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Klaus Hübner

Dermaleinst, anderswo und überhaupt

Kein Twitter, kein Facebook – Von Menschen, Büchern und Bildern – Band 4

Außer der Reihe 44

Klaus Hübner

Dermaleinst, anderswo und überhaupt

Kein Twitter, kein Facebook

Von Menschen, Büchern und Bildern

Band 4

Außer der Reihe 44

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: März 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Leonhard Schorer, Maler des Gemäldes (Johann Christoph Gottsched, 1744, Wikipedia); Alban1989 (Kirche Heiliger Uros und Mulla-Veseli-Moschee in Ferizaj, Kosovo, 2014, Wikipedia CC BY-SA 3.0); Iris Wolff (Privatfoto, iris-wolff.de); ID 942784 (Bild 1006903, Pixabay)

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN des Paperbacks: 978 3 95765 235 5

ISBN des Hardcovers: 978 3 95765 236 2

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 860 9

Vorwort

In der Wochenzeitung Die Zeit vom 10. Januar 2019 charakterisiert der 1995 mit dem Büchnerpreis bedachte Dichter Durs Grünbein unsere Gegenwart so: »Jeder sein eigener Handy-Sklave, jeder sein eigener von Computern und Tablets gesteuerter Idiot in der rund um die Uhr aktiven Netzwerkgemeinschaft.« Mir ist das zu pauschal. Jeder? Es gibt viele, die Handy, Computer und Tablet nutzen und trotzdem keine Sklaven oder Idioten sind. Und es gibt eine Menge Leute, die über ihr Tun nachdenken und zu manchem einfach »Nein« sagen. Wer zum Beispiel weder Twitter noch Facebook noch andere angeblich soziale Medien nutzt, wird schon seine Gründe haben. Ein im moralischen Sinne besserer Mensch ist er deswegen noch lange nicht. Ein ignoranter Technik- und Modernitätsverweigerer wohl auch nicht. Was aber dann? Man muss ihn sich nicht zwingend als einen Menschen vorstellen, der eher von Künstlern, Büchern, Bildern, Städten und Landschaften angeregt wird als von noch schnelleren Rechnern und noch spezielleren Apps. Aber man darf. Auch als einen, der weiß, dass es nicht wenige Zeitgenossen gibt, denen es ähnlich geht. Für solche Menschen ist dieses Buch gedacht.

»Das Buch mag den neuen, scheinbar körperlosen, sein Erbe beanspruchenden, in überbordendem Maß Informationen zur Verfügung stellenden Medien in vielem unterlegen und ein im ureigenen Sinn des Wortes konservatives Medium sein, das gerade durch die Abgeschlossenheit seines Körpers, in dem Text, Bild und Gestaltung vollkommen ineinander aufgehen, wie kein anderes die Welt zu ordnen, manchmal sogar zu ersetzen verspricht«, schreibt die 1980 geborene Judith Schalansky im Vorwort ihres 2018 erschienenen Buchs Verzeichnis einiger Verluste. Dass weniger Bücher, vor allem weniger literarische Texte gelesen werden als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, ist ein Faktum. Das verheißungsvoll und schön klingende Wort »Sprachkunstwerk« hört sich heute sehr gestrig an. Wer ist neugierig auf Sprachkunstwerke? Und – um die Schraube noch weiter zu drehen – wer liest heute überhaupt noch Bücher über Bücher? Allzu viele Leute werden es nicht sein. Aber die sind wichtig. Wäre ich davon überzeugt, dass eine umfangreiche Sammlung von Interviews mit Literaten, literarischen Essays, Künstlerporträts, Glossen und Streiflichtern aller Art und obendrein auch noch vielen Buchrezensionen ein altmodisches und tendenziell nutzloses Unterfangen ist, hätte ich auf die Arbeit an diesem Projekt verzichtet und mich stattdessen – lesend natürlich – in einen wundermilden Biergarten zurückgezogen. Oder sonst wohin. Aber ich weiß ganz sicher, dass es immer noch einige, darunter auch relativ junge Leute gibt, die mit Interesse und manchmal mit Begeisterung genau das suchen: Begegnungen mit Literatur, mit Malerei, mit Kulturgeschichte – und mit den Menschen, die sie machen und gestalten. Auch die weiterhin enorme Aufmerksamkeit für Literaturfeste, Autorenlesungen, Ausstellungen und andere Kulturevents spricht dafür. Trotz des allenthalben konstatierten und oft bitter beklagten gesellschaftlichen Bedeutungsverlusts von Kunst und Literatur können sich nur wenige Zeitgenossen ein Leben ganz ohne sie vorstellen. Und, nennen Sie mich ruhig einen Träumer, einen Fantasten oder einen hoffnungslosen Idealisten: Auch heute noch – und höchstwahrscheinlich auch in nächster Zukunft – lassen sich der Kunst und der Literatur soziale Funktionen zuschreiben, die nicht die allerunwichtigsten sind. Die Förderung der Wachheit und Aufmerksamkeit für ein lebenswertes und vielleicht sogar schönes Leben – nicht nur für sich selbst – könnte man da anführen, die Erweckung und Intensivierung von Empathie für nicht konforme Mitmenschen und zunächst fremd anmutende Kulturen, die Weiterentwicklung verantwortungsvollen Handelns in Politik und Gesellschaft und noch manches mehr. Ich bin zum Beispiel ziemlich sicher, dass die deutsche Einwanderungs-, Flüchtlings- und Asylpolitik anders und besser aussehen würde, hätten die maßgeblichen Politiker und andere wichtige Entscheidungsträger die spätestens seit den 1990er-Jahren kaum noch zu übersehende interkulturelle Literatur – mit ihren vielfältigen Blicken »von außen« – wirklich wahrgenommen. Ich bin auch recht sicher, dass die intensive Lektüre von Literatur und Dichtung dazu führen kann, die überall festgestellte und kritisierte Verrohung der öffentlichen wie der privaten Sprache zu erkennen, nicht auf sie hereinzufallen oder ihr sogar bewusst entgegenzutreten. Und ich bin … oh weh, doch ein hoffnungsloser Idealist? Urteilen Sie selbst, fangen Sie einfach an zu lesen …

Das Projekt Kein Twitter, kein Facebook ist auf vier Bände angelegt und enthält ungefähr zwei Drittel meiner in den letzten beiden Jahrzehnten entstandenen Texte. Alle wurden leicht überarbeitet. Irgendwelche Positionierungen auf politischen, wissenschaftlichen oder kulturellen »Feldern« sind mit diesem Projekt nicht beabsichtigt. Nachweise der Erstpublikationen finden sich am Ende jedes Einzelbandes. Die Regelkonformität der Rechtschreibung ist der Lesbarkeit untergeordnet. Das modische Thema »Sprache und Gender« bleibt außen vor. Zu danken wäre vielen Freunden und Kollegen, auch wenn sie von meinen Plänen nichts wussten. Einer, der davon wusste, war der Schriftsteller Tiny Stricker, der mich zu diesem Projekt fast schon überreden musste und das mit Feingefühl und Beharrlichkeit getan hat. Danke, Tiny! Voilà, hier ist der vierte Band …

München, im Januar 2021

Klaus Hübner

Nicht nur Literaturgeschichten

Doch ist der Ruf erst ruiniert …
Vor dreihundert Jahren wurde Johann Christoph Gottsched geboren

Es gibt wohl kaum einen bedeutenden deutschen Schriftsteller und Universalgelehrten, der im literarischen Gedächtnis der Nation eine derart katastrophale Wirkungsgeschichte hat wie der am 2. Februar 1700 in Juditten bei Königsberg als Sohn des dortigen Pfarrers geborene Johann Christoph Gottsched. Sein Name steht zwar nach wie vor in allen Literaturgeschichten – aber was da steht, ist in aller Regel wenig dazu angetan, sich mit dem Werk dieses zeitlebens unglaublich produktiven Mannes näher zu befassen. Auch der immer mal wieder, zuletzt mit einer schönen Ausgabe ihrer Briefe von 1730 bis 1762 versuchte Umweg über Gottscheds für die damalige Zeit durchaus ungewöhnliche Frau, die hoch gebildete, selber dichterisch tätige Louise Adelgunde, verschafft nicht den für viele Zeitgenossen unbedingt nötigen »human touch«. Gottscheds Ideal einer »geschickten Gehülffin« an seiner Seite und Louises Idee einer auf Gleichberechtigung basierenden Ehe seien letztlich »unvereinbar« gewesen, schreibt die Brief-Herausgeberin Inka Kording, und man kann sich schon vorstellen, wie die beiden tagaus tagein vor sich hinwerkelten am Rohbau der deutschen Gelehrtenrepublik und der Beförderung einer deutschen Nationalliteratur. Starr, spröde und trocken sei es zugegangen bei den langweiligen und pedantischen Gottscheds, sagt man. Und bald hat auch ihr Werk genau diesen, also einen schlechten Ruf weg. Und man muss, bei allem Respekt, auch heute sagen: weitgehend zu Recht.

Als der junge Gottsched zusammen mit seinem Bruder 1724 vor den Soldatenwerbern aus Ostpreußen nach Leipzig floh und sich dort, ausgestattet mit Empfehlungsschreiben und gefördert von Professoren wie Johann Burkhard Mencke, peu à peu als Schriftsteller, Herausgeber, Übersetzer, Bibliograf und Literaturtheoretiker etablierte, schien alles noch in Ordnung. Bald galt er als einflussreicher Repräsentant einer Kunst- und Dichtungslehre, die der rationalistischen Philosophie seiner Zeit verpflichtet war – die Schriften von Locke, Grotius, Pufendorf, Thomasius und Wolff hatte er intensiv studiert. Emsig beschäftigt mit allerlei literarisch-philosophischen Aktivitäten, mit Beiträgen und Übersetzungen für seine Wochenschriften und mit der Reform des deutschen Theaters (oder wenigstens der Neuberschen Truppe), wurde Gottsched 1730 Außerordentlicher Professor für Poesie und Beredsamkeit und 1734 dann Ordentlicher Professor für Logik und Metaphysik. Doch in den schlechten Ruf eines Dogmatikers geriet er schon in den Vierzigerjahren, als er in seinen Streitereien mit den Zürcher Kritikern Johann Jacob Bodmer und Johann Jacob Breitinger über die poetologischen Kategorien des Wunderbaren und des Wahrscheinlichen immer mehr ins Hintertreffen geriet – wozu er selbst, rechthaberischer und verbitterter werdend, kräftig beitrug. Der große Lessing hat den Theaterreformer, wie man weiß, in seinem 17. Literaturbrief in Grund und Boden verdammt, und Goethe, dessen Verdikte über Zeitgenossen bekanntlich sehr lange nachwirkten, hat den alten Professor in Dichtung und Wahrheit lächerlich gemacht – unvergesslich die Szene mit dem kahlköpfigen Gottsched, der sich die »große Allongeperücke« reichen lässt und seinen armen Bedienten ohrfeigt. Aber abgesehen davon: Fast zwei Jahrhunderte lang war die deutsche Frühaufklärung sowieso ziemlich verpönt, und als sie es dann seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts nicht mehr war, wies man dem alten Gottsched oft einen kulturhistorischen Ort zu, der den Barockdichtern des 17. Jahrhunderts näher war als den meisten seiner Zeitgenossen. Als Verfasser panegyrischer Auftragsdichtung wurde er überhaupt nicht mehr ernst genommen, als genuiner Lyriker auch nicht, und dem Verfasser von Dramen wie dem nach 1732 für lange Zeit äußerst erfolgreichen Sterbenden Cato wird sogar vom Herausgeber des Stückes jegliche Zukunftsfähigkeit abgesprochen. Man könne Gottscheds wohlgesetzte Alexandriner heute kaum anders denn leblos und klappernd empfinden, schreibt Horst Steinmetz, und die Regelmäßigkeit dieses Werks erscheine nur noch als »erstarrte Gleichförmigkeit«; über den dichterischen Wert oder vielmehr Unwert des Sterbenden Cato (und, so darf man ergänzen, aller anderen Bühnenwerke Gottscheds) gebe es seit Langem keine Diskussionen mehr. Vor allem sei eine Aufführung dieses Dramas heute »undenkbar« – und das von Bodmer als mit »Kleister und Schere« verfertigtes Machwerk verspottete Stück ist auch, so weit man sieht, seit ewigen Zeiten nicht mehr aufgeführt worden. Als eigenständiger Poet ist sein Verfasser wohl ganz zu Recht vergessen, und eigentlich ist er das schon seit Miss Sara Sampson.

Aber da war doch noch der Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen, 1730 erstmals erschienen und bis 1751 mehrfach umgebaut und erweitert – ein Werk, in dem der Literaturtheoretiker all die Gesetze und Regeln übersichtlich dargestellt hatte, ohne deren Beachtung angeblich keine Dichtung bestehen konnte? Das Prinzip der Naturnachahmung wird dort erläutert, die Forderung nach Wahrscheinlichkeit, das Gesetz von den drei Einheiten, vor allem aber das Gebot, dass Dichtung einen moralischen Lehrsatz veranschaulichen und dem Publikum nahe bringen müsse – womit sie in den Dienst des moralpädagogischen Erziehungs- und Bildungsprogramms der Aufklärung gestellt wird. Und der Autor gleich dazu: »Eine gar zu hitzige Einbildungskraft macht unsinnige Dichter, dafern das Feuer der Fantasie nicht durch eine gesunde Vernunft gemäßiget wird.« Als historisch bedeutende »Wirkungspoetik« hat Horst Steinmetz Gottscheds Versuch charakterisiert und ihm, über Goethes und Schillers klassische Phase hinaus, subtile Nachwirkungen bis ins 19. Jahrhundert hinein attestiert. Als Kritik der deutschen Literatur und Schaubühne ihrer Zeit hat die Critische Dichtkunst gewiss ihre Meriten – was ihre Lektüre allerdings nicht attraktiver macht. Das gilt auch für die Deutsche Schaubühne aus den Vierzigerjahren, eine zusammen mit Louise Adelgunde erstellte Sammlung sogenannter Musterdramen, unter ihnen fünf eigene. Was aber ist mit seiner Ausführlichen Redekunst von 1736, sieben Jahre vor Gottscheds Tod in einer fünften Auflage verbreitet? Und was mit den zahlreichen anderen Schriften, mit den Übersetzungen, Baylens Wörterbuch immerhin, Lucians Schriften oder die Théodicée von Leibniz – vergessen, auch noch zu Recht vergessen dies alles? Schließlich die Person: der Universitätsgelehrte, noch dazu einer der bedeutendsten und wirkungsmächtigsten seiner Zeit, der explizit bürgerliche Professor in einer vom Adel dominierten Umwelt, nicht zuletzt der unermüdliche Pädagoge, der unbeirrte Trommler für die Bildung des Volkes und, damals fast avantgardistisch, gerade auch der Frauen? Schon recht, diese Nachfragen – aber es hilft alles nichts: Gottsched hat, sei je und quasi überall, schlechte Karten. Gewiss lobt man das historische Verdienst seiner Poetik, aber zugleich stellt man die auch in nationalem Konkurrenzdenken begründeten Aversionen gebührend heraus, gegen Ariost, Tasso, Milton, Shakespeare und viele andere Dichter, die man später höchlich schätzte. Was an Gottsched weist überhaupt in ein »Später«? Die unbedingte Unterordnung der praktischen Bühnenarbeit unter die erzieherischen Prämissen der Bühnendichtung, das war damals gut gemeint und gegen die in der Tat wenig niveauvollen Zustände um 1725 gerichtet – doch was könnte zweihundertvierunddreißig Jahre nach Gottscheds Tod unzeitgemäßer, unbeliebter, lächerlicher sein? Das Verdikt gegen die Oper, die das »ungereimteste Werk« sei, »das der menschliche Verstand jemals erfunden« habe? Sein Kampf gegen den »Schwulst« der sogenannten zweiten schlesischen Schule, namentlich des von Hubert Fichte in den 1970er-Jahren mit enthusiastischem Gestus wieder entdeckten Casper von Lohenstein? Gottscheds Bemühung um eine fundamentale Sprachreform mit dem Ziel einer einheitlichen neuhochdeutschen Schriftsprache, orientiert am »Meissnischen Deutsch« seiner Wahlheimat, mag zu Zeiten lebhafter Auseinandersetzungen um die deutsche Rechtschreibung noch am ehesten auf Interesse hoffen können – immerhin hatte ihn Kaiserin Maria Theresia 1749 einen »Meister der deutschen Sprache« genannt und war, hingerissen vom Gespräch mit ihm und seiner Gattin, zu spät zur Messe gekommen. In der Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst (1748; 6. Aufl. 1762) findet sich allerlei Bedenkenswertes über Syntax, Etymologie, Prosodie und eben auch über die Rechtschreibung des Deutschen. Liegt es auch am heute so unattraktiv Paukerhaften dieses Mannes, dass Gottsched in der Reformdebatte der letzten Jahre keine Rolle spielte? An seiner patriarchalen Pädagogik, mit der er seine großen Ideen zu hausbackenen Lerngegenständen herabwürdigte? Man weiß es nicht sicher, sieht aber deutlich, dass hier nicht viel zu machen ist – auf irgendeine Art »sexy« ist dieser Mann einfach nicht, für Sensationen eignet er sich auch nicht, und zur »Ikone« gar wird er es niemals bringen.

Resümieren wir also ganz nüchtern: Johann Christoph Gottsched führt heute nur noch in germanistischen Seminaren ein eher kümmerliches Leben, und eigentlich tut er das schon, seit es solche Seminare gibt. Man liest ihn nicht freiwillig oder gar gerne, und das wird wohl so bleiben. Dieses Schicksal teilt er zwar mit den meisten Schriftstellern und Gelehrten seiner Zeit – die deutsche Dichtung nach Grimmelshausen und vor Lessing scheint uns Heutigen weitgehend unattraktiv. Gottsched aber trifft es noch härter als andere. Eine derart immense Gelehrsamkeit wie die seine nötigt noch immer einigen Respekt ab, seine Schaffenskraft sicherlich auch. Das war dann aber auch schon alles. Johann Christoph Gottscheds Ruf bleibt ruiniert, und sein dreihundertster Geburtstag wird daran kaum etwas ändern.

Die bisher umfangreichste Gottsched-Edition ist die zwölfbändige, von Joachim Birke, Brigitte Birke und Phillip Marshall Mitchell besorgte Auswahlausgabe (Berlin 1968–1987); ihr letzter Band enthält auch eine umfangreiche Bibliografie zu Gottscheds Leben und Werk. Die von Horst Steinmetz herausgegebenen Einzelausgaben der Critischen Dichtkunst und des Sterbenden Cato sind in Reclams Universal-Bibliothek erhältlich; Steinmetz hat auch einen Neudruck der Deutschen Schaubühne kommentiert und herausgegeben (Stuttgart 1972). Louise Gottscheds Briefe aus den Jahren 1730 bis 1762 sind, herausgegeben von Inka Kording, unter dem Titel Mit der Feder in der Hand erschienen (Darmstadt 1999).

