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Kim Jackson

Hand aufs Herz

Übersezt von Kirsten Evers

Gebrandmarkt für immer und ewig

Saga

Hand aufs Herz

Übersezt von Kirsten Evers

Titel der Originalausgabe: Brændemærket for evigt 1

Originalsprache: Dänisch

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 2022 Kim Jackson und LUST

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726985894

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

Neu, neu, neu!

Gerade war ich mit dem letzten Titel der "Grenzenlos"-Reihe fertig geworden und dachte doch allen Ernstes, dass ich somit in aller Ruhe die "Feisty Ladies"-Reihe mit all ihren acht Titeln zu Ende bringen könnte. Wie naiv ich doch war!

Denn plötzlich tauchte da dieser Feuerwehrmann auf. Nein, eigentlich war es die schöne Klara, die mir eines Nachts ganz unverhofft auf die Schulter tippte. Mit Rune im Schlepptau nahm sie mich mit auf ihre gemeinsame Reise.

Ich muss dich warnen, lieber Leser, liebe Leserin. Diese Geschichte ist randvoll mit heißer Liebe und süßen Worten.

Die leidenschaftlichen Momente, die uns erröten lassen und zum Schwitzen bringen, kommen natürlich auch nicht zu kurz, aber dieses Mal habe ich sie ein wenig eingeschränkt. Denn hier geht es hauptsächlich um die großen Gefühle und nicht zuletzt diese süße, alles überstrahlende Liebe.

Bei dieser Geschichte handelt es sich somit um echte Liebesliteratur.

Und denk dran: Alles ist reine Fiktion.

Rune

Elias gibt mir einen freundschaftlichen Knuff in die Seite, als er an mir vorbeigeht, um seinen frisch polierten Helm aufzuhängen. „Na, bereit für eine Schicht mit der Elite?"

Ach ja: Wir sind bei der Feuerwehr.

„Wenn du in meinem Team bist, kann es ja nur tödlich enden ...", grinse ich und werde sogleich mit einem Klaps auf den Hintern belohnt. „Härter, oder ich schreie", stöhne ich übertrieben.

„Alter, du bist echt ein ekliger alter Arsch!", lacht er und schüttelt den Kopf.

„Wie bitte?" Mit einem Satz bin ich über ihm und dränge ihn so vulgär und anzüglich wie möglich an den Spind, während ich seinen Hintern betatsche. „Willst du mich? Willst du meinen Schwanz? Davon träumst du doch, oder?"

Die Kollegen brechen in Gelächter aus, und selbst Elias kann ein Grinsen nicht unterdrücken. Nur der Chef versteht mal wieder keinen Spaß ... Mit steinerner Miene steht er in der offenen Tür. Major Grummel, eigentlich Daniel, 45 und frisch geschieden. Seine Frau hat ganz offensichtlich seinen Sinn für Humor mitgenommen, als sie auszog. Er braucht gar nichts zu sagen, sein stechender Blick und die herabhängenden Mundwinkel sagen schon genug. Mit einem Mal ist es mucksmäuschenstill im Umkleideraum, jeder huscht zurück auf seinen Platz.

Wir sind dabei, unsere Ausrüstung zu kontrollieren, damit alles bereit ist, wenn die Sirene losgeht. Wir haben nur 60 Sekunden Zeit, um komplett angezogen zu sein, bevor das Einsatzfahrzeug aus der Fahrzeughalle rollt. Aber eigentlich sind 30 Sekunden angestrebt. Also ist es von allerhöchster Wichtigkeit, dass alles an seinem Platz hängt beziehungsweise. steht. Wenn wir mit der Kontrolle fertig sind, kommt das morgendliche Briefing mit dem Wachabteilungsführer im Besprechungszimmer, der uns über eventuelle Neuigkeiten und die Geschehnisse der vergangenen Nacht aufklärt. Meistens geht es nur um lokale Brände, aber manchmal schweift Major Grummel ab und erzählt uns von Katastrophen, die im Ausland wüten. Und auch wenn wir selbst als engagierte Profis natürlich nicht umhinkommen, uns auch in der Freizeit über die Lage im In- und Ausland zu informieren, hat der Chef meist natürlich mehr Infos als wir selbst.

Wir unterhalten uns leise, während wir die letzten routinierten Handgriffe tätigen. Ja, der Chef hat sich wieder in seinem Büro eingemauert.

Ich bin noch nicht ganz zufrieden mit meinen Stiefeln, die eigentlich mit dem Anzug zusammenhängen sollen. So kann ich die Füße direkt in die Stiefel stecken und gleichzeitig schon die Hose halb hochziehen. Muss ich natürlich nicht, aber wenn ich mich nach links und rechts umschaue, sieht es überall schon perfekt aus.

Manchmal ist es schon ein harter Job, Feuerwehrmann zu sein, aber es ist auch wahnsinnig spannend. Ja, wir sehen Dinge, die so mancher nicht sehen will oder kann, aber dieses Gefühl, wenn das Adrenalin durch den Körper pumpt, wenn wir mit Blaulicht und Martinshorn ausrücken – das macht süchtig. Ich liebe meine Arbeit und die Einsätze, die ich fahren darf. Auch, wenn es mir nicht gelingt, den Menschen zu retten, der zum Beispiel in seinem brennenden Auto eingeklemmt ist. Oder die Großbrände. Nun ist Dänemark nicht das stressigste Land für die Feuerwehr. Das weiß ich, weil ich auch schon im Ausland gearbeitet habe und auch immer wieder die Gelegenheit ergreife, wenn sie sich mir bietet. Ich spare mir immer die Hälfte meines Urlaubs auf, sodass ich bei Bedarf in das Land ausrücken kann, wo es gerade besonders an erfahrenen Kräften mangelt. Waldbrände in Brasilien sind zum Beispiel massiv, und wenn man uns ruft, reisen wir aus aller Herren Länder an. So sind wir einfach. Abgesehen davon, dass so ein Einsatz auch immer wieder einen riesigen Erfahrungsschatz bietet. Denn ganz risikofrei ist es nicht, sich dem Feuerinferno im Amazonas-Regenwald ins offene Maul zu werfen. Ich bin nicht der Einzige hier auf der Feuerwache, der immer wieder seine Hilfe anbietet, aber nicht jeder von uns ist so ungebunden und kann das Risiko so einfach auf sich nehmen. Nicht, weil die Familienmenschen unter uns nicht auch helfen würden, wenn sie könnten, aber sie müssen ja auch an die Frau denken. An die Kinder. Na gut, das muss ich so gesehen auch, aber meine Tochter ist ja nur an einem Wochenende im Monat bei mir.

Ich bücke mich und kontrolliere ein letztes Mal mit geübtem Blick meine Ausrüstung, als sich draußen auf der Straße Frauenstimmen nähern. Wir sind in der Fahrzeughalle, wo die Einsatzwagen geparkt sind. Das Tor steht offen, nachdem wir die gesamte Halle gerade mit dem Schlauch ausgespült haben. Das Wetter ist noch frühlingshaft, nimmt aber bereits sommerliche Temperaturen an, und durchs offene Tor weht eine warme Brise, die den nassen Beton schnell trocknen wird. Und so hören wir eben die beiden Frauen auf dem Bordstein, und sehen können wir sie natürlich auch. Und welcher hart schuftende Mann dreht sich nicht um, wenn sich ihm eine willkommene Ablenkung bietet? Ohne mich aufzurichten, drehe ich den Kopf, um ihnen mit dem Blick zu folgen. Zunächst fummle ich noch ein wenig halbherzig an den Stiefeln herum, aber dann sehe ich sie, und mit einem Mal habe ich das Gefühl, als habe mir gerade jemand mit voller Kraft in die Magengegend geboxt.

Ich erstarre.

Die Mädels gehen am Tor vorbei. Die Eine lacht und wirft den Kopf in den Nacken. Sie hat schwarzes Haar, und ich lüge nicht, aber es reicht ihr fast bis über den Hintern, als sie den Himmel anlacht. Aber sie ist nichts im Vergleich zu der Anderen, die breit lächelt, während sie ihren Satz zu Ende bringt. Sie ist es, die mir den Atem raubt. Als hätte ich noch nie in meinem Leben eine schöne Frau gesehen, starre ich sie an wie ein Vollidiot. Ihre scheinbar so amüsanten Worte höre ich nicht. Hätte mir ihre Schönheit nicht komplett die Sprache verschlagen, hätte ich wahrscheinlich irgendwas Cleveres gesagt. Dass ich den Witz auch gern hören würde. Vielleicht würde ich sie auf eine Tasse Kaffee hereinbitten, damit wir alle beurteilen können, wie lustig der Witz in Wirklichkeit war. Das klingt jetzt vielleicht nicht gerade nach Flirten auf höchstem Niveau, aber tatsächlich habe ich in meiner Laufbahn als Feuerwehrmann auf diese Weise schon so manches leichte Date abgestaubt. Es ist fast so, als müsse man sich nicht anstrengen, wenn man sich nur in der Nähe der Uniform aufhält. Oder vielleicht ist es der Schlauch? Naja, es schadet sicher nicht, dass mein hochgewachsener Körper durchtrainiert und meine Muskeln geschmeidig sind. Mein dunkles, unzähmbares Haar, das meine grünen Augen besonders zum Strahlen bringt, tut auch das eine oder andere zur Sache. Selbst wenn ich frisch rasiert bin, sieht man immer einen Schatten von Stoppeln auf dem scharf geschnittenen Kiefer. Ja, die Mädels mögen mich, das kann ich nicht leugnen. Und ich habe keine Angst, ihnen tief in die Augen zu sehen. Und jetzt reicht es aber auch mit dem Eigenlob, wenn ich nicht als der selbstverliebteste Idiot der Welt dastehen will.

Ich bemerke es nicht einmal selbst, dass ich noch immer wie erstarrt über meine Sachen gebückt hocke. So schön ist sie. Sie hat diese Art von Schönheit, die von innen heraus alles andere überstrahlt. Sie ist wie von einem warmen Schleier umgeben. Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen.

Besonders groß ist sie nicht. Das Haar ist voll und leicht gelockt. Hellbraun und schulterlang, was normalerweise gar nicht meins ist. Langes Haar mag ich, langes Haar, an dem man verspielt ziehen kann, wenn sich die Gelegenheit bietet, wenn ich hinter ihr auf der Matratze knie. Sie ist schlank, aber nicht so schlank, dass man mit ihr angeben möchte, weil sie wie ein Model aussieht. Und sie kichert. Ich mag keine Frauen, die kichern. Das erinnert mich immer an Schulmädchen. Und doch fühle ich mich von diesem perlenden, vergnügten Geräusch wie magisch angezogen, und ich ertappe meinen Mund dabei, wie er ihr Lächeln imitiert, während mein Blick über ihren Körper gleitet. Sie trägt eine abgenutzte, offene Jeansjacke, ein enges Top und einen leichten, weißen Rock mit Blumenmuster. Winzige Converse Allstars. Sie ist verdammt heiß in diesem entspannten Outfit, das ihr auf merkwürdige Weise perfekt steht.

„Na, die ist ja wohl ein bisschen zu jung für dich, was, Alter?" Mit diesen Worten und einem schmutzigen Grunzen zerstört Bo meine Tagträumereien. Er wirft einen seiner Stiefel nach mir. Mir war nicht bewusst, wie offensichtlich mein Starren gewesen war.

„Naja, gucken darf man doch wohl?", kommt mir Malthe zur Hilfe.

„Oder unter der Dusche fantasieren ...", meldet sich Silas zu Wort.

Die Schwarzhaarige hat uns entdeckt, ihr Lachen wird durch einen flirtenden, schnurrenden Laut ersetzt. Natürlich sollen wir sie hören. Und natürlich hören wie sie. Sie geht langsamer, damit wir sie noch ein wenig länger beobachten können. Sollen? Ihre Freundin, die, die meine Stimme gestohlen hat, hat nichts bemerkt und spricht munter weiter, mit ihrem großen Lächeln auf den Lippen. Auf den Lippen, die ich nicht sehen kann, weil ihr Kopf im Profil ist und weil sie zu weit weg ist.

„Wovon redet ihr eigentlich ...", knurre ich mit einem unschuldigen und wahrscheinlich total dämlichen Gesichtsausdruck meine idiotischen Kollegen an. „Die ist doch höchstens 20 oder so. Nicht älter als ein Kind." Kind ist vielleicht übertrieben, aber jung sieht sie aus, das lässt sich nicht leugnen. Zu jung. Für mich.

„24", konstatiert Tobias, der in dem Moment hinter dem Einsatzwagen hervorschreitet.

„Woher weißt du das denn?", fragt Silas, der ewig Neugierige.

Ich kann meinen Blick noch immer nicht von ihr abwenden.

„Hey Klara!", ruft Tobias, was die Prinzessin, so werde ich sie von jetzt an nennen, glaube ich, dazu veranlasst, sich überrascht umzudrehen und in die Halle zu spähen.

Tobias' Stimmlage ist ein wenig härter als gewohnt, als er uns klarmacht, woher genau er sie kennt: „Sie ist meine kleine Schwester. Daher weiß ich das."

Er geht an mir vorbei und hält mir seinen Mittelfinger unter die Nase, während er mir zu zischt: „Also muss ich dir Recht geben – mit ihren 24 ist sie gegen deine 33 Jahre tatsächlich nicht viel mehr als ein Kind!"

Oder mit anderen Worten: Finger weg, Meister! Und das werde ich beherzigen. Ich hab es ernst gemeint, als ich sagte, sie sei nur ein Kind.

Der Blick ebendieses Kindes blitzt immer wieder zu mir herüber, während sie ihrem Bruder entgegengeht. Und trotz meiner Behauptung, dass schulterlanges Haar, Kichern und süße Schulmädchen nicht mein Ding sind, ertappe ich mich dabei, wie ich unwillkürlich zurücklächle. Natürlich nehme ich mich sofort zurück, denn es gibt ja schließlich keinen Grund, sich unnötig in die Bredouille zu bringen. Ja, und zurück zu meinem Aussehen: Ich weiß, dass ich den Mädels gefalle, und dieses Exemplar ist offensichtlich keine Ausnahme. Die grauen Augen ähneln so gar nicht denen von Tobias, aber das liegt vielleicht daran, dass ihre vor Interesse nur so blitzen. Und, dass sie auf mich gerichtet sind. Sie versucht, es zu kaschieren, aber es ist offensichtlich. Ihr Blick sucht ununterbrochen meinen. Und nein, das hat bestimmt nichts damit zu tun, dass auch ich meinen Blick nicht von ihr abwenden kann und sie sich deswegen ein bisschen geniert.

„Hey du!", flirtet die Schwarzhaarige mich an. Sie zeigt mit dem Zeigefinger auf mich und befeuchtet unterdessen die vollen Lippen mit der Zungenspitze. Sie ist heiß, das muss man ihr lassen, und ihre sexy Attitude tut einiges dazu. Aber sie ist meilenweit entfernt von der Prinzessin. Die muss gar nichts machen, und mein ganzer Körper kribbelt vor Neugierde und Verlangen.

„Du warst doch letztes Jahr im Kalender!", sagt die Schwarzhaarige.

Sie hat Recht. Ich hab da letztes Jahr mitgemacht, habe in Uniform posiert. Beziehungsweise in einem Teil der Uniform. Die Hose war nur halb zugeknöpft gewesen und hing mir so tief um die Lende, dass man bei genauem Hinsehen den oberen Teil meiner Schambehaarung hatte sehen können. Die Jacke war offen gewesen und hatte den Blick auf meinen muskulösen Oberkörper mit dem Waschbrettbrauch, der mich Blut, Schweiß, Tränen und so manche Stunde meiner Freizeit gekostet hat, freigegeben.

Ich schüttele den Kopf. Plötzlich schäme ich mich ein wenig dafür, ein Stück Fleisch auf glossiertem Papier gewesen zu sein. Nicht, dass nicht auch andere meiner Kollegen für den Kalender posiert hätte, aber ... die Prinzessin schaut mich an und scheint nicht im Geringsten imponiert über diese frisch zu Tage getretene Information. Normalerweise ist der Kalender extrem beliebt bei den Frauen, aber gut. Die Prinzessin ist ja auch mehr ein Mädchen als eine Frau. Ein kicherndes Schulmädchen, genau genommen.

Die Schwarzhaarige nickt. „Ja, ganz sicher. Das vergesse ich nie, dieses markante Gesicht. 1,93 Meter, passend zu den 102 Kilo ..."

„Ja gut, das reicht jetzt vielleicht", unterbreche ich ihren Wortschwall, der fast so klingt, als habe sie ihn auswendig gelernt. Das braucht sie nicht zu hören, die Prinzessin.

Ich habe nämlich eine zehnjährige Tochter. Nach der Trennung von der Mutter habe ich mich zurückgehalten, was ernste Geschichten mit dem anderen Geschlecht angeht. Das hat mich nämlich richtig mitgenommen, als sie mich verließ. Es ging einfach nicht mehr. Ich sei zu eifersüchtig, sie fühle sich eingeengt ... so hatte sie es mir erklärt. Und all das steht unter meinem anzüglichen Kalenderbild für den Monat April. Ein bisschen anders formuliert natürlich, versteht sich, ich soll ja nicht schwach oder gar unmännlich wirken. Da steht sie auch, die Lüge, dass ich auf der Suche nach der ganz großen Liebe sei, nach der Einen, die meine Tochter ebenso sehr lieben wird wie mich. Und so weiter und so fort.

