Читать книгу: «VIRUS – Im Fadenkreuz»
Lars Hermanns
VIRUS – Im Fadenkreuz
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Epilog
ENDE
Impressum neobooks
Prolog
Es war ein schöner Donnerstag am 26. September 2019. Draußen waren es milde zwanzig Grad Celsius, und niemand konnte ahnen, was sich just in diesem Moment in Berlin für Gewitterwolken zusammenbrauten.
Der Abteilungsleiter, der von allen bloß »Odysseus« genannt wurde, saß in seinem kargen Büro, das ohne jeden Schmuck eingerichtet war und lediglich eine Aussicht auf den Ostberliner Fernsehturm bot. Der Schreibtisch war übersät von Akten, und ein Porträt mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel schien dem Abteilungsleiter stets über die Schulter zu blicken.
Odysseus, dessen wahrer Name bloß der Personalabteilung bekannt war, blickte aus dem Fenster und war in Gedanken weit in der Vergangenheit versunken. Damals, vor dreißig Jahren, als die Welt noch in Ordnung war. Damals, als er mit dreißig Jahren noch jung und sportlich fit war, hatte man seine Feinde noch gekannt. Der KGB war sein ärgster Gegenspieler gewesen. Man kannte sich, man fürchtete sich – und man hatte keinerlei Skrupel, dem Gegenspieler mitunter tödliche Lektionen zu erteilen. Doch dies alles fand im Dezember 1989 ein jähes Ende, als der damalige sowjetische Staatspräsident Michail Sergejewitsch Gorbatschow auf Malta den neuen US-Präsidenten George Herbert Walker Bush traf und das Ende des Kalten Krieges einleitete. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991 fand auch der Kalte Krieg ein Ende.
Seit diesen Tagen waren die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwommen.
Ja, man hatte noch immer mit ausländischen Geheimdiensten zu tun, und gelegentlich spionierte man sogar seine Verbündeten aus, doch das klassische Feindbild war verschwunden. Mehr und mehr bekam man es nicht mehr bloß mit anderen Staaten zu tun; vor allem terroristische Vereinigungen rückten verstärkt in den Fokus des Geschehens und ließen liebgewonnene Feinde im Hintergrund verschwinden.
Es war an der Zeit, diese Missverhältnisse wieder ein wenig zurechtzurücken.
Wo bleibt bloß Schmitt, fragte sich Odysseus, als es bereits an der Tür klopfte und ein kahlköpfiger Mann das Büro betrat, der genauso groß wie Odysseus, jedoch zehn Jahre jünger und ein wenig schlanker war.
Der inzwischen weißhaarige Odysseus drehte sich missmutig herum und fragte, ohne seinen Gast zu begrüßen: »Sind Sie fündig geworden?«
»Ja, das bin ich«, antwortete Schmitt, dessen wahrer Name ebenfalls geheim war, und setzte sich auf den freien Stuhl gegenüber von Odysseus‘ Schreibtisch. In seinen Händen trug er eine altmodische Akte.
»Und?«, fragte Odysseus ungeduldig nach. »Mensch, lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen!«
Schmitt antwortete in einem gewohnt ruhigen Ton: »Ich bin die Namen der vielversprechendsten Agenten durchgegangen und auf einen gestoßen, der für unsere kleine Mission geeignet erscheint: Jung, gutaussehend, schwarzer Gürtel in Judo, Jahrgangsmeister im Kickboxen, ausgebildeter Scharfschütze und Sprengstoffexperte. Spricht neben Deutsch noch Englisch und Russisch.«
»Angehörige?«
»Nur die Eltern. Doch die sind wohl kein Hindernis.«
»Keine Beziehung?«
»Keine, die uns bekannt wäre. Und wir sind da bekanntlich sehr gewissenhaft.«
»Sehr gut!« Odysseus nahm nun ebenfalls am Schreibtisch Platz. »Zeigen Sie mir die Akte.«
Schmitt tat, wie ihm geheißen, und beobachtete sein Gegenüber. Er wusste, dass Odysseus früher Agent im Außeneinsatz gewesen war und während des Kalten Krieges nicht wenige Mitarbeiter des KGB hatte verschwinden lassen. Später hatte man den heutigen Abteilungsleiter damit betraut, zusammen mit der CIA und dem MI6 den Austausch von Agenten durchzuführen, und Schmitt wusste, dass sein Vorgesetzter diese Zeiten vermisste.
Odysseus begutachtete die Akte gewissenhaft, und es dauerte einige Minuten, ehe er endlich aufblickte und sagte: »Sehr gute Arbeit, Schmitt!«
Schmitt nickte bloß.
»Das wird der perfekte Köder werden. Jetzt brauchen wir nur noch einen Zivilisten, um alles in Gang zu bringen.«
»An welche Stadt haben Sie gedacht?«
»Frankfurt, Schmitt. Das Wirtschafts- und Finanzzentrum.«
»Gut, ich werde unsere Leute dort informieren.«
»Nein! Das werden Sie nicht tun, Schmitt.« Odysseus schüttelte leicht den Kopf und betrachtete das Foto, das der Agentenakte zuoberst angebracht war. »Das soll unser Agent tun. Es ist wichtig, dass unser Zivilist Vertrauen fasst. Er ist es schließlich, der das Päckchen hier, in Berlin, abliefern soll. Und das wird er wohl nur tun, wenn er entsprechendes Vertrauen hat und nicht ahnt, in was er in Wirklichkeit verwickelt wird.«
Schmitt nickte zustimmend und hörte gespannt weiter zu.
»Lassen Sie alles Weitere vorbereiten – je eher wir beginnen können, desto besser.«
»Was tun wir, wenn es schiefgeht?«
»Schmitt, Sie sind ein Pessimist! Was sollte denn schiefgehen?«
»Unser Agent könnte enttarnt werden.«
»Das ist recht unwahrscheinlich, Schmitt. Schließlich sind wir in unserem eigenen Land. Wie sollte unser Agent da enttarnt werden? Lassen Sie entsprechende Unterlagen und Ausweise vorbereiten, wie wir es besprochen haben.«
»Und der Zivilist?«
»Was soll mit dem sein?«, fragte Odysseus sichtlich genervt.
»Was, wenn er dabei zu Schaden kommt oder gar getötet wird?«
»Wir wissen von nichts, Schmitt! Es darf von ihm keinerlei Verbindung zu uns geben. Sollte er also getötet werden, so waren es unsere Gegenspieler.«
»Ein deutscher Zivilist?«
»Hören Sie doch auf, Schmitt!«, antwortete Odysseus erbost. »Sie waren doch mit dem Plan einverstanden und wussten, dass wir einen Zivilisten benötigen, um die Geschichte glaubwürdig zu gestalten. Kommen Sie mir jetzt also nicht so!«
»Es ist doch nur – könnten wir nicht vielleicht doch ein Zweierteam einsetzen, das den Auftrag übernimmt?«
»Für ein hundertprozentiges Dementi ist es unerlässlich, dass der Bote einwandfrei als Zivilist identifiziert werden kann. Es darf absolut kein Zweifel an seiner Unschuld bestehen, ansonsten ist unser ganzer Plan hinfällig. Selbst wenn man unseren Agenten enttarnen sollte, wäre der Zivilist eben immer noch ein Zivilist. Und allein darauf kommt es an!«
Kapitel 1
Freitag, 4. Oktober 2019
Frankfurt am Main
Der gestrige Feiertag war schön gewesen, doch der heutige Freitag war alles andere als angenehm. Es regnete, und die knapp 12°C kamen Jan deutlich kühler vor, als er seinen Kunden in Frankfurt-Niederrad verließ und sich auf den Weg zur S-Bahn machte.
Eine halbe Stunde später saß er bereits in der S-Bahn-Linie S6, die ihn nach Hause bringen würde. Er war kurz am Hauptbahnhof umgestiegen und saß nun in der 2. Klasse und blickte aus dem Fenster. Der Regen ließ immer wieder Tropfen ans Fenster klopfen, und er war froh darüber, seinen Wagen am Bahnhof von Groß-Karben geparkt zu haben, statt mit diesem bei Regen in die Frankfurter Innenstadt zu fahren. Schon bei schönem Wetter hätte er mindestens eine Dreiviertelstunde benötigt. Doch bei Regen? Nicht auszudenken, wie jetzt wohl die A5 aussah! Vor seinem geistigen Auge sah er, wie er dort – Stoßstange an Stoßstange – mitten im Stau gestanden hätte.
Plötzlich spürte er, wie ihn jemand zu beobachten schien.
Jan blickte sich vorsichtig um.
Es war später Nachmittag an einem Brückentag, die S-Bahn war nicht annähernd so besetzt wie normalerweise um diese Zeit. Die üblichen Pendler saßen auf ihren Plätzen, von denen es heute genügend freie gab. Die meisten waren in Zeitungen oder Bücher vertieft, nicht allzu weit hörte jemand viel zu laut Musik …
Da sah er plötzlich, dass ihn eine hübsche, junge, blonde Frau anlächelte, die schräg vor ihm saß – keine drei Reihen entfernt.
Er erwiderte das Lächeln und blickte daraufhin erneut aus dem Fenster.
Nachdem am Bahnhof Berkersheim erneut zahlreiche Fahrgäste ausgestiegen waren, und sich die S-Bahn nun auf den Weg zum Südbahnhof von Bad Vilbel machte, lehnte sich Jan in seinem Sitz zurück und lenkte seinen Blick vom Fenster weg auf die anderen Fahrgäste. Erneut erkannte er, dass die junge Frau ihn anlächelte.
Er lächelte wieder freundlich zurück und betrachtete sie diesmal etwas eingehender. Das Haar war beinah platinblond – definitiv gefärbt und kaum natürlich – und passte sehr gut zu ihrem leicht gebräunten Teint. Sie sah sehr schlank und sportlich aus, und Jan schätzte sie auf Mitte/Ende zwanzig. Er selbst war inzwischen bereits fünfundvierzig und bei weitem nicht mehr so sportlich wie noch vor zwanzig Jahren. Bei einer Größe von einem Meter achtzig brachte er knapp einhundertfünf Kilo auf die Waage – eindeutig zu viel für seinen Geschmack. Seine bullige Statur war vor allem um die Hüfte herum zu dick, wenn auch glücklicherweise nicht mit einem Bierbauch gesegnet.
Die junge Frau drückte sich ein Buch vor die Brust: FAIRVIEW – Feuerteufel
Okay, dachte Jan. Sie mag demnach Kriminalromane oder Thriller. Ihm selbst sagte der Titel nichts, doch das Cover ließ auf eines der genannten Genres schließen. Er selbst las auch sehr gern, doch er hatte es dann eher mit Romanen von John Grisham oder Ken Follett.
Als die S-Bahn den Bahnhof von Bad Vilbel Süd verließ, kam die junge Frau plötzlich auf ihn zu.
»Darf ich mich setzen?«, fragte sie mit einer Stimme, die jugendlich und doch zugleich etwas tiefer klang, als Jan es erwartet hätte.
