Читать книгу: «Das Tal der Elefanten»

Mit Illustrationen von David Dean
Aus dem Englischen von
Christoph Renfer
Verlag Freies Geistesleben
Für meine Nichte Alexandra Summer. Als Tochter
meiner Schwester wird sie garantiert mit dem Wunsch
aufwachsen, Elefanten zu retten!

• 1 •

Martine sah den Wagen zum ersten Mal, als sie sich hoch oben auf dem Plateau im Wildreservat Sawubona ein Lagerfeuerfrühstück schmecken ließ. Sie schenkte ihm jedoch keine weitere Beachtung, weil Tendai, der Zulu-Wildhüter, sie soeben mit einer lustigen Bemerkung zum Lachen gebracht hatte und weil sie gerade dabei war, herzhaft in eine leckere, rauchig-süß schmeckende Speck-Bananenrolle zu beißen. Abgesehen davon wendete der Wagen – eine schwarze Limousine mit getönten Scheiben – noch bevor er das in der Ferne gelegene Haus erreicht hatte, und fuhr davon, sodass sie zu dem Schluss kam, dass sich da jemand ganz einfach verfahren haben musste.
Erst als die schwarze Limousine am nächsten Morgen wieder auftauchte, während Martine mit der Fütterung der Asyltiere beschäftigt war, kam ihr wieder in den Sinn, dass sich der Wagen am Vortag seltsam wie in einem bedächtigen Trauerzug über die Ebene bewegt hatte. Diesmal musste sie ihn zur Kenntnis nehmen, denn er glitt langsam bis dicht an die Gehege der verletzten und verwaisten Tiere von Sawubona, als hätte er ein Recht dazu. Im Heck öffnete sich eine Tür, und ein groß gewachsener, kahlköpfiger Mann stieg aus. Er trug einen dunkelblauen Anzug und eine Armbanduhr, die aussah, als sei sie direkt aus einem Goldbarren gefertigt worden. Der Mann blickte um sich, als würde Sawubona ihm gehören.
«Kann ich Ihnen helfen?», fragte sie, eifrig bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie verärgert sie darüber war, dass der Mann mit seinem Wagen die kranken Tiere verängstigt hatte. Sie war überzeugt, dass es ihm nicht im Traum einfallen würde, mit seiner Karosse in einem Krankenhaus für Menschen aufzukreuzen und die Patienten zu stören. Aber so war es nun einmal: Die wenigsten Menschen brachten Tieren denselben Respekt entgegen, den sie für ihresgleichen übrig hatten.
«Oh, ich habe, glaube ich, alles gesehen, was ich sehen wollte», antwortete der Mann. Doch er blieb einfach an Ort und Stelle stehen, ein selbstzufriedenes Lächeln auf den Lippen. Dann fischte er ein Feuerzeug und eine fette Zigarre aus seinem Anzug und begann, genüsslich vor sich hin zu paffen, als hätte er alle Zeit der Welt.
«Sonntags finden keine Safaris bei uns statt», sagte Martine. «Wir haben nur an Werktagen geöffnet, aber Sie müssen sich vorher anmelden.»
«Ich bin nicht zu einer Safari gekommen», sagte der Mann. «Ich suche Gwyn Thomas. Und wer bist du, wenn ich fragen darf?»
Mit Mühe unterdrückte Martine einen Seufzer. Sie musste drei heißhungrige Wüstenluchse füttern, die Wunde einer Antilope versorgen und war außerdem nicht in Gesprächslaune. Ganz abgesehen davon hatte ihr ihre Großmutter immer wieder gepredigt, nicht mit Fremden zu sprechen. Verhaltensmaßregeln für den Fall, dass ein Fremder anscheinend in offizieller Mission in Sawubona auftauchte und sie mit Fragen durchbohrte, hatte sie ihr allerdings nicht gegeben. Also sagte sie schließlich widerwillig: «Mein Name ist Martine Allen. Und wenn Sie meine Großmutter suchen, so finden Sie sie im Haus.»
«Allen?», fragte er nach. «Wie lange wohnst du denn schon hier, kleine Martine? Du sprichst nicht mit südafrikanischem Akzent. Woher kommst du?»
Martine fühlte sich immer unwohler in ihrer Haut. Sie hoffte, dass Tendai oder Ben, der neben der weißen Giraffe Jemmy ihr bester Freund war, auftauchen und sie aus dieser unangenehmen Situation befreien würden. Doch Tendai war zum Einkaufen nach Storm Crossing gefahren, und Ben war im Hafen von Kapstadt, um sich von seinen Eltern zu verabschieden, die sich zu einer Kreuzfahrt im Mittelmeer einschifften. Am liebsten hätte sie dem kahlköpfigen Mann gesagt, dass ihn weder ihr Name noch ihre Herkunft etwas angingen, aber sie wollte auch nicht unfreundlich zu ihm sein, vielleicht war er ja ein wichtiger Kunde.
«Ein Jahr», antwortete sie. «Ich bin jetzt seit einem knappen Jahr in Sawubona.» Sie hätte hinzufügen können: Seit meine Eltern letztes Silvester bei einem Brand unseres Hauses in England ums Leben gekommen sind. Doch das behielt sie für sich. Es war nicht ihre Art, persönliche Informationen über ihr Leben an neugierige Fremde weiterzugeben. Stattdessen fragte sie: «Werden Sie von meiner Großmutter erwartet? Ich kann Ihnen den Weg zum Haus zeigen.»
«Ein Jahr ist eine recht lange Zeit», sagte der Mann. «Lange genug, um einen Ort lieb zu gewinnen.»
Und dann sagte er etwas, das Martine erschaudern ließ: «Schade.»
Nur das. Ein einziges Wort: «Schade.»
Er sagte es in einer Weise, dass Martine den dringenden Wunsch verspürte, nach Hause zu gehen und eine Dusche zu nehmen, so sehr fühlte sie sich von ihm angeekelt. Dabei war er stets höflich geblieben und ihr auch nicht zu nahe gekommen. Sein einziges Vergehen bestand darin, das Tierasyl von Sawubona mit dem Rauch seiner Zigarre verpestet zu haben.
Doch bevor sie reagieren konnte, sagte der Mann energisch: «Gut. Ich denke, ich sollte jetzt mit deiner Großmutter reden. Aber mach dir keine Umstände. Ich kenne den Weg.»
Dann stieg er wieder in die schwarz glänzende Limousine und ließ sich davonchauffieren. Als er weg war, blieben nur der eklige Geruch seiner Zigarre und ein einziges, schweres Wort in der Luft hängen: «Schade.»
• 2 •

