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KURT ARBEITER
MEIN ONKEL, DER LEOPARDENMANN
REALE UND SURREALE GESCHICHTEN AUS DEM KONGO, TSCHAD UND SOMALIA


Für meine Frau Tina, die mir die Freiheit gibt, loszufahren, und die Liebe, wieder heimzukommen.

Die Drucklegung dieses Werkes wurde unterstützt durch die Abteilung Kultur im Amt der Tiroler Landesregierung.

2017
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: Roberto Baldissera, Agentur für Grafik, Innsbruck
Layout und digitale Gestaltung: Roberto Baldissera
Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien
Fotos von Kurt Arbeiter mit Ausnahme von: 8, 12/13, 42 (oben), 46, 68, 116–131, 219 (alle von Roland Reuter)
ISBN 978-3-7022-3626-7 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3647-2 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
INHALT
In wildere Länder
Arm und reich
Geschichten am Ufer des Kwilu
Malheureusement
Guesthouse Melissa
Claas, der Rais und ich
Die Base Navale von Boma
Brigadegeneral Guillaume Baloko Tangala
Ich bin wieder da
Jazz au jardin
Ronde du fleuve
Im Faltboot am Kongo
Kinshasa-Symphonie
Ein Hoffnungsschimmer im „Kolibri“
Rumble in the jungle – der Reitclub von Kinshasa
Der Osterhase hat keine Löffel
Winter in Kitona
Ein hartes Land
Fred hält Hochzeit
Pferderennen mit Prinzessin Electra
Im Mangogarten von Bakarra
Der Halbmarathon von N’Djamena
Die Casa Zoologique von Koundoul
Somalia/Mogadischu
Am Islamischen Gerichtshof
Giancarlo Marocchino
Eine hart umkämpfte Partie
Epilog
Absacker – Labinot Tahiri und Princ Arbert
Anhang

Erkundungsritt am Chari, Tschad
VORWORT
IN WILDERE LÄNDER
MEIN WEG VON DEN ANKLÖPFLERN ZU DEN FLUSSPIRATEN DES KONGO
„Wenn Sie jetzt vier Monate in den Tschad fahren, kann eine Weiterbeschäftigung nicht gewährleistet werden“, sagt der ORF-Landesdirektor zu mir. Das ist eine ziemlich klare Ansage für seine Verhältnisse.
Ich versuche seinen Blick so unerschrocken wie möglich zu erwidern, aber ich bin sicher, er merkt, dass ich schlucke. Ich bin dreiundvierzig an jenem Sommertag des Jahres 2008. Seit fast zwanzig Jahren arbeite ich für den ORF, durfte Fernsehreportagen aus vier Kontinenten machen und habe mir in meiner Heimat einen gewissen Ruf als Reporter und Moderator erworben. Ein Traumjob, für den ich immer dankbar sein werde. Was mich schreckt an jenem Tag, ist die Aussicht auf die kommenden zwei Jahrzehnte als Moderator im Tiroler Jahreslauf: Zuerst kommen die Neujahrsvorsätze, dann gräbt man irgendwo eine neue, uralte Fasnacht aus, es folgen die Ostergräber, später die Tipps für die Bikinifigur, dann Schultüten, Krapfenschnappen und Halloween, und schließlich tasten wir uns schon wieder über die Anklöpfler zum traditionellen Schlusspunkt des Jahres: der Angst der Haustiere vor der Silvesterknallerei. Und jedes Jahr ein neues Album von Andrea Berg, nicht zu vergessen Howard Carpendale. Wenn ich in Pension gehe, wird er neunzig sein: „Hello again!“
„Ich fahre in den Tschad.“
„Alles Gute“, sagt der Landesdirektor, was ich recht anständig von ihm finde.
Natürlich war nicht Howard Carpendale allein ausschlaggebend für den Entschluss, meinen sicheren Job an den Nagel zu hängen und dem Abenteuer nachzujagen. Vielmehr wusste ich von meinen früheren Reportagen in Afrika, dass es Menschen gibt, die zuallerletzt an die empfindsame Psyche ihrer Siamkatze denken, wenn es draußen kracht. Dass es Gegenden gibt, wo die Schultüte kein Thema ist, weil schlicht keine Schule da ist. Dass Menschen hungern, während wir uns über die Feinheiten der F. X. Mayr-Kur den Kopf zerbrechen. Ich habe echte Probleme schon immer spannender gefunden als selbstgebastelte.
Außerdem lockte das Abenteuer: Einbaum statt Rafting-boot, die Sahara statt Beachvolleyball, Regenwald statt Hofgarten, Berggorilla statt Kasermandl. Los geht’s!
Ich habe seither in Friedensmissionen der NATO und der EU im Tschad, im Kosovo, in der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik gearbeitet. Die Voraussetzungen habe ich aus meiner Jugend mitgebracht: ich bin Absolvent der Theresianischen Militärakademie und des Jagdkommandos, und ich parliere recht passabel auf Französisch und auf Englisch.
Ich habe in diesen Jahren so ziemlich alles an Abenteuern erlebt, was ich mir vorgenommen hatte, inklusive Flusspiraten, Wüstenfürsten und einem feuerspeienden Vulkan. Ich möchte keinen Tag missen! – Das ist natürlich Blödsinn. Die zwei Tage zum Beispiel, in denen ich in der kongolesischen Minenstadt Mbuji-Mayi unter meinem Moskitonetz gelegen bin, zähneklappernd und von oben bis unten vergiftet von dem nicht mehr ganz frischen Gürteltier, das mir mein Gastgeber aufgedrängt hatte, auf die könnte ich gern verzichten. Und hie und da hatte ich Erlebnisse, die ich gern eintauschen würde gegen ein unverbindliches Interview mit Helene Fischer im gemütlichen Radiostudio.
Heimweh hab ich natürlich auch manchmal gehabt.
(Wer hätte das nicht, wenn er aus dem schönsten Land der Welt stammt, eine bezaubernde Frau und drei prächtige Kinder hat?)
Immer wieder hab ich mich dann hingesetzt und geschrieben. Im Schein einer Öllampe in den Hügeln am Schwarzen Fluss im Kongo, in meinem Zelt im Hof eines Wüstenforts am Rande von N’Djamena oder in der gemütlichen Albanerbar im Militärcamp von Pristina. Geschichten gab und gibt es ja immer genug, und unter meiner Uniformbluse schlägt noch immer das Herz eines Journalisten, der eine gute Story erkennt. Ich habe – mit einer Ausnahme1 – nie für Zeitschriften geschrieben, sondern für meine Familie und meine Freunde. Um sie auf einen Sprung mitzunehmen in das Land, in dem ich gerade war, und ihnen meine neuen Bekannten vorzustellen. Ob das nun der vierzehnjährige Aimé war, der mit seiner selbstgebastelten Gitarre durch die Kneipen von Kinshasa zog, oder der Oberstleutnant Bandundu, dessen Onkel ein leibhaftiger Werleopard war, wie er mir glaubhaft versicherte. Ich bin davon überzeugt, dass die Art und Weise, wie Menschen denken und handeln, weit mehr über ein Land sagt als Wirtschaftsdaten und politische Kommentare.
Manchmal wollte ich meine Leser auch einfach nur zum Lachen bringen mit den verschrobenen Gedanken, die mir eine Winternacht im Kosovo oder der schwefelige Wind am Vulkankrater des Nyiragongo einflüsterte. Die Geschichte vom Osterhasen zum Beispiel, der bei den Berggorillas im Virunga-Nationalpark lebt, habe ich ursprünglich für meine kleinen Neffen geschrieben. Am Ende hatte ich selbst die größte Gaudi dabei. Ab und zu sind es eben auch die kleinen Highlights, über die wir lachen, die unser Umfeld erhellen.
Ich lade Sie ein, die vorliegenden Geschichten einfach so zu nehmen wie meine Lieben daheim: nicht als streng journalistische oder gar wissenschaftliche Berichte, sondern als Schnappschüsse aus geheimnisvollen Gegenden. Schnappschüsse sind nie neutral, sie zeigen selten das große Ganze, und manchmal sind sie ein bisschen verwackelt. Aber sie sind fast immer nah am Geschehen, oft überraschend, beizeiten sogar entlarvend. Und wenn der eine oder andere Sie zum Schmunzeln bringt, haben wir beide schon gewonnen.
Ich verbleibe mit herzlichen Grüßen aus den wilderen Ländern
Ihr ergebener Kurt Arbeiter,
Abenteurer
1„Der Reitclub von Kinshasa“ für die Internationale Reiterrevue