»Ähm, ja, klar«, erwiderte er automatisch, woraufhin sie sich ihm direkt gegenübersetzte.
»Das tue ich normalerweise nicht«, sagte sie und lächelte ihn an.
»Was?«, fragte Jan leicht verunsichert.
»Mit wildfremden Männern reden«, antwortete sie und lachte leicht.
»Aha«, entgegnete er und wusste nicht, wie er sonst hätte reagieren sollen.
Inzwischen erreichte die S-Bahn den Bahnhof von Bad Vilbel.
»Sie hatten vorhin so verträumt ausgesehen – so, als wären Sie in Wirklichkeit ganz woanders.«
Jan errötete leicht, während er sagte: »Es ist der Regen.«
»Melancholisch?«
»Nein, eine rein praktische Überlegung. Ich wäre jetzt normalerweise mit meinem Auto gefahren.«
»Ich verstehe.« Sie lächelte ihn weiterhin an.
»Es tut mir leid, doch ich bin nicht sonderlich gut in solchen Dingen.«
»Was meinen Sie?«, fragte sie noch immer lächelnd.
»Konversation mit fremden Frauen«, antwortete Jan und bereute es im gleichen Moment schon wieder. Was redete er da?
Die junge Frau hingegen lachte leise und herzlich, dann sagte sie: »Ich auch nicht.«
Nun lachte auch Jan, angesteckt von ihrer Herzlichkeit und der Doppeldeutigkeit ihrer Antwort.
»Bis wohin fahren Sie?«, fragte sie ihn unvermittelt.
»Groß-Karben«, gab Jan zur Antwort und fragte seinerseits: »Und Sie?«
»Friedberg.«
»Wohnen Sie dort?«
»Nein, ich wohne in Bornheim. Ich muss nur kurz etwas in Friedberg abgeben, dann fahre ich schon wieder zurück. Ich heiße übrigens Natascha – Natascha Papst.«
»Jan – Jan Wagner.«
»Freut mich, Jan. Haben Sie heute noch etwas vor?«
»Bitte?« Jan war mit dieser Frage sichtlich überfordert.
»Ich bin erst vor Kurzem von Norddeutschland hierhergezogen und kenne noch niemanden. Da ich gleich wieder an Groß-Karben vorbeikommen werde, wäre es doch schön, wenn wir vielleicht etwas essen gehen könnten.«
»Essen? Heute?« Jan hatte kaum Übung in solchen Dingen und sich mehr um seine Arbeit denn um sein soziales Umfeld gekümmert.
»Passt es Ihnen nicht?«
»Doch, doch«, entgegnete er rasch. »Es kommt nur so unerwartet.«
»Ich werde in etwa einer Stunde wieder da sein. Schaffen Sie das?«
»Ja, natürlich«, antwortete Jan. »Italienisch, Griechisch, Chinesisch oder Türkisch?«
»Sie entscheiden.«
Berlin
»Na, endlich!« Odysseus blickte triumphierend auf sein Smartphone. Danach drückte er eine Sprechtaste an seinem Büroapparat, sagte: »Schicken Sie Schmitt rein!« und las erneut die Nachricht, die er eben per SMS erhalten hatte.
Schmitt betrat das Büro ohne anzuklopfen und fragte: »Sie wollten mich sprechen?«
»Wir haben eine Nachricht aus Frankfurt: Der Zivilist ist gefunden, Näheres werden wir morgen erfahren.«
»Soll ich mit der Meldung beginnen?«
»Nein, Schmitt – noch nicht. Wir dürfen jetzt nichts überstürzen.«
»Wie geht es jetzt weiter?«
Odysseus legte sein Smartphone beiseite, ehe er sagte: »Wir werden mit unserem Agenten in Kontakt bleiben. Jetzt, am Wochenende, muss zunächst die Verbindung zu unserem Zivilisten intensiviert werden. Davon hängt wirklich alles ab! Ich hoffe, dass wir am Montag, spätestens jedoch am Dienstag mit der Mission ›Hölzernes Pferd‹ beginnen können.« Nach diesen Worten griff er sich eine Zigarette aus einem silbernen Etui, zündete sie an und blies Rauch in die Luft.
Karben
Jan hatte nicht viel Zeit gehabt. Er war vom Bahnhof Groß-Karben aus mit seinem Auto, einem beinah dreißig Jahre alten, weißen Opel Kadett E mit gerade einmal sechzig Pferdestärken, durch den Regen nach Roggau gefahren. Hier besaß er ein kleines Haus, dessen Hypothek er immer noch abzuzahlen hatte, und um das er sich dringend wieder mehr kümmern musste. Den Rasen hatte er schon lange nicht mehr gemäht, und die Fenster waren ebenfalls in einem traurigen Zustand. Eine Haushaltshilfe wäre nicht schlecht gewesen, doch dafür fehle ihm schlicht und ergreifend das Geld.
Eine gute Dreiviertelstunde später stand er mit seinem Wagen bereits wieder am Bahnhof und wartete auf das Eintreffen der S6 aus Friedberg.
Wer war die Frau – Natascha?
Sie war offensichtlich deutlich jünger als er; wieso hatte sie ihn ausgewählt?
Meinte sie es ernst, oder spielte sie nur mit ihm?
Bald, überlegte er, werde ich es wissen.
Dann sah er die S6 aus Friedberg ankommen. Er wusste, dass Natascha die Unterführung würde nehmen müssen und hatte seinen Wagen daher nahe der Bushaltestellen geparkt. Und da sah er auch schon ihre platinblonden Haare aus der Menge der Pendler herausstechen.
Frankfurt
Knapp vier Stunden später fuhren Jan und Natascha in seinem weißen Kadett die Friedberger Landstraße entlang nach Frankfurt.
»Du hättest mich wirklich nicht fahren müssen«, beteuerte Natascha zum wiederholten Male. Während des Essens beim Griechen waren sie zum vertrauten ›Du‹ übergegangen.
»Papperlapapp«, antworte Jan erneut. »Es regnet noch immer, und außerdem sollte eine hübsche Frau wie du abends nicht allein mit der S-Bahn fahren müssen.«
»Ach, du findest mich hübsch?«, kokettierte sie mit einem zuckersüßen Lächeln.
Jan wurde verlegen und konzentrierte sich auf den Verkehr, da er nicht wusste, was er darauf erwidern sollte.
»Du bist süß. Danke. Du, da vorn musst du nach links …«
Wenige Minuten später standen sie vor einem großen Mehrfamilienhaus in einem Viertel, das mehreren solcher Wohnhäuser Platz bot. Entlang der Straße gab es einige Parkplätze, doch um diese Uhrzeit waren die meisten bereits belegt. Zwischen den Häusern gab es sogar Grünflächen, teilweise mit Sträuchern und Bäumen bepflanzt. Kein schlechter Platz, um in Frankfurt am Main doch noch halbwegs das Gefühl zu haben, im Grünen zu wohnen.
»Möchtest du auf einen Kaffee mitkommen?«
»Hast du auch Tee?«, fragte Jan.
»Ja«, antwortete Natascha lachend, »damit kann ich auch dienen.«
Jan lenkte seinen alten Opel auf einen der wenigen Parkplätze, anschließend gingen er und Natascha, locker miteinander plaudernd, die restlichen rund hundert Meter zu Fuß.
Nataschas Wohnung lag im dritten Stock eines vierstöckigen Mehrfamilienhauses und war, wie Jan bemerkte, doch recht schlicht eingerichtet. Alles war in Weiß gehalten: Fliesen, rau verputzte Wände und Decken, Möbel. Vor allem aber vermisste Jan das, was normalerweise die Wohnung von Frauen kennzeichnete: Das Persönliche! Es gab keinerlei Nippes, keine gerahmten Fotos von Freunden und Familie.
»Setz dich bitte, ich gehe schnell in die Küche«, sagte Natascha und verschwand.
Jan blickte sich um, und irgendwie kam ihm all das sehr surreal vor. Natascha war traumhaft schön und wirkte beinah wie das Bildnis einer Göttin, überlegte er. Wäre er zehn Jahre jünger gewesen, hätte es ihn vielleicht nicht einmal besonders gewundert, von einer hübschen Frau nach oben gebeten worden zu sein. So jedoch wunderte er sich schon sehr. Und wieder fiel ihm auf, dass er nichts Persönliches von Natascha entdecken konnte. Die Bücher in den Regalen waren zwar interessant, doch trotz allem kam ihm die Wohnung kalt und ohne Leben vor.
Natascha kam plötzlich aus der Küche und trug ein Tablett mit zwei Gläsern: Ein Longdrinkglas und ein Martiniglas. »Du sagtest vorhin beim Essen, dass du gern Gin Tonic trinkst«, flötete sie heiter und reichte Jan das Longdrinkglas.
»Danke, das ist lieb«, sagte Jan, während er das Glas entgegennahm. »Doch ich muss gleich noch Auto fahren.«
»Ist doch bloß ein Glas«, erwiderte sie und nahm ihrerseits das Martiniglas, in dem eine Olive in einer klaren Flüssigkeit schwamm.
»Was trinkst du?«, fragte Jan.
»Wodka Martini«, kam es wie aus der Pistole geschossen. »Geschüttelt, nicht gerührt.« Wieder lachte sie herzhaft auf und blickte Jan direkt danach tief in die Augen. »Komm, lass uns anstoßen.«
»Gern«, sagte er. »Aber bitte, nur dieses eine Glas.«
Sie stießen miteinander an und tranken jeder einen kräftigen Schluck ihres Getränks.
»Ist er dir so recht?«, fragte Natascha, und Jan bejahte, während er sich schließlich auf ihrer weißen Ledercouch niederließ.
»Was arbeitest du eigentlich?«, fragte er sie plötzlich, und Natascha versah ihn mit einem merkwürdigen Blick.
»Ich arbeite an der Frankfurter Universität als Labortechnikerin. Und du?«
»Vermögensberater.«
»Vermögensberater?«, fragte sie mit einem zweifelnden Unterton nach. »Wieso fährst du dann nur einen uralten Opel? Ich dachte immer, euch ginge es in eurer Branche so gut.«
»Weißt du«, setzte Jan an, »es gibt zweierlei Typen von Vermögensberatern: Die einen arbeiten für ihre Kunden, die anderen für sich selbst.«
»Das verstehe ich nicht, fürchte ich.«
»Es geht um Provisionen. Wenn du einen Vermögensberater wählst, wird er dir früher oder später allerlei Produkte verkaufen wollen. Diese sind nicht unbedingt schlecht, doch kannst du nur selten sicher sein, dass sie auch zu hundert Prozent zu dir passen oder gar nötig sind. Doch der Vermögensberater macht seinen Schnitt, streicht die Provision für die neuen Verträge ein und freut sich, dass er erfolgreich einen neuen Kunden an Land gezogen hat.«
»Ooooookay … und die anderen?«
»Die anderen sind die armen Schweine, die ehrlichen Vermögensberater, die eben nicht auf Provisionsbasis arbeiten. Sie nehmen stattdessen einen festen Stundensatz für die Beratung, und es liegt beim Kunden allein, ob man eine halbe Stunde oder gleich mehrere Stunden mit ihm verbringt.«
»Und dadurch verdient man weniger Geld, nehme ich an?«
»Ganz genau«, antwortete Jan und nahm einen weiteren Schluck von seinem Gin Tonic. »Ich werde dadurch zwar nicht reich werden, doch behalte ich wenigstens mein reines Gewissen.« Er trank noch ein Schluck Gin Tonic und fühlte sich von Sekunde zu Sekunde lockerer, ungezwungener. »Und wie schaut es da bei dir aus? Was machst du so im Labor?«
Natascha setzte sich dicht neben Jan auf die Couch, und er bemerkte erst jetzt, dass ihre weiße Bluse einen Knopf zu weit geöffnet war als es sich eigentlich geziemt hätte. Und ihr Parfüm roch verführerisch. Schnell trank er wieder einen Schluck und erwiderte Nataschas feurigen Blick, als sie antwortete.