Als das Auto aus ihrem Blickfeld verschwunden war, überlegte Martine, ob sie nicht zu ihrer Großmutter eilen sollte, um sie vor dem unheimlichen Mann zu warnen. Doch sie hatte vergessen, nach seinem Namen zu fragen, und Gwyn Thomas ärgerte sich manchmal über Martines «Bauchgefühle». Und überhaupt: Wie sollte sie ihr Misstrauen begründen? Der Mann war elegant gekleidet, ließ sich in einem schicken Wagen durch die Gegend fahren und hatte sich nichts Schlimmeres zuschulden kommen lassen, als sie nach ihrem Namen zu fragen und zu bemerken, dass sie wohl kaum aus Südafrika stammte. Martine beschloss, im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden. Es wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass ihr Instinkt sie in die Irre geführt hätte.
Die Wüstenluchse waren so hungrig, dass sie an ihrem Gitterzaun herumkauten, und als sich Martine schließlich dem Gehege näherte, legten sie sich sprungbereit auf den Boden, um sich gleich auf das Fressen stürzen zu können. Sie waren als fauchende Kätzchen mit langen Pinselohren nach Sawubona gekommen und anfangs so klein und schwach gewesen, dass sie während der ersten Wochen auf Martines Bett schlafen mussten. Doch in der Zwischenzeit waren sie so kräftig geworden wie kleine muskelbepackte Löwen. Als Martine ihnen das Fleisch zuwarf, sprangen sie – wie von Düsenaggregaten angetrieben – fast drei Meter hoch in die Luft, schnappten sich ein Stück und verdrückten es bedrohlich knurrend in einem Mal. Bald schon würde man sie wieder in die freie Wildbahn entlassen können. Martine wusste jetzt schon, wie sehr sie sie vermissen würde.
Das Äffchen Ferris hockte auf ihrer Schulter, während sie die restlichen Tiere versorgte. Alle mussten sie gefüttert und getränkt werden, und die Dik Dik, eine zierliche Zwergantilope mit zwei kurzen, spitzen Hörnchen, brauchte einen neuen Wundverband. Das Tier blickte Martine vertrauensvoll an, während sie die Wunde mit einer Naturarznei pflegte, die ihr Tendais Tante Grace gegeben hatte. Grace war eine Sangoma, eine Medizinfrau und Heilerin. Sie war eine Zulu, doch ein Teil ihrer Familie stammte aus der Karibik. Sie war auch der einzige Mensch, der die Wahrheit über Martines geheime Gabe kannte – eine Gabe, die Martine die Kraft verlieh, Tiere zu heilen, und die nicht einmal sie selbst völlig verstand. Aus diesem und vielen anderen Gründen hatten sie eine ganz besondere Beziehung. Jetzt in den Schulferien hoffte Martine, Grace öfter sehen zu können als üblich.
Nachdem sie den protestierenden Ferris in seinen Käfig zurückgebracht hatte, lief sie zum Reservat, um Jemmy zu begrüßen. Die Eingangspforte lag ganz in der Nähe des Hauses. Als sie den Garten durch ein Seitentürchen betrat, sah sie die schwarze Limousine wieder. Wie ein Leichenwagen stand sie auf dem Fahrweg zum Haus. Der Fahrer rauchte, gegen die Motorhaube gelehnt, eine Zigarette. Er hob die Hand, als er Martine durch den Garten gehen sah. Sie winkte ohne große Begeisterung zurück.
Wie jeden Morgen erwartete Jemmy sie am Eingangstor zum Reservat. Sein weiß-silbernes und zimtfarben gesprenkeltes Fell schimmerte in der Sonne und hob sich vom eisvogelblauen Himmel ab. Martine ging es immer schlagartig gut, sobald sie Jemmy erblickte. Auch wenn sie sich jetzt schon seit zehn Monaten kannten und sie in dieser Zeit sogar gelernt hatte, auf ihm zu reiten, war sie jedes Mal aufs Neue aufgeregt, ihm gegenüberzustehen. Wenn sie ihn hinter den Ohren kraulte und auf seine seidenweiche, silberne Nase küsste, senkten sich seine langen, gebogenen Wimpern vor lauter Glückseligkeit und Freude.
«Noch drei Wochen Ferien, Jemmy», sagte sie. «Ich kann es kaum fassen. Drei wundervolle Wochen ohne Schularbeiten, ohne Mathematik, ohne Geschichte, ohne Mrs. Volkner, die mich rügt, weil ich zum Fenster hinausschaue, ohne Nachsitzen, ohne Schule. Punkt. Schluss. Und dann kommt auch noch Ben zu uns wohnen. Ich schwebe jetzt schon auf Wolke sieben. Wir werden jedes Mü von Sawubona erforschen, von frühmorgens bis spätabends die Sonne genießen, im See paddeln und vielleicht sogar zelten gehen.»
Jemmy stupste sie liebevoll mit der Nase an. Einen Moment lang war sie versucht, einen kleinen Ausritt mit ihm zu machen, doch dann erinnerte sie sich, dass Ben demnächst aus Kapstadt zurückkommen würde. Sicher hatte er eine Menge zu erzählen. Außerdem wollte sie ihm dabei helfen, sich im Gästezimmer häuslich einzurichten, wo er während der Weihnachtstage untergebracht sein würde, während seine indische Mutter und sein afrikanischer Vater auf Kreuzfahrt waren. Eigentlich hätte Ben mit dabei sein sollen, doch er wollte sich von Tendai zum Fährtenleser ausbilden lassen und verzichtete auf die Kreuzfahrt, um stattdessen seine Buschkenntnisse aufzufrischen.
Zusammen mit Martine freute er sich diesmal auf friedliche und lustige Ferien in Sawubona, nachdem die beiden letztes Mal ihre freie Zeit damit verbracht hatten, in der Wildnis von Simbabwe einen Leoparden vor bösen Jägern und einer wilden Bande von Schatzsuchern zu retten.
Martine war gerade dabei, das Tor zum Reservat zu schließen, als unvermittelt der Motor der schwarzen Limousine aufheulte. Der Wagen preschte mit hoher Geschwindigkeit über den Fahrweg und warf dabei fast einen Blumentopf um. Zu Martines Überraschung war ihre Großmutter weit und breit nicht zu sehen. Dabei war Höflichkeit für sie die höchste aller Tugenden. Sie begleitete Besucher immer bis zu ihrem Wagen und winkte ihnen hinterher, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren. Ein ungutes Gefühl beschlich Martine.
Schnell lief sie durch die Mangobäume zum Haus. Da kam Tendai in seinem Jeep dahergerattert. Auf dem Beifahrersitz saß Ben. Als er Martine sah, glitt ein breites Grinsen über seine Züge, das die blendend weißen Zähne in seinem honigfarbenen Gesicht hell erstrahlen ließ.
«Tendai hat mich mitgenommen.» Er warf den Rucksack über eine Schulter und sprang vom verbeulten Fahrzeug herab. Er trug eine khakifarbene Weste, weite Tarnhosen und Wanderstiefel. «Die Leute, mit denen ich bis zur Hauptstraße fahren konnte, wollten mich nicht bis zum Haus bringen, weil sie Angst hatten, von Löwen aufgefressen zu werden.»
Normalerweise hätte Martine mit einer lustigen Bemerkung reagiert. Heute war es anders, denn das Haus kam ihr immer noch seltsam ruhig vor. Um diese Zeit saß ihre Großmutter normalerweise am Frühstückstisch, aß Toast mit Stachelbeermarmelade, trank Tee dazu und hörte die Nachrichten und den Wetterbericht im Radio. Außerdem hatte sie gesagt, sie wolle zu Bens Begrüßung Scones backen.
«Wo ist denn deine Großmutter, Kleine?», fragte der Wildhüter. «Ich habe versucht, sie über Festnetz und Mobiltelefon zu erreichen, um sie etwas wegen einer Lieferung zu fragen. Keine Antwort.»
Martine blickte ihm starr in die Augen. «Tendai, hier stimmt etwas nicht. Es ist so ein unheimlicher Mann aufgetaucht, der sie besuchen wollte. Ich habe ein schlechtes Gefühl. Nein, ich weiß, dass irgendetwas faul ist.»
«Was für ein unheimlicher Mann?», fragte Ben und ließ den Rucksack auf den Rasen fallen.
Tendai legte die Stirn in Falten und sagte: «Meinst du den Mann in der schwarzen Limousine? Der hat uns fast von der Straße gefegt.»
Dann ging er schnellen Schrittes mit Martine und Ben im Schlepptau auf das Haus zu. Martine hätte sich ohrfeigen können, dass sie nicht darauf beharrt hatte, den Mann bis zum Haus zu begleiten. Was, wenn ihrer Großmutter etwas zugestoßen war?
Warrior, der schwarz-weiße Kater ihrer Großmutter, saß auf den Stufen vor der Eingangstür in der Sonne. Sein Schwanz peitschte wild hin und her, und seine Rückenhaare waren aufgestellt. Tendai machte einen Bogen um ihn und ging in das Wohnzimmer. «Mrs. Thomas?», rief er. «Mrs. Thomas, alles in Ordnung?»
«Großmutter», schrie Martine.
«Kein Grund, so zu schreien», tönte eine schwache Stimme durch den Flur. «Ich bin im Arbeitszimmer.»
Martine stürmte den Flur entlang und klopfte aus lauter Gewohnheit an die Tür des Arbeitszimmers. Gwyn Thomas saß zusammengekrümmt hinter ihrem Schreibtisch, und ihr Gesicht hatte etwa dieselbe Farbe wie das Bündel Dokumente, das sie in den Händen hielt. Als sie aufblickte, stellte Martine erschrocken fest, dass ihre blauen Augen rot unterlaufen waren, als hätte sie geweint.
«Kommt herein, Martine, Tendai», sagte sie. «Und du auch, Ben. Du gehörst zur Familie.»
«Dieser fiese, unheimliche Mann hat etwas getan, das dich so durcheinander gebracht hat. Ich wusste sofort, als ich ihn sah, dass er nichts Gutes im Schilde führte.»
«Martine, wie oft muss ich dir sagen, dass du nicht aus dem Bauch heraus über andere urteilen sollst», schimpfte Gwyn Thomas. Doch dann krampften sich ihre Hände um das Papierbündel, und sie fügte hinzu: «Nur ist es leider so, dass du in diesem Fall wahrscheinlich sogar recht hast.»
Sie hielt einen Moment inne und ließ ihre Augen sehnsüchtig aus dem Fenster schweifen, als wolle sie sich das Bild der am Wasserloch grasenden Springböcke und Zebras im Gedächtnis festschreiben. «Ich wünschte, ich müsste euch nicht erzählen, was ich euch jetzt zu erzählen habe.»
«Was immer es sein mag, es wird alles gut, Mrs. Thomas», versuchte Tendai sie zu beruhigen.
Martine war keineswegs davon überzeugt, dass alles gut würde. «Großmutter, du machst uns Angst. Was ist passiert? Wer war dieser Mann?»
«Sein Name ist Reuben James», sagte Gwyn Thomas schließlich und wandte sich ihren drei Zuhörern zu. «Er war ein Geschäftspartner meines verstorbenen Ehemanns. Ich erinnere mich dunkel daran, ihm einmal begegnet zu sein, und schon damals habe ich ihm nicht über den Weg getraut. Dabei ist das Geschäft, das er mit Henry abwickelte, eigentlich ganz gut abgelaufen. Mr. James hält sich meist in Namibia oder außerhalb Afrikas auf und behauptet nun, er habe erst vor Kurzem entdeckt, dass Henry vor zweieinhalb Jahren von Wilderern getötet worden ist. Und heute hat er mir dies hier gebracht.»
Sie hielt eines der Dokumente in die Höhe, in dessen Mitte geschrieben stand: LETZTER WILLE UND TESTAMENT VON HENRY PAUL THOMAS. Oben rechts prangte ein nach außen ausfransendes Wachssiegel, das wie ein Blutfleck aussah. Als sie näher trat, konnte Martine ein Firmensignet entziffern, auf dem Cutter & Bow, Rechtsanwälte, Hampshire, England stand.
Tendai war verwirrt. «Aber wie kommt er zu diesem persönlichen Dokument?»
«Gute Frage, und genau die habe ich ihm auch gestellt. Er sagte mir, dass Henry vor drei Jahren, als Sawubona in finanziellen Schwierigkeiten steckte, bei ihm einen großen Kredit aufgenommen habe. Er soll sich im Gegenzug bereit erklärt haben, sein Testament so abzuändern, dass das Reservat und alles, was dazugehört, im Falle einer Nichtrückzahlung des Darlehens bis zum 12. Dezember dieses Jahres – also heute – automatisch überschrieben würde an … Reuben James.»
«Oh, mein Gott», sagte Tendai und ließ sich in einen Stuhl fallen.
Martine stand wie versteinert da. Die Worte hatten zwischen ihrem Hirn und ihrem Herzen eine Lunte gelegt. Das Reservat und alles, was dazugehört … Das Reservat und alles, was dazugehört.
Ben sagte: «Bedeutet das nun, dass das ursprüngliche Testament, das Sie beim Tod von Mr. Thomas zur rechtmäßigen Besitzerin von Sawubona machte, null und nichtig ist?»
Gwyn Thomas nickte. «Ja, denn dieses Testament ist mindestens zehn Jahre älter als das Testament, das mir Mr. James heute unter die Nase hielt. Aber es kommt noch schlimmer …»
Martine schnappte nach Luft. «Noch schlimmer?»
«Ja leider. Es liegt ein Räumungsbefehl vor, der besagt, dass wir eine Frist von dreizehn Tagen haben, um Sawubona zu verlassen, dem Personal zu kündigen und uns von den Tieren zu verabschieden. In dreizehn Tagen gehört uns Sawubona nicht mehr.»

