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KRISTOF MAGNUSSON

ZUHAUSE

Roman

Verlag Antje Kunstmann

Meinen

Eltern

»Die Last unserer Erinnerungen macht uns träge.« Hans Erich Nossack

INHALT

TEIL EINS

Träume, Trabanten

Dunkler Nachmittag

Zwei Fische

Musterhafte Herzen

Die Ankunft, die Wahrheit, der Abend, die Nacht

TEIL ZWEI

Alberne Strapazen

Albernste Strapazen

Fuchs im Schnee

Zuhause I

Viele nasse Vögel

Dagur Defender

Pizza Hut

Zuhause II

Ein Licht, das nie verlöscht

TEIL DREI

Notaufnahme I

Vorbei

»Unfroh ist der Mann, / der den Leichnam trägt / des Verwandten / weg vom Haus.«

Zuhause III

Wir Menschen von Mýrar

Stein, Schere, Papier

Die tausendjährige Familie

Dreizehenmöwen

Jede Schnepfe lobt ihren Sumpf

Replantationen

Notaufnahme II

TEIL VIER

Für immer

Elísabet Lovísa

Das Leben der Elísabet Lovísa

Eine neue Dekade

Heute

Rache

»Fort denn nun eile, nach Osten gewandt«

Hamburg (Jesus liebt dich)

Danke

TEIL EINS

TRÄUME, TRABANTEN

Erst der schwarze Nordatlantik, dann schwarze Steinbrocken, eine schmale Rasenspur, dann die vierspurige schwarze Sæbraut, auf der der Berufsverkehr aus der Innenstadt von Reykjavík in die Trabantenstädte floss. Kaffee las ich vor dem Drive-in-Supermarkt am Rande der Schnellstraße auf Fahnen, die fast unbewegt in dem Orkan standen, der vom zugefrorenen Hochland über den Wal-Fjord in die Stadt fegte. Drinnen gab es ein paar Tische, an denen man auch essen konnte, was fast nie jemand tat. Ein einziger Taxifahrer saß da, vom Neonlicht ausgeleuchtet. Er kaute einen frittierten Teigring und sah an dem in den Flaschen erstarrten Ketchup und der aus dem Serviettenspender halb heraushängenden Serviette vorbei über die schwarze Schnellstraße, den Rasen, die schwarzen Steine hinaus in die Richtung, aus der der Sturm kam. Vor der Eingangstür klammerte sich ein zerzaustes Zierbäumchen an seinen Betonfuß. Es war der Freitag vor dem ersten Advent. Langsam begann ich mir einzugestehen, dass auch dieses Jahr, das bisher schönste in meinem Leben, zu Ende gehen würde.

Wir waren direkt vom Flughafen hierher gefahren. Wie schon so oft saßen wir in Matildas altem Saab auf dem Parkplatz vor dem Drive-in-Supermarkt und sahen zu, wie die Innenstadt kurz vor den Sieben-Uhr-Nachrichten ausblutete. Der Schneeregen hatte das Isolierband aufgeweicht, das ein Loch im Dach verkleben sollte, und die Kälte kroch ins Auto, verwischte die Grenze zwischen Atemluft und Zigarettenrauch. Die kurzatmige Heizung keuchte mit dem einen noch funktionierenden Lautsprecher um die Wette, aus dem Ian Curtis von Joy Division gelegentlich ein Wort stammelte, ›Dance‹ zum Beispiel oder ›Radio‹. Zwanzig Jahre war es her, dass er sich in seinem Wohnzimmer erhängt hatte. Damals waren Matilda und ich gerade Freunde geworden.

Matilda.

Matilda und ich sind zusammen zur Grundschule gegangen. Ich war der einzige Junge, der sich nicht für Fußball interessierte, und sie das einzige Mädchen, das nicht Mutter-Vater-Kind-und-Pferd spielen wollte. Deshalb spielten wir zusammen Taxifahrer und Fahrgast, Koch und Kellner, Popstar und Fan. Ich war der Taxifahrer, der Kellner, der Fan.

Heute war Matilda eine Art wandelnder Expo-Pavillon. Für das isländische Fremdenverkehrsamt zeigte sie Journalisten die Insel, wusste immer, wo der nächste Wasserfall war, und konnte von dem einen oder anderen Björk-Vorfall im Reykjavíker Nachtleben berichten. Alles, was die Menschen im Ausland über Island wussten, wussten sie von Matilda. Ein einfacher Beruf war das nicht.

Matilda sah aus wie immer. Ihr schwarz gefärbtes Haar berührte eben die Schultern, der vom schwefligen isländischen Wasser gelb gewordene Silberohrring war noch immer an seiner Stelle, und sie trug die graue Daunenjacke, die sie sich vor zehn Jahren gekauft und an die sie einen Fellkragen angenäht hatte, um das Gefühl zu bekommen, dass sie wirklich ihr gehöre. Wie eh und je füllte sie ihre Zigaretten von Benson & Hedges aus der goldenen in die schönere silberne Packung um. Und doch verwirrte mich etwas. Unter der vertrauten Oberfläche glaubte ich etwas Unbekanntes, beängstigend Neues zu spüren. Als habe sie, ohne äußerlich etwas an sich zu verändern, einfach beschlossen, anders auszusehen.

Wir hatten uns jeder einen Traum gekauft, mit Schokolade überzogene Lakritzstangen, die es im Angebot mit einem Hotdog und einem Kaffee für 399 isländische Kronen gab. Die durch den Sturm aufgepeitschte Gischt hatte sich mit dem Nebel zu einer trüben Wolke verwirbelt, die zwischen der Dunkelheit der Berge und den Lichtern der Stadt hängen blieb. Das Einzige, was noch deutlich erschien, war die sterile Neonwelt hinter den großen Fenstern des Drive-in-Supermarktes – Insel der Klarheit in einer unscharf gewordenen Welt. Unter dem Plakat Isländer essen SS-Würstchen fuhren Autos an die Verkaufsfenster heran, aus denen weiße Arme dreieckige Sandwichboxen und gedeckelte Kaffeebecher reichten, während die Motoren weiterliefen.

»Wann kommt Milan?«, fragte sie.

»Morgen.«

»Schön«, sagte sie. »Dann kann Weihnachten ja kommen.«

»Genau. Weihnachten kann kommen«, sagte ich und nahm einen Schluck Kaffee. Mit der Wärme breitete sich Vorfreude in mir aus. Wie jedes Jahr bemühte ich mich, den Dezember mit einer milden, fast gleichgültigen Gelassenheit auf mich zukommen zu lassen. Dieses Jahr war ich sogar mehr denn je davon überzeugt, dass es schön werden würde. Ich überlegte noch eine Weile, was wohl dieses Weihnachten schief gehen könnte, doch mir fiel nichts ein. Alles war in bester Ordnung. Warum auch nicht? Ich hatte nichts gegen Weihnachten. Das Problem war, dass Weihnachten oft etwas gegen mich hatte. Vielleicht freute ich mich deswegen so sehr darüber, dass wir ausgemacht hatten, gemeinsam zu feiern, Milan und ich, Matilda und Svend.

Svend.

Auf Svend war ich besonders stolz. Er war aus Schweden zu Besuch, als ich ihn damals in einem Café kennen lernte, sofort Matilda anrief und sagte: »Komm her. Ich sitze hier mit dem hübschesten, charmantesten und sympathischsten Informatiker der Welt.« Zehn Minuten später war Matilda da, zwei Tage später bewarb Svend sich um einen Job in Reykjavík. Er hatte für Matilda seine Dozentenstelle an der Universität in Göteborg aufgegeben. Das war vor zwei Jahren.

Der hehre, ganz und gar vollkommene Svend. Trotz seines Hangs zu Lachsfischerei und Geländewagen teilte er unsere Neigung zu dekorativer Melancholie an endlosen Nachmittagen.

Nicht nur bei Svend, auch bei Radjif und Tomas, Matildas früheren Freunden, hatte ich meine Finger im Spiel gehabt: Radjif war sehr lange her. Er war das Adoptivkind eines Kollegen meines Vaters und Torwart beim TSV Tornesch, in dessen Handballmannschaft ich mich meine D- und C-Jugendjahre hindurch bemüht hatte, das Tor zu treffen. Als Matilda mich einen Sommer in Tornesch bei Hamburg besuchte, hatte sie fast nur Augen für Radjif. Dennoch war ich es, der dafür sorgen musste, dass Radjif und Matilda sich schließlich alleine mit ein paar Decken und zwei Flaschen Saurer Apfel am Elbstrand wiederfanden, während ich in das Kino an der Kieler Straße ging.

Einige Jahre später dann Tomas. Er kam, wie auch Svend, aus Schweden und versuchte zwei Jahre lang, die schwedische Wodkamarke Polar auf dem isländischen Markt zu etablieren. Da er Wodkaproben im Reykjavíker Nachtleben ausschenkte, war es nur eine Frage der Zeit, bis er Matilda kennen lernen würde. Doch auch mit Tomas und Matilda wäre es ohne mich nicht weitergegangen: So leicht es Matilda fiel, Männer kennen zu lernen, so schwer fiel es ihr, sich zu verlieben. Obwohl sie gern flirtete, bestand jederzeit die Gefahr, dass sie plötzlich in eine Art grüblerische Leichenstarre verfiel. Sie konnte nichts dagegen tun, ihr fielen die Männer der ganzen anderen Frauen ein, die alle irgendwie Autos fuhren und Brillen hatten, zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig waren und sich am Wochenende betranken; die alle ihre Vorzüge hatten und ihre Fehler. Darüber dachte sie so lange nach, bis es ihr vollkommen egal erschien, mit wem sie sich einlassen sollte, und dann konnte sie es auch gleich lassen. Was Matilda fehlte, waren Kriterien.

Um so glücklicher war ich darüber, dass die dritte von mir vermittelte Liebe nun gehalten hatte. Svend hatte sogar sein Segelboot von Göteborg nach Reykjavík überführt. Seit ich Matilda kannte, träumte sie von einem Segelboot. Im vergangenen Sommer waren wir oft zu dritt auf die Faxa-Bucht hinausgesegelt.

Matilda riss die Verpackung des Traums auf und sagte:

»Ich habe mit Svend Schluss gemacht.«

»Was soll denn das?«

»Woher soll ich wissen, was das soll?«

»Als wir vor drei Wochen telefoniert haben, hast du noch gesagt, es sei schön.«

»Na und?«

»Ihr wolltet euch ein Landhaus kaufen, in Småland.«

»Ja. Mit Kamin. Pff.«

Ich sah sie an, sie sah hinaus, in die gleiche Richtung wie der Taxifahrer. Dann kurbelte Matilda das Fenster herunter, so weit die verbeulte Fahrertür es zuließ. Kaffeeschlürfende, Asche in den Sturm schnippende Verachtung. Mehr hatte sie nicht übrig für den hehren, vollkommenen, von mir handgecasteten Svend. Einen Moment lang überlegte ich, ob Matilda eine neurotische, glücksunfähige Diva sei, der man es nie recht machen könne. Doch dieser Gedanke tat mir weh, woraufhin ich mich noch mehr ärgerte, denn es war ihre Schuld, dass ich nun schlecht über sie dachte.

»Es war eben einfach nur schön. Genau wie er. Er war so schön und intelligent … «

»… und sympathisch«, sagte ich.

»Das auch noch! Und dauernd dieses Segeln.«

»Segeln ist doch … schön.«

»Pff!«

»Du hast dir immer jemanden gewünscht, der segeln kann.«

»Das ist es ja gerade. Er kann segeln, hat Stil und ist trotzdem kein Snob. Er hat Geld und ist trotzdem nett; aus guter Familie, aber kein Spießer; lieb und trotzdem cool; kann immer trinken, muss aber nicht. Er ist alles, was ich mir immer gewünscht habe. Alles gleichzeitig!«

Ich schwieg. Der arme hehre, ganz und gar vollkommene Svend.

»Und daneben dann ich!«, fuhr Matilda fort. »Wie ein beflecktes Detail, das man vergessen hat, aus der sauberen, schönen Prince-Denmark-Werbung rauszuschneiden.«

»Du hast mit ihm Schluss gemacht, weil du nicht in eine Prince-Denmark-Werbung passt?«

»Ich habe Schluss gemacht, weil er reinpasst.«

»Das kannst du doch nicht ernst meinen.« Ich wusste, dass sie das sehr ernst meinte.

»Svend ist noch nicht einmal Däne«, sagte ich dann.

»Schwede. Noch schlimmer. Bei denen ist alles immer so … perfekt.«

»Er war ja auch perfekt für dich.«

»Er war nicht perfekt für mich, er war einfach nur perfekt. Das ist ein Unterschied.«

»Sei nicht albern.«

»Was regst du dich eigentlich so auf? Ich kann doch Schluss machen, mit wem ich will.«

»Nicht mit Svend!«, sagte ich und ärgerte mich über den Nachdruck, den ich gerade diesem Satz verliehen hatte. Es hätte bessere Sätze dafür gegeben.

»Du hättest mir zumindest vorher Bescheid sagen können. Immerhin habe ich euch zusammengebracht.«

»Ach das ist es! Dir tut es überhaupt nicht leid, dass ich wieder allein bin. Du bist nur beleidigt, weil du ihn ausgesucht hast. Dabei hast du das nur gemacht, weil du es nicht aushalten konntest, dass ich allein war und du verliebt.«

»Und du hast dich natürlich nur aus Höflichkeit mir gegenüber in Svend verliebt.«

»Du musstest mich eben unter die Haube bringen.«

»Ich wollte dich noch nie unter die Haube bringen.«

»Und was war das damals mit diesem flaumbärtigen Handball-Inder, der dachte, die Smiths seien eine Baseballmannschaft aus Boston? Der nie die Trainingsjacke ausziehen wollte, auf der sein Name stand? Wie hieß er noch gleich?«

»Das weißt du ganz genau.«

»Nein, ich weiß es nicht mehr.« Sie wusste genau, dass Radjif Radjif hieß. Immerhin stand es auf seiner Trainingsjacke. Sie tat das nur, um mich zu ärgern.

»Das ärgert mich überhaupt nicht«, sagte ich.

»Natürlich. Ich laufe den ganzen Tag herum und denke, hmm, was könnte ich tun, um dich zu ärgern. Na klar! Unglück in mein Liebesleben bringen.« Matilda kurbelte die Fensterscheibe wieder hinauf, da die Sturmböen immer stärker wurden.

»Du gibst den Männern keine faire Chance. Denk nur an Tomas.«

»Fang nicht wieder von diesem schwedischen Alkoholiker an.«

»Tomas war kein Alkoholiker, sondern Wodkapromoter.«

»Er ist mir mit zwei Promille in die Seite gefahren, nachdem ich ihn abserviert habe.«

»Das ist eine unübersichtliche Situation gewesen.«

»Nachts um zwei im Kreisverkehr an der Hringbraut?«

»Außerdem tat es ihm leid.«

»Das Einzige, was ihm daran leid tat, war, dass ich ein schwedisches Auto hatte.«

»Aber Svend war anders.«

»Ja. So anders, dass es gar nicht auszuhalten war. Ich habe mich neben ihm nicht ausgehalten. Eine merkwürdige Frau mit einem merkwürdigen Job in einer merkwürdigen Daunenjacke aus einem merkwürdigen Land. Ich hatte das Gefühl, er wollte sein Leben durch mich ironisch brechen, weil sonst alles zu perfekt gewesen wäre.«

»Was ist daran schlimm, wenn etwas mal perfekt ist? Du wehrst dich so sehr dagegen, das ist ja … neurotisch.«

»Wenn du nicht so scheißglücklich wärst, könntest du gar nicht so reden.«

»So ein Quatsch.«

»Wenn du verliebt bist, muss ich auch jemanden haben. Als wären wir eine verdammte Elefantenherde, wo sich alle zur gleichen Zeit paaren müssen, damit der Nachwuchs nicht das ganze Jahr über die Herde aufhält.«

Matilda wusste, dass ich für Tiermetaphern sehr empfänglich war. Ich dachte an Elefanten, deren stoisches Vegetationszertrampeln und Bäumezerrupfen sich in eine jähe Paarungsorgie verwandelte, die nach ein paar Stunden ebenso schnell vorbei war, wie sie begonnen hatte. Matilda hatte Recht. Auch mir war aufgefallen, dass sich unsere Beziehungszyklen angeglichen hatten. Nur dass sich bei uns statt Nachwuchs meist Ernüchterung einstellte.

»Wenn dich dann wieder jemand sitzen lässt, bist du froh, dass ich auch wieder allein bin.«

»Mich lässt diesmal keiner sitzen!«, sagte ich, vielleicht etwas zu triumphierend.

»Dich lässt diesmal keiner sitzen. Herzlichen Glückwunsch! Freu dich doch. Und erklär mir, warum ich mich deswegen nicht trennen darf.«

»Wer sagt das?«

»Du. Eben gerade.«

Es überraschte mich, dass sie Recht hatte. Eigentlich hatte ich doch Recht. Ganz abgesehen davon ärgerte es mich, dass Matilda, obwohl sie Recht hatte, nicht einfach mal ihrem Glück eine Chance geben konnte. Aber so was kann man ja nicht sagen.

»Warum konntest du deinem Glück nicht einfach mal eine Chance geben?«

»Das darf ich ja wohl selber entscheiden!«

»Man weiß selber nie, was Glück ist.«

»Dann sag du es doch. Sag, was für mich Glück ist.«

»Schon gut, schon gut!«, sagte ich. Dann fragte ich endlich, was ich schon die ganze Zeit fragen wollte:

»Kann Svend trotzdem mit uns Weihnachten feiern?«

»Er ist sofort nach Göteborg zurück.«

»Aber sein Segelboot.«

»Pff.«

»Wir wollten doch zusammen Weihnachten feiern. Nur wir vier.« Das war die Idee. Nun war unsere ohnehin sehr überschaubare Familie der weihnachtlichen Wahlverwandschaften bereits am Freitag vor dem ersten Advent um eine Person geschrumpft.

»Entschuldige, dass ich nicht in deinen Weihnachtsplan passe. Ich bin halt nicht so perfekt.«

Ich beschloss, trotz des Orkans türenschlagend das Auto zu verlassen, wenn Matilda noch einmal das Wort perfekt in den Mund nehmen sollte. Warum hasste sie es so sehr? Das war ein Wort wie jedes andere, es konnte nichts dafür, dass es um die meisten Menschen so schlecht stand.