Im Netzwerk
Neues über Bodmer und Breitinger

»Was ist dichten anders, als sich in der Fantasie neue Begriffe und Vorstellungen formieren, deren Originale nicht in der gegenwärtigen Welt der würklichen Dinge, sondern in irgend einem andern möglichen Welt-Gebäude zu suchen sind. Ein jedes wohlerfundene Gedicht ist darum nicht anderst anzusehen als eine Historie aus einer anderen möglichen Welt.« Das stammt von Johann Jakob Bodmer (1698–1783) und steht in seiner 1740 veröffentlichten Critischen Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie und dessen Verbindung mit dem Wahrscheinlichen. Dieses Werk wird zitiert, sobald es um den für das 18. Jahrhundert zentralen, bisweilen sehr hitzig ausgefochtenen »Literaturstreit« zwischen den »Leipzigern« und den »Zürchern« geht. Der Zwist mag heute nur noch Germanisten interessieren, Bodmer aber bleibt eine hochinteressante Persönlichkeit, ebenso wie sein Freund und Mitstreiter Johann Jakob Breitinger (1701–1776). Dass man sie, weit über ihre Schriften gegen Gottsched und Konsorten hinaus, als Überväter des geistigen Zürich im 18. Jahrhundert und damit als Begründer einer neuen intellektuellen Metropole Europas bezeichnen darf, legt ein ziegelsteingroßer, brandaktueller und streckenweise sehr spannender Sammelband nahe, den ironischerweise zwei an der Universität Bern lehrende Expertinnen herausgegeben haben. Eine von ihnen, Barbara Mahlmann-Bauer, hat Bodmer und Breitinger übrigens einen lesenswerten Beitrag in der Zeitschrift Der Deutschunterricht (4/2009) gewidmet – deren Schwerpunktthema heißt, für eine deutsche Fachzeitschrift beinahe sensationell: »Zürich«.

Die beiden Johann Jakobs, die von der Geschichtsschreibung und der geisteswissenschaftlichen Forschung bis vor Kurzem arg vernachlässigt worden sind, haben es in sich. Das neue, aus einer Zürcher Tagung hervorgegangene Grundlagenwerk versucht, ihrem reichhaltigen Lebenswerk mit zweiunddreißig auf sieben Abteilungen verteilten Aufsätzen und einem nützlichen Anhang gerecht zu werden und mit alten Vorurteilen aufzuräumen. Die ersten fünf Studien, darunter ein grandioser Essay von Carsten Zelle, widmen sich der »Ästhetik und Poetik« der beiden Zürcher. Dann geht es um »Theologische Positionen«, wobei das Collegium Carolinum eine wichtige Rolle spielt – wie denn überhaupt herauszustellen ist, dass die Verwurzelung Bodmers und Breitingers in ihrer Vaterstadt in diesem Buch sehr zu Recht gebührend berücksichtigt wird. Das gilt besonders für die dritte Abteilung, die die Überschrift »Bodmers Schauspiele und vaterländische Geschichte« trägt, aber auch für die vierte, die »Zürcher Schüler und Zeitgenossen« vorstellt, unter ihnen Lavater, Hirzel, Klopstock und Wieland. Zwei äußerst aufschlussreiche Abhandlungen machen Teil V aus: Christoph Eggenberger beschäftigt sich mit Bodmers »Entdeckung« der Manessischen Liederhandschrift, und Gesine Lenore Schiewer nimmt seine Sprachtheorie unter die Lupe – zu beiden Themen hätte man, kritisch sei’s angemerkt, gerne noch mehr gelesen. Weitere fünf Studien drehen sich um die »Beziehungen zu den Künsten und zur Musik«, und die Abteilung VII bildet Urs B. Leus hilfreiche Arbeit über Bodmers Privatbibliothek. Natürlich ist das Ganze, wie schon die luzide Einleitung deutlich macht, auf dem neuesten Stand der Forschung. Um Lesbarkeit hat man sich ebenfalls bemüht – sprachliche Verstiegenheiten sind selten. Fazit: ein dicker kulturwissenschaftlicher Wälzer, das schon. Aber quicklebendig und hochinteressant für alle, die sich für die Vergangenheit des intellektuellen Zürich und die Geistesgeschichte der Schweiz begeistern lassen.

Anett Lütteken / Barbara Mahlmann-Bauer (Hrsg.): Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger im Netzwerk der europäischen Aufklärung. Göttingen 2009: Wallstein Verlag. 880 S.

Was wären die Alpen ohne ihn?
Albrecht von Haller ist nicht tot

Ein bekannter Unbekannter ist dieser Albrecht von Haller, selbst in der Schweiz. Als Schriftsteller war Haller – »ein europäischer Hauptname im 18. Jahrhundert« (Leif Ludwig Albertsen) – lange Zeit hindurch so gut wie vergessen. Selbst Germanisten verwiesen, meist ein wenig lustlos, lediglich auf sein Lehrgedicht Die Alpen (zuerst 1729), das viele von ihnen eher aus den einschlägigen Literaturgeschichten kannten denn aus eigener Lektüreerfahrung – von wenigen Spezialisten abgesehen, unter denen an erster Stelle Karl S. Guthke zu nennen ist. Das beginnt sich zu ändern, und so entpuppt sich das zunächst willkürliche Diktat der runden Zahl letztlich als ein Segen. Zum dreihundertsten Geburtstag war einiges geboten, und das keineswegs nur in Bern. Neue Publikationen gibt es auch. Zwar ist bedauerlicherweise kein Haller-Lesebuch erschienen, aber immerhin eine sein Andenken sicherlich belebende Haller-Ausgabe der Berner Universitätszeitschrift UniPress. Ein ganzes Themenheft widmet die »Schweizerische Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts« dem Dichter, Arzt, Naturforscher und Magistraten – man könnte Haller übrigens mit zahlreichen weiteren Bezeichnungen zu charakterisieren suchen und hätte doch immer nur einen Teil seines Wirkens erfasst. Dessen gewaltigen Umfang nimmt jetzt eine Publikation ins Visier, die man zweifelsohne als die mit Abstand gewichtigste Neuerscheinung im Haller-Jahr würdigen muss. Ihr Titel ist Programm: Albrecht von Haller. Leben – Werk – Epoche. Es handelt sich um einen repräsentativen Sammelband, an dem zweiundzwanzig Wissenschaftler mitgewirkt haben, unter ihnen erfreulicherweise viele jüngere. Und eines macht dieser Band bald ganz deutlich: Haller ist nicht tot!

Über das Zustandekommen des Kompendiums unterrichtet das Vorwort der Herausgeber. Aber es tut noch mehr: Es nennt ohne Scheu die mutmaßlichen Gründe dafür, dass Leben, Werke und Wirkungen Albrecht von Hallers heute »weitgehend aus dem Kanon der Allgemeinbildung verschwunden« sind. Sein Lebenslauf sei nicht so leicht fassbar und dramatisierbar wie zum Beispiel der Rousseaus; jegliche Poesie vor den 1770er-Jahren sei heutigen Lesern schwer zugänglich (was durchaus bezweifelt werden darf); als Romanautor und politischer Schriftsteller sei Haller zu didaktisch; als orthodoxer Theologe stehe er oft konträr zur modern-aufklärerischen Religionskritik; als Literaturkritiker sei er rasch von der nachfolgenden Generation um Lessing abgelöst worden; als Magistrat und Berner Patriot sei er im europäischen Kontext nicht so bedeutend. Und dass Haller »der wohl am besten und internationalsten vernetzte Wissenschaftler seiner Zeit« gewesen ist und »eine wichtige Schaltstelle in der europäischen Wissensproduktion« einnahm, dafür habe sich die Forschung erst in allerjüngster Zeit wirklich interessiert. Fazit: »Haller lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Die Schwierigkeit, ihn zu erfassen und zu erklären, wird erhöht durch ein vielschichtiges und äußerst umfangreiches Werk, das zudem in unterschiedlichen Sprachen (Latein, Französisch, Deutsch) abgefasst und nur teilweise in Übersetzungen greifbar ist.« Diese Probleme allerdings, die Vielgestaltigkeit und Widersprüchlichkeit Hallers, sprächen nicht gegen, sondern für die verstärkte Beschäftigung mit dieser bewunderungswürdigen Persönlichkeit. Der reich bebilderte neue Band ist der beste Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung. Wer also ist dieser Haller?

Seinen Lebenslauf stellt Urs Boschung in allen Details dar, und dessen Hauptschauplätze Bern und Göttingen führen François de Capitani und Ulrich Hunger vor Augen. Man erfährt viele Details über Hallers Verwandtschaft und über die Berner Kindheit, die 1718 mit der Aufnahme in die Hohe Schule fast schon wieder zu Ende ist. »Im zwölften Jahre fieng er an deutsche Verse zu verfertigen, und von der Zeit an, bis in sein 15. und 16tes Jahr herrschte die Liebe zu der Dichtkunst auf eine unwiderstehbare Weise in seiner Seele«, wird Johann Georg Zimmermann zitiert, Hallers erster Biograf. 1722 bis 1723 lernt Haller in Biel, 1723 bis 1725 studiert er in Tübingen Medizin. Er wechselt nach Leiden in Holland, wo es ihm ganz vorzüglich gefällt, und schließt 1727 sein Studium ab – bestens ausgebildeter Arzt, und das mit neunzehn Jahren! Es folgen Reisen nach London und Paris, ein begieriges Aufnehmen alles Neuen, auch schon erste schwerere Krankheiten, und dann, von Basel aus und mit Gessner, seinem Freund: eine Reise durchs Vaterland. »Die Erfahrungen der Schweizerreise, die in starkem Kontrast zu Eindrücken von London und Paris standen, aber auch manches Gelesene verarbeitete er im Gedicht Die Alpen, Heldengedichte« (Urs Boschung). Diesen neunundvierzig Strophen mit jeweils zehn jambischen Alexandrinern, die die »Gemüthsruh« des alpinen »homo helveticus« besingen und letztlich »ein Lob des gesunden Landlebens im Sinne der alten römischen Optimates« darstellen (Leif Ludwig Albertsen), verdankt der Dichter Haller seine im 18. Jahrhundert vor allem von Herder und Schiller beförderte Unsterblichkeit. Im Mittelpunkt steht der Mensch: »Der Älpler ist selig, weil er bei sich ist und weder einem Noch-Nicht nachstrebt noch einem Nicht-Mehr nachtrauert, sondern in Gemeinschaft mit der Natur und somit in natürlicher Ordnung lebt« (Eric Achermann). Die Alpen, naturwissenschaftliche Beobachtung und lyrisch verpackte Moralphilosophie kunstvoll verknüpfend, wurden zum »Ursprung des modernen Alpenmythos« (Rémy Charbon) und blieben wirkungsmächtig bis ins 20. Jahrhundert hinein – obwohl ihr poetischer Duktus längst eigentümlich wirkte und ihre sprachlichen Feinheiten nicht im gesamten deutschen Sprachraum verstanden wurden. »Ich bin Schweizer, und Deutsch ist für mich eine Fremdsprache«, lässt Hugo Loetscher »seinen« Albrecht von Haller in einem fiktiven Interview sagen, und der Gesprächspartner entgegnet: »Trotz allem sind Sie der erste Schweizer, der mit seiner Dichtung über sein Land hinausgewirkt hat.« Das ist zweifellos richtig, und sogar ein Hugo Loetscher, der seine persönliche Schweizer Literaturgeschichte lieber mit den Lebenserinnerungen Thomas Platters denn mit den Alpen beginnen lässt, kommt nicht umhin, die enorme Wirkung von Hallers Lehrgedicht anzuerkennen.

1729 bis 1736 lebt Haller als Arzt und Bibliothekar in Bern, dichtet und studiert und gründet eine Familie. 1736 erfolgt der Ruf an die Göttinger Universität, wo der Berner als Anatom, Chirurg und Botaniker bis 1753 forscht und lehrt, an den Göttingischen Zeitungen von Gelehrten Sachen mitwirkt und die erst später so genannte Akademie der Wissenschaften gründet. Der immer ärger kränkelnde Gelehrte wird schließlich Rathausammann in Bern, ab 1758 dann Direktor der bernischen Salinen in Roche. Er korrespondiert mit den wichtigen Wissenschaftlern Europas, schreibt zahlreiche Artikel für die bald Epoche machenden, in Paris und Yverdon entstehenden Enzyklopädien, verfasst zudem drei politische Romane sowie philosophische und religiöse Schriften – und er überarbeitet mehrfach seine immer berühmter werdenden Gedichte.

Am 12. Dezember 1777 ist sein Leben und Wirken zu Ende. Worin es bestand, erläutern Eric Achermann (Dichtung), Florian Gelzer und Béla Kapossy (Roman, Staat und Gesellschaft), Claudia Profos (Literaturkritik), Cornelia Rémi (Religion und Theologie), Hubert Steinke (Anatomie und Physiologie), Maria Teresa Monti (Embryologie), Urs Boschung (Praktische Medizin), Jean-Marc Drouin und Luc Lienhard (Botanik). Den Forscher und Gelehrten stellen Otto Sonntag und Hubert Steinke in den Kontext seiner Zeit. Martin Stuber und Regula Wyss tun das für den Magistraten und ökonomischen Patrioten, während Hubert Steinke und Martin Stuber Hallers Stellung in der zeitgenössischen Gelehrtenrepublik erörtern. Eine zusammenfassende Studie von Wolfgang Proß, die inmitten lauter guter, oft herausragender Beiträge ganz besonders hervorzuheben ist, skizziert das widersprüchliche Verhältnis Hallers zur Aufklärung: »Wie andere Figuren seines Jahrhunderts litt auch Haller unter der Schwierigkeit, neues Wissen und eigene Forschung mit traditionellen Beständen der Offenbarungsreligion und metaphysischen Bedürfnissen oder mit gesellschaftlichen Konventionen in Einklang zu bringen.« Es folgen vier aufschlussreiche »Blicke auf Haller« (François Duchesneau, Karl S. Guthke, Renato G. Mazzolini, Richard Toellner) sowie der Abschnitt »Zeugnisse«, wo es um »Haller im Porträt« (Marie Therese Bätschmann) und »Hallers Bibliothek und Nachlass« (Barbara Braun-Bucher) geht. Ganz wichtig für ein intensives Studium des Sammelbands sind die Personen- und Werkregister, die diese voluminöse Gesamtschau beschließen.

Belehrt und beglückt mag man danach Hallers berühmtes Lehrgedicht aufschlagen und mit ihm hinauf in die Alpen reisen, natürlich mit aller heutigen Skepsis gegenüber seinem Lobpreis des einfachen und sündelosen Lebens unter Hirten und Sennen. Doch schon der Dichter selbst war sich im Klaren darüber, dass sein Lehrgedicht der Schweizer Wirklichkeit nur selten entsprach: »Es ging ihm aber nicht so sehr um die reale Lebensweise der Gebirgsbevölkerung als um ein kritisches Gegenbild zum luxuriösen Leben der gegenwärtigen Berner Patrizier« (Rémy Charbon). Dass dieses kritische Gegenbild aus der Feder eines Mannes, der das Dichten nur in seinen Nebenstunden betrieben hat, bis heute – nein, keine Utopie, aber zumindest einen Traum aufscheinen lässt, spricht für die erstaunliche Wirkungskraft guter Poesie. So gesehen darf sich die gesamte Tourismusindustrie der Alpenländer bis heute glücklich schätzen, einen Albrecht von Haller zum Ahnherrn zu haben. »Denn hier, wo die Natur allein Gesetze gibet, / Umschließt kein harter Zwang der Liebe holdes Reich.« So ist es leider nicht, und so ist es wohl nie gewesen. Aber so könnte es sein. Zumindest träumen darf man es – beim Lesen der Alpen des mit Fug und Recht »groß« genannten Haller.

Albrecht von Haller: Die Alpen und andere Gedichte. Ausgewählt und herausgegeben von Adalbert Elschenbroich. Stuttgart 1965 / 2004: Reclam Verlag.

Hubert Steinke / Urs Boschung / Wolfgang Proß (Hrsg.): Albrecht von Haller. Leben – Werk – Epoche. Göttingen 2008: Wallstein Verlag.

Hugo Loetscher: Lesen statt klettern. Aufsätze zur literarischen Schweiz. Zürich 2003 / 2008: Diogenes Verlag.

Kunst und Lebensklugheit
Die Aphorismen von Johann Heinrich Füssli

Die deutsche Übersetzung der Aphorisms, Chiefly Relative to the Fine Arts erschien erstmals 1944. In dem achtundsechzig Jahre später vorgelegten unveränderten Nachdruck ist die damalige, immer noch sehr lesenswerte Einführung des Übersetzers und Herausgebers Eudo C. Mason (1901–1969) ebenso enthalten wie seine Anmerkungen, und auch die Tafeln wurden in für ein Taschenbuch akzeptabler Qualität übernommen. Neu ist das Nachwort von Matthias Vogel, der den vornehmlich als Dichter, Maler und Zeichner bekannten Johann Heinrich Füssli (1741–1825) als »eminente Mehrfachbegabung« vorstellt. Kunsttheoretiker war der seit 1779 in London lebende Schüler von Bodmer und Breitinger jedenfalls auch, und diese im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts begonnene Tätigkeit galt ihm gleich viel wie sein künstlerisches Schaffen. Seine Aphorismen sind in Ton und Stil keineswegs einheitlich. Seitenlange ernsthafte Essays sind darunter, aber auch prägnante Zweizeiler. Darunter bedenkenswerte Lebensweisheiten: »Die Wirklichkeit steckt voller Enttäuschungen für den, dessen Freudequellen im Elysium der Fantasie entspringen.« Oder: »Ein durch keine Auswahl beschränktes Trachten nach Vollkommenheit führt unfehlbar zur Mittelmäßigkeit.« Was darf man heute von »Das Genie kennt keinen Mitarbeiter« halten? Und manchem Zeitgenossen, vielleicht auch manchem Unternehmen, möchte man doch einmal deutlich sagen: »Keine Vortrefflichkeit der Ausführung kann Niedrigkeit der Konzeption aufwiegen.« Immer weiter möchte man zitieren – Füsslis Sprüche sind gewiss nicht allein für Kunsthistoriker interessant.

»Füssli ließ nie einen Zweifel daran, dass für ihn die griechische Kunst in ihrer großen Zeit einsame künstlerische Höhen erklommen hatte, die selbst die Renaissance nie ganz erreichte«, schreibt Matthias Vogel. Die klassizistische Grundprägung, für die unter anderem seines Vaters Freunde Johann Joachim Winckelmann und Anton Raphael Mengs gesorgt hatten, hat er bis an sein Lebensende beibehalten. In seiner eigenen, nicht nur auf dem Gebiet der Kunst ungewöhnlich turbulenten Zeit, so legt der 1801 zum Malereiprofessor an der Royal Academy berufene Zürcher Künstler nahe, verliere man das Klassische und Große zunehmend aus den Augen. Wenn Füssli allerdings darauf besteht, dass sich das Wesen der Kunst nicht in deren Gegenständen offenbart, sondern im unmittelbaren Ausdruck der Gefühle, die in ihnen zum Ausdruck gelangen, dann weist das nicht nur auf die Romantik hin, sondern fast schon auf den Expressionismus voraus. Dazu wäre manches zu sagen – Matthias Vogel fasst es so zusammen: »Aus einer starken Verankerung in den Diskursen seiner Zeit weisen gerade seine Aphorismen in vielen Punkten über diese hinaus und sind deshalb nicht nur als historische Quelle, sondern auch als Beitrag zur gegenwärtigen Debatte zu rezipieren.« Das sollte man unbedingt versuchen, und die naturgemäß zeitgebundene Sprache dieser Aphorismen sollte niemanden davon abhalten. Denn Füsslis Reflexionen haben meist mehr Substanz als manche Theorieluftblase von heute.

