Читать книгу: «Ruhrpottliebe»
Lena Schätte
RUHRPOTTLIEBE
Roman

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-865067-58-6
Originalausgabe 2014
© 2014 MARLON
Ein Imprint der Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH,
Gutenbergstr. 1, 47443 Moers
www.marlon-verlag.de
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Umschlaggestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia© Fernando Cortés, fotolia© Ji Sign
Satz: Brendow Web & Print, Moers
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
„Wenn so viele einsam sind, wie einsam zu sein scheinen,
wäre es unentschuldbar egoistisch, allein einsam zu sein.“
Tennessee Williams
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Zitat
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Die Liebe in der Postmoderne
Kapitel I
„Ich höre auf diesen Bauch seit meinem 14. Lebensjahr,
und so langsam glaube ich,
dass mein Bauch nur Scheiße im Kopf hat.“
Nick Hornby
Mein Kleiderschrank ist zum Bersten gefüllt, doch kann ich nichts Brauchbares finden. Auf der Suche verteile ich alles auf dem Fußboden, Slatko scheint verlockt, sich in das riesige Nest aus frischer Kleidung zu kuscheln, aber ich scheuche ihn immer wieder weg. Seine weißen Hundehaare kleben so auf den schwarzen Sachen. In der schicken blauen Jacke vom letzten Sommer fühle ich mich wie eine Darstellerin aus einem dieser BBW-(Big-Beautiful-Women-)Pornos. Ein kurzer Blick in den Spiegel, und ich weiß: Ich fühle mich nicht bloß so.
„Wie kommst du darauf?“, habe ich gefragt, als mir meine Cousine Marie beteuerte, Johannes und ich müssten uns unbedingt treffen. Wir hätten so viel gemeinsam. Als sie ihn in einer Vorlesung an der Uni sah, habe sie direkt an mich denken müssen, wir seien beide so herrlich szenig, wie sie meinte.
Die heiße Jeans mit der gestickten Krone auf der Arschbacke geht nur zu, wenn ich mich auf den Rücken lege und ganz tief einatme. Deprimierend. Letztendlich entscheide ich mich für einen weiten braunen Zipper mit ausladendem Kragen und riesigen Taschen. Dazu eine schwarze Leggings und meine Lieblingschucks. Hundertprozentig glücklich bin ich nicht, doch ist das zumindest das kleinste Übel. Das Schminken im Bad kommt mir vor wie eine aufwendige Vorbereitungsprozedur, während der ich versuche, mich in Laune zu bringen.
Johannes und ich haben telefoniert. Nächtelang. Er ist geistreich, witzig, doch stellte sich heraus, dass sein Szenigsein darin besteht, ein antifaschistischer Skinhead in Markenklamotten zu sein, und meines darin, Buttons mit frechen Sprüchen auf meine alte Lederjacke zu pinnen.
Mit jedem Schritt in Richtung Bahnhof werde ich ein wenig nervöser. Als ich an Matheos Kneipe entlanglaufe und er mir durch die dreckige Fensterfront grinsend zuwinkt, überlege ich kurz, einfach reinzugehen und mir einen schönen Abend mit ihm in der Kneipenküche zu machen, ein paar Kakao mit Schuss einzuverleiben und Johannes einfach abzusagen. Aber ich würde es bereuen, so viel ist klar. Vielleicht ist Johannes die Liebe meines Lebens, und ich versäume seine Bekanntschaft wegen Billig-Rums in Kakao in der engen Durchgangsküche meines metrosexuellen besten Freundes. Das könnte ich mir nie verzeihen. Also schmeiße ich Matheo ein Luftküsschen zu und laufe weiter.
Der Zug wartet schon am Gleis, als ich durch die Unterführung renne. Das Abteil ist leer – bis auf ein paar Männer, die aussehen wie ehrgeizige Informatikstudenten und über einem Laptop mit Riesendisplay große Augen machen. Wie lange habe ich mich auf diesen Tag gefreut? Wann immer ich mit Prickeln im Bauch in meinem heizungswarmen Schlafzimmer hockte und gebannt das Telefon an mein Ohr presste, habe ich mich gefragt, wie es sein würde. Aber jetzt gerade vergeht mir all die Vorfreude und lässt nur Platz für Nervosität und Schiss. Was, wenn er ganz anders ist, als ich ihn mir vorstelle? Und noch viel wichtiger: Was, wenn ich ganz anders bin, als er sich mich vorstellt? Gelogen habe ich nicht, höchstens hier und da die Wahrheit ein bisschen strapaziert. Na gut, hin und wieder, wenn er von einer hippen Band anfing, googelte ich schnell und warf dann Sätze aus Musikkritiken ein. Das könnte sich jetzt rächen. Auch dieses ganze Skinhead-Ding habe ich noch nicht völlig verstanden. Ich habe mir sogar ein Buch zum Thema gekauft, wirke mittlerweile recht eloquent, aber warum alle Skins gleich herumrennen, die einen aber rechts und die anderen links, andere Antifas und wieder andere unpolitisch sind und man nur an den Schnürsenkeln erkennt, wer zu wem gehört, habe ich noch immer nicht durchschaut.
Von Haltestelle zu Haltestelle wird es endgültiger. Als der Zug am schwarz-gelben Stadion hält, das über den kleinen Bahnhof ragt, pocht mein Herz wie wild. Noch eine Haltestelle. Ein letzter Blick in den kleinen Handspiegel aus meiner Tasche, mit dem ich mir beinahe tussig vorkomme, und ich fahre in den Großstadtbahnhof ein. Dortmund liegt im Scheinwerfer der Laternen ungewohnt ruhig da, nur das Trampeln der Füße meiner Mitreisenden, wie ein stiller Trommelwirbel, ist zu hören. Auf dem überfüllten Bahnsteig legt mein Herz beim Pochen noch einen Zahn zu. Boom, boom … Durch die Unterführung in die Bahnhofshalle. Boom, boom, boom … Ich husche an all den Zeitschriftenläden vorbei, in denen Touristen aberwitzige Postkarten mit rußbeschmierten Zechearbeitern kaufen, in der einen Hand eine Grubenlampe, in der anderen eine Pulle Bier, dickbäuchig einen flachen Spruch in eine Sprechblase drückend. Die dümmlichen Blicke der Frau am Brötchenstand, wo es Käsestullen so teuer wie Goldklunker gibt, folgen den Vorbeilaufenden. Mein Blick schweift durch das Gebäude. Viele Jugendliche mit Einkaufstüten schwirren umher. Boom, boom, boom … Ein Rentnerpärchen steht mit riesigen schwarzen Koffern vor den Abfahrtsplänen. Boom, boom … Als ich inmitten der Menschenmenge stehe und etwas Mühe habe, mich nicht mitziehen zu lassen, sehe ich sein Gesicht. Er sticht heraus, sein Kopf liegt einige Zentimeter über dem Getümmel.
Das ist er also. Nicht mehr bloß eine Stimme am Telefon, ein Gesicht auf einem Foto oder einem Facebookprofil, sondern ein realer Mensch, der mit leicht gequältem Grinsen beobachtet, wie ich auf ihn zuschreite und ihn bereits analysiere. Mit seinen Hosenträgern auf Anschlag, dem Emblem des arschteuren Fred-Perry-Hemds – wie ein stolzes Etikett auf die Brust getackert –, den auf Hochglanz polierten DocMartens sieht er aus, als habe er jedes billige, unaufgeklärte Klischee seiner Subkultur in eine Badewanne geschmissen, das Ganze mit Zuckerguss vermengt und sich dann stundenlang genüsslich darin gewälzt. Ich komme mir unszenig neben ihm vor.
„Naaa“, begrüße ich ihn gekonnt lässig, stelle mich auf die Zehenspitzen und umarme ihn flüchtig. Er lächelt nicht. Er sieht mich nicht mal richtig an. Vielmehr schaut er über meinen Kopf in die Halle.