»Ich bin Labortechnikerin und analysiere zumeist verschiedene Stoffe. Je nach Auftrag geht es um Verträglichkeit, um enthaltene Substanzen. Manchmal geht es aber auch um Bakterienkulturen. Nichts Aufregendes.«
»Bakterien? Ist das nicht gefährlich?«
»Nein«, antwortete sie. »Nicht in meinem Bereich. Für die Arbeit mit potenziell gefährlichen Viren bräuchte ich eine besondere Freigabe, und die möchte ich auch gar nicht haben.«
Jan nickte und leerte sein Glas.
»Möchtest du noch eins?«, fragte Natascha, doch Jan winkte ab.
»Wieso ich?«, fragte er sie plötzlich.
»Was meinst du?«, antwortete sie mit einer Gegenfrage und trank danach ebenfalls ihr Glas leer.
»Wieso hast du mich angesprochen? Wieso wolltest du mit mir essen gehen?«
»Wieso nicht?« Sie lächelte ihn herausfordernd an.
»Ich bin fünfundvierzig Jahre alt, Natascha. Deshalb. Wie alt bist du? Fünfundzwanzig?«
»Ich bin neunundzwanzig. Was hat das bitte mit dem Alter zu tun?«
»Du bist sehr attraktiv, könntest vermutlich jeden Mann haben, den du willst.«
»Danke.«
»Wieso suchst du dir also ausgerechnet mich aus?« Jan spürte, als er die Frage fertiggestellt hatte, dass die Stimmung kippen könnte.
»Es war nicht geplant, es kam spontan über mich. Du hattest so verträumt ausgesehen, so melancholisch. Und außerdem: Für was soll ich dich denn bitte ausgesucht haben?«, fragte sie und schmunzelte ihn an.
»Ich weiß es nicht. Sag du es mir.«
»Wieso machst du es uns so schwer, Jan? Ich bin erwachsen, du bist erwachsen, ich finde dich sympathisch und nett, und ich scheine dir auch nicht unsympathisch zu sein.«
»Das ist es nicht …«, antwortete er verunsichert. Verdammt nochmal, dachte er bei sich, was tue ich hier eigentlich? Zudem spürte er, wie ihm langsam die Glieder schwer wurden, obwohl er doch nur einen einzigen Gin Tonic hatte.
»Sondern?«, bohrte Natascha indes nach.
»Es ist nur ……… Ich bin verwitwet.«
Nun war selbst Natascha sprachlos. Damit hatte sie nicht gerechnet. Eine gefühlte Ewigkeit lang saßen sie bloß stumm nebeneinander, wobei sie immer wieder versuchte, ob sie ihm wieder in die Augen blicken konnte. Doch Jan blickte betrübt nach unten auf den Boden.
»Sie starb vor knapp drei Jahren an einem Aneurysma, ist einfach umgefallen und war tot.«
»Das tut mir ehrlich leid, Jan.«
»Wir kannten uns schon seit unserer Kindheit, waren die besten Freunde, dann wurde es mehr, bis wir schließlich im April 2000 geheiratet hatten. Sie war meine erste und einzige Frau …«
»Ich verstehe«, sagte Natascha leise.
»Sag mal«, wandte sich Jan schließlich an sie. »Könnte ich bitte ein Glas Wasser bekommen?«
»Natürlich. Ich hol dir eins …«
Als Natascha aus der Küche zurück ins Wohnzimmer kam, lag Jan auf der Couch und schlief.
»Jan?«, fragte sie und schüttelte ihn an seinem Arm. »Jan?«
Doch er antwortete nicht, schlief seelenruhig auf der Couch und ließ sich nicht wecken.
»Na, Gott sei Dank«, sagte Natascha leise zu sich selbst, während sie Jans Puls am Hals maß. Ruhig und gleichmäßig … er schlief einfach tief und fest.
Sofort machte sie sich an die Arbeit, was ein wahrer Knochenjob war. Zwar war sie durchtrainiert und hielt sich mit Kampfsport und Jogging fit, doch Jan wog mit Sicherheit an die hundert Kilo, und dieses Gewicht würde sie nun allein bewegen müssen. Sie packte ihn, hob vorsichtig seinen wuchtigen Oberkörper an und lehnte ihn an sich, um ihm sein Poloshirt auszuziehen. Als das geschafft war, lehnte sie den Oberkörper vorsichtig wieder zurück auf die Couch und öffnete den Gürtel, um Jan die Hose und Unterhose auszuziehen. Zuletzt zog sie ihm die Socken aus und war froh, dass er seine Schuhe bereits beim Betreten der Wohnung ausgezogen hatte.
Als Natascha nun auf den völlig nackten Mann hinabblickte, sah sie, dass er in früheren Jahren mal recht sportlich gewesen sein musste. Brust, Schultern und Arme waren noch immer recht gut trainiert, doch sein Bauch war deutlich gepolstert.
Nun kam der schwerste Teil der Arbeit: Sie packte Jan vorsichtig, hob den Oberkörper an, griff seitlich schräg von hinten unter seinen Achseln durch und ergriff vor dem Brustkorb seine Unterarme, um den schweren Körper unbeschadet in ihr Schlafzimmer zu ziehen. In diesem Moment bedauerte sie, dass Jan so ein anständiger Kerl war. Ein Aufreißer und Draufgänger, der jetzt bereits mit ihr im Bett gelegen hätte, wäre ihr in diesem Moment deutlich lieber gewesen.
Nach wenigen Momenten hatte sie es jedoch geschafft. Sie hievte den Körper auf das Bett, drehte ihn entsprechend zurecht und vergaß auch nicht das wichtigste Detail: Sie zog noch einmal ihren Lippenstift nach und beugte sich schließlich über seine Lenden, um eindeutige und unmissverständliche Spuren von Leidenschaft zu hinterlassen. Und sie war heilfroh, dass er sehr gepflegt war und auf regelmäßiges Duschen zu stehen schien. Danach deckte sie ihn vorsichtig mit dem Satinlaken zu und ging zurück ins Wohnzimmer.
Aus der Jeans förderte sie sein Portemonnaie hervor, daraus seinen Führerschein, seine Kreditkarte und seinen Personalausweis, die sie allesamt mit ihrem Smartphone fotografierte und direkt an Odysseus schickte. Sie wusste, dass er sofort mit den Nachforschungen über Jan beginnen würde. Dann würde es hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis sie mehr erführe.
Anschließend zog sie sich selbst aus und kroch zu Jan ins Bett. Sie küsste ihn ungestüm, um ihren Lippenstift noch in seinem Gesicht zu verteilen. Mit einem »Es tut mir leid« gab sie ihm noch einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange und legte sich schlafen. Sie hatte Jan Gamma-Hydroxybuttersäure in seinen Gin Tonic gegeben, eine Substanz, die in Deutschland seit 2002 verboten und unter dem Begriff GHB oder Liquid Ecstasy bekannt geworden war. Natascha wusste, dass die Wirkung der k.o.-Tropfen nach etwa einer Viertelstunde einsetzen und mindestens neunzig Minuten anhalten würde. Jetzt hoffte sie, dass Jan durchschlief und nicht in anderthalb Stunden wieder aufwachte. Falls doch, würde sie zu weiteren Mitteln greifen müssen.
Samstag, 5. Oktober 2019
Natascha hatte in dieser Nacht kaum ein Auge zugemacht. Odysseus hatte bereits nach weniger als einer Stunde auf ihre SMS geantwortet gehabt und ihr mitgeteilt, dass sie Jan Wagner mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ›bei Laune‹ halten solle.
Sie wusste sofort, was dies bedeutete.
Sie war eine so genannte Venusfalle, die ihren Körper dazu einsetzen sollte, wenn es für ihren Auftrag vonnöten war. Bereits vor ihrer Einstellung hatte man sie zahlreichen Tests unterzogen, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich alle Register zog, wenn es darum ging, einen Auftrag bis zum Ende durchzuziehen. Sie hatte gewusst, dass dies auch bedeuten konnte, Sex mit Fremden zu haben, die man normalerweise nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen würde.
Zwar war Jan Wagner nicht unbedingt ihr Traummann – dafür hatte er eindeutig zu viel Speck auf den Rippen und zu viele Lebensjahre auf dem Zeiger –, doch sie wusste, dass es sie auch schlimmer hätte treffen können. Sie wusste, dass männliche Kollegen sich bereits auf homoerotische Abenteuer hatten einlassen müssen, obwohl diese absolut heterosexuell waren. Doch Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, hatten sie früher gewitzelt. Heute war sie plötzlich selbst in der Situation, jeden Moment vielleicht Dinge tun zu müssen, die sie anekelten.
Wie würde sich Jan verhalten?
War er weiterhin der zurückhaltende Mann, als den sie ihn kennengelernt hatte?
Würde er vielleicht Dinge von ihr erwarten, die ihr absolut zuwider waren?
Nein, sagte sie sich in Gedanken immer wieder, er wird weiterhin lieb und nett sein. Wir werden ein wenig vögeln, vermutlich werde ich ihm ab und zu einen blasen müssen – doch davon ist noch niemand gestorben. Hoffentlich ist es die ganze Sache wert …
Als Jan sich am frühen Morgen langsam regte, kuschelte sie sich behutsam an ihn und tat so, als läge sie dort bereits die ganze Zeit über. Es dauert eine für sie gefühlte Ewigkeit, ehe Jan tatsächlich erwachte und sich langsam und behutsam bewegte.
»Guten Morgen«, sagte er, völlig schlaftrunken. »Wo bin ich?« Erschrocken blickte er sich um.