• 3 •

Martine dachte nicht oft an den Brand, bei dem ihre Eltern ums Leben gekommen waren – dieses Thema hatte sie zur Sperrzone in ihrem Kopf erklärt. Wenn sie es dennoch tat, schob sich stets eine ganz bestimmte Szene in den Vordergrund. Es war nicht der Moment, in dem sie in der rauchgeschwängerten Horrornacht zu ihrem elften Geburtstag aufgewacht war und realisiert hatte, dass ihr Elternhaus in Flammen stand und ihre Mutter und ihr Vater auf der anderen Seite einer brennenden Tür waren. Und es war auch nicht jener Moment, in dem sich ihr Zimmer in einen Glutofen verwandelt hatte, der Pyjama auf ihrem Rücken dahinschmolz, sie aus ihren Bettlaken einen Strick knüpfen und sich zwei Stockwerke hinunterhangeln musste, bevor sie schließlich in den kalten Schnee stürzte.
Nein, es ging um etwas, das erst nachher geschehen war: Als sie, nach Atem ringend, um die Hausecke stolperte, erblickte sie auf dem Rasen vor dem Haus eine ganze Menschenmenge. Und sie hörte die Schreckensrufe der Nachbarn, die sie längst als Brandopfer in den Flammen gewähnt hatten und sie jetzt plötzlich – nach ihren Eltern rufend – auf die schwelende Ruine zustürzen sahen. Ein Nachbar, Mr. Morrison, hatte es mit knapper Not geschafft, sie zurückzuhalten, und seine Frau hatte sie in die Arme genommen, wo sie schluchzend mit ihrem Schicksal haderte.
Martine erinnerte sich ganz genau, wie es ihr auf einen Schlag klar geworden war, dass sie ihre Eltern, mit denen sie noch vor wenigen Stunden ihren Geburtstag gefeiert und Pfannkuchen mit Schokoladen- und Mandelfüllung gegessen hatte, nie wieder sehen würde.
Das war der Augenblick, in dem ihr Leben offiziell zu Ende war. Der Augenblick, in dem sie alles, was ihr lieb gewesen war, verloren hatte.
Und nun geschah es wieder.

Am nächsten Morgen um 9 Uhr fuhren die Bulldozer in Sawubona auf. Wie eine Karawane gelber Raupen kamen sie dahergekrochen, bereit, alles aufzufressen, was sich ihnen in den Weg stellte. Sie blieben unmittelbar vor dem Tierasyl stehen und jagten mit ihren rasselnden Ketten und dröhnenden Motoren den kranken, verwaisten Tieren tausendmal mehr Angst und Schrecken ein als die Limousine von Reuben James am Tag zuvor.
Gwyn Thomas trat ihnen vor dem Haus mit einem grimmigen Gesichtsausdruck entgegen. Martine war erstaunt, dass die Fahrer nicht gleich kehrtmachten und das Weite suchten. Ihre Großmutter baute sich, die Arme in die Hüfte gestützt, vor dem ersten Bulldozer auf – wie ein Demonstrant vor einem Panzer.
«Was soll das? Sie dringen in mein Grundstück ein und erschrecken die ohnehin schon traumatisierten Tiere zu Tode», rief sie.
Der Vorarbeiter kletterte von seiner Maschine herab und sagte grinsend: «Wir führen nur Befehle aus, Madam.»
«Und diese Befehle führen Sie direkt ins Gefängnis, wenn Sie nicht sofort verschwinden. Wenn Sie mein Grundstück nicht in drei Minuten verlassen haben, rufe ich die Polizei!»
«Ich werde Sie bestimmt nicht daran hindern», sagte der Mann, während er ein Papier aus seinem Overall zog und auseinanderfaltete. «Das hier ist eine gerichtliche Verfügung, die uns die Erlaubnis gibt, die Arbeiten auf diesem Grundstück unverzüglich aufzunehmen. Wir wissen, dass Sie das Reservat erst in zwei Wochen verlassen werden, aber in der Zwischenzeit müssen wir mit den Vorarbeiten für den Safari-Park beginnen.»
«Von mir aus können Sie mit den Vorarbeiten für Schloss Windsor beginnen», fauchte Gwyn Thomas zurück. «Sie werden hier kein einziges Sandkorn bewegen …» Plötzlich hielt sie inne. «Entschuldigung. Habe ich richtig gehört? Womit wollen Sie beginnen?»
Der Mann überreichte ihr das Dokument. Gwyn Thomas setzte ihre Brille auf. Martine, die die Szene aus sicherer Entfernung beobachtete, sah wie sich die Schultern ihrer Großmutter verspannten.
Ihre Stimme wurde gefährlich ruhig. «The White Giraffe Safari Park», sagte sie. «Das also wollen sie hier bauen?»
Das Grinsen verschwand aus dem Gesicht des Mannes. «Ich denke schon. So jedenfalls steht es hier geschrieben.»
«Dann hören Sie mal gut zu», sagte Gwyn Thomas. «Sie können sich die ganzen Probleme sparen. Hier wird kein Safari-Park entstehen. Nicht mit einer weißen Giraffe. Auch nicht mit einem rosa Elefanten, einem schwarzen Nashorn oder was Ihnen sonst noch Abwegiges in den Sinn kommen mag. Nur über meine Leiche wird Mr. James Sawubona erben.»
«Nun beruhigen Sie sich mal, Madam», entgegnete ihr der Chef der Bulldozerfahrer. «Sie vergreifen sich im Ton. Wir tun hier nur unsere Arbeit.»
Gwyn Thomas gab ihm das Dokument mit gespielter Höflichkeit zurück. «Natürlich tun Sie nur Ihre Arbeit. Wie konnte ich das nur vergessen. Sie befolgen nur Befehle. In dem Fall wird es Sie ja wohl auch kaum stören, dass der Wildhüter meinen Befehl befolgt, dieses Tor offen zu lassen, damit die Löwen zwischen den Bulldozern herumspazieren können, während ich mich auf den Weg nach Storm Crossing zu meinem Anwalt mache. Hoffentlich haben die Tiere schon gefrühstückt. Sie lieben es nämlich, auf ihrem Morgenspaziergang einen frischen Happen Fleisch zu verspeisen …»
Martine hörte schon längst nicht mehr zu. Das Gefühl der Ohnmacht, das sie erfüllte, seit sie von Sawubonas bevorstehendem Schicksal erfahren hatte, war einer zügellosen Wut gewichen. Reuben James hatte Jemmy als Paradepferd für seinen grandiosen Plan auserkoren, das Wildreservat zu einem berühmten Zoo zu machen. Nicht genug, dass man ihr Jemmy, ihren Freund und Seelenverwandten, wegnehmen wollte. Nein, er sollte auch noch zum gefeierten Star der Reuben James Show werden.
Während sie auf den Fersen von Gwyn Thomas zum Haus zurückging, wiederholte sie still für sich: «Nur über meine Leiche, Mr. James.»