„Tut mir leid wegen gestern", murmelt Tobias und umarmt seine Schwester, um sie hochzuheben, sodass sie mit ihrer perlenden Stimme die Decke anlacht.

Und ich? Ich starre noch immer. Jetzt scheine ich auch noch vergessen zu haben, wie man atmet, denn das Geräusch ihres Lachens haut mich fast um. Noch nie habe ich so etwas Schönes gehört. Und sie bemerkt mein verliebtes Glotzen, denn eine zarte Röte kriecht ihr den schlanken Hals hinauf und breitet sich auf ihren Wangen aus. Sie ist schüchtern. Ich bin kein Fan von schüchternen Frauen. Oder ... zumindest war ich bis zu diesem Moment kein Fan von schüchternen Frauen. Jetzt liebe ich sie offenbar.

Tobias schaut sich über die Schulter, während er seine Schwester wieder absetzt. Mit seinen großen Pranken um ihre zarten Arme dreht er sie um, sodass sie mir nun den Rücken zuwendet. Sie sieht mich nicht mehr, aber ich sehe sie verdammt noch mal noch. Zumindest ihren Körper.

Okay, vielleicht ist es an der Zeit, wieder Kontakt zur Erde aufzunehmen. Ich blinzle und versuche mit aller Kraft, die Kontrolle über meinen Körper und vor allem meinen wandernden Blick zurück zu erlangen. Stattdessen konzentriere ich mich auf meine Ausrüstung und diese vermaledeiten Stiefel, um für den nächsten Einsatz bereit zu sein.

Silas' spöttisches Gelächter trifft mich ebenso hart im Kreuz wie sein Klaps auf meine Schulter. Eine klare Geste, er hat es bemerkt. Also nicht Tobias' Versuch, seine Schwester auf andere Gedanken zu bringen, sondern meine Blicke. Mein Interesse an ihr.

Ich habe genug von dem Mist. Ich reiße ihm den Helm herunter und werfe ihn ihm zu. „Ich setz Kaffee auf, für die Besprechung."

„Mach das. Und während der durchläuft, kannst du ja vielleicht kurz kalt duschen ...", grunzt er.

Ein Kichern kitzelt meine Ohren, sodass es mir unmöglich ist, mich nicht doch noch einmal kurz umzudrehen.

Die Augen sind grau wie Stahl, aber alles anderes als kühl. Die Farbe erinnert mehr an glühende Blitze. Wie die elektrischen Vergabelungen an einem dunklen Sommerhimmel, gefolgt von mächtigem Donner und warmem Regen. Ich bin mir fast sicher, wenn ich noch länger in diese Augen sehe, bekomme ich einen kleinen Vorgeschmack auf ein echtes Sommergewitter.

Aber gut. Das wird nicht passieren, denn sie ist ja nur ein Kind. Sage ich mir.

Und dann tritt sie mit einem Mal an ihrem Bruder vorbei und kommt direkt auf mich zu. Nicht ich bin es, der die von Tobias abgesteckte Grenze ignoriert, soll an dieser Stelle kurz klargemacht werden. Sie ist es, verdammt noch mal. Ich bin unschuldig, das kann er mir nicht ankreiden.

Entschuldigend sehe ich Tobias an, der mich schon jetzt mit Blicken zu töten versucht. Aber ich habe doch gar nichts gemacht! Na gut, ich könnte theoretisch immer noch flüchten, mich umdrehen und in der Küche verschwinden, aber ... ich stehe wie angewurzelt da, unfähig, meinen Körper auch nur einen Zentimeter weit zu bewegen. Sogar das Atmen fällt mir schwer.

Mit einem vorsichtigen Lächeln bleibt sie direkt vor mir stehen. „Klara."

Dumm wie ein Schaf starre ich die kleine Hand an, die vor meiner Brust schwebt. Ohne zu wissen, was mein Arm vorhat, greife ich danach, lege meine Hand um ihre. Sie ist warm, und die Haut ist samtweich. Und sofort wirft mein lüsternes Hirn die Frage in den Raum, ob der Rest von ihr wohl genau so weich und glatt ist?

„Und das ist unser neuestes Mitglied!", lacht Silas, der sich köstlich zu amüsieren scheint. „Er heißt Rune und ist seit einem Monat dabei."

Tobias greift schon wieder nach dem Arm seiner Schwester: „Und er ist 33."

Das scheint sie nicht zu stören. Das bemerkt Tobias natürlich auch, also wirft er gleich die nächste Bombe hinterher: „Und er hat eine Tochter, die ist zehn."

„Ach ja?", sie klingt überrascht, aber auch enttäuscht, oder bilde ich mir das nur ein? Warum musste das jetzt sein, das braucht sie doch nicht zu wissen? Nicht, dass ich mich für meine Tochter schäme, keinesfalls. Ich liebe sie über alles, und bin verdammt stolz auf sie. Manchmal denke ich sogar, sie ist das Einzige, was ich in meinem bisherigen Leben richtig gemacht habe. Und sie liebt mich, mit all meinen Fehlern.

Ich spüre den Widerstand, als Tobias seine Schwester von mir wegzieht, aber meine Hand kann einfach nicht loslassen. Mein Blick hat sich in ihrem verhakt, in dieser grauen, blitzenden Masse. Obwohl sie mir immer wieder versucht auszuweichen, kehrt sie doch immer wieder zurück, und ich kann den Blick nicht abwenden. Dieses Gefühl, wenn unsere Blicke sich treffen, ist atemberaubend. Als würden ihre Augen mir jedes Mal einen kleinen Stromschlag versetzen.

„Äh ...", lächelt sie. „Alles gut bei dir?"

Da wird mir erneut bewusst, dass ich aussehen muss wie ein Vollidiot, und überhaupt habe ich mich auch gar nicht richtig vorgestellt. Das haben die Anderen für mich übernommen, als ich mich aufführte, als sei ich taubstumm.

Widerstrebend lasse ich ihre warme, kleine Hand los und drehe mich mit einem Schulterzucken um, als sei es mir egal, was sie von mir hält. Irgendwas muss ich ja tun, um zu übertönen, wie peinlich mir die Situation ist.

„Naja", sage ich, „ich mach dann mal Kaffee."

„Ja, das sagtest du schon", neckt Silas. „Aber wir warten noch auf deine Entscheidung bezüglich der kalten Dusche."

Es gibt keinen Grund, mich selbst noch weiter zum Idioten zu machen, also bleibe ich ihm eine Antwort schuldig und fliehe hinaus in die Küche. Dort bleibe ich stehen wie ein Reh im Scheinwerferlicht und stiere wie gebannt die Kaffeemaschine an, als sei die das Interessanteste der Welt. Normalerweise helfen wir einander mit der Kontrolle unserer Ausrüstung, sodass wir alle gleichzeitig zum Briefing fertig sind, aber ich kann jetzt nicht da draußen sein, wo sie ist. Wo Klara ist. Das kenne ich nicht von mir, dass ich so extrem auf das weibliche Geschlecht reagiere, und ich traue meinem Körper in dieser unbekannten Ausnahmesituation nicht so ganz über den Weg. Also bleibe ich hier, allein mit meinen Hormonen, wo sie keinen Schaden anrichten können.

Als ihr perlendes Gelächter erneut an meine Ohren heranschwebt, erstarre ich. Ich kann nichts tun, es gibt keine weitere Fluchtmöglichkeit, als sie mit ihrem Bruder zusammen durch die Türöffnung hereintritt und an der offenen Küchennische vorbeigeht. Ich drehe den Kopf, und unsere Blicke prallen aufeinander wie Blitz und Baum. Sie schaut zuerst weg, aber keine Sekunde später ist sie wieder da.

„Guck halt woanders hin!", knirscht Tobias mir zu, während der Rest der Mannschaft neugierig hinterhertrottet wie ein Rudel Schafe.

Seine Worte bringen Klara erneut zum Erröten. Sie lächelt mich verlegen an, während sie sich mit der Hand durch die Haare fährt und es hinter das eine Ohr klemmt. Dadurch ist sie, wenn überhaupt möglich, noch hübscher anzusehen.

Guck halt woanders hin, wiederholt eine vernünftige Stimme aus den Tiefen meines Kopfes. Ja, am besten guck ich ganz woanders hin, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Es reicht ja schließlich, wenn einer von uns dumme Gedanken hat.

Als sei einer ihrer Blitze direkt in meinem Hintern eingeschlagen, bewege ich mich ruckartig rückwärts, von der Küchentheke weg, und steuere meinen ungehorsamen Körper in Richtung Klo.

„Wenn der Chef die Beiden sieht, ist Schluss mit lustig. Ich geh kurz kacken. Kümmert ihr euch mal um den Kaffee und die Tassen."

Silas flüstert, aber laut genug, dass ich es auf jeden Fall hören kann: „Ganz schön kaffee-fixiert, der Gute, was? Und ich glaube, der hat was ganz anderes vor als kacken ..."

Das kalte Wasser spritzt ins Waschbecken und auf mein T-Shirt, sobald ich die Hände darunter halte. Ich beuge mich vor und klatsche mir mit den nassen Händen ins Gesicht. Ich kann nicht aufhören, als versuche ich, das innere Bild von ihrem Gesicht, was sich auf meine Netzhaut gebrannt hat, abzuwaschen. Unmöglich. Das bleibt jetzt so.

Die Anderen räumen derweil draußen die Tassen auf den Tisch. Ich höre Klirren, Murmeln, leises Lachen. Gleich beginnt die Besprechung, ich muss mich beeilen. Seit der Scheidung des Chefs kommt man nicht zu spät. Zu nichts.

Ich drehe mich zur Tür, noch während ich mir ein Papierhandtuch abreiße und mir das Gesicht abtrockne. Ich öffne die Tür und stürze halbblind hinaus. Und stoße im selben Moment mit der wunderbaren Klara zusammen.

„Autsch!", entfährt es ihr.

„Oh, entschuldige!" Reflexartig strecke ich die Hand nach ihr aus, um sie zu stützen, denn ein Zusammenstoß mit einem Schrank meiner Statur muss bei ihrer geringen Größe ziemlich heftig sein. Meine Hände legen sich um ihre Oberarme. „Alles okay?"

Sie nickt verlegen. „Ja. Und bei dir?"

Meine Augenbrauen schießen unwillkürlich in die Höhe: „Fragst du mich, ob ich mir weh getan habe?"

Sie nickt. Sie meint es ernst.

Ich muss schmunzeln. Der Gedanke, dass sie glaubt, ihr weicher, kleiner Winzlingskörper könne mir etwas anhaben, ist einfach zu amüsant. „Ja", sage ich mit bebender Stimme, „ja, mir geht's gut. Ich glaube, ich habe Glück gehabt."

Sie schaut an mir herab. „Du bist ja klitschnass. Du weißt aber schon, dass man sich normalerweise auszieht, bevor man duschen geht?"

Sie versucht, mich zu necken, und ich liebe es. Meine großen Hände liegen noch immer auf ihren Armen.

Sie strahlt mich mit ihrem breiten Lächeln an, und alles um uns herum verschwimmt plötzlich. Vielleicht ist sie eine Hexe, denn anders kann ich es mir nicht erklären, dieses Gefühl, im Nirgendwo zu schweben, nur mit ihr und einer hellen Sonne, die nur auf uns, nur für uns scheint. Woher sonst kann es kommen, dieses Blubbern im Bauch und die brennende Wärme im ganzen Körper? Und schon wieder fühle ich mich unfähig, auch nur ein Wort zu sagen.

„Die Anderen sind schon im Besprechungsraum." Ihre Stimme ist leise und vorsichtig.

Ich nicke. „Ja, ich bin auch auf dem Weg, ich wollte nur eben ..." Okay, das war's. In ihrer Nähe bin ich nicht ich selbst. Ich muss mich entschuldigen, sie loslassen und meinen Arsch in den Nebenraum bewegen, zu den Anderen, wo er hingehört.

„Du wolltest nur eben in voller Montur duschen.", lächelt sie, noch immer vorsichtig.

Ich nicke erneut. Natürlich nicht, weil das stimmt, sondern weil sie mich schon wieder mit ihrem leuchtenden Blick eingefangen hat und ich unfähig bin, einen klaren Gedanken zu fassen.

Zum Glück ist die Freundin noch hier, und ihre Stimme bringt mich mit einem Schlag wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: „Klara, mach hin, ich muss noch mal, bevor wir einkaufen gehen!"

Ich reiße meine Hände an mich, als habe ich mich an ihr verbrannt, und versuche mit einem verlegenen Husten, mich an ihr vorbeizudrücken, ohne sie noch einmal aus Versehen zu berühren. Aber bei meiner Größe ist ein normaler Türrahmen wie ein Nadelöhr, und so reiben unsere Körper doch kurz aneinander, als wir versuchen, in die jeweils andere Richtung zu gelangen. Ein gequältes Stöhnen entwindet sich meiner Kehle, und um meine Frustration über meinen unnützen, schwanzgesteuerten Körper zu überspielen, greife ich erneut nach ihr. Dieses Mal ist es ihre Taille. Als ich sie kurzerhand hochhebe, zur Seite trete und sie auf der anderen Seite der Türöffnung wieder absetze, entfährt ihr ein unglaublich sexy Geräusch. Ich trete einen Schritt zurück.

Aber zu spät: Abgesehen von ihren vollen Lippen, die jetzt den Großteil meiner Aufmerksamkeit in ihren Bann gezogen haben, vernebelt nun auch ihr verführerischer Duft meine Sinne.

„Hubba Bubba mit Erdbeergeschmack!", plappere ich. Kein Filter. Unglaublich.

Dieses Mal errötet sie richtig, aber sie überrascht mich und beginnt plötzlich zu kauen, als gelte es ihrem bloßen Überleben. Und während ihr Mund arbeitet und sich irgendetwas anzubahnen scheint, liegen meine Pranken noch immer auf ihrer zarten Taille. Sie macht sich bereit, und dann ... Es beginnt als winzige, hellrosa Kugel, aber innerhalb weniger Sekunden wächst sie heran zu einer durchsichtig schimmernden Blase. Sie hört nicht auf.

Ein unkontrollierbarer Drang bringt mich dazu, den Finger hineinzustecken, in die Kaugummiblase, die nun ihr halbes Gesicht verdeckt. Und sie platzt.

Sie macht einen überraschten Laut, der mich wieder zum Schmunzeln bringt, aber der Anblick der klebrigen, rosa Masse, die sich über ihre ganze untere Gesichtshälfte verteilt hat, lässt mich in schallendes Gelächter ausbrechen. Und ich kann nicht aufhören, während sie sich mit einer unbeschwerten Schnelligkeit das Gesicht saubermacht, aus der sich schließen lässt, dass ihr das nicht zum ersten Mal passiert ist. Sie ist einfach zu süß – wie soll man sich da nicht schockverlieben, bitte sehr?

„Zum Glück ist es Hubba Bubba!", kichert sie und steckt sich das Kaugummi zurück in den Mund.

„Warum zum Glück?", keuche ich. Endlich gelingt es mir, mein Lachen unter Kontrolle zu bringen.

Sie macht noch eine Blase, aber dieses Mal nur eine kleine. Mit geübten Bewegungen schließt sie sie ab, sodass die Luft eingeschlossen ist, pflückt sie sich von den Lippen und ...

Platsch!

Mein Gesicht ist voller Kaugummi.

Was zur Hölle?

Sie greift mir ins Gesicht und ... das Kaugummi ist weg.

„Siehst du?", grinst sie. Sie untersucht mein Kinn mit kritischem Blick: „Oh, nein, Moment ..."

Ihr hübsches Gesicht kommt meinem gefährlich nahe, und ich kann das feine Muster in ihren grauen Augen erkennen. Sind das tatsächlich kleine Blitze? Das Muster passt. Es fehlt nur das elektrische Knistern, die Verzweigungen, die den Sommerhimmel erleuchten. Verdammt, sie ist heiß, und hübsch, und süß und ... ich bin vollends verloren.

Sie zupft mir ein kleines Stückchen Kaugummi aus den Bartstoppeln. „Und ... fertig!"

Ihre Finger streifen meine Unterlippe, und der Blitz schlägt ein. Ich habe ihn nicht kommen sehen. (Oder?) Er ist mir direkt in Leib und Seele gefahren und hat mir beinahe den Boden unter den Füßen weggezogen. Es fühlt sich an, als würde die Erde beben, so kraftvoll ist der Einschlag gewesen.

„Schon gut", murmele ich, ein wenig außer Atem. „Ich muss jetzt los ... die Besprechung ..."

Und wie ein kleines Kind mache ich auf dem Absatz kehrt und renne davon. Lieber nehme ich 20 verbale Arschtritte vom Chef in Kauf, als noch eine Sekunde mit der verführerischen Klara zu verbringen.

Und direkt nach der Besprechung verstecke ich mich in meinem Zimmer, bis es Zeit wird, zu kochen. Wir wechseln uns ab. Jeden Tag macht ein anderes Zweierteam das Mittagessen. Ich hoffe inständig, dass Klara weg ist, wenn ich die Steaks braten muss, sonst wird's heute mal blutig. Damit ich mich schnellstmöglich wieder verziehen kann.

