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Kurt Pachl

Die Engel der Madame Chantal

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Impressum neobooks

Kapitel 1

Kurt Pachl

Die Engel der

Madame Chantal

Erotik-Roman

Ihr Name waberte als Inbegriff für eine atemberaubende Nacht oder als verschwiegenes Synonym für eine himmlische Auszeit über den Großraum Frankfurt. Tausend Euro für ein paar Stunden. Fünftausend oder gar zehntausend für ein Wochenende. Das zahlten sie gerne; die gutbetuchten Männer aus den oberen Zehntausend.

Chantal gelang es immer, sie glücklich zu machen. In ein paar Stunden oder Tagen tankten sie Kraft bei ihr auf – um sich später wieder in den Kampf zu stürzen.

Für Männer aus Wirtschaft, Kultur, Politik und dem Klerus war Chantal ein Engel auf Zeit. Sie hatten sich schon Tage zuvor auf diese Stunden oder gar Tage mit ihr gefreut. Sie reden zu lassen, und ihnen interessiert und glaubhaft zuzuhören – das war eines der vielen Geheimnisse ihres Erfolges.

Den meisten ihrer Kunden und Kundinnen war es ein Anliegen, zunächst ihre Probleme, Nöte und ihren Frust von der Seele sprudeln zu lassen. Manche sackten gar nach fünfzehn Minuten in sich zusammen - und weinten. Ja, bei ihr durften sie unendlich Vieles, was sie sich bei ihren Partnern, in ihren Unternehmen oder auch selbst innerhalb ihres engsten Freundeskreises niemals erlaubt hätten; was nicht als schicklich galt, oder was man sogar als Schwäche ausgelegt hätte. In den oberen Rängen durfte es keine Schwächen geben – niemals.

Ja, bei ihr durften sie weinen. Bei ihr durften sie sich anlehnen, wohltuend schweigen oder nach Herzenslust stöhnen. Mit einigen armen Seelen ging sie an einen leeren Strand. Gemeinsam schrien sie dort aus Leibeskräften gegen den Wind an, bis nur noch ein Krächzen aus ihren Kehlen drang. Und danach lagen sie lachend nebeneinander im Sand. In ihrem Job musste man kreativ sein. Weinen, Schreien, Singen, mit einer kleinen Peitsche auf unsichtbare Gestalten einschlagen, Streicheleinheiten für Körper und Seele – und natürlich Sex; guter und ideenreicher Sex. Ihr Repertoire war unerschöpflich.

Ein wilder Bursche hatte sich ein Spiegelzimmer basteln lassen. In der Mitte stand ein riesiges Bett. Er schrie vor Glück, wenn er sich dabei betrachten durfte, ganz Mann zu sein; wenn sie dabei ihre schlanken Beine fest um seinen Hals schlang. Wieder andere, jüngere, vögelten sich in Rage; konnten nicht genug von ihrem Körper bekommen. Sie entschuldigten sich anschließend für ihre verbalen Entgleisungen.

Chantal gab ihnen dann lächelnd und verzeihend einen liebevollen Kuss. Die meisten von ihnen bedankten sich doppelt; finanziell versteht sich.

Bei ihr brauchten sie sich nicht zu schämen, wenn es am Anfang nicht so recht klappte. Mit viel Liebe und Fantasie brachte sie die Burschen in den meisten Fällen wieder auf Trab. Alternativ erhielten sie unendlich viele Streicheleinheiten. Mit den reiferen Semestern lauschte sie bis tief in die Nacht hinein klassische Musik. Und sie, die Edelhure, bat diese gestressten Seelen darum, die Augen zu schließen. Dann malte sie ihnen herrliche Bilder vor ihrem geistigen Auge: Angefangen von den Wassertropfen, die von den bemoosten Felsen der zwei Moldauquellen tropften; mit den unterschiedlichsten Tönen und Oktaven; gespielt von zwei unterschiedlichen Querflöten. Oder sie beschrieb den Morgennebel, welcher in der Peer-Gynt-Suite über dem Wasser waberte, und sich von den ersten Sonnenstrahlen küssen ließ. Sie kuschelte sich an diese Personen oder Persönlichkeiten wie ein kleines, sanftes Mädchen. Sie gab ihnen das Gefühl, das begehrenswerteste und liebevollste Wesen auf dieser Erde zu sein.

Für sie, Chantal, flossen Wahrheiten, Fantasien und schauspielerischen Leistungen ineinander. Sie war einfach nur da, um ihnen zuzuhören, sie liebevoll anzulächeln, zu schnurren wie ein Kätzchen, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Geistreiche Gespräche beim erlesenen Dinner hatte am Anfang niemand von einer Edel-Hure erwartet. Aber auch das war zunehmend ein äußerst wichtiger Bestandteil ihres fantasiereichen Arrangements geworden.

In den Jahren vor diesem großen Desaster, das ihr Leben gänzlich auf den Kopf gestellt hatte, präparierte sie sich vor jedem Date. Schlecht gerüstet in den liebevollen Kampf zu ziehen, hätte sie sich niemals verziehen. Möglichst alles wollte sie über ihre Kunden wissen: Unter welchen Umständen waren sie aufgewachsen. Das herauszufinden gestaltete sich mitunter weitaus schwieriger, als gut gehütete Firmengeheimnisse zu erlangen. Waren es Mama-Papa-Söhnchen oder mussten sie sich aus Schlamm und Morast nach oben strampeln. Waren sie gezeichnet von dominanten oder gar übermächtigen Vätern oder seelenlosen Müttern. Hatte dieser Mann oder diese Frau in ihrer Kindheit Schlimmes erlebt; kam es gar zu Übergriffen; mussten sich diese oder andere Geschehnisse tief in deren Seele eingebrannt haben. Danach richtete sie ihre Strategie aus. Es galt keine Fehler zu machen. Welche Schulen hatten sie durchlaufen. Welche Knüppel hatte man ihnen auf den Weg nach oben zwischen die Beine oder ins Genick geworfen. Wurden sie hintergangen oder ausgenutzt. Standen sie unter der Knute einer starken Frau oder eines gewalttätigen Mannes. Jede noch so kleine Information über ihr Unternehmen und deren Wettbewerber konnte hilfreich sein.

Es war immer eine lange Liste, die Sven Schneeweis, er war ihr Fotograf und darüber hinaus ein IT-Genie, für sie zusammentrug. Dafür liebte sie diesen Wuschelkopf. Ein lebens- und liebeshungriger Privatdetektiv, er hieß Ferdinand Papenburg, brachte Chantal vor einigen Jahren auf die Idee, zusätzlich Informationen über die Ehepartner ihrer Stammkunden in Erfahrung zu bringen. Für seine wertvolle Arbeit durfte er kostenlos die Dienste ihrer früheren Kolleginnen in Anspruch nehmen.

In den letzten Jahren kamen nur wenige Männer mit ausgefallenen sexuellen Fantasien zu ihr. Frauen mit extremen Wünschen gab es ohnehin selten. Wer glaubte, mit Geld alles kaufen zu können, und dabei die rote Linie überschreiten wollte, musste erfahren, dass sie sich dies nicht mehr antun musste. Sie wusste solche Situationen stilvoll zu umschiffen. Danach gab sie diesen Klienten keine zweite Chance; selbst wenn sie bereit gewesen wären, Unsummen zu zahlen.

Chantal kannte hunderte Ehegeschichten und Ehekriege. Bücher hätte sie darüberschreiben können. Aber Stil und Diskretion waren die Voraussetzungen ihres Erfolges. Ihre Geheimnummer stand inzwischen in vielen der kleinen schmalen Notizbüchlein wohlhabender Manager, Inhaber von Unternehmen und anderen spendablen Zeitgenossen. Selbst hochgestellte Geistliche brauchten hin und wieder eine Auszeit für ihre Seele. Frauen waren oft dankbarer, und natürlich spendabler als die Herren der Schöpfung.

Manche Ehen wären ohne sie, ohne „Madame Chantal“, schon längst in die Brüche gegangen. Die meisten ihrer Kunden waren Pragmatiker. Sie konnten gut rechnen. Ehescheidungen hätten sich finanziell ungleich verheerender niedergeschlagen können, als sich ab und zu eine Atempause mit einer niveauvollen Begleiterin zu gönnen; selbst dann, wenn diese fürstliche „Honorare“ erbat. Dass ihr Mann die Dienste einer „Edelhure“ in Anspruch nahm, galt für einige Frauen, die sich ohnehin einen Liebhaber hielten, stilvoll und weitaus verzeihlicher, als sich in irgendwelchen obskuren Spelunken herumzudrücken.

Ein Status quo bei ihren Stammkunden konnte unter Umständen hilfreicher sein, als eine Wiederverheiratung mit ungeahnten Folgen. Deshalb erhielten einige Kunden dezente und kostenlose Eheberatungen; Vorschläge, die selbstverständlich ganz und gar nicht uneigennützig waren.

In den letzten Jahren gelang es ihr sogar einige Männer oder Frauen davor zu bewahren, einen gutbezahlten Job einfach hinzuwerfen. Treue, liebenswerte und spendable Kunden erhielten einen höchst außergewöhnlichen Service. Ferdinand, der kreative Privatdetektiv, bekam dann den Auftrag, das wirtschaftliche Umfeld des unschlüssigen Kunden oder der eingeschüchterten Klientin zu durchleuchten. In einigen Fällen hatte sie diesen armen Seelen zum Abschied ein Kuvert mit sensiblen Daten in die Hand gedrückt, und ihnen ins Ohr geflüstert: »Mach‘ was Gescheites daraus!« Tage oder Wochen später warfen sich die Dankbaren an ihren Busen. Sie bedankten sich fürstlich. Noch nie waren diese absolut nicht alltäglichen Vorgehensweisen ein Minusgeschäft gewesen.

Der Geschäftsführer der Escort Agentur akzeptierte, dass dessen Mitarbeiterinnen keine verbindlichen Termine für Chantal vereinbaren durften.

Sie, Chantal, bestand darauf, mit den Interessierten selbst ein Telefonat zu führen, und einen Termin zu vereinbaren – oder auch nicht.

Im Laufe der vielen Jahre hatte sie ein fast untrügerisches Gespür entwickelt, welches Wesen sich hinter einer Stimme am Telefon verbarg. Bereits der erste Satz war in den allermeisten Fällen ausschlaggebend gewesen, ein Treffen zu vereinbaren – oder auch nicht. Allein die Stimme, die Lautstärke, die erste Wortwahl projizierten ein Bild vor ihrem inneren Auge. Sie fühlte es förmlich, als stünde einer der vielen Fieslinge neben ihr; einer, der es liebte, seine Sekretärin in einer Pause auf den Schreibtisch zu pressen – und von hinten zu vögeln. Oder war es ein seelenloser Despot, der stolz darauf war, seine Untergebenen zu knechten. Vielleicht hatte er ihren Namen aufgeschnappt, und war felsenfest davon überzeugt, auch dieses rassige Weib in seine Sammlung einreihen zu können; gleichsam der Trophäensammlung eines Großwildjägers. Er hatte schließlich Geld; viel Geld. Und er war davon überzeugt, für Geld alles kaufen zu können – auch Seelen. Edelnutten hatten aus der Sicht von so manchen reichen Spinnern ohnehin keine Seele.

Ihr Repertoire war dann unerschöpflich. Niemals wäre sie verletzend gewesen – auch dann nicht, wenn eine Stimme in ihr schrie, diesen Mann wissen zu lassen, dass er ein Schwein sei. Mit flötender Stimme bat sie glaubhaft um Verständnis, in den nächsten Wochen keinen Termin unterbringen zu können. Gerne würde sie ihm jedoch die Telefonnummer einer Kollegin geben. Dass diese Typen eine Absage von einer Nutte bekamen, war Strafe genug.

Natürlich hatte es in der Vergangenheit viele andere Telefonate gegeben. Bereits nach ein paar Sekunden sprang der Funke über; knisterte oder vibrierte es. Dann freute sie sich auf dieses Treffen. Aber selbst auch dann wäre sie nie auf die Idee gekommen, einem kurzfristigen Date zuzustimmen. Auch sie konnte sich schließlich irren. Sie wollte und musste sich auf dieses Treffen vorbereiten. Und hierfür brauchte sie Informationen.

Vor wenigen Wochen hatte Chantal zufällig einem Gespräch zwischen Sven und dem Detektiv gelauscht.

»Ich bin immer wieder beeindruckt, was Madame Chantal alles über ihre Kunden in Erfahrung bringen will«, brummt Ferdinand, und Sven antwortete lachend:

»Vielleicht liebe ich sie gerade deshalb. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sich an alle ihre Kunden und Liebhaber erinnern kann.«

Wenige Wochen zuvor hatte Chantal zum ersten Mal in ihrem Leben darüber nachgedacht, wie viele Männer sie in ihrem Leben glücklich machen durfte.

In ihren jungen und wilden Jahren sahen die Kerle sie eher als attraktives Lustobjekt. Nur am Anfang glaubten einige, sich kurz an ihrem schönen Körper abreagieren zu dürfen. Dann rächte sie sich auf ihre Weise. Zunächst fragte sie die Burschen, ob sie Männer seien; so richtige Männer.

Was blieb den armen Kerlen dann übrig, als dies unter Beweis zu stellen. Stunden später genoss sie es zu beobachten, wie die Ausgepumpten zu ihrem Fahrzeug schlurften, und mit zittrigen Fingern versuchten, den Schlüssel in das Wagenschloss zu bugsieren.

Waren es Hunderte? In den Anfangsjahren, in Freiburg, Baden-Baden, Stuttgart oder Frankfurt, waren es mit Sicherheit mehr als über tausend heißblütige Männer - pro Jahr. In den letzten Jahren „begleitete“ sie zwei bis vier Männer in der Woche. Das Schicksal wollte es, dass auch Frauen ihre Dienste in Anspruch nehmen wollten.

Inzwischen war sie wohlhabend geworden; sehr wohlhabend sogar. Den größten Teil ihres Vermögens hatte sie jedoch nur indirekt mit ihrem Körper „erarbeitet“.

Kapitel 2

Chantal Mauriac wurde 1963 in einem kleinen Städtchen im Elsass geboren.

Ihr Vater, ein Weinbauer, starb früh, und ihre Mutter Jaqueline konnte das Weingut nicht mehr halten. Sie heiratete Hannes Vögele, den Inhaber einer weithin bekannten Gastwirtschaft in Freiburg.

Die quirlige, und bereits schon in jungen Jahren gutaussehende Tochter, besuchte das Gymnasium und schloss das Abitur mit der Note 1,2 ab. Mama Jaqueline schäumte vor Wut, als ihre intelligente Tochter unbedingt Sängerin werden wollte.

Stiefvater Hannes entpuppte sich jedoch als egoistischer Pragmatiker.

In seiner Gastwirtschaft wurden vornehmlich wertvolle Weine kredenzt. Seine attraktive Stieftochter sollte die Gäste bedienen, und sie zwischendurch mit lustigen Weinliedern unterhalten. Dafür griff er sogar tief in die Tasche.

Die heißblütige und extravertierte Chantal schlug ein wie eine Bombe. Seitdem strömten unzählige Gäste zur Weinwirtschaft am Schlehbusch.

Es blieb nicht aus, dass diese lebenslustige Schönheit umschwärmt wurde. Als ein verheirateter Gast aus Baden-Baden seine Stieftochter schwängerte, war das Wohlwollen des Stiefvaters allerdings jäh aufgebraucht. Mama Jaqueline gelang es mit allergrößter Mühe, ihren Mann umzustimmen, „das arme Mädchen“ nicht auf die Straße zu setzen.

Nach vielen Monaten der strengen Disharmonie entpuppte sich Opa Hannes sogar als der größte Fan des kleinen, schreienden Gerard.

Doch dann, ein Jahr später, ereignete sich dieses Unglück. Ohne jegliche Vorwarnung starb der kleine Schreihals.

Es folgten Monate der Hölle auf Erden. Hannes Vögele war der schlimmste Teufel in dieser Hölle.

Er steigerte sich in den Vorwurf hinein, dass dieser Schicksalsschlag eine Quittung für das Lotterleben seiner Stieftochter war. Gott habe sie dafür bestraft.

Mama Jaqueline, die einstmals wunderschöne Frau, verhüllte ihren Körper fortan in schwarzer Kleidung. Sie flüchtete in Gebete und Kirchenbesuche. Täglich wanderte sie zum Grab des kleinen Gerard. Niemals, auch in den vielen Jahren zuvor, hatte sie Chantal in die Arme genommen; niemals hatte sie offensichtlich darüber nachgedacht, wie es wohl in der Seele ihrer Tochter aussehen möge.

Dass ihre Mutter sie in dieser schlimmen Phase allein ließ, fraß sich tief in Chantals Seele; war unzweifelhaft ausschlaggebend für ihr weiteres Leben geworden.

Nach Wochen des Haderns, nach einer Phase der Entscheidung für oder gegen das Leben, entschied sich die damals Einundzwanzigjährige für das Vergessen und für das Leben. Dieses kleine Zimmerchen des kleinen Gerard, diese vielen liebgewordenen Utensilien und das Bewusstsein um das Grab des Kleinen, nur einen Kilometer vom Gasthaus und den angrenzenden Wohnräumen entfernt, waren unerträglich geworden.

In Baden-Baden schlug sich Chantal zunächst als attraktive Bedienung, Sängerin und Unterhalterin durchs Leben. Sie genoss es, wieder umschwärmt und geliebt zu werden. Das Leben musste weitergehen. Irgendwie. Viele Liebschaften, die atemlosen Fluchten glichen, gingen nahtlos in ein Leben als Hure über; in einem vornehmen Etablissement.

Nein, als Hure oder gar Nutte hatte sich Chantal zu keinem Zeitpunkt in ihrem Leben gesehen. Sie fühlte sich allenfalls als „Liebesdienerin“. So lange sie unliebsame Freier notfalls ablehnen durfte, und für angenehme Stunden Geld bekam, empfand sie es als eine gutgemeinte Fügung des Schicksals, Freude an sexuellen Erlebnissen zu haben.

Sehr früh entwickelte sie ein Gespür, welcher Mann ganz normalen Sex haben wollte, welcher Bursche auf Brutalität stand, oder welchen Kerl sie als Abschaum einstufen musste.

Was um alles in der Welt war falsch daran, dass sie ihren Körper liebte; mit dieser göttlichen Gabe zu spielen verstand, und obendrein Geld dafür bekam; zunehmend mehr Geld? Sie liebte guten oder gar hemmungslosen Sex.

Der Liebespfad führte Chantal über eine Edelsauna in Stuttgart zu einem bekannten Sauna-Club und später einem Escort-Club in Frankfurt. Sie wusste damals, dass noch viele weitere Städte auf ihrer Lebensliste stehen würden.

Ihr prickelnder Weg zog sie nach Paris. Es folgten zwei berauschende Jahre in London. An diese Jahre erinnerte sie sich später noch gerne.

Chantal konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, warum sie damals nach Hamburg wollte.

Diese zwei Jahre in der Hansestadt verflogen wie im Rausch.

Ja, für diese Jahre in Hamburg war der Begriff „Rausch“ mehr als zutreffend.

Es fing mit einigen Joints an. Danach wollte sie mehr; brauchte sie immer mehr. Zusätzlich begann sie zu trinken und stark zu rauchen.

Von einem Tag auf den anderen, Chantal war 32 Jahre alt, überfiel sie eine unendliche Leere und Sinnlosigkeit. An einem schönen Frühlingstag erwachte sie in einer Hamburger Klinik. Sie hatte versucht, sich mit einer Überdosis Rauschgift das Leben zu nehmen. Drei Monate verbrachte sie in der psychiatrischen Abteilung dieser Klinik.

War es Schicksal oder Vorhersehung? Wollte eine höhere Macht sie aufrütteln?

Während des Aufenthaltes in der Klinik fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie hatte bislang wie ein schillernder Vogel das Leben genossen; ließ sich einfach treiben. Sie hatte das Geld mit vollen Händen ausgegeben, und keine Sekunde darüber nachgedacht, Rücklagen zu bilden oder über ihre Altersvorsorge nachzudenken.

Lediglich in eine private Krankenversicherung hatte sie einbezahlt. Doch auch diese zeigte ihr nun die rote Karte.

Sie hatte extrem gut verdient. Für damalige Verhältnisse waren siebentausend Euro pro Monat viel Geld gewesen; nach Steuern versteht sich.

Mit den letzten fünfhundert Euro in der Tasche fuhr sie nach Frankfurt.

Die Betreiber einer Edelsauna, unweit des Bahnhofsviertels, freuten sich, sie wieder begrüßen zu dürfen. In der Szene sprach es sich rasch herum: „Chantal ist zurück.“

Doch sie war inzwischen verwöhnt. In Paris und London hatte man sie liebevoller für ihre Dienste entlohnt. Jetzt brauchte sie viele Freier. Sie brauchte Geld, viel Geld. Unabhängig davon wollte sie sich in Arbeit ersäufen; diese Schande in Hamburg ausradieren. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Pläne; große Pläne.

Neun Monate später gründete sie zusammen mit ihren Freundinnen Iris und Manuela eine Escortagentur für gehobenere Ansprüche. Sie wurden von Nachfragen regelrecht überrollt.

Das war 1996. Der Großraum Frankfurt explodierte wirtschaftlich gesehen. Allein der Bankensektor beschäftigte mit einem Umsatz von über 2,2 Billionen Euro 80 000 Seelen. Die Kommunikationswirtschaft, viele Versicherungen und Kanzleien, Universitäten, der Handel, verarbeitendes Gewerbe, das Baugewerbe und viele Dienstleistungsunternehmen wollten ihren Repräsentationswillen zeigen. Dies schlug sich in einer eindrucksvollen Hochhaussilhouette nieder. Unzählige große Hotels beherbergten ein Meer aus Finanzhaien, Touristen oder Besuchern von Messen und Ausstellungen.

In diesem Meer ruderten atemberaubend viele und höchst unterschiedliche Individuen. Sie waren süchtig nach einer erlebnisreichen Auszeit vom Stress und Druck des Alltages. Darunter befanden sich vor allem auch Gutbetuchte. Viele von ihnen gierten nach dem Außergewöhnlichen und nach den unterschiedlichsten sinnlichen Freuden. Sie hatten Fantasien, Wünsche und Sehnsüchte im Gepäck. Ein Großteil dieser Abenteuer- und Liebesvagabunden wollte nicht untergehen in dieser wabernden Masse lebenshungriger, seelisch leidender oder gar ertrinkender Seelen.

Diese potentiellen Klienten waren sich dessen bewusst, dass sie für gehobene Dienstleistungen mehr, mitunter viel mehr, hinblättern mussten, als man in Frankfurt bereit war anzubieten; in den Saunen, Clubs, Puffs oder vielen anderen Etablissements; vor allem in der Elbe-, Weser- und Moselstraße.

Zahlungskräftige Kunden – aber auch Kundinnen – suchten junge, attraktive, willige und ideenreiche Begleiterinnen oder Begleiter.

Nach vielen Monaten atmete Chantal befreit auf. Endlich wieder Licht, Luft und Sonne. Endlich heraus aus dem stickigen Mief und dem Kunstlicht.

Chantal, Iris und Manuela hatten den administrativen Aufwand einer Escortagentur unterschätzt. Nach wenigen Wochen stellte sich heraus, dass Chantal mit ihrer warmen, dunklen und rauchigen Stimme doppelt so viele Akquisitionen und Terminvereinbarungen vereinbaren konnte wie ihre Freundinnen. Darüber hinaus gelang es ihr, drei bis vier eigene Dates pro Woche wahrzunehmen. Damit erzielte sie viertausend oder sechstausend Euro pro Woche; vorausgesetzt sie stand für ihre Kunden auch an den Wochenenden „zur Verfügung“. Ein langes Wochenende mit einem Kunden war besonders lukrativ – aber auch besonders knisternd, unterhaltsam und wissenserweiternd.

Zwei Jahre vergingen wie im Flug. Dann klopfte das Schicksal erneut an die Tür.

Das Übernahme-Angebot von „Rendezvous“, einer großen Gesellschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, ein europäisches Premium-Escort-Netz aufzubauen, konnten die drei Frauen nicht ablehnen. Selbstverständlich, und liebend gerne, wurden sie von dieser Gesellschaft als freie Mitarbeiterinnen übernommen.

Kapitel 3

Chantal war nun herrlich frei und ungebunden. Sie hatte sich vorgenommen, künftig noch überlegter und planvoller vorgehen.

Zwei oder maximal drei profitable Dates pro Woche würden reichen. In den Zeiten dazwischen musste sie ihr Wissen erweitern und verfeinern. Ein schöner Körper allein durfte nicht mehr ihr alleiniges Kapital sein.

Sie war vierunddreißig. Damit war sie zwar noch nicht alt. Aber in Frankfurt oder in den anderen großen Städten wuchs die Konkurrenz in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Außerdem hatte sie erkannt, dass die besonders spendablen Kunden in Frankfurt jenseits der vierzig oder gar der fünfzig angesiedelt waren. Und diese Klientel war nicht ausschließlich an Sex interessiert. An den Wochenenden die Zeit nur im Bett zu verbringen – das hatte sich als wenig praktikabel erwiesen. Die reiferen Männer wollten mit ihr etwas unternehmen. Hierbei hatten ihre Klienten recht klare Vorstellungen von einer kompetenten Begleiterin. Sie wollten mit ihr ins Theater gehen oder zu Geschäftsessen. An den Abenden waren sie daran interessiert, sich zu unterhalten oder unterhalten zu werden. Viele hatten geschäftliche oder private Probleme, die sie sich von der Seele reden wollten.

Chantals Sprachkenntnisse waren exzellent. Sie konnte sich gut ausdrücken und war extravertiert. Aber das war es auch schon. Was wusste sie über Kultur, Wirtschaft und Politik? Viele Männer, aber auch Frauen, wünschten sich eine attraktive Begleiterin mit Ausstrahlung, Parkettsicherheit, Charme, Humor und mit einem gewinnenden Auftreten.

Unzweifelhaft waren das wichtige Voraussetzungen, um künftig noch erfolgreicher zu sein. Männer mit Geld, viel Geld, erwarteten das. Unabhängig davon: Sie, Chantal, wollte endlich auch stolz auf sich selbst sein dürfen. Künftig würde sie darauf bestehen, „Madame Chantal“ genannt zu werden. Das sollte ihr Markenzeichen werden.

Herrjeh. Auch für ihren Körper musste sie mehr tun als bislang. Hierbei war es nebensächlich, dass sie im Grunde genommen Sport hasste. Ihre Haut musste straff sitzen. Schließlich gab es noch junggebliebene Klienten; Männer, die auf 18-Loch-Golfanlagen zuhause waren; Männer, die eine Fitness-Anlage neben ihrem Schwimmbad installieren ließen; Männer, die sich aufgestauten Frust aus dem Leib vögeln lassen wollten. Da durfte sie nicht schlappmachen.

Ihre neue Sedcard mit aussagefähigen Aufnahmen von Sven unterschied sich gravierend von ihrem ehemaligen Auftritt. „Madame Chantal“ selbst hatte die Texte kreiert – und ihre Seele mit einfließen lassen. Über Geld wollte sie später nicht mehr sprechen. Niveau hatte seinen Preis.

Der Geschäftsführer von „Rendezvous“ entschuldigte sich bei „Madame Chantal“ gerne. Die Anfragen übertrafen jegliches Vorstellungsvermögen. Mehr denn je oblag es „Madame Chantal“ ihre Wahl zu treffen und Termine zu vereinbaren.

Ihre neue Freiheit begann mit einem äußerst ungewöhnlichen Ereignis. Die volle Tragweite sollte sich erst viele Jahre später erweisen.

Wie in all den Jahren zuvor hatte sich Chantal auf ihren nächsten Kunden informell und mental vorbereitet. Bereits als sie sich in das Portrait des Harald Lambers zu vertiefen versuchte, schrie eine Stimme in ihr:

»Dieses Treffen darfst du nicht auf die leichte Schulter nehmen!«

Das volle Haar und der gepflegte Vollbart dieses Mannes waren bereits grau meliert. Trotzdem wirkte der vierundfünfzigjährige Inhaber eines Chemie-Unternehmens jung und agil. Chantal konzentrierte sich auf seine Augen mit den buschigen Augenbrauen darüber. Diese Augen blickten energisch und anpackend in die Welt. Doch sie sah darin auch eine leichte Traurigkeit und Verletzlichkeit.

Seven und der Privat-Detektiv hatten ganze Arbeit geleistet. Aus fünfzehn Seiten ging hervor, dass dieser Mann eine äußerst bizarre Kindheit hatte. Sein Vater war einer jener Arbeitstiere nach dem Zweiten Weltkrieg; fordernd und unnachsichtig. Die Mutter liebte Kultur und Musik. Sie achtete auf die notwendige Ruhe und Harmonie in der Familie. Der Nachkriegspionier starb früh, und Harald wurde ins kalte Wasser geschleudert.

Umsatz und Gewinn von HARLAM-CHEM explodierten in den letzten fünfzehn Jahren. Die zehn Jahre jüngere Frau Isolde kam aus begütertem Hause. Vor zwei Jahren zog sie mit dem gemeinsamen Sohn Edward, er war bereits vierundzwanzig Jahre alt, aus der großen Villa im Frankfurter Nordend aus. Sie war in den letzten Jahren vollauf damit beschäftigt gewesen, ihre Erbschaft, die Eltern waren beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen, mit vielen Männerbekanntschaften in vollen Zügen zu genießen. Harald ersäufte seine Enttäuschung in Arbeit. Frauenbekanntschaften tauchten in seinem Leben fortan nicht mehr auf; zumindest waren diese nicht in Erfahrung zu bringen gewesen. Harald Lambers galt als äußerst durchsetzungsfähig, spielte Golf und liebte Musik; vornehmlich klassische Musik.

Sie trafen sich in einem großen und altehrwürdigen Hotel in Würzburg; unweit der Marienburg und mit Blick über die Weinberge hinunter zum Main.

Chantal erkannte ihn von Weitem.

Mit einem »Einen schönen Tag Herr Lambers«, ging sie lächelnd auf ihn zu, und hauchte dem erwartungsvoll dreinblickenden Mann ein zartes Küsschen auf beide Wangen.

Fast theatralisch wich er zwei Meter zurück. Mit betont beeindruckter Miene musterte er das vor ihm stehende Wesen. Er ließ sich Zeit; viel Zeit.

»Es gefällt mir, was ich sehe. In Natura sind sie noch weitaus schöner als auf dem Foto«, sagte er mit einer warmen Stimme, die ganz und gar nicht zu einem Manager passte.

»So direkt hat mir das bislang noch kein Mann gesagt«, flötete Chantal. »Lachen Sie jetzt nicht, wenn ich rot wie ein Teenager werde. Oh Gott. Dieser Tag verspricht interessant zu werden.«

»Dieses Wochenende!«

»Entschuldigung. Natürlich dieses gesamte Wochenende«, verbesserte sie sich. »Das Wetter verspricht himmlisch zu werden. Da es in erster Linie Ihr Wochenende ist, sollten Sie mich überraschen, was wir gemeinsam daraus machen.«

Er schlenderte mit ihr durch die Residenz. Gemeinsam bestaunten sie den in voller Blüte stehenden riesigen Residenzgarten.

