat. Sie wartete geduldig die Ansage ab.

»Hej, hier ist Diana McManus von Serve Earth. Es ist alles arrangiert, wir können lossegeln. Natürlich nicht sofort, aber so in drei Wochen, denke ich. Dann sind wir in etwa fünf Wochen in Spitzbergen. Das wird aufregend, ich rufe an, sobald ich Genaueres weiß. Bis dann, alles Gute.«

Der nächste Anruf ging an die Frau, die mittlerweile alleine das mikroskopisch kleine Büro ihrer Organisation leitete.

»Ich bin’s. Es ist vollbracht. Das Geld müsste im Laufe des Tages aufs Konto eingezahlt werden. Ein Haufen Kohle ist das. Nicht, dass du glaubst, es sei ein Fehler, und alles wieder zurücküberweist ... Wie bitte? ... Nein, ich glaube nicht, dass an der Sache was faul ist. Es gibt noch gute Menschen mit zu viel Geld, so kompliziert ist es gar nicht.«

Aber eigentlich war es das eben doch, dachte Diana, einen Hauch komplizierter. Sie beendete das Gespräch.

Die Pforte zu dem kleinen Park neben der Kirche stand offen. Im Schatten der alten Backsteinmauer saßen Leute und picknickten, drei Bänke waren noch frei. Diana wählte die unter einer Weide, vor der der Boden mit dünnen Zweigen bedeckt war. Hier würde sie bestimmt eine Weile in Ruhe sitzen können.

Zuerst die Werft. Sie holte einen dicken Stapel Papier mit lauter Eselsohren hervor, die Kostenvoranschläge und die E-Mail-Korrespondenz. Der Werftbesitzer klang genervt, als er Dianas Namen hörte, beruhigte sich aber schnell wieder.

»Meinetwegen können die Reparaturarbeiten schon morgen beginnen. Geld? Ja, das haben wir. Ganz sicher, auf dem Konto! ... natürlich kann ich Ihnen einen Kontoauszug mitbringen, aber vielleicht wäre ein Vorschuss besser ... Heute noch, versprochen, ich bringe den Einzahlungsbeleg mit ... Die Reserveteile liegen doch seit unserer letzten Abmachung bereit, oder ... auf einem sauberen Stapel? Ja, ich weiß, das war ein wildes Hin und Her, entschuldigen Sie bitte. Aber das Geld ist bald auf Ihrem Konto. Wir sehen uns dann morgen ... Wie bitte? Nein, ich werde den Einzahlungsbeleg bestimmt nicht vergessen.«

Der Nächste war Peter. Sie holte den frankierten Umschlag mit dem Arbeitsvertrag hervor und legte ihn sich auf die Knie, der dicke Papierstapel diente als Unterlage. Sorgfältig trug sie seinen Namen in den Vertrag ein, ungewöhnlich deutlich, ohne zu zittern. Peter Larrington war ein professioneller Skipper, ein ausgebildeter Ocean Yachtmaster, mit Sextant und allem Drum und Dran. Vor kurzem war er noch als Steuermann auf einer 110-Fuß-Segelyacht im Mittelmeer gefahren. Er schien ein sehr zuverlässiger und angenehmer Kerl zu sein, und sie freute sich darauf, ihm von dem unterschriftsreifen Vertrag erzählen zu können. Ihre Nachricht auf seinem Anrufbeantworter beendete Diana mit den Worten, dass sie sich auf die Zusammenarbeit freue und er in den nächsten drei Wochen anheuern könne.

Diana hatte sich für Peter vor allem wegen seiner fachlichen Kompetenz entschieden, weniger wegen seiner politischen Ansichten. Sie war vorgegangen wie eine Regierung bei der Kabinettsbildung, die sich eher für einen politikfernen Justizminister entscheidet. Hin und wieder war die Zusammenarbeit mit einer qualifizierten Person von Vorteil, die ihre Aufgabe mit professionellen Augen betrachtete und frei von ideologischen Überlegungen agierte.

Zuletzt wählte sie die Nummer von Klaus Höltzenbein. Er meldete sich auf Deutsch, wechselte ins Englische und stotterte anfangs ein wenig herum. Im Hintergrund hörte Diana Lärm und Geschrei und ein leises Surren, so als hätte Klaus seine Kamera geschultert, während sie miteinander sprachen.

»Wunderbar. Klar, kannst du mir den Vertrag schicken. Aber das ist nicht so wichtig. Ich komme auch so mit. St. Katharine Docks, ja. Bei den Towern, okay. Kein Problem. Ich nehme den Zug durch den Eurotunnel, sobald das hier abgedreht ist. Phantastisch!«

Klaus war jung, Kameramann und Autodidakt. Auf den ersten Eindruck vollkommen chaotisch, aber Diana hatten seine Arbeitsproben und die Beiträge im Fernsehen tief beeindruckt. Viele Nahaufnahmen, eine Mischung aus fast ungebührlicher Nähe und Weitwinkel. Eine schöne Tiefe und Schärfe in den Zooms, und er war auch sehr bewandert in der digitalen Nachbearbeitung.

Diana hatte immer von so einem Feldfotografen geträumt. Ohne die richtige visuelle Verpackung existierte keine realistische Chance, den Mediendschungel zu durchdringen. Mit dem richtigen Bildmaterial dagegen stand einem die gesamte Medienwelt offen. Die Leute sahen fern und lasen Illustrierte, das war die Realität. Dort wurde der Kampf entschieden. Andere Umweltorganisationen arbeiteten anders, aber das war deren Sache. Diese großen, schwerfälligen Kolosse mit ihren zähen Versammlungen, unendlichen Abstimmungen und Tausenden von Tagesordnungspunkten. Eine Armada von Angestellten rannte dort herum und war besorgt, dass die Mitglieder die falschen Dinge von sich geben könnten, bevor sie spät am Abend wieder in ihren Zelten verschwanden. Ein begnadeter Kameramann und Fotograf wie Klaus bedeutete mehr als zwei Wahlkreise und einen Bezirk, mehr als zehn Mitgliederzeitschriften.

Die Sonne hatte den Kirchturm umrundet und schien jetzt auf ihre Bank. Serve Earth hat eine klare Einstellung zu seinem Umweltengagement, fasste Diana in Gedanken zusammen. Das und ein gutes Boot. Der hohe Mitstreiterverlust stellte keinen besonders großen Schaden dar, zumindest nicht auf lange Sicht. Zwar war es jedes Mal ein Schlag ins Gesicht, wenn einer der Weggefährten die Gangway verließ und sein Hab und Gut an Land trug, aber mittlerweile berührte sie das nicht mehr so. Die Rekrutierung von Peter und Klaus, einem erfahrenen Skipper und einem hungrigen Fotografen, erfüllte ihre Anforderungen für die Spitzbergen-Kampagne in ausreichendem Maße. Sie betrachtete die Reise als eine Kampagne, trotz der sich aufdrängenden Frage, worauf das eigentlich alles hinauslaufen sollte, trotz der Unsicherheit darüber, ob Serve Earth überhaupt von der Aktion profitieren würde. Von dem Scheck mal abgesehen.

Es war irgendwie merkwürdig, dass Emil Planck nichts hatte von sich hören lassen. Sie waren sich nur ein einziges Mal begegnet. In den guten alten Zeiten. Er war im Rahmen einer Umweltkonferenz in La Spezia bei einem kleinen Ausflug nach Elba mit an Bord gewesen. Diana erinnerte sich sehr genau an seine Art, sich auszudrücken, jede seiner Erklärungen zog sich unendlich in die Länge, da sie hauptsächlich aus langen Pausen bestanden. Derselbe Redestil hatte sie erneut verwirrt, als er sich Jahre später bei ihr meldete und sie und die Organisation zu sich einlud. Er hatte einiges an Informationen preisgeben müssen, ehe Diana sich davon überzeugen ließ, dass Planck mit seinen Messungen auf Spitzbergen einem bedeutenden Treibhausgas auf der Spur war, dem die Wissenschaft bis dahin äußerst wenig Beachtung geschenkt hatte. Er hatte gesagt, dass man etwas Entscheidendes entdecken würde, während Serve Earth vor Ort wäre.

Aber es war dennoch sehr bizarr, dass Planck sich so passiv verhielt. Wäre da nicht dieser Scheck gewesen, den sie gerade eingelöst hatte, hätte sie auch keinen weiteren Gedanken daran verschwendet.

Kapitel 3

Michail Alexandrowitsch Gusin beugte sich vor und kniff einem kleinen Schimpansen ins Ohr. Es war steif. Und das Fell war rau. Allerdings glänzte es und hatte eine schöne Farbe. Aber Nastja sollte etwas Kuschliges bekommen. Groß und ganz weich. Er ging mit dem Verkäufer im Schlepptau an dem Regal entlang, das vom Boden bis zur Decke mit Löwen, Elefanten und Affen in leuchtenden Farben gefüllt war. Ein Dromedar in Lebensgröße markierte den Übergang zu der eher traditionellen Bärenabteilung. Er drückte einem Braunbären auf die Nase.

»Gibt es den hier auch eine Nummer größer?«

»Ja, hier in der Ecke, Sir.«

Gusin zerrte prüfend am Auge des ungefähr einen Meter hohen Bären. Es schien festzusitzen. Er hob ihn hoch, setzte ihn wieder ab, schätze Gewicht und Stabilität. Genau das Richtige für meine kleine Dame, dachte er und nickte dem Verkäufer zu, der daraufhin den Teddybären zur Kasse hievte. Dort wartete bereits die Modelleisenbahn mit den sechs Waggons und einem Transformator, die Gusin vor ein paar Wochen schon hatte kaufen wollen. Damals hatte sein kleiner Sohn auf einem der Transportzüge vom Schmelzwerk zum Hafen mitfahren dürfen und war so begeistert gewesen, dass er nicht wieder hatte aussteigen wollen. Gusin bezahlte mit einem dicken Bündel Geldscheine und schob das Wechselgeld zurück über den Tresen, als er sah, wie der Verkäufer das Stofftier in eine schöne weiße Baumwolltasche steckte und diese mit einer bunten Schleife versah.

Im Taxi schielte der Fahrer auf das unförmige Paket. Mein kleines Geheimnis, grinste Gusin in sich hinein. Er stellte sich die neugierigen Blicke der Investoren vor, wenn er die Tasche mit dem Plüschbären neben sich aufs Podium stellen würde. Sicher würden sie denken, er habe Präsente für sie mitgebracht. Offensichtlich keine Materialproben, Aluminiumbarren waren ja vergleichsweise kantig, nein, eher etwas Weiches, Kostspieligeres und Russisches. Pelzmützen zum Beispiel. Er schob den Gedanken beiseite, und das nicht nur wegen der Hitze, die ihn umgab. Schließlich war er nicht nach Dubai geflogen, um sich über jemanden lustig zu machen, weder über die Fondsverwalter, die Analytiker noch über die Privatinvestoren oder wer auch immer gleich seinen Vortrag über LesAl hören würde. Er wusste es ja nicht. Das Publikum war von der Bank eingeladen worden, die auch den Börsengang in London organisierte. Aber er wusste genau: Je größer sein Eindruck auf die Zuhörer war, desto schneller würde der Wert seiner eigenen Aktienanteile an der Firma steigen. Und desto schneller würde sich auch das Risiko verringern, dass sie eines Tages wertlos wurden.

Das galt selbstverständlich für alle Finanzzentren, die er auf seiner Reise durch die Welt besucht hatte. Singapur war ein Erfolg gewesen, Zürich ausgezeichnet und sein allererster Termin – in London – geradezu brillant. Als er dort zum ersten Mal vor Leuten stand, die er von der Notwendigkeit überzeugen musste, beim Börsengang in London LesAl-Aktien zu kaufen, hatte er gespürt, wie sich Hoffnung in Erwartung verwandelte. Gusin war drauf und dran, den Teddybären fest zu umarmen, als er sich an diese Premiere erinnerte.

»Testpublikum« hatte die Bank seine Zuhörer damals genannt, als Gusin erstmals allein auf dem Podium stand, umgeben von Präsentationsbildern. Vor ihm saßen einige ausgewählte Großkunden der Bank, denen ein Vorkaufsrecht eingeräumt worden war, für das Entgegenkommen, sich ein oder zwei Minuten ihrer wertvollen Zeit zu nehmen, um anstelle der sonst üblichen Abstimmung ihre Meinung zu dem Vortrag zu äußern, zu sagen, warum sie dieses Paket kaufen oder sofort verwerfen würden.

Gusin erinnerte sich genau an das Gesicht des Investitionschefs der Allied Insurers. In den kleinen Augen des Iren hatte man das Eurozeichen förmlich leuchten sehen können, als wäre es in seine Netzhaut gebrannt, als er, Michail Gusin, die Prognosen der zu erwartenden Bruttogewinnspanne der kommenden Jahre verkündete. Ihm war es anhand eines Rückblicks auf bisherige Entwicklungen gelungen, allen Einwänden zuvorzukommen. Denn der Gewinn lag sogar noch höher als im Laufe seiner eigenen Amtszeit bei LesAl. Er erinnerte sich auch gern an die Finanzanalytikerin eines Pensionsfonds, eine Französin im Seidenkleidchen, die sich auf die Kosten der Elektrizitätswerke versteift und ganz offensichtlich die Zahlenangaben in Rubel als Summen in Dollar gelesen hatte. Pas du tout, keineswegs, hatte er eine seiner neuen französischen Vokabeln angebracht und ihr daraufhin erläutert, dass die Verbindlichkeiten lediglich ein Zehntel der Summe ausmachten, die sie angenommen hatte. Peinlich berührt hatte sie ihren Kopf gesenkt und sich eifrig Notizen gemacht.

Die Bankiers waren vor der ersten Begegnung mit den Investoren äußerst unruhig gewesen. Sie hatten ihn mit unpassenden Tipps überhäuft und ihn hauptsächlich mit Hinweisen genervt, wie er die Fragen über den Umwelteinfluss von LesAl abwehren sollte. Sie schienen ganz eindeutig seinen direkten und offenherzigen russischen Charme unterschätzt zu haben. Die Bankleute, die er für den Börsengang engagiert hatte, waren alle Herdentiere, Männer und Frauen hinter uniformierten Nadelstreifenfassaden. Sie alle betonten die Vokale und Diphthonge in derselben Art und Weise und hatten eine Schwäche für Dienstleistungsunternehmen, in die sie sich einkaufen konnten, ohne sich ihre Anzüge schmutzig zu machen. Die Wahrheit jedoch war, dass die meisten ernstzunehmenden Investoren nach echten Fabriken, die tatsächlich Produkte herstellten und reale Gewinne erzielten, geradezu lechzten. Am Ende war ihm lediglich eine einzige umweltrelevante Frage gestellt worden! Die Mitarbeiterin eines Hedge-Fonds aus Boston hatte die mit Kernkraft betriebenen Eisbrecher aber nur aus einem einzigen Grund angesprochen: Sie wollte selbst gerne an einem der Winterkonvois teilnehmen, um sich angeblich die Logistik genauer ansehen zu können. Natürlich dürfte sie mit einem Eisbrecher mitfahren! Wenn sie dafür die Emission der Aktien befürwortete, würde sie auch eine Kabine mit Blick aufs Vordeck bekommen. Er würde sie mit vier Kisten Champagner an den Nordpol schicken, wenn sie das wollte. Bei einem erfolgreichen Börsengang würde genug Geld da sein ... für alles.

Gusin warf einen Blick auf seine teure Armbanduhr und bat den Taxifahrer, am Hotel vorbeizufahren. Er hatte keine Lust, den Bankiers etwas über die Spielsachen zu erzählen. Außerdem blieb noch genug Zeit für eine Tasse Kaffee.

Im Gartencafé des Hotels war jeder Tisch mit einem Ventilator ausgestattet, der den Gästen kühle Luft zuwehte. Gusin war davon ein wenig irritiert, behielt seine Jacke an, machte es sich bequem und rührte in seinem Kaffee. Dann setzte er sich die Brille auf und ging die zwei To-Do-Listen in seinem ledernen Notizbuch durch. Die eine war problemlos zu bewältigen, davon konnte er viele Punkte delegieren. Die andere war ungleich schwieriger.

An erster Position stand der Kauf einer Partie Aluminium. Da musste er sich vorsichtig verhalten. Ihm fiel es ausgesprochen leicht, als Geschäftsführer mehrere tausend Tonnen in alle Welt zu verkaufen, aber als Einkäufer musste er bedächtiger vorgehen. Um die Transaktion musste sich seine Firma auf den Cayman-Inseln kümmern. Das Unternehmen gehörte ihm über eine Strohfirma, seine Beteiligung daran war so nicht nachzuweisen. Dennoch gab es viel zu bedenken. Schnell wurde mal ein praktisches Detail übersehen, das den Kauf einer so spezifischen Menge als zu ungewöhnlich aussehen ließ. Und das könnte wiederum einen seiner Mitarbeiter veranlassen, sich diesen Vorgang etwas genauer anzusehen. Gusin klopfte mit dem Stift gegen seine Zähne und schrieb einige abstrakte Symbole in sein Notizbuch, die er mit Datum versah und mit Pfeilen verband.

Dann klappte er den Planer zu, unterdrückte ein Gefühl von Unbehagen und versuchte, sich auf seine Firmenpräsentation zu konzentrieren. Bankiers und PR-Leute waren sich ausnahmsweise einmal einig gewesen: Er solle nicht versuchen, die geographischen Bedingungen zu verschweigen. Trotz der künstlichen Palmengärten und Inseln hatte die Wüstenkultur auch heute noch einen starken Einfluss. Es bestand keine Veranlassung zu verheimlichen, dass die Hauptanlage von LesAl in Lesojansk nahe der unbewohnten sibirischen Küste an der eisigen Karasee lag. Seine These würde sein, dass dies der ideale Standort für ein Aluminiumschmelzwerk sei. Er experimentierte mit verschiedenen Formulierungen, mit denen er Lesojansk und dessen Lage auf der Jamal-Halbinsel ansprechend beschreiben könnte ... den Hafen in Lesinka in der Nähe der Ob-Mündung sowie die karge Küste in der Umgebung. Er fand Parallelen zwischen der Tundra und der Sandwüste Dubais, hob beispielsweise die Gemeinsamkeit fehlender Infrastruktur hervor, betonte aber auch deren Vorteile und suchte Begriffe für die menschlichen Qualitäten, die durch so extreme Kälte und Hitze hervorgebracht würden. Die brauchbarsten Vergleiche notierte er in kyrillischen Buchstaben in sein Buch und versah sie mit der Überschrift »Triviales Gelaber (das niemand überprüfen kann)«.

Trivial, Gusin erhob sich, das kann man wohl laut sagen. Er verließ seinen Platz und spürte augenblicklich den Temperaturanstieg. Sobald das Dach keinen Schatten mehr spendete, übermannte ihn die Hitze, aber er ließ sich nicht beirren und lief den Kiesweg des Hotelgartens entlang, der von Büschen gesäumt war. Bestimmt gab es Menschen, die den Winter mochten, der sich wie ein eisiges Gespenst bis weit in den Juni hinein im Nacken festkrallte. Oder diese Dunkelheit, die schon im Oktober schwer auf Körper und Seele drückte und dann fünf lange Monate herrschte. Oder die Mückenplage ... Warum gab es überhaupt Verrückte, die das Leben dort liebten?, fragte er sich und strich vorsichtig mit der Hand über die harten Blätter der Büsche. Ein paar Schmetterlinge wurden durch die Bewegung des Zweiges aufgeschreckt und flatterten davon. Er wusste genau, was er wollte. Und was Lilja wollte. Was sie verdiente.