Faustin

ARM UND REICH
DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO
DIE DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO IST EINES DER REICHSTEN LÄNDER DER WELT.
Groß wie ganz Mitteleuropa, reicht es von schneebedeckten Bergen im Osten bis zu weißen Stränden im Westen. Dazwischen schattige Wälder, durchzogen von mächtigen, fischreichen Flüssen, fruchtbares Ackerland und fette Weiden. Aber unter der Krume spielt sich’s erst richtig ab: Gold und Edelsteine, Kupfer und Uran, Erdöl und Erdgas.
DIE DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO IST EINES DER ÄRMSTEN LÄNDER DER WELT.
Dann nämlich, wenn man es an Einkommen, Sicherheit, Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur misst, wie es der „Human Development Index“ tut, der jährlich von den Vereinten Nationen erstellt wird. Da findet sich dieser fruchtbare, vor Bodenschätzen überquellende Gigant regelmäßig im tiefsten Keller, gemeinsam mit bitterarmen Wüstenstaaten wie Mali, Niger und Tschad.
Warum das so ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Weil unsere Politiker und Beamten korrupt bis ins Mark und unfähig bis in die Haarspitzen sind“, sagen die einfachen Kongolesen. Mitnichten, sagen die wenigen, denen ihre Eltern eine westliche Ausbildung bezahlen konnten. Die anhaltende Rückständigkeit des Kongo sei vielmehr auf den verheerenden Einfluss des imperialistischen, kolonialistischen Westens zurückzuführen.
Ich habe mich nie auf Diskussionen darüber eingelassen, wo zwischen diesen beiden Polen die Wahrheit liegt. Tatsache ist: nach mehr als fünfzig Jahren Unabhängigkeit gibt es im Kongo immer noch Regionen, größer als Österreich, neben denen sich das „Herz der Finsternis“ ausnimmt wie ein Platz an der Sonne. Landstriche, in denen Mörderbanden ganze Dörfer abschlachten und die abgetrennten Köpfe ihrer Opfer am Straßenrand aufschlichten. Und niemand gebietet ihnen Einhalt. Dafür bräuchte es nämlich eine funktionierende Armee. Und so was hat die Demokratische Republik Kongo nicht. Es gibt nur einen Haufen bewaffneter Müßiggänger namens FARDC, Forces Armées de la République Démocratique du Congo.
FARDC
Um diese Truppe auf Vordermann zu bringen, hat die EU von 2006 bis 2016 die Beratermission EUSEC in den Kongo entsandt. Ihr Auftrag war es, Verwaltung, Ausbildung und Logistik der FARDC zu organisieren und die notwendigste Infrastruktur auf die Beine zu stellen. Ich war von 2013 bis 2015 mit von der Partie. Wir haben Millionen von Euros investiert, in Unterkünfte, Schulen, Computer, Internet und Stromaggregate. Unsere Berater waren in allen Militärregionen unterwegs, um die kongolesischen Kader zu schulen. Einer unserer Schwerpunkte lag darauf, dass die Soldaten ihren Sold und ihre Verpflegung erhalten sollten. Damit haben wir uns allerdings eine starke Gruppe natürlicher Feinde gemacht, nämlich die höheren Offiziere der FARDC, die es als ihr ererbtes Recht betrachten, Sold und Kostgeld ihrer Männer in die eigene Tasche zu stecken. Dass sie ihre Soldaten damit zum Plündern zwingen, ist ihnen völlig egal.
Rückblickend war EUSEC wie eine Windmühle, gegen die eine Horde von Don Quichottes mit den roten Schulterklappen der kongolesischen Generalität ununterbrochen angeritten ist. Am Ende haben die Don Quichottes gewonnen. „The wind of change“, der die Flügel der Windmühle hätte antreiben sollen, ist in der Großen Flaute der kongolesischen Korruption und Tatenlosigkeit zum Erliegen gekommen. Was wir gelehrt haben, ist schon so gut wie vergessen, was wir gebaut haben, wird bereits vom Urwald überwachsen.
So wie die Mannschaftsdusche in der Unteroffiziersschule von Kitona. Als ich sie zum letzten Mal gesehen habe, war sie voller Brennholz. „Was ist da los?“, habe ich den zuständigen Offizier gefragt.
„Der Abfluss ist verstopft, außerdem benutzen die Rekruten die Duschkabinen immer als Abtritt.“ Alles klar. Den Abfluss zu reinigen und die Rekruten den Unterschied zwischen Dusche und Toilette zu lehren, wäre vermutlich zu viel verlangt. Aber immerhin hat EUSEC den teuersten Holzschuppen Afrikas gebaut, vollverfliest.

Brennholzschuppen, vollverfliest
Das Holz wird übrigens für die Kochfeuer gebraucht. Natürlich hat EUSEC auch eine Truppenküche gebaut. Aber die funktioniert nicht, weil es keinen Strom gibt.
Natürlich hat EUSEC auch ein Stromaggregat installiert. Aber das funktioniert nicht, weil die FARDC nicht einmal die rudimentärsten Wartungsarbeiten ausgeführt haben.
Und so wird die Verpflegung an der Unteroffiziersschule von Kitona in Kesseln über offenem Feuer zubereitet, wie schon zu den Zeiten, ehe die ersten portugiesischen Schiffe in die Kongomündung eingelaufen sind.
Ob das frustrierend ist? – Schon.
Andererseits: Schauen Sie sich unsere Köchin einmal näher an, wie selbstbewusst sie an ihrem Feuer steht, die Herrin des Kessels. Ich schwöre Ihnen: Eine Nirostaküche ist ihr aber so was von wurst. Und Sie sollten die Unteroffiziersschüler sehen, wenn sie sich mittags bei ihr anstellen um ihren Schöpfer Maniokbrei, ihr zuzwinkern und sich die nahrhafte Pampe schmecken lassen wie junge Könige. In der Früh bekommen sie noch ein halbes Baguette, das ist dann die ganze Tagesration. Dennoch sieht man sie beim Morgensport tanzen und lachen. Eine Dusche danach? – Ach, pfeif doch auf den Pipifatz!