Ich lasse mich aufs Bett fallen, lege einen Arm unter den Kopf und den anderen über mein Gesicht. Sowohl mein Körper als auch meine Gedanken sind ein großes Chaos-Knäuel. Tobias' kleine Schwester sollte mich nicht so leicht so sehr beeinflussen dürfen. Sie ist ja nicht einmal mein Typ. Tatsächlich ist sie das genaue Gegenteil von dem, was ich sonst mein Beuteschema nenne. Und zudem mindestens sieben Jahre zu jung für mich. Naja, und außerdem ist sie Tobias' kleine Schwester. Und es gibt eine goldene Regel: Man vergreift sich nicht an den Frauen, Freundinnen oder Geschwistern von Kollegen. Und vor allem nicht, wenn man der Neue ist.

Ich ließ mich versetzen, weil ich ein Haus gefunden hatte, das mir erlaubt, meine Tochter öfter zu sehen. Dass ich jetzt bis über beide Ohren verschuldet bin, ist dabei egal. Denn ich weiß, dass mich die Kleine jederzeit besuchen kann, wenn sie das will, denn wir wohnen jetzt in fußläufigem Abstand zueinander. Das mit dem Geld wird schon gehen. Es geht immer irgendwie.

Überrascht schlage ich die Augen auf und lausche. Ich höre Gelächter, und nicht das meiner Kollegen. Die Frauen sind noch immer hier! Das muss bedeuten, dass der Chef nach Hause gefahren ist. Na, das ist ja wirklich fantastisch. Es ist entschieden: Die Steaks werden heute blutig, die Pasta sehr, sehr al dente.

Ich strecke mich und reibe mir den Schlaf aus den Augen. Eigentlich hatte ich gar kein Nickerchen machen wollen, aber das passiert nun mal, wenn man sich im dunklen Zimmer versteckt und versucht, das süße Kichern einer gewissen Person zu ignorieren.

Ich atme tief ein. Was zur ...? Der Geruch von Zwiebeln, die angebraten werden, lässt mich aufstehen, um meine kleine Höhle zu verlassen.

„Was ist denn hier los?", frage ich und kratze mich verschlafen am Kopf. Klara lächelt verlegen und beugt sich dann wieder über die Karotten, die sie schnippelt, und die ich auf jeden Fall nicht eingekauft hatte.

„Schon gut. Meine Schwester hilft heute mit dem Essen", erwidert Tobias.

Ich grunze, ein wenig beleidigt, denn niemand kann kochen wie ich. Nur um ihr zu beweisen, dass das nicht nur ein Gerücht ist, wasche ich mir die Hände und will schon nach einem zweiten Messer greifen, als Tobias weiterspricht: „Sie macht eine Ausbildung zur Köchin."

Meine Hand schnellt zurück, hoffentlich noch bevor sie bemerkt hat, was meine Absicht war. Na toll! Ich habe ein Talent für Gewürze, aber gegen das Allround-Know-How einer ausgebildeten Köchin kann ich nicht anstinken.

Ich traue meinen Augen kaum, aber dieses sogenannte Kind schaut mich an ... während sie weiter Karotten schnippelt ... ohne das Tempo zu zügeln ... was ohnehin schon wahnsinnig schnell ist. Als habe jemand auf den Fast-Forward-Knopf gedrückt.

„Zur Köchin?", bellt Silas vorlaut und schnappt sich ein Stück Wurzelgemüse.

„Ganz ehrlich, dass du da noch Bock hast zu kochen, wenn du frei hast? Versteh ich nicht ..."

Er knabbert an der Pastinake, glaube ich zu erkennen, und kaut zwischen den Sätzen: „Wenn ich frei habe, will ich nicht mal Kerzen auspusten, bevor ich schlafen gehe!"

Sowohl ich als auch Tobias starren ihn verständnislos an.

Er errötet. „Naja, also, ich meine ..."

An dieser Stelle soll erwähnt sein, dass Silas Single ist und allein lebt.

„Du machst dir Kerzen an, wenn du zu Hause sitzt?", grinst Tobias. „Also, wenn du allein zu Hause sitzt? Also, ohne ein Date?"

„Nee, also, so habe ich das gar nicht gemeint. Das war doch nur ein Witz ...", versucht Silas die Situation zu retten.

Aber da gibt es nichts mehr zu retten, schon bricht das Gelächter der gesamten Mannschaft über ihn herein, und zwei der Kollegen, Bo und Tobias, umschwirren ihn nun mit einer kleinen Tanzeinlage, Gesang inklusive: „Nimm mich in die Arme ... Schau mir ins Gesicht ... Versuch mir zu sagen ... Ich liebe dich nicht!", grölt Tobias.

„Nein, warte kurz!", unterbricht Bo und wirft sich zwischen die Beiden. Tobias demonstriert ein erstaunliches Schauspieltalent, als er Bo mit überraschter Miene ansieht und fragt: „Was ist denn das Problem, der Herr?"

Und der Eine schwingt den Anderen herum, wie man nur eine Tanzpartnerin umherschwingt, während Bo weitersingt: „Es wird dir nicht gelingen ... Der Preis wäre zu hoch ... Du bist für mich geboren ... Silas! Du wirst mich nie mehr los!"

Mit einem aufgesetzten Stöhnen lässt er Tobias los, der auf dem Boden landet und vor Vergnügen quietscht. Dann singen sie zusammen weiter: „Weil ich dich liebe ... Silas!"

Aber Silas ist schon längst geflüchtet. Natürlich kann er nicht umgehen, das schallende Gelächter, das jetzt erneut die Küche erfüllt, zu hören.

Mit einem breiten Grinsen noch immer im Gesicht gehe ich zu Tobias und helfe ihm auf, als dieses magische Geräusch meine Ohren erreicht. Klara steht da über den Tisch gebeugt, das Messer in der einen und eine Pastinake in der anderen Hand, und als es ihr endlich gelingt, sich vor lauter Lachen aufzurichten, laufen ihr Tränen übers Gesicht.

Verdammt, ist sie heiß!

Mein Lachen vermischt sich mit ihrem. Ich weiß auch nicht ... so lustig war es ja nun auch wieder nicht, aber ihre Freude ist ansteckend, und ihr Lachen ist wie Feenstaub auf meiner Seele. Es ist nicht laut oder schallend, sondern fast ein bisschen zu leise. Als wolle sie nicht, dass wir mitbekommebekommen, wie sehr sie sich über unsere albernen Blödeleien amüsiert.

„Also magst du Amateurtheater!", grinse ich und setze mich auf einen der beiden Barhocker, die auf der anderen Seite des Tisches stehen. Direkt ihr gegenüber.

Sie blinzelt die Tränen weg, während das perlende Lachen durch ein charmantes Lächeln ersetzt wird, das ihr ganzes hübsches Gesicht erleuchtet.

Ja, ich bin vollkommen verblendet von ihrer Schönheit, ich gebe es zu.

„Hey!", macht mich Tobias von der Seite an, und ich drehe mich überrascht zu ihm um. „Schluss damit!"

„Schluss womit?"

Wo ist denn seine gute Laune plötzlich hin?

„Das billige Geflirte kannst du direkt wieder einstecken. Das ist meine Schwester!"

Ich blinzele erstaunt und starre abwechselnd sie und ihn an.

„Ich flirte doch gar nicht, und erst recht nicht billig. Und schon gar nicht mit ihr!"

Und nur, weil er mich bei etwas ertappt hat, von dem ich selbst nicht wusste, dass es gerade passiert, stehe ich auf und schlurfe von dannen, während ich schlecht gelaunt, oder wohl eher peinlich berührt, knurre: „Sie ist doch nur ein Kind, Mann."

Ich verziehe mich ans andere Ende des großen Aufenthaltsraums und lasse mich aufs durchgesessene Sofa plumpsen, um die Glotze anzumachen. Ich sitze unbequem. Beziehungsweise liege unbequem, denn würde ich mich aufsetzen, wäre ich im Stande, in die Küche zu sehen.

Nope, niemals. Ich setze mich nicht auf.

Klara

Ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, ob das jetzt eine gute Idee gewesen ist, beim Kochen zu helfen. Dieser Rune ist ein ziemlicher Charakter. Und diese grünen Augen, verdammt noch mal. Sie brodeln beinahe, wenn unsere Blicke sich treffen. Er ist das, was man einen echten Kerl nennt, und diese Information ist auch meinem Höschen nicht entgangen. Huiuiui.

Küche und Wohnzimmer, oder wie auch immer sich diese Konstellation nennt, sind ein großer Aufenthaltsraum. Und der ist riesig, aber das muss er ja auch sein, schließlich hocken hier jeden Tag ein ganzer Haufen Menschen zusammen. Am anderen Ende befinden sich zusätzlich fünf Zimmer. Dort kann man sich bei Bedarf zurückziehen, ein Nickerchen machen oder sogar nachts schlafen. Ich bin schon öfter hier gewesen. Nicht um zu kochen, wie heute, sondern um mich mit meinem Bruder Tobias zu treffen. Er ist 29 und arbeitet hauptberuflich als Feuerwehrmann. Und hauptberuflich in seinem Fall heißt viel zu viel. Wenn ich ihn sehen und Zeit mit ihm verbringen will, muss ich herkommen.

Ich hasse Silvester. An Silvester gibt es die meisten Einsätze. Die Leute sind besoffen und übermütig. Oder Demos. Manchmal steigt ihnen die Stimmung zu Kopf, den Demonstranten, dann attackieren sie Tobi und seine Kollegen, während sie versuchen, brennende Autos und dergleichen zu löschen. Es passiert nicht selten, dass ich ihm eine SMS schicke, ob er okay sei. Und er antwortet immer, sobald er kann.

„So macht man das!", jubelt Malthe, der gerade beim Tischkickern ein Tor geschossen hat. Tobi knurrt irgendwas als Verteidigung, und schon geht es weiter.

Während ich das Essen vorbereite, schaue ich mich lächelnd im Raum um. Von hier aus habe ich einen guten Überblick. Auch Rune kann ich sehen. Gerade fläzt er auf dem Sofa und tut so, als sei er der einzige Mensch auf der Welt. Er trägt ein T-Shirt mit tiefem V-Ausschnitt und eine schwarze Adidas-Jogginghose. Er ist als Einziger barfuß. Und sogar seine nackten Füße sehen muskulös aus. Es ist unmöglich, seine Laune zu deuten. Sein Lächeln ist unglaublich anziehend und charmant, und ich glaube sogar, dass er vorhin ein bisschen mit mir geflirtet hat. Aber dann schien sich seine Stimmung um 180 Grad zu drehen, und jetzt erinnert er eher an einen grummeligen alten Typen als einen sexy Feuerwehrmann. Fast so, als wolle er die Tatsache überspielen, dass er sich dafür schämt, mit mir geflirtet zu haben.

Alles in allem scheint er mir einer zu sein, von dem ich mich fernhalten sollte. Der hat sicher ein Talent dafür, junge Frauenherzen zu brechen. Und eine Tochter von zehn Jahren. Ich bin viel zu jung, um mit einem auszugehen, der schon ein Kind in dem Alter hat.

Ich schüttele den Kopf, ein wenig ungläubig über meine eigenen Gedanken. Typisch ich, mich schon so weit in die Zukunft zu träumen. Der Mann hat mich schließlich nur ein paar Mal kurz angelächelt ... und meinen Körper zum Schmelzen gebracht, als er mich vor der Toilettentür kurzerhand vom Boden hochhob. Aber das war ja auch nur, um die etwas unangenehme Situation aufzulösen. Naja, und dann war da ja eben auch diese blöde Bemerkung, dass er mich nicht als vollwertige Erwachsene sieht.

Nur um sicherzustellen, dass der verträumte Teil von mir versteht, wie wichtig es ist, dass ich nichts überanalysiere oder vorschnelle Schlüsse ziehe, nehme ich den kleinen Freigeist innerlich kurz zur Seite und mache ihm klar, dass wir keinesfalls jetzt damit anfangen, unsere eigenen Prinzipien zu verraten, ist das klar? Man weiß ja schließlich nie, wozu dieser Teil von mir fähig ist.

Ich halte Ausschau nach Luna und entdecke sie am Tischkicker, umgeben von grölenden Männern. Sie scheint sich wacker zu schlagen.

Also gut, zurück zu den Karotten. Ich habe das Menü ein wenig geändert – statt Steak, Kartoffeln und Sauce bekommebekommt die Mannschaft heute einen mexikanischen Auflauf. Mit leicht abgewandeltem Rezept.

Meine Augen scheinen gerade einen eigenen freien Willen zu entwickeln, denn sie schielen immer wieder verstohlen in Richtung Sofaecke. Und zu dem Mann, der dort liegt. Beziehungsweise lag. Er hat sich aufgesetzt, sodass er jetzt mich im Blick hat. Die Küche, meine ich natürlich. Dass er die Küche gut im Blick hat. Auf dem muskulösen Oberschenkel balanciert eine neben ihm winzig aussehende Fernbedienung. Die langen Arme liegen links und rechts auf der Rückenlehne. Fast tut es mir ein wenig im Herzen weh, ihn anzusehen, so heiß ist er. Der Fernseher ist an und sein Gesicht ist ihm halb zugewendet, aber ich bin nicht blind, ich sehe sehr wohl, dass sein Blick immer wieder abschweift, immer wieder auf mir landet. Nein, nein, nein, auf der Küche. Er schaut immer wieder in die Küche.

Ich drehe mich weg, um mich nicht weiter ablenken zu lassen. Zum Glück bin ich fertig mit dem Gemüseschneiden. Die Zwiebeln sind angeschwitzt, das Fleisch gebräunt ... jetzt muss das Ganze nur noch in den Ofen. Der ist schon vorgewärmt, und ein Teil des Gerichts ist schon drin.

Silas, Malthe, Bo und Tobi spielen noch immer Tischkicker. Zwei andere Kollegen, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann, sitzen in einer anderen Ecke und zocken auf der Playstation. Und Luna hat einen Sessel gefunden, in dem sie versunken und jetzt ganz in ihr Handy vertieft ist. Das Ganze ergibt eine Kakophonie aus lauten Geräuschen, nur in Runes Ecke ist es still. Ja, an seinen Namen kann ich mich natürlich erinnern, obwohl er der Neueste in der Runde ist. Es ist fast zum verrückt werden mit dem Lärm, ich kann mich kaum konzentrieren. Ich sehe mich verloren um, öffne Schranktüren und Schubladen, während mein Kopf sich mit dem Lärm der Jungs und ihren Spielzeugen füllt.

Ein paar Topflappen werden mir vor die Nase gehalten. Lächelnd nehme ich sie, sehe auf, und da steht er. Er, den ich nicht als „Jungen" bezeichnen würde, sondern als Mann. Ganz klar als Mann.

„Danke!", piepse ich, während mir diese verdammte Hitze schon wieder ins Gesicht steigt.

Sein Lächeln ist nicht das Größte, und trotzdem verändert es seinen gesamten Gesichtsausdruck. Die grünen Augen strahlen anders, wie wenn er einfach nur schlecht gelaunt aus der Wäsche schaut, wie eben, und der Anblick seiner kurzen, strubbeligen, dunklen Haare lässt meine Finger kribbeln, weil ich plötzlich eine unbändige Lust bekomme, damit durch seine dichte Mähne zu fahren. Ich bin mir sicher, dass er sich erst vor kurzem rasiert hat, und trotzdem erahnt man den dunklen Schatten der Stoppeln auf seinem scharfkantigen Kinn, denn er ist ebenso dunkel wie sein Haar.

Ich reiße mich mit aller Macht los, schäme mich ein wenig darüber, wie offensichtlich benommen ich bin, und öffne die Ofenklappe, um das Blech mitsamt Topf herauszunehmen. Rune beobachtet jede meiner Bewegungen, während ich die Zutaten in den Topf gebe und ihn wieder in den Ofen bugsiere. Er macht mich fast ein bisschen nervös, so groß ist er. Er beugt sich über mich, um das Essen zu sehen, während ich es zurück in die Wärme schiebe und die Luke schließe.

Er atmet tief ein und seufzt selig. „Wann darf man denn probieren?"

Na, er scheint auf jeden Fall nicht mehr schlecht gelaunt zu sein, aber naja. Männer und Essen halt.

Ich lege die Topflappen auf die Küchenplatte. „In einer halben Stunde."

Er bleibt stehen, wo er war, halb über mich gebeugt, und schaut mich mit einem fast jungenhaften Gesichtsausdruck an. Hm, vielleicht war ich zu vorschnell mit meinem Urteil? Vielleicht ist er doch eher ein Junge als ein Mann?

„Heißt das, bei dir gibt's nichts zu Naschen?"

Verdammt noch mal, Kopfkino, nicht jetzt! Ich bin mir ziemlich sicher, dass er das gar nicht so meint, wie mein schmutziges Gehirn es gehört hat.

„Erst muss das Essen ja fertig sein."

Langsam richtet er sich auf, sodass er noch viel größer und breiter wirkt, so wie vorhin, vor der Toilettentür.

„Naja, aber es schmeckt doch sicher schon jetzt, auch wenn es noch nicht ganz fertig ist, oder?"

Die blöden, grünen Augen funkeln jetzt noch mehr, weil sein Lächeln breiter geworden ist.

Er spricht in Rätseln, und nur, um ihm zu beweisen, dass ich keine Angst vor einem harmlosen Flirt habe, tue ich es ihm gleich: „Na klar, schmecken tut's, aber auf echte Qualität muss man eben manchmal ein bisschen warten ..."

„Qualität ...", wiederholt er aufgesetzt nachdenklich und grinst mich vielsagend an.

„Qualität", sage ich, presse die Lippen aufeinander und lasse die Augenbrauen hochschnellen, um die Röte daran zu hindern, auch den Rest meines Gesichts einzunehmen. Aber zu spät. Was sind das eigentlich für Wörter, die wir wählen?