Johann Heinrich Füssli: Aphorismen über die Kunst. Basel 2012: Schwabe Verlag. 187 S.

Kulturtransfer im 18. Jahrhundert
Die Schweiz und Deutschland hatten einander schon früher viel zu sagen

»Kontrapunktisch zum ambivalenten, gegen Ende des Jahrhunderts schließlich durchweg negativen Frankreichbild verklärte sich im Rekurs auf Hallers ›Alpen‹ das Bild der Schweiz zum idealen Gegenentwurf einer als moralisch bedenklich angesehenen Zivilisation.« Die Schweiz – endlich einmal ideal und dazu moralisch unbedenklich? So steht es in der Einleitung zum Hauptteil einer Fachzeitschrift, die normalerweise kein riesiges Publikum erreicht. Das mag diesmal anders sein: Der Schwerpunkt ihres jüngsten Heftes gilt dem deutsch-schweizerischen Kulturtransfer im 18. Jahrhundert, und da sind auch für Nicht-Fachleute spannende Entdeckungen zu machen. Wichtig ist erst einmal, dass die positive Stilisierung der Schweiz durch viele im Alten Reich lebende, kulturell und politisch interessierte Deutsche keineswegs wechselseitig war. Johann Heinrich Füsslis 1775 Johann Caspar Lavater gestellte Frage »Aber wo ist das Vaterland eines Teutschen, eines Sklaven?« fasst die Schweizer Skepsis gegenüber den nördlich-teutonischen Fürstenknechten prägnant zusammen. Viele Schweizer waren mit einigem Recht stolz auf die eigene republikanische Freiheit, und oft waren sie vernarrt in ihre Heimat – gelegentlich einseitig und erstaunlich unkritisch. Jedenfalls interessierten sich Schweizer und Deutsche auch damals schon sehr füreinander, und wie das vor sich ging, untersuchen fünf per se interkulturell ausgerichtete kulturhistorische Beiträge, die sich auch als Beispiele verstehen lassen für moderne Probleme um Identität, Alterität und Nationalstereotyp. Simone Zurbuchen erläutert die damalige »Staatstheorie zwischen eidgenössischer Republik und preußischer Monarchie«, Markus Zenker analysiert Johann Georg Zimmermanns Werk Von der Einsamkeit (1773; 1784/85) im zeitgenössischen deutsch-schweizerischen Kontext, und York-Gothart Mix untersucht populäre Kalender wie den Hinkenden Boten oder den Rheinländischen Hausfreund auf interkulturelle Spuren. Martin Stuber erörtert den wissenschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und der Schweiz im Korrespondenznetz Albrecht von Hallers, und Yvonne Boerlin-Brodbeck schließlich geht den Beziehungen zwischen den beiden Ländern in der Kunst des 18. Jahrhunderts nach. Herausgekommen ist ein instruktives kleines Bändchen zur deutsch-schweizerischen Kulturgeschichte, das auf dem allerneuesten Stand der Forschung ist, ohne sich irgendeines hermetischen Jargons zu befleißigen – was mit ein Grund ist, weshalb die Lektüre der Aufsätze nicht nur Gewinn bringt, sondern auch Spaß macht.

Deutsch-schweizerischer Kulturtransfer im 18. Jahrhundert. Zusammengestellt von York-Gothart Mix, Markus Zenker und Simone Zurbuchen (= Das Achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des Achtzehnten Jahrhunderts. Heft 26.2). Göttingen 2002: Wallstein Verlag. 126 S.

Auf Durchreise
War das nicht der mit der Gewaltenteilung?

»Das Herzogtum Württemberg ist ein schönes Ding … Rundherum ein sehr schönes und gutes Land.« Das hört man gern! Am Ludwigsburger Schloss allerdings fällt auf, »dass man überall Kleines unter dem Anschein der Größe wahrnahm«. Angeber, dieser Herzog! Das »berühmte Fass« im Heidelberger Schloss – »tatsächlich ein schönes Stück«! Und dann erst Mannheim: »Die Stadt ist gegenwärtig eine der schönsten Deutschlands und sie wird noch eine der stärksten des Landes werden.« Na denn!

Charles-Louis de Secondat Baron de la Brède et de Montesquieu (1689–1755) war ein Jurist, Rechtsphilosoph, Diplomat und Literat, der südlich von Bordeaux zu Hause war und im absolutistischen Frankreich eine bemerkenswerte politisch-literarische Karriere machte. Wer gute Französischlehrer hatte, hat mal in seine Lettres Persanes (1721) hineingeschnuppert, ein für die damalige Zeit sensationelles Werk, in dem ein persischer Reisender seinem in Isfahan gebliebenen Freund schildert, wie merkwürdig es zuweilen in Europa zugeht. Und dass das Reisen den vertrauten Blickwinkel auf die Welt erweitern und neu beleuchten kann. Reisen als Quelle der Erkenntnis! Der Urheber dieser Lettres, der später mit De l’Esprit des Lois (1748) die Fundamente des modernen Rechtsstaats legen und damit endgültig weltberühmt werden wird, macht sich im April 1728 selbst auf die Socken. Italien, Österreich, Deutschland, Holland! Literatur macht er nicht. Aber er macht sich Notizen. Die liegen jetzt, fast dreihundert Jahre danach, zum allerersten Mal auf Deutsch vor, mit ausgewählten Illustrationen, kurzen Kommentaren, kompetenter Einleitung, anregendem Nachwort und hilfreichen Registern. Gut so! Ob Montesquieus Notate wirklich »höchst lesenswert« sind, wie der Herausgeber behauptet? Na ja. Auflistungen von Poststationen oder Maßeinheiten sowie allerlei Klatsch über Personen, die heute kaum noch jemand kennt, finden sich jedenfalls reichlich. Wiederholungen ebenfalls. Aber auch Perlen: »Die Deutschen, die in ihrer Jugend sehr wenig lebhaft sind, werden im fortgeschrittenen Alter unweigerlich dicker.«

Charles-Louis de Montesquieu: Meine Reisen in Deutschland 1728–1729. Ausgewählt, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Jürgen Overhoff. Aus dem Französischen übersetzt von Hans W. Schumacher. Mit einem Nachwort von Vanessa de Senarclens. Stuttgart 2014: Cotta Verlag. 216 S.

Licht über Europa
Vom heroischen Zeitalter der Aufklärung

»Aufklärung. Am Anfang war das Bild: Wie morgens der Himmel aufklart und die nächtliche Dunkelheit vertrieben wird, so soll auch der menschliche Verstand erhellt werden.« So beginnt der 1943 geborene, in Hamburg lebende Germanist und Philosoph Manfred Geier sein Buch über die europäische Ideen- und Geistesgeschichte von 1689 bis 1789, die das immer noch hochaktuelle Projekt eines vernünftigen und toleranten Zusammenlebens ganz unterschiedlicher Menschen begründet und entwickelt hat. Geier weiß, dass reine Philosophie ohne Charaktere aus Fleisch und Blut schnell ermüden kann, und so erzählt er uns »Lebens- und Werkgeschichten«, die exemplarisch für die großen Gedankenentwürfe der Aufklärung stehen sollen. Zuerst geht es um die innere und äußere Biografie von John Locke, dann folgen Kapitel über den Third Earl of Shaftesbury, die französischen Aufklärer Voltaire, Diderot und Rousseau, Moses Mendelssohn, Immanuel Kant, Olympe de Gouges und Wilhelm von Humboldt. Mag man auch über diese Auswahl trefflich streiten können – der Leser gewinnt einen guten Eindruck davon, wie wegweisend das Projekt der Aufklärung war, wie es Europa geprägt hat und wie sein Licht bis heute in die ganze Welt ausstrahlt. Und keineswegs nur nebenbei erfährt er auch, wie menschlich-allzumenschlich es zuging in der Gelehrtenrepublik des 18. Jahrhunderts.

Das anspruchsvolle Thema kann naturgemäß nicht auskommen ohne längere Zitate aus den einschlägigen Schriften, auch nicht ohne manchmal umständliche Paraphrasen des dort Dargelegten, und offenbar geht es auch nicht ohne sechsunddreißig Seiten Anmerkungen. Geier bemüht sich sehr, es immer wieder menscheln zu lassen, und zudem zieht er immer wieder erhellende Verbindungslinien zu vielen Debatten unserer Tage. Letztlich aber bleibt auch dieser höchst kompetente Fachmann ein akademischer Lehrer, und kaum jemals wurde einem deutschen Dozenten feuilletonistischer Charme oder stilistische Eleganz nachgesagt. Beides ist auch Manfred Geier nicht wirklich gegeben, und so wird die Lektüre seines verdienstvollen Bandes auf weite Strecken zu einer zähen und mühsamen Angelegenheit. Lohnend ist sie dennoch.

Manfred Geier: Aufklärung. Das europäische Projekt. Reinbek 2012: Rowohlt Verlag. 415 S.

Diesen Anblick, meine Kinder!
Die Schweiz-Reisen der Sophie von La Roche

Sophie von La Roche, die Großmutter von Clemens Brentano und dessen Geschwistern, starb am 18. Februar 1807. Die 1730 in Kaufbeuren geborene Schriftstellerin, seit ihrer Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) eine Größe der deutschsprachigen Literatur, darf man getrost als eine zwar adelige, in ihrem Habitus aber doch recht bürgerliche Schwäbin des 18. Jahrhunderts bezeichnen. Wer Armin Strohmeyrs Biografie der Jugendfreundin des im nahen Biberach geborenen Christoph Martin Wieland liest, der begegnet zuallererst einer grundsoliden, ehrenwerten und tüchtigen Frau – und bald auch einer herzensguten Mutter. Sophie von La Roche war aber zudem eine ehrgeizige, fleißige und mehr als nur talentierte Verfasserin von Prosaliteratur fast aller Art. Sie gab, durchaus außergewöhnlich für ihre Zeit, die Zeitschrift Pomona für Teutschlands Töchter heraus, und sie war eine Briefstellerin von Format. Dennoch sind sie und ihre Schriften so gut wie vergessen in einer Gegenwart, die oft schon mit dem Namen Wieland nichts mehr zu verbinden weiß. Dass sich das mit dem zweihundertsten Todestag plötzlich ändert, ist trotz aller verlegerischen Bemühungen nicht sehr wahrscheinlich. Liest man aber in ihren anschaulichen, anekdotenreichen und elegant formulierten Reisetagebüchern, wird man zugeben müssen: Diese Schriftstellerin hat mehr verdient als einen Gnadenplatz in den Kellern der Literaturgeschichte.

Das Reisen war zu ihrer Zeit beschwerlicher und anstrengender als heute. Und kostete schon damals viel Geld. Man reiste nicht zur Erholung, sondern um seine Persönlichkeit zu bilden, um Land und Leute kennenzulernen, um in der Fremde lebende Freunde oder manche im europäischen Geistesleben bekannte Figur aufzusuchen. Die Autorin musste vierundfünfzig Jahre alt werden, ehe sie am 25. Juni 1784 mit ihrem sechzehnjährigen Sohn Franz aus Speyer abreisen und wenige Tage danach bei Schaffhausen Schweizer Boden betreten konnte. Gleich hinab zum Rheinfall! Überwältigt schreibt die empfindsame Rousseau- und Haller-Leserin in ihr an die daheimgebliebenen Sprösslinge gerichtetes Tagebuch: »Diesen Anblick, meine Kinder! kan man nicht beschreiben; aber ein vorher nie bekanntes Gefühl von der Macht und Schönheit der Natur durchdringt hier die Seele.« Zürich schätzt sie aus einem anderen Grund – dort leben »Männer, welche alle Sprachen und Wissenschaften besitzen, und Patrioten, welche für ihr Vaterland alles thun«. Sie hat freundschaftlichen Umgang mit den Familien der Gessner, Usteri, Hirzel oder Füssli. »Wir betrachteten auch das vom Hause Escher erbaute Wasserrad.« Luzern und sein See erwecken ihre Ehrfurcht, und in Sursée nimmt die Reisende sogar an einem »Patriotenfest« teil.

»Nun sind wir an dem Ort unserer Bestimung«, beginnt der Eintrag vom 17. Juli, in dem Lausanne ebenso prägnant beschrieben wird wie bald darauf Genf. Der Besuch in Fernay gibt Gelegenheit, ihren durchaus ambivalenten Eindruck von Voltaire näher darzulegen. Auf nach Savoyen! Schlafen wird sie in »Chaumoni« nur wenige Stunden – starke Männer tragen Sophie hinauf zum Gletscher des Montblanc: »Man lernt an Allmacht glauben, wenn man hier steht, und die Felsen sieht. Wie klein, wie niedrig scheint aller Stolz der Welt, alles, wovon wir eine grose Idee hatten.« Dramatisch verstärkt wird das beinahe zu einer Art mystischer Gotteserfahrung ausartende Naturerlebnis durch ein kräftiges Gewitter, bei dem der mutigen Reisenden dann doch »ein wenig schauerte«. Doch bald ist man wieder in der »herrlichen Landschaft« rund um den Genfer See, und über Bern gelangt Sophie nach Basel, wo Jacob Sarazin sie beherbergt. »Alle Vormittage besuchten wir Merkwürdigkeiten der Stadt, und des Nachmittags führten die freundlich edlen Sarazins uns in der schönen Nachbarschaft umher, nach Wendek zu Merians und zu Herrn Battier auf dem Schlosse Mönchenstern.« Danach aber wird Sohn Franz der »Lehre und Sorge« von Gottlieb Konrad Pfeffel und seiner Militärschule in Colmar überlassen.

Die Schriftstellerin hat die Schweiz noch zweimal besucht. Über ihre Reise im Jahr 1789 hat sie kein Tagebuch geführt, wohl aber über ihre dritte, vom Tod ihres Franz überschattete Reise, auf der die Einundsechzigjährige massiv mit den Folgen der Revolution in Frankreich konfrontiert wird und darüber intensiv nachdenkt. Längere Zeit ist sie Gast bei Carl von Bonstetten und Charlotte von Wattenwyl: »Wie viel ist Lausanne und Nyon für mich geworden, indem ich meine Menschenkenntnis und Geistesruhe vermehrte und befestigte!« Die Erinnerungen aus meiner dritten Schweizerreise (1793) bieten mehr philosophische Betrachtungen als konkrete Schilderungen von Land und Leuten – und sie illustrieren das Ende ihrer Aufklärungs-Zuversicht. Wie Sophie von La Roche dann über Neuenburg, Aarau und Zürich eilig zurückreist und bald wieder am Rheinfall sitzt, nun aber einsam, nachdenklich und melancholisch, liest man nicht ohne Rührung. Alt war sie geworden – die Zeit nach 1789 wurde die ihre nicht mehr.

Sophie von La Roche: Reisetagebücher. Aufzeichnungen zur Schweiz, zu Frankreich, Holland, England und Deutschland. Ausgewählt und mit Einführungen versehen von Klaus Pott und Charlotte Nerl-Steckelberg (Bibliotheca Suevica 21). Eggingen 2006: Edition Isele. 443 S.

Sophie von La Roche: Lesebuch. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Helga Meise unter Mitarbeit von Claudia Bamberg und Andreas Jacob. Königstein im Taunus 2005: Ulrike Helmer Verlag. 311 S.

Armin Strohmeyr: Sophie von La Roche. Eine Biografie. Leipzig 2006: Reclam Leipzig. 303 S.

Goethes allzu braver Schweizer Freund
Eine solide Biografie bringt uns Johann Heinrich Meyer näher

Das erste umfassende biografische Porträt von Goethes fast lebenslangem Freund, dem Maler und Kunstkenner Johann Heinrich Meyer, ist eine erfreulich solide Sache, ganz im Gegensatz übrigens zu einer neuen Merck-Biografie aus dem gleichen Verlag. Sein Autor, der Germanist und Historiker Jochen Klauss, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Goethe-Nationalmuseum in Weimar und ein durch zahlreiche Goethe- und Weimar-Studien ausgewiesener Kenner der Materie, und er kann so lesbar, ja teilweise spannend schreiben, dass Übersetzungen aus dem Germanistischen ins Deutsche an keiner Stelle notwendig sind. Und flüssig, ja spannend zu schreiben ist kein geringes Kunststück bei einem so verdienten wie bedächtigen Mann wie dem »Kunschtmeyer«. Spannend ist auf jeden Fall die Epoche, die hier, manchmal ein wenig zu heimatkundlich auf Weimar fixiert, souverän vor Augen geführt wird. Klauss zitiert dabei ungewöhnlich viel, ohne dass dies den Fluss seiner biografischen Prosa groß störte, und was wirklich zu viel gewesen wäre, hat er in den umfangreichen, zur wissenschaftlichen Brauchbarkeit seines Buches ganz wesentlich beitragenden Anhang verbannt. Die Wissenschaftler dürften an dieser akkuraten Darstellung wenig auszusetzen haben und wohl hauptsächlich gerade das kritisieren, was das Buch für ein breiteres Publikum interessant macht – die beherzten Urteile des Biografen, die Farbe und Schwung in sein Werk bringen. Was dem »Kunschtmeyer« gewiss nicht schaden kann. Denn weshalb soll man sich ausgerechnet mit diesem am 16. März 1760 in Stäfa am Zürichsee geborenen und am 14. Oktober 1832 in Jena gestorbenen Künstler näher beschäftigen? Immerhin hat der Mann nicht den allerbesten Ruf, was Jochen Klauss gleich auf den ersten Seiten unter der Überschrift »Der Langweiler« aufgreift, ja aufgreifen muss, um uns dennoch für seinen Gegenstand einzunehmen. Er sieht in den teilweise gehässigen Vorurteilen gegen den »wichtigsten und verlässlichsten Freund und Berater« Goethes die Ursache dafür, dass es bislang keine umfassende Meyer-Biografie gibt, sondern nur ein paar Spezialstudien über den Maler und Kunsttheoretiker. Klauss hingegen verspricht, sich dem »Menschen« Meyer zuzuwenden, seine Rolle innerhalb der Weimarer Szene und vor allem seinen Anteil am Leben Goethes zu beleuchten und darüber hinaus den Wohltäter der Stadt Weimar sowie den Schweizer Kulturbotschafter gebührend zu würdigen. Dabei sollen, so verspricht der Autor weiter, Leben und Leistungen Meyers sachlich geschildert und individuell gewürdigt werden, damit dieser wackere Mann in Zukunft auch ohne den ständigen Seitenblick auf Goethe als bedeutende Persönlichkeit seiner Zeit gelten möge. Ein hoher Anspruch, den Klauss da in seiner Einleitung aufbaut. Ein zu hoher?

