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KRISTOF MAGNUSSON
ARZTROMAN
Verlag Antje Kunstmann
Für meine Schwester Nicola
»Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht.« ALBERT SCHWEITZER
»Nein!« HEIDI KLUM
ZEIT
DER WETTERBERICHT nach den Spätnachrichten kündigte einen weiteren heißen Tag in einer Reihe von heißen Tagen an, die Anita Cornelius bereits jetzt wie unendlich erschienen. Seit Wochen konnte sie kaum einschlafen vor Hitze, auch jetzt hatte sie es wieder versucht, dann jedoch lieber den Fernseher eingeschaltet, die Nachrichten gesehen und dabei die letzten Salzcracker gegessen, die der Kollege von der Tagesschicht übrig gelassen hatte.
Es war eine ziemlich normale Nacht am Notarzt-Stützpunkt des Krankenhauses am Urban in Berlin-Kreuzberg. Anita und ihr Assistent Maik hatten bisher drei Alarme gehabt, einmal Brustschmerzen, einmal Blutzucker und einen akuten Bauch, alle bei alten Menschen. So war es eigentlich immer, selbst in dieser Gegend der Stadt, aus der das Fernsehen gern von Messerstechereien und Drogenkriminalität berichtete. Häufiges ist häufig und Seltenes ist selten, das hatte Anita bereits im Studium gelernt, und Altwerden war eben häufig in diesem Land.
Anita stand auf, um sich aus dem Automaten am Eingang der Rettungsstelle einen Snack zu ziehen. Nachdem sie eine Münze eingeworfen und gewählt hatte, warf sie einen Blick auf das Fach mit den Mars-Riegeln und beobachtete die Metallspirale, die das Mars an das Ende des Regals schob, bis der Riegel in Schieflage geriet, mit der Oberseite nach vorne fiel und gegen die Spirale stieß, die in diesem Moment aufhörte sich zu drehen. Anita sah auf ihren Schokoriegel, zwischen Spirale und Regal über dem Abgrund verkeilt. Super Vertrauensbeweis für ein Krankenhaus, wenn nicht einmal der Snack-Automat funktioniert, dachte Anita und hätte es wohl für ein schlechtes Omen gehalten, wenn sie an solche Dinge glauben würde, doch das tat sie nicht.
Anita dachte an ihren Sohn. Wie oft hatte sie mit Lukas hier gestanden und gehofft, der Automat würde nicht ihr letztes Kleingeld fressen und den gewünschten Riegel dann doch behalten? Als Lukas klein gewesen war, hatte er dem Automaten sogar gut zugeredet, um seine Chancen zu erhöhen. Inzwischen, mit vierzehn Jahren, tat er das natürlich nicht mehr, er kam sie ohnehin nur noch selten auf der Arbeit besuchen, obwohl er jetzt noch näher an der Klinik wohnte als Anita selbst, kaum einhundert Meter entfernt, bei Anitas Ex-Mann und dessen neuer Freundin.
Anita schlug gegen den Automaten. Sie wusste, dass das nichts brachte, tat es aber trotzdem. Sie konnte es doch nicht einfach hinnehmen, dass der Automat ihren Snack nicht hergab, rüttelte an ihm, immer heftiger, da hörte sie ein schrilles Kreischen aus ihrer Hosentasche. Der Funkmeldeempfänger. Sie sah auf die Leuchtanzeige: Alarm: 1600: RTW 1505: NEF E: 46 VU Skalitzer Straße 72 0:32. Anita schaltete ihn aus und eilte zurück, zog ihre orangefarbene Funktionsjacke an und fuhr sich durch die Haare, bis sie einigermaßen locker auf den Rücken mit der Aufschrift Notärztin fielen. Maik kam aus seinem Zimmer, war auch schon komplett angezogen und tastete seine Frisur nach eventuellen Deformationen durch das Kopfkissen ab, auf dem er vor einer Minute noch gelegen hatte. So schritten sie, beide ihre Haare richtend, auf die Auffahrt der Rettungsstelle, so sagte Maik es zumindest immer: Ein Berliner Feuerwehrmann rennt nicht zum Einsatz, er geht auch nicht, er schreitet.
Sie stiegen in ihr Notarzt-Einsatzfahrzeug und fuhren vom Klinikgelände. Als das NEF auf dem Carl-Herz-Ufer beschleunigte, klapperte ihre Ausrüstung immer lauter in den säuberlich beschrifteten Schubladen. Anita sah in die schwarzen Erdgeschossfenster, in denen es blau aufflackerte, während sie vorbeifuhren, still und schnell. Die Leitstelle hatte inzwischen die Einsatzdaten auf ihr Navi übertragen, ein Verkehrsunfall war also ihr nächster Einsatz, die nächste Fahrt durch diese Nacht.
»Hallo, Sonnenschein, hast du gut geschlafen?«, fragte Maik, als sie auf der Baerwaldstraße waren.
»Der Snack-Automat funktioniert nicht.«
»Dann hoffen wir doch mal, dass das heute Nacht unser schwierigster Patient bleibt.«
»Da hast du auch wieder recht«, sagte Anita. Sie war immer froh, wenn Maik ihr Rettungsassistent war. Nach all den Einsätzen, den unzähligen Fahrten über rote Ampeln zu nachtschlafener Zeit, den vielen Stunden des gemeinsamen Wachens und Wartens, waren Anita Cornelius und dieser große Mann mit dem dichten schwarzen Haar und den tätowierten Unterarmen längst Freunde geworden und gingen manchmal nach der Arbeit ein Bier trinken. Maik hatte Anita sogar erzählt, dass er einmal ein paar Semester Medizin studiert hatte, von seinen Feuerwehr-Kollegen wusste das niemand.
»Ich konnte eh nicht schlafen bei der Hitze«, sagte Anita.
»Ich schon«, sagte Maik, dann gähnte er, wie zum Beweis, hob den Arm und legte den Kippschalter um, kurz bevor sie auf die Gitschiner Straße abbogen. Das Martinshorn. Nachts schien es immer besonders laut, sodass Maik es erst in letzter Sekunde ein- und so schnell wie möglich wieder ausschaltete, was Anita gefiel, denn sie wollte nicht allzu wach werden, um nach diesem Alarm endlich etwas Schlaf zu finden. Wenn jemand in Berlin die Eins-Eins-Zwei rief, fuhr normalerweise ein Rettungswagen los. Nur wenn die Leitstelle schwere Fälle erwarte, rief sie Anita und Maik mit ihrem Notarzt-Einsatzfahrzeug hinzu, und es passierte nicht selten, dass die beiden noch auf der Anfahrt erfuhren, dass sie wieder umkehren konnten, weil es doch nicht so schlimm war wie erwartet. Wenn Anita Glück hatte, wäre sie rechtzeitig in der Klinik zurück, um noch einen Versuch zu machen, ihren Schokoriegel zu befreien.
Sie erreichten im Nu das Kottbusser Tor, dann wurde der Verkehr dichter. Auf dem Bürgersteig vor dem Südblock standen zwei angesäuselte Gestalten, die offenbar nicht wussten, wo sie hinsollten und einander erst in Richtung Schlesisches, dann Richtung Hallesches Tor zogen. Wenig später passierten Anita und Maik eine nach Junggesellenabschied aussehende Gruppe von jungen Männern in einheitlichen T-Shirts.
Anita sah ihnen hinterher und rief sich ins Gedächtnis, was bei einem schwer verletzten Unfallopfer zu tun sein könnte, dachte an die wichtigsten Medikamente und machte im Geiste eine Entlastungspunktion nach Monaldi, um gefangene Luft oder Blut herauszuholen, das auf die Lunge drückte – der optimale Ansatzpunkt lag zwischen der zweiten und dritten Rippe, medioklavikulär. Natürlich wusste sie das, doch es beruhigte sie, sich solche Dinge immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Vor ihnen fuhren die Autos inzwischen so langsam, dass Anita sich überhaupt nicht mehr vorstellen konnte, es wäre etwas Schlimmes passiert. Wahrscheinlich gab es nur einen Betrunkenen zu versorgen, der vor eines dieser Schritttempo fahrenden Autos gelaufen war.
Der Verkehr war vollkommen zum Stillstand gekommen. Die Unfallstelle war noch nicht in Sicht, doch Anita sah bereits den zitternden Widerschein der blauen Lichter an den Häuserwänden, während sie sich langsam und laut durch die Autos schoben, die ihnen Platz machten, so gut es ging. Bald kamen die ersten Einsatzfahrzeuge in Sicht, ein Rettungswagen der Johanniter, ein Lösch-Hilfeleistungsfahrzeug, bald darauf ein Wagen der Einsatzleitung. Zwei Polizisten in neongelben Westen leiteten den Verkehr in eine heillos verstopfte Seitenstraße. Anita begrub die Hoffnung, ihren Stützpunkt bald wiederzusehen.
»Ganz schöne Blaulicht-Disko«, sagte Maik.
»Das kannst du wohl sagen. Ich habe jetzt eher mit einem kleinen Blechschaden gerechnet.«
»Da war wohl eher ein verhinderter Sebastian Vettel am Start«, sagte Maik und zeigte durch die Windschutzscheibe auf ein Auto, das frontal gegen einen der Eisenpfeiler der Hochbahntrasse der U1 geprallt war.
Nun war Anita hellwach. Sie nahm Einweghandschuhe aus der Schachtel auf dem Armaturenbrett, stieg aus und griff den Defibrillator, Maik warf den Notfall-Rucksack über die Schulter und nahm den Koffer, auf dem das Wort trauma stand.
Sie gingen auf den Pfeiler der Hochbahntrasse zu, um den Feuerwehrmänner, Polizisten und Rettungskräfte herumstanden. Die Reflektorstreifen an ihren Uniformen warfen das Licht der Feuerwehrscheinwerfer grell zurück, und über allen Köpfen, Mützen und Helmen ragte eine Hand empor, die einen Infusionsbeutel mit einer glitzernden Flüssigkeit hielt.
Unter Anitas Füßen knirschte Pulver, das die Feuerwehr zum Binden des auslaufenden Benzins gestreut hatte, es fühlte sich an, als gingen sie über eine Kiesauffahrt. Sie näherten sich einem dunkelblauen BMW, der derart deformiert war, als wollte er sich jeden Moment in etwas anderes verwandeln. Die Motorhaube war geradezu um den eisernen Pfeiler herum geflossen. Dass es sich überhaupt um eine Motorhaube handelte, musste man wissen, sehen konnte man es nicht. Der Scheinwerfer auf der Beifahrerseite war nicht mehr da, Schläuche, Metall und Plastik waren zu einer Masse verformt, die Kühlergrill und Nummernschild eingesogen hatte, die Stoßstange wies fast senkrecht in die Luft, über ihrer Spitze steckte ein Verkehrshütchen, damit sich niemand an den scharfen Kanten schnitt.
»Schickes Auto. Was neueres und teureres hat BMW derzeit nicht zu bieten«, sagte Maik.
»Und wohl auch ziemlich schnell«, sagte Anita. »Das waren doch mindestens achzig Sachen, oder?«
»Am besten, wir fragen mal den Kollegen, der da den Infusionsständer macht«, sagte Maik und ging auf den Rettungsassistenten zu, der die Infusion hoch hielt. Anita kannte ihn vom Sehen, ein Kollege von den Johannitern, die in der Wiener Straße stationiert waren.
»Guten Morgen. Und? Was habt ihr für uns?«, sagte sie.
»Eine eingeklemmte Person. Ansprechbar, Blutdruck 120 zu 80, Herzfrequenz 90«, sagte der Rettungsassistent und zeigte mit der freien Hand auf die Fahrertür. »Zum Glück war das Fenster offen, da haben wir schon mal einen Stiffneck angelegt und gleich einen Zugang gelegt, wo wir schon dabei waren. Aber man kommt echt schlecht am Lenkrad vorbei.«
Er klang erleichtert, dass nun jemand anderes für die medizinischen Entscheidungen zuständig war.
Ein solcher Unfall war in der Großstadt für alle eine Seltenheit. Sogar Maik, den kaum etwas schockierte, fehlten für einen Moment die Worte, wo er nun so nah an dem eingeklemmten Unfallopfer stand.
Anita zählte still für sich bis drei, wie sie es inzwischen automatisch tat, um sich in einer schwierigen Situation zu beruhigen. Sie hatte sofort Mitgefühl für das Unfallopfer, hatte Angst, einen Fehler zu machen, vielleicht vermischt mit Euphorie darüber, dass nun alle auf ihre Anweisungen warteten. Natürlich musste sie diese Emotionen unterdrücken, um vernünftig entscheiden zu können, das war eigentlich kein Problem, sie hatte das gelernt, und doch bemerkte sie, dass es in diesem Fall nicht so einfach war wie sonst. Sie zählte bis fünf, sechs, sieben, dann atmete sie tief durch und sagte zu dem Rettungsassistenten:
»Na, dann machen wir uns mal an die Arbeit.« Sie blickte auf das Wrack und fragte sich, was man bei diesen neuen Autos eigentlich alles tun musste, um sofort tot zu sein. Dann sah sie in das Wageninnere, und die eben unterdrückten Emotionen waren wieder da. Ein Junge. Sie hatte einen Erwachsenen erwartet, einen Mann, davon war sie fest ausgegangen, doch der Fahrer war nur wenig älter als ihr Sohn, siebzehn, vielleicht achtzehn. Junge Menschen auf diese Art schwach und hilflos zu sehen, schockierte Anita immer, sie musste sich zwingen, genau hinzusehen.
Der Junge war schlank und erinnerte in der unnatürlich steifen Haltung, in die ihn der Stiffneck gebracht hatte, eher an eine Puppe aus einem Crashtest als an einen Menschen. Sein linker Arm hing schlaff aus dem offenen Autofenster heraus, wie von dem kleinen weißen Gerät nach unten gezogen, das an seinem Zeigefinger hing und anzeigte, wie viel Sauerstoff sein Blut transportierte – ein erfreulich normaler Wert.
Anita rupfte die noch halb an der Fahrzeugdecke hängende Sonnenblende ab, zog einen schlaffen Airbag hinaus so weit es ging und sagte:
»Ich bin die Notärztin. Können Sie mich hören?«
Sie fragte das eher aus Gewohnheit, denn in dieser Situation konnte sie sich selbst kaum hören: Unweit von ihr hatten einige Feuerwehrleute kurz zuvor einen Generator angeworfen, und eines der Lösch-Hilfeleistungsfahrzeuge fuhr mit lautem Piepen rückwärts.
»Bekommen Sie einigermaßen Luft?«, rief Anita dem Jungen ins Ohr.
Der Junge formte die Lippen zu so etwas wie einem »Ja« und versuchte sie anzusehen, soweit das mit der Halskrause möglich war. Anita bemerkte, dass beide Augen sich synchron bewegten, das war gut.
»Ich leuchte Ihnen kurz in die Augen, okay?«
Anita zog erst das eine Augenlid nach oben, dann das andere. Die Pupillen waren isokor und klar umrandet. Falls es eine Hirnblutung gab, hatte sie zumindest noch nichts Schlimmes angerichtet, doch ein Schädel-Hirn-Trauma hielt Anita ohnehin für unwahrscheinlich, weil sie weder auf dem Armaturenbrett noch auf der Windschutzscheibe oder dem Lenkrad eine Delle in Form einer Stirn entdecken konnte.
»Tut dir was weh?«, fragte Anita. Nachdem sie ihm in die Augen geleuchtet und dabei die glatte Haut in seinem Gesicht gespürt hatte, war sie automatisch zum »Du« übergegangen.
»Mein Rücken.«
Anita ließ sich eine größere Lampe geben und leuchtete in den Fußraum. Kupplung, Gaspedal und Bremspedal hatten sich durch den Aufprall um die Beine des Jungen herum gebogen. Anita zwängte ihren Arm zwischen Lenkrad und Tür hindurch, kniff dem Jungen in den Oberschenkel und rief:
»Spürst du das?«
Sie kniff ihn noch einmal, so fest, dass es ihr in den Fingern weh tat.
»Kannst du mir sagen, was ich gerade mache?«
»Nein«, sagte er, und Anita sah in seinen Augen Tränen. Normalerweise verhinderte der Schock eine solche Reaktion, doch der Junge schien zu begreifen, was das alles bedeutete. Und bei der Angst, die Anita in seinen Augen sah, blieb sie nun selbst ganz ruhig und tat fast automatisch das, was sie in solchen Situationen immer tat, sie strich ihm über den Kopf, senkte die Tonlage und sagte mit einer beruhigenden Alt-Stimme:
»Ich pass auf dich auf.«
Und nach dem, was ich dir jetzt gebe, wirst du dich an das hier ohnehin nicht erinnern, dachte Anita dann und sagte zu Maik:
»Zieh mir mal eine Ketamin auf.«
»Was?«
»Ketamin!« Anita musste fast schreien, so laut war es um sie herum, jetzt ratterte auch noch eine U 1 direkt über ihren Köpfen hinweg in Richtung Spree. Ketamin. Anita und Maik verwendeten es in solchen Situationen gern, denn es wirkte schnell und nahm ihren Patienten alle Schmerzen, ohne die Atmung zu lähmen. Es gab ihnen lediglich das Gefühl, sie könnten ihren eigenen Körper verlassen, und das hätte sich in dieser Situation so ziemlich jeder gewünscht.
