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Sogitta
Lea Dienhart

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Impressum:
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2009.
Cover erstellt mit Bildern von © alien cat + © innovari, fotolia – alle Fotolia lizenziert
Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM
ISBN: 978-3-940367-72-3 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-295-1 - E-Book
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Inhalt
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1. Kapitel
Hallo erst einmal! Ich will euch heute die allzu spannende Geschichte von kleinen Helden, mächtig großen Drachen, Freude, Mut und Trauer erzählen ...
Alles begann an dem Tag, an dem die junge Zwergin Lilla das erste Mal in ihrem Leben von der Mutter in den Einkaufsladen geschickt wurde. Der Laden war nicht voll. Überhaupt nicht. Lilla hatte keine Angst. Sie traf den Bäcker, der Glondon hieß, und die Magd mit dem Namen Dorna. Lilla grüßte sie freundlich und ging weiter, um gehackte Schlangenschwänze fürs Abendbrot zu besorgen. Dann aber sah sie denjenigen, der ihr einen gehörigen Schrecken einjagte … den Schmied von Sogitta!
Sie war ihm noch nie zuvor begegnet. Und das war verständlich, denn für gewöhnlich trat dieser keinen unnötigen Schritt aus dem Haus. Der Schmied von Sogitta war in der gesamten Zwergenwelt bekannt, als der einzige Zwerg, der magische Schwerter und Amulette herstellen konnte. Schon seit knapp 50 Jahren, seit sich herausgestellt hatte, welche Kräfte seine Werke hatten, musste sich der Schmied in Acht nehmen. Es hatte vor vierzig Jahren einen Angriff der Drachenwelt auf Sogitta gegeben, bei dem sich jedoch alle hatten retten können. Und aus gerade diesem Grund, aus der Angst, dass die Drachen erneut versuchen würden, die geheime Bauweise der Schwerter in ihren Besitz zu bringen, war es nicht nur eine Besonderheit, sondern viel mehr eine ungeheuerliche Gefahr, die davon ausging, den Schmied in öffentlichen Gebäuden zu erblicken. Lilla wurde schwindelig, sie sank zu Boden.
Als sie wieder erwachte, lag sie in einem dunklen Raum mit rosa geblümten Vorhängen. Was war passiert? Wo war sie? In diesem Augenblick kam ein großer Doktorzwerg hinein. Aha! Sie war also in einem Krankenhaus!
„Na, die kleine Lilla. Wie schön, dass du wieder wach bist!“
„Was war mit mir?“
„Du warst eine Zeit lang bewusstlos, mein Zwegli!“
Stimmt! Lilla konnte sich wieder erinnern. Sie hatte den Schmied aus Sogitta gesehen! Hatte er Lilla eigentlich auch gesehen? Ihr wurde wieder übel. Obwohl – war es denn so schlimm, dem berühmtesten Mann Sogittas zu begegnen?
Der Doktorzwerg unterbrach Lillas Grübelei. „Kannst du dich an irgendetwas erinnern?“
„Ja! Ich habe den Schmied gesehen. Den Schmied aus Sogitta!“ Lilla stockte. Sollte sie das überhaupt erzählen?
Da seufzte der Doktor. Einmal nur. Aber was das für ein Seufzen! Er seufzte so laut und erbärmlich, dass Lilla fast mit geseufzt hätte, ohne überhaupt zu wissen, worum es ging.
„Ja, ja“, seufzte der Mann wieder, „irgendwann müsst ihr es ja erfahren!“
Und dann begann er zu erzählen. Ganze drei Stunden erzählte und erklärte er, ohne eine einzige Pause zu machen. Und was er zu sagen hatte, war schrecklich …
„Das ist alles, was ich über den Schmied weiß“, endete er. „Momentan ist er auf der Flucht, unterwegs zu einem Versteck bei den Bambusbäumen. Sag es ja niemandem weiter. Jeder könnte sich als Feind erweisen. Jeder! Sei bloß vorsichtig, kleine Lilla!“
Am darauffolgenden Abend wurde Lilla von ihren Eltern aus dem Krankenhaus abgeholt. Ausführlich berichtete sie von dem Einkauf und darüber, was der Doktorzwerg ihr erzählt hatte. Zum gemeinsamen Abendbrot gab es Lillas Lieblingsessen: gehackte Schlangenschwänze mit Schneckenschleimüberzug.
Am nächsten Morgen ging Lilla wieder in den Kindergarten, am übernächsten und überübernächsten auch. Sie hatte den Schmied und die Geschichte des Arztes fast schon vergessen. Aber eben nur fast!
Lilla aß gerade zusammen mit ihrem Kindergartenfreund Rofon und Mutter Agiza Bohnensamen. Rofon hatte die Geschichte auch schon erfahren, im Kindergarten hatte die Erzieherin sie erzählt. Auch die Schulen, Universitäten, ja sogar die Zeitungen wussten Bescheid! Jeden Tag konnte man in den Neuesten Nachrichten Sogittas lesen, dass der große Schmied von Sogitta bedroht wurde und auf der Suche nach einem Versteck war. Niemand – bis auf den Doktor und Lilla – wusste aber, dass der Ort bereits feststand! Weit weg, bei den Bambusbäumen.
„Gibt es noch mehr Zitronensaft?“, fragte der kleine Rofon.
„Nein, tut mir leid. Ich kann dir nur noch Wasser anbieten“, antwortete Agiza, „aber ihr könnt schnell rüber zum alten Jusche laufen. Der hat gutes Obst und Gemüse.“
Die Freunde brauchten nicht lange zu überlegen. Sie machten sich auf den Weg, sobald sie fertig gegessen hatten. Lilla zog sich zwei Paar Socken übereinander an und Rofon band sich zwei Schals um. So kalt war es! Doch für zwei so junge Zwerge war es etwas ganz Besonderes, alleine hinaus auf die Straße zu gehen. Darum kamen sie nicht einmal auf die Idee, Agizas Vorschlag abzulehnen.
Der Weg zum alten Jusche war nicht lang: über eine Kreuzung und anschließend links. Lilla war schon oft dort gewesen, zusammen mit Papa oder Mama.
Als sie im Laden ankamen, traf Rofon seinen besten Freund, der zusammen mit seiner Mutter gekommen war. Rofon und Krolle unterhielten sich ein wenig, während Lilla schon die Zitronen nach Dellen absuchte, wie es die Mama immer tat. Danach ging sie zu zum alten Jusche und war sehr stolz, alleine vor diesem großen Zwergenmann zu stehen. Jusche wog die Zitronen ab und ließ sich das Geld geben, das Agiza Lilla mitgegeben hatte. Am Schluss bat er sie noch, ganz liebe Grüße an ihre Eltern auszurichten.
Als Lilla wieder vor den Laden trat, unterhielt Rofon sich immer noch mit Krolle. Also wartete Lilla.
Drei Minuten ... fünf Minuten ...
„Roofoon! Ich will nach Hause! Kannst du nicht ein anderes Mal mit Krolle reden?“
Verdutzt blickte Rofon sie an. Lilla hatte ihn noch nie angeschrien. „Geh doch alleine! Ich komme nach. Ich will jetzt nicht weg. Geh vor!“
Lilla schaute Rofon wütend an. Dann fing sie an zu weinen. „Ich geh jetzt auch, aber das erzähl ich Mama!“, schrie sie schließlich und lief weg. Fußgänger schauten ihr nachdenklich nach. „Guckt gefälligst woanders hin! Sonst erzähl ich’s Papa!“
Zuhause angekommen konnte Mama sie zuerst gar nicht trösten. Auch Vater Mazzo hatte gewisse Schwierigkeiten. Kleine Zwerge weinen sehr selten, aber wenn sie es tun, hören sie so schnell nicht mehr auf. Das liegt nicht etwa daran, dass kleine Zwerge Jammerlappen sind. Nein. Eher im Gegenteil: Die vielen Tränen eines Zwerges müssen einfach mal raus. Daher kann es mitunter sogar passieren, dass ein Zwerg mitten im schönsten Augenblick anfängt zu weinen. Allerdings kommt das wirklich äußerst selten vor.
Rofon kam tatsächlich nach. Aber erst sehr spät! Lilla lag bereits im Bett, aber sie konnte nicht schlafen. Die Gardinen warfen gespenstische Schatten an die Wände und die Fensterrahmen klapperten. Lilla hörte, wie ihre Eltern sich nebenan unterhielten – das beruhigte sie. Den ganzen Tag hatte sie heute an den Schmied von Sogitta denken müssen. Obwohl sie ihn doch gar nicht gesehen hatte. Nebenan knallte eine Tür. Lilla schlotterte. Sie hatte Angst. Plötzlich schien der Boden zu wackeln. Lilla wollte schreien, aber sie konnte es nicht – aus ihrer Kehle kam kein einziger Ton.
Der Boden wackelte wirklich! Lilla krallte sich an ihrem Bett fest. „Maa…maa“, krähte sie. Aber es war so leise, dass sogar ein Regenwurm lauter hätte rufen können. Regenwürmer waren für Zwerge wie riesige Schlangen, aber sie galten als sehr ruhige Tiere.
Mittlerweile schienen auch andere das Beben bemerkt zu haben. Aus der Nachbarwohnung hörte man einen gellenden Schrei. Lillas Blut gefror in den Adern.
Plötzlich sprang sie auf. Sie rannte ans Fenster, zog die Gardinen zur Seite und schaute hinaus. Was sie dort sah, brachte sie endlich zum Schreien. Ganz laut! Gegenüber brach die kleine Holzhütte in sich zusammen! Zwerge da und dort rannten wie wild draußen herum! Ein riesiges Ungeheuer packte gerade einen Zwerg, der mindestens sechsundsechzig Mal kleiner war als das Ungeheuer selbst, am Pulli und schleuderte ihn durch die kalte Abendluft.
Genau in diesem Augenblick öffnete Lilla die Tür ihres Zimmers und rannte zusammen mit ihrer kreischenden Mutter aus dem Haus. Und dann sah sie auch schon, was ihre Mutter fuchsteufelswild und aggressiv gemacht hatte: Der Zwerg im Maul des Ungeheuers war niemand anderer als ihr Vater!
Agiza versuchte ihre Tochter festzuhalten, doch Lilla riss sich los. „Neiiiiiiiiiiiiiin!“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter. „Lillaaa! Hiilfe! Zu Hiilfe! Meine Tochter!“
Ihre Mutter tat Lilla leid. Und einen Moment dachte sie daran zurückzukehren, zurück zu ihrer vor Angst erstarrten, schreienden Mutter. Doch die Angst um ihren Vater war größer. Auch wenn sie genau wusste, dass sie gegen ein so großes Ungeheuer nicht mal den Hauch einer Chance hatte, tat es gut, wütend zu sein! Lilla nahm sich einen riesigen Stock. Sie taumelte, so schwer war er. Mit ihrer ganzen Kraft begann sie auf den Rücken des Ungeheuers zu klettern. Da hörte das Zwergenmädchen plötzlich ein lautes Gebrüll, das von hinten kam: „Aaaaaaaaaaaaah!“
Mit einem riesigen Satz krallte sich Agiza am Schwanz des wild gewordenen Ungeheuers fest. Jetzt griffen auch andere an! Sie zogen an seinen Ohren und drohten ihm mit winzigen Messern, die für das Ungeheuer keine Gefahr darstellten. Die Lage schien aussichtslos zu sein.
Zwanzig Meter weiter kämpfte eine andere Gruppe mit einem anderen Angreifer. Vom Kopf des Scheusals konnte Lilla endlich sehen, um wen es sich bei den Angreifern handelte. Es waren … Drachen!
Neben sich sah sie Rofon. Auch er schlug verzweifelt auf den Drachen ein. Er steckte dem Viech seinen Stock in das Ohr. Der Drache brüllte! Ein lautes, dunkles Brüllen. Er schüttelte sich. Doll! Verflixt doll! In alle Richtungen flogen Zwerge von dem Drachen ab, wie Matsch von einem Schwein.
Auch Lilla und Rofon flogen in einem hohen Bogen zu Boden. Es war grausam! Die Einwohner Sogittas schrien um die Wette! Und überall sah man die Schrotthaufen der eingestürzten Häuser. Eine riesige Rauchwolke hüllte ganz Sogitta ein. Drei riesige grellgelbe und grüne Drachen flogen in den Himmel. Drei Drachen und ein ohrenbetäubender Schrei, die nur Furcht in Sogitta zurückließen, erfüllten die Luft. Der Schrei kam von Lillas Vater!
Plötzlich war alles wieder so unglaublich still. Es war unheimlich. In der hintersten Ecke schluchzte Agiza. Aber auch andere Zwerge weinten. Die Drachen hatten noch mehr von ihnen entführt und das Dorf war nur noch ein riesiger Trümmerhaufen.
Auch das Haus von Lilla und ihren Eltern war dem Angriff der Drachen zum Opfer gefallen.
Alle Einwohner Sogittas befanden sich auf den Straßen. Das Gefühl von Hass erfüllte die Bürger. Vor allem diejenigen, von denen ein Verwandter oder Freund entführt worden war, schienen ihren Lebenssinn verloren zu haben.
