Читать книгу: «Der letzte Leopard»

Mit Illustrationen von David Dean
Aus dem Englischen von
Christoph Renfer
Verlag Freies Geistesleben
Für meinen Patensohn Matis Matarise Sandile Sithole, in der Hoffnung, dass er Simbabwe und seine Natur ebenso lieb gewinnen wird wie ich.
Und in Erinnerung an Felix und Michina, meine Londoner Leoparden (1990–2007)

• 1 •

Die Morgendämmerung überzog den rosafarbenen Himmel mit goldenen Fäden, als Martine Allen sich mit einem letzten Blick versicherte, dass sie von niemandem im Wildreservat Sawubona beobachtet wurde. Dann beugte sie sich wie eine Rennreiterin nach vorn, verkrallte ihre Finger in einem Büschel silberner Mähnenhaare und rief aus: «Los, Jemmy, los!»
Als die weiße Giraffe einen Satz vorwärts machte, wurde Martine fast abgeworfen. Doch sie fand ihren Halt schnell wieder und passte sich, die Arme um den Hals der Giraffe geschlungen, Jemmys federndem Schaukelpferdrhythmus an. Die Giraffe und ihre Reiterin schossen am Damm und an einer Herde Flusspferde vorbei, die kleine Blasen aufsteigen ließen, schreckten eine Gruppe von Silberreihern auf, die wie Glitzerkonfetti in die weite Savanne hinausstoben. Ein Chor von Tauben, Grillen und Lärmvögeln steuerte die typisch afrikanische Morgenmusik bei.
Lange Zeit war Martine nur nachts und im Geheimen mit Jemmy ausgeritten. Doch nachdem ihre Großmutter von ihren nächtlichen Ausflügen erfahren hatte, sprach sie prompt ein Verbot aus, das sie damit begründete, dass die gefährlichsten Raubtiere des Reservats Sawubona nach Sonnenuntergang auf Mahlzeitensuche waren und nichts lieber auf ihrem Speisezettel sehen würden als ein elfjähriges Mädchen, das auf einer Giraffe dahergeritten kam. Anfangs hatte Martine sich über das nächtliche Reitverbot hinweggesetzt, aber nach einigen brenzligen Situationen und einem Riesenkrach mit ihrer Großmutter musste selbst sie einsehen, dass ihre Großmutter recht hatte. Wenn die Löwen auf der Jagd waren, war es klüger, sich vom Reservat fernzuhalten.
Als weitere Regel hatte ihre Großmutter festgelegt, dass Martine nur in gemächlichem Tempo auf Jemmy reiten durfte. «Allerhöchstens im Trab, lieber noch im Schritt», sagte sie streng.
Martine hatte ihren Worten kaum Beachtung geschenkt. In ihren Augen war Jemmy ein Wildtier, und deshalb betrachtete sie es als völlig normal, dass er die Freiheit haben sollte, seiner Wesensart zu folgen – auch wenn dies bedeutete, dass er mit 35 Stundenkilometern durch die Savanne preschte. Abgesehen davon konnte sie ja auch kaum etwas dagegen ausrichten, da sie keine Zügel hatte, um ihn zu bremsen. Und was bringt es, auf einer Giraffe zu reiten, wenn sich diese höchstens im Tempo eines alterssteifen Ponys fortbewegen darf?
Damit war auch Jemmy voll und ganz einverstanden. Während sie über die Steppe flogen, pfiff der Frühlingswind in Martines Ohren. «Schneller, Jemmy», rief sie. «So schnell, wie du nur kannst.» Dann lachte sie schallend vor lauter Glück und Aufregung, auf einer wilden Giraffe zu reiten.
Plötzlich schoss etwas Graues durch ihr Blickfeld, begleitet von einem schrillen, nasalen Quieken.
Jemmy machte einen Schlenker. Im Sekundenbruchteil, bevor sie vom Körper der weißen Giraffe wegkatapultiert wurde, erhaschte Martine einen flüchtigen Blick von einem Warzenschwein, das mit nach vorne gerichteten gelben Hauern aus seinem Bau gestürmt kam. Hätte sie Jemmys Hals nicht fest mit ihren Armen umschlungen gehabt, wäre sie aus drei Metern auf den Steppenboden gestürzt. Stattdessen rutschte sie nur auf die Brustseite von Jemmys Hals, wo sie wie ein menschliches Amulett hin und her baumelte. Derweilen tänzelte Jemmy scheu herum, während die Sau in der Absicht, ihre Jungen zu verteidigen, wütend zu ihm hinaufquiekte. Fünf Warzenschweinferkel irrten mit himmelwärts ragenden Schwänzchen verängstigt umher.
Die Schmerzen in Martines Armen waren beinahe unerträglich, doch sie wollte um keinen Preis loslassen. Sie liebte Warzenschweine mit ihren Warzen, der rauen Haut, den Schweinsöhrchen und dem ganzen Drum und Dran. Doch sie wusste, dass sie zwar mit ihren Augenwimpern glamourös klimpern, im nächsten Augenblick aber mit ihren Hauern ihre Beine zu blutigem Brei schlagen konnten.
Sie biss die Zähne zusammen. «Jemmy», raunte sie der Giraffe zu. «Nichts wie weg hier, alter Junge.»
In seiner Verwirrung machte Jemmy einen Schritt zurück und beugte sich zu dem Warzenschwein hinab.
«Nein», kreischte Martine, als die Muttersau nach einem ihrer Stiefel schnappte. «Weg hier! Bloß weg hier, Jemmy!»
Jemmy ließ seinen Hals zurückschnellen, um den scharfen Hauern des Warzenschweins auszuweichen. Martine nutzte diese Bewegung, um ihre Beine um Jemmys Hals zu schlingen. Aus dieser Stellung schaffte sie es, sich auf seinen Rücken zu schwingen und ihn zu einem Sprint anzutreiben. Schon bald war die Warzenschweinfamilie nur noch ein grauer Fleck in weiter Ferne, auch wenn das triumphierende Quieken der Muttersau noch lange zu hören war.
Den Rest des Heimwegs ritt Martine in gemächlichem Tempo und mit einem reumütigen Lächeln auf den Lippen. So schnell würde sie sich nicht mehr aufspielen, nicht einmal vor einem Flusspferdpublikum. An der Eingangspforte zum Reservat beugte sich Jemmy vornüber und ließ Martine seinen silberfarbenen Hals hinabgleiten, als wäre er eine Rutschbahn. Das war zwar nicht die sicherste Methode, um von einer Giraffe abzusteigen, aber sie machte Spaß. Noch einmal umarmte sie Jemmy und schlenderte dann zwischen den Mangobäumen hindurch zum Haus mit dem Strohdach.
In der Küche stand eine Bratpfanne auf dem Herd. Darin brutzelten mit Zucker bestreute Tomaten, auf denen sich langsam eine goldbraune Karamellkruste bildete. Kleine Genussfältchen zogen sich über Martines Nase. Sie hatte einen Bärenhunger. Sechsmal in der Woche gab es bei Großmutter hartgekochte Eier mit Toast zum Frühstück, manchmal mit einer Schale Cornflakes als Lichtblick. Doch sonntags und an besonderen Tagen wie heute zeigte sich Gwyn Thomas von ihrer großzügigen Seite, tischte einen köstlichen Brunch auf, bereitete einen leckeren Braten oder erlaubte Martine, zusammen mit Tendai, dem Zulu, der als Wildhüter in Sawubona arbeitete, zu einem Frühstückspicknick am Lagerfeuer auf das Hochplateau zu fahren.
Martine streifte die Stiefel auf der Veranda ab, ging barfuß in das Haus und rief: «Morgen Großmutter!»
«Hallo Martine», sagte Gwyn Thomas, während sie die Ofentür schloss und sich aufrichtete. Sie trug eine rot gestreifte Schürze über einem Jeanshemd. «Wasch dir die Hände und setz dich hin. Hattest du einen schönen Ausritt? Und hat sich Jemmy gut aufgeführt?»
«Wie ein Engel», sagte Martine. Etwas anderes würde sie über ihren Freund ohnehin nicht sagen, ganz abgesehen davon, dass er sich immer gut benahm. Es war ja nicht sein Fehler, dass das Warzenschwein heute mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bau gestiegen war.
An der Tür klopfte es zaghaft.
«Ah, Ben», sagte Gwyn Thomas lächelnd. «Perfektes Timing. Das Frühstück ist fast bereit. Komm, setz dich.»
«Danke, Ma’am», sagte eine klare, junge Stimme.
Als sie sich umdrehte, sah Martine den Jungen, der halb Zulu, halb Inder war, etwas schüchtern die Küche betreten. Er trug eine armeegrüne Weste, schwere braune Stiefel und ausgefranste Jeans – seine einzigen, seit er vor ein paar Wochen während eines Inselabenteuers seine anderen Jeans zu Shorts gekürzt hatte. Er hatte glänzend schwarzes Haar, seine Haut war honigfarben, und obwohl er schlank war – einige hätten ihn wohl gar als mager beschrieben –, wirkte er sportlich und kräftig.
Er wusch sich die Hände in der Küchenspüle und setzte sich an den Tisch. «Dir ist heute Morgen wohl ein Warzenschwein über den Weg gekrochen, Martine», neckte er sie. «Ihr habt den Busch ganz schön umgepflügt, du und Jemmy. Es sieht ja stellenweise so aus, als hätte hier der Start zur East African Safari Rallye stattgefunden.»
«Was ist passiert?», fragte Gwyn Thomas. «Bist du zu schnell geritten? Habe ich dir nicht ausdrücklich verboten, Jemmy galoppieren zu lassen? Meinst du, ich will, dass du dir vor meinen Augen das Genick brichst? Sag mal, Ben, haben die Spuren auch gezeigt, dass Martine sehr schnell unterwegs war?»
Martine warf Ben einen verstohlenen Blick zu. Sie wusste, dass Gwyn Thomas ihr das Leben schwer machen würde, sollte man sie beim Galopp auf Jemmy ertappen. Sie wusste aber auch, dass Ben niemals log, und hätte das auch nie von ihm erwartet. Sie machte sich schon auf eine Strafpredigt und ein Reitverbot gefasst. Großartig! Und das am ersten Tag der Schulferien.
«Ja … ääh … ich glaube», sagte Ben und wand sich auf seinem Stuhl.
Die Großmutter stemmte die Arme in die Hüften. «Was glaubst du, Ben? Rück heraus mit der Wahrheit!»
«Ich glaube, der Toast brennt an», sagte Ben geistesgegenwärtig.
Gwyn Thomas sprang auf, zog die rauchende Grillpfanne vom Herd und pustete die Flammen aus, die an den vier verkohlten Toastscheiben züngelten. In diesem Moment begann die Schaltuhr des Ofens zu piepsen und zeigte an, dass die Pilze gar waren, und Martine bemerkte, dass nun auch von den Tomaten Rauch aufstieg. Als sie schließlich das verbrannte Frühstück halbwegs gerettet, frische Toasts gemacht und ein paar Eier in die Pfanne geschlagen hatten, schien Martines Großmutter den gefährlichen Ausritt vergessen zu haben.
Ben lenkte sie zusätzlich mit einer Warzenschweingeschichte ab, die ihm Tendai am Morgen erzählt hatte. Es ging um einen jungen Jäger, den er während seiner Ausbildung zum Wildhüter kennengelernt hatte. Eines Tages wollte dieser die anderen Jägerlehrlinge unterhalten und seine Tapferkeit unter Beweis stellen, indem er ein Warzenschwein in einem Gehege einfach so zum Spaß reizte und quälte. Sollte das Tier auf ihn losgehen, wollte er über den Zaun entkommen.
«Das einzige Problem war, dass es sich um einen Elektrozaun handelte», erzählte Ben grinsend. «Und an dem blieb der junge Jäger zwanzig Minuten lang hängen, bis das Warzenschwein genug hatte und von ihm abließ.»
Martine, deren Arme immer noch von ihrer eigenen Begegnung mit einem aufgebrachten Warzenschwein schmerzten, lachte, wenn auch nicht so herzhaft wie ihre Großmutter.
«Was habt ihr beide denn für Ferienpläne?», fragte Gwyn Thomas, während sie ihnen ein Glas frischen Papayasaft einschenkte. «Natürlich abgesehen von deinen langsamen, sehr gemächlichen Ausritten mit Jemmy, Martine», fügte sie hinzu und zeigte ihrer Enkelin mit einem vielsagenden Blick, dass sie Bens Worte nicht vergessen hatte, auch wenn sie die Sache noch einmal durchgehen lassen wollte.
Mit einem dankbaren Lächeln gab Martine zurück: «Keine Sorge. Ich werde so langsam reiten, dass uns sogar Schildkröten überholen können.»
Ansonsten wollte sie ihr Wissen über das Leben und Überleben im Busch auffrischen und Aquarelle von den Tieren in der Krankenstation von Sawubona malen.
Ben hatte die Erlaubnis seiner Eltern, den Großteil seiner Ferien in Sawubona zu verbringen, um sich von Tendai in die Geheimnisse des Fährtenlesens einführen zu lassen.
Als Martine Ben kennengelernt hatte, war er beinahe stumm gewesen. Er sagte zu niemandem ein Wort – außer zu ihr und seinen Eltern. Die meisten Mitschüler glaubten denn auch, er sei stumm, und einige waren auch heute noch dieser Meinung. Doch in Sawubona schien er sich beim Plaudern mit Tendai, Gwyn Thomas oder anderen durchaus wohlzufühlen.
Während sie zuhörte, wie Ben von seinem Morgen im Reservat erzählte, spießte sie gedankenverloren mit der Gabel die letzten Kartoffeln auf und ließ die Küchenszene auf sich wirken. Vor acht Monaten waren ihre Eltern in der Silvesternacht bei einem Brand in England ums Leben gekommen. Darauf war sie wie ein Paket nach Afrika geschickt worden, wo sie bei ihrer strengen Großmutter leben musste, von deren Existenz sie vorher nicht einmal gewusst hatte. Sie war überzeugt gewesen, nie mehr in ihrem Leben glücklich sein zu können. Doch nun saß sie zufrieden am Frühstückstisch mit jener Großmutter, die nach einer schwierigen Anfangszeit einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben geworden war, und mit Ben, ihrem allerbesten Freund auf dieser Welt – abgesehen von Jemmy natürlich.
Durch die offene Tür sah Martine, wie ein paar Zebras in einiger Entfernung am Wasserloch herumplanschten. Ihre Eltern würden ihr immer fehlen, aber es half ihr schon sehr, dass ihre neue Heimat eines der schönsten Wildreservate der südafrikanischen Kapprovinz war, dass sie auf ihrer eigenen weißen Giraffe durch den Busch reiten konnte und dabei so dicht an Elefanten und Zebras herankam, dass sie sie berühren konnte. Außerdem mochte sie das Wetter in Afrika. Obwohl es noch früh war, tauchte die Sonne die Küchenfliesen schon in ein warmes Orange, und auch Shelby, die rötlich-braune Katze, genoss lang ausgestreckt die Wärme der frühmorgendlichen Sonnenstrahlen.
Das schrille Klingeln des Telefons schreckte sie auf. Gwyn Thomas blickte auf die Uhr und runzelte die Stirn. «Es ist noch nicht einmal sieben. Wer ruft denn in aller Herrgottsfrühe an einem Sonntagmorgen an?»
Sie ging in das Wohnzimmer, wo das Telefon stand. Die Leitung schien schlecht zu sein, denn sie musste sehr laut sprechen. In der Küche war jedes Wort zu verstehen.
«Sadie», rief sie, «was für eine Überraschung! Schön, von dir zu hören. Wie geht’s in der Black Eagle Lodge? … Nein, das darf nicht wahr sein. Das tut mir wirklich leid. Wenn ich etwas für dich tun kann, Sadie, dann sag’ es mir. Wie bitte? Oh! Oooh!»
Ben und Martine blickten sich an, und Ben zog die Augenbrauen hoch. «Klingt nicht gut», murmelte er.
«Ah, ja, ja, ich verstehe», sagte Gwyn Thomas. «Nein, nein, das muss dir nicht peinlich sein. Auf gar keinen Fall. Im Gegenteil, eigentlich passt das perfekt. Wir sind schon unterwegs. Mach dir nur mal keine Sorgen. Wir sind bald da. In der Zwischenzeit pass gut auf dich auf.»
Sie hörten, wie Gwyn Thomas den Hörer auflegte. Dann war es für eine Weile still. Als die Großmutter wieder die Küche betrat, machte sie ein ernstes Gesicht. «Martine, Ben, es tut mir leid, aber ihr müsst eure Ferienpläne fürs Erste begraben. Martine, wir fahren morgen früh für einen Monat weg. Wir müssen nach Simbabwe.»