Boom, boom, boom, boom …
„Hey! Wie war die Zugfahrt?“, beginnt er schließlich einen klassischen Small Talk und klopft mir mit betonter Unverbindlichkeit auf die Schulter, als sei ich ein alter Kumpel vom Fußball. Wir laufen durch die menschenleere, dunkle Stadt. Sie liegt so verlassen da, wie ich sie nie zuvor gesehen habe, und ich versuche Schritt zu halten. Gelegentlich werfen wir uns musternde Blicke zu. Ich haste ihm hinterher, als wir die Stufen zu seiner gefühlt im 127. Stockwerk liegenden Studentenwohnung erklimmen. Hinter der schweren roten Wohnungstür eröffnet sich mir eine zusammengewürfelte, mit Stickern und Postern zugeklebte Wohnung, die ebenso gut zu Johannes passt wie sein Outfit. Parolen wie Goodnight white pride und Nazis raus brüllen mir von den untapezierten Wänden entgegen. Hunderte Bücher und Filme stapeln sich in den Regalen, und es hat eher etwas von einem Randgruppenmuseum als von einer Studenten-WG. Er manövriert mich hinüber zu der kleinen Couch, dessen ranzige Sitzfläche aussieht, als habe in ihr schon halb China gesessen.
„Magst du was trinken?“, fragt er, während er durch das kleine Zimmer streift.
„Klar.“
Zack, halte ich eine Flasche Bier in der Hand. Es ist bitter.
Nicht mein Ding. Aber ich nippe und lächle zufrieden. Während Johannes seine Small-Talk-Orgie kontinuierlich weiterzelebriert, taucht sein Mitbewohner auf. Ohne meiner Anwesenheit Aufmerksamkeit zu schenken, wendet er sich an Johannes:
„Sag mal, wann hast du morgen Vorlesung beim Niedermeier? Kann ja nicht sein, dass dieser Schmalspurpädagoge drei Mal am Tag über dasselbe Thema referiert, und ich‘s mir auch noch drei Mal anhöre!“
Er sieht nicht nur aus wie ein verrückter Professor, sondern beginnt auch prompt, in The Big Bang Theory-Manier vor sich hinzudebattieren, worauf Johannes direkt einstimmt, und so beginnen sie, sich über ihre Dozenten auszulassen und wie wild mit Fachtermini um sich zu schmeißen.
„Die Exmatrikulation von unserer Fakultät hat sich das Arsch durch den überflüssigen Härtefallantrag praktisch persönlich abgeholt. Der hat sich auch immer angestellt. Schon alleine bei den Kolloquien!“, kichert der Mitbewohner aus dem Türrahmen.
Wie ich die beiden so betrachte, kann ich mir nur schwer erklären, wie sie friedlich nebeneinanderleben können. Johannes, beinahe eine Kunstfigur, der Mitbewohner ein kleiner, fetter, haariger Hobbit. Ob es eine gute Idee war, sich hier zu treffen? Anfangs noch beeindruckt, dann aber schnell genervt von einem Gefühl der Dummheit und Überflüssigkeit, das sich von Minute zu Minute penetranter in meinem Kopf breitmacht, bin ich erleichtert, als der Mitbewohner mit dem Frettchengesicht endlich das Zimmer verlässt.
„Du wirst also auch von Basti tätowiert?“, beginnt Johannes, bereit, die einzige konkrete Gemeinsamkeit, die wir bis jetzt gefunden haben, auszuschlachten, um der Stille keine Chance zu geben.
Ich nehme dankend an. „Ja. Also bis jetzt hab ich erst eins von ihm, aber es wird ausgebaut. Kommt Geld, kommt Farbe“, grinse ich. Und so beginnen wir ein peinlich detailliertes Gespräch über unseren gemeinsamen Tätowierer, über seine Art, beim Tätowieren wirres Zeug vor sich hin zu faseln, um zu vermeiden, dass sich seine Kunden zu sehr auf den Schmerz konzentrieren. Schon erweitert sich unser Gesprächsthemenkreis um Tattoos, Festivals, Konzerte, Musik, den Ruhrpott und Markenklamotten. Er ist ein angenehmer Gesprächspartner, weil er viel von sich selbst erzählt, ohne dabei zu sehr die einengende Selbstdarstellungsschiene zu fahren. Und ich, der ich eh jemand bin, der Zeit braucht, um locker zu werden, kann einfach dasitzen, seinen Worten lauschen und mich mehr und mehr lockern.
Bald verschwindet das boom, boom, boom in meiner Brust.
„Lust zu shishaen?“, fragt er irgendwann und baut eine kleine Wasserpfeife auf dem wackelnden Couchtisch zusammen.
„Nein, danke … steh ich nicht so drauf.“
„Warum?“ Mit seinen endlos langen und dünnen Fingern wickelt er fast liebevoll Alufolie um den Kopf der Pfeife.
„Ich finde immer, nur der erste Zug schmeckt gut. Danach ist es dann bloß Resterauchen.“
Er kichert. Das Glasgebilde schaukelt gefährlich auf seinem Schoß hin und her, als er es sich zwischen die Knie klemmt und beginnt herumzufackeln.
„Ach, dann hast du noch nie was Gutes geraucht.“
Ich beobachte ihn bei seinen Bastelarbeiten. Langsam nervt mich der Oldschool-Hip-Hop, der von den kleinen Computerboxen herüberströmt. „Fuck!“, brüllt Johannes plötzlich und zeigt auf eine kleine Flamme auf der Couch. Niemand von uns hat bemerkt, wie kleine Funken auf die tiefergelegte Couch gesprungen sind und sich durch den Bezug ins Innenfutter gefressen haben. Ich krieche ein Stück weiter zur Lehne, während er nervös mit den Händen in der Luft herumwirbelt, anscheinend nicht wirklich wissend, was zu tun ist. Anfangs belustigt es mich sehr, bis er sein Bier packt und es in einem eleganten Bogen in die Flamme kippt – und über meinen Bauch und meine Knie. Heldenhaft.
„Oh, sorry“, murmelt er und schmeißt mir ein ranziges Handtuch zu.
Noch eine Weile sitzen wir auf der nassen Couch, und er spricht. Ich schenke dem Inhalt seiner Rede kaum Gehör und schaue nur, wie er dasitzt, seine riesigen Füße in blauen Wollsocken auf dem Couchtisch, mich beim Reden geradezu wie gebannt anstarrend. Mit dem boom, boom, boom ist auch jedes Kribbeln verschwunden.
Letztendlich sind wir doch alle Marionetten, die keinen Einfluss drauf haben, von wem sie sich angezogen fühlen und von wem nicht, rauscht ein Satz aus der Zeitschrift im Wartezimmer meines Hausarztes durch meinen Kopf. So verdreht das Ende, was der Anfang versprach.
Irgendwann beschließt Johannes, offensichtlich zu demselben Schluss gekommen, dass es Zeit sei, ins Bett zu gehen, es wäre ja auch schon sehr spät. So verschwinde ich mit meiner Tasche ins winzige, ebenso zugeklebte Bad und hänge mich über mein Handy. „Lagebericht: Wir benehmen uns wie Brüderchen und Schwesterchen, und die Utopie vom heißen, hemmungslosen Sex hab ich bereits begraben“, schreibe ich Carmen den obligatorischen ironischen Zwischenbericht, den ich ihr versprochen habe, putze meine Zähne und gehe wieder zurück ins Zimmer.
„Warum schreibst du mir?“, raunt mich Johannes an, der auf dem Bett sitzt und ebenfalls über seinem Handy hängt. Sein Gesicht ist auffällig gerötet.
„Hä? Ich schreib dir nicht“, antworte ich und krame in meinem Rucksack, als ich mit leichter Verunsicherung bemerke, wie mir sein Blick durchs Zimmer folgt.
„Doch klar. Jetzt gerade!“
„Nein.“
„Doch! Zwischenbericht …“ Prompt schießt mir das Blut in den Kopf, noch bevor Johannes fertig rezitiert hat. Ich muss beim Absenden der SMS nicht richtig hingeguckt haben. Das boom, boom, boom in meiner Brust ist wieder da, nur lauter und aggressiver.