Und zu denen gehörten auch die kleine Lilla und ihre Mutter.
*
2. Kapitel
Es dauerte nicht lange, da hatte das ganze Dorf beschlossen zu fliehen, denn die Drachen würden garantiert ein weiteres Mal angreifen. Jetzt war der Moment also gekommen! Die Drachenwelt versuchte, das Versteck des Schmieds aus den Einwohnern herauszuquetschen, denn auf ihn hatten sie es ja abgesehen, und Sogitta würde von nun an ein Dorf voller Angst und Furcht sein.
„Mama, wann kommt Papa wieder?“, schluchzte Lilla. Doch sie wusste, dass Agiza die Antwort auf ihre Frage ebenso wenig wusste wie das Mädchen selbst.
„Ach meine Lilla, ich weiß es nicht. Du musst tapfer sein, hörst du? Du musst schrecklich tapfer sein.“
Erst jetzt sah Lilla die tiefe Wunde in Agizas Bein, die ihr der Drache wohl mit dem Schwanz verpasst hatte. Agizas schmerzverzerrtes Gesicht versuchte ein klägliches Lächeln. Sie nahm die Hand ihrer Tochter, während sie das Salz ihrer Tränen schmeckte.
Lilla begriff. Sie begriff, dass ihre Mutter nicht mit den anderen zusammen fliehen würde. Sie begriff, dass es ihr dafür an Kraft fehlen würde.
„Lilla. Du musst tapfer sein. Du musst fliehen. Ich werde hier bleiben, Lilla. Sei tapfer!“
Da fiel Lilla ihrer Mutter in die Arme. Sie war sich sicher, dass Agiza es schaffen würde. Denn sie war diejenige, die tapfer sein musste! Und das würde sie auch sein. Irgendwann einmal, irgendwann würden sie alle drei wieder in Sogitta zusammensitzen. Alle drei! Lilla, Mama und Papa.
„Auf Wiedersehen, Mama! Sei tapfer, ich werde es auch sein!“
Agiza lächelte. „Was für eine tolle Tochter ich doch habe“, dachte sie und drückte Lilla einen fetten Schmatzer auf die Wange.
Schon bald begannen die Vorbereitungen für die Flucht. Die letzten noch übrig gebliebenen Lebensmittel wurden zusammengerafft und das letzte Wasser aus dem Brunnen geholt. Lilla bestand darauf, ihren Teddy in dem Schrotthaufen zu suchen, auch wenn jedes überflüssige Gewicht Fürchterliches verursachen könnte.
Der Weg ins Nachbardorf Fulmen war weit, es war heiß und die Vorräte waren knapp. Zwei Mäuse gab es in Sogitta an Haustieren, mehr nicht. Die Kinder wurden mithilfe der Erwachsenen auf die Rücken der Tiere gehoben. Sie durften zuerst reiten. Sechzehn Kinder drängelten sich allein auf einer Maus, auf der anderen waren es immerhin fünfzehn. Die Kinder, die noch übrig geblieben waren, mussten sich auf die Rücken der starken Männer setzen.
Lilla dachte an ihren Vater. Hoffentlich lebte er noch! In ihr stiegen wieder die Tränen hoch. Da! Der Startruf der kräftigen Männer ertönte und Lilla krallte sich mit beiden Händen im Fell der Maus fest, während sie verzweifelt versuchte, zu ihrer Mutter zurückzuschauen. Doch sie schaffte es nicht! Hinter ihr saßen noch elf andere Zwergenkinder, die ihr die Sicht versperrten.
Daher rief sie so laut sie konnte: „AUF WIIEDERSEEEHEN!“
Sie hörte die Antwort ihrer Mutter und merkte an ihren Rufen, wie schnell sie sich aus ihrer Heimat entfernten. Es tat Lilla in der Seele weh, ihre Mutter so alleine zurücklassen zu müssen, doch sie erinnerte sich daran, was Agiza ihr zum Abschied gesagt hatte: „Du musst tapfer sein, hörst du? Du musst schrecklich tapfer sein.“ Lilla biss die Zähne zusammen. Eine große Zwergenträne kullerte ihr die Wange herunter. „Auf Wiedersehen Mama“, flüsterte sie ein letztes Mal, „ich weiß, dass du es schaffen wirst!“ In Gedanken hörte sie ihre Mutter antworten: „Du hast recht! Ich weiß, dass ich es schaffen werde!“ Da schloss das Mädchen seine Augen und sank in einen tiefen Traum ...
Als Lilla wieder erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Wie lange sie wohl geschlafen hatte? Erst jetzt bemerkte sie, dass außer ihr alle schliefen. Sie fragte sich, ob es nicht gefährlich sei, einfach so ungeschützt auf dem Langen Weg zu rasten. Sie blickte hinter sich. Da saß Rofon. Auch er schlummerte tief und fest. Wie lange sie wohl schon so da lagen?
Weiter hinten sah sie, dass auch einer der kräftigen Männer wach war. Lilla kletterte vorsichtig am Fell der Maus herunter und ging leise zu ihm.
„Entschuldige ...“
„Aaah! Musstest du mich so erschrecken, Kleine? Geh brav schlafen wie die anderen!“
„Ich kann nicht schlafen!“
„Pssst! Leise! ... Ich darf nicht schlafen. Ich bin zwergenmüde! Aber ich muss Drachenwache halten.“
„Lass mich wachen, du kannst schlafen!“
„Pssssst! Ich weiß nicht. Du bist ein Kind. Ich bin ein kräftiger Mann.“
„Ruh dich aus, dann kannst du auch Kinder tragen, wenn wir weitergehen! Wann gehen wir eigentlich weiter?“
„Die anderen haben gesagt, ich soll sie wecken, wenn die Sonne schon fast untergegangen ist. Pass auf! Halte du Wache! Wenn die Abenddämmerung beginnt, musst du mich wecken! Aber pass wirklich gut auf, sonst könnte es das Ende für uns alle sein!“
„Okay. Gute Nacht!“ Lilla war beeindruckt, dass ein so kräftiger Mann ihr vertraute. Sie setzte sich auf den Boden und betrachtete den Himmel. Irgendwie war es schön, die Verantwortung für ein ganzes Dorf zu tragen, aber irgendwie war es auch unheimlich. Lilla hatte immer gedacht, es gäbe keine Drachen. Früher hatte Papa ihr des Öfteren Geschichten über diese großen Ungeheuer erzählt. Lilla schluckte, als sie an Mazzo dachte. Sie hatte bislang geglaubt, er habe nur Spaß gemacht – jetzt aber wusste sie, dass sie sich wohl geirrt hatte.
Der Himmel war klar. Keine Wolke war zu sehen. Lilla schaute sich um. Hinter sich sah sie das Ende des Waldes, der zu Sogitta gehörte. Sie schauderte. Ein kalter Luftzug strich über ihre Beine. Einen kalten Luftzug an einem heißen Tag zu spüren, wenn man auf der Flucht ist und alle um einen herum schlafen, ist gruseliger als es sich anhört. Vor allen Dingen wenn ...
„Aaah!“ Lilla zuckte zusammen. Etwas hatte sie am Arm berührt! „Mensch Rofon! Du hast mich total erschreckt! Warum schläfst du nicht?“
„Du schläfst ja auch nicht!“
„Ich halte Drachenwache.“
„Darf ich nicht mit dir zusammen wachen?“
Lilla seufzte. Sie fühlte sich außerordentlich erwachsen. Ohne Eltern, weit entfernt von Sogitta ein fliehendes Dorf vor Drachen zu beschützen – das machte man schließlich nicht alle Tage. „Setz dich“, sagte sie so erwachsen, wie es der Papa immer tat, wenn ein Kollege kam.
„Es tut mir furchtbar leid für dich … die Sache mit Mazzo. Ich kann mir denken, wie du dich fühlst.“
„Nein!“
„Wie nein?“
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich fühle!“ Lilla wendete sich von Rofons Blick ab und schaute in den Himmel. „Keiner kann das!“
Da seufzte Rofon. „Du hast recht. Keiner kann das.“
Lilla merkte, dass Rofon weinte. Ihr war klar, dass es auch für ihn sehr schwer gewesen sein musste, sich von seiner Heimat zu trennen. Lilla bereute es, so grob mit ihm umgegangen zu sein. „Tut mir leid“, sagte sie und legte ihm den Arm um die Schultern, „ehrlich.“ Rofon blickte auf und hatte ein ganz verweintes Gesicht.
Ein trauriger Anblick war das! Überall schlafende, eng zusammen gepferchte Zwerge auf Mäusen oder auf dem heißen, sandigen Boden – und mittendrin zwei kleine weinende Zwergenkinder, die sich gegenseitig Mut machten. Was war das für ein trauriger Anblick!
Die Stunden vergingen kriechend langsam! Aber kein Drache ließ sich blicken. Das war Lilla auch ganz recht so. Neben ihr war Rofon erneut eingeschlafen, er hatte sich zusammengerollt wie eine Katze, nur war er viel kleiner.
Lilla dachte an ihre Mutter. Lilla dachte an ihren Vater. Lilla weinte, immer mehr! Sie nahm sich fest vor, die Drachen alle zu bekämpfen, sobald sie kamen! Sie wollte nicht mehr fliehen. Fliehen! Aus der eigenen Heimat! Nein. Doch nicht sie! Sie würde kämpfen, bis es nicht mehr ging, kämpfen, bis es keine Drachen mehr gab! Alles wollte sie tun! Alles – nur nicht fliehen!
Lilla wischte sich die Tränen mit einem Rockzipfel aus dem Gesicht. Sie musste sich beruhigen. Es war anstrengend sich aufzuregen, und sie durfte keine Kraft vergeuden. Denn Kraft brauchte ein Zwergenkind auf jeden Fall, wenn es sich ohne Eltern auf den Weg zu einem neuen Zuhause machte. Eine Menge Kraft! Kraft und Mut.
Langsam wurde es dunkler auf dem Langen Weg. Die Sonne musste zu Bett gehen. Während Lilla das dachte, lächelte sie ein bisschen. Es war albern sich vorzustellen, wie der Mond der Sonne befiehlt, sich schlafen zu legen. Aber es tat gut.
Lilla weckte Rofon. „Rofon! Aufwachen! Wir müssen weiter!“ Sie lief zu dem eigentlichen Drachenwächter und weckte auch ihn auf. Lilla fiel jetzt erst ein, dass es von den Bürgern doch eine schlechte Idee gewesen war, nachts zu laufen. Dann war es doch ganz dunkel! Aber immerhin war es der Entschluss vieler Zwerge, die sich bestimmt etwas dabei gedacht hatten.
Es dauerte nicht lange, bis der Kräftige alle aufgeweckt hatte. Er half Lilla, Rofon und den anderen Zwergenkindern auf die Maus, dann ging es auch schon weiter.
Lilla war sehr müde, genau wie während der ersten Etappe, aber dieses Mal schlief sie nicht. Sie fühlte sich wesentlich besser als am Tag zuvor. Schön kühl war es, anders als tagsüber. Das spürte man schon deutlich, obwohl die Sonne ja noch gar nicht ganz untergegangen war. Lilla drehte sich um. Das lächelnde Gesicht von Rofon gab ihr neue Hoffnung. Genauso hatte er gelächelt, als sie sich das erste Mal gesehen hatten. Da waren beide noch kleine Zwergenbabys gewesen. Wie groß sie jetzt schon waren! Lilla war beeindruckt. Damals hätte sie niemals gegen einen Drachen gekämpft. Damals hatte sie mit ihrem Teddy gekämpft und Rofon hatte zugeguckt. „Toll max tu tas!“, hatte er immer gesagt und gelacht. Und sie hatte immer geantwortet: „I kämpema gege di großte Drakse von der Welt!“ Sie waren immer schon sehr gute Freunde gewesen. Und jetzt kämpften sie nicht mehr nur gegen Teddys, jetzt kämpften sie tatsächlich gegen die Angreifer von Sogitta! Gegen echte, große, starke Drachen!
Lilla aber vermisste die unbeschwerte Zeit sehr, in der sie sich um nichts hatte kümmern müssen. Sie dachte daran, dass sie und Rofon dieses Jahr noch eingeschult werden sollten. Und jetzt? Würden sie im Nachbardorf die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen? Lilla kam sich wirklich schon etwas zu groß für den Kindergarten. Obwohl man üblicherweise, und so auch in Sogitta, in Zwergendörfern das letzte Jahr Kindergarten zum Lesen und Schreiben lernen nutzte. Wieder musste sie an Rofon denken und es fiel ihr schwer, den Blick von ihm abzuwenden. Aber dennoch tat sie es.
Man sah immer noch die letzten Strahlen der Sonne. Lilla wollte nicht schlafen. Sie dachte daran, wie sie zu Hause immer gebettelt hatte, länger aufbleiben zu dürfen. Sie spürte die Schweißperlen der Maus in ihren zitternden Händen. Sie spürte die Steine, die sich durch die Pfoten des Tieres bohrten. Wie schwer es für diese kleinen Wesen sein musste, von einem Tag auf den anderen ein Reittier zu werden! Eigentlich mochte Lilla Mäuse nicht besonders. Doch an diesem Abend hatte sie Mitleid mit den Tieren.