Kenntnisreich schildert Klauss die Kindheit und Jugend Meyers in Stäfa und Zürich – und das bei dürftigster Quellenlage. 1776 jedenfalls gibt seine Mutter Dorothea Billeter den zeichenbegabten Knaben bei dem Formenschneider und Maler Johannes Koella aus Stäfa in die Lehre, 1778 wechselt er zu Johann Caspar Füssli in die Kunst- und Gelehrtenmetropole Zürich, wo der junge Mann seine entscheidende geistige Prägung erfährt. Die Abschnitte über Zürich im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, über die Lehr- und Gesellenzeit Meyers und über sein bildungshungriges Hineinwachsen in die griechische Kunstwelt Johann Joachim Winckelmanns gehören zu den besten und instruktivsten Teilen dieser Biografie. Ihr Fazit lautet: »Meyer war ein Kind seiner Zeit; seine charakterliche Entwicklung war abgeschlossen, bevor Goethe ihm begegnete.« Bald geht es zum ersten Mal nach Italien: »Die deutsche Künstlerkolonie in Rom hatte, als Meyer und Koella 1784 zu ihr stießen, schon feste Regeln und Traditionen entwickelt, in die sich die Neuankömmlinge glücklich einfügten.« Meyer widmet sich mit unerschütterlichem Ernst seinen Kunststudien und gilt den leichtsinnig-lebenslustigen Kollegen bald als ungeselliger Eigenbrötler. Dass er jedoch als disziplinierter Autodidakt konsequent seinen künstlerischen Zielen zustrebt, »immer fest, immer sachlich« – genau das bringt ihm die Bewunderung des 1786 nach Rom gelangten Goethe ein. Klauss bezeichnet dieses Zusammentreffen, dessen in der Italienischen Reise geschilderte Umstände nebenher ein wenig korrigierend, ohne Umschweife als »Glücksfall« und »Lebenswende«, und er hat damit vollkommen recht. Denn: »Das 1787 hier beginnende innige Verhältnis – seltener Fall in Goethes Leben – sollte über vierzig Jahre lang harmonisch und ungetrübt bleiben«. Zunächst freilich hofft Meyer auf Goethes gute Beziehungen, und er hofft nicht vergebens. Der Dreißigjährige erhält ein zwar bescheidenes, aber sicheres herzoglich-weimarisches Stipendium, das ihm den weiteren Italienaufenthalt und seine Kunststudien ermöglicht und eine solide Zukunft in Thüringen eröffnet.

Im November 1791 trifft Johann Heinrich Meyer in Weimar ein. Er wird sogleich in die Goethesche Familie aufgenommen und damit in die bessere Gesellschaft des Städtchens. Er erwirbt sich beim Umgestalten des Hauses am Frauenplan große Verdienste und ist auch später als kompetenter Bauleiter tätig. »Keine der bedeutenden klassizistischen Baumaßnahmen in Weimar wurde ohne ihn, ohne seine aktive Mitarbeit durchgeführt.« Der Hausfreund fungiert als beständiger und verlässlicher Beschützer Christianes und des kleinen August, wenn das Familienoberhaupt auf Reisen ist – und er zeichnet und malt, unter anderem das bekannte Aquarell Christiane und August. Er malt Goethe derart objektiv und naturgetreu, dass der Freund zusammenzuckt – so dick ist er und so grämlich schaut er drein? Außerdem betätigt sich Meyer als Kunstschriftsteller und wird Lehrer an der »Freien Zeichen-Akademie«, später gar ihr Direktor. Goethe schreibt am 14. September 1795 an Schiller: »Es ist ein herrlicher Mensch.« Ende 1795 geht es ein weiteres Mal nach Italien – ohne Meyer hätte Goethe seine Lebensbeschreibung Benvenuto Cellinis nicht verfertigen können. Aber Meyer wird schwer krank in Florenz und rettet sich im Sommer 1797 nach Stäfa, wo bald auch Goethe eintrifft. Was die beiden im Zürcher Gasthof »Zum Schwert«, auf Johannes Eschers Landgut bei Herrliberg, in der »Krone« zu Stäfa, am Gotthard und anderswo treiben, ist gut belegt, und Klauss erzählt es sehr anschaulich. Ende 1797 sind die beiden wieder in Weimar, und bald machen sie sich an die Vorbereitung der Kunstzeitschrift Propyläen, in der sie das umfangreiche Material ihrer italienischen Kunststudien publizistisch ausschlachten wollen – und sich dabei bald in jahrelange Querelen mit den Romantikern verstricken, deren heftigste anti-klassizistische Zornesausbrüche sich gegen Meyer richten werden. Doch Meyer bleibt, auch in den späteren Essays und Polemiken in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung oder, nach 1816, in Ueber Kunst und Alterthum, fest bei seinen Grundüberzeugungen. Herzog Carl August betraut ihn mit der Aufsicht über die künstlerische Ausgestaltung des Residenzschlosses, und Meyer hat, wie Klauss hervorhebt, einen wesentlichen und meist unterschätzten Anteil am Zustandekommen dieser architektonischen Perle. 1803 heiratet er eine Adelige, Amalie Caroline Friederike von Koppenfels. Ihre zweiundzwanzig Ehejahre müssen sehr glücklich gewesen sein, auch ohne Kinder, und wenn es Meyer weniger gut geht, hilft stets die Heimatluft Stäfas. Er ist bis zu seinem Tod ein anerkanntes Mitglied der so ehrbaren wie klatsch- und intrigenreichen Weimarer Gesellschaft, die er mit lakonischen Äußerungen, trockenen Kommentaren und treffenden Aperçus zu unterhalten und bisweilen durch Kostproben seines Heimatdialekts zu entzücken weiß – Johanna Schopenhauer und andere Zeugen berichten oft Köstliches über den drolligen Humor des »Kunschtmeyer«, den Klauss auch als Vertrauten der jungen russischen Großfürstin Maria Pawlowna porträtiert, der Enkelin der Zarin Katharina II., die seit 1804 in Weimar residiert und sich mit Meyers Hilfe den humanistischen Geist des klassischen Weimar anzueignen sucht. Für ihre drei Mädchen entsteht unter Meyers Leitung der »Prinzessinnengarten« in Jena, und auch in Weimar tut Meyer viel Gutes, in künstlerischer wie auch in sozialer Hinsicht. Nach dem Tod der geliebten Frau gönnt er sich noch eine Reise in die Heimat und eine nach Karlsbad – nach dem Hinschied Goethes aber mag er nicht mehr so recht auf dieser Welt sein, und im Prinzessinnenschlösschen zu Jena tut er, dreiundsiebzigjährig, kurz danach seinen letzten Atemzug.

Ein erfülltes Leben, zweifellos. Und doch erinnert man sich, auch nach der Lektüre dieses verdienstvollen, eine grandiose Lebensleistung zu Recht ausführlich würdigenden Buches, an Johann Heinrich Meyer weiterhin nur in Bezug auf Goethe. »Er war die Inkarnation jener Goetheschen Idee vom Lehrer, Diener und Freund in einer Person«, meint sein Biograf, der seine in der Einleitung gemachten Versprechen fast alle einlösen kann – nur das mit dem Schweizer Kulturbotschafter wird, über das Reden im Dialekt hinaus, nicht recht deutlich. Dennoch scheint der Autor dem behaupteten Eigenwert seines Meyers nicht ganz zu trauen. Klauss endet sein detailreiches und auch sehr liebevolles Buch mit einem Satz, der seinen Protagonisten wiederum in den Schatten eines Größeren stellt, aus welchem er ihn doch eigentlich zu befreien gedachte: »Wahrscheinlich war Johann Heinrich Meyer in seiner Standhaftigkeit und Stetigkeit genau der Mensch, den der sich alle zehn Jahre wie eine Schlange häutende Dichter brauchte.«

Jochen Klauss: Der »Kunschtmeyer«. Johann Heinrich Meyer: Freund und Orakel Goethes. Weimar 2001: Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger. 358 S.

Weltliteratur?
Dieter Lamping rückt einiges zurecht

Der in Mainz lehrende Komparatist Dieter Lamping ist einer der nicht eben zahlreichen Literaturwissenschaftler, die den unübersehbaren Prozess der Internationalisierung der deutschsprachigen Literatur ernst nehmen und ihn in den Kontext der europäischen Literaturgeschichte zu stellen versuchen. Kein Wunder, dass er dabei bald auf Goethe und dessen bis heute so wirkungsmächtigen Begriff der »Weltliteratur« stieß. Denn diesem Konzept ist es im Grunde zu verdanken, dass wir die Literatur nicht für wesentlich monokulturell oder gar national halten. »Weltliteratur ist eine der großen Ideen des 19. Jahrhunderts – und eine der wenigen, die die Epoche ihrer Entstehung überlebt haben«, lautet der erste Satz des Buches. Was aber meint man heute damit, wenn man, wie es in der Literaturwissenschaft ebenso wie in der Literaturkritik allenthalben geschieht, von »Weltliteratur« spricht? Welchen Nutzen, welchen Erklärungswert hat der Rekurs auf Goethes Konzept? Und ist es überhaupt ein Rekurs, oder hat die gängige Verwendung des Begriffs nur noch wenig mit dem zu tun, was der Dichterfürst am 31. Januar 1827 im Gespräch mit Eckermann äußerte? Oft genug sind Goethes Worte zitiert worden: »National-Literatur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Welt-Literatur ist an der Zeit und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.« Diesen Worten, diesem Begriff und mehr noch dessen Karriere im 19., 20. und auch 21. Jahrhundert widmet sich Lampings im besten Sinne philologische, weil weit über die Philologie hinausweisende Untersuchung: »Die Idee der Weltliteratur in ihren wichtigsten, literarhistorischen wie literaturtheoretischen, aber auch ideengeschichtlichen Aspekten mit der gebotenen Knappheit darzustellen ist das Ziel dieses Buches. Dabei versucht es, nicht nur zu fragen, wie sie verstanden wurde, von ihrem Urheber und von seinen Lesern, sondern auch, wie sie noch immer sinnvoll zu verstehen sei.«

Naturgemäß geht es zuerst um Goethe, dessen Plädoyer für »Weltliteratur« den alten Dichter als einen weltoffenen, scharfsinnigen und der Zukunft zugewandten Beobachter seiner Epoche ausweist. Doch schon bei ihm bleibt der Begriff unscharf, und an keiner Stelle hat er systematisch entwickelt, was er eigentlich unter »Weltliteratur« verstanden wissen wollte. Als »formelhafte Aperçus« implizieren Goethes diesbezügliche Bemerkungen mehr als sie explizieren. In den drei der Einleitung folgenden Abschnitten seiner Studie stellt Lamping den Weimarer Altmeister in den Kontext der europäischen Literatur seiner Zeit und diskutiert die weitreichenden Implikationen der keineswegs nur angelesenen Internationalität des Divan-Dichters, der zwar nach heutigen Maßstäben kein weltkundiger Mann war, aber noch viel weniger ein »eingezogen lebender Mensch wie etwa Kant oder Lichtenberg«. In Goethes Werk und Wirken lässt sich, wie der höchst belesene, quellenkundige Verfasser detailliert nachweist, in vielerlei Hinsicht ein durchaus interkulturelles Interesse feststellen, auch wenn das bei Zeitgenossen wie Georg Forster, Adelbert von Chamisso oder Alexander von Humboldt ungleich stärker ausgeprägt gewesen sein mag. Unvermeidlicherweise geht es im ersten Teil des Buches auch um das von Herder, Schleiermacher und anderen entwickelte, von Lamping nicht als kontrastiv, sondern als komplementär zur »Weltliteratur« betrachtete Konzept einer »Nationalliteratur«. Abgesehen von diesem allerdings folgenreichen Scheinkonflikt zwischen Welt und Nation wurde die Idee der »Weltliteratur« niemals ausschließlich als poetische begriffen. »Vielen ihrer Anhänger galt und gilt sie auch, wenn nicht vor allem, als ein kosmopolitisches Programm, und gerade diese Verbindung hat viel zum Erfolg der Idee beigetragen.«

Der fünfte Abschnitt der Untersuchung weist nach, dass und inwiefern Goethes Idee sozusagen in der Luft lag. Denn: »Die drei Jahrzehnte vor und nach 1800 stellen die erste europäische Epoche der neueren deutschen Literatur dar.« Besonders manifest wird das »sowohl als Übersetzung wie als Vermittlung und als Verarbeitung, als produktive Rezeption«. Kundig führt Lamping durch die ungeheure Fülle und Dichte der Bezugnahmen auf europäische Literaturen, die die deutschsprachige Literatur um 1800 aufweist und die nicht allein Themen und Motive, sondern auch Formen und Gattungen betreffen. Spätestens in der »Goethezeit« – und nicht etwa erst mit den Anfängen einer »Literatur der Migration« seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts – wurde Internationalität zu einem konstitutiven Moment der deutschen Literatur. Die Rede von der »Weltliteratur« allerdings folgte seit Goethes Tod vielfach einer eigenen Logik, und den diversen Bedeutungsverschiebungen dieses wandelbaren Konzepts geht der Autor detailliert nach, bis hinein in einzelne »Dialoge« von (mindestens) zwei Texten unterschiedlicher Sprachherkunft. Selbstverständlich ist »Weltliteratur als intertextuell fassbare literarische Internationalität« kein völlig neues Konzept, doch gerade in der deutschen, über lange Zeit hindurch von nationalem Denken dominierten Literaturwissenschaft und ihren akademischen Organisationsformen spielte es nur selten eine wichtige Rolle – was, betrachtet man die Germanistik auch der jüngeren Zeit, gravierende Folgen zeitigte. »In den neueren Philologien hat der Begriff der ›Weltliteratur‹ in dem Maß an Bedeutung gewonnen, in dem sich neben den einzelsprachlichen eine vergleichende Literaturwissenschaft bildete«, meint der Verfasser und unterschlägt dabei ein wenig, dass auch die seit etwa 1980 fortschreitende Entwicklung einer »Interkulturellen Germanistik« hier entschieden bewusstseinsverändernd gewirkt hat. Immerhin nimmt er die nicht-deutsche interkulturelle Literatur- und Kulturwissenschaft der letzten Jahre (Homi K. Bhabha, David Damrosch, John Pizer) in den Blick, die der Goetheschen Idee »eine ganz neue Aktualität abgewonnen hat«. Dass der inflationäre Gebrauch des vieldeutigen Begriffs auch »Unbehagen« ausgelöst hat, verschweigt Lamping nicht. Dennoch ist er davon überzeugt, dass die komplexe Idee der »Weltliteratur« vorerst einmal weiterleben wird, und mit ihr auch das kulturwissenschaftliche Konzept. Goethes großes Verdienst sei es nun einmal, »eine suggestive Formel für Prozesse literarischer Internationalisierung« gefunden zu haben. Diese Prozesse halten an, ja sie verstärken sich sogar. Wer sie begrifflich fassen will, kommt an der »Weltliteratur« ebenso wenig vorbei wie an der fast uneingeschränkt empfehlenswerten Studie von Dieter Lamping. Fast? Na ja, ein ausreichend umfängliches Literaturverzeichnis gibt es, aber leider kein Begriffs- und Namensregister. Weitere kritische Einwände allerdings hat dieses einleuchtend strukturierte, klar und verständlich geschriebene Buch nicht verdient.

Dieter Lamping: Die Idee der Weltliteratur. Ein Konzept Goethes und seine Karriere. Stuttgart 2010: Alfred Kröner Verlag (Kröner Taschenbuch 509). 151 S.

Ihm war auf Erden nicht zu helfen
Heinrich von Kleist – ein fremder Zeitgenosse

Ob Der zerbrochene Krug, Penthesilea, Das Käthchen von Heilbronn oder Prinz Friedrich von Homburg – Heinrich von Kleists Dramen werden gespielt, und zwar nicht nur im deutschsprachigen Raum. Seine Erzählungen gelten als Meisterwerke deutscher Prosa, und sie werden auch gelesen, Michael Kohlhaas vor allem, Die Marquise von O … und Das Erdbeben in Chili. Die Figur des 1777 in Frankfurt an der Oder geborenen und 1811 am Berliner Wannsee zusammen mit Henriette Vogel aus dem Leben geschiedenen Dichters ist, auch durch Film und Populärkultur, zur Ikone romantischer Zerrissenheit und Rastlosigkeit geworden. Reden wir nicht vom Literaturunterricht an Schulen und Universitäten – Kleist ist so präsent wie Goethe, Schiller oder Hölderlin, und womöglich wird sein Werk freiwilliger, öfter und intensiver rezipiert als das der Weimarer Klassiker oder das des genialen Außenseiters aus Württemberg.

In der Germanistik spielt die Kleist-Forschung seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle, und wie es sich für Germanisten gehört, waren sich die Forscher keineswegs immer grün. Dass es durchaus unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten gibt, führt ein vornehmlich für Experten belangvoller Sammelband vor Augen, der gerade wegen seiner meist brillant formulierten Heterogenität hochinteressant ist – und uns hier nicht weiter beschäftigen darf. Was auch für Klaus Müller-Salgets Buch gilt. Seine konzise und solide Einführung in die Materie fasst das heutige Wissen um Kleists Biografie und die Erkenntnisse zu seinen Werken sehr gekonnt zusammen und gewinnt nicht zuletzt durch die Bibliografie an Format. Trotz dieser beiden gelungenen Publikationen muss man aber die lang erwartete Biografie in den Vordergrund stellen, in der Rudolf Loch, zu DDR-Zeiten ein unermüdlicher Initiator der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte in Frankfurt an der Oder und bis 1994 deren Direktor, sein lebenslanges Bemühen um den Dichter auf spannende Art und Weise ausgebreitet hat.

Loch schreibt ein elegantes, angenehmes und eingängiges Deutsch, das dem erfolgreichen Genre der wissenschaftlich fundierten und doch mühelos zu lesenden Künstlerbiografie optimal entspricht. Im Gegensatz zu Müller-Salget trennt er die Darstellung des Lebens nicht von der Charakterisierung und Deutung der Werke, ohne die Sphären des Biografischen und des Poetischen zu vermischen. Der Biograf lässt dem Dichter wie auch den Werken ihr Geheimnis – er zeigt auf, wägt ab, fragt, vermutet, stellt infrage. Der Gestus des Behauptens ist diesem Buch fremd, übrigens auch das modische Sicheinbringen nach dem Motto »Ich und Er«, wie man es von Peter Härtling, Dieter Kühn und anderen Literaten kennt. Loch erzählt, getragen von beneidenswert stupender Sachkenntnis, angenehm unaufgeregt und gerade deshalb überzeugend. Und er weiß, wie weit er gehen darf. Beispiel: Kleists durch Albrecht von Haller und Jean-Jacques Rousseau entflammte, damals durchaus nicht ungewöhnliche Schweiz-Begeisterung. Loch erzählt von den rastlosen Reisen durch das Land, von den Schweizer Freunden, von den hier erfahrenen und weitreichenden Impulsen für sein dichterisches Schaffen, von Kleists Versuch einer Existenz als Landwirt und Dichter auf der nachmals berühmten Insel im Thuner See, und er macht ganz deutlich, dass wir darüber nur manches und nicht alles wissen. Punkt. Loch betont, dass Kleist ein sensibler, kluger, zupackender und zugleich zögerlicher Preuße und Europäer in einer widerspruchsvollen Epoche war, nicht nur ihr unglückliches Opfer. Der Dichter, dem »auf Erden nicht zu helfen« war, gilt erst seit hundert Jahren als Zeitgenosse der Moderne – zu Recht, wie Rudolf Lochs uneingeschränkt lesenswerte Biografie beeindruckend verdeutlicht.