Old-school

Frühsport mit Pirouetten
Die Dusche im Gästehaus von Papa Nepa-Nepa funktioniert auch nicht oft und die Klimaanlage überhaupt nicht. Ich steige trotzdem jedes Mal bei Papa Nepa-Nepa ab, wenn ich in Kitona bin. Das Lächeln von Maman Marie, seiner Köchin, funktioniert nämlich immer. Wenn ich ankomme, strahlt sie mich an, dann geht sie in die Küche und kocht mir Bondu, gedünstete Maniokblätter mit Bohnen, warm und nahrhaft. Ich gebe zu, manchmal hätte ich gern was anderes gehabt, zur Abwechslung. Aber Bondu kann Maman Marie eben am besten. Wenn es dunkel wird, setzt sich Papa Nepa-Nepa zu mir. Wir machen uns ein dunkles Bier auf. „Morgen repariere ich die Klimaanlage“, sagt Papa Nepa-Nepa. Ich lache und proste ihm zu. Er lacht auch, und die Klimaanlage ist vergessen. Morgen ist vergessen. Was soll auch „morgen“, wenn heute die Sterne funkeln, die Nacht warm ist und das Bier kühl? Ich gebe zu, ich habe dieses zufriedene Aufgehen im Jetzt nie erlernt, und die völlige Verdrängung des Morgen hat mich dienstlich manchmal zur Weißglut gebracht. Aber irgendwo in meinem verkrusteten Europäerherzen hege ich eine tiefe Sympathie dafür, wenn nicht gar eine Sehnsucht danach. Im Genießen des Augenblicks sind die Kongolesen Weltmeister. In keinem Land habe ich so viele freundliche und fröhliche Menschen getroffen. Sogar die verlotterten Grenzsoldaten, die mich eines Tages bei einer Kajaktour am Kongo abgestoppt und mir mit vorgehaltener Kalaschnikow dreißig Dollar abgeknöpft haben, waren freundlich. Es tut mir immer noch leid, dass ich sie nicht um ein Erinnerungsfoto gebeten habe. Ich bin sicher, sie hätten sich lachend in Positur geworfen.
Ich widme diese Geschichten der Lebensfreude, dem Witz und der Schlitzohrigkeit, mit denen die Kongolesen in ihrem unmöglichen Land zu Rande kommen. Ganz besonders aber Papa Nepa-Nepa (repariere nie deine Klimaanlage, ich wäre bitter enttäuscht!), Maman Marie, meinen kongolesischen Offizierskameraden Major Essebi und Major Lobo, die auch angesichts des beklagenswerten Zustandes ihrer Armee nie ihre gute Laune verloren haben, und nicht zuletzt Tschombe, dem Gärtner unserer Mission, der zwar kaum Französisch konnte, mir dafür aber einige Wörter seiner Sprache Lingala beigebracht hat.
Bo tikala malamu! Gehabt euch wohl!
GESCHICHTEN AM UFER DES KWILU
ODER MEIN ONKEL, DER LEOPARDENMANN
Ich bin ein Glückspilz. Ich durfte im Kongo bei den sogenannten „équipes mobiles mixtes“ dienen, gemischten Teams aus kongolesischen und europäischen Offizieren, die die Militärregionen des Kongo überprüften. Auf diese Art habe ich fast alle Provinzen dieses Riesenlandes kennengelernt. Unsere Arbeit hat sich in erster Linie um zwei Dinge gedreht: Werden die Soldaten regelmäßig bezahlt und verpflegt (damit sie nicht plündern müssen), und werden Waffen und Munition so sicher aufbewahrt, dass sie keine unmittelbare Gefahr für die Umgebung darstellen? Die Kontrolltage waren mühsam, und die Ergebnisse lagen meist auf einer Skala zwischen „ziemlich frustrierend“ und „absolut schockierend“.
Erholt haben wir uns beim gemeinsamen Abendessen, was in Städten wie Kikwit (etwa fünfhundert Kilometer südöstlich von Kinshasa) seinen besonderen Charme hat. In Kikwit gibt es kein Fließwasser, abgesehen vom Fluss Kwilu, und keinen Strom. Aber was soll’s? Alte Geschichten sind ohnehin viel schöner am Lagerfeuer. Und wenn der Wind den Klang der Buschtrommeln vom anderen Flussufer herüberweht, geben sie einen wunderbaren Einblick in die Denkweise ihrer Erzähler.

Schweineparadies
Die Säue fühlen sich wohl im Hafen von Kikwit. Ausgenommen die eine, die uns Gesellschaft leistet. Aber der ist schon alles wurst: Sie dreht sich seit sechs Stunden am Bratspieß von Monsieur Maisha. Monsieur Maisha ist Libanese und führt das einzige Restaurant von Kikwit, das diesen Namen verdient. Er hat sogar drei Gerichte zur Auswahl. Neben Schwein serviert er auch Fisch und Huhn.
Ein Stündchen werde es wohl noch dauern, sagt Maisha. Ob er uns inzwischen ein paar Bier bringen dürfe.
Nur zu, Monsieur. Fünf Mützig1.
Unsere Delegation besteht aus zwei europäischen und drei kongolesischen Offizieren. Wir haben Zeit, und der Garten von Maishas Restaurant ist ein guter Platz zum Warten. Wir vergraben die Zehen im warmen Ufersand und schauen zu, was der abendliche Kwilu an uns vorbeitreiben lässt: tief im Wasser liegende Pirogen, bis über die Bordkante mit Palmölkanistern beladen; Kinder, die auf Baumstämmen reiten; ein Erwachsener, der sich mit der Freude eines kleinen Buben immer wieder in die Fluten stürzt und erstaunlich lang unter Wasser bleibt.
„Ich hab einmal einen gesehen, der hat es eine halbe Stunde ausgehalten“, sagt der Major Essebi vom kongolesischen Generalstab.
„Blödsinn“, bellt der Oberst Laurentiu von der rumänischen Armee. „Niemand hält es so lange aus!“
„Ich habs gesehen.“ Essebi erhebt nicht einmal die Stimme, so sicher ist er sich seiner Sache. „Wir waren mit einer Piroge unterwegs. Plötzlich fiel der Motor aus. Irgendetwas hat die Schraube blockiert. Und dann ist dieser Mann angetrieben mit seinem kleinen Floß, und hat seine Hilfe angeboten. Er ist unter das Boot getaucht und nach einer halben Stunde …“, Essebi schaut den Oberst Laurentiu eindringlich an, „… nach einer halben Stunde ist er wieder aufgetaucht, in der Hand das armlange Stück Holz, das sich in der Schiffsschraube verklemmt hatte.“
„Er hat irgendwo nach Luft geschnappt, wo du es nicht gesehen hast.“ Laurentiu verfällt immer in die Du-Form, wenn er einen Kongolesen belehrt.
Essebi schüttelt nur den Kopf. „Drei-ßig Mi-nu-ten.“ Er betont jede Silbe.