Maik reichte ihr die Spritze und rief:
»Willst du auch gleich Dormicum dazu?«
»Ja.«
Anita legte die Spritze an den Venenzugang und gab ihm hintereinander das Schmerz- und das Beruhigungsmittel. Es beeindruckte sie immer wieder, wie gut diese Medikamente wirkten, wie die Atmung mit jedem Luftholen ruhiger wurde und innerhalb von Sekunden die Angst aus den Augen des Jungen wich. Da hörte sie, wie ein Mann neben ihr laut in ein Funkgerät sprach. Er hatte ihr den Rücken zugedreht, auf seiner Uniform las sie das Wort Staffelführer. Sie tippte ihm auf die Schulter und sagte:
»Ich bin Dr. Cornelius. Hallo.«
»Kruschewsky. Morgen. Und? So etwas hat man nicht alle Tage.«
»Da haben Sie Recht. Ich bin mir noch gar nicht so sicher, wie wir am besten vorgehen«, sagte Anita.
»Wirbelsäulenverletzung?«
»Er sagt zumindest, er spürt seine Beine nicht mehr.«
»Dann einmal Cabrio, oder?«, sagte der Staffelführer und zeigte mit der Antenne seines Funkgeräts auf das Autodach. Die Lesebrille auf seiner Nase wollte nur auf den ersten Blick nicht zu der Uniform und dem Feuerwehrhelm passen, auf den zweiten Blick passte sie genau zu der Art, wie er mit ihr sprach: Wie ein in Würde gealterter Handwerksmeister, der einer ahnungslosen Bauherrin eine ebenso teure wie alternativlose Maßnahme ankündigte, bei der alles andere als sofortige Zustimmung eine grobe Dummheit wäre. Er senkte den Kopf und sah sie über die Ränder seiner Lesebrille hinweg an. Um sie herum hatten die Feuerwehrleute bereits ihr hydraulisches Rettungsgerät ausgepackt und angeschlossen. Sie machten sich bereit, das Auto aufzuschneiden, das Dach abzureißen und den Jungen aus dem Sitz zu heben, ohne die Wirbelsäule zu verdrehen. Das wäre die schonendste Art, würde aber auch am längsten dauern. Ob er so lange durchhalten würde, war Anitas Entscheidung. Jemand gab ihr einen Feuerwehrhelm.
»Und?«, fragte Staffelführer Kruschewksy. Anita wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor sie den Helm aufsetzte. Es war immer noch unglaublich heiß. Sie überlegte einen Moment, da sagte der Staffelführer schon:
»Dann machen wir doch mal los.«
Für Anitas Geschmack klang er etwas zu enthusiastisch, was ihre Skepsis weiter wachsen ließ. Auch für ihn konnte das keine alltägliche Situation sein, und doch tat er so, als sei alles ganz eindeutig, wahrscheinlich, weil es ihm und seinen Männern langsam unangenehm wurde, bei diesem eingeklemmten Jungen zu stehen und nichts zu tun. Doch Anita hatte ihn noch nicht genau genug untersucht. Sie wusste nur, dass der Junge genug Sauerstoff im Blut hatte und hören konnte. Und, überraschender Weise, weinen. Was sie hingegen nicht wusste, war, was genau passiert war, als der Junge so abrupt von ungefähr achtzig Stundenkilometern auf Null heruntergebremst worden war. Der Körper war gegen den Sicherheitsgurt geworfen worden, so viel war klar. Die Organe waren auf Gewebe geprallt, Blut gegen Blutgefäße, das Gehirn gegen den Schädel. Doch welcher Teil des Körpers hatte den schwersten Schaden genommen? Medizinisch gesehen waren solche Unfälle immer Ratespiele, das war es, was Anita nicht gefiel.
Anita hatte den Eindruck, dass es den Feuerwehrleuten etwas zu viel Spaß machte, ihr schweres Gerät zum Einsatz zu bringen, um ein Auto zu zersägen, je teurer das Auto, desto besser. Doch eine andere Möglichkeit fiel ihr auch nicht ein. Sie musste den Jungen untersuchen und dazu in das Auto hinein.
»Gut. Los geht’s. Aber macht erst die Beifahrertür auf, damit ich rein kann«, sagte Anita und spürte die Erleichterung, die sich um sie herum breitmachte. Endlich gab es einen Plan. Die Feuerwehrleute schoben Holzbalken unter den Wagen, damit er keine unkontrollierten Bewegungen machte, während sie ihn zerschnitten. Ein Feuerwehrmann kam mit einem Werkzeug, das aussah wie eine riesige Hummerschere, und stellte sich an den Kotflügel der Beifahrerseite. Das Rattern des Generators schwoll an und die Rettungsschere knüllte knarrend den Kotflügel zusammen. Das Auto wackelte, der Junge kniff die Augen zusammen. Unter dem Kotflügel erschienen die unlackierten, fast weißen Scharniere der Tür, an denen der Feuerwehrmann als nächstes ansetzte. Es knallte einmal, zweimal, dann öffnete er die Beifahrertür so leicht wie die Tür eines Adventskalenders.
»Bitte sehr, Frau Doktor«, sagte Staffelführer Kruschewsky, deutete eine Verbeugung an und tippte sich an den Helm, als wäre er eine Chauffeursmütze. Anita bekam ohne Probleme ihre Beine in den auf der Beifahrerseite weniger deformierten Fußraum und ließ sich auf den Sitz fallen.
Es roch scharf, nach heißem Plastik, nach Scheibenwaschwasser. Als der Generator für einen Moment leiser wurde, hörte Anita Musik. Es war Blurred Lines von Robin Thicke, ein hibbeliger, gut gelaunter R’n’B-Sommerhit. Sie sah das Autoradio an, in der Hoffnung, sein Telefon zu finden, das wäre später gut gewesen, um Angehörige zu erreichen, doch die Musik kam aus einem billigen MP3-Spieler. Anita stöpselte ihn aus.
Jemand reichte ihr einen zweiten Helm, den sie dem Jungen aufsetzte, dann löste sie den Gurt, schob die Verbandsschere unter sein T-Shirt und schnitt es auf, mitten durch die Aufschrift ABI 2014. Als sie das T-Shirt zur Seite schob, entdeckte sie auf dem Brustkrob eine Prellmarke, die den schrägen Verlauf des Anschnallgurtes nachzeichnete. Sie klebte ihm vier Elektroden auf die Brust, um ihren Defibrillator mit dem integrierten Vitaldaten-Monitor anzuschließen. Der Junge blickte starr geradeaus.
Der Monitor auf ihrem Defi zeigte, dass sein Herz in einem regelmäßigen Sinusrhythmus schlug. Sie tastete den Bauch ab, der unbehaart war und weich, keinerlei Abwehrspannung; wollte die Lunge abhören, hörte jedoch nichts vor lauter Lärm, drückte das Stethoskop fester auf die Brust, die Ohrbügel tiefer in ihre Gehörgänge, und irgendwann, als das Rattern des Generators für einen Moment leiser wurde, hörte sie auf der einen, dann auch auf der anderen Seite ein langsames, tiefes Rauschen. Im nächsten Moment sah sie das Gesicht des Staffelführers, der im Fenster erschien und offenbar etwas sagte. Anita nahm die Stethoskopbügel aus den Ohren und rief:
»Was?«
»Wir wären dann so weit«, rief er und gab Anita eine Decke, die sie über sich und den Jungen breitete. Es wurde still und dunkel um sie herum, die Hektik der Umgebung, der Rest ihrer Welt waren weg. Der Junge gab ein leises Stöhnen von sich, da sagte Anita:
»Die Decke schützt uns vor den Glassplittern.«
»Wenn ich hier raus bin, lasse ich auch das Auto stehen. Ich bin noch verabredet. Wir gehen feiern«, sagte der Junge, der wieder schneller atmete, die Wirkung des Ketamins ließ bereits nach. Anita machte die Lampe an und sah abermals auf den Monitor ihres Defi. Sein Herz schlug schneller, der Blutdruck war gesunken, sie hoffte, dass das nicht so weiter ging.
»Wie lange muss ich denn noch hier sitzen?«
»Wir holen dich hier raus. Wir müssen nur erst das Dach abnehmen.«
»Warum?«
»Weil deine Beine eingeklemmt sind.«
»Was ist mit meinen Beinen?«
Der Junge versuchte, sich aufzurichten, sodass Anita bereute, das gesagt zu haben. Es knallte ein weiteres Mal, direkt über ihren Köpfen. Der Junge zuckte erneut zusammen, diesmal klang es, als würde eine riesige Flasche zerbersten, das musste die Spitze der Feuerwehraxt gewesen sein, die die Windschutzscheibe durchschlug. Es folgte ein ewig langes Sägegeräusch, die Axt arbeitete sich um die Scheibe herum.
»Und nach dem Feiern, da gehe ich zu Fuß nach Hause. Versprochen«, sagte der Junge. Anita nickte. So lange Atmung und Blutdruck einigermaßen stabil blieben, gab es nichts zu tun, außer der sogenannten psychologischen Betreuung: Händchenhalten auf hohem Niveau. So saßen sie da, der Vitaldaten-Monitor piepte, piepte, in schneller, aber regelmäßiger Folge. Die Hitze der Spätsommernacht verfing sich unter der Decke. Anita leuchtete ihrem Patienten noch einmal ins Gesicht. Mit dem Feuerwehrhelm und einer kleinen Schnittwunde auf der Wange sah er jetzt wirklich aus wie ein Junge, der Feuerwehr spielte. Was machte er in so einem Auto? Hatte er es gestohlen? Von seinem Vater ausgeliehen und wenn ja, wusste der davon? Oder gab es in Berlin Kinder, die solche Autos zum Führerschein geschenkt bekamen?
»Erinnerst du dich, was passiert ist?«
»Nein.«
»Unglaublich, wie schnell das heiß wird, unter so einer Decke, oder? Mein Sohn und ich, wir haben oft unter der Decke Spiele gespielt, Höhlenforscher, mit Taschenlampe und Funkgerät, ich habe einen Sohn. Der ist vierzehn«, sagte Anita. Sie wollte ihn ohnehin nur ablenken, es war egal, was sie sagte. Sie hätte auch über das Wetter reden können, wie sie es sonst oft tat, doch aus irgendeinem Grund sprach sie über Lukas.
»Jetzt ist er zu alt für so etwas. Verrückt, wie schnell Kinder groß werden, es kommt mir noch wie gestern vor, da durfte er am Strand nur zwischen der Langnese-Fahne und der Pommesbude herumlaufen, und jetzt sagen wir ihm: zwischen Hermannstraße und Alex.«
Wenig später fing das ganze Auto an zu knarren, immer lauter, immer höher, das Auto erbebte, das Dröhnen der Dieselmotoren wurde immer lauter, dann gab es einen Ruck, als wäre jemand damit zu schnell über einen Bordstein gefahren. Die A-Säule zwischen Windschutzscheibe und Fahrertür war durchtrennt, doch der Junge schien das gar nicht mitbekommen zu haben. Er war nicht einmal zusammengezuckt.
»Jetzt hast du es bald geschafft«, sagte Anita. Der Junge antwortete erst nicht, dann sagte er:
»Ich will jetzt endlich mal los«, und fügte wenig später hinzu: »Es ist mir zu eng hier und …« Es folgte eine erneute Pause. »Und…« Dann hörte er auf. Mitten im Satz. Das Piepen des Vitaldaten-Monitors wurde tiefer, dunkler – das tat es nur, wenn im Blut zu wenig Sauerstoff war. Anita maß den Blutdruck. Nicht gut.
»Weißt du, wo du hier bist?«
Nichts.
»Du musst mir antworten«, rief sie. Erst sah es so aus, als wollte er trotz Stiffneck versuchen zu nicken, doch sein Kopf sank einfach nur nach vorn. Das Piepen wurde noch dunkler. Und schneller. Sie tastete erneut seinen Bauch ab – nun war er ganz hart. Und Anita folgte einem ganz anderen Plan: Behandle zuerst, was zuerst tötet.
Der menschliche Körper konnte meisterhaft auf Sparflamme schalten. Verlor er Blut, wurden unwichtige Stellen weniger versorgt, Organe heruntergefahren, Gefäße zusammengezogen, es wurde schneller gepumpt. Besonders junge Leute konnten so über lange Zeit eine innere Blutung ausgleichen. Der Nachteil dieser Qualität war, dass es, wenn alles das nichts mehr half, sehr schnell vorbei ging. Anita sprang auf, warf die Decke fort und schrie:
»Stop!« Geblendet von dem Scheinwerferlicht, das den Unfallort unter der U-Bahn-Strecke erhellte wie einen Fußballplatz, stieß sie mit dem Helm gegen das Dach, stolperte aus dem Wagen und rempelte die Feuerwehrleute zur Seite, die gerade an der A-Säule auf der Beifahrerseite ansetzten. Der Staffelführer sah Anita an, als habe sie einen Scherz gemacht.
»Er schmiert ab. Wir müssen ihn herausholen. Sofort.«
»Wir brauchen nur noch ein paar Minuten.«
»Wir haben keine paar Minuten. Er verblutet.«
Sowohl die Feuerwehrleute, als auch der Staffelführer sahen nun auf den Jungen. Blut war nirgendwo zu sehen. Und doch war Anita sich sicher. Irgendwo in ihm musste etwas geplatzt sein, ein Blutgefäß wahrscheinlich. Da war die Energie des Aufpralls geblieben.
»Aber er hat gesagt, er spürt seine Beine nicht mehr«, sagte der Staffelführer. »Der hat doch etwas an der Wirbelsäule.«
»Es ist mir egal, was der an der Wirbelsäule hat. Besser im Rollstuhl als tot«, sagte Anita. »Er muss da sofort raus.«
»Wenn Sie meinen. Sie haben studiert.«
Für einen kurzen Moment passierte nichts. Doch Anita war sich sicher, dieser Junge verlor mit jeder Sekunde, jedem Herzschlag Blut. Als die Feuerwehrleute schon wieder die Hydraulikschere anlegen wollten, kletterte Anita zurück in den Wagen. Sie kniete sich auf den Beifahrersitz und legte einen Arm um den Jungen. Sie musste alle Kraft aufwenden, um überhaupt zwischen seinem Rücken und dem Sitz durchzukommen, doch schließlich schaffte sie es, ertastete auf der anderen Seite einen Hebel, zog daran und die Lehne des Fahrersitzes schoss nach hinten. Obwohl Anita den Jungen hielt so gut sie konnte, sackte sein Oberkörper in sich zusammen. Sie drehte ihn zur Seite, bis er ihr in die Arme fiel und sie seinen Bauch umfassen konnte. Anita ergriff seinen rechten Arm, hielt ihn als Schutz vor seine Leber, rutschte auf dem Beifahrersitz zurück, schob ihn, zog an ihm, vor, zurück, wieder vor, doch er kam nicht frei. Sie griff mit der anderen Hand nach einem seiner Füße, riss einmal daran, zweimal, dann packte sie das Bremspedal und bog es aus dem Weg, was ewig zu dauern schien. Jetzt war er frei. Sie zerrte den fast weißen Körper über Handbremse und Schalthebel hinweg, stellte einen Fuß auf die Straße, stemmte sich mit dem anderen gegen den Wagen und riss so lange weiter an dem Jungen mit der Halskrause, bis sie, ihn im Arm, auf der Straße stand. Voller Schreck sahen die Feuerwehrleute ihr zu, hatten sie doch bisher alles getan, um auch die kleinste Verdrehung seines Körpers um jeden Preis zu vermeiden. Selbst in der Menge der Schaulustigen, die sich inzwischen auf der anderen Seite der Skalitzer Straße angesammelt hatte, kam Unruhe auf. Doch Anita war sich sicher, dass jetzt nur noch eins zählte: Zeit.
Wenigstens wussten nun alle, dass sie es ernst meinte.
»Einladen. Losfahren«, rief Anita. Der Staffelführer kam ihr zu Hilfe, fasste dem Jungen unter einen Arm und zog ihn zusammen mit Anita aus dem Wagen. Zwei weitere Feuerwehrleute kamen und halfen, ihn auf die Trage zu legen, in Schocklage, Beine hoch, im nächsten Moment war er bereits im Rettungswagen und sie fuhren los.
Während einer der Rettungsassistenten den RTW zurücksetze, fiel Anitas Blick ein letztes Mal auf den Unfallwagen. Mit den groben Holzbalken, auf die er nun gestützt war und dem halb entfernten Dach, erinnerte der BMW an altmodische, konsumkritische Objektkunst, die die Symbole der Wohlstandsgesellschaft als Schrott darstellte; Anita hatte so etwas in den Hinterhöfen besetzter Häuser von Berlin-Mitte gesehen.
Das Martinshorn ging an und nicht mehr aus, während sie am Schlesischen Tor vorbei, über die Warschauer Brücke zum Frankfurter Tor fuhren und dann abbogen in Richtung Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn.
