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Kerstin Wandtke
Kind des Lichtes
Dark-Fantasy Roman [FSK18]
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kind des Lichtes
Die Burg
Neue Freunde
Avalla
Neue Feinde
Todesangst
Fremde Völker
Der Aufbruch
Auf dem Meer
Karak
Die Verfolger
Der Dämon erwacht
Das Festland
Lacuna
Raven und Alina
Der Winter bricht an
Schlechte Nachrichten
Tharama
Leben und Tod
Wege mit Hindernissen
Die Verfolgung
Frühling
Der Bär
Licht in der Dunkelheit
Raven fällt
Totengesang
Rückkehr ins Leben
Ewige Dunkelheit
Baruth
Ein Dämon schleicht sich ein
Böse Ahnungen
Zurückgelassen
Vorbereitung zum Kampf
Das Böse häutet sich
In der Hand des Grauens
Der Kampf beginnt
Das letzte Kind des Lichtes
Epilog
Impressum neobooks
Kind des Lichtes
Von Kerstin Wandtke. Neuauflage 07.2017
Prolog
Begleitet mich in eine längst vergangene Zeit.
Eine Zeit voller Sagen und Mythen. Die Zeit der Drachen und Monster, der Märchen, der heldenhaften Prinzen, gütigen Königen und schönen Prinzessinnen. Eine, für sie, glanzvolle Zeit in der die Kirche langsam an Einfluss gewann und überall im Land neue Dörfer und Städte der Menschen entstanden. Doch es war auch eine dunkle Zeit, vor allem für jene, die jetzt auf Geheiß der Kirche, überall im Land erbarmungslos verfolgt wurden. Es gab oft Krieg, gegen andere Völker ebenso wie gegen Andersartige. Die große Zeit der Ausrottung hatte begonnen und würde noch Jahrhunderte andauern. Was vorher, manchmal unter Anbetung, geduldet wurde, ward nun hemmungslos verfolgt, gefangen oder oft einfach abgeschlachtet. Wölfe, Drachen, Bären, Einhörner, ja, sogar Zwerge und Elfen, von der Kirche als Geschöpfe des Teufels verrufen, wurden nun gejagt, gefangen, manchmal verbrannt oder einem staunenden Publikum vorgeführt. Ganze Völker, gegen die jetzt gezogen wurde.
Die ungewöhnlichsten von ihnen, oft Elfen und Einhörner, wurden dann in wunderschönen, reichverzierten Käfigen an die Schlösser der Könige gebracht, um dort wie exotische Haustiere bestaunt und gehalten zu werden. Vielen Elfen wurde dieses Schicksal zuteil. Diese kleinen, zarten, fast ätherischen Waldmenschen, äußerlich wunderschön, doch innerlich kalt und berechnend, faszinierten die Menschen dieser Zeit besonders. Dass Los der gefangenen Zwerge oder Trolle sah hingegen nicht so glanzvoll aus. Da sie klein, oft grobschlächtig und hässlich waren, zudem bei den Menschen dieser Zeit als verschlagen und listig galten, wurden sie, wo immer man sie fing, kurzerhand in Bergwerke gesteckt. Dort schufteten sie, egal ob Mann, Frau oder Kind, bis zum Ende ihres oft sehr langen Lebens. Die Einhörner, Drachen, Wölfe und Bären zogen sich immer tiefer in die unberührte Wildnis zurück und mit ihnen verschwand der Glanz der Welt.
Doch ein Volk ließ sich nicht so einfach vertreiben und nahm den Kampf gegen die sich ausbreitenden Menschen auf. Das gefürchtete geflügelte Volk, fast nur aus Männern bestehend, die, groß, stark und mit einer bezaubernden Schönheit gesegnet, oft des Nachts in die Dörfer der Menschen kamen um die Jungfrauen aus ihren Betten zu locken. Sie brachten die Mädchen in die dunklen Wälder um sich mit ihnen zu paaren und ließen sie danach, halb besinnungslos und heftig blutend dort zurück. Kaum eines überlebte eine solche Nacht und so wurde aus der Verehrung von einst ein Hass, der alles zuvor Gewesene in den Schatten stellte.
Die Kirche und ihre Anhänger taten ihr übriges dazu und verbreiteten Gerüchte über das geflügelte Volk, das sogar das Blut seiner Opfer trinken solle. Oder sich die abgezogene Haut seiner Gegner überstreifte, um für seine Feinde unsichtbar zu sein. Lauter solche Lügen, und die Menschen von einst schluckten sie begeistert. So wurden aus den ehemals Verehrten die Teufel dieser Zeit.
Für die Geflügelten und alle anderen, nicht menschlichen Völker eine wahrhaft dunkle Zeit.
Zu dieser Zeit lebte, hoch im wilden Norden fernab der südlichen Kriege, noch der Zauber der alten Welt. Über diesem Reich herrschte der kleine, alte und tief melancholische König Harold, der vom Volke auch ``Harold, der Einsame `` genannt wurde. Er war, wenn auch ungewöhnlich klein und oft kränklich, ein guter und weiser König, der vom Volk und Adel gleichermaßen geliebt wurde. Es gab nie den geringsten Zweifel an seiner Herkunft oder an seinem Blut und nur seine Mutter Abana, Gott habe sie selig, wusste es Zeit ihres Lebens besser. In Friedenszeiten den geflügelten Prinzen des Südens als flügelloses Mädchen geboren, wuchs sie am Hofe des großen Fürsten Morgans unter Menschen auf und bekam, wie seine eigenen Töchter, den Titel einer Prinzessin. Abana wurde eine große und außergewöhnlich schöne Frau, die aber keiner der Adligen, die alle um ihre Abstammung wussten, ehelichen wollte. Nun trug es sich zu, das eines Tages ein Ritter von König Herold den Hof dieses Fürsten erreichte, der auf der Suche nach einer Gemahlin für seinen Herrn war. Da bekannt war, das Herold, König des Nordlandes, schon Alt war, wollte man dem Ritter keine eigene Tochter des Hofes anvertrauen, fürchtete aber auch die Konsequenzen und gab ihm deshalb die schöne Abana mit. Zeit seines Lebens war Herold völlig von seiner Frau verzaubert und auch sein Volk blickte mit Freude zu ihr auf. Abana hingegen schenkte dem alten König und seinem Volke alle Liebe die sie besaß und kümmerte sich, neben ihrem Gemahl um die belange ihres Reiches. Doch eine dunkle Wolke verfinsterte das Reich. Der König war schon ein alter Mann und, sosehr sie sich auch bemühten, er konnte keinen Samen in ihr pflanzen. Er glaubte schließlich, ohne männlichen Erben vergehen zu müssen.
So trug es sich zu das Abana, eines lauen Sommerabends, allein durch den großen Schlosspark zum Pavillon ging. Die Luft war kühl und es roch nach Blumen und Heu. Die Bäume, die Hecken, ja, sogar die Luft, alles leuchtete ihr im goldenem Licht entgegen und sie tauchte ein, in diese verzauberte Welt der Farben. Sie erreichte, wie auf Flügeln, den hinter hohen Hecken verborgenen Pavillon und wurde dort schon erwartet. Ein kleiner, ungewöhnlich heller aber schöner junger Mann blickte ihr freundlich lächelnd entgegen,
„Ich habe euch hergerufen, denn der Zauber der tiefen Wälder schickt mich zu euch.“
Seine seltsam blaugrünen Augen sahen sie liebevoll an.
„Wir wissen um eure Not und ich werde euch geben, wonach ihr euch sehnt.“
Glücklich lächelnd nahm sie seine Hand und ließ sich von ihm entführen.
Die Frucht dieser Begegnung war der kleine Harold, und Abana, sich der Folgen ihrer Tat wohl bewusst, verschwieg seine wahre Herkunft. So glaubte das Volk, die kränkliche, zarte Kleinheit des Knaben sei auf das Alter des Königs zurückzuführen. Und als Abana ihrem König, nach relativ kurzer Zeit, ins ewige Reich folgte, wurde Harold, unter Pomp, Glanz und Gloria vom Volke unter Segnung der allgegenwärtigen Kirche zum König des Nordlandes, gekrönt. Doch der Knabe, der bald zum Mann reifen sollte, würde ein sehr einsamer König werden. Harold suchte lange nach einer Frau, doch Zeit seines Lebens fand er keine Gemahlin. Er war nicht mit Schönheit gesegnet, anders als seine Eltern. Er war sehr verwachsen und besaß als erwachsener Mann nur die Größe eines Halbwüchsigen, hatte glattes schwarzes Haar und kleine braune Augen. Als junger Mann, in der Blüte seines Lebens, suchte er oft die Nähe des zarten Geschlechtes. Doch schon damals wollte sich keine Adlige, keine Zofe, noch nicht einmal eine Bauernmagd zu ihm legen und um ihnen Gold anzubieten war Harold zu stolz. In den Nachbarreichen wurde im Laufe der Jahre viel über den kleinen König des Nordens gelacht und gescherzt und, je öfter er nach einer Gemahlin schicken ließ, desto lauter erklang es in seinen Ohren. So zog er sich immer weiter von ihnen zurück und regierte einsam und still sein großes Reich. Seinem Volke ging es in seiner Amtszeit recht gut.
Es gab keinen Hunger, genug Arbeit, Kleidung und auch genügend Schulen im Land. Die Kirchen waren immer gut gefüllt und es gab schon lange keinen Krieg mehr. So flogen die Jahre dahin und über den einst jungen Harold senkten sich die Jahre, und mit ihnen die Leiden des Alters und der Einsamkeit. Doch, doch, er hatte einen großen Hofstaat, der auch immer für ihn und seine Wünsche da war, aber kann dieser die Liebe zweier Menschen zueinander Ersetzen. Als Harold diesmal, wie schon so oft zuvor, nach schwerer Krankheit langsam gesundete, hielt ihn eine so tiefe Melancholie gefangen, dass sogar seine vielen Minister keinen Rat mehr hatten. So wurde wieder ein Ritter gen Süden geschickt, in der Hoffnung, etwas zur Erbauung des müden Königs zu finden.
Rechtzeitig zum Geburtstag des Königs kehrte der Gesandte glücklich zum Hof zurück und übergab den aufgebrachten Ministern ein großes, von einem wundervollen Tuch, verhülltes Gebilde. Er meinte, das Wesen dahinter würde dem König bestimmt sehr gefallen, da es ebenso zart sei wie dieser. Das Fest wurde ein voller Erfolg und man sprach noch Jahre später, als Harold schon längst begraben und langsam vergessen wurde, davon. Harold trug, auf anraten seiner Minister prächtige Gewänder und als schließlich der verhüllte Käfig zu ihm getragen, und, unter musikalischer Begleitung, das prächtige Tuch gehoben wurde, ging ein Raunen durch den Saal. Sie alle hatten schon von diesen zarten, leuchtenden Wesen des Südens gehört aber keiner hatte je eins von ihnen gesehen.
Es war ein hübsches, kleines, weißes Elfenmädchen, das, völlig nackt, nur durch sein langes, weißes Haar bedeckt in einem großen, goldenen Käfig hockte und mit kaltem Blick die Anwesenden musterte. Sie erkannte recht schnell, das in Harold ihr Schlüssel zur Flucht steckte. Harold indessen war völlig von der kleinen Elfe verzaubert und wem im Reich verwunderte es. Etwas wie dieses kleine, hübsche Ding hatte es noch nie hier gegeben. Am Abend ließ er den Käfig in seine Gemächer tragen und damit begann das Ende von Harolds Herrschaft. Sie war ein gerissenes kleines Ding und so dauerte es nicht lang, bis der kleine, alte, einsame König ihr völlig verfallen war. Sie lockte, sie gurrte, sie berührte ihn, und bewegte sich dabei auf ganz bestimmten Arten und machte Harold so halb wahnsinnig vor verlangen nach ihr. Es verging nicht viel Zeit bis Harold sie zum ersten Mal aus ihrem Gefängnis entlies und sie ihm zu Willen war. Sie hasste den alten König, der in ihr fand wonach ihm immer schon dürstete. Dennoch verführte sie ihn weiter und Harold, völlig von ihrer zarten Schönheit geblendet, genoss ihre Wonnen immer zügelloser und unbefangener. Bei ihr war er der, der er immer schon sein wollte, groß, stark und mit jedem Mal, da er in sie stieß, wuchs er weiter.