„Drei-ßig Mi-nu-ten!“
„Dann war das ein Krokodilmann“, wirft der Oberstleutnant Bandundu ein.
Da schau her! Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Mann Humor hat. Bandundu kommt von der Generalinspektion der kongolesischen Armee, und wenn er auftaucht, ist normalerweise Schluss mit lustig in den staubigen Kanzleien der Provinzgarnisonen. Er überprüft die Abrechnungen der Einheiten, mit kalten Augen hinter kleinen Brillengläsern. Und wenn er grobe Unstimmigkeiten findet, holt er die Schergen vom gefürchteten Militärtribunal. Bandundu macht keine Witze, wird mir klar.
„Ein Krokodilmann“, sagt er noch einmal, als zitiere er einen Paragrafen aus dem Leitfaden zur Verwaltung des Verpflegsgeldes.
„Das gibt’s“, murmelt der dicke Oberstleutnant Mabelo von den kongolesischen Landstreitkräften schläfrig. Dann döst er weiter.
Major Essebi nickt.
Der Oberst Laurentiu holt Luft zu einer empörten Entgegnung, aber Bandundu funkelt ihn warnend an und fährt fort: „Ein Krokodilmann taucht als Mensch unter und verwandelt sich unter Wasser in ein Krokodil. Es gibt viele davon an den Flüssen. Und welche, die sich in andere Tiere verwandeln können. Mein Onkel zum Beispiel, ein Bruder meines Vaters, war ein Leopardenmann. Als ich klein war, hat er uns in der Früh oft eine Gazelle gebracht, die er nachts gejagt hat.“
„Lebt er noch?“, frage ich schnell, Laurentius anhaltende Sprachlosigkeit nutzend.
Bandundu schüttelt bedauernd den Kopf. „Sie haben Jagd auf ihn gemacht und ihn erschossen.“
„Als Mensch?“
„Als Leopard. Normalerweise schleppen sie sich in ein Versteck, wenn sie getroffen werden, und nehmen dort mit letzter Kraft noch einmal ihre menschliche Gestalt an, ehe sie sterben. Aber meinen Onkel haben sie genau ins Herz getroffen. Er ist als Leopard gestorben.“
„Mein Beileid.“
„Danke.“
Das bringt das Fass des Oberst Laurentiu zum Überlaufen. „Jetzt aber Schluss mit dem Unfug! Das ist der gleiche Scheiß wie in meiner Heimat mit den Wölfen und den Fledermäusen! Ich glaube nichts von dem Quatsch. Ich akzeptiere nur Dinge, die sich wissenschaftlich erklären lassen.“
Die Kongolesen zucken ungerührt die Achseln.
„Du sagst also, kein Mensch kann dreißig Minuten ohne Sauerstoff überleben?“, frage ich Laurentiu.
„Genau. Unmöglich!“
„Na bitte“, sage ich. „Damit haben wir den wissenschaftlichen Beweis. Es muss ein Krokodilmann gewesen sein. Ein Krokodil hält es ohne Weiteres eine halbe Stunde aus.“
Laurentiu schnaubt verächtlich, aber meine kongolesischen Kameraden nicken mir anerkennend zu. Endlich ein Mundele2, der versteht, was Sache ist in Afrika.
Bandundu beugt sich vertraulich zu mir. „Ich habe da ein Projekt, Herr Oberstleutnant“, sagt er halblaut.
„Ich bin ganz Ohr.“
„Ich schreibe an einem Buch über diese Tiermenschen. Wir müssen sie ausfindig machen. Die müssen uns helfen, verstehen Sie?“
Ich schüttle vorsichtig den Kopf.
„Ich will damit sagen …“, Bandundu zögert kurz, „… wir müssen sie in die Armee integrieren.“ Er mustert mich fast ängstlich, gewärtig, ein spöttisches Grinsen um meine Mundwinkel flackern zu sehen.
Es ist wohl dieser Blick, der es mir ermöglicht, todernst zu bleiben. „Verdammt gute Idee, Herr Oberstleutnant.“
Bandundus Augen hinter den Brillengläsern beginnen zu leuchten. „Stellen Sie sich vor: eine Krokodilkompanie, eine Leopardenkompanie, eine Schlangenkompanie … schwarze Mambas“, zischt er verschwörerisch. „Niemand könnte uns widerstehen. Und wir würden endlich von einer Armee der Verlierer zu einer Armee der Sieger werden.“ Er lehnt sich mit der Andeutung eines Seufzers zurück, das Abendrot wie den Schein der künftigen Glorie der FARDC3 auf seinem Gesicht.
Die Armee der Demokratischen Republik Kongo hat noch nie gewonnen. Ist immer nur davongelaufen. Vor allen. Seit Jahren halten ein paar hundert Rebellen in Gummistiefeln zwanzigtausend kongolesische Soldaten in der Provinz Kivu in Atem und fügen ihnen eine Schlappe nach der anderen zu. Jahrzehntelang haben Berater aus Europa, Amerika, Russland, China versucht, aus diesem korrupten Haufen eine schlagkräftige Truppe zu machen. Vergebens. Bandundu, der kühle Rechner, hat es erkannt: Der ganze westliche Firlefanz wird nie funktionieren. Die Kongolesen müssen sich selbst helfen. Die Krokodilmänner müssen her.
„Wenn ich fertig bin, übergebe ich mein Buch dem Präsidenten“, flüstert er mir zu.
„Was heckt ihr beiden da schon wieder für abenteuerliche Geschichten aus?“, bellt der Oberst Laurentiu.
„Nichts“, sagt Bandundu.
„Nichts“, sage ich. Schließlich handelt es sich um ein militärisches Geheimnis.
Ehe Laurentiu nachhaken kann, tritt Monsieur Maisha an unseren Tisch. Das Schwein sei jetzt fertig.
Als ich mich durch die knusprige Kruste säble, kommt mir ein beunruhigender Gedanke: Ob es wohl versucht hat, sich zurückzuverwandeln, als ihm Monsieur Maisha die Kehle durchgeschnitten hat? – Es gibt keine Schweinemenschen, beruhige ich mich. Aber ich wage nicht, den Oberstleutnant Bandundu danach zu fragen. Aus Angst, er könnte mit vollem Mund antworten: „Natürlich. Meine Tante zum Beispiel, die hier in Kikwit …“

Tante?
1Mützig: populäres, helles französisches Bier
2Mundele, lingala: ein Weißer
3FARDC: Forces Armées de la République Démocratique du Congo, die kongolesischen Streitkräfte
MALHEUREUSEMENT
EINE BEDAUERLICHE GESCHICHTE
Kisangani, das ehemalige Stanleyville, war einst einer der wichtigsten Handelsplätze und Verkehrsknotenpunkte am Kongo. Von hier aus ist der große Fluss schiffbar. Ältere Menschen erinnern sich noch an die Zeit, als in Kisangani regelmäßig Passagier- und Frachtschiffe an- und ablegten, die Kräne quietschten und Eisenbahnzüge in Richtung Osten rollten. Nach fünfundfünfzig Jahren Unabhängigkeit ist davon nicht viel mehr übrig als eine Handvoll Einbäume. Malheureusement.
„Schlau, wie du hier die Gegenströmung ausnützt“, sage ich zu dem Mann, der im Heck des Einbaums steht und das spitze Ruderblatt durch die braunen Strudel des Kongo zieht. Wir sind unterwegs zum rive gauche, dem pittoresken ehemaligen Villenviertel von Kisangani am linken Ufer des Kongo.
Der schlaue Fährmann nickt zwischen angespannten Nackenmuskeln. „Malheureusement“, setzt er dann an, und ich wünsche mir wieder einmal, ich hätte den Mund gehalten.
„Malheureusement“, „bedauerlicherweise“, ist der rituelle Auftakt jeder neuen Strophe des Großen Kongolesischen Klageliedes. Ich bin inzwischen überzeugt, dass so ziemlich jeder Kongolese spätestens bei der Erstkommunion (oder wahlweise der ersten Anprobe des Penisköchers) einen heiligen Eid ablegen muss, es sofort anzustimmen, sobald ein Mundele die geringsten Anzeichen zeigt, sich für seine Lebensumstände zu interessieren. Ein schlichtes „Guten Tag“ kann schon verhängnisvoll sein. Auf das „Malheureusement“ folgt gewöhnlich eine Schilderung der eigenen trostlosen Lage – die kranke Frau und die drogensüchtigen Kinder etwa – gefolgt von einer Darstellung der unhaltbaren Wirtschaftssituation, der Korruption, des Krieges, kurz: des Leids des Schwarzen Kontinents. Und über all dem schwebt ein großer, stiller Vorwurf. Denn wir wissen doch beide, mein Bruder mit der trügerisch unschuldigen, weißen Haut, wer in Wahrheit schuld ist an der ganzen Misere hier. Und daher hielte ich einen kleinen Wiedergutmachungsbeitrag hier und jetzt in meine aufgehaltene Hand für das Mindeste.

Im EInbaum
Ich schalte meine Hirnschleuse auf Durchzug, während das Lied des Fährmanns dahinströmt wie der große, träge Fluss, den wir queren. „Gibt keine Arbeit und keinen Lohn in diesem Land“, sagt er, während seine sehnigen Arme vor Schweiß glänzen. Wir haben für die Überfahrt den stolzen Weißenpreis von fünfzehn Dollar vereinbart. Fünfzehn Dollar für eine Stunde Arbeit. Ein kongolesischer Admiral verdient hundert Dollar im Monat. Ich wünsche mir, mein Kamerad, der Konteradmiral Jean de Dieu Amisi, wäre mit an Bord. „Maul halten und rudern!“, würde der zu seinem Landsmann sagen. Kongolesen sind im Umgang miteinander von einer erfrischenden Direktheit. Lingala, die Sprache, die an den Ufern des Großen Flusses gesprochen wird, kennt weder ein Wort für „bitte“ noch eines für „danke“. Ja, der Admiral Amisi würde seine Botschaft klar an den Mann bringen. Leider hat er die Überfahrt aufs rive gauche ebenso klar abgelehnt. Nicht im Einbaum, hat er gesagt, nicht bei all den Krokodilen, die sich hier herumtreiben.
Malheureusement sehe ich kein einziges Krokodil, bis sich der Bug unserer Quasselbarke endlich ans linke Ufer schiebt. „Nichts als Arbeitslose!“, keift mir der Fährmann nach. „Rückfahrt in einer Stunde“, rufe ich ihm über die Schulter zu und springe erleichtert an Land.
Viktor, mein Chauffeur, der die ganze Überfahrt lang geschwiegen hat, führt mich die Allee hinauf, an der die alten Villen stehen. Es ist ein bisschen wie in einem tropischen Zentralfriedhof. Die verfallenden Häuser der gefallenen Kolonialherren sind zu Mausoleen ihrer selbst geworden. In allen Stadien der Verwesung schielen sie uns aus leeren Fensterhöhlen nach.