„Ööhh“, kommt es so aus mir raus. Was soll ich nun noch sagen? „Die war eigentlich nicht für dich bestimmt, sondern für meine beste Freundin, mit der ich immer Späße über heute gemacht habe.“
Ein Lachen macht sich in Johannes’ Gesicht breit, doch beschleicht mich das ungute Gefühl, dass es eher ein abfälliges Über-mich-, als ein lockeres Mit-mir-Lachen ist.
„Bin ich dir zu langsam? Sollte ich dich lieber anspringen und dir die Kleider vom Leib reißen?“
„Nein, äh …“, stammele ich vor mich hin. Es ist zu spät. Das Zeitfenster, in dem aus dem Ganzen ein positiv-witziger Moment hätte werden können, hat sich geschlossen, und nun sitzen nur noch zwei Fremde in einem kleinen vollgestopften Zimmer nebeneinander, wissend, dass sie einander nach diesem Treffen zwar nie wiedersehen wollen, dank der nächtlichen Regionalbahnpause aber noch die Nacht miteinander verbringen müssen. Noch einige Minuten unterhalten wir uns über Kram, der belangloser als das Wetter ist, er beäugt mich und sieht dabei ein wenig wütend aus. Bald eröffnet er mir auch, dass wir im selben Bett schlafen müssen, da die Couch ja nun aus geschmolzenem Polster und Biermief besteht. Na, Jackpot. Ohne weitere Unterhaltungen betten wir uns nebeneinander in Johannes’ quietschende Ikeakonstruktion, so weit voneinander weg, wie es möglich ist, und schon ist er eingeschlafen. Ich liege noch Stunden wach, lausche seinem Atem und hasse mich selbst für das Fettnäpfchen, in das ich heute mit Anlauf gesprungen bin. Hin und wieder berühren sich unsere Knie, er spricht im Schlaf, und ich muss fast darüber lachen, wie sehr sich diese Situation von meinen romantischen Erwartungen unterscheidet.
Am nächsten Morgen steht er auf und zieht sich im Halbdunkel um. Als er mich noch kurz betrachtet, presse ich die Augen zu, tue, als ob ich schlafe, um den Abschiedsfloskeln zu entgehen. Dann verlässt er die Wohnung in Richtung Uni. „Kannst ja dann einfach noch ein bisschen weiterschlafen, im Kühlschrank ist provisorisches Frühstück, und wenn du gehst, zieh bitte die Wohnungstür richtig zu“, sagt er noch.
Ich verzichte auf das Frühstück, will ich doch dem Frettchengesicht nach Möglichkeit nicht über den Weg laufen. Im Bad setze ich eine Mütze auf, die das Elend auf meinem Kopf verdeckt. Ein bisschen Seife und Creme, und mein Gesicht sieht gar nicht mehr so furchtbar müde aus. Als ich zurück in sein Zimmer komme, um meine Tasche zu holen, werfe ich noch kurz einen Blick auf seine Gitarre, die in der Ecke steht. Sie sieht alt und verschlissen aus, ist mit Mad-Caddies-Stickern überzogen.
Rein theoretisch liegt der Bahnhof nicht mal einen Kilometer von Johannes’ Wohnung entfernt, doch so im morgendlichen Nebel, mit der Scham über den SMS-Fauxpas, wird die Stadt zu einem einzigen Labyrinth aus Nebenstraßen, irreführenden Schildern und Fußgängern, die selbst nicht so recht zu wissen scheinen, wo sie sich gerade befinden. Als ich endlich die Innenstadt erreiche, haben die Marktleute schon ihre Stände aufgebaut. Es riecht wie in einem übergroßen, dreckigen Kühlschrank, in dem sich auf altem Käse, stinkendem Fisch und China-Plastik Kulturen bilden. Ein älterer, dunkelhaariger Typ pfeift mir hinterher, und ich habe Lust, umzudrehen, mit Anlauf auf ihn zuzurennen, ihn umzustoßen und mich dreckig lachend auf sein Gesicht zu setzen.
Ich schlage noch etwas Zeit in der mehrstöckigen Buchhandlung an der Ecke tot, kaufe mir eine sündhaft teure Johnny-Cash-Biografie, doch das tröstet auch nicht.
Als ich wieder auf die Einkaufsmeile trete, höre ich zwei Läden weiter eine Tattoomaschine surren. Kurz überlege ich, spontan reinzuspringen und mir ein neues Tattoo stechen zu lassen. Obwohl, stechen nennt man das ja nicht mehr, hacken sagt die moderne Arschgeweih-und-Sternchen-Fraktion heute dazu. Ein Ufo, ein Glücksbärchi oder ein qualmender Hundehaufen. Irgendwas Selbstironisches. Aber so ein Frust-Tattoo macht auf Dauer wahrscheinlich auch nicht glücklich.
Die Regionalbahn lässt auf sich warten, aber irgendwann zieht die Welt dann doch durch das zerkratzte Zugfenster an mir vorüber. All die Städte, wie Bilder aus einem hässlichen Bilderbuch. Menschen, wie schlecht bemalte Miniaturpüppchen, die man mit einem Schnipser von Daumen und Zeigefinger kilometerweit fliegen lassen könnte.
Kapitel II
„Sollten wieder Herzen schnitzen –
wenn du noch Holz findest, Baby.“
Pascal Finkenauer
Ich trage einen beigen Rock, dazu eine braune Bluse und komme mir tierisch seriös vor, als ich die Treppe zum Büro erklimme. Jolie, die bildschöne Französin, die mir die Praktikumsstelle besorgt hat, wartet bereits auf mich.
„Schön, dass du da bist. Willkommen!“, begrüßt sie mich herzlich und zieht mich in eine enge Umarmung.
„Vielen Dank“, lächle ich freundlich.
„Ich kümmere mich die kommenden 14 Tage um dich. Du begleitest mich einfach, greifst mir ein bisschen unter die Arme, und ich erkläre dir so das eine oder andere“, erklärt sie und drückt ihre Kippe unter einer ihrer braunen Sandalen aus. Dabei wackeln ihre großen roten Perlenohrringe wild neben ihrem Gesicht.
„Super!“
Ich folge ihr ins Haus. Alle Büroräume sind von oben bis unten mit blauem Teppich betackert, was dem Ganzen den Flair eines christlichen Kindergartens gibt. Ich bekomme meinen eigenen Schreibtisch, gegenüber von Herrn Deits Platz. Herr Deit sitzt im Rollstuhl, sieht aus wie Mr. Bean, und ich scheine ihn ein wenig nervös zu machen. Immer wenn ich hochsehe, starrt er an seinem Desktop vorbei zu mir herüber und zuckt vor Schreck zusammen, wenn ich zurückstarre.
Die Chefin ist klein und sieht aus wie ein Serienstar aus den Achtzigern. Passend zu ihrem Vokuhila trägt sie an jeder Hand mindestens drei goldene Ringe und lange blaue Gelfingernägel. In der Kippenpause begutachte ich die Miniatursterne aus Glitzersteinen, die darauf aufgeklebt sind. Die Pfennigabsätze ihrer Schuhe kündigen sie an, wann immer sie den Gang hinunterschreitet, und das trotz Kindergartenteppich. Ich schätze, sie sind nicht bloß ein modisches Accessoir, sondern Mittel zum Zweck, denn ohne sie könnte Frau Rein wahrscheinlich nur knapp über die Tischkante ihres Schreibtischs sehen.
Sie hat den Laden im Griff. Obwohl sie im Grunde sehr nett zu sein scheint, kuschen alle vor ihr und begegnen ihr mit Ehrfurcht. Ihre Bürotür steht immer offen, und so hören alle, wie sie regelmäßig hitzig diskutiert. Dabei schaltet sie immer den Lautsprecher ein und schreit aus dem Stand in das Telefon.
Jolie scheint keinen besonders harten Job zu machen, sie tippt hin und wieder eine E-Mail, führt Telefonate und geht im Zwanzigminutentakt nach draußen, um zu rauchen. Der Betrieb stellt Trainingsgeräte für Sportler mit körperlicher Behinderung her und liefert sie in schicken lila Vans. Es arbeiten viele Rollstuhlfahrer und anderweitig behinderte Menschen im Bürotrakt. Integrationsbetrieb nennt sich so etwas, erklärt man mir. Das Ganze scheint zumindest mittelmäßig erfolgreich zu sein, es wird in Schichten gearbeitet, einen Großteil der Belegschaft lerne ich deswegen nicht kennen. Wenn ich mein tägliches Pensum an Abtipparbeiten erledigt habe, gehe ich ins zweite Obergeschoss zu Jolie. Sie teilt sich ein kleines Büro mit einem Spanier namens Juan. Juan ist eigentlich ein hübsches Kerlchen, doch kann er niemandem ins Gesicht sehen, was ihn zu einem verklemmten Zeitgenossen macht.