Doch die Machenschaften im königlichen Schlafgemach blieben nicht lange unbemerkt, und die Zofen begannen als erste hinter vorgehaltener Hand zu flüstern. Schließlich wurde aus dem ständigen Geflüster schnell Gerede. Die Kirche erfuhr, dass der König nicht nur an der Betrachtung seiner Elfe vergnügen fand, sondern vielmehr noch dabei war, seien königlichen Samen im Bauch einer Hündin zu pflanzen. Auf das Vermischen zweier Rassen stand bei den Menschen jener Tage der Tod durch die Verbrennung und so war das Schicksal des Königs, bevor er auch nur etwas davon ahnte, bereits Besiegelt. Als er wieder einmal ihre Freuden genoss, wurde kurzerhand sein Schlafgemach gestürmt, er verhaftet, danach von der Kirche des Verrates am Volke angeklagt und fast augenblicklich für schuldig befunden. Das kleine Elfenmädchen konnte im Tumult bei ihrer Entdeckung gerade noch fliehen und war schon weit vom Schloss entfernt, als Harolds Kopf, nach reichlicher Überlegung seitens des Bischoffs, ins Sägemehl unter dem Henkersblock fiel. Die Verbrennung eines Mitgliedes des Königshauses war zu dieser Zeit noch undenkbar. Aber auch dieser Brauch würde unter dem Einfluss der Kirche bald schwinden.
Sie schickten danach Ritter aus, die nach der Elfe suchten, aber gefunden haben sie das kleine, kalte Geschöpf nie. Da Harolds Reich nun ohne Herrscher war, wurde seitens der Kirche beschlossen das Königreich an einen der entfernten Verwandten des ehemaligen Königs zu übergeben. Das Volk, das einst den kleinen, zarten Harold geliebt hatte, verfluchte diesen jetzt und bejubelte später den neuen Herrscher.
Sie wollte heim, zu ihrem Volke, kam dabei aber nur langsam voran, des neuen Lebens wegen, das unter ihrem Herzen wuchs. Sie hasste es, wie sie den Verursacher gehasst hatte und versuchte, mit allen ihr bekannten Mitteln, zu töten was immer dort in ihr heranreifte. Dies gelang ihr nicht und so schwoll im Verlauf der nächsten Wochen ihr Bauch und behinderte sie sehr auf ihren Heimweg.
Ihre Schwangerschaft dauerte nur kurz, bei ihrem Volk völlig normal, und sie war immer noch in einem der verzauberten Wälder des Nordens, als sie sich hinhockte und ein kleines, weißes Mädchen gebar. Da dieses nicht ihre erste Geburt war, ging alles entsprechend schnell und problemlos. Sie hatte zudem keine Hemmungen, den Säugling dort zu belassen, wo er aus ihr herausgeglitten war. Mit Hass dachte sie an Harold, der sich an ihr vergnügt hatte, sie gezwungen hatte, ihm zu Willen zu sein, und sie betrachtete das kleine, weiße Mädchen kalt und mit Verachtung. Sie peinigte die Kleine ein wenig mit einem Stöckchen, wurde dessen aber bald überdrüssig, und setzte unbeirrt ihre Reise nach Süden fort. Dem Säugling würdigte sie keinen Gedanken mehr.
Danach wurde ihr jedoch auch kein langes Leben mehr vergönnt. Sie hatte ihr Ziel fast erreicht, als Jäger sie in den Wäldern unter einem Baum schlafend vorfanden, sie einfingen, fesselten und in deren Lager brachten. Dort vergingen sie sich viele Nächte an ihr. Sie waren schon lange von ihren Frauen getrennt, und es bereitete ihnen Vergnügen dieses stolze, harte und schöne Wesen zu demütigen. Doch als sie schließlich ihrer überdrüssig wurden, beendeten sie rasch ihr Leben und vergruben sie unter einer alten Eiche.
Begegnungen
Er erhob sich, lauschend des fernen Geheuls und wandte sich dem Eingang der kleinen Höhle zu. Die fortschreitende Dämmerung ließ draußen alles wie im Zwielicht erscheinen. Er gehörte dem Volk der geflügelten Prinzen an, groß und kraftvoll. Er hatte langes, schwarzes Haar, eine sonnengebräunte, glatte Haut und dieses schöne Gesicht, das allen seines Volkes zuteil war.
Auf diesem lag nun der goldene Schein des kleinen Feuers, das die Höhle sanft erhellte.
Trotz des harten Winters bestand seine Kleidung aus eher dünnem, schwarzem Leder und er hielt seine ledernden, braunen Flügel halbgeöffnet vom Körper ab. Er trug nur wenige Felle und Taschen mit sich, obwohl seine Reise schon lange Jahre andauerte und noch lange nicht beendet war.
Draußen, vor der Höhle, tobte über dem Tal ein fürchterlicher Schneesturm und Raven verspürte nicht die geringste Lust diese zu verlassen, auch wenn ein Rudel Wölfe vielleicht eine warme Mahlzeit versprach.
„Nein, meine Brüder, heute abend ohne mich,“ flüsterte er in den Wind, der in die warme Höhle wehte und ihm Schneeflocken ins Gesicht trieb. Im Umdrehen hörte er wieder ihr Heulen, voller Hunger, aber auch voller Furcht. Ihre Rufe hallten in seiner Seele noch lange nach und er fühlte sich ihnen in ihrer Einsamkeit sehr verbunden. Hatte er doch als junger Mann seine Heimat verlassen, von einer tiefen Sehnsucht getrieben und reiste seitdem durch die Welt, immer auf der Suche nach etwas, dass er nie gefunden hatte. Nun kehrte er Heim von einer jahredauernden Suche und verspürte einen Schmerz, der so tief, so fest in seinem Innern saß, das ihn manchmal Angst vor seiner Zukunft beschlich. Angst vor einer einsamen, vor einer stillen Zeit und ihm wurde klar, dass sie derselbe Hunger nach Liebe und Vertrauen trieb. Nun, dachte er, das Wild ist fort, schon vor dem Winter in tiefere Täler gezogen, also entweder ein schlaftunkender Bär oder ein sehr, sehr dummer Mensch. Ein Bär hatte von ein paar klapprigen Wölfen nichts zu befürchten und ein Mensch? Sei es drum. Raven, Sohn seines Volkes, verachtete die Menschen ebenso sehr wie diese ihn und er würde nie einem Feind helfen. Dennoch, etwas ließ ihn einhalten. Es war ein sonderbares Gefühl, ein starker Drang, der Sache auf den Grund gehen zu müssen. Er trat in die schneedurchtoste Dunkelheit auf das Plateau vor der Höhle, und schwang sich, Kontrolle über seine Flügel suchend, in den Wind empor.
Der Schneesturm war dicht und die Sicht sehr schlecht. Der Wind heulte so sehr, dass er das andere Heulen darüber kaum vernehmen konnte. Nachdem er seinen Flug stabilisiert hatte, war es nicht mehr schwer das halbverhungerte Rudel auf einer großen Lichtung im Tal zu finden. Die Wölfe umschlossen in engeerwerdenden Kreisen einen kleinen Fellberg. Also, doch ein Bär, dachte Raven. Ein Jungtier, dem in seinem Bau wohl zu kalt geworden ist. Armer kleiner Kerl, dachte er mit Bedauern, aber ich werde dir nicht helfen können, das ist etwas, womit du allein mit fertig werden musst. Er beschloss zur warmen Höhle zurück zu kehren, doch etwas hielt ihn hier fest, zog ihn wie magisch zum Bündel, das bewegungslos auf dem Schnee lag.
Stimmt, bemerkte er, wie konnte ich das übersehen.
Er schallt sich einen Narren. Ein Bär, egal ob klein oder groß, würde toben, angesichts des hungrigen Rudels und auch ein Mensch würde versuchen sich zu wehren. Und noch etwas war Merkwürdig, denn, obwohl das Fellbündel völlig bewegungslos dalag, hatten die Wölfe große Angst davor und wohl nur ihr rasender Hunger ließ sie langsam näher rücken. Jetzt war seine Neugier geweckt und er beschloss, das Fellbündel samt Inhalt mit zur Höhle zu nehmen. Sollte der Inhalt sich doch als feindlich erweisen, konnte er es immer noch dem hungrigen Rudel überlassen oder gar mit denen teilen. Im Sturzflug, trotz schlechter Sicht, ergriff er das Bündel recht zielsicher und stellte überrascht fest, wie ungewöhnlich leicht es war. Die Wölfe, vorher schon verängstigt, suchten jetzt ihr Heil in der Flucht und rannten jaulend zurück in die dunklen, verschneiten Wälder.
Raven war verwirrt.
Nach dem er zur Höhle zurückgekehrt war, legte er das kleine, leichte Bündel nahe ans wärmende Feuer und nahm gegenüber Platz. Er war sehr neugierig auf das, was die Wölfe so eingeschüchtert hatte, doch es dauerte noch lange, bis die Felle sich zu rühren begannen. Er lehnte sich erwartungsvoll nach vorn, als eine kleine, weiße Hand langsam und tastend zum Vorschein kam.
Ein Kind! Dachte er mehr als überrascht.
Bei den alten Göttern, was suchte ein Kind mitten im Winter allein in den Bergen und warum hatten die Wölfe solche Scheu davor? Dann wich er verblüfft zurück, als der kleine Kopf zum Vorschein kam. Ihr kleines, elfenhaftes Gesicht wurde nur von ihrem langen, weißen Haar eingerahmt und er sah in die ungewöhnlichsten Augen, die er je erblicken sollte. Ihr blaugrüner Blick war verwirrt und unsicher und sie wich scheu, das Bärenfell mit sich zerrend, zur Höhlenwand zurück.
Er bemerkte, dass sie außer dem alten Bärenfell keine Kleidung oder Taschen trug.
„Auf was, bei den alten Göttern, bin ich hier gestoßen?“ Sprach er leise mehr zu sich, spürte er doch ihre Unsicherheit und wollte ihr etwas Zeit lassen. Von den Frauen der Völker wusste er, das diese irgendwann zu Reden begannen, egal wie tief der anfängliche Schock auch immer saß, und das konnte ihm manchmal recht lästig werden. Doch, obwohl er lange Zeit wartete, schien sie irgendwie anders zu sein. Er sah in ihre großen, leuchtenden Augen und beherrschte seine Aufregung nur schlecht.
„Sag, was treibst du hier allein in den Bergen,“ er sah sie neugierig an, „wo sind deine Leute, woher kommst du?“ Sie blickte langsam zum Höhleneingang, gab ihm aber keine Antwort. Ihr Blick war traurig und sehnsüchtig auf die Ferne gerichtet, so als warte sie auf etwas, auf jemanden, den sie sehr vermisste.
„Gut, du redest nicht mit jedem,“ meinte er resigniert, „das kann ich verstehen, ich mache das auch nicht, aber verrate mir doch wenigstens deinen Namen.“
Sie sah in verunsichert aber nicht unfreundlich und mit leicht schrägehaltendem Kopf an, blieb aber auch weiterhin stumm. Er betrachtete sie. Sah in ihr schönes, kleines Gesicht, bekämpfte dabei seine wilde Neugier und zuckte dann schließlich nur mit seinen Schultern.
„Nun denn, belassen wir es vorerst dabei, vielleicht reden wir später.“
Die Abenddämmerung wich langsam der Nacht und es wurde kälter in der kleinen Höhle, so das beide dichter ans Feuer rückten um sich zu wärmen. Raven besaß als Proviant Dörrfleisch und einige der kleinen, harten Äpfel, die im Norden wild wuchsen. Beim gemeinsamen Mahl betrachtete er sie etwas eingehender. Sie war ungewöhnlich, etwas wie sie war ihm noch nie zu Gesicht gekommen und er war schon weit gereist und hatte viel gesehen. Irgendwie war sie halb Mensch, halb Elf. Dennoch hatte sie auch etwas Fremdes an sich, ihre sonderbar leuchtenden Augen, wie aus einer anderen Welt. Sie steckte für ihn voller Rätsel, denn zwischen Menschen und Elfen gab es seines Wissens nach keine Verbindungen, die ein Wesen wie sie wachsen ließen. Zudem lebte das Elfenvolk viel weiter südlich, an den warmen Küsten des großen Meeres. Dennoch ähnelte sie einer Elfe auf verblüffender Weise und er war von ihrem zarten Anblick seltsam berührt. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, das er auf etwas Neues, etwas Ungewöhnliches gestoßen war und das kleine, helle Mädchen begann ihn zu faszinieren. Vielleicht hatte mit ihr seine unruhige, quälende Suche nun endlich ein Ende gefunden. Die ganze restliche Nacht, während sie unruhig schlief, beobachtete er sie. Es bedrängten ihn viele offene Fragen, wo zum Beispiel ihre Wurzeln lagen und was sie mitten im Winter allein und halbnackt durch die Berge trieb und er beschloss, dies herausfinden zu wollen. Gegen Morgen dachte er, sie vorerst mitzunehmen, wenn sie es denn wollte. Nur so würde er, wie er sich erhoffte, Antworten auf seine Fragen erhalten. Sie machte auf ihn einen hilflosen, einen zurückgelassenen Eindruck, doch sie schien freundlich und entgegenkommend zu sein und, bei den alten Göttern, sie war wunderschön.