Das Villenmausoleum von Kisangani
„Muss einmal schön gewesen sein hier“, liegt mir auf der Zunge. Ich schlucke es schnell hinunter, um den angenehm schweigsamen Viktor nicht zu einem Malheureusement zu provozieren.
Dabei fällt mir ein kongolesischer General ein, den ich auf den reparaturbedürftigen Zustand der Wasserleitung in seiner Kaserne angesprochen habe. „Haben die Belgier gebaut“, hat er geantwortet, „malheureusement haben sie sie nicht in Stand gehalten.“ Eine Feststellung, in der rechtschaffene Empörung über diese pflichtvergessenen Hallodris mitgeschwungen ist.

Grasende Dampflok
Aus dem brusthohen Gras zu meiner Linken schiebt sich der Schlot einer abenteuerlustigen kleinen Dampflokomotive. Ich reibe mir die Augen.
„Der alte Bahnhof“, erklärt Viktor.
Ich zücke meinen Fotoapparat.
„Oho, so geht das nicht!“, tönt es von links unten. An der Wand eines heruntergekommenen Stationsgebäudes lungern drei Müßiggänger. Oder Eisenbahner, was bösen Zungen zufolge fast dasselbe ist. Im Kongo mehr als anderswo.
Ich stelle mich vor und werde an den Herrn Inspektor verwiesen, der im Erdgeschoss des Gebäudes logiert. „Kein Problem“, sagt der Herr Inspektor auf meine Bitte um einen kleinen Bahnhofsrundgang. Er werde mir sogleich einen Termin beim Herrn Bahnhofsvorstand arrangieren. Ein weiterer Bediensteter wird in den ersten Stock geschickt, um mich anzukündigen. Insgesamt entdecke ich etwa ein Dutzend Männer, die sich in dem Stationsgebäude verstecken. Wenig später werde ich nach oben gebeten. Eine steile, breite Treppe, Teakholz geölt, führt mich in das schönste Büro, das ich im Kongo je gesehen habe: holzgetäfelt bis an die Decke, schwere, messingbeschlagene Möbel aus den Dreißigerjahren. Der Bahnhofsvorstand ist etwas jünger, ein jovialer Herr Mitte sechzig, schätze ich. Ich entschuldige mich dafür, ihm seine kostbare Zeit zu stehlen, und er lächelt müde.
Malheureusement verkehre von diesem Bahnhof nur mehr ein Zug pro Woche. Ich wundere mich, dass überhaupt noch einer fährt, denn die Geleise sind unter dem hohen Gras kaum zu erkennen.
Der Bahnhofsvorstand führt mich auf seinen kleinen Balkon und zeigt mir die Kräne, die unten am Flussufer aufragen. Da hätten früher die Schiffe aus Kinshasa angelegt, sagt er. Ihre Fracht sei direkt auf die Züge verladen und weiter in Richtung Osten transportiert worden.

Im Bahnhofsviertel
Ob die Kräne noch funktionierten.
Aber nein!
Warum sie dann noch herumstünden?
„Malheureusement“, sagt der Bahnhofsvorstand, „fehlen uns die Mittel, um sie abzubauen.“
Ein weiterer Kernsatz in der Mannwerdung des jungen Kongolesen: Wenn dich wer fragt, warum du nicht tust, was getan werden sollte, sag einfach: „Bedauerlicherweise fehlen uns die Mittel.“
Ich erinnere mich an einen Oberst, den ich aufgefordert habe, die Lagekarte an die Wand seines Büros zu hängen, damit alle sie sehen könnten. „Malheureusement fehlen uns dafür die Mittel“, hat er mir gesagt, ohne im Geringsten rot zu werden. Mit dem Schämen haben es manche Kongolesen nicht so.

„Einbaum auf Bahnsteig 1 zum Einsteigen bereit!“
Schließlich wird der Inspektor angewiesen, uns eine kleine Führung über das Bahnhofsgelände zu geben. Er zeigt uns einen Werkzeugschuppen, eine ausgeschlachtete Diesellok, verrostete Waggons im Grünen, einen Einbaum am Trockenen. Was zum Teufel macht der da?
Diebe, erklärt der Inspektor. Sie seien damit über den Fluss gekommen, um Eisenteile zu stehlen. Man habe sie vertrieben und ihr Flaggschiff hierhergeschafft. Gute Idee, finde ich. So hat keiner was davon. Eine klassische Lose-Lose-Situation.
Nach einer knappen Stunde verlassen Viktor und ich den freundlichen Hafenbahnhof und schlendern still zurück durch die Allee der Toten Villen. „Muss wirklich schön gewesen sein hier in der Kolonialzeit“, entschlüpft es mir zu meinem eigenen Schrecken.
Viktor blickt auf. „Malheureusement“, hebt er an, wie das Gesetz des Dschungels es befiehlt. „Malheureusement sind wir keine Kolonie mehr.“
GUESTHOUSE MELISSA
MITTAGSMAHL UND MODESCHAU
Kinshasa ist eine Stadt von ungefähr vierzehn Millionen Einwohnern, genau weiß das niemand. Wer dort fein essen gehen möchte und genügend Geld im Sack hat, kann sich an ausgezeichneter französischer, italienischer oder chinesischer Küche delektieren. Aber dazu muss man nicht über den Äquator fliegen, oder? Also ab in ein richtig kongolesisches Etablissement.