Lilja, meine Lilja, du bist nicht geschaffen für die eisige Tundra. Unter deinen Zehen solltest du Grashalme spüren, umgeben von Rosenduft und Geißblättern solltest du sein. Du hast es verdient, bei offenem Fenster zu schlafen und von den Gesängen der Nachtigall und Amsel geweckt zu werden. Anders, als es jetzt ist. Du wohnst an einem Ort, wo das Thermometer kaum eine Plusskala benötigt, wo man nichts anpflanzen kann und wo kaum einer weiß, was eine Parkbank ist, wo niemand in einer Hängematte liegen kann, die zwischen uralten Eichen hin und her schaukelt.

Gusin betrachtete die riesigen Palmen.

Zwergbirken! Was sind das überhaupt für Bäume? Missgebilde sind das, und wenn wir nicht bald nach Süden ziehen, sehen wir auch bald so knorrig und verkrüppelt aus. Unsere Kinder ertrinken in Spielsachen, aber sie haben noch nie einen Schmetterling gesehen, dachte Gusin traurig, als die zwei Falter, die er aufgeschreckt hatte, wieder an ihm vorbeiflatterten. Sie waren orange mit einer schwarzen Umrandung. Unsere Kinder haben noch nie Schmetterlinge gesehen!

»Das muss sich ändern!«, rief Michail Alexandrowitsch Gusin und verließ den kleinen Garten, um eine Handvoll jener Investoren zu treffen, die ihm diese Veränderung ermöglichen sollten.

Kapitel 4

In fünfundzwanzig Kilometern Höhe fegte der Wind unverändert mit achtzig Stundenkilometern Richtung Nordost durch die Atmosphäre, teilte der Meteorologe aus Oslo in seinem täglichen Faxbericht mit. Es war ungewiss, wann der Jetstrom abnehmen und schließlich seine Richtung ändern würde. Ebenso ungewiss war, wann der Wetterballon aufsteigen konnte. In einer Woche, in zwei, vielleicht auch früher.

Das Fax hing am Schwarzen Brett in der Sverdrupsbase, der norwegischen Forschungsstation von Ny-Ålesund. Von den etwa zwei Dutzend Holzhäusern unterschiedlicher Baujahre war es eines der neueren Gebäude. Zwei kleine zusätzliche Experimente sollte Plancks Ballon mit in die Atmosphäre nehmen: Das eine bezog sich auf die ultraviolette Strahlung, das andere konnte Kimi nicht zuordnen. Er sah nur, dass es offenbar die Befestigung von langen Antennen erforderlich machte, die wie Stacheln aus dem Korb herausragten. Wahrscheinlich hatte der für das Antennenprojekt zuständige Forscher, Professor Legernes, das Fax ans Brett gehängt. Er war es auch, der Kimi indirekt dazu veranlasst hatte, die Station aufzusuchen, um das Telefon zu benutzen.

Der Blick, mit dem ihn Legernes während seines Vortrags gemustert hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es war keine große Geste, wirkte noch nicht einmal künstlich herablassend, lediglich eine Augenbraue hatte er gehoben. Die Skepsis und das Mitleid der Welt gefangen in einer einzigen Sekunde. Kimi machte den Umweg über die Station, um eben diesem Blick nicht erneut begegnen zu müssen. Er hatte ihm bedeutet, dass seine Anstrengungen, Emil Planck aufzuspüren, bei weitem nicht ausreichten.

Ein kurzbeiniges Spitzbergen-Rentier hatte sich zwischen den Gebäuden verlaufen und glotzte blöde durch das Fenster, als er die Nummer der Universität Uppsala wählte. Kennet Wilhelmsson war einer von Plancks engeren Kollegen, und als Verantwortlicher für die fünf Forscher der Atmosphärendynamikgruppe musste er auch etwas mit Plancks Klimaveränderungsgruppe zu tun haben. Na ja, Gruppe war hier nicht gleich Gruppe, Plancks Einheit wurde auf der Website so bezeichnet, allerdings war Emil Planck deren einziges Mitglied.

»Wilhelmsson!«, rief es am anderen Ende der Leitung. Leider wusste er aber auch nicht, wo Planck sich aufhielt. »Nein, wie soll ich sagen, unsere ›Wechselwirkung‹ zeichnet sich nicht durch eine hohe ›Frequenz‹ aus. Ja, viele Reisen, sogar nach Las Vegas, ich weiß, das klingt immer ein bisschen komisch, aber die Konferenzhotels sind billig da. Nein, meines Wissens betreut er im Augenblick keinen Studenten als Doktorvater. Ich hatte den Eindruck, dass er an vielen internationalen Kooperationen arbeitete. Natürlich werde ich ihn grüßen, wenn ich ihn sehe. Kimmy, war das, oder? Ach so, ja. Hier ist es noch ein bisschen früh am Morgen!«

Das Rentier trottete davon. Ein Paar Seeschwalben attackierten es in Sturzflügen und wirbelten um seine Geweihspitzen herum, als wäre es dabei, ihr Nest zu zertrampeln. Doch das Rentier ließ sich nicht beirren, blieb stehen, scharrte mit dem Huf, rupfte Flechten aus und kaute genüsslich darauf herum.

Die Institutssekretärin war zwar gesprächiger als der Universitätskollege, wusste aber ebenso wenig. »Nein. Keine Ahnung. Leider, leider. Ich weiß nur selten, wo er hinfährt, und – unter uns gesagt – auch nicht, wo er gewesen ist. Dabei mache ich sogar seine Reisekostenabrechnung. Früher konnte man das ja an der Währung erkennen, aber jetzt mit dem Euro ... Es gibt schließlich länderspezifische Aufwandsentschädigungen, nicht wahr! Wenn er zu viel bekommt, gilt das als ein steuerpflichtiges Einkommen, und das betrifft ihn dann ja wohl auch?« Dabei hatte Kimi lediglich gefragt, ob sie wisse, wann Planck zurückkomme ... Einfach zu raten, wo er als Nächstes hinfahren könnte, wäre schließlich auch eine Zumutung ... »Nach Spitzbergen? Hieß das so? Nördlich von Norwegen, Richtung Nordpol, ach so! Herr Professor Planck ist sehr erfolgreich, er wird oft zu Konferenzen eingeladen, auf denen er Vorträge halten soll. Allerdings tauchen die Hotelkosten nie auf einer der Spesenabrechnungen auf, das spricht doch für sich!«

Emil Planck hatte doch bestimmt eine Familie und ein Zuhause. In Schweden gab es ein paar Dutzend mit dem Namen Planck, aber Kimi wusste genau, dass es keinen Sinn hatte, auch nur einen davon anzurufen. Noch bevor er erstmals von den viel gerühmten Artikeln in der Nature gehört hatte, war ihm eine Geschichte über den Dozenten an der Universität Uppsala zu Ohren gekommen, die ihn noch heute staunen ließ: Plancks Schönheits-OP seines Namens. Ein kleines zusätzliches ›c‹ befreite ihn von den Assoziationen ›Sägespäne und Holzkopf‹ und stellte ihn in eine Namenslinie mit dem Erfinder der Quantenmechanik.

Auch er war nicht als Kimi Hoorn auf die Welt gekommen, sondern als Kjell-Åke Sjöström. Er sei ein show-stopper, ein richtiger Knüller, wie ihn sein Agent und Entdecker nannte. Er hatte ihn damals auf Las Palmas am Strand angesprochen, wo er als Student seinen Urlaub verbracht hatte. Kjell-Åke würde keiner aussprechen können, redete ihm sein Agent ein. Kimi hingegen würde androgyn und modern klingen, Hoorn sogar irgendwie adlig, ohne dabei dem echten Adel zu nahe zu treten. Keiner aber hatte sich darüber Gedanken gemacht, wie oft seine Modelkollegen ihn »Kimi’s horny« nennen würden.

Kimi legte den Hörer auf. Während er dem weidenden Rentier zusah, dachte er einen Augenblick lang daran, alle Planks ohne ›c‹ anzurufen. Doch er ließ die Idee sofort wieder fallen. Die Liste wäre zu lang.

Planck und er waren sich nur ein einziges Mal begegnet. Der Forscher aus Uppsala hatte sich anlässlich eines Seminars über Klimaveränderungen in Göteborg aufgehalten, um dort einer Reihe von Vertretern aus Gemeinden und Landtagen Hintergrundwissen zur Umsetzung neuer Richtlinien zu vermitteln. Kimi hatte Planck als einen zurückhaltenden, fast scheuen Menschen wahrgenommen. Seine Kleidung war so dezent gewesen, dass Kimi sich überhaupt nicht mehr daran erinnern konnte. Eine Seltenheit für sein ehemals auf Oberflächlichkeit trainiertes Gedächtnis. Aber an das dünne Haar, das nicht den gesamten Kopf bedeckte, daran konnte er sich sehr gut erinnern, ebenso an die weit auseinander stehenden Augen, die hellblau strahlten, wenn er ein seltenes Mal den Blick hob. Auch Plancks geschmeidigen Gang hatte er noch vor Augen, der ihn sofort an einen Judomeister oder Mönch denken ließ.

Kimis Doktorvater, Professor Händler-Bös, hatte sich kurz vor dem Vortrag für höchstens eine Viertelstunde mit Planck hinter verschlossenen Türen unterhalten, als Kimi hereingerufen und gefragt wurde, ob er sich eine Mitarbeit bei dem Experiment auf Spitzbergen vorstellen könnte. Die Professoren hatten Kimis Antwort gar nicht abgewartet, so als sei seine Zustimmung vorausgesetzt worden. Planck hatte noch etwas über Details gemurmelt, die es folglich zu besprechen gäbe, und dann seine Unterlagen zusammengesammelt.

Nach dem dritten Dia der Planckschen Vorlesung begriff Kimi, dass es zwei Seiten an dem Professor gab. Der einen war er soeben begegnet, wortkarg und rätselhaft, sie warf viele Fragen und Spekulationen auf und verunsicherte das Gegenüber mit seltsamen Bemerkungen. Die andere erlebte er in der Vorlesung. Planck hatte sich zu einem rhetorischen Genie entfaltet, kaum dass er seinen Auftritt haben und seine wohldurchdachte Nummer aufführen durfte. Der Mann war auf der Bühne eindeutig besser aufgehoben, dort war er in seinem Element.

Auch bei der Beantragung von Fördermitteln war Planck brillant. Kimi kannte seine Anträge zur Finanzierung des kostspieligen Ballonexperiments in- und auswendig. Er kannte den Auftakt mit den großen Koordinaten, die dem Leser eine zerstörte Welt vor Augen führten, ohne dass ein einziges Wort darüber im Text stand. Vermehrtes Wissen über Fluormethan würde jedoch zu einem äußerst wichtigen Rädchen in der großen Maschinerie zur Bestandsaufnahme der Erde werden. Und Kimi wusste auch, dass noch nicht einmal im Anhang das tatsächliche Ziel des Experiments erläutert wurde.

Zögerlich erhob er sich, um, wie schon so viele Tage zuvor, zum Atmosphärenlabor auf dem Zeppelinberg zu fahren und in den Unterlagen und Dateien von Planck nach brauchbaren Informationen zu suchen. Er war unaufhörlich auf der Jagd nach dem eigentlichen Ziel des Experiments, nach einem Hinweis, was er als einziger verbleibender Fluormethan-Forscher zu tun, welche notwendigen Vorbereitungen er zu treffen hatte und welche Maßnahmen er unbedingt ergreifen musste, damit nicht alles umsonst gewesen war.

Die kleine Gondel der Seilbahn schaukelte auf ihrem Weg zum Labor der Zeppelinstation zaghaft hin und her. Die Sicht auf Ny-Ålesund, die Landebahn, den Fjord und die Berggipfel auf der anderen Fjordseite war durch einen Schneeschauer versperrt, der vom Meer im Westen über den Sund zog. Der Wind war böig. An den Fensterscheiben der Gondel lief Schmelzwasser herunter. Kimi ertappte sich dabei, wie er sein Spiegelbild betrachtete und keinen einzigen negativen Gedanken über die ihm bevorstehende Arbeit empfand. Im Gegenteil, er war so zuversichtlich wie schon lange nicht mehr.

Anstatt sich auf Plancks Vorhaben zu konzentrieren, wollte er vielmehr die bereits vorliegenden Messdaten studieren und zu begreifen versuchen. Besonders ein Ergebnis, das Kimi bis dahin als Messfehler abgetan hatte. Planck hatte sich jedes Jahr drei, manchmal vier Wochen in Ny-Ålesund aufgehalten und diese Zeit damit verbracht, die Fluormethankonzentration der direkten Umgebung zu messen. Dafür hatte er die Luftproben verwendet, die durch das Rohr auf dem Dach der Zeppelinstation eingesogen wurden. Die Messergebnisse befanden sich in Form von unzähligen Dateien auf der großen externen Festplatte neben Plancks Computer. Die Dateien waren jedoch mit einem Code geschützt, den Kimi bislang nicht hatte knacken können.

Der Computer war so, wie er ihn zurückgelassen hatte. Er blätterte am Bildschirm durch die einzelnen Ordner und öffnete ein paar ungeschützte Dateien mit einer neuen Software, mit der Planck in letzter Zeit offensichtlich häufiger gearbeitet hatte, die Kimi aber vollkommen unbekannt war. Auf dem Monitor erschienen erneut nur die alten Messkurven, die er schon so oft betrachtet hatte, da war nichts Neues zu entdecken. Na gut, murmelte er vor sich hin, da hatte er wenigstens eine stabile Ausgangssituation. Dann öffnete er die Datei mit dem Namen »606-34-FTR«, die offensichtlich beschädigt war, denn es erschien statt einer Kurve nur eine schwarze Linie.

Er mühte sich ab, um die richtigen Eingabefelder zu finden und die Zahlen zu überprüfen, wollte die Koordinatenachsen mit korrigierten Parametern normalisieren. Aber auch viele Tasten- und Mausklicks später war die Linie noch immer nicht aus dem Diagramm verschwunden. Neue Zahlen an einer anderen Stelle, doch der Strich blieb unverändert. Dann fragte ihn das Programm plötzlich, ob er die alte Skalierung wiederherstellen wolle. Kimi bejahte per Mausklick, und der Rechner begann eine Zeichnung aufzubauen. Auf dem Bildschirm erschien eine Messkurve.

»Shit!«, schnaubte er. Die nächste Enttäuschung. Die Zahlen auf der y-Achse, an der man die Fluormethankonzentration ablesen konnte, waren bedeutungslos niedrig. Er folgte dem Kurvenverlauf, stutzte, las den Wert ab. Die höchste Konzentration lag bei sechshundert Billionstel, das war sechsmal höher als ein realistischer Wert. Ja, klar. Er begann andere Kurven umzurechnen, die Messungen anderer Tage zu überprüfen.

Der Gehalt an Fluormethan war in der Regel ziemlich stabil. Hundert Jahre Aluminiumproduktion hatten ihn auf ein relativ unveränderliches Mittel von etwa achtzig Billionstel angehoben. Dieser Wert war Kimi so häufig in den Daten begegnet, dass ihn das nicht weiter erstaunte. Eine Kurve sah aus wie die andere, fand er, als er mit den endlosen Zahlenreihen ebenso vertraut war wie mit den Messinstrumenten, mit denen er sich in der ersten Woche beschäftigt hatte. Die Messung für »606-34-FTR« vom 12. Februar war die einzige Abweichung, die er entdecken konnte. Und die schien vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen zu sein.

Und wenn jetzt aber ...? Kimi öffnete die Ursprungsdatei erneut, er klickte, drückte und murmelte vor sich hin, dann hatte er alle Daten der Kurve aufgerufen. Eine Wand aus Einsen und Nullen. Er beugte sich vor und versuchte den Zahlenreihen zu folgen. Zur Rechten stiegen die Zahlen tatsächlich an, er rechnete sie ins Dezimalsystem um. Zuerst zogen sie an der Vierundsechzig vorbei, dann weiter an der Zweihundertsechsundfünfzig bis hinauf in die Gegend um die Sechshundert, dort verweilte die Kurve einen Augenblick und sank dann wieder auf den Normalwert ab. Kimi kopierte die Zahlenwerte in ein anderes Grafikprogramm, druckte die Kurve aus und betrachtete das Ergebnis. Hier konnte es sich nicht nur um einen einfachen Messfehler handeln.

Ein so markanter Anstieg des Fluormethangehalts war äußerst ungewöhnlich. Von einem natürlichen Wert um die Achtzig auf einen Wert von über Sechshundert. Zwar ging es hier um Billionstel, aber dennoch.

»Das ist ja unglaublich!«, rief er laut, aber es hörte ihm keiner zu.

Kimi hörte nur, wie die anderen Stationsangehörigen ihre Arbeitsräume und Versuchsanordnungen verließen, um in der Kantine zu Abend zu essen. Er ging meistens sehr spät, hatte keine Lust, die Fragen nach dem »schwedischen Kollegen« oder allgemein nach seinem Wohlbefinden zu beantworten. Heute Abend lief er sogar Gefahr, das Essen ganz zu verpassen.

Etwas später betrachtete er den dreiseitigen Text, den er soeben verfasst hatte, schüttelte den Kopf, drückte auf ›Löschen‹ und loggte sich aus.

Das Telefon stand in der Ecke. Sie müsste heute Abend eigentlich zu Hause sein.

Kimi starrte lange auf den elfenbeinfarbenen Apparat, dann wählte er ihre Nummer.

»Ulrika Malmsten.«

Ihre tiefe Stimme erregte ihn, wie immer, wenn er sie ein paar Tage nicht gehört hatte. Wie bei ihrer ersten Begegnung im Junggrens Café in Göteborg. Er hatte sich einen Cappuccino bestellt und im Herald Tribune gelesen, sie hatte sich mit einer Freundin an den Nachbartisch gesetzt. Ulrika meinte Kimi beim Lesen eines Artikels über den abstrakten Künstler Olle Bærtling beobachtet zu haben. Als sie das Café verließ, hatte sie ihm ihre Visitenkarte gegeben und ihn mit dieser tiefen Stimme auf die aktuelle Ausstellung in ihrer Galerie hingewiesen.

Kimi konnte sich gut daran erinnern, wie er mühsam ein paar Plattheiten hervorgestammelt hatte. Er wollte nicht zugeben, dass er eigentlich den Nachbarartikel über die Entlarvung von gefälschter Kunst mithilfe von Lumineszenz und ultraviolettem Licht gelesen hatte. Tags darauf besuchte er sie in der Galerie, und während sie ihn durch die Ausstellung führte, punktete er mit seinem Wissen aus Unizeiten. Er hatte die chemischen Bestandteile der Temperafarben noch parat und konnte Ulrikas Interesse mit einer kurzen Zusammenfassung der neuesten Erkenntnisse über Olle Bærtling gewinnen. Man hatte herausbekommen, dass die Seitenlinien der berühmten Bærtling’schen Dreiecke leicht gekrümmt waren, damit Dreiecke aus dunkleren Farben nicht die optische Täuschung einer gebogenen Linie verursachten. Kimi hatte sich sicher gefühlt, sich aus der Deckung gewagt, entspannte sich. Eine Frau, die sich die Galerie mit Dreiecken vollhängte, konnte unmöglich nur an Äußerlichkeiten interessiert sein. Diese Ulrika schien ihn richtig ernst zu nehmen. Als er ihr ein paar Tage später gestand, dass er Fotomodell sei, hatte sie lediglich »Ich weiß« erwidert.