Am anderen Morgen betrachtete er sie, nochmals überlegend, und fragte sie schließlich ob sie ihn begleiten wolle. Raven wunderte sich ein wenig über seine erfreute Reaktion als sie, nach langer Überlegung ihrerseits, ihn anblickte und schließlich nur kurz nickte. Nachdem sie den Rest des Fleisches gegessen hatten, reichte er ihr seine Wechselkleidung und verließ dann die kleine Höhle, damit sie sich anziehen konnte.
Er stand draußen auf dem kleinen Plateau vor der Höhle, und sog die frische, kalte Luft tief in seine Lungen. Der Morgen war wieder klar, der Sturm des Abends vorbei und die ersten Sonnenstrahlen glänzten hell auf dem neuen Schnee, der das ganze Tal unter ihm bedeckte. Er fühlte sich stark und lebendig und freute sich seid langem wieder auf den weiten Flug nach Süden. Kurze Zeit nach ihm trat sie aus der Höhle und als Raven sich umwandte, musste er laut Auflachen, ihres Anblicks wegen. Sie erschrak, wich zurück und sah ihn sehr misstrauisch an.
„Nein, nein, du musst keine Angst haben,“ er hob beschwichtigend seine Hände und unterdrückte einen erneuten Anfall, „aber, wenn du dich sehen könntest.......,“ wieder musste er Lachen und sie sah mit Unverständnis im Blick zu ihm auf. Sie war so klein und verschwand dabei völlig in seiner Kleidung. Die Hose, die Weste, der Fellüberwurf, alles schlotterte an ihr, war ihr viel zu groß.
„Warte,“ meinte er, immer noch lachend, „ich werde dir helfen.“
Er betrat erneut die Höhle und kramte in seinen Taschen nach Lederbändern und seinem Messer, um ihr, wieder draußen, seine Kleidung zu kürzen und ihr mit den Bändern etwas mehr halt zu geben. Die Reste des Fellüberwurfs band er um ihre kleinen, weißen Füße und als er sich wieder erhob, er war mit dem Ergebnis seiner Arbeit sehr zufrieden, lächelte sie ihn zum ersten Mal freundlich an.
„So, fertig,“ Raven sah erstaunt zu ihr herab, sie schien zu Leuchten, wenn sie so lächelte, „bist du bereit, kann es losgehen?“ Sie sah zu ihm auf, nickte und begann dann schnell und geschickt ihr langes Haar zu einem dicken Zopf zu drehen, der ihr anschließend, mit den Resten der Bänder zusammengehalten, bis zur schmalen Hüfte fiel. Anschließend packten beide ihre Habseeligkeiten zusammen, löschten das Feuer und traten zum letzten Mal auf das Plateau. Er würde mit ihr fliegen müssen, wie Leute seines Volkes mit ihren Kindern flogen, und er überlegte kurz, ob sie dies wohl zulassen würde.
„Warte,“ Raven löste seinen dicken, schweren Gürtel von seiner Taille, „du wirst dich in der Luft sonst nicht lange halten können. Dafür ist es zu kalt, und ich muss meine Hände freibehalten. Möchtest du nach oben sehen oder die Landschaft betrachten?“
Er sah sie hoffend und abwartend an. Sie überlegte nur kurz und trat dann so auf ihn zu, das sie sich gegenüberstanden.
„Gut,“ meinte er, ging freudig in die Knie und band sie mit dem Gürtel fest an sich. Ihre Nähe, ihr Geruch, sie machte ihn nervös und er versuchte, sich auf den bevorstehenden Flug zu konzentrieren. Als er sich wiederaufrichtete, hing sie, wie seine Taschen auch, fest an ihm verschnürt und er ging zum Rand des Plateaus.
„Halte dich fest und habe Vertrauen,“ flüsterte er ihr zu, jetzt ihre Angst fühlend, breitete danach seine großen, ledernen Schwingen aus und stürzte sich dann mit ihr in die Tiefe. Er fing sich mühelos ab, sie wog fast nichts, und rauschte mit ihr erst segelnd über die Wipfel der schneebedeckten Bäume, um danach mit mächtigen Flügelschlägen langsam an Höhe zu gewinnen. Sie klammerte sich ängstlich zitternd an ihn, und er fürchtete dadurch schon um seine Fassung.
„Sieh mich an, kleine Fee.“ Langsam hob sie den Kopf und öffnete die Augen.
„Es wird dir nichts passieren, das verspreche ich dir, aber bitte, klammere dich nicht so fest.“ Daraufhin entspannte sie sich ein wenig und auch Raven ging es nun etwas besser, obwohl ihr Zauber ihn immer weiter gefangen nahm. Um sich etwas von ihr abzulenken, hielt er den Blick stur nach unten, um nach Leuten, Häusern oder Vieh Ausschau zu halten, denn irgendwo her musste sie schließlich kommen. Doch nichts dergleichen bekam er zu sehen, und gegen Mittag gab es er auf.
Die schneebedeckte Landschaft unter ihnen war Atemberaubend, doch nichts deutete auf Menschen oder anderes Leben hin, außer einigen mageren Rehen, von denen er eines im Flug packte und schnell in der Luft tötete. Sie flogen den ganzen Tag hindurch, und er begann am Nachmittag wieder nach einem Lagerplatz für die Nacht zu suchen und fand später eine kleine Lichtung im Wald. Keine Höhle, aber besser als nichts. Raven landete sehr vorsichtig da sie jetzt schon seid geraumer Zeit fest schlief. Er legte sie sanft zu Boden und bereitete so schnell er konnte das Lager, um sie dann in die wärmenden Felle zu betten. Sie schlief unter seinem wachen Blick bis zum Abend und als sie dann erwachte, brannte ein Feuer und darüber hing das magere Reh. Er saß am Feuer und schnitzte, als sie sich schlaftrunken die Augen rieb. Erfreut blickte er sie an.
„Du hast lange geschlafen, kleine Fee, bist du hungrig?“ Sie gähnte, streckte sich ausgiebig und nickte ihm danach immer noch etwas müde zu.
„Das ist gut, denn dieser prächtige Braten wäre für einen allein sowieso viel zuviel,“ meinte er grinsend und sie lächelte verschlafen zurück. Er erhob sich, ging zum Feuer und gab ihr danach ein großes Stück vom Reh. Sie aßen schweigend, und er fühlte sich seid sehr langer Zeit wieder wohl. Normalerweise banden sich die Männer seines Volkes nicht an eine Frau. Aber ja, sie hatten Frauen, und wo immer sich die Gelegenheit bot, teilten sie mit ihnen die Wonnen, was bei Menschenweibern oft deren Tot zur Folge hatte. Sein Volk war in vielerlei Beziehung mächtig und einige waren dieser Macht eben nicht Gewachsen, was bedauerlich war, sich aber nicht ändern ließ. Doch sie übte eine besondere Faszination auf ihn aus, und er war neugierig, ob es nur ihm so ging oder auch andere Männer seines Volkes betreffen konnte.
Sie war so klein, so jung und wunderschön. Er unterdrückte nur mit Mühe den Drang sie zu berühren und schwor sich, so lange zu warten, bis sie auf ihn zukommen würde. Doch es würde hart werden, das wusste er. Nach dem gemeinsamen Mahl reinigte sie ihre Hände mit Schnee und begann danach ihren, jetzt unordentlichen Zopf zu lösen und einige Kletten im langen Haar zu entwirren. Er erhob sich, ging ums Feuer und reichte ihr seine Schnitzerei.
„Hier, kleine Fee, bis du einen neuen hast wird dieser es auch tun.“ Damit reichte er ihr einen kleinen Holzkamm, an dem er schon den ganzen Nachmittag lang gearbeitet hatte. Erstaunt sah sie zu ihm auf, nahm ihm den Kamm dann auch aus der Hand, aber betrachtete ihn danach nur fragend. Schließlich legte sie ihn in ihren Schoß und bearbeitete ihr langes Haar weiter mit den Händen. Raven sah sie völlig verblüfft an und so langsam dämmerte ihm, in was er da hineingeraten war. Sie kannte keinen Kamm? Jede Frau, absolut jede, egal ob stolze Königin oder arme Bäuerin, ob Elfenprinzessin oder Zwergin nannte einen Kamm ihren Besitz. Wenn sie die Funktion eines solchen nicht kannte, hatte sie nie unter Menschen oder anderen Völkern gelebt. Er beugte sich herunter, nahm ihr den Kamm aus dem Schoß, setzte sich hinter sie und begann vorsichtig ihr langes, schönes Haar zu kämmen. Zuerst zappelte sie dabei ein wenig herum, doch als er mit ihr sprach, beruhigte sie sich und saß dann still.
„Du hast schönes Haar, kleine Fee, und um es zu pflegen habe ich dir diesen Kamm gemacht. Du kennst keine Kämme, das heißt, du kennst auch die anderen Dinge der Völker nicht. Keine Häuser, keine Städte, keine Länder. Gut, die dreckigen Orte der Menschen muss man auch nicht kennen. Aber es gibt auch sehr schöne Dinge, unsere Schlösser zum Beispiel sind so schön wie du. Oder Schmuck, oder schöne Kleider, oh es gibt so viel, was ich dir zeigen könnte. Aber ich habe die Vermutung, dass du ein Wolfskind bist, du mich darum nicht richtig verstehen kannst..........“
Wütend warf sie sich plötzlich herum und überraschte Raven mit ihrem Angriff total. Sie sprang ihn an und durch die Wucht wurden beide nach hinten geworfen. Sie landete auf ihm und bearbeitete fast augenblicklich seinen Oberkörper mit ihren kleinen Fäusten. Raven, noch immer vom plötzlichen Angriff verwirrt, brauchte etwas Zeit um ihre Arme zufassen zu kriegen, doch dann hielt er mit eiserner Kraft fest.
„Gut, es ist gut,“ rief er sie an, „hörst du mich, es tut mir leid.“
Ihr Wutanfall ließ langsam nach und er lockerte augenblicklich seinen festen Griff.
„Beruhige dich, bitte, es tut mir leid, ich wollte dich nicht verletzen, glaub mir, ich wollte dir nicht weh tun.“ Er sah in ihre, vor Tränen schimmernden Augen, ließ einen ihrer Arme los und streichelte ihr dann nur kurz, aber zärtlich über die erhitze Wange.
„Du verstehst alles, was ich sage, richtig?“ Sie nickte und ihre Tränen liefen jetzt.
„Was bin ich für ein Narr, bei den Göttern, was für ein Narr. Ich habe noch niemals im Leben ein Wesen wie dich getroffen und ich weiß absolut nichts von dir......... es tut mir leid....... Bitte, kleine Fee, verzeihst du mir?“ Sie ließ sich Zeit, doch dann nickte wieder und ihn durchströmte ein so starkes Gefühl für sie, das er sie in seine Arme zog, sich mit ihr zurücksinken ließ und sie einfach nur festhielt. Er bemerkte mit Verwunderung, das er dabei war sich zu verändern. Was berührte dieses kleine Ding in ihm, zumal nach so kurzer Zeit, dass er sich für etwas Gesagtes Entschuldigte. Er, Raven, einer der Könige der Lüfte und Herrscher seines großen, fernen Reiches wurde beherrscht von diesem kleinen Mädchen. Und doch, merkte er, es gefiel ihm.
Diese Gefühle, die er jetzt empfand, waren ihm zwar fremd, aber er genoss sie dennoch. Noch nie hatte er so für ein Wesen gefühlt. Noch niemals etwas wie sie erblickt. Er streichelte über ihr jetzt gekämmtes Haar und fühlte seine Weichheit, spürte ihr Gewicht, ihre Wärme auf seinem Körper und die dadurch beginnende Hitze in seinen Lenden. Doch er wollte diesen Moment nicht von seinen Treiben stören lassen und unterdrückte diese rasch.
„Wer bist du, kleine Fee,“ flüsterte er sanft, „wer bist du bloß.“
Sie erwachte wieder lautlos schreiend aus dem immer wiederkehrenden Traum. Sich umschauend erhob sie sich und sah den großen, geflügelten Mann dicht bei ihr am Feuer schlafen und langsam kehrte die Erinnerung zurück. Stimmt, dachte sie, ich habe ihn begleitet, als er mich gefragt hatte. Doch er war so sonderbar. Mutter hatte ihr zwar viel von den Anderen erzählt, wie sie lebten, was sie taten, aber auf dies hatte sie Alina nicht vorbereitet. Mutter, wo war sie bloß, ging es ihr gut?