Anita gab ihm so viel NaCl wie möglich. Wenn schon immer weniger Blut durch seine Adern floss, sollte zumindest Kochsalzlösung an dessen Stelle treten. Als sie das Portemonnaie des Jungen durchsuchte, um seinen Namen herauszufinden, fiel ihr Blick auf das Bild von einem Paar, das nicht wesentlich älter aussah als ihr Ex-Mann Adrian und sie. Sie sah es nicht lange an.
Da Anita den Jungen telefonisch als Polytrauma angekündigt hatte, stand bei ihrer Ankunft im UKB alles bereit, was die Nachtschicht eines Trauma-Zentrums zu bieten hatte, Anästhesie, Radiologie, Unfallchirurgie, Neurochirurgie, Pflegepersonal, eine MTA; ein Dutzend Menschen, die mit ihren bunt gemusterten Röntgenschutz-Schürzen aussahen, als wollten sie gleich an einer Kunst-Performance teilnehmen.
Sobald sie den Jungen in den Schockraum geschoben hatten, rief der Unfallchirurg:
»Alles Ruhe! Übergabe durch den Notarzt«, und Anita berichtete. Dann lief eine Choreographie ab, die Anita schon oft erlebt hatte, aber doch immer aufs Neue faszinierend fand. Der Patient wurde von der Trage auf den Untersuchungstisch gehoben, ein Radiologe hatte das Ultraschallsystem schon in der Hand, mit Gel eingeschmiert und drückte es sofort auf den Bauch, um nach der Blutung zu suchen, eine Krankenschwester schnitt die Kleider auf, während ein Pfleger einen Blasenkathether legte, eine Narkose eingeleitet und Röntgenbilder gemacht wurden. Alle stürzten sich gleichzeitig auf den Jungen wie ein Schwarm Piranhas. Und so schnell es eben noch gehen musste, war für Anita nun alles vorbei.
Sie stellte sich abseits an einen Tisch, schrieb ihr Einsatz-Protokoll und hörte währenddessen mit einem Ohr, dass die Ultraschalluntersuchung ihren Verdacht bestätigt hatte. Die Aorta des Jungen war eingerissen. Ein ursprünglich kleiner Riss hatte sich durch den hohen Druck ausgedeht, und die Blutung war im Nu so stark geworden, dass sie auf die Wirbelsäule drückte. Wenn alles gut lief, hatte er deswegen seine Beine nicht mehr gespürt.
»Ihr schickt uns dann ein Fax mit der Diagnose?«, fragte Anita, schon auf dem Weg zur Tür.
»Aber klar. Wie immer«, sagte der Unfallchirurg. »Vielen Dank und bis zum nächsten Mal. »
Als Anita das Unfallkrankenhaus verließ, wartete Maik bereits mit dem NEF auf sie. So konnten sie bereits auf der Rückfahrt zum Stützpunkt auf dem Funkmeldesystem die Eins drücken und waren wieder einsatzbereit über Funk, doch den Rest der Nacht blieb es ruhig. Kein Alarm mehr, sodass Anita nun wirklich einschlafen konnte, erst kurz vor Schichtwechsel wieder aufwachte und das Fax vom Unfallkrankenhaus Marzahn vorfand: Der Junge war notoperiert worden und nun stabil, die Wirbelsäule unverletzt. So verließ Anita um kurz nach acht das Urban-Krankenhaus in bester Laune.
Die Nacht hatte kaum Abkühlung gebracht. Jetzt schien es sogar schon wieder heißer zu werden, die Sonne war längst aufgegangen, der Morgen voll da. Anita Cornelius ging auf ihrem Heimweg an der Suffmanufaktur vorbei, einer Kneipe, die nie schloss. Im Laufe der Jahre waren immer mehr Fensterscheiben durch Sperrholzplatten ersetzt worden, dennoch konnte Anita erkennen, dass die Kneipe rappelvoll war, da flog die Tür auf, zwei junge Männer in engen Jeans, Baseball-Caps und Feinripp-Unterhemden wankten heraus, und der eine sagte zu dem anderen:
»And now, let’s get drunk.«
Anita ging weiter. So wie jede Nachtschicht mit der Tagesschau begann, ging sie jeden Morgen nach ihrer Ablösung hier vorbei, denn sie fühlte sich auf merkwürdige Art mit diesen Menschen verbunden, die ebenso die Nacht durchwacht hatten wie sie. Erst wenn sie die Suffmanufaktur passierte hatte, war die Nacht für sie vorbei; sie sah das Licht, spürte die Sonne, hörte die Mauersegler, die sirrend an den Hauswänden hinabstürzten und dann wieder in einen Himmel hinaufstiegen, der sich weiß in Richtung Sonne streckte.
Sie schlief noch einige Stunden und stand gegen Mittag wieder auf, um aufzuräumen. Ihr Sohn kam heute zu ihr, und Anita wollte nicht, dass ihre Wohnung einen unordentlichen Eindruck machte. Also ging sie in ihr Wohnzimmer, hob zwei Eispackungen, eine Weinflasche und eine fast leere Tüte Erdnuss-Flips vom Boden auf und tat sie in die Plastiktüte des China-Imbisses Glück, in der sie gestern eine Siebenundvierzig-mit-Reis nach Hause getragen hatte.
Auch ein Jahr nach der Trennung glich Anitas Wohnzimmer einem Möbellager. Als sie die gemeinsame Wohnung auflösten, hatte Adrian kaum etwas mitnehmen wollen – seine neue Lebensgefährtin Heidi besaß eine so perfekt eingerichtete Wohnung, dass neue Einrichtungsgegenstände ohnehin nur gestört hätten. Adrian hatte nur die Kaffeemaschine und ein gerahmtes Miles-Davis-Poster behalten, alle anderen Möbel waren bei Anita gelandet, doch deren neues Wohnzimmer war ziemlich klein, sodass man nun kaum auftreten konnte zwischen den zwei Sofas, drei Sesseln und den ganzen Bildern, die in ihrer alten Wohnung gehangen hatten und nun hier auf dem Boden standen, an die Wände gelehnt.
Anita war klar, dass sie irgendwann einmal ausmisten musste, doch sie hatte erst Möbel für Lukas gekauft, das hatte Vorrang, schließlich hatte er alles mit in sein neues Zimmer bei Heidi genommen; dann hatte ihr Elan nur noch für ein paar neue Küchenmöbel und einen Kaffeevollautomaten gereicht.
Im Schlafzimmer zog sie die Schublade ihres Nachttisches auf, in der sie vor ungefähr einem Jahr, kurz nach ihrer Trennung von Adrian, drei Kondome bereitgelegt hatte, die dort noch immer lagen. Sie nahm die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Der Notarzt und bedeckte die Kondome damit, dann schob sie die Schublade mit einer energischen Bewegung wieder zu. Erledigt.
Im Zimmer ihres Sohnes gab es, im Gegensatz zu ihrem Wohnzimmer, überhaupt nichts aufzuräumen. Lukas hatte seinen Drehstuhl unter den Schreibtisch geschoben, die Maus lag genau in der Mitte des Mousepads mit dem Bild von Bart Simpson, das wiederum bündig mit der Tastatur abschloss. Sogar das Bett war gemacht, auf dem Nachttisch lag ein Stapel Karteikarten mit Englisch-Vokabeln. Anita schüttelte den Kopf. Lukas’ Zimmer war derart ordentlich, dass sie sich regelrecht über die halb volle Flasche Apfelschorle freute, die unter das Bett gerollt war, sonst hätte dieser Raum gar nicht mehr wie ein Kinderzimmer gewirkt, sondern nur noch wie ein Büro, das ihr vierzehnjähriger Sohn drei Tage in der Woche nutzte, bevor er einige Termine bei seinem Vater und dessen neuer Freundin wahrnahm.
Auch bei Trennungen ohne Schlammschlacht traten zwangsläufig zwei Wohnungen in einen Wettbewerb um die Gunst des Kindes. Die Frage, wie Lukas dieses von Anita neu eingerichtete Zimmer gefiel, war zu einem Symbol dafür geworden, wie es mit der Trennung klappte. Sicher, der PC hatte mehr Arbeitsspeicher als sein alter, und der Monitor war zwei Zoll größer, doch die Gemütlichkeit eines Kinderzimmers mit all den im Laufe der Jahre angesammelten Dingen, vom ersten Teddy bis zum Harry-Potter-Poster, konnte sie nicht erzeugen. Und dennoch hatte es geklappt. Lukas war gern in seinem Zimmer. Anita und Adrian hatten die Trennung gut gemanagt, ein besseres Wort gab es dafür nicht.
Als Lukas eine Viertelstunde nach Schulschluss noch nicht geklingelt hatte, sah sie aus dem Fenster, rückte ein Kissen zurecht, sah wieder aus dem Fenster und dann auf die Uhr. Sie freute sich auf ihren Sohn und fast ebenso sehr freute sie sich auf das, was er mitbrachte: Ein paar Tage ihres früheren Lebens, des Lebens als Frau mit Familie, in dem sie sich um einiges besser auskannte als in dem, was jetzt war.
Wenig später öffnete Anita ihrem Sohn die Tür. Lukas hatte eine neue Frisur. Er trug sein Haar jetzt an den Seiten kurz und oben so lang, dass er es mit einem Seitenscheitel einmal quer über den Kopf kämmen konnte, genauso wie der Junge in dem Unfallwagen letzte Nacht. Dies war die erste Frisur, die sie nicht für ihren Sohn ausgesucht hatte, sein erster selbstbestimmter Haarschnitt, dachte sie und drückte Lukas derart fest an sich, dass seine Stimme ganz gedämpft klang, als er sagte:
»Hallo, Mama.«
Anita trat einen Schritt zurück.
»Schicke Frisur.«
»Es müsste nur oben noch ein bisschen länger sein. Eigentlich soll das bis hier rübergehen.« Lukas stellte den Rucksack im Flur ab und fuhr sich durch die Haare. Dann ging er in die Knie, wie sonst, um sich die Schuhe auszuziehen, doch heute hatte er nur einen kleinen Fleck auf dem leuchtenden Weiß der Turnschuhe entdeckt und wischte daran herum.
»Die Schuhe sind auch neu, oder?«
»Am Samstag gekauft. Ich wollte unbedingt die in weiß mit dem Swoosh in orange, da mussten Heidi und ich ganz schön nach suchen.«
»Lass uns auch mal wieder was einkaufen gehen«, sagte Anita.
»Ja, klar«, meinte Lukas. »Aber ich dachte, du gehst nicht so gern shoppen.«
»Doch, natürlich. Wie kommst du denn darauf? Ich habe nur nicht immer Zeit. Aber jetzt habe ich eh ein paar Tage frei.«
»Wie lief eigentlich dein Nachtdienst?«
»Das war echt wild. Wir mussten einen jungen Typen aus einem BMW schneiden, der ist voll gegen einen dieser Pfeiler von der U-Bahn am Schlesischen Tor geknallt.«
»Schneiden?«
»Das Auto aufschneiden.«
»Krass«, sagte Lukas und folgte ihr in die Küche. Er setzte sich ihr gegenüber an den Küchentisch und lächelte sie an, als sie ihm eine Flasche Apfelschorle zuschob.
»Erst haben wir die Beifahrertür abgeschnitten. Dann wollten wir eigentlich das Dach abmachen und ihn ganz vorsichtig rausheben, doch da haben wir gemerkt, er hat eine riesige intraabdominelle Blutung! Da haben wir ihn einfach über die Beifahrerseite rausgezerrt und sind wie die Blöden ab in’s Unfallkrankenhaus nach Marzahn.«
Anita wusste, dass ihr Sohn sie trotz dieser Fachworte verstand. Seit er klein war, hatten sie zu fast jedem Tischgespräch zwischen Anita und ihrem Ex-Mann gehört, Worte wie intraabdominell waren quasi Familienmitglieder. Sie wusste, wie spannend Lukas diese Geschichten fand und freute sich, in seinem Blick auch jetzt diese kindliche Begeisterung für alles Medizinische zu sehen, die sie seit Jahren mit ihren Geschichten in ihm auslöste:
»Nun mach es nicht so spannend, Mama. Hat es geklappt? Hat er überlebt?«
»Ja«, sagte Anita und hielt ihrem Sohn die offene rechte Hand hin. Lukas zögerte einen kurzen Moment, dann klatschte er mit seiner Hand in ihre, wie es Sportler derselben Mannschaft bei einem Erfolg taten und sagte:
»Genial.«
»Was wollen wir denn essen?«, fragte Anita. Sie wollte nicht von ihrer normalen Routine abweichen. Alles sollte laufen wie immer in den letzten Monaten: Sie würde Lukas das Telefon geben. Die besten Lieferdienste waren gespeichert, die Bestellnummern seiner Lieblingsgerichte kannte Lukas inzwischen auswendig. Sie würde den Tisch decken, und wenn der Lieferservice klingelte, würde sie Lukas mit ihrem Portemonnaie zur Tür schicken, ihm einschärfen, zehn Prozent Trinkgeld zu geben und währenddessen die Soja-Sauce oder den Pizzaschneider holen, je nachdem. Nach dem Essen würde Lukas Klavier üben, den Computer anschalten, Hausaufgaben machen und dabei mit seinen Freunden chatten. Irgendwann würde sie mit einem Stück Kuchen in sein Zimmer kommen, sie würden ein bisschen reden. So sollte es weitergehen. Wie geplant.
»Pizza? Vietnamesisch? Steak?«
»Kann ich gleich zu Matthäus?«, fragte Lukas. Anita sah auf das Telefon in ihrer Hand. »Weil, das haben wir uns so gedacht, er hat einen neuen Computer, gerade erst gekauft. Da wollen wir ein paar Sachen installieren.«
»Willst du nicht erst was essen?«
»Wir holen uns einen Döner.«
Anita steckte das Telefon wieder ein. Natürlich konnte Lukas zu Matthäus. Anita kannte die Eltern, die Mutter arbeitete im Finanzministerium, der Mann im Entwicklungshilfeministerium. Langweilige Leute, aber Langweiligsein war nun wirklich der letzte Grund, aus dem man seinem Sohn den Umgang mit einer Familie verbieten konnte.
»Ich könnte dann auch bei Matthäus schlafen, er hat schon gefragt, wäre echt toll, wenn das ginge. Außerdem ist seine Mutter gut in Mathe, die kann uns für die Klausur am Freitag helfen.«
Anita wollte erst antworten, dass auch sie gut in Mathe sei, hielt sich jedoch zurück und sagte stattdessen:
»Und seine Eltern haben wirklich nichts dagegen?«
»Nein«, antwortete Lukas, zwar nicht so gehetzt, dass es unhöflich klang, aber doch eilig genug, damit seine Mutter mitbekam, dass er ihr genau das eben bereits gesagt hatte.
»Natürlich kannst du das. Spricht absolut nichts dagegen«, sagte Anita und brachte Lukas mit einem merkwürdigen Gefühl der Enttäuschung zur Tür. Doch dann sah er sich auf dem Treppenabsatz noch einmal nach ihr um, rief ihr über das Geländer hinweg ein »Danke« zu, lächelte sie an, und wie immer, wenn er das tat, verflog ihr Ärger. Dieses Lächeln war eine seiner ersten Reaktionen in diesem Leben gewesen, sie war der erste Mensch, der es je gesehen hatte; mit diesem Lächeln hatte er ihr zum ersten Mal gesagt: Ich bin dein Sohn.
Anita blieb noch einen Moment im Türrahmen stehen, Lukas’ Schritte im Treppenhaus wurden langsam leiser.
»Viel Spaß«, rief Anita ihm hinterher, als wäre das die normalste Sache der Welt. Und eigentlich war es das ja auch.
Anita drehte eine ratlose Runde durch die eigens für Lukas aufgeräumte Wohnung. Was nun? Seit ihre beiden besten Freundinnen aus dem Studium sich in Speckgürtel-Praxen in Hamburg und Düsseldorf eingekauft hatten, kannte sie hier eigentlich fast nur noch Leute, die sie durch Lukas kennengelernt hatte, Familienfreunde. Sie kam sich vor, als hätte sie auf ein Date gewartet und sei versetzt worden. Normalerweise war sie nicht so. Oder wollte zumindest nicht so sein. Natürlich wurde ihr Sohn erwachsen, im Allgemeinen konnte sie das gut hinnehmen. Doch mit der Erinnerung an die vergangene Nacht hätte sie an diesem Tag die Zeit gern etwas festgehalten, die Zeit der Kindheit, die Zeit, die Zeit.
Sie beschloss, sich wieder hinzulegen. Doch als sie in ihrem Schlafzimmer stand, in dem sie auch tagsüber Licht machen musste, weil sie die Fenster mit Alufolie zugeklebt hatte, und dann auch noch ihre zwei Wecker und die maßgefertigten, rosafarbenen Ohrstöpsel sah, war ihr jede Lust vergangen, sich hier aufzuhalten – viel zu sehr fühlte sie sich durch all das an ihren Alltag erinnert, der ihr nach Lukas’ Abgang wie eine aus der Kurve geflogene Seifenkiste vorkam, die sich nicht mehr fortbewegte, auch wenn die Räder sich in der Luft noch etwas drehten. Sie öffnete die Nachttischschublade, nahm die Ausgabe der Zeitschrift Der Notarzt heraus, mit der sie ihren Kondomvorrat vor ihrem Sohn hatte verbergen wollen und verließ das Haus.