Nein. In die Innenstadt wollte die attraktive Frau nicht so gerne. Stattdessen besichtigten sie die Marienburg, um sich anschließend auf die große Terasse des Hotels zu setzen. Sie ließen ihre Blicke hinunter zum Main und auf die Stadt gleiten.

Und irgendwann, wie sollte es anders sein, dachte Chantal, brachte er das Gespräch auf sein Unternehmen.

»Ich bin tief beeindruckt«, sagte Harald einige Stunden später. »Wie ist es möglich, dass Sie in so kurzer Zeit so viel Wissen sammeln konnten. Sie kennen sogar meine wichtigsten Wettbewerber. Man könnte fast auf die dumme Idee kommen, einer Mata Hari gegenüber zu sitzen.«

Chantal versuchte, dankbar und gleichzeitig etwas verlegen zu lächeln.

»Hm. Mata Hari. Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich geehrt fühlen soll.«

»Das dürfen Sie. Das dürfen Sie«, lachte der Grauhaarige.

»Wie auch immer«, fuhr Chantal fort. »Meine Freunde auf Zeit dürfen ruhig das Gefühl haben, dass ich sie respektiere, indem ich mich mit ihnen, ihrem Leben und ihrem Umfeld auseinandersetze. Es wäre doch schlimm, wenn ich mich mit dem Manager eines Mineralölkonzerns nur über Kleider oder Fußball unterhalte.«

»Oder mit dem Inhaber einer Geflügelschlachterei«, lachte Lambers.

Chantal verschränkte ihre schmalen Finger ineinander.

»Dazu würde es erst gar nicht kommen«, sagte sie mit plötzlich ernster Miene.

»Oh. Wie darf ich das verstehen?«

»Weil ich mit einem solchen Mann nicht so locker plaudern könnte. Mit Sicherheit würde ich mit ihm nicht ein Bett teilen wollen.«

Lambers rückte lachend seinen Sessel ein Stückchen näher.

»Holla. Ich bin jetzt mehr als erstaunt. Eine Frau mit Prinzipien?!«

Chantal legte ihre beiden Zeigefinger vor ihren Lippen, und senkte leicht den Kopf.

»Es wäre jetzt nicht schön gewesen, wenn Sie statt „Frau“ einen anderen Begriff gewählt hätten.«

Fast blitzartig legte der Mann seine rechte Hand sanft und beschwichtigend auf den Arm seiner attraktiven Begleiterin. Er blickte ihr dabei tief in die Augen. Chantal entnahm aus seinen Augen ein bittendes Entsetzen.

»Wenn ich so denken würde, säßen wir nicht beieinander. Bitte nenne mich Harald.«

Ein offenes Lächeln huschte über das Gesicht der Begleiterin.

»Einverstanden Harald. Der Kunde ist König.« Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort:

»Darf ich zu diesem Thema abschließend bemerken, dass ich nur Männer begleite, die mir sympathisch sind. Meine Kunden haben ein Anrecht auf eine möglichst unbelastete und reine Seele. Nur dann kann ich ganz und gar Madame Chantal sein; eine offene, ehrliche und kompetente Begleiterin - und eventuell Liebesdienerin. Eventuell; das bedeutet, dass ich mir die Freiheit nehme, nur dann mit Männern das Bett zu teilen, die mir zumindest weitestgehend sympathisch sind. Klingt das verrückt?«

»Nein. Nein.« Harald drückte Chantal einen Kuss auf die Hand. »Das ist für mich eine Bestätigung, die richtige Wahl getroffen zu haben … seit langer, langer Zeit.«

Die routinierte Escort-Dame verstand es, das Gespräch sanft und glaubhaft in eine andere Bahn zu lenken. Während des erlesenen Abendessens, in einer verschwiegenen Ecke der weitläufigen Lokalitäten des Hotels, unterhielten sie sich fast ausschließlich über Musik; über Edward Grieg, über die zehn wichtigsten Stationen der Moldau von Smetana, über die vier Jahreszeiten von Vivaldi und viele andere Komponisten.

Und erst zur fortgeschrittener Stunde gingen sie in das große Doppelzimmer mit dem riesigen Bett.

Als Chantal mit einem aufreizenden Negligé in das Bett schlüpfte, stellte sie fest, dass Harald in einem einfallslosen, fast altbackenen Schlafanzug auf sie wartete.

Es hämmerte und arbeitete in Chantals Kopf.

Diese Situation kannte sie nur von reifen Herren. Oder von Männern, die es spannend machen wollten. Das unterschied diese Alterskategorie von jungen Draufgängern, die mit hochgezogenen Augenbrauen darauf warteten, dass sie sein bereits erigiertes Glied mit einem „Wow“ bewunderte. Sie erfand immer wieder neue Namen für diese Wunder der Natur. Oder sie entschied sich dann einfach, jauchzend diesen Himalaja zu besteigen. Manche Kerle grunzten wie Bären, schrien vor Freude, bejubelten ihren Körper, wollten es später unbedingt noch einmal unter der Dusche machen - wollten ihre Fantasien in vollen Zügen ausleben – bis sie nur noch mit offenem Mund und geschlossenen Augen darauf warteten, dass Chantal deren unfassbare Kräfte glaubhaft lobte. Dann, erst dann, waren sie vollends glücklich.

Jeder Kunde hatte das Anrecht darauf, individuell „bedient“ zu werden.

Wortlos kuschelte sie sich nun an den Schlafanzugträger. Sie wartete zunächst darauf, dass er ihr vielleicht ein Signal geben würde. Schließlich war er der König dieses Abends und dieser Nacht. Er, dieser König, entlohnte sie schließlich königlich.

Doch. Verdammt. Davor hatte sie sich immer gefürchtet! Das war Gift für ihren Job, den sie so sehr liebt; den sie in den letzten Jahren zunehmend genoss. Dieser Mann, in seinem grässlichen Schlafanzug, war ihr im Laufe des Tages und vor allem während des Abends sympathisch geworden – sogar mehr als das.

»Reiß‘ ihm diesen dämlichen Schlafanzug vom Leib. Lass‘ deiner Frivolität freien Lauf. Zeig‘ ihm, dass du eine Hure bist!«, schrie sie in sich hinein. »Zeig‘ vor allem dir, dass du nichts anderes als eine Liebesdienerin bist; eine einfallsreiche und professionelle Hure!«

Oft hatte sie sich gefragt, ob es unerklärliche Schwingungen gab zwischen ihr und ihren Kunden. In den meisten Fällen waren es hilfreiche Schwingungen und Signale.

»Oh Gott, lass‘ diesen Abend und diese Nacht ebenso verlaufen, wie die vielen, vielen anderen auch«, wünschte sie sich leicht zitternd – und schaltete das Licht aus.

Als ob dieser Mann ihre Gedanken und Wünsche mitgehört hatte, nahm er sie in die Arme. Er genoss es. Das fühlte sie.

Viele Minuten lag sie schweigend in seinen Armen. Eine knisternde, fast unheimliche Stille waberte durch den Raum. Sie schmiegte sich an seine Schulter; empfand wohlige Wärme.

Plötzlich fühlte sie seinen Atem. Wollte er ihr einen Kuss geben? Oder wollte er ihr etwas sagen?

Und dann glaubte sie, diesen Satz zu hören. Er flüsterte diesen Satz. Es war ein warmes und wohliges Flüstern. Seine Stimme zitterte leicht; war bittend, fragend, ehrlich:

»Ich würde mich unendlich glücklich schätzen, wenn du mich heiraten würdest.«

Auf alles war Chantal an diesem Abend vorbereitet. Aber nicht auf diese Frage; nicht auf diese Szene.

Fast ruckartig richtete sie sich im Bett auf, um fast gleichzeitig das Licht wieder einzuschalten.

Um nichts auf der Welt wusste sie, wie sie sich in den nächsten Sekunden verhalten sollte; was sie sagen würde, sagen musste, sagen durfte.

Nach unendlich vielen Sekunden entschied sie sich für den Angriff. Im Extremfall würde sie einen Kunden verlieren; einen sympathischen Kunden. Sie war immer bereit gewesen, mehr zu geben, als dies viele ihrer Kunden für möglich gehalten hatten. Viele Kunden hatten in den letzten Monaten nicht nur ihren Körper gespürt, sondern auch ihr Herzblut. Mitunter war sie bereit gewesen, ihnen für ein paar Stunden oder auch für ein paar Tage, Einblick in ihre Seele zu gewähren. Das kam allerdings äußerst selten vor. Aber manchmal passierte es eben. Ihre Kunden dankten es ihr. Und kamen immer wieder.

Zunächst entschied sie sich für ein dunkles Lachen, das ganz tief aus ihrem Körper herausbrach. Danach sprang sie aus dem Bett. Breitbeinig stellte sie sich in die Mitte des Raumes.

»Schau mich an!«, schrie sie mit ausgebreiteten Armen.

»Ich bin eine Hure. Gutgut. Ich bin eine teure Hure. Eine interessante und vielleicht sogar eine geistreiche Hure. Aber ich bin eine Hure.«

Harald hatte sich ebenfalls im Bett aufgesetzt. Er lachte.

»Einverstanden. Dann liebe ich eben eine Hure. Ich habe das Gefühl, dass ich dich mehr liebe, als ich jemals einen Menschen geliebt habe.«

Chantal zerriss ihr teures Negligé und schleuderte es durch den Raum.

»Bin ich so hässlich, dass du noch nicht einmal versucht hast, mit mir zu schlafen?!«

Harald stand auf, und ging auf die Nackte zu. Er nahm sie in die Arme. Er drückte sie sanft an sich.

»Du bist wunderschön. Du hast eine wahnsinnig erotische Ausstrahlung. Gerade deshalb wollte ich nicht mit dir schlafen … bevor ich meinen ganzen Mut aufgebracht habe, um dir diese Frage zu stellen.«

Er gab ihr einen Kuss auf die Lippen und blickte in ihre Augen.

»Ich liebe deinen Körper. Aber noch wichtiger ist für mich diese Madam Chantal, von der du heute Nachmittag auf der Terrasse gesprochen hast. Du bist eine intelligente, fantasievolle, empfindsame und warme Frau. Du bist all das, was ich bei Isolde immer vermisst habe.«

»Entschuldige Harald. Ich habe weiß Gott viel Fantasie. Wir kennen uns erst seit ein paar Stunden. Wir haben uns beim Abendessen angeregt unterhalten. Dann hast du deinen tollen Schlafanzug angezogen, krabbelst ins Bett – und machst mir einen Heiratsantrag. Stelle dir einmal eine solche Szene in einem Film vor. Würdest du da nicht lachen oder zumindest herzhaft schmunzeln. Bitte. Bitte. Sage mir, dass das jetzt ein Scherz von dir war. Bitte!«

Harald starrte die Entgeisterte ratlos an.

»Eigentlich wollte ich dir das schon während des Abendessens sagen«, sagte er leise und zuckte mit den Schultern.

Chantal riss sich wieder los.

»Ich habe mit … Ach was, ich habe sie nicht gezählt«, schrie sie mit wilden Handbewegungen.

»Ich habe mit unendlich vielen Männern geschlafen. Daran würdest du doch immer denken müssen, wenn du mich in den Arm nimmst. Das würde ich sogar verstehen.«

Tränen kullerten über ihre Wangen. Gleichzeitig versuchte sie zu lachen.

»Das ist der Frankenwein. Der ist tückisch. Harald Lambers, du bist ein Spinner.«

»Ich sehe das völlig anders. Isolde war eine Hure. Sie ist immer noch eine Hure. Dagegen bist du eine Heilige … zumindest für mich. Wir sollten morgen noch einmal in aller Ruhe darüber sprechen. Bist du damit einverstanden?«

Behutsam lotste er die nackte, lachende und weinende Frau wieder ins Bett zurück. Dort schmiegte sie sich zitternd an den Verliebten.

»Nein. Damit warten wir nicht bis morgen«, schluchzte Chantal.

»Ich finde dich sympathisch, sehr sogar. Aber ich habe mir geschworen, niemals zu heiraten. Ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen. Mein Spiegelbild würde mich immer anschreien:

»Jetzt hast du es geschafft. Bislang warst du eine Liebesdienerin, eine Konkubine oder eine gutaussehende Escort-Begleiterin. Jetzt, nach vielen Jahren, bist du eine Nutte, die nicht nur ihren schönen Körper, sondern auch ihre verdammte Seele verkauft hat. Willst du das?! Kannst du das verantworten? Kannst du mich nicht ein bisschen verstehen?«

Stille entstand im Raum.

»Entschuldige. Das war wahnsinnig dumm von mir, dich so völlig unvorbereitet …«

Harald beugte sich zur immer noch zitternden Frau hinüber. Sanft streichelte er über ihre Wangen.

»Du bist doch eine kluge Frau. Was würdest du uns in dieser blöden Situation raten?«

Blitzartig richtete sich Chantal im Bett auf. Während sie Harald hastig sowohl das Oberteil als auch die Hose des Schlafanzuges auszog, quietschte sie fast wie ein junges Mädchen:

»Mit einem angezogenen Mann spreche ich heute kein einziges Wort mehr. Und ich rate dir, ab jetzt auch nicht mehr zu denken. Jetzt werden zwei andere miteinander kommunizieren. Dieser Bursche da …« sie fasste zwischen die Beine des völlig verdutzten Mannes … »muss doch ausgehungert sein. Ab heute nennen wir die beiden Akteure Cäsar und Cleopatra. Einverstanden?«

Es erklang ein Lachen, begleitet von einem »Hm. Hm.«

»Was heißt hier hm hm?!«

»Du hast mir doch verboten zu sprechen«, quetschte Harald zwischen den fast geschlossenen Lippen hervor.

Chantal schickte ihre Hände suchend auf die Reise. Bereits nach wenigen Sekunden begann sie leise zu kichern:

»Schau einer an. Cäsar nimmt schon eine kriegerische Haltung ein. Aber nimm dich in Acht mein Freund. Du solltest Cleopatra nicht unterschätzen.«

Es war eine lange Nacht geworden. Und am Morgen, die Sonnenstrahlen blinzelten interessiert durch die halbgeschlossenen Lamellen der großen Fenster, ging Cleopatra noch

einmal auf Erkundungsreise.

Am Frühstückstisch saß ein leicht lädierter und glücklicher Harald. Chantal wirkte munter und aufgekratzt. Schmunzelnd bearbeitete sie mit einem Löffelchen ihr Frühstücksei.

»Dein Vorschlag von gestern war alles andere als durchdacht. Künftig zusammen unter einem Dach – über Wochen, Monate oder gar Jahre. Das kann ich nicht verantworten. Das wäre geschäftsschädigend. Dein Unternehmen braucht einen ausgeschlafenen Kämpfer.«

Harald ließ seine Tasse klirrend auf die Untertasse sinken. Seine Mimik verfinsterte sich schlagartig.

»Willst du mir damit sagen, dass …«

Weiter kam er nicht. Chantal warf ihm mit einem schelmischen Lächeln ein Küsschen über den Tisch.

»Sei friedlich oh Gebieter des wackeren Cäsar. Ich möchte damit lediglich vorschlagen, dass wir uns jedes zweite Wochenende sehen. Dann bleibt unsere Liebe jung und prickelnd. Dann holst du dir Kraft und neue Inspirationen. Dann sind wir alle glücklich.«

»Und ich wache jeden Morgen auf, und starre auf einen leeren Platz neben mir.«

Chantal tätschelte die Hand des traurig Dreinblickenden und lächelte ihn dabei verliebt an.

»Ach was. Dann erinnerst du dich an die zurückliegenden Tage und Nächte. Und gleichzeitig freust du dich auf unser nächstes gemeinsames Wochenende. Du wirst sehen, das Leben wird bunt, abwechslungsreich und herrlich.«

»Habe ich eine andere Wahl?«

»Selbstverständliche gibt es immer Alternativen. Gib mir den Laufpass. Suche dir eine Andere. Die Welt ist voll von Frauen, die dich gerne heiraten und ausnehmen würden.«

Sie machte eine Kunstpause, und setzte dabei ihren geübten Schmollmund auf.

»Aber … dann wären wir traurig - Cleopatra und ich.«

Erneut machte sie eine kurze Pause, um leise fortzufahren:

»Was haben wir zu verlieren. Vielleicht werden wir auf diese Weise alt und glücklich.

Vielleicht sehe ich das in einem oder in zwei Jahren auch völlig anders.«

Dieser letzte Satz war entscheidend. Er entschied über eine Freundschaft, die über viele Jahre Bestand haben sollte – bis zum Tod von Harald Lambers. Aber das war Jahre später; sechzehn Jahre, um genau zu sein.

Es wurde noch ein wunderschöner Sonntag. Bevor sie sich am Abend verabschiedeten, rang Harald seinem Engel auf Zeit ab, ihn am darauffolgenden Wochenende in seiner Villa im Frankfurter Nordend zu besuchen; ausnahmsweise bereits schon am Freitagabend.

Kapitel 4

Die Fahrt zurück nach Frankfurt legte Chantal wie in Trance zurück. Nein. Mit Harald wollte sie nicht fahren. Sie war mit dem IC gekommen, und hatte die Rückfahrt gebucht. In 75 Minuten würde sie am Hauptbahnhof Frankfurt aussteigen. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken.

»Ist das ein Zeichen, dass du langsam alt wirst?«, schimpfte sie in sich hinein. Noch nie in ihrem Leben hatte sie länger als eine halbe Stunde über ein zurückliegendes Date nachgedacht. Vor einem Treffen – das war etwas ganz anderes. Da benahm sie sich wie ein Rassepferd vor einem wichtigen Rennen. Hinterher war der Ausklang angesagt; das Runterfahren. Eine Ausnahme war, wenn sie glaubte, einen Fehler gemacht zu haben; daraus lernen zu müssen. Oder wenn sich ein Kunde total danebenbenommen hatte; wenn sie die Lage vor dem Treffen total falsch eingeschätzt hatte.

Doch heute? Jetzt? Hätte sie sich anders entscheiden sollen? Blödsinn. Die Tür stand weiterhin offen. Aber eine enge Verbindung? Am Ende sogar eine Hochzeit? Und was dann?

Eigentlich fing das richtig schöne Leben erst an. Zwei oder drei Dates in der Woche. Normalerweise kultivierte Männer; spendable Männer. Schöne Hotels und exquisites Essen. Das alles aufgeben? Für einen einzigen Mann? Für Harald?

Aber warum, zum Teufel, quetschten sich ausgerechnet jetzt Szenen eines Treffens dazwischen? Vielleicht weil es eine grenzwertige Erfahrung war; am vergangenen Mittwoch, im Holiday Inn.

Er hieß Udo Althoff, war 45 und hatte ein großes Architektur-Büro in Mainz. Ja. Er war ein gutaussehender Mann; fast ein Model-Typ. Doch dieser stattliche Mann war von der Natur auch stattlich ausgestattet worden. Sie konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, dass er nur kam, um sich abzureagieren; als wolle er einen Wettbewerb der Stellungen gewinnen. Dabei wurde er laut und vulgär. Mein Gott, dachte sie währenddessen viele Male. Dieser Kerl kann doch nur seltenblöd sein. Das hätte er doch weitaus billiger haben können. Okay. Er entschuldigte sich anschließend; sogar viele Male. Und er bestand darauf, ihr quasi als eine Art Schmerzensgeld, zwei Fünfhundert-Euro-Scheine in die Hand zu drücken. In drei Stunden hatte sie 2 500 Euro „verdient“. Trotzdem war sie geneigt, die zwei Fünfhundert-Euro-Scheine auf den Tisch zu legen, und ihm eine Adresse ihrer vielen Freundinnen von früher zu nennen. Doch sie hatte sich vorgenommen Stil zu zeigen. Ein nächstes Date würde es nicht geben. Sie verabschiedete sich sogar mit einem lächelnden Küsschen.

Wollte eine Stimme in ihr vielleicht zu verstehen geben, dass sie das alles hinter sich lassen könnte … wenn, wenn sie Harald heiraten würde. Er würde sie auf Händen tragen. Fraglos. Er war mehr als wohlhabend. Und er hatte Niveau.

»Er. Er. Er«, fauchte sie in sich hinein.

»Oh ja. Er ist sympathisch. Nein. Das stimmt so nicht. Ich liebe ihn. Zumindest habe ich mir das eingebildet; bilde es mir immer noch ein! Bislang habe ich noch keinen Mann geliebt. Das will ich auch in Zukunft nicht tun. Dafür bin ich nicht geschaffen. Ich brauche diesen verdammten Sex; schönen Sex; guten Sex. Dieses erregende Knistern bei immer anderen Männern; interessanten Männern. Irgendjemand … da oben … oder wo auch immer … muss sich etwas dabei gedacht haben, mich so zu programmieren. Ich will nicht lügen müssen. Ich will nicht betrügen müssen. Wir werden sehen wie es weitergeht; was das Schicksal für mich, vielleicht für uns, vorgesehen hat.

Am Freitag-Nachmittag war sie überrascht und beeindruckt. Zur Straßenseite hin wirkte die Villa mit ihren beiden Türmchen und den hohen Fenstern mit den graugrünen Fensterläden eher wie ein trutziges Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen. Doch das war, wie sich rasch herausstellen sollte, nur Fassade.

In der riesigen und hohen Eingangshalle, mit dem geschwungenen und großzügigen Aufgang zum ersten Stock, dominierten zwei große und lachende Buddha-Statuen. Im überdimensionierten Salon hätte sich ihr Zwei-Zimmer-Appartement mit Sicherheit in einer Ecke des Raumes niedlich ausgemacht. An der Rückseite des altehrwürdigen Gebäudes war ein moderner Anbau entstanden. Die gigantische Fensterfront ließ einen Blick in den Japan-Garten mit vielen riesigen Bonsai-Gewächsen und einem Teich mit Brückchen zu.

Ein schmaler Pfad führte zu einem verwunschenen Häuschen in der hintersten Ecke des Grundstückes. Wie sich später herausstellte, wohnte dort der Gärtner des Vorbesitzers.

Sie hatte zwar schon von solchen Bauten im Nordosten von Frankfurt gehört. Aber das hier übertraf alle ihre Erwartungen.

Chantal begrüßte Harald mit einem innigen Kuss, um lachend anzufügen:

»Okay mein Freund. Du siehst eine beeindruckte Chantal. Wenn du das vorhattest, dann ist dir das gelungen. Trotzdem. Für mich zählt nur der Mensch Harald Lambers. Heute wird mir bewusst, warum ich bislang alle Einladungen in Privatwohnungen kategorisch ausgeschlagen habe.«

»Umso mehr freut es mich, dass du dich heute zu einer Ausnahme durchgerungen hast. Darf ich dich kurz durch das etwas zu groß geratene Wochenendhaus führen?«

Das Erdgeschoss wurde vom Salon mit offenen Kamin, einem Küchentrakt, dem Esszimmer mit Blick auf die Gartenanlage, Toiletten und einem Ruheraum eingenommen. Im Seitentrakt befand sich ein Schwimmbad. Die Fensterfronten reichten bis zum Boden. Hinter der Dusche und einer Sauna befand sich ein Fitness-Raum und ein Whirl-Pool.

Im Ersten Stock, und das fiel Chantal sofort auf, gab es zwei große Schlafzimmer; jedes mit einem Doppelbett. Dazwischen waren begehbare Kleiderschränke installiert worden; wie eine symbolische Mauer. Von jedem Schlafzimmer aus war ein überdimensioniertes Badezimmer zu erreichen. Im Seitentrakt, quasi über dem Schwimmbad, befanden sich drei weitere, große Zimmer; jeweils mit einem kleinen Bad und Toilette.

»Eine einzige Frage«, säuselte Chantal, letztlich doch sichtlich beeindruckt. »Das hier ist erkennbar dein Schlafgemach. Entschuldige die neugierige Frage: Ist das noch …« Sie hüstelte »… jungfräulich?«

Harald wurde von einem Lachanfall geschüttelt. Er hielt sich eine Hand vor den Mund, um sein Glucksen und Prusten zu unterdrücken.

Chantal musterte ihn ärgerlich und leicht pikiert.

»Entschuldige mein Schatz«, sagte er lachend. »Aber fast exakt diesen Satz habe ich heute Nacht im Traum gehört. Davon bin ich dann aufgewacht. Ich habe mich sogar im Bett aufgesetzt, und in die Dunkelheit hineingestarrt. Eine Stimme in mir hat gewettet, dass ein solcher oder ähnlicher Satz niemals von dir kommen würde. Okay. Okay. Die andere Stimme hat gewonnen. Was für ein Wahnsinn.«

»Jetzt ist es aber gut«, sagte Chantal mit süßsaurer Miene. »Ich wundere mich selbst über diese total bescheuerte Frage. Wenn ich das nächste Mal bei meinem Seelenklempner bin, werde ich …« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Quatsch. Ich sehe jetzt schon seine hochgezogenen Augenbrauen. Er wird auf die Uhr schauen und fragen, ob ich Zeit mitgebracht habe, viel Zeit.«

Der lachende Hausherr nahm die Escort-Dame in die Arme.

»Warum, um alles in der Welt, hast du ihm diese bescheuerte Frage gestellt?«, schimpfte sie in sich hinein. »Ausgerechnet eine Frau, und noch dazu eine Edel-Hure, die in vielen hundert Betten, zusammen mit zuvor wildfremden Männern … hat diese Frage gestellt. Du musst total bescheuert sein!«

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich mich im Moment freue«, schmunzelte Harald. »Ich liebe dich für diese herrliche Frage.«

Danach blickte er lange in diese dunklen und schönen Augen mit den langen Wimpern.

Diese Augen blitzten im Moment feurig und ein wenig angriffslustig, während sich in seine Augen kleine Tränen geschlichen hatten; lachende Tränen; glückliche Tränen.

»Mein Gott. Es fehlen mir die richtigen Worte, dir zu sagen …«

Er schob er seinen Gast, fast ein wenig theatralisch, von sich, und brummte mit einem gespielten Lachen:

»Ich hasse dich. Ich hasse dich. Ich hasse diese beschissene Welt.«

Doch eine Sekunde später klammerte er sich an Chantal, um schluchzend zu seufzen:

»Aber ich habe mir, ich habe uns, versprochen, dass ich dir diese Frage nicht mehr stellen werde.«

Nach vielen Sekunden der Stille hellte sich seine Miene zunehmend auf.

»Selbstverständlich habe bislang nur ich in diesem Bett geschlafen. Das musst du mir glauben.«

Plötzlich fühlte Harald eine Hand, ihre Hand. Die Finger tasteten sich klopfend und kriechend nach unten; fast wie auf einem Klavier. Die schlanken Finger öffneten vorsichtig den Reißverschluss der Hose, um danach weitere Zonen zu erkunden.

»Was sagst du dazu Cäsar? Weihen wir dieses schöne Schlafzimmer gemeinsam ein? Entjungfern wir es. Lass dieses Bett und diesen Raum sehen und hören, was die beiden zueinander sagen. Das wird sich in diesem Raum einbrennen – für ewig.«

Nach der „Einweihung“ schwammen sie ein paar Runden im erstaunlich großen Schwimmbad und plantschten ausgelassen. Immer noch nackt hüpfte Chantal anschließend ausgelassen durch den Japan-Garten. Sie wollt unbedingt jeder Statue ein Küsschen aufdrücken. Wenn Harald nicht das Flutlicht eingeschaltet hätte, wäre sie vielleicht auf einen Igel getreten, der sich entrüstet bemerkbar machte. Das hier war bislang sein unumschränktes Reich gewesen.

»Ich habe dich bislang noch nicht gefragt, wo du eigentlich wohnst«, sagte Harald später vor dem flackernden Kamin. Er hatte seinen Gast gebeten, nackt zu bleiben, da er sich an ihr nicht sattsehen konnte. Selbst das Kaminfeuer schien Gefallen an diesem Bild zu haben. Das warme Licht verzauberte diese langen schwarzen Haare, diese herrlichen Brüste und diesen Körper, den viele Maler nicht schöner hätte verewigen können.

»In der Miquelallee. Dort habe ich mir ein Zwei-Zimmer-Appartement gekauft. Nach hinten raus, wo es nicht so laut ist. Nur damit du es weißt: Ich habe dort kein Doppelbett. Ein Besuch in dieser Bude lohnt sich also nicht.«

Am anderen Vormittag bestand Harald darauf, mit Chantal shoppen zu gehen. Er wollte ihr ein Abendkleid schenken.

»Ich will dich heute Abend ausführen«, hatte er mit vielsagender Miene gesagt, während er herzhaft in ein Brötchen biss.

»Wohin?«

»Heute Abend will ich der ganzen Welt zeigen, dass ich wieder glücklich bin.«

Er blickte ihr liebevoll in die Augen.

»Ich will mich mit dir sehen lassen. Ein bisschen mit dir angeben. Ist das schlimm?«

»Am Ende laufen wir dort deiner Isolde über den Weg?«

Harald zuckte mit den Schultern und blickte mit einem spitzbübischen Grinsen an die Zimmerdecke.

Am diesem Vormittag besuchten sie gemeinsam noch ein riesiges und exquisites Möbelhaus. Aufmerksam und schweigsam beobachtete er Chantals Regungen – und machte ab und zu einige Aufnahmen mit seinem Smartphone.

»Jetzt, wo wir dein Bett eingeweiht haben, möchtest du doch nicht ein neues Bett kaufen. Oder?«, fragte Chantal irritiert.

»Dann werden wir das neue Bett ebenfalls voller Hingabe erneut einweihen«, feixte der Gutgelaunte.

In der Tat wurde es ein interessanter und denkwürdiger Abend.

Die mit Abstand meisten Blicke richteten sich auf den Mann im hellen Smoking. Aber noch mehr auf seine Begleiterin mit ihrem aquamarinfarbenen und enganliegenden Abendkleid, das bis zu ihren schwarzen Peeptoe-Pumps reichte. Ihr Dekolletee war nahe daran, als Waffenscheinpflichtig eingestuft zu werden; eingerahmt von ihren langen schwarzen Haaren.

Selbstverständlich fehlte Isolde an diesem Abend nicht. Sie war in Begleitung eines blöde dreinblickenden Burschen gekommen, der darauf achtete, dass sein Alkoholspiegel nicht zu sehr nach unten sackte. Mit begieriger Freude und mit halboffenem Mund blickte er in Chantals gewagten Ausschnitt. Natürlich blieb das, und noch vieles andere an diesem Abend, Isolde nicht verborgen. Ihre giftigen Blicke flirrten durch den großen Saal.

Dass Harald diese große Show genoss, war mehr als offensichtlich. Er dachte nicht im Traum daran, dies zu verbergen. Chantal gab sich große Mühe, Teil dieses gelungenen Auftrittes zu sein. Als der Hauptakteur warten wollte, bis die Gedemütigte wutentbrannt das Weite suchen würde, flüsterte Chantal:

»Das ist die völlig falsche Strategie mein Schatz. Ich werde dir jetzt das Ohrläppchen anknabbern, und … na ja, lasse dich überraschen. Alle sollen sehen, dass es mir wichtig ist, dich so bald wie möglich ins Bettchen zu bugsieren.