Sein Blick fällt erneut aufs Essen, dann stellt er sich mit dem Rücken vor die Schubladen. Die großen Hände pflanzt er auf die Küchenplatte, hebt sich an und setzt sich auf die Platte. „Kann ich irgendwie helfen? Kochen war ja schließlich meine Aufgabe heute."

Ich schüttele den Kopf. In einem verzweifelten Versuch, so schnell wie möglich hinter mir aufzuräumen, damit ich von hier wegkann, kippe ich die Kanne mit dem Wasser um.

„Scheiße!"

Er bleibt sitzen, obwohl das Wasser seinem durchtrainierten Hintern gefährlich nahekommt. Pfff, durchtrainiert. Kann ich ja gar nicht wissen. Aber das enganliegende T-Shirt lässt Vermutungen zu. Der Mann ist offensichtlich top in Form. Verdammt ist das nervig, wie heiß er ist. Wie soll man sich da konzentrieren?

Der Lappen liegt in der Spüle und ist saumäßig schmutzig. Ich schaue mich suchend nach der Küchenrolle um. Obwohl ich mit Sicherheit weiß, dass sie eben noch da war, ist sie jetzt weg. Aufgebend schaue ich auf die nasse Tischplatte, und siehe da, Rune ist schon dabei, sie trocken zu wischen. Die Küchenrolle liegt in seinem Schoß, er reicht mir das nasse Papier, damit ich es wegwerfe.

„Vielleicht sollte ich doch ein bisschen helfen?"

Ich schüttele erneut den Kopf, dieses Mal ein wenig ungehalten, aber das bezieht sich ausschließlich auf mich und meine schulmädchenhafte Nervosität in seiner Gegenwart. Obwohl alle uns sehen können, habe ich das Gefühl, es seien nur wir zwei, als seien wir ganz allein, und das kleine Stück Fußboden zwischen uns schrumpfe unhaltbar zu nichts zusammen.

„Sicher?"

„Na, du hast dich ja gerade hingesetzt, das passt schon ...", murmele ich mit einem angestrengten Lächeln. Würdest du bitte, bitte zurück in dein Zimmer gehen, damit du mich nicht weiter ablenkst?!, schreie ich ihn in Gedanken an.

Er erschreckt mich, als er mit einem Satz direkt neben mich springt. Wie jemand, der so groß ist, das schafft, ist mir schleierhaft, aber er hat sich im Sprung umgedreht, sodass wir jetzt Schulter an Schulter stehen. Oder sagen wir besser nebeneinander. Seine Schulter schwebt weit über meiner.

„Du spülst, ich räume die Maschine ein!"

Er versetzt mir einen leichten Knuff, sodass sein Oberarm meine Schulter berührt. Ich trage nur ein Top mit Spaghettiträgern und bereue nun, dass ich die Jeansjacke vor dem Kochen ausgezogen hatte, denn meine Haut reagiert extrem sensibel auf seine Berührung. Er streift mich nur, aber die Nervenenden explodieren vor Wollust, und es fühlt sich an wie eine zärtliche Berührung.

Feuer, Feuer!, schreit der kleine Freigeist in mir und ich muss ihm zustimmen: Angesichts der explosionsartigen Gefühlsregungen in mir ist das keine Übertreibung. Außerdem wird mir gerade fürchterlich heiß, wo er so nah neben mir steht. Meine Hände zittern ganz leicht und mein Herz beginnt zu galoppieren.

„Alles okay?", schmunzelt er. Aber natürlich reicht es nicht, mich einfach nur zu fragen, ob ich okay bin. Nein, er muss mich unbedingt schon wieder anstupsen. Und dann lehnt er sich auch noch zu mir herab, sodass der wohlgeformte Mund gefährlich nahe an meinem Ohr schwebt: „Zu laut hier?"

Ich weigere mich, ihn anzusehen, und antworte nur mit einem kurzen Nicken. Einem steifen Nicken.

Und verdammt noch mal, er macht's schon wieder. Ich bekomme eine Gänsehaut, und als er mich ein drittes Mal anstupst, muss ich tief Luft holen.

„Weißt du, manchmal", setzt er an und beugt sich wieder zu mir herab, sodass er mir ins Ohr flüstern kann, „manchmal will ich sie alle in ein Zimmer einschließen, damit ich das alles für mich habe ..."

Erst, als er sich wieder aufrichtet, finde ich den Mut ihm zu antworten: „Dadurch würden sie bestimmt auch nicht weniger Lärm machen."

Er schaut mich an. Ich spüre es, dafür brauche ich nicht zu ihm aufzusehen.

„Da hast du auch wieder recht!", lacht er. „Was machen wir bloß mit ihnen?"

Jetzt muss ich ihn doch ansehen.

„Wir?"

Sein Lächeln ist verdammt heiß, als er nickt. „Wir sind doch die einzigen Erwachsenen hier, es ist unser Job, dass sie still sind. Wir wissen, dass sie die Klappe halten, wenn sie essen. Aber was machen wir bis dahin? Vielleicht können wir sie dazu verdonnern, den Einsatzwagen zu waschen?"

Ich drehe mich halb zu ihm um, und nach einer Weile zieht er die Augenbrauen hoch und wirft mir einen fragenden Blick zu. Ich lache überrascht. „Nein, ganz ehrlich, tut mir leid, dass ich dastehe wie eine Kuh vor einem roten Tor, aber für dein Alter benimmst du dich echt ..."

Runes schallendes Lachen übertönt meine Worte. Sogar die Anderen halten inne, um zu sehen, warum er kurz davor ist, sich vor Lachen auf den Boden zu schmeißen.

„Vor einem roten Tor!", keucht er. „Wie eine Kuh ... vor einem roten Tor ..."

Er ist völlig fertig vor Lachen.

„Ja!", erwidere ich, ein wenig pikiert darüber, dass er sich über mich lustig macht. „Hast du das etwa noch nie gehört? Das sollte man eigentlich meinen, in deinem Alter ..."

Mist, das war jetzt doch ein wenig unter der Gürtellinie. Aber er hat mich schließlich auch als Kind bezeichnet, vorhin vor meinem Bruder. Und ich bin kein Kind!

Er verstummt. Langsam dreht er sich zu mir um. Hastig drehe ich mich wieder zur Spüle und bete, dass ich den aufziehenden Sturm überlebe. Aber er steht nur da und glotzt mich an, viel zu lange. Zum Schluss kann ich mich nicht mehr zurückhalten und drehe mich zu ihm um, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Was?!"

Vielleicht gehe ich jetzt ein wenig zu sehr in die Offensive, aber das tue ich immer, wenn ich mich in unangenehmen Situationen befinde.

Er ist vollkommen verändert. Wie vorhin in der Halle, als sich unsere Blicke kreuzten. Die grünen Augen funkeln noch immer, aber anders. Als seien dunkle Wolken über ihm aufgezogen. Er sieht nicht aus, als sei er wütend über meinen Kommentar, nein, er sieht aus, als wolle er ... ja, als wolle er mich küssen.

Nein, dieses Mal bilde ich mir nichts ein. Langsam, ganz langsam, habe ich das Gefühl, wird der Abstand zwischen uns kürzer. Ich kann seinen Geruch identifizieren. Eine männliche Moschusnote, gemischt mit frischem Aftershave, das meine Gedanken auf schneebedeckte Bergzinnen lenkt. Nur kalt ist es hier nicht. Hier ist die Luft stickig. Warm. Viel zu heiß.

Plötzlich richtet er sich auf – oder hat er in Wirklichkeit die ganze Zeit so dagestanden? Er blinzelt mehrmals, als sei er aus einem Zustand der Hypnose erwacht. „Schaffst du den Rest allein?", fragt er mit heiserer Stimme.

Was? Was ist denn los mit ihm? Jetzt wirkt er schon wieder, als sei ihm jemand auf den Schlips getreten.

Es mag sein, dass Andere in ihm einen hühnenhaften, gefährlichen Muskelprotz sehen, bei seiner Größe und Statur, aber ich werde bestimmt nicht den Schwanz einziehen. Also erwidere ich kühl: „Nein, ich fürchte, das schaffe ich nicht. Du hast deine Hilfe angeboten, also hilf."

Er lächelt nicht. Er verzieht keine Miene. „Was soll ich machen?" Er kann mich nicht mal mehr ansehen.

„Deck den Tisch!", sage ich spitz und drehe mich wieder zur Spüle um.

Mehrmals stoßen wir fast zusammen, weil wir beide so schnell wie möglich arbeiten. Ich weiß nicht, warum er es so eilig hat, aber ich will das Ganze einfach nur überstanden haben, sodass ich ihn nicht mehr um mich haben muss. Bin ich wütend auf ihn? Ja! Oder ... Nein, eigentlich wohl nicht. Ich finde ihn einfach unwiderstehlich, und das ist ja das Problem. Er ist zu alt für mich, und ich brauch keine unnötigen Komplikationen in meinem Leben.

Es wird ein spätes Abendessen. Es ist kurz nach neun, ehe wir uns an den Tisch setzen, aber wir mussten ja auch erst einkaufen, denn weder Luna noch ich hatten Lust auf das, was auf dem Plan stand. Der Tisch ist gedeckt und wir müssen nur noch die Küche aufräumen, bevor wir essen können. Rune und ich treten zeitgleich an die Spüle heran, aber während ich mich bücke, um die Luke zu öffnen, hinter der sich der Mülleimer verbirgt, dreht er das Wasser auf. Ich schreie erschrocken auf, als mich der eiskalte Wasserstrahl auf Kopf und Rücken trifft.

Ich springe zurück und schnappe nach Luft. „Was soll das? Warum musstest du denn so doll aufdrehen?"

Er hat den Hahn schon wieder zugedreht und hustet eine Entschuldigung hinter vorgehaltener Hand, während ich noch immer erschrocken zurückweiche. Aber das Grinsen, das er zu verbergen versucht, entgeht mir nicht.

„Also entschuldigen geht anders – so leicht kommst du nicht davon!", rufe ich und stürze mich auf den Wasserhahn, als er sich schon schulterzuckend wegdrehen will. Ich reiße ihm den Spülschlauch aus der Hand und halte ihn in seine Richtung, während ich mit der anderen Hand den Hahn ganz aufdrehe.

Er erstarrt. Er sucht keine Deckung, steht einfach nur da wie eine Salzsäule, und sofort bereue ich meinen Racheimpuls. Ich hatte erwartet, dass er flüchten würde, aber stattdessen ist er jetzt völlig durchnässt. Beschämt drehe ich das kalte Wasser ab, und erst jetzt dreht er sich langsam um. Mich hat es nur am Hinterkopf und am oberen Rücken erwischt, aber Rune? Der ist nass bis auf die Knochen. Seine Klamotten sind komplett durchnässt. Komplett! Sein T-Shirt klebt am breiten Brustkorb, sogar die getrimmten Bauchmuskeln treten unter dem nassen Stoff deutlich hervor.

Er ist wirklich zum Vernaschen. Oder zum Ablecken.

Schon öffne ich den Mund, um mich zu entschuldigen, kann mich aber im letzten Moment noch zurückhalten. Stattdessen schaue ich ihn weiter mit blitzenden Augen an – also, nachdem ich meinen Blick von seinem gemeißelten Oberkörper abwenden kann – und verschränke die Arme wieder vor der Brust, um mich vor seiner Rache zu schützen. Mein tropfender Pony fällt mir in die Augen. In einem Versuch, ihn würdevoll weiter anstarren zu können, puste ich ihn weg. Aber natürlich gelingt es nicht, das Haar ist ja pitschnass. Verdammt noch mal.

Zuerst sieht er genau so wütend aus wie ich, aber dann passiert es. Sein Gesicht explodiert in ein breites Grinsen, und dann geht er vor Lachen in die Knie. Ich gebe mir alle Mühe, mich an meiner Wut festzuklammern, aber er ist so heiß und so nass und sein Lachen so heiser und charmant, und so zerbröckelt meine zornige Fassade innerhalb von Sekunden. Ich lache nicht so laut wie er, aber meine Bauchmuskeln fangen an, sich zu verkrampfen, ehe wir beide wieder ernst werden.

Und wer macht alles kaputt? Rune natürlich. „Hier, lass mich dir helfen!", gluckst er und tritt auf mich zu, während er eine Hand nach meinem Gesicht ausstreckt. Sanft streicht er die nassen Strähnen zur Seite. Wir verstummen fast gleichzeitig.

Als er mich berührt, verschwindet die Feuerwehrwache um uns herum. Plötzlich sind wir ganz allein. Seine Finger auf meiner Haut sind heiß, obwohl ich ihn eben noch mit eiskaltem Wasser abgespritzt hatte. Seine Augen, die unentwegt zwischen meinen und meinem Mund hin- und herspringen, sind tiefgrün. Und sie lodern. Eine Glut, oder auch eine Flamme, brennt in ihnen. Seine Lippen sind nicht sehr voll, aber schön geformt, und sie passen perfekt in sein Gesicht, laden zum Küssen ein. Zu einem innigen, langen Kuss, der sich ganz schnell zu etwas ganz anderem entwickeln kann. Zu wildem Sex, wenn ich so direkt sein darf.

„Was zur Hölle macht ihr da?!", brüllt mein Bruder dazwischen, sodass ich zusammenzucke und schnell wegschaue. Überall hin nur nicht zu meinem Bruder oder zu Rune. Okay, wir waren also doch nicht allein, da steht es, das verblüffte Publikum, und ich schaue am besten einfach auf den unvoreingenommenen Boden.

„Entspann dich doch mal, Mann ...", schnaubt Rune. Er wirft die Hände über den Kopf. „Wir hatten ein kleines Missverständnis bezüglich der Aufgabenverteilung. Ich dachte, sie braucht eine kleine Abkühlung, und der Schlauch war einfach ein bisschen zu viel für sie, als sie die Wasserkanne auffüllen wollte." Die grünen Augen blitzen zu mir hinüber. Sie funkeln schelmisch. „Stimmt doch, oder, Prinzessin?"

Meine Kinnlade fällt herunter. „Prinzessin?!"

Er zieht eine entschuldigende Grimasse, zuckt mit den Schultern und weicht vor mir und meinem Bruder zurück. Dann grinst er breit und ruft, ein wenig zu laut, denn alle stehen ja schon da und glotzen: „Essen ist fertig!"

Mein Rock ist verschont geblieben, aber ein T-Shirt muss ich mir von Tobi leihen, das mir natürlich etliche Nummern zu groß ist. Und weil mein BH auch klitschnass geworden ist, muss ich auch den ausziehen. Ich gehe nie ohne BH aus dem Haus. Meine Brustwarzen sind leider Gottes so gemacht, dass sie hervorstehen, egal ob mir kalt oder warm ist. Meine beste Freundin Luna sagt, ich solle sie feiern. Sie behauptet, dass andere Mädchen sich in die Nippel kneifen, damit sie sichtbarer sind. Ich habe keinen blassen Schimmer, ob das stimmt oder ob sie sich das nur ausgedacht hat, um mein Selbstvertrauen zu stärken. Ich habe nämlich kein Talent für Männer und Sex. Doch, einen Freund oder zwei hatte ich schon, aber die große Liebe ist es nie gewesen. Weder für mich noch für die. Ich habe die Theorie, dass mein Sexradar kaputt ist. Also der, der mir sagt, ob die Kerle es ernst meinen oder einfach nur eine schnelle Nummer schieben wollen. Immer, wenn ich nachgebe und doch mit ihnen Sex habe, sind sie kurz darauf verschwunden. Nicht, dass ich besonders wild im Bett bin, aber ganz ehrlich, das sind die wenigsten, mit denen ich es versucht habe.

„Klara, es schmeckt echt fantastisch!", lobt mich Elias mit vollem Mund. „Wenn ich genug vom wilden Singleleben habe, mach ich dich zu meiner Frau. Ehrenwort."

Ich lächle schüchtern, denn Elias ist tatsächlich einer der besser aussehenden Kollegen von Tobi. Er hat blondes Haar, aber seine Augenbrauen tanzen aus der Reihe und sind ein wenig dunkler. Die Augen sind korallenblau. Er ist hochgewachsen und durchtrainiert. Nicht ganz so muskulös wie Rune, aber heiß genug, dass man sich nicht dafür schämen muss, ihm auf der Straße hinterherzuschauen. Er ist 27, hat Tobi erzählt, und ein richtiger Schürzenjäger. Er hatte noch nie eine Freundin, die ihn so richtig umgehauen hat. Er ist immer derjenige, der Herzen bricht und Tränen zum Laufen bringt, denn immer dann, wenn er das von den Mädels bekommen hat, was er wollte, entlässt er sie wieder in die Freiheit. Ein richtiger Arsch eigentlich. Aber ein bisschen Flirten tut ja keinem weh, oder?

Ich habe mich am anderen Ende des Tisches niedergelassen, so weit weg von Rune wie nur möglich. Neben ihm wäre auch ein freier Platz gewesen, aber nein danke. Er hat auch genug damit zu tun, mit Luna zu flirten, die ihrerseits das schwere Geschütz aufgefahren hat. Meine Laune ist mit einem Mal wesentlich schlechter, und ein wenig beleidigt stehe ich auf und gehe mit meinem leeren Teller zu dem kleinen Tisch, auf dem wir das Essen angerichtet haben. Nur weil er zu alt für mich ist, heißt das ja nicht, dass sie sich gleich auf ihn stürzen muss. Und warum lächelt er sie die ganze Zeit so dämlich an? Sie ist schließlich genau so jung wie ich. Genauso ein Kind wie ich.