Es war nicht einmal fünfzehn Uhr. Auf ihrem Weg die Graefestraße hinunter zum Landwehrkanal gingen vor ihr zwei Männer mit abgeschnittenen schwarzen Cargo-Hosen. Einer trug ein ausgewaschenes Band-T-Shirt, New Model Army Impurity Tour 1990, sein grau melierter Pferdeschwanz verdeckte die ersten Tourdaten. Ihr Blick wanderte hinab bis zu den blassen Kniekehlen und weiter, sie registrierte kurz eine für sein Alter schon recht ausgeprägte Varikose, Krampfadern, rechts femoral, dann zog sie an ihnen vorbei und ging Richtung Norden.
Auf der Skalitzer Straße floss der Verkehr wieder. Das BMW-Wrack war entfernt, nichts erinnerte die Autofahrer auf dem Weg zum Schlesischen Tor daran, was letzte Nacht hier passiert war. Anita ging weiter, schlug einen Bogen zum Landwehrkanal und setzte sich am Ufer in ein Café, in dem sie schon einige Male gewesen war, ohne sich jemals den Namen merken zu können. Nun, wo ihr Tag nicht so verlief wie geplant, konnte sie wenigstens etwas trinken. Schon auf dem Weg hatte sie das Bild eines Glases mit kaltem Weißwein im Kopf gehabt, da stand die Kellnerin auch schon vor ihr und fragte:
»Und?«
»Ich hätte gern ein Glas Pfefferminztee«, sagte Anita.
Die teilnahmslos wirkenden Augen in ihrem blass geschminkten Gesicht, die dunkelroten Lippen und die Frisur, der wie mit dem Rasiermesser präzis gezogene Pony, ließen die Kellnerin derart streng aussehen, dass Anita sich nicht getraut hatte, mitten am Tag ein Glas Wein zu bestellen, wenngleich sie wusste, dass es der Kellnerin herzlich egal gewesen wäre. Die Kellnerin hatte eine Windrose auf die linke Schulter tätowiert, die bei allen Bewegungen ihre kreisrunde Form behielt, sogar als sie sich wenig später nach vorn beugte, um den Tee vor Anita hinzustellen. Er kam in einem Latte-Macchiato-Glas, sodass Anita eine gefühlte Ewigkeit warten musste, bis sie, das Glas vorsichtig am obersten Rand anhebend, den ersten Schluck nehmen konnte. Als sie sich auch dann noch die Zunge verbrannte, winkte sie die strenge Kellnerin wieder heran und sagte:
»Und vielleicht noch einen Weißwein dazu.«
»Chardonnay? Veltliner? Riesling?«
»Eigentlich egal.«
»Dann Chardonnay«, sagte die Kellnerin, verschwand ohne eine Antwort abzuwarten und kehrte wenig später mit einem Glas zurück. Anita nahm einen ersten, für ihre Verhältnisse ziemlich großen Schluck. Sie wohnte jetzt seit einem Jahr wieder allein und war sich bei den Freiheiten, die sie sich in dieser Zeit genommen hatte, oft zehn Jahre jünger vorgekommen. Doch nun, nach dem ersten Schluck Wein am helllichten Tag, fühlte sie sich plötzlich zehn Jahre älter. Wie eine Frau mittleren Alters, deren Kinder gerade ausgezogen waren und sie mit dem Familienhund zurückgelassen hatten.
Kaum eine Viertelstunde später winkte Anita schon viel weniger zögerlich erneut nach der Kellnerin, und als sie das zweite Glas Wein trank, verschwanden diese Gedanken wie die Klumpen einer Tütensuppe in heißem Wasser. Manche schwammen länger an der Oberfläche als andere, doch schließlich waren sie alle weg.
Gegenüber stand ein Miet-Transporter, auf dessen Plane ein Seehund aufgedruckt war. Der Seehund hob den Kopf, sah Anita direkt in die Augen und wirkte dabei so aufgekratzt heiter, dass Anita sich nicht nur beobachtet, sondern dazu noch verhöhnt vorkam. Offensichtlich zog jemand im Haus gegenüber ein. Wie jedes Jahr brachte das Ende des Sommers nicht nur eine neue Herbstkollektion in die Modeläden, sondern auch mit dem beginnenden Wintersemester eine neue Kollektion von jungen Männern in ihre Nachbarschaft – ein Phänomen, das sie mit einer Mischung aus Amüsement und Melancholie betrachtete, wobei der Melancholie-Anteil in den letzten Jahren deutlich zugenommen hatte.
Anita schlug ihre Ausgabe von Der Notarzt auf, überflog die Zusammenfassungen der Artikel und begann ein Quiz, bei dem man verschiedene EKGs den passenden Diagnosen zuordnen sollte, vertiefte sich in die verschiedenen Ableitungen, die Feinheiten von Erregung und Erregungsrückbildung, Wellen, Flattern und Flimmern.
»Hey, wir kennen uns doch«, sagte jemand hinter ihr. Ein Mann, der sich an einem der anderen freien Tische niedergelassen haben musste. Anita legte eine Pause in ihrem EKG-Rätsel ein. Sie hatte diese Stimme schon einmal gehört, eine Stimme, die weder besonders hoch noch besonders tief klang, und doch in ihrem Gedächtnis geblieben war durch die Weise, wie sie in einem Moment verlebt und kratzig geklungen hatte, in nächsten jungenhaft klar. Sie drehte sich um.
»Hallo Rio. Das ist ja eine Überraschung.«
»Wirklich, so ein Zufall. Geht’s dir gut?«
»Bestens«, sagte Anita. »Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen.«
»Stimmt. Das muss irgendwann im letzten Sommer gewesen sein, oder? Auf irgendeiner Party. Fragt sich nur, auf welcher.«
»Das war im Mai, glaube ich. Oder Juni?«, sagte Anita und sah ihn an. Sah das kräftige Kinn, die große, aber ebenmäßige Nase, die an den Seiten kurz rasierten Haare und die etwas längeren Locken, die oben auf seinem Kopf saßen wie eine Schaumkrone auf einem Bier.
»Ich komme noch drauf. Ganz bestimmt«, fügte Anita hinzu. Und als Rio sie anlächelte, bemerkte sie den Ansatz erster Falten um seine Augen. Überhaupt, diese Augen. Sie waren blau, und in der Iris seines linken Auges entdeckte Anita einen kleinen braunen Fleck, eine Farbanomalie.
»Ich hab’s«, sagte Anita. »Das war im Juni. Auf der Geburtstagsparty von Maik.«
»Aber klar, jetzt wo du es sagst … Du bist eine Kollegin von Maik.«
»Und du bist ein Freund von ihm.«
»Ja. Auch«, sagte Rio und holte eine Packung Tabak hervor. »Um ehrlich zu sein, bin ich damals über Theo da hingekommen. Maiks Freund.«
»Ex-Freund, inzwischen«, sagte Anita.
»Ach ja, stimmt. Schade«, sagte Rio, während er ein Blättchen aus einem Heft pfriemelte und sich eine Zigarette drehte.
»Das finde ich auch«, sagte Anita.
»Und du warst mit deinem Sohn da. Lukas, oder? Und deinem Mann.«
»Ex-Mann, inzwischen.«
»Oh. Ich wollte nicht …«
»Kein Problem. Ich wollte auch nicht …«
Es folgte eine winzige Stille, in die sie beide fast gleichzeitig hineingrätschten, Anita setzte gerade an, da hatte Rio schon begonnen:
»Erwartest du noch jemanden?«
»Warum?«
»Ich dachte nur, wegen dem Tee«, sagte er und warf einen Blick auf das Glas mit dem inzwischen erkalteten Wasser, in dem die Minzeblätter schwammen, was zugegebenermaßen schön aussah, das satte Grün in der klaren Flüssigkeit.
»Ach das, das war ein Fehler.«
»Du trinkst Wein?«
»Kann man das nicht machen? Doch, oder? Also, am Nachmittag Wein trinken?«
»Natürlich. Klar. Wein am Nachmittag ist vollkommen okay.«
»Dann kannst du ja auch einen trinken. Also, natürlich nur, wenn du Lust hast«, sagte Anita.
»Gern. Ich müsste nur einmal kurz telefonieren und einen Kunden abwimmeln.«
Rio nahm sein Telefon. Während er wählte und auf Antwort wartete, versuchte Anita, sein Alter zu schätzen. Er hatte einen rötlichen Bart mit hellen Flecken, die ebenso blond sein konnten wie grau. Wie generell bei bärtigen Männern, fand Anita es schwer zu sagen, ob er Mitte zwanzig oder Mitte vierzig war.
»Hallo. Ich wollte nur sagen, dass ich Ihnen das Angebot erst morgen schicken kann. Tut mir echt leid, mir ist etwas Wichtiges dazwischen gekommen, hier, auf der Arbeit, ein anderer Auftrag, das müssen wir jetzt erst einmal abarbeiten.«
Das Telefon noch am Ohr, legte er ein Feuerzeug mit der Aufschrift I love Berlin und die fertiggedrehte Zigarette auf den Tisch. Anita hatte noch nie so eine schöne selbstgedrehte Zigarette gesehen.
»Na, im Laufe des Tages«, sagte Rio dann und als er erneut der anderen Stimme zuhörte, schob er Feuerzeug und Zigarette auf dem Tisch hin und her.
»So genau kann ich das nicht sagen, aber ich tue mein Bestes, okay? Wir können ja später noch mal ausführlicher sprechen«, sagte Rio und steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen, wodurch das »Aber vielen Dank, ja? Für Ihre Geduld. Tschüss«, mit dem er das Gespräch beendete, etwas genuschelt klang. Er legte das Telefon weg und nahm noch in derselben Bewegung das Feuerzeug vom Tisch, zündete die Zigarette an, wandte sich Anita zu und sagte:
»So. Feierabend.«
»Also, ich trinke hier Chardonnay.«
»Ist der gut?«
»Ja. Kalt. Also, weiß nicht. Ich habe keine Ahnung von Wein«, sagte Anita.
»Ich auch nicht.«
»Um ehrlich zu sein, sind mir Leute, die sich mit Wein auskennen, immer ein bisschen suspekt«, sagte Anita, worauf Rio erneut lächelte.
»Ich trinke eigentlich ohnehin lieber Gin Tonic«, sagte Rio. »Die haben hier doch was zu essen, oder?«
»Das ist eine Art Speisekarte. Da stehen aber auch die Getränke drin. Hinten, hier, unter ›Getränke‹. Aber eben auch Speisen. Essen. Suppen.«
»Hm. Suppen sind ein bisschen warm bei der Hitze, oder? Außer sie sind kalt. Also. Gurkensuppe oder so.«
Anita beruhigte sich langsam, weil sie merkte, dass Rio ebenso durcheinander redete wie sie selbst. Sie musste sich erst wieder daran gewöhnen, mit fremden Männern zu sprechen. Früher hatte sie das gut gekonnt, doch in den letzten Jahren hatte sie in solchen Gespräche stets versucht, den optimalen Zeitpunkt zu finden, um ihren Mann und ihren Sohn zu erwähnen und damit zu zeigen, dass sie kein Interesse an Bekanntschaften erotischer oder gar romantischer Natur hatte – nun musste sie es genau anders herum machen.
»Eigentlich hätte ich heute meinen Sohn gehabt«, sagte Anita. »Aber das hat sich dann nicht ergeben.«
»Wie alt ist dein Sohn eigentlich?«
»Wieso? Hast du auch einen?«
»Ne. Nur so. Ist nicht so wichtig.«
»Aber ist ja auch kein Geheimnis. Vierzehn. Heute schläft er nun doch nicht bei mir.«
»Okay?«, sagte Rio, und Anita fragte sich, ob dieses Gespräch dadurch einen schlüpfrigen Unterton bekommen hatte. Als sie diese Frage für sich mit Ja beantwortete, stellte sie fest, dass ihr das nicht unangenehm war. Sie hatte das Gefühl, einem Menschen gegenüber zu sitzen, der vielleicht noch nicht wusste, was er von ihr halten sollte, aber zumindest nichts gegen sie hatte.
»Und da habe ich halt gedacht, dass ich mal wieder am Nachmittag in ein Café gehen könnte.«
»Ja, lustig, oder?«, sagte Rio. »Ich war auch ewig nicht mehr nachmittags einfach so was trinken.«
»Das mit deinem Kunden, das hast du ja gut hingekriegt.«
»Kann man sowas machen? Oder war das nicht okay? O Gott, jetzt komme ich mir ja wie ein richtiger Lügner vor.«
»Oder wie ein Mensch mit Verhandlungsgeschick. Und einem sicheren Job«, sagte sie. »Also, nicht, dass ich da so genau hingehört habe. Es geht mich ja nichts an.«
»Wir haben gerade einen ziemlich ungeduldigen Kunden. Eine Unternehmensberatung«, sagte Rio.
»Bist du nicht Bootsbauer? Ich glaube, du hattest das damals erzählt.«
»Das bin ich. Wir machen das manchmal so nebenbei, Segeln gehen. Mit Gruppen. Firmen, meistens, das ist irgendwie gut, wenn man ein paar Tage an der frischen Luft was zusammen macht. Für das Betriebsklima. Ich bin dann der Skipper.«
»Also du segelst das Boot, und dann ist da noch ein Psychologe dabei? Ein Coach.«
»Gerade nicht. Das ist, glaube ich, der Trick. Das Segeln ist der Coach. Und das Boot. Alle halten zusammen, kommen zusammen voran. Das reicht«, sagte Rio und nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Du bist Ärztin, oder?«
»Ja«, sagte sie, dann schwiegen sie beide für einen Moment, und es war Anita, die das Gespräch wieder aufnahm.
»Was baust du denn für Boote?«
»Holzboote.«
»Ruderboote?«
»Nein, Segelboote. Nur eben aus Holz«, sagte er in einem Tonfall, als könnte er dazu noch viel erzählen, nur nicht jetzt.
»Und was bist du für eine Ärztin«, fragte Rio.
»Internistin. Aber ich bin hauptsächlich auf dem Notarztwagen.«
»Da kommt man bestimmt viel rum.«
»Man sitzt aber auch viel rum«, sagte sie.
In diesem Moment flog ein Spatz heran und setzte sich auf ihren Tisch. Anita verscheuchte ihn, doch wenig später kam er zurück, hüpfte direkt zu Anitas inzwischen erkaltetem Tee und flog mit dem Keks davon, der noch immer auf der Untertasse gelegen hatte – der Keks war fast so groß wie der Spatz.
»Respekt«, sagte Rio, und diesmal war es Anita, die lächelte. Von dem Bestellen einer Suppe war nicht mehr die Rede gewesen. Dafür bekam Anita langsam das Gefühl, dass es sich doch gelohnt hatte, zu Hause aufzuräumen.
PERSEIDEN
ANITA CORNELIUS wachte von einem Knirschen auf, das sich zu einem Geheul steigerte, bis es ihr, aus der Stille des Schlafes kommend, infernalisch laut erschien. Sie fuhr mit der Hand über das Bettlaken, dann richtete sie sich auf. Durch die offene Schlafzimmertür fiel Licht herein. Draußen war es bereits so hell, dass sie das Poster an der Wand gut erkennen konnte, das Bild eines Mannes mit ausgestreckten Armen, einmal von vorn, einmal von hinten, mit genauer Beschreibung aller seiner Nerven; eine anatomische Lehrtafel, die sie vor Jahren auf einem Flohmarkt gekauft hatte. Sie war zu Hause. Und Rio klapperte in ihrer Küche mit Geschirr, nachdem er den Kaffeevollautomaten in Betrieb genommen hatte. Ein beruhigender Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es erst kurz vor sieben war, dann fiel ihr ein, dass sie heute ohnehin nicht arbeiten musste, offensichtlich im Gegensatz zu Rio, dessen Handgriffe zwar nicht nach Hektik, aber doch nach der wohlgeprobten Routine eines Arbeitsmorgens klangen. Nur eben: bei ihr. Sie hörte, wie der Hebel ihres Toasters mit einem metallen federnden Geräusch einrastete. Wenig später duftete es nach Frühstück. Anita suchte nach einem T-Shirt und zog es an. Dass er Kaffee gekocht hatte, hatte sie noch ganz nett gefunden, aber dass er jetzt anfing, in ihrer Wohnung für sie Frühstück zu machen, war ihr dann doch eine Spur zu ritterlich.
Vielleicht fand er sich ja auch deswegen ohne Probleme zurecht, weil er das jede Woche bei einer anderen Frau tat und sich die Küchen von alleinstehenden Frauen glichen. Weil das, was sie im Stilwerk und bei Habitat für individuelle Einrichtungs-Entscheidungen gehalten hatte, von allen Frauen in ihrem Alter in fast identischer Weise gekauft und dann an identischen Orten platziert wurde. Plötzlich fühlte sie sich einer Gruppe zugehörig, einer Kohorte von Frauen, die es noch einmal wissen wollten. Und sie fühlte sich weder besonders schlecht noch besonders frei, sondern auf ganz und gar unausstehliche Weise normal.