Wenige Minuten später begann Chantal mit dem Schauspiel. Das Abendkleid war mit einem langen Seitenschlitz versehen. Isolde stand wie angewurzelt. Sie sah, wie sich Chantals Knie leicht zwischen Haralds Beine nach oben schob. Sie sah die großen und erregten Augen ihres Ex-Ehemannes. Sie beobachtete, wie Harald diesen deutlichen Hinweis mit einem erwartungsvollen Grinsen zur Kenntnis nahm. Sie sah, wie er diesem, aus ihrer Sicht aufgetakeltem Weib, sanft über den wohlproportionierten Po strich.

Aus den von Sven übergebenen Unterlagen hatte Chantal entnommen, wie übel diese Frau diesem Mann mitgespielt hatte. Deshalb, und nur deshalb, sah sie es nun für angebracht, sich noch einmal nach diesem Weib umzudrehen – und ihr mit wissendem Grinsen zuzuzwinkern. Im Taxi gab Harald seiner attraktiven Begleitung einen zarten Kuss auf die Wange und seufzte lachend:

»Haach. Das war der schönste Abend in meinem Leben. Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich die liebe. Für diesen Auftritt werde ich mir etwas ganz Besonderes einfallen lassen.«

Der Taxifahrer schmunzelte.

»Aber du bist dir darüber im Klaren, dass dieser Auftritt auch kontraproduktiv für dich sein könnte«, sagte Chantal leicht besorgt.

»Ich habe gesehen, dass einige Gäste Aufnahmen mit ihren Smartphones gemacht haben. Was werden deine Mitarbeiter und vor allem deine Kunden denken? Mit Sicherheit werden sie wissen wollen, wer heute Abend an deiner Seite im Mittelpunkt des Abends gestanden hatte. Für sie ist und bleibt selbst eine Edel-Kurtisane eine …«

Hier im Taxi wollte sie diesen Satz nicht zu Ende bringen.

»Das sehe ich differenzierter. Für meine Reputation war es nicht gerade förderlich, dass Isolde mir über Jahre Hörner aufgesetzt hat.« Begleitet von einigen leisen Lach-Salven fuhr Harald fort:

»Viele Kunden werden mich höllisch beneiden. Ich habe fast ausschließlich Kunden und keine Kundinnen. Ich kann mir vorstellen, dass einige alles daransetzen werden, deine Adresse oder deine Telefon-Nummer ausfindig zu machen. Um meine Mitarbeiter mache dir keine Gedanken. Ich würde selbst meinen Finanzchef fristlos feuern, wenn er sich negativ äußern würde. Und das weiß er … Und die anderen auch.«

Harald sollte Recht behalten.

Einige Tage später hatte Chantal den bayerischen Geschäftsführer von „Rendezvous“ in der Leitung.

»Guten Tag Madame Chantal. Sie haben mich in Verlegenheit gebracht. Sie wissen, dass ich bislang auf Ihre Wünsche bezüglich ihrer Termingestaltungen Rücksicht genommen habe. Aber es kann auch nicht in ihrem Interesse sein, wenn wir neue äußerst solvente Kunden an unsere Wettbewerber verlieren.«

»Das sollten Sie mir etwas näher erklären.«

»Weiß der Teufel, was Sie am letzten Wochenende in Frankfurt angestellt haben. Am besten ist, dass ich Ihnen die zwanzig wichtigsten Anfragen, ihre Person betreffend, zumaile. Ich muss dieses Mal darauf bestehen, dass Sie mich umgehend zurückrufen, nachdem Sie diese Unterlagen gesichtet haben.«

Chantal musste schmunzeln, als sie sich die Kunden-Profile verinnerlicht hatte.

»Okay Herr Moosbacher«, eröffnete sie zwanzig Minuten später das Telefonat.

»Ich will es kurz machen.«

Die Stimme der angesehensten Begleiterin des „Rendezvous“ war freundlich aber auch

äußerst bestimmend:

»Qualität geht doch auch Ihnen vor Quantität. Ich werde mich selbst mit fünf Herren in

Verbindung setzen. Diese Namen maile ich Ihnen in fünf Minuten zu. Darüber hinaus werde ich mich mit Iris und Manuela in Verbindung setzen. Sie werden die restlichen Männer kontaktieren, und ihnen liebevoll verständlich machen, dass ich momentan indisponiert bin. Gleichzeitig werden sie diesen Personen den Mund wässrig machen.

Sie können sich auf mich und meine Freundinnen verlassen. Ist das in Ihrem Sinne?«

»Madame Chantal. Sie sind ein Schatz. Genauso machen wird das«, war die seufzende und erleichterte Antwort des Geschäftsführers.

Einige Minuten später telefonierte Chantal mit Iris und Manuela.

Und anschließend setzte sie sich mit ihren fünf neuen Kunden in Verbindung. Diese waren überglücklich, mit der Dame ihres Herzens einen Termin vereinbaren zu dürfen.

Es war das erste Mal in ihrem Leben, das die professionelle Begleiterin anschließend

fluchte wie ein Pferdekutscher. Sie verstand sich selbst nicht mehr.

»Mein Gott. Du bist doch stolz darauf, Liebesdienerin zu sein. Wo ist dein Kampfgeist geblieben?! Früher hättest du über fünf Kunden in zwei Wochen gelächelt«, schimpfte sie in sich hinein. Augenblicklich verbesserte sie sich. Es waren fünf Kunden zusätzlich zu ihren vier Terminen, die sie zuvor fest vereinbart hatte; darunter drei Stammkunden.

Neuerdings konnte sie am besten nachdenken, wenn sie sich auf eine verschwiegene Bank am Rande des Hauptfriedhofes setzte. Dort war es fast still inmitten dieser pulsierenden Stadt.

Nach zwei Stunden lächelte sie kopfschüttelnd. Einige Friedhofsbesucherinnen musterten die attraktive Frau irritiert. Darüber musste Chantal erneut schmunzeln. »Die Arme«, dachten sie vielleicht. »Was muss sie wohl durchgemacht haben.«

Wenn sie gewusst hätten, dass diese lächelnde Frau gerade dabei war, sich die Männer der kommenden zwei Wochen vor ihrem geistigen Auge zu projizieren, würden sie sicher kopfschüttelnd das nächste „Wasserhäuschen“ ansteuern, um sich eine Flasche Wodka oder Gin zu kaufen.

Was war plötzlich anders? Was hatte dieser Mann, Harald, an sich?

Diese und viele andere Fragen konnte sich die leicht Verzweifelte beim besten Willen nicht beantworten. Aber erneut beantwortete sie sich die mit Abstand wichtigste Frage:

Nein. Auch für Harald würde sie ihren Job nicht aufgeben. Niemals. Es musste einen Zwischenweg geben; wie immer der auch aussehen würde.

Auf dieser Parkbank des Hauptfriedhofes entschied Chantal nach langen Überlegungen, dass ausgerechnet ein Dekan ihr nächster Kunde sein solle. Erneut lächelte sie wieder in sich hinein. Jaja, auch ein Geistlicher war ein Mann. Auch ein Geistlicher brauchte ab und zu eine „Auszeit“.

»Oh mein Gott. Nein. Ein Wochenende ist selbstverständlich äusserst schwierig«, schnaufte Dr. Balduin Haberlein.

»Am Sonntagnachmittag. Oder am Abend. Das geht.«

Er hatte eine sonore und angenehme Stimme.

»Entschuldigung. Wie darf ich Sie korrekt ansprechen? Oder anders: Wie möchten Sie gerne angesprochen werden?«, fragte Chantal.

»Ich finde Ihren Namen – Madame Chantal – hinreißend, wenn ich das sagen darf. Nennen Sie mich bitte zunächst Bruder Balduin. Wie klingt das?«

»Hinreißend Bruder Balduin«, lachte die Escort-Expertin. »Das mit dem Termin- Vorschlag am Sonntag war natürlich ein kleiner Scherz von mir. Selbstverständlich habe ich gewusst, dass insbesondere der Sonntag-Vormittag …« Sie lachte leise, und fügte hinzu:

»Dafür entschuldige ich mich. Machen Sie bitte einen Vorschlag.«

Der Dekan lachte jetzt auch.

»Ich stelle mit großer Zufriedenheit fest, dass Sie Humor haben. Umso mehr freue ich mich jetzt auf unser Rendezvous.«

Gerne kam Bruder Balduin nach Frankfurt. Ein Treffpunkt in Bayern oder Franken war aus seiner Sicht ungünstig, wie er es ausdrückte.

Spätestens an dieser Stelle ärgerte sich Chantal darüber, bislang den Vorschlag des Rendezvous-Geschäftsführers abgelehnt zu haben, zusammen mit ihren Kolleginnen eine große Villa auf dem Lande anzumieten oder gar zu kaufen. Ihr Steuerberater hatte ihr ohnehin angeraten, ihre weiß Gott nennenswerten Einkünfte sinnvoll anzulegen. Ein solches Objekt wäre steuerlich sogar absetzbar gewesen. Auch einen Fahrdienst und einen Sicherheits-Experten durfte sie künftig nicht mehr als völlig abwegig einstufen. Politiker, Manager oder gar Geistliche mussten verständlicherweise Wert darauflegen, nicht in eine missliche Lage gebracht zu werden. Auch das wäre zum Großteil steuerlich absetzbar gewesen.

Wie auch immer: Bruder Balduin reiste mit dem ICE an. Im InterContinental hatte Chantal eine Suite mit Blick auf den Main gebucht. Sie erwartete ihren Gast in der Hotelhalle. Es war ein sonniger Dienstag-Nachmittag im August.

Es hatte sich als äußerst schwierig erwiesen, viel Erhellendes über Dr. Balduin Haberlein in Erfahrung zu bringen. Sie musste also improvisieren und alle ihre Antennen ausfahren. Aber worüber unterhielt man sich mit einem Dekan? Sie kicherte in sich hinein, als sie in Erwägung zog, mit ihm zu beten. Das wäre einmal etwas Neues.

Nein. Bruder Balduin sah nicht danach aus, als sei er zum Beten gekommen. Schon von Weitem winkte er, und zog sein kleines fahrbares Köfferchen hinter sich her. Chantal hatte sich lange über die Aufnahme gebeugt, die ihr zugemailt worden war. Deshalb war sie nun nicht überrascht.

Die Haarpracht des Dekans war einer auffälligen Glatze gewichen. Er hatte ein rundliches Gesicht, trug eine randlose Brille und einen kurz geschnittenen, grauen Vollbart. Seine relativ kleinen blauen Augen blickten Chantal frech und unternehmungslustig an.

Er ließ es sich nicht nehmen, ihr ein kleines Küsschen auf die Wange zu hauchen.

»Grüß Gott Madame Chantal. Suchen Sie sich einen neuen Fotografen«, sagte er.

»Sie sind eine der schönsten Rosen, die ich jemals gesehen habe. Ich liebe Rosen über alles liebe.« Er zog die Luft tief in seine Lungen und schloss dabei die Augen.

»Und wie sie duftet, diese Rose.«

Chantal blinzelte den Kirchenmann gespielt irritiert an.

»Bruder Balduin. Sie scheinen mir ein ganz Schlimmer zu sein.«

»Und diese dunkel-samtige Stimme; wie die einer Oboe. Sie müssen wissen …«

»… dass die Oboe Ihr Lieblings-Instrument ist. Nicht wahr?«, gluckste Chantal.

Der lustige Dekan strich mehrere Male über seinen grauen Bart.

»Das wird jetzt ganz ganz schwierig«, flüsterte er.

»Im Moment habe ich das Gefühl, dass die noch so verlockendste Speise reine Zeitverschwendung wäre. Was meinen Sie, Madame Chantal?«

»Im Grunde genommen ist diese Frage ganz einfach zu beantworten. Auf unserem Zimmer lasse ich mich überraschen, wie viel Appetit Sie mitgebracht haben. Danach stärken wir uns bei einer himmlischen Speise. Ich habe einen dezenten Tisch reserviert. Und danach … danach lasse ich mich überraschen, wieviel Fantasie Bruder Balduin noch so entwickelt. Wenn Ihnen danach ist – ich habe eine CD mit Orgelmusik eingepackt. Toccata und Fuge in d-Moll. Das Orgelstück Fantasia von Mozart. Bei Orgelmusik. Oh mein Gott. Das wäre für mich einmal eine völlig neue Erfahrung.«

Der glatzköpfige Gast richtete seinen Blick gespielt nach oben.

»Du meinst es heute gut mit mir. Ich überlasse es dir, ob du inzwischen einen Spaziergang machst«, flüsterte der Dekan lachend.

Bruder Balduin hatte Fantasie mitgebracht und Kraft, viel Kraft. Chantal war einige Male leicht besorgt. Sie hatte sich in Erinnerung gerufen, dass dieser Geistliche bereits 62 Jahre alt war. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sein Herz vor lauter Glück ins Stolpern geraten wäre. Sie tröstete sich damit, dass das InterContinental auf Diskretion bedacht war. Es sei denn, der Marketingmanager des Hotels brauchte eine Schlagzeile, die selbst einigen Imamen in Turkmenistan Anlass zum Schmunzeln gegeben hätte.

»Das nächste Mal plane ich zwei oder gar drei Tage ein«, sagte der höchst zufriedene Kirchenmann am darauffolgenden Spät-Vormittag zum Abschied.

»In Ordnung Bruder Balduin. Interessieren würde mich schon, was ihr großer Boss da oben über ihre Freuden so denkt. Wir beide gehen doch davon aus, dass er sogar in dieser Sekunde ein wachsames Auge auf uns wirft. Blamieren sollten wir ihn auf keinen Fall.«

Der glatzköpfige Dekan grinste über das ganze Gesicht.

»Ich verspreche Ihnen mutig zu sein. Nachdem ich mich unter unsere größte Glocke gestellt habe, werde ich mit ihm sprechen. Wenn er dann die Glocke nicht nach unten donnern lässt, gehe ich davon aus, dass ich auch das nächste Mal mit seinem Segen komme. Ich werde ihm auf alle Fälle danken. Und selbstverständlich werde ich beten.«

»Dann beten Sie bitte auch für mich. Einverstanden?«

»Selbstverständlich«, sagte Bruder Balduin. Doch dieses Mal mit einer ernsten Miene.

»Unabhängig davon würde er sich ganz bestimmt freuen, wenn auch Sie ab und zu mit

ihm sprechen. Ich bin fest davon überzeugt, dass er sich darüber freuen würde.«

»Ich verspreche es Ihnen«, lachte Chantal.

Noch am gleichen Tag versuchte sie ihr Versprechen, in die Tat umzusetzen. Hierbei wurde ihr bewusst, dass sie das noch nie in ihrem Leben getan hatte. Ihr fiel ein, dass sie weder ihre Mutter noch ihren Stiefvater beten sah; außer nach dem Tod des kleinen Gerard.

Doch plötzlich … in diesem Moment … als sie ihre Hände faltete, stockte ihr Atem. Ihr

Puls raste.

Mit geschlossenen Augen dachte Chantal nach. Sie war eine intelligente Frau. Davon war sie überzeugt. Sie war gesund. Erst vor wenigen Wochen hatte sie sich einem Gesundheits-Check unterzogen.

»Alles bestens« hatte der Professor gesagt. Er war ein Schelm und fügte grinsend hinzu:

»Sie können noch viele, viele Männer so richtig glücklich machen.«

Quasi als Gegenleistung machte sie diesen nicht mehr ganz jungen Professor glücklich. Nach mehreren Runden machte sie sich leichte Sorgen. Zum Abschied wollte sie ihm den Rat geben, sich … Doch er winkte lachend ab.

»Wenn es an der Zeit ist, werde ich Sie zu mir nach Hause einladen. Ich kann mir keinen schöneren Tod wünschen. Petrus wäre mit Sicherheit irritiert, einer höchst zufriedenen und grinsenden Seele die Pforte zu öffnen.«

Ihr Puls raste weiter. Und trotzdem musste sie noch immer lächeln.

»Chantal, es wird höchste Zeit, dass du zu einem Seelenklempner gehst«, versuchte sie in sich hineinzulächeln.

»Du hast doch nicht umsonst diese beschissenen Fachbücher über Psychologie gelesen. Da gibt es andere Gründe; andere Schranken. Denk nach. Denk nach! Da muss es noch andere Gründe geben.«

Herrjeh. Da gab es doch dieses Drama. Damals. Oh ja. In ihrer Kindheit war es ein größeres Drama gewesen. Sie, oder ein Mechanismus in ihr, hatte es bewusst und nachhaltig verdrängt – weil sie damals darüber nicht sprechen wollte.

Ihre Familie war katholisch. Wie die meisten Familien in und um Freiburg. Während ihrer Vorbereitungen auf die Kommunion hatte sie dieser Pfarrer, er hieß Pfisterer, nach dem Unterricht in die Sakristei gelotst. Er wollte sie anleiten, mit Gott zu sprechen.

Dazu müsse sie jedoch eine reine Seele haben, hatte er damals glaubhaft geflüstert. Der kleine Slip würde dabei nur im Wege sein - sagte er damals. Er half ihr dabei, ihn auszuziehen. Sie zitterte wie Espenlaub. Sie war nicht aufgeklärt. Das machte man damals nicht. Aber dass da etwas ganz und gar nicht stimmte, wurde ihr wenige Minuten später bewusst. Schreiend und tränenüberströmt stürzte sie aus der Kirche. Der kleine Slip blieb in der Sakristei zurück. Viele Stunden traute sich nicht nach Hause. Selbstverständlich hatte sie nicht den Mut, mit ihrer Mutter zu sprechen. Über solche Sachen sprach man damals nicht. Unabhängig davon: Wer hätte ihr auch geglaubt. Ein Pfarrer, ein Lehrer, ein Richter oder andere Honoratioren machten so etwas nicht. Niemals. Das musste ihre Freundin Hannah, die kleine Lügnerin, erfahren. Hannah war ihre einzige und beste Freundin.

Nach der Kommunion, Chantal war das einzige Mädchen, dass damals weinte, setzte sie keinen Fuß mehr in eine Kirche. Warum? Darüber hatte sie später nie wieder nachgedacht.

Oh Gott. Und in der vergangenen Nacht hatte sie mit einem Geistlichen geschlafen. Es hatte ihr sogar Freude bereitet. Und nun, heute, versuchte sie zu beten.

Sie kam sich plötzlich vor wie ein kleines Mädchen. Sie wusste nicht mehr, wie man das macht. Sie versuchte sich, damit zu beruhigen, dass sie die Natur mit all diesen Herrlichkeiten liebte und bewunderte; dass sie nie hinterlistig war, niemand betrogen oder bestohlen hatte. Vielmehr hatte sie mit Inbrunst Liebe gegeben – und natürlich auch empfangen. Das hatte Gott oder die Schöpfung so eingerichtet. Also konnte dies alles nicht falsch sein. Okay okay. In Gottes Namen. Dafür hatte sie Geld bekommen. Aber das hatte sie sich verdient. Das war ihr Job.

Zwei Wochen später; Chantal hatte ihre Rendezvous-Liste „abgearbeitet“, führte Harald sie zu einem Hochhaus in der Wintersbachstraße am Bornheimer Hang. Sie respektierte seine Bitte, in den nächsten zehn Minuten keine Fragen zu stellen.

Mit einem gespielten Pokerface drückte er auf den Knopf zum 22. Stock. Der Aufzug fuhr leise und rasch nach oben. Dort angekommen, holte er einen Schlüssel aus seiner Jackentasche.

»Zuerst will ich dir den Ausblick zeigen«, sagte er mit einem Lächeln. Gemeinsam betraten sie den Balkon. Es war ein sonniger Tag im August.

»Wahnsinn. Das ist ja eine wahnsinnig schöne Aussicht«, entfuhr es Chantal.

In Richtung Süden, am Fuße des Hochhauses, lag der Günthersburgpark. Weiter dahinter sah sie den Frankfurter Zoo, die Innenstadt, den Main, Sachsenhausen und Offenbach. Da waren die vielen anderen Hochhäuser. Der Blick reichte heute bis nach Neu-Isenburg und den Flughafen Frankfurt. Und weiter im Westen konnte sie das Main-Taunus-Zentrum erkennen. Noch weiter, in Richtung Nordwesten, war im Dunst der Taunus auszumachen.

»Das ist himmlisch. Gehört diese Wohnung Dir? Das würde mich nicht überraschen.«

»Du musst mir schon etwas mehr zutrauen mein Engel.« Harald ließ sich Zeit. Offensichtlich wollte er es spannend machen.

»Öffne deine Hand«, bat er.

Chantal zuckte artig mit den Schultern. Sie öffnete ihre rechte Hand. Plötzlich fühlte sie etwas Hartes, Stählernes in ihrer Hand. Blitzschnell erkannte sie einen Schlüssel. Sie sah, wie Harald ihre Hand mit seinen beiden Händen sanft und theatralisch zudrückte.

»Das ist ab sofort deine Wohnung«, sagte er leise.

In diesem Moment erschloss sich ihr der Sinn dieser Worte nicht so recht. Wie in Trance ließ sie sich durch die Wohnung führen. Sie war riesig. Sie war wunderbar eingerichtet. Im Schlafzimmer erkannte sie dieses große Doppelbett und den riesigen Spiegelschrank. Jaja. Jetzt dämmerte es ihr, warum Harald diese Möbel mit seinem Smartphone aufgenommen hatte. Und dann … dann fühlte sie ihre Beine nicht mehr.

Das Bett war weich. Sie spürte, wie Harald über ihre Wangen strich.

»Entschuldige bitte«, flüsterte er. »Ich habe mich wie ein Schuljunge benommen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass dir das so nahegehen könnte. Ich wollte dir eine große Freude bereiten. Das habe ich dir doch versprochen. An diesem Abend. Im Taxi. Du kannst dich doch daran erinnern?«

Er legte sich zu ihr auf das Bett. Er zog sie sanft an sich.

»Sag‘ mir, dass du dich wenigstens ein bisschen freust. Zumindest ich habe mich wie ein Pennäler gefreut, als ich das hier eingerichtet habe.«

Chantal gab Harald einen herzhaften Kuss.

»Du bist ein Barbar. Deine Chantal so zu erschrecken.« Sie setzte einen Schmollmund auf. »Um ehrlich zu sein. Ich hätte nicht gedacht, dass mich etwas so umhaut. Mach‘ dir also keine Vorwürfe.«

Stille entstand im Raum.

»Wie groß ist die Wohnung eigentlich? Die muss ja ein Vermögen gekostet haben. Du Spinner. Für eine Konkubine so viel Geld auszugeben.«

»Sag so etwas nie wieder. Bitte. Du bist inzwischen ein Teil meines Lebens. Quatsch. Du bist der wichtigste Teil meines Lebens geworden. Das musst du mir glauben.«

Kapitel 5

Chantal verglich die Zeit mit den vielen Musikstücken, die sie zusammen mit Harald genossen hatte. Sie lässt dich träumen, wie bei Peer-Gynt. Sie lässt dich über den Tau des Morgens gehen. Sie lässt dich sogar über den Wolken schweben. Doch die Zeit hat auch Bässe und dunkle, rabenschwarze Töne. Bislang war sie von großen Paukenschlägen verschont geblieben. Eine Stimme in ihr sagte, dass sie sich in den kommenden Jahren auf einige Veränderungen einstellen musste. Die Zeit würde dann den Schmerz sanft wie mit einer Decke aus Schnee zudecken, und auf den nächsten Frühling warten. Das hoffte Chantal zumindest. Die Zeit sprudelt dich hinweg, nimmt dich mit, donnert dich hinab über die Felsen – wie bei Smetana. Dann trägt sie dich wieder auf den Wellen dahin. Aber die Zeit ist auch ein Schurke, ein Dieb ein hässlicher Geselle. Auch das musste Chantal in den nächsten Jahren ertragen.

Doch zunächst waren da die herrlichen und wunderbaren Jahre.

Harald trug sie auf Händen. Doch, und da machte Chantal sich nichts vor, hing er ab und zu in den Seilen … wenn er wusste, dass sie an einem Wochenende wieder einmal „unterwegs“ war; mit einem anderen Mann in irgendeinem Bett lag; irgendwo in Deutschland. Manchmal begleitete sie ihre Kunden auch ins Ausland; war eben mal schnell in London, Monaco, an der Riviera – oder weiß der Teufel wo. Aber Harald, ihr Anker, hatte diese Qualen bislang nie spüren lassen. Dafür liebte sie ihn.

Harald war ihr wichtig. Für ihn nahm sie sich Zeit; legte sich sogar mit dem Geschäftsführer der immer größer gewordenen Escort-Gesellschaft an. Mit Harald fuhr sie in die Toskana. Dort wanderten sie durch die Weinberge bei Montaione. Ihr Weg führte sie an viele Schauplätze der Musikstücke von Edward Grieg, Smetana, Mozart und Strauss. Er mietete ein Haus an einem der unendlichen vielen Seen in Kanada. In den Süden zog es Harald nicht. An den Winterabenden lagen sie, oft nackt, vor dem Kamin, hörten Musik und tranken Rotwein.

Sie gab ihm Kraft für sein Unternehmen. Zumindest hatte er dies viele Male gesagt. Eines Tages lud er sie sogar ein, um ihr jede Ecke dieses Unternehmens zu zeigen. Er und seine Chemiker waren erstaunt, wie schnell Chantal alle Zusammenhänge erfasste.

Es sollte ihr Geheimnis bleiben, dass sie einige Geschäfte, große Geschäfte, angebahnt hatte – auf ihre ureigene Weise. Das glaubte sie Harald schuldig zu sein.

Noch nie zuvor hatte sie mit einem Chinesen geschlafen, der nur ihretwegen einige Male nach München flog. Er, Mister Lin-Lin, bestand darauf, dass sie bei der Einweihung eines Joint-Venture-Unternehmens in Tianjin anwesend war. Eine jüngere Chinesin, Lin-Lin gab vor, dass sie seine Schwester sei, beäugte Chantal äusserst interessiert. Sie konnte damals nicht wissen, dass diese Frau noch eine Rolle in ihrem Leben spielen sollte; allerdings nur eine indirekte Rolle.

Harald weinte vor Glück beim Erstauftrag eines großen Unternehmens in Lyon. Marlon Larousse war ein ekelhaftes Wesen. Aber das musste Harald nicht wissen.

Vor einem halben Jahr bat der Rendezvous-Geschäftsführer Chantal zu einem Grundsatzgespräch, wie er es nannte, nach München. Er bat sie inständig, nicht so viele Anfragen abzulehnen. In seiner bayerischen Art begann er ihr sogar zu drohen. Sie gab ihm einen Kuss auf den Mund und lachte:

»Moosbacher, du Schelm. Was meinst du, was passiert, wenn ich zusammen mit fünf meiner besten Freundinnen zur Konkurrenz gehe. Du solltest künftig deine Zähne mit Wasser und nicht mit Weizenbier putzen. Sei lieb. Und denke vor allem nach, bevor du wieder einmal den bayerischen Raufbold spielen willst.«

Selbstverständlich entschuldigte sich Sepp Moosbacher. Chantal brauchte ab und zu ihre Auszeit. Zwei Dates pro Woche. Ab und zu ein Wochenende. Mehr hatte sie sich nicht vorgenommen. Mehr sollten es unter keinen Umständen werden.

Doch immer wieder musste sie für einige Stammkunden eine Ausnahme machen.

Da war vor allem Eric Conzen. Er war Inhaber einer Hotel-Gruppe in Wiesbaden. Seine

Frau wollte seit Jahren nichts mehr von Sex wissen. Ab und zu bat sie den Lebenslustigen sogar, endlich mal wieder zu seiner Chantal zu gehen. Denn danach war er wieder wie ausgewechselt.

Ähnlich verhielt es sich bei Ronald Rehfeldt, dem Geschäftsführer einer Sektfirma. Er litt unter den Allüren seiner Frau. Ihr gehörte das Unternehmen. Das ließ sie ihn allzu oft wissen. Ronald war trotz seiner 55 Jahre ein äusserst anstrengender Liebhaber. Er spielte wöchentlich mehrere Male Tennis und Golf.

Und da waren noch ihre lieben Freundinnen – Iris und Manuela. Auch sie verdienten Pflege. In letzter Zeit saßen sie wieder oft beieinander. Lachend und quietschend tauschten sie Erfahrungen aus. Dass ihr sowohl Iris als auch Manuela einiges sorgsam verschwiegen, hätte sich Chantal niemals vorstellen können.

Mit zwei Bereichen hatte sich Chantal noch nie persönlich auseinandergesetzt. Domina-Dienste waren ihr bislang ein Gräuel. Schließlich wollte sie Freude bringen. Einem Kunden bewusst Schmerzen zufügen? Das überstieg ihre Fantasie. Darüber hinaus, das war der Hauptgrund ihrer Ablehnung, war es ihr wichtig, ihre Seele nicht unnötig zu belasten. Für diese Dinge war sie einfach nicht geschaffen.

Vor einigen Wochen hatte ihr Iris gebeichtet, sich sukzessive dieser dunklen Welt verschrieben zu haben. Ihre Erzählungen öffneten nun Chantal völlig neue Welten und Sichtweisen.

Da schlurfte zum Beispiel der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns im Zweireiher heran. Dessen Aufgabe war es, Ziele zu erfüllen. Seelenlose Durchsetzungsfähigkeit war gefragt. Ohne sich dessen bewusst zu sein, knechtete er auch seine Familie; konnte einfach nicht abschalten. Frau und Kinder hielten ihn deshalb auf Abstand; hassten ihn sogar. Im Laufe der Jahre hatte dieses, im Grunde genommen bedauernswerte Wesen, alles unternommen, damit seine Seele, wie mit Säure, zerfressen wurde. Er, und viele andere Teufel in Menschengestalt, wollten deshalb dafür bestraft, erniedrigt und ebenfalls geknechtet werden.

»Morgen habe ich ein solches Gespenst bei mir«, sagte Iris mit einem bitteren Lachen. »Willst du dir das mal anschauen?«

Sie hatten bereits einige Gläser Wein getrunken. Chantal war deshalb so leichtsinnig gewesen, die starke Frau zu mimen.

»Vielleicht kann sogar ich noch etwas lernen«, hatte sie gegluckst.

Oh ja. Sie lernte etwas dazu. Für Neugierige, auch das gehörte zum Konzept ihrer Freundin, gab es ein Loch in einem Bild.

Genau genommen blickte sie durch das Auge eines lachenden Teufels; eines Bildes, das an der Wand der Folterkammer angebracht war.

Zuerst erkannte sie Iris nicht. Sie hatte sich in eine hauteng anliegende Lederkleidung gezwängt, die in hochhackigen Stiefeln mündete. Für ihren stattlichen Busen, daran erkannte sie ihre Freundin, gab es eine Aussparung. Im Grunde genommen war es ein extrem ordinärer Anblick, der durch eine schwarze Maske noch verstärkte wurde. Bereits das war eine schaurige Szene. Doch damit nicht genug. In ihrer rechten Hand schaukelte eine Lederpeitsche mit vielen, langen Enden. Mit der linken Hand führte sie an einer dicken Leine einen nackten Mann herein. Nein. Er ging nicht. Er kroch. Und er war korpulent. Sein Bauch schleifte fast am Boden.