„Kannst du mir einen Gefallen tun?“, fragt mich Jolie am dritten Tag, als es zum ersten Mal so aussieht, als habe sie Stress. „Ja, natürlich. Was denn?“
„Kannst du diese Telefonliste abarbeiten … das sind alles Fahrer!“ Sie reicht mir ein abgegriffenes Blatt Papier mit Kaffeeflecken herüber. „Die müssen morgen alle eine Stunde früher da sein. Meeting!“
„Alles klar.“
Ich schleiche ins leere Nachbarbüro und setze mich ans Telefon. Beim ersten Namen auf der Liste geht niemand ran. Beim zweiten meldet sich eine Frau mit rauer, versoffener Stimme und erklärt mir, dass sie vor dem Dienstantritt erst noch ihre Katze Schröder zum Tierarzt in die Altstadt bringen müsse, da er einen Miniatur-Obelix aus einem Ü-Ei verschluckt habe und seitdem pausenlos auf die Fliesen kotze. Zum Glück seien es nur Fliesen, die könne man ja abwischen, betont sie. Als sie beginnt, mir die Dos und Dont‘s der Katzenkloreinigung zu erläutern, wimmle ich sie mit „Ich bin eher so der Hundemensch“ ab und verabschiede mich. Bei Nummer drei begrüßt mich eine pseudowitzige Mailboxansage: „Heeeeeey joooooo, wer stört? Ich bin gerade nicht am Start, also leave a message nach dem Toooon!“ Hinter dem vierten Namen verbirgt sich eine weiche Männerstimme. Nachdem ich meinen Text um das Meeting vor dem Dienstantritt heruntergebetet habe, kommen wir ins Gespräch.
„Tschuldigung, wenn ich so doof frage, aber kennen wir uns?“ Ich kann mir zu der Stimme so gar kein Gesicht vorstellen.
„Wir kennen uns nicht, weil sich unsere Schichten überschneiden. Wenn ich gerade gegangen bin, kommen Sie. Ich bin die neue Praktikantin.“
„Sie? Ben heiße ich.“ Er lacht. Ich mag seine Lache, sie ist weich und angenehm. Nicht so aufdringlich wie die vom Mr.-Bean-Verschnitt Herrn Deit.
„Okay, Ben. Dana.“
„Wie gefällt es dir bei uns?“
„Gut, gut.“
„Mit wem arbeitest du?“
„Jolie.“
„Uh, Glück gehabt.“
„Was soll das denn heißen?“, kichere ich, und er stimmt ein.
„Schon mal gesehen, wie sich Frau Rein vor dem Telefon aufstellt?“
„Oh ja!“
„Dann sei mal froh, nicht bei der gelandet zu sein!“
Noch einige Minuten berichtet er mir vom Treiben in der Nachtschicht, wie locker alle seien. Nur das Arbeiten an den Samstagen gefalle ihm nicht sonderlich, das ließe sich schlecht mit seinem Freizeitprogramm vereinbaren.
„Ich würde ja gerne weiterquatschen, aber wenn ich nicht langsam zurück zu Jolie gehe, sucht sie mich bestimmt bald.“
„Ja, klar. Wäre schön, wenn man sich vielleicht doch mal über den Weg läuft.“
„Ja, das wäre es.“
„Mach‘s gut.“
„Du auch. Ciao.“
Als ich mich von dem Bürostuhl schwinge, ist mir ein wenig flau im Magen. Netter Typ. Beim Überqueren des Flurs fällt mir zum ersten Mal ein großes gerahmtes Bild auf. Betriebsausflug ins Schokoladenmuseum steht in roten Lettern darunter.
„Wir haben jetzt Pause … uh, schlimmes Foto“, stößt Jolie hinzu.
„Wer ist das?“, deute ich mit dem Finger auf einen Schönling in der ersten Reihe. Er sieht aus wie Brian von den Backstreet Boys. Schön anzusehen, aber wer will schon neben so jemandem aufwachen? Da muss man mindestens eine Stunde früher aufstehen, sich pudern, schminken, die Locken legen, sich mit betörendem Parfüm besprühen und in Formschön-Unterwäsche schmeißen, um sich nicht völlig hässlich vorzukommen, wenn er dann die Augen aufschlägt und einen mit seinem makellosen Boybandgesicht ansieht. Zu schön ist eben auch nicht gut.
„Max.“
„Und der?“ Ich deute auf einen kleinen Mann in der ersten Reihe.
„Peter.“
„Und der?“ Mein Finger klebt auf einem großen Typen in der hinteren Reihe.
„Mann, du bist ja neugierig“, meint sie grinsend. „Ben! Lass uns zum Bäcker ums Eck gehen.“
Und schon rauscht sie davon.
Ich bleibe noch einige Sekunden stehen und betrachte ihn. Er scheint überdurchschnittlich groß, sein Gesicht thront ein gutes Stück über all den anderen. Er grinst breit von einer Backe zur anderen. Auf einer seiner ausladenden Schultern hängt lässig der Träger eines Rucksacks. Das schwarze Shirt flattert ein wenig zu groß an ihm herunter.
„Kommst du?“, schallt Jolies Stimme vom Treppensims herüber, und ich folge.
Die Bäckerei ist klein, die warme Luft stagniert, und an der Scheibe tummeln sich einige verirrte Bienen. Jolie zuckt jedes Mal, wenn eine in ihre Richtung fliegt. Sie ist so hübsch, es ist beinahe unsympathisch. Neben ihr wollte ich noch weniger aufwachen als neben Brian von den Backstreet Boys. Wie eine Barbiepuppe sitzt sie perfekt drapiert da, erzählt von ihrem lässigen Fußballerfreund und ihrem Gebrauchtwagen mit extraflauschigen Sitzbezügen.
Als ich heimkomme, wartet meine beste Freundin Carmen schon vor der Haustür. Wie immer, wenn ich sie nach der Frühschicht antreffe, trägt sie ein übergroßes weißes Shirt, das heute Morgen wahrscheinlich noch gestrahlt hat, aber jetzt mit allerlei Krankenhaussekreten besprenkelt ist. Die weiße Hose ist genauso schmuddelig. Die braun gefärbten Korkenzieherlocken hat sie zu einem strengen Dutt gebunden, die blassen Ohrläppchen baumeln schmucklos herum. Sie sieht immer ein bisschen kränklich aus, so ganz ohne Schminke, mit den hellblauen Augen und der schneeweißen Haut. „Hat Mama dich nicht reingelassen?“, frage ich, während ich ihr einen Kuss auf die Wange drücke und die Tür aufschließe.
„Ihr habt ja keine Klingel, ihr Hinterweltler!“
„Das hat uns schon jede Menge Sternensänger, Vorwerkvertreter, Klingel-Missionare und anderes Gesindel erspart.“
Wir hinterlassen unsere Schuhe wild verteilt auf dem roten Teppich am Eingang und gehen direkt rüber in mein Zimmer. Es sieht schrecklich aus, überall ist Kleidung und Papiermüll verteilt, doch vor Carmen muss ich mich zum Glück für nichts schämen. Sie rupft sich das Pflegekraft in Ausbildung, Carmen Rotblatt-Schild von der Brust und lässt sich auf meine Couch sinken.
„Ich hab Sachen zum Cocktailsmixen mitgebracht“, verkündet sie und verteilt einige Limetten, ein Paket mit braunen Brocken Zucker und eine Flasche Schnaps auf der Couch. Ich steuere einige Säfte und ein Brett bei, auf dem sie die grünen Früchte liebevoll in Scheiben schneidet.