Vor sich sah sie das Licht der Fackeln, welche die kräftigen Männer in ihren Händen trugen. Rechts und links konnte man schemenhaft die Umrisse der Blassen Steppe erkennen. Der Steppe, die Sogitta vom Nachbardorf Fulmen trennte.
Irgendwann meinte Lilla, Rufe gehört zu haben. Ihr fielen fast die Augen zu, nur mit großer Mühe konnte sie es verhindern. Plötzlich fiel ihr auf, dass sich etwas verändert hatte ... doch sie wusste nicht, was. Hinter ihr saß Rofon und zählte die Steine, über die die Maus lief. Und jetzt auf einmal wusste Lilla, was hier falsch war!
„HAAAALT!“, schrie sie aus voller Kehle, „AAANHAAALTEEN!“
Es war die Maus! Natürlich!
Die Rufe! Lilla hatte sich nichts eingebildet. Es war eindeutig! Die Maus, die hätte hinter ihnen sein sollen, war nicht hinter ihnen! Es war kein Getrampel war mehr zu hören!
„STOOPP! SO HALTET DOCH AAN!“
Als keine Reaktion kam, sprang Lilla ab. Ja! Sie sprang von einer laufenden Maus ab! Was wohl Agiza gesagt hätte, wenn sie das gesehen hätte! So schnell ihre kleinen Zwergenbeine sie trugen, lief sie nach vorne zu den kräftigen Männern. „So wartet doch!“, schrie sie. „Wir haben die Maus verloren! Die zweite Maus ist nicht mehr hinter uns!“
Endlich blieben die Männer stehen. „Was sagst du da? Die Maus folgt uns nicht mehr?“
Lilla blickte in ein Gesicht, das sie ernst musterte. Es war der Drachenwächter, der sie angesprochen hatte. „Jawohl!“
„Männer!“, schrie der Zwergerich. „Wir kehren um! Los!“
„Bist du noch gesund, Florlep?“, rief ein kräftiger Mann weiter vorne. Und ein anderer: „Warum sollten wir umkehren, Florlep?“
„Eine Maus folgt uns nicht mehr, Sir! Alle Zwerge umdrehen!“
Ja, und was nun passierte, kann man sich ja denken. Alle Bürger machten auf der Stelle kehrt, um die vermisste Maus zu finden. Sie mussten nicht lange laufen – schon bald sahen sie sie. Die Maus lag mitten auf dem Weg, ihre vier Pfoten von sich gestreckt. In diesem Moment sagte niemand mehr etwas. Selbst die Kräftigen wagten es nicht, die Stille zu durchbrechen. Um die bewegungslose Maus herum saßen, lagen und standen Zwergenkinder.
„Sie ist tot!“, rief eines verzweifelt. „Sie ist einfach zusammengebrochen! Ich hab schon vorher gemerkt, dass sie nicht mehr laufen kann, aber ich dachte, das ist normal. Und jetzt ist sie tot! Ich bin schuld!“
Florlep setzte sich neben das kleine Zwergenkind. „Dieses Unglück konntest du nicht vorhersehen“, versuchte er es zu beruhigen. „Du kannst nichts dafür. Vielleicht ist sie ja auch gar nicht tot, sondern nur sehr erschöpft.“ Doch er irrte sich – leider.
Mit ernster Miene trugen die Männer die Maus an den Wegesrand.
„Lasst uns schnell weitergehen! Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagte einer.
Jetzt hatten sie also für den Rest des weiten Weges nur noch eine einzige Maus. Der kräftigste aller Zwerge bestand jedoch darauf, diese Maus erst einmal nicht zu reiten. Alle waren einverstanden, sie wollten nicht noch die letzte Maus verlieren. Der alte Jusche vom ehemaligen Obst- und Gemüsehandel weinte ein paar bittere Tränen. Die tote Maus war seine Hausmaus gewesen.
Von dem Moment an wurde der Marsch um vieles schwerer. Die kleinen Zwergenkinder klagten teils über verstauchte Füße oder Müdigkeit. Sie kamen viel langsamer vorwärts. Eine Stunde war es nun her, dass Lilla ihre Drachenwache beendet hatte. Die Nacht war mittlerweile stockfinster geworden, denn der Mond, der eigentlich die Pflicht gehabt hätte zu leuchten, hatte sich hinter einer großen Wolkenwand verborgen. Die Einwohner Sogittas setzten ihren Weg in dieser Nacht mit nicht mehr Licht als allein dem einer schwachen Fackel fort. Lilla malte sich aus, wie es wohl enden würde, wenn die Fackel erlosch. Nein! Sie wollte es sich lieber nicht vorstellen. Lieber nicht! Sie wollte lieber an das Nachbardorf denken. Dort würden sie nach einem Unterschlupf fragen und hoffentlich würde es für sie die Möglichkeit geben, sich bei Rofon und seinen Eltern mit einzuquartieren. Das Mädchen wollte auf keinen Fall in ein Heim. Sie hatte Angst, dass man sie gegen ihren Willen in eines stecken würde.
Nach einer Zeit, die Lilla schrecklich lang vorkam, durften einige Kinder wieder auf der Maus reiten. Der andere Teil kam beim nächsten Wechsel an die Reihe. Lilla musste auf den Mäuserücken verzichten, während Rofon den Platz vor allen anderen am Mäusekopf einnahm. Lilla ging neben den kräftigen Männern und den anderen Kindern her. Ihr Magen knurrte! Aber sie wollte nicht fragen, wann es etwas zu essen geben würde, sie wollte erwachsen, groß und stark sein! Nicht quengelig!
Es fiel Lilla schwer, so erwachsen zu sein, doch noch schwerer fiel es ihr daran zu denken, dass sie ganz alleine war. Die Mutter zurückgelassen in Sogitta und der Vater entführt von Drachen. Wie sehr sie sich jetzt nach ihrem Zuhause sehnte! Sie würde vielleicht sogar freiwillig spülen!
Die Nacht kroch elendig langsam vorbei. Lillas Füße brannten, und auch die anderen, Kinder wie Erwachsene, quälten sich mit jedem Schritt, den sie zurücklegen mussten. Zum Glück war die Zeit des Mauswechsels bald gekommen. Aber Rofon würde sich dann den gleichen Qualen aussetzten müssen, welche Lilla endlich hinter sich gebracht hätte.
Neben ihr lief Tolla, die Tochter des Bürgermeisters. Sie war ein Jahr älter als Lilla. Tolla war auch schon sehr erwachsen. Nicht nur, weil sie schon seit einem Jahr in die Schule ging, nein, auch weil sie mit den kräftigen Männern mitgegangen war. Den ganzen Weg! Sie war noch nicht geritten! Aber Lilla konnte sie dennoch nicht leiden. Sie wollte bloß vor den Kleineren angeben!
„Na, Kleine“, sagte sie plötzlich zu Lilla.
Diese erwiderte nichts darauf. Mazzo hatte ihr immer gesagt: „Wenn jemand etwas Falsches sagt, ohne zu wissen, dass es falsch ist, musst du diskutieren. Wenn jemand dagegen absichtlich falsche Behauptungen macht, so ignoriere ihn!“ Lilla hatte keine Lust sich mit Tolla zu unterhalten. Hinter sich hörte sie, wie Tolla fragte, ob sie denn froh sei, endlich wieder reiten zu dürfen. Lilla ärgerte sich! Trotzdem nahm sie sich vor, nicht mehr auf Tolla zu achten.
Das war leicht, denn in dem Moment kündigte der Kräftigste einen Wechsel an. Lilla fiel ein Stein vom Herzen. Endlich durfte sie sich ausruhen! Schnell lief sie zu der Maus, um noch einen guten Platz auf ihrem Rücken zu ergattern. Doch sie war die Letzte, die aufsteigen durfte! Der Mäusehintern war wirklich der unbequemste Platz auf einer Maus. Kaum saß Lilla, ging die Maus schon weiter. Lilla fragte sich, ob sie eher verhungern oder von der Maus herunterfallen würde.
Zuerst einmal aber schlief sie ein. Und fiel in einen ganz tiefen Schlaf. Sie träumte, dass hinter ihrem Rücken plötzlich Wegmonster auftauchten und sie wütend zerkratzten, verprügelten und schließlich fraßen!
Lilla schaukelte wild auf dem Hintern der Maus hin und her. Sie schwitzte im Schlaf. Im Magen des Monsters schrie Lilla wie wild herum, sie kratzte, biss und schlug verzweifelt um sich.
Plötzlich spürte sie einen Ruck! Es war, als würde sie fliegen. Doch schon landete sie wieder. Auf dem Boden! Lilla schlug die Augen auf. Ja! Sie lag wirklich auf dem Boden! Vor sich sah sie die Maus laufen und hinter sich spürte sie gähnende, unheimliche Leere! Ihre Kleider waren verschwitzt.
Plötzlich meinte sie, etwas zu hören. Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Mit angsterfülltem Blick sah sie verzweifelt zu, wie die Maus sich immer weiter entfernte! Hinter ihr schienen die Monster immer näher zu kommen! Näher und näher und NÄHER!
„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAh!“
Lillas Schrei verdampfte wie Nebel im Nachthimmel. Sie zitterte an allen Gliedern, sie atmete ruckartig wie eine Dampfmaschine und ihr Herz veranstaltete einen Sprintwettbewerb! Aber nicht nur ihr Herz. Auf einmal konnte sich Lilla wieder bewegen. Sie rannte schneller als jemals zuvor! Sie schrie lauter als jemals zuvor und jagte den Langen Weg entlang. Es war schrecklich! Die rabenschwarze Nacht nahm ihr den Atem. Sie war der einzig leuchtende Fleck in der Dunkelheit. Sie rannte und rannte und rannte! Immer und immer schneller! Bis sie schließlich nach einer Wegbiegung die Maus wieder erblickte. Doch noch war diese sehr weit entfernt. Lilla rannte die letzten Meter in Rekordzeit, wobei ihr Hals schmerzte. Sie hatte Angst, bei dem nächsten Meter, den sie laufen musste, in sich zusammenzubrechen. Lilla spürte ihre Beine kaum! Fast war sie angekommen. Es waren nur noch ein paar Schritte, ein paar schmerzhafte Schritte, die das Mädchen zurücklegte, bevor sie, so in Fahrt, wie Lilla gerade war, sich mit ganzer Kraft vom Boden abstieß und auf den Mäuserücken sprang. Vor ihr fragte jemand: „Wo warst du?“ Doch Lilla hörte es nicht mehr. Sofort schlief sie erschöpft ein.
Zur gleichen Zeit kämpfte Rofon damit, beim Laufen nicht schlappzumachen. Er hatte von alledem, was mit Lilla geschehen war, nicht das Geringste mitbekommen. Ihn quälten seine schmerzenden Füße und sein riesiger Hunger. Trotz allem war er stolz auf sich, denn er hatte die Führer dazu überreden können, bei Anbruch des Tages eine Essenspause einzulegen. Und diese zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang würde er schon noch durchhalten. Denn zwei Stunden waren nur ein Sekündchen verglichen mit dem, was schon geschehen war und noch kommen würde! Rofon freute sich! Rofon freute sich, weil der Tag nahte.
Dazu muss man wissen, dass ihn ohnehin schon immer eine riesige Angst vor der Dunkelheit plagte. Vor einigen Jahren, als er mit Lilla im Kindergarten übernachten durfte, hatte er sämtliche Kinder und Erzieher nachts geweckt. Alle hatten ihn ausgelacht, bis auf Lilla. Rofons Eltern mussten mitten in der Nacht kommen, um ihren Sohn abzuholen. Er hatte sich damals in Grund und Boden geschämt! So klein hatte er sich gefühlt.
Doch anders als Lilla fühlte er sich auch jetzt verdammt klein! Wie er dort wanderte, zwischen all den kräftigen Männern. Wie er floh vor den größten Ungeheuern der Welt. Mal ganz ehrlich, war er bei der Flucht zu irgendetwas nütze? In diesem Augenblick konnte Rofon ja nicht ahnen, dass ihn alle Bürger Sogittas später einmal mehr als nur nötig haben würden. Rofon tauchte aus seinen Gedanken auf. „Die Sonne!“
Tatsächlich! Im Osten konnte man blasse rötliche Streifen sehen. Es war die Sonne! Rofon vergaß seine müden Beine. Er sprang durch die Gegend und machte auf dem harten Boden Radschläge und Purzelbäume! Es war ein wunderschöner Sonnenaufgang. Die matten roten Strahlen verfärbten sich orange und gelb, und es wurden immer und immer mehr. Der Aufgang der Sonne schien nicht nur für Rofon ein Neuanfang zu sein. Hunderte kleiner Blümchen hier und da öffneten ihre Blüten und blicken gierig in das Licht der Sonnenstrahlen. Über ihren Köpfen sangen zahlreiche Vögel.
„Essenspause!“, rief ein Kräftiger von vorne, was zur Folge hatte, dass Rofon auf ihn zulief und ihn umarmte. Verlegen schaute der Zwergenmann dem Jungen nach. „Komischer Knabe“, murmelte er kopfschüttelnd.