»Du hast dich heute wieder einmal wie ein Schwein verhalten. Richtig?!«, schrie sie und schlug auf den Rücken des dicken Mannes ein. Die Peitschenhiebe klatschten vernehmlich.

»Jaja. Ich war ein Schwein. Ich gebe es zu. Du musst mich bestrafen.«

»Was war das? Ich habe dich nicht verstanden? Du grunzt bereits wie ein Schwein.«

»Schlag‘ mich. Bestraf‘ mich. Ich hab’s verdient«, schrie das dicke Wesen.

Und wieder schlug die Lederfrau zu. Viele Male klatschte es vernehmlich. Die Striemen zeichneten sich auf dem Rücken des Mannes ab. Er wandte sich und schrie:

»Ja. Ja. Jaaaa! Ich liebe dich.«

»Du sollst mich nicht lieben. Du sollst mich hassen. Sag‘ es. Ich will es hören.«

Und wieder klatschen die Peitschenhiebe.

»Ja. Ja. Ich hasse dich. Ich hasse dich. Jaaa.«

Chantal vergrub die Augen in ihre Hände. Dieses gruselige Schauspiel wollte sie sich nicht länger ansehen. Nach vielen Sekunden, in denen sie das Klatschen der Peitsche immer und immer wieder hörte, zwang etwas in ihr, doch wieder durch dieses kleine Loch zu starren.

Sie sah, dass die Lederfrau ihren rechten Stiefel unter den Bauch des Mannes schob. Weit nach hinten. Und erneut klatschte es; lauter; viele Male.

»Du hast wieder gesoffen, du Schwein. Gib es zu! Das Zeug muss raus!«

Chantal wollte sich angeekelt abwenden. Zu ihrem Entsetzen stellte sie fest, dass ihr dies nicht gelang. Sie war wie gelähmt. Ihre Hände zitterten.

Viele Sekunden später zog das Lederwesen den Stiefel wieder zurück.

»Schau dir das an!«, schrie es. »Und du willst ein Mensch sein?! Du bist kein Mensch! Du bist ein Stück Vieh! Dafür muss ich dich bestrafen! Siehst du das ein?!«

»Ja. Jaaa«, winselte das Wesen. Es blickte nach oben, zur Maske der Lederfrau; schuldbewusst.

Chantal hielt sich entsetzt die Hand vor dem Mund. Der Stiefel war feucht. Nein. Er war nass.

»Leck‘ das ab! Sofort!!!«

Chantal schloss die Augen, als sie wieder die Peitschenhiebe hörte. Aber etwas in ihr zwang sie, die Augen wieder aufzureißen. Der Gedemütigte kroch auf allen Vieren heran.

Er beugte sich über den Stiefel, und begann …

Nein. Nein. Nein. Das war zu viel. Das konnte sie nicht länger ertragen.

Die Voyeurin presste ihre Hand vor den Mund. Laut würgend stürmte sie aus der dunklen Kammer. Zitternd saß sie eine Zeitlang im Büro ihrer Freundin. War das wirklich ihre Freundin? War das soeben Iris? Die gleiche Iris, mit der sie schon so viel erlebt hatte?

Chantal wollte weinen; musste weinen; erlösend weinen. Doch es kamen keine Tränen;

so sehr sie sich bemühte. Sie war im Begriff, sich zu übergeben. Sie stürzte zur Toilette. Es würgte sie. Doch nichts. Auch das gelang ihr nicht. Sie wankte wieder ins Büro zurück. Dort saß sie immer noch, wie erstarrt, als Iris mit ihrer Peitsche hereinkam. Sie wirkte müde und ausgewrungen. Doch sie lachte.

»Bist du noch ganz sauber?!«, entfuhr es Chantal. »Wie kannst du nach einer solchen Scheiße noch lachen?«

Iris gab ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange.

»Ich ziehe mich jetzt rasch um. Bin gleich zurück. Und dann gehen wir zusammen einen trinken«, sagte sie gutgelaunt, und verließ das Büro. Das dumpfe Stapfen der Stiefel war noch lange zu hören; bohrte sich in Chantals Seele.

Minuten später, es war eine Ewigkeit, kam Iris zurück. Sie hatte sich in enge Jeans und eine Bluse mit tiefem Ausschnitt gezwängt. Es hatte den Anschein, dass ihr großer Busen nach Luft schnappte, um der Enge zu entfliehen.

»Komm«, säuselte die wie von Zauberhand verwandelt wirkende Freundin, und hakte sich bei Chantal unter.

»Es wartet eine kleine Überraschung auf dich.«

Neben dem unscheinbaren Haus mit den sechs Folterkammern, wie Iris zuvor berichtet hatte, befand sich ein kleines und modern eingerichtetes Café. Die Frau mit dem stattlichen Busen steuerte zielsicher auf einen Tisch in der Ecke zu. Dort saß ein adrett gekleideter Mann. Der sicher sündhaft teure, maßgeschneiderte Zweireiher milderte die Korpulenz des grinsenden Wesens raffiniert ab.

»Stanislav. Darf ich dir meine Freundin Chantal vorstellen«, begrüßte Iris den Korpulenten. Dieser erhob sich lächelnd, verbeugte sich artig vor Chantal, und gab ihr einen angedeuteten Handkuss. Fast devot blickte er dabei nach oben.

»Chantal? Doch nicht etwa die Madam Chantal?«, fragte er mit ekelhaft heller Stimme.

Chantal nickte einige Male; fast automatisch. Der Versuch eines Lächelns misslang ihr.

»Das freut mich außerordentlich, Sie einmal persönlich kennen zu lernen«, sagte der Dicke. In dieser Antwort schwang etwas mit, das sie aufhorchen ließ. Doch darüber wollte, darüber konnte sie plötzlich nicht weiter nachdenken.

»Ach du Scheiße«, schrie es in ihr. Erst jetzt erkannte sie den Mann, den sie noch vor wenigen Minuten gesehen hatte – in der Folterkammer. Wie in Trance ließ sie sich auf einen modernen und ungemütlichen Sessel sinken. Wie in Trance sah sie, dass dieses dicke Wesen sich schmunzelnd zu Iris hinüberbeugte, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken. Mit leiser Stimme flüsterte er:

»Du warst wieder einmal himmlisch. Ich danke dir.«

Kapitel 6

Drei Wochen später wartete eine weitere Überraschung auf Chantal, als sie mit Iris und Manuela in einem noblen Restaurant saßen.

»Ich habe dich vor drei Wochen nicht wiedererkannt«, seufzte Chantal und blickte Iris vorwurfsvoll in die Augen. »Warum tust du dir diese Sauerei an?«

»Das ist eine verdammt gut bezahlte Dienstleistung. Wenn ich es nicht mache, streichen andere Ladies das schöne Geld ein.«

Die Domina-Expertin strich sichtlich belustigt mit beiden Händen über ihr mittellanges blondes Haar.

»Und du steckst diese ganze Scheiße so mir nichts dir nichts weg? Das glaub‘ ich dir nicht!« Chantal zuckte mit den Schultern, und zog ihre Augenbrauen nach oben.

Iris lehnte sich in den gemütlichen Sessel zurück. Ihr Gesichtsausdruck verwandelte sich schlagartig. Sie wirkte enttäuscht.

»Im Grunde genommen bist du die Patin dieser Sauerei, wie du meine gutbezahlte Passion zu nennen pflegst.«

»Iiich?! Entschuldige. Du bist doch nicht ganz sauber.« Chantal war kurz davor, sichtlich verärgert aufzuspringen.

»Wir sind Liebesdienerinnen. Was wir tun, müssen wir mit Leib und Seele tun. Unsere Kunden müssen nicht nur körperlich, sondern auch darüber hinaus zufriedengestellt werden.« Der Zeigefinger der Domina richtete sich anklagend auf Chantal. »Das waren vor zehn Jahren deine Worte. Unter dem Strich hast du das aus mir und Manuela gemacht, was wir heute sind. Dafür bin ich dir dankbar.«

»Blödsinn! Ich habe niemals an Peitschenhiebe oder andere ekelhafte Spielchen gedacht.«

»Du scheinst das letzte Mal, in diesem Café, du erinnerst dich, nicht richtig zugehört zu haben«, blaffte Iris. »Du selbst hast doch gehört, dass sich dieser Fettwanst bei mir bedankt hat. Er hat mich dabei angehimmelt. Ich habe ihm eine Last von seiner verdammten Seele genommen.«

»Mir zittern noch heute die Knie«, stöhnte Chantal, und blickte hilfesuchend nach oben.

Die Augen von Manuela flitzten zwischen ihren beiden Freundinnen hin und her.

»Du bist doch so stolz darauf, eine intelligente und kluge Frau zu sein.«

Iris faltete ihre Hände, und drückte sie an ihren großen Busen.

»Du hast dich doch in diese Wälzer über Psychologie vertieft. Da drin steht mit Sicherheit, dass es sich bei diesen Kerlen um halbe Irre handelt. Auf alle Fälle sind es arme Schweine. Selbst gute Seelenklempner stoßen da an ihre Grenzen. Viele dieser armen Wesen fangen irgendwann an zu saufen. Oder sie knüpfen sich einfach auf. Ist dir das lieber? Dann rücken andere Spinner nach, und die Welt dreht sich weiter.«

Iris grinste ihre zunehmend nachdenklich dreinschauende Freundin mit zugespitzten Lippen an. Hierbei rieb sie ihren Daumen und Zeigefinger aneinander.

»Es gibt Tage, da lassen diese armen reichen Schweinchen weitaus mehr springen als deine Kunden. Und das will weiß Gott was heißen. Natürlich hast du recht, dass ich mir dieses schöne Geld manchmal hart verdienen muss.« Sie lachte dunkel auf, verschränkte ihre Hände hinter dem Kopf und lehnte sich genüsslich zurück.

»Zugegeben. Ab und zu gehe ich danach in eine Disco. Dort reiße ich mir einen Burschen auf, der danach aussieht, als hätte er viel Hunger im Gepäck. Dann lasse ich mich so richtig durchvögeln, und habe das Gefühl, wieder neunzehn zu sein.«

»Zum Schluss auf dem Rücksitz von einem alten Karren«, kicherte Chantal.

Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie sich wenig feinfühlig verhalten hatte.

»Klar. Das kommt schon mal vor. Zur Not lege ich mich auf die Motorhaube. Auf alle Fälle lasse ich die Kerle arbeiten. Sie bekommen ihren Spaß schließlich kostenlos. Danach lasse ich mich zuhause von einer Flasche Gin inspirieren und schaue mir eine alte Schnulze an. Und am anderen Tag kaufe ich mir ein tolles Kleid.«

»Wozu brauchst du ein neues Kleid? Ich habe dich in letzter Zeit nur in Jeans und gewagten Blusen gesehen?«

Ich sammle eben neue Kleider. Irgendein Hobby muss schließlich jeder haben.«

»Ach du lieber Himmel.« Chantal presste kurz ihre beiden Hände vor den Mund.

»Was hast du eigentlich mit den Männern angestellt, die ich zu dir weitergeleitet habe? Ich hoffe, dass du sie nicht so empfangen hast.« Sie musterte Iris auffällig von oben bis unten.

Diese hob blitzschnell abwehrend beide Hände.

»Siehst du. Um die zu vernaschen, habe ich mich selbstverständlich in mein neuestes Kleid gezwängt. Oder in ein Kleid, das ich aus deiner Sedcard kenne. Keine Angst. Die sind alle hochzufrieden und müde von dannen gezogen.« Sie zuckte mit den Schultern.

»Glaube ich zumindest«.

Als sie sah, dass Chantal ihren Kopf nachdenklich hin und her bewegte, fügte sie keck hinzu:

»Sei doch einmal ehrlich. Es war doch mehr als auffällig, dass du mir nur Interessenten zugeschustert hast, die eindeutig nur auf deinen Körper scharf gewesen sind. Also habe ich diesen Männern viel Körper gegeben. So gesehen kannst du ganz beruhigt sein.«

»Dann kann ich dir auch weiterhin …?«

»Mir schon«, lächelte Iris und spielte süffisant mit ihren Lippen. Dabei schielte sie fragend in Richtung der Freundin, die bislang das Schauspiel sichtlich genossen hatte.

Manuela zuckte mit treuherziger Mimik ihre Schultern.

»Ich hab‘ mir eine schwarze und langhaarige Perücke zugelegt. Außerdem bin ich bei dir quasi in die Lehre gegangen. Damit ich nicht so viel Konversation führen muss, habe ich meine anderen Werte ins Spiel gebracht. Nur einen von deinen Kunden musste ich an die frische Luft setzen. Sei heilfroh. Der Kerl hätte wunderbar in das Kabinett von Iris gepasst.«

»Oh mein Gott«, prustete Chantal entsetzt. »Warum sagst du mir das erst jetzt?!«

Manuela spitzte ihre Lippen.

»Vielleicht weil ich deine Seele nicht belasten wollte. Vergiss es einfach.«

Die drei Freundinnen blickten sich einige Sekunden schweigend an. Es schien, als würden in diesem Moment die gleichen Gedanken durch ihre Köpfe rauschen.

Früher wussten sie mehr voneinander. In den ersten Jahren hatten sie sich wie Geschwister gefühlt. Wobei: Chantal war nicht nur vier Jahre älter. Sie war immer reifer, intelligenter, weitaus kreativer und einfühlsamer gewesen. Ihr konnte man alles anvertrauen. Diese große Schwester tadelte ab und zu. Manchmal tobte sie sogar. Zumindest in den ersten Jahren. Es waren wahnsinnig arbeitsreiche Jahre. Aber es waren herrliche Jahre.

Chantal war für Iris und Manuela immer ein Vorbild gewesen. Ihr versuchten sie nachzueifern. Doch irgendwann mussten sie sich eingestehen, dass es sinnvoller war, ihren eigenen Stil zu entwickeln, und ihre eigenen Wege zu gehen.

Chantals Augen tasteten Manuela ab. Sie hatte sich in den letzten zwei Jahren optisch verändert. Früher trug sie lange und wunderschöne blonde Haare. Erstaunlicherweise passte ihre moderne Kurzhaarfrisur zu ihrem völlig neuen Auftritt. Während sie früher in ausgesucht modischen Kleidern und abenteuerlichen High Heels auftrat, war sie sukzessive, wie Iris auch, in enge Jeans geschlüpft, und trug dünne Blusen. Unter ihnen zeichneten sich dezente Muskelpakete ab. Sie joggte unermüdlich, spielte Squash und war oft in Fitness-Studios zu sehen. Während Iris‘ Busen zunehmend bedrohlichere Formen annahm, schienen Manuelas Brüste kleiner geworden zu sein. Chantal hatte zufällig gelesen, dass dies indirekt möglich war. Durch bestimmte Formen des Krafttrainings wird das Fettgewebe in

den Brüsten in Muskeln umgewandelt. Die Brüste erscheinen kleiner und vor allem fester.

Verdammt. Ihr Instinkt hatte sie verlassen. Vor wenigen Wochen führte sie ihr Weg wieder einmal in Svens Foto-Studio. Genau genommen war es auch ihr Studio. Vor Jahren hatte sie fast zweihunderttausend Euro in dieses Studio gesteckt. Sven hatte deshalb darauf bestanden, dass sie als Mitinhaberin auftrat. Das war gut für das Image. Auf alle Fälle fielen ihr damals wahnsinnig schöne Aufnahmen von Frauen auf. Sie entdeckte auch Aufnahmen von Manuela; in engen Jeans, im Kostüm, im Streifenanzug, wie diese von taffen Managerinnen getragen wurden – und Manuela mit einer modischen Brille.

»So etwas trägt man heute«, hatte Sven gesagt – und dabei vielsagend gegrinst. Selbstverständlich wusste er, dass Manuela ihre Freundin war. Höchstwahrscheinlich ging er davon aus, dass sie sich austauschten. Sven war diskret und keine Plaudertasche.

Manuela kannte ihre ältere Freundin. Inzwischen gelang es ihr, in deren unendlich vielen Mimiken lesen zu können. Zumindest glaubte sie das. Deshalb stand sie auf, um Chantal einen Kuss auf den Mund zu geben. Danach setzte sie sich wieder. Ihre beiden Freundinnen erkannten sofort, dass jetzt ein längerer Monolog auf sie wartete.

»Schon als Kind habe ich gerne mit Barbie-Puppen gespielt. Gut. Das war bei Mädchen nicht ungewöhnlich. Es war zunächst auch nicht ungewöhnlich, dass ich mit Tatjana schmuste. Aber als Fünfzehnjährige war das dann nicht mehr ganz so alltäglich. Irgendwann bekam Tatjana Hausverbot – und ich Prügel. Natürlich wusste ich damals noch nicht genau warum. Meine Eltern waren katholisch; sehr katholisch sogar. Als Valentin, ein Nachbarjunge, alles daransetzte, mit mir Hausaufgaben zu machen, oben in meiner Bude, war die Welt für sie wieder in Ordnung. Ich sah gut aus. Die Kerls schlugen sich wegen mir die Nase blutig. Das hat mir natürlich imponiert. Allerdings hielt ich mich dann doch an die etwas älteren Burschen. Von denen konnte ich noch etwas lernen. Ich lernte schnell und viel.

Als mich meine Eltern einsperren wollten, riss ich einfach aus. Ich hatte die Nase voll. Nach Frankfurt war es nicht weit. Und irgendwann haben wir uns dann kennengelernt.

Soweit so gut. Vor ungefähr einem Jahr war da dieses Urvieh. Er roch nach Geld und stank nach Schweiß. Ich will es kurz machen. Der Kerl hat mich mächtig verdroschen. Einige Wochen zuvor habe ich mir einen Notknopf installieren lassen. Das war meine Rettung.

An diesem Abend bin ich dann durch die Bars gezogen. Erst nach vielen Minuten habe ich festgestellt, wo ich da hineingeraten bin. Dort saßen Frauen; nur Frauen. Okay. An diesem Abend war ich froh gewesen, keinen Mann mehr zu sehen. Irgendwann hat sich dann eine Frau mit einschmeichelnder und sonorer Stimme, in etwa so wie deine, an meinen Tisch gesetzt. Wir haben uns unterhalten. Ich habe getrunken und geheult. Und irgendwann, dazwischen fehlt mir ein Stück Film, lag ich dann in einem Bett – zusammen mit dieser Frau. Sie hat mich gestreichelt und liebkost. Keine Ahnung, was sie an diesem Abend noch mit mir angestellt hat. Auf alle Fälle roch sie gut. Und ich glaubte zu schweben.

Ich hab‘ sie nie wieder gesehen. Aber ich wusste, dass es himmlisch war. Davon wollte ich mehr bekommen. Eine Frau, sie saß im Vorstand einer Bank, hat mich dann gefragt, was ich bislang gemacht habe. Sie war mehr als großzügig. Noch heute ist sie meine Stammkundin. Sven hat Aufnahmen von mir gemacht und ich habe diesem Mooshammer mitgeteilt, dass ich an ein anderes Ufer geschwommen bin. Er hat gelacht und meinte, dass es im Raum Frankfurt eine diesbezüglich riesige Nachfrage gibt.

Natürlich habe ich mich bereit erklärt, auch Termine in München oder Düsseldorf wahrzunehmen.«

Manuela strich sich viele Male über ihre kurzen Haare und über ihr Gesicht. Chantal blickte zu Iris hinüber. Diese starrte gedankenverloren auf ihre langen, roten Fingernägel. Fraglos kannte sie diese Geschichte bereits.

»Und warum erzählst du mir das erst heute?«, durchbrach Chantal die eingetretene Stille.

Manuela zuckte schuldbewusst mit den Schultern.

»Keine Ahnung. Vielleicht habe ich mich geschämt. Mensch. Wir drei. Das war doch ein Heer von Männern. Die haben wir glücklich gemacht, würdest du jetzt sagen.«

Sie blickte an die Zimmerdecke, und blies lachend Luft durch ihre geschlossenen Lippen.

»Jetzt habe ich auf Ladies umgesattelt.« Sie richtete ihren Blick zu Iris hinüber.

»Und die da drüben vermöbelt dicke, dünne und reiche Männer.«

»Ich vermöble keine Männer. Ich mache sie glücklich. He, wie du deine Damen glücklich machst.« Sie lachte hell auf.

»In Ordnung: Ich mache sie auch etwas ärmer. Aber nur ein klitzekleines Bisschen «

Jetzt lachte auch Chantal:

»Was sind wir ein verrückter Haufen nicht mehr ganz taufrischer Weiber. Zwischen euch Beiden komme ich mir jetzt allerdings schrecklich normal vor.«

Manuela zwinkerte mit verschlagener Miene Chantal zu.

»Ich werde dich jetzt gleich an deiner verwundbaren Stelle packen.«

»Soso. Und die wäre?«

»Geld und eine gewöhnungsbedürftige Moralvorstellung. Was sonst. Das hast du verdient. Dir ist es mit Sicherheit nicht bewusst, dass du uns immer das Gefühl vermittelt hast, die Gralshüterin der Moral zu sein.«

Chantal beugte sich angriffslustig nach vorn.

»Ach Gottchen. Wo hast du diesen tollen Begriff aufgeschnappt. Den muss ich mir unbedingt aufschreiben.«

»Lass‘ diese überhebliche Scheiße. Sag‘ mir lieber, ob ich einigen zahlungskräftigen Frauen deine Nummer geben darf. Ich sag’s nur ungern. Aber für einige, aus den höheren Rängen, bin ich einfach zu doof. Die wollen auch mal hochgeistiges Zeug von sich geben – und obendrein auch noch verstanden werden.«

Stille entstand in der lauschigen Ecke des noblen Restaurants.

Iris und Manuela tauschten interessierte Blicke aus. Es schien, als hätten sie mit den Streichhölzern gespielt, und warteten nun voller Vorfreude auf den ersten Funken - oder gar auf ein herrliches Feuerchen.

»Ich werde es mir überlegen«, flüsterte Chantal leise. »Aber ihr kennt mich. In den letzten Jahren bin ich noch nie unvorbereitet in den Krieg gezogen. Das ist ein völlig neues Terrain für mich. Da kann man mit Sicherheit eine Menge falsch machen.«

Manuela schnellte aus ihrem Sessel, tänzelte zu Chantal hinüber, und gab ihr einen innigen Kuss.

»Ich persönlich werde dich in die Geheimnisse der einzig wahren Liebe einweihen.«

Mit gespieltem Lachen und einem Seufzer blickte Chantal zur Decke des Raumes.

»Ach ihr Götter da oben. Ist das jetzt eine Verlockung oder eine Warnung?«

Kapitel 7

Die Zeit, das Schicksal, oder wer auch immer die Fäden über Chantals Leben in den Händen hielt, entschieden, dass die Ladies noch etwas warten mussten.

An einem Vormittag im Mai 2006 brummte Chantals Smartphone. Es war ihre Mutter.

»Kannst du kommen?«, begann sie mit verweinter Stimme.

Seit einigen Jahren fiel es ihrer Mutter schwer, ihre Tochter „Schätzchen“ oder „mein Engel“ zu nennen, wie sie dies in ihrer Kindheit oder Jugend getan hatte.

»Ist was passiert Mama?«, fragte Chantal besorgt.

»Ja. Papa ist heute Nacht gestorben. Ich brauch‘ dich. Das schaff‘ ich nicht allein. Bitte.«

Chantal warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war 10:45 Uhr. Heute Nacht ist er gestorben, schoss es durch ihren Kopf. Und erst jetzt ruft sie mich an. Außerdem war es nicht mein Papa. Es war mein Stiefvater. Und vor ihrer Flucht aus Freiburg hatte er sich als Schwein benommen. Deshalb fiel ihre Antwort knapp aus:

»Ich werde gegen vierzehn Uhr bei dir sein Mama. Gut so?«

»Oh das wäre schön. Danke«, schluchzte die Mutter.

»Bis nachher«, sagte Chantal und legte auf.

Nein. Ein schwarzes Kleid, das sich für eine Beerdigung eignen würde, hatte sie nicht im Schrank hängen. Auf dem Weg zu Autobahn kannte sie ein großes Bekleidungsgeschäft.

Zu ihrer neuen Wohnung in der Wintersbachstraße gehörte selbstverständlich eine Garage. Darin ruhte sich ein Mercedes der oberen S-Klasse aus.

Diese Nobelkarosse wurde nur wenige Male im Jahr bewegt. Hier in Frankfurt fuhr Chantal nur mit dem Taxi. Um in andere Städte zu gelangen, bevorzugte sie die Bahn oder flog.

Beim Kofferpacken überfiel sie eine verrückte Idee. Ja. Diese würde sie umsetzen; musste sie umsetzen. Grinsend griff sie zum Telefon.

»Karl, mein Freund. Hast du ein paar Tage Zeit?«, gurrte sie ins Telefon.

»Madam Chantal. Für Sie doch immer. Wann soll ich kommen?«

»Gleich Karl. Gleich.«

»Oh. Sie sind immer für eine Überraschung gut. In ein paar Minuten bin ich bei Ihnen.«

»Nehmen Sie sich ein Taxi Karl. Gepäck für drei oder vier Tage.«

Karl kannte Chantal schon viele Jahre. Er hatte das Gefühl, dass da noch etwas war, dass diese ungewöhnliche Frau loswerden wollte. Deshalb fragte er:

»Sonst noch etwas Madame?«

»Hm ja Karl. Dieses Mal ausnahmsweise Uniform und Dienstmütze. Ich erkläre das unterwegs.«

»Selbstverständlich Madame Chantal. Das scheint dieses Mal spannend zu werden.«

Karl Czech kutschierte früher vornehmlich Banker und Persönlichkeiten aus der Wirtschaft; Personen, die es nicht für sinnvoll erachteten, einen eigenen Chauffeur anzustellen. Inzwischen hatte er die sechzig überschritten, und wollte nur noch an seinem See sitzen und angeln. Für Chantal machte er gerne eine Ausnahme. Er liebte sie auf eine seltsame Weise. Platonisch natürlich. Dafür himmelte sie ihn an, gab ihm des Öfteren ein Küsschen auf die Wange, und entlohnte ihn fürstlich. Karl war vor allem verschwiegen. Und er konnte, sollte dies notwendig werden, gut mit einer Waffe umgehen; sehr gut sogar. Er liebte die Nobelkarosse, die er vor ein paar Jahren aussuchen durfte.

Nachdem Chantal ihren verschwiegenen Fahrer mit einem Küsschen begrüßt hatte, nahm sie im Fond Platz. Sie wollte nachdenken; sich mental auf Freiburg vorbereiten.

Dieser Tag, vor zwei Jahren, hatte sich in Chantals Seele eingefräst.

Es war zum Ritual geworden, dass sie ihre Mutter kurz vor Weihnachten besuchte. Doch vor zwei Jahren wartete eine denkwürdige Überraschung auf sie. Ein Geschäftsmann aus Freiburg hatte sie auf dem Foto erkannt; mit ihr und Harald; an diesem verrückten Abend. Für den Geschäftsmann war es offenbar wichtig gewesen, Nachforschungen anzustellen. In Windeseile verbreitete sich die Story in Freiburg: Die Schwiegertochter von Hannes Vögele, dem Inhaber der weithin bekannten Weinschänke am Schlehbusch, ist eine Nobel-Prostituierte in Frankfurt; eine Art Rosemarie Nitribitt. Hannes Vögele wurde daraufhin noch bekannter – und wütender.

Als seine Stieftochter, diese Hure, sein Haus betreten wollte, wartete er bereits mit einem Knüppel. Der Krankenhausaufenthalt brannte sich tief in Chantals Seele ein. Vergeblich wartete sie auf ihre Mutter. Das waren die schlimmsten Schmerzen – damals. Erst vor einem Jahr trat Mama den Gang nach Canossa an - telefonisch. Sie entschuldigte sich weinend. Sie berichtete, dass Hannes immer noch sauer sei. Seit dieser Sache, damals, konnten sie sich vor Gästen kaum noch retten. Sie pilgerten in Scharen zur interessant gewordene Gaststätte am Schlehbusch. Es war ein kurzes und einseitiges Telefonat gewesen.

Diese scheinheilige Meute, die sich ihre Mäuler zerrissen hatten, sollten nun ihre Show bekommen.

Chantal wartete selbstverständlich, bis Karl ausgestiegen war, bis er seine Dienstmütze aufgesetzt hatte, und ihr mit einer Verbeugung die Wagentüre öffnete.

Die schwarzen Krähen glotzten und tuschelten. Der Tote war urplötzlich Nebensache.

»Ach mein Schatz. Musste das denn sein?«, begrüßte die Mutter weinend ihre Tochter.

»Schau sie doch an Mama«, sagte Chantal halblaut.

»So sehen noble Leute aus, die deinem Mann ihre Aufwartung machen wollen. Schau dir

meinen Lehrer an. Der hat mir mehr als einmal unter den Rock gegriffen. Der Herr Pfarrer, dieser alte Sack, hat mir in der Sakristei den Slip ausgezogen. Was er noch gemacht hat – darüber will ich an dieser Stelle lieber schweigen. Die Frau Häberle, da drüben, hat es mit mindestens zwanzig Männern getrieben. Alle haben es gewusst. Aber da erzähle ich dir nichts Neues. Und die Frau dort, ich hab‘ ihren Namen vergessen, hat ihre Kinder fast totgeprügelt. Jetzt ist sie natürlich mutterseelenallein. Und betet. Gott soll ihr erklären, was sie falsch gemacht hat. Soll ich weitersprechen Mama? Soll ich mich vor diesen Pharisäern schämen Mama?«

»Ach Kind. So sind sie halt. Ich wohne hier. Und du in Frankfurt. Soll ich mehr dazu sagen?«

Die Beerdigung von Hannes Vögele wurde nicht langweilig. Der alte und sicher schon senile Pfarrer sprach oft von Sünde und Vergebung. Einige junge Männer war gekommen, um mit ihren Smartphones das Objekt zu verewigen, worüber die schwarzen Krähen selbst am Grab fortwährend krächzten und tuschelten.

Chantal trug ein langes, sündhaft teures Kleid. Sie ließ ihre schwarzen langen Haare über ihre Schultern fließen. Bezüglich ihrer Kopfbedeckung konnte man allerdings sehr geteilter Meinung sein. Der rabenschwarze Hut mit breiter Krempe war mit einer Stoffleiste versehen; verziert mit schwarzen Rosen. Der hauchdünne Tüllschleier verdeckte dezent ihr Gesicht. Doch dieser Schleier war mit kleinen Spinnen versehen. Die Worte des alten Pfarrers waren Nebensache. Das Ministranten-Gebimmel ging im Raunen und Getuschel der „Trauernden“ unter.

Chantal blieb noch zwei Tage.

Ihre Mutter war erst 66 Jahre alt.

Diese früher so schöne Frau wirkte plötzlich wie 75. Vor allem die letzten Jahre mit Hannes Vögele waren, wie sie nach einigen Schnäpsen stockend erzählte, alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen. Sie rang ihrer Tochter das Versprechen ab, bei der Testamentseröffnung anwesend zu sein; ihr bei den daraus resultierenden Dingen beratend zur Seite zu stehen.