Sie machte einige Bewegungen mit dem Kopf, links, rechts, rauf, runter. Keine Kopfschmerzen. Nach einem zweiten Glas Wein hatte sie gestern nur noch Wasser getrunken, betrunken war sie nicht gewesen, wobei es ihr eigentlich ganz lieb gewesen wäre, sie könnte behaupten, all dies sei nur aus einer Weinlaune heraus geschehen. Doch das stimmte nicht, sie erinnerte sich an alles, Worte, Hände, Lippen, und trotzdem lag der Abend in einer merkwürdig nebulösen Ferne.
Sie schloss die Augen und dachte an die zwölf Hirn-Nerven. Wenn es ihr nicht gut ging, sagte sie sich gern Teile ihres im Studium eingetrichterten Wissens auf, als wären es auswendig gelernte Gebete oder Gedichte. Es ließ sie an die Jahre des konzentrierten Lernens in stillen Bibliotheken denken, Jahre der Ruhe und Berechenbarkeit: Nervus olfactorius, Nervus opticus, Nervus oculomotorius, Nervus trochlearis, Nervus trigeminus, Nervus abducens, Nervus facialis, Nervus vestibulocochlearis, Nervus glossopharyngeus, Nervus vagus, Nervus accessorius, Nervus hypoglossus.
Rio kam mit zwei Bechern aus der Küche zurück.
»Vorsicht«, sagte er, als er ihr den Kaffee reichte. Anita dachte dasselbe, ›Vorsicht‹, nur nicht in so einem freundlichen Ton, sondern mit einem dicken Ausrufezeichen. Eigentlich sollte sie jetzt Frühstück machen. Für ihren Sohn. Doch der dönerte mit seinem Kumpel Matthäus und sie ließ sich in ihrer eigenen Wohnung den Kaffee kochen. Anita wusste, dass andere Leute sich über solche Dinge gefreut hätten, doch sie fragte sich nur, ob das jetzt immer so weiterging mit den Überraschungen. Konnte sie sich auf nichts mehr verlassen, was einmal geplant war?
Der Kaffee schmeckte nach Beton. So hatte sie sich das eigentlich nicht vorgestellt, als sich abzeichnete, dass es mit Adrian zu Ende ging. Ihr Plan hatte vorgesehen, erst einmal das Alleinsein zu lernen oder zumindest das Alleinewohnen. Anita hatte für die nächsten Jahre ein beschaulich-kontemplatives Leben geplant, wollte spazieren gehen, lange Abende mit Büchern und Tee verbringen, den Wechsel der Jahreszeiten im botanischen Garten erleben.
»Wäre es okay, wenn ich etwas dazu sage?«, sagte Anita.
»Aber klar.«
»Ich finde One-Night-Stands vollkommen okay.«
»Ich auch.«
»Ich bin jetzt Single und nehme mir meine Freiheiten.«
»Okay?«
»Ich habe kein Problem damit, One-Night-Stands zu haben, obwohl ich die Mutter eines Teenagers bin.«
»Das hat meine Mutter auch damals gesagt«, sagte Rio.
»Was soll das denn jetzt heißen?«
»Nichts. Also nicht, dass … ich finde das total okay. Das sollte das heißen.«
»Ich will damit nur sagen, wir müssen nicht unbedingt Nummern tauschen«, sagte Anita.
»Das haben wir doch gestern schon.«
»Aber wir müssen nicht … du weißt schon.«
»Ja. Nein. Okay?«
Anita ging kurz ins Bad. Als sie wieder herauskam, fiel ihr Blick durch die offen stehende Wohnzimmertür auf die Sofas und Sessel und auf die Bilder, die unaufgehängt auf dem Boden standen. Auch Rio musste sie bemerkt haben. Sie fragte sich, ob ihre Wohnung bei Außenstehenden den Anschein erweckte, sie sei ein hilfloser, alltagsuntauglicher Mensch, und während Rio sich in ihrer Wohnung bewegt hatte, als wäre er zu Hause, fühlte Anita sich plötzlich fremd hier. Sie tappte durch die Räume, vorsichtig und befangen wie jemand, der nach einem missglückten One-Night-Stand nur noch nach Hause wollte, und musste sich mühsam bewusst machen, dass dies ihr Zuhause war. Sie wollte es für sich allein. Doch da saß dieser Mann, kaffeetrinkend, mitten in ihrer Privatsphäre. Nachdem sie sich etwas angezogen hatte, wusch sie sich die Hände und rief Rio dabei zu:
»Du musst gleich los zur Arbeit?«
»Eigentlich nicht.«
»Und warum bist du dann schon aufgestanden?«
»Ich weiß nicht, ich glaube, ich habe irgendwie gute Laune. Kann das sein?«
Bevor sie sich einen weiteren Schritt überlegen konnte, klingelte ihr Telefon. Es war Anitas Kollegin, die gerade auf ihrem Stützpunkt den Dienst angetreten hatte. Die Schule habe angerufen, ihre Tochter sei krank und …
»Soll ich dich vertreten?«, unterbrach Anita sie und war schon aufgesprungen, bevor ihre Kollegin antworten konnte. Sie trank ihren Kaffee in einem Schluck aus und sagte zu Rio:
»Wäre es okay, wenn ich schnell zuerst unter die Dusche gehe?«
Sie duschte in Rekordzeit, raffte ihr noch halb nasses Haar mit einem Gummi zu einem Pferdeschwanz zusammen, zog Jeans, BH und T-Shirt an, für alles andere war es ohnehin zu heiß. Auf einmal hatte sie gute Laune, denn sie wusste, was sie erwartete: ein Tag der eindeutigen Kompetenzen und klaren Zuständigkeit.
»Vielen Dank für den schönen Abend«, sagte sie zum Abschied zu Rio, etwas Besseres war ihr nicht eingefallen.
»Ja, klar. Ach Quatsch. Ich muss mich bedanken«, sagte Rio und fügte hinzu: »Dann verbleiben wir jetzt ganz unverbindlich?«
»Von mir aus gern. Das soll jetzt nicht so aussehen, als würde ich weglaufen, aber ich muss jetzt ganz schnell los.«
»Kein Problem. Soll ich mit rauskommen?«
»Nicht nötig. Zieh einfach die Tür hinter dir zu.«
Auf dem kurzen Fußweg in die Klinik legte sie einen Zwischenstopp bei einer Bäckerei ein, wie immer, wenn sie auf dem Weg zum Frühdienst war. Sie atmete auf, als die Verkäuferin die Tüte mit den Brötchen auf die Verkaufsvitrine legte. Nun konnte doch noch ein ganz normaler Tag beginnen. In der letzten Zeit war für Anita ausgerechnet die Arbeit im Rettungsdienst zum berechenbarsten Teil ihres Lebens geworden – egal, was passierte, für alles gab es Algorithmen, Regeln, die vorschrieben, wie das Richtige in der richtigen Reihenfolge zu tun war; ein Alarm kam ordentlich nach dem anderen und war mit der Übergabe des Patienten an die Klinik für immer erledigt.
Das Urban-Krankenhaus kam in Sicht. Die Sonne schien, und die ersten rauchenden Patienten standen vor dem Haupteingang unter dem Rauchverbots-Schild. Einer trug einen Jogging-Anzug, der andere einen Bademantel, der offensichtlich nicht mit der Absicht gekauft worden war, jemals in der Öffentlichkeit getragen zu werden. Der andere Patient führte einen Ständer mit einer Infusionslösung mit sich, Hepa-Merz, wie Anita an dem Etikett erkannte und anhand der gelben Hautfarbe ein Leberleiden vermutete.
Anita ging weiter bis zum Eingang der Rettungsstelle. Sie ließ zwei Rettungsassistenten den Vortritt, die eine Frau mit wirrem grauen Haar aus ihrem Wagen geladen hatten, folgte ihnen, blieb vor der Tür zum NEF-Stützpunkt stehen und gab den vierstelligen, seit Jahren unveränderten Zahlencode ein, den sie inzwischen auch für ihre EC-Karte benutzte: 1516 – das Jahr der Einführung des Reinheitsgebots für Bier.
Mit einem erleichterten Seufzer hängte Anita ihre Alltagsklamotten in ihren Spind, zog einen weißen Kasack und die orangefarbene Hose an, spürte das widerspenstige synthetische Material auf der Haut ihrer Beine. Sie nahm die Jacke, sah nach, ob das Rückenschild mit der Aufschrift Notärztin noch richtig saß, dann ging sie in den Aufenthaltsraum mit der alten cremefarbenen Couch und dem mintgrünen Couchtisch mit der Glasplatte in der Mitte, auf dem die obligatorische 500-Gramm-Gebäckmischung der Marke »ja!« stand. Einem Gerücht zufolge wurden diese Kekse von der Klinik zentral für alle Abteilungen angeschafft – aus dem Etat für Verbrauchsmaterial, zusammen mit Verbandsmaterial und Handseife, geschmacklich lagen sie irgendwo dazwischen. Anita warf die Brötchentüte auf den Tisch, da hörte sie hinter sich die Stimme von Maik.
»Ach, du bist eingesprungen?«
»Ja. Die Mohringer hat angerufen, da bin ich sofort los. Brötchen habe ich aber trotzdem gekauft, so viel Zeit muss sein.«
»Das trifft sich gut«, sagte Maik, der ein Glas Honig in der Hand hielt. »Ich habe nämlich auch etwas mitgebracht. Von Opa.«
»Großartig. Ich liebe Honig«, rief Anita und bemühte sich dann, nicht zu enthusitastisch zu klingen, schließlich war es für Maik ein ganz normaler Arbeitstag.
»Hat Dr. Mohringer dich aus dem Bett geklingelt?«, fragte Maik, als sie wenig später die Brötchen aufschnitten.
»Das war gar nicht nötig. Ich war schon wach.«
» Schläfst du nicht mehr so gern aus wie früher?«
»Eigentlich schon.«
»Ach ja, du hattest deinen Sohn. Habe ich ganz vergessen.«
»Das ist alles etwas anders gekommen als geplant.«
»Ist etwas passiert?«
»Nein. Er hat bei einem Freund geschlafen, das ist alles.«
Maik hob die rechte Augenbraue um nicht mehr als einige Millimeter. Ein Außenstehender hätte es kaum bemerkt, doch Anita wusste, dass er das nur tat, wenn er das Gefühl hatte, jemand sagte ihm nicht die volle Wahrheit.
»Aber nur, wenn du mir versprichst, dass du es nicht weitererzählst«, sagte Anita.
»Nein. Versprochen.«
»Lukas hat woanders geschlafen. Und … jemand anders dafür bei mir.«
Maik hörte auf zu kauen, setzte sich kerzengerade hin und riss auf theatralische Art und Weise die Augen auf.
»Warum tust du denn so überrascht?«
»Ich bin überrascht.«
»Ich habe eine alte Partybekanntschaft abgeschleppt. Was ist denn daran so besonders?«
»Aber Doktor, so kenne ich dich ja gar nicht.«
»Andere Leute machen das dauernd. Du zum Beispiel.«
»Genau. Von mir kennst du das. Aber du warst doch immer so …«
»… eine Mutti?«
»Das hast du jetzt gesagt.«
»Aber denk dran, ich will nicht, dass sich das zu Adrian herumspricht.«
»Mister Ex soll also nichts davon wissen? Warum denn das? Eure Trennung ist ein Jahr her «, sagte Maik. »Da wirst du doch mal ein bisschen Sex haben dürfen.«
»Darum geht es nicht. Ich will generell nicht, dass sich solche Dinge aus meinem Privatleben herumsprechen.«
»Na, so wahnsinnig privat ist das ja nun auch nicht. Das war halt unverbindlicher Sex.«
»Ich weiß nicht«, sagte Anita. »Vielleicht ist das unter Männern anders.«
»Unter Homos, meinst du? Die Ausrede zählt nicht. Du tust ja so, als ob in einer Großstadt im 21. Jahrhundert nur die Schwulen schnellen Sex haben.«
»Schon gut. Aber ich will trotzdem nicht, dass das nachher die halbe Klinik weiß wie damals, als du diese Sache mit Schmitti hattest. Oder mit Theo.«
»Alles klar, ich hab verstanden«, sagte Maik und nahm einen großen Bissen von seinem Brötchen. Er war in der Tat Anitas einziger Kollege, der sich mit seinem Sexleben im Vergleich mit den Klinik-Mitarbeitern aus Grey’s Anatomy nicht verstecken müsste. Anita kannte ihn schon lange, seit ihrer Anfangszeit in Berlin. Adrian und Anita waren vor knapp zehn Jahren als Assistenzärzte aus Lübeck hierher gezogen, Anita hatte damals gerade die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin erworben, und bereits ihr erster Dienst hatte sie mit Maik zusammengebracht. Maiks Umzug aus Neustrelitz nach Berlin lag da schon eine Weile zurück. Er war zwar erst 24 gewesen, kannte sich aber im Rettungsdienst und generell in Berlin so viel besser aus als Anita, dass sie beruflich viel von ihm lernte und sich privat immer gern etwas von ihm zeigen ließ.
Wie alle Feuerwehrleute musste auch Maik eine Ausbildung zum Rettungssanitäter machen. Bei den meisten Feuerwehrleuten war das nicht gerade beliebt, Maik jedoch hatte das von Anfang an gemocht. Die Kameradschaft auf der Feuerwehrwache, das gemeinsame Kochen, all das reizte ihn nicht so sehr wie die Dienste auf dem NEF, die eher den motivierten Rettungsassistenten vorbehalten waren. Sicher war es auch diese Faszination, durch die Maik sich zu Anita hingezogen fühlte. Anita hingegen, mochte seine offene, feierfreudige Art. Maik war ein Mensch, den man überall mit hinnehmen konnte. Es bestand nie die Gefahr, dass er nur schweigend herumstand, wie es ihr mit Adrian manchmal auf Partys passiert war, und nach der Trennung bedeutete Anita die Freundschaft zu Maik noch mehr. Und doch erzählte sie nicht, dass es Rio war, um den es sich hier handelte, den Maik ja flüchtig kannte. Sie wollte erst einmal abwarten, wie sich die Sache entwickelte.
»Nun grins nicht so«, sagte Anita.
»Tu ich doch gar nicht. Du hast jemanden abgeschleppt. Ist doch vollkommen okay.«
»Ich meine das Ernst, Maik.«
»Weil es was Ernstes ist?«
»Nicht deshalb«, sagte sie. »Sag mal, werde ich etwa rot?«
»Aber, Frau Doktor, Sie doch nicht«, sagte Maik. Anita ging kauend hinaus, sah in den Spiegel, kam zurück und sagte:
»Lügner.«
Anita schaltete den Fernseher an, und sie frühstückten schweigend weiter, bis Anitas Funkmeldeempfänger losging. Er piepte, vibrierte und fiel, da er direkt am Rand des Tisches gelegen hatte, über die Kante. Maik fing ihn im letzten Moment auf. Sie nahmen jeder noch einen großen Bissen von ihren Frühstücksbrötchen, dann machten sie sich auf den Weg zu einer Person mit Atemnot, Kleingartenverein Concordia, Parzelle 127.
»Laube. Das kann ja was werden«, sagte Maik, während Anita sich auf dem Beifahrersitz anschnallte. Einsätze in Lauben machten Maik misstrauisch. Anita hatte anfänglich gedacht, Notrufe in Kleingartenvereinen führten sie zu ordentlichen Rentnern, die beim abendlichen Grillen die mikrobiologischen Vorgänge in einem ungekühlten Kartoffelsalat unterschätzt hatten und beim Eintreffen des Rettungsdienstes bereits Zahnbürste und Versichertenkarte bereitgelegt hatten. Doch die Erfahrung hatte gezeigt, dass diese Leute erst einmal nach Hause fuhren, wenn sie sich nicht wohl fühlten. Dann waren da noch die Leute, die kein anderes Zuhause hatten. Und die waren meist etwas merkwürdig oder, wie Maik sagen würde, speziell.
Sie fuhren in Richtung Mehringdamm. Anita sah die Ampel an der Kreuzung rot werden. Maik schaltete schon weit vor der belebten Kreuzung das Martinshorn an und bremste trotzdem deutlich ab, als einige Fußgänger eine Schrecksekunde lang stehen blieben, dann mitten auf der Straße umkehrten. Ein Vater nahm seinen Sohn auf den Arm und zeigte auf sie, doch die meisten Menschen hielten sich die Ohren zu – aus dem NEF betrachtet, bestand halb Berlin aus Menschen, die sich die Ohren zuhielten.
Maik steuerte konzentriert in Richtung Südkreuz, Anita ging im Kopf verschiedene Szenarien durch. Sie überlegte, ob sie das mobile Airfree-Koniotomie-Set mitnehmen sollte, um im schlimmsten Fall einen Luftröhrenschnitt machen zu können, der streng genommen ein Kehlkopfschnitt war. Doch sie entschied sich dagegen. Auf der Alarmierung hatte Patient mit COPD gestanden, einer chronischen Lungenkrankheit, die derart drastische Maßnahmen nie nötig machte. Präklinische Kehlkopfschnitte kamen ohnehin fast nie vor. Anita kannte nur einen Kollegen, der das Airfree-Set jemals benutzt hatte. Sie hatte nur ein paar Mal an Puppen geübt.