• 2 •

Martine starrte ihre Großmutter verdutzt an und sagte: «Simbabwe? Was? Warum? Ich kann doch Jemmy nicht allein lassen. Das ist unmöglich. Ausgerechnet jetzt, am ersten Ferientag!»
«Ich kann dich verstehen, Martine. Das Ganze kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und es tut mir leid», sagte Gwyn Thomas und legte ihr die Hand auf die Schulter. «Es tut mir selbst weh, euch beide enttäuschen zu müssen. Ich weiß, wie sehr du dich auf die Ferienzeit gefreut hast. Ich würde nicht im Traum daran denken, dich von Jemmy oder Sawubona zu trennen, wenn ich eine Alternative hätte. Aber Sadie ist nun mal eine meiner ältesten und besten Freundinnen; ich kenne sie schon seit einer Ewigkeit. Sie hatte einen Unfall und braucht unbedingt unsere Hilfe.»
«Darf ich fragen, was passiert ist?», mischte Ben sich ein. Er war ebenso niedergeschmettert wie Martine, verstand es aber besser, sich das nicht anmerken zu lassen.
«Sicher», sagte Gwyn Thomas. Sie setzte sich und goss sich Kaffee nach. «Sadie führt in den abgelegenen Matobo-Bergen von Simbabwe ein Hotel – die Black Eagle Lodge. Die Matobo-Berge liegen in Matopos, einer Gegend, die für ihre bizarren Felsformationen mit den aufeinandergestapelten Findlingen und ihre Geschichte bekannt ist. Nach einer Legende soll Lobengula, der letzte König des Ndebele-Volkes, dort samt seinem Schatz begraben sein.
Unglücklicherweise ist Sadie vor einer Woche gestolpert und hat sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen. Jetzt trägt sie einen Gips vom Fußgelenk bis zum Oberschenkel und humpelt auf Krücken herum. Mit den ganzen Missernten und politischen Problemen ist das Leben in Simbabwe im Moment kein Honiglecken. Im letzten Monat musste Sadie fast alle Mitarbeiter entlassen. Und dieser Unfall macht alles noch schwieriger. Früher war die Black Eagle Lodge besonders bei Reitern sehr beliebt. Jetzt hat sie nur noch einen Mann, der sich um die Pferde kümmert. Und wenn sich doch einmal ein paar Gäste in ihr Hotel verirren, hat sie weder Koch noch Reinigungspersonal. Da Martine eine gute Giraffenreiterin ist und ich leidlich kochen kann, könnten wir ihr doch einen Monat lang unter die Arme greifen.»
Während sie diese Worte aussprach, blickte sie Martine eindringlich an.
Martine tat so, als merke sie es nicht. Sie saß mit verschränkten Armen ruhig auf ihrem Stuhl. Tief in ihren Augenhöhlen brannten die Tränen. Alles und alle schienen sich immer wieder gegen sie und Jemmy zu verschwören. Wenn sie nicht gerade auf einer Insel gestrandet war oder nicht auf Jemmy reiten durfte, lauerten Wilderer im Reservat, um ihn zu entführen. Außerdem konnte sie sich nicht daran erinnern, dass ihre Großmutter je von Sadie gesprochen hatte, und jetzt war sie plötzlich eine ihrer ältesten und besten Freundinnen. Konnte Sadie nicht jemanden aus der Gegend um Hilfe bitten? Simbabwe war ja nicht gerade um die Ecke, sondern mehr als 1500 Kilometer entfernt.
Die Matobo-Berge mit ihren außergewöhnlichen Felsformationen und dem verlorenen Schatz des Ndebelekönigs waren zweifellos ein faszinierendes Reiseziel. Und sie hatte schon immer auf einem Pferd reiten wollen. Doch wenn sie die Wahl gehabt hätte, wäre sie in Sawubona bei Jemmy geblieben.
Ben, der genau wusste, wie viel Martine ihre geliebte weiße Giraffe bedeutete, sagte: «Kann ich irgendetwas tun? Vielleicht könnte ich an Martines Stelle mit Ihnen nach Simbabwe kommen und mich im Hotel irgendwie nützlich machen. Ich bin zwar noch nie auf einem Pferd geritten und ich muss natürlich noch meine Eltern fragen, aber ich würde das schon hinkriegen, oder ich könnte wenigstens die Pferde füttern, den Stall ausmisten oder so. Dann könnte Martine hier bei Jemmy bleiben. Äh, natürlich nur, wenn Sie wollen …» Seine Stimme wurde brüchig.
«Ben, das ist wirklich ein großzügiges Angebot, aber Martine kann unmöglich allein hier bleiben», sagte Gwyn Thomas. «Tendai hat keine Zeit, sich auch noch um sie zu kümmern. Außerdem weiß ich nicht, ob deine Eltern dich für vier Wochen mit uns nach Simbabwe fahren lassen, und dazu noch in eine so abgelegene Gegend. Aber falls sie es erlauben, würden wir dich natürlich nur allzu gerne mitnehmen. Da wärst bestimmt auch du einverstanden, Martine?»
Martine war hin- und hergerissen. Einerseits wollte sie Jemmy nicht allein zurücklassen, andererseits wollte sie nicht, dass Ben ohne sie eine Abenteuerreise unternahm.
«Martine», sagte Gwyn Thomas mit einem warnenden Unterton, «vergiss deine Manieren nicht. Wir würden uns doch freuen, wenn Ben mit uns nach Simbabwe käme?»
«Das weiß Ben, ohne dass ich es ihm unter die Nase reiben muss», murmelte Martine.
Normalerweise hätte Gwyn Thomas ihre Enkelin für ein derart rüdes Benehmen ausgescholten, doch jetzt seufzte sie nur. «Martine, das Allerletzte, was ich will, ist, dich von Jemmy zu trennen oder dich unglücklich zu machen. Aber ich mache mir echte Sorgen um Sadie. Ich hatte das Gefühl, dass … Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.»
«Was?», drängte Ben.
«Wahrscheinlich ist da gar nichts, aber ich habe irgendwie das Gefühl, Sadie hat mir etwas verschwiegen. Ich kenne wohl keine stolzere und unabhängigere Frau als sie, und dennoch hat sie mich praktisch angefleht, ihr zu helfen. Das passt einfach nicht zu ihr. Deshalb werde ich das Gefühl nicht los, dass da – abgesehen von ihrem Unfall – etwas nicht in Ordnung sein könnte.»
Sie ergriff Martines Hand. «Ich spüre einfach, dass sie uns braucht. Kannst du das verstehen?»
Was sollte Martine da noch einwenden? Ihre Großmutter hatte so viel für sie getan.
«Es tut mir leid», sagte sie und umarmte Gwyn Thomas. «Es kam einfach etwas überraschend. Natürlich verstehe ich das. Ich werde Jemmy ganz furchtbar vermissen, aber ich freue mich auch, ein anderes Land kennenzulernen, vor allem wenn wir Sadie helfen können und ich nebenbei noch auf Pferden reiten kann.»
«Schön», sagte ihre Großmutter sichtlich erleichtert. «Dann sollten wir uns sofort ans Packen machen. Ich will, dass diese Reise für euch zu einem Ferienerlebnis wird. Die Fahrt wird lang sein, deshalb werden wir ein- oder zweimal in Rainbow Ridge übernachten und auch bei anderen Sehenswürdigkeiten unterwegs Halt machen. Komm Ben, wir rufen gleich deine Eltern an.»
Gwyn Thomas drückte Martines Hand und sagte: «Wir werden Spaß haben, ich verspreche es dir.»