• 4 •

Drei Stunden später kam Gwyn Thomas aus Storm Crossing zurück – mit guten und schlechten Nachrichten.
«Die guten Nachrichten zuerst, bitte», sagte Martine, als sie ihrer Großmutter zusammen mit Ben in das Arbeitszimmer folgte. Sie machte ihrem Freund ein Zeichen, sich auf den freien Stuhl zu setzen, während sie sich auf einen Archivschrank hockte.
Gwyn Thomas hob ein offizielles Dokument in die Höhe. «Was immer es auch bringen mag, aber dies ist eine gerichtliche Verfügung, die Mr. James und seine Helfershelfer daran hindern wird, auch nur einen einzigen Mauerstein zu legen, bis zum Tag, an dem wir Sawubona offiziell verlassen müssen: Heiligabend. Nun aber zu den schlechten Nachrichten: Wir können sie nicht daran hindern, in der Zwischenzeit das Wildreservat zu betreten, so oft sie dies wünschen. Und sie dürfen so viele Architekten, Planer und Wildtierexperten wie nötig mitbringen, um die Übernahme des Reservats vorzubereiten.»
«Das ist eine unverschämte Frechheit», sagte Martine, die sich normalerweise nicht so drastisch ausdrückte, doch jetzt schien es ihr angebracht. «Wir können es nicht zulassen, dass dieser Fiesling hier seinen blöden Zoo plant und Leute nach Sawubona bringt, die unsere Tiere befummeln, während wir noch hier leben. Wenn er Jemmy auch nur mit einem Finger berührt, könnte ich mich zu einer Gewalttat hinreißen lassen. Ein kleiner Anschlag auf die Reifen seiner Blechkiste wäre noch das Harmloseste.»
«Martine!», rief Gwyn Thomas entrüstet. «Ich verbiete dir, wie eine Halbstarke zu reden. Es spielt keine Rolle, wie aufgebracht du bist. Ich verstehe ja, dass der Gedanke, Jemmy zu verlieren, dich in Rage bringt, aber das ist noch lange kein Grund, in diese Sprache zu verfallen.»
Sie stand auf und ging zum Fenster hinüber. «Was meinst du, wie ich mich fühle? Sawubona war mehr als die Hälfte meines Lebens lang meine Heimat, und hier hat auch deine Mutter gelebt, bevor du hierher gekommen bist. Sawubona war der Traum deines Großvaters, schon bevor ich ihn kennenlernte, und später wurde das Reservat unsere gemeinsame Vision. Und nun muss ich mit dem Gedanken fertig werden, dass der Mann, den ich geliebt habe, mich vielleicht hintergangen und diesen Traum an Mr. James überschrieben hat.»
Dann drehte sie sich um. «Aber weißt du, ich will es einfach nicht glauben. Dein Großvater war vielleicht nicht vollkommen, aber er war ein ehrenwerter Mann. Falls er Sawubona mit seiner Unterschrift tatsächlich an Mr. James abgetreten hat, so geschah es bestimmt mit den besten Absichten – vielleicht um mich zu schützen, damit ich nicht von unserer problematischen Finanzlage erfahren muss. Entweder das, oder jemand hat ihn unter falschem Vorwand dazu gedrängt, sein Testament abzuändern.
Doch das ist jetzt alles bedeutungslos. Ganz egal wie edel seine Absichten gewesen sein mögen, ich werde wegen seines Verhaltens mein Heim und mein Auskommen verlieren. Und das tut weh. Sehr weh sogar. Wenn kein Wunder geschieht, Martine, werden du und ich und die Katzen in zwei Wochen unsere Koffer packen und in eine Mietwohnung ziehen müssen.»
Martine versuchte, sich ihre Großmutter, die nichts so sehr liebte wie die Natur, in einer engen Stadtwohnung, weit weg von der Wildnis von Sawubona vorzustellen. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie so egoistisch gewesen war. Der Gedanke, ihr Heim und fast alles, was sie gerne mochte, zwei Mal innerhalb eines Jahres verlieren zu müssen, hatte ihr so wehgetan, dass es ihr gar nicht in den Sinn gekommen war, wie viel schmerzhafter dasselbe Ereignis für ihre Großmutter sein musste.
«Wir dürfen nicht einfach kapitulieren», sagte sie. «Es muss einen Ausweg geben. Ein Richter muss doch verstehen, dass es vielen Tiere im Reservat ähnlich geht wie Jemmy. Sie sind Waisen oder haben ein schreckliches Leben hinter sich, sie brauchen unseren Schutz und unsere Liebe.»
Martines Großmutter verzog das Gesicht. «Wenn es um Grundeigentum geht, denken Richter leider meistens nur in Schwarz und Weiß. Ich hatte gehofft, dass sich die Unterschrift meines Mannes auf dem Testament als Fälschung herausstellen würde, aber der Handschriftenexperte meines Anwalts bestätigte ihre Echtheit.»
Es klopfte an der Tür. Es war Tendai. Mit einem traurigen Lächeln bat ihn Gwyn Thomas herein. Dann sagte sie: «Wir scheinen tatsächlich nichts tun zu können.»
Martine blickte zu Ben hinüber. Er machte das Gesicht, das er immer machte, wenn sie in einer kritischen Situation waren. Sie sah ihm an, dass er fieberhaft nach einer Lösung suchte.
Schließlich sagte er: «Und wenn es noch ein drittes Testament gibt, eines das neuer ist als das von Mr. James? Eines, das Sie als Erbin von Sawubona bezeichnet? Würde dann nicht alles anders aussehen?»
Nickend sagte Gwyn Thomas: «Sicher. Aber wenn es ein neueres Testament gäbe, hätte Henry mir davon erzählt, oder ich hätte es gefunden, als ich seine Unterlagen durchsuchte, nachdem er … gestorben war.»
Ein betretenes Schweigen erfüllte den Raum. Niemand wollte das Offensichtliche aussprechen. Doch allen war klar: Wenn Henry ihr nicht gesagt hatte, dass er Mr. James als Erben eingesetzt hatte, dann hatte er ihr vielleicht auch noch andere Dinge verschwiegen.
Martine dachte an den Großvater, dem sie nie begegnet war. Er hatte sterben müssen, weil er versucht hatte, die Eltern der weißen Giraffe vor Wilderern zu schützen. Zurück blieb ihre gebrochene Großmutter, die ihren zweiundvierzig Jahre jungen Ehemann verloren hatte. Martine sagte nochmals: «Wir dürfen nicht einfach kapitulieren. Wir müssen kämpfen.»
«Ich bin einverstanden mit dir», sagte ihre Großmutter. «Aber ich kann mir momentan nicht so richtig vorstellen, wie wir kämpfen sollen.»
«Wollen Sie, dass ich das Personal über das Schicksal von Sawubona informiere?», fragte der Wildhüter.
«Danke, Tendai. Ich würde es nicht übers Herz bringen. Deshalb wäre ich dir sehr dankbar, wenn du es übernehmen könntest.»
«Hat Mr. Thomas in den Wochen vor seinem Tod irgendetwas Ungewöhnliches gesagt?», fragte Ben. «Wirkte er manchmal besorgt oder aufgeregt?»
«Nein, ganz im Gegenteil», sagte Gwyn Thomas. «Er wirkte glücklicher als je zuvor. Er war begeistert über die Zukunft des Wildreservats und hatte jede Menge Projekte. Wenige Wochen vor seinem Tod reiste er sogar unerwartet zu einem Treffen nach England.»
Sie schlug mit der Handfläche auf den Tisch. «Ja klar, das ist es. Irgendetwas muss auf dieser Reise passiert sein. Ich weiß, dass er deine Eltern besuchen wollte, Martine. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht an den geschäftlichen Zweck seiner Reise erinnern.»
«Wann genau ist er nach England gefahren?», fragte Martine. «Wie lautet das Datum des Testaments, das Mr. James dir vorgelegt hat? Vielleicht fällt es ja in den Zeitraum dieser Reise.»
«Ich weiß nur, dass er verreist ist, als hier Winter war, aber wann genau, das müsste ich in seinem alten Pass nachsehen. Der muss doch irgendwo hier sein.»
Sie öffnete die unterste Schublade rechts in ihrem Schreibtisch und holte eine Aktenmappe hervor. Da sie den Pass nicht fand, legte sie die Mappe wieder in die Schublade zurück. Beim Versuch, sie wieder zu schließen, schien die Schublade zu blockieren. Als sie es auch mit roher Kraft nicht schaffte, riss sie sie verärgert wieder auf und griff mit der Hand tief hinein. «Irgendetwas ist hier hinten eingeklemmt», sagte sie.
Schließlich zog sie ein Bündel mit zerknittertem und zerrissenem Papier und einen steifen blauen Umschlag mit ausgefransten Ecken hervor. Vorne auf dem Umschlag stand in dicker blauer Schrift: Gwyn.
Martine war drauf und dran, ihre Großmutter zu fragen, ob sie den Brief für sich alleine lesen wolle. Doch da hatte Gwyn den Umschlag schon mit dem Brieföffner aufgerissen und die darin steckende Notiz herausgeholt und gelesen. Sie reichte sie an Martine weiter.
Liebling
Ich hoffe, es wird nie so weit kommen, dass du diesen Schlüssel brauchst. Falls du ihn je brauchen wirst, bedeutet dies, dass ich nicht weit von der Wahrheit entfernt war. Du hast mich immer als mutigen Mann gesehen. Heute fühle ich mich alles andere als mutig. Ich hoffe, du findest in deinem Herz eine Stelle, die mir vergeben kann.
In ewiger Liebe
Dein Henry
Ein paar endlos lange Minuten sagte niemand ein Wort. Niemand wusste, was er sagen sollte. Es war, als habe Henry Thomas aus dem Grab gesprochen. Schließlich fasste sich Martine ein Herz und fragte: «Was ist das für ein Schlüssel?»
Gwyn Thomas zog ihn aus dem Umschlag und studierte die Visitenkarte, die mit einer Schnur am Schlüssel hing. «Sieht so aus wie ein Schlüssel zum Schließfach einer Bank in England.»
Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und sagte seufzend «Was bedeutet das alles? Was muss ich ihm vergeben?»
«Vielleicht haben Sie recht», warf Ben ein. «Vielleicht ist auf Mr. Thomas’s Reise nach England etwas vorgefallen.»
«Vielleicht. Aber dieses Geheimnis, wenn es wirklich ein Geheimnis gibt, hat er mit ins Grab genommen.»
«Nicht unbedingt», gab Martine zu bedenken. «Wenn du nach England fährst, findest du die Antwort vielleicht in diesem Schließfach. Du könntest der Sache nachgehen und herausfinden, was mein Großvater in England damals unternommen und wen er getroffen hatte.»
Völlig entsetzt sagte Gwyn Thomas: «Ich kann doch nicht um die halbe Welt reisen und dich allein zu Hause lassen, schon gar nicht, wenn es hier mittlerweile von Fremden nur so wimmelt. Und ich lasse Tendai ganz bestimmt nicht hier die Suppe auslöffeln, die ich ihm eingebrockt habe. Wer weiß, welche üblen Machenschaften Mr. James in petto hat.»
«Martine wird nicht allein sein», entgegnete Ben. «Ich bin ja hier und kann sie beschützen.»
Trotz ihrer Sorgen schaffte es Gwyn Thomas, sich ein Lächeln abzuringen. «Und wer soll dich beschützen, mein lieber Ben Khumalo?»
«Wir können doch Grace anrufen und sie fragen, ob sie eine Woche oder zwei bei uns wohnen kann», warf Martine ein. «So sind Ben und ich nicht allein, und Tendai hat eine Erwachsene, die ihm zur Seite stehen kann. Ein Blick von Grace, und Reuben James sucht das Weite.»
«Grace ist in Kwazulu-Natal zu Besuch bei Verwandten», gab Gwyn Thomas zu bedenken.
«Ja, aber in zwei Tagen kommt sie zurück», sagte Tendai. «So lange kann Tobias, unser neuer Wachmann, nachts auf das Haus aufpassen.»
«Ich verstehe nicht, warum wir überhaupt darüber diskutieren», protestierte Gwyn Thomas. «Das Ganze ist doch ein aussichtsloses Unterfangen! Was soll ich Tausende von Kilometern fliegen und ausgerechnet jetzt, da wir es uns nicht leisten können, ein halbes Vermögen ausgeben, nur um zu entdecken, dass es nichts zu entdecken gibt, außer dass mein Mann die Notiz zu einem Zeitpunkt geschrieben hat, als er sich schuldig fühlte, weil er von Mr. James Geld geborgt hatte.»
«Dann weißt du wenigstens, woran du bist», entgegnete Martine. «Du weißt, dass es nichts zu finden gab und du alles Menschenmögliche unternommen hast, um Sawubona zu retten.»
Doch noch während sie sprach, beschlich sie neben der schon vorhandenen Wut und Ohnmacht ein beklemmendes Angstgefühl. «Vielleicht ist es doch keine so gute Idee», sagte sie kleinlaut. «Es ist zu weit weg, und du wirst uns fehlen.»
«Nein, ich glaube, du hattest schon recht, Martine», sagte Gwyn Thomas. «Ich muss nach England, sonst werde ich mir mein ganzes Leben lang Vorwürfe machen, es versäumt zu haben. Wenn das Schicksal von Sawubona auf dem Spiel steht, muss ich fahren.»