Sie fuhren an der gepflegten äußeren Hecke der Kolonie Concordia entlang und hofften, dass jemand sie einweisen würde, doch niemand kam. Aus der anderen Richtung kam ihnen der gleichzeitig alarmierte Rettungswagen entgegen. Gemeinsam hielten sie an einem Eingang, an dem wenigstens ein Schaukasten stand, stiegen aus und fanden darin einen Lageplan. Einer der Rettungsassistenten aus dem RTW tippte mit dem Zeigefinger auf ein ausgeblichenes Quadrat.
»Hier.«
»Ganz am anderen Ende«, stellte Maik fest, ohne den leisesten Ton von Genervtheit. Anita schätzte es, dass er niemals meckerte, nicht einmal, wenn sie weit laufen mussten und er bei fast dreißig Grad den Notfall-Rucksack trug. Menschen blickten von der Gartenarbeit auf und sahen ihnen mit unverhohlener Neugierde hinterher. Sie passierten Parzelle 116, 117, dann aus irgendeinem Grund 141. In einem Nebenweg war Parzelle 142 neben Parzelle 138. Sie kehrten um. Anita versuchte, nicht daran zu denken, wie lächerlich das aussah: Sie, Maik und die beiden Kollegen aus dem Rettungswagen in grell orangefarbenen Warnklamotten, die einen Haufen schwerer Ausrüstung bei dieser Bullenhitze erst eilig in die eine Richtung schleppten und im nächsten Augenblick wieder zurück. Einer der Rettungsassistenten ging auf einen älteren Mann zu, der in Badehose und weit aufgeknöpftem Hemd an einer Tomatenpflanze herumzupfte:
»Guten Tag, eine Frage. Wo ist denn …«
»… wenn Sie zu Herrn Schmidt wollen, das ist die 127. Da hinten rechts und noch mal gleich links.«
Im Garten von Parzelle 127 hatte schon lange kein rüstiger Rentner mehr die Heckenschere geschwungen. Einige in den Beeten steckende Pflanzstangen zeugten davon, dass auch hier einmal Gartenarbeit stattgefunden haben musste, doch das musste Jahre her sein. Die Gehwegplatten, die zur Laube führten, waren voller Moos, neben der Mülltonne standen einige Tetrapacks mit der Aufschrift Riesling. Als Anita die Tür öffnete, schlug ihr Zigarettenrauch entgegen und ließ sie vermuten, dass die gelbe Tapete, mit der der Vorraum ausgekleidet war, ursprünglich nicht diese Farbe gehabt hatte. An einer wackeligen Garderobe hing eine lachsrosa und grau gemusterte Jacke und daneben ein grüner Parka, darunter zwei Paar ausgetretene, gepolsterte Turnschuhe mit Klettverschluss.
Daneben stand ein beigefarbener Kasten, ein OxyCare PerfectO2, der mit einem deutlichen Rumpeln der Umgebungsluft Sauerstoff entzog und in konzentrierter Form in einen Schlauch leitete. Anita folgte dem Schlauch. Er führte sie einen kleinen Flur entlang, an einer Schlaf-Abseite vorbei, in den Hauptraum der Laube. Auf dem kurzen Weg hatte Anita eine ziemlich genaue Vorstellung von dem entwickelt, was sie erwarten würde: ein magerer älterer Mann auf einem Sofa vor einem riesigen Aschenbecher, neben dem eine Maxi-Schachtel einer gängigen Discounterzigarettenmarke lag. Bei diesen Temperaturen würde er wahrscheinlich eine kurze Hose tragen, aus der blasse Beine herausragten, er würde Maik sehen und dann sagen:
»Ach, Herr Doktor.«
Genauso war es. Er saß gegenüber dem Fernseher, der eine Vormittags-Talkshow zeigte. Es interessierte Anita nicht, welche Talkshow es war, sie nahm nur kurz zur Kenntnis, dass der Fernseher nicht besonders laut lief, der Patient also offenbar gut hörte.
Der Sauerstoffschlauch endete in einem Plastikbügel auf der Nase von Herrn Schmidt. Er hatte seine Lippen so zusammengezogen, dass nur eine winzige Öffnung blieb und es aussah, als wollte er pfeifen, doch er atmete aus. Dass er seit Jahren mit dieser Form von Atemnot lebte, sagte Anita schon ein Blick in seine Augen, in denen nicht einmal ein Anflug der Panik lag, mit dem Asthmatiker oder Menschen ohne Vorerkrankung sie ansahen, die plötzlich keine Luft mehr bekamen; aus diesen Augen sprach Resignation. Dieser Patient war ein Profi, ein Rosa Schnaufer, über dessen Blässe noch ein rosafarbener Schimmer lag.
Maik stellte den Notfall-Rucksack ab und tat das, was sie bei fast allen Atemnot-Fällen als erstes taten, er öffnete ein Fenster. Dann machte er den Fernseher aus, es wurde still, und Anita stand wieder einmal im Leben eines ihr unbekannten Menschen, der sich ihr nicht nur mit seinem Körper und seinen Krankheiten offenbarte, sondern auch mit seiner Wohnung, seiner Privatsphäre – eine Intimität, an die sie sich in den Jahren so vollkommen gewöhnt hatte, dass sie es kaum noch wahrnahm.
Herr Schmidt sog hastig wieder Luft in die Lungen, während seine Sauerstoff-Nasenbrille sich zitternd hob und senkte.
»Ich bin die Notärztin. Anita Cornelius.«
»Ach, Frau Doktor.«
»Sie sind der Herr Schmidt?«
»Ja.«
»Sie haben uns gerufen?«
»Ja. Tut mir leid. Jetzt geht es schon. Wieder.«
«Sie bekommen nicht gut Luft. Seit wann ist das so?«
»Seit drei Jahren.«
»Und vorhin war es schlimmer als normal?«
»Ich hab die C …«, offensichtlich ließ ihm seine Atemnot keine Luft für mehr als vier Silben.
»Sie haben COPD?«, sagte Anita. »Raucherlunge?«
Er nickte, stellte die Lippen erneut wie zum Pfeifen nach vorn und atmete aus, kleinste Mengen, ewig lang. Das war das Problem der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit: Das Einatmen war schon schwer genug, doch das Ausatmen war das eigentliche Problem, die Luft kam aus der überblähten Lunge nicht wieder heraus. Ein COPD-Patient atmete mit jedem Atemzug ein klein wenig weniger aus als ein, sodass die Lungen immer weniger frische Luft aufnahmen; eine Krankheit des andauernden Zuviel. Anita sah flüchtig auf die Zigarettenschachtel, auf der Packung stand Rauchen lässt ihre Haut altern.
Der Aschenbecher war groß, randvoll und aus Zinn – leerte man ihn aus, käme wahrscheinlich eine Burg oder eine Stadtansicht des mittelalterlichen Heidelberg zum Vorschein. Der Couchtisch, auf dem er stand, war in der Mitte mit Kacheln belegt und ließ sich mit einer Kurbel an der Seite in der Höhe verstellen.
Neben dem Aschenbecher stand ein Fläschchen Modellbaukleber und eine halbe Tower Bridge. Auch auf allen anderen Sitzmöbeln waren Modelle, das Brandenburger Tor, die Wartburg, der Eiffelturm. Nur auf einem Beistelltischchen neben dem Fernseher befand sich kein Modell, dort lagen Tablettenschachteln, hinter denen einige Familienfotos standen, von denen keines jünger als zwanzig Jahre war.
Das Pulsoxy zeigte eine dürftige, aber für diese Krankheit nicht unnormale Sauerstoffsättigung des Blutes. Anita kniete sich hin und sagte:
»Herr Schmidt, ich sehe mir mal ihre Beine an«, dann tastete sie die dünnen Unterschenkel des in der Tat in kurzer Hose dasitzenden Mannes ab, wenn die Patienten wenig anhatten, machte das vieles einfacher. Die Beine waren gleich dick oder, besser gesagt, gleich dünn. Anita fand zwei kleine Wunden, die auf eine beginnende periphere arterielle Verschlusskrankheit hinwiesen, ansonsten war die Haut relativ intakt. Anita nahm etwas Haut zwischen zwei Finger und zog daran, bis sich eine Falte bildete, die sich nur sehr langsam wieder glättete, nachdem Anita losließ. Nun war ihr klar, dass diesem Mann nicht nur Luft fehlte, sondern mindestens im gleichen Maße Flüssigkeit.
Sie setzte die Membran ihres Stethoskops auf seinen Brustkorb. Während er einatmete, gaben die Atemwege ein Quietschen von sich, das Anita an Sommerferien am Meer erinnerte: das Geräusch, das entstand, wenn Lukas sich mit seinen Schwimmflügeln an dem Plastik ihres Schlauchbootes gerieben hatte. Das Ausatmen zog sich derart in die Länge, dass Anita fast vom Zuhören selbst außer Atem kam, so sehr klang es danach, als wäre die Luft eine schwere Last, die Herr Schmidt über einen rauen Boden ziehen musste, begleitet von einem Fiepen und Gurren verschiedenster Tonhöhen. Es war so lehrbuchhaft deutlich, dass sie gern einen Studenten hier gehabt hätte, um es ihm zu zeigen mit den Worten: »Hören Sie das prominente exspiratorische Giemen?«
»Wie viel Zigaretten schaffen Sie denn so am Tag?« Anita hatte sich angewöhnt, die Frage auf diese Art zu stellen. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass die Antworten ehrlicher ausfielen.
»Nur noch eine.«
»Zigarette?«
»Schachtel.«
»Haben Sie noch eine Zigarette geraucht, nachdem Sie uns gerufen haben?«
»Ach, Frau Doktor …«
Anita überlegte gar nicht erst, ob sie etwas zum Rauchen sagen sollte, schließlich wusste kaum jemand über die Gefahren des Rauchens so gut Bescheid wie Herr Schmidt, der ihre Gedanken gelesen zu haben schien und sagte:
»Ich soll nicht. Ich weiß. Doch ich kann nicht.«
»Waren unsere Kollegen denn schön öfter hier?«
»Früher nicht. Aber diesen. Sommer zwei Mal. Ich denk dann immer. Es wird schlimm. Doch dann geht es. Auch bald wieder.«
»Haben die Kollegen Sie bei den letzten Malen mit ins Krankenhaus genommen?«
»Nein«, sagte Herr Schmidt alarmiert. »Das musste nicht sein.«
Anita hörte seine Herztöne ab. Herr Schmidt, der das gewohnt war, verstummte, als sie das Stethoskop aufsetzte, und sprach erst weiter, als sie fertig war.
»Der Heesters hat auch. Geraucht bis Hundert.«
Anita widersprach nicht. Jeder suchte Vorbilder, die das eigene Verhalten rechtfertigten.
Maik hatte währenddessen eine Liste mit den Medikamenten gefunden, die Herr Schmidt nahm.
»Sie nehmen Tiotropiumbromid, ist das richtig?«
»Ja, Frau Doktor. Das habe ich auch heute schon«, sagte Herr Schmidt, dem das Einatmen jetzt aus irgendeinem Grund leichter fiel. Anita hatte ohnehin nicht den Eindruck, viel für ihn tun zu können, zumindest nicht im medizinschen Sinne. Er nahm seine Medikamente, die Sauerstoffsättigung seines Blutes war zufriedenstellend, ebenso wie die Herztöne. Es ging Herrn Schmidt leidlich gut – so gut es einem COPD-Patienten eben gehen konnte, der sich nicht mehr besonders gründlich wusch, zu wenig trank und aß.
Anita warf einen Blick in die kleine Küche, die sich an den Wohnraum anschloss. Auf dem Küchentisch stand eine offene Dose Ravioli, der Stiel eines Löffels ragte heraus.
Hätte es sich um einen Menschen mit gewaschenen Haaren in einem sauberen Bett gehandelt, dessen Frau mit ihm regelmäßig Inhalator-Übungen machte, hätte sie Herrn Schmidt zu Hause gelassen, denn medizinisch gab es nicht viel, was die Kollegen in der Klinik für ihn tun konnten. Sozialmedizinisch hingegen schon. Für Menschen in einem derart schlechten Allgemeinzustand wären ein paar Tage mit guter Pflege eine unglaubliche Hilfe: Intravenöse Flüssigkeitszufuhr, Versorgung der Wunden an den Beinen und überhaupt: regelmäßige Mahlzeiten und regelmäßiges Waschen. Pflege von dieser Art war kurzfristig nur auf der Intensivstation zu bekommen, doch Herr Schmidt war nicht einmal krank genug, dass eine normale Station ihn ohne Murren aufgenommen hätte. Das war das Dilemma. Er war zwar hilfebedürftig, aber nicht akut krank. Anita sah es jetzt schon vor sich, wie eine Sachbearbeiterin bei Herrn Schmidts Krankenkasse den Kaffeebecher abstellte, die Rechnung des Krankenhauses nicht zur Zahlung anwies und stattdessen den behandelnden Arzt anwies, zu begründen, was an Herrn Schmidts Erkrankung denn so akut gewesen war, dass er stationär behandelt werden musste.
Für solche Patienten war es schon immer schwierig gewesen, und sie hatte bereits in ihrer kurzen Laufbahn erlebt, dass es immer schwieriger wurde. Doch Anita wäre nicht Anita, wenn sie es nicht trotzdem versuchen würde: Sie musste nur bei der Diagnose etwas übertreiben und ihren Ex-Mann, der diese Woche Dienst auf der Intensivstation hatte, überreden, das Gleiche zu tun. Und sie musste, was wahrscheinlich noch schwieriger war, Herrn Schmidt überreden, dass er mitkam.
»Herr Schmidt, wir sollten Sie mit in die Klinik nehmen, damit wir sicherstellen können, dass diese schlimme Atemnot von vorhin nicht wiederkommt.«
»In die Klinik?«, sagte er überrascht. »Aber es geht doch schon besser.«
»Was spricht denn dagegen?«
»Ich will zu Hause bleiben.«
»In der Klinik können Sie sich ein paar Tage ausschlafen«, sagte Anita, als spräche sie mit einem überarbeiteten Manager. »Die Kollegen können da echt etwas für Sie tun.«
»Für mich kann niemand etwas tun.«
»Die können Sie da ganz anders behandeln. Ein paar Tage, Sie werden sehen, danach kommen Sie hier viel besser zurecht.«
»Nein«, sagte er und wollte nach der Zigarettenschachtel auf dem Couchtisch greifen, da sagte Anita:
»Die Zigaretten, die Sie im Krankenhaus nicht rauchen können, können Sie ja zählen und dann später zusätzlich zu Ihrer normalen Ration rauchen.«
Er schwieg. Die beiden Rettungsassistenten von dem RTW hatten längst begriffen, worum es hier ging. Sie traten von einem Bein auf das andere, als wollten sie sagen: »Wenn du das hier schon machst, dann wenigstens schnell.«
»Wenn Sie meinen, Frau Doktor.«
»Macht ihr Herrn Schmidt dann fertig für den Transport?«, sagte Anita. »Wir nehmen den Stuhl.«
Einer der Rettungsassistenten ging, um den RTW so nah wie möglich an die Laube zu fahren, während Maik eine Tasche für Herrn Schmidt packte, nach Personalausweis und Versichertenkarte suchte. Anita füllte das Protokoll aus und trug bei der Sauerstoffsättigung und den sonstigen Vitaldaten Werte ein, die allesamt etwas schlechter waren, als bei ihren Messungen, sodass Herr Schmidt von Zeile zu Zeile akuter erkrankt erschien. Durch das offene Fenster drang das entfernte Rauschen der Bahnstrecke Hauptbahnhof-Südkreuz und mischte sich mit dem Gesang vieler Vögel, was diesem Einsatz eine ländlich-idyllische Stimmung verlieh, in die sich das Giemen von Herrn Schmidt auf fast harmonische Weise einfügte.
Anita stieg in den Rettungswagen, mit dem sie Herrn Schmidt ins Urban-Krankenhaus fuhren, Maik führte das NEF nach, in dem es für Patienten keinen Platz gab. Von unterwegs rief Anita ihren Ex-Mann an und hörte schon nach zweimaligem Klingeln die Stimme, die ihr jahrelang so vertraut gewesen war und ihr nun von Woche zu Woche fremder erschien.
»Paulsen?«
Anita zögerte einen Moment. Warum meldete er sich mit Nachnamen, er musste doch gesehen haben, dass sie anrief?
»Adrian, ich bin’s.«
»Ja. Alles klar?«
»Hast du einen Moment Zeit? Das ist dienstlich. Habt ihr gerade auf der Intensivstation was frei?«
»Momentan drei Betten.«
»Gut, dann kommen wir gleich mit einem GOMER.«
»Hierher?«
»Aber natürlich. Ich wollte dir nur kurz Bescheid sagen.«
»Könnt ihr nicht dieses Mal woanders hin? Ich habe grad echt viel zu tun.«
»Ist ja auch erst in einer Viertelstunde. Das wäre wichtig.«
»Sag mal, warum arbeitest du heute eigentlich?«
»Mohringers Kind ist krank geworden, da bin ich eingesprungen.«
»Und was ist mit Lukas?«
»Der wollte bei Matthäus schlafen. Hat Heidi dir das nicht erzählt?«, sagte Anita mit einem kurzen Seitenblick zu Herrn Schmidt, der aber nicht zuzuhören schien.