»Hallo? Bist du es, mein Liebling?« Ihre Stimme wurde eine Spur heller, auch das klang schön, fand Kimi.

»Natürlich geht es mir gut. Nein, nicht nur so lala? Ich meine, so richtig gut, gut! Ja, auch morgens und mittags und auch abends.«

Ihre Verfassung war stabil, er machte sich aber trotzdem Sorgen um sie. Es war schließlich ihr erstes Mal, viele Frauen mussten sich anfangs häufig übergeben.

»Ob ich schon eine Bewegung spüre? Nicht wirklich. So schnell geht das bei den Primaten nicht, du Naturwissenschaftler!«

Und dann plätscherte ihr Gespräch fröhlich weiter. Über alle möglichen Themen unterhielten sie sich, als wollten beide den jeweils anderen in die eigene Welt einladen, zu all ihren großen und kleinen Begebenheiten, zu Wichtigem und Unwichtigem, Schönem und Traurigem. Die Verhandlungen mit dem Museum of Modern Art über eine Leihgabe gingen nur schleppend voran. Versicherungsquatsch. Hallins Wiederwahl zum Vorsitzenden der Wohnungsbaugenossenschaft. Wie zu erwarten. Es regnete. Typisch Göteborg. Und so weiter, von beiden Seiten. Ausführlich und fröhlich. Er begriff nicht, warum er überhaupt gezögert hatte, sie anzurufen.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Die Kantine schloss in diesem Moment. Sie unterhielten sich über Lakritze.

»Ich sage nur, Pica-Syndrom!«, kicherte Kimi.

»Ich habe schon immer gerne den ganzen Tag Lakritz in mich reingeschaufelt. Hab mich nur nicht getraut, es zuzugeben.«

»Hmm ...«

»Und apropos, diese Sache da mit dem hohen Messwert, dieses Gas, das kam und ging. Weißt du? Das ist über zwei Jahre her.«

»Was ist zwei Jahre her?«

»Dass du mir von deinen Forschungen erzählt hast. Also, mehr als dein bloßes Reiseziel.«

»So lange kann das doch gar nicht her sein.«

»Stimmt, es ist noch länger her.«

»Ich glaube einfach nicht, dass du mehr über meine Arbeit hören willst.«

»Natürlich will ich das!«

»Das sagst du nur, weil du so wenig davon weißt, wie es läuft und sich anfühlt und so!«

Sie ließ diesen Ball, den er ihr zuspielte, vorbeirollen, erwiderte nichts darauf, murmelte nur leise etwas über seine »Callboy-Noia«, so als sei es ein Stau, eine Zecke oder eine Gastritis. Nicht gut, nicht beliebt, aber nur vorübergehend. Man konnte damit leben, aber genauso gut auch ohne sein. Sie zumindest.

Kapitel 5

Es sah aus wie die Geburt eines Schiffes, befreit aus der engen Welt – entlassen in eine neue. Zwei schwere Stahltore schützten das kleine Hafenbecken vor der unsicheren Zukunft, in die das Schiff fuhr. Auch die sechs Mitglieder an Bord empfanden das so. Es war eine Wiedergeburt.

Diana stand am Ruder, fünf Speichen und mit Glanzlack gestrichen. Betont vorsichtig steuerte sie den schlanken Schiffskörper auf seinem Weg zur Schleuse um die erste Steinmole. Ab und zu wurden sie von einer Windböe getroffen, die von den hohen Backsteinhäusern am Ufer herüberstrich, trotz dieser kleinen Zwischenfälle gelang es ihr, ohne Einsatz der Bugschraube die S/Y Guillemot sicher zu der kleinen Klappbrücke zu manövrieren. Die Leute beobachteten das Schiff, zeigten mit den Fingern darauf und unterhielten sich darüber. Einige von ihnen mussten warten, bis der Steg wieder freigegeben wurde, andere hatten ihr Bierglas in der Hand und freuten sich auf ein Mittagessen. Es war warm, Jacken hingen über den Stuhllehnen, und die Frauen hatten nackte Beine. »Mast- und Schotbruch, Guillemot!«, rief ihnen ein verschwitzter Mann mit hoch gekrempelten Hemdsärmeln und einem Bierkrug in der Hand zu.

»Auf in den Kampf!«, schrie Diana zurück. Vor wenigen Wochen noch hätte so ein Spruch Mordgelüste in ihr ausgelöst. Das Heer von gesprächigen Herren, die in ihrer Mittagspause das Schiff musterten, war immer sarkastischer und spöttischer geworden. Sie konnte es sogar verstehen, das Schiff hatte sehr lange, zu lange in den St. Katharine Docks gelegen. Und im Vergleich zu dem hehren Ziel der Guillemot war es natürlich viel zu kostspielig und luxuriös ausgestattet, eine großzügige Zielscheibe bissiger Ironie für Umweltschützer jedweder Couleur.

Aber das alles spielte jetzt keine Rolle mehr. Bald würden sie das offene Meer erreicht haben. Sie verließen das kleinere, schattige Schleusenbecken und erreichten das mittlere. Hinter ihnen senkte sich der Steg der kleinen Klappbrücke. Die letzte Brücke vor der Ausfahrt war bereits hochgezogen, und die Schleusentore öffneten sich langsam. »Das ist ja total krank mit diesen ganzen Dosen!«, stieß Abraham hervor, während er einen Fender an der Steuerbordseite befestigte.

Die Schleusentore setzten eine Welle aus Cola- und Bierdosen in Bewegung.

»Das ist eine verdammte Ressourcenverschwendung, so was. Warum holt keiner den Dreck da raus?«

Abrahams Gedanken machten Diana noch vergnügter. Dieselbe Person hatte diese Dosen nämlich ein halbes Jahr vor der Nase gehabt, ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren. Sie bemerkte die Veränderung. Alle erwachten langsam aus ihrer Lethargie, sie waren bereit.

Sie beobachtete Abraham. Ein Kosmopolit mit israelischem Pass. Er hatte einen zwanzigjährigen Sohn, dessen Militärdienst ihm Kummer bereitete. In seinem robusten Körper ruhte eine friedfertige Seele, ausgestattet mit einem großen Maß an Empathie für die Umwelt und für das Wohl anderer Menschen. Wenn jemand in seiner Umgebung hervorhob, wie nett er sei, erwiderte er immer, dass er eigentlich als Buddhist hätte geboren werden und ein Leben zwischen zufriedenen Kühen in einem schönen, friedlichen Tal führen sollen. Aber dann habe es da wohl ein logistisches Problem gegeben und darum sei er in Tel Aviv gelandet. In diesem Augenblick blinzelten seine braunen Augen durch eine Harry-Potter-Brille und betrachteten ein Hotel, das sich am Ufer erhob.

»Sieht aus wie ein Bunker in Bethlehem«, brummelte er vor sich hin und fügte dann lauter hinzu: »Flaggen einholen, Boss?«

»Lass sie dran!«

Diana hielt sich nicht an die Regel, die große Beflaggung nur im Hafen gestattete. Sie mochte den Anblick der bunten Kette, Weißblau folgte Hellrot, dann kam Blauweißrot gestreift und so weiter, das ganze Flaggen-Alphabet kletterte das Achterstag hoch, kam das Vorstag wieder herunter und endete mit dem rotgelben Nullwimpel am Bugkorb. Seit Tandons Erkrankung war auf dem Schiff keine Flagge mehr gehisst worden. Farbe und Glanz waren Mangelware an Bord gewesen, jetzt konnten sie auch mal ruhigen Gewissens die Strecke bis Tilbury wie eine blühende Gärtnerei unterwegs sein.

»Willst du übernehmen, Peter?«

»Gern!«, antwortete der Kapitän und krempelte die Ärmel seines marineblauen Pullovers hoch. Die römische Locke, die ihm in die Stirn fiel, bewegte sich im Wind, als er das Ruder in die Hand nahm.

Er hatte kaum mehr Erfahrung als Diana, diese 85-Fuß-Segelyacht zu steuern. In den vergangenen zwei Wochen an Bord hatte er nur ein Mal, während der etwa zehnminütigen Fahrt von der Werft zum freien Liegeplatz vor den Bars an den St. Katharine Docks, den Tandon damals organisiert hatte, hinterm Ruder gestanden. Aber Peter zögerte keine Sekunde, die Guillemot das letzte Stück ins schmale Schleusenbecken zu manövrieren und Anweisungen für Fender und Leinen zu geben.

Die Tore schlossen sich hinter ihnen. Das Schiff zerrte an den Leinen, mit denen es vertäut war, als das Becken geflutet wurde. Und dann öffneten sich die Tore zum Fluss und in die Freiheit. Die Ebbe hatte noch nicht eingesetzt. Die Themse lag still vor ihnen, sie würden auf dem Weg zum Meer, vorbei an den etwa zwei Dutzend Flussbiegungen, eine günstige Strömung haben.

Ein Auto kam auf der schmalen Uferpromenade angefahren, viel zu schnell rollte es durch die Menge der Spaziergänger und Mittagstischgäste, um dann mit quietschenden Reifen stehen zu bleiben. Der Fahrer sprang aus dem Wagen und winkte, er ließ die Tür offen, rannte hinunter zur Kaimauer und wedelte erneut mit den Armen. Diana winkte zurück, allerdings fiel ihr Gruß etwas reservierter aus als der an die Biertrinker kurz zuvor.

»Der scheint aber ein wichtiges Anliegen zu haben. Kennst du ihn?«, fragte Vanessa, die untätig auf dem Mittelschiff stand.

»In gewisser Weise ja. Er ist das höchste Tier in unserem Vorstand, unser Treuhänder, du weißt schon.« Diana verriet jedoch nicht, dass er ihr in einer ganzen Reihe von Mails versichert hatte, der Abreise der Guillemot beiwohnen zu wollen und alle aus der Truppe mitzubringen, die sich freinehmen könnten.

»Wirklich toll, dass der Vorstand das Geld organisieren konnte, um unsere Abreise zu ermöglichen, oder?« Vanessa winkte dem Mann am Ufer fröhlich zu, der eine Kamera aus der Jackentasche holte, um ein Foto des Schiffes mit der Tower Bridge im Hintergrund zu machen.

»Ja, klar«, erwiderte Diana. »Hoffentlich hat er ein paar schöne Bilder im Kasten.«

Vanessa Varejão stammte aus São Paulo, eine kluge und schöne Frau mit einer energischen Ausstrahlung. Ein Stipendium hatte sie an die Tampa University in Florida verschlagen, wo sie eine Doktorarbeit begonnen hatte. Aber sie entdeckte bald, dass die Beschäftigung mit der Mesofauna und ihren millimetergroßen Krebstierchen nicht den von ihr gewünschten Effekt hatte, und war vor fast drei Jahren an Bord gekommen. Sie war zwar hauptsächlich wegen ihrer Kochkünste genommen worden, aber das trug sie mit Gelassenheit.

Das Heck der Guillemot drehte ab, und sie nahmen Fahrt durch das trübe Wasser der Themse auf. Diana war an die Bugspitze gegangen, wo Karen mit einem widerspenstigen Knoten an einem Tampen kämpfte.

»Brauchst du Hilfe?«

»Nein, warum sollte ich?«

Vielleicht, weil deine Knöchel schon ganz weiß sind, deine Wangen glühen und deine linke Halsschlagader wie ein bläulicher Wurm aussieht, dachte sich Diana, sagte aber nichts.

In Dianas Augen war Karen eine junge, wütende Krawalltouristin, die alles in Frage stellte und am zufriedensten schien, wenn eine Kampagne außer Kontrolle geriet und in Handgreiflichkeiten endete. Karen fand jede tiefer gehende Analyse überflüssig. Es würde doch schließlich genügen, sich umzusehen. In einer Welt, die so aussah, wie sie aussah, musste doch etwas Grundlegendes schiefgelaufen sein, fand sie. »Hallo, verdammte Axt, hast du keine Augen im Kopf?«, war ihre häufigste Zwischenbemerkung im Laufe einer Diskussion.

Tandon hatte Karen damals aufgrund ihrer Glaubwürdigkeit mit ins Team aufgenommen, erzählte er Diana einmal in einem vertraulichen Gespräch, ohne jedoch zu erläutern, worauf sich sein Urteil gründete. Allerdings erkannte sie durchaus auch Karens gute Seiten. Sie war sehr mutig, bis an die Grenze zur Unerbittlichkeit gegen sich selbst, und ungeheuer eifrig bei Aktionen jeder Art. Die Liegezeit in den St. Katharine Docks hatte sie meistens mürrisch und einsilbig verbracht und dabei raubkopierte mp3-Musik gehört. Jetzt war ihre Wut sehr viel extrovertierter, und das interpretierte Diana als ein gutes Zeichen. Deshalb ließ sie Karen, das wütende dunkelhaarige Mädchen aus Liverpool, die gekleidet war, als hätte sie gerade eine Armee-Kleiderstube ausgeraubt, auch in Ruhe weiter mit ihrem Tampen kämpfen.

Acht Monate lang hatte die Guillemot auf Reede gelegen, gefangen im trüben Wasser und in der stickigen Großstadtluft. Im Laufe des grauen verregneten Winters hatte Serve Earth nur eine einzige Bewegung vollzogen: den Weg aus dem Rampenlicht, fort von den Titelseiten hinein ins Schattendasein. Der Unterschied zu ihren vergangenen großen Tagen konnte nicht gravierender sein: Unter Tandons Führung hatte die Organisation phasenweise mehr Sendezeit und Zeitungsspalten gefüllt als Greenpeace.

Als der Tennisstar Roger Tandon damals seinen Rücktritt vom Profisport bekanntgegeben und verkündet hatte, er wolle eine Umweltorganisation gründen, hatten die Journalisten sehr skeptisch reagiert. Aber sie mussten bald umdenken. Mit seinen Wimbledonsiegen im Rücken war es Roger Tandon gelungen, die Medienaufmerksamkeit auf sich zu ziehen und für seine Botschaft zu nutzen. Diese war zwar manchmal ein wenig schwammig formuliert, aber die neu entworfenen Aphorismen konnten von jedem nach Belieben gedeutet werden: »Die Natur hat keinen zweiten Aufschlag« oder »Die Atmosphäre ist kein Balljunge«. Es zeigte sich, dass viele bereit waren, diesem Mann zuzuhören, dem der Ruf eines Gentleman und einige mäßig komplizierte Frauengeschichten vorauseilten. Nicht zu vergessen die ausgezeichnete Rückhand, weder besonders hart noch besonders gut platziert, dafür aber war der Ball so angeschnitten, dass der Gegner nie wusste, wohin er fliegen würde. »Früher wusste niemand, wo meine Rückhand den Ball hinbefördern würde«, hatte er auf der ersten Pressekonferenz gesagt, als er die Organisation vorstellte, »in Zukunft wird Serve Earth ein ähnliches Staunen hervorrufen, wenn wir irgendwo auftauchen.« Roger Tandons Engagement war bedingungslos, viel ausgeprägter als bei den meisten, die sich nach beendeter Karriere ein neues Aufgabenfeld suchten. Für Tandon war Serve Earth eine Lebenseinstellung, eine Vollzeitbeschäftigung für ihn und das Team, mit dem er sich umgab.

Diana McManus gehörte von Anfang an dazu. Ihr Bewerbungsschreiben hatte ihm sehr gut gefallen, ihre flüssige Handschrift, die nach rechts kippte und nicht nach links, wie so oft in England. Und in einer fröhlichen Bierlaune ein halbes Jahr später hatte er ihr gestanden, dass er auch ihren Geruch mochte.

Zur Medienelite aber zählten sie erst nach der Taufe der Guillemot. Seit den Tagen der Onassis’ hatte wohl keine Yacht eine so hohe Konzentration an bekannten Persönlichkeiten an Bord erlebt. Die Medien berichteten hungrig über alles. Tandon war sehr geschickt, er kombinierte Cocktailpartys auf dem Vordeck mit Kampagnen, die an sorgfältig ausgewählten Flecken dieser Erde stattfinden sollten. Schildkröten wurden vom Bootssteg eines Mauritius-Resorts gerettet, die Überfischung des Thunfisches wurde von Portofino aus bekämpft und der Ölverklappung von Cancún aus Einhalt geboten. Die Stifte kratzten nur so über das Papier, die Kameras klickten, die Leute lasen, sie schauten hin. Tandon hatte zwar nicht – wie Onassis seinerzeit–die Barhocker mit der Vorhaut von Walen beziehen lassen, aber ansonsten hatte er an nichts gespart, um die Guillemot zu einer der edelsten und schönsten Segelyachten ihrer Größe ausstatten zu lassen. Für die Klientel, die sich oft an Bord befand, stellte sie somit eine ganz natürliche Umgebung dar. Alles passte zusammen. Serve Earth erlangte in kürzester Zeit einen mächtigen Status als tonangebende Umweltorganisation.

In dieser Atmosphäre hatte Diana McManus fünf glückliche Jahre verbracht. Immer vorne mit dabei im Eifer des Gefechts einer Kampagne, immer im Klaren über das visuell Machbare, immer gut vorbereitet, so wie es in den Statuten von Serve Earth festgehalten war.

Diana wandte ihren Blick nach achtern und ließ ihn über die Tower Bridge wandern, zum Museumsschiff HMS Belfast und hinüber zu The Eye, dem gigantischen Riesenrad, das seit dem Jahrtausendwechsel die Londoner Skyline zierte.

Lieber Tandon, dachte Diana, wärst du noch hier, hätten wir diesen Auftrag nicht annehmen müssen. Aber du würdest es bestimmt zu schätzen wissen, was wir hier tun! Was ich hier tue! Wir müssen wieder raus auf den Platz. Aufstehen, nicht aufgeben bei einem Stand von null zu fünf und Vorteil des Gegners.

Tandon hatte Diana eines Tages unverblümt von seiner Krebserkrankung erzählt, die sich von der Bauchspeicheldrüse aus im ganzen Körper verbreitete. Ihr war der Boden unter den Füßen weggerissen worden. Sie hatte es noch nicht einmal zu seiner Beerdigung geschafft. Deshalb war sie umso verwunderter gewesen, als eine Delegation von Honoratioren sie aufgesucht hatte. Sie kannte den Vorstand der Organisation kaum, eine bunte Gruppe aus dem britischen Jetset. Sie sollte zur neuen Chefin der Organisation ernannt werden.

Es war, wie es war. Seit sie den Vertrag mit Serve Earth unterschrieben hatte, war dieser Dienstag im Mai, an dem sie mit der Guillemot die Themse hinunterfuhr, der schönste gewesen. Sie empfand so etwas wie Glück.