Ruhe vor dem Sturm
Das Guesthouse Melissa ist leer. Mehr als leer. Verlassen. Der ummauerte Innenhof wirkt, als hätte sich seit Jahren keiner mehr hineingetraut. Der Pool in der Mitte erinnert an einen aufgelassenen Fischteich, auf dessen trübem Grund vielleicht noch der eine oder andere bemooste Karpfen schief seine Kreise zieht.
Wir schauen Hendryk an. „Freunde“, hat Hendryk am Vortag gesagt, „morgen machen wir einmal was anderes: Wir feiern mit meinen kongolesischen Bekannten. Mittagessen und Modeschau im Guesthouse Melissa in Limete.“
Wir hätten es natürlich besser wissen müssen. Es ist Vorsicht geboten, wenn ein Etablissement sich „Melissa“ nennt. Und ganz besonders, wenn es sich in Limete befindet, der Bronx von Kinshasa. Aber nun sind wir einmal hier, am bröckelnden Ufer des Moderpools, und es ist keiner mehr da. Was wiederum kein Wunder ist, denn das Mittagessen war auf zwölf Uhr dreißig angesetzt. Jetzt ist es vierzehn Uhr dreißig. Schuld ist Arlette.
Arlette ist Hendryks kongolesische Freundin, eine hübsche, rundliche Person, deren erste große Liebe wohl noch in die Zeit des seligen Diktators Mobutu fällt. Hendryk trägt sie auf Händen, ungeachtet ihrer schwerwiegenden Hüften. Im Augenblick aber wirkt Hendryk ein wenig genervt, denn wie gesagt: Arlette ist schuld an unserer Verspätung. Als wir aufbrechen wollten, war sie noch im „Salon“, einer Bretterbude in einer staubigen Straße von Limete, um sich ihr Haarteil anheften zu lassen, einen verwegenen Dutt, der ein wenig an einen Bandkeramikbecher aus schwarzem Plastik erinnert. Dann hat sie drei ihrer Pagnes1 probiert, nur um sich schließlich für einen einzigartig unspektakulären Minihosenrock zu entscheiden, der ihre Hüften zur Geltung bringt. Vorteilhaft? – Fragen Sie nicht. Hendryks vorwurfsvolle Blicke bringen sie nicht im Geringsten in Verlegenheit. Im Gegenteil, Arlette lacht. „Das habt ihr jetzt von eurer Hetzerei. Das ist ein kongolesisches Mittagessen!“
„Das ist gar kein Mittagessen“, maule ich.
Arlette lächelt weiter: „Wir sind die Ersten.“
Balu der Bär ist der Erste von uns, der sich wieder fängt. L’ours Balou ist der Spitzname von Philippe, dem französischen Fallschirmpionier. (Sachen gibt’s in der französischen Armee!) Philippe probierts mit Gemütlichkeit, die sich auch einstellt, als nach einer gefühlten halben Stunde eine Kellnerin aus dem Haus schlurft. Ihr Gang sagt deutlich, dass es hart ist, am Teich der Toten Karpfen zu leben. Aber schließlich kredenzt sie uns doch eine Runde Bier.
„A votre soif “2, sagt Balu und lehnt sich in seinem hellblauen Plastiksessel zurück. Balu weiß, was Durst ist. Er war schon in Mali, an der Elfenbeinküste und im Tschad eingesetzt und hat kürzlich eine Uhr für Afrikaner konstruiert, erzählt er. Das Ziffernblatt halb weiß, halb schwarz; nur zwei Anzeigen: Tag – Nacht.
Alle lachen, bis auf Arlette. Die nickt zufrieden: „Endlich hat einer von euch Mundele3 kapiert, was wesentlich ist.“
Eine Stunde später wird der Grill hereingetragen. Als die Dämmerung hereinbricht, ist die Holzkohlenglut so weit, dass man die ersten Würste auflegen kann. Uns wird bis dahin nicht fad, denn schön langsam tröpfeln andere frühe Gäste in den Hof. Und die sind sehenswert. Schließlich kommt man zu einer Modeschau, und da präsentiert man seinen feinsten Zwirn. Das Wetter begünstigt kühne Kombinationen, denn es ist Winter in Kinshasa. Das Thermometer fällt auf klirrende siebenundzwanzig Grad. Wann, wenn nicht jetzt, kann man seine Pelzjacke ausführen. Zu Shorts, versteht sich – und immer cool bleiben, Moninga!4

„Cool, Moninga!“
Die Würste sind perfekt, ebenso wie die Pommes frites, von den Kongolesen liebevoll Fou-fou belge genannt, belgisches Fou-fou.5
Jetzt fehlt nur noch die Modeschau. Leider lässt es sich die veranstaltende Agentur nicht nehmen, zuerst ihre anderen Künstler zu präsentieren. Das Programm beginnt mit einem Komödianten, der uns zwanzig Minuten lang mit einem Monolog bearbeitet, der nach einer wüsten Schimpftirade klingt, die wir nicht verstehen, und die niemand lustig findet. Ich an seiner Stelle hätte mich nach spätestens zehn Minuten im Pool ersäuft. Er aber ist völlig schmerzfrei. „Wie war ich?“, fragt er mich nach seinem von allen heiß ersehnten Abgang. „Kitoko mingi – Spitzenklasse“, antworte ich. Ich muss mich einmal erkundigen, was „Schleimer“ auf Lingala heißt.
Danach kommt eine Boygroup, die es schafft, die kongolesische Rumba zu so etwas wie Hip-Hop zu vergewaltigen. Wobei Kenner natürlich wissen, dass die kongolesische Rumba die Wurzel aller populären Musik ist.6

Am Catwalk von Limete
Wie auch immer, selbst Balu der Bär drängt mittlerweile zum Aufbruch. Ich muss meine Freunde mit einer weiteren Runde Bier zum Bleiben zwingen. Eine lohnende Investition, zeigt sich gegen zweiundzwanzig Uhr. Denn die Modeschau auf den geborstenen Fliesen rund um den Weiher der Verzweifelten Welse reißt alle vom Hocker, die sich von diesem Abend nicht mehr viel erwartet haben. Die natürliche Anmut, mit der sich die Models aus der Gosse von Limete bewegen, ist atemberaubend.
Noch während die Rufe nach Zugabe über den Pool wogen, geselle ich mich zur Chefin der Agentur, die aus dem Hintergrund heraus zufrieden ihren Erfolg belauert. Madame Carine ist von einer etwas unheimlichen Schönheit; ein ehemaliges Topmodel, sagt sie. Ich bin geneigt, ihr aufs Wort zu glauben. Ihre sanfte, tiefe Stimme ist berückend. „Tanz, Gesang, Sprache, Auftreten, das ist es, was wir unseren Künstlern vermitteln. Unser Traum …“, ihr Blick scheint sich kurz in einer smaragdenen Zukunft zu verlieren, „… unser Traum ist, dass vielleicht einer von ihnen einmal ein echter Filmstar wird.“
Recht so, Madame Carine! Wo wären wir ohne unsere Träume!
„Wir wollen diesen jungen Menschen von der Straße helfen, es im Leben zu etwas zu bringen.“
Großartig, Madame, ich bewundere Sie!
„Freilich sind unsere Mittel begrenzt.“ – Oh, oh, das Gespräch nimmt eine beunruhigende Wendung. Plötzlich bin ich es, den Madame belauert. Ich bin Beute, wird mir klar, denn ich bin ein Mundele. Und die Mundele kommen gemeinhin nicht in den Kongo, um sich zu amüsieren (was man daran erkennt, dass sie 1. nicht tanzen können und 2. die kongolesische Rumba nicht zu schätzen wissen). Nein, die Mundele kommen, um zu helfen. Auf gut Lingala: um Hinz und Kunz Geld in den Rachen zu stopfen. Also warum nicht auch jungen, künftigen Filmstars aus dem Guesthouse Melissa?