Rofon hingegen war hellauf begeistert. Die Männer hatten schon bald alle Reste der Lebensmittel auf dem Boden ausgebreitet. Rofon lief zu Lilla, um sie zu wecken. Lilla war nicht die Einzige, die auf der Maus geschlafen hatte. Doch alle waren schnell wach zu kriegen, mit der Nachricht, dass es nun Essen geben würde.
Nach dem Essen starteten die Zwerge und Zwerginnen mit neuer Zuversicht in den Tag. Jetzt sollten wieder alle wandern, damit die Maus sich ausruhen konnte.
Lilla unterhielt sich ein bisschen mit Rofon. „Glaubst du, wir kommen noch in dieser Nacht an?“, erkundigte sie sich bei ihrem Kumpel, während die junge Zwergin mit ihren braun-roten Haaren herumspielte.
„Weiß nicht.“ Rofon schaute Lilla nicht an. Sein Blick klebte an seinen zerlaufenen Schuhen. Hier und da hatten sie Löcher, so groß wie Pflaumenkerne.
„Was glaubst du, wann wir ankommen?“
„Weiß nicht. Vielleicht morgen.“ Er beobachtete jeden seiner Schritte, während er Lilla seine nicht unbedingt vielsagende Antwort gab. Als sie in Sogitta aufgebrochen waren, waren die mittlerweile vom Staub der Steppe bedeckten Schuhe noch ganz neu gewesen. Nun fühlte er sich wie ein armer Zwergenjunge ohne Geld, ohne Essen, ohne Besitz.
Lilla merkte, dass Rofon wohl nicht die allergrößte Lust hatte, sich zu unterhalten. Sie sah, wie er zu seinen Eltern ging, die ihm liebevoll über den Kopf wuschelten. Wie gerne wäre auch sie jetzt bei ihren Eltern gewesen. Neben ihr war bloß diese Blasse Wüste soweit das Auge reichte! Nur am Wegesrand standen – aufgereiht, wie von einem Gärtner gepflanzt – gelbe, blaue, grüne, türkise, rote und rosa Blümchen.
Die Sonne brannte den Zwergen auf die Köpfe. Schweißperlen tropften von ihren Gesichtern. Tolla pflückte Blumen, um sich einen Sonnenschutz zu flechten. Eigentlich mochte es Lilla gar nicht, anderen etwas nachzumachen, schon gar nicht, wenn diese so arrogant waren. Doch schließlich lief auch sie zu den Blumen und pflückte sich welche.
Man muss bedenken: Das Dorf Sogitta war zwar nicht groß, aber es hatte doch mindestens hundert Einwohner. Bald hatte fast jeder von ihnen einen Sonnenschutz, nur die kräftigen Männer und ein paar kleine Jungen wollten nicht. Sie meinten, Blumenkränze seien nur etwas für Mädchen.
Lilla dachte: „Sind sie doch selbst schuld, wenn ihnen die Sonne bald ein Loch in den Kopf brennt!“
Es sah sehr witzig aus – wie auf einer großen Hochzeit, bei der ein ganzes Dorf eingeladen war! Die fünf kräftigen Männer gingen mit zwei Jungen ohne Kopfbedeckung ganz vorne. Dahinter folgten die 90 großen und kleinen, dünnen, dicken und kugelrunden Zwerge und Zwerginnen. Jeder mit einem Blumenkranz auf dem Kopf. Der Bürgermeister war so stolz auf seine Tochter, dass er den kräftigen Männern befahl, sie zu tragen. Jetzt sah es noch komischer aus!
So wie es aussah, ging es aber ganz und gar nicht zu auf dem Langen Weg … Die Kräftigen beschimpften den Bürgermeister lauthals, weil er ihnen die zusätzliche Anstrengung aufgebrummt hatte, seine Tochter zu tragen!
Lilla stimmte den Männern zu. Es war wirklich eine Frechheit, den stärksten Zwergen ihre Kraft nicht für den Weg zu gönnen. Irgendwann wurde dem Bürgermeister diese Meckerei dann doch zu viel. Er ließ seine Tochter wieder selbst gehen. Tolla war – wie nicht anders zu erwarten – danach nicht gut auf ihren Vater zu sprechen.
„Armer Bürgermeister“, dachte Lilla. Doch wie sollte das Mädchen denn anders werden, wenn er sie dermaßen verwöhnte. Lilla suchte Rofon zwischen all den Wandernden. Ah! Da war er! Jetzt sprach er mit Krolle. Lilla beschloss kurzerhand, zu den beiden zu gehen.Die Jungen gingen etwas abseits von den anderen, Lilla sah, wie Krolle sich zu ihr umdrehte.
„Hallo Krolle! Na, wie findest du diese Wanderung?“
Krolle war eigentlich ein begeisterter Wandersmann. „Öde“, sagte er. „Die Sonne brennt und mein Sonnenschutz ist kaputt.“
„Mach dir doch einen neuen“, schlug Lilla vor, merkte aber sofort, dass es dumm gewesen war, das zu sagen. Am Wegesrand standen keine Blumen mehr! Sie gingen auf einem Weg, der nur noch von Steppe umgeben war! „Nimm meinen.“ Lilla nahm ihren Kranz vom Kopf und hielt ihn Krolle entgegen.
Dieser zögerte.
„Nun nimm schon!“
Schnell griff Krolle nach dem Kranz und setzte ihn auf. Seine Gesichtsfarbe verwandelte sich rötlich. Dankbar sah er Lilla an und brachte aber nur ein klägliches „Danke“ zustande.
Lilla konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Beschämt wandte Krolle sich ab. Wie peinlich! Lilla ließ die beiden alleine. Sie mochte es nicht, wenn jemand so rot war.
*
3. Kapitel
Bis zum Abend verlief alles ohne weitere Zwischenfälle. Kein Hungersausbruch, keine Verletzten.
Mittlerweile saßen wieder ein paar Kinder auf dem Rücken der Maus. Lilla war leider schon beim letzten Mal an der Reihe gewesen. Wieder durfte Rofon in der Zeit reiten, in der sie laufen musste.
Dieser Tag war trotz der brennenden Sonne ganz in Ordnung gewesen. Es war ein langer Tag, aber nun kam schon wieder der Sonnenuntergang. Lilla dachte an den gestrigen Abend – ungefähr um diese Zeit hatte sie die Drachenwache beendet und den Kräftigen geweckt. Dessen Name Florlep erinnerte sie immer an Ohrläppchen. Sie musste an ihren Vater denken. Sie hatte ihn früher oftmals Matscho genannt, obwohl er doch Mazzo hieß. Hoffentlich lebte er noch! Lilla bekam Herzklopfen vor Angst. Was die Drachen wohl mit ihm vorhatten?
Lilla schaute zurück und suchte den Mäuserücken nach Rofon ab. Er hatte denselben blöden Platz erwischt wie sie gestern. Ganz hinten. Aber Rofon war wach und blickte in den unendlichen Sternenhimmel. Lilla wusste, dass Rofon und sie morgen in die Schule gekommen wären, wenn sie in Sogitta geblieben wären.
Die Schule … Lilla hatte sich diesen Tag so sehr herbeigesehnt, und jetzt sollte er einer der schrecklichsten Tage ihres Lebens werden. Morgens hatte Lilla zwar noch gehofft, sie würden noch am gleichen Abend in Fulmen ankommen, aber mittlerweile nahm sie an, dass es noch ewig dauern konnte. Lilla hatte längst jegliche Lust am Weitergehen verloren. So stark und groß sie sich am Vortag gefühlt hatte, so klein und hilflos kam sich die junge Zwergin im Moment vor.
„Ich werde nicht fliehen, ich werde kämpfen!“, das hatte sie sich doch vor 24 Stunden vorgenommen. „Ich werde nicht fliehen. Nicht ich! Nicht, solange ich Arme und Beine hab und solange mir das Leben meiner Eltern etwas wert ist!“ Wie hatte sie nur so unendlich dumm sein können, ging es Lilla durch den Kopf. „Wie hatte ich denn auch glauben können, heute würde alles wieder gut sein?“ Heute würden sie ankommen und das Leben auf dem Sofa gemeinsam mit drei Tassen Kakao und buntem Streuselkuchen genießen können! Wie hatte sie sich denn bloß so sicher sein können, ihre Eltern würden leben, sie würde sie eines Tages retten können. Sie, Lilla, würde die Drachen besiegen, egal, wie viele es waren.
Heute aber war alles so anders. Lilla fühlte sich trostlos. Aus dem Augenwinkel sah sie Rofon und Krolle. Sie überlegte, ob sie erneut zu den beiden gehen wollte, doch am Ende ließ sie es doch. Dabei war Rofon wirklich der Einzige, der sie hätte aufmuntern können, vielleicht.
„Mauswechsel“, rief plötzlich die dunkle Stimme des Kräftigsten in die Stille hinein. Diese Reitetappe gehörte den Erwachsenen. Rofon bekam von seinen Eltern je einen Kuss auf die Stirn gedrückt, bevor die beiden auf den Mauserücken stiegen. Es gab eine große Drängelei. Alle wollten reiten, aber nur knapp ein Drittel passte auf den Rücken der Maus.
„Die arme Maus!“, sagte Rofon mitleidig. Lilla nickte.
Schließlich befahl der Kräftigste den Erwachsenen, sich in einer Reihe aufzustellen. Sie sollten 1, 2, 3 durchzählen, und wer dabei die 3 erwischte, durfte reiten. Rofons Vater hatte dieses Glück.
„Der hat es gut! Stimmt´s?“ Rofons Mutter lächelte müde und ging neben Lilla und Rofon her. Wie blass sie war! War sie krank? Lilla erschrak. Baba schien Lillas Beunruhigung bemerkt zu haben. „Ich bin ganz ok“, versicherte sie Lilla. „Nur etwas müde.“
Lilla sagte nichts mehr. Ehrlich gesagt dachte sie auch nichts mehr. Sie guckte nur. Sie sah die Blasse Steppe, die Kräftigen, die Maus und ihre Reiter und unglaublich viele laufende Männer, Frauen und Kinder. Das Einzige, was sie nicht sah, war das übliche Lächeln auf den Gesichtern der Dorfbewohner Sogittas. Sie konnte den anderen jedoch nichts vorwerfen. Auch ihr eigenes Gesicht hatte nicht die übliche rosige Farbe und den lachenden Mund. Die lockigen, zerzausten Haare lagen ihr glatt auf den Schultern. Langsam begann Lilla sich zu sorgen, ob Agiza und Mazzo sie wohl wiedererkennen würden. „Och, das werden sie schon!“, beruhigte sie sich murmelnd.
„Was?“
„Ich ... ich habe nur nachgedacht!“ Lilla fühlte sich plötzlich sehr schlecht. Sie wollte nach Hause! Verdammt noch mal! War das denn sooo schwer zu verstehen? Lilla lief los. Vor den kräftigen Zwergen her. Immer den Langen Weg entlang. Sie rannte und rannte und rannte. Immer weiter und immer schneller! Es war schön zu rennen, wenn man es nicht musste! Lilla fühlte sich so frei, wie schon lange nicht mehr. Hinter sich hörte sie die Rufe einiger Männer. Ganz weit hinten waren sie. Lilla konnte erkennen, dass auch Rofon anfing zu rennen. Immer und immer schneller wurde auch er, bis er sie schließlich fast erreicht hatte. Tolla lief ebenfalls los und Krolle, Rambi und Druschel, Langa und Freddel, Limbi, Pinka, Potzer und Kirtosso folgten ihrem Beispiel.
Bald sah man einen Haufen Kinder den Langen Weg entlangrennen. Und es dauerte nicht lange, bis sie auch einige der Erwachsenen angesteckt hatten. Unter denen war Rofons Mutter Baba, der Lebensmittelladenbesitzer Flummbert, Obst- und Gemüsehändler Jusche, Museumswärterin Fitzky und ganz zum Schluss der strenge Herr Lehrer mit seiner Frau, Lillas Erzieherin. Alle rannten sie hinter Lilla her! Rambi, der schnellste Läufer aus der Grundschule Zwergelolli, hatte Lilla schon eingeholt.
Sie gaben ein lustiges Bild ab. Erst recht, als plötzlich auch noch viele der Reiter von der Maus absprangen und ebenfalls losrannten! Die Maus schien diese Erholungspause sehr zu genießen und blieb hinter den Läufern zurück.
Es war ziemlich unverständlich, warum alle plötzlich rannten, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Einfach so. Aber musste es denn wirklich für alles einen Grund geben? Muss man wirklich immer genau wissen, warum man etwas tut, bevor man es tut? Und musste man sich unbedingt etwas Bestimmtes dabei denken?
Die Bürgerinnen und Bürger Sogittas schienen sich einig zu sein, dass das nicht nötig war. Also rannten alle weiter. Einfach so, den Langen Weg entlang.
Bald ereignete sich noch etwas Sonderbares. Etwas, das alle froh machte und das es auf dem Langen Weg so gut wie nie gab. Es begann zu regnen!
