Читать книгу: «Einige meiner besten Freunde und Feinde»
Klaus Bittermann
Einige meiner besten
Freunde und Feinde
40 Jahre Edition Tiamat
FUEGO
- Über dieses Buch -
Anlässlich 40 Jahre Edition Tiamat versammelt der Verleger einige seiner größeren und kleineren Essays und Nachrufe über wichtige Autoren des Verlags, die einen großen Einfluss auf ihn hatten und das Gesicht des Verlags nicht unwesentlich geprägt haben, wie u. a. Wolfgang Pohrt, Eike Geisel, Roger Willemsen, Hunter S. Thompson, Guy Debord, Harry Rowohlt, Robert Kurz und Wiglaf Droste, mit dem ihn eine besondere und langjährige Freundschaft verband.
Außerdem legt der Verleger eine kleine Auswahl seiner Buchbesprechungen vor von Autoren, die er bewundert und gerne verlegt hätte, wie Patrick Modiano, Lucia Berlin, Mordecai Richler, Hans Magnus Enzensberger u. a., und außerdem hat er ein paar Polemiken gegen seine Lieblingsfeinde Günter Grass, Martin Walser und Thilo Sarrazin versammelt, deren Bücher einen Literaturgeschmack voraussetzen, der unerlässlich für die Plage der Bestsellerei ist.
Es sind die Außenseiter, die den Mainstream zerpflückenden Analytiker, die Schlechtlaunigen mit ihrem grimmigen Humor, die Geächteten, die Häretiker, die Zweifler, die Unwirschen, die aus guten Gründen den vorherrschenden Literaturgeschmack nicht teilen und die deshalb bei Tiamat vor Anker gingen.
Pressestimmen
»Klaus Bittermann hat das Verlagsschiff durch schwere See gesteuert mit vielen Glücksmomenten und auch in schwierigen Phasen in der 40jährigen Verlagsgeschichte. Ich finde dieses Buch wunderbar, es ist ein Lieblingsbuch für mich in diesem Herbst.« (Annemarie Stoltenberg, NDR)
»Nach der Lektüre des Buches möchte man spontan sagen: Welch ein Autor und Essayist ist uns verloren gegangen, um den großartigen Verleger Bittermann zu gewinnen. Aber das ist natürlich Quatsch. Die hier versammelten Portraits, Essays und Nachrufe hängen direkt mit dem Verlegerleben zusammen. Denn Bittermann gehört zu den Überzeugungstätern im Kulturbetrieb, die Literatur samt ihrer politischen Implikationen ernst nehmen und neue Horizonte eröffnen. Der Mann kann einfach kein uninteressantes Buch verlegen. Und spätestens mit dieser Textsammlung zeigt er, dass er auch keinen uninteressanten Essay schreiben kann.« (Martin Compart, Blog)
Vorwort
Dass der Verlag einmal 40 Jahre alt werden würde, das habe ich mir nie vorstellen können, weil die Zeit damals vor vierzig Jahren nicht zu vergehen schien und man nie auch nur einen Gedanken an sie verschwendete. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie sich vierzig Jahre Verlag anfühlen würden. Warum auch? Es interessierte mich nicht. Auf einmal aber blickt man auf gut sechzig Leitzordner voller Besprechungen zurück, Ordner mit Artikeln, Manuskripten und Korrespondenz. Und dann stellt man plötzlich fest, dass man aus einer untergegangenen Epoche stammt, in der man sich noch Briefe schrieb. Viele der Autoren des Verlags und vor allem viele wichtige sind inzwischen tot, wie Hunter S. Thompson, Eike Geisel, Wolfgang Pohrt, Guy Debord, Harry Rowohlt, Mark Fisher und der kürzlich verstorbene Wiglaf Droste.
Da lag es nahe, noch einmal in mein Archiv hinabzutauchen, um Porträts, Nachrufe und Essays herauszusuchen, die ich im Laufe der letzten Jahre geschrieben habe, um an die Autoren zu erinnern und gleichzeitig zu zeigen, welches Profil sie dem Verlag gegeben haben. Ich bin stolz darauf, dass ich nicht nur die genannten oder in diesem Buch gewürdigten Autoren für den Verlag gewinnen konnte, sondern viele, die häufig nicht weniger wichtig waren als die genannten. Dass nicht alle vorkommen, liegt einfach daran, dass ich nicht über jeden geschrieben habe und der Anlass, über meine Autoren etwas zu schreiben, häufig ihr Tod war.
Zudem gibt es natürlich viele Autoren und Schriftsteller, die ich großartig finde und die ich gerne verlegt hätte, wenn es möglich gewesen wäre. Deren Bücher habe ich häufig besprochen, und von diesen Rezensionen eine Auswahl getroffen, wie um aus zahlreichen Puzzleteilen ein Bild des Verlags entstehen zu lassen, einen Kosmos, in dem, wie ich hoffe, mein Literaturgeschmack deutlich wird und meine Sympathie für die Abweichler, Melancholiker, Analytiker, Unruhestifter, Sonderlinge, Verweigerer, Irrlichter, Rabauken und Rebellen, die mit ihren Büchern ein Affront gegen den gesellschaftlichen Mainstream und nicht wirklich einzuordnen sind, und die ihren ganz eigenen Stil haben, den man nur findet, wenn man es ernst meint mit der Literatur.
Ich hoffe, dass auch anderen die Lektüre der Bücher aus dem Verlag ein intellektuelles Vergnügen bereitet. Literatur, die weh tun soll, wie es manchmal der Anspruch avancierter Autoren ist, wird man bei Tiamat nicht finden, denn die bekommt man als Verleger zuhauf angeboten. Wenn ein paar Leser meinen Geschmack teilen und vielleicht sogar die Notwendigkeit und die Dringlichkeit erkennen, diese Bücher gegen die hohle Bestsellerliteratur zu verteidigen, die die Buchhandlungen verstopft und die Gehirne verklebt, dann mag das nicht viel sein, aber immerhin schon mal was.
2019
Fragebogen des Fachbuchjournals
F: Was ist Ihre Erinnerung an Ihr erstes Buch? Um welches Buch handelt es sich?
A: Die Hornblower-Romane. Alle Romane von C.S. Forester über Horatio Hornblower.
F: Ihre drei Lieblingsbücher sind ...
A: Mario Vargas Llosa »Tante Julia und der Kunstschreiber«, Nabokov »Lolita« und John Kennedy Toole »Die Verschwörung der Idioten«.
F: Würden Sie Ihre Lieblingsbücher auch als eBook lesen?
A: Nur auf einer einsamen Insel ohne Bücher aber mit Stromanschluss.
F: Entspannen Sie beim Lesen oder was sind Ihre Mittel gegen Stress?
A: Im Bett liegen und Bücher lesen, bei denen man gleich einschläft. Schlafe ich bei der Lektüre nicht ein, habe ich das falsche Buch erwischt.
F: Traumjob VerlegerIn? Beruf oder Berufung?
A: Nichts tun und Geld verdienen ist der bessere Traumjob. Verleger ist ein Beruf, für den man keinen Uni-Abschluss braucht. Diesen Vorteil sollte man nutzen.
F: Wie kam es zu dieser Entscheidung?
A: Jahrzehntelange Überlegung, bis ein anderer Job nicht mehr in Frage kam und nur noch Verlegerei und Schriftstellerei übrigblieb.
F: Gibt es für Sie ein Vorbild aus der Welt der VerlegerInnen?
A: Gérard Lebovici. Er verschickte nie auch nur ein Rezensionsexemplar an die Presse und wurde 1984 in Paris erschossen.
F: Wie beginnt ein guter Tag als VerlegerIn?
A: Mit Kaffee und der FAZ, in der ein Buch des Verlags besprochen wurde.
F: Und wie sieht ein schlechter Tag aus?
A: Mit Kaffee und der FAZ, in der kein Buch des Verlags besprochen wurde.
F: Was war das spannendste Ereignis in Ihrem Berufsleben?
A: Die Entdeckung des Romans »Harold« von dem pseudonymen Autor einzlkind, das bisher einzige unverlangt eingesandte Manuskript, das im Verlag veröffentlicht wurde.
F: In einem FAZ-Interview stellte Felicitas von Lovenberg Verlegern diese Frage: Wenn Sie eine einzige Veränderung am Buchmarkt bestimmen könnten – welche wäre es?
A: Die Einführung einer Geschmackspolizei.
F: Wieviel Prozent seines Umsatzes wird Ihr Verlag im Jahr 2015 durch elektronische Informationen erwirtschaften?
A: Keine Ahnung. Ich mache Bücher, keine elektronischen Informationen.
F: Und die große Frage am Schluss: Wie wird sich die Verlagslandschaft in den nächsten zehn Jahren verändern?
A: Die Verleger werden noch mehr jammern über sinkende Absatzzahlen und trotzdem weitermachen. Jeder schreibt sein Buch und veröffentlicht es, d.h. die Autoren nehmen umgekehrt proportional zu den Lesern zu.
2014
»Mit der anmutigen Geschmeidigkeit eines Panthers«
Wiglaf Droste
Es muss 1988 gewesen sein, als mir der Name Wiglaf Droste zum ersten Mal bei der Lektüre der taz auffiel, jedenfalls las ich das schöne Wort »Klassenkampfstreber« und wurde neugierig auf mehr, weil ich sofort an den »Klassenkampfstreber« par excellence Oliver Tolmein dachte. Aber als ich im taz-Archiv nach dem Begriff suchte, stieß ich auf eine Besprechung eines Roger-Chapman-Konzerts, die mit einer harschen Kritik des Sommers begann:
»Scheußlich, ja, moralzerrüttend ist der ekle Sommer: die Kreuzberger Kämpfenden Truppen, die Alt-Einundachtziger und Klassenkampfstreber, sie schmurgeln im Prinzenbad, als wäre die Resolution schon erledigt; Kerle, die ihr Schuldenkonto ohnehin schon mit den drei Todsünden Goldkettchen, Vollbart und Stinkepfeife über Gebühr belastet haben, fügen jetzt noch Schiesser Feinripp, Kurzbehostheit und Lochsandalette hinzu, riechen unter den Achselhöhlen wie das Tote Meer, und überhaupt ist der Sommer ein nur zu willkommener Vorwand, die letzten Rudimente von Selbstrespekt freudig über Bord zu werfen.«
Seit dieser mir aus dem Herzen sprechende Suada gegen den Kreuzberger Mief durchforstete ich die taz regelmäßig nach den Artikeln Wiglafs, um im tristen Berliner Alltag, der damals zwar noch fast vollkommen touristenfrei, aber auch grau und speziell in 36 von einer autonomen Kiezpolizei beherrscht war, die nicht immer zimperlich in der Wahl der Waffen war, wenn jemand gegen ihre ungeschriebenen Gesetze verstieß. Einem dieser militanten Betonköpfe, der auch noch »Manne« hieß, konnte ich einmal bei der Arbeit zusehen, als er eine illegale Kneipe in der Adalbertstraße betrat, in der sich nicht viel mehr befand als ein zusammengenagelter Tresen und dahinter wahrscheinlich ein paar Kästen laumwarmen Biers, um die Einrichtung und den Wirt fachgerecht zu zerlegen. Keine Ahnung, um was es ging oder was sich der Mann zu Schulden hatte kommen lassen, aber der sich austobende Wahn, sich als Ordnungsmacht aufzumanteln, war nicht schön anzusehen. Ausgerechnet mit »Manne«, erfuhr ich dann später, wohnte Wiglaf einmal zusammen. Wahrscheinlich deshalb konnte Wiglaf dieses Milieu so genau und mit so leidenschaftlicher Abscheu beschreiben.
Er steckte mittendrin in der Szene, als die amerikanische Journalistin Jane Kramer 1988 nach Berlin kam, um über sie zu berichten und über das Restaurant Maxwell in der Oranienstraße, das schließen musste, weil autonome Straßenkämpfer meinten, es würde die falschen Leute anziehen und hätte in Kreuzberg nichts verloren, weshalb sie einen Eimer Scheiße im Lokal auskippten. Jane Kramer war vom New Yorker und ließ sich von Wiglaf über die Szene aufklären und verschaffte ihm einen großen Auftritt in einem der wichtigsten intellektuellen Magazine Amerikas:
»In Kreuzberg gibt es so etwas wie eine Etikette der Vergeltung. Wiglaf Droste, der Kunstkritiker der taz, sagt, wenn man Besuch von Autonomen bekomme [...], dann führe man ein paar Telefongespräche, trommle seine Freunde zusammen und statte einen Gegenbesuch ab. In Kreuzberg heißt das: eine Diskussion führen. Droste hat selbst Erfahrungen mit dem Besuchtwerden. Eines Tages kam er nach Hause und stellte fest, dass seine Tür mit Blut beschmiert war (die Inschrift lautete ›666‹ und ›Heil Satan‹). Zehn Kilo tote Fische und verfaultes Fleisch lagen auf der Fußmatte. Die Täter gaben sich in der Szene als Autonome aus, aber Droste wusste, dass sie bloß frustrierte Rockmusiker waren, denen seine Artikel nicht gefallen hatten, und deshalb stattete er ihnen auch keinen ›Gegenbesuch‹ ab. Droste ist einer der maßvollsten und scharfsinnigsten Kritiker der Kreuzberger Szene (wenngleich Fremde Schwierigkeiten haben, ihn von dieser Szene zu unterscheiden – in der ausgebeulten, gestreiften Zirkushose, der schwarzen Smokingjacke mit dem löchrigen T-Shirt, der roten Schnur anstelle eines Gürtels und den alten Turnschuhen mit offenen Schnürsenkeln.)«
In dieser Szene, in der aufgrund mangelnder Artikulations- und Kommunikationsfähigkeit Konflikte auch gerne mit den Fäusten ausgetragen wurden und Schlägereien mit den »Bullen« eine beliebte Freizeitgestaltung junger Menschen waren, konnte man, wenn man sich in der Szene aufhielt, kaum mit feingeistiger Lyrik reüssieren. Da half nur Polemik, und zwar nicht gerade »maßvolle«, die einen wie Wiglaf schnell verdächtig werden ließ, und da reichte noch Jahre später, 1994, sogar ein so lustiger Text wie »Der Schokoladenonkel bei der Arbeit«, um ihn als Kinderschänder zu brandmarken, seine Lesungen zu boykottieren und mit Buttersäure zu verhindern. Aber da hatte die Kiez-Camarilla mit ihren bundesweit organisierten Sympathisanten nicht bedacht, dass auch der rasende Reporter Wiglaf in Kreuzberg die Nächte durchgemacht und Erfahrungen als street fighting man hinter sich hatte. Er trommelte nicht nur zahlreiche weibliche Fans und Freundinnen zusammen, die den Saalschutz übernahmen, er schreckte auch nicht davor zurück, sich vor laufender Spiegel-TV-Kamera mit Linksautonomen zu prügeln, die nicht mal wussten, was Satire ist.
In diesem von Krawallen begleiteten Gemenge wuchs sein Ruf, seine Bekanntheit, die mir natürlich nicht entging. Leibhaftig und zum ersten Mal begegnete ich ihm allerdings schon lange vorher auf der Buchmesse Anfang der Neunziger, als gerade das Buch von Roger Willemsen »Kopf oder Adler. Ermittlungen gegen Deutschland«, eine vehemente Kritik des Wiedervereinigunspolitik in der Ära Kohl, erschienen war und ich mich mit dem Autor auf die Suche nach möglichen Rezensenten machte. Wiglaf war damals Redakteur bei Titanic und beäugte uns skeptisch, als wir ihm das Buch überreichten. Was immer er sich damals dachte, es war der Auftakt für zahlreiche und lange Telefonate, in denen ich ihn zu überzeugen versuchte, sich mit einem Beitrag zum Golfkriegspazifismus an einer kleinen Anthologie zu beteiligen, denn die Hysterie der Friedensbewegten, die mit weißen Laken als Zeichen der Kapitulation so taten, als würde der Krieg in Deutschland stattfinden, erschien ihm ebenso lächerlich wie mir, mit den von mir geschätzten Enzensberger und Broder zwischen zwei Buchdeckel gepresst zu werden, das wollte er jedoch nicht. Da hatten wir schon unseren ersten Dissens, der der Beginn einer bis zu seinem Tod dauernden Freundschaft wurde.
Ein paar Jahre später suchte er ein Zimmer und da ich gerade eins übrig hatte, zog er bei mir ein, mit ein paar Kartons Büchern, einer Schreibmaschine und zwei Obstkisten. Auf der einen saß er, auf der anderen hatte er die Schreibmaschine gestellt, auf der er seine Artikel schrieb. Vermutlich hätte sich an diesem Zustand auch die folgenden sechs Jahre, in denen wir zusammenwohnten, nichts geändert, denn mit der Organisation des täglichen Lebens wollte er seine Lebenszeit als Autor nicht verschwenden. Ich besorgte ihm also einen großen Schreibtisch, einen Drehstuhl und einen Büroschrank, damit er unter einigermaßen normalen Bedingungen dichten konnte. Als er dann nach sechs Jahren wieder auszog, war der Boden seines Arbeitszimmers flächendeckend mit einer ungefähr 5 Zentimeter dicken Schicht von Papieren, Briefen, Artikeln, CDs, Schallplatten, Kassetten, Manuskripten, Zeitungen, Ausrissen seiner Artikel und Büchern übersät. Nur ein schmaler Trampelpfad führte zwischen den sanften Hügeln aus Papieren von der Tür zum Schreibtisch. Er ließ alles einfach liegen, weil er von einer solchen Situation überfordert war.
Es war 1995, als Wiglaf bei mir einzog. Wir wohnten in einer großen Berliner Altbauwohnung, ich zusammen mit meinem Verlag nach vorne zur Straße hinaus, Wiglaf hinten im Seitenflügel mit Blick auf eine Remise. Dazwischen das Berliner Zimmer, in dem einige ausschweifende Gelage stattfanden. Damals lasen wir noch Die Zeit, und zwar nicht nur wegen Harrys neuester »Pooh's Corner«-Kolumne, sondern weil die Zeit eine Quelle sehr abstruser und verschrobener Artikel war, die uns wiederum zu Repliken inspirierten, um das von mir ins Leben gerufene »Who's who peinlicher Personen« zu füllen. Wiglaf kam dann in seinem blauen Bademantel in das Verlags-Zimmer, kicherte und las mir kuriose Stellen vor, die unbedingt kommentiert werden mussten.