Vier Wochen nach dieser denkwürdigen Beerdigung ließ sich Chantal erneut nach Freiburg chauffieren.

Wie sich herausstellte, hatte Hannes Vögele seiner Frau viel verschwiegen; verdammt viel sogar. Er hatte sie als Alleinerbin eingesetzt. Doch im Büro des Notars saßen noch zwei weitere Personen.

Da saß der blasse und achtundzwanzigjährige Christian und neben ihm kauerte die fünfundzwanzigjährige Lisa. Ein Gutachten belegte, dass diese beiden Personen zweifelsfrei die leiblichen Kinder von Hannes Vögele waren. Sie beanspruchten 25 Prozent am Erbe.

Mama Vögele verfiel in eine Starre. Sie bekam nicht mehr mit, was der Verstorbene sonst noch hinterlassen hatte: Parallel zur Gaststätte mit den vielen Übernachtungszimmern und dem Anbau, in dem sie so viele Jahre mit ihrem Mann gewohnt hatte, gab es da noch drei Häuser in guter Lage und Weinberge, viele Weinberge. Und da gab es noch ein stattliches Aktienpaket.

Am Nachmittag beugten sich ein versierter Anwalt und ein Notar über alle Unterlagen des Nachlassgerichtes. Chantal hatte sich von Frankfurt aus mit ihnen in Verbindung gesetzt.

Um nichts auf der Welt wollte Mama Vögele weiter in diesem großen Haus wohnen. Nein. Nach Frankfurt wollte sie auch nicht. Sie musste doch das Grab von Hannes pflegen. Das Grab des kleinen Gerard existierte allerdings nicht mehr.

Chantal kaufte ein schönes Zwei-Zimmer-Appartement in einer Anlage für betreutes Wohnen.

Das Schicksal hatte nur noch ein Jahr für Jaqueline Vögele auf dieser Erde vorgesehen. Sie starb an einem Hirnschlag. Es war ein schneller Tod.

Der Notar, den Chantal ein Jahr zuvor engagiert hatte, achtete darauf, dass sie als Alleinerbin eingesetzt wurde.

Der Nachlassverwalter schätzte das Vermögen auf zwei Millionen Euro.

In den letzten Jahren hatte Chantal nie über Geld nachgedacht.

Inzwischen war es ihr manchmal lästig, sich mit Finanzdingen beschäftigen zu müssen. In den ersten Jahren in Frankfurt konnte sie jährlich fünfzigtausend Euro auf die Seite legen.

Doch bereits fünf Jahre später war es das zehnfache pro Jahr.

Seit einigen Jahren war sie eine äußerst gefragte Begleiterin.

Ihre Ausgaben waren vergleichsweise minimal. Harald hatte ihr die herrliche Wohnung im 22. Stock geschenkt. Meistens wurde sie zum Essen eingeladen. Einige Männer waren versessen darauf, ihr Kleider zu kaufen.

Vor einigen Jahren gelang es ihr, das große Haus in der Miquelallee zu kaufen. In den Anfangsjahren hatte sie in diesem Haus ein Zweizimmer-Appartement gemietet. Das Objekt mit seinen achtundzwanzig Wohnungen und einer Tiefgarage war nicht mehr ganz taufrisch.

Da sie nicht spekulieren wollte und sich mit Aktiengeschäften nicht auskannte, legte sie sukzessive ihre Einnahmen, nicht zu vergessen das Erbe ihrer Mutter, in vier weitere Immobilien an.

Darunter befand sich eine herrliche, alleinstehende Villa im Odenwald. Diese nutzte sie für verschwiegene Dates mit angesehenen Kunden.

Die Villa hatte einen riesigen Keller mit alten bogenförmigen Sandsteingewölben. Iris durfte Teile davon als schaurig-schönes Folter-Refugium heranziehen. Eingeweihte waren geradezu besessen, für viel Geld darin ihre herrlichen Qualen durchleben zu dürfen.

Es war ein verregneter Montagmorgen.

Nach einem langen Frühstück, Harald hatte gerade die Villa verlassen, brummte Chantals Smartphone. Es war eine Frauenstimme.

»Guten Morgen Madame Chantal. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie mit diesem Namen anspreche. Aber ich habe in den Unterlagen keinen anderen Namen gefunden. Mein Name ist Hedda Conzen. Können Sie mit meinen Namen etwas anfangen?«

Unzählige Gedanken schossen durch Chantals Kopf. Warum rief diese Frau bei ihr an?

Eric Conzen, der Inhaber einer Hotel-Gruppe in Wiesbaden, war einer ihrer langjährigen Stammkunden. Nein. Große Probleme waren von dieser Frau nicht zu erwarten.

»Selbstverständlich Frau Conzen. Was kann ich für Sie tun?«, antwortete sie deshalb.

»Es ist das ungewöhnlichste Telefonat meines Lebens.« Sie lachte kurz.

»Aber ich bin fest davon überzeugt, dass auch Sie nicht jeden Tag ein solches Telefonat führen werden. Zunächst möchte ich Ihnen mitteilen, dass Eric vor einer Woche verstorben ist.«

»Oh. Zunächst mein aufrichtiges Beileid.« Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Wenn ich Eric richtig verstanden habe, wussten Sie, dass er …«

»Das stimmt. Er hat mir sogar einige Male Ihren Namen genannt. Ich habe hier ein Schreiben an Sie in seinen Unterlagen gefunden. Ich wollte es nicht einfach wegwerfen.«

Chantal hatte ihre Fassung wiedergefunden.

»Wir beide sind doch intelligente Frauen. Kürzen wir die Sache ab. Öffnen Sie einfach das Kuvert. Lesen Sie mir bitte vor, was der arme Eric geschrieben hat. Woran ist er gestorben, wenn ich fragen darf.«

»Stilgerecht«, lachte die Frau. »In unserem großen Weinkeller. Mit einem Glas Sekt in der Hand.«

»Herrjeh. Jaja. Eric hat das Leben geliebt.«

»Sie sagen es. Sie sagen es … Ich habe jetzt das Kuvert geöffnet.«

»Lesen Sie bitte Frau Conzen.«

»Liebste Chantal. Es waren wunderschöne Stunden mit Dir. Ich spüre, dass meine Kräfte für eine so schöne Frau, wie Du es bist, nicht mehr ausreichen, und dass es bald zu Ende geht mit deinem Schnurri. Ich werde Dich da oben vermissen. Küsschen. Dein Eric.«

Für lange Sekunden entstand Stille. Chantal hörte, dass die Frau am anderen Ende der Leitung leise weinte. Chantal ließ ihr Zeit.

»Demnach hat er es gewusst, wie es um ihn stand«, sagte Frau Conzen leise.

»Obwohl wir uns in den letzten Wochen so gut verstanden haben, wie schon lange nicht

mehr. Nach diesen „Ausflügen“, wenn ich es einmal so nennen darf, kam Eric immer wie ausgewechselt zurück. Ich komme mir jetzt total bescheuert vor, wenn ich mich an dieser Stelle bei Ihnen bedanke. Das bleibt hoffentlich unter uns. Können Sie mir erklären, warum Eric diesen Brief nicht abgeschickt hat? Im Kuvert befinden sich zehntausend Euro.«

»Ja das kann ich. Er hat mich vor ungefähr zehn Tagen angerufen. Er wollte meine Adresse haben. Das habe ich freundlich verneinen müssen. Ein Treffen war für mich nicht möglich, weil ich selbst einen Trauerfall hatte. Ich will das Thema abkürzen. Bitte schenken Sie das Geld einer armen Seele. Können wir so verbleiben?«

»Ja. Selbstverständlich Frau … Frau … Macht es Sinn zu fragen, ob wir uns einmal auf einen Kaffee treffen?«

»Ich glaube, dass das keine gute Idee wäre. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Auf alle Fälle bedanke ich mich für Ihren lieben Anruf. Auf Wiederhören Frau Conzen. Ihnen alles Gute.«

Chantal erwartete keine Antwort und legte auf.

Kapitel 8

Für Chantal war es wie der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Vor zwei Tagen hatte Manuela sie auf ihre neue Welt vorbereitet. Sie war nervös gewesen wie ein Schulmädchen vor der Entjungferung. Doch bereits nach wenigen Minuten mussten sie über die verrücktesten Geschichten in ihrem Leben herzhaft lachen. Wenige Stunden zuvor hatte die Frau eines ehemaligen Stammkunden angerufen, um sich nach dessen Tod bei Chantal zu bedanken.

Und jetzt unterhielten sie sich fachkundig darüber, auf welche sexuellen Wünsche und Sehnsüchte sich Chantal einzustellen hatte, um Frauenherzen höher schlagen zu lassen.

Beide Frauen erinnerten sich kichernd daran, wie sie, Chantal, ihrer blutjungen Freundin Manuela vor vielen Jahren Nachhilfeunterricht gegeben hatte. Manuela war damals zwar bereits von einigen Burschen bestiegen worden. Aber das war es auch schon. Selbst aktiv zu werden, professionell, kreativ und ideenreich zu sein – dazwischen lagen Galaxien.

Diese Nachhilfestunden waren für Chantal ungleich schwerer. Ihr ganzes bisheriges Leben drehte sich darum, Männer zufrieden zu stellen. Okay. Sie wusste, wie sie sich zu bewegen hatte, um selbst auch Spaß daran zu haben und dann zum Höhepunkt zu kommen, wenn dies auch im Interesse des Kunden stand. Doch jetzt? Frauen?

Letztlich, nachdem sie weitestgehend geistig ausgeklinkt hatte, dass es sich bei dieser Frau um Manuela handelte, konnte sie sich fallen lassen; genoss es sogar. Aber primär ging es bei diesem Unterricht darum, das Gefühlsleben zu entwickeln, eine andere Frau schweben zu lassen.

Nach vielen Stunden lagen sie sich lachend und weinend in den Armen. Sie waren beide glücklich, und es schien, als seien sie sich dadurch noch nähergekommen.

Zum Abschluss gab Manuela ihrer Freundin noch viele hilfreiche Informationen für Chantals erste Kundin. Sie hieß Dr. Miranda Meinhard, wohnte in Taunusstein und war im Management einer großen Bank tätig.

Die Frau aus dem Management einer großen Bank empfing sie zwei Tage später in einem langen und traumhaften Samtkleid von Puccini. Die Farben Dunkelblau, Rosa und Hellgrün flossen ineinander. Dazu trug sie blaue Pumps. Sie war schlank und wirkte grazil. Ihre langen blonden Haare hatte sie raffiniert hochgesteckt; erinnerten Chantal an Audrey Hepburns Hochsteckfrisur im Film „Frühstück bei Tiffany“.

Für eine Sekunde versuchte Chantal, das Alter dieser verdammt gutaussehenden Frau zu schätzen. Manuela glaubte zu wissen, dass diese Frau so um die vierzig sei.

»Da hast du dich ganz schön verschätzt liebe Manuela«, lachte Chantal in sich hinein.

»Diese Lady ist mit Sicherheit einige Jährchen älter als ich mit meinen dreiundvierzig Lenzen.«

Dieses grazile Wesen hatte eine Haut wie aus Seide, war aufwändig und gleichzeitig dezent geschminkt.

»Oh Gott, was hast du dir denn dabei gedacht«, flüsterte Chantal in sich hinein. »Was für eine Verschwendung. Jedem Mann mit gutem Geschmack würden jetzt die Beine wegknicken.« Doch gleichzeitig flötete sie mit ihrer dunklen Stimme:

»Einen schönen guten Tag Frau Dr. Meinhard. Sehen Sie es bitte nach, wenn es mir im Moment ein bisschen die Sprache verschlägt. Und das passiert bei mir höchst selten.«

Ihre Worte trafen wie Pfeile. Das war unübersehbar. Ein offenes und ehrliches Leuchten erhellte das Gesicht der Geisha-Frau, wie Chantal sie in dieser Sekunde für sich getauft hatte. Sie übersah beflissentlich Chantals ausgestreckte Hand. Stattdessen umarmte sie ihren Gast. Sie begnügte sich nicht mit kleinen Küsschen auf die linke und rechte Wange, sondern schloss die Begrüßung mit einem keineswegs sanften Kuss auf die Lippen ab.

»Sag‘ bitte Miranda zu mir. Deinen Namen kenne ich ja bereits. Ein wunderschöner Name«, sagte die leicht zitternde Frau mit einer erstaunlich warmen Stimme.

Diese Frau sitzt im Management«, durchzuckte es Chantal. »Unglaublich. Aaach, und sie hat ein wunderbares Parfum.«

Dieses DU widerstrebte ihr ein wenig. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern. Deshalb antwortete sie:

»Mein Name gefällt dir? Aber Miranda klingt für mich wie Musik oder wie Poesie. Nenne mich bitte Chantal. So dürfen mich nur eine Handvoll Menschen auf diesem Planeten ansprechen.«

Das Gesicht der Geisha-Frau wirkte sichtlich verwundert.

»Ist das wirklich so. Wie sprechen dich die anderen Personen sonst an?«

»Madame Chantal. Das funktioniert erstaunlich gut. Manchmal ist eine Spur Distanz sogar hilfreich.«

»Wenn es dir lieber ist, spreche ich dich … äh … sie … auch gerne mit „Madame Chantal“ an. Das hat dann so etwas Knisterndes.«

Miranda sezierte ihren Besuch mit fragenden Augen. Es waren gelbe Augen; wie die einer Katze. Dabei rieb sie genüsslich ihre Hände.

»Das wäre vielleicht eine höchst interessante Variante. Du hast etwas leicht Dominantes an dir. Wahnsinn. Ich habe das Gefühl, dass es richtig spannend werden könnte.«

»Ach du Scheiße«, zuckte es durch Chantals Kopf. »Dominant! Ich und dominant? Zum Schluss eine Art Domina. Aber vielleicht will sie mir damit lediglich zu verstehen geben, dass ich die männliche Rolle zwischen zwei Frauen einnehmen soll. Darüber muss ich unbedingt noch einmal mit Manuela und anderen Gleichgesinnten sprechen.«

»Vielleicht lassen wir das einfach fließen, wenn ich das mal so gedrechselt sagen darf«, gurrte Chantal mit einem Lächeln. »Je nachdem, wie es die Situation aus deiner Sicht erfordert oder was deine Seele zu dir sagt.«

»Ach du lieber Himmel. Das klingt ja fast schon wie ein Musikstück.«

Sie hakte sich bei Chantal unter. »Jetzt komm‘ erst mal rein in meine gute Stube. Liebst du Musik?«

Im großzügigen Entrée angekommen antwortete Chantal:

»Ja. Nordische Musik. Smetana. Italienische Musik wie „die vier Jahreszeiten“ und warme und melodiöse israelische Stücke, wie zum Beispiel Anatevka „Fiddler on the Roof“.

»Herrlich. Da ergänzen wir uns ungemein. Das werden wir heute Abend auflegen. Du übernachtest doch?«

»Wenn du es wünschst. Selbstverständlich«, lächelte Chantal.

Gleichzeitig schimpfte sie in sich hinein, sich künftig nicht zu verplappern. Vorhin wäre es ihr fast herausgerutscht, dass sie diese Musik oft zusammen mit Harald genossen hatte. Eine solche Bemerkung wäre an dieser Stelle pures Gift gewesen.

Da es ein kühler Tag Ende September war, hatte Chantal sich einen dünnen Mantel übergezogen.

Als sie diesen abstreifte, sah sie die taxierenden Blicke der Gastgeberin. Nein. Sie wollte unter keinen Umständen im Outfit von Manuela kommen. Sie war Chantal. Und als Chantal hatte sie sich in ein enganliegendes luftiges Kleid mit Seitenschlitz und tiefem Ausschnitt gezwängt.

»Madame Chantal. Sie überraschen mich immer mehr«, seufzte Miranda. Ihr Blick richtete sich vor allem auf die wohlgeformten Brüste ihres Gastes. »Sie verstehen viel von Musik. Sie sind ein wahrer Augenschmaus, wenn ich das einmal ungeschminkt sagen darf. Ich bin gespannt, mit welchen weiteren Überraschungen sie mich noch begeistern werden.«

Die große Villa war mit vielen zum Teil teuren Unikaten eingerichtet, die nur bedingt zueinander passten. Aber sie waren mit Sicherheit teuer gewesen. Darauf kam es der Hausherrin offensichtlich an.

Während des Kaffee-Zeremoniells arbeitete Miranda dezent aber gleichzeitig zielstrebig eine lange Liste ab. Sie streifte Themen wie Kunst, Politik und landete schließlich bei ihrem Hauptthema Banken und Wirtschaft. Mit allergrößtem Interesse stellte die Gastgeberin fest, dass ihre attraktive Escort-Begleiterin extrem tief in wirtschaftliche Themen eintauchen konnte. Diese Frau mit den langen schwarzen Haaren und den herrlichen Wimpern hatte sogar aktiv geholfen, ein Unternehmen in China aufzubauen. Doch über ihre Kunden wollte sie partout nicht sprechen. Noch nicht einmal, ob es vornehmlich männliche oder eher weibliche Kunden waren.

Miranda war eine wenig nervig geworden. Gott sei Dank besaß sie auch das Feingefühl, kurz davor zu sein, eine unsichtbare Schwelle zu überschreiten. Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich ihre Mimik.

»Entschuldige bitte. Aber das kennst du höchstwahrscheinlich zur Genüge. Unheimlich viele Menschen, die mitten im Beruf stecken, machen oft den Fehler, nicht rechtzeitig abschalten zu können. Madame Chantal – sie müssen mir versprechen, mich künftig darauf aufmerksam zu machen, die schönen Seiten dieses Lebens nicht aus den Augen zu verlieren. Versprochen?«

»Madame Chantal wird künftig darauf achten«, gluckste Chantal. »Wenn ich mich nicht irre, hat die schöne Miranda einen Vorschlag, wie es weitergehen könnte. Oder?«

»Was hältst du von einem entspannenden Whirl-Pool-Besuch – vielleicht zusammen mit Musik von Vivaldi?«

»Oh ja. Das wäre himmlisch.«

Neben einem kleinen Schwimmbad befand sich eine Sauna. Im Anschluss daran dominierte eine Whirl-Pool-Landschaft.

Ehe sich Chantal versah, war die Besitzerin der Villa im Whirl-Pool eingetaucht.

Es stellte sich heraus, dass sie unter ihrem dünnen Samtkleid nur nackte Haut trug. Sie hatte noch nicht einmal einen Slip getragen.

Ihre Arme über den Rand des Whirl-Pools gelegt, verfolgte sie aufmerksam, wie sich Chantal entblätterte. Und die tat dies ganz bewusst sehr langsam und betont aufreizend. Miranda quittierte dies mit genüsslichen Tönen; in vielen Oktaven; passend zu den Vier Jahreszeiten.

»Oh mein Gott. Du hast einen herrlichen Körper. Komm. Komm rein«, jauchzte sie erwartungsvoll.

Im Whirl-Pool musste Chantal zwischen den Beinen der Seufzenden Platz nehmen; den Rücken an die relativ kleinen Brüste angelehnt. Zitternd streichelte Miranda die festen und wohlproportionierten Brüste ihres Gastes. Irgendwann begaben sich ihre Hände auf weitere Erkundungen. Als Chantal zu verstehen gab, dass ihre Hände auch hilfreich werden wollten, hauchte Miranda:

»Später. Später mein Engel. Der Abend ist noch lang. Gemeinsam werden wir sehr viele

Wunder durchleben. Das verspreche ich dir. Es liegt mir viel daran, dass wir uns noch oft sehen.«

Am anderen Morgen, kurz nach 7.00 Uhr, fühlte Chantal einen Kuss auf ihren Lippen. Es war Miranda, die sich über ihr Gesicht beugte.

»Für mich war es himmlisch. Ich danke dir mein Engel mit den schwarzen Haaren und den wunderbaren Händen. Gerne hätte ich noch mit dir gefrühstückt. Aber die Pflicht ruft. Du hörst wieder von mir. Zieh‘ die Tür einfach hinter dir zu. Au revoir.«

»Au revoir mon amie«, konnte Chantal nur noch flüstern. Danach sah sie eine Frau im dunklen Hosenanzug verschwinden. Kurz darauf hörte sie, wie ein schweres Fahrzeug rasch davonfuhr.

»Diese Frau hat enormes Vertrauen zu mir. Dabei kennen wir uns doch erst seit gestern Nachmittag«, dachte Chantal.

Im Erdgeschoss angekommen wartete die zweite Überraschung auf sie. Miranda hatte den Frühstückstisch liebevoll gedeckt. Während Chantal saß, und den Kaffee genoss, las sie immer und immer wieder die Zeilen des Briefes:

»Guten Morgen mein Engel. Für eine Frau, die bislang nur Männer verwöhnt hat, warst du für mich die Erfüllung. Ich fiebere unserem nächsten Rendezvous entgegen. Bis bald meine Liebste. Deine Miranda.«

Woher sie diese Information wohl hatte? Manuela hatte Stein und Bein geschworen, ihrer bisherigen Gespielin nichts, aber auch gar nichts, über Chantal erzählt zu haben. Wie

auch immer. Dieses Geheimnis musste Frau Dr. Miranda Meinhard noch preisgeben. Später. Irgendwann.

Nach dem Frühstück spülte Chantal das Geschirr, und brachte Bett und Bad in Ordnung. Bevor sie die Tür hinter sich zuzog, drückte sie ihre geschminkten Lippen auf Mirandas Schreiben, um dieses an der Blumenvase auf dem Tisch anzulehnen. Miranda sollte es sofort sehen, wenn sie heute Abend nach Hause kam.

Während der Fahrt nach Frankfurt ließ sie noch einmal den gestrigen Abend und die lange Nacht Revue passieren.

Vor wenigen Tagen hatte Chantal dunkel und bitter gelacht. Im Grund genommen war es mehr als unverzeihlich, dass sie, eine Hure, sich so wenig mit der sexuellen Bandbreite beschäftigt zu haben. Oh, was war sie froh „normal“ zu sein. Ihre Cleopatra kommunizierte mit einem Cäsar. Aber selbst hier gab es unendlich viele Spielformen; je nach Geschmack.

Sollte sie Miranda bemitleiden? Nein. Das hatte sie nicht verdient. Sollte sie jetzt sich bemitleiden oder gar anklagen, über eine unsichtbare Grenze gegangen zu sein? War es ein Fehler?

Nein. Nein. Es war kein Fehler. Es war schön, wunderbar, herrlich. Diese Frau hatte sie auf die Wolken gehoben und dort lange Zeit schweben lassen. Sie beide hatten gemeinsam viele und herrliche Höhepunkte erreicht. Es war unbeschreiblich. Nein. Das wollte sie nicht

missen. Unter keinen Umständen.

War es schöner, als mit einem Mann? Diese Frage stellte sich für Chantal ab heute nicht mehr. Sie war jetzt in beiden Welten, ja es waren Welten, zuhause. Ihr sexuelles Leben war jetzt doppelt so schön geworden.

Und plötzlich dachte sie an Harald. Warum Harald? Vielleicht weil er ihr verzieh, mit anderen Männern zu schlafen. Aber würde er ihr verzeihen, auch mit einer Frau geschlafen zu haben?

Glücklich, ja fast überglücklich, fuhr sie langsam auf Umwegen nach Frankfurt zurück. Sie konnte nicht wissen, dass das Schicksal bereits dunkle Wolken heranschob.

Kapitel 9

Am 29. September, es war ein Samstag, landete das Flugzeug in Quebec.

Chantal und Harald hatten sich vorgenommen, den Indian Summer in all seinen Farben zu erleben, in sich aufzunehmen und in ihrer Seele zu verstauen. Sie wollten ihn im Winter wieder hervorholen, wenn sie zuhause vor dem knackenden Kamin sitzen würden.

Doch dunkle Schatten tauchten bereits am ersten Urlaubstag auf.

Harald war bereits vor dem Abflug schweigsam geworden. In den zurückliegenden Wochen hatte Chantal ihn einige Male bekniet, zum Arzt zu gehen. Er kam ihr schlanker vor. Und seine Gesichtsfarbe schien sich auf eine undefinierbare Weise verändert zu haben.

»Ich bin ein bisschen überarbeitet. Gott, was freue ich mich auf diesen Urlaub«, hatte er leicht geseufzt und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben. Immer, wenn er ihr einen Kuss auf die Stirn und nicht auf den Mund gab, war Vorsicht geboten.

»Warum musst du noch mit neunundsechzig jeden Tag an die Front? Du hast doch weiß Gott genug gerackert in deinem Leben«, hatte sie noch vor eine Woche gefaucht.

»Ist ja in Ordnung. Du hast ja recht. Nur noch bis zum Ende dieses Jahres. Dann …«

»Sobald wir aus dem Urlaub zurück sind, übergibst du alles deinem Geschäftsführer. Okay?«

»Hm. Aaach«, hatte er gestöhnt.

»Was heißt das jetzt auf Deutsch?!«

»Ich weiß nicht, ob ich mich noch auf Kunzmann verlassen kann.«

»Dann schmeiß‘ ihn raus. Hol‘ dir einen Neuen. Kosten dürfen im Moment keine Rolle spielen. Du weißt, dass ich mich noch nie eingemischt habe. Nichts liegt mir ferner, als die intelligente Tussi zu spielen. Aber deine Gesundheit … Harald … ich brauch‘ dich!«

»Danke mein Schatz. Das tut gut. Ich liebe dich«, flüsterte er.

Und heute, am ersten Urlaubstag, hatte er sich einige Male übergeben müssen. Danach nahm er Tabletten ein; viele Tabletten.

»Harald. Liebling. Was schluckst du denn da in dich hinein? Sollte ich etwas wissen?«

»Nein. Lass‘ uns den Urlaub genießen. Heute Nachmittag habe ich einen Flug gebucht. Bei den kleinen Flugzeugen wird mir in den letzten Jahren übel. Das ist zur Vorbeugung.«

Der Nachmittag war himmlisch. Sie flogen über die bunten Wälder von Quebec. Dort unten glänzten viele Seelandschaften in der Sonne. Und da war das Gelb der Lärchen, der Zitterpappeln und der Birken, das Braun der Buchen und Eichen, die unterschiedlichen Grüntöne der Nadelbäume und vor allem das unvergleichliche Orange und Rot der kanadischen Eichen.

Haralds Hand krallte sich zunehmend in die von Chantal. Sie hatte sich ausschließlich auf dieses Farbenspektakel konzentriert und gejauchzt wie ein kleines Kind.

»Haaach. Ist das nicht herrlich Harald. So schön habe ich es mir nicht vorgestellt.«

Doch plötzlich hatte sie ein eigenartiges Gefühl. Harald antwortete nicht. Deshalb blickte sie kurz zu ihm hinüber. Sie sah, dass er gedankenverloren nach unten starrte. Dicke Tränen rannen über seine Wangen.

»Harald. Harald«, bettelte sie.

»Geht es dir nicht gut?«

Doch Harald schien sie nicht zu hören.

Er starrte weiter nach unten. Er weinte und lächelte gleichzeitig.

Chantal schüttelte aufgeregt seinen Arm.

»Ist das nicht ein Traum«, sagte er mit verweinter Stimme. »Das ist das Paradies. Ich möchte es mitnehmen. Aaach ist das schön.«

Die Art, wie er es sagte, ließ Chantal aufhorchen. Nein. Nein. Das waren keine Worte der Freude. Hier schwangen andere Töne mit; Töne der Ehrfurcht, des überwältigenden Erstaunens aber auch Laute der Hoffnungslosigkeit und einer unendlichen Traurigkeit. Nein. Nein. Das war nicht ihr Harald, den sie sonst kannte. Hier musste sie sich Sorgen machen; große Sorgen!

Jetzt begann auch Chantal zu weinen. Ihr Instinkt schrie förmlich: »Harald hat dir etwas verschwiegen! Es muss etwas Schlimmes sein. Mit dem Geschäft hat es mit Sicherheit nichts zu tun. Das darfst du nicht auf die leichte Schulter nehmen!«

Sanft streichelte sie die Hand ihres Geliebten. Doch er schwieg. Hastig hatte er sich die Tränen von den Wangen gewischt. Aber er blickte sie nicht an.

Endlich hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen. Harald versuchte, krampfhaft zu lächeln. Es war ein angestrengtes Lächeln.

Auf einer Anhöhe mit einem weiten Blick über das bunte Meer aus Bäumen parkte Chantal das große Geländefahrzeug. Harald war in sich zusammengesunken.

Mit müden Schritten, und mit Chantals Hilfe, schleppte er sich zu einer kleinen Bank.

»Gott. Oh Gott. Ist das schön«, seufzte er und lächelte.

Chantal nahm seinen Kopf in ihre beiden Hände. Sie blickte in glänzende und leicht verweinte Augen. Doch jetzt sah sie es. Warum sah sie das erst heute?! Das Weiß der Augäpfel hatte sich in ein Gelb, ja fast in ein helles Braun verwandelt. Was war das?

Sie klammerte sich an diesen Mann, den sie seit fünfzehn Jahren kannte; mit ihm das Bett teilte; den sie inzwischen liebte. Ja. Heute, hier und jetzt, wusste sie, dass sie ihn liebte; wie keinen Mann auf dieser verdammten Erde. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, ein solches Gefühl für einen Menschen entwickeln zu können. Doch jetzt hatte sie Angst!

»Mein Schatz. Liebling. Bitte! Sag‘ mir, was mit dir nicht stimmt. Bist du krank?«, krächzte sie heißer.

»Oh mein Gott. Schau dir das an«, sagte Harald fast euphorisch. »Was haben wir zusammen gesehen und erlebt; in Kanada, in der Toskana, in Skandinavien, in Tschechien, im Balkan und was weiß ich noch wo. Es war ein herrliches und wunderwunderschönes Leben mit dir. Ich möchte keinen einzigen Tag missen« Er lachte kurz auf. »Vor allem an diesen verrückten ersten Abend in Würzburg muss ich oft denken. Du bist eine wunderschöne Frau. Du bist eine warme Frau. Das habe ich dir am ersten Abend unseres Kennenlernens gesagt. Glaub‘ mir. Ich bin dir nicht böse, dass du …«

Er stockte kurz.

»Wichtig für mich war und ist, dass du auch mich glücklich gemacht hast; unendlich glücklich. Nicht auszudenken, wie das Leben ohne dich verlaufen wäre. Dafür liebe ich dich. Unendlich. Dafür danke ich dir.«

Chantal riss sich los. Sie trommelte wie wild auf Haralds Brustkorb. Sie schluchzte und schrie:

»Ja. Ja. Ja. Aber das beantwortet nicht meine Frage. Sag‘ mir endlich was los ist!«

»Komm‘«, sagte Harald lächelnd und zog Chantal wieder an seine Brust.

Nachdem er einige Male tief geatmet hatte, sagte er:

»Ich weiß es noch nicht so lange. Diese Krankheit ist extrem tückisch.«

»Was heißt tückisch?«, schluchzte Chantal.