Normale Stadtmenschen finden den Regen vielleicht abscheulich. Ja, das kann gut sein. Sie, diese Stadtmenschen, hatten dann aber wohl noch nie die Erfahrung gemacht, auf dem Langen Weg zu marschieren. Obwohl sie es sich ja bloß zu wünschen brauchten. Denn wer nach Sogitta oder in eines der anderen Dörfer und Wälder will, muss sich das nur mehr als alles andere auf der Welt wünschen. Es bedeutet jedoch sehr viel für einen Wunsch im Herzen eines Menschen, der wichtigste zu sein. An diese Macht zu kommen gelingt nicht jedem.
Lilla jedenfalls fühlte sich im tröpfelnden Regen jedenfalls sehr wohl! Ihre Haare wurden allmählich nasser und nasser und hingen bald wie Waschlappen auf ihren Schultern. Das machte nichts. Die Sonne würde ihre Haare trocknen, sobald der Regen vorüber war.
Lilla wurde allmählich langsamer. Der Regen wurde ihr unheimlich! Noch nie hatte jemand von einem harmlosen Regenschauer auf dem Langen Weg berichtet. Es gab höchstens heftige Unwetter. Lilla bibberte. Das musste es sein. Gleich würden sie von einem Unwetter überrascht werden! Lilla wartete, bis alle sie eingeholt hatten.
Rambi und die anderen Schnelleren kamen zurückgelaufen. „Warum rennt ihr nicht weiter?“, fragte Rambi nach. „Wir werden nicht mehr oft einen Regen genießen können!“
„Wir müssen einen Unterschlupf suchen!“, sagte der Bürgermeister ernst.
Lilla begriff, dass auch er schon die Gefahr bemerkt hatte. Sie beschloss sich aus allem herauszuhalten, so wie es sich in einer miserablen Situation für Kinder gehört. Gehorsam folgte sie dem Rat des Bürgermeisters und drängte sich mit den anderen Zwergenkindern eng zusammen.
„Alle, Erwachsene wie Kinder, müssen dicht beieinanderstehen! Die Kräftigsten und Tapfersten ganz innen. Wie bei den Pinguinen.“
Lilla fand es unfair, dass die Schwächeren außen stehen mussten, während die Kräftigsten von allen anderen geschützt wurden. Sie konnte von Glück reden, sie stand noch relativ weit in der Mitte.
Genau in dem Moment, als sich alle Einwohner Sogittas eingekuschelt hatten, begann das riesige Unwetter! Lilla schloss die Augen. Sie wollte nicht sehen, was passierte, sie brauchte es nur zu spüren und bekam schon Herzklopfen. KRACZ! Ein Baum weiter hinten war laut in sich zusammengebrochen! Lilla erinnerte sich daran, wie die Drachen die Nachbarhütte in Sogitta zum Einsturz gebracht hatten. Das war der Anfang ihrer Reise gewesen. Der Wind schoss ihr um die Ohren, Sand klatschte ihr auf das Gesicht. Es begann zu donnern und zu blitzen. Zum Glück gab es in der Nähe einen See, den Blassen See. Er würde das erste Ziel der Blitze sein. Der Himmel verfärbte sich schwarz. Es wurde noch kälter als zuvor. Hoffentlich war alles bald vorbei! Aber an ein baldiges Ende des Unwetters war nicht zu denken. Eher würde das Ende der Bürger kommen, das Ende der alten Zwerge, die zu klapprig waren, sich bei diesem Sturm auf den Beinen zu halten. Das Ende der kleineren Kinder, Lillas Ende. Doch das Unwetter schien nicht im Traum daran zu denken, sich zurückzuziehen. Ständig wehte der Steppensand in ihre Nase. Lilla hielt sich verzweifelt die Augen zu. Die Regengüsse wurden heftiger als zuvor. Es prasselte auf ihren Kopf, Lilla musste sich zusammenreißen, nicht zu schreien. Weiter außen hingegen schrien kleine Zwergenkinder um die Wette. Es waren ohrenbetäubende Schreie, die sich mit dem Lärm des auf den Boden schlagenden Regens vermischte.
Sie durfte nur nicht einschlafen. Bloß nicht! Ihr schwirrten die Worte des Bürgermeisters im Kopfe herum. „Schlaft bloß nicht ein! Ihr werdet sonst erfrieren!“
Lilla schauderte. Sie meinte, das Seufzen der Bäume zu hören, bevor diese in sich zusammenbrachen. Ihre Mutter hätte sie sofort mit einer Wärmflasche und heißem Tee ins Bett gebracht. Ihre Mutter. Lilla stiegen wieder die Tränen hoch, doch sie hielt sie zurück und hoffte, dass es zu Hause in Sogitta, wo Agiza war, kein Unwetter gab. Was sollte ihre arme Mutter denn tun, um sich zu schützen, sie war doch verletzt!
Noch schien das gewaltige Unwetter keine Pause zu benötigen. Lilla musste die Augen öffnen. Nicht nur einfach öffnen, sie musste sie aufreißen.
In diesem Moment kämpfte sie nicht mit Drachen, sondern mit dem Schlaf! Aber dieser Kampf war nicht weniger schlimm als ein Kampf gegen die Drachen, es war nur einer der anderen Sorte. Der Kampf mit dem Sturm, mit dem Gewitter und dem kräftigen Regen war gemein. Immer musste man befürchten, dass jemand aus der Truppe weggeblasen wurde und irgendwo im Himmel oder auf Erden erfror! Lilla wollte sich nicht vorstellen, wie schrecklich es sein musste, ohne den Schutz der anderen zu stehen. Steppensand brannte in ihren Augen. Doch Lilla konnte nichts machen, außer sich nur noch näher an die dicke Dame vor sich zu quetschen. Wie gern würde Lilla jetzt einen heißen Kakao trinken, einen dieser Sorte, der die Zunge verbrannte, weil er so heiß war.
Der Sturm wollte nicht aufhören. Er schien nur immer noch heftiger zu blasen. Die Einwohner Sogittas wurden zunehmend verzweifelter. Mit so einem Unwetter hatte niemand gerechnet, obwohl alle Zwerge schon im Kindergarten lernten, dass der Lange Weg magisch war.
In Sogitta und Fulmen, den beiden Dörfern, die an den Langen Weg grenzten, war das Wetter eigentlich sonst recht normal: Mal regnete es ein bisschen, mal schien die Sonne. Auf diesem Weg war es jedoch entweder so heiß wie in einer Wüste oder stürmisch. Das Wetter spielte dort verrückt. Man erzählte sich manchmal sogar, dass ein Magnet auf dem Weg diejenigen festhielt, die sich dorthin wagten.
Inzwischen waren Stunden verstrichen. Immer noch war keine Spur von der Sonne zu sehen. Nicht im Geringsten. Weder Wind noch Regen machte den Anschein, jemals aufhören zu wollen. Hoffentlich würde das nicht ewig so weitergehen! Lilla war dem Erfrieren nahe, aber sie hielt durch.
Wieder brach ein Baum weiter hinten in sich zusammen. Lilla meinte, sein Wehklagen hören zu können. Sie zählte die Sekunden, die Minuten. Sie zählte die Bäume, welche sie schreien hörte, und die Regentropfen, die wie Geschosse auf sie herunter sausten. Doch sie hatte weniger Angst als zu Beginn. Lilla spürte, dass das Team der Bürgerinnen und Bürger Sogittas stark war, das alle gemeinsam losgehen und gemeinsam ankommen würden, auch wenn es verdammt schwer war.
„3989, 3990, 3991, 3992“, zählte Lilla, „3993, 3994, 3995.“
Ein anderer versuchte denselben Trick, um sich abzulenken. Rofon! Am anderen Ende der Truppe stand er und zählte: „3996, 3997, 3998, 3999, 4000!“ Dann hörte er auf und verfolgte stattdessen, wie viele Vögel schrien.
Lilla zählte weiter. Sie war inzwischen bei 4026. Die Situation war wirklich sehr brenzlig. Man konnte sie vergleichen mit … Nein! Man konnte sie mit rein gar nichts vergleichen. Bei so etwas müsste man schon dabei sein, aber das will ja keiner, oder?
„4048, 4049 …“
„Maamaa!“ Das war ein kleiner Junge. „Maaamaaa, ich friiiere doch soo!“ Man hörte keine Antwort, bloß ein zwergisches Winseln.
Es war stockdunkel geworden. Und wieder hell und wieder dunkel. Ein Tag war vorüber. Fast keiner wusste mehr, was vorging, als es plötzlich ruhiger wurde. Es dauerte ein wenig, bis alle es begriffen hatten: Es hatte aufgehört zu donnern und zu blitzen! Auch der Regen wurde weniger, immer und immer weniger. Nach dem letzten Tropfen, der auf den Boden plumpste, verschwand die Stille so schnell, wie sie gekommen war. Alle stoben auseinander, sie kreischten und weinten, aber diesmal vor Freude! Sie feierten ein Fest, wie es noch nie eines gegeben hatte, sie tanzten und schlugen Räder. Eltern fielen ihren Kindern in die Arme. Enkelkinder ihren Großeltern! Es war, als hätte es nie ein Unwetter gegeben.
Währenddessen saß abseits von allen anderen ein kleines Zwergenmädchen auf einem spitzen Stein und weinte. Niemand hatte es bislang bemerkt. Es war das arme kleine Ding, das vor einigen Jahren seine Eltern am Fluss verloren hatte. Ihre Eltern und ihr Bruder Ciolt waren mit dem Boot hinausgesegelt, um zu fischen, doch sie kamen nie wieder zurück. Seitdem war das Mädchen alleine. Lange Zeit lebte sie auf der Straße, stahl Essen, um seinen Hunger zu stillen, und hatte zum Anziehen nicht mehr als ein altes Laken der Mutter.
Vor zwei Jahren dann hatte die gute alte Oma Sibba Soppel das Zwergenmädchen bei sich aufgenommen. Vom ersten Tag an waren die beiden unzertrennlich gewesen. Sie gingen zusammen zum Spielplatz, einkaufen und in den Wald. Nur zum See wollte das Mädchen nie. Oma Sibba hatte ihm sogar einen Namen gegeben, einen ganz hübschen Zwergennamen. Seinen eigentlichen Namen wollte das Zwergenmädchen nämlich geheim halten. Sibba gab ihm also den Namen Cyta.
Jetzt saß Cyta auf dem spitzen Stein und weinte. Sie war ein sehr stilles Zwergenkind, aber sie war äußerst zäh und immer heiter. Was sie bloß hatte?
Die Festgemeinschaft bekam von der weinenden Cyta nichts mit. Sie feierte immer noch und war schon ein Stück weitergegangen. Cyta ihrerseits bemerkte ebenfalls nichts von den Feiernden. Sie saß bloß da und weinte. Jetzt stand sie endlich auf. Aber wo wollte sie denn hin? Anstatt den anderen zu folgen, lief sie ein bisschen zurück und kniete sich dann nieder, denn genau an dieser Stelle lag jemand. Wer da vor ihr lag, war Oma Sibba! Cyta streichelte ihr mit ihrer feuchten Hand vorsichtig über das Gesicht, während sie mit der anderen eine Blume fest umklammerte – wohl die einzige Blume, die noch stehen geblieben war. Cyta legte sie auf Oma Sibba. Sie war tot! Oma Sibba war tot! Sie hatte das Unwetter nicht überlebt.
Cyta stand langsam wieder auf und folgte der feiernden Truppe. Bedächtig ging sie vor zum Bürgermeister. Die vielen lachenden Gesichter sangen fröhlich: „Lalala, das Unwetter ist vorbei, hurra! Lalala, ja, das Unwetter ist weg, weg, weg!“ Dazu tanzen sie und drehten sich im Kreis. Alle waren glücklich, bis auf Cyta.
Mit ihrer kleinen Hand tippte sie dem Bürgermeister auf die Schulter. Der Bürgermeister schaute zu ihr herab. Er konnte das kleine Mädchen nicht ausstehen. „Warum weinst du? Geh gefälligst weiter und tanze wie die anderen!“
Cyta blickte ihn weiter an. Keine Wimper zuckte. „Sibba ist tot“, sagte sie mit fester, sicherer Stimme. Sie sagte es, als wäre es das Normalste auf der Welt, doch man sah ihr die Verzweiflung an.
„Mach keine Scherze, sondern freu dich!“
„Das ist kein Scherz“, sagte Cyta ernst. Sie stand steif vor dem Bürgermeister und wartete.
„Kein Scherz sagst du, Kleine? Warte kurz hier. Ich hole drei Kräftige! Wehe, du veräppelst mich!“ Mit diesen Worten entfernte sich der Bürgermeister und kam kurze Zeit darauf mit den Kräftigen zurück. Die meisten Feiernden, auch Lilla und Rofon, hörten auf zu singen und springen.
„Was ist hier los?“ Ein Getuschel ging durch die Reihen. Cyta merkte es nicht, oder vielleicht wollte sie es auch nicht merken. Trübsinnig ging sie voran, hinter sich den Bürgermeister und die Kräftigen. An der Stelle, an der Sibba lag, blieb sie stehen. Nun verging selbst dem Bürgermeister die gute Laune. Er drehte sich um und sagte mit lauter Stimme: „Sibba Soppel ist gestorben!“
Sogittas Bürger und Bürgerinnen schwiegen.