Höhe Canary Wharf holten sie die Signalflaggen ein und machten Platz für den gewaltigen Gennaker. Zwischen den Wolkenfetzen lugte ab und zu die Sonne hervor, die allgemeine Stimmung an Bord war ausgezeichnet, und kurze Zeit später erstreckte sich das bunte Logo von Serve Earth über die zweihundert Quadratmeter Nylontuch des Gennakers. Außer einem verhakten Schot gab es kein Missgeschick. Sie wurden von der Strömung getragen und fuhren mit vierzehn Knoten flussabwärts.

Vier Tage lang steuerten sie Richtung Norden, die gesamte Ostküste Schottlands hinauf. Sooft es ging, wechselten sie die Segel und wurden zu einer Mannschaft, die langsam alle Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit ablegte.

Während der langen Nachtwachen hatte Diana ausreichend Gelegenheit, sich über ihre Besatzung Gedanken zu machen. Wen hatte sie da eigentlich an Bord? Vanessa. Ohne sie hätte sich Serve Earth wahrscheinlich während der langen, kargen Wartephase im Hafen aufgelöst. Sie hatte für die Besatzung erschwingliche Unternehmungen aufgetan, mal einen Salsakurs in einer Schulaula in Richmond, mal ein Drachenflug auf Kite Hill. Abraham hatte sich zwar zu keinem Zeitpunkt über das lange Warten beschwert, aber auch er wirkte jetzt, da es endlich losging, wie aufgeputscht. Er durfte gern alle Klischees bedienen mit seiner kreisrunden Nickelbrille und den groben Strickpullovern, solange er dabei der fähige Chemiker und Steuermann blieb, der niemals sinnlos herumjammerte. Karen hatte sich bisher nicht zu erkennen gegeben. Diana wunderte sich darüber, dass sie noch dabei war. Unbeugsam, geradezu angstfrei, war sie von allen am besten geeignet, bei schwerer See in die Takelage zu klettern und die Segel einzuholen. Dianas persönlicher Rekrut, der Fotograf Klaus, war drei Tage nach dem designierten Kapitän Peter an Bord geklettert. Sein Gepäck bestand aus drei Fototaschen und zwei zerschlissenen T-Shirts. An Klaus und Peter war die lähmende Marter des Hafenaufenthalts vorbeigegangen, und sie brachten frischen Wind und neue Energie in die Gruppe, die sich während des Winters an Bord gequält hatte.

Die Guillemot hatte gerade mit Genua und Großsegel Stronsay, die östlichste der Orkney Inseln, passiert, als Diana den Motor starten lassen wollte.

»Aber was haben wir auf den Shetlandinseln verloren? Wir müssen keinen Diesel bunkern und haben auch sonst nichts an Land zu verrichten. Wir gewinnen doch viel Zeit, wenn wir einfach weiterfahren, oder nicht?«

Peters Fragen waren berechtigt, und weil ihr Verhältnis zwischen ihm als Kapitän und Diana als einer Art Reederin noch nicht richtig geklärt war, verhaspelte sie sich bei der Antwort.

»Ich glaube, alle haben Lust, sich mal die Beine zu vertreten ...«

«Diesen Wunsch habe ich bisher von niemandem gehört.«

»Außerdem können wir Frischwasser aufnehmen.«

»Aber wir haben doch einen eigenen Trinkwasseraufbereiter!«

»Ja, das weiß ich doch, aber ich traue diesen Apparaten nicht. Außerdem ist es nicht besonders umweltfreundlich, Energie zu verschwenden, wenn es nicht notwendig ist.«

»Ja, ja, schon gut. Ich verstehe deine Gründe zwar nicht, aber ich füge mich. Wir steuern auf Lerwick zu. Punkt, aus, basta.«

Backbord sichteten sie Daire Isle, aber die Strömung zwang sie dagegenzuhalten, und deshalb konnten sie nur die Spitze von Sheep Rock in der Nebelbank erahnen. Danach waren sie bis Sumburgh Race allein auf dem Meer, nur begleitet von den Seevögeln. Sie lagen günstig im Gezeitenzyklus, das Wasser stieg, und das Bestreben des Atlantiks, die Nordsee zu füllen, hob sie in die geschützten Gewässer östlich der Shetlandinseln, wo der Seegang sie nicht mehr erreichte. Vereinzelt sahen sie Fischerboote, die in Küstennähe nach Kammmuscheln suchten, und steuerbord kreuzten zwei Trawler auf ihrem Weg ins offene Meer. Nach etwa einer Stunde entdeckten sie das erste Haus, das wie ein Würfel in der Landschaft lag, gebaut aus demselben grauen Stein, auf dem es stand. Die Besiedlung nahm zu, wurde dichter, Weiß mischte sich unter das Grau, der Friedhof auf der Klippe wurde sichtbar, unregelmäßige Häuserblocks häuften sich, eine Stadt tauchte auf. Lerwick hieß die Besatzung der Guillemot in Grau gehüllt und verschlafen auf seine besondere Art herzlich willkommen.

Es gab keine wichtigen Besorgungen oder Aufgaben, die sie an Land erledigen mussten. Das erhöhte auch Dianas Risiko, dass jemand Lust hatte, sie zu begleiten. Darum verkündete sie kurz und knapp, dass sie einen Morgenspaziergang machen wolle, und sprang an Land. Während die übrigen Besatzungsmitglieder an Bord blieben und aufräumten, verschwand sie zwischen den grau verputzten Fassaden der kleinen Stadt, die noch nicht zum Leben erwacht war.

Bleischwer lag das Telefon in ihrer rechten Jackentasche, obwohl es nur etwa zwei- oder dreimal so schwer war wie ein normales Handy. Die Gasse, in die sie, einer spontanen Idee folgend, hineinging, war so schmal, dass ein Hausvorsprung sie fast unbegehbar machte. Sie passierte einen Buchladen, das mit Zetteln vollgehängte Schaufenster eines Immobilienmaklers, Sammelbüchsen für die Seenotrettung. Niemand schien sie zu beachten.

An einer Straßenkuppe blieb sie stehen. Lehnte sich gegen eine Mauer unter der windschiefen, gebogenen Krone einer Kiefer, die es gewagt hatte, ihren Kopf über die kleine Anhöhe hinausragen zu lassen. Sie holte das Satellitentelefon aus der Jackentasche. Ungeübt und unsicher zog sie die Antenne heraus und tippte den Pin-Code ein. Sie wählte die anonyme Rufnummer und ging auf die Anhöhe, um einen besseren Empfang zu haben. Das Rauschen erinnerte sie an die Zeit der alten Bakelittelefone, deren Ende sie als Kind noch gerade so erlebt hatte. Eine schöne Erinnerung von längst vergangener Geborgenheit streifte sie, als jemand am anderen Ende der Leitung antwortete.

»Ja?«

»Hallo, hier spricht Diana. Diana McManus.«

»Ich weiß. Wo sind Sie?«, fragte eine Männerstimme, die sich überall auf der Welt hätte befinden können. Eine Stimme, die versuchte wie eine Maschine zu klingen, mit unterdrückter Satzmelodie und unnatürlichen, gleichmäßigen Pausen zwischen den Worten.

»In Lerwick, auf den Shetlandinseln.«

»Gut. Sehr gut.«

»Mit wem spreche ich denn bitte?«

Diana meinte ein Atemgeräusch im Rauschen der Satellitenverbindung zu hören. Keine Antwort.

»Okay«, sagte sie dann. »Was soll ich tun? Wie lautet mein Auftrag?«

»Sie sollen nach Ny-Ålesund fahren, wohin Sie ja auch eingeladen wurden, und dort das Ballonexperiment überwachen!«

»Überwachen?«

»Betrachten Sie sich als eine Beobachterin, wenn Sie so wollen, von der UN, oder als eine Gesandte der Regierung. Jemand, der sich umsieht, Fragen stellt, Recherchen vornimmt. Oder als eine Auslandsreporterin.«

»Ist das alles?«, fragte Diana erstaunt.

»Ja, das ist alles«, erwiderte die Stimme, fügte jedoch nach einer Kunstpause, die durch die Satellitenverbindung noch verlängert wurde, hinzu, »vorerst.«

Nachdem sie die Antenne wieder ins Telefon geschoben hatte, fragte sie sich, warum sie eigentlich ein Satellitentelefon benutzen sollte. Vielleicht war er davon ausgegangen, dass sie die meiste Zeit auf See sein würde, oder zumindest nicht in der Nähe eines Funknetzes. Aber vielleicht wollte er auch die Nummer als Identifikation haben. Aber diese Ungereimtheiten waren unwichtig, bedeutungslos im Vergleich zu den Antworten, die sie auf ihre Fragen erhalten hatte.

Sie zuckte mit den Schultern. Natürlich wusste sie, dass von ihr eine Gegenleistung verlangt werden würde, aber eben nicht, was für eine. Nach wie vor war ihr Auftrag unklar und unergründlich, aber sie ahnte bereits mit Unbehagen, dass sie ihren Gastgeber Emil Planck hintergehen sollte.

Auf dem Rückweg hielt sie kurz an, rieb sich die Wangen rot, ging zügig weiter und blieb dann vor einem Schaufenster mit Elektrowerkzeug stehen, in dem sie sich spiegeln konnte. Sie gab vor, sehr an einer Stichsäge interessiert zu sein. Vorsichtig warf sie den Kopf in den Nacken und schob dann die Kapuze ihrer Jacke auf dem Kopf hin und her. Sie wiederholte diese Bewegung immer wieder. Ihr dunkelblondes Haar stand ihr wie ein Reifrock vom Kopf ab, so wie früher, wenn sie ihre Lachexplosionen nicht zurückhalten konnte und den Kopf so in den Nacken warf. Sie war sich dessen nie bewusst gewesen und hatte es zum ersten Mal bei der Ausstrahlung eines Fernsehbeitrags entdeckt. Genauso sollte es jetzt aussehen.

Niemand sollte aus ihrem kurzen Ausflug irgendwelche Rückschlüsse ziehen können, noch nicht einmal erahnen, was sich da anbahnte.

Karen saß mit Zigarette im Mund an Deck, trotz Rauchverbot. Sie sah, wie Diana die schattige Allee herunter auf die Anlegestelle zukam, als würde sie aus einer Grotte auftauchen. Karen registrierte ihre veränderte Körperhaltung, aufrechter als zuvor, in gewisser Weise stolzer. Sie folgte Dianas Gestalt, deren kraftvoller Gang ihre Haare zu Berge stehen ließ.

Was glaubst du eigentlich, wem du was vormachen kannst?, dachte Karen. Natürlich war sie telefonieren. Was sollte sonst in ihrer ausgebeulten Jackentasche liegen? Eine alte Packung After Eight? Aber warum rief sie nicht vom Boot aus an? Sehr verdächtig. Sie schnippte den Zigarettenstummel weg, der mit einem wütenden Zischen im Wasser versank. Dass sie bloß nichts Dummes anstellte. Oder sogar Serve Earth in Gefahr brachte.

Lässig kam Diana den Ponton entlangstolziert.

»Willst du nicht an Land, Karen?«

»Mal sehen. Hast du gesehen, ob die Post geöffnet ist?«

»Ähm ... Nein, das habe ich nicht.«

»Und der Bäcker?«, fragte Karen und sah zu Boden.

»Nein.«

»Nee, klar.«

»Aber du«, setzte Diana nach. »Siehst du die weißen Vögel da hinten? Sind das Sturmvögel?«

»Nein. Schwäne«, zischte Karen, als sie merkte, dass Diana unbedingt das Thema wechseln wollte. Jeder hätte auf diese Entfernung Basstölpel erkannt. Karen stand wortlos auf und hisste die kleine norwegische Gastlandflagge unter der Backbord-Saling.

Kapitel 6

Wer behauptete, Moskau sei grau und kalt, der hatte weder richtiges Grau noch richtige Kälte erlebt, fand Gusin, als er wieder in seinem Arbeitszimmer in Lesojansk saß. Der Boden vor seinem Fenster war bedeckt von einer frischen Schneeschicht, die Bäume trugen Raureif, und der Himmel hatte dieselbe graue Farbe wie der Rauch aus den Schornsteinen. Es sah aus, als würde der Himmel in Lesojansk hergestellt und aus den großen, grauen Zementschornsteinen hinauf in die Atmosphäre gepustet werden. Die gesamte Natur war farblos.

Gusin nahm einen letzten Bissen und warf den Rest in den Mülleimer. Er stand auf, sah sich suchend um, und sein Blick fiel auf die Stoffserviette unter der Glaskaraffe im Regal hinter seinem Schreibtisch. Er hob das Kristallgefäß hoch und versuchte das klebrige Zeug an seinen Fingern an dem steifen Stoff abzuwischen. Es gelang ihm nur teilweise, und er warf das Tuch ebenfalls in den Mülleimer. Er war nicht zufrieden mit dem Experiment, das gute Vollkornbrot durch Blätterteig zu ersetzen. Was seine Sekretärin da in einem Brotkorb auf seinen Schreibtisch hingestellt hatte, sollte wohl einem Croissant ähneln. Nur war der Bäcker noch nie in Paris gewesen, sondern nur in Archangelsk und hatte deshalb als Kompensation einfach alles unter Zucker begraben. Fürchterlich klebrig. Er würde es Jelena morgen sagen. Heute war es zu spät, denn er war allein im Bü-ro.

Das Telefon klingelte, Gusin zuckte zusammen.

»Hallo! Alles prima ... Nein, ich muss noch ein bisschen weitermachen, esst ihr schon mal ... Ich habe im Flieger was bekommen ... Herrlich. Die Palmen bogen sich im Wind, Kinder liefen in Shorts über den Rasen ... Nein, noch nicht. Natürlich war ich da, um den Leuten die Aktien zu verkaufen, aber es sind nicht meine eigenen. Ich habe doch keine. Nur Optionen, das ist alles. So macht man heutzutage Geld ... Nein, ich habe die Optionen nicht verkauft ... Es ist so: Falls, oder sagen wir lieber, wenn LesAl in London an der Börse eingeführt wird, kann ich für einen festen Preis selbst Aktien kaufen. Wenn die Aktie höher gehandelt wird als der Buchwert bei ihrer Einführung, kann ich sie sofort wieder verkaufen und sehr reich werden ... Nein, nicht reicher als Tretjakow ... Ja, von ihm habe ich ja die Kaufoption geschenkt bekommen ... Ihn kann man wohl kaum als Weihnachtswichtel bezeichnen, ich habe die vor einiger Zeit als eine Art Lohn bekommen ... Nein, das wird alles gutgehen ... Ja, schon, ach was, nein, ich bin nicht nervös. Tretjakow weiß, was er tut, und das weiß ich auch, Küsschen, meine Süße, warte nicht auf mich.«

Gusin legte auf und seufzte. Tretjakow wusste bestimmt, was er tat, aber es war leider nicht selbstverständlich, dass ihm das zugute kommen würde.

Vor sich hatte er einen fürchterlichen Wälzer liegen. Ungefähr dreihundert Seiten, der genaue Umfang war schwer zu schätzen, weil jeder Anhang aufs Neue nummeriert war. Die Hälfte der Seiten hatte nur eine Überschrift und war ansonsten leer, aber die andere Hälfte war von oben bis unten beschrieben und mit auffälligen schwarzen Punkten versehen, die signalisierten, dass hier noch Zahlen fehlten. Zweifelsohne würden sich die Bankiers noch zu Tode schuften müssen, bis alles in diesem umfangreichen Prospekt bis aufs letzte Kommazeichen stimmte. Das ärgerte Gusin aus zweierlei Gründen sehr. Zum einen, weil sie ganze sechs Prozent aller Einnahmen vom Börsengang der LesAl-Aktie einkassierten und das viel Geld war, womöglich sogar mehr, als er selbst herausbekommen würde. Zum anderen zwangen sie ihn, spät abends allein in seinem Arbeitszimmer zu sitzen und ohne richtiges Essen im Magen einen ganzen Vertragsabschnitt gegenzulesen.

Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und ließ den Kopf so tief in die Hände sinken, dass seine buschigen Augenbrauen an den Fingern kitzelten. Gelangweilt blätterte er den ungebundenen Stapel durch. Der Schriftgrad war sehr klein, abgesehen von dem LesAl-Logo in der obersten Zeile der ersten Seite. Die Namen der Bankiers waren vornehm klein gehalten, nicht einmal der Name des Koordinators aus London war größer als elf Punkt, und die übrigen Banken im Konsortium konnte man kaum ausmachen. Mit sechs Prozent Gewinn von mehreren Millionen Dollar kann man sich ein gewisses Maß an Diskretion auch leisten. Na, prima, hier hatte er es, bereits auf Seite vierzehn ging es los mit den »Risikofaktoren«.

Dreizehn Seiten über die Risiken, die sich ausschließlich auf LesAl bezogen, weitere sieben Seiten über die Risiken, in Russland Geschäfte zu machen. Was für ein Verhältnis! Natürlich wollten sie damit nur auf Nummer sicher gehen, um spätere Kritik zu verhindern, aber trotzdem! Was stand da? »Die Aluminiumindustrie ist zyklisch.« Ja, es geht auf und ab, so wie in fast allen Branchen, das weiß doch jeder. Etwas mehr als eine Seite für diejenigen, die es noch nicht wissen. »LesAl könnte seine Wettbewerbsfähigkeit einbüßen.« Das klang ja äußerst umfassend. »LesAl könnte daran scheitern, neue Akquisitionsobjekte zu finden.« Klang wie ein Problem, das man leichter vermeiden als bekommen könnte. »LesAl könnte von Handelshindernissen betroffen werden.« Der Aspekt müsste eigentlich zu einem der anderen Hauptpunkte verschoben werden. »Die Gruben könnten geflutet werden.« Hier hatten sie den Wortlaut einfach aus einem anderen Prospekt kopiert, in den Gruben von Lesojansk gefror Wasser augenblicklich. »LesAls Haupteigner könnte mit den anderen Miteignern in einen Interessenkonflikt geraten.« Das wäre durchaus möglich, aber das sollte Tretjakow selbst beurteilen. »Härtere Umweltgesetze könnten die Produktion von LesAl beeinträchtigen.«

Gusin hob den Kopf und nahm das Blatt Papier in beide Hände. Drei Viertel der Seite waren beschrieben, in vier Absätze gegliedert. Er las sie sorgfältig durch. Zuerst gab es einen Gummiabschnitt, belangloses Geplapper über Gesundheit und Naturschutz. Im nächsten wurde über die laufenden Abgaben für Abwasser und ähnliches Rechenschaft abgelegt, allerdings fehlten noch die genauen Zahlen. Im letzten Jahr hatte LesAl laut drittem Absatz offensichtlich sechs Millionen Dollar bereitgestellt, um bei der Grube von Altjak die Landschaft wieder zu rekultivieren. Zuletzt kam ein Passus über die eventuellen Konsequenzen des Kyoto-Protokolls. Gusin sprach die langen, englischen Worte laut aus, versuchte ihr Gewicht zu bemessen, ihren tieferen Sinn zu erkennen. Es war die Sprache der Rechtsverdreher, weich wie Stahl und hart wie Kautschuk, unnachgiebig. Als er versuchte, mehrere Aspekte auf einmal zu berücksichtigen, fielen seine Argumente wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Wenn er doch nur jemanden hätte, mit dem er sich beraten könnte.