Alina erinnerte sich an den Traum, der sie bis jetzt in jeder Nacht verfolgt hatte. Mutter, die plötzlich fortging und sie zurückließ, an den vielen Schnee, wie sie nach ihr rief, sie suchte, Stunde um Stunde, Tag um Tag. An die freundlichen Wölfe, und wie sie dann überraschend empor und in die Luft gerissen wurde. Sie dachte an den vergangenen Abend, an die Worte, die er gesprochen hatte. Dass alles verwirrte sie so sehr, und vieles von dem, was er redete, verstand sie auch nicht richtig. Doch Mutter hatte ihr einmal erzählt, was es bedeutete, wenn sie jemand ein `Wolfskind´ nannte, nur, weil sie nicht sprechen konnte. Für viele Völker waren Wesen ohne Worte entweder tumb oder vom Teufel besessen, wer immer das auch sein mag. Deshalb tat es ihr sehr weh, als er sie so nannte. Mutter sagte immer, man müsse sich vor den Anderen in Acht nehmen, doch sie fühlte sich so einsam, so allein, nachdem Mutter fort war. Deshalb war sie doch nur mit ihm gegangen und hatte ihre Wälder verlassen. Die Wälder, die ihr Heim waren. Die Wälder, in denen sie aufgewachsen war. Mutter würde sehr böse mit ihr sein. Doch er war so gut zu ihr gewesen und als sie in seinen Armen gelegen hatte war da plötzlich etwas Neues, etwas Aufregendes tief in ihr. Sie mochte diesen großen, hübschen Riesen wirklich, beschloss aber vorerst, etwas vorsichtiger zu sein und nicht zuviel von sich preiszugeben. Sie setzte sich aufrecht hin und begann, wie schon einige Male zuvor, mit geschlossenen Augen und offenem Geist nach ihrer Mutter zu rufen.
Sie irrte wieder durch die schneedurchtoste Dunkelheit. Sie weinte und rief in den heulenden Wind nach ihrer Mutter. Fühlte nur Einsamkeit in sich und den harschen Schnee im Gesicht.
„Mutter, bitte, Mutter, wo bist du, lass mich doch hier nicht alleine, bitte.“ Sie lief Barfuss durch den zwielichtigen Wald, fror und fühlte dabei heiße Tränen über ihre Wangen laufen.
„Alina.“ Der Ruf wurde vom heulenden Wind wie von weit hergetragen, und erstarb fast durch diesen. Doch sie hörte ihn mehr in sich, als mit den Ohren.
„Mutter, ich höre dich. Warte, ich komme zu dir,“ rief sie in den heulenden Wind und stapfte entschlossen durch den tiefen Schnee in Richtung der fernen Stimme.
„Alina,“ erklang es wieder aus weiter Ferne zu ihr, „bleib bei ihm. Es ist sehr wichtig, das du mit ihm gehst. Er ist deine, er ist unser aller Zukunft. Folge ihm. Folge ihm in seine Welt.“ Die Stimme ihrer Mutter verhalte langsam in der Ferne und ließ sie einsam und frierend inmitten des Schneesturms zurück.
Sie erwachte langsam aus ihrer Trance und fand sich im Lager neben dem schlafenden Mann wieder. Mutter war nicht böse, das sie ihn begleitet hatte. Mutter hatte ihr sogar zugerufen, dass sie bei diesem Mann bleiben solle. Er, der ihrer aller Zukunft darstellen sollte. Aber was hatte das alles zu bedeuten. Sie überlegte dies gründlich, fand aber vorerst keine Antwort auf ihre Fragen. Nun, sie vertraute ihrer Mutter von ganzem Herzen und würde sich ihrem Wunsch gemäß fügen. Dennoch fühlte sie sich nicht ganz wohl bei dem Gedanken, Mutter und ihre Heimat jetzt verlassen zu müssen. Diese verwunschenen Wälder des Nordens, in denen sie geboren war, stellten ihr Reich da. Hier lebte sie bisher, kannte die Pflanzen und Tiere und fühlte sich auch ohne Mutter geborgen. Und nun sollte sie ihre Welt vielleicht für immer verlassen?
Sie fühlte sich sehr einsam, klein und traurig am nächsten Morgen, und obwohl der große Mann später viel unternahm um sie aufzuheitern, gelang es ihm nicht. Als sie schließlich ihre Reise fortsetzten stellte sie sich dieses mal mit dem Rücken zu ihm. Sie nahm mit dem Blick auf ihre verschneiten Wälder, still Abschied von ihnen und ihrer Mutter, die irgendwo dort unten war. Gegen Mittag, ihre Tränen waren langsam versiegt, begann sie doch noch gefallen am Fliegen zu finden. Es berauschte sie, dass alles unter ihr nur so vorbeirauschte. Er musste wohl eine Veränderung bei ihr bemerkt haben, denn er verlangsamte sein Tempo, und segelte dann ruhig mit ihr über die dicht bewaldeten, verschneiten Berge und Täler dahin. Von Gefühlen überwältigt, streckte sie ihre kleinen Arme aus und stellte sich vor, sie sei ein kleiner Vogel der frei und ohne Sorgen durch die Lüfte glitt. Er ergriff behutsam ihre kleinen Hände.
„Ja, kleine Fee, fliege mit mir,“ flüsterte er leise, und so glitten sie durch die Kälte dahin, jeder in seinen eigenen starken Gefühlen gefangen. Die Sonne glitzerte auf dem dicken Schnee, und mehr als ein Ast brach unter ihnen unter dessen Gewicht. Die sanften Wolken zogen über ihnen hinweg Richtung Süden, und sie würden ihnen folgen.
Der Drachen
Am späten Nachmittag fanden sie eine alte, verlassengeglaubte Drachenhöhle, die zwar nicht besonders gut roch, aber dafür groß und windgeschützt lag. Sie schlugen gemeinsam ihr Lager auf und stellten mit Erstaunen fest, das der alte, trockene Drachendung hervorragend brannte. Sie aßen die letzten Reste des Rehs und saßen sich danach noch lange gemeinsam am Feuer gegenüber. Raven hatte jetzt genauso lange mit sich gerungen. Während des Fluges hatte er hin und her überlegt, und er fand nur eine einzige Möglichkeit, nur einen einzigen Weg, den er mit ihr würde gehen können, sosehr dieser ihn auch schmerzen würde.
„Ich weiß nicht,“ begann er unruhig, „wie lange du mich noch begleiten kannst, kleine Fee. Für deinesgleichen verkörpere ich nur tot und verderben, und meine Reise zurück zu meinem Reich ist noch lang und beschwerlich. Ich muss bald das große Meer überqueren und ich weiß nicht, ob ich das mit dir schaffen werde, oder ob du überhaupt so weit mit mir kommen möchtest.“ Er sah ihr lange ins schöne Gesicht. Sie erwiderte seinen traurigen Blick nur ruhig, verstand aber nicht ganz, worauf er jetzt hinauswollte. Innerlich voller Neugier wartete sie, dass er fortfuhr.
„Du bist so ungewöhnlich. So schön. Ich könnte es nicht ertragen, dich in deinen Tot zu führen.“
Sie sah ihm jetzt ernst in die Augen, denn sie wusste, was der Tod zu bedeuten hatte.
„Weißt du,“ fuhr er versonnen fort, „auch ein Prinz der Lüfte sehnt sich manchmal nach Liebe, nach Nähe und Geborgenheit. Sehnt sich nach einem Wesen, das mit ihm gemeinsam durchs Leben zieht. Du bist noch fast ein Kind und wirst noch nicht viel von diesen Sachen wissen, aber glaube mir, es wird mir nicht leichtfallen dich zurücklassen zu müssen.“ Sie schüttelte jetzt entschlossen ihren kleinen Kopf. Er sprach für sie zwar oft in Rätseln, aber zurück lassen durfte er sie nicht.
„Doch,“ wiedersprach er jetzt ihrem Kopfschütteln,“ im Süden leben noch viele meines Volkes, dort wird man sich gut um dich kümmern. Dort wirst du in Frieden vor den Menschen leben und viele Freunde finden, glaube mir bitte, es wird so besser sein. Ich wäre über kurz oder lang nur dein tot.“ Alina war zwar entsetzt, aber nicht darüber, dass er ihr Tod sein könnte. Denn, zuerst nahm er sie mit, riss sie mit sich fort in seine Welt hinein und nun das. Dabei hatte Mutter ihr gesagt, sie solle ihm unbedingt folgen, und nun wollte er sie im Süden, was immer das war, zurücklassen? Sie war völlig verzweifelt. Wie sollte sie ihm nur klarmachen, wie wichtig es Mutter war, dass sie ihn begleitete. Sie sah hilflos zu ihm auf und erkannte einen tiefen und dunklen Schmerz in seinen braunen Augen, der sie innerlich sehr tief berührte. Sie wusste nicht was Liebe, Nähe oder Geborgenheit bedeutete, spürte aber, wie wichtig diese Dinge jetzt für ihn wurden. Sie fragte sich, in wie weit dies wohl an ihr läge und fühlte sich darum den Rest des Abends sehr klein und hilflos.
„Mutter, was ist Liebe?“ Sie lagen gemeinsam auf einer wunderschön blühenden Wiese und die Sonne schien sanft auf sie herab. Überall summten die wilden Bienen, und auch bunte Schmetterlinge flatterten fröhlich um sie herum. Mutter war bezaubernd anzusehen, wie sie so in der Sonne lag und leuchtete und Alina war sehr glücklich in ihrer Nähe.
„Alina, meine kleine Tochter, das ist schwer zu erklären,“ sanft lächelnd sprach sie weiter, „wenn du jemanden sehr, sehr gern hast, dann liebst du ihn. So wie die Mutter ihr Kind, oder der Mann seine Frau. Verstehst du das, mein Kind?“ Fragte sie jetzt und Alina nickte lächelnd.
„Die Liebe macht dich glücklich,“ erklärte Mutter weiter, „sie erfüllt dein Herz mit Freude, du strahlst sie aus und es geht dir gut.“ Sie schien einen Moment zu überlegen.
„Sie verleiht dir Flügel,“ sagte sie weiter, „und du gleitest auf ihren Schwingen dahin. Für die Anderen ist die Liebe ihr wertvollstes Gut und sie kämpfen um sie, oder töten gar im Namen der Liebe.“ Mutter hob jetzt lauschend ihren Kopf und blickte versonnen in die Ferne.
„Ja, und manchmal töten sie sogar das, was sie eigentlich von Herzen lieben.“ Sie machte wieder eine Pause und lauschte noch einmal in die Ferne.
„Alina, Kleines,“ sagte sie nun, und lächelte dabei so sanft, „dein Vater ruft nach mir, ich muss dich jetzt verlassen.“ Sanftes Licht tauchte sie jetzt ein, und Alinas Herz schwoll vor Liebe zu ihr.
„Bitte Mutter, einen Augenblick noch,“ bat Alina, jetzt traurig geworden, dass ihre Mutter schon wieder gehen musste. Doch jetzt vernahm auch sie den ungeduldigen Ruf ihres Vaters.
„Es tut mir leid, Kleines, aber du weißt wie er ist. Komme wieder her, wann immer du möchtest, ich werde hier auf die warten,“ damit erhob sie sich und ging langsam über die Wiese fort.
Alina erhob sich langsam, und nur schwer gelang es ihr anfänglich, sich dem Bann des eben geträumten zu entziehen. Es herrschte noch dunkle Nacht, doch die sah das der Geflügelte ihr wach gegenübersaß und sie besorgt musterte.
„Du hast sehr unruhig geschlafen, geht es dir gut?“ Fragte dieser sie jetzt leise. Sie nickte, immer noch gefangen vom erfahrenem. Sie hatte jetzt eben einen ersten Eindruck von der Liebe bekommen, verstand aber nicht, warum sich dieser große Mann nach etwas sehnte, das für ihn bestimmt nicht schwierig zu bekommen war. Sie musterte ihn nun eingehend, und er rutschte unter ihrem Blick nur unbehaglich umher. Er war jung, groß, stark und für sie auch noch sehr gutaussehend, zudem besaß er ein ganzes Königreich, warum also war er so einsam. Das verstand sie nicht. Es musste noch mehr dahinterstecken und sie beschloss, dieser Sache irgendwann einmal auf den Grund zu gehen. Doch zu aller erst musste sie versuchen, irgendwie bei ihm zu bleiben. Mutter hatte ihr gesagt, das sie und Vater ihr folgen würden, und der Süden noch weit entfernt war. Ihr dabei aber auch noch einmal nahegelegt wie wichtig es für sie war, das Alina ihm weiterhin folgte. Binde ihn an dich, hatte sie zu ihr gesagt, du hast die Macht. Gebe ihm wonach er dürstet, liebe ihn. Auf Alinas Frage nach dem warum, schwieg sie nur lächelnd. Gut, dachte Alina, er sehnte sich nach Liebe, und wenn es Mutter so wichtig erschien, dann sollte er sie auch bekommen. Alina sah über das Feuer hinweg zu ihm, sah seinen sonderbaren Blick, mit dem er sie jetzt musterte und in diesem Augenblick begann sie ihn tatsächlich ein wenig zu Lieben. Sie stand leise auf, ging ums Feuer herum und als er einen seiner Arme hob, kuschelte sie sich eng an ihn. So saßen sie den Rest der kalten Nacht schweigend beieinander.