„Wir werden einen Trauertag einlegen“, erklärte der Bürgermeister, „Sibba Soppel war eine unglaublich hilfsbereite alte Dame, wie ihr bestimmt alle wisst. Und ich denke, es ist das Beste, wenn wir sie alle zusammen verabschieden.“ Mit diesen Worten sprach er Cyta zum ersten Mal aus der Seele.
Die Feiernden, die eben noch lustig das Tanzbein geschwungen hatten, halfen nun dabei, ein großes Loch in die Erde zu buddeln. Lilla, Rofon und ein paar andere Kinder standen bei Cyta und versuchten sie zu trösten. Alle dachten darüber nach, bei wem Cyta nun leben sollte, jetzt, wo Oma Sibba gestorben war. Vielleicht würde sie in ein Kinderheim kommen. Es gab eines in Sogitta, in dem jedoch keine Kinder hausten. Es war bloß ein altes Haus in einer Dorfecke, die als sehr gruselig galt. Gleich nebenan war ein Friedhof, und die vereinzelten Bäume, welche hier und da wuchsen, hatten selbst im schönsten Sommer kaum noch Blätter an den Ästen. Nein! Ins kalte, verlotterte Kinderheim durften sie Cyta nicht stecken. Bestimmt würde sich noch eine Lösung finden.
Während die Kinder sich um Cytas Zukunft Gedanken machten, buddelten die Kräftigen immer noch. Es dauerte weitere zwei Stunden, bis das Loch tief und breit genug war. Bald war die Nacht, die eben noch über das gesamte Zwergenreich geherrscht hatte, vorbei. Die Sonne zeigte langsam ihre ersten Strahlen. Doch die Stimmung unter den Zwergen war nicht so fröhlich, wie es sich für den ersten Tag nach einem Unwetter gehörte. Alle trauerten um Sibba.
„Weine nicht! Die Welt steckt voller Überraschungen. Es gibt schöne und weniger schöne. Bitte bleibe lustig und verspielt! Ich mag es nicht, dich so traurig zu sehen. Ich bin doch hier! Hier! Hörst du mich denn nicht?“
Was war denn das? Cyta meinte, Sibbas Stimme gehört zu haben, aber wie sollte das gehen? Sibba war doch tot! Oder etwa nicht ...
„Ich bin tot, Cyta. Aber nicht für dich! Ich bin umgezogen. Ich wohne in deinem Herzen.“
Cyta verstand. „Aber wie kann ich dich sehen?“, dachte sie.
„Cyta, meine Große. Du wirst mich sehen, wann du willst, du musst nur eines tun. An mich denken. Ab heute passe ich von innen auf dich auf.“
Geraume Zeit verstrich, die Männer legten Sibba in das Loch und deckten sie mit einem weichen Tuch aus goldenem Samt zu. Einer nach dem andern warf seinen Sonnenschutz aus Blumen auf die tote Frau, dachte an sie und wünschte ihr etwas. Besonders Cyta und viele der älteren Zwergendamen hockten ewig vor dem Loch, sie schauten, wünschten und weinten. Als alle ihre Wünsche ausgesprochen hatten, wurde das Loch zugeschüttet, wobei ebenfalls alle mithelfen durften. An die Stelle, unter welcher Sibba nun für immer schlafen würde, wollten sie Blumensamen streuen, sodass eines Tages ein wunderschöner Strauß für sie blühen würde. Bald gingen die Zwerge weiter, müde und erschöpft von den Ereignissen der letzten Tage. Rofon und Lilla gingen nebeneinander und sprachen über den Sturm.
„Ich war schon bei fünfhundertsechsundsiebzigtausendeinundsechzig. Dann hab ich aufgehört zu zählen“, berichtete Lilla stolz.
Nur zur Information: Zwerge können, sobald sie sprechen, von Null aus immer weiterzählen.
„Ich hab ganz früh aufgehört zu zählen, ich weiß nicht einmal mehr, wie weit ich gekommen bin. Puuuuh, das war eben doch total kalt, bitterkalt, findest du nicht?“
„Doch, das war es! Boah. So doll hab ich meinem Leben noch nicht gezittert, ich dachte, jeden Moment erfriere ich!“ Kurze Zeit sagte keiner etwas.
„Ich hatte auch Angst vor den Drachen“, flüsterte Rofon Lilla ins rechte Ohr. „Wir hätten uns doch gar nicht vor ihnen schützen können! Für Drachen ist das doch bloß ein kleiner Wind.“
„Quatsch, das stimmt nicht. Mama hat mir erzählt, dass das Einzige, vor dem sie sich ebenso fürchten wie wir, Sturm und Unwetter sind!“
„Nicht wahr!“, quengelte Rofon. „Papa hat mir gesagt, Drachen haben nur Angst vor Müll. So wie Putzfrauen!“
Lilla konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Aber Rofon, das war bestimmt ein Scherz!“
„Nein! Das war es nicht.“
„Na meinetwegen, vielleicht wissen die Zwerge noch gar nicht so genau, wovor Drachen Angst haben. Es war ja auch bis vor einer Woche noch keiner zu Besuch in Sogitta.“ Rofon sah, wie eine dicke Zwergenträne Lillas Wange hinunterlief. Eine dicke, fette Zwergenträne. Lilla leckte die Träne ab. Sie war salzig. Sie dachte an ihre Eltern. Rofon legte ihr seinen Arm um die Schultern. Er wusste, warum sie weinte.
„Alles wird wieder gut! Bestimmt. In drei Monaten sitzen wir alle zusammen im Garten und erinnern uns an das Ganze hier bloß noch.“ Lilla schaute Rofon an.
Ihr Blick brachte ihn zum Verzweifeln! Er mochte es nicht, seine Kindergartenfreundin so bedribbelt sehen zu müssen. Wo war nur die fröhliche Lilla mit den braunen Ringellöckchen geblieben? Einen Moment lang hatte er Angst, dass Lilla von nun an immer so ernst sein würde, doch dann sagte er sich: „Ach was! Bald ist alles vorbei!“
Rofon ahnte ja nicht, wie sehr er sich irrte.
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4. Kapitel
Bis zum Mittag hin blieb die Stimmung unter den Bewohnern gedrückt. Irgendwann jedoch versammelte sich ein Teil der Kinder, um ein bisschen zu plaudern und sich Witze zu erzählen. Sogar Cyta, die selbstverständlich immer noch todunglücklich war, gesellte sich zu den anderen. Bald sah man eine lange Reihe von Kindern den Weg entlang marschieren.
„He, Leute! Ich hab einen guten! Eine Tomate kommt aus dem Haus. Gustav fragt sie: Wo willst du hin? Darauf die Tomate: Zum Gericht!“
„Ich hab einen noch besseren! Herr Schuhmann sieht Bären. Sie wollen ihn fressen. Da holt Herr Schuhmann seinen Pinsel und malt die Bären blau an. Jetzt isst er die Blaubären! Hahahahahaha.“
Zum Erstaunen aller meldete sich auch Cyta zu Wort. Natürlich durfte sie sofort loslegen! „Ähm“, räusperte sie sich, als stünde eine wichtige Rede bevor. „Ich werde euch erzählen, wie der Hammerhai entstanden ist. Bei einem großen Haiwettkampf gab es die Disziplin Bummelfischfang. Die Bummelfische waren sehr schnell. Niemand erwischte einen. Nur Berthold gelang es, einen der flinken Bummelfische zu erwischen. Die anderen nannten ihn Superhai oder grandioser Hai – und einer sagte: Du bist echt der Hammer, Hai. Ab da nannte man die Nachfolger Bertholds Hammerhaie!“ Eine Weile blieb es still, dann fingen alle an zu lachen, wie auf Kommando!
Es folgten noch ein paar Witze, wie zum Beispiel dieser: Ein Cowboy geht zum Friseur. Als er rauskommt, ist sein Pony weg. Es liegt auf dem Boden des Friseursalons. Oder dieser: Freche Füchse fuchsen keine flinken Fauken auf dem Fett.
Anea, ein Junge aus Sogitta, baute mit seinen Freunden Fixi und Olsaf Schiffchen. Irgendwann fingen die drei damit an, anderen ihre Schiffchen auf den Kopf zu setzen. Dabei sangen sie das „Schiff auf und ab“-Lied:
„Schiff auf, Schiff ab, den Grund herab. Groß, klein, klein, groß, wie war denn das bloß? War mein Schiff lila, blau oder pink? Jetzt ist´s vorbei: Sink, sink, sink!“
Die meisten Bürgerinnen und Bürger waren nach einiger Zeit ziemlich genervt vom Bandenboss Anea. Anea hatte nämlich in Sogitta den Ruf, ein rechter Lausbub zu sein. Ein Jahr zuvor hatte er von seinen Eltern einen Plumpfer bekommen. Plumpfer funktionieren ähnlich wie Fahrräder, nur dass sie komplett aus Korb hergestellt werden und man nicht darauf sitzt, sondern liegt. Auf dem Bauch. Die Pedalen werden mit den Händen betätigt.
Seit Anea diesen Plumpfer besaß, fuhr er damit überall hin. Auf seinen Wegen hatte er sich mit Olsaf und Fixi angefreundet. Mittlerweile waren die drei unzertrennlich – und unschlagbar darin, sich Streiche auszudenken. Der Bürgermeister hatte schon einmal öffentlich während einer Sitzung darum gebeten, Anea seinen Plumpfer wegzunehmen. Doch da der Plumpfer Aneas Ein und Alles war, ließ man es ihm.
Anea rannte nun schon zum dritten Mal in die sich Witze erzählende Gemeinschaft und sang das Schiffchenlied. Lilla wusste, dass Anea es nicht leicht hatte. Keiner mochte ihn wirklich gern, nicht einmal seine Eltern, Großeltern und Tanten! Na ja, seine Mutter schon – doch sein Vater war Aneas wegen sogar ausgewandert! Lilla wusste auch, dass das, was sie vorhatte, nicht sehr vernünftig und nett war. Sie stürzte auf Anea los, schrie: „Aufhören! Bitte!!!“
Und als das nichts brachte, holte sie aus und verpasste Anea eine mächtige Backpfeife. Im selben Moment bereute sie es schon ... Lilla ärgerte sich! Ständig machte sie Sachen, die sie danach sofort bereute. Hinter Lilla begannen immer mehr Kinder zu klatschen. Sie klatschten und riefen: „Super Lilla! Gib´s ihm!“, und sangen bald darauf im Chor: „Lilla ... Lilla ... Lilla ...“
„Ihr seid alle so gemein! Er kann doch nichts dafür, dass er so ist.“ Lilla bahnte sich einen Weg durch die Menge und rannte los. Immer der Nase nach, den Langen Weg entlang. Als sie nicht mehr zu sehen war, verstummten die kleinen Zwerge.
Die Blicke wendeten sich auf Anea. Der schlich sich seitlich aus der Menge heraus und trottete hinter Lilla her. Alle anderen blieben fassungslos zurück.
Inzwischen war eine Zeit vergangen und Lilla eingeschlafen, und zwar auf einem großen, spitzen, bestimmt nicht sehr bequemen Stein. Anea lief immer noch. Er suchte Lilla. Die Sonne war schon wieder auf dem Weg nach unten und bereit, mit dem Mond die Stellung zu tauschen.
Da sah Anea etwas Goldenes vor sich aufblitzen. Es war ein Tor! „Boah“, staunte er und trat einen Schritt zurück. Sein Herz pochte und ihm wurde ganz kalt. Auf der Spitze des Tores prangte eine goldene Rose. Das Wappen Fulmens! Riesengroß türmte sich das goldene Tor vor dem Zwergenjungen auf und bei dieser Sonne glänzte es in seiner vollen Pracht! Goldenes Licht hüllte Anea ein, der immer noch fassungslos die Schönheit auf sich wirken ließ.
„Boah!“ Langsam begann Aneas Herz sich zu beruhigen. Er blickte auf das im Abendrot glänzende Tor. Anea ging weiter und vergaß für einen Augenblick, dass er ja eigentlich Lilla suchte. Lilla, die vor lauter Müdigkeit kaum noch hatte sehen können und sich – ohne es zu merken – auf einem Stein direkt vor dem gewaltigen Torbogen niedergelassen hatte.
Nun schlug sie ein Auge auf. Sie erhob sich und wusste für einen Moment nicht, ob sie immer noch schlief oder bereits wach war. Vor sich sah sie ein riesiges goldenes Tor und einen winzig kleinen Jungen. Anea! Leise stand Lilla auf. „Hallo“, flüsterte sie. Blitzschnell drehte Anea sich um. „Ach du bist es“, sagte er und gab vor, sich nicht für sie zu interessieren. Dann wandte er sich wieder dem Tor zu.
„Tut es noch sehr weh?“, fragte Lilla vorsichtig. Ihr schlechtes Gewissen machte sich erneut in ihr breit.
„Geht so“, grummelte Anea.