»Ach doch, klar. Habe ich vergessen. Na, okay, dann bring ihn her. Wird schon irgendwie gehen.«
»Bis gleich«, sagte Anita und sah danach ein wenig befremdet auf ihr Handy. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Adrian so zögerlich reagieren würde. Seit vielen Jahren war es selbstverständlich, dass sie ab und zu gemeinsam einen GOMER aufpäppelten, und Anita hatte sich gefreut, dieses Spiel noch einmal zu spielen.
Anita erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem sie diesen Begriff zum ersten Mal gehört hatte. Adrian war von seinem ersten Dienst im praktischen Jahr aus der Lübecker Uniklinik nach Hause gekommen und erzählte ihr, wie seine Kollegen im Krankenhaus chronisch erkrankte, meist alte Patienten nannten, die viel Arbeit machten, ohne dass man wirklich etwas für sie tun konnte:
»GOMER«, hatte Adrian gesagt. »Für: Get-Out-Of-My-Emergency-Room.«
Anita erinnerte sich noch heute daran, wie er daraufhin gelacht hatte, begeistert, wie ein Junge, sie hatte ihn noch nie zuvor so erlebt. Da hatte auch sie angefangen zu lachen; so saßen sie da, in Anitas Studenten-WG-Küche, jeder eine Flasche Bier in der Hand und lachten sich über diesen Ausdruck kaputt, aufgestachelt von der Euphorie darüber, dass sie langsam anfingen, wie echte Ärzte zu reden.
Etwas später hatte Anita das Buch gelesen, aus dem dieser Ausdruck kam, House of God, über die Erlebnisse eines Assistenzarztes in einem amerikanischen Krankenhaus. Der zynische Tonfall hatte Anita damals ziemlich verärgert und das war vielleicht auch ein Grund dafür, dass sie seit dieser Zeit einige Sympathien für GOMER hegte. Adrian mochte es wohl ähnlich gehen, denn sobald Anita und er auf der von Anästhesisten und Internisten geführten Intensivstation des Urban-Krankenhauses angefangen hatten, päppelten sie dort ab und zu einen GOMER auf, der auf einer normalen Station nicht gut genug gepflegt werden konnte – es war für sie eine Art Hobby geworden, wie andere Paare Rosen züchteten oder Vogelhäuschen aufstellten, ein gemeinsames, romantisch gefärbtes Kümmern.
Herr Schmidt saß in dem Transportstuhl, richtete ab und zu seine Sauerstoff-Nasenbrille und sagte nichts. Im Tiergartentunnel zog Anita an den zwei Enden des Gummizugs ihrer Funktionsjacke, damit diese etwas weiblicher um die Taille saß, die einzige Raffinesse, die sich diesem Einheitskleidungsstück abgewinnen ließ. Als Herr Schmidt einmal die Augen schloss, holte sie den Schminkspiegel heraus, den sie mit etwas Puder, einem Lippenstift und Wimperntusche in der Innentasche ihrer Jacke aufbewahrte. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie ihn das letzte Mal benutzt hatte, dennoch fühlte sie sich wohler, wenn sie zu einem Einsatz fuhr und wusste, dass sie ihn dabei hatte. Lippenstift aufzutragen traute sie sich dann allerdings doch nicht – so schnell wie sie mit Sonderrechten fuhren. Stattdessen fuhr sich durch die dunkelblonden Locken, dann machte sie mit ihrem Telefon ein Foto von sich selbst und sah es an. Ihre Haare saßen erstaunlich gut dafür, dass sie nach dem Duschen einfach losgerannt war.
Einer der Rettungsassistenten klopfte vom Fahrerraum gegen die Trennscheibe und rief: »Wir sind da!« Und Anita spürte auch schon das Rumpeln, mit dem sie über die Schwelle an der Auffahrt zur Rettungsstelle fuhren.
Der Rettungsassistent auf der Beifahrerseite stieg aus. Herr Schmidt sah sie an. Er hatte sich extra noch eine Weste angezogen, wahrscheinlich fühlte er sich damit besser gekleidet. Sie legte ihm die Hand auf das Knie und sagte:
»Ich kenne hier jemanden, den Dr. Paulsen, der ist sehr … der wird sich gut um Sie kümmern.« Dann schnallte sie sich ab und setzte ein Lächeln auf für den Fall, dass Adrian bereits am Eingang stand, doch als sie ausstieg, waren da nur einige Bauarbeiter, die Zäune und Absperrungen aufstellten. Im Urban waren schon eine Weile Bauarbeiten im Gange, eine Station nach der anderen wurde renoviert, nun waren sie offenbar hier angekommen.
Wenig später standen sie in der Rettungsstelle. Eine konzentriert zuhörende Assistenzärztin nahm Herrn Schmidt auf, den Anita als 73-jährigen Patienten mit akut exazerbierter COPD vorstellte und berichtete von Episoden lebensbedrohlicher Atemnot, auch wenn der Patient im Moment scheinbar ganz gut Luft bekäme. Die Assistenzärztin war sehr jung, aber Anita hatte dennoch das Gefühl, sie durchschaute das Spiel, da öffnete sich unweit von ihr eine Fahrstuhltür und ihr Ex-Mann kam endlich auf sie zu, mit dem ihm eigenen eiligen, aber doch entspannten Gang. Anita war sich unsicher, wie sie ihn begrüßen sollte. Auf der Straße hätte sie ihn umarmt oder zumindest an den Arm gefasst, doch das hatten sie in der Klinik nie getan. So gab sie ihm nur die Hand und zog nicht einmal den Latex-Handschuh ab:
»Guten Tag«, sagte er.
»Guten Tag«, sagte sie. »Wir hatten das ja schon telefonisch besprochen. Das ist Herr Schmidt, 73 Jahre. Akut exazerbierte COPD.«
»Ja. Ich nehme ihn dann gleich mit.«
»Hier ist eine Durchschrift des Einsatzprotokolls.«
»Danke.«
»Bitte«, sagte Anita und hätte fast noch ein »Herr Kollege« angefügt, aber das klang ihr dann doch zu sehr nach Arztroman, und sie wollte ihr kleines Schauspiel vor der Assistenzärztin nicht übertreiben. Gemeinsam halfen Anita und ihr Ex-Mann Herrn Schmidt, aus dem Transportstuhl in einen bereitstehenden Rollstuhl umzusteigen, ohne dass sich der Schlauch seiner Sauerstoffflasche verhedderte. Seit langem hatte sie Adrian nicht mehr so aus der Nähe gesehen.
Sein Kasack war so tief ausgeschnitten, dass Anita die drei Leberflecke knapp unterhalb der Fossa jugularis sah. Dann sah sie ihm in die Augen und dachte für einen Moment an die Begeisterung, die in ihnen gelegen hatte, als er in Lübeck im Krankenhaus angefangen hatte. Nun sah er einfach nur müde aus. Sie legte Herrn Schmidt die Reisetasche in den Schoß, in die Maik ihm ein paar Sachen gepackt hatte und sagte:
»Auf Wiedersehen. Und gute Besserung.«
»Danke. Frau Doktor.«
»Also du kümmerst dich dann um ihn«, sagte sie zu Adrian und lächelte ihn vorsichtig an, sobald die Assistenzärztin gegangen war.
»Klar«, sagte Adrian, und wie bei den letzten Treffen hatte Anita auch diesmal das Gefühl, dass sie sich ein Stück weiter voneinander entfernt hatten. Er lächelte nicht, sah sie nur an mit einer Mischung aus Gelassenheit und Gleichgültigkeit, und es war dieser Blick, der ihr im selben Moment klar machte, warum sie ihn jahrelang geliebt hatte und warum sie das nun nicht mehr tat.
»Und sonst? Wie geht es dir?«, sagte sie.
»Gut. Müde. Und dir?«, fragte er und sah auf sein Telefon, sobald sie anfing zu antworten:
»Alles wie immer. Meine neue Wohnung wird immer wohnlicher. Gefällt mir richtig gut.«
Sie hatte kurz überlegt, ihm von Rio zu erzählen, fand dann jedoch die Zeit dafür zu knapp, und zwar in doppelter Hinsicht: Die kurze Zeit, die sie Rio kannte, und die kurze Zeit, die Adrian und ihr für ein Gespräch blieb. Es war offensichtlich, dass er in Eile war, wer in der Klinik war das nicht dauernd? Herr Schmidt war nun in guten Händen, das war die Hauptsache. Ihr Plan hatte funktioniert.
Nachdem Adrian sich verabschiedet hatte, blieb sie einen Moment stehen und sah ihm hinterher, wie er Herrn Schmidt in Richtung der Fahrstühle schob, dann ging sie zurück zu ihrem NEF und ließ sich fröhlich auf dem Beifahrersitz nieder.
»Adrian hatte ja wohl gar keine Lust, sich mit Herrn Schmidt herumzuschlagen«, sagte Maik, nachdem sie losgefahren waren.
»Findest du?«, fragte Anita.
»Vielleicht müsst ihr das jetzt einfach mal lassen, wo ihr nicht mehr zusammen seid.«
»Wie meinst du denn das?«
»Manche Sachen funktionieren einfach nicht mehr. Das war bei mir auch so, als das mit Theo auseinander gegangen ist. Irgendwie erinnert einen doch alles an alles«, sagte Maik.
»Dann sollen wir solchen Leuten wie Herrn Schmidt also nicht mehr helfen?«
»Du kannst ja auch nicht jedem helfen.«
»Will ich ja auch gar nicht. Nur ab und zu mal jemandem. Wir sind doch die Guten, das weißt du doch«, sagte Anita und knuffte ihren Lieblingskollegen in die Seite.
»Die Guten vielleicht, aber nicht die Verrückten.«
»Du hast Grün.«
Der Tag verging schnell. Einsatz folgte auf Einsatz. Erst um kurz vor sieben kehrte etwas Ruhe ein, und sie beschloss, ein paar Minuten nach draußen zu gehen – heißer als in ihrem Arztzimmer konnte es draußen auch nicht sein. Der Vorteil am Dienstort Urban war, dass die Rettungsstelle unmittelbar am Landwehrkanal lag und nur wenige Schritte von ihrem NEF entfernt einige Bänke standen, von denen man einen Blick auf das Wasser und die Schwäne hatte. Anita saß gern hier, besonders am frühen Abend.
Der Sommer ging vorbei, das sah sie an den Bäumen, deren Blätter sich an den Rändern kräuselten, während ihr Grün von Tag zu Tag dunkler wurde. Auch das merkwürdig indirekte, die ganze Stadt für eine halbe Stunde in helles Blau tauchende Licht zu einer Zeit, zu der die Kinder noch auf den Spielplätzen waren, erinnerte Anita daran, dass dieser Sommer nicht mehr ewig dauern würde, auch wenn auf dem Rasen vor ihr die meisten Leute nicht einmal ein T-Shirt trugen.
Dies könnte der letzte richtig heiße Sommerabend des Jahres sein, dachte Anita und schien mit diesem Gedanken nicht allein zu sein. Wie bereits an den letzten Abenden, lag eine Torschlusspanik über dem Kanal und über der ganzen Stadt, alle mussten noch einmal draußen sein, die Jogger, Großfamilien, Kleinfamilien und gepiercten Jongleure, die jungen Pärchen und die älteren Paare mit Fotoapparaten und identischen Rucksäcken. Als auf der Bank neben ihr ein älterer Herr Platz nahm, dachte sie kurz an den giemenden Herrn Schmidt, der jetzt gut versorgt auf der Intensivstation lag, und mit diesem Wissen im Hinterkopf verwandelte sich die Welt für Anita zumindest für einen kleinen Moment in ein lichtdurchflutetes Utopia, das für alle Platz und ein Auskommen bot.
So hatte sie sich das vorgestellt, als sie vor fast zwanzig Jahren ihr Elternhaus verließ, um Ärztin zu werden. Sie kam aus einer Kleinstadt in Süddeutschland, in der ihr Vater als Wirtschaftsprüfer gearbeitet und mit seinem Geld eine Immobilie nach der anderen gekauft hatte, mit deren Verwaltung Anitas Mutter beschäftigt war. Wo in Süddeutschland ihre Heimatstadt genau lag, spielte keine Rolle – Anita war freiwillig zum Studium nach Lübeck gegangen, das sagte alles. Sie wäre auch nach Helgoland oder Wolgast gegangen, hätte es dort eine Universität gegeben.
Die ersten zwei Jahre des Studiums waren eine Zeit gewesen, in der sie den freien Fall probte. Sie trank, feierte, begeisterte sich für Einsamkeit und Sehnsucht, ließ sich mit einem Studenten der Umwelttechnik ein, einem Hörgeräteakustiker und anderen Kneipenbekanntschaften, bei denen der Beruf nicht zur Sprache kam, besessen davon, so zu leben, wie es niemand in ihrer Heimatstadt von ihr erwartet hätte. Für Prüfungen begann sie zu lernen, wenn es eigentlich schon zu spät war, lernte dann Nächte hindurch, schlief nur tagsüber ein paar Stunden, kaufte nichts mehr ein und ernährte sich von den Dingen, die es bei dem Grillimbiss Zur Schranke unweit der Uni-Klinik gab, einer der wenigen Orte in Lübeck, der damals Tag und Nacht geöffnet hatte. Zu diesen Zeiten steigerte Anita sich in einen derartigen Lerneifer hinein, dass sie jede Minute des Tages an etwas Medizinisches dachte, Enzyme, Wirkstoffe, Nervenbahnen und Muskeln umgaben sie wie ein Kokon. Als sie sich am Vorabend ihrer ersten Physikum-Prüfung noch einmal eine Jacke überwarf, zur Schranke ging und dort einen Hamburger zum Mitnehmen bestellte, verbrachte sie die Wartezeit damit, über ihre Hand zu streichen und die Namen der Handwurzelknochen aufzuzählen, leise, wie sie dachte, aber wohl doch laut genug, dass sich ein Mann in einer weißen Hose und einem blauen OP-Kasack einschaltete, der an einem der Tische in ihrer Nähe ein halbes Hähnchen mit Krautsalat aß.
»Erst kommt das Kahnbein und dann das Mondbein.«
»Das habe ich doch gesagt«, antwortete Anita.
»Nein. Du hast es vertauscht.«
»Wirklich?«
»Du hast erst Os lunatum gesagt und dann Os scaphoideum. Das ist falsch herum. Du kennst doch die Eselsbrücke.«
»Some lovers try positions that they cannot handle«, sagte Anita.
»Eben. Also erst scaphoideum für some, dann lunatum für lovers.«
»Ich hätten den Hamburger doch gern zum Hieressen«, sagte Anita, lernte an diesem Abend nichts mehr und bestand am nächsten Tag mit einer mehr als anständigen Note.
Damit war es Anita und Adrian so gegangen wie vielen anderen Medizinern auch. Nach einigen Fehlschlägen mit Fachfremden kam der Mann, mit dem sie zusammenblieb, aus ihrer Welt. Anitas Werdegang als Ärztin war so untrennbar mit Adrian verbunden, dass sie sich fragte, was sie eigentlich zuerst geworden waren, Liebende oder Kollegen. Wobei Anita anfangs viel von Adrian lernen konnte, schließlich war er ihr zwei Jahre voraus und leistete bereits seine letzte Famulatur ab, als sie sich kennenlernten. Doch nachdem auch sie mit dem Studium fertig war und anfing zu arbeiten, wurde der Abstand bald kleiner, bis er irgendwann kaum noch zu merken war, und ungefähr zur selben Zeit fingen die Gegensätze an zu wachsen: Anitas Tatendrang, ihr Wunsch, für alles eine Lösung zu finden, prallte immer härter auf die kühle Distanz, die Adrian zur Welt einnahm. Lange Zeit hatte Anita das für ein In-Sich-Ruhen gehalten und Adrian dafür bewundert, doch die Abstände zwischen diesen bewundernden Momenten wurden mit der Zeit immer größer. Und mit jedem Mal, wo Adrian zu Hause blieb und Anita allein zu Elternabenden, Kindergeburtstagen und Partys ihrer gemeinsamen Freunde ging, wuchs das Gefühl, dass Adrian sich in erster Linie eine Frau gesucht hatte, die alle unangenehmen Dinge des Lebens für ihn regelte.
»Na, Doktor? So tief in Gedanken?«, hörte Anita plötzlich die Stimme von Maik.
»Geht so. Dieses Wetter macht einen ganz rammdösig.«
»Oder denkst du an diese Partybekanntschaft, die du abgeschleppt hast?«, fragte Maik. »Ob er anruft, wann er anruft, ob du anrufen sollst?«
Anita zögerte. Die Fahrt in ihrem NEF, die Arbeitskleidung und vor allem das Erfolgserlebnis mit Herrn Schmidt hatten sie auf perfekte Weise vergessen lassen, was letzte Nacht passiert war, doch nun kamen die Erinnerungen zurück.
»So schwer zu beantworten? Trauerst du etwa doch Adrian hinterher?«
»Nein. Ich hatte mir das nur irgendwie anders vorgestellt.«
»Wie denn?«
»Nicht so plötzlich. Ich dachte, ich melde mich demnächst mal auf einer dieser Dating-Seiten an, parship oder so, und dann schreibe ich mir mit jemandem, treffe den, wir reden und dann überlegt man mal. Nun ist das letzte Nacht gleich alles auf einmal passiert.«
»Treffen, reden und bumsen?«
»Du nun wieder.«
»Wie viel hast du denn getrunken?«, fragte Maik.