• 5 •

Am Tag nach Gwyn Thomas’ Abflug gab Sampson, ein älterer Wildhüter, um 6 Uhr früh per Funk durch, er sei während seines Patrouillengangs durch das Reservat auf einen Büffel gestoßen, der wegen einer Viruserkrankung sofort behandelt werden müsse. Ohne Medizin würde er verenden, meinte er.
Martine hörte von ihrem Zimmer aus das Knacken und Rauschen des Funkgeräts und ging rasch in die Küche hinunter, um herauszufinden, was los war. Ben saß frisch geduscht bei Kaffee und Toast mit Sardellenpaste am Frühstückstisch. Im Gegensatz zu Martine, die, ganz und gar kein Morgenmensch, in ihrem zerknitterten Schlafanzug und mit verwuscheltem Haar dastand und reichlich verschlafen dreinblickte, wirkte Ben so wach und munter, als könne ihn keine Herausforderung aus der Bahn werfen.
«Sampson hat an der Nordgrenze des Reservats einen verletzten Büffel aufgespürt», sagte er zu Martine. «Kommst du mit? Wir können deine Hilfe gebrauchen.»
Adrenalin schoss durch Martines Venen. Nichts weckte sie schneller als die Nachricht, dass ein Tier Hilfe brauchte. Trotz Bens Protesten nahm sie ein paar hastige Schlucke aus seiner Kaffeetasse und klaute ihm den letzten Toast vom Teller. «Ich bin gleich wieder da», sagte sie und stürmte die Treppe hoch, um den Überlebensbeutel zu holen, den sie immer mitnahm, wenn sie wegging – egal wohin –, stieg in ihre Jeans, streifte ein blaues Sweatshirt über und stürzte aus dem Haus.
Dabei hätte sie sich gar nicht beeilen müssen. Tendai und Ben warteten nicht ungeduldig auf sie, sondern steckten mit ihren Köpfen unter der Motorhaube des Jeeps und fachsimpelten über Dinge wie Zündkerzen und Einspritzpumpen.
«Diese alte Dame kurvt durch das Reservat, seit ich vor zwanzig Jahren bei deinem Großvater angefangen habe. Ich musste sie zwar immer wieder zusammenflicken, aber im Allgemeinen hat sie wirklich gute Dienste geleistet», sagte Tendai. «Gestern Abend war noch alles in bester Ordnung. Ich habe keine Ahnung, warum sie jetzt plötzlich streikt.»
Als sie gerade dabei waren, die Batterie zu testen, kam Reuben James in einem brandneuen Landrover mit offenem Verdeck forsch auf den Hof gefahren.
«Perfektes Timing», murmelte Ben vor sich hin.
Reuben James stieg aus dem Fahrzeug. Er trug ein blütenweißes Hemd und maßgeschneiderte Khakihosen. Seine Glatze glänzte in der Sonne. Er sah aus wie ein typischer Safariparkbesitzer. «Gibt’s Ärger im Paradies», fragte er, während er lässig auf sie zuging.
Er streckte Tendai die Hand entgegen. «Hallo, ich bin Reuben James. Und Sie sind bestimmt der berühmte Wildhüter von Sawubona. Ich habe von Ihnen gehört, als ich vor ein paar Jahren mit Henry Thomas im Geschäft war. Aber Sie waren damals auf einem Kurs, glaube ich. Sind sie nicht auch Fährtenleser?»
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich demonstrativ ab und lächelte zu Martine herunter: «Und wir treffen uns schon wieder?»
Martine wünschte, sie könnte ihm ein faules Ei an den Kopf werfen, damit ihm das arrogante, selbstzufriedene Lächeln verging. «Leider ja», sagte sie.
Reuben James lachte: «Leider? Aber nicht doch, Martine. Ich bin sicher, dass wir noch beste Freunde werden.»
Tendai presste die Lippen zusammen. Doch von Martines Unhöflichkeit verunsichert, bemühte er sich seinerseits, etwas mehr Freundlichkeit an den Tag zu legen.
«Ja, Sir, ich bin Wildhüter auf Sawubona. Leider will mein Jeep heute früh nicht anspringen. Ich muss in der Werkstatt anrufen, doch die macht erst um acht auf. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn wir uns nicht dringend um einen kranken Büffel kümmern müssten.»
«Ein kranker Büffel?» James deutete mit einem Arm auf seinen goldglänzenden Landrover. «Bitte, nehmen Sie mein Fahrzeug. Es steht Ihnen zur freien Verfügung.»
Sie blickten ihn alle verdutzt an. Martine fragte sich, was wohl der Haken an der Sache sein mochte.
«Äh, danke für Ihr freundliches Angebot, Mr. James», brachte Tendai hervor, «aber das ist wirklich nicht nötig. Ich kann einen Freund anrufen, der uns aus der Patsche hilft.»
Das ließ Reuben James nicht gelten. «Ich beharre darauf. Es wäre mir ein Vergnügen. Mein Fahrer ist bereit. Lurk, fahren Sie die guten Leute zu diesem bedauernswerten Geschöpf im Reservat. Sie sollen sich die Zeit nehmen, die sie benötigen. Ich muss mich hier durch einen Papierberg kämpfen und werde bestimmt damit beschäftigt sein, bis Sie zurückkommen.»
Dann deutete er auf den Jeep. «Und wenn Sie erlauben, wird sich in der Zwischenzeit einer meiner Mechaniker den Motor ihres Fahrzeugs ansehen.»
Ehe sie auch nur versuchen konnten, einen Einwand zu formulieren, hatte er sie in den nach Leder riechenden Landrover gedrängt und selbst eine Tür nach der anderen geschlossen, als wäre er – und nicht Lurk – der Fahrer.
Als sie davonfuhren, wagte Martine, die mit Ben im Fond des Wagens saß, einen Blick zurück. Reuben James stand vor dem Haus und winkte ihnen hinterher, so wie es Gwyn Thomas normalerweise tat.
Innerlich kochend dachte Martine: Es fühlt sich an, als wäre er schon eingezogen. Zwei Tage, nachdem er die Bombe platzen ließ, tut er so, als sei er schon der Besitzer von Sawubona.
Und dann fügte in ihrem Inneren eine leise Stimme hinzu: Und von Jemmy.