Martine behielt ihr Lächeln auf den Lippen, bis ihre Großmutter und Ben die Küche verlassen hatten. Dann stürmte sie aus dem Haus und über den Sandweg zum Tierasyl, setzte sich neben das Gehege mit den zwei verwaisten Wüstenluchswelpen und brach in Tränen aus.
Sie konnte es wirklich verstehen, dass ihre Großmutter nach Simbabwe fahren wollte, um einer guten Freundin zu helfen, die sie dringend brauchte. Sie war auch überzeugt, dass sie genau gleich handeln würde, wenn jemand, der ihr nahe stand, Hilfe brauchen würde. Sie konnte aber beim besten Willen nicht verstehen, warum auch sie in die Matobo-Berge fahren musste. Wenn Ben mitkommen durfte, würde es zwar nur halb so schlimm werden. Aber vier lange Wochen ohne ihre besten Freunde zu sein, würde sich wie eine lebenslängliche Gefängnisstrafe anfühlen. Es musste doch hier in Storm Crossing jemanden geben, bei dem sie wohnen könnte. Zum Beispiel …
Plötzlich war Martines Trauerstimmung wie verflogen. Weshalb hatte sie nicht früher daran gedacht? Sie könnte doch bei Grace, Tendais Tante, wohnen. Grace war eine Sangoma, eine Medizinfrau und Heilerin, deren Vorfahren aus dem Volk der Zulu und aus der Karibik stammten. Gleich nach ihrer Ankunft in Afrika hatte Martine eine besondere Beziehung zu Grace entwickelt, denn Grace hatte ihr als Erste gesagt, dass sie eine geheime Gabe hatte, die ihr Schicksal prägen würde. «Die Gabe kann sein ein Segen, aber auch ein Fluch. Du musst entscheiden weise», hatte sie Martine wenige Stunden, nachdem sie in Kapstadt gelandet war, geraten.
Die Gabe war selbst für Martine ein Rätsel. Sie wusste, dass sie etwas mit Heilkräften und einer alten Zululegende zu tun hatte, wonach ein auf einer weißen Giraffe reitendes Kind über alle Tiere herrschen würde. Gerade dies aber war für sie, die vor Kurzem von einer Biene gestochen wurde und deren Arme immer noch von der Begegnung mit dem Warzenschwein schmerzten, mit einigen Fragezeichen verbunden.
Schon zweimal hatte sie ihre Zukunft in geheimnisvollen Malereien auf einer Höhlenwand gesehen. Die Höhle befand sich ganz hinten im Geheimen Tal, dem Refugium der weißen Giraffe. Und die Malereien hatten beide Male erst einen Sinn ergeben, als sie die vorgezeichneten Ereignisse tatsächlich erlebte.
«Das ist nicht fair», hatte sich Martine bei Grace beklagt. «Wenn die Buschmänner des San-Stammes so viel über mein Schicksal wussten, hätten sie ihre Malereien doch etwas verständlicher gestalten können. Dann wäre es mir nämlich gelungen, all die negativen Ereignisse abzuwenden. Wenn ich zum Beispiel gewusst hätte, was sich im Juni auf dem Schiff ereignen würde, wäre ich niemals an Bord gegangen.»
«Genau», hatte Grace geantwortet. «Wenn du könntest blicken in deine Zukunft, du würdest dich nur für das Angenehme und das Bequeme entscheiden. Dann würdest du gar nicht kennenlernen und erleben das Wichtige in dieser Welt, denn oft sind die wichtigen Dinge auch die schwierigsten. Wenn du nie gegangen wärest auf dieses Schiff, wo wären jetzt die Delfine?»
«Oh», hatte Martine damals gesagt, «oh, jetzt verstehe ich dich.»
Martine fühlte sich sehr wohl in der Gesellschaft von Grace. Sie war eine weise, lustige Frau, die faszinierend viel über afrikanische Medizin wusste. Sie mochte ihr exzentrisches Haus, in dem Hühner ein- und ausgingen, vor allem aber mochte sie ihre leckeren Bananenpfannkuchen. Allerdings würde Gwyn Thomas ihre Enkelin nach längerem Aufenthalt bei Grace wohl dreimal so schwer vorfinden wie vor ihrer Abreise. Vielleicht würde sie dies allerdings positiv werten, weil sie und Grace ständig versuchten, Martine zu mästen.
Je länger Martine darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr die Idee, während der Abwesenheit ihrer Großmutter bei Grace zu bleiben. Schließlich war Grace die beste Freundin von Gwyn Thomas in Storm Crossing – was konnte sie schon dagegen einwenden? Jetzt musste sie nur noch Grace überzeugen.
Der Plan hatte in ihren Gedanken gerade erst konkrete Formen angenommen, als sie eine Stimme mit breitem karibischen Akzent hörte: «Ich habe gerade getrunken Tee mit meinem Neffe, da höre ich doch dieses fürchterliche Heulen und Schluchzen. Und ich habe gesagt zu mir: Kein Kind, das lebt in Sawubona unter der strahlenden Sonne des Herrn, hat Grund zu weinen, als würde untergehen die Welt zu Mittagsstunde. Ich muss mal sehen, was ist passiert. Und jetzt sehe ich dich, mein liebes Kind, mit schelmischem Blick und ein Lächeln auf den Lippen. Was ist denn bloß los mit dir, Kind?»
Das plötzliche Auftauchen der Sangoma, gerade in dem Augenblick, als sie an sie gedacht hatte, war für Martine wie ein Sonnenstrahl, der durch dunkle Gewitterwolken bricht. «Grace!», rief sie, schoss auf und lief auf sie zu, um sie zu umarmen. «Ich habe gerade an dich gedacht.»
Grace ließ sich neben ihr auf die Bank sinken. Normalerweise war sie traditionell gekleidet, heute jedoch trug sie einen Rock mit Oberteil in grellem Rosa, ein Halstuch und dazu passende Schuhe in Lila. Grace, die wegen ihrer Vorliebe für ihre selbstgemachten Pfannkuchen an sich schon eine beeindruckende Gestalt war, wirkte in diesem Aufzug noch auffälliger. Sie blickte Martine erwartungsvoll an.
Martine erzählte Grace von der geplanten Simbabwe-Reise ihrer Großmutter. Zum Schluss nahm sie sich ein Herz und fragte sie: «Grace, darf ich dich um einen Gefallen bitten? Meinst du, ich könnte einen Monat lang bei dir wohnen?»
Zuerst sagte Grace gar nichts, was die Schmetterlinge in Martines Bauch zum Flattern brachte. Grace würde ihr diesen Wunsch doch nicht etwa ausschlagen? Schließlich sagte die Sangoma: «Du kannst immer wohnen bei mir, Kind, aber nicht dieses Mal.»
Martine war völlig baff und auch ein wenig verletzt, doch nachdem sie sich diesen perfekten Plan ausgedacht hatte, war sie nicht bereit, unverrichteter Dinge aufzugeben. «Ich weiß, vier Wochen sind eine lange Zeit, aber ich werde mich vorbildlich benehmen», versprach sie. «Du wirst gar nicht merken, dass ich da bin. Ich brauche nicht einmal ein Bett. Ich kann auf dem Sofa oder der Grasmatte schlafen.»
Doch die nächsten Worte von Grace zerschlugen all ihre Pläne auf einmal. «Und was ist mit der Botschaft von den Ahnen? Die willst du einfach schlagen in den Wind?»
«Welche Botschaft», sagte Martine, doch dann erinnerte sie sich mit einem Mal. Als sie im letzten Juni mit ihrer Großmutter, Ben und dessen Eltern am Strand spazieren gegangen war, hatte sie im Sand die Zeichnung eines Leoparden entdeckt. Seine Darstellung war so greifbar und genau gewesen, dass selbst die Schnurrhaare und Flecken des Raubtiers in allen Einzelheiten zu erkennen waren. Die Zeichnung war bestimmt erst vor wenigen Minuten in den Sand geworfen worden. Doch abgesehen von ein paar Fischern, die in einiger Entfernung ihren Fang ausluden, und Martines Begleitern weiter vorne war der Strand menschenleer gewesen. Sie rief Ben herbei, um ihm den Leoparden zu zeigen, doch im Sekundenbruchteil, in dem sie der Sandzeichnung den Rücken gekehrt hatte, war diese von einer Welle für immer weggewischt worden.
Martine erinnerte sich an den Schauder, der ihr damals über den Rücken lief, als die Zeichnung weg war – als wäre sie für sie allein bestimmt gewesen.
Auch jetzt lief ihr ein Schauder über den Rücken. «Woher weißt du vom Leoparden? Ich war doch die Einzige, die ihn gesehen hat.»
«Du musst nach Simbabwe fahren», fuhr Grace fort, als hätte Martine kein Wort gesagt. «Was wird geschehen, steht schon geschrieben. Es ist dein Schicksal.»
Der Telefonanruf, Sadies Unfall, der plötzliche Auftritt von Grace und vielleicht auch der Zwischenfall mit dem Warzenschwein – all diese Ereignisse des heutigen Morgens waren vielleicht kein Zufall gewesen, sondern standen irgendwie miteinander in Zusammenhang. Martine wusste nicht so recht, ob sie diesen Gedanken tröstlich oder nur unheimlich finden sollte.
Ein Windstoß blies zwei Federn aus dem Eulenkäfig. Sie wirbelten durch die Luft, bis sie neben der Bank quer übereinander auf den Boden fielen und ein X bildeten. Seltsamerweise waren sie weder gefleckt noch gelbbraun wie die Eule selbst, sondern glänzten pechschwarz. Fast – so dachte sich Martine später – wie die Federn eines Adlers.
Als Grace die Federn sah, wurde sie plötzlich sehr aufgeregt. Sie packte Martines Arm. «Dieser Junge», sagte sie eindringlich. «Dieser ruhige Junge, der Buddhist.»
Verblüfft fragte Martine: «Ben?»
«Ja, genau der. Weißt du, jetzt gehört er zu deiner Geschichte. Ihr beide seid verbunden miteinander. Auf eurer Reise nach Simbabwe müsst ihr beiden immer bleiben zusammen. Wenn ihr seid getrennt, kommt Gefahr.»
Martine konnte mit den Weissagungen und Vorahnungen von Grace nicht immer viel anfangen, aber diese Warnung erschien ihr jetzt durch und durch unvernünftig und unrealistisch. «Wir können nicht immer zusammenstecken», sagte sie Grace. «Ben ist gerne allein, und er begibt sich immer wieder auf Fährtensuche. Überhaupt: Vielleicht erlauben seine Eltern ja gar nicht, dass er mit nach Simbabwe mitkommt.»
Aber Grace blieb hart. «Ihr müsst bleiben zusammen», sagte sie unerbittlich. «Ihr müsst.»
Martine lehnte sich auf der Bank zurück und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie, wie Grace die Federn in den Lederbeutel steckte, den sie um den Hals trug.
«Was bedeutet das alles, Grace? Werde ich je wieder ein normales Leben führen können. Also, ich bin ja froh über meine Gabe, auch wenn ich nicht genau weiß, wozu sie taugt, und ich will so viele Tiere heilen wie möglich, aber es wäre auch schön, einmal ganz normale Schulferien zu verbringen, um auszuruhen, Bücher zu lesen, auf Jemmy zu reiten und all die Dinge zu tun, die andere Kinder tun können.»
Grace legte ihren Arm fürsorglich um Martines Schulter. «Wie viele Kinder hast du schon gesehen, die haben geritten auf weißen Giraffen? Hm? Wir können den Weg unseres Lebens nicht immer wählen selbst, Kind. Und der Weg, der wurde gewählt für dich, ist kein leichter Weg. Vertraue auf deine Gabe. Deine Gabe wird dich beschützen.»
Die Wüstenluchse begannen, um ihr Futter zu kämpfen, und Martine musste in ihr Gehege, um sie voneinander zu trennen. Als sie sich umdrehte, war Grace nur noch ein rosa Punkt, der sich über den staubigen Weg entfernte. Sie hatte sich nicht einmal verabschiedet. Jetzt, als Martine ihr hinterherblickte, hob sie eine Hand und winkte, ohne sich umzudrehen.
Martine setzte sich wieder auf die Bank und starrte mit leerem Blick auf die Tiere im Asyl: die Wüstenluchse mit ihren spitzen Fellöhrchen, die Eule, Shaka, der kleine Elefant, und sein neuer Gefährte, ein Zebrafohlen, das von seiner Mutter verstoßen worden war und jetzt von Tendai mit der Flasche aufgepäppelt wurde. Sie dachte an den Leoparden im Sand. Es war ein außergewöhnlich großer Leopard gewesen. Kauernd, wie zum Angriff bereit. Sie erinnerte sich immer noch an seine Klauen und wie er die Zähne gefletscht hatte.
Die Wüstenluchse begannen, in ihrem Käfig hin und her zu laufen. Sie mussten etwas gehört haben. Martine blickte auf. Vielleicht war Grace zurückgekommen. Doch es war Ben. Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht.
«Ich habe mit meinen Eltern gesprochen», sagte er. «Ich darf mitkommen. Ich fahr mit nach Simbabwe.»
So leise, dass höchstens die Wüstenluchswelpen sie hören konnten, antwortete Martine: «Ich auch.»