Im Morgengrauen, er hatte sie schon früh verlassen um zu jagen, hatte sie das Gefühl als riefe jemand nach ihr. Die Stimme war leise und uralt, und obwohl sie die Worte nicht genau verstand, nahm sie ein brennendes Holzscheit, der Dung war ihnen mittlerweile ausgegangen, und folgte dieser tiefer in die Höhle hinein. Die Stimme, sie hörte sie mehr in ihrem Kopf als mit den Ohren, rief sie mit einer solch tiefen Liebe und Zärtlichkeit, dass sie ihre Ängste schließlich verwarf und ihr langsam folgte. Sie ging, ohne lange zu zögern, tiefer in den dunklen Korridor aus der sie zu kommen schien. Doch etwas unbehaglich war ihr dabei dennoch zumute.
„Komm, mein Kind, komm zu mir, habe keine Angst.“
Der Korridor weitete sich schließlich zu einer großen, matt erhellten Höhle und inmitten dieser fand sie ihn. Riesig und wirklich schon uralt lag er hier. Seine trüben Augen sahen ihr freundlich entgegen und seine rauen Schuppen glänzten matt im sanften Licht ihrer Fackel. Mutter hatte einmal von ihnen erzählt, aber Alina hatte noch nie einen der großen alten Drachen gesehen. Ehrfürchtig blieb sie vor ihm stehen und sah bewundernd zum großen Kopf auf, der sich jetzt vor ihr mächtig erhob.
„Tritt näher mein Kind,“ sagte der Drache sanft, „meine Augen sind schlecht und mein Körper alt, dir droht keine Gefahr von mir.“ Langsam und leise trat Alina vorsichtig näher.
„Bist du das Kind des Waldes, das Mädchen, das uns zur Neuen Welt führen soll?“ Wollte der Alte jetzt zärtlich von ihr wissen, und blickte sie dabei voller Liebe an.
`` Ich verstehe den Sinn deine Worte nicht, `` dachte sie, `` und ich kann nicht sprechen. ``
„Das weiß ich,“ erwiderte dieser ruhig, „aber ich höre deine Gedanken in mir, wie du meine Stimme und das soll uns erst einmal reichen.“ Der alte Drache änderte knurrend etwas seine Position und blickte Alina danach wieder sanft an.
„Hör zu, mein Kind, es gibt eine alte Prophezeiung von der ich dir erzählen will. Seid Anbeginn der Zeit wartet jedes der alten Völker auf ein stummes Kind, das alle Sprachen der Welt in sich vereint. Ein Mädchen des alten Blutes, dem wir folgen werden, fort von der Menschenwelt und der Grausamkeit in ihr. Bist du dieses Kind? Bist du vom alten Blut?“ Er blinzelte sie gütig an.
`` Ich verstehe dich nicht, alter Drache, eine Prophezeiung? Altes Blut? ....... ich bin noch so jung und wie könnte ich so mächtige Wesen wie euch führen, wo ich selbst das Ziel meiner Reise noch nicht einmal kenne? Du musst dich irren, `` dachte sie verwirrt und blickte den Alten fragend an.
„Nun irrst du, kleines stummes Mädchen, meine Augen mögen schlecht sein, aber ich erkenne das Leuchten, welches dich umgibt.“ Sanft schnaubte der Alte, und sein warmer Atem strich über sie hinweg. Alina blickte ihn nun mehr als verwirrt an.
`` Was sagst du da, alter Drache? Dein Geist muss wirr sein. Ich bin nicht die auf die du wartest, glaube mir. Ich führe nur meine Familie und ich weiß noch nicht einmal genau wohin ``
Der Alte lachte nun leise, aber schnaufend.
„Wir alle sind deine Familie,“ grunzte dieser nun immer noch lachend, „und du glaubst, du gehst allein? Nein, kleines Mädchen, wir alle haben nur auf dich gewartet und wir alle werden dir jetzt folgen.“ Alina war nun sehr ängstlich und verwirrt, drehte sich um und verließ schnell die tiefe Höhle. Fast rannte sie hinaus, doch sie hörte ihn noch sagen,
„So wie du meinem Ruf gefolgt bist, werde ich dem deinen im nächsten Frühjahr folgen.“
Damit sank er glücklich zurück in seinen tiefen Winterschlaf, begleitete von dem Wissen, das endlich das warten beendet wäre, und der Zug zu einer besseren Welt begonnen hatte.
Sie lief schnell zum Feuer zurück und dachte über die Worte des alten Drachen nach. Sie sollte sie führen, ihr würden sie alle folgen? Wer würde ihr folgen? Und warum? Das alles war totaler Unsinn. Mutter und ihre Familie, gut, aber die Drachen? Oder andere? Unmöglich.
Ich bin zu klein, zu jung und ich kenne die Welt da draußen überhaupt nicht. Ich sah nie etwas anderes als die dunklen Wälder des Nordens, und ausgerechnet ich soll sie führen? Sie verwarf diesen Gedanken, beschloss aber dennoch in der kommenden Nacht mit Mutter darüber zu reden.
„Sieh, was ich erlegen konnte.“
Raven warf einen großen, schwarzen Keiler in die Höhle und betrat diese dann Blut überströmt.
Sie stürzte hastig zu ihm und untersuchte ihn schnell.
„Nein,“ beruhigte er sie, obwohl ihre Sorge ihm gefiel, „das Blut ist von ihm, ich bin nicht verletzt.“ Und dann, plötzlich, brach alles über sie herein. Die Worte ihrer Mutter, die des Drachens, Ravens aussehen und ihr erschrecken darum, das alles wurde ihr jetzt zuviel, und sie klammerte sich einfach weinend an ihn. Behutsam und überrascht hob er sie hoch und trug sie zu ihren Fellen, legte sie dort sanft nieder und deckte sie zart zu.
„Ich werde mich kurz mit etwas Schnee reinigen, dann komme ich zu dir, der Eber kann warten.“ Damit verließ er sie und sie kroch tiefer in die warmen Felle, als könne sie so ihren Gedanken entkommen. Es dauerte nur eine weile bis sie hörte, dass er zurückkam und sich zu ihr legte. Er nahm sie in seinen Arm und sie legte ihren Kopf auf seine Brust, dankbar für seine wärme.
„Was ist nur mit dir, kleine Fee,“ sagte er zart, „manchmal bist du so heiter und ausgelassen wie ein junges Fohlen. Doch dann habe ich wieder das Gefühl, alle Last der Welt läge auf deinen Schultern.“ Er seufzte tief, „wenn ich nur wüsste, was dich quält und wie ich dir helfen könnte.“ Mit einem Ruck hob sie den Kopf und sah ihn ernst an.
„Das heißt, ich kann dir helfen?“ Er sah sie verblüfft an, „wie, kannst du mir zeigen wie?“
Sie erhob sich und dachte lange nach. Wie sollte sie ihm nur begreiflich machen, dass er sie nicht zurücklassen durfte. Sie überlegte lange, doch dann, nach einer Weile, schüttelte sie nur resigniert den Kopf. Ihr fiel einfach nichts ein und leise begann sie zu weinen. Raven setzte sich jetzt behutsam auf, zog sie an sich und hielt sie danach einfach nur fest im Arm.
„Es ist gut, hörst du, alles wird gut. Sieh mich an,“ er hob ihren Kopf und wischte ihr eine Träne aus dem Gesicht, „wir werden einen Weg finden, um miteinander zu reden, ja?“
Sie nickt langsam, glaubte ihm aber nicht. Dennoch streichelte sie ihm zärtlich und voller Dankbarkeit über sein schönes Gesicht und bemerkte wieder dieses angenehme Gefühl, das sie eigentlich immer in seiner Nähe hatte. Doch sie wollte die Höhle jetzt so schnell wie möglich verlassen, des alten Drachen und seiner verwirrenden Geschichten wegen. So erhob sie sich jetzt rasch und begann eilig große Stücke Fleisch aus dem Eber zu trennen. Raven sah ihr einen Moment überrascht zu bis er begriff und nun seinerseits zu Packen begann. Als sie später wieder in der Luft waren, schmiegte sie ihr kleines Gesicht an seine warme Brust und je mehr Raum er zwischen ihnen und der Höhle des Drachen brachte, desto wohler begann sie sich zu fühlen.
Glücklich betrachtete sie den blauen Himmel. Atmete die kalte Luft, fühlte seinen kraftvollen Körper sich bewegen, streckte wieder ihre Hände aus, die er sofort ergriff und flog wieder mit ihm durch den stillen Winter einer ungewissen Zeit entgegen.
Die Burg
Mehrere Tage waren sie so schon unterwegs, als Raven am Nachmittag dieses Tags in der Ferne auf einem Berg eine alte, von Bränden geschwärzte Burgruine trohnen sah. Er zeigte sie ihr begeistert, doch Alina spürte sofort Unbehagen in sich aufsteigen.
„Nun, was meinst du,“ rief er über den Wind, „es ist trocken und wir haben für diese Nacht ein Dach über dem Kopf.“ Sie war etwas unsicher angesichts des dunklen Gemäuers, nicke dann aber doch zögernd, obwohl etwas Bedrohliches von diesem Ort ausging.
„Gut, es wird dir bestimmt gefallen.“ Das sah sie anders, aber ein wenig neugierig wurde sie dann doch, und sei es nur ihm zur Freude. Raven landete kurze Zeit später geschickt auf dem kleinen Burghof, band sie danach rasch los und bedeutete ihr wortlos hier auf ihn zu warten. Sie vermutete, dass er mit unfreundlichen Bewohnern rechnete und war froh, als er erst sehr viel später wieder auf dem kleinen Burghof erschien.
„Es ist alles in Ordnung. Sie ist schon vor vielen Jahren verlassen worden,“ er schwang eine brennende Fackel, „komm, ich habe unten eine große Halle gefunden. Der Kamin ist frei und alte Möbel zum verbrennen sah ich auch.“ Er war aufgeregt wie ein kleines Kind, wollte ihr unbedingt etwas aus seinem Leben zeigen, nahm ihre Hand und zog sie ins düstere Innere der alten Burg. Voller Unbehagen lief sie hinter ihm her, doch verblüfft blieb sie im Vorraum der Burg stehen und sah sich mit großen wachen Augen erstaunt um. Die Steine unter ihren Füßen waren flach und glatt und sie glänzten nur schwach im Schein Ravens Fackel. Die Wände des Raumes, und, wie sie später feststellen sollte, auch aller übrigen, waren mit einem dunklen Holz verkleidet. Hinten, am Ende des Raumes schwang sich auf jeder Seite eine riesige Treppe nach oben und sie fühlte sich unangenehm an die Höhle des alten Drachens erinnert. Sie wich ängstlich zurück, doch Raven war schon an ihrer Seite.
„Komm, hier gibt es nichts, wovor du dich fürchten musst,“ sagte er vergnügt, „außerdem bin ich bei dir und du vertraust mir doch, oder?“ Er sah ihr dabei fest in die Augen. Sie nickte, ergriff dennoch seine große Hand und ließ sich von ihm tiefer in dieses dunkle Gemäuer führen. Die Halle, die Raven meinte, lag links neben dem Raum mit den Treppen und beeindruckte sie noch mehr. Ihr Boden bestand aus abwechselnd schwarzen und weißen Steinen, die absolut regelmäßig angeordnet waren. Die Wände waren auch aus Holz, doch dieses schimmerte, trotz seines Alters, immer noch in einem tiefen Rotbraun und war zudem noch reich mit kunstvollen Schnitzereien bedeckt. Doch der Kamin war das Schönste, was sie bis dahin gesehen hatte und sie erinnerte sich später immer gern an seinen Anblick zurück. Er bestand aus einem leicht rosafarbenen Stein und wurde von zwei dicken Säulen eingefasst, über diesen lag eine starke Platte, doch das schönste an ihm waren die zwei Figuren, die auf jeder der Säulen hockten. Sie waren wie Raven, nur unbekleidet und zeigten dadurch ihre ganze Kraft, ihre ganze Macht und Männlichkeit. Die großen Schwingen wie zum Abflug erhoben, hockten sie dort zum Sprung bereit, und starrten wie stolz und erhaben auf Alina herunter. Raven trat hinter sie und folgte ihrem Blick.