»Guten Morgen«, gurrte Natascha. »Weißt du nicht mehr? Du bist bei mir.«
»Das sehe ich«, entgegnete Jan und blickte sich dabei um, wobei er registrierte, dass er nichts anhatte. »Doch wieso …?«
Natascha lag noch immer in seinem rechten Arm und blickte ihn verführerisch an, als sie antwortete: »Nach deinem Gin Tonic wolltest du Wasser. Als ich wiederkam, hattest du mich in die Arme genommen und geküsst. Wir haben dann auf der Couch geschmust und sind schließlich ins Bett. Das musst du doch noch wissen …«
Diese letzten Worte klangen in Jans Ohren ziemlich vorwurfsvoll. Verunsichert fragte er: »Haben wir…?«
»Und wie!«, antwortete Natascha und küsste ihn auf die Brust, während ihre Hand unter die Satindecke glitt.
»Bitte, nicht…«, antwortete Jan zu ihrer großen Überraschung.
»Wieso nicht? Heute Nacht warst du da weniger zimperlich.«
»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte Jan und begab sich daran, aufzustehen. »Außerdem rieche ich vermutlich aus dem Mund wie eine Kuh aus dem Hintern.«
»Charmant!«, gab Natascha zurück und rollte sich auf den Rücken, wobei sie gekonnt die Satindecke nach unten zog und ihre prallen Brüste entblößte.
Jan spürte, wie ihn dieser Anblick erregte und das Blut in Richtung Lenden schoss. »Darf ich kurz duschen?«, fragte er und hoffte, sich möglichst schnell ins Bad verdrücken zu können.
»Natürlich«, antwortete Natascha. »Vor der Wohnungstür rechts.«
»Danke.«
»Lass mich bitte nicht zu lange warten …«
Jan eilte ins Badezimmer und schloss vorsorglich hinter sich ab.
Scheiße! Wie konnte das nur passieren, fragte er sich und versuchte, sich an den vergangenen Abend zu erinnern. Das erwies sich allerdings als sehr schwierig, zumal es zwischen seinen Beinen extrem pochte und er schier zu platzen drohte. Er stellte sich unter die Dusche und genoss es ausnahmsweise, dass das Wasser zunächst kalt herausströmte. Das linderte seine Erregung und half ihm, einen klaren Gedanken zu fassen. Als das Wasser schließlich endlich eine angenehme Temperatur erreichte, versuchte er, sich an die vergangene Nacht zu erinnern.
Sie waren beim Griechen gewesen, hatten gegessen und sich ein wenig über die griechische Mythologie ausgelassen, wobei sie schließlich bei entsprechenden Spielfilmen gelandet waren. Natascha hatte ihm erzählt, dass sie auf Dwayne Johnson stand.
Dann hatte er sie nach Hause gebracht, hatte sich in ihrem Wohnzimmer umgesehen, während sie in der Küche Drinks gemixt hatte – einen Gin Tonic für ihn, einen Wodka Martini für sich selbst. Sie hatten sich unterhalten, und er erinnerte sich, dass er ihr sogar von Steffi und ihrem Tod vor drei Jahren erzählt hatte. Doch was war dann geschehen? Er konnte sich einfach nicht mehr erinnern, als hätte jemand diesen Teil seiner Festplatte gelöscht. Ein Filmriss, und das nach bloß einem Glas Gin Tonic?
Jan wusste nicht mehr ein noch aus und schüttelte den Kopf. Mit dem rechten Zeigefinger schrubbte er kurz über seine Zähne und gurgelte mit Wasser, um den schalen Geschmack im Mund loszuwerden, der mit Sicherheit nicht allzu angenehm roch. Für ihn war es stets ein Rätsel, wie die Leute in Filmen und Serien direkt nach dem Aufwachen rumknutschen und Sex haben konnten, obwohl er wusste, dass man in diesem Moment alles andere als angenehm roch. Steffi und er waren damals stets gemeinsam duschen gegangen, hatten sich gemeinsam die Zähne geputzt und anschließend voller Lust und Elan die Bettlaken zerzaust. Alles andere war für ihn einfach unvorstellbar und ekelerregend.
»Jan?«, hörte er Natascha an der Tür rufen, während sie zugleich die Klinke mehrfach betätigte, als könne sie dadurch die verschlossene Tür öffnen. »Ist bei dir alles in Ordnung?«
»Ja«, antwortete er, während er die Dusche abstellte. Erst jetzt sah er, dass er Spuren von Nataschas Lippenstift an einer Stelle hatte, wo er diesen niemals vermutet hätte. Erneut stellte er die Brause an und wusch sich unten herum gründlich ab. Wieso kann ich mich an nichts erinnern, fragte er sich wieder und wieder. Und wieso bin ich kurz vorm Platzen, wenn wir doch letzte Nacht …? Er verstand die Welt nicht mehr.
»Jan!« Wieder hörte er Nataschas Stimme. »Im Spiegelschrank findest du links eine neue, noch verpackte Zahnbürste. Und nimmt einfach irgendein Handtuch!«
Nachdem sich Jan abgetrocknet und die Zähne geputzt hatte, begab er sich wieder in Richtung Schlafzimmer, das nun feuchte Handtuch um die Hüfte geschlungen.
Natascha rekelte sich dort lasziv auf der Satindecke, und ihm wurde schlagartig wieder bewusst, wie wunderschön sie war … und wie erregend. Sofort spürte er wieder, wie sein Körper auf diesen Anblick reagierte, doch diesmal war er nicht mehr ganz so schüchtern.
»Wozu das Handtuch?«, fragte sie ihn mit gurrender Stimme und legte sich auf die Seite, wobei ihre freie Hand über ihre Brüste glitt.
Jan spürte, dass der Druck unten enorm anwuchs. Er ließ das Handtuch hinabgleiten und begab sich zurück ins Bett.
Eine gute Stunde später lagen beide schweißgebadet auf der Satindecke, Jan auf dem Rücken und mit Natascha im rechten Arm.
»Wieso ich?«, fragte er sie nun erneut, während sie ihre Finger über seinen Bauch gleiten ließ.
»Ich kann es dir nicht sagen«, gab sie zur Antwort. »Es hat bei mir einfach ›klick‹ gemacht. Du hast gestern so verträumt ausgesehen. Ich kann es dir nicht erklären.«
»Du wusstest aber schon, dass ich deutlich älter bin als du?«
»Ja, und das hat vermutlich den Ausschlag gegeben.«
»Du stehst auf ältere Männer?« Jan bedachte sie mit einem zweifelnden Blick.
»Nein. Aber auf reifere Männer. Auf Männer, die nicht nur auf die nächste Eroberung aus sind, um später mit ihr vor den Freunden angeben zu können. Ich stehe auf Männer, die nicht wie ein wilder Hengst vorgehen, sondern die zärtlich und rücksichtsvoll sind. Ich stehe auf Männer, die eine selbständige Frau akzeptieren, auch wenn diese nicht das Heimchen am Herd ist. Und ich stehe auf Männer, die mich zu befriedigen verstehen.«
»Na, das konntest du ja wohl nicht wissen«, gab er zu bedenken.
»Das vielleicht nicht. Doch ich liebe Teddybären. Und du bist schön kuschelig.«
Sie liebt Teddybären, dachte Jan über ihre Worte nach. Komisch, dass ich hier keine sehe. Laut fragte er hingegen: »Wie lief es gestern Nacht? Ich kann mich an nichts erinnern.«
»Du warst angetrunken«, antwortete Natascha und spielte mit den wenigen Haaren auf Jans Brust. »Ich war gerade dabei, dich auf Touren zu bringen, als du auch schon eingeschlafen warst.«
»Hmm«, brummte Jan und dachte über Nataschas Worte nach. Einerseits würde das ihren Lippenstift an seinem besten Stück erklären. Es erklärte aber nicht, wieso er nach nur einem Glas Gin Tonic dermaßen weggetreten sein konnte. Schon gar nicht nach dem üppigen Mal vom Griechen. Doch spielte das in diesem Augenblick eine Rolle? Vielleicht, überlegte er, sollte ich weiter mitspielen und sehen, was passiert.
»Dafür warst du eben umso besser«, flötete Natascha wieder und animierte Jan zu einer weiteren Runde …
Berlin
»Super!«, rief Odysseus laut aus, während er noch beim Frühstück saß und die neueste SMS las. Der Zivilist war am Haken, und sein Agent bat um Informationen bezüglich des weiteren Vorgehens.
Odysseus schrieb:

Danach wählte er die Kurzwahlnummer von Schmitt und sagte bloß: »Am Dienstag fliegen Sie nach Frankfurt und treffen sich mit Venus am Flughafen. Übergeben Sie ihr das Päckchen und die neuesten Instruktionen. Geben Sie mir Ihre Flugdaten, damit ich Venus informieren kann.« Danach legte Odysseus auf, ohne auf eine Reaktion von Schmitt zu warten.
Montag, 7. Oktober 2019
Karben
Jan und Natascha hatten das gesamte Wochenende bei ihr zuhause verbracht. So viel Spaß hatte Jan seit dem Tod seine geliebten Steffi nicht mehr gehabt. Natascha war so prickelnd, voller Energie und Leidenschaft, überlegte er, während er seinen weißen Opel Kadett das letzte Stück nach Roggau lenkte, wo er sein kleines Häuschen auf dem Land hatte.
Natascha hatte heute an der Uni zu tun, was ihm etwas Zeit verschaffte, um sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Im Haus hatte er schon lange nichts mehr gemacht, und eigentlich hatte er vor, die kommenden zwei Wochen Urlaub zu machen und ein paar Tage zur Entspannung wegzufahren. Gegenbach im Schwarzwald, Waltenhofen, Uffing am Staffelsee und Bad Tölz wären ursprünglich die möglichen Ziele einer kurzen, spontanen Rundreise geworden. Leider sah Petrus dies im Moment anders und hielt mit leichtem Regen und Temperaturen von knapp unter 10°C ein Wetter bereit, das Jan nicht wirklich für einen Ausflug gebrauchen konnte. Erst das kommende Wochenende versprach derzeit eine Besserung.
Als Jan sein Haus betrat, bemerkte er nicht, dass ein schwarzer Mercedes mit zwei Gestalten darin in Sichtweite zu ihm blieb und man ihn beobachtete.
Da es weiterhin beständig regnete, wenn auch nicht mehr allzu stark, hatte Jan sich darauf beschränkt, innerhalb des Hauses für Klarschiff zu sorgen. Er saugte die Zimmer, lüftete und wischte Staub, wo es dringend nötig war. Zeitgleich liefen Waschmaschine und Trockner, zumal er auch dringend die Bettwäsche einer gründlichen Reinigung unterzog.
Die vergangenen Wochen waren sehr kräftezehrend gewesen. Zwar hatte er genügend Geld verdient, um bequem über die Runden zu kommen und sich ein paar Tage Auszeit zu gönnen, doch dafür hatte er auch beinah täglich mindestens zehn Stunden gearbeitet – sieben Tage die Woche! Das war eben der Nachteil, wenn man selbständig war und ehrlich bleiben wollte. Doch alles war besser als sein früherer Job im Einzelhandel und später gar bei einer Autovermietung. Kurz vor Steffis Tod hatte er sich selbstständig gemacht, doch seitdem funktionierte er bloß noch. Ackern von früh bis spät, um später ja einen angenehmen Lebensabend verbringen zu können. Zeit für eine Freundin hatte er dadurch praktisch nie … und dann kam Natascha und wirbelte alles durcheinander.