• 3 •

Martine legte das Buch nieder, das sie während der letzten hundert Kilometer zu lesen versucht hatte, und rappelte sich genervt in eine einigermaßen bequeme Sitzposition auf. Sie war verkrampft und müde, außerdem war ihr vom Autofahren leicht übel. Ihre Ohren schmerzten vom endlosen Brummen des Landrovers. Sie waren jetzt schon anderthalb Tage unterwegs, und bald würden sie in Rainbow Ridge ankommen und dort übernachten. Martine konnte es kaum erwarten. Autoreisen machten Spaß, solange man durch Felder mit bunter Blumenpracht oder malerische Städtchen fuhr, doch wenn nichts zu sehen war als ein endloses, sich in der Ferne verlierendes Asphaltband, waren Autofahrten das Langweiligste, was man sich vorstellen konnte.
«Ist es noch weit? Wie lange dauert es noch, bis wir ankommen?», hatte sie ihre Großmutter am ersten Tag immer wieder gefragt, bis diese damit drohte, bis nach Matopos nur noch laute Opernmusik zu spielen, wenn sie nochmals fragen würde.
Die erste Nacht hatten sie auf halbem Weg zwischen Kapstadt und Johannesburg auf einer Straußenfarm verbracht. Auf den meisten Farmen wurden Strauße wegen ihrer genoppten, ledrigen Haut, die sich zur Herstellung von Gürteln und Handtaschen eignet, und zur Fleischgewinnung gezüchtet. Diese Farm jedoch war ein Asyl für Strauße, die misshandelt oder von der Schlachtbank gerettet worden waren.
Martine und Ben hatten in der Abenddämmerung auf dem Bretterzaun des Straußenpferchs gesessen und die Tiere dabei beobachtet, wie sie in sonnendurchfluteten Staubwolken umherstolzierten und ihre runzligen Hälse wie Periskope auf- und abwärtsbewegten. Der Farmer hatte Martine erzählt, dass Strauße mitunter schlechter Laune sein konnten und mit ihren Saurierkrallen Hiebe austeilten, wenn ihnen etwas oder jemand nicht in den Kram passte. Sie wirkten äußerst selbstgefällig, als fühlten sie sich allen anderen Lebewesen auf der Farm überlegen. Auf jeden Fall schienen sie in keiner Weise dankbar zu sein, dass man sie gerettet hatte.
Martine spürte einen Druck in den Ohren. Mittlerweile fuhren sie steil bergauf. Lange waren die Berge nur als violette Konturen in der Ferne zu sehen gewesen. Jetzt befanden sie sich mitten im Gebirge. Bewaldete Flanken wurden von schroffen Gesteinsformationen und zerklüfteten Felswänden abgelöst. Sie hatten inzwischen eine solche Höhe erreicht, dass jetzt direkt unter ihnen ein messerscharfer Bergkamm zu sehen war, von dem gekräuselte Rauchschwaden aufstiegen.
Aus der Nähe betrachtet stellte sich der Rauch als Sprühnebel heraus, über den sich ein perfekter Regenbogen spannte.
«Rainbow Ridge!», rief Ben, der sich voller Aufregung aus dem Fenster lehnte. «Von hier aus sieht man es nicht, aber etwas weiter hinten befindet sich einer der höchsten Wasserfälle im südlichen Afrika. Dort gehen wir heute Nachmittag hin, Martine, um zu klettern.»
Auf dem Beifahrersitz des Landrovers durchfuhr Martine ein unfreiwilliger Schauer. Wenn sie nicht gerade mit Giraffen zu tun hatte, konnte sich Martine weder für tiefe Abgründe noch für große Anstrengungen begeistern.