„Sie sind wunderschön,“ flüsterte er leise, „nicht wahr?“ Sie nickte, deutete dann auf eine der Figuren, danach auf ihn und sah ihn dabei fragend an.
„Stimmt, sie stellen Männer meines Volkes dar,“ erklärte Raven ihr jetzt ruhig.
„Diese Burg gehörte wohl einem der Großfürsten, aber das muss jetzt schon lange her sein,“ er legte einen Arm um ihre Schultern, „wahrscheinlich wurden sie von Menschen getötet oder sie konnten noch rechtzeitig fliehen.“ Sie sah ihn jetzt traurig an.
„Kleine Fee, nicht traurig sein,“ er zog sie an sich,“ mein Volk lebt, und wird es auch in Zukunft. Es gab, solange ich mich zurückerinnern kann, immer Kriege zwischen den Menschen und uns, für sie sind wir Monster und manchmal stimmte es sogar.“ Sie sah entschlossen zu ihm auf und schüttelte ernst ihren Kopf. Raven musste nun doch etwas grinsen.
„Oh, doch,“ sagte er nun, „in jedem Volk gibt es gut und böse. Ich hoffe das du keinem Wolf meines Volkes begegnest, denn manche von uns nehmen sich etwas, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.“ Er sah zärtlich zu ihr herunter.
„Aber nicht, wenn ich es vorher nicht verhindern kann.“ Er lachte, küsste einmal ihren Scheitel und verließ dann die Halle um ihre Sachen zu holen. Sie blieb beim Kamin, sah wieder zu den prachtvollen Männern empor und konnte ihm kaum glauben, das einige seines Schlages auch böse sein konnten. Als Raven zurück kehrte half sie ihm mit den Fellen und beim Feuermachen. Nachdem das Fleisch zum Garen über dem Feuer hing, fragte Raven sie ob sie ihn am Morgen begleiten wolle, ein wenig die Burg zu erkunden. Sie nickte zögernd, wusste ja nicht was sie zu erwarten hatte, doch er schloss sie glücklich in seine Arme und hob sie hoch.
„Das wird ganz wundervoll, glaube mir, ich werde dir alles zeigen, dir alles Erklären. Du wirst so viele neue Dinge sehen, und ich werde bestimmt gut auf dich Acht geben, versprochen.“
Damit wirbelte er sie ausgelassen herum, dass ihr ganz schwindelig wurde. Sie schlang beide Arme um seinen kräftigen Hals und barg ihr Gesicht unter sein Kinn. Er stoppte langsam und streichelte anschließend über ihr langes, weißes Haar.
„Du bist so schön, kleine Fee, so wunderschön, dass es einem in der Seele schmerzt dich zu betrachten. Wie gern würde ich dich in Liebe berühren, dir zeigen, was es heißt eine Frau zu sein, aber keiner meines Volkes wird je mit dir die Wonnen teilen.“ Sie sah fragend zu ihm auf, verstand nicht, was er damit meinte. Zärtlich, aber auch voller Trauer blickte er zu ihr hinunter.
„Du bist so klein, so zart,“ er sah sie traurig lächelnd an, „Menschenweiber sind so viel größer als du und doch sterben sie häufig noch unter uns. Was würde mit dir Geschehen, wo du doch so viel kleiner und zarter als sie bist?“ Er küsste sie ganz zärtlich auf ihre glatte Stirn.
„Nein, keiner meines Volkes wird dich je in Liebe berühren.“ Er setzte sie jetzt ab, streichelte ihr noch einmal traurig über ihr Haar und ging dann rasch zum Feuer, um nach dem Fleisch zu sehen. Seine Traurigkeit hielt ihn auch noch den ganzen weiteren Abend gefangen, und so sehr Alina sich auch bemühte, sie konnte ihm kein Lächeln mehr entlocken. Das betrübte sie sehr, zumal sie nicht verstand, warum er so verzweifelt war. Sie ahnte nur, dass es etwas mit ihr zu tun hatte. Raven fühlte sich an diesem Abend trotz ihrer Nähe sehr einsam. Der Gedanke, sie zurück lassen zu müssen, betrübte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Sie fesselte ihn, und er wusste, er hätte bald nicht mehr die Kraft, sich ihr zu entziehen. Was sollte er nur machen, mir ihr und mit sich selbst. So lagen beide des Nachts wach, und im großen Kamin knisterte nur leise das behagliche Feuer, das diesem Ort nach Jahrzehnten wieder Licht und wärme gab.
Am Morgen des folgenden Tages weckte er sie schon früh, und nachdem sie gegessen hatten machten sie sich an die Erforschung des alten Gemäuers. Sie beraten zunächst wieder den Raum mit den Treppen am Ende. Dunkelheit erwartete sie dort oben.
„Komm, wir gehen erst nach oben,“ meinte er jetzt wieder vergnügt und zog sie mit sich. Vorsichtig erstiegen sie die erste Treppe und betraten danach einen breiten Flur, der auf jeder Seite von großen, schweren und reichverzierten Türen gesäumt wurde. Raven öffnete die Erste, stemmte diese mit ganzer Kraft auf und beide sahen vorsichtig hinein. Das Zimmer war groß und ehemals bestimmt sehr prächtig. Doch jetzt waren die Wände verstaubt, die Möbel zerbrochen oder schimmlig, die Vorhänge hingen in Fetzen und die hohen Pfosten des ehemals schönen Bettes ragten wie die knorrigen Finger einer alten Hand empor. Dieser Raum ließ Alina schaudern und sie wandte sich rasch ab. Die restlichen Zimmer dieser Etage glichen einander in ihrer Einrichtung und ihrem Zerfall. Raven fragte sich, warum die ehemaligen Bewohner ohne ihre vielen Habseeligkeiten fortgegangen waren. Er sah viele Spiegel, Kämme, Börsen aus Leder und andere Gebrauchsgegenstände. Wurden sie überrascht? Sind sie eiligst geflohen, während eines der vielen Kriege?
Oder wurden sie von einer Krankheit dahingerafft? Es gab so viele Fragen zu diesem düsteren Ort. Sie folgten dem Flur bis zu dessen Ende und betraten danach eine lange Galerie. Die großen und dabei bunten Fenster, die regelmäßig an der linken Seite verliefen, tauchten sie in ein diffuses Licht. An der langen rechten Wand hingen die alten, dabei aber kunstvollen Gemälde der ehemaligen Bewohner. Einige hingen noch an ihrem Platz, andere lagen zerstört darunter. Sie waren staubig, die Farben zum Teil schon abgeblättert, doch auf Alina verübten sie einen ganz besonderen Reiz. Raven folgte ihr zu jedem Einzelnem und sah, wie genau sie die alten Bilder betrachtete, wie sie diese manchmal zart, fast ehrfürchtig berührte. Er sah an der Kleidung der dargestellten Männer und Frauen seines Volkes, das deren Zeit schon lange verstrichen sein musste. Dennoch berührten sie auch ihn, konnte er doch durch sie in eine ferne, eine prachtvolle Zeit zurückblicken.
Alina war völlig verzaubert. Sie ging von Bild zu Bild, gefesselt von der Schönheit der dargestellten Personen, die sich alle sehr ähnelnd und arrogant und mit kaltem Blick auf sie herunter starrten. Als sie das Ende der Galerie erreichten fiel es ihr schwer, diese zu verlassen und sie beschloss, später noch einmal hierher zurück zu kehren. Raven legte einen Arm um ihre Schultern und sie sah wieder einmal fragend zu ihm auf.
„Ich weiß nicht, was hier geschehen ist, aber lass uns weitergehen, vielleicht finden wir doch noch Antworten auf unsere Fragen.“ So wurde aus ihrer Besichtigung eine Suche und je weiter sie in die Burg eindrangen desto verwirrender wurde alles. In der großen Küche stießen sie auf die trockenen Überreste einer ehemals üppigen Festtagstafel. In den Stallungen lagen die bleichen Gebeine des Viehs. Überall sahen sie Zeichen, das, dass, was hier vorgefallen war, sehr schnell gegangen sein muss. Doch warum war noch alles vorhanden? Warum hatte man das Vieh in den Ställen jämmerlich sterben lassen? Und weshalb schien alles so unberührt, verfallen, ja, aber er sah keine Spuren die auf Kampf oder Plünderung hinwiesen. Doch dann hatte ihre Suche plötzlich ein jähes Ende und sie fanden die Bewohner der alten Burg.
Raven stemmte sich mit aller Kraft gegen die schwere Holztür, drückte diese aber nur langsam auf. Sie hatten diese am fuße des halb eingestürzten Turmes entdeckt, als beide den Burghof überquerten. Als er sie halb geöffnet hatte, stieß sie auf Wiederstand und er sah in die totale Finsternis dahinter. Alina wurde hier mehr als nur unbehaglich.
„Warte hier, es ist dunkel dort drinnen, ich hohle schnell eine Fackel.“ Sie blickte durch die Öffnung und sah grob behauende, staubige Felsstufen die in eine tiefe Dunkelheit hinab führten.
Sie verspürte nicht den Drang mutig zu sein und wartete geduldig auf seine Rückkehr. Raven hatte eine Ahnung auf was sie gestoßen sein könnten, er kannte diese Wege, die nur nach unten führten und nicht wieder hinauf. Sogar in seinem fernen Schloss gab es welche. Er wusste nicht, wie er sie auf das nun Folgende vorbereiten sollte, aber ihm war klar, dass es keinen Sinn hatte es ihr zu Verheimlichen. Sie war klug und früher oder später würde sie selbst drauf stoßen. Doch was sie nun erwarten sollte, hätte er ihr trotzdem lieber erspart. Sie stiegen gemeinsam die steinernen Stufen hinab und standen dann in einem dunklen Korridor. Die Luft hier unten roch schlecht und im Fackelschein tanzten unruhige Schatten über die Wände. Die schweren Holztüren, zu beiden Seiten des Ganges, standen gähnend offen und gewährten ihnen einen Blick auf die Überreste des alten Strohs, mit dem einst ihre Böden belegt wurden. Schimmelig und streng riechend lag es hier und verrottete. Raven sah seine Vermutung bestätigt, sie befanden sich jetzt im Kerker der Burg und er erwartete die gebleichten Gebeine der Gemeuchelten zu sehen. Doch sie fanden vorerst nichts dergleichen, was ihn erst etwas verwunderte. Wenn er sich aber nicht sehr täuschte, mussten zur Glanzzeit der Burg viele Menschen hier unten ihren baldigen Tod erwartet haben. Aber nichts deutete darauf hin. Er spürte Alinas Angst und sah ihr tief in die sonderbaren Augen.
„Sollen wir weitergehen.“ Sie nickte langsam und vorsichtig.
„Bist du dir sicher, ich weiß nicht was wir hier noch finden werden.“ Sie nickte wieder.
„Gut, dann weiter.“ Er ergriff ihre kleine Hand und als sie das Ende des Korridors erreichten, stiegen beide abermals langsam steinerne Stufen hinab. Die Dunkelheit wurde immer umfassender, ja, fast lebendig. Sie zerrte an ihnen, zog sie immer tiefer hinab. Die Luft hier unten wurde immer schlechter, zum Schluss kaum noch zu Atmen und ihnen brannten die Augen sehr vom aufgewirbelten Staub, der sich nur langsam wieder zu leben schien.
Dann, plötzlich, endeten die Stufen, und sie fanden sich in der Folterkammer der alten Burg wieder. Das riesige Gewölbe war seinerzeit wohl in die umgebenen Felsen geschlagen worden und die hohe Decke wurde von mächtigen Säulen getragen. Ravens Fackel vermochte dieses große Gewölbe nur schwach zu beleuchten und so blieben die entfernten Bereiche jetzt in völliger Finsternis. Sie traten nur langsam und zögernd näher und der Anblick, der sich ihnen dabei bot, war so furchtbar, dass Alina unkontrolliert zu zittern begann, während Ravens Nackenhaar sich langsam aufrichtete.