Es wäre eine natürliche Sicherheitsmaßnahme, die Warnung früh genug zu formulieren, wenn so eine Rubrik bereits existierte. Aber wie sollte er das umschreiben, damit diese kleine Zusatzversicherung nicht zur Zündschnur wurde und das ganze Feuerwerk in die Luft ging? Oder wortwörtlich in die Atmosphäre? Mit wem könnte er sich nur beraten? Die Bankiers waren logischerweise ausgeschlossen, die würden sich begraben, jammern bis zum Atemstillstand.

Er las die Absätze ein zweites Mal. Die Abhängigkeit von der Zuteilung großzügiger Emissionsrechte wurde aufgeführt, ebenso wie der damit einhergehende Effekt der Mehrkosten und die Beeinträchtigung der Produktion. Ein Haufen kurzer Sätze, die gespickt waren mit »vielleicht«, »möglicherweise«, »unter Umständen« und »eventuell«.

Gusin stellte sich ans Fenster. Dieselbe Dunstglocke, die tagsüber die Sonne verhüllte, versuchte jetzt, den Schein der wenigen Straßenlaternen zu dämpfen. Er setzte sich wieder an den Schreibtisch, hob das Papier erneut hoch und seufzte. Der Passus über die Risiken, die unmittelbar mit dem Unternehmen verknüpft waren – inklusive der Umweltrisiken –, war akzeptabel. Es musste so genügen.

Kapitel 7

Hallo, mein geliebter Polarheld!

Hier in Schweden ist eine richtige Suchaktion nach deinem Chef ins Leben gerufen worden. Aftonbladet hat ein ziemlich unscharfes Handyfoto aus Antalya veröffentlicht. Es erwies sich allerdings als eine Aufnahme eines hohen Verwaltungstiers von der Uni, der nicht besonders begeistert darüber war, dass sein Urlaubsflirt in der Presse breitgetreten wird. Nichts Neues unter der Sonne, niemand scheint etwas zu wissen.

Nur ich weiß eines, nein, WIR wissen, dass du bald nach Hause kommen sollst.

Sieh zu, dass dieser Ballon endlich steigt!

Mach ihm Feuer unter dem Arsch ...

Vermisse dich, deine Ullisgullis!

Feuer unter dem Arsch, ja, so konnte man das auch sagen ... Ulrika, Ulrika. Er lehnte sich zurück, kippelte auf dem Stuhl, streckte die Arme in die Luft. Im Arsch. Das war es.

Er stand auf und drehte seine Kreise auf dem Teppich. Planck schien also wirklich verschwunden zu sein. Und damit auch die Kontrolle über diesen Ballon. Der jetzt sein eigenes Dasein fristete. Ungezähmt, eigenwillig. Verbündet mit den Lieferanten, den Technikern und den Meteorologen, als ob nichts ihn daran hindern könnte, wie ein fetter Flaschengeist aufzusteigen.

Bescheuertes Ballontheater!

Er stellte sich vor das zentrale Messinstrument, das in der Ecke thronte. Den Apparat hatte er zwar mittlerweile unter Kontrolle. Aber was sollte eigentlich gemessen werden? Welches Ergebnis herauskommen?

Mit dem Zeigefinger folgte er einem der strohhalmdünnen Kanäle, die in die Maschine führten. Er nickte bestätigend, als er nicht die geringste Unebenheit auf der rostfreien Stahlhülle entdecken konnte. Alle Fugen waren geglättet, alle Schweißnähte poliert, die Röhren liefen in perfekten parallelen Bahnen über die glänzende Instrumentenkonsole. Der Apparat sah aus, als wäre er einer Schweizer Uhr entnommen worden, nur größer, komplexer, einzigartiger und wesentlich bedienungsunfreundlicher. Doch nichts davon schüchterte Kimi ein. Drei Jahre lang hatte er sich an den weniger exquisiten Cousinen dieses Steinways unter den Gaschromatographen versucht. Drei Jahre, die in vielerlei Hinsicht verlorene Zeit gewesen waren, in denen die Mängel der Ausrüstung und die Unterbesetzung ihn gezwungen hatten, die Maschinen zu reparieren, bei Versuchsanordnungen zu improvisieren und Neues zu erfinden. In Bezug auf die Beherrschung der Methoden und Technik seiner Disziplin hatte Kimi also keinen Grund, unzufrieden mit seiner Promotionszeit zu sein. Im Gegenteil, die Jahre der Plackerei mit widerspenstiger Ausrüstung ermöglichten es ihm, zu schätzen, was er da vor sich sah.

Der Gaschromatograph und das mit ihm verbundene Massenspektrometer, das Planck eigens hatte anfertigen lassen, waren so groß wie ein hochwertiger Kopierer. Sie waren in der Lage, geringere Konzentrationen von Gasen in der Atmosphäre zu messen als jeder andere Apparat. Besonders jene Gase mit kleinen, leichten, unkontrollierbaren Molekülen, an denen die meisten Gaschromatographen scheiterten. Die Methode baute darauf auf, die Gase zu sieben, indem man sie durch eine Säule strömen ließ, die mit einem porösen Material gefüllt war. Das taten die meisten Gase auch ganz gehorsam, und zwar wie beabsichtigt auch unterschiedlich schnell. Mit Ausnahme von Wasserstoff, Helium und noch ein paar anderen, die einfach durch die handelsüblichen Säulen rauschten, ohne sich auffangen zu lassen. Damit hatte sich Plancks Forschung beschäftigt, und darum verfügte Kimi jetzt über den effektivsten und besten Apparat seiner Gattung, der jemals gebaut worden war, mit der längsten und teuersten Säule, die man jemals konstruiert hatte.

Säule. Kimi konnte das Wort weder denken noch aussprechen, ohne an Ulrika zu denken. Sie hatte auf dem Sofa gelegen, zu einer Zeit, als er noch offen über seine Arbeit sprach. Er hatte gerade die zentrale Bedeutung der Säule erwähnt. »Ist sie dorisch, ionisch oder toskanisch? Ansonsten will ich davon nichts mehr hören«, hatte Ulrika erklärt. Kimi hatte erläutert, dass es sich um eine einfache Glasröhre handele, ohne Kapitell und sonstige ästhetische Finessen, und hatte sich verloren in einer ausführlichen Beschreibung, wie das im Detail funktionierte. Sie hatte ihn unterbrochen, indem sie ihren Finger auf seine Lippen legte, und gefragt: »Ist das wie in diesem Märchen? Es waren einmal zwei Moleküle, X war groß und dick, und Y war dünn und schmal, die wollten um die Wette laufen. Ziel war es, als Erster und Schnellster durch ein Labyrinth zu gelangen. Nur die beiden, der dicke X und der dünne Y, ab ins Labyrinth ohne bösartige Sackgassen und so, aber voller plötzlicher spitzer Ecken und enger Passagen. Auf die Plätze, fertig, los! Der Wettlauf hat begonnen. Die Spannung ist unerträglich. Und da erreicht Y das Ziel, und dahinter erscheint auch X endlich, eindeutig langsamer. Läuft das ungefähr so ab?«

»Genau so!«, antwortete Kimi.

»Alles klar, du spielst Labyrinth-Spiele. Dann ist es ja auch kein Wunder, dass du nichts publizierst«, erwiderte Ulrika. Er konnte sich genau daran erinnern, wie sehr ihn das verletzt hatte. Ihr lautes Lachen war zwar sofort verstummt, als sie bemerkt hatte, wie sich seine Miene verfinsterte, und sie hatte ihn geküsst und sich entschuldigt und ihn gebeten, bitte mehr von seiner Arbeit zu erzählen.

Kimi versuchte, diesen Gedanken abzuschütteln, und drehte einfach so an einem der Ventile. Sanft und leise hätte diese Bewegung einen Probenzylinder geöffnet, wenn er befestigt gewesen wäre. Aber jetzt geschah nichts weiter. Die einzigen Geräusche im Labor waren die entfernten und gedämpften Stimmen der beiden norwegischen Kollegen im Nebenzimmer.

Kimi war es gewöhnt, allein zu arbeiten, daran gewöhnt, dass Kontakte hier rein oberflächlich waren, dass ein Handschlag keine Konsequenzen hatte. Warum die beiden Norweger auf Abstand blieben, wusste Kimi allerdings nicht genau. Er hatte sich schon längere Zeit nicht mehr genauer im Spiegel angesehen, bestimmt ein paar Tage, aber die Bartstoppeln konnte er sowohl fühlen als auch in der glänzenden Oberfläche des Chromatographen sehen. Vielleicht sollte er sich einen Vollbart wachsen lassen, so einen ungepflegten Zottel wie die Polarfahrer des 19. Jahrhunderts. Einen Shackletonbart, der fast das ganze Gesicht verdeckte. Würde er dann weniger abweisend wirken? Kimi drehte sein Kinn hin und her und versuchte, sich das Ergebnis vorzustellen. Es wäre schon ziemlich ironisch, wenn ausgerechnet Haare ihm bei seiner neuen Karriere helfen würden, nachdem sie ihn aus seiner alten katapultiert hatten.

Es war während einer Kampagne für ein neues Herrenparfum geschehen, alles war superheimlich, er hatte das Wort Kouros vorher noch nie gehört. Eines Morgens hatte Kimi seinen Rasierapparat liegenlassen, und schon am nächsten Tag war die erste kleine Spitze vom Fotografen gekommen. Einen Tag lang war Ruhe gewesen, sie machten mehrere Aufnahmen, aber schon am nächsten Nachmittag nahm ihn der Art Director beiseite und fragte ihn in seinem Büro, was er sich dabei eigentlich denken würde. Er redete von Knubbeln und Placken und den grundlegenden Prinzipien der Ästhetik. Das Aussehen des Kinns sei ja praktisch eine Privatangelegenheit und gehöre zu dem Image, das sich das Model aussuchte und als Paket anbot. Aber der Torso sei in keiner Weise verhandelbar. Haarstoppeln auf der Brust seien sozusagen gleichbedeutend mit dem Abschied von der Arbeit als Profi, ganz besonders, wenn man welche auf dem Bauch habe. »Du hast vielleicht eine Zukunft in Versandhauskatalogen!«, hatte der Art Director Kimi angeschrien. »Reklame für lange Unterhosen kannst du machen. In Finnland oder wo zum Teufel du herkommst!«

Ein paar Tage später war er wieder zu Hause bei Ulrika gewesen, und nur einen Monat später hatte er geglaubt, die Tür zu seinem neuen, lang ersehnten Leben aufgestoßen zu haben. Er hatte sich als Doktorand im Klimatologischen Institut von Göteborg eingeschrieben.

Was seine Kollegen im Nachbarzimmer anbetraf, so wusste er ja nicht einmal, ob es tatsächlich sein Aussehen war, das sie so abweisend sein ließ. Grund könnte ja auch seine berufliche Qualifikation sein. Da half auch kein Vollbart, egal wie verfilzt und wuschelig der war.

Das war alles so absurd. Er befand sich in dem wohl exklusivsten Forschungsmilieu, umgeben von Instrumenten, von denen er früher nur hatte träumen können, und konnte nichts bewerkstelligen, während die Zeit unaufhaltsam verstrich. Die Freude über die Entdeckung des einzigen Höchstwertes, der gewaltige Anstieg der Kurve am 12. Februar, hatte sehr schnell nachgelassen, als er das Ergebnis keinem bekannten Muster hatte zuordnen können.

Emil Planck, wo stecken Sie bloß?

Vierundzwanzig Stunden war es her, seit ihn die Polizei von Uppsala angerufen hatte. Ein Kommissar Lind hatte ihm einige Fragen gestellt. Kimis Antworten fielen so kurz und allgemein aus, wie man es von jemandem erwarten kann, der Planck genau einmal getroffen hat und weder etwas gesehen noch gehört hatte. Nach dem Gespräch hatte ihm Lind noch eine E-Mail geschrieben und ihn gefragt, wer sonst noch etwas über den Verschwundenen wissen könnte. Kimi hatte ihm alle Nummern und Adressen zugeschickt, die ihm selbst allerdings ja auch nicht weitergeholfen hatten.

Lautes Gelächter drang in seinen Teil des Labors, wie ein verirrter Zugvogel, und wurde gefolgt von mehreren unverständlichen norwegischen Sätzen, die alle am Satzende nach oben gingen. Es störte ihn, nicht dazuzugehören.

Kimi fasste einen Beschluss und ging mit schnellen Schritten auf den Chromatographen zu, vorbei an dem Tisch für die Probenpräparierung und den Regalen mit den Handbüchern und der Sekundärliteratur. Im Vorbeigehen warf er einen Blick auf die Papierstapel auf Plancks Schreibtisch. Er zog sich den Stuhl ran und nahm aufs Geratewohl ein Blatt von einem Haufen.

»Genial!«, brüllte er. Er wiederholte seinen Aufschrei erneut, es hatte Wirkung gezeigt. »Genial!«

Die Unterhaltung im Nachbarzimmer verstummte.

»Endlich!«, schrie Kimi.

Nebenan wurde ein Stuhl über den Boden geschoben. Zuerst kam Harald, dessen gesprenkelte Halbglatze Kimi zu dem Spitznamen ›Harald Schönhaar‹ inspirierte, in Anlehnung an den ersten norwegischen König. Er stand eine Weile mit seinem fusseligen Wollpullover im Türrahmen und näherte sich dem sitzenden Gastforscher zögernd von hinten, als dieser erneut aufschrie: »Verdammt clever!« Dann warf er den Zettel, dessen genaues Studium er vorgegeben hatte, auf den Schreibtisch zurück.

»Wissen Sie was, Harald, dieses Experiment hat das Zeug dazu, der Clou dieser Saison hier oben zu werden!«

»Clou?«

»Das Ding, das einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Ereignisse, die unvergessen bleiben. Das, was auf dem Einband des Jahrbuchs steht. Der Clou der Saison eben!«

»Ja ...?«

»Überrascht Sie das? Wie viele Wetterballons sind bisher von hier losgeschickt worden?«

Harald Schönhaar zögerte ein bisschen mit einer Antwort. Sein kleinwüchsiger Kollege, der das Thema Polarbart bereits erfolgreich bearbeitet hatte, erschien ebenfalls in der Tür. Er trug eine braune Strickjacke, in deren Taschen er viel zu schwere Gegenstände gestopft hatte.

»Sie könnten recht haben, dass es der erste Ballon ist. Zumindest in der Größenordnung. Aber Plancks Markenzeichen war schon immer ›groß und teuer‹.«

Sein Kollege starrte zu Boden und gab keine Hilfestellung.

»Das wird bestimmt ein Knaller, eine Sensation! Oder, was meinen Sie?« Kimi verlieh seinen Worten Nachdruck, indem er mit der Hand so fest auf den Schreibtisch hieb, dass die Computermaus in die Luft flog. »Und mit so einem Instrument« – er drehte sich um und zeigte auf den Chromatographen – »wird es gelingen, die geringsten Spuren in den Luftproben aus der Stratosphäre aufzuspüren.«

»Ja, der Hoffnung kann man sein!« Der Kollege wagte einen ersten, zarten Vorstoß zur Kommunikation.

»Wenn ich von einem Ballon aus dreitausend Metern Höhe auf die Erde geschleudert werden würde, dann würde ich genau in diesem Instrument untersucht werden wollen«, Kimi sah die befremdeten Blicke seiner Gesprächspartner und fügte hinzu: »Na, Sie wissen schon, wie ich das meine.«

»Das Ballonexperiment könnte die einzigartige Möglichkeit bieten, jene Treibhausgase zu erforschen, von denen man bisher kaum Proben bekam. Aber, wie soll man sagen, Emil Planck hat sehr zurückgezogen gearbeitet. Und mit seiner Umwelt hat er hauptsächlich über Antragsformulare, Protokolle und Berichte kommuniziert.«

»Die im übrigen brillant und knapp, aber auch uralt waren, wenn sie dann endlich eingereicht wurden«, ergänzte der Kleinwüchsige und betrat zum ersten Mal seit Kimis Ankunft in Ny-Ålesund diesen Teil des Labors, den Emil Planck mit seinen Analyseinstrumenten, seinem Kabelsalat und seinen Papierbergen bezogen hatte.

»Ihr beiden habt doch bestimmt auch dazu beigetragen, dass dieses umfangreiche Experiment überhaupt umgesetzt werden konnte, oder? Ihr seid führende Forscher auf diesem Gebiet ...« Kimi versuchte ein Zahnpastalächeln.

»Wir sind mit der kontinuierlichen Überwachung und Messung der wichtigsten Treibhausgase beschäftigt, zumindest der verbreitetsten. Also Kohlendioxid, Methan, Stickstoffoxid und ein paar andere. Wir veröffentlichen auch alle Ergebnisse im Internet. Planck hingegen ist Spezialist für ein einziges Gas. Fluormethan ist sein einziger Forschungsgegenstand, soweit wir informiert sind.« Harald Schönhaar legte seinen Kopf auf die Seite. »Hatten Sie denn den Eindruck, er sei besonders redselig? Er ist doch eher ein kleines bisschen zu verschwiegen, oder?«

Kimi zögerte, aber es konnte ja nicht schlimmer werden. »Er hat kein Wort darüber verloren, worum es hier geht«, erwiderte er.

Die zwei norwegischen Forscher tauschten Blicke aus. Danach veränderte sich der Ton der Unterhaltung. Harald versuchte sich mit einem Witz, Kimi lachte. Er konnte nicht fassen, wie wichtig es für die beiden war, dass er ein wenig Distanz zu dem verschwundenen Professor signalisierte.

Weder Harald noch sein Kollege – der Jonfinn-Kåre hieß – wollten Plancks Status als führender Experte für Fluormethan anzweifeln. Erst recht nicht, da es im Kyoto-Protokoll als eines der Gase beschrieben wurde, dessen Ausstoß entscheidend minimiert werden sollte. Sie gaben sogar zu, dass sie nur aus einem Grund Fluormethan nicht in ihre Forschungen miteinbezogen: Es sei nahezu unmöglich, es zu messen. Kimi begriff langsam, dass es Planck leichter gelang, sein Format vor einem großen Publikum hervorzuheben als vor einem kleinen.

»Wir wollen nur damit sagen, dass Ihnen dadurch eine wahrscheinlich einmalige Gelegenheit geboten wird. Bisher hatte noch niemand Zugang zu Luftproben, die aus so großer Höhe stammen. Ohne mich eigentlich einmischen zu wollen, würde ich Ihnen trotzdem gerne einen Tipp geben«, sagte Harald.

Kimi konnte sehen, wie er sich wand und quälte, als er das sagte. So als würde er nichts wissen dürfen, als hätte er nichts sagen sollen.

»Zweimal hat Planck einen extrem hohen Fluormethangehalt gemessen. Ziemlich interessant«, verkürzte Jonfinn-Kåre die Sache.

»Wir haben diese Rohdaten auf dem Bildschirm gesehen«, fügte Harald hinzu, so als wären diese Angaben verlässlicher gewesen, bevor Planck sie bearbeitet hatte.

Die beiden Norweger entschuldigten sich mit einem Seminar unten in der Siedlung, an dem sie teilnehmen wollten, und zogen sich zurück. Sie hatten bereits ihre Daunenjacken an, als Harald ein letztes Mal ins Labor kam.