»Was findest du an perfekt bloß so schlimm?«

»Perfekte Menschen sind keine Menschen.«

»Das ist so kindisch.«

»Nein, das ist erwachsen.«

»Was ist denn an Trotz erwachsen?«

»Das ist kein Trotz, das ist Desillusionierung.«

»Ach, und das ist gut?«

»Das ist nicht gut. Aber erwachsen.«

»Außerdem war Svend gar nicht perfekt. Er liebt dich bestimmt immer noch.«

»Kann sein.«

»Dann hast du ja geschafft, was du wolltest. Du hast es nicht ausgehalten, dass es ihm so gut ging mit dir.« Du gehst zu weit, dachte ich mir. »Er hat seine Träume um dich herum gebaut, und du lässt ihn hierher ziehen, hierher segeln sogar! Dann spielst du ihm zwei Jahre lang ein Glück vor, das du überhaupt nicht in der Lage bist zu empfinden, und schickst ihn danach wieder weg, weil dir einfällt, dass du lieber desillusioniert sein willst, weil das so wunderbar erwachsen ist, und freust dich, dass du einen glücklichen Menschen traurig gemacht hast!«

»Und du buchst plötzlich deinen Flug um, kommst einen Tag eher, nur um mir das zu sagen?«

Matilda wusste genau, warum ich einen Tag vor Milan gekommen war. Um bei ihr zu sein. Ich freute mich auf ihre große Wohnung, in der alles so leer war und still, im achten Stock, mit Blick auf das Meer und das Laugar-Tal, den Sportplatz und das Schwimmbad mit der mächtigen Betontribüne. Ich beschloss, ihr nicht zu antworten.

»Kann ich einen Schluck?«, fragte sie nach einer Weile.

»Du hast selber.«

»Ich möchte aber einen Schluck von dir.« Ich gab ihr von meinem Kaffee und wollte gerade sagen, dass es mir leid tat, dass es mit Svend nicht geklappt hatte, da sagte sie:

»Tut mir leid, dass es mit Svend nicht geklappt hat.«

»Wollen wir uns heute Abend bei dir treffen?«, fragte ich.

»Nein, ich …«, Matilda wich meinem Blick schon wieder aus.

»Ich war so lange nicht mehr in deiner Wohnung«, sagte ich.

»Lieber bei dir.«

Ich wollte nicht mehr streiten. Selbst wegen Weihnachten war ich ihr nicht mehr böse. Wir konnten auch zu dritt feiern. Matilda, Milan und ich.

Milan.

Milan hatte noch in Hamburg zu tun. Das Universitätskrankenhaus Eppendorf richtete eine internationale Traumatagung aus, bei der er als Assistent des Pressesprechers der psychiatrischen Klinik dabei sein musste. Er war gerade mit dem Studium fertig geworden, und dies war sein erster Job. Danach würde er nach Island kommen. Matilda kannte Milan schon aus Deutschland und mochte ihn mindestens so sehr, wie ich Svend mochte. Sie liebte es, dass er genau wie sie niemals wendete, wenn er sich mit dem Auto verfuhr, wie er ›Abruzzen‹ sagte, wenn er nieste, und wie er sich freuen konnte über eine einzelne Textzeile in einem Lied; sie liebte das fast so sehr, wie ich es liebte, wenn er morgens so verloren in die Welt sah, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen.

Matilda hatte das Fenster zugedreht und machte die Musik lauter. So this is permanent, love’s shattered pride. What once was innocent, turned on it’s side. Aus den Schneeflocken auf ihrer Wange waren kleine Flecken geworden. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals einen Menschen so genau betrachtet zu haben. Das war nicht mehr die Matilda, die ich kannte, obwohl sie noch dieselbe graue Daunenjacke trug. Ich betrachtete sie so lange, bis ich erkannte, was anders geworden war. Ihr Blick erschien mir härter; wo sie früher verletzlich gewirkt hatte, wirkte sie nun verletzt. Zum ersten Mal fand ich, dass Matilda sehr nordisch aussah, und zum ersten Mal bedeutete dieses Wort für mich so etwas wie trist. Meine Matilda war auf dem Weg, eine einsame Gestalt aus einem Film von Aki Kaurismäki zu werden, ein vom vielen Kaffee blass gewordenes Orakel der Polarnacht. Sie musste hier weg.

»Was guckst du mich so an?«

»Nichts.«

Der Sturm jagte Schnee und Eisregen inzwischen fast waagerecht über den Parkplatz. Das Auto zitterte bei jeder Bö wie der Spinning Racer auf dem Hamburger Dom, der vibrierte, kurz bevor er anfing, sich rasend in Bewegung zu setzen. Matilda zog sich tiefer in ihre Daunenjacke zurück, deren Außenhaut bei jeder Bewegung leise knisterte.

»Willkommen zu Hause, Lárus.«

Lárus.

Das bin ich.

DUNKLER NACHMITTAG

Den dunklen Nachmittag verbrachte ich in einer Videothek, um einen Film auszuleihen, den ich am Abend mit Matilda angucken wollte. Ich stellte es mir schön vor, mit einem Film zu beginnen, um uns bewusst zu machen, dass wir einen ganzen Monat Zeit hatten, um miteinander zu reden. Ein etwa achtzehnjähriger Junge stand zwischen Kartoffelchipstüten und Schokoriegeln an der Kasse. Er griff die leere Hülle des Films, den ich ausgesucht hatte, und zielte mit dem Scanner darauf, bis es piepte.

»Deine Personenkennzahl?«

»171175-2599.«

Er tippte die Zahlen ein und zögerte.

»Noch mal, bitte.«

»171175-2599.«

»Wie heißt du?«

»Lárus.«

Er sah wieder auf den Monitor. Ich dachte mir nichts dabei, dachte nur daran, wie praktisch es sei, dass man hier ein Video ausleihen konnte, indem man nur seine Personenkennzahl sagen musste, die sich aus dem Geburtsdatum und einer vierstelligen Zahl zusammensetzte. Der Junge tippte mit der rechten Hand in seinen Rechner, sah auf den Bildschirm, der sich in seinen Brillengläsern unter der Schirmmütze spiegelte.

»Lárus Lúðvígsson?«, fragte er.

»Ja.«

»Du bist tot.«

»Was?«

»Du bist im Einwohnerverzeichnis als tot eingetragen.«

»Aber ich bin Lárus.«

»Ich kann einem Toten kein Video ausleihen.«

»Wann bin ich denn gestorben?«

»Das steht hier nicht.«

»Ist ja auch egal. Ich bin nämlich nicht tot.«

»Das glaube ich dir gerne. Du kannst das Video natürlich trotzdem haben, dann musst du dich nur registrieren lassen. Das kostet fünftausend Kronen Pfand.«

Ich verließ die Videothek, um eine Zigarette zu rauchen. Es war nicht so wichtig mit dem Film. Irgendwann in den nächsten Tagen würde ich zum Einwohnermeldeamt gehen und mich beschweren. Vorerst beschloss ich jedoch, nicht weiter darüber nachzudenken, zumal der staatliche Alkoholladen bald schließen würde.

ZWEI FISCHE

Das Foto, das vor mehr als zwanzig Jahren den Beginn unserer Freundschaft markierte, entstand auf der Walfangstation am Wal-Fjord. Matilda und ich waren mit meinem Onkel Ágúst in seinem durchgerosteten Opel Rekord hingefahren, bei dem ich einmal die Fußmatte anhob und direkt auf die Schotterstraße sehen konnte. Dem Wal hatten sie eine Kette um die Schwanzflosse gelegt und ihn auf die Rampe gezogen. Ich hatte mir das Armband meiner Kleinbildkamera um das eine Handgelenk geschlungen und hielt mir mit der anderen Hand die Jacke vor die Nase, gegen den tranigen Gestank aus dem Schornstein. Matilda hatte mit ihrer Kleinbildkamera ein Foto von mir gemacht, wie ich die Männer in Ölzeug fotografierte, die auf dem toten Wal herumliefen. Die Männer schnitten ihm mit Messern, deren Klingen größer waren als ihre gelben Gummistiefel, in Bahnen die fettgepolsterte Haut von den Knochen – rot und weiß wie Zahnpasta. Viele der Erwachsenen sagten damals im Scherz, dass wir wohl später einmal heiraten würden. Matilda und ich dachten das auch.

Am nächsten Tag hatte ich ein Foto von Matilda gemacht, wie sie im Streichelzoo von Reykjavík einen Nerz fotografierte. In den nächsten Jahren folgten viele weitere Bilder: Matilda auf Mallorca beim Minigolfspielen, ich auf Mallorca, wo mich ein rothaariger Isländer und ein dicker Finne im Pool hin und her warfen, Weihnachtsbilder, Ferienhaus-Trinkbilder, Heiße-Quelle-Trinkbilder, Reykjavík-Trinkbilder, Hamburg-Trinkbilder. Doch die Unbefangenheit der ersten beiden Fotos, dieser kindlich verwackelten Studien über das Verhältnis von Betrachter und betrachtetem Objekt, wurde nie wieder erreicht.

Die Bilder, die uns gemeinsam zeigten, waren am schlimmsten. Einer von uns hatte immer den Mund aufgerissen, die Augen zugekniffen oder sprach gerade ein Ü. Vielleicht lag es daran, dass wir uns irgendwie ähnlich sahen: irgendwie blond, irgendwie mittelgroß, irgendwie blauäugig. Das war mehr Irgendwie als ein einziges Bild verkraften konnte. Aus diesem Grund begannen wir mit zwölf oder dreizehn, alle Bilder, die uns gemeinsam zeigten, zu vernichten. Es war die Zeit, in der uns langsam klar wurde, dass das mit dem Heiraten wohl doch keine so gute Idee war.

Ein Jahr, nachdem Matilda das Foto von mir gemacht hatte, auf dem ich das Foto von den Männern auf dem toten Wal machte, gingen mein Vater, meine Schwester und ich nach Deutschland. Mein Vater zog einer Deutschen namens Elke hinterher, die er im Sommer im Goethe-Institut von Reykjavík kennen gelernt hatte und die Bibliothekarin in Hamburg war. Damals fehlten in Norddeutschland gerade Tierärzte, und man freute sich geradezu über ihn. So wurde Elke meine zweite Mutter und Tornesch bei Hamburg meine Heimat, in der ich mit neun mein erstes Gewitter erlebte sowie verwundert feststellte, dass es Sandkisten gab, in denen der Sand nicht schwarz war. In der Nähe von Tornesch bei Hamburg kam ich in eine Grundschule aus rotem Backsteinklinker, wo mir eine Praktikantin von der Pädagogischen Hochschule erzählte, dass es bald keine Wale mehr gäbe, wenn Island so weitermachte. Wenig später beobachtete ich diese Praktikantin vor der Eisdiele an der Hamburger Straße mit einer anderen Frau bei dem ersten Zungenkuss, den ich in meinem Leben sah, und kurz danach wurde der Walfang verboten.

Vor dem Fenster der Wohnung, die mein Vater gekauft hatte, damit wir jederzeit auf Island sein konnten, lagen die Walfangboote Hvalur 6, 7, 8 und 9, die seit dem Verbot den Hafen nicht mehr verlassen hatten. Ihre schwarzen Rümpfe waren in der Dunkelheit kaum vom Wasser zu unterscheiden, und an den Masten hingen Körbe für einen Ausguck wie bei Piratenschiffen. Nun rosteten sie schon seit fast fünfzehn Jahren auf ihren Liegeplätzen vor sich hin, während gegenüber ein Schiff mit Panoramafenstern für Walbeobachtungen an- und ablegte.

Vor den Walfängern stand der Trawler Tryggvi Jónsson im Trockendock und wurde blau gestrichen. Zwischen den Lagerschuppen und dem Betongebäude, in dem sich das Restaurant Zwei Fische befand, wirkte das Schiff deplaziert, wie von einer Flutwelle abgeworfen. Die Ampel dort, wo die Straße zur Mole auf die Hauptstraße traf, wurde grün, und ich wunderte mich einen Moment lang, warum der Trawler Tryggvi Jónsson nicht losfuhr. Während der letzten Zigarette waren drei Autos vorbeigefahren; es war zu spät für den Abend- und zu früh für den Nachtverkehr. Ich sah, wie ein Cabrio in den grauen Matsch am Straßenrand fuhr und noch einige Meter rutschte, bevor es zum Stehen kam. Matilda stieg so schwungvoll aus, als hätte sie noch den Impuls der beschwingten Autofahrt in sich, und stolperte direkt in meinen Hauseingang.

»Das ist wieder so eine Lárus-Idee!«, sagte Matilda kurze Zeit später, während sie an der Plastiklasche des Dreiliter-Weißweinzapfkartons aus dem staatlichen Alkoholladen herumzog, bis ein müdes Rinnsal ihr Glas füllte. Dann setzte sie sich in den Sessel, den ich eigens dafür gekauft hatte, damit sie darin sitzen konnte, links neben mir und meinem dunkelblauen Sofa.

»Wie meinst du das?«

»Na ja, absurd eben.«

»Was ist daran so absurd, dass ich für das Fernsehen arbeite?«, fragte ich.

Matilda leerte ihr Weinglas in einem Zug und warf mir einen Kuss zu.

»Die haben halt einen meiner Filme gekauft«, sagte ich.

»Du willst also Tierfilmer bleiben?«

»Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass ich kein Tierfilmer bin.« Ich hatte ihr das wirklich schon oft erklärt, aber sie wollte es immer wieder hören.

»Du filmst doch Tiere.«

»Ja. Vögel.«

»Dann bist du ein Tierfilmer.«

»Tierfilmer sind die, die sich wochenlang einen Busch auf den Kopf setzen und hoffen, irgendwelche Kolibris bei der Paarung zu erwischen. Ich filme Vögel in Städten. Urbane Vögel.«

Sie guckte, als hätte sie das lustigste Lied ihrer Lieblings-CD auf repeat gestellt.

»Und davon hat mir jetzt das norwegische Fernsehen einen abgekauft. Meditativen Realismus nennen die das.«

»Dokumental-Film«, sagte Matilda amüsiert, und ich musste lächeln. Sie konnte mir schon immer gut den Wind aus den Segeln nehmen. Das hatte sie von ihrem Vater. Der war beim Straßenbauamt von Reykjavík für die Geschwindigkeitsbegrenzungen zuständig, setzte Eisenrohre in den Asphalt und ließ Betonschwellen vor Kindergärten sowie Blindenheimen gießen. Er war auf einem Bauernhof am Ende einer langen holprigen Schotterpiste im Südland groß geworden, und problemlos befahrbare Straßen schienen ihm noch immer suspekt zu sein.

»So meine ich das gar nicht«, sagte sie dann – ich musste sie enttäuschter angesehen haben, als mir bewusst war.

»Was hast du eigentlich für ein Video ausgeliehen?«

»Ja, also, sie wollten mir keins ausleihen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich im Einwohnerverzeichnis als tot eingetragen bin.«

»Was?«

»Ja. Tot.«

Matilda lachte.

»Ich bin tot, und du lachst.«

»Das ist halt irgendein blöder Computerfehler«, sagte sie. »Du nimmst das doch nicht ernst, oder?« Sie zuckte mit den Achseln.

»Nein«, sagte ich, »natürlich nicht.«

»Doch«, sagte sie. »Du nimmst das ernst.« Und lachte wieder.

»Warum sollte ich?«

»Dann ist ja gut. Übrigens, ich habe gekündigt.«

»Was?«

»Ich will keine Journalisten mehr durch Island führen. Ich möchte ein Restaurant aufmachen.«

»Du?«

»Ja.«

»Du in der Küche? Ich kenne Leute, die mehr Kinder bei sich zu Hause zur Welt gebracht haben, als du dir dort Mahlzeiten gekocht hast.«

»Es wird nur Suppen geben.«

»Suppen.«

»Schnell, einfach und gesund. Die Leute wollen das.«

»Und warum willst du das?«

»Weil es was ganz Einfaches ist.«

»Seit wann willst du es denn einfach?«

»Weißt du …« Sie stand auf und zapfte uns neuen Wein, als habe sie der Mut verlassen, weiterzureden. Ich sah zu, wie sie erst ihr, dann mein Glas so weit füllte, bis sie fast überliefen. Und schwieg. Nachdem sie, unsere Weingläser unter mehrmaligem Abtrinken balancierend, wieder in ihrem Sessel angekommen war, blieb ihr nichts anderes übrig, als das Gespräch dort wieder aufzunehmen, wo sie es hatte abbrechen lassen.

»… vielleicht habe ich mich nicht genug auf Svend eingelassen.« Es war einer von diesen stillen, triumphalen Momenten, in denen ich gern die Fähigkeit besessen hätte, nur die linke Augenbraue heben zu können.

»Vielleicht kann ich mich nicht auf andere Menschen einlassen.«

»Was sollen denn da die Suppen helfen?«

»Vielleicht einfach mal was anderes machen. Was Einfaches.« ›Einfach‹ und ›vielleicht‹ waren Worte, die normalerweise nicht zu Matildas Wortschatz gehörten. Alles war für sie immer klar. Und nichts einfach.