„Anea, weißt du, es tut mir leid. Ehrlich. Aber du wolltest ja nicht aufhören!“
„Mag sein.“
Lilla war vor Anea getreten, doch es schien, als blicke dieser durch sie hindurch. Lilla beschloss, es nicht weiter zu versuchen. Stumm stellte sie sich neben Anea und schaute auf das Tor, starr wie er. „Das ist wahnsinnig, vollkommen!“, staunte sie. „Das Tor, das Licht! Findest du nicht?“
„Lilla“, sagte Anea ganz ernst, ohne auf ihre Frage einzugehen, „willst du in unsere Bande aufgenommen werden? Du bist stark und mutig!“
Lilla glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Anea bot ihr tatsächlich einen Platz in seiner Bande an?! Hielt er das nicht selbst für Quatsch? „Ihr macht doch immer nur Blödsinn! Warum sollte ich da mitmachen?“
Anea war gekränkt.
Plötzlich hörte man Rufe. „Lilla! Lillaaaaaaaa!“
„Das ist das Dorf!“, freute sich Lilla. Sie tanzte um Anea herum. „Das Dorf ist da! Hurraaa! Hurraaa!“ Ihr fiel es kaum auf, dass Anea nach einem letzten kurzen Blick auf die Kommenden langsam einen großen Stock in die Hand nahm und hinunter in die Steppe lief. Sie selbst eilte den anderen Zwergen entgegen, heilfroh über deren Ankunft, während Anea, hinter einem Hang lauernd, das ganze Geschehen beobachtete. Er sah zu, wie Rofon Lilla in die Arme fiel und wie sie sich etwas zuflüsterten. Er hörte gedämpft, wie Rofon lachte. Wut kroch in Anea hoch. Er war sich sicher, dass Lilla Rofon erzählt hatte, dass er sie hatte in die Bande aufnehmen wollen. Sein Blick fiel nun auf den Bürgermeister. Wie wild fuchtelte der mit etwas herum. Er schimpfte mit Aneas Mutter, die den Worten des Dorfoberhauptes verstört folgte. Anea kochte! Seine Finger umklammerten den Stock. Er kroch den Hang hinauf. Auf allen vieren näherte er sich dem Bürgermeister.
Plötzlich sprang er auf, nichts mehr schien ihn zu halten! Er stürmte auf den Bürgermeister zu – bereit, ihm den Stock auf den Kopf zu schmettern! Er rannte und rannte und rannte und war schon fast angekommen, als es passierte: Gerade als er sich zum Absprung bereit machte, brachte eine Wurzel ihn zum Stolpern! In einem riesigen Bogen flog er auf den Boden. Dabei glitt ihm der Stock aus der Hand. „Aaaaa Aaaaaaaa Aaaaa!“ Anea blieb wie tot auf dem Boden liegen. Ein greller Schmerz zog durch seinen Kopf.
„Anea, um Himmels willen.“ Seine Mutter wollte ihn an sich reißen, um ihn zu trösten. Der Bürgermeister kam ihr jedoch zuvor. Ihn hatte der Stock tatsächlich noch am Kopf getroffen. Rot vor Wut hielt er Anea am Kragen hoch. „Das war ein geplanter Mordversuch!“, schrie er. Es war nicht das letzte Mal, dass der Bürgermeister mit dem Stock auf Anea einschlug, sodass dem Hören und Sehen verging.
„Neiin! Hören Sie sofort auf, meinen Sohn zu schlagen!“
Doch der Bürgermeister dachte nicht daran. Wie auf ein lebloses Stück Rinde schlug er auf Anea ein. Anea spürte kaum noch etwas. Er wollte sich nicht wehren. Endlich ließ der Bürgermeister den Stock fallen und Anea auf den Boden plumpsen. Frau Abtschik nahm ihren Sohn in den Arm. Viele Zwerge hatten sich im Kreis versammelt und zugeschaut, aber unternommen hatten sie nichts.Lilla bekam von alledem nichts mit. Sie stand wie hypnotisiert vor dem goldenen Tor. Der Bürgermeister schien das Tor noch gar nicht bemerkt zu haben, und als er schließlich neben Aneas Mutter weiterging, staunte er nicht schlecht, als es vor ihm auftauchte.
„Himmel noch mal!“, murmelte er. Mit einem Handwink bestellte er die kräftigen Männer zu sich. Sie kamen schnell. „Geht und schaut nach, ob Wachposten das Tor bewachen!“, sagte er. Die Männer nickten und zogen ab.
Vor dem Tor standen tatsächlich fünf uniformierte Kerle. Als die Kräftigen näher traten, streckten die Wachmänner ihnen ihre Schwerter entgegen.
„Wir wurden von Drachen bedroht und sind jetzt seit drei Tagen unterwegs. Es ist heiß auf dem Langen Weg. Wir sind schon fast am Verhungern und Verdursten. Euer Dorf ist das nächste, ihr gnädigen Herren. Lasst uns hier quartieren! Bitte!“
Die Wachen blieben misstrauisch. Einer lief den Stadthöchsten holen. Die Kräftigen diskutierten eine halbe Ewigkeit mit dem Bürgermeister Fulmens. Zum Schluss, und nachdem sich die Bürgermeister gegenseitigen Frieden geschworen hatten, durften die Sogittaner eintreten.
Nachdem die Sogittaner das prachtvolle Tor gesehen hatten, waren sie allerdings von der grauen Stadt, die sich dahinter verbarg, etwas enttäuscht. Die Häuser waren fast alle grau und schmuddelig. Nur zwischendurch stachen ein paar grellrote heraus.
Frau Abtschik, Aneas Mutter, ging einen anderen Weg als die anderen. Sie irrte in den engen Gängen herum und suchte nach einem Arzt. Doch weit und breit war keiner zu finden. Frau Abtschik fühlte sich beobachtet, viele schaulustige Fulmaner betrachteten die neue Bürgerin und ihren Sohn, wie sie durch die Straßen liefen. Die Dunkelheit breitete sich aus. Irgendwann wandte sich Frau Abtschik an eine Bäckerin. „Entschuldige“, fragte sie vorsichtig.
„Was ist los?“, krähte die alte Frau.
„Wo bitte ist hier im Dorf der nächste Doktor?“
„Bloß geradeaus, dann links und wieder links, anschließend rechts über das Feld und noch einmal links in einen kleinen Waldweg rein. Auf der rechten Seite ist die Praxis von Doktor Wieswurzer.“
„Links, links, rechts, links, rechte Seite! Vielen Dank“
„Keine Ursache!“
Frau Abtschik nickte der Bäckerin einmal zu. Dann machte sie sich auf den Weg.
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5. Kapitel
Die Bürgerinnen und Bürger Sogittas waren unterdessen in verschiedenen Häusern untergebracht, die Kinder auf Schule, Kindergarten und Sporthalle verteilt worden. Die Erwachsenen mussten auf sehr egoistische Art und Weise um die Gunst der Fulmaner kämpfen, indem sie sich auf einer Bühne öffentlich präsentierten und ihre Stärken anpriesen. Diese Darbietungen gingen bis zum Ende der Nacht. Jeder hatte zwei Minuten Zeit sich zu beweisen. Rofons Eltern kamen fast ganz zum Schluss dran, nach über fünfzig anderen.
„Hallo!“ Jetzt war Rofons Vater an der Reihe. „Mein Name ist Reirar, Reirar Düves. Also, ich will mich nicht beweisen. Ich finde mich – so wie ich bin – gut genug und denke, man sollte sich nicht besser machen, als man ist. Außerdem will ich ohnehin mit meiner Frau Baba zusammen sein. Und ich halte es für Quatsch, dass die Kinder nicht bei ihren Eltern bleiben können. Ich bin übrigens 32 Jahre alt und von Beruf Maurer. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!“ Mit einem Räuspern strich er sich nach dieser kurzen Rede ein paar Haare aus dem Gesicht.
Die Leute klatschten. Nach Reirars Auftakt kamen noch ein paar Reden dieser Art. Auch Baba schloss sich natürlich den Worten ihres Mannes an. Die Sogittaner erreichten auf diese Weise, dass die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern in Pflegehäusern untergebracht wurden.
Lilla bat Rofon, mit ihr zusammen in der Schule zu bleiben, doch er zog zusammen mit seinen Eltern zu einer alten Dame, die Reirars Rede ganz sensationell fand. Und da Reirar ja ausdrücklich gesagt hatte, nur mit seiner Frau zu kommen, nahm die alte Frau mit dem Namen Fkakas die ganze Familie auf. Lilla musste sich mit Krolle, Tolla, Fixi, Olsaf, Freddel, Pinka, Limbi und Langa ein äußerst kaltes und enges Klassenzimmer in der Katsch-Pfolster-Grundschule in Fulmen teilen. Eigentlich waren pro Klassenzimmer zehn Kinder vorgesehen. Dass sie nur zu neunt waren, lag daran, dass das Zimmer von einer Klasse mit insgesamt nur fünf Schülern und Schülerinnen genutzt wurde und dementsprechend klein war. Langa, Limbi, Tolla und Lilla, die vier Mädchen im Raum, richteten sich ihre Schlafplätze in der linken Ecke ein. Es war sehr staubig, dafür aber weit weg von den sich stapelnden Mülleimern. Ihre Betten mussten sie aus alten Geschirrhandtüchern und Windeln zusammenstellen. Mit einem halben Tafelschwamm als Kissen schliefen sie wenige Stunden später erschöpft ein. Das war kein Wunder, schließlich waren sie noch vor geringer Zeit den Langen Weg entlang gegangen, am Ende sogar ohne Brot und Wasser!
Während die Kinder sich auf den Böden von Schulen, Sporthallen und Kindergärten tummelten, suchte die arme Frau Abtschik im Stockdunklen nach dem Arzt.
„So“, murmelte sie, „wenn ich mich nicht täusche, dann wird hier gleich auf der rechten Seite der Doktor Wieswurzer aufzufinden sein.“ Sie blickte sich um. Nichts deutete darauf hin, dass in der Nähe die Praxis eines Arztes sein könnte … oder doch. Da hinten, war das nicht ein glänzendes Schild aus Metall? Hastig eilte die Ärmste weiter. Treffer! Auf dem Schild stand groß und fett, in schnörkeligen Lettern geschrieben:
DOCTOR WIESWURZER
EHRENAMTLICHER ARZT FÜR
KÖRPERVERLETZUNGEN
IN DER WOCHE VON
12:00 UHR BIS 18:00 UHR GEÖFFNET
„Mist!“ Enttäuscht ließ sich Rofons Mutter auf dem Boden nieder. 18:00 Uhr! Das war schon längst vorbei. Aber zurückgehen und morgen wiederkommen? Nein! Vollkommen ausgeschlossen. Es ging hier vielleicht um das Leben ihres Sohnes. Frau Abtschik seufzte. Sie streichelte ihrem Sohn über die Stirn. Anea war ganz verbeult und hatte eine riesige blutende Schramme im Gesicht. Vorsichtig bettete sie ihn neben sich und stand auf. Der Mond schien hell. Da erblickte die Frau plötzlich auf der anderen Seite des Waldweges einen Drachen! Schnell griff sie sich einen Stock. Doch das Ungeheuer beachtete sie gar nicht. Endlich begriff sie. Es war ein steinernes Tor – in Form eines Drachen! Bewundernd legte sie eine Hand auf das Kunstwerk. Langsam entzifferte sie, was darüber geschrieben stand:
Graf Dodboor Katsch-Pfolster ritt 1412 auf dem goldenen Drachen des Drachenstaates in eine weit entfernte Gegend. Er gründete ein Dorf, das sich für alle Zeit dem Drachenstaat verbunden fühlen sollte, und nannte es Fulmen. Eines Tages werden die Drachen die ganze Zwergenwelt erobern! Fulmen jedoch soll verschont werden, da die Fulmaner den Drachen immer die Treue gehalten haben.
Bestürzt blickte Frau Abtschik den Drachen hinauf. Wenn das, was sie soeben gelesen hatte, der Wahrheit entsprach, schwebten die Sogittaner in allerhöchster Gefahr! Sie wollte etwas tun, wusste jedoch nicht, was. Doch eines war ihr absolut klar: Sie würde niemals zu einem fulmanischen Arzt gehen. Womöglich würde dieser die Verletzungen ihres Sohnes nicht heilen, sondern dafür sorgen, dass sich sein Zustand noch verschlechterte. Rückwärts ging sie zurück und stolperte über einen Stein. Bleich vor Angst blieb sie liegen. Das Dorf Sogitta war Verrätern in die Hände gefallen! Frau Abtschik setzte sich auf und vergrub das Gesicht in den Händen. Plötzlich rief sie jemand. Rufen ist übertrieben … jemand quiekte.
„Mama!“
„Anea! Du bist wieder wach. Wir müssen weg, hörst du? Fort aus diesem Dorf, wir alle!“
„Aber Mama!“
„Nichts aber! Komm!“
Vorsichtig wollte Anea aufstehen. „Ich schaffe es nicht! Meine Beine sind zu schwach!“
Frau Abtschik nahm ihren Sohn in den Arm, um ihn zu tragen. Immer weiter. Wohin, das wusste sie nicht …
Weit weg in der Katsch-Pfolster-Grundschule schliefen die Zwergenkinder eingekuschelt in ihren Tüchern. Nichts ahnend träumten sie von Streuselkuchen und Kakao am Morgen. Dieser sollte nicht lang auf sich warten lassen.