Rudolf Loch: Kleist. Eine Biographie. Göttingen 2003: Wallstein Verlag. 540 S.

Klaus Müller-Salget: Heinrich von Kleist. Stuttgart 2002: Reclam Verlag. 359 S.

Anton Philipp Knittel / Inka Kording (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Neue Wege der Forschung. Darmstadt 2003: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 299 S.

Nette Idee das
Heinrich von Kleist in der Schweiz

»Kleist hat Kost und Logis in einem Landhaus auf einer Aareinsel in der Umgebung von Thun gefunden«, beginnt die erstmals im Juni 1907 veröffentlichte Erzählung Kleist in Thun. Was der vor zweihundert Jahren am Berliner Wannsee aus dem Leben geschiedene Preuße im Jahr 1802 dort trieb, ist ihrem Autor Robert Walser ziemlich klar: »Er dichtet natürlich … Er hat Bauer werden wollen, als er in die Schweiz gekommen ist. Nette Idee das.« In der Tat kann man betrübt lächeln über diesen von intensiver Lektüre der Schriften Rousseaus beflügelten und doch von vornherein zum Scheitern verurteilten Selbsterfüllungsversuch eines ruhelosen Vierundzwanzigjährigen, der seit Kurzem ohne Vormund über sein ererbtes Vermögen verfügen durfte. Gerhard Schulz, Verfasser der trotz aller Neuerscheinungen im sogenannten Kleist-Jahr 2011 noch immer besten Biografie, sieht die Sache wohl ähnlich wie Robert Walser. Aber er bietet auch an, Kleists Absicht, ein Schweizer Bauer zu werden, ernst zu nehmen und sie als »erlösendes Engagement für praktisches Handeln« zu betrachten. Viel wichtiger aber als Kleists letztlich ja nur aus verstreuten Briefstellen erschlossene Intentionen ist natürlich: »Hier wurde Heinrich von Kleist wirklich zum Dichter, hier entstand sein erstes Drama, und angesichts dessen sind alle guten Gründe für sein Agrarprojekt wie alle Zweifel daran zweitrangig.« Oder, wie es Günter Blamberger in seiner Biografie formuliert: »Die Schweiz ist für den Nomaden Kleist zweierlei: Ort der Melancholie wie der Utopie. Letzteres heißt ja Nicht-Ort und meint einen Ort, wo er zugrunde gehen und zugleich auf den Grund seines Daseins gehen und sich neu entwerfen kann. In und durch die Literatur.«

Der junge Mann, der seiner Mit- und Nachwelt so viele Rätsel aufgegeben und sich mit unvergleichlich sprachmächtigen Schauspielen und Erzählungen tief und nachhaltig in die deutsche Literaturgeschichte eingeschrieben hat, kam Ende 1801 von Paris her in die Schweiz. Es waren politisch unruhige Zeiten in der Helvetischen Republik von Napoleons Gnaden, und in einem Brief an seine Schwester Ulrike heißt es einmal, es ekele ihn bereits vor dem bloßen Gedanken, irgendwann einmal ein Franzose werden zu müssen. Zwar unternahm Kleist einige Anläufe, ein Landgut zu erwerben, doch seinen Siedlertraum gab er schon bald auf. Lieber Dichten als Säen: Von April bis Juni 1802 schrieb er an seinem Drama Die Familie Schroffenstein, vielleicht auch schon am Robert Guiskard, und gelegentlich fuhr er nach Bern und las daraus vor. Der Schriftsteller Heinrich Zschokke, der Verleger Heinrich Gessner und Ludwig, der Sohn des großen Dichters Christoph Martin Wieland, wurden ihm Freunde. Beste Voraussetzungen für eine Literatenkarriere, sollte man meinen. Kleists erstes Drama, mit der Jahresangabe 1803 schon im Herbst 1802 ohne Nennung des Verfassernamens in Gessners Verlag erschienen, war schließlich auch keine »elende Scharteke«, wie er selbst einmal geäußert hat, sondern, folgt man seinem Biografen Schulz, »im Spiel der Motive eher schon so etwas wie die Ouvertüre zu seinem späteren Werk«. Auch manche Anregung für seine Justizkomödie Der zerbrochne Krug, die er dann freilich in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts ansiedelt, dürfte Kleist in seinen Schweizer Monaten erhalten haben. »Die Schweizer Verhältnisse und die Persönlichkeit Zschokkes haben vermutlich mehr in Kleist, in seiner Entwicklung und in seiner Dichtung, ausgelöst, als bislang erkannt worden ist«, schreibt Rudolf Loch, ein weiterer Kleist-Experte. Briefe verfasste der junge Dichter auch, darunter einen, mit dem er sein prekäres Verlöbnis mit Wilhelmine von Zenge de facto auflöste. Das war am 20. Mai, und schon Ende Juni ist es vorbei mit dem Leben auf der Insel, dessen profanen Alltag ihm das Mädeli eines Nachbarn recht angenehm gestaltet hat. Der Rest: Launen, Stimmungswechsel, Malaisen. Am 17. Oktober 1802 zog ihn seine Schwester Ulrike in die Kutsche. Das war's mit der Schweiz. Wer es genauer wissen möchte, muss bis Mai 2011 warten: Ein Büchlein mit dem schönen Zitattitel »Ich will im eigentlichsten Verstande ein Bauer werden« verspricht weitere Details. Wichtig aber waren die Schweizer Monate allemal. Und Thun hat eine Sehenswürdigkeit mehr: das Haus auf der Insel. Zu Recht, sagt Günter Blamberger: »Thun ist Kleists zweiter Geburtsort, der Ort seiner Neugeburt als Dichter.«

Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie. Frankfurt am Main 2011: S. Fischer Verlag.

Philipp Burkard / Anett Lütteken (Hrsg.): »Ich will im eigentlichsten Verstande ein Bauer werden«. Heinrich von Kleist in der Schweiz. Göttingen 2011: Wallstein Verlag.

Rudolf Loch: Kleist. Eine Biographie. Göttingen 2003: Wallstein Verlag.

Gerhard Schulz: Kleist. Eine Biographie. München 2007: C. H. Beck Verlag.

Robert Walser: Kleist in Thun (1907). In: Das Gesamtwerk in 12 Bänden. Hrsg. von Jochen Greve. Band I, S. 174–185. Zürich / Frankfurt am Main 1978: Suhrkamp Verlag.

Mit den Augen des Fremden
Adelbert von Chamisso ist neu zu entdecken

Nichts gegen das von Hans Magnus Enzensberger mit großem Aufwand ins Werk gesetzte »Humboldt-Projekt«, das dem heutigen gebildeten Lesepublikum die wichtigsten Schriften Alexander von Humboldts nahe bringen möchte. Auch nichts dagegen, dass aus Anlass des kürzlich begangenen zweihundertfünfzigsten Geburtstags von Georg Forster ganz zu Recht dessen Voyage Round the World gewürdigt wurde. Noch einem aber aus jenen fernen Tagen, als die Weltkarten noch jede Menge weißer Flecken hatten, gebührt die ehrwürdige Charakterisierung »Dichter, Naturwissenschaftler, Weltreisender«, die sich im Untertitel eines neuen Ausstellungskatalogs findet: dem 1781 auf einem Schloss in der Champagne geborenen, mit den Eltern vor der Revolution nach Preußen geflüchteten und sich dort zu einem der meistgeschätzten und populärsten deutschen Poeten entwickelnden Charles Louis Adelaide Chamisso de Boncourt. Nicht wenige seiner Balladen lernten deutsche Gymnasiasten bis vor Kurzem noch auswendig, und die Kenntnis seiner Geschichte vom Mann, der seinen Schatten verkaufte, gehört nach wie vor zum literarischen Grundwissen. Man dürfe Chamissos »unsterbliche Geschichte von Peter Schlemihl« als eine »Parabel der Fremdheit« lesen, meint Harald Weinrich, der vor zwanzig Jahren maßgeblich für die Einrichtung des Adelbert-von-Chamisso-Preises gesorgt hat – eines renommierten Literaturpreises für deutsch schreibende Schriftsteller nicht-deutscher Herkunft und Muttersprache, über den man am Ende des Katalogs auch einiges lesen kann. Es stimmt: Der Lyriker und Erzähler Adelbert von Chamisso ist immer noch relativ bekannt. Der Naturwissenschaftler und Weltreisende allerdings erfährt erst jetzt größere Aufmerksamkeit, und das liegt vor allem an der im Berliner Bezirk Kreuzberg präsentierten, von viel Liebe zum Detail getragenen Ausstellung Mit den Augen des Fremden. Und an dem opulent aufgemachten, lehrreichen und unterhaltsamen Katalog, der uns den nicht weit vom Ausstellungsort beerdigten Dichter endlich einmal so vorstellt, wie es einschlägige Literaturgeschichten bisher nicht konnten. Mit anhaltendem Staunen nimmt man zur Kenntnis, dass dieser Chamisso noch weit mehr war als ein großer deutscher Dichter aus Frankreich.

Ulrike Treziak nimmt Harald Weinrichs Anregungen auf, wenn sie in der Einleitung schreibt: »Chamisso war jemand, der in verschiedenen Kulturen, mit verschiedenen Sprachen, in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten gelebt und mit Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit verkehrt hat. Gerade das hat ihn zu einem Wissbegierigen gemacht und zu einem offenen Geist … Diese Offenheit für das Fremde war die Grundvoraussetzung für seinen tiefen Respekt vor anderen Kulturen.« Genau das zeichnet Chamisso aus. Am Morgen des 9. August 1815 meldet sich der Vierunddreißigjährige auf der Reede zu Kopenhagen beim Sohn eines in der Goethezeit viel gespielten Bühnendichters. Otto von Kotzebue ist der Kapitän des Forschungsschiffs »Rurik«, das drei Jahre lang »in die Südsee und um die Welt« segeln wird, mit Chamisso als Naturforscher und Korrespondenten. Brasilien und Chile samt Osterinseln, die Halbinsel Kamtschatka, die Aleuten und Alaska, später Kalifornien, Hawaii, Guam und Manila, und über Kapstadt schließlich zurück nach Europa – der Leser reist, kundig geführt von Ulrike Treziak und sinnlich angeregt durch die vorzüglich reproduzierten Lithografien von Ludwig Choris, mit Chamisso durch die Beringsee und den gesamten pazifischen Raum. Ein Abenteuer! Und das schon im ersten von insgesamt siebzehn Katalogbeiträgen! Die übrigens alle leicht lesbar sind und doch auf dem neuesten Stand der Forschung, ob es nun um die Biografie des dichtenden Botanikers geht, um die genauere Analyse seines erst 1836 erschienenen letzten Buches Reise um die Welt, um Mitreisende wie den Arzt Johann Friedrich Eschscholtz oder den »Reisemaler« Ludwig Choris, um »Stabkarten, Sandkarten und Seekarten« oder um Chamissos wertvolle Hinterlassenschaften in den Botanischen Museen von Berlin und St. Petersburg. Allein zwei Katalogseiten füllt die Liste der ihm gewidmeten Namen von Pflanzen, Tieren und geografischen Orten, von »Aconitum delphinifolium ssp. Chamissonianum« (Eisenhut-Art) bis »Xylaria chamissonis« (brasilianische Kernpilz-Art)!

Kurzum: Es gibt nichts Besseres und vor allem nichts Schöneres über den dichtenden Naturforscher als diesen empfehlenswerten Katalog, der am Ende auch noch dessen Spuren im Berliner »Chamisso-Kiez« nachgeht und dazu einlädt, es nicht bei einem Besuch der Ausstellung zu belassen. Sondern sich auch ein wenig in der Nachbarschaft umzusehen. Vielleicht besorgt man sich dann gleich Chamissos Reise um die Welt.

Mit den Augen des Fremden. Adelbert von Chamisso – Dichter, Naturwissenschaftler, Weltreisender. Berlin 2004: Kreuzberg Museum. 240 S.

Adelbert von Chamisso – Vermittler zwischen Sprachen und Kulturen

Dass Adelbert von Chamisso nicht nur wegen seiner interkulturellen Biografie, sondern vor allem durch seine Übersetzertätigkeit einer der großen Vermittler zwischen dem deutschen und dem französischen Kulturraum im 19. Jahrhundert war, hat Werner Feudel 1986 in einem kleinen Aufsatz herausgearbeitet. Dass er zugleich der humanistisch-literarischen Sphäre und der zeitgenössischen Welt der Naturwissenschaften angehörte und deshalb auch als produktiver Vermittler zwischen unterschiedlichen akademischen Kulturen betrachtet werden kann, ist mehrfach nachgewiesen worden. Und dass die ethnologischen und sprachwissenschaftlichen Studien in der Folge von Chamissos naturforschender Weltreise fast durchgängig eine Kulturen vergleichende Dimension aufweisen und somit auch auf Vermittlung zielen, ist evident. Aus Berlin schreibt Chamisso 1814 an de la Foye: »Kein anderes Vaterland habe ich doch, kann ich doch haben, als die gelehrte Republik, wo ich bescheiden und still mich einzubürgern gedenke, und da meine kleine Freiheit harmlos zu genießen.« Harald Weinrich beginnt seinen Essay Chamissos Gedächtnis damit, den wissenschaftlichen Nachruhm des Biologen, Botanikers und Geografen Chamisso herauszustellen, ehe er vom Literaten und insbesondere von dessen Schlemihl spricht. Weinrichs luzider Essay, der ursprünglich ein Vortrag war, beschwört am Ende »das lebendige Fortwirken dieses Autors im Denken, Fühlen und Schreiben derjenigen Autoren, die ich vor Jahren einmal ›Chamissos Enkel‹ genannt habe, weil sie wie Adelbert von Chamisso aus einer anderen Sprache und Kultur kommen und mit ihrem Schreiben der deutschen Literatur neue Impulse gegeben und sie ein gutes Stück hellsichtiger und weltoffener gemacht haben«. Um das in diesem Essay auch angesprochene weite Feld, von Chamissos allmählicher Kanonisierung in der deutschen Literaturgeschichte und seinem Nachruhm als deutscher Dichter bis hin zu den von Weinrich erwähnten Literaten, die man heute mindestens »Chamissos Ur-Urenkel« nennen müsste, soll es hier gehen – wobei ich, aus Kompetenzgründen, den Naturwissenschaftler weitgehend außer Acht lasse und mich auf den Dichter Adelbert von Chamisso konzentriere, ohne allerdings literaturwissenschaftliche Textanalysen zu liefern. Es geht mir um die bis heute anhaltende Bedeutung eines Mannes, der als Nicht-Muttersprachler mit dem Schlemihl zu Weltruhm gelangte, der insgesamt ein relativ erfolgreiches und nachhaltig weiterwirkendes literarisches Werk in deutscher Sprache geschaffen hat und der durch die unter anderem von Edward Mornin näher untersuchte »europäische Dimension seiner Einstellung und seiner Dichtung« hervorsticht. Deutsche Literatur, und was für eine, von einem Autor französischer Muttersprache – das ist schon für Chamissos Zeitgenossen äußerst bemerkenswert gewesen, und eine recht lange Zeit hindurch, bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts hinein, ist es auch mehr oder weniger einmalig geblieben. Chamissos Ur-Urenkel sind ein im deutschen Kulturraum relativ neues Phänomen. Ausnahmen jedoch hat es immer gegeben.

Auf das entscheidende biografische Faktum, den Sprach- und Kulturwechsel nämlich, dem der junge Adelige in Preußen unterworfen wurde, ist nicht noch einmal näher einzugehen. Keine Biografie des Dichters wird es versäumen, diesen Sprach- und Kulturwechsel ausführlich und explizit zu erörtern. Stellvertretend für viele sei Klaus Günzel zitiert, der über den preußischen Offizier der Jahre nach 1806 schreibt: »Als nach wie vor unbehauster Emigrant sah er die Freunde zum antinapoleonischen Befreiungskampf rüsten, was die schon lange in ihm schwelende Identitätskrise zum offenen Ausbruch brachte: Ein Franzose war er nicht mehr, ein Deutscher noch nicht. Würde er es je werden?« Auch in Thomas Manns berühmtem Chamisso-Essay wird eingehend darauf hingewiesen. »Das Wort, das da ist«, schreibt Thomas Mann in seiner etwas blumigen Diktion von 1911, »das allen gehört und das doch ihm in einem innigeren und beglückenderen Sinn als jedem andern zu gehören scheint, es ist sein erstes Staunen, seine früheste Lust, sein kindischer Stolz, der Gegenstand seiner geheimen und unbelobten Übungen, der Quell seiner vagen und fremdartigen Überlegenheit«. Dass sich Thomas Manns Formulierung von der »fremdartigen Überlegenheit« auch darauf bezieht, dass Chamisso ein »Dichter nach Herders Sinn« gewesen ist, wie sein Biograf Peter Lahnstein meint, ist wahrscheinlich. Ich zitiere Lahnstein: »›Stimmen der Völker‹ tönen hundertfältig aus seinem Werk; neben den deutschen und französischen spanische, baskische, korsische Stimmen, polnisch-jüdische, ungarische, nordische, russische; Stimmen aus dem alten Orient, aus Amerika, aus der Südsee. In seinen Gedichten fließt es ineinander: Aufnehmen und freie Gestaltung fremder Motive, Nachdichtung und Übersetzung.« Doch die Geschichte der innerliterarischen Chamisso-Rezeption in Deutschland ist, über Heinrich Heine, Georg Herwegh, Heinrich Laube, Ludwig Bechstein, Leopold Kompert, Friedrich Hebbel und viele andere Dichter des 19. Jahrhunderts bis hin zu Richard Schaukals Novellenband Schlemile (1908) oder Thomas Mann selbst, dessen Tonio Kröger von Arthur Eloesser 1925 als »neuer Schlemihl« bezeichnet wurde, zunächst einmal die Geschichte der Schlemihl-Rezeption geblieben. Ausnahmen wie Theodor Storms Eekenhof gibt es natürlich auch. Ludwig Thoma wählt »Schlemihl« zu einem seiner Pseudonyme, nicht etwa, was ja auch denkbar gewesen wäre, »Chamisso«. Das gilt auch international. »Schlemihl, der ewige Pechvogel, eine jüdische Vokabel, durch Chamisso in die Weltliteratur eingeführt«, schreibt Lahnstein. Auch wenn 1886 die bereits 23. Auflage seiner Gedichte erschien – die rund achtzig Auflagen und mehr als hundert Übersetzungen des Schlemihl bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs sprechen eine deutliche Sprache. Die Chamisso-Ausgaben und -Übersetzungen bis 1919 sind in der Bibliotheca Schlemihliana aufgeführt.