»Ich habe Angst davor, dass das eine Trennung wird, nach der alles so weiter geht wie bisher. Vielleicht sollte man nach jeder Trennung Dinge an sich verändern. Mehr darauf hören, was man wirklich will.«

»Aber Suppen?«

»Genauso wenig wie es in deinen Vögel-Filmen um die Vögel geht, geht es bei mir um die Suppen. Es geht um die Menschen. Ich möchte ein Restaurant. Mit richtigen Gästen. Für die ich kochen und zu denen ich nett sein kann.«

»Du kannst doch auch zu deinen Journalisten nett sein.«

»Da bin ich nur abstrakt nett. Schreibe E-Mails, telefoniere, fahre irgendwohin, erzähle immer dieselben Geysir-Geschichten und gebe mit der hohen Internetanschlussdichte unseres Volkes an. Ich trinke seit Jahren im Schnitt zweimal die Woche Schwarzer Tod in der Blauen Lagune, das kann doch so nicht weiter gehen! Immer, wenn ein Artikel erscheint, denke ich, das hätten die ohne mich genauso schreiben können. In meinem Restaurant wäre das anders. Die Leute kommen hungrig, und wenn sie gehen, haben sie eine Suppe gegessen. Eine von meinen Suppen. Die es ohne mich nicht gegeben hätte.«

Ich verstand sie überhaupt nicht, und genau dadurch fing ich an zu verstehen: Sie wollte wirklich alles anders machen. Matilda schwieg und sagte dann fast hektisch:

»Ich glaube, man verliert die Fähigkeit, sich auf andere Menschen einzulassen, wenn man so lange alleine wohnt.«

Nun war ich es, der sein Weinglas in einem Zug leerte. In Matildas Stimme lag etwas Hoffnungsloses, das ich von ihr nicht kannte, und dass sie in diesem Ton ausgerechnet vom Alleinewohnen sprach, erschreckte mich. Als wir uns als Jugendliche unser erwachsenes Leben vorstellten, hatten wir uns ausgemalt, wie schön es sein würde, endlich unsere eigenen Wohnungen zu haben, jeder für sich. Sobald wie möglich machten wir diesen Traum wahr, Matilda im achten Stock am Laugar-Tal und ich in Hamburg in einem seine Renovierung erwartenden Vorkriegsklinkerbau auf der Veddel, einer Insel, die weder zum Nord- noch zum Südufer der Elbe gehört. Die erhebende und gleichzeitig verunsichernde Freiheit genossen wir wie einen Rausch, der auch nach den Jahren und den mit ihnen verbundenen Geschichten weiter wirkte. Doch etwas in ihrer Stimme ließ mich an eine Abmachung denken, die wir vor vielen Jahren trafen und die ich inzwischen fast vergessen hatte: Bevor wir beginnen würden, uns selbst Botschaften auf den beschlagenen Badezimmerspiegel zu schreiben und uns nachmittags beim Bäcker über den Klang der eigenen Stimme zu wundern, würden wir zusammenziehen. Sie und auch ich konnten jederzeit den anderen darum bitten, wenn wir es allein nicht mehr aushielten. Ich hatte nie daran gedacht, dieses Versprechen einzulösen, und es mit vielen anderen Gin-Launen in einer schwer zugänglichen Region meines Gedächtnisses abgelegt. Nun hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass sie daran dachte. Ich sah mich in meiner Wohnung um. Das einzige wirkliche Möbelstück war das blaue Sofa, auf dem ich saß. Von ihm aus betrachtete ich den Deckenfluter an der gegenüber liegenden Wand, den Glastisch mit meinem Obststillleben und Matilda in ihrem Sessel. Plötzlich stand dieses dumme Versprechen, wenn schon nicht zwischen uns, so doch zumindest hier im Raum, mitten in meinem Wohnzimmer.

MUSTERHAFTE HERZEN

Als der Zapfkarton leer war, gingen wir aus. Wir ließen uns, den Nordwestorkan im Rücken, runter in die Stadt treiben und taten das, was alle taten: Wir gingen auf den Laugavegur, die oft verregnete, immer zu enge und irgendwie auch zu lange Hauptstraße Islands.

Es war kurz nach eins. Eine Autoschlange schob sich langsam stadteinwärts, in Richtung Nacht, in Richtung Leben. Wir gingen an einem von Techno-Bässen geschüttelten Geländewagen vorbei, in dem ein einzelner Mann saß. Er hatte das Fenster heruntergekurbelt und ließ eine Hand heraushängen, in der er eine Dose Cola hielt. Dahinter war ein glänzender Golf, dessen Heckklappe offen stand. Aus seinem Inneren drangen die Beats der Reykjavíker Hip-Hop-Helden XXX Rottweiler Hundar. Unbeeindruckt davon, dass die Heckklappe im Sturm zitterte, saßen zwei Jungs im Kofferraum und redeten gleichzeitig auf ein Mädchen ein, das zwischen ihnen saß. Sie tranken Bier aus Dosen, ihre Beine berührten fast die Straße. Das Mädchen sprang heraus, rannte auf ein anderes Mädchen zu, das gerade im 22 verschwinden wollte, und rief den Jungs zu: «Das ist meine Cousine. Meine Cousine Hulda.«

Weil viele Autofahrer Fußgänger trafen, die sie zumindest hupend begrüßen mussten, wenn sie nicht sogar anhielten, um sich grölend über das Ziel der bevorstehenden Nachtvergnügung zu verständigen, kam der Verkehr vollkommen zum Erliegen.

Auf den Parallelstraßen wäre man viel schneller vorangekommen, und doch fuhren alle den Laugavegur hinab. Alle halfen mit, wenigstens freitags und sonnabends einen Verkehrsstau zu erzeugen, wie er sich in Reykjavík sonst selbst im dichtesten Berufsverkehr nicht einstellen wollte. An den Wochenenden zwischen ein und sechs Uhr wirkte die Stadt so großstädtisch wie nie. Alle stürzten sich in das Nachtleben, diese kollektive Auflehnung gegen den Winter, die Dunkelheit, Langeweile, Pizzabringdienste, Chat-Rooms und Pay-TV.

Wir ließen eine Ginflasche kreisen, wobei – ein richtiger Kreis war es nicht. Eher eine Gerade, auf der die Flasche hin- und herpendelte, zwischen Matilda und mir. Dabei freute ich mich nicht nur auf die Nacht, sondern auch auf den nächsten Morgen. Es kam immer so, dass wir, wenn wir überall gewesen waren, bei Matilda weitertranken, bis der Erste von uns auf einer ihrer Fensterbänke einschlief, die leer waren und breit wie Betten. Nirgendwo schlief ich so gut wie dort, Reykjavík mit seinen erleuchteten Hügeln und der schwarzen Bucht unter mir. Und das Aufwachen in der übersäuerten Einsamkeit des nächsten Tages war niemals schrecklich, weil wir weder allein aufwachten noch in dem Bett eines unbekannten, im aufkommenden Tageslicht hässlicher werdenden Menschen.

Wir waren auf dem Weg ins kaffi gógó. Dort waren wir das erste Mal vor vierzehn Jahren gewesen, als wir gerade angefangen hatten, in uns mehr zu sehen als den Jungen und das Mädchen mit den Kleinbildkameras. Wir hatten unsere Freundschaft aus den Kinder- und Lebertranpillentagen herübergerettet in ein Erwachsenengefühl, das seit einiger Zeit wie ein dem Schlamm Nibelheims entstiegenes Monster in uns herumtorkelte. Wir hatten uns vorgenommen, zum ersten Mal in der Innenstadt betrunken zu werden. Wir wollten endlich Kontakt aufnehmen mit dem erwachsenen Leben, das aus Freundschaften zu Barkeepern, Türstehern und Tresenmädchen zu bestehen schien. Wir wollten dazugehören, zu den hart gesottenen Twens, geheimnisvollen Fischerburschen und trägerlosen Björk-Nachahmerinnen, die an der Bar im kaffi gógó ihre Nierenknuffe setzten und im Obergeschoss auf den Sofas knutschten. Matilda hatte ihre Mutter gebeten, zum Schwarzen Schwan am Busbahnhof Hlemmur zu gehen und französische Zigaretten in roten Schachteln zu kaufen. Zusätzlich hatte ich aus Hamburg zwei Zigarettenpackungen mitgebracht, von deren Steuermarken wir eine Eins und eine Zwei ausschnitten und über die Fünf der 1975 auf unseren Ausweisen klebten. So kamen wir an dem Türsteher vorbei. Drinnen verlangte ich mit einem Nuscheln, das zumindest damals für mich der kettenrauchenden Nonchalance eines Godard-Schauspielers ebenbürtig war, einen Aschenbecher und kaufte Bier. Der erwartete Kampf an der Bar blieb dabei aus, denn bis auf uns war noch keiner da. Wir setzten uns im Obergeschoss auf die Fensterbank unter dem Straßenschild aus Amsterdam und schauten lange in den regennassen Hinterhof mit den Lüftungsschächten. Als sich das gógó langsam füllte, entpuppte sich die Fensterbank als Logenplatz, um zuzusehen, wie um uns herum alles aus dem Ruder lief. Eine Frau in hohen Stiefeln schlug ihrem Freund weinend ins Gesicht. Ich unterhielt mich mit einer betrunkenen Krankenschwesterschülerin, die sich mühsam an der Handtasche unter ihrem Arm festhielt und mich zweimal grinsend fragte: »Deine Freundin ist nicht deine Freundin, oder?« Als die Krankenschwesterschülerin mich küssen wollte, ging Matilda aufs Klo, und als ich die Krankenschwesterschülerin nicht küssen wollte, sagte diese: »Denk dran, ich werde Krankenschwester. Irgendwann wird dein Leben einmal in meiner Hand sein.«

Am Anfang dieses ersten Abends im Reykjavíker Nachtleben war ich fest entschlossen, mich im kaffi gógó zu bewegen wie ein The Clash hörender Nordengländer mit einer Narbe in der Augenbraue und einer Rule Britania-Tätowierung auf dem mächtigen Bizeps. Als ich jedoch zum dritten Mal die Treppe hinabging, um für Matilda und mich ein viertes Bier zu holen, wurden meine Beine plötzlich leicht. Mir war Barbra Streisand eingefallen, und während ich langsam, Schritt für Schritt, die Treppe hinunterstieg, sang ich leise vor mich hin: There’s no business like show business.

Wie jeder Stammgast hatte ich eine Theorie, warum das kaffi gógó nie aus der Mode kam: Es war der einzige Club mit einer Dramaturgie. Im gógó musste man keine Fragen stellen und keine Entscheidungen treffen: Das gógó könnte mindestens bis sechs Uhr offen bleiben wie die meisten anderen Clubs, machte aber um vier Uhr fünfzehn dicht. Punkt vier Uhr fünfzehn. Weil das alle wussten, achteten sie darauf, um zwei in bester Stimmung zu sein und sich um halb vier vor der Bar in erbitterte Kämpfe um ein letztes Getränk zu verwickeln. Wenn dann genau um vier, mitten im Lied, die Musik abbrach und das Licht anging, konnte man sich noch eine Viertelstunde an die Reste der Nacht klammern. In den anderen Läden, die bis sechs offen hatten, zerfaserte die Nacht. Dort waren einige bereits um Mitternacht betrunken, während die anderen blöd guckten, und wenn die, die um Mitternacht noch blöd geguckt hatten, um drei betrunken waren, waren die anderen, bereits um Mitternacht Betrunkenen, schon gar nicht mehr wach.

Immer schneller ging ich mit Matilda den Laugavegur hinunter. Dies war die Zeit, zu der sich vor dem kaffi gógó oft eine Schlange bildete, und ich wollte auf keinen Fall warten. Matilda bemerkte den Rauch zuerst. Ich hatte ihn für eine verirrte Wolke gehalten, bis ich den beißenden Geruch wahrnahm und das Flackern des Blaulichts sah. Als wir an die Polizeiabsperrung herangingen, sahen wir, dass eines der alten Häuser auf dem Laugavegur in Flammen stand.

Matilda sagte:

»Da wohnt doch Dagur.«

»Wer?«

»Na, Daggi!«

Aus den Dachfenstern des mit Wellblech gedeckten Hauses, deren Scheiben schon gesprungen waren, quollen im Wechsel schwarze und graue Schwaden hervor. Durch die Stellen, an denen die Wellblechbahnen auf dem Dach zusammengenagelt waren, kroch ebenfalls Rauch, in ordentlichen Linien. Vor dem Haus war ein Gewirr aus gelbem Absperrband, Schläuchen und Drehleitern entstanden. Wie ein Vorhang aus Gaze legte sich feine Löschwassergischt um die Feuerwehrautos. Wir tauchten unter der Absperrung hindurch und gingen auf einen roten Bus zu, in dessen Fenster ein Schild hing, auf dem »Feuerwehr Reykjavík « stand und dass hier die geretteten Bewohner betreut würden. Der Bus war leer.

Ein Polizist in einem schwarzen Schneeanzug, der mit den Reflektorstreifen an Armen und Beinen aussah wie ein übergroßes Schulkind, scheuchte uns hinter die Absperrung zurück.

»Hat sich jemand verletzt?«, fragte Matilda den Polizisten. Er hielt eine Tasse in der Hand, aus der Dampf aufstieg.

»Wir wissen noch nichts Genaues.«

»Ein Freund von mir wohnt da drin. Sind denn alle raus?«

»Das können wir noch nicht sagen.«

Wir stellten uns auf den Parkplatz, der dem brennenden Haus direkt gegenüberlag. Ein gelber, fast quaderförmiger Wasserwerfer der Flughafenfeuerwehr rangierte sich in Position, um die Brandschutzwand zu dem Haus mit dem Schuhgeschäft zu bespritzen. Alle Feuerwehren aus Südwestisland schienen ausgerückt zu sein. Die ankommenden Feuerwehrmänner entluden hastig ihre silbern glänzenden Atemschutzgeräte. Sie trugen Gummistiefel, die aussahen wie Köpfe von riesigen Gelbwangenschildkröten. Es war kalt und merkwürdigerweise auch still. Nur das Rattern der Dieselmotoren war zu hören; gelegentlich heulte ein Elektromotor auf und eine Drehleiter schob sich in die Höhe. Da erschien der dichte schwarze Rauch, der auf der Rückseite des Hauses aufstieg, plötzlich in einem roten Feuerschein. Wenig später flackerte es in den Fenstern des obersten Stockwerks auf. Das Feuer schien an dem Wasser vorbei zu brennen, die Flammen standen unbeeindruckt wie Ausstellungsstücke in den Fenstern, auf die die Feuerwehrmänner auf den Leitern mit Hochdruck zielten. Auch als der ganze Dachstuhl innerhalb von Minuten in Flammen stand, blieb das Feuer absolut still.

Das inzwischen knöchelhoch auf dem Laugavegur stehende Löschwasser trug Hotdog-Tütchen, Colabecher und Zigarettenkippen davon. Eine Gruppe junger Männer in Jeans und beigebraunen Wolljacken stand neben uns auf dem Parkplatz herum, auch sie tranken Bier. Einer trat gegen einen der prallen Schläuche und sagte: »Wow.« Ich sah mich um. Hinter mir standen inzwischen mindestens hundert Schaulustige: hauptsächlich Ausgänger, aber auch einige der Pfandflaschen sammelnden Rentner und Asiaten, die sich sonst durch nichts von ihrer Mülleimerrunde abhalten ließen. Neben uns stand ein grauhaariger Mann in einem Fleecepullover, der starr in das Feuer blickte. Wenn ich ein Brandstifter wäre, dachte ich, hätte ich mich auch genau hierhin gestellt, denn aus dieser Perspektive sah man alles: die Flammen, die Feuerwehrmänner und die Polizisten, die von einem Leuchtstreifenbein auf das andere sprangen, um sich zu wärmen. Matilda sprach laut in ihr Telefon:

»Daggi, endlich! Dein Haus brennt, Mann. Ich weiß auch nicht. Okay, bye!«

»Was hat er gesagt?«, fragte ich.

»Was soll er schon gesagt haben«, sagte Matilda. »Scheiße, hat er gesagt. Zum Teufel. Und fokk.«

Dagur.

Ich erinnerte mich nur dunkel an Dagur. Wahrscheinlich hätte ich ihn wie die meisten meiner Grundschulkameraden vollkommen vergessen, wäre er nicht der Sohn von Kjartan Benediktsson, Kjartan dem Reichen, gewesen. Kjartans Familie gehörte die Mýrar hf, die das isländische Wirtschaftsleben dominierte und aufgrund ihres weit verzweigten Firmennetzwerks von vielen ›der Krake‹ genannt wurde. Die Mýrar hf war der größte Lebensmittelproduzent des Landes, der größte Importeur von Autos, Benzin und Elektrogeräten, ein bedeutender Exporteur von Fisch, besaß Baufirmen, Reisebüros, mehrere Verlage und einen Fernsehsender. Schon in der Grundschule wusste jeder von Dagurs besonderer Herkunft, und er litt sehr darunter: Im Unterschied zu seiner jüngeren Schwester, die den Ruhm ihrer Familie täglich mit Herrinnenschritt zur Schule trug, schlich sich Dagur, meist ein paar Minuten zu spät, mit hängendem Kopf ins Klassenzimmer. Er erweckte immerfort den Eindruck, dass er sich für die Stellung seiner Familie schämte, was dazu führte, dass die gesamte Schülerschaft auf ihm herumhackte, während niemand gegen seine Schwester auch nur ein Wort sagte.

Seit unserer Grundschulzeit hatte ich Dagur nicht mehr gesehen. Trotzdem erkannte ich ihn sofort, als ich ihn nun zu seinem brennenden Haus rennen sah. Dagur war nicht besonders groß geworden; seine langen Haare waren zu blonden Dreadlocks verfilzt, die wild auf- und absprangen. Er hielt mit beiden Händen seine weite Jeans fest und trug einen Pullover mit der Aufschrift Vöfluvagninn. Das erklärte, warum er so schnell hier war, denn der Waffelwagen, an dem tagsüber Kinder und nachts betrunkene Kinder Waffeln mit Eis kauften, stand keine zwei Minuten entfernt auf dem Lækjatorg. Matilda wollte ihm etwas zurufen, doch er würdigte uns keines Blickes, zerriss wie ein Langstreckenläufer beim Zieleinlauf das gelbe Absperrband, schubste einen Feuerwehrmann aus dem Weg und griff sich ein Atemschutzgerät. Ein Polizist kam angerannt, doch da war Dagur schon in dem Haus verschwunden.

Kurze Zeit später erschien er in einem Fenster im ersten Stock. Ein dicker Aktenordner flog heraus und verfehlte nur knapp den Kopf eines Feuerwehrmanns. Bald standen die Einsatzkräfte in einem Regen von Videokassetten und Kleidungsstücken. Sogar CDs warf Dagur aus dem Fenster, deren Hüllen beim Aufprall aufplatzten und ihren glänzenden Inhalt freigaben. Es war ein kurzer, heftiger Regen, dann war Dagur, ebenso plötzlich wie er in dem Fenster aufgetaucht war, wieder verschwunden. Unter den Schaulustigen um uns herum waren die Gespräche verstummt.