Schon bald aber ertönte ein ohrenbetäubender Gong, der normalerweise den Beginn des Unterrichts einläutete. Die Zwergenkinder waren alle noch sehr müde. Lilla verkroch sich in ihrem Kleid. Neben ihr versteckten sich die anderen Mädchen in den Geschirrtüchern.
Die Jungen waren schon lange auf den Beinen und kickten mit einem alten Kirschkern herum. Dabei riefen sie „Foul!“ und „Tor!“
Erst jetzt fiel Lilla auf, dass Anea nicht da war. Sie überwand ihre Müdigkeit und stand auf. „Jungs!“, rief sie. „Wo ist euer Freund Anea?“
„Weiß ich nicht“, knurrte Olsaf, „hab ich mich auch schon gefragt.“
„Manche sagen, er wurde vom Bürgermeister übelst verprügelt und jetzt geht seine Mutter mit ihm zum Arzt!“
„Danke, Fixi. Ich werde mal schauen, ob ich die beiden finden kann. Nach dem Frühstück gehe ich los.“
„Mensch Lilla, du bist wirklich verrückt!“, riefen ihr die Mädchen hinterher, aber Lilla verschwand schon im Speisesaal. Der Geruch war zu verlockend, als dass sie ihm hätte widerstehen können. Lilla nahm sich ein paar gegrillte Blattläuse mit Schneckenschleimsoße. Dazu noch einen in Blätter eingelegten Maikäferflügel und herrlichen Regensaft mit Sprudel. An ihrem Tisch saßen noch vier andere Mädchen. Wie blöd! Mädchen waren immer so fein – und das war Lilla nun wirklich nicht. Sie selbst benutzte nicht einmal ihre Stöckchen, um zu essen. Alles grub sie sich mit den Händen in den Mund. Leider wurde dabei fast der gesamte Saal auf sie aufmerksam, denn das Stöhnen der vier anderen, die sich über ihre „fehlenden Manieren“ aufregten, hatte Aufsehen erregt. Lilla beeilte sich sehr.
Als sie fertig war, schmiss sie ihr Geschirr förmlich in das Putzbecken und rannte sofort los, bis vor die Eingangstür der Schule – dort wusste sie nicht weiter. Sie war so blöd gewesen, sich das Ganze so einfach vorgestellt zu haben. Nun stand sie vor der Tür und wusste nicht weiter. Vielleicht sollte sie Rofon fragen, ob er ihr bei der Suche half. Wo er wohnte, wusste sie: einmal rechts und dann wieder rechts in einen düsteren Gang. Die Zwergin brauchte nicht lang zu überlegen, es war ohnehin eine gute Idee, Rofon einzuweihen.Außerdem könnte sie ihren besten Freund sehen. Lilla steuerte in den düsteren Gang, der auf der rechten Seite lag. Inzwischen war sie einige Meter gelaufen, als auf der linken Seite ein von Pflanzen überwuchertes Haus auftauchte.
„Das muss es sein!“ Lilla schaute nach, ob es eine Klingel gab. Aber nirgends wurde sie fündig. Es gab nur einen verrosteten Türklopfer in Form eines Drachenkopfes. Lilla staunte – es war ein prächtiger Drache. Sie hob ihn an, ließ ihn wieder fallen, nichts passierte. Noch mal: anheben, fallen lassen. Wieder nichts. Oder doch? Ja, irgendwo erkannte sie die Umrisse der nun geöffneten Tür, wenig später wurden die bedächtigen Schritte lauter, langsam kam eine Gestalt auf die Tür zu. Lilla biss sich auf die Lippen. Die Tür wurde langsam aufgeschoben. Sie ächzte und quietschte.
„Was willst du?“, knurrte die alte Frau, die nun zum Vorschein kam.
„Sind sie Frau Fkakas?“
„Also wenn das ein Überfall sein soll, dann ...“
„Gewiss nicht, Frau Fkakas. Bei ihnen hausen doch Baba und Reirar mit ihrem Sohn Rofon, oder?“
„Nein, nein. Aber komm rein!“ Unsanft packte die alte Frau Lilla am Kragen und schob sie ins Haus. Die Tür fiel knarrend ins Schloss, dann war es totenstill. Lilla wagte einen Blick nach rechts und nach links. Weit und breit war keine Tür zu sehen.
„Wohnen Sie allein in diesem einen Raum?“, fragte Lilla neugierig.
Anstatt ihr zu antworten, hastete die Alte plötzlich stolpernd zur Tür hinaus!
„Halt“, schrie Lilla. „Wo wollen Sie denn hin?“ Es brachte nichts. Lilla hörte, wie die Alte das Haus abschloss. Bestimmt wollte sie zur Polizei! Lilla rief leise nach Rofon. „Rofon! Roofon! Wo bist du?“ Nichts geschah. Sie wollte gerade erneut rufen, als sie aus einer Ecke des Raumes ein leises Quietschen wahrnahm.
Vorsichtig begann sie die Wände abzuklopfen. Auf der ersten Seite hatte sie kein Glück. Erst auf der zweiten Seite wurde ihre Neugier belohnt. Einer der Holzblöcke glitt schon zurück, wenn man sich bloß an ihn lehnte. Dahinter befand sich ein tiefes schwarzes Loch, durch das Lilla zu schlüpfen wagte.
Alle Luft wich ihr aus den Lungen. Sie erstarrte zu Eis. Vor ihr saßen Baba, Rofon und Reirar! Nebeneinander, auf Stühlen gefesselt und geknebelt! Hastig befreite sie die drei. Reirar schloss Lilla in die Arme. Er zerdrückte sie fast!
„Vielen Dank! Ohne dich wären wir hier verrunzelt.“
„Ja, aber erzählt doch erst mal! Was ist denn überhaupt passiert?“
„Als wir hier abends ankamen, wirkte die alte Dame zuerst ganz nett. Sie kochte uns eine Suppe und trank mit uns Wasser aus dem Brunnen, das sie für uns holte ...“
„Ja und dann“, übernahm Rofon das Wort, „dann spielten wir zusammen ein ganz witziges Steinespiel – und ich habe gewonnen! Sie gratulierte mir, aber plötzlich wurde sie ganz unhöflich, packte uns und zog uns in dieses Loch. Anschließend fesselte und knebelte sie uns.“
Baba erzählte weiter: „Uns wurde klar, dass wir es mit einer Verschwörung zu tun haben. Aber es brachte uns ja nichts, das zu wissen. Die Frau verschwand und schloss die Tür von innen ab. Sie ging schlafen, während wir kein Auge zumachen konnten. Am nächsten Morgen hörten wir, wie du kamst. Wir konnten rein gar nichts unternehmen, um dich zu warnen. Also mussten wir tatenlos mit anhören, wie du in dem kalten engen Raum eingesperrt wurdest.“
Als die drei alles berichtet hatten, schaute Lilla sich ratlos um. „Wir müssen durch ein Fenster aussteigen, kommt! In dem Haus einer Frau, die Sogittaner verhungern und verdursten lassen will, bin ich nicht gerne Gast!“, meinte sie.
Die vier drängelten sich durch das schwarze Loch. Als alle draußen waren, sperrten sie das morsche Holz wieder vor. Die Alte musste nicht sofort wissen, dass ihre Gefangenen entkommen waren. Da gab es nur ein Problem: Das Fenster nach draußen war vergittert.
„Mist“, fauchte Lilla, es klang wie das Fauchen einer Katze.
„Papa“, sagte Rofon, „nimm mich auf die Schultern.“
Reirar tat, was sein Sohn verlangte. Behutsam hob er Rofon hoch und hielt ihn an seinen Füßen fest. Rofon war am kleinsten. Er schaffte es, sich bis zum Bauch durch das Loch zu zwängen, doch dann steckte er fest. „Hilfe, Hilfe!“, rief er. „Hilfe!“ Es brachte nichts, niemand kam vorbei.
„Wer ist der Stärkste hier?“, fragte Lilla.
„Ich glaube Papa!“
„Reirar, versuch mal, dich gegen das Gatter zu stemmen!“
Reirar nickte. Er schmiss sich mehrere Male nacheinander gegen das Gitter, leider ohne Erfolg. „Keine Chance!“, bestätigte er.
Zur gleichen Zeit ging Frau Abtschik mit ihrem Anea durch den Gang und an dem Haus vorbei, indem die vier eingesperrt waren. Als sie ein paar Gesprächsfetzen aufschnappte, erkannte sie die Stimmen ihrer Nachbarn. „Du bleibst hier!“, befahl sie Anea. „Du bist noch zu schwach!“
Anea erwiderte nichts. Er sah zu, wie seine Mutter über den Zaun kletterte, der das Grundstück vom Gang trennte. Sie lugte durch das Fenster. „Hey!“, rief sie. Die im Haus arbeitenden Zwerge erschreckten sich zu Tode, doch nachdem sie sich von ihrem Schock erholt hatten, verloren sie keine Zeit.
„Gnädige Frau“, sagte Reirar, „sehen Sie sich dazu imstande, mit einem Ast das Gitter zu durchbrechen?“
Frau Abtschik versuchte ihr Glück. Tatsächlich gab das Gitter ein bisschen nach! Bald war es nur noch an einem Ende der Wand befestigt. Für Rofon und Lilla genügte das, um sich zu befreien. Und auch die Erwachsenen kamen mit der Hilfe aller sicher heraus. Dankbar blickten alle der Retterin ins Gesicht. Frau Abtschik errötete. „Hab ich doch gern getan!“, sagte sie.
Baba spendierte allen, auch Anea, ein leckeres Blaubeereis von dem letzten Notgroschen in ihrer Hosentasche. „Hmm, lecker!“ Die Jungen stimmten Lilla zu.
Als die Kinder ihr Eis aufgeschleckt hatten, machten sie Wettlaufen. Lilla gewann immer, was aber bestimmt daran lag, das Anea noch immer geschwächt war und nicht gut laufen konnte.
„Warum hat dich der Bü-Mei eigentlich verkloppt?“, wollte Rofon von ihm wissen. Lilla hatte ihn im Haus der alten Dame über ihren eigentlichen Grund zu kommen eingeweiht.
„Ich hatte einfach ungeheure Wut. Alle riefen nach Lilla. Dass sie mich wieder gefunden hatten, interessierte niemanden. Ich hatte gar nichts vor. Ich wollte nur nicht bei euch sein, bei euch anderen. Ich hatte auch mit dem Stock zunächst nichts vor. Ich weiß nicht genau, warum ich den überhaupt aufgehoben habe! Aber als ich dann sah, wie der Bü-Mei mit Mama schimpfte, fand ich es gar nicht so schlecht, eine, ich nenne es jetzt mal Waffe, bei mir zu haben. Ich bin also losgerannt, in der Hoffnung diesen Kerl von meiner Mutter fernzuhalten. Aber wie sollte es auch anders kommen. Ich bin gestolpert und in voller Länge auf den Boden geknallt. Natürlich ließ ich den Stock dann auch los. Leider flog der genau auf den Kopf des Bürgermeisters. Alles tat mir weh, ich hatte das unangenehme Gefühl, mein Bein würde bald abfallen.“ Er lächelte kurz. „Na, ja. Wie ihr seht, ist mein Bein noch dran. Jedenfalls hätte ich es nicht geschafft wegzulaufen, darum hab ich das gar nicht erst probiert. Unser sympathischer Bürgermeister packte mich und fing an mich zu verdreschen. Und das nicht gerade feinfühlig! Dann muss ich bewusstlos geworden sein!“
Rofon starrte ihn entgeistert an. „Du wolltest den Bürgermeister umbringen?“
„Nein! Ich wollte ihm doch nur einen Denkzettel verpassen.“
„Dafür hast du ganz schön büßen müssen“, gab Lilla zu bedenken.
Anea zuckte mit den Schultern und blickte auf den Boden, es war ihm peinlich.
„Wir sollten uns beeilen!“, wechselte Lilla abrupt das Thema. „Sicher gibt es schon bald Mittagessen in der Schule. Es dürfte nicht mehr lange dauern.“
„Na gut. Beeilen wir uns!“
Lilla und Rofon nahmen Anea abwechselnd auf die Schultern und trugen ihn so zum Schulzentrum.
Frau Abtschik lächelte. Sie war mit Rofons Eltern zurückgeblieben. „Rührend, wie Ihr Sohn und seine Freundin sich um meinen Anea kümmern. Ein tolles Mädchen, diese Lilla.“
Rofons Eltern nickten.
„Ihr Sohn natürlich auch!“, setzte sie so hastig hinzu, dass man es kaum verstehen konnte. Reirar und Baba fingen plötzlich beide an zu lachen. Bald schon lachten alle drei. Sie lachten und lachten und lachten.
In der Schule war das Essen tatsächlich bereits aufgetischt. Sämtliche Mädchen schauten Lilla an. Beim Essen, beim Trinken, bei allem, was sie tat. Sie fanden die Vorstellung, mit Jungen befreundet zu sein, verrückt. Lilla störte das nicht weiter. Sie und die beiden Jungen saßen an einem Tisch, tranken aus einem Glas, aßen von einem Teller und lachten.
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