„Ich hab eine Idee!“, verkündet Carmen, nachdem sie das Ganze in zwei extragroße Gläser mit Zuckerrand verfrachtet hat. „Ich bin auf einer Internetplattform für Singles angemeldet.“
Ich stöhne genervt, denn ich weiß, was als Nächstes kommt.
„Und ich dachte“, sie beugt sich herüber zu mir und legt ihren Kopf spielerisch auf meine Schulter, wie ein kleines Mädchen bei seiner Lieblingskindergärtnerin, „… wir nehmen die Baustelle mal so richtig in Angriff.“
„Hast du mein Liebesleben gerade mit einer Baustelle verglichen?“
Sie richtet sich wieder auf.
„Ja, aber so eine, auf der das Geld knapp geworden ist. Es spielen zwar noch ein paar Nachbarskinder im Schutt, aber sonst tut sich da nix mehr! Du meldest dich da einfach an, triffst dich vielleicht mit wem, und wenn nicht, dann eben nicht.“
„Da sind doch eh nur arme Schweine und Freaks!“
„Na, danke.“
„So war das nicht gemeint.“
„Komm schon.“
„Naaa gut“, gebe ich mich geschlagen, denn ich weiß: Sie wird eh nicht aufhören zu nerven, bevor sie ihren Masterplan durchgesetzt hat. Freudig springt sie von der Couch und holt meinen Laptop. Das blaue Design der Seite brennt in meinen Augen, und der billige Elektro aus dem chateigenen Internetradio, in dem ein Typ namens Kenny mit penetrant greller Stimme immer wieder Grußnachrichten à la Mandy grüßt ihren Sebastian und lässt ausrichten, dass sie ihn ganz doll liebt! vorliest, nervt mich schnell.
„Wie bist du darauf gekommen?“
„Ach, ich bin nachts vorm Fernseher eingeschlafen, und als ich wieder aufgewacht bin, lief da diese Werbung.“
„Klingt ja vielversprechend! War da zufällig auch eine nackte Frau mit Klebesternchen auf den Nippeln, die gestöhnt hat, deeeutsche Määänner, ruuufen a‘?“
Sie lacht gehässig und verpasst mir einen Hieb, ihre Fingerknöchel bohren sich dabei schmerzhaft in meine Schulter.
Während sich Carmen im Bad von dem Shirt befreit, das nach alten Menschen riecht, und duscht, wühle ich mich durch einen Haufen Fragen, die das Internetportal mir bei meiner Anmeldung stellt. Angeblich dienen sie dazu, meinen Charakter zu erfassen und zu erkennen, was für ein Typ Frau ich bin, doch mir kommt es eher vor wie ein Schubladensystem. Ein bisschen wie bei diesen Ankreuz-Psychotests in der BRAVO früher.
Als Carmen wieder zu mir stößt, erstellen wir gemeinsam mein Profil. Sie riecht nach Mango-Shampoo und Deodorant. „Erst mal brauchst du einen Nickname. Verbinde es mit irgendwas, das zu magst. Einer Band, einem Film“, erklärt sie, während sie sich neben mir die braunen Locken trocken rubbelt. Nach kurzer Überlegung tippe ich Pulp Fiction ein und bin überrascht, dass dieser Name noch verfügbar ist. „Körpergröße …. 169 cm“, lese ich die erste Spalte des Profils samt Lösung laut vor und fülle sie aus. „Gewicht/Figur … wahlweise dünn, schlank, sportlich, normal, ein paar Kilo mehr oder moppelig. Moppelig?“ Ich verschlucke mich an meinem Cocktail. Wie immer hat Carmen viel zu viel Schnaps hineingemischt, und meine Stirn beginnt bereits nach den ersten Schlucken zu kribbeln.
„Ja …“, lacht sie aufgedreht.
„Hm … also, ich sehe mich als sportlich, aber der ein oder andere würde mich bestimmt als moppelig bezeichnen“, nuschle ich vor mich hin.
„Sportlich? Kugelstoßerin oder was? Nimm normal!“, beschließt Carmen.
„Haarfarbe? Blond … Sternzeichen? Skorpion … als würde das irgendwas zur Sache tun … Raucherstatus? Gelegentlich!“
„Schreib das nicht!“
„Warum? Ist doch die Wahrheit.“
„Ja, aber da gibt es immer eine Reihe von Fitnessfreaks, die denken, du hast ein Gesicht wie ein voller Aschenbecher, nur weil du dir hin und wieder eine ansteckst … lass die Zeile einfach frei.“
„Na gut, Frau Expertin. Weiter im Text: Beziehungsstatus … vergeben, offene Beziehung, komplizierte Beziehung, verheiratet mit Nachwuchs, verheiratet ohne Nachwuchs, geschieden, verwitwet, Single, suchend …“
„Suchend ist praktisch ein Codewort für einsam, stehe meiner Mutter unnatürlich nahe, masturbiere überdurchschnittlich oft, rasiere mich nur im Hochsommer, und ziehst du mich aus, findest du weiße Baumwollunterhosen mit Stockflecken … also Single.“
„Okay. Beruf?“
„Denk dir einen Begriff aus, der deinen Beruf zwar umschreibt, irrsinnig wichtig klingt, es aber nicht genau auf den Kopf trifft“, weist sie mich an und lässt noch etwas braunen Zucker in ihr Glas rieseln.
„Ähm … Assistenz in der Justizbranche.“
„Dann schreib doch gleich: Aktenschlepper“, prustet sie los, und ich werfe ihr einen ernsten Blick zu.
„Wann fängt deine Ausbildung eigentlich an?“
„Nach dem Praktikum. Also noch gut 10 Tage.“
„Wie wäre Bürokratin? Klingt offiziell, mit leicht historischem Flair.“
„Okay, weiter … Ausbildung/Abschluss … das geht ja wohl niemanden was an. Weiter … ich suche?“
„Jetzt wird’s interessant!“
„Wahlweise feste Beziehung, Freundschaft, Affäre, Mailkontakte oder was sich eben ergibt.“
„Jetzt musste aufpassen!“, fuchtelt Carmen wild mit ihrem Drink in der Luft herum. „Feste Beziehung klingt zu bedürftig. Als wärst du neulich 30 geworden und hättest einsam vor den tausend Kerzen gesessen und beschlossen, dass es endlich Zeit wird, ein Kind zu werfen. Freundschaft klingt armselig. Als würdest du jemanden suchen, mit dem du dich über deine Star-Trek-Figurensammlung unterhalten und eine Fahrgemeinschaft für die Cosplay-Messe gründen kannst.“
Sie räuspert sich kräftig und zupft ihren übergroßen Pullover zurecht.
„Affäre … klingt nach Werner, Mitte fünfzig, will endlich seine Lack- und Lederneigungen ausleben und sucht jemanden, der sich für ihn in den Ganzkörperanzug schmeißt und sich mit Pferdesalbe beschmieren lässt.“
„Ah!“
„Und Mailkontakte. Klingt ein bisschen zu sehr nach E-Mail für dich mit Meg Ryan und Tom Hanks. Hallo, lieber Seattle 35, ich bin heute über eine Brücke gelaufen. Da hab ich mich so tiefsinnig gefühlt. Brücken sind ja auch so tiefsinnig. Und das Leben ist so tiefsinnig. Was meinst du? Da ist, was sich eben ergibt‘ genau das Richtige“, schließt sie und grinst zufrieden.
„Finde ich nicht. Ich finde, ,was sich eben ergibt‘ klingt nach , Wir treffen uns und nichts muss, aber wenn du pimpern willst, bin ich natürlich gerne dabei‘! Das ist nicht unbedingt die Einstellung, mit der ich zu einem Date gehe …“
„Dann lass es halt frei“, brummt sie sichtlich beleidigt, dass ich ihre Internet-Dating-Eloquenz infrage stelle.
„Dann ist hier noch eine Zeile mit Charakterbegriffen.“
„Da schreibst du drei Wörter hin. Die meisten Frauen schreiben Sonnenuntergang, Spazierengehen und Katzen, die meisten Männer Party, Sport und Autos.“
Sie scheint schon ein wenig betrunken zu sein, denn aus ihrem niedlichen Kichern wird langsam, aber sicher ein geräuschvolles Grunzen. Ich überspringe die Rubrik.