„Reichst du mir das Brot?", ruft mir jemand zu, und ich schaue über die Schulter, um zu sehen, wer es gewesen ist.

Mein Bauch zieht sich vor Schreck zusammen, denn Rune steht hinter mir und fragt Elias: „Hell oder Vollkorn?"

Verdattert trete ich zur Seite, um ihm Platz zu machen, und lege klirrend den Deckel zurück auf den Topf.

„Es sieht wirklich lecker aus!", murmelt er mir zu.

Die kleinen Härchen auf meinen Armen stellen sich auf, und ein wohliger Schauer läuft mir den Rücken hinab. Und das nur von seiner Stimme ...

„Danke!", quieke ich atemlos und gehe zurück zu meinem Platz.

Er ist direkt hinter mir. Seine geflüsterten Worte gleiten über meine Haut wie streichelnde Hände: „Und du auch in dem T-Shirt ..."

Mein Herz rutscht mir in die Hose und meine Wangen brennen, als ich überrascht zu ihm aufsehe. Er flirtet mit mir! Dieses Mal habe ich mir das wirklich nicht eingebildet!

Ein gluckerndes Lachen begleitet ihn bis zu seinem Platz.

Erst als er sich hingesetzt hat, bemerke ich Tobis prüfenden Blick. Ich stelle den Teller vor mir auf den Tisch und begehe den Fehler, zu Rune hinüberzuschauen. Er setzt sich. Sein Blick ist weder auf seinen Teller noch auf meine Freundin gerichtet. Sondern direkt auf meine Brüste.

Erschrocken ziehe ich das T-Shirt nach vorne, um meine Brüste zu kaschieren, und stürze mich auf mein Essen. Ich schaffe nur einen kleinen Bissen, ehe die Sirene geht. Sie ist nicht so fürchterlich laut, aber ich zucke trotzdem zusammen, als sich die ganze Mannschaft wie ein Mann erhebt und in die Fahrzeughalle rennt. Luna sieht ebenso bestürzt aus wie ich, als sich unsere Blicke über den Tisch hinweg treffen. Das ist das erste Mal, dass uns der Alarm beim Essen unterbricht, und so wirkt die Situation irgendwie dramatischer als sonst. Und obwohl die Männer wie ein riesiges Chaos an herumrennenden Körpern wirken, dauert es doch nur wenige Augenblicke, ehe sie alle fertig angezogen bei den Wagen stehen. Als wüsste jeder einzelne, wo sein Platz ist, und wo die Plätze der Anderen sind, und so gleiten sie routiniert aneinander vorbei, bis jeder seine Position innehat. Ein beeindruckendes Schauspiel.

Ich starre die Gedecke auf dem Tisch an. Nicht ein einziges Glas ist umgestoßen worden, trotz der augenblicklichen Reaktion der Männer. Die Motoren der Einsatzwagen starten brüllend, Türen werden zugeschlagen, das Martinshorn heult auf. Ich zucke schon wieder auf meinem Stuhl zusammen, aber Luna hat sich schon wieder erholt. Ihr Lächeln trifft mich mitten ins Gesicht und so kann auch ich meine Reaktion nicht länger zurückhalten: Ich kichere wie ein Schulmädchen.

Verdammt noch mal, ging das schnell!

Rune

Jeder hengt seinen eigenen Gedanken nach, als wir zurück in der Halle sind. Jeder schweigt. Das tun wir eigentlich immer, auch wenn es nur ein kleiner Brand gewesen ist. Ich glaube, wir müssen einfach alle erstmal den Adrenalinrausch verarbeiten. Und wenn jeder von uns auf seine Weise das Geschehene verarbeitet hat, reden wir drüber. Aber manchmal gibt es auch gar keinen Redebedarf, und dann ist das auch in Ordnung.

Dieses Mal war's ein Kellerbrand, der erst recht spät entdeckt worden war, sodass es etwas längerte dauerte, das Feuer unter Kontrolle zu bekommen, als wir endlich anrückten. Wir waren natürlich effizient wie immer, aber das waren die Flammen auch gewesen. Niemand war zu Schaden gekommen, nur die Kellerräume waren komplett ausgebrannt. Nichts Wildes, es hatte nur ein paar Stunden in Anspruch genommen.

Wir steigen aus, ziehen unsere Ausrüstung aus und sorgen dafür, dass alles für den nächsten Einsatz bereit ist. Wir Festangestellten bleiben, während der Rest nach Hause geht. Elias, Silas und ich sind die einzigen, die über Nacht bleiben. Tobias und Malthe hätten eigentlich vor einer Stunde frei gehabt und müssen eine Überstunde auf den Plan schreiben. Tobias hat nichts gegen Überstunden, während Malthe in der Regel versucht, sie zu vermeiden. Tobias ist wie ich, was das angeht. Je mehr Arbeit, desto besser.

Ich brauche eine Dusche, und Schlaf. In der Küche ist es dunkel, und auch der Rest des Aufenthaltsraums liegt im Schatten. Keiner hat Lust, das Licht anzumachen, also benutze ich mein Handy als Taschenlampe und geleite uns zu den Zimmern. Silas und Elias, die alten Schweine, werfen sich direkt in die Federn, ohne sich zu waschen. Ich schnappe mir ein Handtuch und schleiche ins Bad. Es wird nur eine kurze Wäsche, denn während ich noch unter der Dusche stehe, erinnere ich mich an Klaras Festmahl. Keiner von uns hatte vorhin die Chance, aufzuessen, und da ich sowieso den Großteil der Zeit darauf verwendet hatte, sie anzugaffen statt zu essen, knurrt mein Magen jetzt umso mehr.

Noch immer benutze ich die Taschenlampenfunktion meines Handys und gehe in die Küche. Am Kühlschrank hängt eine Liste mit unseren Namen und einer Nummer neben jedem Namen. Ich bin die Nummer sechs. Mit einem schiefen Grinsen öffne ich die Tür und muss bei dem Anblick schmunzeln. Unsere Teller von vorhin sind fein säuberlich eingepackt, mit Nummern versehen und aufeinandergestapelt worden. Das muss Klara gewesen sein. Ich finde den Teller mit der Nummer sechs und nehme mein Essen heraus. Während ich schon die Alufolie anhebe und einen Blick auf die Leckereien riskiere, schiebe ich die Kühlschranktür mit dem Hintern zu.

„Ist es gut gelaufen?"

Ich zucke zusammen, als Klara hinter der Kühlschranktür erscheint.

„Verdammt noch mal, Prinzessin!", keuche ich. „Du hast mir fast einen Herzinfarkt verpasst!"

Sie verschränkt die Arme vor der Brust, als wäre sie schon wieder wütend.

Und ihre kühle Stimme lässt mich erahnen, dass ich richtig geraten habe: „Tja, das kann schon mal passieren, in deinem Alter ..."

Ich blicke sie überrascht an. „Du magst mich wohl nicht besonders, was?", necke ich sie, während ich, ohne den Blick von ihr abzuwenden, eine Schublade öffne und eine Gabel herausfische. Ich stecke sie in die kalten Reste und führe sie zum Mund.

„Willst du das nicht warm machen?"

Mein Handy liegt auf der Küchenplatte neben dem Kühlschrank, sodass das Licht der Taschenlampe die Decke erleuchtet. So kann ich ihren Gesichtsausdruck sehen, der noch immer ein wenig pikiert wirkt.

Ich schüttele den Kopf und schiebe mir noch eine Gabelvoll in den Mund.

„Bei dem Geschmack ist das nicht nötig. Es ist sogar noch viel besser als vorhin, jetzt, wo es richtig durchgezogen hat. Ich muss sagen, die Qualität hat sich echt noch mal verdoppelt."

Ich schaufele einen kleineren Bissen auf die Gabel und halte sie ihr hin. „Probier‘ selbst!"

Sie schüttelt den Kopf, als sei der Gedanke, kalte Reste zu essen, der abwegigste der Welt. Ich hätte nichts dagegen gehabt, diese Lippen dabei zu beobachten, wie sie sich um etwas hartes legen ... Also um meine Gabel natürlich.

Ich zucke mit den Schultern und stecke mir die Gabel selbst in den Mund. „Auch gut. Mehr für mich. Dein Bruder ist übrigens nach Hause gefahren."

„Ja, das sehe ich selbst", erwidert sie ein wenig spitz. „Ich habe auf ihn gewartet und bin auf dem Sofa eingeschlafen. Also ich geh dann auch mal besser ..."

Weil ich so schnell gegessen habe, ist der schlimmste Hunger schon gestillt. Ich setze den Teller ab, nehme mir ein Glas aus dem Regal und gehe zur Spüle. „Geh lieber in Deckung!", witzele ich. „Ich weiß zufällig, dass dein Bruder keine extra T-Shirts mehr dahat, und von mir bekommest du keins ..."

Was mach ich hier bloß? Es war wirklich nicht meine Absicht, ihr indirekt mitzuteilen, dass ich sie gern nackt sehen würde, aber ich kann mich einfach nicht zurückhalten. Sie ist zu heiß. Es quält mich regelrecht, dass sie zu jung für mich ist. Wenn sie nur ein paar Jahre älter wäre, würde ich nicht zögern.

„Ich habe keine Angst vor dir, Prinz", stichelt sie.

Ich drehe mich überrascht zu ihr um. „Prinz?"

„Ja!", erwidert sie stolz, „wenn du mir so einen kitschigen Kosenamen gibst wie Prinzessin, dann bist du jetzt eben der Prinz."

Ich leere mein Wasserglas und betrachte sie eingehend. Und weil sie so arrogant schaut, in ihrem Versuch mir zu zeigen, wie sie meine Avancen einfach mal gar nicht tangieren, verliere ich meinen inneren Kampf, in dem es meine einzige Mission ist, mich mindesten einen Meter von ihr fernzuhalten.

Und so frage ich sie, während ich mir mit der Hand ein paar Wassertropfen vom Kinn wische: „Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob du einen Streit anfangen oder mit mir flirten willst?"

Sie reißt die Augen auf und lässt kurz die Arme sinken, ehe sie es sich anders überlegt und sie wieder fest unter den wohlgeformten Brüsten verankert. Ja, vorhin konnte ich den Blick nicht von ihnen abwenden. Das mit dem T-Shirt als Ersatz für ihre nassen Klamotten hatte Tobias wirklich nicht durchdacht.

„Was zur Hölle willst du damit sagen?"

Ich kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. „Na, na, nun aber ... Prinzessinnen dürfen doch nicht fluchen!"

Sie schaut mich mit blitzenden Augen an, während sich ein knurrender Laut aus ihrer kleinen Kehle entwindet.

„Okay, okay, du gewinnst!", lache ich und höre selbst, dass das mein Abschlepp-Lachen ist. Das kommt dieser Tage nicht oft zum Einsatz. Aber ich weiß, es ist sinnlos, gegen die offensichtliche Anziehung zwischen uns anzukämpfen. Es sagt ja keiner, dass man gleich all in gehen muss, oder? Nur ein bisschen spielen ist ja wohl erlaubt. Und sie sieht einfach unwiderstehlich aus, mit ihren vor Wut rot leuchtenden Wangen. „Ich glaube jedenfalls, dass du einen Streit anfangen wolltest. Und wenn ich recht habe und ganz ehrlich sein darf, dann ist das nicht deine größte Stärke."

Sie wirft aufgebend die Hände in die Luft. „Was? Oh Mann, du bist so ein Weirdo ..."

„Pst, hier schlafen Leute!", necke ich sie und trete einen Schritt auf sie zu. „Du warst es doch, die vorhin nichts mit mir zu tun haben wollte ... und jetzt willst du Prinz und Prinzessin spielen?"

„Und was willst du damit jetzt sagen?"

Ich stelle mein Glas auf die Küchenplatte. Mein Lächeln ist verschwunden, denn ich kann es nicht sein lassen, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen, als ich weiterspreche: „Naja ... Prinzen und Prinzessinnen müssen doch Babys machen. Du weißt schon, wegen der Thronfolge und so ..."

Größer können ihre Augen nicht mehr werden. Ihr hübscher Mund formt sich zu einem kleinen O, aber sie bringt keinen Ton heraus.

Ich nicke, ohne eine Miene zu verziehen. „Du hast mir die Zahl sechs gegeben, Prinzessin. Warum?"

Sie presst die Lippen aufeinander. „Zufall."

Ich nicke nachdenklich. „Ich bin mir aber ganz sicher, wenn ich noch ein Stückchen näherkommen und ganz tief in deine verführerischen Augen schauen würde, dass ich dort eine andere Antwort finde."

Sie blinzelt ein paar Mal hektisch. „Ich verführe hier niemanden."

Meine Stimme ist schon ganz heiser vor Erwartung. Sie tut nichts, um mit mir zu flirten, und doch macht sie mich an wie noch keine vor ihr.

„Das sage ich auch gar nicht. Aber ..." Mein Blick schnellt zu ihrem Mund, denn sie leckt sich langsam die Lippen. Ohne es beabsichtigt zu haben, flüstere ich die nächsten Worte: „Aber was, wenn ich das tue?"

Sie starrt mich an, als sei sie zu Eis gefroren. Dann schnaubt sie verächtlich. Oder zumindest soll es wohl verächtlich klingen. Aber weit gefehlt. Ich mache sie nervös, und bei dieser Erkenntnis tut sie mir fast leid. Aber auch nur fast. Ach was, eigentlich find ich es ziemlich geil.

„Soll das heißen, dass ich dich verführen soll?"

Sie findet einen kleinen Rest Stärke in sich und lächelt mich plötzlich mit übertriebener Selbstsicherheit an. „Du kannst mich gar nicht verführen, Rune."

Meinen Namen aus ihrem Mund kommen zu hören macht mich noch viel geiler, als ich ohnehin schon bin.

„Bist du dir da sicher?"

„Nein."

Sie blinzelt erschrocken und berichtigt sich hastig: „Also, ja meine ich. Ja. Ich bin mir sicher!"

Sie will schon wieder die Arme vor der Brust verschränken, aber ich trete so nahe an sie heran, dass wir uns beinahe berühren. Nach Luft schnappend stolpert sie so schnell zurück, wie sie kann, bis sie mit dem Rücken an die Küchenplatte wenige Zentimeter hinter sich stößt.

Hier bin ich also. Jetzt gilt es, sich zu entscheiden: Wenn ich jetzt den Angriff wage, wird sie nicht nein sagen können – um das zu sehen, braucht es keinen Experten. Aber wenn ich diese Option wähle, wird sie mich dann missverstehen und glauben, ich wolle mehr als nur eine kleine Einzeldarbietung? Nein, das kann sie unmöglich denken. Sie weiß, wie groß der Altersunterschied zwischen uns ist, und dass ich eine zehnjährige Tochter habe. Mit diesem Wissen ist sie sicher nicht an mehr interessiert.

Langsam lässt sie die Arme sinken. Seufzt. Es sieht so aus, als habe sie die ganze Sache mit sich selbst ausdiskutiert, Vor- und Nachteile sorgfältig abgewogen. Und es scheint, als habe sie just aufgegeben, verzweifelt nach Nachteilen zu suchen. Die Vorteile sind offensichtlich in der Überzahl.

Mein Blick gleitet über ihr hübsches Gesicht, über die Brüste und weiter abwärts, zwischen ihre Beine. Die braungebrannten Oberschenkel, die nur zur Hälfte von ihrem Rock verdeckt sind. Die nackten Füße. Ich kann sehen, dass sie Nagellack trägt, aber die Farbe erkenne ich im schwachen Schimmer der Handytaschenlampe nicht. Ich tippe auf rosa.

Kinder lieben rosa, erklingt eine besserwisserische Stimme in meinem Hinterkopf.

Verdammt noch mal, was mache ich hier?

Mit einem entschuldigend schiefen Lächeln trete ich ein paar Schritte zurück. „Ich verspreche dir, dass ich dich nicht weiter provozieren werde", sage ich mit ernster Stimme und will mich gerade wegdrehen, weil ich in dem Moment die Beule in meiner Hose bemerkt habe, die ein bisschen zu groß ist, um meinen Worten auch nur einen Hauch von Authenzität zu verleihen.

Aber noch ehe ich ihr den Rücken zuwenden kann, tritt sie auf mich zu und stellt sich auf die Zehenspitzen. Und ich bücke mich reflexartig ein wenig zu ihr herab ...

Ich halte den Atem an. Sie zögert. Der Kuss, den sie mir beinahe auf die Lippen gepflanzt hätte, lässt auf sich warten. Der Mut ist verschwunden, bevor sie ihrer spontanen Lust nachgehen kann.

Weil sie sich so schnell auf mich zubewegt und sich noch nicht zurückgezogen hat, umschwebt mich ihr süßer und verführerischer Duft. Hubba Bubba mit Erdbeergeschmack.

Mit staubtrockener Kehle versuche ich zu schlucken, aber es fällt mir verdammt schwer, während ihr blitzender Blick auf mich gerichtet ist. Meine Finger kribbeln danach, ihre samtweiche Haut zu spüren. Mein Herz schlägt ein wenig schneller. Mein Schwanz hat plötzlich seinen eigenen Willen, und weil ich sie nämlich nicht nur provozieren wollte, sondern mich auch selbst mit meinen lüsternen Gedanken ganz kirre im Kopf gemacht habe, kann ich mich einfach nicht mehr zurückhalten.

Zur Hölle mit dem Altersunterschied, und mit Prinzen und Prinzessinen.