Im Literaturkanon des deutschen Bürgertums und damit auch dem der Schulen und Universitäten hatte der auch durch die Vertonungen von Robert Schumann populäre Dichter mindestens bis 1918, wenn nicht bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, seinen festen Platz – und dies keineswegs ausschließlich als Autor des Schlemihl, dem Ernst Ludwig Kirchner während des Ersten Weltkriegs seinen Zyklus von Farbholzschnitten widmete. Gedichte wie Das Riesenspielzeug, Das Schloss Boncourt, Die Sonne bringt es an den Tag oder Salas y Gomez fanden Eingang in die Lesebücher von Generationen. Es gibt die schöne Geschichte des 1912 geborenen Curtius-Schülers Werner Ross, der Chamisso über ein im Haushalt vorhandenes Dichterquartett kennengelernt hatte und lapidar feststellt: »Da in den Dichterquartetten alle Dichter, groß und klein, je vier Werke verfasst haben, werden auf dem Kärtchen der ›Peter Schemihl‹, das ›Schloß Boncourt‹, ›Frauen-Liebe und -Leben‹ und ›Die alte Waschfrau‹ gestanden haben, die vier Titel, die ausnehmend beschlagenen Literaten und Liebhabern heute noch einfallen.« Mit dem Gedichtzyklus Frauenliebe und -leben habe Chamisso zum Lieblingsdichter des Biedermeier werden und zugleich als Sympathisant der Pariser Revolution von 1830 erscheinen können, schreibt der 1926 geborene Günter de Bruyn in seinem Buch Die Zeit der schweren Not, das, wie sein Untertitel verrät, »Schicksale aus dem Kulturleben Berlins 1807 bis 1815« ausbreitet und dessen Patron und Schirmherr niemand anderes ist als Adelbert von Chamisso – ein vorläufiger Schlussakkord zur offenbar bis heute nicht ganz abgerissenen Kette der literarischen Chamisso-Rezeption in Deutschland. Doch selbst wenn man den 1936 im Amsterdamer Exil und 1958 in zweiter Auflage erschienenen Chamisso-Roman Der Schlemihl von Hans Natonek nicht vergisst und zudem darauf hinweist, dass das Motiv vom verlorenen Schatten nicht nur Wilhelm Raabe oder Hugo von Hofmannsthal, sondern nach 1960 auch James Krüss, Christoph Meckel, Elisabeth Plessen und andere Autoren fasziniert hat – man darf sich doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Präsenz des Dichters im Laufe des 20. Jahrhunderts selbst bei Literaten und Germanisten gegenüber der von 1900 eklatant abgenommen hat. Damit befindet sich Chamisso bedauerlicherweise in guter Gesellschaft. Ihn wieder mehr ins öffentliche Gespräch zu bringen, haben verdienstvolle Editoren und Kommentatoren mit einigem Erfolg versucht, und dieser Erfolg ist auch der jüngst in Kunersdorf gegründeten Chamisso-Gesellschaft zu wünschen. In ihrer Satzung sind die Ziele der Gesellschaft zusammengefasst, und deren erstes heißt Interkulturalität, genauer: »Menschen und Institutionen aus allen Ländern und Sprachen zusammenzuführen, die sich im Sinne Chamissos aktiv für den übernationalen wissenschaftlichen und literarischen Austausch einsetzen.« Das ist ein Ziel, mit dem sich die Initiatoren und Organisatoren des Chamisso-Preises ohne weiteres identifizieren können. Diesen Preis und seine Geschichte möchte ich als Leuchtturm der Chamisso-Rezeption seit den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Denn die Initiative Harald Weinrichs, einen Preis für herausragende literarische Werke in deutscher Sprache, die von Autoren anderer Muttersprachen beziehungsweise Herkunftskulturen geschrieben wurden, nach Adelbert von Chamisso zu benennen, hat die Rezeption des zuvor ein wenig in Vergessenheit geratenen Dichters neu belebt und weitergeführt.

Der Adelbert-von-Chamisso-Preis wird seit 1985 verliehen, anfangs gemeinsam von der Robert Bosch Stiftung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und dem Institut für Deutsch als Fremdsprache der Universität München, seit 2004 allein von der in Stuttgart angesiedelten Stiftung. In seinem Aufsatz Ein Rinnsal, das Fluss und Strom werden wollte rekapituliert Harald Weinrich, der Initiator des Ganzen, die Vorgeschichte des Preises und teilt auch mit, weshalb Chamisso als Namensgeber der Auszeichnung dem ebenfalls ins Spiel gebrachten Elias Canetti letztlich vorgezogen wurde. Klar war, dass er »auf den verschlungenen Wegen des Exils hierzulande ein großer Dichter, ja ein Klassiker der deutschen Literatur geworden war«. Aber: »Bei der Option Chamisso spielte auch dessen weltbekannte Novelle von Peter Schlemihl, dem Mann ohne Schatten, eine beträchtliche Rolle. Es sollte damit deutlich werden, dass die ›Chamisso-Autoren‹, wie wir später gelegentlich verkürzt sagten, auf dem Weg in die deutsche Literatur ihren Schatten nicht einbüßen sollten.« Chamisso selbst habe sich, so Weinrich, mit einem national oder eurozentrisch begrenzten Weltbild niemals abgefunden. »Und so denke ich auch, dass er an dem Preis, der seinen Namen trägt, seine helle Freude gehabt hätte.« Wie dem auch immer sei – der Preis, dessen Zustandekommen naturgemäß nicht nur Harald Weinrich und der ihn finanziell tragenden Robert Bosch Stiftung zu verdanken ist, sondern auch etlichen anderen Personen, von denen hier nur Irmgard Ackermann und Karl Esselborn zu nennen sind, dieser Preis hat sich im Laufe der Zeit zu einem der angesehensten deutschen Literaturpreise entwickelt. Das in jeglicher Hinsicht weite Spektrum der Literatur, die von den durchaus sehr unterschiedlichen Preis- und Förderpreisträgern geschrieben wird, hat sich seinen festen Platz in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gesichert. Diese Literatur wird weltweit zur Kenntnis genommen und in Forschungsarbeiten und auf entsprechenden Tagungen analysiert und bewertet.

Mit den Augen des Fremden lautete der Titel der schönen Ausstellung, die das Kreuzberg Museum in Berlin vor sieben Jahren auf die Beine stellte, und in der Einleitung zu deren ebenso schönen Katalog heißt es programmatisch: »Chamisso war jemand, der in verschiedenen Kulturen, mit verschiedenen Sprachen, in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten gelebt und mit Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit verkehrt hat. Gerade das hat ihn zu einem Wissbegierigen gemacht und zu einem offenen Geist … Neugier, Offenheit und vor allem Respekt im Umgang mit dem Fremden können wir noch heute von Chamisso lernen. Und noch etwas zeigt er uns: der Migrant, der seine Heimat verlässt, um in einem anderen Land zu leben, bereichert die Aufnahmegesellschaft – vorausgesetzt, die neue Heimat ist bereit, ihn mit dem von ihm mitgebrachten Kulturschatz anzunehmen.« Wenn man das gelten lassen möchte, dann ergibt sich die enge Verbindung des Autors und großen interkulturellen Vermittlers Adelbert von Chamisso mit seinen schreibenden Ur-Urenkeln und speziell den Chamisso-Preisträgern fast wie von selbst. Durch diese Autoren und ihre Werke lebt der Name Chamisso im 21. Jahrhundert weiter. Nicht nur, zu einem nicht zu übersehenden Teil aber doch.

Unverhofft kommt oft
Vor zweihundertfünfzig Jahren wurde Johann Peter Hebel geboren

Man kann sich durchaus Gedanken darüber machen, was es bringt, sich an die großen Künstler der Vergangenheit vorwiegend dann zu erinnern, wenn runde Geburts- oder Todestage anstehen. Doch daran sind wir seit Langem gewöhnt. Immerhin – wir werden aufmerksam, und sollte es ein Dichter sein, lesen wir vielleicht (mal wieder?) in seinen Werken. Dass diese rasch greifbar sind, sei es auch nur in »Best of«-Büchlein, dafür sorgen die Verlage. Ausgewählte Geschichten aus dem Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes (1811), die bekanntesten Prosatexte des vor zweihundertfünfzig Jahren in Basel geborenen Johann Peter Hebel also, sind unlängst unter anderem bei Diogenes und Reclam erschienen. Sämtliche dieser Geschichten versammelt ein schöner dtv-Band. Zudem hat Bernhard Viel eine äußerst kenntnisreiche, gut lesbare Biografie veröffentlicht, die aus hier nicht darzulegenden Gründen der ebenfalls gerade erschienenen Lebensbeschreibung von Heide Helwig vorzuziehen ist. Er schreibt unter anderem, dass Hebels Blick auf den Menschen als duldende Kreatur »ein von der christlichen Ethik der Agape, dem einfühlenden Mitempfinden, gelenkter Blick« sei. Das führt ganz unmittelbar zu Kannitverstan, Der schlaue Husar, Der Barbierjunge von Segringen oder zu der scheinbar schlichten, in Wahrheit jedoch höchst komplexen Erzählung Unverhofftes Wiedersehen, zu allen weiteren Hebelschen Kalendergeschichten, auch zu den Alemannischen Gedichten und nicht zuletzt ins Zentrum der Persönlichkeit ihres Verfassers.

Man hat die oft anmutig-leicht anhebenden Hebelschen Erzählungen als hausväterlich und bieder, als brav und rechtschaffen, als dezidiert unpolitisch und sogar als ein wenig possierlich abgetan. Alles falsch! Nicht einmal dem Hebel-Bewunderer Walter Benjamin, der ihn als Dichter des Uneigentlichen und Unergründlichen sah, möchte man schlankweg zustimmen. Nein, man wird Hebels Geschichten heute eher als – im Sinne Montaignes – außerordentlich lebenskluge Texte lesen, als poetische Veranschaulichungen von Alltagsweisheit, die das mühevolle Erdendasein so angenehm wie nur eben möglich gestalten soll. »Man klagt häufig darüber, wie schwer und unmöglich es sei, mit manchen Menschen auszukommen«, lautet der erste Satz der Geschichte Das Mittagessen im Hof, in der ein Bedienter seinem oft »verdrießlichen« Herrn eine »gute Lehre« erteilt. »Das mag denn freilich auch wahr sein. Indessen sind viele von solchen Menschen nicht schlimm, sondern nur wunderlich …« Dieses »indessen« markiert die Richtung, die die Geschichte nehmen wird – wie immer bei Hebel hin zu Ausgleich, Versöhnung und besserer Einsicht. Oft scheint sich die Wendung zum Guten ganz einfach, ja quasi selbstverständlich zu entwickeln – auch wenn sie der Dichter erzähltechnisch noch so geschickt herbeizuführen weiß. Ein andermal beschließt eine didaktisch gemeinte Sentenz den Text, und wenn man dabei das »Merke!« mithört, so ist das ganz im Sinne des Verfassers. Geradezu berühmt ist das Ende von Kannitverstan: ». und wenn es ihm wieder einmal schwerfallen wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.«

Hebels Protagonisten leben in einer nur scheinbar idyllischen Welt, oft im Lande Baden, dessen Beziehungen zu Basel übrigens seinerzeit weit enger waren als heute, und sie müssen meist allerlei erdulden in diesem irdischen Jammertal. Das tun sie, und oft sind sie sogar fröhlich dabei. Wer nun – zu Unrecht – bei Hebel wenig mehr als selbstgenügsame Beschaulichkeit vermutet, der schlage die Gaunerepisoden auf oder gleich die wahrhaft »gräuliche Geschichte«, die durch »einen gemeinen Metzgerhund« ans Tageslicht gebracht worden ist. Das ist ein Text, der die Urfassung des Grimmschen Märchens von Hänsel und Gretel an Brutalität weit übertrifft. »Etwas so Atemloses, Irrwitziges, Grausames findet man nicht in den Schreckenskabinetten E. T. A. Hoffmanns, nicht in Heinrich von Kleists Zaubergärten der zügellosen Leidenschaften«, schreibt Hebels Biograf. »Bei Hebel findet man es, und umgekehrt findet man in dieser Geschichte so ziemlich den ganzen Hebel: den Aufklärer und gläubigen Moralisten im Dienst der Volksbildung.« Nicht umsonst wurde dieser Dichter von Ernst Bloch, Oskar Maria Graf oder Bertolt Brecht geradezu verehrt. In den neuen Auswahlbänden, am besten in dem wunderschönen, von Winfried Stephan zusammengestellten Diogenes-Taschenbuch, dessen Textgestalt der dreibändigen Werkausgabe von Otto Kleiber (1959) folgt, lernt man einen klugen, facettenreichen Dichter kennen, einen raffinierten und hintergründigen Poeten, der das Attribut des »Klassikers« noch nie gebraucht hat und auch im 21. Jahrhundert mühelos seine Leser finden wird.

Johann Peter Hebel: Unverhofftes Wiedersehen und andere Geschichten aus dem Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Ausgewählt von Winfried Stephan. Zürich 2009: Diogenes

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein. Ausgewählt von Richard Müller-Schmitt. Stuttgart 2010: Reclam Verlag.

Johann Peter Hebel: Die Kalendergeschichten. Sämtliche Erzählungen aus dem Rheinländischen Hausfreund. Herausgegeben von Hannelore Schlaffer und Harald Zils. Mit einem Nachwort von Hannelore Schlaffer. München 2010: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Bernhard Viel: Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit. Eine Biographie. München 2010: C. H. Beck Verlag.

Heide Helwig: Johann Peter Hebel. Biographie. München 2010: Hanser Verlag.

Humorvoll und lebensklug
Johann Peter Hebel erzählt uns die Bibel

Oh Gott, die Bibel! Wer kann von sich behaupten, das Alte Testament gründlich zu kennen? Das Neue? Und überhaupt – muss das sein? Biblische Geschichten, und das auch noch in einer Sprache, die, wie es im Nachwort heißt, »meilenweit« entfernt ist vom heutigen Umgangsdeutsch? Könnte ja richtig anstrengend werden! – Keine Sorge. An die luzide Sprache von Johann Peter Hebel (1760–1826) gewöhnt man sich rasch, und dass er seine Leser nicht oberlehrerhaft auf Biblisch-Christliches verpflichten will, sondern sie ausdrücklich zum kritischen Blick auf die alten Geschichten anhält, macht die Lektüre angenehm. Auch dass Gott hier niemals als unanzweifelbare Autorität auf einer Wolke thront, sondern »in, mit und unter den täglichen Dingen und Erfahrungen« (Thomas Weiß) sein Wirken entfaltet, nimmt für Hebels Geschichten ein. Die Bibel – oder vielmehr eine einleuchtende Auswahl ihrer Erzählungen – sei niemals zuvor so »flüssig, unterhaltsam, fast witzig« zu lesen gewesen, hat Hebels Biograf Bernhard Viel festgestellt. Es sind Best-of-Bible-Kurzgeschichten, die hier präsentiert werden – als Religionspädagoge, der er auch war, kannte der Dichter die Ungeduld und Fahrigkeit seiner Leser. Die müssen eigentlich nur neugierig sein und dazu bereit, sich überraschen und – warum nicht? – auch mal belehren zu lassen. Altmodisch ist hier nichts.

Nicht immer braucht es Jubiläen. Man kann, wenn man genügend verlegerischen Mut besitzt, fast zweihundert Jahre alte und dennoch heute lesenswerte Texte wie die Biblischen Geschichten auch ohne rundes Geburts- oder Todesjahr neu zugänglich machen. Der schon immer mutige Verlag Klöpfer & Meyer, in dem Hermann Bausinger 2009 Hebels Kalendergeschichten herausgegeben hatte, hat das gewagt, und herausgekommen ist ein schön aufgemachtes Buch, das eine Menge aktueller Lebensweisheiten bietet und nebenbei anschaulich zeigt, dass der nicht nur von Ernst Bloch, Walter Benjamin und Bertolt Brecht verehrte alemannische Dichter ein sprachlich grandioser, lebenskluger und verschmitzt-humorvoller Aufklärer war. Die Biblischen Geschichten bestätigen Martin Walsers Diktum: »Man mag Johann Peter Hebel noch so hoch schätzen, trotzdem unterschätzt man ihn.«

Johann Peter Hebel: Biblische Geschichten (1823). Mit einer Einführung von Karl-Josef Kuschel und einem Nachwort von Thomas Weiß. Tübingen 2017: Verlag Klöpfer & Meyer. 328 S.

Stunden von entsetzlicher Tiefe
Zwölf Meistererzählungen von Friedrich Hebbel

Der Marktflecken Wesselburen, Kreis Dithmarschen, Bundesland Schleswig-Holstein, ist dem Rest der Welt höchstens dadurch bekannt, dass Friedrich Hebbel am 18. März 1813 dort geboren wurde. Im Dezember 1863 hat man den Dichter, der inzwischen als einst vielgespielter Dramatiker fast noch unbekannter ist denn als einer der großen Tagebuchschreiber der Weltliteratur, auf dem Matzleinsdorfer Friedhof in Wien zu Grabe getragen. Was in den gut fünfzig Jahren seines Lebens wichtig war, kann man der Zeittafel entnehmen, die am Ende eines von Monika Ritzer mit einem instruktiven Nachwort versehenen Taschenbuchs steht, das zwölf Meistererzählungen aus ganz unterschiedlichen Lebensphasen enthält. Eine von mehreren Neuerscheinungen zu Hebbels zweihundertstem Geburtstag. Nicht jeder Bücherfan wird unbedingt Prosa aus dem 19. Jahrhundert lesen mögen. Kann man Hebbel empfehlen?

Das Alltagsleben, in dem seine Geschichten spielen, gibt es nicht mehr. Aber Katastrophen, große und kleine, die gibt es immer noch. Hebbel, dessen Sinn für kleinste Nuancen der deutschen Sprache außerordentlich genannt werden muss, ist ein unerbittlicher Gestalter von Tragik, Verwirrung, Zorn, Gewalt, Zerstörung und Tod. Kühn und sprachmächtig erzählt uns dieser Dichter die unglaublichsten, wildesten und abgründigsten Geschichten. Acht Seiten braucht er, und die an einem hellen Sonntagmorgen lustig vor sich hin singende junge Magd Anna ist tot, elend verbrannt in einem Flammeninferno, an dem sie, so ihre letzten Worte, selbst schuld ist. Ist sie das? »Nein, Tochter, ich bin nicht krank, ich sehe bloß voraus, wie alles kommen wird«, sagt der von obsessiven Wahnvorstellungen geprägte, unberechenbare und unheimliche Zitterlein in einer der besten Erzählungen des Bandes. »Gibt es nicht Gesichter, die mich anstarren, wie Larven der Hölle, Augen, deren feindlicher, vernichtender Strahl mich tötet? Hast du nie ein Lächeln gesehen, welches dir jede Freude, jede Lebenslust zusammenschnürte, wie eine Schlange?« Horror hoch drei, dieser Barbier Zitterlein, ebenso wie Die Kuh! Direkt lustig sind sie nicht, diese Texte. Aber sehr zu empfehlen.

Friedrich Hebbel: Meistererzählungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Monika Ritzer. München 2013: Deutscher Taschenbuch Verlag. 254 S.