Der Bademantel war seine Toga, in der er seine Strategien entwarf, wen oder was er als nächstes pisacken würde wegen sprachlicher Unzulänglichkeit, Nachlässigkeit oder sonstiger Todsünden. Ein Feldherr im blauen Bademantel, dem nur ein Hügel fehlte, um seine imaginären Truppen strategisch gegen den Feind in Stellung zu bringen. Ich liebte diese Auftritte, denn sie waren geistvoll, sarkastisch und lustig, und nur mit solchen Mitteln ließen sich die Zumutungen der Welt und die Anmaßungen der Dummheit, mit der wir uns ständig konfrontiert sahen, abwehren. Es waren Sternstunden.
Eine dieser Stellen, die Wiglaf vorlas, stammte von Peter Sloterdijk, der sich Ende der Neunziger gerade anschickte, die von Habermas besetzte Stelle als Oberphilosoph Deutschlands einzunehmen, und der einem Zeit-Feuilletonisten ein Rätsel stellte, von dem er überzeugt war, dass es niemand würde lösen können: »Wie stellt man es an, hinter vorgehaltener Hand über jemanden zu reden, hinter dessen Rücken man steht?«
Bei der Lösung des Rätsels wollten wir natürlich behilflich sein, denn im Grunde, sagte Wiglaf, ist das doch »kinderleicht«. Also entwarfen wir eine Versuchsanordnung, um die Frage zu beantworten, von der Sloterdijk so gequält wurde, und ließen davon ein Foto anfertigen, um die Sache auch für einen Philosophen zu verdeutlichen. Wir veröffentlichten es, erhielten aber leider nie ein Dankeschön, womit allerdings auch nicht zu rechnen war.
Damals führten wir inspiriert von der schrulligen Wochenzeitung aus Hamburg noch große Debatten, allerdings konterkarierten wir die Behäbigkeit des Blattes mit satirischer Vehemenz, und auch das Thema war von größerer Brisanz als in der Zeit, denn die Debatte durfte nur unter zwei Voraussetzungen geführt werden: »Es darf um nichts gehen, und dafür müssen alle Register gezogen werden«. In diesem Sinne führten wir eine Debatte über die Frage aller Fragen: »Ist der Winter in Deutschland überflüssig?« Ich übernahm dabei die »Pro«-Seite, beklagte »das Land der misslaunigen Muffel«, schrieb »Der Graupelschauer ist ein Meister aus Deutschland« und denunzierte den Winter als »verkappten Nazi«. Wiglaf empörte sich auf der »Contra«-Seite, »dass die Hetze gegen sibirische Temperaturverhältnisse von Klaus Bittermann vorgetragen wird, jenem Klaus Bittermann, dem Dadaismus, Surrealismus, Situationismus und Anarchie immer mehr bedeutet haben als das Wohl des Volkes. Im Gegenteil: Die Forderung des Defätisten Reinhard Lettau, das Volk abzuschaffen, unterstützt Klaus Bittermann ausdrücklich [...] Mit der Unverfrorenheit des notorisch Durchgefrorenen denunziert Bittermann jene Kälte, die einst Hitlers Sechste Armee niederwerfen half, er sehnt sich hingegen nach Verhältnissen, in denen der Wüstenfuchs Rommel einst gedieh. Das sagt ja wohl alles: Wer nicht frieren will, will Krieg!« Unsere Beiträge erschienen in der taz und Wiglaf brachte sie in seinem Benno-Ohnesorg-Theater zu Gehör.
Es gab in den neunziger Jahren eine sehr innige und intensive Zusammenarbeit, vor allem, als wir »Das Wörterbuch des Gutmenschen« gegen die Schaumsprache herausgaben und Wiglaf zu einem der Hauptmitarbeiter des »Who's who peinlicher Personen« wurde mit dem Motto »Warum sachlich, wenn's auch persönlich geht«, um unserer Aversion gegen die Wichtigtuer in der Kultur und Politik auch in gemeinsam verfassten Texten eine Bühne zu geben, und im nachhinein staune ich, mit welch großer Lust und inhaltlicher Übereinstimmung wir gegen alle möglichen lächerlichen und zumeist absurden Feuilletondebatten anschrieben und uns gegenseitig vor gegnerischen Angriffen in Schutz nahmen.
Wiglaf war ein manischer Arbeiter, er konnte Nächte durcharbeiten und am nächsten Morgen feststellen, dass das doch nichts war, was er zu Papier gebracht hatte, oder er hatte gleich drei glänzende Texte niedergeschrieben. Und er brauchte sofort die Bestätigung, sofort die Veröffentlichung, er musste spätestens am nächsten Morgen sehen, dass seine Kolumne gedruckt und in der Welt war. Er schrieb wie Balzac gnadenlos für den Tag, und dennoch setzten seine Texte nicht sofort nach Erscheinen Patina an, schon gar nicht ließen seine Artikel die Leser gleichgültig. Nicht wenige fanden sie genau und treffend, aber noch mehr reagierten gereizt und nervös. In den neunziger Jahren standen ihm fast alle Zeitungen offen, obwohl er fast den gesamten Kulturbetrieb beleidigt hatte und ihn wissen ließ, was er von ihm hielt. Damit schaffte er es sogar auf das Titelbild des Zeit-Magazins.
Er trug seine Texte einem schnell anwachsenden Publikum vor mit einer Bassstimme, die ihm, wie es Humphrey Bogart einmal ausdrückte, eine Stange Geld gekostet hatte. Er lieh anderen Autoren und Klassikern auf Hörbüchern seine Stimme, er hatte mit dem Spardosenterzett eine Musikkombo, mit der er rock'n'roll-mäßig unterwegs war, und sang wunderschöne eigene Songs, manchmal auch die von seinen großen Idolen Johnny Cash, Van Morrison, Kinky Friedman, und er schrieb und schrieb und schrieb. Mehr als dreißig Bücher, unzählige, an denen er mitgewirkt hat. Aber keine Romane, nur zwei kleine, die in Zusammenarbeit und auf Initiative Gerd Henschels zustande kamen, weil er alleine nicht die Geduld aufbrachte, und auch keine politischen Abhandlungen – auf eine über die SPD unter Schröder wartete der Rowohlt Verlag vergeblich –, sondern es war die kurze durch die Deckung gehende Gerade, die ziemlich sicher zum Knockout des Gegners führte, die ihm am besten lag. Und diese Kunst beherrschte er wie kein anderer. Und natürlich die Lyrik.
Er war der Hunter S. Thompson Deutschlands. Sein Leben fand auf der Überholspur statt, er war maßlos, weil er alles genießen wollte, und das sofort. Er hatte die verantwortungslose Fröhlichkeit, mit der er die betulichen Bügelfaltenschriftsteller gegen sich aufbrachte, er spottete und lästerte wie Villon gegen »Goldkettchenautoren«, »Ölfilmjournalisten«, »Grüßauguste«, »Dauerjauler«, und er nahm dabei keine Rücksichten darauf, aus welchem Lager jemand kam, ob er Gremliza hieß, Zaimoglu oder Möllemann. Und deshalb wurde er auch von seiner Kollegin Sibylle Berg angehimmelt:
»Wichtig bei der Auswahl meines Lieblingsschriftstellers ist auch, dass er verstörend gut aussieht. Wiglaf Droste vereinigt die anmutige Geschmeidigkeit eines Panthers mit der Gazellenhaftigkeit eines wilden Mustangs. Dieser Schriftsteller ist schlau und gut, ich hab ihn lieb.«
Als freier Autor und Vortragsreisender verdiente er zeitweise so gut, dass er sich mehrere Häuser davon hätte kaufen können, was andere ziemlich sicher gemacht hätten. Wiglaf gab alles, was er verdiente, wieder aus, so wie Georg Best, den er bei dieser Gelegenheit gerne zitierte: »Ich habe mein ganzes Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben, den Rest habe ich verprasst.« Und bis auf schnelle Autos stimmte das. Er hätte auch gar nicht gewusst, was er sonst mit dem Geld hätte anfangen sollen. Es sparen wäre ihm pervers vorgekommen. Geld war dazu da, um unter die Leute gebracht zu werden.
Er war der großzügigste Mensch, den ich je getroffen habe. Er unterstützte Freunde, die nichts hatten, ohne je darauf zu achten, ob er wieder etwas zurückbekam, und er tat das, ohne darüber zu reden. Es war für ihn eine selbstverständliche Geste. Deshalb hasste er auch den Geiz und den Kleinkrämergeist, und als er, wie er mir einmal erzählte, eine Honorarabrechnung seines damaligen Verlags bekam, in dem ihm das Porto für den ihm zugesandten Brief in Rechnung gestellt wurde, hatte ich endlich meinen Lieblingsautor gewonnen, der im Laufe der kommenden Jahre dreizehn Bücher bei Tiamat veröffentlichte.
Wiglaf war zudem ein großer Zusammenbringer und Förderer. Zu seinem in der Volksbühne stattfindenden Benno-Ohnesorg-Theater, aber auch auf vielen Lesungen überall in Deutschland, der Schweiz und Österreich, lud er Autoren ein, die er mochte und gab ihnen ein große Bühne, die sie dann unter Umständen auch mal für sich allein hatten, wenn Wiglaf in allerletzter Minute absagte. Zu seinen Gästen zählten die noch am Anfang ihrer Karriere stehende Sibylle Berg, die hochgradig nervöse Simone Borowiak, der noch völlig unbekannte Funny van Dannen, der große Bär Harry Rowohlt, der Filmemacher Fritz Tietz, der wegen seiner gewaltigen Dichtkunst verehrte Horst Tomayer, die Bühnen-Diva Ernst Kahl.
Als der irische Schriftsteller Jean McGuffin zusammen mit Harry Rowohlt zu Gast in der Volksbühne war und sich jemand per Zwischenruf beschwerte, dass McGuffin englisch sprach, wurde Wiglaf stocksauer und stauchte minutenlang das Publikum zusammen, denn es sei zum Zuhören und nicht zum Meckern da, und sprach wie auch Harry fortan und extra für den Beschwerdeführer ebenfalls nur noch englisch, während das gemaßregelte Publikum danach extrem darauf bedacht war, nicht noch mehr den Zorn Wiglafs auf sich zu ziehen. Auch ich war etwas erschrocken über die Vehemenz der Zurechtweisung, aber daraus sprach eine Unerbittlichkeit gegenüber Unhöflichkeit, gegen Dummheit, Anmaßung, Bräsigkeit, Selbstgefälligkeit, gegen die in der Szene übliche auftrumpfende Frechheit, die ihn manchmal in heilige Raserei versetzen konnte.
Er war, wie der von ihm verehrte Jörg Fauser einmal über sich schrieb, »kein netter Mensch«, sondern Schriftsteller, und er dachte gar nicht daran, es allen recht zu machen, vielmehr konnte er sich sehr schnell mit jemanden in die Haare kriegen. Wenn er auf einen Dissens in politischen Fragen stieß, sagte er das auch, und das mitunter heftig und verletzend. Und das tat er vor allem, wenn er sich ausgenutzt fühlte und seine Popularität zu Vertraulichkeiten führte, die er nicht für angemessen hielt. Dann konnte die Rache fürchterlich sein.
Aber er machte sich auch unfreiwillig Feinde, wie einen Veranstalter, der in seiner Verachtung für Journalisten, die umsonst sein Haus besuchten, Wiglaf vertraulich erzählte, dass diese Spezies bei ihm unter »Fußpilz« lief, was Wiglaf so faszinierte, dass er es ganz frisch dem Publikum weitererzählte. Für eine Pointe, einen schönen Plot, ein originelles Wort war er bereit, tödlich beleidigte Leute zurückzulassen, die allerdings in der Regel vor allem tödlich beleidigte Leberwürste waren.
Natürlich forderte das ausschweifende Leben seinen Tribut, und irgendwann gab es für Wiglaf kein Zurück in das geregelte Leben der heilen, abstinenten Welt, genausowenig wie für Hunter S. Thompson und Guy Debord, zwei anderen Fixsternen am Tiamat-Himmel, die aus Notwehr gegen die pathische Normalität tranken. Zu weit und vor allem zu lange hatte er sich auf gefährliches Territorium vorgewagt, auf dem das Exzessive, der Tumult und das Unkontrollierte sich austoben und einen mit Krallen festhalten. Wiglaf kämpfte nur hin und wieder gegen die Dämonen, als wäre er sich darüber im klaren, dass er sowieso am kürzeren Hebel saß und dass keine Illusionen halfen, weshalb er beizeiten sein eigenes Epitaph schrieb:
»Ich war nie ein Jünger des Verzichts, Und gab, wie ich es nahm und wie es kam, im Fall des Falles immer alles, und eines Morgens kommt das große Nichts.«
2019
Der intellektuelle Unruhestifter
Wolfgang Pohrt
»Wo Pohrt erscheint, bleiben Proteste nicht aus. Ich kenne keinen zweiten Autor, der es in so kurzer Zeit geschafft hätte, alle, an die er sich wendet, gegen sich zu mobilisieren«, schrieb Henryk M. Broder im Spiegel 1982 in einer Rezension des Buches »Endstation« von Pohrt. Die Leute, die sich von Pohrt auf den Schlips getreten fühlten, weil er ihre geheimen Beweggründe analysierte, ergäben ein beeindruckendes Who's who der beleidigten Kulturschaffenden. Niemand mag es, wenn jemand zerpflückt, was man für einen großartigen und hehren Gedanken hält, der die Welt verbessern würde. Das Echo, das Pohrt hervorrief, war für einen freischaffenden Kritiker und Autor ungewöhnlich. An ihm schieden sich die intellektuellen Geister, ihn hasste die Meinungselite in Deutschland aufrichtig und von ganzem Herzen. »Denunziationen« gegen die neue Bewegung witterte Eckhard Jesse in der Süddeutschen Zeitung. »Larvierte Menschenverachtung« warf ihm Jürgen Manthey in der Frankfurter Rundschau vor. Für den Pflasterstrand war er ein »Finsterling mit Faschismus-Paranoia«. Ein Jack Zipes fand es in Ästhetik & Kommunikation verheerend, dass Eike Geisel und Pohrt »ihre Wörter wie Waffen benutzen, um ihre Gegner, ob links oder rechts, zu eliminieren oder auszurotten«. Thomas Schmid, heute Chefredakteur der Welt, damals Herausgeber des Freibeuter, leitartikelte: »Der furiose Wolfgang Pohrt, der sechs Millionen ermordete Juden zu seinem Betriebskapital gemacht hat und ebenso scharfrichterlich wie intellektuell unseriös auf alles einschlägt, was er nicht selber ist, ist einer der geistigen Ahnherrn der journalistischen Unkultur.« In die gleiche Kerbe ließ Titanic Yaak Karsunke schlagen, der meinte, Pohrts »beliebiges Hantieren mit dem Grauen als Versatzstück ist zynisch«. Nur der Jean-Améry-Preisträger Lothar Baier, der sich intensiv mit dem Nationalsozialismus befasst hatte, stellte in der Zeit die Frage, wer wohl »in jüngster Zeit ähnlich erhellendes über das KZ-Universum geschrieben hat wie Pohrt«?
Angesichts einer »schwachen Opposition«, die es zu unterstützen gälte, suche Pohrt »die totale Konfrontation«, bemängelte Hermann Peter Piwitt in Konkret, während Bärbel Goddar in Radio Bremen die beruhigende Nachricht verbreitete: »Pohrts Buch ist für Intellektuelle geschrieben, es dürfte mit seinen Aussagen die werktätige Bevölkerung kaum erreichen.« Auf seine polemische Thesen wurde in der Regel verärgert und mit Abscheu reagiert. Als Pohrt in Joseph Hubers Buch über die Alternativbewegung Denkmuster eines »potentiellen Faschisten« entdeckte und das im Spiegel veröffentlichte, ereiferte sich Robert Jungk: »Der wüste Anschlag von Wolfgang Pohrt auf Joseph Huber hat bei mir assoziativ die Erinnerung an das sinnlose Attentat gegen John Lennon geweckt.« Und Johano Strasser sah einen »geradezu neurotischen Vernichtungswillen« am Werk.
Auch wenn die meisten Kritiker heute niemand mehr kennt, in den Achtzigern gaben sie den Ton an. Der »Magier« Pohrt, wie Franz Josef Degenhardt ihn nannte, war an die Grenze zur Prominenz gestoßen. Aber als sich der Rauch verzogen hatte, sah man keine Leichen auf dem Schlachtfeld der intellektuellen Kontroverse herumliegen, sondern lauter quietschlebendige und rachedurstige Menschen aus dem journalistischen Gewerbe, die im Kulturbetrieb den Ton angaben und die, da sie sich von Pohrts Kritik oft persönlich getroffen fühlten, aus verständlichen Motiven keinen Wert darauf legten, Pohrt länger Gehör zu verschaffen. Redakteure, die seinen Scharfsinn bewunderten, kamen immer seltener auf die Idee, ihn schreiben zu lassen. Dem Leser der Zeit wollte man Pohrt lieber nicht zumuten. Vermutlich aus guten Gründen. Nur für Konkret, die er regelmäßig mit Artikeln belieferte, arbeitete er 1984 vier Monate lang als Redakteur, und Jan Philipp Reemtsma ermöglichte ihm für ein paar Jahre eine Tätigkeit als Privatgelehrter Anfang und Mitte der neunziger Jahre, während die taz ihn als Redakteur ablehnte, weil man befürchtete, dann nicht mehr in Ruhe frühstücken zu können.
1989 gab Pohrt seine »Geschäftsaufgabe« als Ideologiekritiker bekannt. Die Marktlücke, die sich durch die Protestbewegung aufgetan hatte und die von Leuten wie Schultz-Gerstein beim Spiegel über den Niedergang dieser Bewegung hinaus offen gehalten wurde, gab es nicht mehr. Viel wichtiger jedoch: Der Ideologiekritiker war in den Augen Pohrts obsolet geworden. Der Gegenstand seiner Kritik hatte sich verflüchtigt: eine Bewegung, mit der sich noch auseinanderzusetzen lohnte und die sich noch nicht rückstandslos im nationalen Volkskörper aufgelöst hatte. Die Linke war das Koordinaten- und Bezugssystem Pohrts. 1989 aber kamen die rechten Republikaner ins Berliner Abgeordnetenhaus.