Madame Carine
„Wir haben noch nicht einmal eigene Proberäumlichkeiten“, schnurrt Madame Carine.
„Echt schlimm. Aber das wird schon. Bon courage, Madame.“ Ich weiche einen halben Schritt zurück.
Aber die Mutter Teresa von Limete gibt nicht auf. Ihre schläfrigen Augen weiten sich, und ich muss plötzlich an die Schlange Kaa denken. Ich werfe einen hilfesuchenden Blick hinüber zu Balu dem Bären, aber der ist gerade beim Zahlen. Ich werde weich. „Na ja, ich kenne natürlich schon ein paar Leute, die immer wieder große Feste geben.“
„Wunderbar. Wir vermitteln auch Musiker und Servierkräfte.“
Warum eigentlich nicht? Warum sollte ich mich nicht ein wenig engagieren als Vermittler zwischen den Welten, um den Kassenmagneten von morgen aus der Patsche zu helfen. Wer weiß, vielleicht hat ja auch eine Halle Berry einmal am Fischteich angefangen. Ich bin drauf und dran, Madame Carine meine Visitenkarte zu übergeben.
„Natürlich stellen wir auch Komödianten.“
Nein, um Himmels willen! Der Bann ist gebrochen. „Ein unvergesslicher Bursche, Madame. Ich werde darüber nachdenken. Es war sehr schön, au revoir!“ Ich reiße mich los und haste meinen Kameraden nach, die sich anschicken, den Hof zu verlassen. Ehe ich das Tor erreiche, schleudert mir Madame Carine ihren letzten Trumpf nach: „Babysitter! Wir vermitteln auch Babysitter!“
Am Weg zum Auto laufe ich dem Burschen mit der Pelzjacke in die Arme, den ich am Nachmittag fotografiert habe. „Wie wär’s mit einem kleinen Bier, Moninga?“, ruft er.
Entkräftet von meiner Begegnung mit Madame Carine drücke ich ihm tausend Kongolesische Francs7 in die Hand. So viel kostet ein kleines Bier im Guesthouse Melissa. Was wäre ich schließlich für ein Mundele, wenn ich nicht einem alten Freund ein Bierchen spendierte? Zum Mittagessen.
1Pagnes: die farbenfrohen, gemusterten Kleider der zentralafrikanischen Frauen
2„A votre soif“: „Auf euren Durst.“
3Mundele: die Weißen
4Moninga, lingala: Kumpel, „brother“
5Fou-fou: Knödel aus Maniokmehl, Hauptnahrungsmittel der Kongolesen
6Siehe auch „Jazz au jardin“ aus der Reihe „Kongolesische Nächte“ desselben Autors
71000 Kongolesische Francs: ca. 1 Euro
CLAAS, DER RAIS UND ICH
Diese Geschichte über meine kurze Begegnung mit dem kongolesischen Staatspräsidenten Joseph Kabila habe ich im Spätherbst 2014 geschrieben. Schon damals war abzusehen, dass er alles tun würde, um die für 2016 geplante Präsidentenwahl hinauszuzögern. Der Grund: Laut Verfassung durfte er nicht mehr antreten, weil er schon zwei Amtsperioden hinter sich hatte. Dass es der kluge Taktiker tatsächlich geschafft hat, die Neuwahl 2016 zu verhindern, hat niemanden überrascht. Aber was er in der Silvesternacht 2016 zustande gebracht hat, das hat selbst erfahrene politische Beobachter sprachlos gemacht: Regierung und Opposition haben einen feierlichen Vertrag geschlossen, im Jahr 2017 eine friedliche Präsidentenwahl zu organisieren. Und damit nicht genug, hat Kabila erklärt, dabei nicht mehr antreten zu wollen. Das wäre die erste gewaltlose Machtübergabe in der Geschichte des Landes. Sogar seriöse Magazine sprechen von einem „Silvesterwunder“. Für mich wäre es das größere Wunder, wenn die Wahl 2017 wirklich stattfinden würde. Denn der Rais ist nun einmal der Rais.
Ich fange mit dem Rais an. Claas und ich sind zwar auch bedeutende Persönlichkeiten, aber der Rais ist nun einmal der Rais: der Chef. Das Wort kommt aus dem Arabischen. Schon Gamal Abdel Nasser und Muammar Al-Gaddafi trugen diesen Ehrentitel. Im Kongo ist er natürlich für den Staatspräsidenten reserviert, für Joseph Kabila Kabange. Den „Mingi-Mingi Rais“ nennen sie ihn auf Lingala, den „Viel-Viel Chef“. Lingala, die wichtigste Sprache entlang des Kongoflusses, ist einfach gestrickt. Joseph Kabila spricht sie übrigens nicht, denn er ist ganz im Osten des Landes geboren, in den Bergen der Region Kivu, als Sohn des Räuberhauptmanns Laurent-Desiré Kabila.

Der Rais
Räuberhauptmann ist ein verbreiteter Beruf in Kivu, etwa wie Uhrmacher in der Schweiz. Diesem eklatanten Unterschied in der beliebtesten Berufswahl ist es allerdings auch zu verdanken, dass man Kivu NICHT als die Schweiz Zentralafrikas bezeichnet.
Als Joseph alt genug war, um schon auf eigene Faust ein bisschen zu plündern, hat Papa Kabila mit Unterstützung der halben ruandischen Armee die Macht im Kongo an sich gerissen. Der Junior war damals Stabschef von Papas Bande. Fünf Jahre später wurde Papa ermordet und Joseph zum Staatspräsidenten ausgerufen. Er war zu dem Zeitpunkt gerade dreißig Jahre alt. Zum Erstaunen der halben Welt wurde er nicht gleich umgebracht, obwohl man es ein paarmal versucht hat. Er hielt sich an der Macht, arrangierte sich mit Chinesen und Amerikanern und gilt mittlerweile als Garant für Stabilität (und gute Geschäfte). Im Land scheint er recht beliebt. Ich habe nur wenige Kongolesen getroffen, die wirklich auf ihn geschimpft hätten. Er bereichert sich nicht mehr als andere afrikanische Potentaten, man hat ihm noch kein nennenswertes Massaker anhängen können, und der Personenkult um ihn hält sich in Grenzen. In engen Grenzen sogar. Der Rais scheint sich in der Rolle der Sphinx zu gefallen. Er spricht selten in der Öffentlichkeit, und wenn, dann ein wenig rätselhaft. Er ist so etwas wie seine eigene Graue Eminenz. Von der Mission EUSEC hat ihn seit Jahren keiner mehr persönlich getroffen, obwohl EUSEC zu den wichtigsten internationalen Unterstützern der kongolesischen Armee zählt.
Am Dienstag, den 25. November 2014 aber soll es so weit sein: Der Rais persönlich wird an diesem Tag nach Kitona kommen, in die Basis der kongolesischen Militärschulen, um vierhundert frischgebackenen Leutnanten den Treueeid abzunehmen.
Und hier kommen Claas und ich ins Spiel, denn wir sind die EUSEC-Verbindungsmänner für die Militärschulen. Also sprach der Missionschef: „Ich habe keine Zeit für den Rais. Also gehet hin, Claas und Kurt, vertretet mich prächtig und seht zu, dass sich die Franzosen nicht allzu sehr in den Vordergrund spielen.“ Die Franzosen haben nämlich eigene Militärberater in Kitona und werden die Gelegenheit nützen wollen, dem Rais und seiner Entourage die überragende Wichtigkeit der Grande Nation vor Augen zu führen. Nur gut für EUSEC, dass es Claas und mich gibt.
Claas ist mein Chef, ein Oberstleutnant der Reserve wie ich. Holzhändler im Zivilberuf. Er ist ein vierschrötiger Flame, der in seiner Freizeit am liebsten Adiletten trägt und kurze Hosen, die seine kurzen Beine noch kürzer erscheinen lassen. Jeden Sonntag bäckt er Pfannkuchen für sich und mich. Ich habe ihn anfangs für etwas treuherzig gehalten. So kann man sich täuschen.
Am Sonntagmorgen treten wir die zweitägige Reise an die Atlantikküste an, in deren Dunst Kitona brütet. Unterwegs durchqueren wir die Rinderweiden, die Olive Lemba Kabila gehören, der Frau des Rais. Es handelt sich um ein Gebiet nicht viel größer als Osttirol, also klein für kongolesische Verhältnisse. Für die Rinder ist es eine gefährliche Zeit, denn für das bevorstehende Fest in Kitona wird ordentlich Fleisch benötigt.

Fleisch!
Auf der schlammigen Piste, die zur Küste hinunterführt, passieren wir immer wieder liegengebliebene Armeelaster voll mit Stiefeln für die Soldaten der Garnison. Schließlich soll keiner in Badeschlapfen vor dem Rais stehen. Ich frage mich, ob der seine Soldaten schon jemals so gesehen hat wie ich bei meinen früheren Besuchen in Kitona. Zur Illustration unser Fehlersuchbild, Schwierigkeitsstufe „harte Nuss“: finden Sie die fünfzehn Abweichungen im Schuhwerk, durch die sich Bild 1 von Bild 2 unterscheidet.
Bild 1: Exerzierdienst OHNE Rais