Sie meinte vorhin zu ihm, dass sie gegen vier Uhr nachmittags fertig würde und gegen fünf zuhause sei. Sie liebte Fastfood, was Jan – mit Hinblick auf ihren tollen Körper – völlig paradox vorkam. So hatten sie am Wochenende praktisch von Pizza und Brathähnchen gelebt. Später, so hatte sie ihn gebeten, solle er bitte etwas vom Türken mitbringen.
Zum Glück kannte Jan eine sehr gute Imbissbude in Dortelweil, direkt vor einem Möbel- und Einrichtungshaus. Er würde ihr daher einen Döner Kebab und für sich ein Lahmacun besorgen. Doch bis dahin gab es hier, zuhause, noch sehr viel zu erledigen. Seine Kakteen verlangten nach Wasser – in der letzten Oktoberwoche würde er sie zum letzten Mal gießen, bevor es zur Winterruhe ging –, und wenn alles erledigt war, würde er sich vielleicht endlich wieder mal eine Pfeife gönnen. Zwar rauchte er nicht viel, doch zu Zeiten der Entspannung war eine Pfeife mit einer süßlichen DTM-Mischung ganz nach seinem Geschmack.
Frankfurt
Kaum hatte sich Jan liebevoll von ihr verabschiedet, da hatte Natascha auch schon alle Hände voll zu tun. Sie duschte ausgiebig und begab sich später zur Zeil, der berühmten Fußgängerzone der Mainmetropole. Hier sollte sie sich mit Mitarbeitern des Frankfurter Büros treffen, das für ihre Sicherheit verantwortlich war.
Auch wenn Natascha noch immer nicht wusste, was eigentlich von ihr erwartet wurde, so hatte sie dennoch Kontakt zu ihren Kollegen aufzunehmen. Odysseus hatte ihr vorgeschlagen, dies an einem öffentlichen Platz mit vielen Menschen zu tun, wo sie einfach in der Menge untertauchen konnte. Zwar rechnete niemand damit, dass jemand sie in Frankfurt kannte, doch konnte eben dies dennoch nie gänzlich ausgeschlossen werden.
Am vereinbarten Treffpunkt sah sie eine Kollegin, die als Erkennungszeichen einen beigen Trenchcoat trug und einen Zigarillo rauchte, während sie auf sie an der Konstablerwache wartete und scheinbar beiläufig den Verkehr auf der Konrad-Adenauer-Straße beobachtete.
Natascha näherte sich ihr, stellte sich neben sie, zog eine Schachtel Dannemann Moods heraus und fragte: »Dürfte ich mir kurz bitte ihr Feuerzeug leihen?«
»Ich benutze ein Zippo.«
»Das ist noch besser.« Natascha zündete den Zigarillo an und dachte über den dämlichen Erkennungsspruch nach, der – leicht abgewandelt – einem James Bond Film entliehen war. Sie hielt sowas für affig und überholt, doch Odysseus hatte nun einmal darauf bestanden.
»Sie sind Venus?«
»Ja. Und wie nennt man Sie?«
»Andromeda. Lassen Sie uns in Richtung Hauptwache flanieren, damit wir nicht auffallen.«
»Was haben Sie für mich?« Natascha rauchte privat tatsächlich Zigarillos, sodass die Tarnung tatsächlich realistisch wirkte.
»Jan Wagner. Der Mann ist sauber. Hat vor drei Jahren seine Frau verloren, lebt seitdem allein. Seine Eltern sind Rentner und leben in Karben, er hat noch einen Bruder in NRW. Jans Beruf ist sein Leben, er hält sich Kakteen und besitzt ein kleines Einfamilienhaus in Roggau. Musste seinen Vectra verkaufen, weil er Geldprobleme hatte, fährt seitdem einen alten Kadett. War von 1995 bis 1996 bei der Luftwaffe, hat jedoch nie an Reserveübungen teilgenommen. Laut SCHUFA ist er wieder solvent und hat lediglich eine Resthypothek von rund hunderttausend Euro abzubezahlen. Sein Freundeskreis ist überschaubar, da er keine Zeit für soziale Kontakte hat. Er ist aus der Kirche ausgetreten, war in seiner Jugend Judoka und hat eine blütenreine Weste. Eben ein ganz normaler, langweiliger Durchschnittsdeutscher der Mittelschicht.«
»Sonst gibt es nichts?«, hakte Natascha nach.
»Nein. Ich sagte doch: Ein Langweiler.«
»Haben Sie schon Näheres zu meinem Auftrag?«
»Nein. Wir haben bloß Order, den Zivilisten zu beschatten. Zwei unserer Leute sind an ihm dran, seit er Ihre Wohnung verlassen hat.«
»Gibt es sonst noch etwas?«
»Nein. Odysseus wird sich bei Ihnen melden. Es wird sonst keinerlei Kontakt mehr geben.«
»Gut.« Natascha wandte sich ohne ein weiteres Wort von ihrer Kollegin ab und ging nach Süden in Richtung Berliner Straße.
So hatte sie sich ihren Auftrag nicht vorgestellt.
Man hatte ihr gesagt, dass es ein bedeutender Auftrag sei, dass alles von ihrem Einsatz abhänge. Gleich zu Beginn hatte man ihr gesagt, dass sie als Venusfalle dienen und einen wildfremden Mann verführen solle – mit allen möglichen Konsequenzen. Doch niemand hatte ihr gesagt, wie lange der Auftrag dauern solle. War am Dienstag vielleicht alles schon vorbei? Oder würde sie dann erst den eigentlichen Zweck ihres Auftrags erfahren? Einen unscheinbaren Zivilisten zu vögeln, der ganz offensichtlich keinerlei Verbindungen zu irgendwelchen ausländischen Nachdiensten hatte, konnte doch wohl kaum der ach so bedeutsame Auftrag sein. Dazu hätte man ebenso gut eine Professionelle bestellen können, und Natascha weigerte sich, etwaige Parallelen zu ihrem eigenen Verhalten zu ziehen.
Wieso sollten ihre männlichen Kollegen die Helden sein, wenn es ihnen gelang, feindliche Agentinnen zu verführen und gegebenenfalls sogar umzudrehen, und eine Agentin mit ähnlichem Aufgabengebiet nicht? Vögelte ein Mann fremde Frauen, war er den Hengst, der Könner – war er bei allen Leuten angesehen. Vögelte eine Frau hingegen fremde Männer, war sie gleich ein Flittchen – wenn nicht gar Schlimmeres. Nein, von solchen Gedanken wollte sie sich gekonnte distanzieren. Ihr Job war ihr Job. Sie hatte ihn sich damals ausgesucht und noch recht romantisch vom Agentenleben geträumt. Doch selbst, als sie die Wirklichkeit erkannt hatte, hatte sie sich für mögliche Außendiensteinsätze vormerken lassen – wissend, dass selbst das für die meisten Menschen Undenkbare von ihr gefordert werden könnte.
Inzwischen war Natascha in der Berliner Straße angekommen und bog nach links ab, in Richtung Osten, zurück zur Konstablerwache. Sie würde dann zurück in die Dienstwohnung in Bornheim fahren und alles für Jans Rückkehr vorbereiten.
Auch wenn Jan Wagner äußerlich absolut nicht ihr Typ war – er war zu alt, zu dick, unrasiert, blond und blauäugig, während sie eher für einen George Clooney oder einen Pierce Brosnan zum Äußersten gegangen wäre –, so war er trotz allem liebevoll, zärtlich und vielleicht ein bisschen zu naiv, fand sie. Es schien ihn nicht einmal zu stören, dass es in der gesamten Wohnung keinerlei Fotos von ihrer Familie oder von Freunden gab – das wäre ihr selbst nämlich als erstes aufgefallen. Diesen Fehler konnte sie nun leider nicht mehr glaubwürdig ausbügeln und hoffte, dass er niemals nach ihren Eltern oder nach Freunden fragen würde.
An der Konstablerwache angekommen, zog Natascha sich eine Fahrkarte, um mit der U-Bahn die fünf Minuten bis zur Seckbacher Landstraße zu fahren. Zwar hätte sie diese drei Kilometer auch bequem zu Fuß zurücklegen können, doch es hatte wieder leicht zu regnen begonnen, und mit ihren hochhackigen Schuhen wollte sie sich den Weg im Nassen nicht unnötig antun.
Von der Seckbacher Landstraße aus waren es bloß noch dreihundert Meter Fußweg, die sie in knapp vier Minuten zurücklegte. Es war gerade einmal zehn Minuten nach zwei nachmittags, sie hätte also noch mindestens zwei Stunden Zeit, ehe sie mit Jan rechnen musste. Und diese Zeit wollte sie in Ruhe mit sich allein verbringen.
So lieb Jan auch war, so anstrengend war es, ihn ständig verführen zu müssen, um ihn bei Laune zu halten. Nichts war gefährlicher als ein Mann, der die falschen Fragen stellte. Und Jan hatte die Angewohnheit, beinah alles von ihr wissen zu wollen. Zwar hatte sie für die meisten Fragen sorgfältig ausgearbeitete Antworten, doch bei Intimpartnern konnte es eben immer wieder vorkommen, dass Fragen auftauchten, auf die man sie nicht zuvor gebrieft hatte. Und was sollte sie dann antworten?
Karben
Die Hausarbeit war getan, und Jan saß nun endlich mit einer Savinelli 320 KS auf dem Balkon im ersten Stock, wo er sein Raucherzimmer eingerichtet hatte. Der S.V.H. von DTM war eine seiner liebsten Mischungen und glimmte bedächtig in der Pfeife, wobei sich ein äußerst angenehmer Geruch ausbreitete, den Jan so sehr liebte. Normalerweise hätte er sich jetzt drinnen, beim Rauchen, einen schönen Film angesehen. Doch dank Natascha war heute alles anders.
Gegen fünfzehn Uhr würde er sich fertigmachen und gemütlich nach Frankfurt fahren, wobei er zuvor Hanna einen Besuch abstatten wollte, um – wie versprochen – Döner und Lahmacun zu besorgen.
Was sie wohl heute vorhat, fragte sich Jan, dem Natascha noch immer viele Rätsel aufgab. Sie war wunderschön – nahezu perfekt. Und eben dies gab ihm immer wieder zu denken. Nicht, dass er nicht auch früher Chancen bei anderen Frauen gehabt hätte. Die hatte er, hatte sie aber immer links liegenlassen, da er mit seiner Jugendliebe glücklich zusammen und später glücklich verheiratet gewesen war.
Doch Natascha?
Seiner Meinung nach spielte sie in einer völlig anderen Liga. Dass ein Otto Normalbürger wie er mit einer Frau wie Natascha ins Bett ging, ohne dafür bezahlen zu müssen, erschien ihm zunehmend genauso wenig möglich wie eine sexuelle Beziehung einer Frau wie Jessica Alba mit einem Typen wie Steve Buscemi. Diese Vorstellung war einfach nur absurd!