Dagur tauchte in demselben Fenster wieder auf. Er hatte eine Kiste auf das Fensterbrett gestellt, die nur wenig kleiner war als ein Mineralwasserkasten. Sie schwankte hin und her, Dagur sah unschlüssig herunter. Die Feuerwehrleute riefen etwas zu ihm hinauf, das ich nicht verstand. Da rannte ich an dem Polizisten vorbei, der einen Moment zu spät reagierte, um mich festhalten zu können, rannte bis unter das Fenster und streckte die Arme aus. Dagur ließ die Kiste los, die in der Luft eine halbe Drehung vollführte, bevor ich sie auffing. Ich knickte in den Knien ein und verlor fast das Gleichgewicht. Eine Sekunde lang dachte ich, ich hätte mir die Arme gebrochen, so stark war der Schmerz. Als ich wieder hinaufsah, war Dagur fort. Der Feuerwehrmann auf der Drehleiter über mir spritzte in ein Fenster, dann in ein anderes. Ein Polizist packte mich an einem der schmerzenden Arme. Ich sah ihn an, als er mich plötzlich losließ und herumfuhr. Die Menge der Schaulustigen klatschte, johlte, pfiff – Dagur stand vor dem Haus! Er schmiss die Atemschutzmontur von sich wie ein Rockstar seine Gitarre und begann, seine Sachen zusammenzusuchen. Die Menge jubelte weiter, der Polizist schrie etwas von Einsatzbehinderung und Nötigung, doch Dagur hörte nicht zu. Schon nicht mehr ganz so laut rief der Polizist, dass er ihn eigentlich verhaften müsse, doch da hatte Dagur seine CDs, Kleidungsstücke, Aktenordner und Videokassetten bereits aufgehoben und zog sich hinter die Absperrung zurück. Ich folgte ihm.

»Ja, ja«, sagte er.

»Wichtige Sachen, was?«, fragte ich. Dagur nickte und hustete. Ich stellte die Kiste vor ihm ab und wollte sie öffnen, da schob Dagur mich so unsanft zu Seite, dass ich ihn erstaunt ansah.

»Kennst du Lárus noch?«, fragte Matilda.

»Nein.«

»Er war mit uns in der Grundschule und ist dann nach Deutschland.«

»So was«, sagte er und sah mich an. »Lalli.« Er wischte seine rußverschmierten Hände an der Jeans ab.

»Lárus«, sagte ich.

»Lalli. Lalli skaggi!«

»Lárus!«, sagte ich erneut.

»Lalli skaggi«, wiederholte Dagur, und Matilda konnte das Grinsen, das ich ihr streng verboten hatte, nicht unterdrücken. Ich hatte gehofft, dass alle die ›Lalli skaggi‹-Episode meines Lebens vergessen hatten, ja, ich hatte sogar selber versucht, die ›Lalli skaggi‹-Episode meines Lebens zu vergessen. Fast hatte ich schon gedacht, es wäre mir gelungen, aber ich erinnerte mich natürlich ganz genau.

Es war so, dass ich, nachdem ich eingeschult wurde, vorgab, gehbehindert zu sein. Morgens hüpfte ich noch gleichmäßigen Schritts die Betontreppe am Eingang unseres Hauses herunter, doch sobald das Fenster zur Küche außer Sicht war, in der meine Mutter stundenlang Sachen hin- und herräumte und in der es trotzdem immer unordentlich war, fing ich an zu humpeln. Irgendwie schien das zur Schule zu passen. Mich verwirrten die vielen anderen Kinder. Einige ärgerten mich, riefen ›Lalli skaggi‹, ›Lalli, der Schiefe‹, was wiederum Jónína, die Lehrerin, ärgerte, die mich in Schutz nahm, was wiederum Valdimar ›Valli‹ Hermansson und Böddi Jónsson dazu verführte, mich nach der Schule noch mehr zu ärgern. Bald kloppte ich mich fast regelmäßig mit den beiden. Ich hatte nie eine Chance, konnte aber auch nicht weglaufen, weil ich ja humpelte. Ich kam nicht auf die Idee, von meiner vorgespielten Behinderung zu lassen, denn da ich die anderen Kinder nicht mochte, erschien es mir nur logisch, dass sie mich ärgerten und ich mich mit ihnen schlug. Einige andere bemitleideten mich – das war auch gut. Hauptsache, jeder wusste, wer ich war.

Natürlich konnte dieser emotionale Subventionsbetrug auf Dauer nicht gut gehen. Nach einem halben Jahr rannte der Dobermann einer Klassenkameradin quer über den Schulhof auf mich zu, bellte sein grabestiefes Bellen, und ich lief weg, so schnell ich konnte.

Die Schmach war groß.

Dass sich nun ausgerechnet Dagur daran erinnerte, der damals auch noch ein Kind gewesen war, erschreckte mich um so mehr. Was mussten dann erst die wissen, die damals schon erwachsen waren?

Dagur zog nachdenklich die Nase hoch und strich sich mit beiden Zeigefingern den Schweiß aus den blonden Augenbrauen. Dann sah er mich an. Seine Augen waren blau und seine Zähne sehr weiß in dem rußgeschwärzten Gesicht.

»Wer kauft mir was zu trinken? Ich bin total abgebrannt.«

Bevor wir ins kaffi gógó gingen, brachte Dagur seine Sachen zu seinem Auto. Irgendwoher hatte er zwei Plastiktüten genommen, in die er die Kleidungsstücke und CDs gestopft hatte, die er aus dem brennenden Haus auf die Straße geschmissen hatte. Obwohl er kaum alles tragen konnte, gab er nichts aus der Hand. Als wir sein Auto schon fast erreicht hatten, fiel aus einer der überfüllten Tüten ein Buch heraus. Dagur bemerkte es erst, als ich mich schon danach gebückt hatte. Es war eine zerlesene Ausgabe der Saga von Egill Skallagrímsson. Die Buchdeckel waren fast vollständig mit durchsichtigem Tesafilm beklebt, was das Buch vor dem vollkommenen Auseinanderfallen bewahrte. Unter dem Klebestreifen war eine Abbildung des Sagahelden zu erkennen, der einen schwarzen Helm mit großer Krempe und einen zerzausten Kinnbart trug. Die Stirn traurig gekräuselt, das Schwert erhoben stand er da, dämonisch und verletzlich zugleich; ein zaudernder Berserker, der sich nicht entscheiden konnte, ob er zuschlagen oder sich weinend unter ein Tierfell zurückziehen sollte.

»Gib das her«, sagte Dagur und hatte mir das Buch schon aus der Hand gerissen. Dafür hatte er eine der Tüten loslassen müssen und bückte sich, um seine im Schneematsch verstreute Habe wieder einzupacken. Einmal schnellten seine Augen hoch zu mir, doch als er merkte, dass auch ich ihn ansah, starrte er sofort wieder nach unten.

Dagur stellte die Reste seines Hausrats in den Kofferraum seines Land Rover Defender, der alt war und rot, mit weißem Dach und knopfäugigen Rücklichtern. Bevor er sorgfältig eine Wolldecke über alles breitete, nahm er ein T-Shirt aus einer der Tüten und zog es an: Es war ein enges schwarzes T-Shirt mit weißen Sternen auf der Vorderseite und der Aufschrift Betty Ford Clinic.

Nachdem Matilda im kaffi gógó erzählt hatte, auf welch spektakuläre Weise Dagur seine Sachen aus dem brennenden Haus gerettet hatte, bekamen wir umsonst ein Thule-Bier und einen nach Apfelkaugummi schmeckenden Schnaps. Es war ziemlich leer im kaffi gógó. Viele sahen sich das Feuer an, nur die Stammgäste, die praktisch zur Einrichtung gehörten, waren da: Hrafnhildur, die Bankkauffrau, sprang auf der Tanzfläche herum wie eh und je und strahlte so viel Hitze ab wie ein ganzer Aerobic-Kurs. In der dunkelsten Ecke, wo das Licht der Discokugel niemals hinschien, hing Gísli in den Seilen. Schon seit einigen Jahren war der Physiklehrer im grauen Anzug der älteste Gast und starrte durch eine Batterie von Gläsern in das schwarze Nirgendwo, das sich zwischen Bar und Notausgang auftat. Es war, als hätten sie alle im gógó ausgeharrt, damit ich nun, ein halbes Jahr nach meinem letzten Besuch, gerührt feststellen konnte, dass alles beim Alten geblieben war. Nur gelegentliche Lieder von den Bright Eyes oder Belle & Sebastian zeigten, dass sich die Diskokugeln dieser Welt weitergedreht hatten. Ansonsten liefen wie immer Pulp, Clash, Beck und Bowie, dazwischen die isländischen Rockklassiker Lúftgítar und Lóalóa. Auch der Hit der Riot Girl-Band Grílurnar, die von dem Mädchen Sísí sangen, das nähend in ihrem Suzuki ausflippt, fehlte nicht. Wie immer.

»Und, wie läuft deine Nacht?«, fragte Matilda.

»Super.«

»Du stehst seit einer Stunde hier herum«, sagte sie.

»Ich höre der Musik zu«, sagte ich.

Matilda verschwand wieder auf der Tanzfläche. Dagur stellte sich neben mich, legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: »Gib dein Glas.« Er hatte eine Plastikflasche dabei, ähnlich denen, die Radrennfahrer benutzen. Er füllte mein Glas, aus dem der Geruch von starkem Gin aufstieg.

»Mein Cousin brennt den. In seiner Garage. Der beste Gin des Landes.«

Der beste Gin des Landes schmeckte holzig, die weißen Sterne über Dagurs Betty Ford Clinic glänzten im Schwarzlicht.

»Dann können wir uns ja mal unterhalten«, sagte ich.

Er zuckte mit den Achseln und sah an mir vorbei auf die Tanzfläche. Direkt traurig sah er nicht aus, eher gleichgültig und sehnsüchtig im selben Moment, wie ein Junge, der in der großen Pause unter dem Dach des Laubengangs steht und den anderen Kindern beim Spielen zusieht. Mir fiel ein, dass ich zwar schweigsame Menschen gut leiden konnte, mit schüchternen Menschen aber Probleme hatte.

»Wo kommst du her?«, fragte er, als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte.

»Aus Tornesch«, sagte ich.

»Soll ich das kennen?«

»Kopenhagen, Köln … Kennst du irgendwelche Städte in Europa?«

»Natürlich.«

»Dazwischen.«

Er schnippte mit dem Daumen gegen den Filter seiner Zigarette, doch es fiel keine Asche ab. Er versuchte es noch mal.

»Wann seid ihr da hin?«

»Als ich neun war.«

»Warum?«

»Nur so.«

»Niemand zieht nur so nach … wie hieß das noch mal?«

»Mein Vater hatte da Arbeit.«

»Und wie fandest du das?«

»Und du?«, fragte ich, »was machst du?«

»Ich bin Literaturwissenschaftler.«

»An der Uni?«

»Nein«, antwortete er und machte ein Gesicht, als hätte ich ihm ein angebissenes Hotdog vom Fußboden angeboten.

»Uni ist das reinste Endlager.«

»Aha.«

»Ich bin freiberuflich.«

»Freiberuflicher Literaturwissenschaftler.«

»Und du Tierfilmer.«

»Wer sagt das?«

»Matilda.«

»Ich bin kein Tierfilmer.«

»Filmst du keine Vögel?«

»Doch.«

»Sind Vögel keine Tiere?«

»Tierfilmer sind die, die sich einen Busch aufsetzen und …« Ich war es leid, das immer wieder zu erklären, und sagte einfach: »Meditativer Realismus. Dokumental-Film, wenn du so willst.«

Er sah mich an wie einen wildfremden Mensch, der ihn grundlos mit seiner Lebensgeschichte belästigte. Dieses Gespräch gefiel mir nicht. Es störte mich, wie Dagur behauptete, einen Beruf zu haben, den es nicht gab, und wie er dasselbe von mir dachte. Ich sagte: »Ab jetzt mache ich auch Fernsehen.« Er grinste, als hätte er erraten, warum ich das hinzufügte.

»Und dein Freund kommt übermorgen und arbeitet in der Psychiatrie.«

»In der Presseabteilung. Er ist kein Psychiater«, das war mir wichtig zu betonen. Ich dachte an Milan, der jetzt schlief und die gepackte Reisetasche vor seinem Bett stehen hatte. Milan packte immer am Tag vorher, während ich in letzter Minute viel zu wenig in einen großen Koffer schmiss. Milan, der vielleicht in diesem Moment gerade aufwachte, sich verwirrt aufrichtete und dann allein wieder unter die Decke kroch.

»Er kommt morgen, nicht übermorgen«, sagte ich.

Dagur schwieg.

Meine Arme taten immer noch weh. Er hätte sich ruhig dafür bedanken können, dass ich die Kiste aufgefangen hatte. Oder war es von so einem Menschen schon ein Dank, dass er sich überhaupt mit mir unterhielt? Immerhin war es einer meiner Neujahrsvorsätze für das inzwischen fast vergangene Jahr gewesen, das Wort ›Soziopath‹ nicht mehr so oft zu verwenden. Außerdem hatte Dagur mir schon in der Grundschule leid getan, und vorhin tat er mir auch leid, wie ihm seine letzte Habe auf den vom Löschwasser überschwemmten Laugavegur fiel und er sich nicht helfen lassen wollte. Sogar jetzt tat er mir leid, in seinem verräucherten T-Shirt, mit seinem nach Holz schmeckenden, selbst gebrannten Gin. Ich überlegte, ob ich eine Frage über den Berufsalltag freiberuflicher Literaturwissenschaftler stellen sollte. Nicht, dass ich die Hoffnung hatte, eine normale Antwort zu bekommen, aber die Sache interessierte mich irgendwie. Da sagte Dagur:

»Scheiße«, und sah mich plötzlich direkt an, »meine Schwester.«

Sie hatte ihn schon gesehen. Er ließ sich nur widerwillig auf ihre Umarmung ein und wich dabei mit dem Unterleib zurück, um die Berührungsfläche zu minimieren. Sie redete auf ihn ein, er antwortete mit einem Wort, woraufhin sie die Mundwinkel spöttisch verzog. Sie wollte ihm den Ruß aus dem Haaransatz wischen, doch er zog instinktiv seinen Kopf zurück, woraufhin sie ihn wegschubste. Dann sah sie mich an, so kurz, als sei ich eigentlich nie geboren worden. Sie fragte Dagur etwas, doch diesmal schüttelte er nur den Kopf. Kurz nachdem sie verschwunden war, erschien Matilda mit einem Typen im Schlepptau.

»Das ist Lárus. Das ist Simon.« Ich drückte eine Hand und sah in zwei nah beieinander stehende Augen, weit über mir. »Du glaubst es nicht«, sagte Matilda zu mir: »Er ist U-Bahnfahrer. Aus Manchester. Das ist so aufregend!«

Sie drückte Simon einen Kuss auf sein säuerliches Lächeln.

»Das glaubst du dem doch nicht!«

»Warum nicht?«

»Man trifft keine U-Bahnfahrer beim Tanzen.«

»Die fahren doch auch mal in Urlaub.«

»Der will doch nur Eindruck schinden, weil er weiß, dass es hier auf Island keine U-Bahn gibt.«

»Sieht er nicht gut aus?«

»Er sieht überhaupt nicht wie ein U-Bahnfahrer aus.«

»Wie sehen denn U-Bahnfahrer aus?«

»Der ist noch nicht mal blass«, sagte ich und wandte mich an Dagur. «Oder was meinst du?«

»Hör nicht auf ihn«, sagte Matilda zu Dagur. »Der ist eh tot.« Sie lachte.

»Was?«

»Lárus ist durch irgendeinen blöden Computerfehler im Einwohnerverzeichnis als tot eingetragen.«

Dagurs Miene verfinsterte sich.

»Aber … hast du …«

»Was?«

»Nichts.«

»Habe ich was?«

»Nichts!«, sagte Dagur.

»Jungs, bis später«, sagte Matilda und zog den angeblichen U-Bahn-Fahrer hinter sich her auf die Tanzfläche.

»Solche Computerfehler gibt es nicht«, sagte Dagur.

»Offensichtlich schon. Ich bin der Beweis. Der lebende Beweis.«

»Das hat jemand absichtlich gemacht.«

»Wer sollte das denn können?«

»Meine Familie zum Beispiel«, sagte Dagur, und ich war mir nicht sicher, ob das Hass war in seinem Blick, Angst oder nur ein Widerschein des Gins.

»Ich kenne deine Familie noch nicht mal.«

»Aber die kennen dich vielleicht.«

Ich hatte keine Lust mehr. Ich kannte solche Leute. Es bereitete ihnen Vergnügen, sich mit der dämonischen Aura eines Geheimnisträgers zu umgeben. Oft waren es die verschrobensten Leute, die so etwas taten, vielleicht in der Hoffnung, man würde dann ihre Kommunikationsunfähigkeit für tiefen Einblick halten, in Sphären, die normalen Menschen verborgen blieben. Ich dachte an seine schubsende Schwester, seinen reichen Vater und die Ausgabe der Saga von Egill Skallagrímsson im Schneematsch.

Weil mein Bierglas leer und es an der Bar inzwischen voll geworden war, nahm ich das halb volle Glas eines Jungen, der gerade seine Freundin küsste. Dann entdeckte ich Maggi Frímannsson. Maggi war einer der besten Kreisläufer Europas und spielte beim THW Kiel in der Handballbundesliga. Früher bin ich manchmal von Hamburg aus hingefahren und habe mir angesehen, wie er mit dem in seiner Wurfhand klein wirkenden Ball durch die Gegend flog. Danach haben wir uns oft zusammen ins Böll gesetzt. Wie üblich hatte Maggi Frímannsson eine neue Freundin. Maggi Frímannsson hatte immer eine neue Freundin. Diesmal war sie nicht viel größer als einssechzig, saß auf dem Schoß des fast zwei Meter großen Maggi und sah so unbeteiligt in die Gegend wie die Puppe eines Bauchredners. Dazu rauchte sie, während Maggi sie verliebt ansah. Ich wollte wegsehen, konnte es aber nicht. Maggi war wieder einmal dabei, es sehr ernst zu meinen. Dann würde es so laufen wie immer: In ein paar Wochen würde sie von Trennung sprechen, er würde versuchen, ihr alles recht zu machen und dabei nichts richtig machen. Er würde Mengenrabatt beim Blumenhändler bekommen und seine ganze Liebe ausschütten auf den Grabbeltisch der Gefühle, bis sie alles so billig bekam, dass sie es ohne schlechtes Gewissen wegwerfen konnte. Jedes Wochenende, an dem er nicht in Kiel oder sonstwo in Deutschland versuchte, die Verteidigungskette der gegnerischen Mannschaft zu durchbrechen, flog er nach Island, warf sich ins Reykjavíker Nachtleben und verliebte sich so sehr, dass er aufhörte zu schlafen, nachts mit 180 über die Landstraßen donnerte, morgens zwei Stunden joggte und Tabletten gegen die Muskelschmerzen nahm. Für eine Frau nach der anderen gab er alles und ging dabei regelmäßig zu Boden. Doch Maggi Frímannsson, Spitzensportler, der er war, stand wieder auf. Bei den meisten Frauen auf Island war sein Ruf ruiniert, und wenn man seinen Ruf hier einmal ruiniert hatte, war es eigentlich zu spät. Doch es gab auch viele, die Respekt vor Maggi hatten, weil er nicht zynisch wurde, viele, die sich fragten, wo er diese ganze Liebe überhaupt hernahm.