Und gerade in dem Moment, als sie sich mit enttäuschtem Gesichtsausdruck wieder auf die Fußballen zurücksinken lässt, lege ich meine Arme um sie und ziehe ihren kleinen Körper eng an meinen. Mein Gesicht nähert sich ihrem, aber ehe sich unsere Lippen treffen, bin ich es, der zögert. Wenn wir das hier wirklich durchziehen, bekomme ich sowas von Ärger von ihrem Bruder. Wenn sie mich verrät.

Meine Finger verheddern sich im T-Shirt, als ich mit meiner Vernunft verhandele. Das hier ist wirklich die dümmste Idee aller Zeiten ...

Aber sie ist so verdammt heiß. So verlockend. So einladend. Faszinierend.

Okay, aber nur ein kleines Küsschen.

Nein, ein einziger Kuss, das reicht mir nicht. Ich weiß schon jetzt, dass diese Lippen nach mehr schmecken, auch ohne sie probiert zu haben.

„Wir sagen es keinem", flüstert sie atemlos.

Perfekt!

Es ist ja nun nicht so, als würde ich nicht mit mir ringen, und wie kann ich der Vernünftige sein, wenn sie sowas sagt?

Okay, ich probiere mal.

Und unendlich langsam überwinde ich auch den letzten Rest räumlicher Distanz zwischen uns. Der erste Kuss ist sanft, beinahe zärtlich, und dabei hätte ich es belassen sollen. Nur einen kleinen Kuss. Der Zweite ist ... hungrig. Es ist ein Hunger, von dem ich nicht wusste, dass er in mir schwelt. Sie schmeckt nicht süß. Sie schmeckt tausendmal besser als süß. Sie schmeckt nach ... dem ersten richtigen Sommertag, nach Sonnenschein und Strand und herrlichem, blauen Wasser. Sie schmeckt nach diesem Gefühl, nach dem man sich den ganzen langen Winter über verzehrt hat.

Klaras Hände wandern an meinem Rücken empor. Und ich bin ihren Berührungen verfallen, will mehr. Meine großen Hände liegen fest auf ihrer Hüfte, damit ich nichts allzu Sündiges tun kann. Beziehungsweise um ihre Taille, denn ich kann sie tatsächlich fast komplett umfassen.

Sie flicht ihre Finger in meine Haare, während unsere Zungen sich wie von allein darauf geeinigt haben, diesen Kuss unvergesslich und so heiß wie möglich zu gestalten. Ihr Duft, ihre Küsse, das Gefühl ihrer sanften Fingernägel auf meiner Kopfhaut. Ihr Geschmack. Die Hitze, die von ihrem Körper ausgeht. Das Stöhnen, das sie nicht loswird, weil ich es gierig verschlucke ... Alles wird plötzlich viel zu viel, viel zu heiß, und in wenigen Sekunden werde ich für nichts garantieren können. Also reiße ich mich mit letzter Kraft von ihr los, und es ist wirklich in allerletzter Sekunde. Gleich schaltet sich mein Hirn auf Autopilot.

Ich schüttele den Kopf und versuche meinen Kopf freizumachen von der Anziehungskraft dieser heißen Frau, aber sie hat andere Pläne. Sie wirft sich mir erneut um den Hals und sucht mit ihren Lippen meinen Mund. Noch schaffe ich es, mich ein wenig zurückzuhalten, also werfe ich den Kopf in den Nacken und starre unglücklich hilfesuchend zur Decke. Warum zur Hölle war ich nicht einfach ein kleines Schwein wie die anderen beiden und bin direkt ins Bett gegangen, statt unbedingt duschen zu wollen?

Auf diese Weise bin ich ja immer noch ein Schwein, nur eine andere Art von Schwein.

Klara gibt sich derweil mit meinem Hals zufrieden, den sie nur mit Müh und Not erreichen kann, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellt. Mit vorsichtigen Zähnen knabbert sie an meinem Adamsapfel und ich kann nicht anders: Stöhnend lege ich erneut meine Hände um ihre Taille. Dabei wollte ich doch Abstand schaffen zwischen uns! Aber verdammte Axt, wie kann ich da nein sagen? Sie ist viel zu heiß.

Und meine Widerstandskraft, wie alles in der Welt, hat ihre Grenzen. In diesem Moment lutscht sie an meinem Hals, als sei es mein Schwanz, und das lässt mich nicht unbeeindruckt.

Sie gewinnt.

„Okay, auf deine Verantwortung", knurre ich und beuge mich zu ihr hinab, zu ihrem wohlschmeckenden kleinen Mund. Auf ein Neues. Mit blinden Händen suche ich den Saum ihres kurzen Rocks. Finde den Weg hinein. Und während ich eine Hand um ihren festen Schenkel lege, suche ich mit der anderen nach dieser verführerischen Wärme, die mich vor Lust fast verrückt werden lässt.

Klara

Er ist zu alt für mich! Er ist zu alt ... er ist ...viel zu verführerisch.

Okay, versuchen wir es mit einer anderen Begründung. Er hat ein Kind. Er hat ein Kind ... Er ... Hat ... viel zu starke Hände, ich schmelze!

Es dauert nicht lange, bevor Runes Hände zwischen meinen Beinen landen. Mit der einen Hand hält er meine linke Kniekehle fest, sodass er mein Bein mit Leichtigkeit um seine Hüfte schwingen kann. So kommt er leichter ran. Ich bin schon jetzt total feucht und will ihn in mir spüren. Und als er mit zärtlichen Fingern über den Stoff meines Höschens fährt, muss ich nach Luft schnappen, so geil fühlt sich das an.

Ich weiß wirklich nicht, was mit mir los ist. Noch nie zuvor habe ich mich bei einem Mann so gehen lassen, habe ihn derart überfallen. Er hat ja sogar noch versucht, uns zu stoppen, aber irgendetwas ist da, dem ich einfach nicht widerstehen kann. Irgendetwas, was mein Körper braucht, will, nach dem ich mich verzehrt habe, ohne es zu wissen. Und außerdem war er auch einfach zu heiß, als ich ihn klammheimlich beobachtete, in seinem dunklen T-Shirt mit dem V-Ausschnitt. Die Jogginghose, die er vor dem Einsatz anhatte, ist einer schwarzen Jeans gewichen, die so aussieht, als sei sie maßgeschneidert, so gut steht sie ihm.

Unsere Lippen trennen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Aber er zögert nicht, als sein Mund meinen sucht, und seine Finger zwischen meine Beine, in mein Höschen gleiten. Sie untersuchen neugierig meine Wärme, meine Säfte. Und obgleich wir uns so hektisch bewegen, als gelte es dem bloßen Überleben, sind seine Berührungen unendlich zärtlich und vorsichtig. Ich stöhne in seinen Mund. Es ist so schön. Schöner als ich es je mit einem Anderen erlebt habe.

„Wir müssen aufhören!", stöhnt er.

Er hat recht. Ich nicke, aber unsere Zungen haben ihren eigenen Willen: Sie sind weiterhin fest ineinander verschlungen.

Ein Finger meldet sich zu Wort. Er ist breit und stark und macht mich noch viel feuchter als ich ohnehin schon bin. Mein Körper brennt von innen heraus. Ein Feuer ist in mir entfacht, er hat es gelegt, und ich fürchte, dass es ihm nicht gelingen wird, es wieder zu löschen, wenn er mit mir fertig ist.

Ich halte es nicht aus. Ich will mehr. Er soll weitermachen. Wir müssen weitermachen. Plötzlich ist es mir vollkommen egal, wie alt er ist. Oder wie alt seine Tochter ist. Ich will ihn, und ich will ihn jetzt. Der Rest wird sich schon finden. Ich bin schließlich recht reif für mein Alter, und ein bisschen Erfahrung mit Kindern habe ich auch. Ich habe ein Praktikum im Kindergarten gemacht, verdammt. Kinder lieben mich.

Plötzlich reißt Rune sich von mir los und zieht seinen verspielten Finger zurück, während er leise flucht.

Neeein ... Wenn er jetzt tatsächlich aufhört, fange ich an zu weinen, so geil bin ich.

Ein tierisches Verlangen strahlt mir aus den glühenden grünen Augen entgegen, als sich unsere Blicke treffen. Seine Lippen sind von unserem leidenschaftlichen Kuss ganz leicht geschwollen und gerötet. Langsam lässt er mein Bein los, sodass ich wieder mit beiden Beinen auf den Boden der Tatsachen zurückkehre.

„Warte ..." Seine Stimme ist heiser, wie ich es nur allzu gut von anderen Männern kenne. Das bedeutet, dass er genau so sehr im Bann seiner Lust ist wie ich. Er schüttelt ganz schwach den Kopf, während sein Blick weiterhin über mein Gesicht huscht, und über meinen Körper, als bekommebekomme er nicht genug von dem Anblick.

Aber seine Worte passen nicht zu dem, was eben zwischen uns passiert ist: „Wir müssen aufhören." Verdammt, ist diese Stimme sexy. Rau und heiser vor Erregung.

Mir ist bewusst, dass ich ihm eben noch recht gegeben hatte, aber das war eben. Er kann mir doch nicht seinen geilen Finger in die Muschi stecken und dann so tun, als sei nichts passiert, bevor er mich zum Kommen gebracht hat. Wenn wir das jetzt hier auf seine Initiative hin abbrechen, werde ich mich so sehr dafür schämen, dass er die Kraft dazu hatte, und ich nicht. Also schüttele ich den Kopf.

„Sei doch nicht so ein Feigling!", necke ich ihn mit einem Lächeln und flirte, wie ich noch nie zuvor geflirtet habe. „Wir müssen einfach nur leise sein, damit wir die Anderen nicht aufwecken."

Rune schaut sich über die Schulter. Er sieht aus wie einer, der vergessen hatte, dass wir nicht allein auf der Wache sind.

„Verdammt, Prinzessin!", stöhnt er gequält, während seine Blicke mich von Kopf bis Fuß verschlingen. „Wie kann ich da nein sagen?" Der Spitzname wäre wie ein Stoß vor den Bug gewesen, wären da nicht die letzten Worte gewesen.

„Dann sag ja!", lächle ich mit all meinem Mut. Er lächelt zurück. Es ist sexy. Es ist heiß, und ich will ihn einfach so sehr, mit seinem Lächeln und allem Drum und Dran.

Er wiederholt seine Bewegung von eben: Sein Gesicht schnellt vor und hält dann wenige Zentimeter vor meinem Mund inne. Ich bebe vor aufgestauter Lust auf ihn.

Sein Blick ist auf meine Lippen fixiert, während er fragt: „Bist du dir sicher?"

Meine Wangen brennen, aber nicht mehr, weil ich verlegen bin. Nein, ich spüre einen drückenden Knoten im Zwerchfell, und solange ich hier vor ihm stehe, in seinem Bann, wird der sich nicht lösen. Er wird nur größer und stärker. Nur er kann ihn lösen, kann ihn zersprengen, sodass ich wieder frei atmen kann, aber das erfordert gewissen Handlungsbedarf von seiner Seite. Weniger Gerede, mehr Taten, bitte.

Ich nicke. „Ja, Rune, ich bin mir sicher."

„Und dein Bruder?"

Jetzt fängt er langsam an, mich zu nerven. „Ich bin kein Kind. Ich bin sehr wohl in der Lage, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Und ich muss meinen Bruder ganz bestimmt nicht um Erlaubnis fragen."

Seine Augen glühen gefährlich, was mich einerseits nervös macht und andererseits neugierig auf das, was da jetzt noch kommt. Gleichzeitig habe ich ein bisschen Angst vor dem Moment, wenn er den Knoten zum Platzen bringt – was kommt dann zum Vorschein?

Seine Lippen pressen sich auf meine und unsere Zungen um wirbeln einander wie alte Bekannte. Er ist ein guter Küsser, das muss man ihm lassen. Jeder seiner Küsse bringt meinen ganzen Körper dazu, vor Lust zu summen. Er bringt mich zum Schweben mit seinen Fähigkeiten. Ein echter Profi. Und wenn seine Hände über meinen Körper gleiten, vergesse ich manchmal, wo oben und wo unten ist. Ich hoffe inständig, dass er noch gegenwärtig genug ist, um zu hören, wenn jemand kommt – denn ich bin hoffnungslos verloren.

Naja gut, ein wenig nervös bin ich schon, denn sein Alter habe ich noch nicht vergessen. Und mit dem Aussehen hat er sicher schon viele Frauen flachgelegt. Was, wenn ich ihn enttäusche?

„Wenn ich nicht so eine Lust darauf hätte, dich von innen zu spüren", flüstert er atemlos, während er meinen gestreckten Hals mit Küssen bedeckt, „würde ich dich lecken. Ich habe so eine Lust, deinen Geschmack auf der Zunge zu schmecken, wenn ich komme ..."

Heilige Scheiße!

Mein Magen zieht sich zusammen, sodass es mir noch schwerer fällt, meine Lungen mit Luft zu füllen, und als er mich hochhebt, sodass ich meine Beine um ihn legen kann, verschwindet alles um uns herum.

„Shit!", wispert er in mein Ohr. „Das Kondom ist im Geldbeutel, in meiner hinteren Hosentasche. Nimm es!"

Okay, soweit so gut. Wenn Rune so richtig geil ist, wird er direkter. Gut zu wissen. Meine Finger sind in seine dicke, dunkle Mähne gewickelt, während er an meinem Ohrläppchen lutscht. Es ist viel zu schön, wie soll ich da überhaupt irgendwas finden?

Seine Zähne legen sich um meinen Kiefer. Er beißt nicht hart zu, sondern erweckt mich aus meinem Rausch.

„Jetzt!", stöhnt er. „Während ich noch im Stande bin zu denken!"

Heilige ..., denke ich erneut. Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, was seine Worte mit mir machen.

Rune knurrt ungeduldig; ich bin zu langsam. Und auch jetzt macht mich seine Ungeduld nur noch mehr an. Ein gefährliches Kribbeln macht sich in meinem Bauch breit. Das sind diese verdammten Schmetterlinge mit ihren flackernden Feenflügeln. Wie ein einziger Organismus erwacht der ganze Schwarm zum Leben und wedelt viele Monate alten Staub auf.

Mit einem kleinen, verträumten Lächeln versenke ich meine Hand in seiner Hosentasche und kann die Tatsache nicht ignorieren, wie fest sein Hintern ist. Ich wünschte, wir wären nackt. Oder nicht. Ich glaube, ich würde ganz schnell den Schwanz einziehen, wenn ich seinen durchtrainierten, muskulösen Körper vor mir sehen würde.

„Beeil dich!", presst er hervor und zwingt mir einen dringlichen Kuss auf. Ich bekomme sein Portemonnaie zu fassen, aber leicht ist es nicht, wenn er so gierig ist. Dass er da noch klar denken kann, finde ich bewundernswert. In meinem Kopf ist nur ein einziger, lauter, alles erfüllender Gedanke, und das ist der uralte Drang nach Befriedigung. Ich ertaste das kleine Plastikbriefchen mit dem Kondom drin. Ich ziehe es aus dem Portemonnaie, öffne es, seinen stöhnenden Befehlen folgend, und dann setzt er mich auf die Tischplatte, um es sich überzuziehen. Verdammt, warum haben wir nur die Handytaschenlampe? Ich würde ihn so gern richtig sehen können, während er sich für mich bereit macht. Seine Silhouette macht Lust auf mehr.

Noch bevor er ganz fertig ist, stürzt er sich schon wieder auf mich, um mich zu küssen. Und ich schwebe davon, hoch über unsere Köpfe. Die starken Hände legen sich fest um meine Taille, und ich hänge in der Luft, als würde ich nichts wiegen. So stark ist er.

Bevor er eindringt, zieht er den Kopf zurück und schaut mir in die Augen, sodass mir die Luft wegbleibt. Und er sieht nicht weg, bohrt seinen grünen Blick tief in meinen, während er in mich eindringt. Und ich sehe alles in seinen Augen, obwohl es dunkel ist, aber wir sind uns so nahe, dass sich die Gefühle nicht verstecken können. Ich spüre ihn. Jeden Zentimeter. Er ist unglaublich. Er fühlt sich wahnsinnig gut an, in und auf meinem Körper. Er passt perfekt zu mir.

Rune stöhnt leise, als er sich bis zum Anschlag in mich hineindrückt, und seine Augen fallen zu. Verdammt, er ist so geil, und fühlt sich noch viel geiler an. Ganz langsam zieht er sich fast ganz heraus. Die Augen noch immer geschlossen. Dann dringt er erneut ein. Mein Inneres packt zu, umgreift ihn in einem panischen Versuch, so viel wie möglich von ihm und am liebsten noch viel mehr zu bekommen. Ich bekomme nicht genug von ihm.

Dann komme ich. Plötzlich. Schnell. Es überrascht und überwältigt mich. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um keinen Lärm zu machen, und vielleicht auch um zumindest einen kleinen Teil der Kontrolle über mich und meinen Körper zu bewahren, sodass ich nicht vollends davonschwebe.

Rune schlägt die Augen auf und sieht mich mit schweren Augenlidern an. Wenn ich dachte, dass ich vorher in den Anblick verliebt sei, dann war das nichts dagegen, was jetzt in mir vorgeht. Er schaut mich an, als sei ich die einzige Frau, die ihn so sehen, so spüren darf. Kein Anflug eines Lächelns. Wirklich! Es ist so intensiv, dass mein Körper komplett loslässt, und ich komme so stark, wie ich noch nie in meinem Leben gekommen bin.