»Noch eins: Planck war übrigens sehr eifrig, wenn es darum ging, seine Ergebnisse zu verbreiten. Er hatte sogar ein paar Umweltaktivisten eingeladen, um seine Botschaft in aller Welt zu verkünden. Serve Earth heißen die«, sagte Harald und wandte sich ab. Ein letzter Blick über die Schulter: »Oder vielmehr ihre Botschaft, Kimi.«

»Serve Earth.« Kimi sprach den Namen laut aus, als er wieder allein im Labor saß. Er sagte ihm nichts. Umweltaktivisten. Es würde bestimmt äußerst produktiv werden, einen Haufen Anti-Alles-Leute um sich zu haben, die unbedingt eine Botschaft verkünden wollten.

»Serve Earth.« Nein, das sagte ihm gar nichts. Oder hatten die was mit Sport zu tun? Vielleicht sollte er das doch mal beizeiten genauer untersuchen.

Er fuhr den Computer hoch. Wichtig war jetzt, weiter in Plancks Dateien zu wühlen und diesen zweiten hohen Messwert zu finden. Zwei Höchstwerte! Da konnte man wirklich nicht mehr von Zufall sprechen.

Planck hatte wenige Freunde auf der Station, aber offensichtlich konnte man auch einiges von seinen Feinden erfahren. Und die hatten Kimi nicht einmal gefragt, was eigentlich so genial gewesen war.

Kapitel 8

Die Guillemot stampfte voran, kämpfte sich durch eine See, die zunehmend schwieriger zu befahren war. Die Wellen wurden länger. Noch vor wenigen Stunden hatten sich ihre Kämme weiß schäumend gebrochen, aber nachdem der Wind gedreht hatte, schlugen sie jetzt als schwere Dünung achtern gegen Backbord. Das Log, das die Geschwindigkeit des Schiffes anzeigte, zitterte jedes Mal, wenn das Schiff von einer Welle hochgehoben wurde. Die Guillemot neigte sich vornüber, wurde vorwärts geschoben, während sie in ein Wellental rutschte. Mal zeigte das Log zehn Knoten an, elf, zwölf, dreizehn, schwankte, zeigte für kurze Zeit sogar vierzehn Knoten an und sank dann wieder zurück.

Der Wind hatte gedreht, wie bereits am Abend zuvor in der Wetterfaxmeldung angekündigt worden war. Die Kaltfront war am frühen Morgen mit stoßartigen Böen und kurzen heftigen Schauern über sie hinweggezogen, und der Wind hatte seine Richtung um exakt die dreißig Grad gedreht, wie es die Veränderung der Isobaren auf dem Fax prophezeit hatte. Diana hätte also nicht überrascht sein dürfen.

Dennoch konnte sie es sich nur schwer vorstellen, was geschehen würde, falls der Wind wirklich neue Wellen bildete. In der Theorie war das alles ganz einleuchtend. Die vom Wind erzeugten Wellen vermischen sich mit den Dünungswellen und versuchen, die seitlich heranrollende See zu neutralisieren. Aber genauso häufig überlagern die neuen Wellen die alten und addieren ihre Höhe, Kraft und Energie. So bauen sich lokale Wellenberge aus Wasser und Schaum auf, die seitlich zur Dünung verlaufen, aber vollkommen unberechenbar sind und mal verschwinden und genauso plötzlich aus dem Nichts wieder auftauchen. Vielleicht folgten die Wassermassen doch geheimen Gesetzen, die niemand durchschaute. Der Besatzung fiel es schwer, den Ereignissen zu folgen. Die Bullaugen tauchten unter Wasser, und der Horizont hob und senkte sich, als würde er die Menschen an Bord vor dem Anblick verschonen wollen, der sie in wenigen Sekunden erwartete.

Serve Earth hatte die norwegische Küste bei den Lofoten verlassen, die Guillemot befand sich jetzt auf nördlichem Kurs. Ein kurzer Besuch auf Røst gab eine letzte Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten, die Tanks aufzufüllen, gefrorenen Fisch zu bunkern und in aller Ruhe die Pflaster gegen Seekrankheit hinter die Ohren zu kleben. Diana hatte die Insel zuvor schon einmal besucht, um eine Kampagne gegen anthropogene Artenverbreitung im Allgemeinen und die Königskrabbe im Besonderen zu lancieren. Sie erinnerte sich gut an die Bilder der bepanzerten Armee aus Scheren und Beinen, die über den Meeresboden pflügte und eine wahre Wüste hinterließ. Und sie erinnerte sich an ihren Enthusiasmus von damals, obwohl die Kampagne mit Ausbruch von Tandons Krankheit eingestellt worden war.

Røst lag eine Dreitagesreise hinter ihnen, fünfzig Seemeilen östlich von ihnen lag die Bäreninsel und zweitausendsiebenhundert Meter unter ihnen der Meeresboden. Ansonsten gab es keine weiteren Landmarken oder Anhaltspunkte, ehe sie die Inseln von Spitzbergen erreichen würden. Es hätte schlimmer kommen können, redete sich Diana gut zu. In der Nähe der Bäreninsel erhebt sich der Kontinentalsockel, die Wellen dort waren noch um ein Vielfaches höher. Sie waren schon so weit nach Norden vorgestoßen, dass das Zentrum des wandernden Tiefdruckgebietes hinter ihnen vorbeizog und sie vom Dauerregen verschont blieben. Sie hätten auch ein schlechteres Boot haben können, ein kleineres und anfälligeres oder eine Guillemot in dem erbärmlichen Zustand wie noch wenige Wochen zuvor.

Aber es war schwer, an diese Vorteile zu denken, wenn man die Tür des Salons öffnete und an Deck kletterte. Denn sogar in dem windgeschützten Sitzbrunnen, der für komfortable und gemütliche Stunden gebaut worden war, musste man Schutzbrillen tragen. Die Wellen brachen an Backbord, die Guillemot wurde von der Dünung hochgehoben und erst in letzter Sekunde wieder losgelassen. Kurz darauf verschworen sich die Wellen und trugen ihre schaumgekrönten Kämme heran, leicht und luftig zuerst, um dann achtern an Backbord zu brechen und wie Blei auf Deck zu schlagen. Die Luftblasen zerbarsten unter dem Druck, wurden zu Wasser, zu kaltem Wasser, das in Strömen über das Teakdeck floss, als Fontäne hochschoss, wenn es gegen die Winsch oder einen der Beschläge am Backstag schlug, das weitergepeitscht wurde wie ein vom Wind getragener Wasserfall, der einmal quer über das Deck der Guillemot fegte und sich steuerbord in den Sitzbrunnen ergoss.

Dort saß eine einsame Gestalt mit blauen Lippen, ein dunkelgraues Telefon in der Hand, das sie unter ihrer Regenkappe versteckte. Diana McManus. Es nahm keiner ab. Die Signale wurden gesendet, die Nummer stimmte, aber es nahm niemand ab. Dianas Zähne schlugen rhythmisch aufeinander. Die Rufzeichen surrten im Hörer. Keine Antwort. Die Uhrzeit war die vereinbarte, aber er nahm den Hörer nicht ab. Sie beschloss zu warten.

Trotz des Lärms der aufgepeitschten See und der strapazierten Takelage hörte sie jemanden an Deck kommen. Diana schielte unter ihrer Kapuze hervor und sah durch den Vorhang aus Wasser, wie Peter auf sie zukam. Sie entdeckte auch die Sorgenfalte in dem schmalen Spalt zwischen Skibrille und Kapuze. Er inspizierte sie mit kritischem Blick, und erst als er sah, dass sie ihre Rettungsweste trug und ordnungsgemäß gesichert war, entspannten sich seine Gesichtszüge. Sie hatte ihn beobachtet, wie er einige Male seinen Platz am Steuer verlassen hatte, eine kleine Runde im Salon drehte, sich dabei am Sicherheitsseil entlanghangelte und dann wieder ganz vorne backbord im Aufbau des Schiffes vor seinen Bildschirmen und Instrumenten Platz nahm. Jedes Mal hatte er Diana, die draußen saß, mit einem Blick angesehen, der sein Unverständnis ausdrückte, wie sich überhaupt jemand freiwillig an Deck aufhalten konnte.

»O ja, ein schöner Platz, um zu philosophieren!«

»Stimmt«, versuchte Diana zu antworten, aber ihre verfrorenen Lippen konnten nur einen zischenden Sch-Laut formen. Obwohl sie das Telefon schon längst aus der Kapuze zurück in die Jackentasche hatte gleiten lassen, fühlte sie sich ertappt.

»Der Wind flaut ab, merkst du das?«, fragte Peter. »Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht die ganze Zeit da oben sitzen und den Joystick festhalten muss. Sie fährt toll mit dem Autopiloten, ich kann nichts, was sie nicht selbst auch tun kann. Der Verkehr ist auch überschaubar. Um nicht zu sagen, gar nicht vorhanden.«

Diana nickte steif.

»Sieh dich nur um, ist das nicht herrlich!« Peter breitete die Arme aus. Ein Schwarm von Alkenvögeln, deren kleine kurze Stummelflügel im Gegenwind zitterten, zog steuerbord an ihnen vorbei und kämpfte sich dicht über dem Meer gen Süden. Ein paar Sturmvögel umkreisten sie, tanzten über den Wellenkämmen, die Flügelspitzen nur eine Schnabellänge entfernt von der Oberfläche. Diana nickte zustimmend, ohne wirklich etwas zu registrieren.

»In ein paar Tagen werden wir bestimmt den ersten Papageientauchern begegnen. Die bleiben lieber in der Nähe der Küste und können nicht so weit aufs offene Meer fliegen.« Er holte tief Luft. »Das nenne ich Leben!«

Dann erwähnte er seine frühere Arbeit als Mittelmeerskipper auf einer Charteryacht: In seinem vorherigen Job hatte er die Verantwortung über ein etwas größeres Boot gehabt, natürlich eher sachlich ausgestattet für Charterzwecke, ohne die aufwendigen Details der Guillemot. »Das Boot verfügte über vier Kabinen für acht Passagiere, von denen praktisch nie jemand nüchtern war. Immer dieselbe Route von Cannes nach Saint-Tropez, dann umkehren, runter nach Monaco. Dort gab es die Möglichkeit, in einer Nachtfahrt nach Korsika zu segeln, sie wurde immer wieder vorgeschlagen und immer abgelehnt, stattdessen lieber Wasserskifahren in Villefranche, der Bucht hinter den Kreuzfahrtschiffen, oder sinnlose Kreise auf dem Jetski drehen oder noch mehr Alkohol in irgendeinem Nachtclub in Torkelnähe.« Die S/Y Guillemot dagegen sei eine andere Welt. Serve Earth sei eine ganz andere Welt. Sein Beruf habe dadurch einen neuen Sinn bekommen. Er sei sehr froh und dankbar dafür, aber dieses Bekenntnis drang nur zögerlich in Dianas Bewusstsein.

Vielleicht war sie einfach zu ungeübt, Lob anzunehmen. Deshalb suchte sie sofort nach versteckten Andeutungen, wo gar keine waren. Aber vielleicht war ihr auch nur die Geschichte mit dem Telefon unangenehm gewesen, sie konnte nicht so schnell umschalten.

Da Diana ihn nicht unterbrach, ging Peter dazu über, die technischen Raffinessen der Guillemot zu preisen. Diese exquisiten Tischlerarbeiten, die versiegelten Aufbauten aus Kohlenstofffasern, die Isolierung, die das Dröhnen der Generatoren zu einem Fliegensummen reduzierte, alles lobte er in den höchsten Tönen.

»Du hast ihren schlechten Zustand nicht gesehen, bevor sie in die Werft kam«, sagte Diana und wischte das Wasser aus ihrer Schutzbrille.

»Das stimmt. Das mit der Reparatur lief ja problemlos ab.«

»War auch gut vorbereitet.« Diana versuchte, den sarkastischen Unterton zu unterdrücken.

Es hätte gutgetan, offen darüber zu sprechen. Erzählen zu dürfen, wie Peters Vorgänger ihr einen dicken braunen Umschlag mit Dokumenten überreicht, seinen Dienst quittiert und gepackt hatte. Darüber, dass sie sich keine großen Gedanken über die Besetzung seiner Stelle gemacht hatte, bevor sie den Begleitbrief durchgelesen und die Konsequenzen erfasst hatte.

Der Aluminiumrumpf der Guillemot war von elektrochemischer Korrosion befallen worden, einer Art Rost, der das Metall bei Kontakt mit Wasser auflöste. Zuerst hatte sie gar nicht richtig begriffen, was das bedeutete, trotz der beigefügten Bilder. Eine der Gewinneryachten des America’s Cup war davon ebenfalls befallen worden und so stark korrodiert, dass sie nach einem Jahr verschrottet werden musste. Weitere Beispiele tauchten in der Umgebung auf, nachdem sie begonnen hatte, sich umzuhören. Zwar schien die Korrosionsgefahr mit der Zunahme elektronischer Ausrüstung an Bord zu wachsen, weil es viel mehr Stromquellen gab, die fehlgeleitet und die Auflösung des Aluminiums vorantreiben konnten. Aber das Problem blieb dennoch schwer greifbar und rätselhaft. Es sah aus wie die Antwort der Boote auf den oralen Amalgamkrieg, nur viel sichtbarer und auch unabwendbarer. Im Süßwasser der Themse stellte das kein Problem dar. Nur das Meer war plötzlich außer Reichweite geraten für die Guillemot und für Serve Earth, nur das Meer.

Die Kostenvoranschläge hatten auch in dem Umschlag gelegen, den sie ausgehändigt bekommen hatte.

Sie hatte sich sofort dafür entschieden, den Gehältern der Besatzung Priorität einzuräumen. Die Besatzung und die Teilzeitangestellten in der kleinen Kanzlei hatten äußerst bescheidene Bezüge, ganz zu schweigen von den Stundenkräften in der Filiale in Buenos Aires. Die Kapitaldecke würde das alles mindestens ein halbes Jahr tragen. Das war beschlossene Sache, und die Gehälter wurden gezahlt, wie zuvor auch.

Die Guillemot in einen brauchbaren Zustand zu versetzen, war jedoch etwas ganz anderes gewesen.

Für zweihundertneunzigtausend Pfund könne sie wieder im Salzwasser fahren, und für zusätzliche einhundertdreißigtausend Pfund würden alle sechzehn Punkte auf der Schadensliste behoben werden, hieß es.

»Das war wie gesagt alles gut vorbereitet, schon bevor ich Generalsekretärin wurde. Die Werft hatte die nötigen Ersatzteile angefertigt. Aber nach Tandons Tod war kein Geld mehr da.«

Warum gehe ich jetzt darauf ein, fragte sich Diana, um mich selbst zu quälen? Sie drehte das Gesicht in den Wind und bekam statt einer Antwort eine Prise Salzwasser ab. Peter stellte die Fragen, die Diana erwartet hatte.

»Es stellte sich heraus, dass Tandon fast alles aus eigener Tasche finanziert hatte. Die Stiftung hatte keine stabile Kapitaldecke und erbte keinen Cent. Und unsere Treuhänder hatten nichts anderes getan, als Tandons Namen für eigene Zwecke zu benutzen. Sie hatten keinen Finger krumm gemacht. Aber keine Sorge! Es hat ein bisschen Zeit und Kraft gekostet, aber jetzt sind wir auf dem grünen Zweig. Serve Earth ist ein starkes Markenzeichen, und es liegt an uns, es auszubauen.«

»Hattet ihr denn nie Angst, alles hinschmeißen zu müssen? Ein Boot wie die Guillemot zu chartern kostet ja praktisch einen Mercedes jede Woche. Das Geld rinnt einem ja nur so durch die Finger!«

»Nein, das war zu keinem Zeitpunkt eine Option«, log Diana. »Und jetzt haben wir Aufwind«, fügte sie mit jenem breiten Lächeln hinzu, das sie bei unzähligen misslungenen Versuchen aufgelegt hatte, vermögenden Männern mittleren Alters Geld aus der Tasche zu locken.

»Und wer liefert jetzt die Kohle? Wo kommt denn das viele Geld her?«, wunderte sich Peter und versuchte Diana unter ihrer überdimensionierten Kapuze in die Augen zu schauen.

»Kein Kommentar!«, erwiderte Diana und versuchte zu lachen. »Ach, du weißt doch. Es gibt immer Leute mit zu viel Geld. Die gerne und großzügig abgeben, aber immer um ihren Ruf besorgt sind. Auflage ist, dass sie nicht im Rampenlicht erscheinen und wenn, dann nur im richtigen Licht. Wenn wir erfolgreich sind.«

»Verstehe«, nickte Peter, der schon so viele lichtscheue Millionäre getroffen hatte, dass er Dianas Notlüge glaubte. »Du kannst mit mir rechnen, ich mische mich nicht in Geldangelegenheiten ein, und mich interessiert auch unser Reiseziel nicht weiter. Um die Kampagne kümmert ihr euch. Und was den Zweck unserer Reise angeht, bin ich auch nicht so skeptisch wie andere Besatzungsmitglieder. Ich sorge nur dafür, dass wir heil dort ankommen.«

Die Wachliste ermöglichte ein erstes gemeinsames Abendessen an Bord. Karen beobachtete Diana, die ein Glas Rotwein zur Feier des Tages erhob, ihre langen Wimpern waren dunkel getuscht. Karen hat sie beim Schminken erwischt und selbst auch eine extra Schicht dunklen Lidschatten aufgelegt.

»Zum Wohl, meine Freunde! Lasst uns auf eine erfolgreiche Kampagne anstoßen!«, sagte Diana feierlich.

Eines schönen Tages wird sogar Diana ein kleines bisschen Vertrauensvorschuss bekommen müssen, sagte sich Karen. Immerhin hatte sie es geschafft, das Geld für die Bootsreparatur zu beschaffen, es musste ein Vermögen gewesen sein. Diana war wahrhaftig eine Zauberin von Rang.

»Zum Wohl!«, erklang es in unterschiedlichen Tonlagen und Akzenten.

Was diese Reise anging, war Diana so redebereit gewesen wie ein Silberfisch, fand Karen. Alles hing von diesem Trip ab, entweder würde es ein geglücktes Comeback werden oder ein totales Fiasko. Trotzdem hatte Diana darauf beharrt, sie alle über den Zweck der Reise im Ungewissen zu lassen. Der Tag für eine Anerkennung war noch nicht gekommen.

»Um was für eine Kampagne handelt es sich eigentlich? Gibt es noch andere außer mir, die nicht wissen, worum es hier geht? Ist es überhaupt eine Kampagne? Wie lautet dann die Zielsetzung? Aber vielleicht ist es gar keine Kampagne, sondern eine Vergnügungsreise, von der mir nur niemand erzählt hat«, meldete sich Karen zu Wort und versuchte Diana mit einem Blick aus ihren schwarzumrandeten Augen zu durchbohren.

»Das ist alles noch nicht so klar«, gab Diana zu und ließ ihren Blick über die versammelte Mannschaft gleiten. Wie eine unsichere Referendarin in der Schule, fand Karen. »Es ist doch so«, fuhr Diana fort, »wir müssen offen sein, oder? Wir fahren an die Front der internationalen Forschung, niemand weiß, was dabei herauskommen wird. Der Ballon, um den es geht, ist der größte, der jemals zuvor so hoch im Norden losgelassen wurde. Die ganze Guillemot hätte darin Platz, neben einer Autofähre, so groß ungefähr. Stellt euch den Millennium Dome vor!«

»Der Millennium Dome war ein Fiasko«, warf Karen ein und sah dabei auf ihre schwarz lackierten Nägel.