Maggi hatte mich entdeckt, und ich prostete ihm zu. Er hatte einmal gehofft, ich könnte ihn mit Matilda zusammenbringen, aber ich habe es gar nicht erst versucht. Weder er noch ich brachten mehr als ein halbes Lächeln zustande. Er wusste, was ich dachte, ich hatte es ihm oft genug gesagt, im Böll in Kiel. Maggi ließ sein kleinwüchsiges Stimmungstief allein und steuerte mit verzweifelter Entschlossenheit und gezücktem Portemonnaie in Richtung Bar. Er holte sich einen neuen Campari – nicht einmal sein Lieblingsgetränk passte zu ihm. Ich nahm ein weiteres verwaistes Bier von einem Tisch und ging hinüber zu seiner Freundin.

»Ich bin ein Freund von Maggi. Lárus«, sagte ich.

»Hallo«, sagte sie.

»Und du?«

»Birna«, sagte sie, nahm eine neue Zigarette und starrte so lange in den Deckel der Schachtel, als sei dort ein Schminkspiegel. Ich wollte sie bitten, ihm eine faire Chance zu geben, es nicht so zu machen wie alle. Maggi war zwar ein Frauenheld, aber ein Frauenheld wider Willen. Er wollte eigentlich nur eine, die bei ihm blieb. »Du wirst schon sehen, Birna, dass auch du nett sein kannst, Maggi kann es dir zeigen«, wollte ich sagen und dass es falsch sei, sich von jemandem zu trennen, nur weil er zu sehr liebte, man durfte das nicht tun, man musste auch chronisch hingebungsvollen Menschen eine Chance geben, gerade ihnen, denn sie hatten es schwer genug – aber sie sah mich nicht an.

Ich tanzte und bemerkte, dass mir schwindelig war. Den holzigen Geschmack des Gins hatte ich auch nach dem dritten Bier noch im Mund. Dann bemerkte ich, dass ein Mädchen in einem Kleid vor mir stand, ihre dünnen Arme auf und ab bewegte und offensichtlich schon seit einigen Sekunden mit mir redete.

»Was?« fragte ich.

»English«, sagte sie.

»Yes«, sagte ich.

»Do you have a secret for me?«

»What?«

»A secret!«

Sie machte mit der einen Hand eine Geste. In der anderen Hand hielt sie ihr Telefon. Ich stellte mir vor, dass sie Kunst studierte, durch das Nachtleben der westlichen Welt zog und Leute nach ihren Geheimnissen fragte, um sie dann in einer Installation zu verwenden. Ich überlegte, ob sie die Geheimnisse der Nachtlebenmenschen in ihrem Telefon speicherte oder gleich verschickte; vielleicht war die Installation auch schon installiert, dann würde man das, was ich ihr jetzt sagte, in einigen Minuten irgendwo in England lesen können. Ich hätte ihr von der ›Lalli skaggi‹-Episode erzählen können, doch das war kein Geheimnis, sondern nur etwas, das ich erlebt und vergessen hatte, ohne es vergessen zu können; ich glaube, man sagt dazu ›verdrängt‹.

Das Kleid der Künstlerin war schwarz und hochgeschlossen. Es hatte etwas von einer Beichtsituation, und doch wirkte sie irgendwie naiv. Plötzlich wollte ich nichts mehr als ihr die Wahrheit sagen. Die unausweichliche Wahrheit:

»Morgen fahre ich zum Flughafen und hole meinen Freund ab, der aus Hamburg kommt, um mit mir Weihnachten zu feiern«, sagte ich. »Dabei hat er mit mir Schluss gemacht. Er wird nicht kommen.«

Sie sah mich verwundert an und blickte dann auf ihr Telefon, das sie auf mich richtete, als sei es ein Trikorder aus Raumschiff Enterprise und ich eine merkwürdige, elektronisch abzutastende Lebensform. Dann sagte sie:

»Oh.«

»Wir haben einen Ausflug nach Bremerhaven gemacht. Da gibt es verlassene Hafenspeicher, in denen Falken wohnen. Gründerzeitspeicher mit so … aber was rede ich, du studierst ja Kunst. Ich habe ihm gesagt, dass ich den Ausflug sehr schön fand, da fing er an, dass er den Ausflug ganz fürchterlich fand. Ich fragte ihn warum, und er konnte gar nicht aufhören zu sagen, was er alles fürchterlich fand. Nicht an dem Ausflug. An mir. Wir hatten ausgemacht, hier zusammen Weihnachten zu feiern. Deswegen bin ich hier. Und allen meinen Freunden habe ich auch erzählt, dass ich nur vorgefahren bin und er nachkommt.«

Nicht nur allen meinen Freunden, auch mir selber hatte ich das erzählt. Eigentlich war ich niemand, der sich Dinge einbildete, und doch hatte ich es geschafft, mir nach der Trennung von Milan einzubilden, dass ich mir das alles nur eingebildet hatte. Die letzte Zeit in Hamburg verbrachte ich wie in Trance, und nachdem ich ins Flugzeug gestiegen war, dachte ich, alles wäre wieder gut. Milan war noch nie auf Island gewesen. Hier würde alles anders sein.

»Matilda will morgen früh mit mir zum Flughafen fahren, ihn abholen.«

Mir fiel ein, dass die Künstlerin vorhatte, mein Geheimnis im SMS-Format zu verarbeiten, und ich verzichtete auf weitere Ausführungen, zumal gerade sehr laut Me And The Major von Belle & Sebastian lief. I want to dance, I want a drink of whiskey, so I forget the major and go up the town, because the snow is falling … Außerdem musste sie ja auch noch von anderen Leuten secrets sammeln. Merkwürdigerweise schien sie sich gar nichts notiert zu haben. Schließlich sagte sie:

»So are you going to give me a cigarette then?«

Ich gab ihr eine Zigarette. Sie war wirklich Studentin, allerdings nicht Kunst. Während sie noch die Zigarette rauchte, bot ich ihr eine zweite an, die sie lächelnd ablehnte. Als sie sich schon umdrehen wollte, fragte ich:

»Gibt es in Manchester eine U-Bahn?«

»Keine Ahnung, ich komme aus der Schweiz.«

Ich traf Dagur auf der Tanzfläche; im Licht des Stroboskops schienen die Sterne auf seinem Betty-Ford-Clinic-T-Shirt immer heller zu leuchten. Er grinste mich an und sagte: »Ich habe gerade ein bisschen gekotzt.« Ich suchte Matilda. Noch hatte ich sie nicht belogen, zumindest nicht mehr, als ich mich selbst belogen hatte. Ich musste ihr sofort sagen, dass Milan mich verlassen hatte, doch sie war nirgendwo zu sehen. Ich verfluchte den nordenglischen U-Bahnfahrer.

Was war mit der Musik los? Es lief I Thought You Were My Boyfriend von den Magnetic Fields, wie ich es hier schon oft gehört hatte, doch in die vertraute elektronische Ordnung mischte sich ein merkwürdiges Klappern. Dem Klappern folgte ein dudelsackähnliches Pfeifen, das zu einem schrillen Klingeln anschwoll. Das hatte es an diesem Ort, an dem ich ganze Nächte verbringen konnte, ohne ein Lied nicht zu mögen, noch nie gegeben. Auf der Tanzfläche erstarb jegliche Bewegung. Alle sahen sich an und griffen verwirrt zu ihren Getränken, sofern diese ihnen nicht von anderen angetrunkenen Gästen geklaut worden waren. Sogar die Gäste an der Bar wagten kaum, sich zu bewegen. Ich sah zum DJ-Pult. Dort stand ein dünner Mann, dessen schmächtige Schultern sich in den Tiefen eines ausgebeulten Samtjackets verloren. Er sah aus wie ein schlecht gelaunter Soziologiestudent, der sich stundenlang vor dem Spiegel auf verwahrlost stylte. Auf der Tafel hinter der Bar las ich: Special Appearance 2 AM: dj différance (Paris). In diesem Moment bemerkte ich, dass die Tanzfläche doch nicht vollkommen leer war: Eine Person warf begeistert ihre Arme und Beine so weit von sich, dass sie allein den Raum füllte: Matilda.

Ich hatte sie noch nie so tanzen gesehen und erst recht nicht zu so einer Musik. Das war keine Musik, wie wir sie hörten. Nun begann dj différance auch noch, mit hoher Stimme französisch klingende Worte ins Mikrofon zu näseln – irgendetwas von amour. Dann schon lieber Simon, der U-Bahnfahrer! Natürlich müssen auch Clubs sich verändern. Ich war einmal auf einer Achtziger-Party in Berlin, wo nur Leute waren, die sich seit Ende der Achtziger nicht mehr für Popmusik interessierten und in den Neunzigern, als die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, auf CD noch mal all das gekauft hatten, was sie ohnehin schon auf Platte besaßen. Sie trugen Doc Marten’s, schwarze Levi’s 501 und diese nach unten enger werdenden Lederjacken mit diagonal verlaufenden Reißverschlüssen, in der irrigen Annahme, das seien Klassiker und nicht einfach Klamotten, die zufällig in ihrer Jugend modern gewesen waren. Aber so ein Club war das gógó nicht. Das gógó ging mit der Zeit, ohne dazu eine Tanzbremse aus Paris zu brauchen. Warum trat er nicht in irgendeiner Einrichtung in Berlin oder Hamburg auf, an einem dieser Orte, wo kein Platz zum Tanzen war und die Musik trotzdem zu laut, um sich zu unterhalten? Warum stand nicht die ganze Besucherschaft auf, um ihn vom Pult zu vertreiben? Ich beschloss, mit Matilda den Anfang zu machen. Dazu musste sie aufhören zu tanzen. Ich hielt sie fest und brüllte ihr ins Ohr:

»Wo ist der U-Bahnfahrer?«

»Der wollte gar nicht knutschen und trinken, der wollte nur mit mir in sein Hotel. Da hab ich gesagt: ›Meet them in the club, leave them in the club.‹ Der versucht’s jetzt im NASA.«

Wieder einmal hatte Matilda einer Sache von vornherein keine Chance gegeben. Auf einmal tat er mir leid. Simon, aus Manchester, der sich als U-Bahnfahrer ausgegeben hatte, um Matilda zu gefallen – auf der Skala der sexuell motivierten Verzweiflungstaten stand das sicherlich ganz weit oben.

»Vielleicht wäre er ja doch ganz nett gewesen.«

»Spinnst du?«

»Wirklich.«

»Das sagst du jetzt nur, weil ich nichts mehr von ihm will.«

»Ich möchte mich mit dir über diese grauenhafte Musik beschweren«, sagte ich.

»Was?«

»Grauenhafte Musik. Beschweren«, sagte ich erneut, doch der Franzose drehte immer lauter auf, sodass das schmerzhaft schrille Klingeln in meinem Ohr einem dumpfen Pulsieren wich. Ich schleuderte eine Bierflasche in Richtung DJ-Pult; er duckte sich. Die Flasche traf den Plattenarm, es gab ein kurzes, quietschendes Geräusch, dann war es still. Einige klatschten.

»Wir sollten uns beschweren«, sagte ich.

»Magst du die Musik nicht?«

»Ich habe gerade eine Bierflasche auf den DJ geworfen.«

»Oh, habe ich gar nicht bemerkt«, sagte Matilda und fing sofort wieder an zu tanzen, als die Musik von neuem einsetzte. Ich schob mich Richtung Ausgang und sah Milan. Milan, wie er lachte. Milan, wie er sagte, ›ich mach jetzt Schluss‹, was er am Ende von jedem Telefongespräch gesagt hatte. Dann stand ich vor der Tür in frisch gefallenem Schnee.

Ich traf Matilda später vor der Die Besten der Stadt-Hotdog-Bude am Hafen wieder, wo sie Schnee von den Autos fegte, was sie gerne tat, wenn sie betrunken war. Sogar der Parkplatz hing voll von elektrischen Kerzen und rot erleuchteten Weihnachtssternen. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihr auf dem Weg nach Hause von Milan zu erzählen. Immerhin wollten wir am nächsten Morgen zum Flughafen fahren, und es war eigentlich eine gute Nachricht, dass wir nun ausschlafen konnten – der perfekte Anlass für mein überfälliges Geständnis.

DIE ANKUNFT, DIE WAHRHEIT, DER ABEND, DIE NACHT

Wir fuhren erst durch die Trabantenstädte, dann weiter geradeaus auf der in das Lavagestein gesprengten Nationalstraße zweiter Ordnung. Die Laternen legten ein milchig orangefarbenes Licht auf die Straße und einen schmalen Streifen des Gesteins, jenseits davon lag unbewohnte Dunkelheit. Es war halb zehn Uhr morgens.

›Er kommt nicht, er kommt nicht, er kommt nicht‹, musste ich mir sagen, denn wieder und wieder kam ein Rest Vorfreude in mir hoch, ließ mich schneller fahren, und ich dachte oder hoffte zumindest, dass nicht nur Milans Flugzeug in einer Viertelstunde käme, sondern auch er.

Natürlich hatte ich Matilda nichts gesagt. Ich hätte an diesem Morgen einfach weitergeschlafen, aber Matilda weckte mich pünktlich. Sie sagte, ich sei in der Nacht zuvor im Taxi eingeschlafen, ich wusste nicht einmal mehr, dass wir in einem Taxi gewesen waren. Aus irgendeinem Grunde hatten wir bei mir geschlafen und unternahmen diese zwecklose Fahrt in meinem Auto. Matilda hatte eine gelbe Rose gekauft. Gelb war Milans Lieblingsfarbe. Ich hatte eine Plastikflasche mit ebenfalls gelber Appelsín-Limonade an einer Tankstelle gekauft. Die Flasche war schon fast leer, nachdem ich meine Halsschmerztabletten heruntergespült hatte. Ich hatte herausgefunden, dass sie auch gegen Kopfschmerzen halfen, wenn man mindestens drei auf einmal nahm. Langsam wirkten die Tabletten, und die nach Beton schmeckende Limonade überdeckte den Holzgeschmack des selbst gebrannten Gins. Ich fuhr einen Mazda 323, der fünfzehn Jahre alt war, doch den Spoiler und die Aufschrift GTI auf der Kofferraumklappe immer noch mit Würde trug. Ich hatte ihn von einem Rocker mit schütterer blonder Mähne gekauft, dem die Polizei den Führerschein entzogen hatte. Ganze Winter konnte ich ihn hier stehen lassen, und er sprang immer wieder an, obwohl der Tacho schon vor zwei Jahren beim Stand von 205.323 Kilometern den Geist aufgegeben hatte. Dass ein Mazda mit einem so guten Motor keine einfache Persönlichkeit haben konnte, war klar. Da war zum Beispiel die Zentralverriegelung, die alle Türen automatisch öffnete, aber keine wieder verschloss. Der Regen fiel jetzt kreuz und quer. Mitten in der unendlichen Dunkelheit zeichnete plötzlich ein Schild mit roten Neonröhren das Wort Motel in die Einöde wie eine Botschaft von David Lynch. Dann kamen zwei Tankstellen, die amerikanische Kaserne, die First Baptist Church und die Stadt Keflavík, die als Liverpool Islands galt, weil sie viele Rockbands hervorgebracht hatte. There’s a plane at JFK, to fly you back from far away, all those dark and frantic transatlantic miles, sang Neil Tennant. Als wir auf den Parkplatz vor dem Ankunftsgebäude fuhren, trommelte der vom Wind getriebene Regen unregelmäßig auf mein Autodach. Matilda hatte mir in ihrem Auto erzählt, dass sie Svend verlassen hatte. Nun musste ich ihr in meinem Auto erzählen, dass Milan mich verlassen hatte. Doch Matilda war bereits ausgestiegen.

Ich beugte mich nach hinten, um die abgegriffenen schwarzen Knöpfe an den hinteren Türen herunterzudrücken. Dann stieg auch ich aus. Ich hatte mich, schief gegen den Wind gelehnt, schon auf den Weg zum Ankunftsgebäude gemacht, da rief Matilda mir hinterher:

»Hey! Wollen wir keine Gepäckkarre nehmen?«

»Ja doch, klar«, sagte ich und holte einen Gepäckwagen, an dem vorne ein Plastikschild mit der Aufschrift Willkommen zu Hause wünscht VISA hing, das sich im immer gleichen Abstand vor mir her bewegte, obwohl ich Schritt für Schritt darauf zuging. »Willkommen zu Hause«, hatte der isländische Zollbeamte gestern zu mir gesagt, nachdem er in meinen Pass gesehen hatte. Dann hatte er genickt, wie um meine Zweifel zu zerstreuen. Die Stewardess hatte das auch schon gesagt: »Willkommen zu Hause«, und dann hatte ich genau so einen Gepäckwagen bekommen.

Wir betraten die Ankunftshalle: Autovermietungen, eine Geldwechselstube, eine Touristeninformation – ein merkwürdiger Ort für die unausweichliche Wahrheit.

»Guck mal, er ist pünktlich! Trotz des Sturms«, sagte Matilda. Ihre Rose hielt sie nach oben. Ich kannte auf Island niemanden, der Blumen nach unten hielt wie es die Deutschen taten.

»Freust du dich nicht, Lárus?« Ich nahm ihren Arm. »Lárus? Ich habe nochmal darüber nachgedacht. Es tut mir leid, dass ich dir das nicht gleich gesagt habe. Mit Svend. Wo du dich doch so gefreut hast, auf Weihnachten mit uns. Ich wollte das nur … aus der Welt räumen. Bevor Milan kommt.«

Wir standen vor der großen holzverkleideten Automatiktür, die sich gelegentlich zur Seite schob und einen kurzen Blick auf die Zollbeamten erlaubte und auf die Fluggäste, die an den Bändern auf ihr Gepäck warteten. Dann glitt die Tür wieder zu, und es war, als müsste man Geld einwerfen, um einen erneuten Blick zu bekommen.