»Wenn also rund acht Jahre, nachdem die Linken in der Bundesrepublik eine nationale Frage überhaupt erst wieder ins Gespräch gebracht hatten unter dem Vorwand, derlei nicht den Rechten überlassen zu wollen, diese Politik schließlich Früchte trägt, und wenn die Früchte dann in den Garten nicht des angemaßten, sondern des rechtmäßigen Besitzers dieser nationalen Frage fallen, so ist für die Ideologiekritik wieder einmal der Zeitpunkt gekommen, wo sie im Bewusstsein, es besser gewusst und dennoch nichts bewirkt zu haben, getrost abdanken kann.«
Die Protestbewegung sei kein Ziel für Polemik mehr, weil sie sich »in einen Gegenstand der allgemeinen anthropologischen Betrachtung« verwandelt habe.
Zehn Jahre hatte Pohrt gegen die Politik der Protestgeneration angeschrieben. Er konnte das deshalb so genau, weil er selbst ein Teil dieser Bewegung war. Er hatte in Frankfurt und Berlin Soziologie studiert, sich mit Marx, Adorno, Horkheimer und Krahl befasst. Er trug die Säulenheiligen der Bewegung jedoch nicht wie eine Monstranz vor sich her, um sich durch sie zu immunisieren oder den eigenen Artikeln Bedeutung zu verleihen, sondern Pohrt nutzte ihre Methode und ihr Handwerkszeug, ohne einfach nur ihre Gedanken zu reproduzieren.
1976 erschien seine Dissertation »Theorie des Gebrauchswerts«. An der Lüneburger Uni hielt er Seminare über »Die Aktualität des Faschismus«, »Marx-Kontroversen« und über das »Verhältnis von Ohnmacht, Apathie und Wahn im Spätkapitalismus«. Dem glücklichen Umstand, dass die Hochschule seinen Vertrag nicht verlängerte, ist es zu verdanken, dass in Deutschland über Jahre hinweg Polemik auf so hohem Niveau praktiziert wurde.
1980 erschien im Berliner Rotbuch Verlag »Ausverkauf«, der erste Band mit »Pamphleten und Essays«, bzw. »Schubladentexten«, denn niemand hatte Pohrt bis dahin wahrgenommen und veröffentlicht, sieht man von einem Aufsatz über »Wegwerfbeziehungen« ab, der 1974 im Kursbuch erschien. Das änderte sich jetzt. Spätestens nach einer Kritik in der Frankfurter Rundschau von Wolfram Schütte, der im intellektuellen Leben Deutschlands eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielte:
»Der Reichtum an Erkenntnissen, Einsichten und Durchblicken, den das Buch in jeder seiner dreizehn Arbeiten enthält und verschwenderisch ausbreitet – oft mit aphoristischer Prägnanz und abgründigem Witz formuliert, die Pohrt auf einen Schlag zu einem unserer besten Polemiker machen –: diese intellektuelle Fülle ist hier gar nicht zu referieren. Von allen essayistischen, zeitkritischen ›Kopfgeburten‹ der letzten Zeit sind deshalb Pohrts Pamphlete und Essays die monströsesten, Kinder des Schreckens, gezeugt von Intelligenz und politischer Moral, aufgezogen von Empörung und Zorn und in die Welt geschickt, um Unruhe zu stiften.«
Im Pathos dieser Zeilen und in der hochtrabenden Formulierung klang jedoch bereits an, dass die neue Freundschaft nicht lange währen würde. Und tatsächlich konnte es sich Pohrt nicht verkneifen, Schütte in einem Brief als »Ehrenretter der Kulturnation« und »Prinz Eisenherz der neudeutschen Kunst« zu verspotten.
In »Ausverkauf« schlägt Pohrt den Ton und die Motive an, die er in den nächsten zehn Jahren in Zeitungsartikeln und Vorträgen umkreisen wird, eine Kampfansage an die deutschen Intellektuellen, denen es immer schwer gefallen ist, »zwischen einer Ergebenheitsadresse und einer Meinung zu unterscheiden«. Das jedenfalls ist der Befund Pohrts, als er die Ereignisse um die Entführung von Hanns-Martin Schleyer 1977 untersucht, die sich als Zäsur innerhalb der Linken erweisen sollten. Damals gaben 123 Professoren und 54 wissenschaftliche Mitarbeiter »ihre Devotion« in der FR kund.
»Diese Professoren, wie alle Linken vom Sozialistischen Büro bis zu den Jungsozialisten, haben vor Angst den Verstand verloren, wenn sie sich heute in die Schlange derer drängeln, die darauf warten, unter den wohlwollenden Blicken der Macht und unter dem Beifall der Menge auch mal auf die Bösewichter spucken zu dürfen.«
Damals noch vom Furor der Moral getrieben, verzichtete Pohrt später auf nebulöse Begriffe wie Macht, weil Macht in der Regel spezifisch ist und einen Namen hat. Aber man merkte, hier schrieb einer mit offenem Messer und keiner, der auf das Bundesverdienstkreuz scharf war und wohl ausgewogene Erörterungen anstellte.
In der öffentlichen Diskussion über Stammheim und Mogadischu ging es Pohrt nicht darum, die RAF zu kritisieren, sondern daran zu erinnern, dass es sich um Leute handelte, »die amerikanische Einrichtungen angegriffen hatten, um dem Bombenterror gegen Vietnam nicht tatenlos zusehen zu müssen«. Es wäre jedoch falsch, Pohrt für einen Sympathisanten der RAF zu halten, die von seiner Kritik nicht verschont wurde, vielmehr ließ er sich in seiner Argumentation davon leiten, dass es weit triftigere Gründe gab, gegen die neue Gleichschaltung der Medien zu polemisieren als gegen Leute, mit denen Pohrt eine gemeinsame Vergangenheit verband, nämlich der Protest gegen das amerikanische Flächenbombardement in Vietnam, und ein gemeinsames Ziel hatte, nämlich die Abschaffung von Verhältnissen, in denen der Mensch ein geknechtetes und unterdrücktes Wesen war. Und aus diesem Grund trat Pohrt immer wieder für eine Amnestie der Gefangenen ein. Dies war das einzige, was man nach Pohrts Überzeugung sinnvollerweise noch tun konnte, das einzige auch, wo die Motive des einzelnen keine Rolle spielten. Und hätte man für ein damals geplantes rororo-aktuell-Bändchen den Papst für eine Amnestiekampagne gewonnen, umso besser, und kein Grund, die Nase zu rümpfen.
Aus dem berechtigten antiimperialistischen Protest wurde jedoch schnell ein antiamerikanisches Ressentiment. Ende Oktober 1981 erschien in der Zeit »Ein Volk, ein Reich, ein Frieden«. Darin beschrieb Pohrt, wie nach der Raketenstationierung aus der Friedensbewegung eine »deutschnationale Erweckungsbewegung« wurde. Als Beispiel zitierte er den damals grundguten und als unantastbar geltenden Friedensapostel Gollwitzer, der in einem Leserbrief an den Spiegel geschrieben hatte: »Kein Deutscher kann diese bedingungslose Unterwerfung der Interessen unserer Volkes unter fremde Interessen, diese Auslieferung der Verfügung über die Existenz unseres Volkes an eine fremde Regierung hinnehmen.« Und auch Hermann Peter Piwitt stöhnte in Konkret »herzzerreißend über die Besetzung seiner Heimat durch die ›Yankee-Kultur‹«. »Mögen anderswo dem amerikanischen Kulturimperialismus die tradierten Lebensformen ganzer Nationen zum Opfer gefallen sein«, erwiderte Pohrt darauf apodiktisch, »in Deutschland aber begann mit dem amerikanischen Kulturimperialismus nicht die Barbarei, sondern die Zivilisation.« Und er fährt mit einem Satz fort, der bei der Zeit-Leserschaft für Furore sorgte und noch in Talkshows für Gesprächsstoff sorgte: »In diesem Land ist jede weitere Filiale der McDonald-Hamburger-Kette eine neue Insel der Gastfreundschaft und eine erfreuliche Bereicherung der Esskultur.«
Aus einer Fußnote des Zeit-Artikels erfährt man, dass »Ein Volk, ein Reich, ein Führer« von Konkret abgelehnt worden war. Und von Broder erfährt man, Gremliza habe gezischt: »Was Pohrt jetzt schreibt, ist einfach skandalös.« Das fanden auch andere, wie z.B. die damals für die Taschenbuchreihe bei Rotbuch zuständige Marie-Luise Knott, bei der die Behauptung Pohrts, die Frauenbewegung sei aus einem Missverständnis heraus entstanden, auf wenig Gegenliebe stieß. Pohrts Analyse hielt sie für einen Witz und erinnerte sie an einen »männlichen Stammtischreißer«. Pohrt hatte in einem Nachruf auf die siebziger Jahre geschrieben:
»Als aus den Revolutionären Kindergärtner geworden waren und folglich windelnde und spülende Männer eine Landplage, ging man oft ins Kino, um Humphrey Bogart als einzigen Mann und letzten Helden in ›Casablanca‹ zu bewundern. Die Kinobesuche machten aus Kindergärtnern keine Helden, schürten aber den Hass der Frauen auf ihre männliche Begleitperson: die Frauenbewegung war geboren.«
Bei allen damals hochkochenden Debatten war Pohrt nicht fern. Als Broder 1984 von Alice Schwarzer als »militanter Jude« stigmatisiert wurde, mit dem kein Mitglied der Emma-Redaktion Kontakt haben dürfe, regte Pohrt die Herausgabe einer Anthologie an »über das Verhältnis der Linken zum Antisemitismus«, in der – wäre das Buch zustande gekommen – die besten und verhasstesten Polemiker versammelt gewesen wären: Pohrt, Broder, Schultz-Gerstein und Eike Geisel. Es gab jedoch genügend andere Anlässe und Gelegenheiten, sich mit diesem Problem zu befassen, welches darin bestand, dass die Linken »weder den Nationalsozialismus noch Auschwitz begriffen hatten, weil sie ersteren mit einem besonders tyrannischen Regime und letzteres mit einem besonders grausamen Blutbad« verwechselt und deshalb die Hoffnung nicht aufgegeben hätten, »das Unrecht, welches sie anderswo entdecken, könne Deutschland entlasten«.
Bei den Linken, deren Liebe zu den Palästinensern besonders heftig brannte, ließ sich diese Entlastung für Deutschland besonders schön beobachten:
»Dreihundert von der südafrikanischen Polizei in Soweto erschossene Schüler kümmern niemand. Drei erschossene Schüler in Hebron machen die westdeutsche Linke vor Empörung fassungslos. Die Unterdrückung und Verfolgung der Palästinenser durch Israel wird so genau beobachtet und so leidenschaftlich angeprangert, weil sie beweisen soll: es gibt keinen Unterschied. So merkt die westdeutsche Linke nicht, dass ihr der Unterschied zwischen Deutschland und den anderen Nationen mit jedem Versuch, ihn zu verwischen und zu tilgen, nur umso kolossaler entgegentritt.«
Dieses Nicht-Begreifen der deutschen Geschichte leistete einem Denken Vorschub, welches jedes Massaker, das einem politisch in den Kram passte, mit Auschwitz gleichsetzte, um unter der Flagge von Humanität und Menschenrechten staatliche Souveränität missachten und Kriege anzetteln zu können. Die deutsche Linke hatte dafür die Argumente geliefert, die die rot-grüne Regierung im Bürgerkrieg in Jugoslawien nur noch zu übernehmen brauchte.
Am 1. November 1983 hielt Pohrt im großen Saal der Berliner »Akademie der Künste« vor ca. tausend Zuhörern einen Vortrag über den »Krieg als wirklichen Befreier und wahren Sachwalter der Menschlichkeit«. Anschließend gab es eine Diskussion mit dem Friedensbewegten Fritz Vilmar und dem ehemaligen Frankfurter Sponti und Mitglied der »Revolutionärer Kampf«-Gruppe Thomas Schmid, der heute als konservativer Leitartikler die Öffentlichkeit vor linken Irrtümern warnt. Das Publikum war so gespalten wie das Podium, und Pohrt war in seinem Element. Die heftigen Reaktionen ließen ihn zur Höchstform auflaufen, und je mehr es im Saal brodelte, desto spöttischer und beißender wurden seine Diskussionsbeiträge. Nichts war ihm unangenehmer als eine reglos dasitzende Zuhörerschaft, und deshalb begann er jeden Vortrag mit einer auf die Veranstalter und die Themenstellung gemünzten provozierenden Anmerkung, um die Zuhörer aus der Reserve zu locken. Das setzt jedoch immer ein Publikum voraus, das uneins ist und sich zumindest teilweise auf die Seite Pohrts schlägt. Auf dem Konkret-Kongress im Sommer 1993, auf dem sich zum letzten Mal so etwas wie eine unabhängige Linke traf, war die Ablehnung Pohrts massiv und einhellig. Er selbst war enttäuscht und genervt.
Nach sechs Essay-Bänden, die mit Witz und Verve geschrieben sich als kritische Chronik der siebziger und achtziger Jahre lesen lassen, war mit dem Fall der Mauer eine neue Epoche angebrochen. Für Pohrt höchste Zeit, sich den Ereignissen auf andere Weise zu nähern als mit feuilletonistischer Kommentierung. Er machte Reemtsma das Angebot, das Massenbewusstsein der Deutschen in der Umbruchsphase zu untersuchen und die Chancen für einen neuen Faschismus zu sondieren. Im Hamburger Institut zusammen mit Ulrich Bielefeld zu forschen kam für ihn allerdings nicht in Frage. »Da hat der vereinte Sachverstand gründlich nachgedacht, und es kam der originelle Vorschlag heraus, dass sich fünf Leute in Hamburg treffen sollen, um von ihren nicht vorhandenen konkreten Vorschlägen zu erzählen«, machte sich Pohrt über »Forschungsprojekte«, wie sie Bielefeld betrieb, lustig und beharrte darauf, als Einmannforschungsteam die Studie zu erstellen, die sich an der sozialwissenschaftlichen Methode der Frankfurter Schule und an dem 1950 erschienenen »The Authoritarian Personality« orientierte.
Pohrt traktierte seine Freunde, Verwandten und Bekannten mit einem 58 Aussagen umfassenden Papier, in dem Sätze bewertet werden sollten wie: »Im Wohlstand verkümmern die inneren Werte der Menschen, weil jeder nur auf den eigenen Wohlstand bedacht ist.« Er führte ausführliche Interviews und Gespräche, protokollierte sie und wertete sie aus, er zog sämtliche Register der Statistik und empirischen Sozialforschung, um schließlich zu dem von seitenlangen Ziffern und Koeffizienten untermauerten Ergebnis zu gelangen, dass die Werte »auf eine antizivilisatorische, antidemokratische Überzeugung schließen lassen, deren unerhörte Einhelligkeit ferner die ungebrochene Neigung zur freiwilligen Selbstgleichschaltung verrät«.
Pohrt hatte im Alleingang und in nur einem Jahr ein über 300seitiges Forschungsergebnis vorgelegt, womit sich ein größeres Wissenschaftsteam zehn Jahre lang die Zeit hätte vertreiben können. Auf eine nennenswerte Resonanz stieß diese Arbeit nicht, obwohl man zur Beurteilung der drei zentralen Ereignisse Anfang der neunziger Jahre in der Zone (Ausländerverfolgung), in Jugoslawien (Serbienfeldzug) und im Irak (Golfskriegspazifismus) auf die Studie Pohrts gut hätte zurückgreifen können.
Im Abstand von jeweils einem Jahr folgten mit »Das Jahr danach« und »Harte Zeiten« zwei weitere Bücher, die allerdings nicht mehr in Form einer empirischen Sozialstudie erschienen, sondern als »Analysen zur Zeitgeschichte, deren bescheidener Nutzen darin besteht, dass sie die spätere Legendenbildung erschweren könnten«. Pohrt hatte auf die Katastrophe hingewiesen, »als welche die Wiedervereinigung und der Zusammenbruch des Ostblocks sich entpuppten«, ohne dass eine gesellschaftlich relevante Gruppe den Versuch unternommen hätte, diese Entwicklung aufzuhalten.
1994 begann die Entwicklung schließlich an Dynamik zu verlieren, sie wurde zum Dauerzustand. Das Elend wurde chronisch, aber niemals Grund zur Einsicht oder gar größerer und nachhaltiger Proteste. Die Intellektuellen wurden noch national gesinnter und die Bevölkerung war jederzeit bereit, weitere Einschneidungen im Sozialsystem hinzunehmen. Stattdessen wurden Pohrt in der taz für seine Studien folgende Komplimente gemacht: er sei ein »deutscher Apokalyptiker«, ein »außer Rand und Band geratener Utopist«, ein »deutscher Rassist par excellence« und ein »manischer Inländerfeind«. Das behauptete jedenfalls Reinhard Mohr, der sich mit solchen Artikeln für einen Job beim Spiegel empfahl.
Pohrt wurde in einem ungeheuren publizistischen Kraftakt zum führenden politischen Kommentator, der im Dunstkreis einer unabhängigen Restlinken und von Konkret, in der er regelmäßig veröffentlichte, den Ton und manchmal auch die Richtung vorgab und dennoch immer ein Fremdkörper blieb, weil ihm jede Gefolgschaft suspekt war. Die Abwendung vom Palästinenserfeudel hin zu einer Pro-Israel-Haltung, die im Golfkrieg 1991 offensiv vertreten wurde und Konkret mehrere hundert existenzgefährdende Abonnenten kostete, kam nicht zuletzt durch seine vehemente Fürsprache der amerikanischen Einmischung zustande, die in seinem Wunsch kulminierte, die Israelis würden sich der Bedrohung durch den Irak notfalls mit einer Atombombe zur Wehr setzen. Später bedauerte er die Äußerung, die aus der Erregung darüber entstanden war, dass man in Deutschland Saddams Scud-Raketen als selbstverschuldete Bedrohung bagatellisierte. Inzwischen hat sich im Nahen Osten einiges geändert, weshalb er das unreflektierte Festhalten an dieser Position später als Unfähigkeit kommentierte, sich von einer liebgewonnenen Einsicht wieder zu verabschieden, wenn die gesellschaftlichen Prämissen andere geworden sind.