»Kannst du mich bitte aussprechen lassen? Ich meinte seine Ausmaße, die Größe des gesamten Projekts. Ich fang mal von vorne an. Die Forscher wollen den Gehalt an Fluormethan in der Atmosphäre messen. Das ist einer der abscheulichen Verursacher der Klimaveränderung, sechstausend Mal schlimmer als Kohlendioxid, sechs null null null mal so viel! Es handelt sich um ein Perfluorkarbon, noch dazu der schlimmste Vertreter aus dieser erbärmlichen Familie. Eines der sechs Gase, auf die sich das Kyoto-Protokoll konzentriert hat. Und zwar auch auf die Fragen nach Interessen und Geld, die daran geknüpft sind. Beinahe das gesamte Fluormethan, das in die Atmosphäre gelangt, stammt aus Aluminiumschmelzöfen.« Diana klammerte sich an die Leiste, die um den Tisch lief, als das Boot krängte. »Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn für Serve Earth nichts dabei herausspringt!«

»Die Umgebung ist sehr visualisierbar.« Klaus bekräftigte seinen Kommentar mit Kopfnicken. »Ich habe mich im Internet schlaugemacht. Die Gletscher, die ins Meer kalben, ihr wisst schon, diesen Quatsch, und dazu die Antennen und Seilbahnen und was es da so gibt. Bei Bildern muss man ja einfach denken. Aber Gas, was soll das denn? Das kann man nicht filmen! Nicht wahr? Aber mit einem Ballon, der so groß ist wie das Olympiastadion in München. Das ist hübsch, das ist effektiv. Dann, Schnitt zu einem Eisbären oder irgendeinem anderen großen Tier, das es als erstes erwischt. Kein Eis, kein Eisbär! Kaputt!« Klaus hatte rote Wangen nach seinem Vortrag. Je mehr er sich in Fahrt redete, desto mehr deutsche Wörter rutschten ihm dazwischen.

»Aber können die nicht woanders ihre Messungen machen? Wo es ein bisschen wärmer ist?«, protestierte Vanessa.

»Ja, solche Messungen werden auch in den Alpen vorgenommen. Aber um nach Österreich zu kommen, hätten wir durchs Schwarze Meer fahren müssen.«

»Keine Eisbären in Österreich!«, warf Klaus ein. Karen wusste nicht, ob das als Scherz oder ernst gemeint war.

»Okay, wir haben einen schönen Ballon und ein paar Eisbären, um die es uns leidtun könnte. Aber haben wir auch ein Ziel bei dieser Kampagne?«, fragte Karen.

»Natürlich haben wir das. Ich sagte doch schon, wie supergefährlich dieses Fluormethan ist«, erwiderte Diana.

»Ja, klar. Aber es gibt so vieles, was supergefährlich ist. Ganz bestimmt auch dieses Gas, das sich allerdings eher anhört wie eine Zahnspülung. Aber was wollen wir, was will Serve Earth dort erreichen?«

»Wir fahren, wie ihr wisst, auf eine Einladung von Emil Planck dorthin«, antwortete Diana. »Er ist der Experte auf diesem Gebiet, hat sowohl in Nature als auch in Science veröffentlicht. Nein, ich habe die Artikel nicht gelesen, die sind sehr fachspezifisch. Auf jeden Fall aber hat er mich gebeten zu kommen. Ich vertraue ihm vollkommen. Und wir werden die Einzelheiten mit ihm zusammen erarbeiten.«

»Dann ist er also schon da oben? In Ny-Ålesund?«, fragte Karen erstaunt.

»Das sollte er eigentlich sein, ja.«

»Sollte?«, hakte Karen nach. Sie ahnte, was hinter diesem Wort stecken könnte.

»Ja, im Moment ist es schwierig, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Ein richtiger Professor eben. Aber sein Assistent ist bestimmt vor Ort. Kimi irgendwas. Komischer Name. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob das ein Mann oder eine Frau ist.«

»Vielleicht ein Hund?«, schlug Karen vor, als sie merkte, dass es keinen Sinn hatte, Diana unter Druck zu setzen.

In dem dichten Nebel, der sie umgab, war die Inselgruppe nicht zu sehen. Aber sie lag dort, das verrieten die Alken, Trottellummen und vereinzelten Papageientaucher. Sie näherten sich Land.

Der steife Wind, der zwei Tage lang die See um sie herum aufgepeitscht hatte, war abgezogen, ein letzter Gruß von dem wandernden Tiefdruckgebiet. Das nächste in der Schlange, das vom Nordatlantik zu ihnen zog, meldete sich mit milden, südlichen Winden an. Mit sieben bis acht Knoten glitten sie durch die glatte, freundlich gesinnte Wasseroberfläche, die sich vor dem Gennaker und dem Großsegel erstreckte. Das Logo von Serve Earth prangte in der Mitte des dünnen Nylonsegels wie ein fluoreszierendes Tattoo auf einem gigantischen Buddhabauch.

Der Sund zwischen der schmalen Insel Prinz-Karl-Vorland und Spitzbergen erwartete sie mit Nebel und heimtückischen Untiefen. Sie mussten ihre Geschwindigkeit drosseln, um möglichen Eisschollen aus Packeis und kleineren, vom Gletscher abgebrochenen Eisbergen rechtzeitig ausweichen zu können. Aber die südlichen Winde schienen auch hier alles weggeweht zu haben. Peter verzichtete auf seine Ruhepausen, um die Radarechos von den Steilhängen zu überwachen. Mit so weit wie möglich aufgeholtem Kiel fuhren sie in großzügigem Abstand über die Riffs weiter nach Norden und bogen am 15. Mai um 07:25 Uhr in den Kongsfjord ein.

Es sah alles so eingefroren aus, fand Diana. Nicht nur wegen des Schnees und des Gletschereises, vielmehr wirkte das ganze Land wie erstarrt. Als würden sie sich einem Ort nähern, an dem nichts wächst, nichts lebt und nichts geschieht. Eine Zone, die einerseits abstoßend wirkt, ungeeignet für den Menschen, andererseits einladend, so unglaublich schön durch die Stille und seine skulpturale Größe.

Diana beobachtete die Besatzungsmitglieder, wie diese einer nach dem anderen an Deck kletterten. Vanessa kam als Erste, vollführte einen kleinen Freudensprung mit passendem Laut, streckte Diana den hochgestellten Daumen entgegen und lief schnell wieder unter Deck, um sich dicker anzuziehen. Abraham ging, ohne zu zögern, zum Bug, setzte sich auf den Vordersteven und ließ die Beine zu beiden Seiten herunterbaumeln. Wenn man an der Haltung eines Rückens erkennen kann, dass jemand den Anblick einer Landschaft genießt, war das in Abrahams Fall so. Karen kam hoch, die Kopfhörer ihres mp3-Players tief in die Gehörgänge gepresst, sah sich kurz um, verschwand wieder unter Deck und blieb dort. Klaus schließlich erschien mit einer Videokamera in der Hand, drehte um, kehrte mit einem Fotoapparat zurück, tauschte diesen erneut gegen die Videokamera, versuchte dann beide gleichzeitig zu benutzen, kletterte ein letztes Mal unter Deck, um dann ohne ein Gerät nach oben zu kommen, sich in den Sitzbrunnen zu hocken und die Aussicht zu genießen, und um dann einen letzten Versuch mit der Videokamera zu starten.

»Entspann dich, Klaus«, sagte Diana und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Das ist morgen auch noch alles da und übermorgen und auch noch viele Jahre – hoffentlich.«

Als der rostfreie Anker sank und sich in den lehmigen Meeresboden der Thiisbucht vor Ny-Ålesund grub, war es kurz vor neun Uhr. Über die flache Ebene im Westen holperte ein verdrecktes Auto auf eine große Parabolantenne zu. Durchs Fernglas sah Diana drei Personen, zwei in einem roten Anorak, eine in einer blauen Daunenjacke. Sie liefen in verschiedene Richtungen.

Zu ihnen kam keiner.

Kapitel 9

Michail Gusin hatte mit der ausgestreckten Hand zur Tür gewiesen, und sein Sohn verschwand mit gesenktem Blick durch den Dienstboteneingang. Er schloss hinter ihm die Tür. Lilja klappte eine dicke Zeitschrift zu, deren Titelblatt von einem großen, verputzten Haus geschmückt war, das man durch eine geschmiedete Gartenpforte betrachtete, und legte sie oben auf einen Stapel ähnlicher Magazine. Das glatte Papier der Hochglanzzeitschriften brachte den Stapel ins Rutschen, und er ergoss sich über den Esstisch.

»Ehrlich gesagt, mein Liebster, weißt du doch, dass mir Moskau vollkommen genügen würde. Ich glaube, ich könnte dort glücklich werden. Eine Wohnung im Arbat-Viertel oder ein eigenes Häuschen in einem der neuen Vororte, ein ganz neues. Einen Garten. Einen Garten, in dem Bäume stehen und Blumen wachsen.«

»In Russland gibt es keine Rechtssicherheit mehr«, brummte Gusin und bemühte sich, Gelassenheit auszustrahlen. »Du weißt, dass ich diese Unsicherheit nicht ertragen kann. Vor allem wegen der Kinder. Auch deinetwegen, natürlich.«

»Aber dir will doch niemand etwas anhaben. Bitte sag, dass dir noch nie gedroht wurde! Sag es!«

»Jeder kann unter Druck gesetzt werden. Nur die kleinen Fische haben nichts zu befürchten.«

Es beunruhigte ihn, dass sie schon wieder darüber diskutierten. Vor einem Monat noch waren sie sich eigentlich einig gewesen, sie hatten nur zu wenig Zeit gehabt, um eine endgültige Entscheidung zu treffen.

»Sag den Maklern Bescheid, dass sie uns ihre neusten Listen zuschicken sollen. Sie sollen sich auf die Halbinseln konzentrieren. Besonders Cap d’Antibes, das sollte ihnen ordentlich Beine machen. Cap Ferrat ist auch in Ordnung. Monaco lassen wir sausen, wir haben nichts zu verstecken. Oder nein, lieber doch nicht. Lass es auf der Liste, so können wir sie uns besser warmhalten.«

Lilja nickte wie erhofft. Genau genommen musste er eher sie warmhalten als die Makler. Wenn sie nächste Woche nach Nizza fuhr, sollte sie den richtigen Blick für die Objekte haben, die sie sich ansah. Sie brauchte dieses gewisse Kribbeln im Bauch. Sonst würden sie niemals verlockend genug wirken können. Dass die Häuser ihr Geld wert sein würden, war für Lilja ohnehin vollkommen ausgeschlossen.

»Überleg doch mal«, fuhr Gusin fort und legte die Fingerspitzen aneinander, »ein Garten, in dem Wein und Spargel wachsen, Dinge, die Menschen froh machen, wenn sie auf den Tisch kommen. Und viele der Nachbarn sprechen Russisch. Denk an die russische Gemeinde dort, alle Leute, die wir dort kennenlernen können, und es gibt auch viel bessere Schulen für Vitus und Nastja. Stell dir ein kleines Boot vor, mit dem wir durch die Gegend segeln können. Stell dir vor, morgens barfuß die Zeitung zu holen, barfuß durchs Gras!«

Lilja griff nach einem der Magazine mit einem Weinschloss auf dem Titelblatt.

Der Chauffeur hielt die Wagentür auf. Michail Gusin ging die vornehme Treppe hinunter und setzte sich auf den erhöhten Rücksitz. Er lehnte sich zurück, drückte seinen Kopf gegen die Nackenstütze und ließ seinen Atem zur Ruhe kommen. Sein Blick war sehr wachsam. Lilja schloss häufig die Augen, wenn sie durch Lesojansk gefahren wurde, und weigerte sich, durch die abgedunkelten Fensterscheiben zu sehen. Diese Art von Überreaktion zeigte er nicht. Sein Vater hatte bedauert, dass seine Karriere die Familie von Werchojansk über Jakutsk, Magadan und Irkutsk bis nach Barnaul geführt hatte, von der Kälte in die Wärme und nicht andersherum. Der alte Mann hatte befürchtet, dass Michail und seine fünf Brüder zu sehr verweichlichen würden, aber er hatte sich unnötig Sorgen gemacht. Über Michails Lippen war nie ein Wort der Klage gekommen. Auch nicht während seines Militärdienstes, den er in einer unterkühlten Radarstation am Beringsund absolvierte, die in drei langen Jahren kein einziges Flugzeug registrierte. Und auch heute beklagte er sich nicht. Oft gab er sogar vor, er würde Lesojansk und Umgebung schätzen. Die Kälte, die den Alkohol in den Flaschen gefrieren ließ. Die Mückenscharen, deren Population in den kurzen Sommern schier zu explodieren schien. Den Flugplatz, der manchmal wochenlang wegen Unwetter geschlossen wurde und somit den Ort von der Außenwelt abschnitt. Den kalten, steifen Wind, der die eine Hälfte des Jahres von Norden über sie hinwegfegte und die andere Hälfte von Süden kam.

Gusin nahm sich den Stapel Kopien, der neben ihm auf dem Sitz lag. Ein paar Mitarbeiterinnen aus der Wirtschaftsabteilung wechselten sich damit ab, früh morgens die Financial Times, das Wall Street Journal und noch drei weitere Finanzzeitschriften aus dem Internet herunterzuladen, die Artikel zusammenzustellen, auszudrucken und zusammenzuheften. Gusin war zwar zu Ohren gekommen, dass sie sich hinter seinem Rücken darüber lustig machten, dass er die Artikel auf rosa Papier ausgedruckt haben wollte, aber er hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihnen das zu erklären. Aha, der Rubel hatte sich gegen den Dollar behauptet, las er da, der Zins war um zwölf Punkte gefallen, die Aktie von West Texas Intermediate war leicht gestiegen, ebenso die Brent-Aktie. Er warf die Unterlagen zurück auf den Sitz. An der gesamten Küste zwischen Cannes und Menton konnte man sich alle fünf Zeitschriften frei Haus liefern lassen, am Erscheinungstag. Bereit, unter der Pergola mit Blick aufs Meer gelesen zu werden. Barfuß.

Schon von weitem konnte er die Hallen mit den Schmelzöfen erkennen, die sich in der kargen und flachen Landschaft erhoben. Diese gewaltigen Hangars, in denen die Schmelzöfen in zwei Reihen standen, strahlten etwas Kraftvolles aus, und das gefiel Gusin. Auf jeden Fall zog er die Fabriken so manch anderen Vergnügungen vor, wie der Jagd zum Beispiel. Witali Tretjakow und seine Gäste auf einer Rentierjagd aus dem Helikopter zu begleiten, wurde zwar von ihm als geschäftsführender Direktor erwartet. Sein Begriff von Männlichkeit jedoch – auch wenn er nicht sicher war, ob es darum wirklich ging – sah anders aus. Er schätzte die massive Urgewalt der Turbinen mehr als die Fluchtsprünge einer Vaja, eines Rentierweibchens. Er sah einen weitaus größeren Reiz in den Tausenden von Amper, mit denen Bauxit gespalten wurde, als in den Todeszuckungen eines Sarven, eines männlichen Rentieres. Schon während seines fünfjährigen Ingenieurstudiums in Nowosibirsk hatte er gelernt, die Schönheit in den Siegen des Menschen über die Natur zu entdecken. LesAl und seine Anlagen spiegelten diesen Kampf in monumentaler und grandioser Weise wider. Er wusste, dass er das vermissen würde.

LesAl dominierte Lesojansk, wie die Marineflotte die Skyline von Murmansk beherrschte. Als direkter Nachfolger einer steil nach unten führenden Hierarchie war er Anführer eines ganzen Gefolges von sowjetischen Schmelzofenchefs und hatte in der Stadt automatisch den Posten, der den größten Respekt einflößte. Zumindest, seitdem eine Bank in das Hauptquartier der Staatspartei eingezogen war. Aber er wusste auch, dass er bei LesAl nicht der unangefochtene Vize war. Er war vielmehr der unwichtige Zweite, ein gekaufter Handlanger, der mit einem Federstrich seinen Schreibtisch, seine Stellung und alles andere verlieren konnte, wenn es der Besitzer so wollte, der Oligarch Witali Tretjakow.

Hätte Tretjakow sein Versprechen gehalten und ihn zum Direktor des Chemiekombinates in Rostow ernannt, wäre die Situation eine vollkommen andere. Die Arbeit wäre besser auf seine Ausbildung zugeschnitten gewesen, das Kombinat war kleiner als LesAl und weniger prominent in der öffentlichen Wahrnehmung. Aber Tretjakow hatte seine Meinung geändert. Das Kombinat war mittlerweile verkauft, und der damalige Direktor war ein vermögender Mann mit Datsche und einem Haus in Kroatien. Lilja schwärmte noch heute von der schönen Lage der Stadt am Schwarzen Meer, von der Möglichkeit, am Wochenende auf die Krim-Halbinsel zu fahren, von den Zwiebeltürmen, den bunten Farben und den Blumen, die in den Beeten wuchsen.

Wenn alles nach Plan verlief, würden Herr und Frau Gusin bald über Tretjakows Nichtberücksichtigung hinweggekommen sein. Das Mittelmeer war außerdem viel wärmer als das Schwarze Meer.

Der Wagen hatte die nordwestliche Ecke der Anlage erreicht, wo die Demontage des alten Wachturms noch in vollem Gange war. Es sei unklug, die alte Flutlichtanlage zu verschrotten, war ihm gesagt worden, und es sei schade um die schönen Plattformen. Vielleicht könnte man die eines Tages wiederverwenden. Man wusste nie. Nein, vielleicht doch lieber nicht. Dafür wusste Gusin aber ganz genau, dass die Investoren für ein modernes, ziviles Aluminiumschmelzwerk ganz andere Summen zahlten als für ein altes Militärlager. Er hatte die Order gegeben, sämtliche Wachtürme abzureißen, die die Mauer des sechs Quadratkilometer großen Werksgeländes an zentralen Stellen krönten. Dieser Turm war der letzte, und die Zeit drängte. An dieser Stelle würden die Investoren und Finanzanalytiker zuerst vorbeikommen, hier würden sie mit ihren Limousinen eintreffen, wenn der Börsengang vermeldet wurde. Genau an dieser Ecke sollte den Besuchern der erste Eindruck von LesAl vermittelt werden, bevor sie es auf Herz und Nieren prüften. Hier durfte dann auf keinen Fall ein Symbol des alten Gulags stehen.

Sie passierten ein frisch gestrichenes Schrankenhäuschen, an dessen geöffnetem Schlagbaum der Wachposten stramm salutierte. Gusin schauderte bei dieser militärischen Geste und bat den Chauffeur, dem Wachmann mitzuteilen, dass er damit ein für alle Mal aufhören solle. Dann rollten sie durch das Haupttor.

Als Gusin an den Glaswänden vor dem alten, marmornen Treppenhaus vorbeilief, sprang seine Sekretärin Jelena von ihrem Schreibtisch auf und stürzte in sein Arbeitszimmer. Mit ihrem Dialekt, der vor zischenden R-Lauten auf der Zungenspitze nur so sprühte, zählte sie die anstehenden Aufgaben auf, die bereits auf seinem Schreibtisch ausgebreitet lagen. Er winkte ein wenig abwehrend mit der Hand, schließlich lagen die Papiere vor ihm, und er konnte lesen. Aber gerne eine Tasse Tee, vielen Dank.