Je länger Jan Pfeife rauchend darüber nachdachte, umso mehr hatte er das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmen konnte.
Bloß: Was?
Nachdem sie am Samstag stundenlang gevögelt hatten, als gebe es kein morgen mehr, hatte er, während Natascha kurz duschte, sein Portemonnaie überprüft. Es hatte nichts gefehlt. Geld und Kreditkarte waren noch da. Auch danach hatte sie nie Geld von ihm verlangt. Die Bestellungen mit dem Essen an Samstag und Sonntag hatte sie über Handy vorgenommen und direkt online bezahlt. Selbst das gemeinsame Essen am Freitagabend, beim Griechen – jeder hatte seine eigene Zeche bezahlt.
Auf sein Geld konnte sie es folglich nicht abgesehen haben. Zudem hatte er zwar ein Haus, war finanziell jedoch trotz allem keine gute Partie. Seine Arbeit warf nicht genug ab, um davon reich werden zu können. Auf seinem Girokonto waren keine zehntausend Euro, und seine Sparbücher würden erst in ein paar Jahren ausgezahlt werden. Viel war bei ihm wirklich nicht zu holen.
Wieso also interessiert sich so eine heiße Schnitte wie Natascha für einen Loser wie mich, fragte Jan sich wieder und wieder. Mit seinem Bauch, seinen nicht unbedingt schönen Beinen und seinem grau werdenden, blonden Haar war er alles andere als ein Adonis, und so einer würde wesentlich besser zu Natascha passen.
Vorhin hatte er spaßeshalber im Internet nach Natascha Papst – so hatte sie sich ihm in der S-Bahn vorgestellt – gesucht und nichts gefunden. Auch das wunderte ihn sehr, da Social Media Plattformen wie facebook, LinkedIn und Instagram heute praktisch zum guten Ton gehörten, und insbesondere Leute im Alter von Natascha waren dort praktisch omnipräsent. Doch zu seiner Natascha gab es absolut nichts. Gut, überlegte er, vielleicht machte sie sich nichts daraus, ihr Leben jedem öffentlich zugänglich zu machen. Doch selbst seine Eltern waren in facebook mit ihren Freunden und Verwandten vernetzt.
Fragen über Fragen, und Jan hoffte inständig, dass Natascha sie ihm möglichst bald beantworten konnte. Was auch immer das Geheimnis hinter dieser blonden Schönheit war, nichts konnte so schlimm sein, dass sie es ihm nicht sagen könnte.
Frankfurt

Die SMS von Odysseus war knapp und in Großbuchstaben geschrieben – wie immer.
Morgen geht es also endlich los, dachte sich Natascha. Dann sollte sie erfahren, was eigentlich ihr Auftrag war, und was Jan dabei für eine Rolle spielte.
Laut Andromeda war er wirklich bloß ein Zivilist, den Natascha schließlich selbst ausgewählt hatte. Ihre Wahl war auf ihn gefallen, weil sie in Frankfurt niemand anderes hatte entdecken können, der auch nur halbwegs den Vorgaben aus Berlin entsprochen hätte. Es sollte ein Mann zwischen dreißig und sechzig Jahren sein, unverheiratet, harmlos und unauffällig aussehend, um kein Aufsehen zu erregen. Jan war leider der einzige halbwegs normale Mann gewesen, an dessen Hand sie keinerlei Ehering hatte entdecken können. Nun musste sie es also durchziehen …
Jan erschien pünktlich um siebzehn Uhr an ihrer Tür. Natascha öffnete ihm, küsste ihn zur Begrüßung und freute sich riesig über den Döner Kebab, den er ihr mitgebracht hatte.
Jan hingegen überlegte bei jeder ihrer Regungen, ob sich etwas dahinter verbarg.
War sie ehrlich zu ihm?
Spielte sie nur mit ihm?
Sollte es bloß ein Spiel sein, so überlegte er, werde ich alles tun, um in der Kürze der Zeit mitzunehmen, was nur geht. Wie sagte schon Michael Douglas in Basic Instinct über Sharon Stone? ›Sie ist der Fick des Jahrhunderts‹. Dieser Gedanke überkam Jan, während er sein Wohnzimmer saugte, und eben deshalb hatte er auch mehr und mehr das Gefühl, dass mit Natascha vielleicht irgendetwas nicht stimmte. Er erwartete förmlich, dass plötzlich eine ihrer Ex-Gespielinnen auftauchte, die er vielleicht eines Tages – wissentlich oder unwissentlich – vor den Kopf gestoßen hatte, und die es ihm oder ihr heimzahlen wollte.
»Wie war dein Tag?«, fragte Natascha und riss ihn aus seinen Gedanken.
»Danke, gut. Hausputz und so. Und bei dir?«
»Meeting mit einer Kollegin. Nichts Weltbewegendes. Ein ganz normaler Arbeitstag, könnte man sagen.« Natascha packte den Döner und Jans Lahmacun auf je einen Teller und richtete alles auf ihrem kleinen Esstisch an. »Möchtest du ein Bier?«
»Leitungswasser reicht, danke.«
»Vielleicht einen Wein?«
»Mach dir bitte keine Umstände.«
»Jan, Süßer, wenn es um dich geht, sind es für mich keine Umstände«, entgegnete sie und lächelte ihn zuckersüß an.
»Darf ich dich was fragen?«
Natascha hatte es bereits befürchtet, doch es ließ sich offenbar nicht verhindern. Daher antwortete sie: »Du darfst mich alles fragen.«
»Wieso gibt es hier nirgends private Fotos von dir? Ihr Frauen könnt doch sonst nie ohne Fotos von euren Familien, Freunden oder Tieren. Hier, in deiner Wohnung, sehe ich kein einziges Foto. Von nichts und niemandem.«
Es ist ihm also aufgefallen, überlegte sie und versuchte, ihre Erschrockenheit zu verbergen. Da sie jedoch mit dieser Frage gerechnet hatte, hatte sie sich bereits eine Antwort zurechtgelegt: »Die sind noch bei meinem Ex – und viele meiner Bücher ebenfalls.«
»Bei deinem Ex?«, fragte Jan überrascht. Zwar hatte er ihr von Steffi erzählt, sie jedoch hatte nie etwas von einer früheren Beziehung erwähnt.
»Ja, ziemlich dumm, oder?«
»Bekommst du deine Sachen irgendwann zurück?« Beinah hätte er noch gefragt: ›Soll ich dir dabei vielleicht helfen?‹, doch das hatte er sich gerade noch rechtzeitig verkneifen können.
»Erinnerst du dich noch, weshalb ich dich auserwählt hatte?«
»Ja«, antwortete Jan und blickte sie fragend an.
»Mein Ex ist das glatte Gegenteil von dir: Groß, dunkel, gutaussehend, …«
»Bitte, Natascha, nicht zu viel des Lobes … gutaussehend … ich danke für die Blumen!«
»So war das nicht gemeint, Jan. Ehrlich.« Sie ging kurz um den Tisch zu ihm herum und küsste ihn zärtlich auf die Lippen. »Komm, setz dich«, bat sie und ging zurück auf ihren Platz. »Er war einfach jünger und ein gänzlich anderer Typ als du. Vor allem stand er auf heiße Wagen und heiße Tussis, die das Wort ›nein‹ nicht kennen. Ich war es einfach leid, dass er sein Geschoss ständig in anderen Carports oder gar Hinterhöfen geparkt hat.«
»Und da dachtest du, du suchst dir einen melancholisch aus dem Fenster guckenden Mittvierziger, der sein Geschoss zuverlässig nur in deiner Garage und deinem Hinterhof parkt, statt es woanders unterzubringen.«
»Du hast es erfasst«, antwortete sie und zwinkerte ihm zu. »Oder sollte ich mich in dir getäuscht haben?«
»Deine Garage ist toll …«
»Wie wäre es mit einer Spritztour?«, gurrte sie.
»Dann wird das Essen kalt«, antwortete Jan und schnitt sich ein Stück von seinem Lahmacun ab.
Natascha lachte und sagte: »Das ist mir noch nie passiert …«
»Eine rein rationale Überlegung: Ich laufe dir nicht fort, doch das Essen wird kalt.« Jan stopfte sich das Stück türkische Pizza in den Mund und schmunzelte sie an.
»Na, warte!«
Kapitel 2
Frankfurt Airport
Dienstag, 8. Oktober 2019
Natascha wartete bereits seit einer guten Viertelstunde am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen auf die Landung von Schmitt, der sie mit weiteren Informationen, ihren brisanten Auftrag betreffend, versorgen sollte. Es waren noch gute fünf Minuten bis zur planmäßigen Landung und sie stand dort, wo die Passagiere in der Halle A ankommen sollten.
Beinah acht Minuten später entdeckte sie ihn.
Mit ihm und Odysseus hatte sie damals über ihren Auftrag sprechen müssen. Beide Männer hatten sie gemeinsam instruiert, wobei jedoch kaum etwas Wichtiges erwähnt worden war. Sie hatten ihr lediglich von Phase eins berichtet, in der sie als Venusfalle nach einem geeigneten männlichen Zivilisten schauen und ihn sich gefügig machen sollte.
Diesen Teil hatte sie erfüllt, wenn auch nicht ganz so erfolgreich, wie zunächst angenommen. Jan Wagner lag ihr zwar zu Füßen, doch er war alles andere als ein schwanzgesteuerter Homo Sapiens, der für ein paar pralle Tittchen und einen knackigen Arsch alles stehen und fallen lassen würde. Doch Odysseus hatte dazu nichts Weiteres geschrieben.
»Guten Morgen«, sagte Schmitt knapp. »Wo können wir reden?« Auch heute trug er seinen gewohnten, anthrazitfarbenen Anzug mit Nadelstreifen und schwarzer Krawatte.
Noch unauffälliger ging es wohl nicht, dachte Natascha, und sagte: »Guten Morgen. Ich habe uns für 12:15 Uhr einen kleinen Raum im Airport Conference Center gebucht.«
Nachdem sie in ihrem Besprechungsraum platzgenommen hatten, öffnete Schmitt seinen kleinen Aktenkoffer, den er bei sich trug, und förderte eine Akte sowie zwei kleine, nahezu identisch aussehende Pappschachteln hervor und legte sie vor sich auf den Tisch. Die Akte schob er Natascha rüber und sagte: »Die Akte ›Wagner‹«.