Kaum waren sie außer Sichtweite des Hauses, wich auch schon das falsche Lächeln von den Lippen des Fahrers, wie der Mond, der plötzlich hinter einer Wolke verschwindet. Er steuerte den Wagen verdrossen und schweigsam über die Straße. Und als Tendai ihm eine Frage zum Landrover stellte, gab er vor, sie nicht gehört zu haben.
Sie fuhren über die grün-goldene Steppe von Sawubona, am See vorbei und auf das Hochplateau. Als sie in die Nähe des Berges kamen, der den Eingang zum Geheimen Tal verbarg, spürte Martine einen stechenden Schmerz in ihrem Herzen. Seit Monaten war sie nicht mehr im Refugium der weißen Giraffe gewesen. Tief im Tal war eine Höhle, von der nur Martine und Grace wussten, abgesehen natürlich von den San, den alten Buschmännern, die vor Jahrhunderten ihre Lebensgeschichten in mystischen Gemälden auf den Felswänden festgehalten hatten.
Aus Gründen, von denen Martine nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatte, schienen sie mit ihren Malereien auch Teile von Martines Schicksal vorausgesagt zu haben. Sie hatte eigentlich nie so richtig gewusst, wie sie die prophetischen Bilder der San in jenem Teil der Höhle, die sie Gedächtnishalle nannten, deuten sollte, bis es schon zu spät war und sie bereits über Bord in die von Haifischen wimmelnde See gestürzt oder mit einem verwundeten Leoparden in einer Höhle eingeschlossen war.
«Erst Zeit und Erfahrung werden dich lehren, zu sehen diese Bilder mit den richtigen Augen», hatte Grace ihr immer wieder gesagt.
Als sich Martine einmal darüber beklagte, dass es ungerecht sei, sein eigenes Schicksal auf einer Wandmalerei sehen zu müssen, ohne es beeinflussen zu können, hatte ihr Grace gesagt, gerade das sei der springende Punkt. Wenn Menschen ihre Zukunft sehen könnten, würden sie sich nur die angenehmen Seiten herauspicken. «Sie würden die wichtigen Dinge dieser Welt nicht lernen und verstehen, weil es oft sind die schwierigen Dinge.»
Meistens musste ihr Martine recht geben. Viele ihrer schmerzhaften Erlebnisse hatten ihr direkt oder indirekt die unvergesslichsten Erfahrungen ihres Lebens beschert. Doch selbst Grace würde zugeben, dass der Verlust von Jemmy und allen anderen Tieren, die ihr in Sawubona ans Herz gewachsen waren, nicht zu den Erfahrungen des Lebens gehörten, die man unbedingt durchmachen musste. Darin konnte man doch nichts Positives sehen.
Im Vorbeifahren warf Martine einen verstohlenen Blick auf den knorrigen Baum, der den Eingang zu Jemmys Refugium verdeckte. Sobald sie konnte, würde sie sich in die Gedächtnishalle schleichen, um zu sehen, ob die San-Buschmänner etwas darüber zu sagen hatten, dass sich Reuben James Sawubona aneignen wollte. In weniger als einem Monat würde sie ihren zwölften Geburtstag feiern. Bestimmt hatte sie jetzt ausreichend Zeit und Erfahrung, um sich von den Höhlenwänden ihre eigene Zukunft weissagen zu lassen.
Der Landrover verlangsamte seine Fahrt. Sampson trat aus einer Baumgruppe hervor.
«Parken Sie bitte dort drüben, Lurk», sagte Tendai und deutete auf den Rand einer in den Busch geschlagenen Lichtung. Lurk leistete seiner Anweisung murrend Folge.
«Aus Sicherheitsgründen sollten Sie besser im Fahrzeug bleiben», riet ihm Tendai. «Wir haben mit Ihrem Boss schon Probleme genug. Und wir können jetzt keine Klage von ihm gebrauchen, weil Sie von einem unserer Tiere einen Kratzer abbekommen.»
Lurk tat, als habe er nichts gehört. Er öffnete die Fahrertür und sprang heraus. Dann lehnte er sich gegen den Landrover und zündete sich eine Zigarette an.
Die Blicke von Tendai und Martine trafen sich. Tendai zuckte mit den Schultern, kletterte mit dem Erste-Hilfe-Koffer für Tiere aus dem Fahrzeug und sprach Sampson in Zulu an. Sampson war ein hagerer, verhutzelter Mann, dem Martine mindestens hundert Jahre gab. «Passt auf!», sagte er zu Martine und Ben, als diese langsam auf die Baumgruppe zugingen.
«Keine Bange», beruhigte ihn Martine. Neben Löwe, Leopard, Elefant und Nashorn gehörte der Büffel zu den Großen Fünf Afrikas, und er war eines der gefährlichsten von diesen Tieren. Manche Touristen erachteten das ganze Gerede von der Gefährlichkeit der Büffel, die wie sympathische, übergroße Kühe mit geschwungenen Hörnern wirkten, als völlig übertrieben. Doch wer diesem Irrglauben verfiel, musste ihn meist mit dem Leben bezahlen.
Dieser Büffel jedoch stellte für niemanden eine Gefahr dar. Er war ein junger Einzelgänger, der wahrscheinlich aus der Herde ausgestoßen worden war, weil er Streit gesucht hatte. Von Streitlust war keine Spur mehr übrig. Er lag auf der Seite, aus seinen triefenden Augen sprachen Fieber und panische Angst. Während sie ihn betrachteten, stöhnte er tief, als würde das Leben aus ihm entweichen.
Martines Augen wurden tränennass. Sie konnte Tiere nicht leiden sehen.
«Schnell, Tendai!», rief sie, aber Tendai und Sampson schienen in einen Streit mit dem Fahrer verwickelt zu sein, weil dieser seine Zigarette nicht löschen wollte. Plötzlich warf er sie achtlos weg. Funken stoben, und ein trockener Busch am Rande der Lichtung drohte Feuer zu fangen. Sampson riss sich das Hemd vom Leib und drosch auf den Busch ein. Tendai spurtete zum Landrover, um Wasser zu holen, und brüllte Lurk über die Schulter an.
Martine schob die Lippen des Büffels auseinander. Das Zahnfleisch des jungen Tiers war beinahe weiß, was sie als sicheres Zeichen dafür deutete, dass der Bulle nicht mehr lange zu leben hatte.
«Martine!», drängte Ben sie, «du musst unbedingt etwas tun.» Wie Tendai und Gwyn Thomas wusste er, dass Martine eine Gabe hatte, Tiere zu heilen, die er allerdings nicht so richtig verstand. Außerdem wusste er, dass sie einen Überlebensbeutel mit allerlei Wundermitteln dabeihatte. Wenn sie sich in Trance versetzte, konnte sie diese heilbringend einsetzen. «Ich schau’ auch nicht hin, wenn das hilft.»
Er wollte sich eben abwenden, als Martine ihn anstieß. «Halt», sagte sie. «Ich brauche dich. Du musst deine Hände gegen sein Herz pressen.»
Dann kramte sie ein Fläschchen aus dem Beutel. Als sie es öffnete, entwich ihm ein ekliger Geruch von Froschschleim, Schimmel und Schweißsocken, sodass Ben husten musste.
«Hey, was ist denn das?», fragte er naserümpfend. «Du sollst den Büffel retten, nicht vergiften.»
Martine ignorierte ihn. Stattdessen goss sie die grüne Flüssigkeit in das Maul des Büffels, der gerade so weit zum Leben erweckt wurde, dass er wieder schnauben und husten konnte, dabei jedoch noch kraftloser als zuvor wirkte. Martine legte ihre Hände behutsam auf den Kopf des Bullen, strich mit den Fingern sanft über seine Nase, seine rauen, scharfen Hörner, die massiven Kieferknochen, die harten Nackenmuskeln. Dann schloss sie die Augen.
Die Zeit verstrich. Martine hätte nicht sagen können, ob zwei Sekunden oder zwei Stunden vergangen waren. Ihre Hände wurden immer wärmer und schließlich so heiß, dass es sie nicht erstaunt hätte, wenn Rauch aus ihnen aufgestiegen wäre. Die Stimmen der Alten dröhnten in ihrem Kopf und führten ihre Finger. Der Rhythmus der Trommeln hallte in ihrer Brust wider. Sie sah große Giraffenherden und Männer in Lendenschürzen, mit Speeren bewaffnet und …
«Martine! Pass auf!»
Der Büffel rappelte sich plötzlich auf und begann, seine ausladenden Hörner zu schwenken. Martine sah ihm wie benommen zu. Schon kam Tendai – Gewehr im Anschlag – vom Landrover herbeigeeilt; Ben stellte sich schützend vor Martine und setzte sich damit selbst größter Gefahr aus.
Doch letztlich waren weder das Gewehr noch Bens Mut nötig. Der Büffel warf seinen Kopf mehrmals hin und her, um seine Benommenheit abzuschütteln, schnaubte und stampfte dann langsam durch die Bäume davon.
Als Tendai bei ihnen war, schloss er sie beide erleichtert in die Arme. «Ich habe euch doch gesagt, ihr sollt vorsichtig sein. Büffel sind so unberechenbar. Der hier hat sogar Sampson glauben gemacht, er würde gleich sterben. Und Sampson hat beinahe ein Jahrhundert Erfahrung! Das nächste Mal bleibt ihr ganz schön bei mir.»
«Versprochen», sagte Martine, «aber ich denke nicht, dass der Büffel uns wehtun wollte.»
Sie mied den Blickkontakt mit Ben, aber aus den Augenwinkeln sah sie, dass er sehr mitgenommen war. Sie wollte gerade etwas sagen, um ihn abzulenken, als der Fahrer auf sie zukam.
«Lurk, ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen im Landrover bleiben – es ist zu gefährlich», sagte Tendai gereizt.
Lurk funkelte ihn wütend an. «Von Ihnen nehme ich keine Befehle entgegen.»
Tendai rollte mit den Augen. «Das war kein Befehl, sondern ein Sicherheitsratschlag. Aber ich glaube mittlerweile, dass wir nicht Sie vor den Tieren, sondern die Tiere vor Ihnen in Sicherheit bringen müssen. Sie haben fast den Busch in Brand gesteckt.»
Lurk sagte nichts. Stattdessen starrte er entgeistert über Tendais Schulter und zischte mit unterdrückter Stimme: «Elefant! Verrückter Elefant!»
«Das ist kein Elefant», sagte Tendai, der seine Geduld mit Lurk zu verlieren schien. «Das ist ein Büffel. Und verrückt ist er auch nicht. Er fühlt sich einfach nicht so gut.»
«Tendai», sagte Ben leise. «Er hat recht.»
Eine Elefantenkuh, groß wie ein Affenbrotbaum, stand im Schatten der Bäume und schwenkte bedrohlich die Ohren. Als sie dann auch noch ohrenbetäubend trompetete, war klar, dass sie gleich angreifen würde.
Lurk riss Tendais Gewehr an sich.
«Sind sie wahnsinnig?», schrie Tendai und versuchte, ihm das Gewehr wieder zu entreißen. «Wollen Sie, dass wir alle draufgehen? Das ist kein Gewehr für einen Elefanten. Für die Kuh würde sich der Schuss höchstens wie ein Bienenstich anfühlen und sie sehr, sehr stark reizen.»
Lurk entsicherte die Waffe und nahm den Elefanten ins Visier.
Doch Tendai packte ihn am Handgelenk und drückte so fest zu, dass Lurk sich vor Schmerzen wand und das Gewehr fallen ließ. «Schluss jetzt damit, oder ich knalle Sie eigenhändig ab. Wir bewegen uns jetzt alle ruhig zum Landrover zurück. Wenn der Elefant uns angreift, müsst ihr davonlaufen, aber im Zickzack, um das Tier zu verwirren. Seid ihr bereit? Also los!»
Sie hatten nur ein paar wenige Schritte zurückgelegt, als Lurk in Panik verfiel und in Richtung des Landrover davonspurtete. Bisher hatte Martine Elefanten nur um ein Wasserloch stehen oder etwas schwerfällig herumtraben sehen. Umso erstaunter war sie, als die Elefantenkuh wie ein startendes Rennpferd aus dem Wäldchen geschossen kam und dem Fahrer hinterhergaloppierte. Sie hatte ihn im Nu eingeholt. Es schien klar, dass sie ihn zu Tode trampeln würde, bevor er das Fahrzeug erreichen konnte. Er hatte völlig vergessen, dass er im Zickzackkurs laufen musste.
Tendai hatte seine Arme um Ben und Martine geschlungen. Fassungslos und entsetzt verfolgten sie zu dritt die Szene. «Jacke ausziehen, Lurk!», rief der Wildhüter. «Jacke ausziehen und fallen lassen.»
Die Elefantenkuh kam dem Fahrer immer näher. Unter ihren enormen Füßen gab die Erde nach. Ein paar Sekunden noch, und Lurk würde von dem Dickhäuter zu blutigem Brei geschlagen.
«Die Jacke», kreischte Tendai. «Jacke ausziehen!»
Irgendwie schienen die Worte in Lurks versteinerte Gehirnwindungen vorzudringen. Im Laufen schälte er sich aus seiner Jacke und schleuderte sie zu Boden. Die Elefantenkuh blieb verdutzt stehen. Sie blickte von Lurk zu dem zerknitterten roten Knäuel am Boden. Einen Moment lang sah es aus, als würde sie die Verfolgungsjagd wieder aufnehmen, doch als Sampson den Motor des Landrover startete, besann sie sich auf den einfacheren Weg und stürzte sich auf die Jacke. Staubwolken stiegen auf, als sie mit den Füßen auf der Jacke herumstampfte und -trampelte, sie in die Höhe warf, um sogleich wieder auf sie einzudreschen.
Endlich kam Lurk beim Fahrzeug an, riss die Tür auf und warf sich schluchzend hinein. Sampson preschte, noch bevor er richtig im Sitz saß, in Richtung von Tendai, Martine und Ben davon. Diese warfen sich blitzschnell in das Fahrzeuginnere und knallten die Türen hinter sich zu. Während Sampson das Gaspedal durchdrückte und den Landrover mit aufheulendem Motor vom tobenden Elefanten weg auf den Fahrweg steuerte, hörte Martine im Hintergrund das wütende Trompeten der Elefantenkuh.