»Die ganze Welt, alles, ist poetry«, hatte meine Schwester Erla einmal in einer Regionalbahn zu mir gesagt und dazu auf eine halb volle Flasche Schokomilch gezeigt, in der zwei Zigarettenkippen verschiedener Marken schwommen. Sie rauchte. Ich war dafür noch zu jung, aber alt genug, dass sie mir auf die Nerven ging auf den fünfundvierzig Minuten zwischen Tornesch und Hamburg-Altona; mit ihrem Gerede über die Macht des Schicksals und dieser ewigen, elendigen Mentholzigarettenraucherei. Ich dachte nicht oft an Erla, doch in diesem Moment fiel sie mir ein, weil sie öfter E-Mails von ihren Buddhistenfreunden oder anderen vernetzten Positivdenkern an mich weiterleitete. Neulich machte mich eine solche E-Mail darauf aufmerksam, dass es dumm sei, sich Sorgen zu machen. Sorgen hätten zur Folge, dass es einem schlecht ginge, und in der Zukunft ginge es einem dann auch schlecht, weil man sich daran erinnern würde, wie schlecht es einem damals gegangen sei. Machte man sich hingegen keine Sorgen, könnte dies der beste Tag des ganzen Lebens sein und alle folgenden Tage auch, weil man sich dann an den Tag erinnere, an dem man sorglos gewesen sei. Das Leben sei gewissermaßen die Kunst, einen besten Tag an den nächsten zu reihen, weil der Mensch hauptsächlich aus Erinnerungen bestehe.

Vielleicht war es also doch eine gute Idee gewesen, dass ich mit aller Kraft versucht hatte, die letzte Zeit zu vergessen. Bei den beiden Freunden vor Milan hatte es immerhin funktioniert. Sofort nachdem sie mich verließen, zwang ich mich, an etwas anderes zu denken, sobald sie mir in den Kopf kamen. Auch Dinge, die ich in diesen Zusammen-Zeiten alleine erlebt hatte: Kinobesuche, Bücher, kleine Reisen – alles bekam einen Betonfuß und wurde versenkt. Ich behandelte meine Erinnerungen wie die Mafia ihre Mordopfer. Sogar die Filme, die ich in diesen Zeiten gemacht hatte, sah ich nie wieder an, weil sie mich daran erinnert hätten, wer damals so untrennbar zu mir gehörte. Dadurch hatte jede Liebe ganze Jahre meines Lebens rückwirkend kontaminiert. Was von meinem Leben übrig blieb, waren die Zeiten, in denen ich alleine war. Die Alleine-Zeiten, die Matilda-Zeiten.

Die Holztür zur Ankunftshalle schob sich erneut auf. Als Erstes kam eine nach geologischen Vorkenntnissen aussehende Reisegruppe hindurch: Ein knappes Dutzend älterer Frauen in knitterfreien Hosen, mit Bergstiefeln und Wanderstöcken, die erbarmungslose Fitness ausstrahlten. Ihnen folgten ähnlich gekleidete Männer, wobei es insgesamt weniger Männer waren als Frauen. Wer zu wem gehörte, ließ sich an den Farben der Allwetterjacken zuordnen. Ich stand neben einem Mann in einem Fleecepullover, der ein Schild mit der Aufschrift »Mr. Schulz for Lundi Tours« in den Händen hielt. Es gab viele solcher Männer mit Schildern: »Lucio Gregoretti, LTU Hotel-Transfer, Mrs. Minwhi Lee«. Nachdem alle diese Menschen erschienen waren, überlegte ich einen Moment, mir ein Schild mit der Aufschrift »Milan« zu schreiben.

»Vielleicht kauft er sich noch was, oben, zollfrei«, sagte ich.

Als nach Milans Flugzeug auch die Maschinen aus Oslo, Helsinki und London gelandet waren, wollte Matilda ihn ausrufen lassen, da spürte ich, wie sich die Wahrheit nicht mehr unterdrücken ließ. Ich hatte meine Wohnung verlassen, die Stadt und schließlich das Land. Hier war das Ende der Halbinsel Reykjanes. Weiter konnte ich nicht mehr fliehen. Ich konnte nicht mal ein Flugzeug nehmen, denn das hier war die Ankunftshalle.

»Wir können fahren.« Ein Nilpferd sprang auf mein Herz. Auf den Flügeln der Drehtür stand »Nicht anfassen«.

Draußen blieb ich an einem der Betonaschenbecher stehen. Irgendwo dort in der Dunkelheit, auf den weiten Lavafeldern, hatten die Amerikaner vor über dreißig Jahren ihre Mondautos ausprobiert.

»Er hat mich verlassen.«

»Wann?«

»Vorgestern.«

»Das erzählst du mir jetzt?«

»Es war nicht ganz eindeutig.«

»Inwiefern?«

»Er hat mir den Zweitschlüssel zu meiner Wohnung zurückgegeben.«

»Klingt ziemlich eindeutig.«

»Er hat nur gesagt, er macht Schluss. Er hat nicht gesagt, er macht Schluss mit mir.«

»Lárus … «

»Ich dachte, man soll die Dinge nicht unnötig dramatisieren.«

»Idiot!«

Matilda sprach deutlich lauter als sie musste, um den Lärm der Flugzeugturbinen zu übertönen.

»Ich habe dir nichts verheimlicht«, sagte ich.

»Du hast tagelang direkt vor meiner Nase den glücklich verliebten Helden gespielt …«

»… einen Tag.«

»… einen Tag den glücklich verliebten Helden gespielt.«

»Ich habe nichts gespielt. Ich habe mir nur vorgestellt, dass ich nicht alleine bin, sondern nur woanders«, sagte ich.

»Und mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Ein doppelt schlechtes Gewissen sogar: Erstens, weil ich mit Svend Schluss gemacht habe, und zweitens, weil ich dir nichts davon gesagt habe. Dabei warst du viel schlimmer! Ich war wenigstens ehrlich, sobald wir uns gesehen haben. Du hingegen schleppst mich in aller Herrgottsfrühe raus zu diesem sturmumtosten Arschloch von internationalem Flughafen … Du Idiot! Und ich erst! Ich kam mir vor wie das letzte Schwein, weil ich dich nicht sofort angerufen habe.«

»Okay, du bist nicht das letzte Schwein. Ich bin das letzte Schwein. Aber du bist das vorletzte Schwein!«

»Wie meinst du das?«

»Ich kann wenigstens nichts dafür. Milan hat mit mir Schluss gemacht.«

»Lárus«, sagte sie, mit einem Lächeln, das mich an Kindergärtnerinnen denken ließ, »das war doch klar.«

»Was kann ich dafür, dass er sich nicht damit abfinden konnte, dass es schön war?«

»Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Genau das hast du mir gestern vorgeworfen.«

»Wenigstens mache ich nicht auf einmal alles anders.«

»Was meinst du damit?«

»Suppen. Überhaupt. Warum muss immer alles anders sein. Ich dachte, wir sind doch jetzt … «

»Was?«

Ich schwieg.

»Erwachsen? Fertige Menschen?«, sagte Matilda und fragte dann: »Warum hat er dich verlassen?«

Auf dem Gehweg vor mir platt getretene graue Kaugummis.

Aus ihren Jackentaschen friemelte Matilda Papierreste und Zigarettensilberfolien, die sie in den Aschenbecher legte, die dann wegflogen. Wieder einmal hatte Matilda verlassen, und ich war verlassen worden. Diesmal waren wir sogar gleichzeitig Single geworden, ohne voneinander zu wissen. Als würden wir über die Entfernung miteinander kommunizieren, ähnlich verschränkten Quantenzuständen. Diskrete Zustände. Auf einmal hatte ich das Gefühl, Matilda sehr nahe zu sein. Vielleicht sahen wir auch deswegen zusammen hässlich auf Fotos aus, weil wir zwei verschiedene Liebeskonzepte verkörperten: Matilda war die Katze, der man hinterherlief. Ich war der Hund, der jemandem auf den Schoß springen und ihm das Gesicht ablecken wollte.

Ich nahm noch eine Halstablette. Die Plastikfolie um die gelbe Rose in Matildas Hand knisterte. Ich rieb mir die Augen. Matilda sah mich an, lächelte, und ich erschrak ein wenig, denn sie hob nur einen Mundwinkel. Ich kannte dieses halbe Lächeln: Sie sah mich an wie eine wahnsinnige Ingenieurin, die mich entworfen und nun eine neue Fernsteuerung für mich gebaut hatte, mit einem großen roten Knopf darauf, den sie begierig war auszuprobieren. Ein roter Knopf, der mir den Befehl gab, trinkend durch das Land zu ziehen und in einem Anfall von melancholischer Tobsucht die Siedlungen der Schafbauern zu verwüsten und über die Söhne der aufs Meer hinausgefahrenen Fischer herzufallen, wonach man mich ins Hochland verbannen und noch nach Generationen warnend von mir sprechen würde.

»Komm«, sagte sie und legte einen Arm um mich. »Wir fahren.«

Zurück in Reykjavík hielten wir bei dem staatlichen Alkoholladen neben IKEA, kauften finnischen Gin und dicken Moorbeerensaft. Dann wurde es fünfzehn Uhr und dunkel. Wir fuhren in meine Wohnung und erklärten den Nachmittag zum Abend.

»Und was machst du jetzt an Weihnachten?«, fragte Matilda.

Eine Frau, die mir einmal in Hamburg half, einen Film zu schneiden, hatte ich vor fünf Jahren mit einer ähnlichen Frage sehr aufgeregt. Es war Dezember, und ich fragte sie in einer Rauchpause, ob sie Weihnachten nach Hause fahre. Daraufhin war die Frau, die sechs oder sieben Jahre älter war als ich, so beleidigt, dass sie mich fast mit dem halbfertigen Film aus ihrem Studio geworfen hätte. Was ich denn denke, wo sie zu Hause sei, wenn nicht hier! Sie sei jedes Weihnachten bei sich zu Hause, wo auch immer sie sei, wenn Zuhause nicht sowieso ein Konstrukt sei, genau wie freier Wille und Geschlechter.

»Ich weiß nicht«, sagte ich.

Matilda legte Múms Album loksins erum við engin – endlich sind wir niemand auf, das schon ein Klassiker geworden war.

»Ich finde, das klingt wie die Weiterentwicklung der Musik, die wir als Kinder hörten«, sagte Matilda. Sie hatte Recht. Irgendwas in Múm ließ auch mich an die Zeit denken, als wir noch Musik hörten, von der man große Augen bekam. Bevor wir angefangen hatten, Musik zu hören, zu der man die Augen zusammenkniff und in dunklen Räumen umhersprang. Jetzt waren wir offensichtlich alt genug, um wieder Lust zu haben auf Musik, von der wir große Augen bekamen.

svefn/sund – schlaf/schwimmen

grasi vaxin göng – gras bewachsener tunnel

Es tat gut, Matilda anzusehen. Sie gab mir das Gefühl, dass ich mit ihr wirklich überall hingehen konnte, ohne Angst zu haben, dass sie schockiert oder verärgert wäre. Wir saßen das ganze grasi vaxin göng hinüber still da. Auf einmal kam mir das Lied sehr typisch für das moderne Island vor, das sowohl auf Tunnel als auch auf Grasbewuchs großen Wert legt.

við erum með landakort af píanóinu – wir haben eine landkarte vom klavier

»Apropos«, sagte Matilda, ohne dass jemand in den letzten Minuten etwas gesagt hätte. »Ich hab mir das ausgerechnet. Auf Island gibt es 140.000 Männer. Knapp 140.000 Männer. Von denen sind 20.000 zwischen 25 und 35. Von denen sind maximal 2.000 schwul, 10.000 verheiratet, 5.000 hässlich, 1.000 geisteskrank, weitere 1.000 leben im Ausland.«

ekki vera hrædd, þú ert bara með augun lokuð – habe keine angst, du hast nur die augen geschlossen

»Was ist mit Frikki?«, fragte ich. »Der ist schwul, geisteskrank und lebt im Ausland.«

»Ziehen wir den noch ab«, sagte Matilda. »Von den verbleibenden 999 wollen viele nichts von mir.«

»Ziehen wir zehn ab.«

»Danke.«

á bakvið tvær hæðir,,,, sundlaug – hinter zwei hügeln,,,, schwimmbad

»Ziehen wir 100 ab: 899. Davon lebt die Hälfte nicht in Reykjavík, bleiben 449,5. Da kann man bestimmt noch mal 200 von abziehen, die zwar nicht hässlich sind, aber zu denen ich mich nicht hingezogen fühle: Bleiben 249,5. 200 davon werde ich nie über den Weg laufen. Und wie viele von den verbleibenden 49,5 sind zu betrunken, um zu reden, wenn man sie denn mal trifft? Bleiben 9,5. Von denen sind zwei katholische Priester, einer in irgendeiner Sekte und sechs dauernd auf See. Bleibt ein halber Mann übrig.«

k/hálft óhljóð – k/halb lärm

Als wollte sie das Husarenrittartige ihrer Theorie unterstützen, führte sie ihr Glas mit einer so unkontrollierten Kreisbewegung zum Mund, dass der erste Schluck der neuen Mischung in ihr Haar schwappte.

nú snýr óttinn aftur – nun kommt die furcht zurück

»Was soll ich denn sagen«, sagte ich. »Gucken wir uns die 2.000 Männer zwischen 25 und 35 an. Von denen hatte die Hälfte noch nicht ihr Coming Out, weil sie in der konservativen Partei sind, verheiratet, katholische Priester oder Judotrainer.«

Bleiben 1.000. Von denen sind 500 ins Ausland gegangen.«

»501, mit Frikki«, bemerkte Matilda, und zurecht.

sundlaug í buskanum – schwimmbad in der ferne

ég finn ekki fyrir hendinni á mér, en það er allt í lagi, liggðu bara kyrr – ich spüre meine hand nicht mehr, aber das ist in ordnung, lieg einfach ganz ruhig

»Bleiben 499. Von denen wohnt die Hälfte nicht in Reykjavík: 249,5. Wenn du jetzt die Verliebten und die enttäuschten Wracks abziehst, kannst du das ruhig noch mal durch drei teilen, macht: 83. Von denen ist die Hälfte hässlich oder dumm. 41,5 – von denen wollen 20 nichts von mir, und weitere 20 sind Stewards, Piloten und Seemänner, daher nie da. Bleiben 1,5 Männer.«

loksins erum við engin – endlich sind wir niemand

»Das ist besser als bei mir«, sagte Matilda.

»Aber einer davon bin ich«, sagte ich.

sveitin milli sólkerfa – das land zwischen den sonnensystemen

Jetzt, wo der Gin alle war, fiel uns auf, dass die CD zu Ende war.

»Zusammen bekämen wir den perfekten Mann«, sagte Matilda.

»Lassen wir ihn nicht warten.«

Wieder, wie immer, der Laugavegur.

Da die Bürgersteige schon in der Nichtweihnachtszeit zu schmal für die vielen Einkaufswilligen waren, wurden die Weihnachtsbäume kurzerhand über den Schaufenstern an die Häuserwände genagelt, aus denen sie wie Geschwüre herauszuwachsen schienen. Da ich in Hamburg-Veddel wohnte und Fußgängerzonen sowie Supermärkte mied, war es mir gelungen, durch den November zu kommen, ohne daran erinnert zu werden, dass Weihnachten immer näher rückte. Den Beginn der Adventszeit hatte ich genauso verdrängt wie die Tatsache, dass ich dieses Weihnachten wohl ohne Milan feiern musste.

Die Bäume hier waren mit Lichterketten umwickelt und zitterten über den Köpfen der Menschen im Sturm wie erleuchtete Damoklesschwerter. Wenn sogar die sich bis Weihnachten hier halten konnten, konnte ich das erst recht. Mir war klar geworden, wo ich Weihnachten feiern würde: hier. Feiern! Feiern, und nicht an Milan denken. Milan, der seit drei Jahren mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen und der erste nach dem Aufwachen gewesen war. Ab jetzt würde ich so lange nicht mehr an ihn denken, bis ich ihn vergessen hatte.

Wenig später standen wir im kaffi gógó und erlebten einen dieser Abende. Maggi Frímannsson wartete auf seine kleine Freundin und überredete mich, Kaffeeschnäpse zu trinken, deren oberste Lage man anzünden musste. Er fand das weihnachtlich. In der anderen Ecke des Raums entdeckte ich eine Frau, die in ihrem hochgeschlossenen schwarzen Kleid an der ebenfalls schwarzen Wand fast verschwand, wäre nicht ihr blasser Kopf gewesen, der vor der Wand zu schweben schien. Es war die Schweizerin, die ich gestern um diese Zeit noch für eine Performancekünstlerin gehalten hatte. Auch sie sah mich und kam herüber. Schon auf dem Weg holte sie eine Art Werbepostkarte aus ihrer Tasche, die sie mir hinhielt, sobald wir uns begrüßt hatten. Darauf war ein Tortendiagramm, das eine Vierphasentheorie des Liebeskummers darstellte. Die vier Tortenstücke, aus denen sich der Liebeskummer zusammensetzte, hießen: Schmerz, Zorn, Reue und Vorbei. Darunter stand: »es ist keine schande schwach zu sein, es ist keine schande verletzt zu sein, es ist keine schande verlassen zu sein, es ist keine schande traurig zu sein, es ist keine schande wütend zu sein, es ist keine schande verwirrt zu sein, es ist keine schande kompliziert zu sein, es ist keine schande romantisch zu sein, es ist keine schande unproduktiv zu sein, es ist keine schande reich zu sein, es ist keine schande großzügig zu sein, es ist keine schande nett zu sein …« Ich drehte die Karte um: »Schreiben Sie uns. Wir verwahren Ihre Erinnerungen für Sie, sicher und diskret. Gesellschaft der Liebeskranken, Graue Gasse, Zürich.«

»Was soll ich damit?«

»Erinnerungen müssen weg. Es hilft. Ich weiß es«, sagte die Schweizerin.