„Jetzt muss ich ein Foto hochladen.“
„Die meisten Frauen laden Fotos hoch, bei denen sie aus ungefähr drei Meter Höhe fotografiert wurden, damit ihre Gesichter auch ja schön schlank aussehen.“
„Hast du über das Thema mal eine Facharbeit geschrieben?“
„Nö, man sammelt eben Erfahrungen.“
Nachdem Carmen auf der Couch eingeschlafen ist und Slatko es sich unbemerkt auf ihrem weichen Busen gemütlich gemacht hat, bekomme ich meine erste Nachricht im Online-Dating-Karusell.
„Hey Girl, I’m Gassimou. My friends call me Mo. I´m student in Berlin. Love your face on the photo and would like to meet ya. Greets.“
Leicht erschrocken betrachte ich das tiefschwarze, ernste Gesicht des Schreibers. In seinem Profil steht nicht viel, bloß ein paar Floskeln à la My german is awful, but I love German Girls with blonde hair and blue eyes. Kurz schaue ich zu Carmen, die laut schnarcht.
„Ach ja, hier sind also keine armen Schweine und Freaks unterwegs?“, flüstere ich ihr kaum merklich zu, als ich die Nachricht lösche und mich auslogge.
Kapitel III
„War man eben noch lediglich das Leben und Lieben satt
Und ist jetzt dank Trank ganz krank vom Sinn
Morgengrauen mittendrin und ich bin ohne her und hin
Weil ich hin bin und nicht mehr Herr der Lage.“
Sebastian 23
„Weißt du, wie schnell so eine hellgraue Couch versaut ist?“, blinzelt Katja ihren Kevin mit mütterlicher Fürsorge an und streicht ihm ein paar Pizzabrötchenkrümel vom Bauchansatz. Schon wieder frage ich mich, wie zum Teufel ich auf die Idee kommen konnte, mit einem Pärchen, noch dazu mit einem, wie die beiden es sind, essen zu gehen. Manche alten Freunde sollte man einfach in der Schublade lassen.
„Aber florales Muster kommt mir auch nicht in die Tüte, Schatz“, erwidert Kevin bestimmt und schmunzelt mich an, anscheinend darauf wartend, dass ich ihm beipflichte, was ich gewiss nicht tun werde. Noch eine Weile diskutieren sie über Teppichböden, unfreundliche Verkäufer in Möbelhäusern unserer wunderbaren Einzelhandelswüste nahe der Dortmunder Autobahnausfahrt und die perfekte Farbe für eine neue Couch. Wahrscheinlich wird der liebe Kevin mehr Zeit auf ihr als auf Katja verbringen.
Das herzzerreißende Szenario am anderen Tischende führt mir mein Scheitern als Single vor Augen, wie eine Walze, die langsam über mich rollt und mir die Innereien aus allen Poren drückt. „Och Kev-Kev!“, faucht Katja, als Kevin den Rest Cola aus seinem Glas versehentlich auf die beigefarbene Tischdecke kippt. Kev-Kev? Da kann sie dem armen Jungen auch gleich eine Kugel ins Knie jagen. Während Katja ihrem Liebsten die Cola von der Chino tupft, sorgt sie locker-lässig dafür, dass die Situation noch unangenehmer wird.
„Du, der Kevin hat übrigens noch ’nen ganz netten älteren Bruder, den solltest du unbedingt mal kennenlernen.“
„Ja, genau“, pflichtet Kevin ihr überflüssigerweise bei, und ich höre mir eine Weile die Vorzüge des Bruders an, der ein echter Verkaufsschlager zu sein scheint. Bis vor ein paar Monaten war Katja selbst noch die Promiskuität in Personality, immer auf der Jagd, in ihrem Handtäschchen Zettel mit ihrem Namen und ihrer Handynummer, ein kleines Herzchen über dem j. Doch nun hat sie Kevin gefunden, ihr treudoofes Schoßhündchen, und plötzlich ist James Blunt gar nicht mehr so furchtbar schwul. Spazierengehen entpuppt sich als eine überaus anregende Freizeitbeschäftigung, und der Anzahl der Male zufolge, an denen sie mein Angebot auszugehen wegen eines DVD-Abends ausgeschlagen hat, wäre ihr ein Führungsposten als Filmkritiker bei Deutschlands populärsten Fernsehzeitungen bombensicher. Und Kevin? Er lebt nun ein Leben im offenen monogamen Vollzug, in dem er mit plüschigen rosafarbenen Hello-Kitty-Handgranaten beworfen wird.
„Ja, scheint ja ein netter Kerl zu sein“, heuchle ich und lenke das Gespräch auf gemeinsame Freunde, um nicht komplett dem Zynismus zu verfallen. Carmen hat mal etwas sehr Schlaues gesagt. Nicht dass sie nicht generell ein sehr schlauer Mensch wäre, doch manchmal hat sie diese hellen Momente, in denen sie mir einen Einblick in die tiefen Erkenntnisse der Carmen-Rotblatt-Verhaltenspsychologie gewährt. Dabei umschmeichelt sie gleißend weißes Licht, und ich erkenne die Weisheit in ihren meist betrunkenen Augen. Einmal, in einem dieser Momente, hat sie jedenfalls gesagt: „Dana, weißt du was?“
Ich erkannte die Gunst der Stunde.
„Ja, bitte?“
„Weißt du, welche Art von Paaren ich besonders schlimm finde? Also im Grunde sind sie ja alle furchtbar, eine regelrechte Mutation aus Aids, Krebs, Pest und Tuberkulose für jeden, der nicht mit Zweisamkeit gesegnet ist, aber es gibt diese eine Sorte, die alle anderen in den Schatten stellt. Praktisch die Schalker unter den Pärchen: die, die schon zu einem einzigen Knäuel aus rosa Fleisch geworden sind, das nur noch Sätze von sich gibt, die von dem Wörtchen WIR angeführt werden. Die, die auf Konzerte gehen, aber nicht ein einziges Mal auf die Bühne sehen, weil sie mit Knutschen beschäftigt sind. Die, bei denen Händchenhalten einfach nicht reicht. Ineinander verhakt laufen sie durch die Städte, die Arme so fest um die Körper geschlungen, dass sie kaum noch laufen können, aber Hauptsache, 90 % des Körpers berührt den anderen kontinuierlich. Und falls sie dann hinfallen und sich die Knie aufschürfen, ist das völlig okay, denn sie tun es als beziehungspflegende Aktivität. Wenn man nicht so ein Schalke-Paar werden will, muss man Folgendes tun: Man muss sich hin und wieder im übertragenen Sinne voneinander wegstoßen, um zu erkennen, dass man noch ein eigenständiger Mensch ist und nicht längst ein siamesischer Zwilling.“
Bei Kev-Kev und Katja scheint sich das Zeitfenster dafür schon längst geschlossen zu haben. Würde es durch irgendeinen unglücklichen Zufall dazu kommen, dass man die beiden trennt, wäre es wie bei einem Astronauten, der nach einer anstrengenden, harten und wirklich sehr, sehr langen Mission zurück auf die Erde kommt … die Muskeln haben sich zurückgebildet, und der vermeintliche Held wird wie ein dünnes Würmchen mit Rollstuhl zu seiner Familie gerollt.
Kaum ist das Dessert gekommen, reden sie sogar von Hochzeit.
Nach einer endlos langen weiteren Stunde verlassen wir das italienische Restaurant mit dem Versprechen, bald zu telefonieren, und während die beiden in ihrem Mini in Richtung überprivilegierte-Kleinfamilien-Siedlung im Klosterviertel düsen, klappe ich meinen Kragen hoch und schlendere durch die Stadt. Eine Reihe meiner Freunde, und auch meine Familie, hat es sich in den vergangenen Wochen zur Eigenart gemacht, mir das Gefühl zu vermitteln, ich bräuchte für mein Singlesein einen Behindertenausweis.
„Ja, das Kind geht auch zu wenig unter Leute“, warf meine Mutter in die Kaffeerunde. Sie liebt es, mit anderen über mich zu reden, als sei ich nicht anwesend, während ich ihr genau gegenübersitze.