»Du hast es nicht verdient, dass ich dich anlüge. Mit tückisch meine ich tödlich. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ich habe inzwischen alles checken lassen. Ich habe ein CT und ein MRT machen lassen. Das Pankreaskarzinom ist extrem groß. Metastasen haben sich in der Lunge, der Leber und inzwischen auch in den Knochen gebildet. Die Ärzte raten von einer OP ab. Vor zwei Wochen habe ich mit der Chemotherapie begonnen.« Er machte eine Pause, um mit einem Seufzer fortzufahren:

»Diesen Urlaub wollte ich noch mit dir verbringen. Diese herrlichen Bilder will ich mit hinübernehmen; zusammen mit deinen Augen und deinem Lächeln. Mach‘ es mir bitte nicht schwerer als es ist. Bitte!«

Noch während des Kurzurlaubes sagte Chantal alle Termine ab. Alle. Ausnahmslos.

Gemeinsam versuchten sie, diesen Schicksalsschlag zu verdrängen; Haralds letzten Urlaub so unbeschwert wie nur irgend möglich zu gestalten. Sie machten Ausflüge, fuhren mit einem Boot hinaus auf den See, in dem sich die bunten Farben widerspiegelten. An den Abenden saßen sie vor dem Kamin und leerten sogar einige Flaschen Wein.

Sie lagen lange im Bett und streichelten sich gegenseitig. In der Nacht vor dem Rückflug flüsterte Harald:

»Lass‘ es uns versuchen. Ich möchte noch einmal deinen herrlichen Körper spüren.«

Es wurde eine zarte und wunderbare Stunde.

Chantal lag später noch sehr lange wach. Das Laken sog ihre Tränen gierig auf.

Über alle weiteren Schritte wollte sich Harald mit ihr zuhause unterhalten. Chantal nahm sich vor, immer an seiner Seite zu stehen – bis zum Schluss; koste es was es wolle. Fest stand bereits jetzt schon, dass sie Harald in die Firma begleiten musste. Diese Krankheit konnte blitzartig härtere Geschütze auffahren.

Professor Dr. Rolf Kubischek legte seine Hand auf die der Weinenden.

»Wir werden alles unternehmen, dass Herr Lambers zumindest keine Schmerzen hat. Er bekommt Gemcitabin und zusätzlich vielleicht Erlotinib. Selbstverständlich komme ich unverzüglich zu ihnen nach Hause.

Haralds Gesundheitszustand verschlechterte sich von Woche zu Woche. Parallel zu den Medikamenten hatte Chantal Marihuana und später sogar Opium besorgt.

Dank dieser „Hilfsmittel“, wie es Harald ausdrückte, war er schmerzfrei. Sie unterhielten sich vor dem Kamin und hörten Musik. Oder Chantal legte sich zu ihm in Bett, um zu kuscheln und den lächelnden Kranken zu streicheln.

Professor Rolf Kubischek war ein Pragmatiker, der die angebotenen 20 000 Euro nicht verschmähte.

An zwei Tagen in der Woche besuchte er Harald und Chantal in der Villa. Weitere Untersuchungen in der Klinik waren nicht mehr angebracht.

Am späten Nachmittag des 2. April, es war ein Montag, winkte Harald Chantal mit müden Handbewegungen heran.

Er saß auf der Couch im riesigen Salon. Seit einigen Tagen wollte er nur noch die Nacht im Bett zubringen. Sie hatten zusammen Kaffee getrunken. Essen war für Harald schwierig geworden. Er musste sich fast stündlich erbrechen.

Trotzdem lächelte er. Seine blauen Augen waren glanzlos und trübe geworden. Das runzelige Gesicht hatte eine braune Färbung angenommen.

»Komm zu mir mein Engel«, flüsterte er.

Chantal lehnte sich an seine Brust. Das liebte er. Sanft streichelte er über ihre schwarzen Haare.

»Unser schöner Weg geht zu Ende«, flüsterte er. »Ich muss mit dir sprechen, so lange das noch geht. Zunächst möchte ich mich bedanken für deine Liebe und deine Kraft, die

du in den letzten Monaten für mich aufgebracht hast.«

»Was redest du da. Das hättest du doch …«

»Bitte unterbreche mich nicht«, sagte Harald etwas lauter. Seine Stimme wurde heiser und stockender.

»Ich möchte nicht mehr leiden. Ich möchte auch nicht, dass du weiter mit mir leiden musst. Ich möchte sterben, so lange ich dich anschauen und erkennen kann. Dieses Bild will ich mit hinübernehmen. Das ist mein allergrößter Wunsch. Verspreche mir, dass du das akzeptierst und dass du nicht traurig bist. Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint. Das ist unsere letzte Stunde. Bitte lege eine CD auf. Heute ist mir nach der Moldau zumute. Sie wird mich wiegen und hinwegtragen.«

Mit Tränen in den Augen erhob sich Chantal. Eine Stimme in ihr sagte, dass sie tapfer sein musste; dass Harald jetzt keine Szene wünschte. Ihr Instinkt riet ihr, keine Fragen zu stellen. Er hatte es doch deutlich genug gesagt … dass dies ihre letzte Stunde sein würde. Sie kannte Harald nun lange genug. Er hielt sie für so intelligent, dass sie wissen musste, was er damit aussagen wollte. Es war also nicht sinnvoll, weiter zu grübeln, sich zu bemitleiden oder nur sich zu sehen. Jetzt ging es um Harald. Sie liebte ihn. Sie respektierte ihn.

»Hörst du das? Die Tropfen«, flüsterte Harald mit geschlossenen Augen, als sie sich wieder an seine Schulter gelehnt hatte. »Sie sind neugierig … auf das Leben. Hörst du das Plätschern«, murmelte er, und tastete mit seinen beiden Händen nach ihrer rechten Hand.

Seine Hände waren knochig geworden. Und sie waren kühl.

»Oh Gott. Ich liebe dich. Was mache ich jetzt ohne dich«, flüsterte er mit geschlossenen Augen.

»Da vorn ist der Wasserfall. Hörst du ihn tosen? Er ruft. Er ruft. Es war ein schönes, ein herrliches …«

Danach hörte Chantal nur noch ein letztes zufriedenes Seufzen – und die Moldau … wie sie weiter floss. Sie spürte, wie Haralds Hände kraftlos wurden.

Chantal beugte sich zu ihm hinüber, um ihm einen Kuss mitzugeben – für seine Reise.

»Du Spinner. Du Schuft. Warum lässt du mich jetzt allein?«, sagte sie leise – und weinte.

Professor Kubischek kam gegen 9.00 Uhr. Er fand eine gefasste Chantal vor. Und er war weise genug, keine Fragen zu stellen. Er sah, dass die Frau in ihrem schwarzen Kleid litt. Deshalb nahm er sie kurz und schweigend in die Arme. Erst danach ging er zur Couch. Chantal hatte eine Decke über Harald gelegt. Es sollte nicht frieren. Das Gesicht hatte sie selbstverständlich frei gelassen. Es sah aus, als wolle er sich lediglich einen kurzen Schlaf gönnen.

Nachdem der Professor seinen Handrücken kurz auf Haralds Wange gelegt hatte, setzte er sich auf einen der großen gemütlichen Sessel. Dort holte er eine kleine Mappe aus seinem Arztkoffer. Bevor er eine Frage stellen konnte, schob Chantal ihm einen braunen Umschlag über den Tisch.

»Das soll ich Ihnen geben, Herr Professor. Harald hat mich gebeten, Ihnen für Ihre Unterstützung und Begleitung noch einmal seinen Dank auszusprechen«, sagte Chantal mit belegter Stimme.

Der Professor sah zu Harald hinüber.

»Er hat mich oft beeindruckt. Auch mir wird er fehlen.«

Danach blickte er in die verweinten Augen Chantals.

»Haben Sie miteinander gesprochen, wie es jetzt weitergehen soll?«

Ein Lächeln huschte über Chantals Gesicht.

»Sie haben es ja selbst gesagt Herr Professor. Harald war nicht nur Geschäftsmann. Er war mitunter auch höchst kreativ und einfühlsam. Wir waren vor drei Wochen bei einem Bestattungsinstitut.«

Sie machte eine kurze Pause, um mit fester Stimme fortzufahren:

»Nachher wird er abgeholt, und nach Slangenburg in den Niederlanden gebracht.«

»Oh. Davon habe ich schon gehört. Ist das nicht ein bisschen kompliziert?«

Der Professor war sichtlich überrascht.

»Eigentlich nicht. Ich muss nur vier Wochen warten, bis ich die Urne abholen kann.« Chantal blickte zu Harald hinüber.

»Dann habe ich ihn immer in meiner unmittelbaren Nähe. Er selbst hat sich einen schönen Platz ausgesucht. Ja. So war er. Er überließ nur sehr wenig dem Zufall.«

Professor Kubischek starrte Chantal an.

Diese entdeckte in dessen Augen höchstes Erstaunen.

Mit Sicherheit wusste er inzwischen, welche schillernde Persönlichkeit vor ihm saß. Alles hätte er diesen beiden höchst ungewöhnlichen Personen zugetraut – nur nicht eine solche romantische Geschichte. Er rang mit den Tränen.

Plötzlich griff er hastig nach der kleinen Mappe, um sie zu öffnen.

»Ich habe die Scheine bereits ausgefüllt«, sagte er halblaut, während er seine Unterschrift unter zwei Formulare setzte.

Er vermied das Wort „Totenschein“. Ohne hochzublicken, sagte er: »Als Zeitpunkt habe ich acht Uhr heute Morgen eingesetzt.«

Er blickte Chantal fragend an.

»Ist das in Ihrem Sinne Madame Chantal?«

Es war das erste Mal, seit sie sich kannten, dass er sie so nannte.

Chantal nickte einige Male schweigend.

»So. Diesen Schein übergeben sie nachher dem Beerdigungs-Institut. Und den hier …«

»Ich weiß Herr Professor. Harald hat mich genau instruiert.«

»Was nicht anders zu erwarten war«, brummelte der Professor, während er seinen Arztkoffer schloss, und ruckartig aufstand. Für einige Sekunden stand er vor Chantal. Er blickte ihr in die Augen. Der Professor hatte dunkelbraune Augen, die nun die Frau im schwarzen Kleid und den langen schwarzen Haaren fixierten. Er schien nachzudenken, ob er diese Frau erneut in den Arm nehmen sollte oder ihr lediglich die Hand zu reichen. Er entschied sich für die Umarmung, und sagte anschließend:

»Wenn das hier alles vorbei ist, trinken wir dann einmal eine Tasse Kaffee zusammen?«

Chantal lächelte in sich hinein.

»Diese Frage kam eindeutig nicht von einem Professor, sondern von einem Mann; von Rolf Kubischek.«

»Ich habe ja Ihre Adresse Herr Professor«, antwortete Chantal mit ihrer dunklen Stimme.

»Es würde mich traurig machen, wenn wir uns aus den Augen verlieren sollten«, sagte Rolf Kubischek, während der die Villa verließ. Chantal nahm sich in dieser Sekunde vor, diesen Mann anzurufen. Später. Irgendwann.

Kapitel 10

Das Leben musste weitergehen. Und es ging auch weiter.

Der Tod von Harald Lambers sprach sich schnell herum. Chantal beugte eventuellen Anfragen vor, indem in einer Todesanzeige stand:

»Die Beerdigung findet im allerengsten Familienkreis statt. Von Beileidsbekundungen jeglicher Art bitten wir Abstand zu nehmen.«

Natürlich standen Iris und Manuela ihrer Freundin bei. Sie respektierten jedoch, dass Chantal nach Haralds Tod einige Tage der Ruhe und inneren Einkehr brauchte.

Niemals hätte Chantal sich vorstellen können, dass ihr ein Mensch so fehlen würde. Sie saß nun allein in dieser riesigen Villa, und versuchte ihr Leben zu ordnen.

War es ein Fehler gewesen, Harald nicht zu heiraten? Genau genommen spielte diese Frage nun ohnehin keine Rolle mehr. Unabhängig davon hatte sie sich eben diese Frage zuvor oft genug gestellt – und beantwortet. Nein. Harald war mit diesem Leben zufrieden gewesen. Das hatte er kurz vor seinem Tod noch einmal betont.

Aber nun fehlte er ihr. Unsäglich.

Vor allem an den Abenden saß sie allein vor dem Kamin. Die Musik stellte sie lauter als sonst. Und sie trank auch mehr Rotwein als sonst. In den ersten Nächten schlief sie auf dem Fell vor dem Kamin ein. Nein. Auf die Couch wollte sie sich nicht legen. Dort sah sie noch immer Harald liegen. Und das große Doppelbett da oben? Das war urplötzlich riesig – und leer. In ihre Wohnung im 22. Stock wollte sie auch nicht. Das hätte sie als Verrat an Harald empfunden.

Und plötzlich ging alles schnell. Kosten spielten keine Rolle. Innerhalb von drei Tagen ließ sie Isoldes Schlafzimmer räumen, tapezieren und neu einrichten. Der Verkäufer des Möbelhauses hatte sie zunächst völlig entsetzt angeschaut. Doch nachdem sie ihm zwei Fünfhundert-Euro-Scheine in die Hand gedrückt hatte, ließ er große Wunder Wirklichkeit werden.

Wie würde es jetzt weitergehen? Sie wollte sich in Arbeit ersäufen. Aber welche Arbeit? Termine wahrnehmen? Niemals. In das Unternehmen gehen? Nein. Dort würde sie erst wieder auftauchen … nach der Testamentseröffnung.

Viele Tage später lag sie lange wach, um über dieses Thema nachzudenken. Harald hatte nie darüber gesprochen, wie es weitergehen würde – nach seinem Tod. Einmal hatte er eher beiläufig erwähnt:

»Ich habe doch nur dich. Du bist mein Alles. Du bist eine starke Frau. Du ersetzt viele Männer. Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.«

So war Harald. Unendlich oft hatte er Themen indirekt und verklausuliert angesprochen. Oder gar Parabeln benutzt. Wie auch immer. Jetzt galt es abzuwarten – auf die Testamentseröffnung und auf die Urne.

Nach zwei Wochen wurde die Villa für Chantal immer stiller und erdrückender. Sich totsaufen war keine Option. Deshalb lud sie Iris und Manuela ein – in die Villa.

»Ach du Scheiße«, schrie Manuela beeindruckt, als Chantal sie durch die Villa führte.

»Wird dir das jetzt nicht ein bisschen eng in deinem Wochenendhaus?«

Die Freundinnen blieben selbstverständlich über Nacht. Kichernd lagen sie spät in der Nacht zu dritt im neuen Doppelbett.

»He. Das würde deinem Harald gefallen«, quietschte Iris.

Zuvor hatten Iris und Manuela ihre Freundin unterhalten, versucht abzulenken und sie in diese andere Welt entführt. War das noch ihre Welt? Würde sie wieder in diese Welt zurückkehren? Konnte sie das? Durfte sie das? Die Zeit würde es zeigen!

Manuela war es extrem wichtig gewesen, ihrer Freundin einen lieben Gruß von Miranda auszurichten.

»Sie hat geweint, als sie das mit Harald gehört hat«, lispelte Manuela weinschwer.

Chantal blickte ihre Freundin giftig an.

»Du dumme Pute. Warum konntest du dein Maul nicht halten.«

»Sie hat immer nach dir gefragt. Und du hast sie ja nie zurückgerufen«, jammerte die Lesbe.

»Sie hängt quer in den Seilen. Ich glaube, dass sie gravierende Probleme in ihrem Job hat. Bislang schwebte sie ja irgendwo ganz weit oben.«

Zwei Tage später saß Ferdinand, der Detektiv, im Salon der Villa.

»Madame Chantal. Sie sehen mich tief beeindruckt«, hauchte der sonst so quirlige und extravertierte Mann.

Der Nachmittag ging fließend in einen langen Abend über.

»Dieser Geschäftsführer, dieser Klaus Kunzmann, ist ein riesengroßes Schwein«, hatte Ferdinand mit seinen Ausführungen begonnen.

Und anschließend berichtete er von geldgierigen Verschwörern. Marlon Larousse aus Lyon und der Geschäftsführer von HARLAM-CHEM arbeiteten an einem großen Plan. Zwischendurch wurden Gelder verschoben. Hierbei war der Finanzvorstand Eduard Zischler nicht unbeteiligt. Larousse ließ inzwischen fast alle Produkte bei HALAM-CHEM produzieren, um die Umweltauflagen in Frankreich zu umgehen. Der Franzose bekam die Produkte fast geschenkt. Kunzmann und Zischler strichen sich die Hälfte der Gewinne ein.

»Selbstverständlich habe ich aussagefähige Unterlagen«, grinste Ferdinand. »Genug, um die beiden Spinner hinter Gittern zu bringen.«

Inzwischen war es fast Mitternacht geworden.

Chantal gab ihrem langjährigen Helfer einen Kuss auf den Mund.

»Ferdinand. Für mich bist du ein Held. Dafür lasse ich mir etwas ganz Besonderes einfallen. Versprochen«, sagte Chantal lächelnd.

Anstatt sich zu freuen, setzte der liebestolle Ferdinand eine traurige Miene auf.

Chantal nahm den schmächtigen Mann in die Arme.

»Was bedrückt dich mein Freund. Spuck es aus«, gurrte Chantal.

Ferdinand hüstelte.

»Na ja. Zu Iris traue ich mich nicht mehr so recht. Da denke ich immer nur an die Peitsche. Und Manuela, das wissen wir doch inzwischen«, schnaufte er viele Male.

»Verdammter Mist. Es ist nicht mehr so, wie es einmal war.«

Anstatt eine Antwort zu geben, begann Chantal sich langsam zu entblättern.

»Das braucht jetzt dieser arme Bursche«, kicherte sie in sich hinein. »Außerdem. Es ist schon eine Weile her, dass ich mit einem Mann geschlafen habe.«

Chantal saß, wie so oft in den letzten Tagen, auf ihrer Bank auf dem Hauptfriedhof; in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung. Diese schöne Wohnung im 22. Stock hatte sie heute seit fast zwei Monaten zum ersten Mal wieder betreten.

Das war am 14. Mai; ein Dienstag.

Die Sonne blinzelte ihr ins Gesicht. Die Amseln zogen lange Würmer aus dem lockeren Boden, um ihre erste Brut in diesem Jahr zu versorgen. Zwei Eichhörnchen verfolgten sich mit atemberaubenden Sprüngen.

Morgen hatte sie einen Termin beim Nachlassgericht.

Bereits am Nachmittag war sie mit ihrem Rechtsanwalt und mit ihrem Steuerberater verabredet.

Am Tag darauf würde sie sich eingehend mit Kai Hesselberg, dem Steuerberater, unterhalten.

Das Smartphone riss sie aus ihren Gedanken.

»Hier ist deine Miranda.« Es war eine leise und traurige Stimme. Zweifellos.

»Es freut mich wahnsinnig, deine Stimme zu hören«, flötete Chantal glaubhaft.

»Ich hätte es weiß Gott verdient, dass du mich mit einem besonders dicken Filzstift aus deiner Liste streichst.«

»Streiche das Gestern aus deinem Gedächtnis. Nur das Heute und das Morgen ist wichtig. Deshalb will ich dir hiermit zuvorkommen. Ich würde mich unendlich freuen, wenn wir uns wiedersehen könnten. Wenn du willst, komme ich gerne auch zu dir.«

»Ich will ehrlich sein mein Engel«, sagte Chantal.

»Morgen bin ich beim Nachlassgericht. Die darauffolgenden Tage habe ich Termine mit meinem Rechtsanwalt, mit meinem Notar und mit dem Steuerberater. Und anschließend muss ich mich um die Firma kümmern.«

»Die Firma?«

»Ja. Ein verdammt großer Laden. Aber das ist eine lange Geschichte. Das erzähle ich dir, wenn wir uns treffen.«

»Herrjeh. Jetzt kann ich dich ein bisschen verstehen.«

Die sonst so selbstbewusste Frau seufzte vernehmlich.

»Im Moment sitze ich hier auf einer sonnigen Bank«, lachte Chantal und fuhr fort:

»Manuela hat angedeutet, dass du einige Probleme hast. Darüber zu sprechen sollten wir nicht auf irgendwann verschieben. Willst du mir ansatzweise sagen, worum es sich dreht? Komm. Wir sind doch Freundinnen. Oder nicht?«

»Ja. Selbstverständlich sind wir das. Ich liebe dich sogar. Das weißt du doch.« Sie begann

zu kichern: »Ich habe meinen Brief mit deinen Lippen noch immer auf dem Tisch stehen.«

»Mein Gott. Was sind wir für verrückte Hühner. Also. Was ist los?«

»Sie haben mich gefeuert. Ich habe mich zäh nach oben gearbeitet; in einer Männerwelt. Und diese Männerwelt hat mich jetzt ausgespuckt. Na ja. Selbstverständlich mit einer ordentlichen Abfindung.« Sie lachte und weinte gleichzeitig. »Eine völlig neue Erfahrung. Eigentlich war es bislang meine Arbeit, Leute zu feuern. Was für ein Wahnsinn.«

Einige Sekunden war es still in der Leitung.

»Ich werde darüber nachdenken«, sagte Chantal leise.

»Wie soll ich das denn jetzt verstehen?!«

»Sei lieb«, lachte Chantal.

»Auch Edelhuren müssen ab und zu nachdenken. Sie können vielleicht sogar gute Ideen haben.«

»Ich weiß jetzt nicht, ob ich jetzt beleidigt sein soll. Verdammt. Du bist eine äußerst geheimnisvolle Hure. Aber ich liebe dich. Ach mein Gott, warum muss ich ausgerechnet dich lieben?«

Plötzlich war die Leitung tot.

Frau Dr. Amanda Hinderer musterte Chantal über ihre schmale Brille hinweg. Sie war alles andere als eine Sympathieträgerin. Typ alte, ausgetrocknete und giftige Jungfer, dachte Chantal.

»Sie sind ohne Begleitung hier?«, fragte sie. Die Stimme passte zu ihrer Erscheinung.

»Nein. Draußen sitzen mein Rechtsanwalt und mein Notar.«

»Notar? Welcher Notar?«

»Herr Kurt Hochländer.«

»Oh. Das ist gut zu wissen. Dieses Testament ist äußerst komplex. Es umfänglich zu bewerten, wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Das mir vorliegende Testament wurde vom Notariat Hochländer an das Nachlassgericht weitergeleitet. Ist Ihnen das bekannt?«

»Ich bin davon ausgegangen.«

»Zunächst kurz zu Ihrer Person. Sie waren mit dem Erblasser Herrn Harald Lambers weder verheiratet noch verlobt. Ist das richtig?«

»Ja.«

»Sie haben jedoch zusammengelebt?«

»Ich habe kein Jura studiert. Ist diese Frage erheblich für diesen Termin?«, antwortete Chantal mit einem bitteren Lächeln.

»Oh. Wie Sie wünschen. Dann ziehe ich diese Frage zurück.«

»Danke.«

»Wie ich aus Ihren Unterlagen entnehme, sind Sie berufstätig.«

Chantal stand wortlos auf, und steuerte dem Ausgang des Büros zu.

Die alte Jungfer schnellte aus ihrem Bürosessel.

»Hallo. Frau Mauriac. Was soll das denn jetzt?!«

Chantal riss die Bürotür auf und rief nach draußen:

»Herr Doktor Pausch. Herr Hochländer. Ich brauche sie!«

Noch während die beiden Männer das Büro betraten, sagte Chantal mit giftiger Mimik:

»Sagen Sie dieser Dame, dass ich nicht im Traum daran denke, Fragen aus meinem Privatleben zu beantworten. Was hat das hier zur Sache, ob ich berufstätig bin, und welchem Beruf ich nachgehe? Was soll diese Scheiße?«

Nachdem der Rechtsanwalt Dr. Pausch eher beiläufig einfließen ließ, dass er jede Woche mit einigen Herren, auch mit Herrn Haberland, Golf zu spielen pflegt, wurde Frau Dr. Hinderer urplötzlich blass. Natürlich kannte sie diese Herren. Dieser Herr Haberland entschied sogar über ihre weitere berufliche Zukunft.

Mit verbissener Mine entschuldigte sich Frau Dr. Hinderer bei Chantal.

»Warum ist Haralds Sohn, ich glaube er heißt Edward, heute nicht hier?«, flüsterte Chantal halblaut.

»Darf ich diese Frage beantworten Frau Dr. Hinderer?«, sagte der Rechtsanwalt.

»Selbstverständlich. Aber darauf hätte ich zu einem späteren Zeitpunkt ohnehin Bezug genommen«, sagte die sichtlich eingeschüchterte Rechtspflegerin leise.

»Isolde konnte noch nie mit Geld umgehen. Edward wollte offensichtlich alle Rekorde brechen. Obwohl er mit seinem Vater nichts mehr zu tun haben wollte, stand er eines Tages vor Haralds Tür. Er war bis über die Ohren verschuldet. Seine Mutter konnte oder wollte ihm nicht mehr helfen. Damals war Haralds Firma noch nicht so groß wie heute. Ich habe ihm vorgeschlagen, Nägel mit Köpfen zu machen. Edward hat einen größeren Betrag bekommen, der seine Schulden abdeckte. Im Gegenzug haben wir ihn höflich gebeten, selbstverständlich notariell beglaubigt, auf seinen Pflichtteil zu verzichten.«

»Oh Gott«, entfuhr es Chantal.

»Demnach ist es wahrscheinlich keine gute Idee, Isolde und Edward in nächster Zeit über den Weg zu laufen.«

Dr. Pausch und der Notar schmunzelten.

Frau Dr. Hinderer entschied sich für ein Pokerface, und begann mit der Verlesung.

Harald hatte Chantal als Alleinerbin eingesetzt. Und das bedeutete:

Die Villa, in der sie zusammengewohnt hatten. Weitere vier Häuser in Frankfurt.

Die Firma HARLAM-CHEM. Eine fünfundzwanzigprozentige Beteiligung am Unternehmen LYONLA von Marlon Larousse in Lyon. Ein Aktienpaket, Kurswert 2,2 Millionen Euro sowie zwei Konten mit einem gegenwärtigen Kontostand von 650 0000 Euro.

Ausgeklammert hatte das Nachlassgericht zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Beteiligung am riesigen Unternehmen LIN-CHIN im chinesischen Tianjin. Trotz vielfacher Anfragen lägen noch keine aussagefähigen Unterlagen vor.

»Das regle ich mit Herrn Lin-Lin in aller Freundschaft«, flocht Chantal ein.

»Gehen Sie davon aus, dass diese Unterlagen in spätestens einer Woche vorliegen.«

Dr. Pausch und der Notar blickten sich fragend an.

Kapitel 11

Selbstverständlich freute sich Mister Lin-Lin aus Tianjin darauf, Chantal wieder einmal zu sehen. Und natürlich bedauerte er außerordentlich den Tod des geschätzten Harald.

»Wie geht es jetzt weiter?«, wollte er mit seiner hellen Stimme wissen.

»Genau darüber will ich mit meinem chinesischen Schlitzohr sprechen«, lachte Chantal.

»Aber nix nua splechen«, kicherte der Chinese. Er hatte inzwischen Deutsch-Unterricht genommen, und konnte sich ganz passabel in deutscher Sprache unterhalten. Darauf war er stolz.

»Achtung mein gelber Freund. Das ist jetzt sehr wichtig! Warum habt ihr die Anfragen aus Deutschland nicht beantwortet? Du bringst das in den nächsten Tagen in Ordnung. Ansonsten darfst du gleich wieder nach Tianjin zurückfliegen. Haben wir uns verstanden?!«

Nach einigen Sekunden war zunächst ein leises „Oh“ zu hören. Chantals Worte waren für den Chinesen höchst ungewohnt. Eine solche Wortwahl, und noch dazu in dieser Tonlage, hätte er dieser Frau niemals zugetraut. Dazu wäre der geschätzte Harald niemals fähig gewesen. In den weiteren Sekunden der Stille dachte er wohl über die Beteiligung von fünfundzwanzig Prozent und mit Sicherheit auch an die schönen Nächte mit dieser Frau nach. Denn er krächzte kleinlaut in Englisch:

»Yes. I’ll do it immediately.«

»In Ordnung«, lachte Chantal. »Dann darfst du kommen. Aber nur, wenn du genug Kraft mitbringst. Wir werden zwei Nächte in meinem Haus im Odenwald übernachten.«

»Odenwald?«

»Yes. Big forest. No one around.«

»Oh. Das viel spannend«, kicherte Mister Lin-Lin, und legte auf.

Zwei Tage später, der chinesische Unternehmer hatte es sehr eilig, holte Chantal den fröhlich grinsenden Mann am Frankfurter Flughafen ab. Dr. Ewald Pausch hatte einen Tag zuvor äußerst beeindruckt mitgeteilt, dass die Unterlagen aus China eingetroffen seien.

Als sie vor der alleinstehenden stattlichen Villa standen, war der Besucher beeindruckt. Hier in dieser Einöde würde er zwei Tage mit dieser attraktiven Frau verbringen?!

Mister Lin-Lin hatte aus seiner Sicht viel Kraft mitgebracht. Zumindest wurde Chantal nicht müde, den chinesischen Unternehmer zu loben und mit vielen bunten Komplimenten

zu überschütten. Dafür durfte sie ihn ab sofort Tao nennen.

Tao konnte sich an Chantal nicht sattsehen. Mit breitem und zufriedenen Grinsen streichelte er die herrlichen Brüste seiner deutschen Gespielin. Er war vernarrt in diese festen Rundungen.

»Tao. Ich habe ein kleines Problem«, flüsterte Chantal und schloss hierbei ihre Augen.

»Es gibt keine Probleme, die man nicht lösen kann. Man muss nur seinen Instinkten folgen.«

»Mein Verstand sagt, dass du schon reich genug bist«, seufzte die Frau mit den schönen Brüsten. »Aber mein Instinkt sagt mir, dass du mit meinen Entscheidungen vielleicht nicht ganz glücklich sein könntest.«

Diese Sätze hatten den Jagdinstinkt des Chinesen geweckt. Fast ruckartig setzte er sich im Bett auf.

»Man kann nie reich genug sein. Vielleicht kann ich dir bei deinen Entscheidungen behilflich sein.«

Chantal lächelte in sich hinein.

»Nun ja. Zwei Unternehmen haben mir einen stattlichen Preis für HARLAM-CHEM geboten. Wie du weißt, habe ich nun auch einen Anteil an der Firma von Larousse in Frankreich geerbt. Und ich brauche zusätzlich deinen Rat, was ich mit meinem Anteil an deinem Unternehmen machen soll.«

»Wir sind doch Freunde«, sagte der Chinese. »Sage mir deinen Preis. Ich vertraue dir.«

Chantal überlegte einige Sekunden. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie noch immer nackt war. Deshalb setzte sie ein aufreizendes Lächeln auf, spreizte ihre Beine, und lachte:

»Deine Chantal ist noch hungrig. Das hier ist eigentlich kein Platz, um über Geschäfte zu sprechen.«

Am anderen Vormittag machten sie einen Spaziergang durch den frühlingshaften Odenwald. Anschließend bummelten sie durch Michelstadt. Als Chantal sagte, dass es noch viele solcher Städte in Deutschland geben würde, versprach der beeindruckte Chinese, sie so bald wie möglich wieder zu besuchen.

Irgendwann in der Nacht bestand Tao darauf, noch einmal über die Geschäfte zu sprechen zu wollen. Chantal verstand diesen dezenten Hinweis. Ihr Opfer brauchte offensichtlich eine Verschnaufpause.