• 6 •

Auf der Rückfahrt sprach niemand ein Wort. Lurk schniefte wehleidig vor sich hin, die anderen waren einfach nur geschockt. Und glücklich, noch am Leben zu sein.
Auch Martine wusste, dass sie sich glücklich schätzen konnten, doch sie beschäftigte sich nicht weiter damit. Sie musste an die Augen des Elefanten denken. Seit sie in Sawubona war, hatte sie mehrere Begegnungen mit ausgewachsenen Elefanten gehabt. Vor allem aber war sie einem jungen Elefantenwaisen, der Shaka hieß, nahe gekommen. Und stets war sie vom weisen und freundlichen Blick dieser braunen Augen beeindruckt. Bei dem Elefanten aber, der Lurk angegriffen hatte, war das ganz anders gewesen. Aus den Augen der Elefantenkuh hatte abgrundtiefer Hass geblitzt. Sie schien nur einen Gedanken gehabt zu haben: den Fahrer zu zertrampeln und in der Luft zu zerreißen – genau so, wie sie es schließlich mit seiner Jacke getan hatte.
Als sie sich dem Haus näherten, riss sich Lurk zusammen, und als Sampson den Landrover schließlich vor dem Eingang zum Reservat zum Stehen brachte und Lurk die Schlüssel übergab, war er bereits wieder der Griesgram von vorher. Wortlos kletterte er auf den Fahrersitz und strafte Tendai mit einem giftigen Blick. Es war offensichtlich, dass er den Wildhüter für seine Pein verantwortlich machte.
Tendai wartete, bis der Landrover davongefahren war. Dann sagte er: «Ich glaube, wir können jetzt alle eine Tasse Tee vertragen.»
Zehn Minuten später saßen sie um den Küchentisch, tranken dampfend heißen Rooibos-Tee, aßen Melktert, einen mit Zimt bestrichenen Puddingkuchen, und fühlten sich sehr viel besser.
«Ich kann’s nicht verstehen», sagte Tendai. «Ich habe diese Elefantenkuh fast jeden Tag gesehen, seit sie vor drei Jahren zu uns gekommen ist. Und sie gehört zu den scheuesten und ängstlichsten Tieren des Reservats. Elefanten sind Herdentiere. Sie bewegen sich gerne innerhalb ihrer Familie, aber Angel – ich nenne sie so, weil sie unter unseren Dickhäutern stets die sanfteste war – ist immer allein und läuft schnell einmal davon. Sie hat Angst vor Menschen. Aber heute hat sie sich wie ein wild gewordener Elefantenbulle verhalten. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Lurk seine Jacke nicht zu Boden geworfen hätte.»
«Das war Angel?», sagte Martine überrascht. Im allgemeinen Chaos hatte sie sich gar nicht überlegt, um welchen Elefanten es sich eigentlich gehandelt hatte.
In Sawubona lebten dreizehn Elefanten. Einige stammten aus einem sambischen Wildreservat mit Platzproblemen, andere waren Waisen von Tieren, die zur Bestandsregulierung aus Zuchtherden ausgesondert worden waren, und wiederum andere waren von Martines Großeltern zugekauft worden, um im Reservat ein Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Tieren herzustellen. Martine kannte die Geschichten der einzelnen Elefanten nicht und sie konnte sie – mit Ausnahme von zwei Tieren – auch nicht voneinander unterscheiden: Shaka, das Elefantenbaby, dem sie monatelang aus einem Eimer Milch gefüttert hatte, und Angel. Angel war kein normaler afrikanischer Elefant, sondern eine Vertreterin der Wüstenelefanten, die in Namibia, einem Nachbarland Südafrikas, heimisch waren.
Angel war für Martine so wichtig, weil sie von Stammesleuten gehört hatte, dass es diese Elefantenkuh gewesen war, die die weiße Giraffe gerettet hatte, nachdem deren Eltern nur Stunden nach ihrer Geburt getötet worden waren. Irgendwie musste Angel Jemmy die Flucht ermöglicht und ihn im Geheimen Tal in Sicherheit gebracht haben. Sie hatte ein paar Tage zuvor ein Elefantenkalb verloren und war deshalb dem betrübten und verstörten Giraffen-baby nicht nur besonders zugetan, sondern auch in der Lage, es zu säugen. Martine bedauerte es manchmal, dass ihr dieser Anblick versagt geblieben war. Auf jeden Fall blieben sich die beiden Tiere gegenseitig verbunden, und für Jemmy war Angel so etwas wie eine adoptierte Mutter.
Bei ihren Ausritten mit Jemmy war Martine dann und wann Angel nahe gekommen. Und wie Tendai hatte auch sie die Elefantenkuh als extrem scheu kennengelernt. Sie war immer allein. Entweder war sie aus der Herde ausgestoßen worden oder sie mied die anderen Tiere. Jemmy war ihr einziger Freund gewesen, doch als dieser ausgewachsen war, distanzierte sie sich auch von ihm – vielleicht um von ihrer gemeinsamen Geschichte abzulenken. Und nun war dieses scheinbar engelhafte Wesen grundlos auf sie losgegangen.
«Deshalb sage ich immer, dass man mit Wildtieren nie ein Risiko eingehen darf», sagte Tendai. «Sie sind unberechenbar wie der Wind. Man muss immer auf der Hut sein.»
«Tiere sind rätselhaft», sagte Sampson zustimmend. «Ich hätte auf das Leben meiner neun Kinder geschworen, dass dieser Büffel drauf und dran war, an einer Viruserkrankung einzugehen. Ich war überzeugt, dass er gleich sein Leben aushauchen würde, als ich euch heute Morgen angefunkt habe. Und dann ist er plötzlich auf- und davongesprungen wie ein junger Bulle!»
Lachend sagte Tendai: «Deine Augen sind nicht mehr, was sie einmal waren, Alter. Du hast wohl zu viel Zeit allein im Busch verbracht, und jetzt geht die Fantasie mit dir durch.»
Er schob den Stuhl zurück und setzte seinen Hut mit dem Zebrafellband auf. «Ich muss los. Vielleicht haben die Männer von Mr. James ja meinen Jeep geflickt.» Und mit einem schelmischen Seitenblick auf Sampson fügte er hinzu: «Schließlich gibt es hier auch Leute, die arbeiten müssen.»
«Und du nennst das, was du tust, Arbeit?», gab Sampson zurück. «Du bist doch tagaus, tagein auf Safari.» Dann gingen die beiden lachend und scherzend aus dem Haus.
Als sie weg waren, blickte Ben Martine durchdringend an und fragte sie: «Was genau ist da abgegangen mit dem Büffel im Reservat? Wie hast du ihn geheilt, einfach so?»
Mit einem nicht minder scharfen Blick gab sie zurück: «Das war die Medizin von Grace. Das hatte nichts mit mir zu tun. Diese Muti bewirkt Wunder.»
Ben ließ es dabei bewenden, denn er wusste, dass es mitunter besser ist, gewisse Dinge nicht auszusprechen.
«Ich weiß ja nicht, was du empfunden hast, aber ich hatte Todesangst, als der Elefant lostrampelte», sagte Martine, offensichtlich dankbar dafür, dass Ben nicht nachhakte. «Aber warum ging Angel so auf uns los?»
«Vielleicht hat sie etwas gesehen oder gerochen, das sie wütend gemacht hat.»
«Kann sein. Tendai hat mir gesagt, dass Elefanten nie vergessen. Studien haben bewiesen, dass Elefanten die Angehörigen verschiedener Stämme an ihrer Kleidung oder an ihrem Geruch erkennen können. Aber was hat sie denn gesehen oder gerochen?»
«Oder wen?», sagte Ben.
Martine sah ihn überrascht an. «Was meinst du damit?»
«Vielleicht war sie auf irgendeinen von uns wütend.»
«Aber warum? Wir waren immer nur gut zu ihr.» Während sie diese Worte aussprach, musste Martine an den Hass in Angels Augen denken, als sie auf Lurks Jacke herumtrampelte.
Laut röhrend sprang der Motor von Tendais Jeep an. Martine sprang auf und rannte zur Haustür. «Hey Tendai!», rief sie. «Woher stammt eigentlich Angel? Ich weiß, dass sie ein Wüstenelefant ist. Aber wie ist sie in Sawubona gelandet?»
Er blickte sie verdutzt an, während er den ersten Gang einlegte. «Ich dachte immer, du weißt das», sagte er. «Angel war ein Geschenk von Reuben James an deinen Großvater.»

• 7 •

Man lässt eine alte Frau doch nicht einfach stehen am Wegrand.» Es war 3 Uhr früh. Martine erstarrte vor Schreck. Das war nicht weiter erstaunlich, denn schließlich krakeelte ihnen aus der Dunkelheit eine wohlbeleibte Medizinfrau mit afrokaribischem Akzent entgegen.
Eigentlich hatte Martine nicht geplant, sich zu dieser Unzeit im Wildreservat aufzuhalten. Ursprünglich wollte sie um 21 Uhr ins Bett gehen, zwei Stunden schlafen und sich dann um etwa 23 Uhr, zu einer relativ zivilen Zeit also, ins Reservat begeben. Doch es lief anders. Sie schlief länger als zwei Stunden, schaffte es, als sie schließlich wach war, nur mit allergrößter Mühe aufzustehen, und hatte überdies ein schlechtes Gewissen, als sie sich in das Reservat schlich. Nicht weil sie verschlafen hatte, sondern weil sie sich über die Anweisungen ihrer Großmutter hinweggesetzt hatte. Unter normalen Umständen durfte sie nach Einbruch der Dämmerung nicht mit Jemmy ausreiten. Doch dann redete sie sich ein, dass die Umstände diesmal alles andere als normal waren.
«Grace!», rief sie, nachdem sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte. Als die Sangoma hinter einem Busch hervorgetreten war, hatte Jemmy das Weite gesucht, doch jetzt stakste er zaghaft auf sie zu. Martine stieg von seinem Rücken und stürzte sich in die ausgebreiteten Arme der Zulufrau.
«Ich bin so glücklich, dich zu sehen. Wie war es in Kwazulu-Natal? Hat Tendai dir erzählt, was hier abgeht? Was für ein Albtraum! Ein Geschäftsmann will Sawubona übernehmen. Er behauptet, mein Großvater habe ihm einen Kredit nie zurückbezahlt, und wir müssen alle an Heiligabend verschwinden, und Jemmy …»
«Nur mit der Ruhe, Kind! Dafür haben wir genug Zeit später», unterbrach sie Grace. «Jetzt müssen wir gehen schnell zum Geheimen Tal.»
Dann legte sie eine Hand auf ihre ausladende Hüfte und blickte ratlos Jemmys langen weißen Rücken empor. «Und wie soll die gute alte Grace jetzt da hochkommen?»
Einen Augenblick lang verschlug es Martine die Sprache. Der bloße Gedanke, dass Grace – eine Frau, die ihre Desserts am liebsten gleich selbst verspeiste – Jemmy besteigen wollte, war gelinde gesagt besorgniserregend. Die Gefahr, dass die weiße Giraffe einen irreparablen Rückenschaden davontragen würde, war groß. Andererseits wäre ihre Freundin bestimmt verletzt, wenn sie sie darauf aufmerksam machen würde.
Glücklicherweise – oder unglücklicherweise – wurde ihr die Entscheidung abgenommen. Jemmy, der Fremden gegenüber normalerweise wie versteinert war, gab seinen flatternden, melodischen Ton von sich und legte sich zu Boden, woraufhin Grace mit majestätischer Eleganz auf seinen Rücken stieg und sich dort wie in einem bequemen Lehnstuhl niederließ. Dann streckte sie Martine eine Hand entgegen und sagte: «Komm Kind, was wartest du noch?»
Martine konnte nicht ablehnen, ohne Grace wegen ihres Umfangs vor den Kopf zu stoßen. Also kletterte sie auf den Widerrist der Giraffe, hielt sich an ihrer Mähne fest und sprach ein leises Gebet zu Jemmy und den vereinten Giraffengöttern.
Als Jemmy langsam aufstand, klammerte sich Grace an Martine fest und schnatterte wie wild auf Zulu vor sich hin. Martine wusste nicht, ob sie fluchte oder betete. Zu guter Letzt jedoch machte sich Jemmy, sehr langsam vorwärts schreitend, mit seinen zwei Reiterinnen auf den Weg.