1997 erschien seine letzte Untersuchung, noch einmal von Reemtsma finanziert, von diesem aber schließlich nicht mehr gut geheißen. In »Brothers in Crime« ging es um die Auflösung der Politik und deren Transformation in ein klassisches Bandenwesen, und im Untertitel bereits klang an, das die Aussichten trübe waren: »Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit.« Auch diesem Werk war trotz beachtlicher Resonanz kein großer Erfolg beschieden. Pohrts Kritik war zu radikal und verzichtete weitgehend auf populäre Thesen und Agentenromantik, wie sie Dagobert Lindlau in seinem Bestseller »Der Mob« verwendete.
Pohrt meldete sich Ende der Neunziger nur noch sporadisch mit gelegentlichen Vorträgen zu Wort. Dann wurden ihm die Zigaretten zuviel, die er für das Schreiben eines Artikels brauchte. Er schwieg. Das mochte man zwar bedauerlich finden, aber zumindest verfiel er nicht der Versuchung vieler anderer Autoren, die zeitlebens einen originellen Gedanken, den sie mal hatten, variieren.
Nur einmal noch ließ er sich aus der Reserve locken, als er am 3. Oktober 2003 zusammen mit Henryk M. Broder einer Einladung eines »Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus« ins Berliner Tempodrom folgte, eine Veranstaltung, die Pohrt selbst als Fiasko wertete. Immerhin zeigte die lebhafte Reaktion auf seinen Auftritt, dass er immer noch als Feindbild in der Linken wahrgenommen wurde. In dem aus dieser Veranstaltung heraus entstandenen Buch »FAQ« ergriff Pohrt die Gelegenheit, die Positionen der sogenannten »Antideutschen« zu kritisieren, als deren Ikone und theoretischer Protagonist er galt, und zwar mit dem Hinweis, dass jede Wahrheit einen Zeitkern hat, also nur gültig ist unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen.
»Manche Leute freut es, wenn sie von sich behaupten können, sie hätten es schon immer gesagt. Mir geht es weniger um die Ewigkeit als den richtigen Zeitpunkt. Deshalb gefällt es mir, dass ein umfangreicher Teil meines 1992 erschienenen Buches ›Das Jahr danach‹ die Ausländerverfolgung anprangert. Und aus dem gleichen Grund wäre es mir nicht angenehm, wenn dieser Text unkommentiert jetzt wieder erschiene, wo sein Charakter der eines Mit-den-Wölfen-Heulens wäre.«
Als 1991 in Rostock-Lichtenhagen das Wohnheim für Ausländer in Brand gesteckt wurde, hatte der Staat auf der ganzen Linie versagt. Zehn Jahre danach sah die Sache anders aus:
»Antisemiten und Rassisten werden bekämpft, weil man sie benötigt. Sie werden gebraucht, weil sie so was wie der Dreck sind, an welchem der Saubermann zeigen kann, dass er einer ist. Sie werden gebraucht, damit Schröder die von ihm geführten Raubzüge der Elite als ›Aufstand der Anständigen‹ zelebrieren kann. Sie werden gebraucht, weil die Ächtung von Antisemitismus und Rassismus das moralische Korsett einer Clique sind, die sich sonst alles erlauben will, jede Abgreiferei, aber wie jeder Verein für ihren Bestand Verbote und Tabus benötigt.«
Damit hatte sich Pohrt wieder einmal der politischen Einvernahme durch die Linke, bzw. eine ihrer Fraktionen, entzogen. Er hatte die letzten Bewunderer vor den Kopf gestoßen und die letzten Drähte gekappt. Und er hat dies getan, ohne sich neue Freunde zu schaffen. Er hat sich von der Restlinken verabschiedet, ohne sich ins bürgerliche Lager zu retten. Er hat dies allein dadurch geschafft, indem er einfach nur die Zeichen der Zeit zu deuten versuchte und sich nie auf einer einmal gefundenen Wahrheit ausruhte. Er war über dreißig Jahre hinweg der vielleicht brillanteste Kopf der Linken. Sie hat ihn nie gemocht, weil er ihr den Spiegel vorgehalten hat, in dem sich ihr in der Regel kein schöner Anblick bot. Nachdem die Linke spätestens mit der Wiedervereinigung zum bloßen Gegenstand »anthropologischer Betrachtung« wurde, geben für Pohrt nun auch die Verhältnisse selbst nichts mehr her, das sich noch zu analysieren und zu kommentieren lohnte, jedenfalls nicht, um einen Verein oder eine Gemeinde damit zu erfreuen, die die Linke bestenfalls noch ist. Andere jedoch, die an seiner Meinung interessiert sind, gibt es nicht allzu viele, jedenfalls nicht in den Blättern, die bislang keine große Anstrengung unternommen haben, an der von Pohrt vor dreißig Jahren konstatierten freiwilligen Gleichschaltung wirklich etwas zu verändern.
Zumindest kann noch einmal daran erinnert werden, dass in Deutschland die Linke zwar auf der ganzen Linie versagt hat, aber dank Wolfgang Pohrt das Niveau der Kritik an ihr weit besser war, als sie es verdient hatte, ja man kann sogar sagen, dass ein realistisches Bild von ihr nur deshalb erhalten geblieben ist, weil Pohrt sich ihrer Macken, Fehler und Eigenarten angenommen und damit die Mythenbildung erschwert hat. Als Gesellschaftsanalytiker nicht weniger brillant und weitsichtig, war Pohrt in gewissem Sinne das beste Beispiel dafür, wie vergeblich das Anschreiben gegen Verhältnisse sein kann, wenn diese von der Mehrheit so gewollt werden und eine intellektuelle Opposition nicht mehr vorhanden ist, der Gewicht und Bedeutung zukäme.
2005
Some of my best friends are German
Eike Geisel
Der 1997 verstorbene Historiker und Journalist Eike Geisel gehörte zusammen mit Wolfgang Pohrt, Henryk M. Broder, Lothar Baier und Christian Schultz-Gerstein einer Generation von Kritikern an, die sich seit den siebziger Jahren radikal, scharfsinnig und originell mit dem ideologischen, politischen und kulturellen Zeitgeist auseinandersetzten, ohne einer institutionalisierten Opposition oder Gruppe anzugehören. Als Achtundsechziger hatte Geisel sein Denken wie viele andere an Adorno und Horkheimer geschult, im Unterschied zu vielen anderen aber auch an Hannah Arendts »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« und an ihrem Eichmann-Buch. In einer Zeit, als die Literatur über den Nationalsozialismus noch sehr spärlich war, beschäftigte er sich u.a. mit H.G. Adlers Theresienstadt-Studie, las Eugen Kogons Standardwerk »Der SS-Staat« und Jean Améry, dessen rhetorische Vortragskunst er bewunderte.
Er promovierte über »Marx und die nationale Frage«, arbeitete zwischen 1973 und 1975 am Otto-Suhr-Institut, bevor er anschließend (von 1975 bis 1981) zusammen mit Wolfgang Pohrt als Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg lehrte, wo er u.a. Seminare über die Aktualität des Faschismus und über Marx abhielt. In dieser Zeit lernte er die kommunistische Jüdin, Partisanenkämpferin und KZ-Überlebende Hanna Lévy-Hass kennen und überredete sie, ihre Tagebücher »Vielleicht war das alles erst der Anfang« im Rotbuch Verlag (1979) zu veröffentlichen, denen ein langes Gespräch mit der Autorin beigefügt war.
1981 erschien das von ihm herausgegebene Buch »Im Scheunenviertel«, ein Bildband mit einem großen Essay, Fotos, zeitgenössischen Texten und Dokumenten über die während der Kriegs- und Revolutionswirren nach Berlin geflüchteten Ostjuden, ein Buch, das zahlreiche Auflagen erlebte. Weil die DDR in den 35 Jahren nach Kriegsende wenig getan hatte, um diese verrufene Gegend zu sanieren (was dem Westen innerhalb weniger Jahre dann vollständig gelang), erinnerten alte Reklameschriften an Wänden, Einschusslöcher und Elendsbehausungen noch rudimentär an den Krieg und das Leben armer Juden, das da einmal auf engstem Raum stattgefunden hatte.
Anfang der Achtziger lernte er auch Henryk Broder kennen, der sich schon seit den siebziger Jahren mit dem Antisemitismus in der Linken auseinandersetzte und mit linker Prominenz und Zeitschriften wie Emma und Konkret im Clinch lag, u.a. deshalb, weil Emma-Redakteurin Ingrid Strobl Israel das Existenzrecht absprach und Alice Schwarzer einer Angestellten Kontaktverbot zum »militanten Juden« Broder erteilte. Immerhin ein Vorfall, der zur Planung einer kleinen Anthologie über das Verhältnis der Linken zum Antisemitismus führte, die dann allerdings nicht zustande kam.
Mit Broder verband Geisel eine enge Freundschaft. Gemeinsam suchten sie in den USA und Israel Überlebende des Jüdischen Kulturbunds auf, sammelten Dokumente und drehten den Film »Es waren wirklich Sternstunden«, der 1988 ausgestrahlt wurde. Geisel erstellte das Konzept für eine dann 1992 an der Akademie der Künste gezeigten großen Ausstellung mit einem umfangreichen Katalog (»Geschlossene Vorstellung«). Zudem erschien im gleichen Jahr ein Buch von ihm und Broder zu diesem Thema mit dem Titel »Premiere und Pogrom«.
Broder beteiligte sich da allerdings nur noch sporadisch an der historischen Forschung, denn mit der am 2. August 1990 beginnenden Annektierung Kuweits durch Saddam Hussein und der Intervention der USA und ihrer Verbündeten am 16. Januar 1991 begann in Deutschland eine heftig geführte Debatte, in die beide leidenschaftlich involviert waren. In der Textsammlung »Liebesgrüße aus Bagdad. Die ›edlen Seelen‹ der Friedensbewegung und der Krieg am Golf« spotteten sie über die wieder von den Toten auferstandenen Pazifisten, die weiße Laken als Zeichen der Kapitulation aus dem Fenster hängten, und polemisierten gegen Leute wie Rudolf Augstein, Alice Schwarzer und Christian Ströbele, die dem vom Irak durch Raketenbeschuss bedrohten Israel eine gewisse Mitschuld am Krieg gaben. Sie mieteten eine große elektronische Werbetafel an der Ecke Joachimsthalerstraße und Kurfürstendamm gegenüber vom Café Kranzler, auf der dann zu lesen war: »An die deutsche Friedensbewegung: Vielen Dank für die moralische Nachrüstung. Ihr Saddam Hussein.«
Danach setzte die Debatte um die Stasi ein, die für Broder allerdings eine andere Bedeutung hatte als für Geisel. Er sah in der kollabierten DDR nicht so sehr den mit dem Nationalsozialismus vergleichbaren Unrechtsstaat, sondern eine kommode und lächerliche Diktatur, mit der sich die Bevölkerung arrangiert hatte, bis die Verlockungen des Westens in Form von Beate Uhse und Bananen und weniger von Freiheit sie überlaufen ließen. In der öffentlichen Diskussion über die Stasi erkannte er das Bedürfnis der Deutschen, die nicht stattgefundene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nach 1945 nachzuholen, um sich ein gutes Gewissen zu machen. Die Outings von ehemaligen Stasimitarbeitern fand er nicht weniger erbärmlich als die »Schwerter-zu-Pflugscharen«-Pazifisten, die sich als Fundamentalopposition stilisierten, lächerlich. Empörend fand er die Jagd auf Ausländer im Osten, die schließlich im Pogrom in Lichtenhagen kulminierte, und über die Rechtsradikalen, die es zusammen mit dem Mob phasenweise schafften, »national befreite Zonen« einzurichten, in die sich keine Bürger anderer Staaten mehr trauten. Als er 1992 zu einem Vortrag in die Vereinigten Staaten reiste, schrieb er mir: »Es wird höchste Zeit, dass ich abhaue, ehe alle Brüder und Schwestern aus der Zone kommen. Die Wiedervereinigung sehe ich mir gerne aus 6000 km Entfernung an.«
Der 1945 geborene Eike Geisel passte nicht in das Bild, das sich die Öffentlichkeit von den Achtundsechzigern machte, die zu Beginn der Neunziger angeblich überall in der Gesellschaft den Ton angaben. Eike Geisel hatte sich nicht auf den langen Marsch durch die Institutionen begeben, um eine Beamtenstelle mit Pensionsanspruch zu ergattern. Zwar hatte er gegen eine solche nichts einzuwenden, aber er besaß weder die Geduld noch die Zähigkeit, eine Karriere einzuschlagen, bei welcher der Erfolg durch Verbitterung erkauft wird. Dass es andere taten, warf er ihnen nicht vor, er mochte sich bloß nicht damit abfinden, dass mit der Karriere der ehemaligen Genossen in der Bundesrepublik der freiwillige Verzicht auf Kritik an ihr einherging. Aus erklärter Feindschaft gegen den Staat wurde die Sorge um sein Ansehen in der Welt, mit dem Effekt, dass die Umstürzler von einst sich zum Objekt ihrer Fixierung nunmehr wie Kosmetikberater verhielten. Sie traten den Beweis für die These an, dass das Einverständnis mit dieser Gesellschaft nur um den Preis der eigenen vorzeitigen Verblödung möglich ist.
Die Intellektuellen verhielten sich schon vor der Wiedervereinigung als ihrem nationalen Erweckungserlebnis so, als wollten sie beweisen, dass Adorno dreißig Jahre nach seinem Befund noch aktuell war:
»Der Glaube an die Nation«, hatte Adorno 1960 geschrieben, »ist mehr als jedes andere pathische Vorurteil die Meinung als Verhängnis; die Hypostasis dessen, wozu man nun einmal gehört, wo man nun einmal steht, als des Guten und Überlegenen schlechthin. Er bläht die abscheuliche Notstandsweisheit, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, zur moralischen Maxime auf. Gesundes Nationalgefühl vom pathischen Nationalismus zu scheiden, ist so ideologisch wie der Glaube an die normale Meinung gegenüber der pathogenen; unaufhaltsam ist die Dynamik des angeblich gesunden Nationalgefühls zum überwertigen, weil die Unwahrheit in der Identifikation der Person mit dem irrationalen Zusammenhang von Natur und Gesellschaft wurzelt, in dem die Person zufällig sich findet.«
Zwar ließ sich gegen die Rauner des Nationalen und der Wiedervereinigung mit Polemik wenig ausrichten, aber es bereitete Eike Geisel dennoch großes Vergnügen, die als »Identitätssuche« veredelte Anbiederei bloßzustellen, um zu demonstrieren, wie überaus eifrig die Intellektuellen ihren eigenen Bankrott bewerkstelligten. Vor allem, wenn ihre unheilbare Liebe für den Befreiungskampf des palästinensischen und irakischen Volkes entflammte und sie sich als Nationalisten und Antisemiten entpuppten, befanden sie sich in einer Tradition, die ihrer Überzeugung nach schon lange vorüber war, derzufolge die Vergangenheit verarbeitet sei und die Deutschen aufgeklärt und liberal wie nie. Die Deutschen aber zeigten sich »resistent gegen jede Aufklärung über die eigene Vergangenheit«.
In den achtziger Jahren fing dann das Geschäft mit der Erinnerung zu boomen an, eine »unspezifische Erinnerungswut« (Clemens Nachtmann) setzte ein, aber die hatte nur wenig mit Einsicht zu tun.
»Verordnete Aufklärung«, schrieb Eike Geisel, »ist so unsinnig wie die komplementäre Bereitschaft, an ihr wie durch massenhafte Verabredung organisiert teilzuhaben. Dass die Deutschen mit der nämlichen Betriebsamkeit, die sie einst beim Vernichten und dann beim Vergessen an den Tag gelegt hatten, sich nun an die eigene Vergangenheit machten, diesem Umstand haftet etwas Groteskes an. Erst in der beflissenen Erfassung der Nazizeit kommt Horkheimers Verdikt, er kenne kein verhärteteres Kollektiv in der ganzen Welt, zu seiner vollen Wahrheit. Gemünzt auf die geschäftige Verdrängung der Verbrechen, erfährt jenes Urteil gerade durch die treibende Kraft der deutschen Rückschau eine paradoxe Bestätigung. Denn in der eifrigen Materialsammlung und der sie begleitenden gefühligen Anschauung wurde aus der Besinnung auf den Nationalsozialismus eine neue Besinnlichkeit und der Verstand wurde vom Verständnis abgelöst [...] Gerade die offenherzige Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ging reibungslos konform mit wachsendem Ausländerhass und parteiübergreifendem Patriotismus, wohingegen wahrhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzig darin bestünde, den notorischen Zusammenhang zu kündigen.«
Mit dem Boom der Erinnerungskultur und den sich häufenden Jubiläen von Ereignissen, die Meilensteine auf dem Weg zur Vernichtung der Juden und mit deren Erforschung zahllose Wissenschaftler beschäftigt waren, wurde ein lukrativer Erwerbszweig hervorgerufen: das »Shoabusiness«. Eike Geisel stellte seine Beteiligung an diesem Geschäft, welcher man auch in aufklärender Absicht nicht entgeht, nie in Abrede, zeigte sich vielmehr amüsiert darüber. In einer Notiz vom 14. April 1988 schrieb er mir, ob ich nicht Lust hätte, etwas über Broder und ihn zu schreiben unter der Überschrift: »Die neue deutsch-jüdische Symbiose. Zwei Vernichtungsgewinnler.« Trotz dieses nicht sehr ernst gemeinten Vorschlags: Aus Deutschen wurden Experten, und die Experten meldeten eine Art Copyright auf die »Shoa« an – »Auschwitz bleibt deutsch« –, während andere Experten wiederum jedes kleinere Massaker schon mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gleichsetzten.