Das kleine Feriendorf lag abseits von den Touristenströmen in einem abgeschiedenen Tal. Umso erstaunter waren sie, dass eine aufgeregte Menschentraube den Empfang belagerte. Ein Fotograf schoss Bilder, und Autogrammjäger drängelten sich um die besten Plätze. Als sich die Menschenmenge langsam auflöste, erhaschten Martine und Ben schließlich einen Blick von zwei bärtigen Männern in Klettermontur. Sie hatten die gesunde Ausstrahlung und den sonnengebräunten Teint von Menschen, die viel Zeit an der frischen Luft verbringen. Auf die scheue Frage nach dem Namen der Prominenten erfuhren sie, dass es sich um die berühmten kanadischen Bergsteiger Red West und Jeff Grant handelte, die gerade auf einer Tour durch Südafrika waren.
Schließlich wurden die Kletterer aus dem Empfangsraum geleitet, und die Fangruppe löste sich allmählich auf. Gwyn Thomas und die beiden Kinder checkten bei einer aufgeregten Rezeptionistin ein und erhielten den Schlüssel für ihre Blockhütte. Die Frau war von den beiden prominenten Hotelgästen immer noch hingerissen. «Solche Gentlemen», schwärmte sie, «und so gut aussehend!»
Gwyn Thomas hatte alle Mühe, die Aufmerksamkeit der jungen Dame zu gewinnen. Als es ihr schließlich doch gelang, hatte sie schlechte Nachrichten. Alle Bergführer waren ausgebucht, und die nächsten Gruppenführungen zur Rainbow Ridge fanden erst wieder am nächsten Tag statt.
«Aber es ist eine ganz einfache Wanderung, und die Wege sind gut ausgeschildert», sagte sie. «Solange man sich an die markierte Route hält, kann nichts passieren.»
«Vielleicht bin ich ja altmodisch, aber ich hätte wirklich ein schlechtes Gefühl, die Kinder allein auf eine dreistündige Wanderung durch Wälder und Berge zu lassen, in denen nicht einmal ich mich auskenne», sagte Gwyn Thomas schnippisch. «Ich habe jetzt stundenlang am Steuer gesessen und habe keine Energie mehr, sie zu begleiten. Martine und Ben, es tut mir leid. Ich muss euch einmal mehr enttäuschen.»
Martine wollte gerade zu einem Protest – nicht für sich selbst, sondern für Ben – ansetzen, als die Rezeptionistin wieder ganz verträumte Augen bekam.
«Entschuldigen Sie, Ma’am.»
Als sie sich umdrehten, stand der größere der beiden Bergsteiger vor ihnen.
«Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Red», sagte er mit kanadischem Akzent. «Bitte entschuldigen Sie, dass ich mich hier einfach so einmische. Aber ich habe ihre Notlage mitbekommen und denke, mein Kletterpartner Jeff und ich könnten Ihnen vielleicht unsere Hilfe anbieten. Wenn unsere charmante Vicky für uns bürgt, dürfen vielleicht wir diese jungen Leute zur Rainbow Ridge begleiten. Unser Weg ins Gebirge führt ohnehin dort vorbei. Wir können sie zwar nicht zurückbegleiten, würden ihnen aber den Weg zeigen.»
Vicky wurde puterrot und brachte keinen zusammenhängenden Satz heraus. Stattdessen schaltete sich ein Journalist ein, der die Bergsteiger gerade eben interviewt hatte, und versicherte Gwyn Thomas, dass er für Red und Jeff jederzeit die Hand ins Feuer legen würde. Zusammen mit dem Direktor des Feriendorfs überzeugte er sie schließlich, dass Martine und Ben bei den beiden kanadischen Bergsteigern sicher aufgehoben sein würden.
Schon bald wanderten Martine und Ben mit zwei der weltbesten Bergsteiger durch einen Kiefernwald. Mit offenem Mund hörten sie Red und Jeff zu, die von ihren heroischen Expeditionen auf die höchsten Gipfel aller sieben Kontinente berichteten.
«Und welcher war der schwierigste?», fragte Ben.
«Der Denali in Alaska», antwortete Red, ohne zu zögern. «Bei einem minus 40 Grad kalten Sturmwind an einem Eisvorsprung zu baumeln, ist schon ziemlich abartig.»
Der Weg zur Rainbow Ridge war, wie die Rezeptionistin versprochen hatte, unproblematisch und gut ausgeschildert. Doch nachdem Martine eine Stunde lang versucht hatte, mit dem strammen Schritt der Bergsteiger mitzuhalten, begannen ihre Beinmuskeln vor Schmerzen aufzuheulen. Sie war froh, als sie an einen Picknickplatz gelangten und Jeff sagte, er habe gewaltigen Kohldampf.
«Und ich würde alles geben für eine Tasse Tee», pflichtete ihm Red bei. Martine wurde zwar das Gefühl nicht los, dass sie nur aus Rücksicht auf Ben und sie einen Halt einschalteten. Aber sie hatte natürlich nichts gegen eine Rast einzuwenden.
Während Jeff seinen Miniaturgasbrenner in Gang setzte, kramte Red einen Wasserkessel, Teebeutel und Sandwiches hervor. Martine saß auf einem Baumstrunk – dankbar für die Erholungspause und die schöne Aussicht. Ben übte sich in höflicher Geduld. Doch der Bergkamm war schon in Sichtweite, und es entging Martine nicht, dass er ihn wie gebannt anstarrte. Sein Eifer entlockte ihr ein Lächeln. Sobald Ben in der Natur draußen war, lebte er förmlich auf.
«Du kannst schon mal vorgehen», sagte sie. «Ich komm dann nach.»
«Wäre das okay?», fragte Ben Red und Jeff.
«Kein Problem», sagte Red. «Wir sind eh gleich da. Pass einfach auf.»
«Echt?» Ben sprang auf die Füße. «Super. Dann bis gleich», rief er aus und joggte den steilen Weg hoch.
Die Bergsteiger waren beeindruckt.
«Ist ganz schön fit, dein Freund», sagte Red. Er drehte den Gasbrenner aus und schenkte Tee ein. Jeff kaute ein Sandwich und wühlte in seinem Rucksack herum. Er wollte Martine ein Bild seiner Kinder zeigen.
Ben wurde immer kleiner, bis er schließlich ganz oben auf dem Grat stand, wo er sich inmitten wallender Dunstschwaden vom Regenbogen und dem dunstig-grauen Himmel abhob. Martine sah, wie er sich über den dampfenden Abgrund hinablehnte, als wolle er in dessen Innerstes hineinblicken.
Ben war der am wenigsten nervende Junge, den Martine kannte, doch jetzt ärgerte sie sich plötzlich über ihn. Was dachte er sich bloß dabei, sich einer solchen Gefahr auszusetzen? Seine Eltern würden einen Schlaganfall bekommen, wenn sie sehen könnten, wie er in schwindelnder Höhe über dem Wasserfall balancierte. Martines Herz pochte schwer in ihrer Brust.
«Zucker?», fragte Red.
«Was?», platzte es aus ihr heraus. In ihrer Angst hatte sie den Tee und die Bergsteiger ganz vergessen. «Oh, Entschuldigung. Zucker? Nein danke.»
Sie ergriff die Tasse, die er ihr reichte, nippte an ihrem Tee und blickte wieder zum Grat hinauf. Ben war weg. Sie schirmte die Augen mit der flachen Hand ab und ließ sie über den Horizont schweifen. Vielleicht war er ja für einen Augenblick in den Dunst- und Gischtschwaden verschwunden. Doch Ben war weg.
Martine warf die Tasse weg und sprang auf die Füße.
«Autsch!», rief Red, als sich der brühend heiße Tee über seine Hand ergoss. «Hey, was soll das?»
«Er ist abgestürzt», hörte sich Martine selbst in der Stimme einer Erwachsenen sagen. «Schnell ein Seil, er ist abgestürzt.»
Sofort stürmte sie den sich steil bergaufwärts windenden felsigen Pfad hoch, schneller als sie je in ihrem Leben gelaufen war, mit kurzen, schmerzvollen Atemstößen. Als sie am Grat oben ankam, war ihr sofort klar, was geschehen war. Ein Zacken eines überhängenden Vorsprungs fehlte – als habe ein Dinosaurier mit Zahnlücke in den Grat gebissen. Martine näherte sich dem Abgrund. Sofort stürzten eine Menge losgelöster Schiefersteine in die Tiefe.
«Ben!», rief sie, verzweifelt hoffend, dass es vielleicht doch eine harmlose Erklärung für sein Verschwinden gab. Red und Jeff kamen mit ihrer Kletterausrüstung rasch hinterher. Sie legte sich flach auf den Bauch. Wenn noch ein Stück vom Felssims in die Tiefe stürzte, dann wäre sie wenigstens mit einem Teil ihres Körpers auf festem Boden. Langsam kroch sie bis an den Rand des Grates. Das grollende Tosen des Wasserfalls trommelte gegen ihre Ohren, und ihr Gesicht wurde von der aufschäumenden Gischt pitschnass.
Mit größter Vorsicht wagte sie einen Blick über den Felsrand. Das hinabstürzende Wasser endete mindestens fünfzig Meter weiter unten in einem wild aufschäumenden Strudelbecken. Dieses war von einem Ring spitzer Felsdorne umgeben, die wie ein tödlicher Staketenzaun aus dem tosenden Nass ragten. Die Chance, dass Ben das Wasser oder die Felsspeere überlebt hatte, war gleich null.
«Ben!», rief Martine hysterisch. «B-E-E-E-E-N!»
«Martine!» Kaum hörbar drang Bens schwache Stimme durch das Tosen des Wasserfalls. Sie schien aus dem Boden unter ihrem Bauch zu kommen. «Hier … hier unten!»
Martine robbte vorsichtig vorwärts. Sie konnte sich nirgends festhalten. Die gähnende Leere unter ihr machte sie schwindlig und schien sie über die Kante nach unten zu ziehen.
«Hier!», rief Ben nochmals. Und jetzt sah sie ihn. Etwa zehn Meter weiter unten klammerte er sich an den kümmerlichen Stamm eines seitwärts aus dem Felsgestein herauswachsenden Bäumchens, das wie ein Bonsai aussah. Er schien unverletzt, aber er war triefend nass und kreidebleich. Einige mickrige Wurzeln des Baums waren von Bens Gewicht aus dem Fels gerissen worden, und der dünne Stamm dehnte sich gefährlich.
«Ben!», rief Martine. «Ben, halt dich fest. Hilfe ist unterwegs.»
Ben antwortete und rührte sich nicht – wahrscheinlich aus Angst, dass ein bloßes Wort oder die kleinste Bewegung die letzten schwachen Wurzelfäden des Bäumchens aus dem Fels reißen würden.
Gerade als Martine dabei war, sich langsam auf sicheren Boden zurückzuschlängeln, erreichten Red und Jeff den Grat.
«Wo ist er?», fragte Red ohne Umschweife. Als Martine auf den Abgrund deutete, riss er schockiert seine Augen auf.
Die beiden Bergsteiger schritten sogleich zur Tat. Mit der Fertigkeit von Profis, die wissen, wie man sich in lebensbedrohenden Situationen zu verhalten hat, konstruierte Jeff einen Art Flaschenzug, den er an zwei hervorspringenden Felsdornen befestigte, während Red mit dem anderen Seilende einen Klettergurt improvisierte und diesen zu Ben hinunterließ. Die ganze Zeit über erklärte er Ben in beruhigendem, fast spaßendem Ton, was er zu tun hatte.
«Ben, du musst dir jetzt vorstellen, dass du ein Spion bist. Du bist von Laserstrahlen umgeben, die einen Alarm auslösen, wenn du sie durchquerst. Du kannst aus deiner Notlage nur entkommen und deinen Gegenspieler nur unschädlich machen, wenn du es schaffst, diesen Tarnmantel über deinen Körper zu streifen. Fang mit dem Kopf an, ganz langsam – mit klitzekleinen Bewegungen. Super! Du machst das echt gut. Und jetzt lass das Seil über deinen Oberkörper gleiten, bis du mit den Armen in der Schlaufe hängst. Und jetzt ziehe die Schlaufe etwas fester zu …»
Ohne Warnung rissen sich weitere Wurzeln vom Fels los. Ben kippte vornüber und verlor beinahe das Gleichgewicht. Nun hing er, schwer atmend, über dem feuchten, glitschigen Baumstamm.
Reds Stimme verriet keine Aufregung. «Hoppla. Kein Problem. Wir holen dich da raus. So, und jetzt versuchst du, ganz vorsichtig aufzusitzen. Vergiss aber die Laserstrahlen nicht – nicht dass du einen Alarm auslöst. Gut. Und jetzt halt dich mit beiden Händen am Hauptseil fest und bewege dich so wenig wie möglich. Jeff, bist du bereit? Gut. Also – los geht’s.»
Im Moment, als Bens Füße vom grauen Baumstrunk abhoben, löste sich der ganze Baum aus seinem Felsbett. Es ertönte ein Krachen, das an das Brechen von Knochen erinnerte. Holzstücke, Steine und Moosfetzen stürzten in die dampfende Schlucht hinab. Alle vier sahen, wie der Baum in der Tiefe zersplitterte, und sagten kein Wort. Der Gedanke, dass Ben mit ihm abgestürzt und von den Wassermassen erschlagen, von einem Felsdorn aufgespießt oder vom Strudel verschluckt worden wäre, war so unerträglich, dass er keine Worte zuließ.
Red pfiff durch die Zähne, während er Ben mit Jeffs Hilfe über die Kante auf sicheren Boden hievte. «Das war knapp», sagte er, «aber du würdest bestimmt einen klasse Spion abgeben.»
Martine war so aufgewühlt, dass sie kaum wusste, wie sie auf Bens Rettung reagieren sollte. «Um ein Haar hätte es dich erwischt», sagte sie und drückte ihn an sich. «Du hättest da runterfallen können.»
«Bin ich aber nicht», sagte Ben, während er sich behutsam aus ihrer Umarmung befreite. Seine Stimme zitterte, doch ansonsten wirkte er erstaunlich ruhig. Abgesehen von ein paar Kratzern und blauen Flecken war er unverletzt. Er streckte den Bergsteigern die Hand entgegen. «Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich weiß nicht, was wir ohne Sie getan hätten. Es tut mir leid, dass ich Ihnen so viele Scherereien gemacht und Sie aufgehalten habe.»
«Kein Problem», beruhigte ihn Red. «Gut, dass wir in der Gegend waren.»
Mit einem Blick auf Bens klitschnasse Kleider sagte Jeff: «Du musst so schnell wie möglich aus den nassen Klamotten raus. Wir begleiten euch bis zum Feriendorf zurück, um euch dort wieder heil abzuliefern. Der Berg kann warten.»
«Nicht nötig», antworteten Ben und Martine wie aus einem Mund.
«Trotzdem vielen Dank», schob Martine rasch nach, um nicht unhöflich zu wirken. «Meine Großmutter erwartet uns in einer der Blockhütten unten im Tal. Keine Sorge, wir gehen auf direktem Weg zu ihr. Sie wollte ein Feuer im Kamin machen und kocht Ben bestimmt einen Rooibostee oder eine Suppe. Dann wird ihm schnell wieder warm.»
Doch die Bergsteiger ließen nicht locker und begleiteten sie bis an den Rand des Feriendorfs zurück, wo sie sich von ihnen verabschiedeten. «Wir hätten euch schon zugetraut, auch ohne uns sicher zurückzukommen», sagte Jeff. «Aber Ben hatte ein traumatisches Erlebnis, und die Kombination von Schock und Kälte kann ebenso gefährlich sein wie ein Sturz.»
«Danke für den Tee und dass Sie Ben gerettet haben», sagte Martine, als sich die Bergsteiger wieder auf den Weg machten. «Tut mir leid, dass ich Ihre Hand verbrüht habe, Red.»
Zu ihr hinablächelnd sagte er: «Kein Thema. Ende gut, alles gut.» Martine konnte es kaum fassen, wie leicht Jeff und Red eine Beinahe-Katastrophe wegstecken konnten.
Erst als die Bergsteiger außer Sichtweite waren, wurde Martine und Ben richtig bewusst, was passiert war. Oder was hätte passieren können. Ben begann zu schlottern, und Martine, die sich Vorwürfe machte, weil sie an einer Tasse Tee genippt hatte, während sich Ben dem Abgrund genähert hatte, war voller Schuldgefühle.
«Es ist geschehen, weil wir uns getrennt haben», sagte sie schaudernd. «Ich hätte dich begleiten müssen. Grace hatte mich ja gewarnt. Sie hatte mir gesagt, dass sich Gefahr an unsere Fersen heften würde, sobald wir uns auf dieser Reise einmal trennen.»
«Ich weiß, dass Grace eine sehr weise Frau ist», sagte Ben, während er seine rote Fleecejacke abstreifte und die Arme rieb, um sich zu wärmen. «Aber ich bin einzig und allein schuld daran. Es war dumm von mir. Wenn du nicht gewesen wärst, würde ich jetzt in tausend Stücken und mausetot unten in der Schlucht liegen.»
Martine versuchte, das Bild aus ihrem Kopf zu verdrängen. «Red und Jeff haben dir das Leben gerettet», sagte sie zu Ben, während sie bergab ins Feriendorf gingen. «Ich hatte solche Angst, dass ich kaum ein Wort herausbringen konnte.»
«Nein, du hast mich gerettet», sagte Ben. «Sie hatten die Ausrüstung und das Know-how, aber wenn du nicht so superschnell reagiert hättest, wäre nichts mehr von mir zu retten übrig gewesen.»
Vor Martines Augen tauchte plötzlich Bens Bild auf, bevor er von der Bildfläche verschwunden war. «Warum bist du bloß so dicht an den Abgrund gegangen? Wolltest du dir etwas beweisen? Es war, als hättest du dich über die Felskante hinausgelehnt.»
Ben lachte verlegen. «Das klingt jetzt vielleicht verrückt … Es ist nur so … äh … ich glaubte, etwas dort unten zu sehen. Das ist alles. Ein Bild, eine Art Zeichnung. Auf einer Felswand, hinter einem Wasservorhang sozusagen. Ich konnte es nicht deutlich erkennen, aber es sah irgendwie aus wie eine gefleckte Wildkatze. Wie ein Leopard, ein Gepard, ein Jaguar oder so. Und als ich näher ran wollte, um es besser zu sehen, gab der Felsvorsprung nach. Aber vielleicht war das alles nur ein Hirngespinst.»
Martines Mund wurde staubtrocken. Sie suchte nach einer passenden Antwort, fand aber keine. «Wir müssen zusammenbleiben», war alles, was sie herausbrachte. «Bitte versprich mir, dass wir zusammenbleiben.»
Ben sah, dass sie es ernst meinte. «Okay, okay», sagte er, während er beruhigend eine Hand auf ihren Arm legte. «Ich versprech’s dir.»
• 4 •