Der Ungelesene
Ludwig Börne im Taschenbuch

1837 starb Ludwig Börne im Pariser Exil. Heute gibt es Börne-Straßen und -Plätze, und ein angesehener Preis ist nach ihm benannt, immerhin. Aber der Schriftsteller selbst? Ja, die Briefe aus Paris, der zeitweise erbitterte Streit mit Heinrich Heine, abgelöst durch gemeinsamen Kampf gegen den damaligen Stuttgarter Literaturpapst Wolfgang Menzel – eine Geschichte der deutschen Literatur ohne Börne ist noch immer ein Unding. Und doch wurde er nach 1848 immer seltener gelesen. Der kämpferische Demokrat und meisterliche Stilist aus der Frankfurter Judengasse hat keine Gedichte, Dramen, Novellen oder Romane hinterlassen, sondern Essays, Reisebilder, Satiren, Theaterkritiken, Feuilletons – und oft wunderbare Briefe. Aber all das veraltet auch rasch. Nicht ohne Grund gibt es, anders als bei Zeitgenossen wie Mörike oder Chamisso, keine historisch-kritische Ausgabe seiner Werke. In den 1960er-Jahren haben Inge und Peter Rippmann eine fünfbändige Edition erarbeitet, und fast ein halbes Jahrhundert später hat Inge Rippmann daraus ein kleines Taschenbuch destilliert, das sich Das große Lesebuch nennen darf. Niemand könnte das besser als diese Expertin, und so kann man nun ganz bequem – Börne lesen. Soll man auch?

Dass diese frühe Edelfeder des aufgeklärten politischen Journalismus und des eleganten Feuilletons, die an vielen Fronten für Freiheit, Kosmopolitismus und Judenemanzipation kämpfte, durchaus poetisch schreiben konnte, beweisen mehrere der hier versammelten Texte, zum Beispiel die Monographie der deutschen Postschnecke oder die Denkrede auf Jean Paul. Poetische Züge wird man auch in vielen Briefen an seine Freundin und Muse Jeanette Wohl entdecken. Das meiste aber ist doch so sehr seiner Entstehungszeit verhaftet, dass es zum vollendeten Lesegenuss intimer Kenntnisse des vormärzlichen Biedermeier-Europa bedarf. Die aber kann naturgemäß weder die instruktive Einleitung noch der hilfreiche Anhang vermitteln. Schwerlich wird man behaupten dürfen, dass dieses verdienstvolle Lesebuch Lust auf den ganzen Börne macht. Er liegt einfach doch schon hundertfünfundsiebzig Jahre auf dem Friedhof Père Lachaise.

Inge Rippmann (Hrsg.): Ludwig Börne – Das große Lesebuch. Frankfurt am Main 2012: Fischer Taschenbuch Verlag. 335 S.

Der Weltpoet aus Franken
Vor hundertfünfzig Jahren starb Friedrich Rückert
Weltliteratur

In Schweinfurt ist er 1788 geboren, Rentamtmann war sein Vater. In Würzburg und Heidelberg hat er studiert, in Jena und Hanau hat er gelehrt, und später war er Professor in Erlangen und in Berlin. Ein eminenter Dichter, ein Orientalist, vor allem aber ein Sprachgenie: »Mit jeder Sprache mehr / die du erlernst, befreist / du einen bis daher / in dir gefangenen Geist.« Mit Deutschen Gedichten, darunter auch vierundsiebzig »Geharnischte Sonette«, wurde er ab 1814 bekannt, und spätere Gedichtsammlungen wie die sechsbändige Weisheit des Brahmanen (1836/39) oder der Liebesfrühling (1844) erreichten riesige Auflagen. Ja, es gab Zeiten, da wurden seine Werke eifrig gelesen und oft zitiert, und er galt als einer der ganz großen deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts. Auch heute darf man behaupten: Das stimmt! Friedrich Rückert ist ein bedeutender Poet, und im Zeitalter des globalen Austauschs zwischen den Sprachen und Kulturen ist er es vielleicht mehr denn je. Doch seine großen Zeiten sind spätestens seit dem Ersten Weltkrieg vorbei, und es ist kaum zu erwarten, dass die zahlreichen Aktivitäten rund um seinen hundertfünfzigsten Todestag – er starb am 31. Januar 1866 in Coburg – sehr viel daran ändern werden. Sicher, der umfassenden Ausstellung »Der Weltpoet: Friedrich Rückert (1788–1866) – Dichter, Orientalist, Zeitkritiker«, die in Schweinfurt gezeigt wird und später, in leicht veränderter Form, auch nach Erlangen und Coburg kommt, sind viele interessierte Besucher zu wünschen. Und die vom 2007 gestorbenen Schriftsteller und Übersetzer Hans Wollschläger zusammen mit Rudolf Kreutner begründete historisch-kritische Ausgabe seiner Werke ist natürlich zu empfehlen – ein äußerst verdienstvolles philologisches Mammutprojekt, keine Frage!

Oft gelobt und kaum gelesen

Doch sind nicht historisch-kritische Ausgaben immer auch tonnenschwere Grabplatten? Von Rückert, dem Viel- und vielleicht Zuvielschreiber mit einem unglaublich umfangreichen, noch immer nicht völlig erschlossenen Werk, gibt es kaum etwas, was dem heutigen Lesergeschmack entgegenkommt, keinen Roman und überhaupt kaum Prosa. Seine Formenwelt, klassisch-romantisch plus orientalisch-üppig, ist die seiner Zeit. Wer aber wird sich für den jungen Lyrikstar der Befreiungskriegsjahre interessieren? Welche von kunstsinnigen Bürgertöchtern des 19. Jahrhunderts einst auswendig hergesagten Verse kennt denn man überhaupt noch? Wird man sich mit den ergreifenden Kindertotenliedern näher befassen, bloß weil deren Vertonungen durch Gustav Mahler bis heute immer wieder aufgeführt werden – »Du bist ein Schatten am Tage / Und in der Nacht ein Licht; / Du lebst in meiner Klage / Und stirbst im Herzen nicht«? Gustav Mahler war nicht allein – auch Franz Schubert, Robert Schumann, Johannes Brahms, Franz Liszt und noch Max Reger haben manche Perle aus dem Werk des aufrechten Franken aufgespürt und musikalisch veredelt. Aber deshalb Rückerts Gedichte lesen? Sich für seine Nachdichtungen des Hafiz oder Firdusi interessieren, sich gar für seine lyrische Lieblingsform erwärmen, das Ghasel? Dafür findet sich heutzutage wohl kaum noch Publikum. Einen Orientalistik-Professor und kongenialen Kulturwissenschaftler zu studieren, der aus nicht weniger als vierundvierzig Sprachen mit siebzehn Schriftsystemen übersetzte, ist erst recht eine Beschäftigung für Spezialisten. Seufz! Aber es hilft nichts, auch sein verdienter und äußerst rühriger Schweinfurter Fanclub (www.rue⮯ckert-gesellschaft.de) wird zustimmen müssen: Friedrich Rückert im frühen 21. Jahrhundert, das ist nicht unbedingt der Hit!

Poesie des Interkulturellen

So ganz verständlich ist das nicht. Denn es gibt gute Gründe, diesen in zahllosen Anthologien hervorragend vertretenen Dichter nicht ins bloß Antiquarische absinken zu lassen. Sicher war er ein »Hausdichter des Biedermeier«, wie Hermann Glaser ihn in Franken – Eine deutsche Literaturlandschaft nennt. Doch ob das »Biedermeier-Etikett« auch heute noch den Zugang zu einer angemessenen Beurteilung seiner Werke verbaut, wie Richard Dove im Vorwort zu seiner verdienstvollen Ausgabe zuvor unveröffentlichter Gedichte befürchtet, scheint fraglich. Abgesehen davon – aktuelle Anlässe gäbe es auch. Was ist eigentlich momentan angesagter als eine profunde Auseinandersetzung mit »Abendland« und »Morgenland«, dem Zentralthema seines Schaffens? Oder, um noch einmal Glaser zu zitieren: »Gibt es etwas Aktuelleres als den Versuch, durch gegenseitiges Verstehen – nicht nur in politischen und sozialen Fragen – Vertrauen zu gewinnen und somit zu einem versöhnten Miteinander zu gelangen?« Diesen Versuch hat der Übersetzer und Nachdichter Rückert quasi zu seinem Lebenszweck erhoben. Wobei ihm das Kennenlernen des Anderen immer wichtiger war als die Urteile der Philologen: »Der Übersetzung Kunst, die höchste, dahin geht, / Zu übersetzen recht, was man nicht recht versteht.« Den Puristen mag das ein Graus sein – Zeitgenossen wie der in Teheran geborene Münchner Dichter SAID schätzen Rückerts Übertragungen bis heute.

Plädoyer für ein Lesebuch

Er muss einem ja nicht gleich wahnsinnig sympathisch sein. Ja, Rückert war ein biederer, manchmal verstockter, sehr eigensinniger Provinzler und Quartals-Misanthrop, und er war ein trutziger Verfechter eines kleindeutschen Reichs, ein wahrer Patriot, der zeitlebens an seinem noch ungeeinten Vaterland litt und es kurz vor seinem Tod mit Zwölf Kampfliedern für Schleswigholstein kräftig dabei unterstützte, den bösen Dänen eins aufs Haupt zu geben. Seine Liebe zur fränkischen Heimat war innig, seine Aversion gegen moderne Metropolen war es auch – noch heute könnte man überhebliche Hauptstadtbewohner ärgern, indem man Rückert zitiert: »Manchmal gefällt mir es hier nicht recht; dann denk' ich, wie wär dirs, / Wärst du jezt in Berlin? Und es gefällt mir sogleich.« Das war auf seine eher unglücklichen Professorenjahre in Berlin gemünzt und bezeugt einmal mehr, dass Friedrich Rückert zu quasi allen Lebenssituationen und Lebensereignissen Gedichte schrieb. Wie sein keineswegs langweiliges Leben verlief, kann man im ersten Teil einer zum hundertfünfzigsten Todestag neu aufgelegten Studie von Annemarie Schimmel erfahren; dass sich die verdiente Orientalistin im zweiten Teil fast ganz seinen dem Laien höchsten Respekt einflößenden Orientstudien widmet, wird man ihr nachsehen – lernen kann man dabei eine ganze Menge. Und abgesehen vom Lernen – man kann sich von Rückert auch prächtig unterhalten lassen. So wenig beachtet wie heute müssten er und sein Lebenswerk nicht bleiben. Ein aus heutigem Zeitbewusstsein heraus sorgfältig zusammengestelltes Rückert-Lesebuch könnte dazu beitragen. Wer packt es an?

Friedrich Rückert: Gedichte. Hrsg. von Walter Schmitz. Stuttgart 2005: Reclam Verlag.

Friedrich Rückert: »Jetzt am Ende der Zeiten«. Unveröffentlichte Gedichte. Hrsg. von Richard Dove. Frankfurt am Main 1988: Athenäum Verlag (vergriffen).

Friedrich Rückert: Werke. Historisch-kritische Ausgabe (Schweinfurter Edition). Begründet von Hans Wollschläger und Rudolf Kreutner. Hrsg. von Rudolf Kreutner, Claudia Wiener und Hartmut Bobzin. Göttingen 1998 ff.: Wallstein Verlag.

Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebensbild und Einführung in sein Werk. Neuausgabe. Göttingen 2015: Wallstein Verlag.

Was vielleicht bleibt
Noch einmal zu Friedrich Rückert

Das »Rückert-Jahr« 2016 ist vorbei. Die große, in Schweinfurt, Erlangen und Coburg gezeigte »Weltpoet«-Ausstellung war gut besucht, die Wissenschaft hat sich intensiv mit dem fränkischen Dichter, Übersetzer und Orientalisten befasst – Friedrich Rückert ist hunderteinundfünfzig Jahre nach seinem Tod bekannter, als er es vor zwei Jahren war. Ob er auch gelesen wird? Bleiben wird auf jeden Fall der opulente Ausstellungskatalog, den man bis auf Weiteres als das definitive Standardwerk über diesen Poeten bezeichnen darf. Die Festrede zur Eröffnung der Ausstellung, gehalten am 7. April 2016 in Schweinfurt, hatte der 1967 geborene Kölner Islamwissenschaftler und Übersetzer Stefan Weidner übernommen. In der Reihe Göttinger Sudelblätter liegt sie nun gedruckt vor.

Weidner, für den der Dichter – neben vielem anderen – ein »poetisierender Blogger vor der Zeit« war, geht den »untergründigen Korrespondenzen zwischen Poesie und Flucht« nach. Lektüre für Spezialisten? Gewiss! Denn der Autor interpretiert Gedichte und Nachdichtungen Rückerts und stellt dessen Art und Weise des Übersetzens vor – alles in bester Germanistenmanier. Aber nicht nur. Denn Weidner sieht Rückert und seine Zeitgenossen zwischen einem durch die Französische Revolution befreiten politischen Bewusstsein und einem wohl erst 1871 endendem unfreien politischen Sein dazu verurteilt, »mit einer tiefen Zerrissenheit zu leben – einer Zerrissenheit, die heute auf ähnliche Weise in der arabisch-islamischen Welt erlebt wird«. Interessant! Während sich viele Intellektuelle und Künstler nach 1800 der Religion zuwenden, öffnet sich Rückert für die Kultur des Orients – eines Orients allerdings, »der sich aus wenig anderem als aus alten Texten zusammensetzt, nicht aus realen politischen Verhältnissen, geschweige denn lebenden Menschen«. Rückerts Orientvision sei vor allem eine »Chiffre für Andersheit« und damit etwas, was das heute als »Westen« bezeichnete Abendland im 21. Jahrhundert für viele Menschen aus islamisch geprägten Ländern darstellt – »ein offenes Feld für Projektionen«. Spannend! Sicher, niemand glaubt heute mehr an Rückerts Vorstellung von »Weltpoesie als Weltversöhnung«. Die Dichtung aber bleibt, und sie entfaltet weiterhin ihre »subversive Kraft« – zeigt sie doch immer wieder, dass es »andere Formen des Ausdrucks und der Weltwahrnehmung« gibt als die in den Medien präsenten Halbwahrheiten: »Poesie als Fluchthelferin, Schlepperin, Schleuserin in alternative geistige Gefilde.« Wenn uns, wie der Festredner schließt, die Poesie auch heute dabei helfen kann, »die aufdringliche Präsenz einer sich als absolut gerierenden Gegenwart zu konterkarieren«, dann ist das doch schon mal was, oder?

Stefan Weidner: Fluchthelferin Poesie. Friedrich Rückert und der Orient. Göttingen 2017: Wallstein Verlag. 62 S.

Der Schatz im Wörtersee
Vom Leben und Streben des Karl May

Mein Leben und Streben heißt Karl Mays 1910 erschienene Autobiografie, und man kann ihr genauso wenig trauen wie allen anderen Schriften des vor hundert Jahren in die ewigen Jagdgründe eingegangenen sächsischen Schwadroneurs, ohne den wir Winnetou, Old Shatterhand, Sam Hawkens, Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar, den Schut und all die anderen nicht kennengelernt hätten. Die Lebensbeschreibung von Helmut Schmiedt, der ein ausgewiesener Kenner der Materie ist und zudem stellvertretender Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft, bestätigt einerseits das seit Langem bekannte »Bild vom ebenso wirkungsmächtigen wie trivialen Großkomplex Karl May«, lässt aber andererseits keinen Zweifel daran, dass die Beschäftigung mit dem 1842 in Hohenstein-Ernstthal im Erzgebirge geborenen Schriftsteller auch bei Kulturwissenschaftlern inzwischen »hohe Dignität« genießt. Wobei das dem breiten Publikum weniger bekannte Spätwerk in den Vordergrund rückt.

Ein faszinierendes Thema: Aus dem in elenden Umständen aufgewachsenen, oft hungernden Knaben wird ein ziemlich störrischer Seminarist, später ein Vagabund, Betrüger und Zuchthäusler, dann ein eifriger Schreiber und geschickter Verrührer konventionellen Lesestoffs, und schließlich, ab 1880, ein bald von einem Millionenpublikum heiß geliebter »Meister der Illusionen«, der bis ins späte 20. Jahrhundert hinein seine Leser »in einem Maße begeistern wird, wie es keinem anderen deutschen Autor je gelungen ist«. Und am Ende ein wohlhabender und leidlich angesehener, nicht aber unbescholtener Untertan, ein rechthaberischer Stammtischflunkerer und treudeutscher Pantheist, der längst zum Markenartikel geworden ist und ein spannendes Nachleben haben wird – Pierre Brice und Lex Barker lassen grüßen. Eine grundsolide, manchmal ein wenig trockene und insgesamt doch äußerst anregende Dichterbiografie legt Helmut Schmiedt vor, viel Zeitgeschichte und viel Psychologie ist drin und ein wenig Germanistik obendrauf. Wer sie gelesen hat, weiß über Karl May alles, was man heute wissen kann. Die schönste May-Biografie allerdings ist und bleibt ein Roman aus dem Jahr 1980: Swallow, mein wackerer Mustang von Erich Loest.

Helmut Schmiedt: Karl May oder Die Macht der Phantasie. Eine Biographie. München 2011: C. H. Beck Verlag. 368 S.

Allzeit Trotz im Kopf!
Carl Spitteler? Heute?

1919, fünf Jahre vor seinem Tod, erhielt er als bisher einziger gebürtiger Schweizer den Nobelpreis für Literatur: Carl Spitteler, 1845 in Liestal bei Basel geboren, Schüler des berühmten Jacob Burckhardt, Dichter, Essayist und Kritiker, zu Lebzeiten bekannt im ganzen deutschsprachigen Raum. Heute ist er so gut wie vergessen, außerhalb der Schweiz sowieso, weitgehend aber auch in der Eidgenossenschaft selbst. Kaum jemand liest Spitteler, auch die Schriftsteller von heute lesen ihn nicht. Wieso eigentlich?

»Dichter, Denker, Redner« lautet der Untertitel eines schön aufgemachten Lesebuchs, dessen Cover das Spitteler-Porträt von Ferdinand Hodler ziert. »Die mythische Chiffre seines Lebens wie seines Schaffens ist der trotzige Einzelne, der sich seine Bahn bricht durch die Masse der Gleichgeschalteten, allein mit einem unbezähmbaren Willen«, schreibt Peter von Matt in seinem Vorwort. Modern ist das eher nicht, und vom »demokratischen Empfinden der Schweiz« ist es weit entfernt. Mit seiner Ende 1914 gehaltenen Rede Unser Schweizer Standpunkt – vielleicht der einzige Spitteler-Text, den man noch halbwegs kennt – habe er »einheimischen Ruhm« erworben, seine »solide Präsenz in der deutschen Literatur« jedoch verloren. An seiner Verweigerung der Parteinahme für das hochgerüstete, kriegslüsterne und protzige Kaiserreich im Norden und seinem engagierten Plädoyer für den »richtigen neutralen, den Schweizer Standpunkt« kann das schon lange nicht mehr liegen. Woran dann? Vor allem wohl daran, dass nicht nur sein Roman Imago, erstmals 1906 in Jena erschienen und hier in ganzer, ermüdender Länge abgedruckt, hoffnungslos veraltet ist – seine Dichtungen, die im zweiten Teil des Buchs in Auszügen vorgestellt werden, sind es ebenfalls, auch wenn Peter von Matt den Olympischen Frühling (1900–1905) als »das spektakulärste Ereignis deutschsprachiger Fantasy-Literatur« zu retten sucht. Natürlich ist Xaver Z’Gilgen (1888) eine hervorragend rhythmisierte gute Erzählung, natürlich bleibt eine sprachgewaltige Reportage wie Der Gotthard (1896) spannend zu lesen, und selbstverständlich finden sich auch in diesem Auswahlband fulminante, bedenkenswerte Reden wie die über Gottfried Keller (1919) oder geistreiche Essays wie der über Die Persönlichkeit des Dichters (1892). Was Spitteler dort über den Realismus sagt – »Um ein großer Realist zu werden, muss einer tief nach innen geblickt haben« –, über den »Misserfolg«, über die »Verbitterung« oder über die »Eitelkeit«, möchte man einigen Zeitgenossen dringend zur Lektüre empfehlen. Und die politischen Eiferer von rechts sollten seinen Aufsatz Vom ›Volk‹ (1886) lesen und dann damit aufhören, »jede Zusammenrottung für Volk anzusehen und in jedem Gebrüll die Volksstimme zu hören«. Aber wer liest Essays und Reden von vorgestern? Nur sehr wenige Experten wie zum Beispiel der Zürcher Literaturwissenschaftler Philipp Theison, der in seinem luziden Nachwort plausibel herausarbeitet, weshalb Carl Spittelers Werk doch ein gewaltiges Stück hinter der literarischen Moderne zurückbleibt. Selbstverständlich plädiert Theison zugleich dafür, Spitteler »wiederzuentdecken«, um ihn »aus der Vergessenheit zu befreien«. Ob das gelingen wird, vielleicht mithilfe der vielen für 2019 angekündigten Aktivitäten und Publikationen? Eher nicht, darf man vermuten, und damit wäre Carl Spitteler in bester Gesellschaft. Aber vielleicht ja doch, wenigstens ein bisschen? Man darf gespannt sein.