»Ich habe mir das alles noch einmal überlegt«, kam Chantal dem schnaufenden Chinesen zuvor.

»Es wäre doch schade, wenn ich alles verkaufen würde.«

Tao wartete sichtlich gespannt auf den nächsten Satz seiner Partnerin.

»Dann würden wir uns höchstwahrscheinlich irgendwann aus den Augen verlieren.«

Zitternd streichelte Tao über Chantals Hand.

»Bei allen Göttern. Das darf natürlich nicht passieren.«

Sekunden später grinste er Chantal schelmisch an.

»Wie ich dich inzwischen einschätze, bist du eine weitaus härtere Verhandlungspartnerin als es mein geschätzter Freund Harald war. Oh, ich vermisse plötzlich meinen Freund.«

Fast blitzartig griff er nach dem Kopfkissen und presste es theatralisch an seine Brust; einem Schutzschild gleich.

»Mach‘ es nicht so teuer. Ich bin ein armer Chinese«, grinste er mit aufgerissenen Augen.

»Was hältst du davon? Ich halte weiterhin die Anteile in China. Das wäre doch dumm von mir. Ich habe mir die Wachstumsraten von LIN-CHIN geben lassen.«

Der Chinese klopfte auf sein weiches Schutzschild.

»Du bist eine sehr kluge Frau. Leider bin ich schon verheiratet.«

»Dein Glück«, kicherte Chantal. »Stell‘ dir einmal vor, ich würde dich jeden Tag in mein Bett holen – und das über Monate und Jahre.«

»Das wäre eine dramatisch-verlockende Idee.« Mister Lin-Lin presste seine Luft mehrere Male hörbar zwischen seine geschlossenen Lippen hindurch.

»Okay. Bleiben wir beim Geschäft. Du kaufst HARLAM-CHEM. Ich sorge dafür, dass du auch das französische Unternehmen bekommst. Auf diese Weise hast du Zugriff auf den gesamten europäischen Markt. An beiden Unternehmen will ich ebenfalls mit fünfundzwanzig Prozent beteiligt sein.«

»Du bist eine gefährliche und geschäftstüchtige Frau«, antwortete Tao tief schnaufend. »Aber dieser Larousse?« Er zuckte mit den Schultern. »In Deutschland habt ihr einen interessanten Begriff dafür. Dieser Mann ist eine harte Nut.«

Chantal spitzte mit einem vielsagenden Lächeln ihre Lippen.

»Das werde ich in die Hand nehmen. Ich werde diese Nuss einfach zerquetschen. Du wirst das Geräusch bis nach China hören.«

Tao riss mit einem dumpfen »Oh« seine Augen auf.

Danach entstand eine knisternde Stille im Raum.

Bei den folgenden Sätzen wollte der Chinese allem Anschein nach keinen Augenkontakt haben:

»Dann würde ich es sehr begrüßen, wenn du den Aufsichtsratsvorsitz dieser beiden Firmen übernimmst. Aber … bei einem Unternehmen in China geht das natürlich nicht so einfach. Hier schlage ich dir eine beratende Funktion vor, wie man in Deutschland zu sagen pflegt.«

Chantal schlang ihre Beine um den Körper des plötzlich müde wirkenden Mannes und gab ihm einen herzhaften Kuss.

»Das klingt verlockend. Das werde ich mir genau überlegen, du gelbes Schlitzohr.«

Bereits zwei Tage später saßen vier Gäste im großen Salon der Villa, dessen Besitzerin nun offiziell Chantal war: der Rechtsanwalt Dr. Ewald Pausch, der Notar Kurt Hochländer, der Steuerberater Kai Hesselberg sowie Ferdinand Papenburg, der Privatdetektiv.

Vor allem Dr. Pausch blickte Chantal ab und zu mit offenem Mund an.

Diese Frau ist um Galaxien intelligenter, als er das bislang angenommen hatte. Sie ist mehr als das. Sie ist sogar gerissen und verschlagen; eine kleine Teufelin.

»Du lieber Himmel. Harald würde weinen und wäre stolz, wenn er Sie jetzt hören und sehen könnte«, stammelte er nach einigen Stunden.

Chantal klopfte lachend auf den Unterarm des Anwalts.

»Was meinen Sie, warum wir diese Besprechung heute hier abhalten? Harald ist unter uns. Er hat uns die ganze Zeit zugehört.«

Sekunden später verfinsterte sich ihre Mine, als sie fauchte:

»Das bin ich Harald schuldig. Wir werden gemeinsam diese Schweine schlachten, und das Fleisch auf einen Abfallhaufen werfen.«

Während sich Ferdinand und der Anwalt über die Wortwahl der Kampfeslustigen zu amüsieren schienen, blickten sich Hochländer und Hesselberg entsetzt an.

Zwei weitere Tage später hatte sich die gleiche Crew im Konferenzraum von HARLAM-CHEM verabredet.

Am großen Konferenztisch saßen der Geschäftsführer Klaus Kunzmann, der Finanzvorstand Eduard Zischler sowie ein grinsender und offensichtlich selbstzufriedener Marlon Larousse aus Lyon.

Die Herren hatten zunächst Chantal nicht erkannt. Hier ging es um Geschäfte. Heute sollte in diesem Raum eine Schlacht stattfinden. Deshalb hielt sie es für stilgerecht, in einem gestreiften Hosenanzug und einer strengen Hochfrisur zu erscheinen.

Chantal hasste den Geschäftsführer Klaus Kunzmann von der ersten Sekunde an. Sie blickte ihm in die Augen. Darin sah sie einen Anflug von Respekt. Aber auch abgrundtiefe Verschlagenheit.

Was hatte sich Harald dabei gedacht, dieses Wesen zum Geschäftsführer zu machen? Haralds Worte in Kanada klangen ihr immer noch in den Ohren.

Genau genommen war dieses Schwein Schuld daran, dass Harald Überstunden gemacht hatte.

Ferdinand durfte zwei weitere Detektive hinzuziehen. Einen von ihnen, es war ein Finanz-Genie, schleuste Chantal in das Unternehmen ein. Sie tarnte es als einen Freundschaftsdienst für einen Verwandten. Hannes Kursawe war zudem schauspielerisch begabt. Er spielte seine Rolle als unbedarftes und wenig selbstsicheres Wesen hervorragend. Kunzmann schickte ihn von Abteilung zu Abteilung; immer in der Hoffnung, dass dieser dumme Kerl von sich aus die Segel streichen würde.

Chantal stellte zunächst die anwesenden Herren vor. Ferdinand hatte sie für den Schluss aufgehoben.

»Diesen Herrn kennen Sie zwar noch nicht persönlich. Dafür kennt er Sie besser, als Sie sich selbst. Das ist mein langjähriger Freund Ferdinand Papenburg, ein äußerst versierter und ideenreicher Privatdetektiv. Er und seine beiden Kollegen haben Sie seit einigen Monaten unter die Lupe genommen. Einen von seinen Freunden kennen sie recht gut. Es ist Hannes Kursawe.«

Kunzmann und Zischler blickten sich mit großen Augen an. Larousse sprang so rasch und energisch auf, dass sein Ledersessel krachend nach hinten wegkippte.

Er schrie mit hochrotem Kopf:

»Merde. Du billige Nutte. Das werde ich mir nicht länger anhören!«

»Monsieur Larousse. Setzen! Sofort!«, sagte Chantal.

Ihre dunkle Stimme klang, wie die einer strafenden Lehrerin.

Dazu passte ihre Mimik und ihr Zeigefinger, der auf den umgestürzten Stuhl deutete.

»Wenn Sie diesen Raum verlassen, wird in spätestens zwei Wochen in den französischen Zeitungen zu lesen sein, dass das Unternehmen LYONLA Insolvenz angemeldet hat und der Mitinhaber und Geschäftsführer in Untersuchungshaft sitzt. Compris?!«

Larousse stand einige Sekunden wie versteinert. Mit blassem Gesicht, das einer Totenmaske ähnelte, richtete er den Sessel wieder auf und nahm am Konferenztisch Platz.

»Ich warte!«, sagte Chantal laut und drohend.

Der Franzose zuckend mit den Schultern.

»Auf eine Entschuldigung selbstverständlich!«

»Je vous demande«, quetschte Larousse zwischen seinen Lippen hervor, ohne aufzublicken.

»Auf Deutsch bitte. Jeder hier im Raum soll es schließlich auch verstehen!«

Stille entstand im Raum. Man hätte eine Stecknadel fallen hören.

»Ich bitte um Entschuldigung«, entschied sich der Franzose. Doch dieses Mal blickte er Chantal in die Augen.

»Bon. Gut. Dann lassen Sie uns beginnen meine Herren«, sagte Chantal, und blickte Klaus Kunzmann, Eduard Zischler und Marlon Larousse der Reihe nach in die Augen. Hier, an diesem Konferenztisch, saß schon seit vielen Minuten nicht mehr die Edel-Nutte. Hier saß Chantal Mauriac; die harte, rachsüchtige und zielstrebige Unternehmerin.

Am Ende dieses sehr langen Tages unterzeichneten Klaus Kunzmann und Eduard Zischler einen Aufhebungsvertrag – mit sofortiger Wirkung. Darüber hinaus verpflichteten sie sich, 100 000 Euro auf ein Konto zu überweisen. Im Gegenzug verzichtete Chantal auf eine Anzeige, die zu einer hässlichen Untersuchung geführt hätte; dies mit der Folge, dass die beiden Herren als vorbestraft gegolten hätten. Danach konnten die beiden Männer den Raum verlassen. Ihr Büro durften sie nicht mehr betreten.

Ferdinand Papenburg kannte die Geschichte zwischen Chantal und Marlon Larousse. Damals, als sie Harald unterstützen wollte, dachte sie leichtes Spiel, mit dem athletisch gebauten Larousse zu haben. Doch da hatte sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben geirrt; sogar schwer geirrt. So fühlt es sich an, wenn eine arme Frau vergewaltigt wurde, dachte sie damals. Und sie war sich dessen sicher: Dieser Mann hatte schon vielen Frauen das Grausen gelehrt. Es war auch das erste Mal in ihrem Leben, dass sie nach diesem „Beisammensein“ weinte und Frauen verstehen konnte, die solchen Männern ein Messer zwischen die Rippen rammten. Das Allerschlimmste war, dass sie danach zwei Mal an einem Geschäftsessen mit diesem Mann und Harald teilnahm – und gute Miene zum bösen Spiel machen musste. Harald durfte dieses böse Geheimnis niemals erfahren. Er weinte damals vor Freude über den riesigen Erstauftrag.

Chantals offene Beichte waren für den Detektiv ein ganz besonderer Anreiz, sich wie eine Klette an Larousse zu kleben und alles daran zu setzen, so viel belastendes Material wie nur irgend möglich zusammen zu tragen.

Bereits nach zehn Minuten brach Larousse unter dieser Last in sich zusammen. Er wusste, dass er nicht die leiseste Chance hatte.

Dieser Mann hatte Harald schändlich hintergangen. Der Schaden bei HARLAM-CHEM war im Laufe der Jahre beträchtlich. Der Gutgläubigkeit von Harald war es zuzuschreiben gewesen, dass sich einige Männer bereichert hatten. Aber vor allem in Frankreich hätten die Unterlagen dazu geführt, dass LYONLA in sich zusammengebrochen wäre; dass Larousse auch Privatinsolvenz hätte anmelden müssen; unabhängig von diversen Gerichtsverfahren.

Chantal wollte eine rasche Abwicklung. Dieses erbärmliche Wesen durfte seine Villa und sein Privatvermögen behalten. Dafür würde sie für LYONLA bzw. für die 75 Prozent Anteile keinen Cent bezahlen. Notar Hochländer zog einen Einigungs-Vertrag aus seiner dünnen Aktentasche. Der blasse Hüne Marlon Larousse setzte mit Tränen in den Augen seine Unterschrift unter die Dokumente. Er unterschrieb auch, alles daran zu setzen, dass die Kunden in Frankreich, Spanien, Italien und in den Niederlanden erhalten blieben. Sollten in den kommenden Monaten zehn Prozent der Kunden, aus welchen Gründen auch immer, abspringen oder abwandern, wäre die Vereinbarung hinfällig. Dann würde auch sein Privatvermögen dahinschmelzen.

Als Larousse mit hängenden Schultern seine Augen schloss, und glaubte, dass der Kelch an ihm vorübergegangen war, drehte sich Chantal noch einmal um und sagte lächelnd:

»Ach ja. Dieses Ferienhaus in der Camargue. Das brauche ich zum Ausspannen.«

An dieser Stelle bekam Larousse zuerst einen Schreikrampf, dem ein Weinkrampf folgte. Selbstverständlich hatte Kurt Hochländer auch hierfür einen Vertrag vorbereitet.

Zwei weitere Verträge wurden an diesem Abend unterzeichnet; mit den Nachfolgern von Klaus Kunzmann und Eduard Zischler. Sie kamen aus den eigenen Reihen. Ferdinand Papenburg hatte sie auf Herz und Nieren überprüft und vorgeschlagen.

Wenige Tage später flog Chantal mit ihren Beratern nach Tianjin.

Tao Lin-Lin starrte die Frau ungläubig an, deren Brüste er vor knapp einer Woche genüsslich gestreichelt hatte.

»Wie hast du denn das so schnell geschafft?«, stammelte er einige Male.

Vor allem Notar Kurt Hochländer, er hatte schon viele Konzernlenker nach China begleitet, verstand die Welt nicht mehr, wie schnell und geräuschlos die Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen abgewickelt werden konnten. Als er sah, wie der schmächtige Chinese im Flur zu den Toiletten fast andächtig Chantals Brüste streichelte, war für ihn die Welt wieder in Ordnung. Allerdings dachte er:

»Ach du lieber Himmel. Diese Frau möchte ich nicht zum Gegner haben.«

Später hörte er zufällig, wie Mister Lin-Lin Chantal leise fragte:

»Hast du dir die Sache mit der Aufsichtsratsposition überlegt?«

»Noch zwei Wochen du Schlitzohr. Ich habe vielleicht eine bessere Idee. Denke doch einmal nach. Was fängst du schon mit einer gestressten und abgekämpften Chantal an?«

Und er sah, wie der Chinese die Hände faltete, nach oben blickte und grinsend flüsterte:

»Oh ihr Götter. Ihr solltet einmal überprüfen, ob es sich bei dieser Frau tatsächlich um ein menschliches Wesen handelt.«

Kapitel 12

Darauf hatte sich Chantal schon einige Wochen gefreut.

Nach Taunusstein wollte sie dieses Mal nicht fahren. Miranda sollte zu ihr in die Villa kommen.

Chantal lächelte über ihre total verrückte Idee. Noch einmal ließ sie ihr neues Schlafzimmer entrümpeln. Bevor sie damals nach dem Frühstück das Haus in Taunusstein verließ, hatte sie mit ihrem Smartphone viele Aufnahmen von der Inneneinrichtung des Hauses gemacht; selbstverständlich auch vom Schlafzimmer von Frau Dr. Miranda Meinhard. Ihr neues Schlafzimmer und das Bad mussten denen von Miranda ähneln; quasi wie eine Kopie sein. Sie sollte sich wohl und heimisch fühlen. Auch die Toilette und den in die Jahre gekommenen Whirl-Pool hatte sie erneuern lassen. Im Grunde genommen war dies kostenneutral. Dieser ekelhafte Kunzmann und der Finanzvorstand Zischler waren für diese Kosten aufgekommen; indirekt natürlich.

»Das ist der verrückteste Auftrag meines Lebens«, hatte Ferdinand vor Wochen gesagt.

»Sind sie ganz sicher, dass es nicht an der Zeit wäre, sich in sorgende Hände zu begeben?«, hatte er lachend hinzugefügt.

»Es ist herrlich, sich ab und zu einen Spleen leisten zu können, vor dem man selbst ein bisschen erschrickt«, hatte Chantal geantwortet.

Warum sie wegen einer Frau einen solchen Aufwand betrieb, konnte sie sich nicht beantworten. Irgendwann wischt sie auch alle diese Fragen beiseite. Sie wischte auch die wichtigste Frage beiseite - wie es weitergehen sollte.

Moosbacher, der Rendezvous-Geschäftsführer, hatte sie bis auf Weiteres von seiner Liste gestrichen; unter lautem Protest. War es ein gutes Gefühl reich zu sein? Ja. Fraglos. Aber es machte auch irgendwie satt. Das herrliche Knistern fehlte ihr. Neue Männer, auf die sie sich einzustellen hatte. Stammkunden, die sich auf sie freuten. All das war in den letzten Jahren herrlich gewesen. Sie hatte guten Sex und viele neue Impressionen. Nur Harald fehlte ihr, jeden Tag. Wenn sie aufwachte, dachte sie an ihn. Und wenn sie allein in diesem großen Bett lag, hatte sie das Gefühl, als läge er noch neben ihr.

Seit zwei Wochen dachte sie zunehmend an eine Frau. Gestern hatte sie Miranda angerufen – und sie eingeladen; in ihre Villa nach Frankfurt.

Sie flatterte heran wie ein Schmetterling. Sie trug ein luftiges und buntes Chiffonkleid.

Sie wirkte im ersten Moment wie zwanzig; höchstens fünfundzwanzig – aus der Ferne. Doch als sie sich, mit kleinen Tränen in den Augen und ein wenig zitternd, von Chantal in die Arme nehmen ließ, war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die selbstsichere Managerin war verschwunden; wie ausgelöscht.

Als sie in der riesigen Halle der Villa stand, und den gigantischen Salon sah, so drückte sie es zumindest aus, sackte sie erst recht in sich zusammen. Chantal führte Regie. An ihrem Drehbuch für diesen Nachmittag bis tief in die Nacht hinein hatte sie viele Nächte geschrieben.

Sie führte den traurigen Schmetterling durch alle Räume der Villa. Mit einem Seufzer zeigte sie ihrem Gast das Schlafzimmer, worin Haralds Geist noch wohnte. Und dann, ganz zum Schluss öffnete sie das danebenliegende Schlafzimmer.

»Du meine Güte. Ich glaube ich spinne«, schrie Miranda auf. »Das, das ist mein Schlafzimmer! Da stimmt jedes Fitzelchen. Wie konntest du dich so genau daran erinnern?«

Und dann … plötzlich … blickte sie auf dieses riesige Bild an der Wand. Sie blickte in ihr Spiegelbild.

»Oh Gott, oh Gott!« Sie hielt sich ihre Hände vor ihren geöffneten Mund; die Augen weit aufgerissen.

»Woher hast du diese Aufnahme?! Es ist eine verdammt gute Aufnahme.«

Doch dann stutzte sie.

»Ach du Scheiße! Diese Aufnahme wurde in meinem Schlafzimmer gemacht. Wie ist so etwas möglich?«

Chantal nahm die völlig Fassungslose in die Arme.

»Selbst, wenn ich in China war - du hattest die ganze Zeit einen Schutzengel. Das warst du mir wert. Okay. Er hatte auch die Aufgabe, eine Aufnahme von dir zu machen. Ich wollte dich in meiner Nähe haben. Ist das schlimm?«

Das war zu viel für die Ex-Managerin. Chantal konnte sie auffangen und auf das Bett gleiten lassen.

Nein. Chantal hatte in diesem Moment kein schlechtes Gewissen. Sie hatte sogar ein bisschen mit dieser Szene gerechnet. Miranda ging es ähnlich, wir ihr damals, als Harald ihr den Schlüssel der Wohnung im 22. Stock in die Hände drückte. Diese Szene gehörte zu ihrem Drehbuch; war mit einkalkuliert.

Wie in Trance legte sie sich neben die Ohnmächtige. Sie streichelte sanft über ihre Haare, über ihre Wangen, ihren Hals und noch sanfter über ihre Brüste.

Erst nach vielen Minuten, Chantal ließ sich Zeit, öffnete Miranda langsam die Augen. Sie fühlte die sanften Berührungen – und schien es mit offenem Mund zu genießen.

Doch plötzlich schnellte sie vom Bett hoch und schrie:

»Du bist ein Biest! Du bist blemm blemm! Du hast einen schweren Hau weg!«

Danach warf sie sich auf die noch Liegende, um sie zu küssen, und dazwischen fast atemlos zu jauchzen: »Ich liebe dich. Ich liebe dich. Verdammt! Ich liebe dich.«

Chantal löste sich von ihr, sprang aus dem Bett und zog die Weinende und gleichzeitig Lachende hoch und führte sie nach draußen.

»Komm. Ich muss dir noch etwas zeigen«, kicherte sie.

Sie klang plötzlich wie ein kleines Mädchen.

Mit einem Ruck öffnete sie die Tür des Badezimmers.

Miranda schrie erneut:

»Himmel hilf. Das ist mein Badezimmer. Da stimmt jede kleinste Kleinigkeit. Ich glaub‘, ich dreh‘ durch.«

Spätestens an dieser Stelle verlor die Besucherin ihre Contenance.

Begleitet von einem Weinkrampf sank sie auf die Knie und klammerte sich um Chantals Beine; wie an den Mast eines sinkenden Schiffes. Und spätestens an dieser Stelle machte sich Chantal Vorwürfe, es mit ihrem Drehbuch eine Spur übertrieben zu haben.

Vorsichtig beugte sie sich zur fast hysterisch Weinenden hinunter.

»Soll ich einen Arzt holen? Oder gehen wir zusammen in den Whirl-Pool«, sagte sie mit fester Stimme.

In irgendeinem Psycho-Schmöker hatte sie gelesen, dass es in einer solchen Situation kontraproduktiv gewesen wäre, leise und bemitleidenswerte Töne anzuschlagen. Laute Worte. Hoffnung machen. Ein Ziel vor Augen projizieren, stand in diesem Schmöker.

Fast schlagartig blickten die verweinten Augen zur Rettenden nach oben.

»Oh ja. Ein Whirl-Pool wäre jetzt toll.«, lachte sie.

Und während sie sich mit dem Handrücken die Tränen von der Wange strich, fügte sie hinzu: »Und ein Gin-Tonic.«

Chantal half Miranda aus ihren Kleidern. Hierbei küsste sie die noch immer leicht Zitternde auf ihre kleinen Brüste und ihren Bauch.

»Das riecht hier alles neu«, flüsterte die Besucherin mit geschlossenen Augen.

»Ist es auch. Wurde erst vor vierzehn Tagen installiert. Das ist alles noch jungfräulich.«

»Du scheinst es ja zu haben«, schmollte Miranda.

»Stimmt. Im Moment wird es mir selbst ein wenig unheimlich.«

Im Whirl-Pool setzte sich Chantal auf die Oberschenkel von Miranda und nahm sie in die Arme. Ihre flachen Bäuche und ihre Brüste berührten sich. So saßen sie lange; viele kleine Unendlichkeiten. Sie genossen die wohlige Wärme, die sanfte Nähe, das schwere Schlagen ihrer Herzen und das herrliche Blubbern des Wassers.

Danach spazierten sie nackt durch den Garten.

Es war ein sonniger und warmer Juni-Tag.

Chantal lachte, als Miranda von einer Statue zur anderen ging, um sie zu streicheln.

»Das ist einmalig hier. Warum lachst du?«

»Weil ich hier am ersten Tag fast genau das Gleiche getan habe. Es war dunkel damals. Harald hatte das Flutlicht eingeschaltet und darüber gelacht, dass ich erpicht darauf war, jeder einzelnen Statue und Figur einen Kuss zu geben.«

Miranda nahm ihre Freundin in die Arme.

»Wir haben nie darüber sprechen können. Du besuchst sein Grab sicher sehr oft.«

»Das brauche ich nicht.«

»Nicht?! Aber du hast ihn doch geliebt. Sehr sogar, wie ich hörte.«

»Weil ich ihn immer in meiner Nähe haben wollte. Du stehst genau vor ihm.«

Miranda, die gerade vor einer großen und lachenden Buddha-Statue stand, blickte sich mit entsetzter Mine fragend um.

Chantals Hand tastete sich an Miranda vorbei, um den Bauch des Buddhas zu streicheln.

»Da drin ist seine Urne. Er ist immer bei mir. Vielleicht, wer weiß das schon, beobachtet er uns gerade. Falls ja, hoffe ich, dass ihm das gefällt, was er sieht.«

Ihr leises Lachen ging in ein Kichern über, als sie sah, wie Miranda mit erstarrter Mine einige Meter zur Seite wich.

»Du lieber Himmel. Wie viele Überraschungen hast du denn heute noch auf Lager?!«

»Wer weiß. Wer weiß. Der Tag, der Abend und die Nacht sind ja noch lange.«

Miranda hakte sich bei ihrer exzentrischen Geliebten unter, und zog sie in Richtung Villa.

»Ich habe plötzlich Hunger. Immer wenn ich mich erschrecke, brauche ich etwas zum Essen. Meine Eltern haben bereits über diese seltsame Marotte gelacht.«

Im Haus war es kühl. Chantal hatte zwei Bademäntel bereitgelegt.

Kurz vor Mirandas Ankunft hatte ein Chinese eine große Warmhalte-Box mit verschiedenen Speisen gebracht.

Die beiden Frauen nahmen auf der großen Terrasse Platz, und blickten auf die Garten-Anlage. Sie genossen einen Moselwein. Aus dem Haus drang ausnahmsweise schwungvolle Musik, und in den Gärten der umliegenden Villen lärmten die Vögel.

»Das hier ist der Himmel auf Erden«, sagte Miranda mit einem halbvollen Weinglas in der Hand.

»Du kannst doch mit deinem Palast in Taunusstein auch zufrieden sein.«

Miranda leerte ihr Glas, um anschließend sofort wieder nachzuschenken.

»Meine Reserven reichen bis Jahresende. Spätestens dann muss ich eine Hypothek auf mein Haus aufnehmen.«

Chantal, die im Begriff war zu trinken, stellte das Glas auf den Tisch zurück.

»Wenn ich deine Worte richtig interpretiere, hast du immer noch keinen neuen Job?«

»Stimmt. Als ob sich die ganze Welt gegen mich verschworen hätte.« Sie leerte das randvolle Glas in einem Zug.

»Billig verkaufen kann ich mich später immer noch.«

Der süßliche Wein schien langsam seine Wirkung zu zeigen, denn Miranda öffnete das Oberteil ihres Bademantels, und lachte heiser:

»Wenn ich solche schönen Brüste hätte wie du, würde ich vielleicht umsatteln.«

Sie schüttelte sich mit einem lauten »Brrrr«. Aber wie du weißt, mache ich mir nichts aus Männern.«

Chantals Drehbuch sah an diesem Abend und vor allem in dieser Nacht noch einige Überraschungen vor. Jetzt war immer noch die Zeit des Small Talks.

»Vergiss die Männer. Die Nachfrage nach gutaussehenden und intelligenten Frauen ist im Großraum Frankfurt riesig.«

Miranda lehnte sich müde in ihren Sessel zurück.

»Wie lange könnte ich so etwas machen. Hast du eine Ahnung, wie alt ich schon bin. Und was ist danach?«

Eine fast beängstigende Stille machte sich auf der Terasse breit. Aus dem großen Haus erklang keine Musik mehr. Es begann zu dämmern. Zunehmend setzte Vogelkonzert ein.

Chantal wusste selbstverständlich, dass ihre bereits ziemlich angesäuselte Besucherin fünf Jahre älter war als sie selbst. Miranda war bereits fünfundfünfzig. Normalerweise wirkte sie jünger. Doch heute? Heute war sie tatsächlich fünfundfünfzig. Und sie wirkte müde.

»Bitte lege dich zu mir«, bettelte Miranda eine halbe Stunde später.

»Ich brauche deine Nähe und deine Wärme. Bitte.«

Erst gegen Mitternacht erwachte sie wieder – von Chantals Liebkosungen. Sie waren noch immer nackt.

»Ach du lieber Himmel. Sag‘ bloß, dass ich geschlafen haben«, seufzte Miranda.

Chantal flüsterte zwischen vielen Küsschen:

»Psssst. Reden können wir später.«

Später, viel später, lauschten sie, engumschlungen, wie sich das Gewitter ihrer Liebe verzog; wie ihre pochenden Herzschläge langsam nachließen; ruhiger wurden. Sie genossen die Wärme und die wohlige Müdigkeit ihrer Körper.

»Du bist eine Hexe und eine Fee gleichzeitig«, stöhnte Miranda genüsslich; begleitet von

einem Lachen. »Ich begreife es immer noch nicht, woher du diese Fantasie hast. Du bist ein Naturtalent.«

»Das ist ganz einfach zu erklären«, sagte Chantal mit dunkler und warmer Stimme.

»Seit meinem sechzehnten Geburtstag habe ich immer nur Liebe gekannt. Für mich war und ist es mehr als bloßer Sex. Es ist in mir. Es muss raus. Ich will es spüren. Ich will es vor allem auch geben. Alles andere kommt von allein. Ich genieße es. Es ist mein Leben. Ich würde sterben, wenn ich das nicht mehr spüren und fühlen dürfte.«

Vielleicht grinsten irgendwelche bösen Geister im Moment. Wer weiß das schon so genau. Oder das Schicksal zuckte mit den Schultern. Weil es bereits wusste, welche Bedeutung diese Worte bald haben würden. Chantal sollte dieses Leben noch ein wenig genießen. Heute, das war der 15. Juni, ein Samstag.

Doch zunächst hatten die beiden Frauen Hunger. Chantal kicherte, als sie Mirandas Magenknurren hörte.

Sie holte ihre Geliebte erst, nachdem das Holz im Kamin flackert und knisterte. Auf dem kleinen Tisch davor warteten Schnittchen und eine Flasche Rotwein.

Eingewickelt in warme Decken saßen sie nun, um diese Stunde zu genießen. Es war kurz nach drei Uhr – in der Nacht.

»In den letzten vielen Wochen habe ich ja unendlich viel Zeit gehabt«, begann Miranda. »Ich habe viel gelesen und recherchiert … auch über dich und deinen Harald.«

Für Chantal waren diese Worte keine Überraschungen. Schließlich hatte sie ja auch unendlich viele Informationen über ihren Gast eingeholt. Allerdings nicht selbst. Das erledigten Ferdinand und Sven. Sven war ein IT-Genie.

Was sollte sie in diesem Moment auch antworten. Deshalb schwieg sie zunächst, und genoss den Rotwein.

»Nie hätte ich es für möglich gehalten. Aber dein Harald war vermögend, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Nach meinen Informationen hatte er sogar eine Beteiligung an einem großen chinesischen Konzern gehabt.«

»Stimmt. Das habe ich mit eingefädelt.«

»Duuu?!«

Chantal lachte dunkel.

»Ja. Vor zwei Wochen war Tao Lin-Lin, der Inhaber, bei mir. In meiner Villa im Odenwald. Wir haben nicht nur Kaffee getrunken.«

»Sag‘ dass das nicht wahr ist!«

Miranda stellte ihr Weinglas krachend auf den Tisch. Bedeutet das, dass du …?«

»Ja. Harald hat mir alles vermacht. Die letzten Wochen waren irrsinnig spannend und arbeitsreich. Das war der Grund, warum ich unser Rendezvous so lange hinausschieben musste. Leider.«

»Ach du meine Güte. Dann … dann.«

Miranda blickte ihre Freundin mit versteinerte Mine und offenem Mund an.