Der Rest der Autofahrt bis zur simbabwischen Grenze verlief ereignislos. Die Landschaft war nicht besonders malerisch, sie bestand über weite Strecken aus trockenem Buschwerk und Gestrüpp; die hektischen, schweißtreibenden Autobahnen durch die Außenbezirke von Johannesburg; die hässlichen Bergbaustädte – die Dorps, wie sie Gwyn Thomas nannte. Martine und Ben dösten vor sich hin, bis sie Messina erreichten, wo sie zum Mittagessen haltmachten.
In Storm Crossing hatte Gwyn Thomas ein striktes Fastfood-Verbot ausgesprochen, und so wurde sie jetzt auch nicht müde zu betonen, dass es sich diesmal um eine einmalige Ferienausnahme handelte. Es gab Hawaii-Burger mit saftigen Ananasscheiben und Pommes, die in einer pikanten Tomatensauce schwammen. Martine konnte ein Lächeln kaum unterdrücken, als ihre Großmutter mit offensichtlichem Appetit Burger und Pommes verschlang, während sie gleichzeitig vorgab, das Essen überhaupt nicht zu genießen.
«Gar nicht schlecht für Fastfood», sagte Martine mit Unschuldsmiene zu ihrer Großmutter.
«Ich habe schon Schlechteres gegessen», gestand Gwyn Thomas widerwillig und verfolgte mit gierigen Augen einen Eisbecher, der gerade an ihrem Tisch vorbeigetragen wurde und ihr offensichtlich den Mund wässrig machte.
Über den Zwischenfall an der Rainbow Ridge sprach sie kaum. Das hatte damit zu tun, dass auch Martine und Ben kaum davon gesprochen hatten. Auf dem Rückweg ins Feriendorf waren sie zu dem Schluss gekommen, dass ein vollständiger Bericht über Bens lebensgefährlichen Sturz die ganze Reise, die mittlerweile selbst Martine Spaß machte, gefährdet hätte. Sie hatten die Wahrheit, nicht aber die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt, wie es in amerikanischen Gerichtsfilmen so schön heißt. Ben hatte zwar davon erzählt, dass er dummerweise etwas dicht am Abgrund gestanden hatte und gestolpert war. Allerdings achtete er tunlichst darauf, nur von Wasser und auf keinen Fall von einem Wasserfall zu reden.
Für Ben und Martine hatte es nicht mehr als eine milde Rüge dafür abgesetzt, dass sie unnötige Risiken eingegangen waren. Gwyn Thomas war es viel wichtiger gewesen, Ben in trockene Kleider zu stecken, ihm einen heißen Tee und ein herzhaftes Abendessen zu kochen und für eine frühe Nachtruhe in ihrer gemütlichen Blockhütte zu sorgen. Am nächsten Morgen hatte Ben zwar etwas Muskelkater, aber ansonsten fühlte er sich wie neugeboren, und die drei waren in bester Stimmung, als sie am frühen Nachmittag den simbabwischen Grenzposten erreichten.
«Auf Schatzsuche oder Leopardenjagd?», fragte der Zollbeamte, als sie ihm sagten, sie seien unterwegs nach Matopos. Er musterte sie misstrauisch über die Pässe hinweg, die er wie einen Fächer mit lauter Trumpfkarten in der Hand hielt. «Schatzsuche, nehme ich mal an. Sie wollen bestimmt nach Simbabwe, um reich zu werden.»
«Nichts dergleichen», entgegnete Gwyn Thomas, sichtlich erfolglos bemüht, den Ärger in ihrer Stimme zu verbergen. «Wir sind unterwegs, um eine kranke Bekannte zu besuchen.»
«Ach so! Barmherzige Samariter!», sagte er mit einem Zahnpastalächeln. «In dem Fall: Herzlich willkommen in Simbabwe.»