Sein Schreibtisch war modern und bestand aus einer Platte aus gehärtetem Glas, die auf einem Gestell aus glänzendem Stahl lag. Er hatte sich noch nicht so richtig mit der kalten Oberfläche angefreundet. Die übrigen Einrichtungsgegenstände in dem großen Raum, der Konferenztisch und die Sofagruppe, waren erst vor kurzem als Ausbeute einer langen Reise nach Mailand dazugekommen und standen in einem starken Kontrast zu dem frisch geschliffenen sowjetischen Stabparkett aus Birke. Er überflog die Unterlagen, das meiste bezog sich auf Vorbereitungen für das bevorstehende Abteilungsleitermeeting. Ein neuer Großkunde aus Harbin forderte besondere Zahlkonditionen, sollte er das akzeptieren oder es an die Bank weiterdelegieren? Preisdruck aus Kanada, weil ein einheimischer Hersteller die Marktführung für Aluminiumfolie übernehmen wollte, wie lautete LesAls Antwort darauf? Schwere Frostschäden in Gebäude Nr. 5, der ehemaligen Lagerhalle: verstärken oder abreißen? Und so weiter, zwei dicht beschriebene Seiten lang. Das meiste davon würde er im Meeting besprechen und lösen können.

Jelena kam mit dem Tee in einem höchst unpraktischen Glas, das wahrscheinlich bei der Möbellieferung aus Italien dabei gewesen war. In der anderen Hand hielt sie ein Fax. Sie sah besorgt aus.

»Also gestern, als Sie in London waren, rief ein Kriminalbeamter aus Moskau an und wollte mit Ihnen sprechen. Er unterstützt die schwedische Polizei bei der Suche nach einem Professor.«

Sie legte das Fax vor Gusin auf den Tisch. Ein grobkörniges, vergrößertes Passfoto starrte ihn an.

»Das war doch der Mann, der hier zu Besuch war, oder nicht? Ich erkenne ihn wieder, auch wenn das Foto ziemlich alt ist. Ich erinnere mich an seinen Blick. Was soll ich dem Kriminalbeamten sagen, wenn er noch einmal anruft?«

»Sagen Sie ihm, wie es war. Dass er hier war, sich äußerst unfreundlich verhalten hat und dann wieder abgereist ist. Dass wir keine Ahnung haben, warum er überhaupt gekommen ist, und dass er gegangen ist, ohne sich zu verabschieden. Sagen Sie ihm das. Und, danke für den Tee.«

Kapitel 10

Der Start des Wetterballons sollte direkt neben dem Rollfeld des Flugplatzes stattfinden, weite Teile der Landebahn würden von dem riesigen ausgebreiteten Ballonstoff bedeckt sein. Die Umgebung hier war noch viel trostloser als bei den Unterkünften – grauer Kies und braune Steine. Die wenigen Flechten, die auf dem Boden wuchsen, waren nicht mehr als ein dünner Firnis und konnten kaum als Vegetation bezeichnet werden. Der Wind wehte landeinwärts vom Meer und war erbarmungslos kalt, und stieß auf keine Hindernisse.

Aus einem der Hangars, in denen die Vorbereitungen auf Hochtouren liefen, kam eine Frau in einem blauen Overall. Sie ging auf Kimi zu, begrüßte ihn und stellte sich vor. Helle war ihr Name.

»Wenn er das hier übersteht, hält er alles aus, was ihm da oben begegnen könnte!«, sagte sie und goss mit resoluter Geste zwei Liter flüssigen Stickstoff über einen glänzenden Metallzylinder, der in einem eilig zusammengeklebten Styroporbehälter lag. Der Zylinder sah aus wie eine überdimensionierte, polierte Thermosflasche. Die durchsichtige Flüssigkeit hatte sofort angefangen zu kochen, es zischte und sprudelte in der Box. Der Zylinder hatte zuvor im Tiefkühlschrank gelegen und war durch die dort herrschenden minus zweiundvierzig Grad bereits mit einer feinen Schicht Raureif überzogen, bevor der Stickstoff ihn dann weiter und auf eine Temperatur herunterkühlte, bei der Luft flüssig wird.

»Das bringt sogar eine Rolex zum Platzen«, sagte Helle. »Zumindest eine chinesische Kopie. Haben wir letzte Woche getestet. Aber die Mechanik in den Messzylindern wird das schon aushalten.« Sie bediente einen Radiosender, und aus dem Innern des Zylinders war ein deutliches Klicken zu hören.

»Das klingt auf jeden Fall genauso wie bei meinen Versuchen in Göteborg, letzten Winter auf dem Dach des Instituts«, sagte Kimi und hörte selbst, wie wenig vertrauenerweckend das klang. »Obwohl ich zugeben muss, dass wir nur Nieselregen hatten.«

»Das hier soll ja angeblich der Stratosphäre sehr ähnlich sein. Vor ein paar Wochen haben wir einen kleinen Ballon gestartet, mit viel weniger Gewicht. Er hat die erwünschte Höhe erreicht. Sechzehn Kilometer, glaube ich. Dabei fror eines der Ventile ein, und das Experiment ging schief. Dass die Menschheit jetzt leider weniger über die katalytische Umwandlung von Freonen weiß, als möglich gewesen wäre, liegt daran, dass wir vorher nicht den vornehmen Kuckucksuhrmechanismus der Forscher testen durften.«

Sie betätigte erneut einige Knöpfe, wieder waren die vertrauten Geräusche aus dem Zylinder zu hören, so vertrauenerweckend wie das Klicken der Verriegelung eines Banktresors. Sie lächelte und nickte ihm zu mit einem Blick, der sagte: Keine Sorge, das wird schon gutgehen, mein kleiner Forscherfreund, die gute Helle hat das schon ein paar Mal ausprobiert. Kimi erwiderte das Lächeln.

»Aber bei diesem Großprojekt ist es natürlich etwas anderes. Da darf es ganz einfach nicht schiefgehen. Haben Sie auch schon gehört, wie viele Journalisten dafür herkommen?«

»Nein. Ich wusste gar nicht, dass überhaupt jemand kommt«, entgegnete Kimi.

»Aber das ist doch Plancks Experiment, oder nicht? Das ist doch die Hauptattraktion! Sie werden wohl auch mit denen zusammentreffen müssen, obwohl die natürlich hauptsächlich hinter Planck her sind. Ein italienischer Journalist hat erzählt, er wolle ganze zwei Wochen bleiben. Ist vielleicht besser, wenn Sie sich jetzt schon mal ein paar gute Erklärungen für die Ergebnisse ausdenken!«

Und das wäre kein Tag zu früh, dachte Kimi, während er beobachtete, wie der Teil des Testzylinders, der aus dem brodelnden Stickstoff herausragte, in Sekundenschnelle von daumendickem Reif bedeckt wurde. Es war zweifellos höchste Zeit und besser, eine gebündelte Zusammenfassung zu erstellen, eine Reihe glaubwürdiger Hypothesen zu formulieren, eine Anzahl interessanter Folgerungen zu verfassen, als aufzugeben und auf Emil Godot zu warten. Wie auch immer das gelingen sollte.

»Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben!«, schrie Kimi, griff nach seinem Rucksack und öffnete die Daunenjacke einen Spalt, um den Schweiß auszulüften.

»Yes, yes!«, erwiderte der Chinese hinterm Steuer.

Der geschlängelte Kiesweg zwischen dem Ballonhangar und der Seilbahnstation war nur etwa einen Kilometer lang, aber die Eisbärengefahr machte einen Spaziergang unmöglich. Obgleich der Fahrstil von Professor Yuan die Raubtiere im Vergleich geradezu ungefährlich erscheinen ließ. Kimi betrat die Gondel und aktivierte die Seilbahn. Fünfzehn Minuten dauerte die Fahrt auf das Plateau des Zeppelinberges, vierhundertsiebzig Höhenmeter dem blassblauen Himmel entgegen. Als die Gondel ein Stück gefahren war und die Siedlung zu seinen Füßen lag, entdeckte Kimi hinter den Gebäuden einen weißen Mast. Schnell verglich er die Maße, er war höher als der alte Eisenmast, an dem in den zwanziger Jahren die Luftschiffe vertäut worden waren. Nach und nach wurden die Kanten der Aufbauten und schließlich der ganze Schiffsrumpf sichtbar.

»Wahnsinnig schön«, murmelte er vor sich hin.

Unweigerlich musste er an eine der vielen schönen Erinnerungen an Bord eines herrlichen Schiffes denken, auf dem er während seiner Modelkarriere gesegelt war. Sein Auftrag damals lautete, Fotoaufnahmen auf einer Yacht südlich von Antigua zu machen. Ulrika und er waren schon ein Paar gewesen, und er hatte sich in einer quälenden Übergangsphase befunden: noch Model, aber eigentlich willens, sein Leben zu ändern. Die Yacht hatte ungefähr die Ausmaße gehabt wie das Schiff unter ihm in der Bucht, allerdings war sie als Schoner geriggt gewesen. Das Teakholz war trotz der intensiven Sonneneinstrahlung noch ganz dunkel, wie frisch verlegt, und die Messingdetails an Bord hatten Sonnenreflexe aufs Deck gemalt.

Es ging um Modeaufnahmen, wie so oft, helle Baumwollhosen, Sakko, vieles aus Leinen, aber fast alles in Dunkelblau, und Schuhe natürlich, mit Riemen an der Seite. Der Art Director war sehr penibel und der Fotograf geradezu als pedantisch zu bezeichnen. Der gestreifte Baumwollpullover, fast wie die Parodie von Seemannskleidung, sollte in kleinen, wellenförmigen Ondulierungen auf den Waschbrettbäuchen der Models liegen – Kimi erinnerte sich sehr genau an diesen merkwürdigen Ausdruck des Fotografen. Sie hatten ständig die Kleidung wechseln müssen, aber Kimi und seine beiden Kollegen nahmen den Job ernst und konzentrierten sich darauf, die Luft anzuhalten und die Muskeln anzuspannen.

Die Yacht sollte eine Landzunge umrunden, um einen neuen Hintergrund für eine letzte Serie zu bekommen, und die Models hatten Zeit, sich auszuruhen. Kimi legte sich in eine Hängematte und las einen Artikel in der Scientific American über Eiskernbohrungen in der Antarktis, seine Kollegen schliefen.

Der Fotograf kam zufällig an der Hängematte vorbei und blieb mit einem Ruck stehen, holte seine Digitalkamera und knipste den Speicherchip mit Bildern vom lesenden Kimi voll. Dann verschwand er und kehrte mit dem Art Director im Schlepptau zurück. Sie betrachteten das Kameradisplay, wechselten ein paar Worte und ließen dann einen kleinen, sechseckigen Beistelltisch aus Teak aufs Vordeck tragen und ein Schachspiel darauf stellen. Der Art Director arrangierte die Figuren, der Fotograf wählte eine größere Kamera und maß die Winkel und Lichtverhältnisse aus, dann riefen sie Kimi zu sich. Zögerlich hatte er sich an den Tisch gesetzt und in Ermangelung genauer Instruktionen begonnen, die Figuren abwechselnd zu ziehen und gegen sich selbst zu spielen. Als Weiß Schwarz in Schach setzte, hatten der Art Director und der Fotograf gelacht und ihm für seine Mitarbeit gedankt.

»Und was meint ihr, wo diese Bilder landen?«, fragte Kimi.

»Keine Ahnung«, erwiderte der Fotograf. »Aber da sind ein paar Hammerbilder dabei. Du mit dieser Zeitschrift. Du vor dem Schachbrett. In diesem Licht. Einige sind ganz besonders gut geworden.« Sein gebogener Finger zeigte auf die Kamera.

»Ach ja ...?«, Kimi war überrascht. Er hatte sich noch nicht einmal besonders anstrengen müssen.

»Du weißt schon«, warf da der Art Director ein. »Mein Freund hier hat mich darauf aufmerksam gemacht. Die haben das gewisse Etwas. Dieser Kontrast. Zwischen deiner Ausstrahlung ... wie soll ich das sagen? Zwischen dir und ... dem Intellektuellen.«

Kimi hätte am liebsten ein paar Zentiliter Königswasser gemischt und ihnen die Säure in die Augen gegossen, aber er beherrschte sich. Als der Fotograf kurz darauf unter Deck verschwand, wühlte Kimi stattdessen in seiner Tasche und holte die Filmspule aus der Kamera, deren Inhalt einen Augenblick später wie ein Vogelnest auf dem Wasser tanzte und hinter dem Heck der Yacht verschwand.

Kimi warf einen letzten Blick auf das Schiff in der Bucht, bevor es von einem Gletscherkamm verdeckt wurde, und zog seine Mütze tiefer über die Ohren. In der Gondel war es eiskalt. Das war eindeutig eine Überreaktion gewesen damals, das wusste Kimi. Jugendliche Dummheit. In seiner professionellen Zeit waren ihm die meisten mit Respekt begegnet. Als er die Branche verlassen wollte, hatten ihm die Leute adieu gesagt und ihm Glück gewünscht. Vielleicht hatte er das ein oder andere fragende Lächeln kassiert, aber die meisten hatten ihre Glückwünsche ehrlich und herzlich gemeint. In den letzten Wochen als Model war es vorgekommen, dass Kollegen, die von seinen Interessen wussten, ihn scherzhaft »Professor« genannt hatten, aber soweit er sich erinnerte, nie mit ironischem Unterton.

Eigentlich hatte er erst nach seinem Abschied aus der Unterwäschenschublade, in die ihn seine branchenferne Umgebung gesteckt hatte, gespürt, dass Skepsis und Unsicherheit seine ständigen Wegbegleiter wurden – der Beginn seiner Freundschaft mit dem Zweifel, der ihm seitdem immer wieder begegnete! Oder war eine Zeitlang alles in Ordnung gewesen, und es hatte erst angefangen, als er mit seinen Forschungen nicht vorankam? Nachdem das Fiasko offenkundig wurde? Kimi war sich nicht sicher, ob sein Blick zurück objektiv genug war. Die Seilbahn näherte sich der Station, er wollte positiv denken, versuchte sich eine Person aus Ulrikas großem Bekanntenkreis aus Göteborg vorzustellen, die ihm etwas zutraute, an ihn glaubte. Aber ihm fiel niemand ein, bis die Gondel ihr Ziel erreicht hatte.

Im Labor empfing ihn Jonfinn-Kåre. Seit er begriffen hatte, dass Kimi nicht Plancks kleiner Kronprinz war, hatte er sich zunehmend von seiner geselligen Seite gezeigt. Diese Veränderung und der unmögliche Vorname des Norwegers hatten Kimi zu einem neuen Spitznamen verleitet, JFK.

»Komm, schau dir das mal an!«, winkte ihn JFK zu sich.

Kimi trat ans Fenster und lehnte sich gegen den Rahmen. JFK stand neben ihm und sah hinunter auf die Siedlung. Das mittägliche Tauwetter raubte dem Schnee seinen weißen Glanz und tauchte große Felder in Dunkelheit, nur die rostfreien Details auf dem Segelboot in der Bucht glitzerten noch.

»Die da unten«, sagte JFK und zeigte Richtung Boot, »die müssen sich bestimmt über keine Ballons den Kopf zerbrechen.«

Kimi sah Bewegungen an Deck, konnte aber keine Einzelheiten erkennen.

»Nein, bestimmt nicht«, antwortete er. »Aber vielleicht haben die ganz andere Sorgen.«

»Solche Leute? Im Prinzip hast du natürlich recht, aber schau dir das mal genauer an.«

JFK deutete mit dem Finger hinunter in die Bucht, machte ein paar schwer zu entziffernde Kopfbewegungen, die seinen Bart in Schwingungen versetzten, verschwand im Nebenzimmer und kam mit einem Teleskop auf einem dreifüßigen Stativ zurück.

»Zeiss mit Fluoridglas«, erläuterte er und schraubte an dem Instrument vorsichtig herum.

»Was siehst du?«, fragte Kimi.

»Eine junge Frau. Blondine. Scheint ganz hübsch zu sein. Glaube ich zumindest, ich habe fast vergessen, wie die aussehen. Sie unterhält sich mit einem etwas älteren Mann, lockige Haare, runde Brillengläser. Da kommt noch jemand zu ihnen in den Sitzbrunnen. Eine noch jüngere Frau, schwarze Haare, wütender Gesichtsausdruck. Hat wohl die falschen Eier zum Frühstück bekommen. Was für ein sonderbarer Haufen! Sonst sehen die auf solchen Booten doch immer alle gleich aus: mittleres Alter, mittleres Einkommen, mittelmäßige Segelerfahrung und Kleidung aus einem Material, das für alles geeignet ist, nur nicht für das Festmachen an einem Bootssteg.«

JFK schwenkte das Teleskop zur Seite.

»Aber das da ist verdammt noch mal ein Wahnsinnsboot! Aluminiumrumpf, glaube ich, das haben viele, die hier hochsegeln. Aber der hohe Mast scheint mir doch eher dafür geeignet, im Hafen zu glänzen, als in dem Mistwetter in unseren Breitengraden benutzt zu werden. Allein die Vorstellung, da hoch zu müssen, wenn das Boot krängt und schlingert.«

»Darf ich mal sehen?«

Sie tauschten ihre Plätze, vertraulich vereint in dem verbotenen Ausspionieren ahnungsloser Mitmenschen.

»Der Lockige drückt gerade achtern auf irgendwelche Knöpfe. Da bewegt sich was, ich kann das nicht genau erkennen. Die Fenster reflektieren. Können wir das Teleskop nach draußen stellen?«, fragte Kimi.

»Die Tür muss verschlossen bleiben, weil sonst unsere Ausdünstungen mit in die Messproben eingesogen werden.«

»Okay. Ah, jetzt kann ich es doch sehen, obwohl ich meinen Augen nicht traue. Das Boot bekommt ein Kind. Siehst du das? Da kommt achtern ein Schlauchboot raus. Der Typ hat irgendwo gegen getreten. Aber jetzt faltet sich das auf, mit Steuer und allem. Aber kein Motor. Ah klar, mit Wasserstrahlantrieb benötigt man natürlich keinen Außenborder. Die Hübsche steigt jetzt ein. Die wollen wohl auf Sightseeingtour gehen.«

JFK kratzte sich am Bart. »Emil hat von einem Boot erzählt. Oder habe ich das nur zufällig auf einem der Zettel gelesen, die er überall herumliegen hat?«

Kimi hob den Blick, ging zum Schreibtisch und wühlte in den Unterlagen nach den Seiten über Serve Earth, die er sich vor ein paar Tagen aus dem Internet kopiert hatte. JFK beugte sich wieder über das Okular. »Die Yacht heißt Gunttmot oder Gnillemut. Oder Guillemot. Was Französisches. Registriert ist sie auf jeden Fall auf Guernsey.« Er richtete sich auf.

Kimi kramte weiter und fand schließlich, was er gesucht hatte. »Plancks Freunde segeln durch die Welt und versuchen die öffentliche Meinung zu ändern und so weiter und so fort, und zwar auf einem Boot, das ... hm, hier steht es.« Kimi schnitt eine Grimasse. »S/Y Guillemot. Das hat mir gerade noch gefehlt.«

»Die sind doch bestimmt hier, um dir zu helfen! Als Vertretung für den Professor!«

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