Und dann erzählte Chantal die ganze Geschichte. Ihre Freundin und Geliebte sollte es wissen. Damit sie das, was gleich folgen würde, richtig einordnen konnte.

»Tao hat mir die Position des Aufsichtsrates angeboten. Natürlich nicht für den chinesischen Konzern, sondern für das deutsche und das französische Unternehmen … und für die fünfundzwanzigprozentige Beteiligung in China«, schloss Chantal ab.

»Ach du meine Güte. Das ist ein Traumjob«, jubelte Miranda. »Ich beneide dich.«

Während Chantal die beiden Gläser wieder mit dem dunklen Rotwein nachfüllte, sagte sie fast beiläufig:

»Falsch meine Liebe. Du hast allen Grund, dich zu beneiden.«

»Wie … wie soll ich das verstehen?«, stammelte die plötzlich Hellwache.

Chantal übergab Miranda ein volles Glas, um danach ihr Glas hochzuheben.

»Lass‘ uns anstoßen auf deinen neuen Traum.«

Als sie sah, dass ihre Freundin das Glas abstellen wollte, blaffte sie diese schroff an:

»Anstoßen hab‘ ich gesagt! Das bringt sonst kein Glück. Verstanden?!«

Mit Tränen in den Augen streckte Miranda ihrer reichen Geliebten zitternd das Glas entgegen. Es klirrte dunkel. Beim Trinken rann fast die Hälfte des roten Inhalts über ihr Kinn, ihren Hals und tropfte auf die Decke. Doch danach warf sie das Glas in den Kamin, um auf Chantal zuzustürzen. Diese konnte gerade noch rechtzeitig ihr Glas ebenfalls in den Kamin schleudern.

Jauchzend und schreiend setzte sich Miranda breitbeinig auf Chantals Schoß. Sie umschlang hastig und weinend ihren Hals. Nach unzähligen wilden Küsschen gab sie ihr einen langen und innigen Kuss.

Anschließend liebten sie sich - bis die Vögel draußen im Garten wieder zu lärmen begannen.

Kapitel 13

Die Zeit war nicht stehen geblieben. Chantal hatte sogar das Gefühl, dass sie zu rasen begann.

Ihre Stammkunden waren inzwischen höchst unterschiedliche Wege gegangen.

Bruder Balduin, der Dekan, hatte sich zwar nicht unter eine Glocke gestellt, die ihn hätte zermalmen können. Stattdessen ließ er sich von einer attraktiven Witwe in seiner Heimatgemeinde trösten. Man munkelte, sie sei zu anstrengend gewesen. Er starb auf dem Weg in die Klinik. Es war ein schneller und schöner Tod.

Ronald Rehfeldt zog sich aus der Geschäftsführung der Sektfirma zurück. Er starb bei einem Abschlag auf seiner geliebten Golfanlage; ein Sekundentod.

Die Entscheidung, Miranda den Weg in eine neue Zukunft zu ebnen, stellte sich als eine gute und pragmatische Lösung heraus. Für diese Welt war Chantal nicht geschaffen. Zweifellos hätte sie sich zu sehr in diesen Sumpf hineinziehen lassen. Ihre Seele wäre darin erstickt.

Allerdings, und das war ebenfalls abzusehen, riss diese Welt Miranda mit sich. Sie sahen sich nur noch selten. Neuerdings verbrachte die Gestresste weit über die Hälfte der Zeit in China. Vor wenigen Tagen lüftete sie ihr Geheimnis. Taos Schwester Ailin war ein geteilter Pfirsich, wie man in China zu sagen pflegte. Während im alten China die gleichgeschlechtliche Liebe zur weitverbreiteten Kultur des Landes zählte, bestand die Partei auch noch heute darauf, dass es sich hierbei um einen dekadenten kapitalistischen Lebensstil handle. Repressionen waren deshalb noch immer an der Tagesordnung. Tao liebte seine jüngere Schwester über alles. Insofern betrachte er die Liebe zwischen ihr und der überaus attraktiven Deutschen als eine Fügung des Schicksals. Das war natürlich nur die halbe Wahrheit. Ailin gehörten beträchtliche Teile am Unternehmen. Mit ihr musste er sich gut stellen.

Chantal entwickelte sich zunehmend zur Pragmatikerin. Mit riesigen Schritten steuerte sie auf die einundfünfzig zu. Ihre männlichen Kunden, auch des gleichen Alters, ließen sich lieber von einer duftenden und erotischen Zwanzig- oder Dreißigjährigen verwöhnen. Das Zeitalter der Begleiterinnen mit Niveau schien sich schleichend zu verabschieden. Heißer Sex war angesagter. Lange Gespräche mit einer Konkubine waren nicht mehr so wichtig. Oder redete sie sich das nur ein?

Und noch etwas hatte sich verändert. Frauen drängten zunehmend in die höheren Ebenen; bis hinauf in die Chefetagen. Sie mussten taff und durchsetzungsstark sein. Keine Ahnung, was sich die Götter dabei gedacht hatten. Ein nicht unbeträchtlicher Teil gerade dieser starken Frauen schien nicht viel von Männern zu halten. Oder sie waren zwar mit Männern verheiratet; suchten jedoch Entspannung bei Frauen. Ein Großteil dieser Frauen war nicht mehr blutjung. Und diese Klientel war auf der Suche nach Frauen mit Niveau. Sex war zwar wichtig. Aber sie suchten Begleiterinnen mit Einfühlungsvermögen, mit Sanftheit und gleichzeitig mit Intelligenz oder gar Klugheit. Und solche Frauen waren nicht dichtgesät.

Nicht wenige Klientinnen sahen deshalb großzügig darüber hinweg, dass ihre Begleiterinnen nicht mehr taufrisch waren. Beim Kerzenschein fiel das ohnehin nicht auf.

Gespräche bei entspannenden Ausflügen, im dezenten Ambiente oder im Bett waren durchaus etwas Erstrebenswertes, um aufzutanken oder sich für einige Stunden oder gar Tage fallen zu lassen. Chantal liebte Miranda immer noch. Doch diese war weit weg; lag in den Armen einer Chinesin.

Eines Tages stand Chantal vor dem Spiegel und lachte halblaut.

»Was bist du für ein dummes Huhn. Eigentlich könntest du dir viele Begleiterinnen leisten. Sogar junge, knusprige Ladies. Du könntest sie aus der Portokasse bezahlen.«

Darüber sinnierte sie noch lange. Nein. Nein. Sie brauchte diesen Kick. Sie war ihr ganzes Leben lang lang Liebesdienerin gewesen. Warum sollte sich daran etwas ändern? Weil sie jetzt reich war? Okay. Was sie für ihre Liebesdienste bekam, war lächerlich im Verhältnis zu ihrem neuen Reichtum und zu ihrem Lebensstil. Ein paar Jahre wollte sie diese knisternde Welt noch genießen. Noch ein paar Jahre.

Die Zeit flog dahin. Vor allem die letzten Jahre waren wunderschön und herrlich gewesen. Selbstverständlich bis auf Haralds Tod.

Neuerdings dachte Chantal sehr oft über das Leben mit Harald nach. Es war der einzige Mann in ihrem Leben, dem sie Einblick in ihre Seele gegeben hatte. Zunehmend wurde ihr bewusst, dass sie ihn geliebt hatte; genau genommen immer noch liebte. Bei ihm fühlte sie sich geborgen; fühlte sie sich zuhause. Aber noch mehr liebte sie ihn dafür, dass er sie so genommen hatte, wie sie war. Vielleicht war es ein wenig kitschig, den großen lachenden Buddha, in dessen Bauch sich Haralds Urne befand, dezent zu beleuchten. An warmen Abendenden saß sie auf der Terrasse, blickte auf diesen Buddha und prostete Harald mit seinem Lieblingswein zu.

Eines Abends fiel ihr Professor Kubischek ein, der Harald bis zu seinem Ende begleitet hatte. Sie hatte noch seine Telefonnummer. Und sie hatte ihm versprochen, sich zu melden. Es war verrückt – aber irgendeine Stimme in ihr sagte, dass sie das Harald schuldig war.

Rolf Kubischek war ein guter und zärtlicher Liebhaber. Für Chantal war es fraglos, dass sie diesen Mann unendlich glücklich machte. Dafür untersuchte er sie alle drei Monate; selbstverständlich kostenlos.

Und dann kam dieser Tag.

Nach einer Untersuchung nahm er Chantal in den Arm. Das, was er ihr zu sagen hatte, wollte er ihr nicht mitteilen, während er in ihre Augen blickte.

»Ich … ich habe einen Schulfreund … am Bodensee. Mein Freund Harald leitet dort eine … na sagen wir mal … Nobelklinik. Er ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Ich werde Harald bitten, dich ebenfalls zu untersuchen. Zur Sicherheit.«

Danach wurde Rolf einsilbig; sehr einsilbig. Er starrte auf seine Uhr, und hatte plötzlich einen sehr wichtigen Termin.

Am 1. Juni, es war ein wolkiger und leicht windiger Tag, schlug das Schicksal zu. Für Chantal war es, als würde eine diabolische Kraft ihr einen Dolch in die Brust rammen – und diesen noch einmal genüsslich in ihrem Leib herumdrehen.

»Es ist, wie ich das befürchtet habe, sagte Professor Harald Lemberg.

»Warum muss dieser Mann ausgerechnet Harald heißen«, fluchte Chantal in sich hinein.

Gleichzeitig hoffte sie, dass dies ein gutes Omen sein könnte. Auf alle Fälle galt dieser Professor als eine Koryphäe auf seinem Gebiet – hatte ihr Rolf mit auf dem Weg gegeben.

»Herr Professor Lemberg. Sie wissen, dass ich Ihnen voll vertraue.«

Chantal versuchte, eine gefasste und ruhige Miene aufzusetzen, obwohl ihr Herz bis zum Hals schlug.

»Bitte erklären Sie es mir so einfach wie nur irgend möglich.«

Der Professor lächelte milde. Was er zu sagen hatte, würde für diese schöne Frau hart genug sein. Nicht unwesentlich war natürlich, dass es sich um eine wohlhabende Frau handelte, die ihm bei der ersten Konsultation ein Kuvert mit 10 000,- Euro hinterlassen hatte; dezent versteht sich.

Im Laufe des Vorgespräches waren sie auf Chantals „Beruf“ zu sprechen gekommen. Dem Fachmann war schlagartig bewusst, welche Bedeutung diese schönen Brüste für diese Frau haben mussten.

»Die gute Nachricht zuerst Frau Mauriac«, begann er mit ruhiger Stimme.

»Die Brusthaut und die Brustwarzen sind Gott sei Dank noch gesund. Das ist extrem wichtig für den späteren Brustaufbau.«

»Brustaufbau!«, schrie Chantal auf.

Der Professor strich beruhigend über Chantals Hände.

»Ebenso wichtig ist, dass die bösen Biester da drinnen nicht gestreut haben. Wir konnten keine Metastasen in den Knochen oder in anderen Organen feststellen. Ich darf deshalb von einer lokalen Erkrankung sprechen.«

»Und die schlechte Nachricht Herr Professor?!«

Professor Lemberg ergriff langsam die schmalen und grazilen Hände seiner Patientin. Er hatte große und warme Hände; beruhigende Hände.

»Nun. Ich habe Ihnen offene und verständliche Worte versprochen. Wir müssen zunächst das befallene Gewebe entfernen.« Er neigte seinen Kopf von der einen auf die andere Seite und blies seine Luft leise durch die geschlossenen Lippen.

»Da dieses Bist da drinnen im Verhältnis zur Brustgröße nicht unbeträchtlich ist, habe ich mich mit weiteren Experten beraten. Danach sehen wir es als geboten, weiteres Gewebe zu entnehmen. Wie groß dies sein wird, entscheiden wir während der Operation. Damit wollen wir das Risiko ausschließen, dass die Krankheit noch einmal aufflammt. Ich hoffe, dass Sie mit dieser Vorgehensweise einverstanden sind Frau Mauriac.«

Danach schwieg der Professor.

Er wollte ihr Zeit geben, das Gesagte einzuordnen.

Chantal hatte registriert, dass der Professor alles daransetzte, das böse Wort „Tumor“ zu umschiffen. Sie blickte dem Professor in die Augen. Kleine Tränen sickerten langsam über ihre Wangen.

»Da muss ich mich ganz auf Sie verlassen Herr Professor.«

Ihre Blicke wurden hilfesuchender.

»Beide Brüste Herr Professor?«

»Ja. Frau Mauriac. Leider.«

War er ein guter Schauspieler? Oder fühlte sich der Professor persönlich tatsächlich betroffen, als er mit einem tiefen Seufzer flüsterte:

»Das passiert mir nicht oft Frau Mauriac. Aber mir blutet ein wenig das Herz.« Er legte seine Hände wie eine Waagschale Chantal entgegen, um mit seiner warmen Stimme hinzuzufügen:

»Priorität hat das Leben; das Überleben.«

Er tätschelte sanft auf Chantals Hände. Hierbei versuchte er ein Lächeln aufzusetzen.

»Ich verspreche, dass wir Ihnen zwei Schmuckstücke zaubern werden, auf die sie ebenfalls stolz sein werden. Aber darüber sprechen wir nach der Operation und den notwendigen Nachbehandlungen.«

Kapitel 14

Es war eine kluge Entscheidung, die Operationen nicht in Frankfurt vornehmen zu lassen. Die Zeiten zwischen den Nachbehandlungen hätte Chantal mit Sicherheit allein in ihrer Villa zugebracht.

Nein. Im Moment wollte sie niemanden aus ihrem bisherigen Freundeskreis sehen; noch nicht einmal Iris oder Manuela. Und auch nicht Miranda.

Hier, in dieser herrlichen Klinik, wurde sie sensibel und optimal betreut. Vielleicht noch wichtiger war es, hautnah mitzuerleben, dass sie nicht allein war mit ihrem schlimmen Schicksalsschlag.

Viele Stunden unterhielt sie sich mit der gutaussehenden Frau aus dem Allgäu. Ihre beiden süßen Mädchen liebten die Mutter über alles; hingen an ihr wie Kletten. Für diese Frau, sie hieß Sonja, war es sekundär, dass ihr die Ärzte beide Brüste vollständig entfernen mussten. Sie kannte nur ein Ziel: Überleben; da sein für ihre Töchter; mit ihnen zu sprechen, zu singen und sie aufwachsen zu sehen.

Sonja war Besitzerin eines Hotels. Um das Hotel, und vor allem um die Töchter, musste sie sich keine großen Sorgen machen. Auf ihre Eltern konnte sie sich verlassen. Allerdings: Wolfgang, ihr Mann, hatte sie vor vier Monaten verlassen; war zu einer Jüngeren und Gesünderen gezogen; hatte inzwischen die Scheidung eingereicht, und war nicht darauf erpicht, die süßen Mädchen zu sehen.

Und da war Viola Straubinger. Als Chefsekretärin in einer großen Versicherung fehlte ihr nun der tägliche Stress. Im Unternehmen wusste man, warum sie hier in dieser Klinik war. Ihre größte Sorge schien zu sein, dass später alle auf ihren Busen starren würden. Nach drei Wochen musste man sie auf eine Spezialabteilung verlegen. Sie hatte versucht, sich das Leben zu nehmen.

Fünf, oder manchmal sogar fünfzehn Frauen, saßen in einer Runde, um sich unter sanfter Anleitung auszutauschen; sich ihre Sorgen von den Seelen zu reden oder gemeinsam zu weinen. Sie nahmen sich schluchzend in die Arme. Und sie fühlten hautnah, dass sie nicht alleine waren mit dieser Scheiße.

Professor Lemberg hatte Chantal im Vorfeld beruhigt. Bei ihr würden vergleichsweise wenig Bestrahlungen notwendig werden. Allerdings sei es sinnvoll und anzuraten, den Heilungsprozess mit einer Chemotherapie zu begleiten – hatte er es vorsichtig ausgedrückt. Nennenswerte Nebenwirkungen seien nicht zu erwarten.

Aber trotzdem lagen jeden Tag viele ihrer langen schwarzen Haare auf dem Kopfkissen. Seitdem trug sie ihre Haare leicht hochgesteckt.

Sonja dagegen trug eine bunte Wollmütze. In einer der vielen Gruppensitzungen zeigte sie eines Tages lachend und weinend ihre Glatze. Eines Tages tauchte sie jedoch mit einer Echthaarperücke auf. Sie beteuerte schluchzend, keinen Unterschied zu ihrer früheren Haarpracht entdecken zu können. Angeblich hatte ihr gestern irgendjemand ein Päckchen mit dieser Perücke zukommen lassen. Chantal lächelte in sich hinein. Zwei Wochen zuvor hatte sie ihrer Leidensgenossin ein Foto stibitzt. Diese Szene, als die kleinen Töchterchen ihre „neue“ Mutti mit kleinen Tränchen in den Augen anstarrten, konnte man mit Geld nicht aufwiegen.

Trotz dieser segensreichen Ablenkungen schlidderte Chantal von Woche zu Woche in eine Talsohle; in eine Grube mit glitschigen Wänden, an denen sie zunehmend keinen Halt fand. Oh ja, die Betreuerinnen hatten empfohlen, in der Nacht nicht ihre Brüste, oder was davon noch übrig war, abzutasten; sich vor allem nicht vor den Spiegel zu stellen. Das sagte sich so leicht.

Deshalb, vor allem in den Nächten, haderte Chantal mit dem da oben. Sie führte viele Monologe mit ihm. Wofür hatte er sie bestraft? Sie suchte nach unendlich vielen Gründen. Sie weinte und schluchzte – bis irgendwann keine Tränen mehr kommen wollten.

Eines Tages besuchte sie Professor Lemberg in ihrem Appartement. Das war mehr als unüblich. Das hätte man ihm als kompromittierend auslegen können.

Und tatsächlich. Der Professor setzte sich zu Chantal auf die Couch – und griff unvermittelt nach ihren Händen. Hierbei blickte er in ihre Augen. Nein. Nein. Das waren keine lüsternen oder gierigen Augen. Vielmehr waren es bittende Augen.

»Ich habe mir inzwischen erzählen lassen, dass Sie gerne als „Madame Chantal“ angesprochen werden wollen. Also, Madame Chantal, ich habe eine Bitte an Sie.«

»Oh oh. Das scheint jetzt spannend zu werden«, lachte Chantal mit ihrer dunklen und warmen Stimme. »Ich bin ganz Ohr.«

»Ihnen ist doch inzwischen diese Sache mit Viola Straubinger zu Ohren gekommen?«

»Nicht nur das. Ich habe zuvor mit ihr viele Gespräche geführt.«

»Umso besser. Dann sind Sie ja voll im Thema.« Der Professor schnaufte hörbar tief durch, um leiser fortzufahren:

»Hatten Sie das Gefühl gehabt, dass diese Frau zu einer solchen Kurzschlusshandlung neigen könnte?«

»Achtzig Prozent aller Patientinnen in dieser schönen Klinik werden mit Sicherheit ein oder mehrere Male über einen solchen Schritt nachgedacht haben. Ich auch«, sagte Chantal, und versuchte schulterzuckend ein Lächeln aufzusetzen.

»Ein so hoher Prozentsatz?!« Professor Lemberg zog entsetzt seine Hände zurück, und starrte Chantal nachdenklich in die Augen.

»Mit Sicherheit könnten Sie auch ohne Hoden pinkeln. Niemand, na ja, bis auf wenige Damen, hätte eine Ahnung, dass Ihnen diese kleinen Dinger fehlen. Aber Sie wüssten es. Und das ist das Entscheidende. Mit Sicherheit sind sie jetzt hin und hergerissen zu sagen, dass man das nicht vergleichen kann.«

Der Professor lehnte sich zurück, verschränkte demonstrativ seine beiden Arme vor der Brust und prustete:

»Au weia. Diese Sätze muss ich mir für eine der nächsten Seminare merken. Ich sehe jetzt schon, wie einige meiner Kollegen eine Schnappatmung bekommen.«

»Sie werden blitzschnell sichergehen wollen, dass sie noch da sind«, gluckste Chantal.

Nachdem der Mediziner sich von seinem Lachanfall erholt hatte, griff er noch einmal nach Chantals Hand.

»Kommen wir zurück zu Viola Straubinger. Morgen darf sie wieder auf ihr Appartement. Könnten Sie sich ein wenig um sie kümmern? Von Frau zu Frau sozusagen. Damit würden Sie mir einen riesengroßen Gefallen tun.«

»Und mir quasi den Schwarzen Peter zu spielen? Und wer kümmert sich um meine schwarze Seele?«

Professor Lemberg erhob sich lachend.

»Der Teufel ist im Grunde genommen ein feiger Hund. Er sucht sich die Seelen immer nur einzeln. An zwei Seelen auf einmal traut er sich nicht ran.«

»Gut«, sagte Chantal. »Dann habe ich drei kleine Wünsche: Bei den Mahlzeiten sitzt Viola neben mir. In ihrem Zimmer wird ein Doppelbett aufgestellt. Und bitte keine weiteren Fragen hierzu.«

Der Professor verschränkte seine Hände, nickte kurz und verließ das Appartement.

Chantal ging auf die Terrasse. Sie genoss den Weitblick an diesem sonnigen Tag, und ließ ihre Gedanken schweifen.

Nach einer halben Stunde stand für sie fest: Dieser Professor war verdammt clever. Mit Sicherheit wollte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Seine drei letzten Sätze hatte er mit Bedacht gewählt. Höchstwahrscheinlich hatte er erkannt, dass auch sie in den letzten Tagen zunehmend in den Seilen hing. Ihm ging es nicht um diese blonde Viola allein. Und es ging ihm vor allem um den guten Ruf. Ein Suizid in dieser Nobelklinik war alles andere als eine gute Reklame.

Viola Straubinger wirkte um fünf oder gar zehn Jahre gealtert, als sie sich an den Mittagstisch setzte. An jedem runden Tisch saßen sechs Personen.

Wortlos legte Chantal eine Hand auf die von Viola; lange und beruhigend. Während des Frühstücks, wobei die Blondine noch nicht am Tisch saß, hatte sie mit ernster Miene höchst unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass diese Frau künftig unter ihrem Schutz stehen würde. Sie wünsche sich keine blöden Fragen! Und auch keine dummen Blicke! Daraufhin entstand zunächst einmal atemlose Stille.

Während des Abendessens hatte sich die Stimmung am Tisch bereits gelockert. Einige machten sogar wieder Späße, als sei nichts gewesen. Sie hatten wohl nachgedacht. Sonja gab Chantal zur Begrüßung lächelnd einen Kuss auf die Wange.

Die dunkle Zeit nach dem abendlichen Beisammensein war für die meisten Frauen besonders schlimm. Vor allem in den langen Nächten sagte sich die Hölle an.

Chantal hörte das Schluchzen von Viola bereits durch die geschlossene Tür. Als diese nach langem Klopfen geöffnet wurde, schlenderte sie, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, an der Weinenden vorbei; bewaffnet mit zwei Flaschen Wein und zwei Gläsern.

Während sie Platz nahm, und zwei Gläser eingoss, sagte sie lachend:

»Sich allein besaufen macht auf die Dauer keinen Spaß.«

Viola schnappte sich unaufgefordert ein Glas und kicherte mit Tränen in den Augen:

»Als du zu uns gestoßen bist, habe ich sofort gesehen, dass du einen an der Waffel hast.«

Gegen Mitternacht wurde Viola immer lockerer. Die süffige Spätlese zeigte zunehmend ihre Wirkung.

»Ich werde diese lüsternen und starken Kerle vermissen«, gluckste die Blondine lachend und mit Tränen in den Augen.«

»Saublöde Einstellung«, sagte Chantal. »Denk‘ doch mal logisch! Wollten diese Lüstlinge deine Titten oder viel eher deine Muschi?«

»Schon. Schon«, schniefte Viola. »Aber zuerst haben sie auf meinen großen Ausschnitt gestarrt – und auf meinen Hintern.«

»Der Professor zaubert dir einen noch größeren Busen. Dass da Silikon drin ist, können die Kerle doch nicht riechen. Und mit dem Po kannst du weiterhin wackeln.«

»Aber sie wollen sich auch an meinen Titten ergötzen. Stattdessen glotzen sie auf die großen Narben. Und ich sehe, wie sich ihr Schniedelwutz verabschiedet.«

Der Blondine war es offensichtlich wichtig, sich diese Szene vorzustellen. Ihr um 45 Grad ausgestreckter Zeigefinger neigte sich in Zeitlupentempo nach unten; begleitet von einem langen und immer dumpfer werdendem „Tsssssss“.

Chantal drückte der Blondine lachend einen Kuss auf die vollen und leicht zitternden Lippen.

»Ach du liebes Bisschen. Du musst noch eine ganze Menge lernen.«

»Zum Schluss noch von dir?!«, ätzte die Blondine.

»Warum nicht?«, lächelte Chantal.

»Merke dir vor allem eines. Zu viel Licht kann tödlich sein. Spiele mit dem Licht, mit deinen Augen, deinen Lippen, deiner Zunge, deinem Atem, deinen Bewegungen. Du musst deinen ganzen Körper einsetzen. Du bist die Chefin von diesem herrlichen Spiel. Nicht die Kerle. Lass‘ sie das ruhig glauben. Die meisten von diesen Burschen denken in einer solchen Situation ohnehin mit dem Schwanz. Wesentlich ist, dass du sie dorthin führst, wohin du sie haben willst.«

»Oh Gott. Oh Gott. Oh Gott.«, gluckste die Blondine. So wie du es ausdrückst, sehe ich dieses Spiel plastisch vor meinen Augen. Du hast es faustdick hinter den Ohren.«

»Wir sind ja noch eine ganze Weile hier. Wenn du diese schöne Klinik wieder verlassen musst, darfst du Männern wieder zeigen, wo es langgeht. Jetzt lasse dir zuerst einmal ein paar schöne Brüste drapieren, die aus deiner Sicht zu dir passen.«

Kopfschüttelnd blickte sie Viola in die Augen.

»Du bist doch eine clevere Frau. Was hindert dich daran, diesem Scheißladen den Rücken zu kehren. Suche dir einen anderen guten Job. Vielleicht in einer anderen Stadt, wo niemand deine Geschichte kennt. Fang‘ einfach von vorn an. Eine andere Stadt bedeutet auch andere Männer. Typen, die auf deine neuen Titten stieren, und geil auf deine Muschi sind, gibt es überall.«

Chantal goss die Gläser wieder voll. Sie waren bereits an der zweiten Flasche angelangt.

»Vielleicht lächelst du dir aber auch eine gutaussehende Frau an«, flüsterte sie hierbei fast konspirativ.

»Frauen?! Igitt. Was soll ich mit Frauen?«

Chantal nahm der Blondine das Glas aus der Hand.

Und danach zeigte sie der Beschwipsten, dass die Liebe unter Frauen auch himmlisch sein kann. Männer waren schließlich auf Monate hinaus nicht greifbar.

Warum also auf die Freuden der Liebe verzichten!

Die darauffolgenden Monate in der Klinik am Bodensee vergingen wie im Flug.

Professor Lemberg brauchte Chantal nicht zu fragen, wie sie das Kunststück mit Viola fertiggebracht hatte. Die Blicke der Blondine sprachen Bände. Die Frauen tuschelten und waren neidisch.

Dieser eine Abend, diese Nacht und die darauffolgenden vielen Tage waren sowohl für Viola aber auch für Chantal wie eine Befreiung.

Sie hatten sich im wahrsten Sinne des Wortes aneinandergeklammert.

Sie hatten sich gegenseitig aus den Tiefen ihrer Qualen und Ängste herausgeholfen. Beiden Frauen war jedoch bewusst, dass sich nach diesem Klinikaufenthalt ihre Wege wieder trennen würden.

Sie verhielten sich wie unzertrennliche Schwestern; schwammen jeden Tag, machten unter Anleitung Gymnastik und ließen die Physiotherapien über sich ergehen. Die Lymphknotenoperationen hatten beträchtliche Spuren hinterlassen. Es dauerte viele Wochen, bis sie ihre Arme wieder ohne Schmerzen bewegen konnten. Sie gingen am Bodensee spazieren und saßen bis in die Nacht hinein zusammen. Fast jede zweite Nacht lagen sie zusammen im Bett. Sie streichelten sich, liebten sich und kuschelten sich eng aneinander.

Das geht schon in Ordnung, lachte der Professor, als man ihm mitteilte, dass Chantals Bett oft unbenutzt blieb.

Chantals gute Figur entpuppte sich als Fluch. Ein Brustaufbau mit Eigengewebe war schlichtweg unmöglich.

Mit einer vergleichsweise kleinen Brust wollte sie sich auch nicht zufriedengeben. Es blieb also nur die Möglichkeit, Silikonkissen einzupassen. Danach sahen ihre Brüste aus wie vor der Operation; prall und fest. Der Professor war tatsächlich eine Koryphäe. Die Narben verschwanden fast vollständig unter den Rundungen.

Der 14. November war ein kalter und sonniger Tag. Chantal und Viola wurden gleichzeitig entlassen. Viola bestand darauf, zusammen mit ihrer Freundin 14 Tage Abschieds-Urlaub in Bad Füssing zu machen.

So nannte sie das.

In einem noblen Hotel mit zwei Innen- und zwei Außen-Thermal-Becken teilten sie sich noch einmal ein großzügiges Appartement.

An einem Sonntag, Ende November, trennten sich ihre Wege. Mit Tränen in den Augen versprach Viola hochheilig, so oft wie möglich mit Chantal zu telefonieren. Natürlich würde sie so bald wie möglich nach Frankfurt kommen. Aber Chantal machte sich nichts vor. Dieses blonde Gift mit den großen neuen Brüsten würde sie bald vergessen haben. Und das war auch gut so.

Der Taxifahrer lud beflissentlich die Koffer ein sein Fahrzeug. Eine Fahrt nach Frankfurt hatte er nicht alle Tage. Als er sah, wo er seine kostbare Fracht im Frankfurter Nordend ablud, war er mit seiner Welt wieder versöhnt; zumal ihm die gutaussehende Dame einen Hundert-Euro-Schein zusätzlich in die Hand drückte.

Chantal hatte von unterwegs das Ehepaar Lorenz angerufen, das in den letzten 18 Monaten sowohl ihre Villa in Frankfurt, ihre Wohnung im 22. Stock als auch die Villa im Odenwald pfleglich behandelt hatte. Als sie das Haus betrat, flackerte bereits das Feuer im Kamin. Ausreichend Geld konnte etwas Herrliches sein.

Der Nieselregen hielt sie nicht davon ab, zunächst Harald zu begrüßen.

»Guten Tag mein Liebster«, sagte sie, während die Regentropfen das wieder länger gewordene Haar durchtränkten.

»Vor einiger Zeit habe ich nicht mehr damit gerechnet, dich wiederzusehen. Ich habe ein bisschen Silikon mitgebracht. Aber sonst geht es mir wieder prima. Du hast mir gefehlt. Ich werde dir heute Abend zuprosten. Also bis später.«

Danach wanderte sie von Zimmer zu Zimmer, um wieder Besitz von der schönen Villa zu nehmen; Heimatluft zu tanken.

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9783742734006
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