„Geh doch mal in die Disco, wie junge Leute das heute so machen“, hat meine Tante mir daraufhin geraten. Ich hasse Discos. Schon die solariumbraunen Hauptschulabsolventen am Eingang, die einem erzählen wollen, man sei sturzbetrunken, obwohl man gerade mal ein Bier getrunken hat, um dann mit strengem Blick auf deinen Ausweis zu starren. Als wüssten wir nicht alle, dass der IQ zum Nachrechnen kaum reicht. Und dann betrittst du die mit Glitzer besprühten Hallen. Das Erste, was dir vor die Augen kommt, sind 40 Kilo Schminke auf zwei Mädchen verteilt, das beste Paillettentop aus dem Schrank gekramt, den Push-up auf Anschlag. Und während Sean Paul durch dein Hirn schallt, bewegst du dich durch ein Meer wackelnder Hintern, gibst dein Hartverdientes für Cocktails mit Schirmchen aus, und wenn du Glück hast, begegnet dir jemand wie Katja, die schon ein Zettelchen für dich bereithält.
„Als ich so alt wie du war, hatte ich schon seit zwei Jahren einen Freund“, hat meine Schwester dann betont. „Na, schön für dich“, entgegnete ich zähneknirschend.
„Ich geh jetzt mal zum Speed-Dating. Komm doch auch mit. Leichter wird es einem sonst wirklich nicht gemacht, Männer kennenzulernen“, schlug mir meine dickliche Cousine vor, der ich auch schon Johannes zu verdanken hatte, doch ich will nicht. Da sitzt man so zum Sonderpreis von 39,99 € mit hochgeschnürten sekundären Geschlechtsmerkmalen und führt verschämte Zwangskonversationen mit Outlet-Singles und betreibt dabei, wahrscheinlich sogar ohne sich verlogen vorzukommen, verschrobene Selbstdarstellung, heftiger als bei jedem Vorstellungsgespräch. Nicht mein Ding.
„1, 2 oder 3, ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht, Singles dieser Welt“, nuschele ich mir in meinen imaginären Bart, während Matheos vertraute Kleinstadtkneipe meinen Weg kreuzt, ich kurz innehalte und hineinstarre. Der Laden ist voll, seine Insassen auch, und der Elektrobeat schallt dumpf zu mir auf die Straße. Im roten Licht, zwischen all den Köpfen, entdecke ich meine Schwester Lisa. Sie hält ein Glas Weißweinschorle am langen Arm in die Luft, während sie sich an einer Gruppe Jungs vorbeidrückt, die sie grinsend mustern. Kurz zögere ich, doch da habe ich schon den Türgriff in der Hand. Mit einem „Yeeeeeah!“ werde ich von Matheo begrüßt, der mir prompt ein schaumloses Bier und einen Deckel mit meinem Namen in großen verschmierten Lettern in die Hände drückt.
Als Lisa mich entdeckt, fällt sie mir überschwänglich um den Hals, und bald machen wir es uns auf einer Reihe Barhockern an der Wand gemütlich. Die Fluppe hängt entspannt zwischen meinen Lippen, die Kehle brennt vom Tequila. Wie ich es liebe, beinahe stocknüchtern dazusitzen und schweigend die betrunkene Menge zu beobachten. Es ist Samstagnacht, und wieder sind sie alle versammelt, die gebrandmarkten Insassen meiner ausstrahlungsarmen, seelenfressenden Betonklotzkleinstadt.
Vorteilhaft drapiert, billig dekoriert, allesamt im selben Hugo-Boss-Aftershave ersoffen. Niemand von ihnen ist wirklich aus Überzeugung hier, vielmehr sind sie hier gestrandet, von den nymphenartigen Lockrufen der Alkoholindustrie angezogen. Der Geist ist stark, das Fleisch ist rar. Es scheint Brunftzeit zu sein, denn alle tänzeln umeinander herum. Die Männer klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, um sich feierlich ins Spiel zu schicken. So machen sie sich zu vertrauten Fremden, die sich die Abwesenheit von Zweifel und Schüchternheit und deren Verwandten und Bekannten ertrunken haben und nun taumelnd dahängen.
Eine bekannte Mittvierzigerin schiebt sich grinsend eine Mettwurst zwischen die Dritten, und alle lachen dreckig. Ich glaube, ich muss kotzen. Es belustigt mich gleichzeitig, denn sie scheinen enthemmt, berauscht, belanglosen Radiopop in die Nacht prügelnd, als würden sie jedes Wort, das sie mitgrölen, genauso meinen. Auf minder kreativen Zweischrittfoxtrott tanzend, von links nach rechts dribbelnd.
Ein Finger bohrt sich in meine Schulter, und ich sehe zur Seite. Ein großer Typ mit breiten, ausladenden Schultern lächelt mich ein wenig aufgeregt an.
„Entschuldigung, aber bist du nicht Dana?“, schreit er gegen die Musik in mein Ohr und legt dabei seine Hand auf meine Schulter, als seien wir Vertraute.
„Ja“, schreie ich perplex zurück. Er riecht nach Bier und Aftershave.
„Die Praktikantin?“
„Wie bitte?“
„Ich bin Ben.“
„Wer?“
„BEN!“, schreit er noch lauter in mein Ohr. Ich lehne mich zurück und sehe in sein Gesicht. Er kommt mir bekannt vor, doch kann ich ihn nicht zuordnen.
„Sorry.“ Ich zucke mit den Schultern und grinse ihn freundlich an.
„Ich arbeite in der Nachtschicht. Bei der Firma, in der du Praktikum gemacht hast. Wir haben telefoniert!“
Jetzt geht mir ein Licht auf.
„Jaja …“, wedele ich mit der Hand in der Luft herum. „Wie hast du mich erkannt?“
„Ich muss gestehen, ich hab Jolie gebeten, mir dich auf Facebook zu zeigen.“
„Ah …“, lächle ich.
„Dein Praktikum ist jetzt vorbei?“
„Ja, genau.“
„Schade.“
„Ja, war eine lockere Zeit.“
„Kann ich mir vorstellen. Jolie wird ja eher fürs Rauchen bezahlt!“, lacht Ben. Er ist trotz seiner beachtlichen Größe niedlich. Er erinnert mich an den Teddy aus der Bärenmarkewerbung.
„Ich wollte es nicht aussprechen“, stimme ich in sein Lachen ein. Große braune Augen funkeln mich an. Sein Blick fährt an mir hoch und gleitet wieder hinunter.
„Ey, lass ma’ weiterziehen“, stößt ein ebenso großer Fremder zu uns und packt Ben bei der Schulter. Bens Augen huschen zu mir, dann wieder zu ihm, dann wieder zu mir.
„Ähm …“, beginnt er, als er sich wieder vorgebeugt hat und seine Wange meine berührt. „Hättest du Lust, dich mal mit mir zu treffen?“
„Öhm … ja, warum nicht?“, nuschle ich überrascht.
„Alter, jetzt komm …“, wirft der Fremde ein und ruckelt an Bens Schulter.
„Morgen?“, ruft Ben gehetzt.
„Morgen?“
„Ja, morgen.“
„Ja … meinetwegen.“
„Um drei am Bahnhof?“
„Okay.“
Zum Abschied drückt er mir einen Kuss auf die Wange und lächelt mich noch ein letztes Mal mit funkelnden Augen an, bevor er den Laden verlässt. Wie Matheo es immer macht, wenn er sieht, dass ich mich unter seinem Partyvolk langweile, schmuggelt er einen dreckigen Rocksong zwischen die Kommerzdudler, und ich schwinge mich mit Lisa auf die Tanzfläche. Wieder bohrt sich ein Finger in meinen Rücken. Ich drehe mich um, erwarte wieder Ben, aber falsch. Ein kleiner Skater in meinem Alter mit strohblondem verwuscheltem Haar, auf dem eine bunte Snowboardermütze liegt, steht vor mir. Ich mustere seine Markenklamotten, mein Blick wandert an ihm hinauf. Ich erwidere sein benebeltes Lächeln. Er beugt sich vor, sein Kinn streift meine Schulter, als auch er sich an mein Ohr schmiegt, als seien wir Vertraute.