Carl Spitteler – Dichter, Denker, Redner. Eine Begegnung mit seinem Werk. Hrsg. von Stefanie Leuenberger, Philipp Theison und Peter von Matt. München / Zürich 2019: Kollektion Nagel & Kimche. 471 S.

Ein etwas schrilles Fräulein
Armin Strohmeyr auf den Spuren einer Dichterin zwischen den Völkern

Spannend geschriebene und flüssig zu lesende Biografien bekannter Persönlichkeiten aus Kultur und Geschichte braucht der Buchmarkt immer. Man kann umfangreiche, jedes Detail im Leben des Helden ausspinnende biografische Romane schreiben, wie es Rainer Stach in seiner ambivalent beurteilten Kafka-Biografie versucht hat. Man kann sich sachlich und nüchtern geben und die Konturen seines Protagonisten knapp und prägnant umreißen, wie es Stefan Rebenich in seiner Biografie Theodor Mommsens getan hat, die allerdings – trotz des Lobes, das sie fast durchwegs erfahren hat – nicht ganz ohne ermüdende Erbsenzählerei auskommt. Armin Strohmeyr, 1966 geboren und durch ein treffliches Klaus-Mann-Porträt hervorgetreten, steht mit seiner interessanten und lesbaren Studie über Annette Kolb dem Mommsen-Biografen näher als dem Kafka-Nachdichter. Er hat sich im Münchner Nachlass der Schriftstellerin umgesehen, und er hat bislang Unbekanntes aus dem Bayerischen Kriegsarchiv, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach und dem Stadtarchiv von Badenweiler zutage gefördert. Dort lebte Annette Kolb, mit Blick in die Schweiz, zehn Jahre lang neben dem Ehepaar Schickele, und auch ihre Briefe an René Schickele aus den Jahren 1920 bis 1933 hat der sachlich und unaufgeregt vorgehende Biograf gesichtet. Man muss sein detailreiches Buch loben, auch wenn es partienweise mehr eine Vermittlung wissenswerter Fakten darstellt, als uns eine unverwechselbare Persönlichkeit so vor Augen zu führen, dass wir uns deren Werken mit neu geweckter Spannung (wieder) näherten. Was man von einer Biografie vielleicht doch auch erwarten mag, zu Recht.

Von Annette Kolb, die erst 1967 in München gestorben ist, aber – auch wenn sie das selbst nicht immer wahrhaben wollte – schon 1870 zur Welt kam, weiß man heute nicht mehr viel. Eine Auswahl- oder gar Gesamtausgabe ihrer Werke gibt es nicht. Man kennt vielleicht Daphne Herbst (1928), für Armin Strohmeyr eine Romanmixtur zwischen Buddenbrooks und Zauberberg. Noch bekannter, nicht zuletzt durch seine Verfilmung, wurde ihr Roman Die Schaukel (1934). Annette Kolb, die auch Übersetzerin war, hat noch viel mehr geschrieben in ihrem langen Leben, heute vergessene Romane wie Das Exemplar, eine Reihe ansprechender Erzählungen, populäre Musiker-Biografien, zahlreiche Essays, Feuilletons, Hörfunktexte und manch anderes, und sicherlich bleibt hier auch in Zukunft noch einiges zu entdecken. Bedeutsam ist, und ihr Biograf stellt es zu Recht in den Vordergrund, dass ihre binationale Herkunft Leben und Werk maßgeblich bestimmte. Die altbayerisch-bürgerlich, allerdings mit extravagantem Bohème-Touch aufgewachsene Tochter eines Münchner Gartenbauarchitekten und einer Pariser Pianistin war ein musikalisch und literarisch überaus begabtes Kind, das sich auf Französisch, Englisch und Italienisch ebenso verständigen konnte wie im geliebten Münchner Idiom. »Sie war katholisch und aufklärerisch zugleich, konservativ und liberal«, schreibt Strohmeyr, und dass sie eine vehemente Preußen-Hasserin war, hebt er mehrfach hervor. Europäische Prägungen zu erfahren und kosmopolitische Neigungen zu verspüren in einer Zeit, die sich anschickte, die alte Welt zu zerstören – das legte eine pazifistische Haltung nahe, und mit der machte sich Annette Kolb, ähnlich wie ihr Freund René Schickele, im Deutschland des Ersten Weltkriegs gründlich unbeliebt. Das Bayerische Kriegsministerium überwachte sie nicht nur, wie Strohmeyr detailliert belegen kann, es beschnitt ihr auch die Arbeitsmöglichkeiten. Unterstützt von Walther Rathenau emigrierte sie in die Schweiz, wo sie beim Berner Sozialistenkongress 1919 Kurt Eisner und Hugo Haase kennenlernte. Das Jahrzehnt zwischen 1923 und 1933 markiert »die Jahre, in denen sie die höchste Anerkennung bei Kritikern und Kollegen genoss und die größte Leserschaft besaß … Ihr Name wurde gleichrangig neben Thomas Mann, René Schickele, Hermann Hesse oder Stefan Zweig gestellt. Es war Annette Kolbs beste Zeit«. 1929 erschien ihre Monografie über Aristide Briand, und 1931 bekam sie den Gerhart-Hauptmann-Preis. Ein Jahr später machte die für ihre Zerstreutheit berüchtigte Zweiundsechzigjährige den Führerschein und kaufte sich ein Auto, was zu manch kuriosen und nicht ganz ungefährlichen Straßenszenen geführt haben soll. Die Hochachtung vor ihrem couragierten Wirken mindert das nicht – man sieht das immer etwas skurril wirkende Fräulein, das Thomas Mann im Doktor Faustus in der Figur der Jeannette Scheurl porträtiert hat, nach Strohmeyrs Forschungen genauer denn zuvor auch als eine eminent politische, der Völkerverständigung verpflichtete Publizistin, und parallel dazu als Frau mit einem fatalen, aber immer gut gemeinten Hang zu meist nur Verwirrung stiftender Privatdiplomatie. Die Nazis waren ihr natürlich alles andere als wohlgesonnen, und im Frühjahr 1933 musste sie ihre geliebte Heimat erneut verlassen.

Annette Kolb reiste herum, vorwiegend in Frankreich, Österreich und Irland. Sie blieb schließlich in Paris, wurde 1936 französische Staatsbürgerin, besuchte 1937 zum letzten Mal die Salzburger Festspiele, über die sie ein erfolgreiches Buch verfassen sollte, und floh 1940/41, unter größten Schwierigkeiten, über Genf und Lissabon bis nach New York. Da war das Fräulein, das die Einsamkeit wohl kannte und schon von vielem und vielen Abschied hatte nehmen müssen, bereits im Seniorinnenalter – eine verschrobene, aber wache, streitbare und Respekt einflößende ältere Dame, deren Memento überschriebener Bericht über ihre Exilzeit »bis heute zu erschüttern vermag«, wie Strohmeyr betont. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann sie ein rastloses und umtriebiges »Exil nach dem Exil«, und erst seit 1961 lebte sie wieder in München. Annette Kolb, eine durchaus tragische Figur und zugleich ein komisches Lokaloriginal, war weiterhin literarisch, publizistisch, musikalisch und politisch aktiv. Sie hielt große Stücke auf Charles de Gaulle und bekam nicht nur für ihre Verdienste um die deutsch-französische Verständigung hohe und höchste Auszeichnungen. Und vor der Mühe einer Reise nach Israel, für das sie sich besonders nach ihrer Begegnung mit dem Schriftsteller Elazar Benyoëtz interessierte, schreckte sie noch 1967 nicht zurück. Da war sie 97. Es ist schön, dass Annette Kolbs bewegtes Leben durch Armin Strohmeyr eine würdige und seiner Bedeutung angemessene Darstellung erfahren hat.

Armin Strohmeyr: Annette Kolb – Dichterin zwischen den Völkern. München 2002: Deutscher Taschenbuch Verlag. 333 S.

Die Dame mit dem Hütchen
Fragen an Hiltrud und Günter Häntzschel

Zum fünfzigsten Todestag der Dichterin haben Sie eine repräsentative und ansehnliche, dazu auch noch erschwingliche Ausgabe der Werke von Annette Kolb herausgegeben, mit akribischen Kommentaren, ausführlichen Erläuterungen, aufschlussreichen zeitgenössischen Rezensionen – kurzum: eine philologische Meisterleistung. Herzlichen Glückwunsch! – Warum ausgerechnet Annette Kolb? Ist sie nicht auch zu Recht ein bisschen vergessen?

GH: Gleichaltrige Autorinnen wie etwa Gertrud von Le Fort, Ina Seidel oder Isolde Kurz sind heute nicht mehr oder nur schwer erträglich zu lesen. Annette Kolb dagegen in ihrer forschen, spontanen und oft witzigen Art wirkt in vielen ihrer Texte immer noch frisch und lebendig. Sie greift Themen auf, die nach wie vor aktuell sind: Völkerverständigung, die Sorge um Europa, energische Abwehr von Kriegen, Kosmopolitismus, veränderte Geschlechterrollen. Gerne provoziert sie mit für die damalige Zeit mutigen Äußerungen: »Wie die Dinge liegen, sollten Generäle vom Kriege, gar einem künftigen, nicht mehr sprechen. Denn davon verstehen sie nichts.«

Zweifellos lassen sich Notizen wie »Wenn mir jemand sagt: ›Ich bin kein Nazi, aber …‹, dann weiß ich schon, dass er einer ist« immer bestätigend zitieren. Aber reicht das schon, um irgendeine politische Aktualität der Autorin zu begründen?

HH: Annette Kolbs politisches Engagement lässt sich keineswegs mit ein paar Schlagwörtern umreißen. Dafür ist es viel zu eigensinnig. Wenn eine relativ junge Schriftstellerin sich 1915 in Dresden hinstellt und bei einem Vortrag den französischen, aber eben genau so heftig den deutschen Chauvinisten, vor allem der Presse, die Leviten liest, dann war das nichts Gewöhnliches. Sie wurde ausgepfiffen, sie wurde von der Polizei verfolgt, erfuhr Passentzug und Briefzensur und konnte sich gerade noch ins Exil nach Bern retten. Sie drang vor zu einflussreichen Politikern, um sich für ihre Sache, für eine deutsch-französische freundschaftliche Partnerschaft und überhaupt gegen jeden Krieg einzusetzen, sie besuchte Pazifistenkongresse, interviewte Aristide Briand, zeigte in Feuilletons in ihrem Beschwerdebuch 1932, wie bedroht die Demokratie schon war, und wandte sich 1943 aus dem amerikanischen Exil »an das deutsche Volk«.

Oft hört man, dass dieses eigensinnige, deutsch-französische Bürgerfräulein ihres gelebten Europäertums und ihres unbedingten Pazifismus wegen allen ehrenden Gedenkens wert sei, dass man aber höchstens noch Daphne Herbst und vor allem Die Schaukel lesen könne. Alles andere sei antiquiert, sei kaum anderes als im vornehm-gestelzten Ton des kultivierten Salons gehaltenes höheres Geplauder über vergessene Nebensächlichkeiten – und habe uns kaum mehr was zu sagen. Ein Vorurteil?

GH: Das ist wahrlich ein Vorurteil und erklärt sich wohl vor allem daraus, dass von ihren Veröffentlichungen bislang auf dem Buchmarkt lediglich die Romane zu finden waren. In unserer Ausgabe wird vieles andere Lesenswerte zu entdecken sein. Ich denke etwa an ihre in Italien spielenden ironisch-satirischen Erzählungen wie Spitzbögen oder Veder Napoli e partire, aber auch an ihre vielen Glossen, Skizzen, Essays, Gegenwartsbeobachtungen im Deutschland der 1920er- und beginnenden 1930er-Jahre, die den dynamischen und kontroversen Geist der Weimarer Republik und ihrer Kultur widerspiegeln.

In Thomas Manns Doktor Faustus gibt es die Figur der Jeanette Scheurl, und von der heißt es, sie schreibe »in einem reizend inkorrekten Privatidiom damenhafte und originelle Gesellschaftsstudien, die des psychologischen und musikalischen Reizes nicht entbehrten«. Dieses Urteil wird meistens als zu kritisch, unzulässig verkürzend, ja als herablassend, arrogant und frauenfeindlich, auf jeden Fall als unzureichend angesehen. Aber stimmt es nicht auch? Hat nicht auch Kolbs Freund René Schickele bemerkt, dass es in ihrem Schreiben einfach »drauflos« und »über Stock und Stein« geht?

HH: Annette Kolb war mit den Familien Pringsheim und Mann von Kindheit an befreundet. Es gab ein grundsätzliches Wohlwollen, dem Thomas Mann vielleicht zu viel zugemutet hat. Gerade in der Zeit des Exils hat Thomas Mann sie immer unterstützt; sie besuchte die Familie Mann in Princeton. Was Sie hier zitieren, ist ja gerade nicht der billige Spott über ihr Äußeres, »die mondäne Hässlichkeit«, die »Ziege« und vor allem die nebenbei eingeflossene kritische Bemerkung über Annette Kolbs Mutter, die die Dichterin schon deutlich verstimmte. René Schickeles Urteil über ihr Schreiben galt ja ganz speziell ihrer Schlussarbeit am Roman Die Schaukel, geschrieben in den verstörenden Monaten nach der Flucht aus Deutschland und in der Ungewissheit, ob er überhaupt noch erscheinen kann. Es gibt von Schickele auch durchaus begeisterte Zustimmung zu ihrer Arbeit, er schwärmt vom Exemplar als einem »fantastischen Roman«, sie ist ihm »ein Phänomen an psychologischer Hellsichtigkeit«.

München, Annette Kolbs Geburts- und Sterbestadt, erscheint in fast jeder Phase ihres Lebens und Schreibens als schwankende Theaterbühne, auf der deutsche Geschichte gegeben wird. Ihr München ist vom proletarischen München, wie es bei Oskar Maria Graf und vielen anderen ihrer Zeitgenossen geschildert wird, meilenweit entfernt. Ob sie jemals in Untergiesing, im Westend oder in Allach war? Andererseits gibt es kluge und wundersame Passagen, etwa in Corinthen, Sultaninen, Ingwer und Zibeben. Aber hat man nicht auch bei ihrer München-Prosa immer wieder den Eindruck, hier beuge sich jemand mit Lorgnon und Spitzenhäubchen über mehr oder minder skurrile Geschehnisse?

GH: Mit Sigi Sommer oder Oskar Maria Graf darf man Annette Kolb nicht vergleichen. Als Tochter eines bayerischen Hofgärtners und einer französischen Künstlerin hat sie einen anderen Blickwinkel. In ihren München-Romanen kritisiert sie satirisch die rückständige, morbide Hofgesellschaft im Vorkriegs-München im Spannungsfeld Bayern-Preußen und Katholizismus-Protestantismus; sie schildert die unkonventionellen Abenteuer ihrer Münchner Familie in der Zwischenkriegszeit. Nach ihrer Rückkehr aus dem amerikanischen Exil ist sie eine aufmerksame Beobachterin der Münchner Kulturszene um Erich Kästner, registriert das Nachkriegsklima in München und meldet sich im Bayrischen Rundfunk zu Wort.

Auffällig ist, wie oft und wie intensiv Annette Kolb immer wieder über Musik geschrieben hat. Es bleibt eine ganze Menge an Bedenkenswertem. Ist sie eigentlich als Musikschriftstellerin gebührend gewürdigt worden?

HH: Annette Kolb ist mit Musik aufgewachsen, von Musik durchdrungen. Mit siebenundneunzig Jahren so gut wie erblindet, konnte sie nur noch Klavier spielen. Ihre Urteile in Sachen Musik halten auch Kenner für gültig. Das Mozart-Buch war buchhändlerisch ihr erfolgreichstes, wurde ins Französische, Englische und argentinische Spanisch übersetzt. Weshalb wir es in unsere Ausgabe nicht aufgenommen haben? Unser Platz war begrenzt und die Mozart-Forschung ist in den letzten Jahren in einem Ausmaß angewachsen, dass sich der Liebhaber eine siebzig Jahre alte Mozart-Biografie eher auf dem Antiquariatsmarkt beschaffen kann. Ihr schönes Nachkriegsbuch über Richard Wagner und Ludwig II. ist keineswegs überholt, ebenso wie ihre Begeisterung über die Besuche bei den Salzburger Festspielen, auch wenn sie stets von den politischen Ereignissen überschattet waren.

Am Ende ihres langen Lebens, 1964, hat Annette Kolb den in Österreich geborenen israelischen Aphoristiker und Dichter Elazar Benyoëtz kennengelernt, im Alter von siebenundneunzig Jahren hat sie sogar das junge Israel besucht. Was war das für eine Freundschaft? Warum hat sie die Strapazen einer solchen Reise auf sich genommen? Was konnte sie überhaupt noch wahrnehmen von der neuen Wirklichkeit in Palästina?

GH: Annette Kolb hatte sich in ihrem Essay Gelobtes Land – gelobte Länder von 1950/51 selbstkritisch mit dem jüdischen Problem auseinandergesetzt und sich von dem 1948 gegründeten Staat Israel eine Lösung der »Judenfrage« versprochen. Mit Elazar Benyoëtz, den sie 1964 in München persönlich kennengelernt hatte, blieb sie bis zu ihrem Tod innig verbunden. Ihre Korrespondenz zeigt ein wachsendes Verständnis für das Judentum und erweckte in ihr den Wunsch, nach Israel zu reisen, was nach vielen Schwierigkeiten erst in ihrem Todesjahr 1967 zustande kam, als sie tatsächlich am Ende ihrer Kräfte war. Und so finden sich von diesen Eindrücken auch keine Spuren mehr in ihrem Werk.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit der neuen Werkausgabe!

Annette Kolb: Werke. Hrsg. im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot-Stiftung von Hiltrud und Günter Häntzschel. Mit einem Essay von Albert von Schirnding. Göttingen 2017: Wallstein Verlag. 4 Bde., 2260 S.

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