Sofort stürzt er sich auf meinen Mund und unsere Zungen versuchen der Intensität der Situation gerecht zu werden, während unsere Körper gemeinsam gen Gipfel schweben. Es summt in den Fingerspitzen, kribbelt unter der Haut und unsere Herzen schlagen so schnell und laut, dass sie alle anderen Geräusche übertönen, während mein Orgasmus langsam und rhythmisch abebbt.

Im selben Takt werden auch unsere Küsse seichter, während wir uns wieder der Macht der Erdanziehung ergeben, bis wir mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehen. Beziehungsweise Rune. Er bewegt sich langsam, neckend in mir vor und zurück, sodass es wunderbar verführerisch kitzelt, während er sein Gesicht in meiner Halsbeuge, in meinem Haar versteckt.

Ich bin noch immer ganz durcheinander, aber ich spüre, dass ich ihn stoppen muss, denn wenn er weitermacht, fängt es an, wehzutun. Das passiert, wenn das letzte Mal ein halbes Jahr her ist.

Er atmet noch immer schwer, sein heißer Atem fühlt sich an wie eine zärtliche Streicheleinheit auf meiner Haut. Dann hält er inne. Er setzt mich so vorsichtig auf der Tischplatte ab, dass ich mich tatsächlich einen Moment lang wie eine Prinzessin fühle. Und obwohl mir der alberne Spitzname nicht gefällt, mag ich es, dass er mich so behandelt. Langsam zieht er sich aus mir heraus, während er mit einer Hand das Kondom festhält. Ich verziehe kurz das Gesicht, weil es ein bisschen brennt. Aber das sieht er zum Glück nicht.

Von da aus, wo er steht, kann er den Schrank unter der Spüle mit dem Mülleimer leicht erreichen. Er wirft das Kondom hinein, nimmt den alten, schmutzigen Wischlappen, der über dem Wasserhahn hängt, und schmeißt ihn hinterher, auf das Kondom. Der flüchtige Blick, den er mir zuwirft, lässt mich ein paar Zentimeter zurückweichen.

„Bist du in Ordnung?", fragt er leise.

Ich lächle gezwungen und nicke. Nein, ich glühe förmlich von innen heraus vor Glück, aber warum benimmt er sich jetzt so komisch?

Er knöpft seine Jeans zu und belohnt mich mit noch einem flüchtigen Blick. Oder ... bestraft? Wenn sein Blick mir physisch Schmerzen zufügen könnte, würde ich schreien, als würde er mich gerade auspeitschen. So deutlich strahlt mir das schlechte Gewissen aus den grünen Augen entgegen.

Er tritt zurück. Die beiden Blicke, die er mir zugeworfen hat, waren beide sehr kurz, aber der Ausdruck ist eindeutig: Reue.

Das Arschloch leuchtet scharlachrot vor Scham, als er noch ein paar Schritte weiter zurückweicht. Er lehnt sich rückwärts an die gegenüberliegende Küchenplatte. Zumindest bleibt er, bis auch ich wieder normal atmen kann. Wenn ich in diesem Moment von der Platte auf den Boden springen würde, ich wüsste nicht, ob mir nicht die Beine wegsacken würden. Meine Knie sind wie Wackelpudding. Es war so geil. Er kann wirklich was, dieser Mann. Und er mag es bereuen. Aber ich habe nichts bereut.

Man bemerke den Perfekt.

Er bückt sich und hebt etwas vom Boden auf. Ich bleibe sitzen. Obwohl ich meine ganze Kraft aufbringen muss, um keine Gefühlsregung zu zeigen, zittert meine Stimme, als ich das Höschen entgegennehme. Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, wann das ausgezogen wurde. „Mach den Kühlschrank auf."

Er runzelt die Stirn. „Was?"

„Mach es einfach ...", krächze ich.

Verwirrt schüttelt er den Kopf, also nehme ich stattdessen sein Handy in die Hand und leuchte ihm damit direkt ins Gesicht. Er blinzelt und dreht den Kopf weg, um das scharfe Licht nicht in die Augen zu bekommen.

Aber ich kann ihn richtig sehen. Ich wünschte, sein Anblick hätte nicht noch immer den gleichen Effekt auf mich, aber ich kann es ja nicht ändern. Er sieht genauso gut aus. Genauso verführerisch.

Ich senke die Taschenlampe ein wenig, sodass ich ihn nicht damit blende, während ich langsam nicke, denn meine Befürchtung war richtig.

Rune schweigt. Ein paar Mal gelingt es mir, einen Blick in seine Augen zu erhaschen, aber er tut wirklich sein Bestes, beschämt auf den Boden zu starren. Mit beiden Händen versucht er, seine Haare zu glätten. Dann reibt er sich über den Mund. Dann über den Nacken. Mit fast aggressiven Bewegungen. Er quält sich wirklich.

„Was bist du für ein Arsch!", zische ich und lasse mich von der Küchenplatte gleiten.

Das Handy drücke ich ihm fest vor die Brust. Er ist gezwungen, schnell zu reagieren und es zu ergreifen, bevor es auf den Boden fällt. Denn ich bin schon auf dem Weg aus dem Aufenthaltsraum und greife nach meiner Jeansjacke, ohne stehen zu bleiben.

Er hält mich nicht zurück. Ruft mir nicht einmal hinterher, als ich mich in der Garage gegen die Tür stemme, während meine vor Wut zitternden Hände mit dem Schloss kämpfen.

Draußen ist es stockdunkel, wie in meinem Herzen. Ich renne los. Es ist noch nicht richtig Sommer, und so ist es nachts noch immer recht kalt. Obwohl ich so schnell renne, wie meine Gefühle mir diktieren, friere ich.

Ich weine nicht, aber meine Augen brennen und ich spüre einen Kloß im Hals. Aber ich weine nicht. Ja, meine Gefühle wurden verletzt, aber ich bin ja nicht in ihn verliebt. Nur zutiefst verletzt darüber, so behandelt zu werden. Also werde ich garantiert keine einzige Träne über so einen wie ihn verschwenden.

Atemlos schließe ich die Tür zu meiner und Tobis Wohnung auf. Ich laufe in mein Zimmer und werfe mich aufs Bett. Mein Kopf schwirrt vor lauter Gedanken um den Mann, dem ich gerade mein tiefstes Innerstes offenbart habe.

Unglaublich, wie hoch hinaus er mich katapultieren konnte, ganz nach oben, wo die Luft dünn ist und einem schwindelig wird. Und noch viel unglaublicher, dass er mich danach einfach loslassen konnte, sodass ich mit voller Geschwindigkeit auf die Erde prallte, sodass meine Knochen rasselten und mir schwarz vor Augen wurde.

Zum Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee aufzuwachen ist immer ein guter Start in den Tag. Es ist mein Glück, dass mein Bruder genauso koffeinabhängig ist wie ich, und in diesem Moment hält er mir die volle, dampfende Tasse direkt unter die Nase. Mit einem verschlafenen Lächeln setze ich mich auf, streiche mir die zerzausten Strähnen hinter die Ohren und nehme die Tasse in beide Hände. Ich nippe sofort an dem heißen Getränk, denn bei Kaffee kann es mir nie schnell genug gehen – oder zu heiß sein.

Tobi setzt sich auf die Fensterbank. „Wo warst du gestern?"

Ich weiche seinem prüfenden Blick aus. Ich hätte es wissen müssen. Tobi bringt mir nur dann Kaffee ans Bett, wenn er etwas will. Es fällt ihm schwer, einfach nur mein Bruder zu sein. Wir zogen zusammen, als ich gerade 19 geworden war. Eigentlich hatte ich noch bei unseren Eltern zu Hause wohnen sollen, bis ich mit der Ausbildung fertig bin. Ja, unsere Eltern sind noch zusammen. Und selbst nach 44 Jahren lieben sie einander mit einer Tiefe und Hingabe, die ich selbst bestimmt nie finden werde. Die Kerle bereuen es ja schon, sobald sie das bekommen haben, was sie wollten, denkt ein zynischer Teil von mir bitter.

Nachdem Tobi ausgezogen war, verging gerade mal ein halbes Jahr, ehe meine Eltern und ich uns beinahe gegenseitig umgebracht haben. Ich hatte das Gefühl, bis zum Hals in einer plötzlichen Flut aus Regeln, abendlicher Ausgangssperre und nervigen Pflichten zu stecken. Ich meinte, und das meine ich im Übrigen noch immer, dass man, wenn man sich aus einer Laune heraus einen Chihuahua anschafft, sich auch selbst um das Tier kümmern muss und es nicht auf die 18-jährige Tochter abwälzen kann – und das nur mit der Begründung, dass wir alle die häuslichen Aufgaben teilen.

Naja gut, der einzige Grund für meinen Auszug war das natürlich nicht. Es gab so einiges, was plötzlich nicht mehr funktionierte, aber der Hund war das Erste, was mir als Begründung einfiel, als ich halb panisch meine Sachen packte und mich aus dem Staub machte. Inzwischen sind wir natürlich wieder ein Herz und eine Seele, und fast wäre ich sogar wieder nach Hause gezogen, denn ganz ehrlich ... so cool ist es auch wieder nicht, sich nachts die Kissen auf die Ohren zu pressen, weil einem das orgasmische Schreien der Frauen den Schlaf raubt. Mein Bruder denkt, er sei ein erstklassiger Liebhaber, und bei den Geräuschen, die aus seinem Zimmer dringen, wenn er Besuch hat, wage ich es fast, ihm zu glauben. Baah. Bei dem Gedanken allein wird mir übel. Es sollte verboten sein, seinen eigenen Bruder beim Sex hören zu können. Wenn das keine bleibenden Schäden verursacht, weiß ich auch nicht ...

Ich habe meine Lehre in der Bank gemacht und arbeite inzwischen in einer Nordea-Filiale. Nein, ich bin nicht in der Ausbildung zur Köchin. Ja, ich weiß, dass das gestern gesagt wurde, aber das war gelogen. Tobi hat das nur gesagt, weil er andere gern aus dem Konzept bringt, und in der gestrigen Situation war es eben Rune, der die Klappe halten sollte. Und in diesem Moment finde ich es ehrlich gesagt ganz geil, dass Rune jetzt denkt, etwas über mich zu wissen, was eine glatte Lüge ist. Soll er mich ruhig weiter als professionelle Köchin sehen. Nicht weil ich mich dafür schäme, Bankangestellte zu sein, aber Tobi sagt, dass Runes Kochkünste nichts Besonderes sind, und deshalb ist es ein gutes Gefühl, dass mein Gericht so sehr in seinem Geschmack entsprach. Dass ich ihm hinterher unbedingt noch ein Dessert servieren musste, ist der wahre Fehler.

Ich hätte Abführmittel in seine Portion mischen sollen.

„Du bist doch nicht etwa noch auf der Wache geblieben, oder?" Tobis Blick ist stechend.

„Was?" Ich sehe überrascht auf. „Ich? Nein, was denkst du denn! Was soll ich denn da, wenn du nicht da bist?"

Er schaut mich nur mit diesem Großer-Bruder-Blick an. Ich hasse ihn. Also, nicht so richtig. Aber wieso muss er nur so gut darin sein, mich zu durchschauen? Ganz ehrlich, mein Privatleben geht ihn gar nichts an. Bruder hin oder her.

Und das gebe ich ihm auch gleich zu verstehen: „Das geht dich einen feuchten Dreck an, wo ich gewesen bin. Guck dich doch selbst an mit deinen Bimbos!"

Ich stelle den Kaffee ab – so billig kann er mich nicht kaufen, dann mach ich lieber meinen eigenen Kaffee, der ist sowieso besser. „Mein Leben geht dich nichts an. Und selbst wenn ich dageblieben wäre und die ganze Mannschaft gefickt hätte, hättest du dazu schon mal gar nichts zu sagen!"

Meine Worte zeigen Wirkung: Er sieht so aus, als wolle er sich in meine Sammlung von Grünpflanzen übergeben.

Ich steige aus dem Bett, gehe hinaus in den Flur und weiter ins Bad, während es sich der hässliche Gedanke in meinem Kopf gemütlich macht. Ja, die ganze Mannschaft ist es nicht gewesen. Aber der Anfang ist auf jeden Fall gemacht ...

Rune

Die freien Tage vergehen immer so langsam und enden meistens mit zu viel Krafttraining und zu vielen Süßigkeiten vor dem Fernseher. Außer, dann, wenn ich meine Tochter Nikoline habe. Das passiert nicht so oft und ich vermisse sie unglaublich. Daher auch das ganze Training. Um mich von der Sehnsucht nach meinem Kind abzulenken. Und Abends, wenn die Muskeln vom Hanteltraining schmerzen, übernimmt das Naschen die ehrenvolle Aufgabe, meine Gedanken zu zerstreuen. Ich muss immer etwas zu tun haben, wenn sie nicht bei mir ist. Sie ist so hübsch. Hübscher als Klara, obwohl ich sagen muss, dass es ein ziemliches Kopf-an-Kopf-Rennen ist. Nikoline hat die Nase ihrer Mutter, alles andere hat sie von mir. Und obwohl sie erst zehn ist, sieht sie mir schon so unglaublich ähnlich. Nur hübscher, eben. Feiner, zarter. Sie hat einen messerscharfen Verstand und kein Problem damit, mir Kontra zu geben, wenn ich mit ihr herumalbere. Glücklicherweise teilt sie meinen platten Humor, sodass es immer viel zu lachen gibt, wenn wir zusammen sind. Ja, ich weiß, dass sie erst zehn ist, aber sie ist meine Tochter, und einen stolzeren Vater gibt es auf der ganzen Welt nicht.

Verdammt, wie ich sie vermisse, und bis zu unserem nächsten Wochenende muss ich noch eine ganze Woche durchhalten. Also gut. Süßigkeiten sind nötig. Ich stecke meine Hand in die volle Schüssel. Ich habe nicht mal eine Vorliebe. Grabe einfach herum, bis ich ungefähr fünf Stücke in der Hand habe, die ich mir dann in den Mund stopfe, während sich der Film, den ich mir im Fernsehen ansehe, dem Ende zuneigt.

Von der Handlung habe ich ehrlich gesagt nicht allzu viel mitbekommen. Es ist schwer, sich zu konzentrieren, und die Schuld liegt allein bei einer gewissen Dame. Ich stöhne gequält, als Klaras Gesicht schon wieder vor meinem inneren Auge auftaucht. Den ganzen Tag hat sie mich heimgesucht. Ich habe ihren Körper gespürt, ihre Hitze ... als sei sie hier. Ihren Duft ... Verdammt! Allein die Erinnerung an ihren süßen Duft bringt meinen Körper in einen Zustand erwartungsvoller Erregung.

Ich schlucke tief und beschwerlich. Wäre sie jetzt hier, wäre sie nackt und ich zwischen ihren Beinen.

Nope! Not gonna happen again!

Das muss der größte Fehler des Jahrzehnts gewesen sein. Wenn Tobias Wind davon bekommt, bringt er mich um. Das heißt, wenn ich ihn lasse. Verdammt, ihr Gesicht, als wir fertig waren. Ich weiß nicht, was sie erwartet hatte, aber bestimmt nicht, mir so deutlich anzusehen, wie es mir ging. Aber es war ja auch echt ein blöder Fehler, Mann. Und ein noch viel größerer Fehler war es, dass ich mein schlechtes Gewissen nicht verstecken konnte. Aber es war zu mächtig, wie ein wütender Bulle, der in meinem Inneren tobt. Ich kam mir wirklich vor wie ein altes Schwein. Ich weiß, dass es viele Paare gibt, die gut mit so einem Altersunterschied zurechtkommen. Ich aber nicht. Es wird nicht funktionieren. Sie ist ja ganz woanders im Leben als ich. Ich bin jetzt Feuerwehrmann, seit ... schau, ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wann ich mit der Ausbildung fertig geworden bin. Und sie hat gerade erst ihre Ausbildung zur Köchin angefangen. Ich habe ein zehnjähriges Kind, und sie ... verdammt noch mal, sie ist ein Kind. Nein, okay, ich weiß, dass sie reell kein Kind mehr ist, und doch ... Wenn wir beide älter wären, würde mich der Altersunterschied vielleicht nicht so fertig machen. Oder noch besser: Wenn sie auch ein Kind hätte.

Wenn ich doch nur aufhören könnte, an ihren Körper zu denken. Es war so lange her gewesen, seit ich das letzte Mal Sex hatte, vielleicht liegt es daran, dass das Erlebnis für mich so intensiv war? Ich habe keine Ahnung, aber der Sex mit Klara war ... wild. Markerschütternd geil. Wie Tiere sind wir übereinander hergefallen, fast brutal war das. Was das Ganze natürlich nicht weniger heiß machte. Als könnte keiner von uns vom Anderen genug bekommen, als würde alles viel zu langsam gehen.

Ich muss lächeln, denn langsam ist das letzte, was es war. Ich hatte keine Ahnung, dass ich so kurz davor war zu kommen, bis sie mir ins Ohr stöhnte und an meinen Haaren riss. Und ab dem Moment verlor ich die Kontrolle. Zum Glück war sie genauso schnell fertig wie ich, sonst wäre es peinlich geworden.

Ich zupfe an der Jogginghose, die plötzlich ein wenig enger geworden ist. Warum kann sie nicht einfach vier Jahre älter sein, dann würde ich jetzt alles daran setzen, ihre Nummer zu bekommen, um die wilde Sause von gestern zu wiederholen. Es müsste ja nichts festes sein, einfach nur ... unverpflichtender, unkomplizierter Sex, flüstert der Single-Papa in meinem Kopf.