„Ich hab dich gesehen, und ich finde, du bist anders. Ich bin auch anders. Wir sollten uns zusammentun.“
„Anders?“, schreie ich ein wenig verwirrt gegen die Musik an. „Na, alternativ!“
Meine Augen beginnen prompt das Strahlen.
Wir stellen uns in eine einsame Ecke der Bar und beginnen zu reden, knallen uns Bandnamen um die Ohren, reden über Festivals, und ich gebe mir die größte Mühe zu verbergen, dass ich lang nicht so tief drinstecke, wie er es tut. Ich hänge an seinen Lippen, sehe ihm fasziniert dabei zu, wie er besoffen wild gestikuliert, immer wieder die Hände an den Kopf legt, als würde ihm jede Sekunde der Schädel platzen, absolut begeistert von all den Dingen spricht, die auch in mir so viel auslösen.
Bald landen wir draußen bei einer Handvoll Rauchern, die sich in der klirrend kalten Nacht aneinanderdrücken, und hocken uns auf eine Mauer. Er rutscht immer näher, bald legt er seinen Arm um mich.
„Dortmund ist doch tot. Jedenfalls was unsere Altersgruppe angeht. Jeder, der ein bisschen was im Kopf hat, geht, wenn er kann, und der Rest hängt frustriert an den Bushaltestellen herum. Das deprimiert“, philosophiert er vor sich hin und nimmt mal wieder die Hände an den Kopf.
„Nun sind wir aber noch hier.“
„Ja. Wir armen Schweine.“
Wir prusten beide laut los, und ich kippe etwas Bier in meinen Schal statt in meinen Mund.
„Ich meine, hier gibt es so wenige wie uns!“, fährt er fort, und ich muss lachen, da er von uns spricht, als seien wir eine vom Aussterben bedrohte Tierart oder die letzten Illuminaten.
„Manchmal, wenn ich ein Bandshirt sehe oder ein Festivalbändchen, dann fühle ich mich halt direkt verbunden.“
Noch eine Weile sitzen wir da, auf der kalten Mauer, und reden Blödsinn. Gegen Sonnenaufgang fährt mein Lieblingsfahrer am Taxistand vor und winkt mir durch die Autoscheibe zu. Ich springe von der Mauer.
„Ich geh dann mal.“
Plötzlich springt der kleine Skater ebenfalls auf, drückt sich an mich, packt mich mit festem Griff und drückt seine kalten Lippen auf meine. Eine Weile mache ich mit, doch komme ich mir vor wie ein hilfloser Teenager. Also lasse ich ab, flüstere noch ein zartes „Ciao“ und drehe mich um.
„Nach Hause?“, lächelt Georgius, als ich in seinem eierschalenfarbenen Benz sitze. „Ja, nach Hause.“
Angezogen falle ich ins Bett, fahre Karussell und spüre, wie die Trunkenheit weicht. Mein Kopf fühlt sich weich an, Schmerz blitzt über meiner Stirn auf.
Ich habe mir fest vorgenommen zu schlafen, bis mir die Knochen vom Liegen wehtun, doch meine Mutter macht mir einen Strich durch die Rechnung. Gegen elf jagt sie mich aus dem Bett, und ich streife mit Slatko durch den Wald. Der Tag verspricht beinahe scheiße zu werden, doch dann fällt mir alles wieder ein: Ben! Date! Drei Uhr! Ein Schmunzeln macht sich breit, und ich stapfe zurück zum Haus.
Heute mag ich mich. Das ist ein seltenes Geschick, deshalb schlägt es sich auch prompt in meinem Äußeren nieder. Die Haare liegen locker-flockig, die Jeansjacke federt auf der Taille, ich fühle mich gut. So schreite ich in Richtung Bahnhof, wo Ben und ich um drei verabredet sind. Ich sehe ihn schon von Weitem. Er steht neben einer zerkratzen orangefarbigen Bank, auf der normalerweise zu jeder Tageszeit eine Oma mit Rolli oder Gehhilfe platziert ist, doch heute ist sie frei. Er unterhält sich mit einem braun gebrannten Typen, wippt aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. Neben ihm sieht der andere aus wie ein winziger Schokoladenzwerg. Ben trägt eine schlichte Jeans und ein Hemd mit, sagen wir, interessantem Karomuster.
„Ben?“, hauche ich mit meiner flirty Stimme. Er reißt den Blick vom Südländer weg und schmeißt ihn zu mir. „Dana!“, presst er hervor.
Er wirkt ganz hibbelig. Ein nasser Kuss auf die Wange folgt. „Gehen wir ein bisschen bummeln?“, frage ich grinsend.
„Was auch immer“, haucht er. Hat er gekifft, um sich locker zu machen, ist er nervös, oder ist das einfach seine Art?
Wir laufen den mit Kopfstein gepflasterten Weg hinunter in Richtung Innenstadt. Die Sonne fällt mir angenehm warm auf Kopf und Nacken. „Warst du dieses Wochenende beim Eishockey?“, frage ich, um das Eis zu brechen. Nicht dass es mich interessieren würde, aber ich kann mich erinnern, dass da irgendwas auf seiner Facebookseite stand, von wegen Wochenenden in Sonderzügen und Abenden auf der Fantribüne. Heute Mittag habe ich noch kurz im Internet recherchiert, wollte nicht gänzlich unwissend sein.
„Ja! War super!“ Er lächelt mich schüchtern von der Seite an.
„Du bist also Fan von den Roosters.“
„Ja, schon lange.“
„Aber die verlieren doch ständig, oder nicht?“
„Ich bin halt nicht nur Fan, wenn der Pokal im Schrank seht“, kommt es wie aus der Pistole geschossen zurück.
„Ja, aber wenn es nie was zu feiern gibt, ist das doch auch langweilig, oder nicht?“
Er zuckt nur mit den Schultern. Da fällt mir auf, er trägt ein dünnes silbernes Kettchen, das irgendwo zwischen Brusthaaransatz und Hemdkragen verschwindet. Ich mag keine Männer, die Halsketten tragen, weil meine Mutter sie auch nicht mag. Aber na ja, ich werde ihm wohl noch eine Chance geben.
Als wir in der Menge untertauchen, wirkt Ben noch immer ein wenig unentspannt. Ständig späht er herüber zu mir, und wenn ich dann zurückschaue, streut das Lächeln in seinem Gesicht zu einem riesigen fetten Grinsen. Um uns schwirren Kinder mit tropfenden Eishörnchen, Frauen mit großen Sonnenbrillen und Männer mit schlechten Tattoos aus dem vorvorletzten Sommer umher.
„Ich hab dich schon vor unserem Telefonat gekannt“, gesteht er, als wir von der Fressmeile auf die Straße voller orientalischer Kramläden wechseln.
„Wie meinst du das?“
„Du hast doch mal in einem Restaurant gearbeitet, unten am See, oder nicht?“
„Ja, und?“
„Ich war da mal, und du hast gekellnert.“
Es gab nur eine ungefähr zweiwöchige Phase, in der ich kellnerte, bis alle sich von meiner Fallsucht überzeugt hatten und ich in die Küche verfrachtet wurde, wo das Geschirr auf dem PVC-Belag nicht ganz so schnell zersprang. Doch in dieser kurzen Zeit war ich gestresst, verschwitzt und genervt von alten Männern, die einem gönnerhaft 20 Cent Trinkgeld geben und dann noch ein „Aber gib nicht alles auf einmal aus!“ hinterherschieben.
„Ich hab mich an dich erinnert, als ich dich wiedergesehen habe. Du hast an dem Tag ein schwarzes Shirt mit der Grinsekatze aus Alice im Wunderland getragen und warst schnell im Biernachschenken. Ich hab meinen Bruder ins Haus tragen müssen“, schließt er seine Story, und ich freue mich, da das Grinsekatzen-Shirt tatsächlich in meinem Schrank hängt.
Die Rolltreppe im Kaufhaus treibt uns näher zueinander, unentwegt lächelt er mich schüchtern an. Ich mag seine unaufdringliche, zurückhaltende Art.
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