Die geplante Dreistundenreise nach Matopos dehnte sich zur Vierstundenfahrt aus, weil sie in Bulawayo, der nächstgelegenen Stadt, an sechs verschiedenen Tankstellen vergeblich versuchten, sich mit Benzin einzudecken. Sie fuhren im Schatten von Jacaranda- und Flamboyantbäumen auf breiten, seltsam altmodisch anmutenden Straßen. Alles schien in einem fortgeschrittenen Stadium des Verfalls zu sein. Die Schlaglöcher in den Straßen waren so groß, dass sie ganze Kühe hätten verschlucken können. Ein freundlicher Tankwart, der in Ermangelung von Arbeit eine Banane essend auf einer Mauer saß, sagte ihnen, dass es hier lediglich vier Stunden am Tag Strom gebe und dass die Wasserversorgung manchmal tagelang unterbrochen sei.
«Wie kommen Sie da noch klar?», wollte Gwyn Thomas wissen.
«Wir machen einen Plan», antwortete ihr der Mann lachend.
Martine hatte wenig Ahnung von Simbabwe, außer dass es an Südafrika grenzte, auf der Landkarte wie eine Teekanne aussah und mit den Victoriafällen eines der sieben Weltwunder für sich beanspruchen durfte. Sie hoffte, dass die Wasserfälle nicht an ihrer Reiseroute lagen, denn sie hatte keine große Lust auf eine weitere Begegnung mit herabstürzenden Wassermassen.
In den paar Stunden seit dem Grenzübertritt hatte sie schon eine Menge gelernt. Zum Beispiel, dass drei simple Getränke Zehntausende von simbabwischen Dollars kosteten. Ungläubig sah sie zu, wie ihre Großmutter einen ganzen Stapel von Scheinen hinblätterte.
Außerdem lernte sie, dass «Bulawayo» in der Sprache der Ndebele so viel wie «Schlachtfeld» bedeutete. Der Tankwart erzählte ihnen, dass die Stadt nach der ersten erfolgreichen Schlacht von Lobengula anlässlich seiner Thronbesteigung benannt worden war. Was für ein unheimlicher Name für eine Stadt, dachte sich Martine.
Weil sie nirgends Benzin fanden, mussten sie Bulawayo mit praktisch leerem Tank verlassen. Gwyn Thomas versuchte, die Sache gelassen zu nehmen. «Das wird bestimmt reichen», sagte sie. «Ich bin mit dem Reservetank schon meilenweit gefahren. Und wir sind gleich am Ziel.»
Am frühen Abend kamen sie an der Eingangspforte des Matobo-Nationalparks an. Als sie vorfuhren, stemmte sich ein Parkangestellter langsam von einem behelfsmäßigen Tisch auf, an dem er gerade mit drei anderen uniformierten Wächtern Dame gespielt hatte. Als Spielfiguren verwendeten sie Kronenkorken, und das Spielfeld hatten sie mit einem roten Stift auf einen Karton gemalt. Ihre Gewehre lagen neben ihnen am Boden.
«Guten Abend», sagte er förmlich. «Es ist nach 18 Uhr. Der Park ist für Besucher geschlossen.»
«Das kann doch nicht sein», rief Gwyn Thomas. «Wir sind den ganzen Weg von Kapstadt hergefahren und müssen zur einer Ranch auf der anderen Seite des Parks.»
«Oh … das tut mir leid für Sie», sagte der Parkwächter mit einem echten Ton von Mitgefühl. «Sie müssen in einem Hotel in Bulawayo übernachten und morgen zurückkommen.»
«Das ist unmöglich», sagte sie. «Erstens können wir es uns nicht leisten, und zweitens haben wir fast kein Benzin mehr.»
«Kein Benzin mehr?», sagte der Mann missbilligend. «Es empfiehlt sich nicht, ohne Benzin in die Matobo-Berge zu fahren. In dem Fall müssen Sie im Auto übernachten und warten, bis es Tag wird.»
«Aber meine Bekannte erwartet uns», sagte Gwyn Thomas verzweifelt. «Sadie – Sadie Scott von der Black Eagle Lodge.»
Martine sah, wie die Parkwächter Blicke tauschten. Allerdings wusste sie nicht, was diese zu bedeuten hatten.
«Sadie Scott?», fragte der Parkbeamte. Er zögerte für den Bruchteil einer Sekunde und sagte dann freundlich: «Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt? Darf ich Ihnen zeigen, wie Sie fahren müssen?»
Er zeichnete die Route auf einer Touristenkarte ein, hob die Schranke an und winkte sie durch. Endlich bauten sich die Matobo-Berge vor ihnen auf.
Martine war darauf gefasst gewesen, dass sich der Nationalpark als Enttäuschung herausstellen könnte. Aber sie brannte darauf, mehr über den verlorenen Schatz des Ndebelekönigs zu erfahren. Was die Felsen anging, war sie überzeugt, dass diese massiv überschätzt wurden. Wie interessant konnten ein paar Felsbrocken denn schon sein? Sie hatte damit gerechnet, ein paar wenige dieser isoliert dastehenden Felshügel zu Gesicht zu bekommen, die man in Südafrika Kopjes oder auch Inselberge nannte, vielleicht mit einem Denkmal oder zwei oder drei aufeinanderliegenden Felsstücken auf ihrer Spitze. Doch in Wirklichkeit schweifte ihr Blick nun über Hunderte, wenn nicht gar Tausende geologischer Naturwunder.
Überall türmten sich Säulen übereinandergestapelter Felsbrocken auf. Einige schienen sich über die Schwerkraft hinwegzusetzen, andere balancierten auf kleinsten Standflächen, auf denen sich nicht einmal Vögel hätten festklammern können. Es gab einzelne Felsen, die so breit und hoch waren wie Berge, während andere wie Tiere, Burgen oder Gesichter aussahen. Einige waren von dicken Schichten jade- und silberfarbener Flechten überzogen, andere trugen Flecken in Orange- und Kalktönen, als hätten sie im Regen Rost angesetzt. Wieder andere waren glatt, grau und nackt mit geheimnisvollen Zwischenräumen wie Tunnels oder Höhlen oder enormen, von Regenwasser gespeisten Vertiefungen, so groß wie Olympiaschwimmbecken. Zwischen den Felsformationen und um sie herum schoss der afrikanische Busch in die Höhe.
Der Anblick, den die drei für sich völlig allein genießen konnten, war atemberaubend.
«Eigentlich würde man erwarten, an einem solchen Ort eine ganze Menge Touristen anzutreffen», bemerkte Ben.
«Würde man», stimmte ihm Gwyn Thomas zu. «Aber ich denke, die Leute fahren nicht gerne an einen Ort, an dem das Benzin so knapp ist. Und ich muss gestehen, dass es auch mich allmählich etwas nervös macht.»
Die untergehende Sonne tauchte die Spitzen der Felsformationen in ein kupferfarbenes Licht. Martine war noch nie an einem derart wilden, einsamen Ort gewesen. Daneben erschien ihr Sawubona zahm wie ein Vorstadtgarten.
«Dort drüben», sagte Ben. Ein Kudubulle und zwei Kühe beobachteten sie aus großen, mandelförmigen Augen. Der vorbeifahrende Landrover schreckte sie auf und ließ sie durch den Busch davonstieben.
Gemäß der Karte des Parkwächters mussten sie kurz nach einem Affenbrotbaum abzweigen. Gwyn Thomas steuerte das Fahrzeug von der Hauptstraße auf einen stets schlechter werdenden Fahrweg. Die Nadel der Benzinanzeige verschwand immer tiefer im roten Bereich. Auch wenn sie es alle drei wahrnahmen, sagte niemand ein Wort. Die Felstürme schienen sie zu umzingeln. Die Schlaglöcher und Krater wurden immer tiefer. Martine war überzeugt, dass ihr bei diesem Gerumpel noch alle Zähne ausfallen würden. Gwyn Thomas tat ihr Bestes, den schaukelnden Landrover unter Kontrolle zu halten. Martine hatte Mitleid mit ihr, denn sie war offensichtlich am Ende ihrer Kräfte.
Nach knapp zwei Kilometern wurde der Weg ebener und sandig. Sie fuhren an einem Dorf mit fünf Lehmhütten vorbei. Ngoni-Rinder mit weit ausladenden Hörnern und Fellzeichnungen, so hübsch, als wären sie von Künstlern gestaltet worden, ruhten im Staub. Wiederkäuend und schläfrig blickten sie dem vorbeifahrenden Landrover hinterher.
Bei einem Weidegatter und einem Viehrost am Dorfausgang stand auf einem Schild in unbeholfenen Lettern, dass die Black Eagle Lodge noch eine Meile entfernt war.
Gwyn Thomas atmete auf. «Gott sei Dank. Geschafft. An diesem abgelegenen Ort wird Sadie bestimmt etwas Benzin auf Lager haben.»
Ben sprang aus dem Landrover, um das Drahtgatter zu öffnen. Die Fahrstraße war am Rand von Gras überwuchert, und die Äste der dicht auf beiden Seiten wachsenden Bäume strichen über das Dach des Fahrzeugs. Immer wenn die Reifen des Landrovers über Samenhülsen rollten, ertönte ein knackendes Geräusch. Sonst war es ruhig, windstill und schwül.
Martine hielt es im Auto beinahe nicht mehr aus. Sie war froh, als sie schließlich um eine Kurve auf eine Lichtung fuhren, die am Fuße einer mächtigen Bergflanke lag. Die Erhebung erinnerte in ihrer Form an einen Elefanten und bestand aus einer einzigen enormen Granitplatte. Am Rande der Lichtung standen vereinzelte Steinhütten mit eingefallenen, vom Regen geschwärzten Strohdächern. Weit oben kreisten zwei schwarze Adler. Ansonsten war kein Zeichen von Leben zu erkennen.
Martine, die mit ihren Augen die leere Szenerie absuchte, war von der Stille beeindruckt, die auch etwas Unheimliches an sich hatte. Die Stille war so durchdringend, dass Martine sie beinahe berühren und riechen konnte. Sie hing wie ein flatternder Nebelmantel in der Luft. Martine wäre nicht überrascht gewesen, wenn jenseits des Berges nichts mehr gewesen wäre, wenn die Landschaft hier aufgehört hätte. Mit einem Schaudern fragte sie sich, ob sie nicht vielleicht vom Weg abgekommen und am Ende der Welt gelandet waren.

• 5 •

Als Erste durchbrach Gwyn Thomas die Stille. «Nun», sagte sie leicht verstimmt, «eigentlich habe ich mir den Empfang hier etwas anders vorgestellt, vor allem nach einer Autofahrt von mehr als 3000 Kilometern.»
Dann zog ein Ausdruck von Besorgnis über ihr Gesicht. «Mein Gott, wenn Sadie nur nichts zugestoßen ist. Ich würde es mir nie verzeihen, zu spät gekommen zu sein.»
«Dort bewegt sich ein Vorhang», sagte Ben.
Was er wirklich gesehen hatte, verschwieg er: Im Fenster eines Hauses, das zum Teil im dunklen Bergschatten lag, hatte sich einen Moment lang ein verängstigtes Gesicht gezeigt. Doch vielleicht hatte er sich ja getäuscht, und er wollte Martine und ihre Großmutter nicht unnötig beunruhigen. Doch bevor er sich überlegen konnte, was er als Nächstes tun sollte, öffnete sich die Tür des Hauses und eine attraktive Frau, die jünger aussah als die von Gwyn Thomas angekündigte sechzigjährige Freundin, schwang sich auf Krücken aus dem Haus. Sie trug ein geblümtes Strandkleid, das schon manchen Sommer gesehen hatte. Es flatterte über dem grell rosafarbenen Gips, der das linke Bein und den Fuß der Frau umschloss. Die Sandale, die sie am anderen Fuß trug, war offensichtlich aus einem alten Autoreifen hergestellt worden.
«Du kannst dir dein sauertöpfisches Gesicht gleich mal abschminken», sagte sie, zu Gwyn Thomas gewandt. «Ich weiß genau, was du denkst. ‹Jetzt bin ich den ganzen Weg vom Kap hierher gefahren, und Sadie rollt nicht einmal den roten Teppich aus.› Nun, es tut mir leid, aber der Service ist nicht mehr, was er einmal war in der Black Eagle Lodge, und er ist noch schlechter, wenn ich hinter dem Haus umherhumple und versuche, auf einem Bein die Wäsche aufzuhängen.»
Nun folgte eine kurze Pause, in der Martine von ihrer Großmutter eine Art Explosion erwartete. Stattdessen verzog diese ihr sonnengegerbtes Gesicht zu einem breiten Lächeln. «Ich sehe schon. Außer dem kirschrosa Gips hast du dich nicht eigentlich verändert», gab sie zurück. «Die gute alte Sadie – kratzborstig wie eh und je.»
Dann stürzte sie auf die Frau zu und umarmte sie, sorgfältig darauf bedacht, nicht gegen ihr verletztes Bein zu stoßen. «Es ist so schön, dich wiederzusehen, meine Liebe», sagte sie. «Es ist schon so lange her. Sadie, ich möchte dir meine Enkelin Martine und ihren besten Freund Ben vorstellen.»
Sadie umarmte sie beide. «Hallo Martine und ihr bester Freund Ben. Ich habe die Stunden bis zu eurer Ankunft gezählt. Als die Sonne unterging und von euch immer noch kein Zeichen zu sehen war, geriet ich an den Rand der Verzweiflung.»
Aus ihrer Stimme sprachen starke Gefühle, was irgendwie nicht mit dem zusammenpasste, wie Gwyn Thomas ihre Freundin geschildert hatte: als stolze und unabhängige Frau. Martine fragte sich, ob ihre Großmutter nicht doch mit der Vermutung recht hatte, dass hinter Sadies Elend vielleicht mehr steckte als nur ein gebrochenes Bein.
«Wir sind so rasch wie möglich gekommen», warf Gwyn Thomas ein. «Aber ich konnte mit Martine und Ben nicht einfach an allen Sehenswürdigkeiten vorbeibrausen.»
«Aber klar doch. Und ich will mich ja nicht wie eine Egoistin aufführen. Aber ich habe mich einfach so sehr auf euren Besuch gefreut. Doch wie dem auch sei – jetzt seid ihr ja hier, und das ist das Allerwichtigste. Ich bin eigentlich überrascht, dass euch die Wächter in den Park gelassen haben. Ich hatte in letzter Zeit etwas Schwierigkeiten mit ihnen. Allerdings arbeitet seit Kurzem einer meiner ehemaligen Angestellten für die Parkbehörde, und wenn er gerade Schicht hat, dann gibt es keine Probleme.»
Sadies Augen wurden immer größer, als Ben und Martine damit begannen, neben ihrem Gepäck auch Reissäcke, Zwieback, Dosen mit Guaven, geräuchertem Thunfisch und geschälten Tomaten aus dem Kofferraum des Wagens zu holen. «Und was soll das alles?»
Lächelnd sagte Gwyn Thomas: «Ich wusste nicht, ob es in Matopos genügend Lebensmittel geben würde, um die beiden einen ganzen Monat lang durchzufüttern. Sie sehen zwar so aus, als ob sie kaum etwas essen würden, aber wenn du ihnen die Gelegenheit gibst, vertilgen sie in null Komma nichts deine sämtlichen Vorräte.»
«Das war aber nicht nötig», sagte Sadie lachend. «Aber ich habe nichts dagegen. Je mehr, desto besser.» Martine registrierte, dass sich Sadie nicht wehrte.
Und als würde sie sich plötzlich auf ihre Rolle als Gastgeberin besinnen, rief Sadie aus: «Ach, ihr Ärmsten, ihr seid bestimmt fix und fertig. Ich zeige euch gleich mal euer Häuschen.»