»Andromeda hat mir bereits alles erzählt.«
»Werfen Sie bitte trotzdem einen Blick hinein. Wir haben ein paar Punkte ergänzt. Vielleicht haben Sie noch weitere Informationen? Besonders im Bett sind Männer oftmals sehr gesprächig.«
Natascha tat, wie ihr geheißen, und überflog die Akte. »Er hat die Lebensversicherung seiner Frau ausbezahlt bekommen?«
»Ja. Hundertfünfzigtausend Euro. Die gleiche Summe war auch auf seinen Namen ausgestellt mit ihr als Begünstigten. Das ist nicht ungewöhnlich, das machen viele. Allerdings normalerweise in der Höhe der Gesamthypothek für das Eigenheim, um sich gegenseitig abzusichern. Doch es scheint, die monatlichen Beiträge waren den Wagners damals zu hoch gewesen.«
»Stimmt. Er hatte mir gegenüber erwähnt, dass er eine Zeit lang finanziell recht schlecht gestellt war und sogar seinen Vectra verkaufen musste. Seither fährt er seinen alten Opel Kadett, der hauptsächlich durch den Rost zusammengehalten wird.«
»Er ist ansonsten schuldenfrei, hat nur die Hypothek, die er stets pünktlich abbuchen lässt. Auch sonst gibt es absolut null Auffälligkeiten. Den haben Sie wirklich sehr gut ausgewählt.«
»Danke.«
»Wie ist er im Bett?«
»Muss ich darauf antworten?«
»Nein.«
»Ich komme auf meine Kosten – was ich, ehrlich gesagt, nicht erwartet hätte.«
»Das freut mich zu hören.«
»Ach, tatsächlich?«
»Nein.« Schmitt öffnete indes die beiden Schachteln, die vor ihm lagen.
»Was ist eigentlich mein ach so wichtiger Auftrag? Einen Zivilisten bumsen, dafür braucht es keine Agentin wie mich. Was genau habe ich also zu tun?«
»Sie werden von mir einen USB-Stick erhalten, der als Anhänger an einer silbernen Kette hängt und wie ein Obsidian mit silberner Fassung aussieht. Dieser USB-Stick soll von Ihnen auf dem Landweg nach Berlin gebracht werden. Nehmen Sie einen Wagen und lassen Sie sich Zeit! Planen Sie mindestens drei Übernachtungen ein. Überzeugen Sie ihren neuen Lover, dass er sie begleiten soll. Wie Sie das anstellen, spielt keine Rolle.«
»Das sollte zu schaffen sein.«
»Sie müssen es schaffen! Anderenfalls suchen Sie sich ein neues Opfer, doch es pressiert! Wir sind kein Karnevalsverein, bei uns geht es um die nationale Sicherheit. Das sollten Sie nie vergessen!«
»Ich werde es schaffen!«
Schmitt griff in eine der beiden nahezu identisch aussehenden Schachteln und zeigte Natascha die Kette mit dem USB-Stick.
»Die ist wunderschön«, sagte sie, während sie den Stick genauer betrachtete. »Was ist auf dem Stick gespeichert?«
»Das werde ich Ihnen gleich erklären. Sie werden Ihrem Lover jedenfalls sagen, dass auf diesem Stick brandheiße Informationen seien, die Ihnen ein Whistleblower aus China zugesteckt habe, mit der Bitte, diese in Berlin über die Medien publikmachen zu lassen. Man habe dort ein neues Virus gezüchtet, gegen das das SARS-Virus der Epidemie von 2003 nicht mehr als ein leichter Schnupfen sei. Damals waren weltweit fünfundzwanzig Länder betroffen, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland! Es gab weltweit mehr als achttausend Infizierte und über siebenhundert Tote, vor allem in China, Taiwan, Singapur und Kanada. Auch in Frankreich gab es mindestens einen Toten. Zum Glück hatte die Bundesrepublik keine Todesopfer zu beklagen. Weisen Sie daher auf die Brisanz des Materials hin, und dass es wichtig sei, die Informationen über die Bundeshauptstadt verbreiten zu lassen – dies habe sehr viel mehr Gewicht.«
»Okay.«
»Sie werden stets von mindestens einem unserer Teams ständig überwacht werden. Zwei weitere Teams werden sich im Hintergrund halten und etwaige Verfolger unter die Lupe nehmen.«
»Die Daten sind also eine Finte? Es gibt kein tödliches Virus aus China?«
»Die Daten sind der Köder für die Bestie, wenn Sie so wollen. Wir werden verbreiten lassen, dass die erwähnten Informationen auf dem Weg nach Berlin seien. Die Route gebe ich Ihnen später vor. Dann werden wir sehen, welche Regierungen sich darauf stürzen werden.«
»Ich verstehe die grundsätzliche Idee, die dahintersteckt. Doch weshalb sollte sich eine fremde Regierung für solche Daten interessieren? Es geht doch schließlich nicht um Proben des Virus‘ selbst. Mit den Daten, Informationen, Beweisen kann doch an sich niemand etwas anfangen.«
»Wissen ist Macht, Frau Kollegin! Wer von dem Virus weiß, der weiß auch um die Möglichkeiten, die dieses bietet. Eine Regierung oder auch eine terroristische Gruppe könnte zum Beispiel auf die Idee kommen, dieses Virus erwerben zu wollen. Und wir wüssten dann, welche Länder oder Gruppen sich für diese biologische Waffe interessieren. Es geht also beinah um Politik.«
»Ein gefährliches Spiel!«
»Sie haben sich diesen Beruf ausgesucht.«
»Wieso der Zivilist?« Natascha blickte Schmitt fragend an.
»Sollte etwas schiefgehen und der Name des Zivilisten bekannt werden – und das wird er, verlassen Sie sich drauf! –, so wird niemand etwas Anderes über ihn finden als wir selbst: Nämlich nichts! Jan Wagner ist ein absolut unbeschriebenes Blatt. Niemand würde bei ihm je darauf kommen, dass wir hinter all dem stecken.«
»Und ich?«
»Sie sind Profi! Sie wissen, was im Zweifelsfall zu tun ist. Ihre Ausweispapiere sind echt, eine mögliche Suche führt ins Nirgendwo. Sollten Sie gefangen werden …«
»Ja, ich weiß. Doch was ist mit Jan? Was, wenn er gefangen werden sollte?«
»Dann haben Agenten einer anderen Regierung – oder meinetwegen auch Mitglieder einer terroristischen Gruppe – einen unbescholtenen deutschen Staatsbürger in ihrer Gewalt. Wir sind fein raus, und die anderen sind die Bösen.«
»Ich verstehe.«
»Nein, Frau Kollegin, das tun Sie nicht. Noch nicht, zumindest …«
Karben
Auch heute hatte Natascha wieder zu arbeiten, und Jan hatte die Zeit genutzt, um seinen alten Opel in der Werkstatt überholen zu lassen. Gegen Mittag sollte sein Wagen fertig werden, weshalb er seinen Eltern einen Besuch abgestattet hatte. Von Natascha hatte er vorsichtshalber nichts erwähnt; es gab noch zu viele offene Fragen, denen Natascha entweder geschickt ausgewichen war, oder die sie nur ausweichend beantworten wollte.
Eben hatte er den Wagen abgeholt, in die Garage gestellt und sich vor den Fernseher gesetzt, als die Nachrichten liefen. Die meisten Meldungen waren für Jan eher uninteressant, weswegen er sich wieder eine Pfeife stopfte.
Doch dann kam eine Meldung, die ihn aufhorchen ließ: Es war von einem Whistleblower die Rede, der streng geheime Informationen über ein neues, tödliches Virus aus China in seinen Besitz gebracht habe. Dem Bericht folgten Bilder von 2003 und Diagramme, die den damaligen Verlauf der SARS-Pandemie aufzeigten. Jan konnte sich noch ganz grob daran erinnern, allerdings wusste er nur, dass es in Europa damals wohl vor allem Frankreich getroffen haben sollte.
Anschließend folgte der Wetterbericht, und Jan bekam bestätigt, dass das kommende Wochenende vielleicht doch recht schön werden könnte. Er würde auf jeden Fall für ein paar Tage wegfahren und Natascha später fragen ob sie mitkommen möchte. Spontan und ohne Reservierung in sein Auto zu steigen und loszufahren war zwar in gewisser Weise riskant, doch andererseits, dachte er, war nun ohnehin Nebensaison, und da sollte es doch wohl möglich sein, auch ohne Vorabreservierung in einer Pension oder auf einem Bauernhof abzusteigen.
Jan hatte zwar eben noch eine Pfeife gestopft, doch er merkte, dass er jetzt nicht mehr groß zum Rauchen kommen würde. So räumte er sie wieder aus, packte alles zurück an seinen Platz im Pfeifenschrank und überlegte, welche Route er am besten nehmen sollte.
Er dachte darüber nach, bereits am Freitag loszufahren. Ab Samstag sollte das Wetter wieder schön werden, und er wollte in seinem Urlaub jeden möglichen Tag im Freien verbringen können. Die Hinfahrt im möglichen Regen störte ihn hingegen weniger, da er so oder so nicht länger als vielleicht drei oder vier Stunden am Stück fahren wollte.
Von Karben in den Schwarzwald, weiter ins Allgäu und über Uffing nach Bad Tölz und zurück nach Hause. Die Route war bequem zu schaffen, und ab dem Schwarzwald wollte er zudem Autobahnen vermeiden und stattdessen über Bundes-, Landes- und Kreisstraßen fahren. Sein Kadett fuhr zwar immer noch sehr zuverlässig, doch er war eben alles andere als ein geeignetes Autobahnfahrzeug.
Frankfurt
Natascha hatte noch mehr als eine Stunde lang mit Schmitt zusammengesessen und mit ihm sämtliche Einzelheiten bis ins kleinste Detail besprochen.
Ihre Mission leuchtete ihr inzwischen ein, auch wenn sie selbst vielleicht andere Mittel und Wege gewählt hätte. Mit Jan Wagner hatte sie es definitiv schlimmer treffen können, allerdings störte es sie schon, dass man mit ihm einen Zivilisten miteinbeziehen mochte. Nicht nur, dass er schnell zu einem Opfer in einem Krieg werden könnte, von dem er nichts wusste und den er auch nicht verstehen würde – sie arbeitete generell lieber mit Profis zusammen, die im Zweifelsfall auf sich selbst achtgeben konnten.
Für ihren Auftrag stand ihr keinerlei Waffe zur Verfügung, da diese – in Verbindung mit dem notwendigen Waffenschein – ihre Tarnung gefährdet hätte. Zwar würde sie unterwegs immer mit ihren Leuten in Kontakt treten können, doch im Ernstfall standen ihr zur Selbstverteidigung lediglich ihre Nahkampfkünste zur Verfügung. Und niemand konnte bisher sagen, wie sich Jan Wagner in einer Krisensituation verhalten würde.
Fest stand, dass er und sie als Köder dienen würden. Man rechnete ganz fest damit, dass sich ihre Gegner bald schon an ihre Fersen heften würden. Ihre eigenen Leute würden diese dann zumindest erfassen und gegebenenfalls ausschalten. So der Plan. Der USB-Stick würde dann früher oder später in Berlin ankommen. Bliebe nur noch die Frage, wer ihn überbrachte. Jan Wagner oder sie selbst.