Eike Geisels Kritik am deutsch-jüdischen Verständigungskitsch einerseits, der auf Tagungen evangelischer Akademien zelebriert wurde, und andererseits an der weitverbreiteten Auffassung, dass Auschwitz eigentlich eine »Besserungsanstalt« gewesen sei, aus der die Juden geläutert hätten hervorgehen müssen, was leider nicht der Fall war, weshalb die Deutschen glaubten, die Juden ihrer besonderen Fürsorge unterziehen zu müssen, Eike Geisels Kritik an diesen Haltungen hatte einen Ausgangspunkt. Und dieser bestand in seinem immerwährenden Umkreisen und Hinweisen auf das, was die Nazis den Juden angetan hatten, die durch die willkürliche Entrechtung und Erniedrigung in einen Zustand gebracht wurden, in dem sie bereits verwaltungstechnisch ausgelöscht waren, bevor sie dann in den Lagern auch physisch aus dem Leben geschafft wurden.
»Die vollendete Sinnlosigkeit« der Lager schließlich, wie Eike Geisel einmal eine Studie Hannah Arendts über die deutschen Konzentrationslager übersetzte, war eine weitere Besonderheit, die für Eike Geisel Voraussetzung war, um das nationalsozialistische System zu begreifen, die Überzeugung der Nazis, »es sei wichtiger, die Vernichtungsfabriken in Betrieb zu halten als den Krieg zu gewinnen« (Hannah Arendt). Dass dafür bis auf Ausnahmen keine Menschen vonnöten waren mit einem besonders ausgeprägten Hang zum Sadismus, damit setzte er sich in seinem Film über Eichmann mit dem Titel »Erbschaft eines Angestellten« von 1990 auseinander, der sich in typisch deutscher Tradition auf den Befehlsnotstand berief, der ihn unter anderen Vorzeichen und in der Nachkriegszeit auch zu einem ausgezeichneten und leidenschaftlichen »Judenpfleger« gemacht hätte, wenn es von ihm verlangt worden wäre. Unabhängig davon, dass es sich bei Eichmanns Prozessaussagen um Schutzbehauptungen handelte und er in Wirklichkeit ein überzeugter, ja fanatischer Antisemit war, hätte er unter bundesrepublikanischen Bedingungen eine gegenteilige Bestimmung gefunden, und diese charakterliche Eigenschaft war es, die Eike Geisel in der deutschen Geschichte nachwirken sah.
Für die Vernichtung der Juden waren also lediglich eine funktionierende Bürokratie und ganz normale Menschen aus ganz normalen Familien nötig, die vielleicht die Auswüchse nicht gut hießen, aber dennoch bereit waren, ihren Teil an der Vernichtung der Juden beizutragen, und das war ebenfalls eine wesentliche Prämisse, die das Denken Eike Geisels prägte und die wichtig war in der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, wie sie in Politik und Gesellschaft bis in die heutige Zeit hinein geführt wird und die Eike Geisel in der Regel als Versuch wertete, die Opfer mit haftbar zu machen für das, was ihnen angetan wurde. Insofern stand er jedem Versuch der Versöhnung skeptisch gegenüber, denn es war »etwas passiert, womit wir alle nicht mehr fertig werden«, wie Hannah Arendt einmal gesagt hat, etwas, das »nicht hätte geschehen dürfen«, weil sich ein Abgrund geöffnet hatte, der sich der Logik des Denkens entzog.
Trotz Bezugnahme auf das tagespolitische Geschehen wirken Eike Geisels immer auch als Invektiven ebenso wie als Interventionen gemeinten Artikel nie antiquiert. Davor bewahrt sie der sarkastische, manchmal auch ironische Ton, der schon Hannah Arendt in der Eichmann-Debatte vorgeworfen wurde. Ein Ton, der jedenfalls nie weihevoll, selbstgefällig oder bemüht wirkte. Ein Ton, der dazu führte, dass sich Rezensenten seiner Bücher nie besonders wohl fühlten.
Empfindet ein Journalist im Neuen Deutschland die »Bösartigkeit des Autors« noch als »wohltuend«, fragt er sich vier Zeilen später, »wie weit Kritik an der israelischen Politik gehen darf, ohne dass er [Eike Geisel] sie als antisemitisch bewertet?« In diesem Punkt war die Presse sehr sensibel. Selbstverständlich war niemand in der aufgeklärten Linken antisemitisch, und wenn dennoch der Vorwurf erhoben wurde, konnte man sicher sein, dass man folgende Begründung zu hören bekam, derzufolge man gar kein Antisemit sein könne: »Einige meiner besten Freunde sind Juden«. Eike Geisel machte sich über dieses jeglicher Logik entbehrende Argument gerne mit dem Bonmot lustig: »Some of my best friends are German«.
Ausgewogene Artikel zu schreiben oder betuliche Vorträge zu halten, wäre Eike Geisel sinnlos erschienen, denn er wollte nicht das Für und Wider abwägen, sondern Reaktionen provozieren in dem Wissen, dass sich im Streit nachhaltiger Erkenntnisse gewinnen lassen und Differenzen klarer werden als in lauer Zustimmung. Seinen Aufsätzen wurde in der Regel »Kälte« und eine »bemerkenswerte Herzlosigkeit« attestiert. Die gleichen Vorwürfe hatte man auch Hannah Arendt gemacht.
Als er am 20. Februar 1991 von der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste Hamburg, dem Deutsch-Israelischen Arbeitskreis, der GAL, der Solidarischen Kirche und Konkret eingeladen wurde, an einer Diskussion zum Verhältnis der deutschen Friedensbewegung und Israel teilzunehmen, rief sein »unausgewogener, unfairer Beitrag« (wie er ihn selbst ankündigte) erhebliche Unruhe hervor. Eike Geisel sagte, dass Saddam Hussein zumindest in Deutschland »ein Kriegsziel bereits erreicht hatte. Der Karneval war ausgefallen, und ersatzweise bevölkerten lauter gutgesinnte Menschen die Straßen«. Er wurde als »Kaffeehaus-Zionist« beschimpft, ein Vorwurf, den er mit der Bemerkung konterte: »Du hast leider nicht die Möglichkeit, den damit verbundenen Gedanken in die Tat umzusetzen. Das ist vorbei.«
Als Konkret in der Ausgabe 8/93 einen umstrittenen Vortrag von Christoph Türcke, den dieser auf dem Konkret-Kongress am 12. Juni gehalten hatte, veröffentlichte, um, wie Konkret schrieb, »eine Versachlichung der andauernden Debatte zu ermöglichen«, da kommentierte Wolfgang Pohrt: »Mir ist der Unterschied zwischen Bewohnern verschiedener Erdteile herzlich egal. Wichtig ist mir, mich von einem wie Türcke zu unterscheiden. So wie der mag ich nicht sein. Und wenn er in konkret publiziert, tue ich es nicht.«
Und auch Eike Geisel, der gerade wieder aus den USA zurückkam, kündigte seine Mitarbeit bei Konkret auf:
»Irgendwo bei Adorno steht, dass ein Grenzübertritt nach Deutschland so etwas wie der Wiedereintritt in die Barbarei sei. Dass mich neulich bei der Rückkehr aus dem Ausland ein derartiges Gefühl beschlich, lag nicht daran, dass neue Nazis gerade eine Parade in Hessen abhielten, sondern daran, dass alte Linke publizistisch nach Fulda hinübergrüßten mit der Frage: ›Gibt es ein biologisches Substrat, das es gestattet, Menschenrassen in nichtdiskriminierender Absicht zu unterscheiden?‹ [Christoph Türcke] Noch vor Jahresfrist wollte man den Rechten nicht die Nation überlassen; jetzt ist man bei dem Wettstreit folgerichtig bei der Rasse angelangt. Der Skandal ist nicht Türckes Text, der in die Junge Freiheit oder in den Spiegel gehört; skandalös ist der Gestus, mit dem Konkret ihn als ›Türcke-Kontroverse‹ abdruckt. Skandalös vor allem aber ist Gremlizas Kommentar, der sich zu Türckes Melange aus Adorno und Gobineau, einer nun wirklich postmodernen Zuchtwahl, verhält wie der Sozialarbeiter zu den rassistischen Brandstiftern: wenig Verstand, viel Verständnis. Bei dieser Suche nach einer neuen Nürnberger Gesetzlichkeit möchte ich nicht mehr zu den Autoren von Konkret zählen.«
Erst über ein Jahr später erschien wieder ein Artikel von Geisel in Konkret.
Die Redakteure, die er belieferte, waren von der »begnadeten Niedertracht seines gewitzten Stils« beeindruckt. Nur drucken wollte man sie in der bürgerlichen, aber auch linken Presse wie der taz in der Regel dann doch lieber nicht. Die bürgerlichen Medien wollten sich keinen Ärger einhandeln, Redakteure der taz bekamen »Bauchschmerzen« von seinen Artikeln. In Israel hingegen, wo einige Arbeiten Eike Geisels in der Tageszeitung Haaretz veröffentlicht wurden, gab es damals zwar nicht unbedingt eine bessere öffentliche Meinung, aber die Angst vor ihr und möglichen Abokündigungen hatte noch nicht dazu geführt, dass man sich ihr unterwarf und ihre Ressentiments teilte, indem man Verständnis für diese aufbrachte.
Trotz dieser unerfreulichen Auseinandersetzungen mit Redakteuren, die oft mühseliger waren, als die Artikel zu schreiben, landete Eike Geisel mit einem seiner letzten Texte einen Coup, der im Leben eines freien Autors nicht sehr häufig vorkommt. Eike Geisel hatte das Buch »Auge um Auge. Opfer des Holocaust als Täter« von John Sack, eine Übersetzung aus dem Amerikanischen, in der Frankfurter Rundschau (die taz hatte den Artikel abgelehnt) als »Antisemitische Rohkost« vorgestellt. In der Februarausgabe von Konkret erschien zur gleichen Zeit unter dem Titel »Die Protokolle der Rächer von Zion oder die neuen ›Opfer der Opfer‹« eine ausführliche Fassung.
Noch bevor das Buch ausgeliefert wurde, zog der Piper Verlag es am 9. Februar 1995 zurück. Dieser nunmehr publik gemachte Skandal wurde sogar in der New York Times und der Herald Tribune registriert. In der folgenden ausgedehnten Kontroverse waren die meisten Journalisten trotz der primitiven antisemitischen Töne John Sacks dem Überbringer der schlechten Nachricht nicht sehr freundlich gesonnen, weil viele von ihnen der dünnen These von der Angleichung der Opfer des Nationalsozialismus an die Täter eine gewisse Plausibilität abgewinnen konnten.
Tagesspiegel, Welt, taz, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, ja sogar die Zeit, die den »Opfern der Opfer« nicht nur ein ganzes Dossier widmete, sondern auch einen Leserbrief John Sacks im redaktionellen Teil veröffentlichte, waren sich einig, dass ein tapferer und wegen seiner jüdischen Herkunft unverdächtiger Autor zwar etwas naiv, aber durchaus verdienstvoll das »Tabuthema Vertreibung« behandelt habe, dem man sich, wie es in der taz hieß, »unverkrampft« nähern wollte. Zu diesem Thema nämlich könne man sich »entweder überhaupt nicht, oder wenn, dann (nur) unter permanenter Hinzufügung, dass die Vertreibung letztendlich eine Folge des von Deutschen begangenen Weltkrieges, von Auschwitz und den deutschen Verbrechen sei« (Stefan Reinecke in der taz), äußern. Der Mühe der »permanenten Hinzufügung« wollte man sich nicht mehr unterziehen, man wollte reden dürfen wie ein Vertriebenenfunktionär, und insofern hat Eike Geisel diesen Journalisten zu ihrem coming out verholfen.
Auf ein nicht mehr realisiertes Projekt verweist der Artikel »Das Ende der Schonzeit« über jüdische Rächer nach 1945, eine Art Exposé für ein Buch, das bei Rowohlt Berlin erscheinen sollte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte zunächst Interesse an einem Vorabdruck gezeigt, nahm dann aber doch lieber Abstand davon. Ein anderes Vorhaben, das nicht mehr mit Hilfe des Autors zustande kam, war ein dritter Band seiner Aufsätze, der dann 1998 unter dem Titel »Der Triumph des guten Willens« als seine nachgelassenen Schriften veröffentlicht wurde.
Dieser dritte Essay-Band war nur einer der zahlreichen Pläne, die Eike Geisel immer gerne schmiedete und von denen er mit einer Begeisterung erzählte, die äußerst ansteckend war. Zuletzt bemühte er sich um einen Lehrauftrag in den Vereinigten Staaten, den er zum einen mit Archivforschungen für sein Buchprojekt über die jüdischen Rächer nutzen wollte, zum anderen hoffte er, mit der Ortsveränderung etwas Abstand von den immer unerträglicher und zäher werdenden Debatten in Deutschland zu gewinnen. Aber daraus wurde nichts mehr.
Es ist etwas einfach, darauf hinzuweisen, dass seinen Artikel heute aufgrund des weltweit grassierenden Antisemitismus und der Toten in Paris wieder große Aktualität zukommt, aber es ist nicht zu leugnen, dass es tatsächlich so ist, auch wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse seit 1995 erheblich verändert haben. Aber gerade in einer Zeit, in der selbst das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin im Nahostkonflikt einen nachvollziehbaren Grund für die »generalisierte Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden« erkennt, wäre es spannend gewesen zu erfahren, wie Eike Geisel dagegen angeschrieben hätte, denn mit Sicherheit hätte ihn die Krankheit dieser Zeit keine Ruhe gelassen.
Im Sommer 1995 fiel Eike Geisel in ein Koma, aus dem er nicht wieder erwachte. Er starb am 6. August 1997. Er liegt auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau in unmittelbarer Nähe von Marlene Dietrich, die er bewunderte und die bis über ihren Tod hinaus in Deutschland als Verräterin galt.
1998/2015
Das nationale Kulturgut
Guy Debord
Ob ihm der modernistische Monumentalbau der Bibliothèque Nationale de France (BnF) oder auch »Bibliotheque François Mitterand«, für das ein ganzes Viertel eingestampft wurde, immerhin eine Fläche von 60000 Quadratmetern, gefallen hätte, ist unwahrscheinlich, denn Debord hatte trotz avantgardistischer Vorstellungen von einem neuen Urbanismus und trotz seiner Sympathie für das »New Babylon«, das der holländische Maler Anton Nieuwenhuys Constant entworfen hatte, immer eine melancholische Ader für das alte Paris, einer Stadt, »die damals so schön war, dass viele Leute es vorzogen, dort lieber arm zu sein als irgendwo anders reich«. Aber das BnF hat 2009 das Archiv Debords für einen mehrstelligen Millionenbetrag gekauft, nachdem auch die Yale University Interesse gezeigt hatte. Die damalige Kulturministerin Christine Albanel erklärte auf Drängen des Bibliotheksdirektors Bruno Racine den Nachlass Debords zum nationalen Kulturgut, zum »tresor national«, womit Debord, wie die FAZ spöttelte, »unter kulturellen Heimatschutz gestellt« wurde.
Und das ist erstaunlich, denn noch niemals geschah das mit einem französischen Autor, dessen Tod erst 15 Jahre zurück lag, und noch erstaunlicher ist es, weil Debord vor nicht einmal 30 Jahren als Unruhestifter und Revolutionär galt und auch heute noch gilt, denn noch 2008 schrieb die Antiterroristische Einheit in einem Bericht über Julien Coupat, dem eine Sabotageaktion auf den SNFC vorgeworfen wurde, dass er aus »der situationistischen Schule« käme, die sich »den Kampf gegen die aktuellen Strukturen der Gesellschaft« auf die Fahnen geschrieben hätte. Von der französischen Presse wurde Debord 1984 sogar der Mittäterschaft am Mord seines Freundes und Verlegers Gerard Lebovici beschuldigt. Damals jedenfalls hat wahrscheinlich niemand daran gedacht, dass Debord einmal die Ehre widerfahren würde, vom Establishment zum französischen Nationalheiligen ernannt zu werden. Und Debord selbst hat Auszeichnungen und Preise von offizieller Seite strikt abgelehnt.
Aber in Frankreich hat man ein anderes Verhältnis zu seinen Dissidenten, da avancierte sogar der Staatsfeind Nr. 1 Jacques Mesrine zum Volkshelden, dessen Lebensgeschichte noch zu seinen Lebzeiten verfilmt werden sollte, worüber sich Godard und Belmondo dann allerdings zerstritten. Mesrines Autobiographie »L'Instinct de mort« (der deutsche Titel »Der Todestrieb« enthält eine völlig andere Konnotation) wiederum soll Debord geschrieben haben, der angeblich vor seinem Tod alle Hinweise auf seine Autorenschaft in seinem Nachlass tilgte, was aber relativ unwahrscheinlich ist, denn auch wenn Debord Mesrine zumindest vermittelt über dessen Tochter Sabrina kannte, die im Verlag Champ Libre arbeitete, in dem auch »L'Instinct de Mort« erschien, so beschäftigte sich Debord weniger mit der abenteuerlichen Karriere eines Kriminellen, als vielmehr mit Clausewitz, Hegel, Marx, Machiavelli, Gondi, Cervantes und anderen Klassikern, die auf seine Initiative in den siebziger Jahren in Frankreich neu übersetzt wurden.
Debords Ruhm begründete sich durch seine Schrift »Die Gesellschaft des Spektakels«, die 1967 erschien und in den folgenden turbulenten Jahren zahlreiche Neuauflagen und Übersetzungen in alle wichtigen Sprachen erlebte, ein Buch, von dem gern behauptet wurde, dass es das beste über die ein Jahr später stattfindenden Mai-68-Ereignisse gewesen sei. Jedenfalls beeinflusste dieses Buch eine ganze Generation, die von den Unruhen infiziert wurde, aber es ist keine Bewegungsliteratur, an der der Zahn der Zeit nagt und die nach wenigen Jahren auf merkwürdige Weise antiquiert wirkt, wie z.B. »Das Handbuch der Lebenskunst« von Raoul Vaneigem, der zusammen mit Debord einer der wichtigsten Protagonisten der Situationistischen Internationale war.
Debords Buch analysiert die Strukturen von Macht und Herrschaft in der bürgerlichen Gesellschaft und wurde laut Libération zum meist gelesenen Buch der letzten dreißig Jahre, und das, obwohl es sich nach Greil Marcus um ein »Hegelsches Traktat« handelte, aber es war auch Pop, denn »die Ideen legten dieselbe unerbittliche Dynamik an den Tag, die die Rolling Stones ein Jahr später bei ›Sympathie for the devil‹ entfesseln sollten«. Auch wenn das Buch über Marx' Verdinglichung, Lucaks Entfremdungstheorie und die Rätetheorie nicht hinauskommt, so ist das Interesse an ihm in Architekturkreisen, in der Medientheorie und in der Kunstszene nach wie vor groß, worauf in Deutschland eine wachsende Sekundärliteratur über Debord hinweist, zuletzt beim Politologen Jan-Werner Müller, der Debord in seiner »Politischen Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert« ein ganzes Kapitel widmete, in dem Debord jedoch weitgehend unbegriffen blieb.