Das Abendessen nahmen sie bei Kerzenschein ein. «Das ist romantischer», sagte Sadie.
Martine fragte sich, ob diese Romantik nicht vielleicht eher damit zu tun hatte, dass es keinen Strom gab. Doch eigentlich kümmerte es sie nicht. Es war auf jeden Fall romantischer oder zumindest magischer, bei Kerzenlicht zu leben.
Die Nacht war mit der gewohnten afrikanischen Plötzlichkeit über die Black Eagle Lodge hereingebrochen. Um 18:45 Uhr war die rote Sonne hinter dem Elephant Rock, dem Berg, der die spektakuläre Kulisse für den Ort abgab, untergegangen, und um 19 Uhr hatte sich eine pechschwarze Dunkelheit, wie man sie nur fern von hell erleuchteten Städten erlebt, über die Landschaft gelegt. Auf dem Weg zu ihrer Hütte wies Sadie auf die solarbetriebenen Laternen hin, die nicht von der unzuverlässigen Stromversorgung abhingen. In der Hütte gab es drei Schlafzimmer, einen Wohnraum und ein Badezimmer. Es war alles sehr einfach, die Vorhänge waren ausgebleicht und die Teppiche abgewetzt. Dennoch war es ganz gemütlich. Dann und wann huschte ein Gecko oder eine blauschwänzige Eidechse über die glitzernden Steinwände.
Bei Kürbiseintopf erzählte ihnen Sadie von Matopos, einer geschichtsträchtigen Region, deren Spuren in den Höhlenmalereien zwischen den bizarren Felsformationen zu finden waren. Martine wurde hellhörig, als von Höhlenmalereien die Rede war, und fragte sich, ob sie wohl in Simbabwe weitere Hinweise auf ihr Schicksal finden würde. Doch sie tat diesen Gedanken schon bald als lächerlich, um nicht zu sagen egoistisch ab. Die Maler des San-Stammes hatten bestimmt Besseres zu tun gehabt, als ganz Afrika zu durchwandern und die Zukunft eines weißen Mädchens vorauszusagen, von dessen Existenz sie nicht einmal gewusst hatten.
«Morgen früh werde ich euch Ngwenya, meine rechte Hand, vorstellen», sagte Sadie. «Er ist hier auf Black Eagle für Land und Tiere zuständig. Er ist auch mein letzter verbleibender Angestellter. Ngwenya gehört dem Stamm der Ndebele an und er kennt sich hier in der Gegend viel besser aus als ich selbst. Ihr solltet euch eure Fragen also für ihn aufsparen.»
Gwyn Thomas zog die Mundwinkel nach unten. «Ngwenya?» Das klingt ja fast wie das Wort für Leopard in der Sprache der Zulu: ‹Ingwe›. Ob es wohl dasselbe bedeutet?»
«Aber sicher. Ingwenya bedeutet Leopard auf Ndebele. Ngwenya hat auch einen ganz normalen Namen wie ihr und ich, aber es zeugt von Respekt, wenn man ihn mit dem Namen seiner Sippe anspricht, denn als Mitglied dieser Sippe musste er schwören, alle Leoparden zu ehren und zu beschützen, und das ist heutzutage keine leichte Aufgabe. Früher hatten wir hier in Matopos die höchste Leopardendichte der Welt. Doch diese Zeiten sind vorbei.»
«Leoparden?», unterbrach sie Martine. «Hier? In den Matobo-Bergen?»
«Ja, Leoparden», antwortete Sadie. «Warum? Interessierst du dich besonders für Leoparden?»
Martine begann heftig zu kauen, als habe sie einen vollen Mund und könne deswegen nicht sprechen. Also fuhr Sadie fort: «Leoparden sind nachtaktiv, das heißt – wie du bestimmt weißt –, dass sie vor allem nachts jagen. Als Einzelgänger gehören sie zu den scheusten der großen Raubkatzen. Es gibt Wildhüter im Park, die in zwanzig Jahren kein einziges Exemplar gesehen haben. Deshalb ist es auch so schwierig, sie zu zählen.»
«Du hast gesagt, früher habe es hier viele Leoparden gegeben», sagte Gwyn Thomas. «Was ist mit ihnen geschehen?»
«Sie wurden durch Wilderer und übermäßiges Jagen ausgerottet», sagte Sadie bitter. «Es gibt auch Gegenden, in denen Leoparden verhungerten, weil ihre Beutetiere von Wilderern dezimiert wurden. In Simbabwe sind sie vom Aussterben bedroht. Hier in Matopos soll es nur noch einen geben. Es haben ihn zwar nur wenige gesehen, aber diejenigen, die ihn gesehen haben, sagen, es sei ihnen noch nie ein so großer Leopard vor die Augen gekommen. Er ist so schlau und versteckt sich so gut, dass die Leute hier sagen, er werde alle anderen Leoparden im Land überleben. Sie nennen ihn Khan. Und sie sagen, dass er eines Tages der letzte Leopard sein wird.»
«Haben Sie ihn je gesehen?», fragte Ben.
Sadie blickte Ben verwirrt an, als würde sie ihn zum ersten Mal wahrnehmen. Dann sagte sie schroff: «Einmal. Einmal habe ich ihn gesehen. Doch das ist so lange her, dass ich mich kaum erinnern kann.»
Als sie vom Essen aufstanden, sagte Gwyn Thomas: «Fast hätte ich es vergessen, Sadie, wir haben so gut wie kein Benzin mehr. Wir haben versucht, in Bulawayo welches zu bekommen – ohne Erfolg. Schließlich haben wir es mit dem letzten Tropfen Sprit bis zu dir geschafft. Du hast doch bestimmt noch einen Kanister Benzin für uns?»
«Ich muss dich enttäuschen», sagte Sadie. «Der Tankwagen kommt nur einmal im Monat. Und die nächste Lieferung ist erst für den – Moment mal, ich schau gleich nach», sie richtete sich mithilfe der Krücken auf und humpelte zu einem Kalender mit Tierbildern, «… 12. August geplant, so wie es aussieht.»
«Erst in zwei Wochen?», platzte Gwyn Thomas heraus. Doch sie fand die Fassung schnell wieder und sagte weniger aufgeregt: «Das sind vierzehn Tage. Was geschieht in einem Notfall? Und wir können nicht einmal eine Rundfahrt durch die Berge unternehmen.»
«Dafür haben wir doch die Pferde», sagte Sadie vergnügt. Martine wurde den Eindruck nicht los, dass Sadie nicht betrübt war, ihre Gäste mehrere Wochen auf der Black Eagle Lodge festsitzen zu sehen. Wahrscheinlich wäre sie sogar glücklich gewesen, wenn sie für immer hätten bei ihr bleiben müssen.
«Das ist eine Katastrophe», klagte Gwyn Thomas.
«Gwyn, Gwyn, Gwyn», sagte Sadie vorwurfsvoll wie zu einem unartigen Kind. «Du bist jetzt im Urlaub. Du hast bestimmt jahrelang nicht richtig ausgespannt. Ich weiß, dass ich dich darum gebeten habe, einen Monat lang mein Hotel zu führen, und es wird jeden Tag ein paar mühselige Arbeiten zu erledigen geben. Weil wir im Moment keine Besucher haben, wirst du aber auch eine Menge Zeit haben, um dich auszuruhen. Friedlich ist es hier oben auf jeden Fall. Matopos ist so abgelegen, dass es dich zwingt, für eine Weile die moderne Welt zu vergessen. Hier gibt’s weder Fernsehen noch E-Mail, und das Telefon ist notorisch unzuverlässig.
Und in Notfällen sagt man in Simbabwe: ‹Lasst uns einen Plan machen.› Das ist unser nationales Motto. Ganz egal, wie schlecht das Leben dich behandelt, wir setzen ein Lächeln auf und suchen nach einer Lösung.»
«Vielleicht hast du gar nicht unrecht, Sadie», sagte Gwyn Thomas. «Der Alltag in Sawubona ist aufreibend. Immer wieder stehen Besucher auf der Matte, die Tiere wollen gepflegt sein. Ein bisschen Ruhe und Entspannung kann mir nicht schaden. Auch Ben und Martine wird der Tapetenwechsel gut tun. Sie erholen sich immer noch von einer katastrophalen Studienreise mit ihrer Schulklasse im Juni. Ja, wir können alle etwas Ferien vertragen. Und wenn wir ein paar Wochen auf Benzin warten müssen, geht die Welt nicht unter.»
Bens Blick verriet Martine, dass ihr Freund ebenso niedergeschmettert war wie sie selbst. Aus freien Stücken an das Ende der Welt zu reisen, war eine Sache, dort festzusitzen, eine andere.

Als Martine später im Pyjama ins Bett schlüpfte, erinnerte sie sich, dass sie ihren Überlebensbeutel an der Rücklehne ihres Stuhls im Esszimmer vergessen hatte. Sie war so müde, dass sie den Beutel am liebsten einfach bis zum nächsten Morgen dort hängen gelassen hätte, doch Tendai hatte ihr eingeschärft, sich nie von ihm zu trennen, selbst wenn sie nicht damit rechnen musste, ihn zu brauchen. «Behalte deinen Überlebensbeutel immer bei dir, damit du ihn hast, wenn du ihn wirklich brauchst, Kleine», hatte er stets gesagt. «Dann hast du ihn, wenn du ihn zum Überleben brauchst.»
Ben und ihre Großmutter hatten die Lichter schon gelöscht. So schlich sich Martine auf den Zehenspitzen aus der Hütte über den Weg zu Sadies Haus, in dem auch der Empfang, der Aufenthaltsraum und die Rezeption der Hotelanlage untergebracht waren. Die Solarlämpchen wiesen ihr den Weg. Die Küchentür war bloß angelehnt, und der Überlebensbeutel hing immer noch dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Wie immer schlang sie den Beutel um die Hüfte und befestigte ihn mit den Klettverschlüssen. Gerade als sie dabei war, aus dem Haus zu eilen, hörte sie Sadies wütend aufbrausende Stimme. Sie blieb überrascht stehen und schlich sich wieder ins Haus, wo sie ein Ohr gegen die Wand des Aufenthaltsraums legte.
Sadie war am Telefon. «Ich will Ihr Blutgeld nicht», rief sie wütend. «Ich will, dass Sie uns in Ruhe lassen. Was immer Sie auch sagen, ich werde meine Meinung niemals ändern. Niemals! Nur über meine Leiche kommen Sie an ihn ran.»
Sadie knallte den Hörer auf. Dann hörte Martine das hölzerne Geklapper der Krücken. Sie huschte in die schwarze Nacht hinaus. Hinter ihr drehte sich ein Schlüssel in der Tür, und die Küchenfenster wurden dunkel.
Trotz ihrer Müdigkeit konnte Martine lange nicht einschlafen. Immer wieder dachte sie über die Worte nach, die sie mitgekriegt hatte. Wer bedrohte Sadie und warum? «Nur über meine Leiche kommen Sie an ihn ran», hatte sie gesagt. Ein hartes Wort! Und wer war der «er», den Sadie offensichtlich beschützen wollte? Und an «wen» wollte die Person am anderen Ende der Leitung ran? Was sie noch mehr beunruhigte, war Sadies Hinweis auf ein «Blutgeld». War Sadie vielleicht Opfer einer Erpressung?
Sie war gerade dabei, in den Schlaf zu versinken, als die Stille von einem Geräusch zerrissen wurde, das sie selbst in der Verschwommenheit des Halbschlafs deutlich als das Brüllen eines Leoparden wahrnahm. Doch es war kein normales Brüllen. Es war ein Ausdruck von Wut und bedingungslosem Widerstand – das Aufbegehren eines wilden, ungezähmten Wesens, und es traf Martine in ihrem Innersten.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie keine Ahnung, ob sie das Ganze wirklich erlebt oder nur geträumt hatte.
Бесплатный фрагмент закончился.