Bild 2: Exerzierdienst MIT Rais

Das Hotel Mangrove
In Kitona angekommen, erwartet uns eine unangenehme Überraschung: alle passablen Unterkünfte sind bereits von diversen Generälen ausgebucht. Für uns bleibt lediglich das Hotel „Mangrove“.
Vor fünfzig Jahren hätten wir über diese Residenz noch mit den Fersen geklatscht vor Freude. Unter belgischer Führung galt das „Mangrove“ als das Hotel Sacher der kongolesischen Atlantikküste. 1991 aber hat ein meuterndes Bataillon des Feldmarschalls Mobutu alle verfügbaren Räumlichkeiten bezogen. Als die Herrschaften ein paar Wochen später auscheckten, war das „Mangrove“ nur mehr eine kokelnde Ruine.
Der tüchtige Monsieur Nepa-Nepa hat zumindest eines der alten Gästehäuser so weit wieder aufgebaut, dass man darin relativ unbesorgt sein Haupt betten kann. Zumindest, wenn man sein eigenes Leintuch mithat. Oder gar den trefflichen Tropenschlafsack „Lofoten Summer“, den ich vorsorglich mitgebracht habe. Komfortzone 16 – 25 Grad. Unkomfortablerweise stellt sich jedoch heraus, dass die nächtlichen Tiefsttemperaturen in Kitona bei 30+ liegen. Als ich den „Lofoten-Firlefanz“ am Dienstagmorgen auswringe, bleibt nur ein Trost: nur noch eine Nacht.
Malheureusement geruhe der Rais doch erst am Mittwoch anzureisen, erfahren wir, als wir den Militärstützpunkt erreichen. Wir beschließen, den Tag einigermaßen sinnvoll zu nützen: Ich inspiziere die Militärschulen, Claas aber wird sich der Ehrentribüne widmen, wo sich Dutzende von Generälen tummeln, um den Vorbereitungen zur Parade beizuwohnen. Und natürlich die zwielichtigen Franzosen. Claas wird dafür sorgen, dass sich der Franzmann dort nicht ungestört in den Vordergrund drängen kann.
Als wir uns am späten Nachmittag in die Plastiksessel unter dem Strohdach fallen lassen, das im „Mangrove“ als Bar gilt, ist Claas blendend gelaunt. Dem alten Fuchs ist es doch tatsächlich gelungen, für uns beide eine Einladung zum Abendessen bei General Etumba Longila zu ergattern, dem höchsten Offizier der kongolesischen Streitkräfte. Achtzehn Uhr, entspannte Zivilkleidung, in der Villa des Generals am Strand von Banana.
Als die Franzosen, angeführt von ihrem Militärattaché, dort eintreffen, sitzen wir schon beim zweiten Gläschen mit dem General, der in seinem bestickten Hawaiihemd gar nicht so furchterregend wirkt. Die überrumpelten französischen Mienen sind ein hübscher kleiner Lorbeer für uns, aber Claas denkt gar nicht daran, sich darauf auszuruhen. Beim eigentlichen Abendessen im Garten, am Pool mit Meerblick, holt er zum entscheidenden Schlag aus: Als man das unvermeidliche Pili-Pili reicht, das ultrascharfe Paprikaschotengewürz des Kongo, wendet sich Claas an die versammelte Runde von mindestens zehn kongolesischen Generälen: „Als ich das zum ersten Mal gekriegt habe, habe ich gedacht, das sei Tomatensoße.“ Verhaltenes Grinsen in schwarzen Gesichtern. „Also hab ich mir einen ganzen Esslöffel aufs Fleisch getan.“ Erstes Gelächter. Ja, ein Mundele, der sich an den kongolesischen Paprikaschoten das Maul verbrennt, das ist schon eine Gaudi. Selbst die Franzosen lächeln müde. Aber als Claas fortfährt, schläft ihnen das Gesicht ein. Es ist nicht unbedingt das Tischgespräch, das man im Offizierscasino von St. Cyr1 führen würde. Aber an der Tafel von General Etumba schlägt es ein wie eine Bombe: „Aber am nächsten Tag erst, Herr General, beim Scheißen …“ Claas muss eine Pause machen, bis sich das brüllende Gelächter gelegt hat. Dann das große Finale: „Wenn man mir da ein Feuerzeug an den Hintern gehalten hätte, wäre ich abgegangen wie ein Düsenjet!“
Voilà, wir haben gewonnen. Die ganze Tafelrunde muss sich die Tränen aus den Augen wischen, die Kongolesen vom Lachen, die Franzosen vom Fremdschämen. Punkto Unterhaltungswert liegt EUSEC 1:0 vorne. Und Les Bleus kommen die ganze reguläre Spielzeit über nicht zum Ausgleich. Ihnen fehlt einfach die absolute Schmerzfreiheit des flämischen Holzhändlers. Was sich in der Verlängerung noch einmal niederschlägt. Zum Dessert werden bittere Wurzelstücke gereicht, die sich erstaunlich gut mit dem Bier vertragen. „Gut für die Manneskraft“, sagt General Etumba lächelnd. „Ah“, ruft Claas, und mir schwant Schlimmes.
„Ein Chinese, ein Belgier und ein Kongolese“, hebt er wohlgemut an.
„Bitte nicht den“, denk ich mir, „nicht in dieser Runde.“
Aber Claas weiß instinktiv, was zieht. Er bringt genau den.
Ich will ihn hier nicht in voller Länge erzählen. Es reicht zu wissen, dass es in der Geschichte um die Länge geht, die zählt. Und natürlich gewinnt der Kongolese. Und damit gewinnt EUSEC. Seit diesem unvergesslichen Abend (was haben wir gelacht!), sind wir Kumpel, Claas, ich und die Generäle. Was sich noch als sehr nützlich erweisen wird, wie wir sehen werden. Das Einzige, was unsere Champagnerlaune trübt, als wir spätabends in unsere Unterkunft zurückrumpeln, ist die Nachricht, dass der Rais doch erst am Donnerstag kommen wird. Also noch eine Nacht im Schwitzkasten des „Mangrove“, und noch ein Tag in der Militärbasis von Kitona. Ein Tag, an dem uns nichts anderes zu tun bleibt, als den Kongolesen beim Warten zuzuschauen.
Haarschnitt im Frisiersalon „Zur alten Kanone“
Als wir am Donnerstagmorgen starten, ist die Straße, die hinaufführt zur Kaserne, bereits von Menschenmassen gesäumt: Frauen in ihren schönsten Pagnes2, Kinder in Schuluniform, hunderte von Kadern der Präsidentenpartei P.P.R.D. mit bunten Fahnen. Die Straßenränder hat man über Nacht mit mannshohen Palmwedeln begrünt. Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.

„Er kommt!“
Auf der Ehrentribüne haben uns unsere Kumpel, die Generäle, gute Plätze reserviert. Bessere als den Franzosen, stellen wir befriedigt fest.
Zwei Stunden warten wir auf der Tribüne, dann brandet ferner Jubel auf unten in Kitona, wird lauter. Es ist, als käme ein Fußballstadion auf uns zu, und der Rais surfte auf „La Ola“. Jeden Moment muss er ums Eck kommen, ein Titan in goldenen Schuhen.
Tja, und dann steigt ein kleiner, bulliger Mann aus einem recht schlichten Geländewagen. „Grüß Gott, ich bin der Präsident, darf ich mir die Soldaten da einmal ein bisschen anschauen?“ – Das ist der erste Eindruck, den er auf mich macht. Natürlich läuft die Sache anders ab. Der Kommandant der angetretenen Truppe eilt im Stechschritt auf ihn zu und schreitet mit ihm die Front ab. Dann spaziert der Rais so selbstverständlich über den Roten Teppich, als wärs der Läufer in seinem Schlafzimmer, nimmt auf der Ehrentribüne Platz und verschmilzt umgehend mit seiner Umgebung. Die militärische Zeremonie, die jetzt abrollt, ist durchaus beeindruckend. Die Kongolesen exerzieren so gut, als wären sie echte Soldaten. Nachdem die vierhundert frischgebackenen Leutnante ihren Eid abgelegt haben, spricht der Rais. Ich werde keines seiner Worte je vergessen. Nicht weil sie so geschliffen gewesen wären. Auch nicht, weil ich so ein gutes Gedächtnis habe. Aber acht Wörter kann sogar ich mir merken: „Je prends acte de votre serment. Mes félicitations.“3 Wenn es stimmt, dass die Würze in der Kürze liegt, hat der Rais reinstes Pili-Pili gesprochen.

Les généraux

Zackige Matrosen
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