Sie hatten die ehemaligen Bewohner der Burg jetzt gefunden. Grausam Hingerichtet. Einige hingen auf ewig noch über ihren Marterinstrumenten, für immer mit Gurten an diesen befestigt. Andere lagen zerrissen oder zerteilt herum, oder baumelten an Ketten von der Decke. Doch das Schlimmste war, sie sahen keine Knochen, wie beim verendeten Vieh in den Ställen. Irgendein böser Fluch hatte die Bewohner nach ihrem Tot so erstarren lassen. Sie schienen völlig Intakt. Abgesehen von den fehlenden Augen waren alle Körper erhalten und schienen in ewiger Ruhe bewegungslos auszuharren. Alina sah vertrocknete Männer, Frauen und kleine Kinder, sah aufgerissene Münder, geballte Fäuste, sah abgerissene Gliedmaßen und aufgeschlitzte Bäuche. Einigen hatte man Pfähle durch die ganzen Körper getrieben, andere hingen am eigenem, trockenen Gedärm an den schweren Ketten, die vom Dach des Gewölbes hingen. Viele der Kinder hatte man wohl einfach auf die langen Fackelträger geworfen, die überall wie große Dorne aus den Wänden ragten, denn sie hingen, zum Teil grotesk verdreht, oft zu mehreren übereinander. Das war einfach zuviel für Alina und sie sank jetzt weinend zu Boden. Raven bemerkte dies kaum, er starrte nur völlig fassungslos auf die vielen Toten seines Volkes. Wie konnte das nur geschehen sein, wer war so Mächtig ein ganzes Geschlecht zu überraschen und ihnen so etwas anzutun. Nun, diese Frage war schnell beantwortet. Nur Menschen waren zu solchen Gräueltaten fähig. Sie hatten die Einwohner wahrscheinlich gegen Morgen überrascht, alle hierher verschleppt, um sie dann so grausam hinzurichten. Wahrscheinlich wurden denen vorher auch noch die Flügel gebrochen, damit diese nicht fliehen oder gar Hilfe holen konnten. Das würde auch erklären, warum noch alle Güter der Familie vorhanden waren. Menschen waren der Meinung, dass die Dinge der anderen Völker ihnen Unglück brächten. Sie kamen nur um zu Töten, beließen aber alles andere wie es ist und mieden fortan die Orte ihrer Taten. Sogar das Vieh ihrer Feinde musste in den Ställen qualvoll verhungern. Sein Hass auf die Behaarten wuchs. Er bückte sich, hob Alina sanft auf und verließ mit ihr auf den Armen diesen Ort des Schreckens. Doch er schwor den Toten im Gedanken, zurück zu kehren, um ihre gefangenen Seelen für immer zu befreien. Niemand verdient einen solchen Tod, noch nicht einmal ein Mensch hätte so etwas verdient.
Es war eine schmutzige Arbeit. Raven schwitzte und keuchte die ganze Zeit, doch er gab nie auf, stieg immer wieder in die Tiefe um neue von ihnen hoch zum Burghof zu bringen. Dort saß Alina in der Dunkelheit und blickte stumpf in die knisternden Flammen des großen Feuers, das durch seine Arbeit immer weiter mit Nahrung versorgt wurde. Gierig verschlang es die trockenen Überreste der Familie, die hier einst lebte. Es dauerte lange, sehr lange, doch schließlich trug er den letzten Körper empor, übergab auch diesen den Flammen und setzte sich danach still neben sie nieder. Er zog sie in seine schmutzigen Arme, und als ihre Tränen zu fließen begannen, wiegte er sie wie ein kleines Kind. Später in der Nacht, als das Feuer schon heruntergebrannt war, und sie in seinen Armen unruhig schlief, trug er sie sanft hinein, legte sie auf ihre Felle und entzündete im Kamin ein kleines Feuer. Er wusch sie gründlich, drehte sich danach um und betrachtete sie voller Mitgefühl. Was mochte das heut Erlebte in ihr angerichtet haben. Oh, es hatte auch ihn erschreckt aber er war schon weit in der Welt herumgekommen, hatte schon viele ähnliche Dinge gesehen. Aber für sie war das alles so neu, so fremd und dann mussten sie auch noch auf die vielen Toten dort unten stoßen. Er beschloss, in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein und das nächste Mal besonnener vorzugehen. Sie warf sich jetzt unruhig herum und er legte sich rasch zu ihr, nahm sie fest in seine Arme und wünschte ihr jetzt und für den Rest der Nacht gute Träume.
Wieder umgab Alina völlige Finsternis. Sie hatte schreckliche Angst und tastete sich blind voran.
„Mutter, bist du hier?“ Doch sie erhielt vorerst keine Antwort.
„Bitte, Mutter, es ist so dunkel und ich habe große Angst.“ Sie hörte ein leises Geräusch gleich einem fernen Wispern. Voller Angst trat sich zurück, ohne zu sehen wohin.
„Wer ist da, bitte, ich kann doch nichts sehen,“ weinte sie jetzt fast.
„Hab keine Angst mehr, meine Tochter.“ Sagte ihre Mutter jetzt wie aus weiter Ferne, aber sehr sanft zu ihr, „ich habe dich hierher gerufen, denn es möchte dich jemand sprechen, der dich anders nicht mehr erreichen kann.“ Und dann sah Alina vor sich ein zartes Leuchten, das beim näherkommen langsam immer heller wurde. Sie sah, das ein kleines Mädchen langsam auf sie zu Schritt und das Leuchten bei ihm seinen Ursprung hatte. Dicht vor Alina blieb die Kleine stehen und sah lächelnd zu ihr auf. Sie trug ein bezauberndes rotes Kleid, hatte langes, schwarzes Haar und ihre kleinen Flügel standen ihr keck vom Rücken ab. Verwundert blickte Alina zu ihr hinunter.
„Ich grüße dich, liebe Freundin,“ sagte die Kleine klar und deutlich, „ich heiße Ambra, bin der Familie des Ranguhls vor langer Zeit als Tochter geboren worden und wurde mit acht Sommern von den Menschen, die auch unser Zuhause zerstört haben, getötet. Meine Familie hat mich zu dir geschickt um euch unseren Dank für unsere Befreiung zu übermitteln. Dein Begleiter ist aus unserem Volk, aber für uns unerreichbar, deshalb bist du jetzt hier, nur du kannst mich sehen und verstehen.“ Alina sah die Kleine liebevoll an, und diese lächelte glücklich weiter zu ihr auf.
„Ich verstehe dich, Ambra,“ sagte Alina jetzt, „aber in der wahren Welt bin ich stumm, ich kann ihm nie von dir oder deiner Familie erzählen. Aber ich bin froh, dass ihr jetzt euren Frieden gefunden habt.“ Glücklich blickte sie nun auch das Kind an.
„Nun,“ Ambra sah sie verschmitzt an,“ auch in der wahren Welt geschehen manchmal noch Wunder.“ Damit drehte sie sich jetzt langsam um und verschwand nun wieder in der Dunkelheit.
„Hab nochmals vielen Dank.“ Rief sie noch einmal und winkte Alina ein letztes Mal zu.
„Und ich wünsche euch alles Gute,“ flüsterte Alina und sah ihr noch lange nach.
Sie erwachte langsam und fühlte sich recht wohl, wusste sie doch jetzt, dass es ihnen bestimmt war, die Toten zu finden und ihnen ihren Frieden zu geben. Sie schlug ihre Augen auf und sah in Ravens ruhigen, braunen Blick, der sie jetzt voller bedauern musterte.
„Wie geht es meiner kleinen Fee heute Morgen?“ Fragte er besorgt, „der Tag gestern war hart, für uns beide, und…“ doch weiter kam er nicht, denn sie legte ihm rasch einen ihrer kleinen Finger auf seine Lippen. Nahm seine Hand in ihre, zog ihn mit hoch als sie aufstand und zerrte ihn die Treppe hinauf zur langen Galerie. Sie stoppte vor einem Gemälde, das eine Frau mit einem Kind auf ihrem Schoß, darstellte. Das Kind war Ambra. Auf dem Bild war sie zwar jünger als letzte Nacht, aber sie war es, unverkennbar. Alina deutete lächelnd auf das Portrait, doch Raven verstand sie nicht, sah sie weiterhin nur fragend an.
„Was, was ist mit dem Bild?“ Alina faste sich hilfesuchend an den Kopf und deutete dann noch einmal auf genau auf das Kind. Raven blickte sie nur verwirrt an.
„Das Kind?“ Fragte er, „was ist mit dem Kind?“ Raven überlegte einen Moment, dann sah er sie wieder an und meinte nur vorsichtig,
„Hast du von ihr geträumt?“ Sie nickte ihm lachend zu, packte ihn wieder und zog ihn eilig zurück zur großen Halle. Er war völlig verblüfft von ihr und ließ sich bis zum Kamin mitziehen. Dort angekommen deutete sie überschwänglich auf das kleine Feuer, das dort seine Wärme verbreitete.
„Ja,“ meinte er voller Trauer, “das Feuer.“ Doch sie nahm als Antwort nur sein Gesicht in beide Hände, zog es zu sich herab und sah ihm dabei ganz ernst in die dunklen Augen.
„Moment, du meinst kein Feuer,“ er überlegte wieder und dann dämmerte es ihm langsam.
„Du meinst Licht?“ Sie nickte strahlend mit dem Kopf.
„Erlösung?“ Wieder nickte sie lachend.
„Du meinst, sie haben Frieden gefunden?“ Sie sah lachend zu ihm auf. Da packte er sie, hob sie hoch in die Luft und wirbelte sie, nun auch lachend, mit sich herum.
„Das ist wundervoll, kleine Fee,“ rief er ausgelassen, „das ist so wundervoll.“ Anschließend, und völlig außer Atem, setzte er sie wieder ab und ihr Blick wanderte wie magisch angezogen wieder zu den großen, schönen Figuren. Ganz ruhig stellte sie sich unter sie, und Raven trat hinter sie.
„Später, wenn wir mein Schloss erreichen, werde ich dir welche Bauen lassen.“ Überrascht sah sie zu ihm auf, zu verblüfft, um das eben gehörte. Doch Raven hatte sich entschieden.
„Ja, du wirst mich auf meiner Reise begleiten. Ich nehme dich mit mir heim, und um das Meer kümmern wir uns, wenn wir es erreichen.“ Nun war es an ihr in seine Arme zu fliegen, und ihr wurde plötzlich klar, Mutter hin oder her, sie würde ihm bis zum Ende der Welt folgen, und wenn es sein musste, noch bis darüber hinaus. Sie liebte diesen großen, geflügelten Mann wirklich und das von Herzen.
Neue Freunde
Sie befanden sich wieder auf ihrem Weg der Sonne entgegen und beide spürten die Veränderung ihrer Beziehung zueinander. Alina bemerkte immer öfter, dass er sie heimlich und mit so viel Liebe im Blick betrachtete das sie meinte, bald verrückt werden zu müssen, wenn sie nicht langsam herausfand, was es bedeutete, ihm eine Frau zu sein. Und Raven seinerseits bemerkte, dass sie immer öfter seine Nähe zu suchen schien. Oft saß sie beim gemeinsamen Mahl in seinem Schoß oder sie schlüpfte des Nachts mit unter seine Felle, und jedes Mal, wenn so etwas geschah focht er den alten Kampf mit seinen Lenden aus. Doch er sah sich auch außerstande, ihr mitzuteilen was jedes mal in ihrer Nähe mit ihm geschah. Dabei genoss er doch jeden Augenblick mit ihr, ihre wärme, ihre zärtlichen Berührungen, die Liebe in ihrem Blick. Er ertappte sich öfters dabei, wie er sie verstohlen Beobachtete, ihre Schönheit bewunderte, ihre verspielte Anmut oder ihren zarten, kindlichen Körper betrachtete. Und er bemerkte, dass sie mit jedem vergehenden Tag langsam zur Frau erblühte. Alina spürte seine Gedanken, seine Gefühle, verstand sie dabei aber nicht gänzlich. Doch auch sie bemerkte die Veränderungen an sich und fühlte sich manchmal sehr eigenartig, als würde ihr ganzer Körper fortgerissen um sich dann neu zusammen zu fügen.
Es entstanden Rundungen, wo vorher keine waren und andere Teile von ihr wurden noch schmaler. Oft fühlte sie sich hässlich, doch Ravens Blicke sagten ihr etwas Anderes. Es lag immer soviel Liebe und Zärtlichkeit in ihnen, das Alina sich jedes Mal, wenn er sie so ansah, doch schön fand.
Doch noch etwas geschah dieses Frühjahr. Mutter kam nicht mehr in ihre Träume, sosehr sie auch jedes Mal nach ihr rief, sie blieb allein. So zog der Frühling ins Land, der Schnee schmolz allmählich, und obwohl die Nächte noch kalt waren, herrschte am Tag doch recht milde Luft und beide kamen gut voran. Raven roch jetzt oft den Gestank der Menschenorte und flog jedes Mal, in weiten Bogen um die vermeintliche Gefahr herum, doch, auf ihre fragenden Blicke hin, erzählte er ihr dennoch geduldig von den Menschen. Von deren übelriechenden Ort, von deren Gesetzen, von deren Taten und Untaten gegen die anderen Völker. Er erzählte ihr von den Dingen, die er schon gesehen hatte. Von den Kirchen überall im Land, und wie die Menschen, Schafen gleich, dort hineinströmten, um einem Priester zu zuhören, der ihnen doch nur erzählte, wie schlecht sie doch sein. Nun, lachte Raven einmal erbost, dafür bräuchten diese Behaarten keinen Priester, das könnten die Geflügelten denen ebenso erzählen. Er erzählte ihr von den anderen Völkern, wo und wie diese lebten, warum sie so wichtig für das Gleichgewicht der Welt waren, und warum die Menschen diese so sehr hassten und verfolgten. Alina machte das gehörte sehr traurig, aber sie lernte so auch sehr viel. Raven gab sich alle Mühe die Orte der Menschen zu meiden, um dann aber doch in beider Verderben zu fliegen, denn eines Abends nahm etwas seinen Anfang, das beider Leben total verändern sollte. Sie trafen auf andere Männer seines Volkes.