Debords Nachlass konnte 2013 (vom 27. März bis 13. Juli) in einer Ausstellung, die von einem umfangreichen Katalog begleitet wurde, unter dem Titel »Guy Debord, un art de la guerre« besichtigt werden. Die Präsentation eines Archivs ist naturgemäß etwas schriftlastig. Die Kuratoren Emmanuel Guy und Laurence Le Bras beschränkten sich jedoch nicht nur darauf, die Notizzettel und Manuskripte zu zeigen, u.a. die Vorarbeiten zur »Gesellschaft des Spektakels« und die Exzerpte von Büchern, die die Einflüsse offenlegen, sondern sie ziehen auch anderes Material heran, wie z.B. bislang unveröffentlichte Fotos von Ed van der Elsken, von dem die wenigen Bilddokumente aus der frühen Phase der Lettristischen Internationale 1956 stammen, Fotos aus dem Café Moineau, das damals das Hauptquartier eines Haufens verlorener Jugendlicher war, von Tagedieben, Nachtschwärmern, Trinkern und Künstlern, die sich einig waren, niemals ein Kunstwerk zu hinterlassen und die stattdessen unter Mithilfe größerer Mengen Alkohol einen Hang zu melodramatischen Auftritten hatten. Damals hätten einige von ihnen gerne den Eiffelturm in die Luft gesprengt, weil die Beleuchtung ihren Schlaf störte. Oder der Skandal in Notre Dame, als der auf religiöser Sinnsuche sich befindliche Michel Mourre den Gläubigen verkündete, Gott ist tot. Debord liebte dieses Milieu und er verklärte es in seinen Erinnerungen auf liebevolle Weise:
»Zwischen der Rue du Four und der Rue de Bucci ging unsere Jugend so unwiderbringlich verloren, als wir einige Gläser tranken und es gewiß war, dass wir niemals etwas Besseres tun würden.«
Debord jedoch wollte mehr als nur in durchzechten Nächten endlose Debatten zu führen, die folgenlos blieben. Als Linksabspaltung der von Isidor Isou angeführten Künstlergruppe der Lettristen, gründete Debord zunächst die Lettristische Internationale, die dann später mit dem »Mouvement pour un Bauhaus imaginiste« und dem »Londoner Komitee für Psychogeographie« von Ralph Rumney zur Situationistischen Internationalen fusionierte. Er gewöhnte sich Bretons Haltung an, demzufolge es Gruppenmitglieder gab, damit man sie ausschließen konnte. Notwendig jedoch war dieses Vorgehen, um nicht tatsächlich als Künstler ohne Kunstwerk in die Geschichte einzugehen, bzw. vielmehr in ihr zu verschwinden, wie man es ursprünglich eigentlich vorhatte. Debord notiert auf Zetteln immer wieder, wer genau für oder gegen wen oder etwas gestimmt hatte, wer ein einfacher Idiot war, wer ein nützlicher, wer zuverlässig und wer unzuverlässig. Das wirft im nachhinein ein eigentümliches Licht auf ihn, aber diese Haltung muss sich jemand zulegen, der in der Nachwelt Spuren hinterlassen will und der an den Ruhm nach seinem Tod glaubt.
Die Ausstellung ist chronologisch und nach Epochen geordnet und zeigt auch einiges von Debords schmalem künstlerischen Werk, meist übermalte Collagen mit entwendeten Zitaten, die in Kooperation mit Asger Jorn entstanden wie das berühmte »Fin de Copenhague« oder die »Mémoires«. Jorn war in der Anfangsphase der SI einer der wichtigsten Protagonisten und der Motor der kleinen Künstlergruppierung und dann auch der einzige innerhalb der SI, der nie ausgeschlossen wurde, sondern auch nach seinem Ausscheiden eine Art assoziiertes Mitglied blieb. Als einer der wenigen damals schon bekannten Künstler finanzierte Jorn über den Verkauf seiner Bilder die Zeitschrift der SI.
1962 entwickelte sich auf Betreiben Debords die SI zu einer politischen Organisation, nachdem fast alle Maler und Architekten ausgeschlossen wurden. Debord näherte sich für kurze Zeit der von Castoriadis angeführten Gruppe »Socialisme ou Barbarie« an, er diskutierte mit Henri Lefevre über das Konzept des Alltagslebens und intervenierte mit Flugblättern und öffentlichen Bekanntmachungen auf politische Ereignisse. Die berühmteste Flugschrift war das den Skandal von Straßburg auslösende Traktat »Über das Elend im Studentenmilieu«.
Aber es gibt auch spielerische und weit weniger bekannte Elemente, auf die die Ausstellung aufmerksam macht. So hatte die damalige Frau Debords Michèle Bernstein 1960 einen kleinen Roman »Tous les chevaux du roi« geschrieben, eine moderne, ironische und distanzierte Version von Laclos' »Gefährliche Liebschaften«, in der sie auf fiktionale Art versucht, die situationistische Theorie einzufangen. Es geht um eine Dreiecksbeziehung mit einem subtilen Porträt Debords als jungen Libertin. Geschrieben wurde der kleine Roman angeblich aus Geldgründen, aber auch, um mit dem Literaturbetrieb zu spielen, denn als der Roman ein Erfolg wurde, folgte Bernstein einer Einladung in eine TV-Sendung, und in diesem Gespräch, das in der Ausstellung gezeigt wurde, kann man eine sehr junge und freundlich lächelnde Bernstein sehen, die den Moderator immer wieder auflaufen lässt, indem sie seine Erwartungen an den großen Roman dezent unterläuft, und man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass dieser Auftritt akribisch mit Debord vorbereitet worden war.
In Deutschland ist Debord nur als Theoretiker und als Autor von »Die Gesellschaft des Spektakels« bekannt. Das ist schade, denn erst durch die Vielfalt seiner Aktivitäten wird die Sache interessant und eröffnet sich das ganze Panorama einer Figur, die selbst sorgfältig inszenierte Kunst ist, denn nach der Situationistischen Internationale, die er 1972 mit der Schrift »Die wahren Spaltungen in der Internationalen« auflöste, begann er auch, sich zumindest partiell von der Politszene, in der er die meisten Anhänger hatte, zu verabschieden. Er drehte 1978 mit »In girum imus nocte et consumimur igni« (ein Palindrom »Wir irren des nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verehrt«) eine Art filmisches Vermächtnis und Rückschau auf sein Leben, das damals allerdings noch nicht zu Ende war, denn 1984 wurde sein Mäzen und Verleger, dem er lange Zeit als Berater des Programms von Champ Libre zur Seite stand, in einer Tiefgarage mit mehreren Schüssen in den Hinterkopf ermordet.
Debord widerlegt die in der Presse veröffentlichten Spekulationen um die Ermordung und seine angebliche Rolle darin in einem Buch. Er entwirft mit seiner 2. Frau Alice Becker-Ho »Le Jeu de la guerre«, ein strategisches Kriegsspiel, in dem es beeinflusst von Clausewitz und Sun Tse darauf ankommt, den Gegner vollkommen zu vernichten. Er schreibt mit »Panegyrikus« eine sehr poetische Autobiographie, die von vielen als sein bestes Buch angesehen wird. Sein Werk ist gemessen an anderen Schriftstellern und Künstlern schmal, aber wie Debord einmal notierte: »Das Schreiben muss etwas Seltenes bleiben, da man lange getrunken haben muss, bis einem etwas wirklich Hervorragendes einfällt.«
Debord hat auf sein Nachleben hingearbeitet, indem er jede Beteiligung am »Spektakel«, jedes Mitmachen ablehnte. Er gab niemals ein Interview, trat nie in einer Talkshow auf, unterschrieb keine Offenen Briefe, machte keine Werbung in eigener Sache. Und diese vollkommene Verweigerung brachte ihm die Bewunderung vieler Intellektueller ein, die das genaue Gegenteil von Debord waren, wie z.B. dem intellektuellen Tausendsassa Philippe Sollers, der immer wieder große Elogen auf Debord schrieb. Debord inszenierte sich schon zu Lebzeiten als Mythos, und als er am 30. November 1994 auf Grund einer durch Alkohol hervorgerufenen Polyneuritis mit einem Schuss ins Herz seinem Leben ein Ende bereitete, hatte er vorher noch dafür gesorgt, dass ein Film über ihn, über den er die vollständige Kontrolle hatte, kurz danach im Französischen Fernsehen ausgestrahlt wurde.
In Paris schießen die Gerüchte um Debord ins Kraut und jeder in diesem Milieu hat eine Geschichte über ihn parat, die Debord als »Fürst der Finsternis«, wie er einmal in einer Zeitung genannt wurde, zeigen, als Drahtzieher im Hintergrund, als Intrigant, der seine Epigonen manipulierte, als jähzornigen und mürrischen Mann, aber auch als großen Kommunikator mit einer faszinierenden Ausstrahlung, und immer wieder als großen Trinker. Debord hat dies nie verheimlicht, sondern dem Trinken ein schönes Kapitel in »Panegyrikus« gewidmet, eine Huldigung des Rausches und der Volltrunkenheit, »ein herrlicher, schrecklicher Frieden, das wahre Genießen der vergehenden Zeit«. Schwer vorzustellen, dass Debord dies alles in Deutschland mehr als Gefängnis und Exil eingebracht hätte. Den Franzosen hingegen muss man das hoch anrechnen, dass sie gleich ein nationales Kulturgut aus ihm machten.
2013
Der letzte Marxist
Robert Kurz
Robert Kurz war einer der letzten Marxisten, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, Marx ökonomische Analysen weiterzuentwickeln. Ob ihm das gelungen ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander, denn Robert Kurz galt im linken Milieu, in dem Neid und Missgunst häufig eine erstaunliche Rolle spielen, für die einen als Apokalyptiker, der mit seiner Zusammenbruchsprognostik nur die Sehnsucht der Menschen nach Weltuntergang bediente, für die anderen als unermüdlicher Werttheoretiker und kategorialer Kritiker des Kapitalismus. Er musste sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass er seit über zwanzig Jahren das Platzen der Spekulations- und Finanzblase vorausgesagt hat, ohne dass dies zu dem ebenso gewünschten wie gefürchteten Ende des Kapitalismus beigetragen hätte. Robert Kurz hat jeden Fehdehandschuh aufgegriffen und in der Regel mit einer »gepfefferten Polemik« reagiert. Er begriff sich nicht nur als stiller Wertschöpfer der Marxschen Theorie, sondern wich keinem Handgemenge aus, wenn ihm eine Debatte strategisch und taktisch wichtig genug erschien.
In Nürnberg und Erlangen der siebziger Jahre noch in einer der zahlreichen K-Gruppen aktiv, die der jüngeren Generation wie beispielsweise mir erklärten, wie die Partei- und Organisationsfrage richtig zu beantworten sei, überwarf er sich irgendwann mit seinem Verein und spaltete sich mit einigen Gleichgesinnten ab. Den Ort der internen Diskussion verließ er in den Achtzigern, als er in dem Nürnberger Stadtblatt Plärrer eine geharnischte Polemik gegen die entpolitisierte Jugend vom Stapel ließ, die sich nur selbst bemitleidete.
Damals wurde ich, nachdem ich ihn zwischenzeitlich aus den Augen verloren hatte, wieder auf ihn aufmerksam, und als die Wiedervereinigung ihren Lauf nahm und jeder dachte, dass der »deutsche Imperialismus« durch die Einverleibung der DDR quasi außer Kontrolle geraten und seine ökonomische Macht sich potenzieren würde, widersprach Robert Kurz und wies nach, dass die marode DDR-Volksökonomie nicht zu Machtzuwachs, sondern zur extremen Magenverstimmung für die BRD-Wirtschaft führen würde.
Noch vor der Wiedervereinigung hatte er an seiner Studie »Der Kollaps der Modernisierung« gearbeitet, die er mir zur Veröffentlichung anbot, als ich ihn um eine Analyse der ökonomischen Wiedervereinigungsprobleme bat, die dann auch unter dem Titel »Honeckers Rache« erschien. Ich empfahl ihm »Die Andere Bibliothek«, weil diese Studie bei mir nicht die Aufmerksamkeit gefunden hätte, die sie dann durch die Herausgabe Enzensbergers fand.
Raddatz lobte Robert Kurz in der Zeit über den grünen Klee und machte Robert Kurz weit über die Kreise des linken Milieus hinaus bekannt. Sein Buch erschien u.a. in Brasilien, er wurde von dortigen Gewerkschaftskreisen zu Vortragsreisen eingeladen und er hatte eine monatliche Kolumne in einer großen Tageszeitung. Heiner Müller war ein Fan von ihm und lud Robert Kurz in die Volksbühne ein. Er wurde zum begehrten Gast auch von Unternehmern und Managern, die wahrscheinlich sein Werk missverstanden hatten und nun glaubten, von ihm ein Rezept erfahren zu können, wie man die Krise meistern und dem Kollaps entgehen könnte.
Robert Kurz hat diesem »Rummel« um seine Person immer misstraut, weil er wusste, dass sein »Ruhm« auch wieder verblassen würde. Solange es seine Gesundheit zuließ, arbeitete er zweimal in der Woche in der Nachtschicht beim Vertrieb des Kicker-Magazins, um finanziell unabhängig zu bleiben. Er rief zusammen mit anderen Leuten die Theorie-Zeitschrift Krisis ins Leben, scharte Anhänger auch aus dem Ausland um sich, bis die Gruppe der Entwicklungslogik einer Gruppe folgte und sich spaltete mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen, die ein Familienzwist eben hervorruft. Unverdrossen gründete Robert Kurz mit dem ihm verbliebenem Anhang die neue Theorie-Zeitschrift Exit.
Robert Kurz war ein ebenso manischer wie gewissenhafter Theorieproduzent, der aus dem Stegreif und stundenlang Vorträge halten konnte oder erklären, welche Kapitel in seinem neuen Buch noch fehlten, welche sich verändert hatten und welche neuen dazukamen. Das konnte er jahrelang tun, wie bei einem Buch, dessen Erscheinen sich um sechs Jahre verzögerte. Und er hatte einen sympathischen Hang zu einer gewissen Hybris. Karl Marx hatte »Das Kapital« geschrieben, Robert Kurz »Das Weltkapital«. Im Unterschied zu Marx hatte Kurz nur sechs Jahre dazu benötigt. Im Unterschied zu Marx befanden sich zudem seine Manuskripte in perfekten Zustand, als ob er sich auch formal von der Unordnung der Welt abgrenzen wollte.
Auch in der letzten großen Debatte innerhalb der Linken positionierte er sich. Er kritisierte die Antideutschen und deren Hang, vorbehaltlos der amerikanischen Politik zuzustimmen. Die traditionalistische Linke hasste er, und ihren Antisemitismus, wie er in der jungen Welt manchmal gepflegt wird, verachtete er. Zuletzt schrieb er eine Kolumne im Neuen Deutschland, und auch als Gutachter und Wirtschaftsexperte in der neuen Finanzkrise betätigte er sich für Konkret, mit der er sich zwischenzeitlich zerstritten hatte. Auch wenn der Zusammenbruch des Systems auf sich warten lässt, trotz ständig neuer Krisenherde und ernsthafter Versprechen, dass jetzt wirklich alles den Bach runtergehen wird, Robert Kurz gingen nie die Argumente aus, wenn er darauf hinwies, dass das Ende des Systems einer logischen Entwicklung folgen würde und es nur eine Frage der Zeit sei, bis es soweit wäre. Und damit hatte er ja auch irgendwie Recht.
Am 18. Juli 2012 ist der im Dezember 1943 geborene Robert Kurz an einem Operationsfehler gestorben und mit ihm vermutlich der letzte linke Dino, der sich um eine globale Weiterentwicklung der marxschen Theorie und um ihre Rettung vor den Kommunisten bemüht hat und bei dem die marxistische Werttheorie einen so großen Stellenwert eingenommen hat.
2012
Notizen über eine verlorene Freundschaft
Roger Willemsen
Im März 1990 las ich in der Konkret einen langen Artikel über Richard von Weizsäcker von einem mir damals unbekannten Autor: Roger Willemsen. Er sezierte die Sprache Richard von Weizsäckers und stellte dabei fest, dass seine Gedanken als profund gelten, aber tatsächlich nur schwer als solche interpretiert werden können, denn der Inhalt ist oft rätselhaft, nichtssagend und aufgeblasen. Weizsäcker verbringt, wie Willemsen schrieb, »sein Leben mit der Vermehrung rhetorischen Jahresmülls«.
Ich war von dem Artikel begeistert, weil da jemand sehr präzise beschrieb, was es mit Richard von Weizsäcker auf sich hatte, der bis in die Linke hinein seit seiner weihe- und salbungsvollen Rede 1985 zum 40. Jahrestages des Kriegsendes großes Ansehen genoss. Und weil ich mich noch gut daran erinnerte, dass Weizsäcker als Bürgermeister Berlins den Rechtsradikalen Lummer zum Innensenator ernannt hatte, um die besetzten Häuser räumen zu lassen, war ich gleich noch mehr angetan von der ebenso vehementen wie eleganten Kritik, die dem der Schaumsprache zugeneigten Weizsäcker den Stecker zog, so dass von seiner Glaubwürdigkeit, mit der er wie niemand sonst das »andere, das gute Deutschland« präsentierte, nichts blieb als fein arrangierte rhetorische Worthülsen.