»Ich bin nicht der Typ, der sich viel erinnert. Ich bin eher der Typ, der vergisst.«

»Man kann nicht vergessen, nur verdrängen«, sagte sie, doch ich erklärte ihr, dass ich es vergessen nannte und dass es bis jetzt immer geholfen hatte. Dann wieder Kaffeeschnäpse. Maggi Frímannssons Freundin kam nicht. Kaffeeschnäpse. Irgendwann wurde uns das Anzünden lästig, und wir stiegen auf Bier um.

Dann waren wir plötzlich woanders. In einer hellen, unpersönlichen Wohnung mit einer riesigen Küche aus Aluminium. Menschen küssten sich, Matilda saß auf einem weißen Sofa, ich umarmte eine große schlanke Vase und wiegte mich im Takt der Musik. Dann war da ein dünner, faltiger Mann in einem Anzug namens Hjálmar. Oder ein dünner Mann in einem faltigen Anzug namens Hilmar. Auf jeden Fall hatte er eine Cognacflasche, in deren Nähe ich mich länger aufhielt. Dann legte ich meine Wange an den Aluminiumkühlschrank. Ich hatte beschlossen, ein bisschen in dieser Aluminiumwelt zu ruhen, und schloss die Augen. So musste es wohl aussehen, das Nichts, im modernen Zuhause: Kühles Aluminium – das Nichts, vor dem ich stand, an das ich meine Wange lehnte, das Nichts, an dem ich langsam abwärts glitt.

TEIL ZWEI

ALBERNE STRAPAZEN

Mich weckte eine zuschlagende Tür. Das war, wenn man alleine wohnt, zumindest seltsam. Was noch viel merkwürdiger war: Ich konnte nichts sehen. Dies war nicht die urbane Halbdunkelheit vor meinem Fenster, voll vom Licht der Straßenlaternen. Ich hielt mir die Hand vor die geöffneten Augen, es wurde weder dunkler noch heller. Dies war vollkommene Dunkelheit, ein Nichts, allerdings ein ganz anderes Nichts als das verschwommene, aber immerhin erleuchtete Nichts, in dem der gestrige Abend geendet hatte. Für mich geendet hatte. Obwohl ich mich nicht erinnerte, was nach der Kühlschrank-Episode noch passiert war, glaubte ich nicht, über Nacht erblindet zu sein. Wenn ich hätte erblinden sollen, dann vorgestern von dem Selbstgebrannten aus der Garage von Dagurs Cousin, nicht gestern von dem Cognac des faltigen Hjálmar. Hilmar? Außerdem lag man als gerade Erblindeter nicht auf einer nach Keller riechenden Matratze auf dem Fußboden. Seit die Tür zugeschlagen war, war es still.

Ich machte mich auf die Suche nach einer Wand, wobei ich vor jedem Schritt den Boden mit dem Fuß vor mir abtastete. Wo waren überhaupt meine Socken? Leere Getränkedosen kamen ins Rollen. Nachdem ich mich einige Schritte vorangetastet hatte, hörte ich, wie eine der Dosen, der ich einen kräftigeren Schubs gegeben hatte, gegen irgendetwas prallte. Ich drehte mich in die Richtung, aus der das Geräusch kam, tastete und zuckte abrupt zurück. Ich war in etwas Weiches getreten. Eine kalte Masse klebte an meinem Fuß und quoll mit niveahafter Geschmeidigkeit zwischen meinen Zehen hervor. Durch das Zurückzucken verlor ich das Gleichgewicht, schwankte und musste einen Ausfallschritt in unbekanntes schwarzes Gebiet tun, trat auf festen Grund, schwankte aber ein zweites Mal, diesmal so sehr, dass ich fiel, meine Hände schicksalsergeben nach vorn streckte und eine Wand zu fassen bekam. Als müsste ich nach dem gestrigen Abend wieder laufen lernen, schlich ich an der Wand entlang. Möbel schien es in diesem Zimmer nicht zu geben, zumindest nicht an den Wänden. Ich hatte das Gefühl, schon einmal im Kreis herum gelaufen zu sein, als ich plötzlich auf der rauen, unverputzten Oberfläche der Wand etwas Glattes, ein wenig Kälteres spürte. Dann war überall Licht.

Langsam wieder sehen lernen. Ich befand mich in einem fensterlosen Raum. Die Matratze, auf der ich in einem pinkfarbenen Schlafsack geschlafen hatte, lag in der Mitte des Raumes; links von ihr stand eine alte Überseekiste ohne Deckel, voll mit zerbeulten Heineken- und Becksdosen und Kartons eines Pizzabringdienstes, der sich noch nicht einmal in der Nähe meiner Wohnung befand. An der gegenüber liegenden Wand des Zimmers entdeckte ich die Umrisse eines zugemauerten Fensters und unweit davon eine Tür. Die weiche Masse, in die ich getreten war, erwies sich als Rest einer Lasagne. Wo auch immer ich sein mochte, es konnte nicht schlecht sein, zumindest zu versuchen, sich daran zu erinnern, wie der gestrige Abend geendet hatte: Der faltige Hjálmar mit der Cognacflasche, Matilda auf dem weißen Sofa, der Tanz mit der Vase, die kalte Aluminiumwelt … Hjálmar Cognacflasche, Matilda Sofa, Tanz Vase, Aluminiumwelt … Immer schneller reihte ich diese Erinnerungsreste aneinander und hoffte, mein Gedächtnis bekäme dadurch genug Schwung, um die Mauer zu überspringen, hinter der die anschließenden Vorkommnisse lagen. Vereinzelt kam etwas: Ich biss in ein hart gekochtes Ei; eine Frau sagte »Stell das bitte wieder hin«; Milans Gesicht. Ich beschloss, das Zimmer zu verlassen.

Ich trat auf einen Flur hinaus und spürte nackte Holzdielen unter meinen Füßen, die knarrten. Nach einigen Schritten ging ich nach links durch eine offen stehende Tür in ein Zimmer, in dem ein grünes, ein rotes und ein braunes Sofa standen. Am anderen Ende des Zimmers war ein großes Fenster. Dahinter war nichts als das fischgraue Meer, die wolkengrauen Wolken und die Gullfoss, der Stolz der Reederei Eimskip, auf dem Weg in den Hafen. Kein Haus, kein Stück Land war durch das Fenster zu sehen, so dass ich mich instinktiv festhielt und mir ein bisschen übel wurde. Da brach in meinem Rücken ein Klingeln los, so infernalisch wie die schlimmsten Passagen in der Musik von dj différance. Ich riss die Schultern bis fast zu den Ohren hoch und fuhr herum. Direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Flurs, lag hinter einer halb geöffneten Tür eine Küche. Das Schrillen kam von einer Eieruhr. Ich ließ die Schultern sinken. Dann huschte eine dünne Gestalt über den Flur, auf meiner noch trägen Netzhaut kaum mehr als ein Blitz, ein rosa Blitz. Ich bemühte mich, nicht erneut in die Lasagnespur zu treten, die ich aus dem Zimmer hierher gelegt hatte, und ging in die Küche.

»Aha«, sagte Dagur, während er sein Ei aus dem Topf nahm. Er trug eine hellblaue Hose und ein rosafarbenes T-Shirt. Er stand auf, füllte eine Eiswürfelform mit Wasser und stellte sie ins Gefrierfach.

»Morgen demonstrieren wir vor dem Parlament«, sagte er dann.

»Wofür?«, sagte ich.

»Gegen China«, sagte er. »Daher die Eiswürfel. Schmelzen einfach weg. Keine Fingerabdrücke, keine Ballistik. Im Sommer habe ich damit einem Polizisten ein Loch in den Kopf geschossen, und sie können mir bis heute nichts nachweisen.«

»Du schießt wegen China einem isländischen Polizisten ein Loch in den Kopf?«

»Nur ein kleines.«

Ich pulte an einem Wachsfleck auf der Tischplatte herum und wartete darauf, dass Dagur etwas tat, was mir Aufschluss über die letzte Nacht geben konnte. Er jedoch kochte eine Kanne Kaffee, schenkte sich ein und stellte die Kanne dann für mich unerreichbar links von sich auf den Tisch. Dagur schien nicht nur ein schüchterner Mensch, sondern auch ein unhöflicher Mensch zu sein. Ich hatte nicht nur ein Problem mit schüchternen, sondern auch mit unhöflichen Menschen. Ich überlegte, ob ich ihn trotzdem fragen sollte, wie ich hierher gekommen war, da fragte er mich:

»Wie bist du eigentlich hierher gekommen?«, und schlug sein Ei auf. Ich beantwortete seine Frage mit einem Achselzucken, starrte fordernd auf die Kaffeekanne und zündete mir aus Trotz noch nicht einmal eine Zigarette an.

»Hallo. Wach?« Es war Matilda. Sie setzte sich an den Küchentisch, der aus unbehandeltem Holz und voller Flecke war. Ebenso wie das Wohnzimmerfenster war der Tisch riesig. Niemand, der alleine wohnte, würde sich so einen Tisch in die Küche stellen, geschweige denn zwei Packungen Krabbenschmelzkäse darauf, eine Zweiliter-Kaffeekanne und eine Kerze in einer alten, wachsüberlaufenen Weinflasche.

»Wo sind wir hier?«

»Ich konnte dich doch schlecht bei Maggi in der Küche liegen lassen«, sagte Matilda.

»Warum sind wir nicht zu dir gegangen wie sonst immer?«

Matilda machte eine Bewegung, als wollte sie sich in ihrer Daunenjacke verkriechen, obwohl sie nur ein T-Shirt anhatte. Ich hatte sie noch nie in einem so bunten T-Shirt gesehen. Erst schien sie sich die Antwort besonders gut überlegen zu wollen, entschied dann jedoch, dass es ohnehin keinen Zweck hatte, und sagte:

»Wir sind hier bei mir.«

Ich sah mich um.

Die Küche war in einem Siebzigerjahre-Rotbraun gehalten, das durch die Neonbeleuchtung etwas Steriles und gleichzeitig Schmutziges bekam. Der Tisch ließ mich an Sonntage denken, an denen ich mit Milan bei seinen Kommilitonen zum Frühstück war. Matilda konnte unmöglich mit so einem Tisch zusammen wohnen. An solchen Tischen saßen Psychologie- und Kunststudenten, die sich noch bei WG-Frühstücken ihr Selbstbewusstsein errauchen mussten. Matilda hatte sich eine Zigarette angesteckt.

»Ich wohne jetzt hier.«

»Du wohnst in einem Hochhaus«, sagte ich.

»Nicht mehr«, sagte sie.

»Du hasst Altbau. Und Möbel hasst du auch.«

»Lárus. Ich wohne jetzt hier.«

Ich verstand es nicht. Verstand nicht, dass wir es achtzehn Jahre geschafft hatten, über eine Entfernung von dreitausend Kilometern Freunde zu bleiben, und uns jetzt, wo Telefon und Flüge billig waren und jeder zweimal täglich nach seinen E-Mails guckte, zum ersten Mal fremd waren.

»Es ist schön hier. Du wirst schon sehen, wenn du die anderen kennen lernst.«

»Die anderen?«

»Ich bin in eine Wohngemeinschaft gezogen.«

Matilda war in einen Altbau gezogen, der nicht nur mit Möbeln voll stand, sondern auch mit anderen Menschen.

»Heißt das, dass der jetzt auch hier wohnt?«

Dagur sah nicht von seinem Ei auf und sagte: »Ja.«

»Dagur und die anderen eben.«

Auch Matilda kam nicht darauf, mir Kaffee anzubieten. Wären wir bei ihr zu Hause gewesen, hätte ich mir einfach eine Tasse genommen. Hier kam das nicht in Frage. Hier wohnten irgendwelche Leute, deren Kaffee mir gestohlen bleiben konnte. Noch jemand erschien in der Tür und murmelte so etwas wie guten Morgen. Er setzte sich und legte eine aufwendig verzierte gebundene Ausgabe mit sämtlichen Schachpartien Bobby Fischers vor sich auf den Tisch. Das Schachbuch war dicker als sein Oberarm. Er sah erst mich an, dann Matilda, dann Dagur und fragte:

»Wer von den beiden hat dich mitgebracht?«

»Keiner«, sagte ich.

»Ich«, sagte Matilda. »Lárus, das ist Smári. Smári, Lárus.«

»Der Tierfilmer«, sagte er.

»Ja«, sagte Matilda.

»Nein!«, sagte ich.

Smári gab mir die Hand. Ohne es gewollt zu haben, erhob ich mich in einer angedeuteten Höflichkeitsgeste von meinem Stuhl. Smári schien noch leicht betrunken zu sein, sah mich an und gleichzeitig an mir vorbei, als sähe er mich einmal dort, wo ich war, und dann noch mal ein paar Zentimeter links neben mir. Er fuhr sich durch die Haare, die genau dort blieben, wo er die Finger rausnahm, ging zum Kühlschrank und holte eine Flasche Malzbier heraus. Auf seinem T-Shirt waren gelb-rote Flecken.

»Hotdog?«, fragte ich.

»Ja. Hm«, sagte er. »Kaffee?«

Ich musste mich sehr bemühen, meine Freude zu verhehlen. Ich beschloss, dass Smári zwar aussah wie jemand, der im Moment fürchterlich aussah, aber eigentlich ganz gut. Er setzte sich neben Dagur und fing an, in seiner Bobby-Fischer-Schmuckausgabe zu lesen. Matilda zündete die Kerze an, die in der Weinflasche steckte, was in dem Neonlicht denselben Effekt hatte, als hätte man in einer Zahnarztpraxis eine Kerze angezündet. Dagur rauchte. Smári strich mit den Fingerkuppen auf einem Diagramm in seinem Schachbuch herum und schüttete sich erst Cornflakes, dann Blaubeer-Súrmjólk in eine Schüssel, ohne hinzusehen. Ein Poltern auf der Treppe kündigte die Ankunft eines weiteren Mitbewohners an: eine zierliche Frau mit kurzen Haaren, die mit einem Nachthemd und Bergstiefeln bekleidet war. Sie zog die Nase hoch und griff nach der Kaffeekanne.

»Ja, also, das ist Lárus. Jaroslawa. Und Dagur. Jaroslawa«, sagte Matilda, und ich merkte ihrer Stimme an, dass sie sich vor meiner Reaktion fürchtete. »Dagur ist gestern hier eingezogen, und Lárus ist …«

»Ich habe eine Nacht hier geschlafen, und das noch nicht mal freiwillig«, sagte ich. Jaroslawa gab mir unbeeindruckt die Hand. Sie roch nach der Seife, die es umsonst in den Schwimmbädern gab. Dann setzte sie sich, zog erneut die Nase hoch, legte ein knappes Dutzend Roggenbrotschnitten wie Spielkarten vor sich aus und beschmierte sie mit Krabbenschmelzkäse.

»Jaroslawa ist Geologin.«

»Vulkanologin«, sagte sie.

»Aus der Slowakei.«

»Gibt es in der Slowakei Vulkane?«, fragte ich.

»Nein.«

»Deswegen ist sie hier«, sagte Smári, ohne aufzusehen, während Jaroslawa Salatblätter und Gurkenscheiben auf den Krabbenschmelzkäse patschte, als wolle sie das frische Gemüse für etwas bestrafen.

»Bin spät, wir gehen auf eine Exkursion.«

»Oh, spannend, wohin?« Ich konnte nicht glauben, dass Matilda ›spannend‹ gesagt hatte.

»In die tiefste Depression Islands«, sagte sie ohne die Spur eines Lächelns auf den Lippen. Dann stopfte sie die Brote in eine löchrige Supermarkttüte und verschwand.

»Smári hat zwei Kinder, die am Wochenende zu Besuch kommen«, sagte Matilda.

»Manchmal bleiben sie auch die Woche über hier, wenn ihre Mutter vergisst, sie abzuholen«, sagte Smári.

Inzwischen hatte Dagur begonnen, an der Kerze herumzufummeln. Mir fiel die Theorie ein, dass alle, die an Kerzen fummelten, ein gestörtes Sexualleben hatten. Aber erstens, wer hatte das nicht, und zweitens war das ein blödes Totschlagargument, das niemand widerlegen konnte. Genau wie »Ich habe dich nie geliebt«. Milan. Irgendwo in meinem Magen tat etwas weh.

Die Sturmböen, die den Dachstuhl knacken ließen, wurden häufiger. Matilda sah erst mich an und dann in die Runde, stolz wie eine Mutter. Sie genoss die Gesellschaft dieser beiden Männer, von denen der eine gerade von der Kerze abließ, um einen Schluck Kaffee zu trinken, der andere sich zu seinem Malzbier durch die erste Zigarette des Tages hustete und Schachpartien las, während die dritte Mitbewohnerin sich darauf vorbereitete, missvergnügt durch Schnee und Eisregen zu laufen.

»Ich mache erst mal Frühstück«, sagte Matilda. Ich zuckte zusammen. Frühstück. Dieser Ton. Frühstück. Genauso gut hätte sie sagen können: »Und wenn ich jetzt noch die Räucherstäbchen anzünde, wird’s so richtig gemütlich.« Schon halb auf dem Weg zum Kühlschrank, blieb Matilda plötzlich stehen und sagte sehr laut zu mir:

»Was? Was! Was guckst du so? Menschen sind gesellige Wesen, Lárus. Wie Wale. Wie Gänse! In Europa piepen sogar die Geldautomaten. Weil da immer mehrere zusammen stehen. Die piepen einfach so, aus Kontaktbedürfnis. Hier, wo die Geldautomaten einsam in Supermärkten oder auf der Straße stehen, piepen sie nicht. Ich will Menschen um mich herum, auch wenn sie die Küche dreckig machen, das Bad blockieren oder rätselhafte One-Night-Stands mitbringen. Der Mensch ist gesellig. Von Natur aus.«

»Du hast dich nie für Natur interessiert.«

»Dies ist ein restaurierter Bauernhof«, fuhr Matilda fort. »Ich wollte immer in einem restaurierten Bauernhof wohnen. Schon als Kind, doch in der Familie hat mir das nie jemand geglaubt.«

»Ich habe das auch nicht geglaubt.«

»Weil du auch nicht sehen willst, wie ich wirklich bin. Weil du nur eine Seite von mir kennst. Und magst. Die, die zu dir passt. Der Rest meiner Persönlichkeit findet für dich gar nicht statt. Der Teil, der die Natur mag. Den Bauernhof. Die Gemeinschaft.«

»Jeder muss lernen, allein sein zu können, je eher desto besser. Da muss ich nicht mit einer Vulkanologin zusammen wohnen und zwei Typen, von denen der eine Schachbücher liest und nicht redet, und der andere einfach so nicht redet.«

»Das sind nette Leute.«

»Nett ist die kleine Schwester von Scheiße.« Ich bereute, diesen Satz gesagt zu haben, denn er ließ mich sofort an Milan denken. Es war sein Satz. Dagur und Smári saßen da wie zuvor.