Zuhause angekommen, richtete sie bereits alles wieder für Jan ein, der mit Sicherheit gegen siebzehn Uhr eintreffen würde. Irgendwie musste sie ihm schmackhaft machen, mit ihr für ein paar Tage nach Berlin zu fahren. Da sie angeblich an der Uni arbeitete, würde es Sinn machen, am Freitag oder Samstag loszufahren. Dann hätten Odysseus und Schmitt zudem ausreichend Gelegenheit, alles für einen möglichst reibungslosen Ablauf vorzubereiten.
Kurz nach fünf klingelte es, und Jan stand vor der Tür.
Auch heute trug der Mittvierziger ein Poloshirt, das ihm – nach Nataschas Meinung – so gar nicht stand. Wieso trägt er nie enganliegende Hemden, sinnierte sie, und bemerke erst jetzt, wie sehr sich der Stoff der kurzen Ärmel über Jans Bizeps spannte. Ohne Bauch, führte sie ihren Gedanken fort, wäre er eigentlich ganz attraktiv. Denn dass er über ein gewisses Maß an Muskeln verfügte, davon hatte sie sich in den vergangenen Tagen selbst überzeugen können. Insbesondere Schulter, Arme und Rücken schienen bei ihm sehr gut trainiert zu sein. Ein wenig gezieltes Beintraining, den Speck am Bauch weg, und Jan würde mit Sicherheit um einige Jahre jünger wirken.
»Sag mal, Schatz«, säuselte sie ihm ins Ohr. »Woher hast du eigentlich deine Muskeln?«
»Ich war früher im Judo.«
»Ehrlich? Ich auch! Bis zu meinem Umzug nach Frankfurt war ich jede Woche zweimal trainieren. Seit meinem zwanzigsten Geburtstag habe ich den schwarzen Gürtel – den ersten Dan.«
»Erster Dan? Hut ab! Ich war nur als Jugendlicher im Judo und habe mit zwanzig aufhören müssen. Berufliche Ausbildung und so, da war keine Zeit mehr für Sport. Bei mir hat es nur zum zweiten Kyu gereicht. Bin über den blauen Gürtel nie hinausgekommen.«
»Erzähl mir doch nichts, Jan«, antwortete Natascha und beobachtete den Bizeps, der durch den eng ansitzenden Ärmel beinah wie abgeschnürt wirkte. »Die Muskeln sind doch nicht von einem Sport, den du vor fünfundzwanzig Jahren aufgegeben hast.«
»Doch, im Großen und Ganzen schon.«
»Aha!«, feixte sie. »Also doch nicht aus den neunziger Jahren.«
»Ich war eine Zeit lang im Fitnessstudio; hauptsächlich, um mich nach Steffis Tod vor drei Jahren abzulenken und zumindest ein bisschen was für meine Gesundheit zu tun. Und zuhause trainiere ich gelegentlich auch heute noch Liegestützen und arbeite mit zwei 10-kg-Kurzhanteln.«
»Wieso joggst du nicht einfach? Deinem Bauch täte das mal ganz gut – Ausdauertraining ist gut für die Fettverbrennung.«
»Meine Knie sind kaputt. Wandern, Walking, Marschieren – all das stellt kein Problem für mich dar. Doch beim Jogging würden die Knie zu sehr belastet, daher hatte mein Arzt mir davon abgeraten.«
»Ich jogge normalerweise jeden Abend ein bisschen; naja, zumindest, bis ich dich kennengelernt hatte. Jetzt fehlt auch mir die Zeit dafür.« Mit diesen Worten schmachtete sie ihn beinah an. Sie wusste, dass sie ihn für die Fahrt nach Berlin begeistern musste und warf alles in die Waagschale, was sie an Anreizen zu bieten hatte.
Jan hingegen beobachtete sie, so unauffällig es ihm möglich war, ehe er sagte: »Hättest du Lust, mit mir für ein paar Tage wegzufahren?«
Natascha, die seit ihrer Kindheit nicht an Gott glaubte, dachte in diesem Moment trotz allem ›O mein Gott, es gibt dich wirklich!?‹ und sprang Jan freudestrahlend in die Arme.
Dieser war von ihrer Reaktion völlig überrascht und wäre mit ihr beinah rückwärts umgekippt, so viel Schwung hatte sie eben gehabt.
»Ich hatte dich eben schon fragen wollen, ob du nicht mit mir für ein paar Tage nach Berlin fahren möchtest.« Dabei griff sie sein stoppeliges Gesicht mit beiden Händen und bedeckte es mit stürmischen Küssen.
Nachdem die Küsserei aufgehört hatte, fragte Jan: »Berlin? Wieso nach Berlin?«
»Ich habe heute an der Uni einen Virologen aus China kennengelernt, der hat mir das hier geschenkt …« Sie zeigte Jan ihre neue Silberkette mit dem schwarzen Anhänger.
»Hübscher Stein. Doch was hat das mit Berlin zu tun?«
»Er meinte zu mir, er habe auf einem USB-Stick wichtige Informationen über einen in China entwickelten Super-Virus gespeichert. Und dieser USB-Stick ist hier, in diesem Anhänger, versteckt. Ich soll ihn nach Berlin bringen und möglichst öffentliche Verkehrsmittel vermeiden. Er meinte, die Daten seien zu brisant und Flugzeug und Bahn unter Umständen zu anfällig für Störungen von außen.«
»Moment«, sagte Jan und setzte sich auf Nataschas weiße Couch. »Du sollst einen USB-Stick nach Berlin bringen, auf dem Top-Secret-Informationen über ein tödliches Virus gespeichert sind. Verstehe ich das richtig?«
»Ja! Ist das nicht ungemein spannend?«, jauchzte Natascha und schien kaum noch zu bremsen.
»Auf dem Landweg, nicht per Bahn oder Flugzeug, weil dein Chinese befürchtet, jemand könnte diese von außen her … sabotieren?«
Natascha blickte ihn plötzlich fragend an. Mit solchen Gedanken hatte sie von Jans Seite her nicht gerechnet.
»Ein USB-Stick, nach dem sich Regierungen und Terroristen vermutlich die Finger lecken würden? Informationen, für die chinesische Agenten vielleicht gar töten würden, damit sie nicht in falsche Hände gelangen?«
»Wenn du es so betrachtest …«, setzte Natascha an.
Doch Jan unterbrach sie: »Hast du eine Idee, in welche Gefahr du dich vielleicht gebracht hast?« Noch während er sie dies fragte, fiel ihm auf einmal die Nachrichtensendung ein, die er vorhin gesehen hatte. »Schalt bitte schnell den Fernseher ein.«
»Wieso?«, fragte sie und suchte die Fernbedienung.
»Da lief vorhin etwas in den Nachrichten, etwas über ein neues Supervirus aus China, verglichen mit einer Pandemie von 2003.«
»Ehrlich?« Nataschas Reaktion war diesmal nicht gespielt. Mit einer derart schnellen Information der Medien hatte sie nicht gerechnet. Oder war es vielleicht bloß reiner Zufall? Sie zappte durch die Programme und fand schließlich einen privaten, reinen Nachrichtensender. Es dauert nicht lang, als die von Jan erwähnte Reportage folgte.
Jan und Natascha saßen beide vor dem Fernseher auf der weißen Couch und verfolgten die Reportage. Erneut wurde über das neue Super-Virus aus China berichtet, und dass ein Whistleblower mit brisanten Daten nach Deutschland gekommen sei. Es folgten Datenblätter von 2002/2003 mit Zahlen zu Infizierten, Genesenen und Toten weltweit und der Bundesrepublik im Speziellen. Ferner wurde behauptet, dass noch niemand wisse, wer der Whistleblower sei. Einige behaupteten sogar, es sei möglicherweise ein schlechter Scherz.
Doch Jan wusste sofort, dass damit nur Nataschas Whistleblower gemeint sein konnte.
Sie saß noch immer neben ihm, hatte inzwischen seine Hand ergriffen und konnte nicht glauben, dass Odysseus solch einen Druck ausübte. Heute war erst Dienstag, und vor dem Wochenende würden sie vermutlich nicht nach Berlin fahren können. Das bedeutete, dass ein möglicher Zwischenfall schon in Frankfurt eintreten konnte.
Jan und sie befanden sich vielleicht schon jetzt in großer Gefahr!
Unterwegs wären sie in Bewegung, doch hier, in Frankfurt, waren sie die perfekten Zielscheiben.
»Na, super!«, sagte Jan schließlich und stand auf. »Die ganze Welt weiß jetzt von den Informationen über das Super-Virus, und ausgerechnet du trägst sie um deinen Hals.«
Natascha stand ebenfalls auf und schlang ihre beiden Arme um Jans Hals, ehe sie sagte: »Wir werden es schon schaffen. Niemand weiß, dass ich die Daten auf einem USB-Stick habe. Lass uns nach Berlin fahren, ganz gemütlich – über Seitenstraßen, weitab von der Hauptroute. Jeder wird nach einem Chinesen suchen, der die Daten an den Mann bringen möchte. Wer verdächtigt da schon ein verliebtes Pärchen in einem uralten Opel?«
»Du hast wohl noch nie Agentenfilme gesehen?« Jan war alles andere als begeistert von dieser Idee und ließ es sich auch unüberhörbar anmerken.
»Wieso?«
»Na, auch wenn vieles nur Fiktion sein mag, so sind die Spionagesatelliten dennoch real. Und wer weiß, ob die diversen Geheimdienste nicht schon längst überprüft haben, wer die Daten aus China nach Deutschland geschmuggelt haben könnte? Wer wird denn an solche Daten kommen? Virologen? Labortechniker? Und wo könnte so einer in Deutschland Gehör finden? Beim Militär? Beim Bundesnachrichtendienst? Oder vielleicht doch eher an einer Uniklinik, wo es andere Virologen und Labortechniker gibt? Wie schnell wird sie dann am Ende der Weg zu dir führen? Hast du darüber mal nachgedacht?«
Natascha war verblüfft, wie schnell Jan reagierte und mögliche Szenarien entwarf. Nachdenklich betrachtete sie ihren Bären und überlegte, wie sie ihn doch noch von der Fahrt nach Berlin überzeugen konnte.
»Ich hatte dich eigentlich in den Schwarzwald und nach Bayern entführen wollen. Romantische Bauerhöfe, Natur, leckeres Essen …«
»Romantisch? Ach, du bist süß …«, säuselte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Geheimagenten, eine Mission in die Bundeshauptstadt … das klingt doch auch nach einem romantischen Abenteuer. Findest du nicht?«
»Ein etwas zu gefährliches Abenteuer, fürchte ich.«
»Mit meinem starken Mann an meiner Seite, fürchte ich nichts und niemanden!« Bei diesen Worten verschränkte sie ihre Hände hinter seinem Nacken und ließ ihren Oberkörper nach hinten fallen, um ihm sinnlich in die Augen zu blicken. »Verträumte Landstraßen, mein Geheimagent und ich, immer die Gefahr im Nacken. Klingt das nicht verführerisch?«
Бесплатный фрагмент закончился.