Also setzte ich mich mit Willemsen in Verbindung und schrieb ihm, dass ich gerne ein Buch von ihm machen würde, am besten eine verlängerte Fassung seines Artikels über Weizsäcker. Stattdessen machte er mir einen Gegenvorschlag:
»Mir schwebt ein Buch vor mit dem Arbeitstitel ›Die guten Deutschen‹, darunter sollten sich versammeln etwa zehn Porträts der exponiertesten, widerlichsten und geistig-moralisch repräsentativsten deutschen Köpfe, und zwar so, dass, nähme man alle Einzelporträts zusammen, das Buch Deutschland in unterschiedlichen Perspektiven erhellte. Wohlgemerkt ein Deutschland-Porträt in polemischen Verrissen, in Substanz und Tonlage dem Weizsäcker-Text verwandt. Gedacht hatte ich neben R.v.W. unter anderem an: Franz Alt, Johannes Gross, Luise Rinser, Kroetz, Albertz, Cohn-Bendit, Wallraff, Höhler. Vielleicht auch Alice Schwarzer oder Ede Zimmermann, jedenfalls an Leute von diesem Kaliber.«
Willemsen hatte für Radio Bremen zu den sechs erstgenannten jeweils eine Halbstundensendung gemacht, aber bei Albertz und R.v.W. hatte der Sender Angst, juristisch belangt zu werden, obwohl die Artikel auf Justiziables hin überprüft worden waren, weshalb er absagte, und auch Kiepenheuer »machte keinen Hehl daraus, [dass] ihnen das ›zu heiß‹ sei, das seien doch lauter nette Leute.« Daraufhin ließ Willemsen die Sache auf sich beruhen, und das ohne großes Bedauern, »denn, ehrlich gesagt, die Recherchen für ein solches Buch sind grauenhaft, es ist einfach Drecksarbeit (für den Weizsäcker-Text las ich allein etwa 1500 Seiten Präsidentenreden, das ist mehr als man geistig unangefochten durchsteht).«
Aber dann bekam er Post aus Berlin.
Damals lebte Willemsen in London. Er kam nach Berlin und klingelte bei mir. Später sagte er häufig, er hätte seine Zusage zu dem Buch davon abhängig gemacht, ob ich ihm im Moment des Türeöffnens sympathisch sei oder nicht. Gut, dass ich von dem Test nichts wusste, aber wir waren uns gegenseitig spontan zugetan, weshalb unter dem Titel »Kopf oder Adler. Ermittlungen gegen Deutschland« herauskamen, ein Porträt Deutschlands, in dem die ganzen »netten Leute«, die er in seiner Liste aufgenommen hatte, eine Rolle spielten, weil sie dieses Deutschland nicht unerheblich repräsentierten, ein Horrorkabinett, und keiner auf dieser Liste hätte in einem »Who's who peinlicher Personen« fehlen dürfen.
Als ich unsere Korrespondenz von damals wiederlas, fiel mir eine dreiseitige Replik Willemsens in die Hände, die er auf Broders eigentlich lobende taz-Rezension seines Buches geschrieben und die ich völlig vergessen hatte.
»Zunächst mal: habe ganz lahme Schultern davon bekommen, so oft hat er mir drauf geklopft. Auch wenns gut gemeint ist, ich habs nicht gern, und täusche mich auch nie darin, dass der Rezensent vor allem feststellen wird, dass am Ende doch er selbst der Klügere ist. Formulierungen wie: ›Faustregel, der ich hier nur zustimmen kann‹, ›kann ich ihm meinen Respekt nicht versagen‹ (...) oder ›schreiben kann er‹ verraten mir vor allem, welchen Respekt der Rezensent vor sich selber hat. Würde er Adorno auch so rezensieren? ›Schreiben kann er‹? Also ich für meinen Teil lasse mich entmündigen, sobald mir ein einziger dieser Sätze unterläuft.«
Willemsens Misstrauen war gut begründet, wenngleich in der Frage, ob Broder auch Adorno in diesem Stil rezensiert hätte, bereits eine kleine Hybris aufschien. Willemsen stellte es mir anheim, seine Überlegungen an Broder weiterzuleiten, mit dem ich gerade zusammen »Liebesgrüße aus Bagdad. Die edlen Seelen der Friedensbewegung und der Krieg am Golf« herausbrachte. Ich weiß nicht mehr, ob ich es getan habe, aber auch ohne diese Vermittlung waren sich die beiden nie grün.
An der Anthologie »Liebesgrüße aus Bagdad«, in der u.a. »Hitlers Wiedergänger« von Enzensberger enthalten war, beteiligte sich Willemsen nicht, weil er gegen den Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak trotz völkerrechtlicher Gründe Einwände hatte, die sich für ihn auch durch die Hysterie der Friedensbewegung nicht relativierten. Auf der Buchvorstellung von »Kopf oder Adler« im Berliner Literaturhaus trat unser Dissens andeutungsweise zu Tage, tat unserer Freundschaft aber keinen Abbruch. Er belieferte viele der in den neunziger Jahren im Verlag erscheinenden Anthologien wie »Das Wörterbuch des Gutmenschen« mit Einträgen zum Begriff »Dialog«, »Gewaltvideos«, »Streicheleinheiten«, »Vergangenheitsbewältigung« und »Glaubwürdigkeit«, kurze, aber ebenso präzise wie elegante Analysen, die sein Verhältnis zur gesellschaftlichen Realität deutlich machten, wie – nur mal so zum Beispiel – der Eintrag zur »Glaubwürdigkeit« zeigt:
»In der Forderung nach Glaubwürdigkeit wird Ehrlichkeit zum Fetisch. Zwar mag es wünschenswert sein, nicht öffentlich belogen zu werden, konstitutiv für das Wirken von Politik aber ist Ehrlichkeit keineswegs. Ihr systematischer Zusammenhang nämlich ist Kategorien wie ›Wahrheit‹ und ›Lüge‹ völlig entzogen. Diese fungieren vielmehr als Aggregatszustände ihrer Vermittlung und werden vor allem strategisch eingesetzt.«
Auch als regelmäßiger Beiträger für das Jahrbuchs »Warum sachlich, wenns auch persönlich geht. Das Who's who peinlicher Personen« war er tätig, in dem er Rezzo Schlauch, Alice Schwarzer, Helmut Markwort, Stefan Aust und anderen die Gründe ihrer bedauernswerten Existenz aufzeigte und auf welchen schlichten Gedanken, die zu äußern sie sich nicht scheuten, ihre Prominenz bei einem Publikum beruhte, das einem schon immer jeglichen Glauben an eine bessere Gesellschaft ausgetrieben hat. Auch wenn ich immer ein wenig drängeln musste, er lieferte. Aber das gehört zum Geschäft. Dafür bekam ich dann schöne Faxe wie das vom 18.2.94:
»Du fragst mich nach meinen guten Nachrichten für Dich. Ja, ist das nichts, dieses in geradezu metaphysischer Anhänglichkeit an Dich und Treue zu Dir dahinziselierte ›FR-Manuskript‹ [?], mit dem sich die Summe meiner publizistischen Feinde wieder einmal vergrößert? Alles, weil ich damals an Deiner Berliner Haustür nicht rechtzeitig den Schwefeldampf gerochen habe, der von Dir, wie von jedem Teufel, aufsteigt.«
Ich weiß nicht, inwieweit »Kopf oder Adler« dazu beigetragen hat, dass Willemsens Karriere als Autor nun ziemlich schnell Fahrt aufnahm. Bei Redakteuren, die früher bei seinen Texten kalte Füße bekamen, hatte er jetzt carte blanche. Der Spiegel veröffentliche Willemsens Verriss des neuesten Buches von Johannes Gross und auch das Zeit-Magazin öffnete ihm seine Seiten. Das hielt ihn nicht davon ab, sich spöttisch über seine Auftraggeber zu äußern. Wunderbar seine Sottise über die Zeit:
»Die Zeit ist ein wohlerzogenes Blatt und liebt die freie Meinungsäußerung, aber vornehmlich bei Meinungen, für deren Äußerung man keine braucht. Nur die Rechtsradikalen müssen vor ihr wirklich Angst haben. Denen werden hier nämlich derart die Leviten gelesen! Wenn die ihre Wochenration Theo Sommer hinter sich haben, dann kriegen sie vor Unrechtsbewusstsein keinen Molotow mehr hoch.«
Das war zu scharf und zu intelligent, um jemals massenkompatibel zu sein. Als seine Essays und Polemiken 1999 bei Tiamat unter dem Titel »Bild dir meine Meinung« erschienen, war er bereits fernsehbekannt, sein Buch aber profitierte nicht davon. Schon 1990 wurde er vom Bezahlfernsehkanal Premiere für eine tägliche Interview-Sendung entdeckt, obwohl er mit dem Medium vorher nie etwas zu tun hatte. Später verpflichtete ihn dann das ZDF, nachdem sich in der Medienwelt herumgesprochen hatte, was für eloquente und brillante Interviews er führte. Die waren dem ZDF dann aber doch zu eloquent und brillant, weshalb er immer wieder Ärger bekam, weil er Politikern zu sehr auf den Zahn fühlte, bis er schließlich diese Spezies nicht mehr einladen durfte. Legendär war sein Interview mit Helmut Markwort, den er mit seiner Vergangenheit als Pornofilm-Darsteller konfrontierte und den er mit seinen Ausreden und Beschönigungen nicht davonkommen ließ. Willemsen wollte sich mit politischen Gegnern streiten und sie nicht bauchpinseln. Und er hatte die Mittel dazu, denn er war umfassend gebildet, hatte ein unglaubliches Wissen gespeichert, das er jederzeit abrufen konnte, war rhetorisch allem gewachsen und schnell und präzise im Denken.
Da ich dem Medium Fernsehen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe, war ich von dem etwas schlichten Gedanken überzeugt »Fernsehen verdirbt den Charakter«, wofür es allerdings unzählige Beweise gibt und man muss sich nur eine beliebige Labersendung ansehen, um sich von der rasanten Gehirnerweichung zu überzeugen, die die Darsteller dort reihenweise befällt. In jedem Fall aber glaubte ich, dass Willemsen seine großartigen Fähigkeiten als Autor im Fernsehen vergeudete, und als er anfing, große Galashows zu moderieren, und Gerhard Schröders Karriere vor und nach der Wahl wie eine Homestory dokumentierte, sich ihm »einfühlsam« näherte, war dieser Gedanke ja auch nicht völlig abwegig, denn er begab sich in die Nähe von Leuten, die für ihn früher höchstens als Gegenstand der Polemik taugten. Er wurde durch das Fernsehen noch narzistischer und eitler als man es als Autor und TV-Moderator sowieso sein muss, was mich damals sehr befremdete, mehr als heute.
Als er mich 1998 auf der Buchmesse an meinem Stand besuchte, weil wir das geplante Buch »Bild dir meine Meinung« besprechen wollten, gingen wir ein wenig durch die Hallen. Er wurde dann sehr schnell von einer jungen Frau angesprochen, die er überschwänglich begrüßte und mit der er sich den Rest unseres Spaziergangs unterhielt. Eine alte Freundin, dachte ich, aber dann stellte sich heraus, dass Willemsen sie gar nicht kannte. Die Empathie, mit der er Menschen begegnete, war erstaunlich, gleichzeitig aber auch etwas beliebig und – diesem unangenehmen Gefühl konnte man sich nicht so richtig entziehen –auch etwas routiniert, denn wenn man vielen auf so emphatische Weise begegnet, entwickelt man eine Verhaltenstechnik, die die Empathie nur als solche erscheinen lässt. Als Gegenüber weiß man dann nie, ob die Empathie, die einem entgegengebracht wird, echt oder einfach nur eine launische Übertreibung ist, und man beginnt zu zweifeln, ob der andere sich selbst darüber im Klaren ist. Zudem weckt die ständig zur Schau getragene Begeisterung Erwartungen, die zwangsläufig enttäuscht werden, denn niemand kann sie in dem Ausmaß erfüllen, wie sie geweckt wurden.
Letztlich lässt sich das schwer beurteilen, aber trotz der leichten Vorbehalte, die ich ihm gegenüber hatte, nahm sich Willemsen die Zeit, 1999 auf meinem 20-jährigen Verlagsjubiläum eine Eloge auf den Verlag und den Verleger zu halten. Leider gibt es davon kein Ton-Dokument, nur ein Foto, denn außer, dass er mich über den grünen Klee lobte, habe ich keine Erinnerung mehr an den Inhalt der Rede, die er vermutlich aus dem Ärmel schüttelte und die lobend, aber nicht platt war, so dass man ihr gar nicht anders folgen konnte als mit einem gewissen Stolz, auch wenn sie damals leider an mir vorbeirauschte. Immerhin versuchte ich einigermaßen erfolgreich, mich nicht für den zu halten, den Willemsen aus mir zu machen versuchte.
Auch wenn wir uns danach noch ein paarmal trafen, trat eine zunehmende Entfremdung ein, weil unsere Positionen in politischen Fragen auseinanderdrifteten, und das nicht nur im Irak-Krieg, sondern auch bei der Wiedervereinigung, bei der er dazu neigte, die kleinen Leute zu idealisieren und sich für das zu begeistern, was noch nicht vom Westen modernisiert worden war. Das ist vielleicht unfair, weil er in seinem bereits 1990 entstandenen Beitrag für das dann 1993 entstandene Buch »Der rasende Mob. Die Ossis zwischen Selbstmitleid und Barbarei« natürlich noch nicht die Ausländerfeindlichkeit in Rostock und Lichtenhagen ahnen konnte, aber die Romantik, die er zwar ausdrücklich daraus nicht gewinnen wollte, die aber trotzdem fühlbar war, wenn er der »Abwesenheit von Luxus« in der DDR nachtrauerte, in einer Umgebung, »in der Produkte schlicht ihre Zwecke erfüllen«, was »zwangsläufig Erleichterung auslöst vom Terror des Konsums«, hat etwas merkwürdig rückwärts Gewandtes, weil er etwas erhalten will, was nur für den touristischen Blick erhaltenswert erscheint, für den Außenstehenden, der die aus der Not geborene Schlichtheit als pittoresk empfindet, nicht aber für Leute, die den Mangel einfach satt hatten und sich dem »Terror des Konsums« nur zu gerne unterzogen haben und zwar von Anfang an. Schön anzusehen war das freilich nicht, weil freiwillige Unterwerfung nie schön anzusehen ist, aber von den Ossis damals zu erwarten, dass sie sich für die einfachen Dinge des Lebens, die sie umgaben, begeistern, wenn sie doch nur das Begrüßungsgeld und Beate Use im Kopf haben, hat etwas komisches an sich.
Im Abstand von ein paar Jahrzehnten sehe ich die Sache in etwas milderem Licht, aber was ich weder damals noch heute verstehe, war seine Begeisterung für Arafat, mit dem er einmal ein Interview geführt hatte, das ich mich bis heute scheue anzusehen. Arafat war schon immer einfach nur ein korrupter und israelhassender kleiner unrasierter Zwerg. Für diese Erkenntnis ist es manchmal besser, nicht mit demjenigen gesprochen zu haben, genausowenig wie ich mit einem Nazi gesprochen haben muss, um zu wissen, dass mich seine krude Vorstellungswelt nicht interessiert. Oder, um mit Wolfgang Pohrt zu sprechen, man muss nicht an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass sie stinkt.
Solche unterschiedlichen Anschauungen haben wir nicht diskutiert, schon aus Mangel an Gelegenheiten, aber wir wussten um die Unterschiede. Nicht en detail, aber es war klar, dass ich mit Autoren zu tun hatte, wie Pohrt, Geisel und Broder, die ihm zunehmend suspekt wurden, und ich u.a. für Konkret schrieb, wo man ihn erst hofierte, später dann zum Hauptfeind erklärte, weil er inzwischen in größeren Zeitungen publizierte, die ihn wenigstens für seine Artikel bezahlten. Seinen grandiosen Totalverriss Helmuth Karaseks und sein tadesloses und geschmeidiges Auftreten im Literarischen Quartett waren bewunderungswürdig, dokumentierten aber auch seine Integration im Kulturbetrieb, dem er immer weniger mit beißendem Spott und immer mehr mit kritischem Nachvollzug begegnete.
Viele seiner Fernsehsendungen und -auftritte bekam ich allerdings gar nicht mit, nicht nur, weil sie mich nicht wirklich brennend interessierten, sondern weil ich sie nicht mitbekommen wollte. Ich wollte nicht etwas ansehen müssen, was ich womöglich schlecht oder auch einfach nur beliebig gefunden hätte. Und mit großer Sicherheit wäre das der Fall gewesen, hätte ich den Willemsen, den ich wegen seiner schneidenden und spöttischen Polemiken schätzte, nicht mit dem Willemsen zusammengebracht, der im Fernsehen Promis moderierte und ihnen das Gefühl gab, sie wären Promis aus eigenem Verdienst, was nur selten der Fall ist. Seine Faxe enthielten nur noch Grüße und Entschuldigungen, weil er noch zwei Bücher schreiben müsse oder gerade wieder unterwegs sei oder sonstigen Verpflichtungen nachkommen müsse. Das ist nichts außergewöhnliches bei jemanden, der eben viel zu tun hat, aber es wurde auch deutlich, dass er andere Prioritäten setzte, die mit dem, wofür er einmal angetreten war, als es darum ging, das ganze hohle Feuilleton zu desavouieren und auf den Kulturbetrieb zu pfeifen, nicht mehr viel zu tun hatte.
Als ich ihn schließlich zum letzten Mal vor ein paar Jahren auf dem Empfang des Fischer Verlages sah, standen wir nur wenige Meter voneinander entfernt. Er war umringt von Praktikantinnen des Fischer-Verlages, die ihn, wie man deutlich sehen konnte, anhimmelten. Plötzlich waren wir füreinander zwei völlig Fremde, und ich habe nie herausgefunden, warum es so war, denn es gab nie ein richtiges Zerwürfnis, höchstens die eine oder andere Vermutung, die nun endgültig sinnlos geworden ist.
Ich hörte von seinem Tod im Radio und war überrascht, denn ich hatte nichts von seiner Krebserkrankung und seinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben mitbekommen. Der Rundfunk strahlte ein längeres Interview aus, dass er kurz vor seinem 60. Geburtstag gegeben hatte. Er trat dafür ein, dass man sich der Zerstreuungsmaschinerie durch Internet und Facebook entziehen sollte, und wenn man sich mit etwas beschäftigt, sich vollkommen darauf einzulassen und zu konzentrieren. Ein guter Gedanke, den er auch gleich konkretisierte, indem er sinngemäß sagte, dass, wenn man sich nicht ganz und gar auf diese Situation einlasse, die ihm die Einladung und das Privileg beschert habe, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, nicht nur jeder Augenblick, den er mit dem Interviewer das Glück habe verbringen zu dürfen, vollkommen verloren sei, sondern das ganze Leben. In einem weiteren Interview, das am gleich Tag lief, hörte ich den selben Gedanken fast gleichlautend noch einmal.