Mit einem aufgebenden Stöhnen stehe ich auf und gehe ans Fenster. Es ist erst acht Uhr. Macht mich das sehr alt, wenn ich jetzt schon ins Bett gehe? Dann ist schneller morgen. Morgen ist nämlich wieder ein Arbeitstag. Das Handy fängt meine Aufmerksamkeit. Vielleicht kann ich sie auf Facebook finden? Ja, das ist vielleicht gar keine schlechte Idee, denn was, wenn sie irgendwas über mich geschrieben hat? Dann bin ich ja morgen in der Bredouille, wenn ich Tobias auf der Wache treffe. Schlechte Ausrede, ich weiß, aber für meine Absichten reicht sie, und so dauert es nicht lange, bis ich Klara durch unseren gemeinsamen Kontakt, ihren Bruder, gefunden habe.

Ich gehe zurück zum Sofa und lasse mich fallen, den Blick auf das Display gerichtet. Zuerst klicke ich auf ihr Profilfoto. Sie ist nicht wie andere Frauen, das sehe ich sofort. Sie sieht aus wie sie selbst. Kein Filter, nur 100 Prozent Klara. Besonders gut passt Tobias aber nicht auf seine Schwester auf, denn obwohl wir nicht befreundet sind, kann ich ihr ganzes Profil sehen. Ich schäme mich ein klitzekleines Bisschen, aber was soll ich machen? Ich kann ja auch schlecht zu Tobias sagen: Hey, du, ich bin gerade zufällig über das Facebook-Profil deiner Schwester gestolpert. Vielleicht kannst du ja bei Gelegenheit mal dafür sorgen, dass ihr Profil nicht für alle sichtbar ist und man sofort sieht, dass sie Single ist und bei Nordea im Zentrum von Kopenhagen arbeitet.

Plötzlich sitze ich kerzengerade da. Sie arbeitet wo?! Aber Klara ist doch Köchin. Tobias hat doch gesagt, dass ... Ich klicke mich durch ein paar ihrer Fotos, aber keine Spur von stolzen kulinarischen Errungenschaften oder einer besonders deutlichen Leidenschaft für Essen. Ganz im Gegenteil. Letztes Jahr zu Weihnachten hat sie ein Foto gepostet, auf dem sie neben einem jungen Kerl steht, der sie mit glänzenden, verliebten Augen so ansieht, als wolle er sie im nächsten Moment mit Haut und Haar verschlingen. Im Hintergrund sieht man das Nordea-Logo auf einem großen Schaufenster.

Ich zoome. Klaras Augen glänzen auch und sind ein wenig unfokusiert. Sie ist offensichtlich betrunken und hat wohl bei der jährlichen Betriebsweihnachtsfeier einen kleinen Fehler mit einem Kollegen gemacht, denn auf dem Foto sehen sie so aus, als seien sie ein wenig mehr als nur Kollegen. Es wirkt nicht vulgär. Einfach ... mehr als Kollegen.

Ich spanne den Kiefer an und schmeiße das Handy in die Ecke. Vielleicht ist Stalken nicht das Richtige, wenn es mich so eifersüchtig macht. Aber warum bin ich denn jetzt eigentlich eifersüchtig? Ich kenne sie ja gar nicht genug, als dass dieses besitzergreifende Gefühl irgendwie gerechtfertigt wäre. Und außerdem ist sie ja auch gar nicht mein Typ!

Ich stehe erneut auf und trotte ans Fenster. Vielleicht sollte ich einen Spaziergang machen? Ich starre mein Spiegelbild in der Fensterscheibe an. Ich mache nie Spaziergänge, also nein, natürlich nicht. Aber vielleicht könnte ich es ja mal ausprobieren? Irgendwann ist ja bekanntlich immer das erste Mal. Ich wohne nur 25 Minuten Fußweg von Tobias entfernt. Also wohne ich nur 25 Minuten Fußweg entfernt von Klara.

Ich weiß, was es ist, was mich so kirre im Kopf macht. Es ist mein Gewissen. Ich möchte mich so gern für mein Verhalten entschuldigen. Normalerweise bin ich kein Arschloch gegenüber Frauen. Wenn sie nach dem Sex kuscheln wollen, dann mach ich das, kein Problem. Wenn sie über Nacht bleiben und in meinen Armen einschlafen wollen, bin ich auch dabei. Aber mehr auch nicht.

Noch nie habe ich mich so geschämt wie jetzt. Ich habe das Gefühl, ich hätte sie ausgenutzt, weil sie doch so jung ist.

Obwohl es schwierig sein wird, ihr in die bezaubernden Augen zu schauen, hoffe ich doch inständig, dass sie bald wieder auf die Wache kommt. Dann kann ich mich anständig entschuldigen, denn eine Entschuldigung verdient sie. Ich habe mich wie ein Vollidiot verhalten und das muss ich wieder gut machen, sonst kann ich die Situation nicht hinter mir lassen.

Vielleicht ist sie noch immer verletzt?

Ob sie wohl geweint hat, als sie nach Hause lief?

Shit, die Schuld wiegt schwer auf meinen Schultern.

Genervt gehe ich durch die Fahrzeughalle, das Handy am Ohr. Am liebsten würde ich das Mistding einfach auf den Boden werfen, aber dann müsste ich mir ein neues kaufen, und dazu habe ich weder das Geld noch die Zeit. Heute beginnt meine Schichtrotation, also wird es knapp mit Freizeit im Laufe der nächsten Woche.

Am anderen Ende ist meine Ex, die Mutter von Nikoline. Ihre Spezialität ist es, mich so zur Weißglut zu bringen, dass ich am liebsten alles hinschmeißen und nie mehr zurückblicken würde. Einmal bin ich diesem Drang gefolgt – mit dem Ergebnis, dass ich meine Tochter heute nur noch einmal im Monat sehen darf. Das Jugendamt sagt, dass meine unstabile Lebensweise auf das Kind abfärben könnte, und sie sich deshalb bei mir nicht wohlfühlen würde. An dem Tag wäre ich fast schon wieder abgehauen, aber dann öffnete ich mein Portemonnaie und sah mir das Bild von Nikoline an. Wenn ich sie ganz verliere, verliere ich mich selbst.

„Und wieviel genau brauchst du?", frage ich mit erzwungener Ruhe in der Stimme.

„2.000 Kronen", erwidert sie. Selbst ihre Stimme kann ich kaum noch ertragen. Sie fährt mir direkt in die Knochen, geht mir durch Mark und Bein, und ich möchte mich am liebsten schütteln vor Unbehagen.

„2.000?" Vor Überraschung bleibe ich abrupt stehen.

„Ja, verrückt oder?", lacht sie, als sei sie ebenso empört. „Die Preise sind wahnsinnig, aber was will man machen? Das Kind muss ja lernen."

Frustriert kratze ich mir den Nacken. Es geht um meine Tochter, und obwohl ich es mir eigentlich nicht leisten kann und mal wieder an die Ersparnisse werde gehen müssen, kann ich nicht nein sagen. Eigentlich hatte ich das Geld für ihre Konfirmation sparen wollen, aber dann muss ich eben ein paar Stunden mehr arbeiten.

„Okay. Ich überweise dir das Geld."

Ich bin wirklich genervt. Es ist ja nicht ihre Schuld, aber warum kann sie sich nicht einfach einen Job suchen, damit sie am Monatsende wenigstens ein bisschen mehr als das verdammte Arbeitslosengeld auf dem Konto hat?

Wir lernten uns im Supermarkt kennen, wo sie an der Kasse saß. Ich zögerte nicht lange, bevor ich sie zum Abendessen einlud, und nach dem Essen fuhren wir direkt zu mir nach Hause, zum Vögeln. Wir waren erst einen Monat lang zusammen, als sie schwanger wurde. Es war ja meine Schuld. Ich wollte unbedingt, obwohl wir keine Kondome mehr hatten, und was soll ich sagen? Nikoline ergriff ihre Chance und ab ging die Post. Irgendwas Positives muss man der Scheißsituation ja abgewinnen, auch wenn ich natürlich weiß, dass es genau so nicht gewesen ist. Aber mir gefällt der Gedanke.

Die Ex, die übrigens Stina heißt, verlor ihren Job, weil sie morgens nicht aus den Federn kam. Und schon bald wurde mir klar, dass sie eigentlich stinkfaul war. Und ich gehe stark davon aus, dass sich das nicht geändert hat, denn bis jetzt ist es ihr nicht gelungen, einen Job für mehr als ein paar Monate zu behalten. Fast jeden Monat ruft sie an, um mich anzupumpen. Das erste Jahr nach Nikolines Geburt lief es noch rund, aber als unsere Tochter etwa anderthalb war, kamen die ersten Anrufe. Ich habe sogar ihren Namen in meinem Telefonbuch geändert. Seit sechs Jahren heißt sie nur noch Send more money. Die Alimente, die ich ihr monatlich fest überweise, scheinen in einem schwarzen Loch zu verschwinden. Ich weiß, dass Kinder Geld kosten. Ich bin ja nicht dumm. Aber, dass es so teuer wird, hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet.

Nachdem Stina entbunden hatte, vergingen nicht viele Wochen, ehe sie den Drang verspürte, ihr altes Leben vor der Schwangerschaft wieder aufzunehmen. Jedes Wochenende ging sie feiern, manchmal kam sie sogar erst mitten am Vormittag des nächsten Tages nach Hause. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich normalerweise nicht der eifersüchtige Typ bin, aber ich nahm doch sehr oft die Schuld auf mich, wenn wir uns gestritten hatten. Aber wenn man feiern geht und mehrere Tausend Kronen ausgibt, um dann am nächsten Tag vollkommen nüchtern nach Hause zu kommen ... das ist schon verdächtig. Da kann man schon mal eifersüchtig werden.

Heute weiß ich natürlich, dass sie mir untreu gewesen ist. Nur sind meine Gefühle für sie inzwischen so obsolet, dass mir diese Tatsache gleichgültiger nicht sein könnte. So lange sie unserer Tochter eine gute Mutter ist, sag ich auch nichts zu dem ganzen Geld, das sie mir aus der Tasche zieht. Und sein wir mal ganz ehrlich: Was weiß ich schon, was die ganzen Kindersachen so kosten.

Tobias steht im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Einen kurzen Augenblick überlege ich, mich auf der Stelle umzudrehen und so zu tun, als habe ich ihn nicht gesehen. Aber wenn er irgendwas weiß, ist es vielleicht besser, das Gewitter gleich über mich ergehen zu lassen. Fröhlich sieht er jedenfalls nicht aus.

„Na?", frage ich vorsichtig. Sein Gesichtsausdruck ist unmöglich zu deuten.

„Schönen freien Tag gehabt gestern?", fragt er, ohne die Miene zu verziehen.

„Mh, schon", murmele ich und gehe auf meinen Spind zu, „nicht viel los gewesen."

Während ich ihm den Rücken zuwende und meine Schuhe abstreife, tritt er an mich heran und setzt sich neben mir auf die Bank.

„Ja, bei mir auch", sagt er und lehnt sich zurück, sodass er den Kopf gegen die Uniform legen kann, die hinter ihm hängt.

„Alles klar bei dir?" Ich warte noch immer darauf, dass der Sturm losbricht. Er sieht unendlich müde aus. Tatsächlich sieht er so aus wie einer, der seinen ganzen freien Tag – und die Nacht – damit verbracht hat, den Mord an dem Mann zu planen, der vor weniger als 48 Stunden seine Schwester penetriert hat.

„Ja, es ist nur ...", er zieht die Situation absichtlich in die Länge. „Es ist echt nicht leicht, mit seiner kleinen Schwester zusammen zu wohnen, sage ich dir!"

„Ach ja?" Mir fällt nichts mehr ein, was ich mit meinen Schuhen noch anstellen kann, also setze ich mich betont lässig auf, damit meine sinnlose Fummelei nicht allzu auffällig wird. Stattdessen ziehe ich das Handy aus der Tasche und beginne, eine Onlineüberweisung an Stina durchzuführen.

„Ich weiß, dass sie jemanden hat, weil sie nicht zu Hause war, als ich nach unserem Einsatz nach Hause kam." Er stöhnt, sodass kein Zweifel daran besteht, dass er wirklich unter der Situation leidet. „Und als ich sie am nächsten Morgen geweckt habe, war sie so ... geheimnisvoll. Und dann das Gleiche am Abend."

Mein Blick fängt seinen. „Was war denn am Abend?"

Okay, jetzt aber ganz in Ruhe. Die Reaktion war jetzt wirklich unnötig. Aber es kann doch nicht sein, dass ich mit einer rumgemacht habe, die einen Freund hat. Oder?

Er dreht den Kopf und sieht mich mit müden Augen an. Dann schließt er sie. „Tja, da ist sie auch nicht nach Hause gekommen. Und heute Morgen war ihr Bett leer."

Ich glotze ihn noch immer dämlich an. „Okay, und?"

Er seufzt tief. „Vielleicht sollte ich ihr eine neue Bleibe suchen, bevor wir uns noch komplett zerstreiten, weil ich so ein Stalker bin ..."

„Wie meinst du das?"

„Ich habe ihre Schubladen durchsucht, aber ich konnte nichts verdächtiges finden. Nicht mal ‘ne Packung Kondome!" Es schüttelt ihn vor Unbehagen. „Ich habe sogar ihre Tasche durchgewühlt, während sie duschen war."

Also das ist schon ein bisschen grenzwertig. Ich lehne mich vor und stütze mein Gesicht in den Händen ab, die Ellenbogen auf den Knien. „Das hast du nicht wirklich gemacht, Tobias."

Ich drehe den Kopf und schaue ihn an, noch immer vornübergebeugt. „Du weißt aber schon, dass sie eine erwachsene Frau ist?"

„Du hast doch selber gesagt, dass sie nur ein Kind ist!", verteidigt er sich.

Ich schnaube. „Ja, im Vergleich zu mir, verdammt."

Er starrt mich entgeistert an, als sei das Ganze jetzt plötzlich meine Schuld.

„Entweder ist man ein Kind, oder man ist keins." Dann steht er auf und sagt aufgebend und in einer Stimme wie ein kleiner Junge, der sich ungerecht behandelt fühlt: „Ich kann nichts dafür! Der Gedanke, dass sie mit irgendeinem Fremden zusammen ist, der sie vielleicht nicht anständig behandelt, macht mich ganz verrückt!"

Ich schweige. Mit Absicht, damit das nächste, was ich sagen will, glaubwürdiger klingt:

„Vielleicht ... hm ... ich weiß ja nicht, aber ... vielleicht kann ich ja mal versuchen, was rauszubekommen?" Ich sage es so nonchalant wie möglich, mit meiner besten Das-mach-ich-doch-gern-für-dich-obwohl-ich-eigentlich-gar-keine-Zeit-habe-aber-weil-du-es-bist-Stimme.

Zuerst ist es reine Ungläubigkeit, die mir entgegenstrahlt, aber meine gleichgültige Masche scheint zu funktionieren, denn nach kurzer Bedenkzeit leuchtet sein Gesicht hoffnungsvoll auf. Aber dann überlegt er es sich doch noch einmal, schüttelt aufgebend den Kopf und murmelt: „Nein, lieber nicht. Das verzeiht sie mir nie."

Ich zucke mit den Schultern, als sei mir das Ganze wirklich schnurzpiepegal. „Du bestimmst. Sie wird es nicht mitbekommen, und selbst wenn, weiß sie ja nicht, dass du es bist, der mich angestiftet hat."

Er sieht mich lange an. In seinen Augen kann ich sehen, dass er angestrengt nachdenkt. Dann nickt er ein einziges Mal.

Langsam stehe ich auf. „Okay!" Ich halte das Handy hoch. „Wir können ja mal mit ihrem Facebook-Profil anfangen ..."

Die ganze Zeit ist da diese Stimme tief in mir drin, die mich anschreit, dass ich den Scheiß besser sofort sein lassen soll. Ich bin echt froh, dass nur ich sie höre. So ist sie leichter zu ignorieren.

Tobias blickt auf. „Warum bin ich da noch nicht selbst drauf gekommen?"

Zum Glück bemerkt er nicht, dass ihr Name auftaucht, sobald ich nur den Anfangsbuchstaben K ins Suchfeld tippe. Schließlich ist dies nicht das erste Mal, dass ich sie ausspioniere.

„Echt jetzt?", sage ich aufgesetzt überrascht. „Ihr Profil ist öffentlich?"

„Was?" Er schaut mir über die Schulter. „Ich habe ihr doch gesagt, sie soll das ändern!"

Ich klicke ein wenig hin und her, um es so aussehen zu lassen, als sei mir das alles auch total neu.

Natürlich kenne ich jedes Foto, jeden Post in- und auswendig.

Letztes Jahr war sie in den Sommerferien auf Ibiza. Mit ihren Freundinnen Luna und Olivia. Olivia hat so eine Frisur, bei der das Haar auf der einen Seite des Kopfes ganz kurzgeschoren und auf der anderen Seite schulterlang ist und ihr schwer ins Gesicht fällt. Der Bikini, den die Freundin stolz vorzeigt, ist ein heißes Stück Stoff, aber obwohl Klaras Bikini nicht halb so gewagt ist wie der ihrer Freundinnen, ist sie doch die Hübscheste von den Dreien.

Ich traue mich nicht, die Fotos anzuklicken, weil ich befürchte, mich selbst zu verraten, indem ich bei einem oder zwei davon in eine Art Klara-Trance verfalle.

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