Normalerweise bahnte sich Martine ihren Weg in das Geheime Tal, indem sie die Zähne zusammenbiss, tief Atem holte und sich an Jemmys Mähne und Hals festklammerte, während dieser mit voller Wucht auf den knorrigen Baum und den mit Dornen gespickten Vorhang aus Kriech- und Schlingpflanzen losgaloppierte, der den engen Felsspalt verdeckte. Mit der gewichtigen Passagierin Grace auf dem Rücken kam diese Methode heute jedoch nicht in Frage. So mussten die beiden Menschen eher schwerfällig durch das Unterholz kriechen, während sich die weiße Giraffe anmutig ihren Weg durch den Spalt suchte.
«Du solltest deinen Führerschein so bald wie möglich machen, Honey», sagte Grace, während sie Blätter, Moos und Dornen aus ihrer Frisur klaubte. «Auf einer Giraffe reiten – das ist zum Vergessen. Nun werde ich humpeln tagelang wie ein Rodeo-Cowboy. Aber wie bist nur du in das Tal gekommen durch den Dornenbusch, ohne dass du bist völlig zerfetzt?»
«Ich wusste gar nicht, dass es einen anderen Eingang zum Tal gibt», sagte Martine. Sie schaltete die Taschenlampe ein und ließ ihren Kegel durch das Tal gleiten. Sie standen in einem von Orchideenduft erfüllten Kessel, der von zwei nach innen geneigten Felswänden begrenzt war. Oben mündeten die Wände in ein dunkelblaues Himmelrechteck voller funkelnder Sterne. «Und wie gelangst du normalerweise ins Tal hinein?»
Geheimnisvoll lächelnd sagte Grace: «Ich habe meinen Weg, Kind. Du hast deinen.»
Martine war schon oft in der Gedächtnishalle gewesen, und doch hatte diese immer wieder etwas Magisches für sie. Die schwere, stickige Luft, ähnlich wie in einer von Weihrauch erfüllten Kathedrale, versetzte sie in jene ferne Zeit, in der die San-Buschmänner ihr Leben auf die Granitfelsen gemalt hatten. Bilder von wilden Tieren und Männern mit Speeren oder Löwenmasken huschten schemenhaft wie Schattengespenster über die Höhlenwände.
Martine und Grace ließen sich auf einem flachen Fels nieder, der wie eine natürliche Sitzbank aussah. Martine spürte, dass Khan, der Leopard aus Simbabwe, bei dessen Rettung sie mitgeholfen hatte, sich lautlos von hinten angeschlichen hatte. Sie stellte sich vor, dass er wie eine Sphinx auf einem Felssims hinter ihnen lag. Sein goldenes Fell mit den onyx-schwarzen Rosetten glänzte im Schein der Taschenlampe. Sie wusste, dass er sie mit einer Mischung aus Liebe und Verunsicherung beobachtete. Verunsicherung – weil seine Gefühle jedem einzelnen seiner Raubtierinstinkte widersprachen.
Martine ihrerseits hatte für ihn nichts als Liebe übrig.
Tränen quollen in ihren Augen auf. Schon bald würde man ihr das alles wegnehmen. Wenigstens erfüllte es sie mit einer gewissen Genugtuung, dass Reuben James diesen Ort wohl nie finden würde. Doch dieses Gefühl wurde durch den schmerzvollen Gedanken, sich von Khan und Jemmy verabschieden zu müssen, gleich wieder verdrängt. Darüber hinaus würde sie die Verbindung mit ihren Vorfahren verlieren, die ihre Geschichte auf die Höhlenwände gemalt hatten.
Grace reichte ihr ein Papiertaschentuch. «So, du erzählst mir jetzt von Anfang an die ganze Geschichte. Und dass du mir nichts auslässt.»
Martine fing an. Sie erzählte der Frau, die für sie Ratgeberin, Begleiterin, Freundin und Erdmutter zugleich war, von ihrer beunruhigenden ersten Begegnung mit Reuben James, von den Schulden ihres Großvaters und dem abgeänderten Testament, von Angels Angriff gegen den Fahrer, von der Entdeckung des Briefs ihres Großvaters mit der Bitte um Verzeihung und von der Abreise ihrer Großmutter nach England.
«Du siehst also, Grace, ich kann nicht warten, bis ich ausreichend Erfahrung habe, um die Höhlenmalereien zu lesen. Ich brauche die Antwort jetzt. Heute Abend. Es bleiben uns nur noch zehn Tage, um Sawubona zu retten. In zehn Tagen wird alles, was wir lieben, weg sein.»
Grace ließ sich mit ihrer Antwort Zeit. Die Stille zog sich in die Länge, bis Martine, deren Nerven zu reißen drohten, vor lauter Ungeduld aufschreien wollte. Schließlich stemmte sich die Sangoma von dem Sitz hoch und ging zur Felswand, wo sie vor einem Fleck stehen blieb, den sie mehrere, endlos lang scheinende Minuten musterte. Martine stellte sich neben Grace vor die Felswand. Gemeinsam starrten sie nun auf den Fleck.
«Du willst mir doch wohl nicht sagen, dass dieser Fleck etwas bedeutet?», begehrte Martine auf. «Da hat doch einer bloß etwas Farbe verschüttet oder sonst herumgekleckst.»
Grace schüttelte den Kopf und sagte: «Nein, die Vorfahren hatten für alles einen Grund.»
Dann ging sie durch die Höhle und strich auf der Suche nach weiteren Hinweisen mit ihren großen, kissenartigen Handflächen über den Stein. Plötzlich hielt sie inne. Aus dem Granit trat etwas hervor, das wie ein Kompass aussah.
Plötzlich wurde Grace ganz aufgeregt. «Komm her, Kind», sagte sie. «Wir müssen gehen!»
«Wohin?», fragte Martine, aber Grace sagte nichts, sondern packte nur Martines Taschenlampe und schaltete sie aus. Als hätte jemand die Fensterläden geschlossen, wurde es plötzlich stockdunkel.
So sehr Martine Khan liebte, war es ihr nicht gerade wohl dabei, mit dem größten Leoparden der Welt in einem Irrgarten gefangen zu sein, wenn sie nicht einmal die Hand vor ihrem Gesicht sehen konnte. Doch die Sangoma kannte keine derartige Angst. Sie nahm Martine bei der Hand und führte sie durch ein Labyrinth von Höhlen, die sich wie Schlangen durch den Berg rankten – Höhlen, die Martine bisher nie zu erkunden gewagt hatte.
Jetzt wurde die Luft noch schwüler und drückender. Eine tiefe Beklemmung beschlich Martine, und sie rang nach Luft, als sich plötzlich ein Sternenhimmel vor ihr auftat und frische Nachtluft ihr Gesicht überströmte.
Sie befanden sich auf der Bergflanke über dem Geheimen Tal. Überrascht stellte Martine fest, dass Khan mit ihnen gekommen war und ihnen wie ein treuer Hund auf den Fersen folgte. Sein gelber Blick war aufmerksam auf Grace gerichtet, die im Mondschein ihren Weg durch den Berghang suchte. Dann blieb sie stehen und knipste die Taschenlampe an.
«So, kannst du sie jetzt sehen?», fragte sie.
Martine ging zu Grace hinüber. In einer Mulde am Fuß eines mächtigen Felsblocks ragten zwei große Elefantenstoßzähne aus der Erde. Sie waren dreckverkrustet, als wären sie irgendwie aus dem Erdreich gerissen worden. Ihre Spitzen berührten sich. Sie wiesen nach Nordwesten.
«Ja, ich sehe sie, Grace. Aber was soll das bedeuten? Woher stammen sie? Wie sind sie hierher gekommen?»
Die Sangoma machte ihr ein Zeichen, sich hinzusetzen. Khan gesellte sich zu ihr und ließ sich neben ihr nieder. Martine legte den Arm um ihn, als handle es dabei um die natürlichste Sache der Welt. Es war die erste Berührung, seit sie ihn in Simbabwe gerettet hatte, und sie war so berückend wie damals. Sein goldenes Fell strahlte Wärme aus. Er zog seine Krallen ein und fing an, tief und behaglich zu schnurren.
Grace öffnete den Lederbeutel, den sie um den Hals getragen hatte, streute seinen Inhalt – mehrere Knöchelchen, Stachelschweinborsten, eine Wiedehopffeder und frische Kräuter – bei den Stoßzähnen aus und zündete ein Streichholz an. Sie schloss die Augen. Eine mit dem Duft von afrikanischen Veilchen und Moschus durchmischte Weihrauchwolke verbreitete sich in der Luft. Grace begann, laut vor sich hin zu brabbeln. Martine verstand kein Wort. Es klang, als würde sie mit jemandem streiten – mit den Geistern der Vorfahren vielleicht. Jetzt schien sie sie um etwas anzuflehen. Sie verschränkte die Arme über der Brust und wankte vor- und rückwärts. Es war offensichtlich, dass sie Qualen litt.
Martine war verunsichert. Sie klammerte sich an Khan. Sollte sie versuchen, Grace aus ihrer Trance zu holen, oder würde sie damit ein heiliges Ritual stören? Khan begann zu knurren.
Plötzlich öffnete Grace die Augen. Sie blickte Martine starr an und sagte: «Die vier Blätter werden dich führen zum Kreis. Der Kreis wird dich führen zu den Elefanten. Die Elefanten werden dich führen zur Wahrheit.»
«Welche Wahrheit?», fragte Martine von einem Déjàvu-Gefühl überwältigt. An ihrem ersten Morgen in Südafrika hatte sie Grace genau dieselbe Frage gestellt. Und sie hatte sie immer wieder gestellt, ohne je eine Antwort darauf zu erhalten.
«Welche Wahrheit?», fragte Martine nochmals, weil Grace sie mit einem Gesichtsausdruck anschaute, den sie nicht deuten konnte.
«Deine Wahrheit», antwortete Grace und strich Martine eine Haarsträhne aus dem Gesicht. «Wenn ein Dorn steckt in deinem Herz, musst du ihn herausziehen, ganz egal, wie weit du gehen musst für eine Medizin, die dir wird helfen dabei.»
Mehr verriet sie nicht. Stattdessen umarmte sie Martine und redete ihr gut zu, Stärke zu zeigen. In Gedanken vertieft ritt Martine zum Haus zurück. Die Sangoma hatte ihr Angebot, auf Jemmy mitzureiten, nicht angenommen. Stattdessen murmelte sie, sie habe noch Dinge zu erledigen. Martine mochte gar nicht daran denken, was Grace wohl um 4 Uhr morgens in einem stockdunklen Wildreservat zu erledigen hatte. Sie stellte deshalb auch keine weiteren Fragen. Wie Ben hatte sie gelernt, dass es manchmal besser war, Dinge unausgesprochen zu lassen.
Auf ihrem langsamen Ritt durch das Reservat grübelte sie über die Worte von Grace nach, als sie am Horizont plötzlich einen weißen Lichtschein sah. Sie blickte auf die Uhr. Es war 4.30 Uhr und immer noch dunkel. Aber das noch weit entfernte Haus war hell erleuchtet. Entweder hatten Tendai oder Ben ihr Verschwinden bemerkt und waren in Panik geraten, oder es spielte sich eine Tragödie ab. Fest griff sie in Jemmys Mähne und trieb ihn zu einem gestreckten Galopp an.
Am Eingang zum Reservat wartete bereits Ben auf sie. «Geh zur Vordertür hinein», sagte er hektisch. «Ich lenke Tendai und den Wachmann in der Küche ab, während du wieder in dein Pyjama steigst. Tendai weiß nicht, dass du weg warst. Ich habe ihm gesagt, dass man dich – wenn du erst einmal schläfst – nur mit einer Bombe wecken kann.»
«Danke», sagte Martine. «Aber wenn er nicht weiß, dass ich weg war, warum ist das Haus denn wie ein Christbaum erleuchtet?»
Ben zog das Eingangstor hinter sich zu und verschloss es. «Weil wir Besuch von Einbrechern hatten.»

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