Natürlich ist es nicht ungewöhnlich, sich in unterschiedlichen Interviews zu wiederholen und dabei die gleiche Wortwahl zu benutzen, aber im Ohr bleibt ein leichter Misston, der befremdlich wirkt und misstrauisch macht, nicht weil sein Denken so radikal gewesen wäre, sondern weil die Weltsicht, die Willemsen präsentierte und die er für sich reklamierte, so exklusiv und fast schon religiös ist. Die unheilvolle Rede vom Verlust des ganzen Lebens ist eigentlich nur ein Gedankenspiel, denn im Alltag des Menschen erscheint diese Konsequenz lächerlich, aber Willemsen gibt damit allen zu verstehen, dass dem formulierten Anspruch niemand besser gerecht wird als der Autor selbst. Die Kritik, die er einmal an Broder formuliert hatte, ließ sich nun auch auf ihn anwenden.
Seine politische Einstellung war im linken Milieu common sense, wenngleich dieses Milieu ihn nicht wirklich zu schätzen wusste, weil er sie zu elegant und zu wenig schablonenhaft formulierte. Gleichzeitig aber war er nicht wirklich analytisch, seine Überlegungen waren oft zu glatt, und ihre Oberflächlichkeit verbarg sich häufig hinter beeindruckenden Wortgirlanden, die mit Bildungswissen geschmückt Bedeutung simulierten. Und das kann auch gar nicht anders sein, denn wer in vielleicht 40 Schaffensjahren über 50 Bücher schreibt oder herausgibt, kann kaum den Ansprüchen gerecht worden sein, die sich Willemsen vermutlich selbst gestellt hat.
Jenseits von dieser möglicherweise kleinlichen Kritik, war an Willemsen bewundernswert, wie er durch die Welt gerast ist, um alles zu sehen und alles zu hören, alles aufzusaugen und alles kennenzulernen. Keine Tür scheint ihm dabei verschlossen geblieben zu sein und bei keinem Menschen schien er Berührungsängste gehabt zu haben. Wenn sich seine unglaubliche Neugier auf etwas richtete, dann versuchte er den Gegenstand wirklich zu durchdringen. Er hat sich dabei nie nur auf eine Tätigkeit beschränkt. Als Buchautor und Journalist wurde er Talkmaster, er gründete seine eigene Produktionsfirma und löste sie wieder auf, er verabschiedete sich vom Fernsehen, reiste in der Welt umher, besah sich ihr Elend und schrieb Bestseller darüber.
Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann, schrieb Francis Picabia einmal. Willemsen hat davon viel Gebrauch gemacht, weil er immer wissen wollte, was die Welt und die Menschen umtrieb. Und diese Eigenschaft ist nicht die schlechteste.
2016
Der Paganini der Abschweifung
Harry Rowohlt
Die lustigsten Anrufe erreichten mich aus Hamburg, wenn Harry Rowohlt am Apparat war. Hinterher wusste ich allerdings oft nicht mehr, was der Anlass des Anrufs war, denn Harry erzählte eine Anekdote nach der anderen, die ich dummerweise meistens wieder vergaß, auch wenn ich mir vornahm, die mir jetzt aber zu merken. Aber kaum dachte ich das, kam schon die nächste Episode, auf die ich mich konzentrieren musste, weshalb ich mich an die vorangegangene dann doch wieder nicht mehr erinnern konnte.
Auf einer Lesereise, die uns zusammen mit dem großen Horst Tomayer von Düsseldorf über Bonn nach Duisburg führte, stellte ich fest, dass Harry seine Anekdoten, Witze und rätselhaften Geschichten an uns, seinen Mitstreitern, ausprobierte, um herauszufinden, ob sie bühnentauglich waren. Vermutlich war sein phänomenales Gedächtnis, von dem alle, die ihn kannten, schwer beeindruckt waren, darauf zurückzuführen, dass er es durch einen stetigen, ununterbrochenen Erzählfluss in Hochform brachte.
Mit meinem Gedächtnis ist es nicht so weit er, weshalb ich nur einen Übersetzerwitz behalten habe: »Was ist das denn für eine Übersetzung, wenn dasselbe drin steht wie im Original?« Aber vielleicht war das gar kein Witz, sondern ein Rat, sich nicht zu sklavisch an das Original zu klammern, vor allem dann nicht, wenn da Quatsch stand.
Bei David Sedaris regte sich Harry Rowohlt schon auf, weil der dreimal hintereinander das gleiche Verb benutzt hatte und das beim nächsten Verb gleich nochmal machte. Manchmal reichte schon ein geringes Vergehen aus, um seinen Zorn auf sich zu ziehen, aber es zeigte auch seine Liebe zum Detail und seine Genauigkeit, die ihm dann völlig zu Recht u.a. den Kurd-Laßwitz-Preis, den Johann-Heinrich-Voß-Preis und den Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis für seine Verdienste um gute Übersetzungen eintrugen.
An die 170 Bücher hat Harry Rowohlt übersetzt, darunter vieles von Philip Ardagh, Robert Crumb, William Kotzwinkle, Shel Silverstein, Kurt Vonnegut und vor allem Flann O'Brien, der für Harry Rowohlt ein Bruder im Geiste war, und vermutlich hätte er nichts dagegen gehabt, würde man über ihn einst genauso urteilen wie über Flann O'Brien: »So hätte Joyce geschrieben, wenn er nicht so bescheuert gewesen wäre«. Bei Harry Rowohlt könnte man noch hinzufügen: »So hätte Wollschläger übersetzt, wenn er nicht so bescheuert gewesen wäre.«
Er hat unzählige Hör-Bücher eingelesen, und für »Pu der Bär« von A. A. Milne erhielt er nicht nur die Goldene Schallplatte für über 250.000 verkaufte Exemplare, er hat sich ins Gedächtnis einer ganzen Generation von Kindern eingeschlichen, die mit seiner brummbärigen Stimme aufgewachsen sind. Er tingelte lange Zeit als »Paganini der Abschweifung« (Kieler Nachrichten), manchmal auch als »Papageno der Abschweifung« oder als »Paganini der Ausschweifung« durch die Republik, bevorzugt durch die Provinz, weil er sein Programm kaum änderte und er sich in der gleichen Stadt nicht wiederholen wollte, es sei denn, die Nachfrage war so groß wie in Berlin, als er an zwei Tagen hintereinander den 600 Menschen fassenden Postbahnhof füllte. Und ab und zu schrieb er ja auch noch seine Kolumne »Pooh's Corner« in der Zeit, die in der deutschen Kolumnenlandschaft einzigartig war. Nicht zu vergessen so wunderbare Geschichten wie den »kulinarischen Wildwest-Schundroman« »John Rock oder der Teufel«. Ganz zu schweigen davon, dass er seit 1996 auch noch den Penner in der »Lindenstraße« spielte.
Harry Rowohlt war ungeheuer fleißig und produktiv. Aber er war es nicht deshalb, weil er einen hohen Lebensstandard hatte und deshalb viel Geld verdienen musste. Harry Rowohlt war Luxus fremd, aber das, was er tat, machte ihm Spaß, meistens jedenfalls, und weil er deshalb Geld übrig hatte, gab er lieber in Not geratenen Kollegen und Freunden wie Hermes Phettberg etwas davon ab, ohne Aufhebens davon zu machen und eben nicht dem weitverbreiteten Prinzip zu folgen: Tue Gutes und erwähne es beiläufig.
Als ich Harry Rowohlt auf der Buchmesse 2000 fragte, ob er nicht seine Memoiren auf Band »sauen« (Rowohlt) wollte, weil mir klar war, dass er sie nie selber schreiben würde, sie aber druckreif erzählen konnte, sagte er spontan zu, obwohl es auch große Verlage gegeben hätte, die das dann daraus entstandene Buch »In Schlucken-zwei-Spechte. Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege« gerne verlegt hätten und obwohl er mich damals nicht mal besonders gut kannte. Aber Harry Rowohlt tickte anders. Er war nicht erpicht darauf, unbedingt bei einem großen Verlag unterzukommen, schon gar nicht im Rowohlt Verlag.
Als das Buch erschienen war, begeisterte Besprechungen erhielt und sich »wie geschnitten Brot« verkaufte, machte er sich immer gerne über seine »vergeigten Memoiren« lustig, die, wie er behauptete, von »polnischen Spargelstecherinnen« transkribiert worden seien. Andere Verlage waren von dieser Art Humor überfordert, wie der Luchterhand Verlag, der ihm verbieten lassen wollte, weiterhin zu behaupten, er hätte das Manuskript von Frank McCourts Bestseller »Die Asche meiner Mutter« dreimal übersetzt, »einmal aus dem Englischen und zweimal aus dem Lektorat«. Dem Verleger teilte er auf Nachfrage mit, dass er den folgenden Band von Frank McCourt gerne übersetzen würde, »aber nicht für Luchterhand«. In dieser Hinsicht war er unerbittlich, weshalb ihn manche für schwierig hielten, was er aber gar nicht war.
Einmal lasen wir zusammen aus meinen Kreuzberger Szenen-Büchern »Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alhokohol« und »Alles schick in Kreuzberg« im Festsaal Kreuzberg, der dann kurze Zeit später abbrannte. Wie sich herausstellte wegen Kurzschluss, nicht wegen Harry. In diesen Szenen wird viel berlinert und kaum einer konnte das so gut wie der Hamburger Harry Rowohlt, der aber sowieso fast jeden Dialekt perfekt beherrschte. An diesem Abend lernte ich, dass ein Hackenporsche nicht immer ein Hackenporsche ist, sondern nur dann, wenn man ihn zum Bahnhof hinter sich her zieht. Der für Einkäufe benutzte Hackenporsche ist gar kein Hackenporsche, sondern ein Kartoffelmercedes. Und schon wieder war ich klüger und um ein wunderbares Wort reicher. Außerdem klärte mich Harry Rowohlt darüber auf, dass es nicht der sondern das Virus heißt, und wenn der Duden beide Schreibweisen akzeptiere, wie ich zaghaft einwarf, dann komme das nur davon, dass sich nur genügend »Idioten« finden müssten, die es so lange falsch machten, bis »der Scheiß« dann im Duden Aufnahme fände.
Bei ihm saß der Teufel im Detail. Als ich ihn fragte, ob er einen gemeinsamen Vorleseabend im Roten Salon der Volksbühne nicht wiederholen wollen würde, schrieb er mir von seiner Rückfahrt von Berlin nach Hamburg:
»Dann kam als Höhepunkt der tschechische Speisewagen, wo es 50 g Schinken mit Setzeiern und Gurke gab. Ohne die tschechischen Speisewagen wäre das Wort ›Setzei‹ längst ausgestorben. Es gab kleine Plastikschläuche mit Senf und kečup, ich sagte zur Wirtin: ›Meine Frau ist aus Tschechien; kann ich der die mitnehmen, als kleinen Gruß aus der Heimat?‹ Da hat sie mir einen ganzen Beutel vollgepackt und gefragt: ›Vielleicht winschen noch Brot fir die Frau?‹ Das kann man also jederzeit wieder machen.«
Und so machten wir es dann auch.
Vor Welterklärungen anderer verwahrte er sich, denn eine zusätzliche brauchte er nicht. »Ich bin Kommunist: da ist die mit eingebaut.« Als solcher war er allerdings nicht verbissen, nachtragend oder ideologisch. Höchstens als er mal gefragt wurde, ob er die Grünen im Wahlkampf 2005 unterstützen würde. Er schrieb knapp und lakonisch zurück:
»Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als dass ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.«
Vielleicht war er ungehalten wegen der Zumutung, dass er als »Promi« funktionalisiert werden sollte, der ein »persönliches Statement« abgeben und einen »kreativen Vorschlag« einbringen sollte, lauter Dinge, die ihm ein Graus waren. Jedenfalls schrieb, wie seine Freundin und Herausgeberin seiner Briefe Anna Mikula bemerkt hat, »Harry Rowohlt unbekümmert um die öffentliche Meinung, radikal in Zu- und Abneigung, in klassischer Weise démodé. Es ist der flamboyante Rowohlt-Sound, der eben gerade nicht auf Konsens erpicht ist.«
Und so viele Leute, die sich um Konsens nicht scheren, gibt es ja auch nicht. Kurz nach seinem siebzigesten Geburtstag im April 2015 ist Harry Rowohlt gestorben. Für einen Moment wünscht man sich, es gäbe einen Himmel. Er würde dort einigen Leuten gehörig auf die Nerven gehen und man könnte sich schon mal auf jede Menge Anekdoten freuen.
2015
Der große Bär erzählt
»Pooh's Corner« von Harry Rowohlt
Es ist ein großes Glück für die deutschsprachige Literatur, dass Harry Rowohlt nach einer Pause von ein paar Jahren seine »Pooh's Corner«-Kolumne in der Zeit wieder aufgenommen hat. Wenn nicht sogar für die internationale Literatur. Aber bis sich in Frankreich oder England mal herumgesprochen hat, was denen entgeht, das dauert. Wenn man bedenkt, was alles aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wird, nur weil da mal jemand einen Kurs in Creative Writing besucht hat, ist das eigentlich ein Skandal. Aber so müssen die eben weiter ihre Creative Writers lesen, oder Günter Grass. Und das für Humor halten, weil Günter Grass mal an seiner Pfeife suckelnd behauptet hat, auch er hätte selbstverständlich Humor. Womit er zumindest in diesem Fall sogar mal recht hatte.
Harry Rowohlt hingegen hat zwar keinen Roman geschrieben, sondern »nur« welche übersetzt, aber er hat mit seinen Kolumnen die beiläufige Plauderei zu einer Kunstform gemacht, die einzigartig ist, denn seine »Pooh's Corner« sind funkelnde Kleinode, geschmiedet (falls Kleinode geschmiedet werden) mit scharfem Verstand, grimmigem Humor, mit schrägem Witz und wenn es sein muss auch mit satter Beleidigung.
Rowohlts neuer Kolumnen-Band »Pooh's Corner. Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand. Kolumnen, Gespräche, Aufsätze und Berichte. 1997-2009« ist große Klasse! Denn obwohl ich die Kolumnen selbstverständlich schon in der Zeit gelesen habe, und deshalb, um nicht in dem Papierberg zu ersticken, beim Zeitungshändler wegen des unhandlichen Formats mit Mühe und unter missbilligender Beobachtung im Feuilleton nach »Pooh's Corner« gefahndet habe, ob es sich lohnt, diese Papiermengen nach Hause zu schleppen, wo ich die Kolumne herausgerissen und gelagert habe, um sie bei Bedarf wieder hervorziehen und vorlesen zu können, obwohl die also für mich eigentlich alte Kamellen waren, war die Vorfreude auf das Buch groß und noch größer dann das Lesevergnügen, denn in diesem Fall lese ich gerne noch mal nach, denn man vergisst ja auch mal was.
Zum Beispiel, dass Harry Rowohlt einer von fünf Autoren war, der für den Heinrich-Heine-Preis vorgesehen war, jedenfalls erkundigten sich die Preisvergeber beim Schweizer Verlag Kein & Aber nach seiner Telefonnummer »für falls«. »Andere Leute hätten die Inlandsauskunft angerufen, aber so geht es natürlich auch. Ich stehe dick und fett im Telefonbuch, weil ich Geheimnummern für unterschicht halte, unterschicht mit kleinem u. Mit kleinem u wie Adjektiv.« Harry Rowohlt wurde dann doch nicht gefragt, aber hätte man, dann hätte man erfahren, dass er am Tag der Preisverleihung sowieso nicht gekonnt hätte, weil er da bereits eine Lesung in Halle hatte. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mag solche schönen Gemeinheiten, denn die sind viel gemeiner als irgendein hohles, anprangerndes Statement, aus dem man nur erfährt, wie gemein die Welt im allgemeinen und in diesem Fall aber besonders ist.
Am lustigsten finde ich die Kolumne »Freiheit für Mumia Abu-Jamal!« Harry Rowohlt hält eine Rede auf einer Demo in Hamburg für ... aber das sagt ja bereits der Titel der Kolumne. Und jetzt muss ich ein bisschen ausführlicher zitieren, weil der hintergründige Witz so viel deutlicher wird als ich das nacherzählen könnte: »Wir sind etwa neunzig Menschen, und die CIA hat ein kleines Mädchen geschickt, welches jeden einzelnen Redebeitrag mühelos mit seinem Geplärr übertönt.« Dann wird Harry Rowohlt angekündigt, und er sagt,
»vielleicht einen Tick zu subjektiv: ›Am meisten bewundere ich an Mumia Abu-Jamal, dass er jede Woche eine Kolumne raushaut. Ich kann immer nur eine Kolumne schreiben, wenn ich vorher was erlebt habe, und auch dann nur selten. Aber Mumia Abu-Jamal kommt ja so gut wie nie vor die Tür.‹ Rückkopplung, eisige Blicke, Rückkopplung. ›Ich würde empfehlen, ihn eiligst freizusprechen, denn wenn das so weitergeht, wird seine Haftentschädigung unerschwinglich, und wenn er dann freigelassen ist, kann er auf Lesereisen gehen, was erleben und darüber seine Kolumnen schreiben.‹ Eisige Blicke, Rückkopplung, eisige Blicke. ›Wenn er aber beschließen sollte, mit dem Geld von seiner Haftentschädigung einen Zeitungs-und-Tabakwaren-Laden mit Lotto-und-Toto-Annahme aufzumachen, so gönne ich ihm auch das von Herzen.‹ Eisige Rückkopplungen.«
Es gibt noch jede Menge solcher schönen Stellen. Aber ich kann die ja nicht alle zitieren, und deshalb rate ich Ihnen dringend: Besorgen Sie sich das Buch. Eine gute Investition, und gar nicht teuer. Und man hat was fürs Leben, denn in Zeiten von Alzheimer kann man das Buch immer wieder neu lesen. In jedem Fall gehört es in das Regal, in dem die große Weltliteratur steht. Aber nicht bei Grass und Walser.
2009
Бесплатный фрагмент закончился.