»Nicht viel, zwei Wein.«
»Das ist doch schon mal gut. Dann kann er ja so hässlich nicht sein.«
»Nein! Absolut nicht«, sagte Anita und war überrascht von der Entschlossenheit in ihrer Stimme. Maik hatte sie mit seiner direkten Art dazu gebracht, darüber nachzudenken, was letzte Nacht passiert war. Erstaunlich, wie selbstverständlich, wie angenehm vertraut sich die Berührungen von Rios rauen Händen angefühlt hatten, seine kräftigen Locken in ihrem Griff. Anita musste sich nur damit abfinden, dass sie etwas überrumpelt worden war.
»Na gut. Themenwechsel », sagte Maik und zeigte ihr einen großen, weißen Aktenordner. »Ist vorhin angekommen.«
»Sind das die Sachen für deine OrgL-Fortbildung?«
»Ganz genau. Bald kannst du mich Organisatorischer Leiter Rettungsdienst nennen.«
»Cool.«
»Man will schließlich im Leben vorankommen.«
»Bekommst du dann auch so eine gelbe … wie heißt das noch mal?«
»Überwurfweste«, sagte Maik.
»Überwurfweste. Genau«, sagte Anita.
»Mach dich nur lustig.«
»Aber das tu ich doch gar nicht.«
»Das ist ganz schön viel Arbeit.«
»Sorry«, sagte Anita. »Ich hoffe nur, du fährst trotzdem noch mit mir, wenn du erst mal Organisatorischer Leiter bist?«
»Mal sehen, Doktor, mal sehen«, sagte er, dann ging der Funkmeldeempfänger los. Maik stand auf und Anita folgte ihm zu ihrem NEF.
»Mann, freu ich mich auf den Feierabend«, sagte Maik, nachdem sie losgefahren waren. Wie Anita schien auch er davon auszugehen, dass der nächste Alarm bereits von den Kollegen der Nachtschicht übernommen würde. »Ich gehe nachher noch ein Bier in der Destille trinken. Hast du auch Lust?«
»Das machen wir«, sagte Anita und sah noch einmal auf ihren Funkmeldeempfänger, denn ihr war aufgefallen, dass sie vor lauter Feierabendstimmung noch gar nicht nachgesehen hatten, um was für einen Notfall es sich handelte.
»Schon wieder Atemnot«, sagte sie, als das NEF sich der Baerwaldstraße näherte.
»Vielleicht wirklich das Wetter«, sagte Maik. »Komisch, das ist auch wieder da in der Gegend, wo wir … Hey, warte mal!«
In diesem Moment fiel es auch Anita auf. Sie fuhren wieder zu der Adresse von Herrn Schmidt.
»Das kann doch nicht sein«, sagte Anita. Sie überlegte einen Moment, ob es sich um einen Fehler handelte, doch so etwas passierte eigentlich nie. Herr Schmidt musste sich selber entlassen haben, doch warum? Sie hatte ihn doch überzeugt. War es doch das Rauchverbot gewesen? Sie hoffte, die Kollegen hatten sich nicht zu viel Mühe gemacht, bevor Herr Schmidt gegangen war.
Sie hielten zum zweiten Mal an dem Eingang zu der Laubenkolonie, an dem bereits ein RTW stand, und gingen zu Parzelle 127.
Neben Herrn Schmidt stand eine Frau, die sich mit den Worten »Ich bin die Nachbarin. Ich habe Sie gerufen« vorstellte. Herr Schmidt sagte nichts.
»Sie sind ja wieder zu Hause«, sagte Anita und bemühte sich, nicht zu empört zu klingen.
»Ich habe nichts. Sagen die.«
»Jetzt mal ganz in Ruhe«, sagte Anita. »Erzählen Sie mir mal alles der Reihe nach. Wir haben Zeit.«
»Ich habe nichts. Akutes.«
»Und dann haben die Sie einfach entlassen?«
»Sie können nichts. Für mich tun.«
»Wie war denn das genau? Wissen Sie noch, wer Ihnen das gesagt hat?«
»Der Arzt.«
»Welcher Arzt war das denn?«
»Den Sie da so…«, er holte länger Luft, als überlegte er, wie er es sagen sollte, sah die Nachbarin an, dann Maik. »So gut kennen.«
»War das der Herr Dr. Paulsen?«
»Woher soll er das denn wissen?«, schaltete sich die Nachbarin ein. »Ich habe mich gewundert, als ich vorhin den Krankenwagen gesehen habe, mit dem sie ihn gebracht haben. Da bin ich rüber und habe ihn so gefunden.«
»Ich wollte nicht. Dass Sie noch mal. Kommen.«
»Ich kann ihn doch hier nicht so sitzen lassen. Das ist doch kein Zustand«, sagte die Nachbarin. Anita sah Maik an. Einfach wieder entlassen.
»Haben Sie jetzt wenigstens einen Sozialarbeiter?«
»Nichts hat er«, sagte die Nachbarin.
»Ich komme. Zurecht.«
»Wir fahren Sie in ein anderes Krankenhaus«, sagte Anita.
»Nein. Es ist doch so. Wie immer.«
»Diesmal klappt es bestimmt, eigentlich klappt das immer. Die müssen überfüllt gewesen sein im Urban«, sagte Anita, obwohl sie wusste, dass das nicht stimmte.
»Ich bleibe hier.«
»Er ist doch ganz blass«, sagte die Nachbarin.
»Das bin ich. Immer.«
»Diesmal klappt es. Ich verspreche es ihnen«, sagte Anita und ignorierte den Seitenblick von Maik.
»Ich nehm mein Tiotropium …«
»Aber irgendetwas müssen Sie doch tun!«
Anita war kurz davor, der Nachbarin zu sagen, wie gern sie etwas getan hätte. Dass sie es genauso sah, dass man Herrn Schmidt auf die nächste Intensivstation bringen sollte, und sagte doch nur das, was sie in der Ausbildung gelernt hatte:
»Gegen den Willen von Herrn Schmidt können wir nichts machen.«
»Es geht mir auch schon besser«, sagte er. Und wie um es zu beweisen, stand er auf, nahm den Rollator und ging damit an ihnen allen vorbei zu einem Regal, um von dort eine neue Schachtel Zigaretten zu holen.
»Aber Sie nehmen den Sauerstoff ab, bevor Sie rauchen«, sagte Anita.
»Mach ich immer. Frau Doktor. Ich komme zurecht. Seit Jahren. Es tut mir leid. All die Arbeit«, sagte er, und nach einem ungeduldigen Blick von Maik gab Anita sich endgültig geschlagen. Seine Atmung beschleunigte sich etwas, als er nach dem Stift griff und mit zwei Strichen die Transportverweigerungserklärung unterschrieb, dann gab sich auch die Nachbarin geschlagen.
»Aber wenn es schlimmer wird, rufen Sie uns noch mal. Versprochen?«, sagte Anita und nickte den Rettungsassistenten zu, woraufhin diese ihre Sachen zusammenpackten.
Sie fuhren durch das dämmernde Kreuzberg zurück. Es war bereits nach acht Uhr, sie mussten es nur noch bis zum Stützpunkt schaffen, dort würde die Ablösung warten. Sie hatten Feierabend, wie Maik feststellte und anfing, rhythmisch auf das Lenkrad zu trommeln, als ginge ihm ein Musikstück durch den Kopf.
»Jetzt ein frisch gezapftes Jever«, sagte er. Anita antwortete nicht. Normalerweise konnte sie ähnlich gut wie Maik vergessen, was im Dienst vorgefallen war, doch heute nicht. Das Hochgefühl, das sie durch den Tag getragen hatte, seit sie Herrn Schmidt heute Vormittag in die Klinik brachten, war in sich zusammengesunken wie eine Hüpfburg am Ende der Kirmes.
Ihr fiel ein, dass sie noch das Einsatzprotokoll schreiben musste. Sie nahm das Klemmbrett, trug die Alarmnummer ein, Namen und Adresse von Herrn Schmidt, machte bei Neurologie unter unauffällig ein Kreuz und bei der Glasgow Coma Scale unter unauffällig ein Kreuz und unter Diagnosen bei COPD ein Kreuz.
»Willst du mit dem Kuli das Klemmbrett erstechen?«, sagte Maik.
»Sonst kann das auf den Durchschlägen nachher wieder keiner lesen«, sagte sie.
»Du bist enttäuscht. Wegen Adrian, oder?«, sagte Maik an der nächsten roten Ampel.
»Wie kommst du darauf?«
Maik seufzte: »Mensch Anita. Ich weiß doch, wie gern du dich um solche Leute kümmerst.«
»Mit kümmern hat das gar nichts zu tun. Das war eine rein professionelle Entscheidung. Ein paar Tage auf der Intensivstation hätten ihm für Monate das Leben erleichtert.«
»Wer weiß, vielleicht hat der Schmidt ja wirklich so getan, als könnte er alles und wollte wieder nach Hause zu seinen Kippen. Und dann hat er es halt auf Adrian geschoben.«
»Glaubst du etwa, dass Herr Schmidt lügt?«
»Seit wann glaubst du denn, dass alle unsere Patienten die Wahrheit sagen?«
»Du willst dir doch nur nicht den Feierabend verderben lassen.«
»Wäre das denn so verkehrt?«
Anita schnaubte nur und widmete sich wieder dem Protokoll, versuchte aber, leiser zu schreiben.
Nach der Ablösung standen Anita und Maik vor dem Eingang der Rettungsstelle. Maik wollte sich schon auf den Weg Richtung Mehringdamm machen und ihren verabredeten Kneipenabend beginnen lassen, da sagte Anita:
»Du, würde es dir was ausmachen, wenn ich doch nicht mitkomme?«
»Ich kann schon auch alleine trinken. Aber warum? Keine Lust mehr?«
»Doch, eigentlich schon. Aber ich muss noch etwas erledigen«, sagte Anita. Ihr war eine Idee gekommen, ein Impuls, von dem sie ahnte, dass sie ihm eigentlich nicht nachgeben sollte und doch im gleichen Moment wusste: sie würde es trotzdem tun. Sie wollte die Wahrheit wissen. Machte sich auf den Weg, ging langsam und zögerlich die wenigen Meter in Richtung Dieffenbachstraße zu dem Areal, auf dem früher die Psychiatrie des Urban-Krankenhauses untergebracht war, das vor einigen Jahren in Wohnraum für Akademikerkleinfamilien umgewandelt worden war. Für Leute wie Heidi und Adrian.
Anita hatte Lukas, Heidi und Adrian bisher nur zwei Mal kurz in ihrer neuen Wohnung besucht, was umso merkwürdiger war, da sie sich schon fast Mühe geben musste, auf ihrem Weg zur Arbeit nicht daran vorbeizukommen. Und doch hatte Anita es immer vermieden, vor diesem Haus mit der strahlenden Backsteinfassade stehen zu bleiben und auf diese Klingel mit der Aufschrift Köhler/Paulsen zu drücken, vor der sie jetzt stand und in die Dunkelheit einer in das Klingelbrett eingebauten Kamera starrte.
Sie zögerte nur einen kurzen Moment, dann klingelte sie und hörte wenig später aus der Gegensprechanlage eine überraschte Stimme.
»Mama?«
Anita sah in die Kamera, an der kein Licht anzeigte, dass sie angeschaltet worden war.
»Machst du auf?« Es summte an der Tür, Anita stieg die Treppen in den zweiten Stock hinauf und betrat Lukas’ neues Zuhause.
Als Notärztin war Anita daran gewöhnt, das Erscheinungsbild einer Wohnung in ihre Anamnese einzubeziehen. Menschen in ordentlichen Wohnungen neigten dazu, Medikamente regelmäßig zu nehmen und zum Arzt zu gehen; auch eine kurze Suche nach Hinweisen auf Toxine, Allergene oder Suchtverhalten konnte manchmal nicht schaden, um sich schnell ein Bild von der Situation des Patienten zu machen.
Im Laufe der Jahre hatte Anita auch im Privaten begonnen, alle Dinge mit ähnlicher Geschwindigkeit begreifen zu wollen. Wie ein Bibliothekar, der ein Buch in seinen Bestand bekam, das in keines der Regale passte, wurde sie nervös, wenn sie etwas nicht sofort einordnen konnte, ein klarer Eindruck bedeutete ihr viel.
Bei Heidi hatte sie bei jedem Besuch sofort das Gefühl, in der Wohnung einer Person zu sein, die das Einmaleins des guten Geschmacks beherrschte. Das große Einmaleins des guten Geschmacks, das war klar, schon bei den ersten Schritten auf dem hochwertigen, vollkommen unzerkratzten Parkett. Im Flur, dessen Decke ihr schwindelerregend hoch erschien, hingen signierte Schwarz-Weiß-Fotografien von ländlichen Szenen aus den Fünfzigerjahren, dann gelangte sie in ein Wohnzimmer, das von einer großen Sofakombination geprägt wurde, hinter der in einem Eames-Regal ein paar ausgesuchte Exemplare von High-End-Nippes standen. In die mit Gipskarton abgehängte Decke waren Halogen-Spots eingelassen, die der ganzen Szenerie mit ihrem kühl strahlenden Licht eine unverhohlene Dramatik verliehen. Linker Hand, neben der Tür zum Balkon, führte eine Treppe zu einer Galerie hinauf, auf der eine Skulptur stand. Rechts neben der Balkontür war in einer Nische ein Sessel mit Blick in den Garten, auf der Lehne lag eine Wolldecke, auf einem Beistelltisch ein Kaffeebecher und zwei zerlesene Magazine. Dort entdecke Anita auch, ganz in der Ecke, Adrians gerahmtes Miles-Davis-Poster, das früher in ihrem Wohnzimmer gehangen hatte, den einzigen Hinweis darauf, dass Adrian vor über einem Jahr hier eingezogen war. Die Mischung aus abwischbarem Minimalismus und wohlüberlegt platzierten Gemütlichkeitsinseln erinnerte Anita an eine Flughafen-Lounge.
»Wir essen heute Saltimbocca«, sagte Lukas. »Ich wusste gar nicht, dass du auch eingeladen bist. Wir haben nämlich schon angefangen.« Anita folgte ihrem Sohn durch sein neues Wohnzimmer hindurch auf eine offene Bulthaup-Edelstahlküche zu, in der ein großer Esstisch mit einer unglaublich dünnen Tischplatte aus Stahl stand, an dem auf freischwingenden Breuer-Stühlen die Familie beim Abendessen saß. Im Hintergrund lief leise Oasis.
Auf dem Tisch stand eine großte Platte, auf der mit etwas Grünem bedeckte, flache Fleischstücke lagen, daneben stand eine Schüssel mit farblich perfekt dazu passenden Kartoffeln. Heidi stand auf, sobald sie Anita sah. Sie nahm eine Ballettlehrerinnen-Haltung ein, in der ihr tailliertes Kleid zur vollen Geltung kam, warf ihre Stoffserviette lässig auf den Tisch und umarmte sie so schnell, dass Anita sie kaum ansehen konnte.
»Das ist ja eine schöne Überraschung«, sagte Heidi und gab Anita zwei angedeutete Küsse auf die Wangen, bei denen ihre Lippen Anitas Wangen zwar nicht berührten, sie aber dafür weiter oben die kühle Berührung der Perlenohrringe spürte, die Heidi trug. Dann wich Heidi ein Stück zurück, zeigte lächelnd ihre weißen Zähne und strich sich ihr glattes Haar hinter das Ohr. Anita fiel wieder einmal auf, wie gut Heidi aussah. Sie trug ein Kleid mit blauen und weißen Punkten auf grünem Hintergrund, das ihre Figur allein schon dadurch betonte, weil es so auffällig war. Mädchenhaft auf den ersten Blick, raffiniert auf den zweiten.
»Willst du auch was? Adrian hat ganz toll gekocht.«
Adrian sah erst jetzt von seinem Teller auf. Anita wusste, wie wenig er spontanen Besuch mochte. Im Laufe ihrer gemeinsamen Jahre war es so weit gekommen, dass er nicht einmal mehr die Tür öffnen wollte, wenn jemand unangemeldet klingelte.
»Na ja. Du kennst ja meine Standards«, sagte er.
«Der Salbei ist superfrisch«, sagte Heidi.
»Ich wusste nicht, dass ihr gerade esst, ich wollte nicht stören.«
»Ach Quatsch, iss einfach was mit.«
»Ich hätte vorher anrufen sollen.«
»Hallo? So ein Blödsinn. Nun setz dich schon«, sagte Heidi. Anita sah zu Adrian und Lukas, in der Hoffnung, ein Zeichen der Zustimmung zu bekommen, doch die beiden aßen einfach weiter und sagten nichts. Da verschwand Heidi in der Küche und kam Sekunden später mit einem vollständigen Gedeck inklusive Stoffserviette zurück, die sie vor Anita auf den stählernen Esstisch legte, woraufhin Anita sich, wie von dem Gedeck magnetisch angezogen, setzte.
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