»Halt doch den Mund, du Single!«

»Was hast du gesagt?«

»Hast du genau gehört.«

»Wenn hier einer ein Single ist, dann du.«

»Aber aus freien Stücken. Weil ich Entscheidungen treffe, während du von ihnen überrumpelt wirst, du Opfer!«

»Was denn nun, Single oder Opfer?«

»Single-Opfer!«

»Schlussmacherin!«, rief ich Matilda noch zu, als ich schon aufgestanden war und die Küche verließ, bevor sie Gelegenheit hatte, etwas zu erwidern. Ich ging die Treppe hinunter, suchte meine Schuhe und wollte gerade die Haustür öffnen, da hielt Matilda mich am Arm fest.

»Komm, ich zeig dir mein Zimmer.«

Matilda bot mir einen Platz auf ihrem Bett an.

»Das war also Maggis Aluminiumküche«, sagte ich.

»Du hast getanzt. Mit einem Typen, der war bestimmt fünfzig und hatte eine Cognacflasche.«

»Wer war das?«

»Keine Ahnung. Hätte auch eine dünne Frau sein können.« Ich erinnerte mich weiterhin nur an eine Vase, eine kalte, schlanke, androgyne Vase.

»Und dann?«

»Dann bist du eingeschlafen. Du sahst schön aus. Friedlich.«

Heute war der erste Advent. Wie gerne hätte ich diesen Tag auf der Fensterbank in Matildas Wohnung am Laugar-Tal verbracht. Um mich herum standen ihr Schreibtisch, ihr Bett, ihre Stereoanlage, die Bücher und CDs aus der Dreizimmerwohnung. Mir war, als könnte ich alle ihre Möbelstücke vom Bett aus berühren. Ich fand es grausam von ihr, die Sachen so zusammenzupferchen; es machte mich traurig wie Massentierhaltung oder Aquarien.

»Jetzt bist du wieder dran mit dem schlechten Gewissen«, sagte ich.

»Was?«

»Am Flughafen hast du mir ein schlechtes Gewissen gemacht, weil ich dir wegen Svend ein schlechtes Gewissen gemacht und dir nichts von Milan erzählt habe. Dabei müsstest du das schlechte Gewissen haben. Du hast mir nichts von deinem Umzug erzählt und mir trotzdem ein schlechtes Gewissen gemacht, weil ich dir trotz Milan ein schlechtes Gewissen gemacht habe, wegen der Sache mit Svend.«

»Ich muss dich nicht um Erlaubnis fragen, wenn ich umziehe. Ist doch normal.«

»Eben deswegen gibt es keinen Grund, es seinen Freunden zu verschweigen. Außer… wenn es eben nicht in Ordnung ist.«

»Wie meinst du das?«

»Wir haben uns versprochen, dass wir entweder alleine wohnen bleiben oder zusammenziehen.«

»Nein. Wir haben uns versprochen, dass wir zusammenziehen, sobald einer von uns es will. Das verbietet mir nicht, vorher in eine Wohngemeinschaft zu ziehen. Wenn du mit mir zusammenziehen willst, ziehe ich eben wieder aus.«

Mir fiel unser Gespräch ein, am Abend meiner Ankunft.

»Da. Schon wieder der gleiche entsetzte Gesichtsausdruck wie vor zwei Tagen, als ich bei dir überlegt habe, ob Alleinewohnen vielleicht doch nicht so gut ist«, sagte Matilda.

»Wenn du willst, ziehen wir eben zusammen. Versprochen ist versprochen.«

»Ich will es aber nicht, weil es versprochen ist, sondern nur, wenn du es auch willst.«

Ich vermisste meine Halstabletten.

»Ich finde nicht, dass wir das machen sollten. Wir sind erwachsen.«

»Erwachsen. Pff. Wie oft dachte ich schon, ich bin erwachsen, und dann gucke ich später zurück und denke: denkste!«

»Aber im Moment fühlt es sich so an, als seien wir erwachsen«, sagte ich.

»Erwachsen sein heißt, mit anderen zusammen wohnen.«

»Nein. Erwachsen sein, heißt alleine wohnen.«

»Lárus, unsere Freunde kriegen Kinder! Einige schon seit Jahren. Das Zusammenwohnen bewahrt sie davor, vollkommen neurotisch zu werden.«

»Dass wir keine Kinder haben, bewahrt uns davor, unsere Neurosen zu vererben.«

»Und lässt uns zum Dank dafür so merkwürdig werden, dass wir uns irgendwann gar nicht mehr auf andere Leute einlassen können. Ich meine das ernst. So war es bei Svend. Er kam mir immer näher … Er hat mich gefragt, ob ich mit ihm zusammenziehen will, da habe ich Schluss gemacht.«

»Das war der Grund?«

»Ja.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wir sollten es versuchen«, sagte Matilda.

»Ich wäre dir nur ein Klotz am Bein.«

»Dann sei mir ein Klotz am Bein, Lárus. Zieh doch erst mal hier mit ein.«

»Ich gehe nach Hause.«

»Wo sollen denn solche Leute wie wir lernen, sich auf andere Menschen einzulassen, wenn nicht gemeinsam?«

»Gemeinsam einsam, was?«

»Vergiss es, du Arschloch! Wie du schon dein halbes Leben vergessen hast! Wie du alles verdrängst, was dir nicht in den Kram passt. Verdränge, dass du von Trennung zu Trennung merkwürdiger wirst. Einsamer! Und dass wir Freunde gewesen sind, das verdrängst du am besten gleich auch!«

Ich schlug die Zimmertür hinter mir zu.

Draußen Regen. Meine ganze Lieblingshälfte des Planeten schien in Kälte, Regen und Dunkelheit versunken zu sein. Warum sollte man da nicht alleine wohnen? Wenn man sich einsam fühlte, konnte man immer einen Kaffee trinken gehen. Ich überquerte den Parkplatz, auf dem Matildas Saab stand, ein neuer japanischer Jeep und ein alter Land Rover. Die Straße lag in der östlichen Weststadt. Ich drehte mich nur einmal nach dem Haus um, das mit silbergrauem Wellblech verkleidet war und aussah wie eine in Würfelform gepresste Pfirsichdose mit Spitzdach. Eine Steintreppe führte zur Haustür hinauf, die vor vielen Jahren einmal weiß gestrichen worden war. Auch die grüne Farbe an den Fenstern war fast überall abgeplatzt. Nie wieder würde ich es betreten. Ich ging nach Hause. Über meinen Kopf hinweg donnerte ein Flugzeug. Was wollten nur auf einmal alle mit diesem Verdrängen?

Ich hätte mir gern ein Video ausgeliehen und überlegte, es bei einer anderen Videothek zu versuchen als gestern, beschloss dann aber, keine neue Demütigung zu riskieren. Morgen sollte ich wirklich zum Einwohnermeldeamt gehen und das ganze richtigstellen. Für einen kurzen Moment dachte ich an Dagurs Familie und was ich denen getan haben könnte, dann ärgerte ich mich über mich selbst.

Zwanzig Minuten später stand ich in meinem kühlen, stillen Treppenhaus und sah der Tür zu, wie sie langsam ins Schloss fiel. Ich war zu Hause. Als ich vor meiner Wohnungstür im dritten Stock stand und den Schlüssel rausholen wollte, sagte jemand hinter mir mit französischem Akzent:

»Again.« Es war der französische DJ, auf den ich am Vorabend die Bierflasche geworfen hatte. Er saß auf der Treppe, die zum nächsten Stockwerk hinaufführte. Er erhob sich und kam auf mich zu. Er bewegte sich langsam, mühsam fast, sein Brustkorb hob und senkte sich, als habe er einen Marathon gelaufen.

»What?«, fragte ich. Er kam näher. Er zitterte vor Aufregung oder Kälte, wollte etwas sagen, doch er öffnete nur den Mund und sagte nichts.

»What’s the matter?«, sagte ich. Er kam noch einen Schritt näher. Er war ungefähr so groß wie ich und antwortete:

»What?« Entweder, er sprach kein Englisch, wollte mir nicht sagen, was er wollte, oder er wusste es selber nicht. In allen drei Fällen hatte ich keine Lust, weiter mit ihm hier zu stehen. »What?«, wiederholte er und machte noch einen Schritt auf mich zu: »What? What? Matilda. My musique. And you say: What?«

Ich wäre einfach reingegangen und hätte ihm die Tür vor der Nase zugeknallt. Aber die Vorahnung, die mich auf der Treppe beschlich, als ich erst in meine linke, dann in meine rechte Hosentasche fasste, bestätigte sich, nachdem ich auch meine Jackentaschen erfolglos abgetastet hatte: Der Schlüssel war verschwunden. Ich überlegte noch, wie ich hier wegkommen konnte, ohne dass es nach Flucht aussah, da schlug der französische Discjockey mir aufs Auge. Dazu fiel mir überhaupt nichts ein. Ich sah ihn einfach an. Er stand vor mir. Ich sah ihn so lange an, bis mir auffiel, dass er zusammengewachsene Augenbrauen hatte. Es tat nicht weh. Ich dachte darüber nach, ob es morgen vielleicht sehr, sehr weh tun würde und ich besser gleich zum 10-11-Supermarkt gehen sollte, um Eis zu kaufen. Dann drehte ich mich um und ging schon die Treppe hinunter, als ich es hinter mir krachen hörte. Einmal, noch einmal. Als ich mich umdrehte, warf Raphael sich ein drittes Mal gegen meine Tür, die daraufhin in meine Wohnung fiel. Er ging hinein.

Ich lief hinterher, packte ihn und stolperte dabei über meine Wohnungstür. dj différance ging mit mir zu Boden. Ich konnte mich im Fallen so drehen, dass er zuerst fiel und ich auf ihn, wodurch ich schneller wieder auf die Beine kam und in mein Wohnzimmer rannte. Zum Glück ließ ich immer das Licht brennen, sodass ich genau sehen konnte, was er tat. Er kam hinterher. Er hatte ein Messer.

Ich riss meinen Deckenfluter aus der Steckdose, was keine gute Idee war, da es jetzt auch noch dunkel wurde. Der Deckenfluter war schwerer als ich dachte, besonders der Fuß, der den hinteren Teil nach unten wegsacken ließ, wodurch das vordere Ende unkontrolliert wippte. Ich hörte ihn langsam, fast schleppend durch meine Wohnung gehen und hoffte, dass er sich beim Aufbrechen der Tür zumindest das Schlüsselbein gebrochen hatte. Er schien erst ins Schlafzimmer zu gehen, dann kurz in die Küche, als ob er jemanden suchen würde. Ich bewegte mich nicht und wartete. Als er an einem der Fenster im Wohnzimmer vorbeihumpelte und ich seine Umrisse im Licht der Straßenbeleuchtung ausmachen konnte, rammte ich ihm meinen Deckenfluter in den Magen. Ich erwartete, dass er hinfallen oder zumindest stolpern würde, doch er wich nur zurück und stieß mit seinem Messer einige Male ins Leere. Ich griff erneut an, versuchte den Solarplexus zu treffen. Wieder wich er zurück. Ich zog mich in die dunkelste Ecke des Zimmers zurück und setzte zum dritten Stoß an, fest entschlossen, ihn damit zu Fall zu bringen. Diesmal sprang er im letzten Moment zur Seite, sodass ich den Deckenfluter gegen die Wand stieß und mir dessen Ständer in den Magen schlug. Ich sah leuchtende Flecken, bis mich ein plötzliches Brennen an meinem linken Arm zurück ins Jetzt holte. Zurück in die dunkle Ecke. Er kam auf mich zu. Ich hielt den Deckenfluter fest. Die große Schale, in der die Glühbirnen steckten, war abgefallen. Ich stieß erneut zu, mitten in das Weiche zwischen Brustkorb und Becken. Er stöhnte. Noch mal. Dann hörte ich, wie er aus der Wohnung ins dunkle Treppenhaus polterte. Ich schlich zum Eingang meiner Wohnung, als im Treppenhaus das Licht anging. Seine schweißüberströmte Gestalt. Das Messer in einer kraftlos herabhängenden Hand. Mit der anderen Hand hatte er sich durch Zufall am Schalter für die Treppenhausbeleuchtung abgestützt. Ich sah seine grauen Augen, die so unbeteiligt wirkten, als ließe er vor dem Fernseher eine Werbepause über sich ergehen.

Er im hellen Treppenhaus, ich in meiner dunklen Wohnung. Er mit seinem Messer, das ein Springmesser mit einem grünmetallicfarbenen Griff war, ich mit meinem Deckenfluter, dessen Vorderende spitz sein musste, seit die Schale abgebrochen war. Ich sah, wie er in die Dunkelheit starrte und die Lichtreflexe in meinen Pupillen beobachtete, während ich merkte, wie sich sein Atem langsam beruhigte. Das Licht ging aus. Ich stieß instinktiv nach vorn. Nichts passierte. Es blieb still. Sein humpelnder Schritt auf der Treppe, langsam leiser werdend. Dann fiel die Haustür ins Schloss.

Ich musste noch eine lange Zeit dort gestanden haben, mit einer Zigarette im Mund. Als ich sie endlich anzündete, waren meine Lippen bereits so trocken, dass ich mir einen kleinen Hautfetzen abriss, als ich sie nach dem ersten Zug aus dem Mund nahm. Die Verletzung an meinem Arm war nicht besonders tief, kaum mehr als ein Schnitt, ein Stück über dem blauen Fleck, den ich mir beim Auffangen von Dagurs Kiste zugezogen hatte.

Von den Nachbarn hatte sich niemand blicken lassen. Es zog kalt aus dem Treppenhaus. Die Tür war an der oberen Angel herausgebrochen und hatte durch den Sturz das untere Scharnier ausgehebelt. Natürlich gab es Leute, zu denen ich hätte gehen können, aber ich wollte nur hier sein. Ich lehnte die Tür so gut es ging an den Rahmen, lief in der Wohnung herum, versuchte einige wenige Minuten, auf dem Bett einzuschlafen, dann auf dem blauen Sofa, das neben der Heizung stand, als die Tür kippte und in meinen Flur krachte. Ich stand auf und verließ die Wohnung. Erst als ich die Treppe hinunterging, merkte ich, dass meine Knie zitterten.

Die Bushaltestelle auf der schmalen Vesturgata bestand nur aus einem Schild und einem Papierkorb. Ich lehnte mich gegen das Schild, sah auf den Bordstein und hörte auf zu denken.

Der Bus schoss orange in mein Blickfeld, an mir vorbei, legte eine Vollbremsung hin, den Rückwärtsgang ein und kam zur Haltestelle zurück. Dann öffnete sich die Tür:

»Entschuldige«, sagte der Busfahrer, »ich dachte, du bist der Mülleimer.«

Ich schmiss Geld in die kleine Tonne vor ihm und stieg ein. Versuchte ein Lächeln. Außer mir waren zwei Fahrgäste im Bus und der Fahrer, der um die Vierzig sein musste und rote Haare hatte. Marlene Dietrich sang ein ruhiges Lied. Ich war ihm nicht böse, dass er mich für den Mülleimer gehalten hatte. Das konnte vorkommen. In dieser nebligen Dunkelheit sahen die Menschen früher Geister, heute eben Mülleimer.

Wir erreichten den Hafen, den Endpunkt der Buslinie. Der Bus hatte die westliche Weststadt hinter sich gelassen und wartete nun fünf Minuten, um dann über die östliche Weststadt zurück ins Zentrum zu fahren. Ich überlegte, ob der Busfahrer Deutsch verstand oder ob Marlene Dietrich auf ihn so rätselhaft wirkte wie Serge Gainsbourg auf mich. Bei diesem Gedanken verweilte ich, bis der Bus sich wieder in Bewegung setzte.

Ich sah hinaus in die Dunkelheit und dachte darüber nach, wie dieser Tag in der Dunkelheit des Leergutzimmers von Matildas neuem Zuhause begonnen hatte.

Matilda und ich stritten gelegentlich, aber ich konnte mich nicht erinnern, dass wir uns jemals gegenseitig vorwarfen, grundsätzlich falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Das gab unserem Streit den Beigeschmack von Lebens- und Persönlichkeitskritik. Persönlichkeitskritik. Dieses Wort kannte ich von Milan. Langsam fing ich an zu zweifeln, ob es mir gelingen würde, all das zu vergessen. Es schien, als müsste ich meine halbe Persönlichkeit vergessen und würde dabei, wenn ich Pech hatte, meine Freundschaft zu Matilda verlieren. Der Bus hielt an meiner Haltestelle, ich ging nach vorne. Der Fahrer öffnete, doch ich blieb auf der Schwelle stehen.

Man hat uns nicht gefragt, als wir noch kein Gesicht, ob wir leben wollten oder lieber nicht. /Jetzt gehe ich allein durch eine große Stadt, und ich weiß nicht, ob sie mich lieb hat. / Ich schaue in die Stuben, durch Tür- und Fensterglas, /und ich warte und ich warte auf etwas …, sang Marlene Dietrich.

»Willst du nicht aussteigen?«, fragte der Busfahrer.

»Sprichst du Deutsch?«, fragte ich.

»Nein. Aber die Musik ist schön.«

»Ich fahre noch eine Runde mit.«

»Klar.«

»Hast du Stift und Papier?«

»Einen Stift habe ich. Aber Papier … höchstens den Busplan. Da ist ja Platz, auf den unbewohnten Flächen und auf dem Meer.«

Er fuhr weiter. Ich setzte mich ganz nach hinten, presste meine Knie auf Höhe der Scania-Einprägung an den Schalensitz vor mir, sodass ich tief in den Sitz hineinsank. In meiner Jacke fand ich einen Stift von einem Heimbeatmungs-Service aus Minden/Westfalen. Dann beschrieb ich das Hellblau der Faxa-Bucht zwischen Reykjavík und Akranes.

An die

Gesellschaft der Liebeskranken

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02 октября 2024
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320 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783888978326
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