Es dämmerte bereits, als Raven am Hang eines kleinen, grünen Tales einen fernen Feuerschein sah und kurze Zeit später den vertrauten Geruch verbrennender Kräuter wahrnahm. Er setzte sie in einiger Entfernung ab, sicher ist sicher, und machte sich erst mal allein auf den Weg. Sie fühlte sich sehr einsam hier in der Dunkelheit und war erleichtert, als er wenig später zurückkam, sie aufgeregt hochhob und mit ihr eiligst zum fremden Lager flog.
„Es sind Freunde von mir,“ erklärte er ihr freudig erregt,“ mein Onkel mit seinen Söhnen. Sie kommen aus dem Westen und sind auf dem Heimweg.“ Er berührte nur zart ihr Gesicht als sie ängstlich zu ihm aufschaute, doch er grinste sie nur freudig an, und verstand ihre Sorge nicht.
„Du brauchst dich nicht zu fürchten kleine Fee,“ sagte er gut gelaunt, „sie gehören zu meiner Familie und sind alle sehr erfreut, dass wir zu ihnen stoßen.“ Doch sie hatte Angst, große Angst sogar, und als sie mit Raven das große Lager betrat, blieb ihr, angesichts der vielen Männer, fast die Luft weg. Sie alle waren groß, kräftig gebaut und sehr gutaussehend. Ihre Kleidung bestand, anders als Ravens zweckmäßige, aus feinem, kunstvoll verziertem, hellen Leder. Sie trugen auch viel glänzendes Metall an ihren Körpern und hatten schwere Waffen dabei. Alle trugen, wie Raven, ihr Haar lang und offen über die Schultern fallend, doch die Farben verblüfften sie. Ravens Haar war schwarz, ihres weiß, und beider fiel glatt herunter. Das Haar dieser Männer jedoch hatte sonderbare Farben. So leuchtete einer wie die Sonne am Himmel, während ein anderer die Farben eines Fuchses besaß. Wieder einer hatte die Farbe der Erde und zwischen allen gab es die verschiedensten Abstufungen. Zudem hatte keiner von ihnen glattes Haar. Dem einen floss sein Haar in sanften Wellen die Schulter herunter, dem anderen drehte es sich unordentlich auf dem Haupt. Es war wirklich verwirrend für sie. Und als jetzt auch noch alle aufsprangen, auf sie zuliefen und lärmend durcheinander sprachen, war es völlig um sie geschehen. Sie klammerte sich verzweifelt an Raven und drücke ihr Gesicht fest an ihn. Er spürte ihre Angst und drückte sie nun seinerseits fest an sich um ihr zumindest etwas Sicherheit und Schutz zu geben. Doch dann erhob sich eine Stimme, so gewaltig, so herrschend und kraftvoll, das sogar Alina aufhorchend den Kopf hob.
„Meine Söhne vergessen wohl ihre gute Erziehung, oder warum lauft ihr herum und schnattert wie eine Horde von aufgebrachten Weibern.“ Sofort herrschte schweigen im Lager und alle nahmen ruhig und langsam wieder Platz. Nur noch leises Gemurmel war danach zu hören.
„Ich bin sicher, dass mein Neffe uns von seinen Reisen und seiner kleinen Begleiterin erzählen wird.“ Das Familienoberhaupt der Drachen sah übertrieben böse in die Runde, „und ich erwarte von jedem von euch, dass unsere Gäste mit dem nötigen Respekt und mit Achtung behandelt werden.“ Der Dragon war ein sehr großer, breiter Mann, und trotz seines Alters noch sehr Beeindruckend. Sein rötlicher Bart erinnerte etwas an die Völker des Nordens, und sein langes, krauses und dabei fast schwarzes Haar verstärkte noch seine wilde Erscheinung. Doch blickten seine braunen Augen gütig und weise aus seinem schon leicht zerfurchtem Gesicht. Er nahm wieder Platz und winkte Raven jetzt und ungeduldig zu sich. Dieser ging mit Alina rasch näher.
„Komm, mein Sohn, setz dich zu mir und breche mit mir gemeinsam das Brot.“ Dieser Aufforderung folgte Raven gern, er war hungrig und das letzte gute Brot lag schon weit zurück. Alina rutschte scheu in seinen Schoß und dort blieb sie, alle ängstlich und scheu betrachtend.
„Du siehst, unsere Jagd stand unter keinem guten Stern,“ damit deutete der Dragon auf die magere Hirschkuh, „aber es wird für noch zwei Mäuler mehr auch noch reichen.“ Mit sonderbarem Blick sah er danach auf Alina nieder und Raven verstand diesen nicht ganz.
„Nun, wie ich sehe hast du gefunden, wonach du suchtest,“ wandte er sich an Raven, „bist du jetzt auf der Heimreise?“ Der Dragon biss herzhaft in einen Hirschschenkel.
„Sicher,“ erwiderte der kauend und gab Alina ein Stück des Brotes,“ meine Reise hat schon zu lange gedauert, ich sehne mich heim nach Baruth.“ Alina knabberte nur leicht am Brot.
„Nun,“ der Dragon sah ihn freundlich an,“ trotz deines Wunsches heimzukehren, möchte ich dich bitten, uns nach Avalla zu begleiten. Das Meer wird zum überqueren noch zu unruhig sein. Außerdem möchte ich wissen, wie es im Norden steht.“ Raven dachte an die alte Burg, und was sie in ihrem Innern gefunden hatten, und nickte nur zögernd,
„Gut, ich denke es könnte nicht schaden, ein wenig auf Avalla zu bleiben um euch von meiner Reise zu berichten.“ Damit blickte er nachdenklich auf Alinas Kopf herab, aber würde es ihr auch gefallen? Doch der Dragon lachte nur brüllend und schlug ihm danach kräftig auf die Schulter.
Alina folgte den Worten der Männer nicht, sondern sah sich nur scheu um. Der Kreis der Männer um das Feuer herum war groß. Sie drückte sich dichter an Raven und betrachtete die vielen, sich leise unterhaltenden Männer. Alle sahen zu ihnen, und einige folgten dem Gespräch. Die meisten Blicke waren freundlich, in manchen sah sie Aufregung, in anderen Neugier, wieder andere sahen sie entrückt, fast verwirrt an. Das irritierte sie ein wenig und sie sah schnell weiter. Doch dann blickte sie in ein blaues Augenpaar, das sie so kalt, so abschätzend musterte, dass sie voller Angst zusammenzuckte. Dieser Mann, der sie so bösartig anstarrte, erinnerte sie an die steinernen Statuen der Burg. Er war wie die Anderen seines Schlages, doch sein Gesicht war hart, seine Augen funkelten eiskalt und sein Körper schien angespannt zu sein wie bei einem Raubtier auf Jagd. Sie hoffte, dass nicht sie seine Beute werden sollte. Raven schien etwas zu bemerken, denn er legte schützend eine Hand auf ihren flachen Bauch und drückte diesen kurz.
„Was hat meine kleine Fee?“ Flüsterte er ihr ins Ohr und folgte ihrem Blick dann.
„Das ist der älteste Sohn des Dragons, Karak. Ich kenne ihn schon lange, du hast von ihm nichts zu befürchten, glaub mir.“ Wollte er sie beruhigen. Nun, dachte sie, das sehe ich anders und sie beschloss, diesem Mann vorerst, und wenn irgend möglich aus dem Wege zu gehen.
„Wir werden sie nach Avalla begleiten.“ Mit schreckgeweiteten Augen sah sie rasch zu ihm auf und etwas in ihrem Innern zog sich fast schmerzhaft zusammen.
„Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, ich werde immer an deiner Seite bleiben, das verspreche ich dir.“ Doch ihr Blick ließ ihn seine Entscheidung schon bereuen. Nun, jetzt war es zu spät die Einladung noch auszuschlagen, aber er beschloss sein Versprechen nicht zu brechen.
Der jüngste Sohn des Dragons, Jamihl, reichte ihnen ihr weiteres Mahl und alle aßen schweigend. Später am Abend, es wurde rasch kälter, drückten sich alle dichter ans Feuer und der Dragon ließ Raven noch einmal zu sich rufen. Raven hatte sein Lager, sehr zur Freude Alinas, etwas abseits aufgeschlagen. Diese schlüpfte schon einmal in die Felle, um hier auf ihn zu warten.
„Raven, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber warum spricht das Kind nicht. Seitdem du sie mit ins Lager brachtest sagte sie nicht ein Wort.“ Raven überlegte, wie er ihren Zustand erklären sollte, er erinnerte sich noch gut daran, wie sie auf den Namen Wolfskind reagierte. So sagte er vorsichtig und überlegend,
„Ich denke, sie ist von Geburt an stumm, sie versteht aber alles was gesprochen wird und sie ist sehr klug.“ Raven sah den Dragon unruhig an, erwartete er doch Hohn oder schlechte Bemerkungen auf das eben gesagte, doch dieser blickte nur ruhig über das Feuer zu ihr.
„Weißt du, wer sie ist, oder woher sie kommt?“ Raven sah nun ebenfalls zu ihr hinüber.
„Nein, ich fand sie oben im Norden, inmitten eines höllischen Schneesturms, sie irrte völlig allein durch die Berge und wurde fast von Wölfen getötet.“ Der Dragon wandte sich wieder an ihn,
„Nun, mein Sohn, das bezweifle ich.“ Sagte dieser vielsagend und Raven sah ihn überrascht an.
„Sie hat wunderschöne Augen,“ sprach der Dragon jetzt leise und versonnen weiter.
„Ich hatte einmal, ich war fast noch ein Knabe, Gelegenheit, in ein solches Augenpaar zu blicken. Sie war das schönste Geschöpf das ich je sah.“ Der Dragon schüttelte den Kopf, wie um die Erinnerung zu vertreiben und sah jetzt direkt in Ravens Augen.
„Sie gehört nicht zu uns, sie trägt das Blut der alten Völker in sich. Sag, mein Sohn, teilst du mit ihr die Wonnen?“ Raven schüttelte verwirrt den Kopf, was wusste der Dragon nur von ihr?
„Nun, du solltest es vielleicht tun, solange du noch Gelegenheit dazu hast. Ich denke nicht, dass du ihr dabei ernsthaft schaden könntest. Sie hat eine Aufgabe zu erfüllen und wir alle stehen nur am Rande des Ganzen.“ Eindringlich sah er Raven an, der das gesagte nicht richtig verstand.
„Du solltest gut auf sie achtgeben, denn auf ihren Weg werden ihr viele weitere folgen.“
„Was meinst du damit, Dragon, ich verstehe das alles nicht,“ Raven sah den Älteren jetzt hilflos an. Doch dieser schüttelte nur wieder vielsagend den Kopf.
„Das ist euer leid, das Leid der Jugend, das ihr nicht mehr auf die Alten und deren Geschichten hört,“ polterte der Ältere nicht unfreundlich, „oder sie einfach Vergesst. Ihr werdet uns nach Avalla begleiten, und dort werde sich euch alles Offenbaren, zumindest das, was ich darüber weiß, doch nun,“ damit winkte er ab,“ lass mich bitte allein, ich muss Nachdenken.“ Raven erhob sich und kehrte, immer noch vom eben gehörten verwirrt, zu Alina zurück und zog sie wieder fest in seine Arme. Wieso sollte sie eine Aufgabe haben? Und wenn, welche konnte das sein?
Und wer, bei den Göttern, folgte ihr? Und was bedeutete das mit dem alten Blut, mit den alten Völkern? Laut alter Legenden existierten diese schon lange nicht mehr. Raven sah den Dragon am Feuer sitzen. Ich glaube dir nicht alter Mann, dachte er und streichelte ihr dabei sanft übers Haar. Sie ist mein Leben, meine Liebe und nichts und niemand wird sie mir jemals wieder nehmen. Sie sah lächelnd zu ihm auf, froh, das er wieder zurück war und schmiegte sich jetzt eng an ihn. Später, als sie lange gemeinsam unter seinen Fellen lagen, sah er in ihre sonderbaren blaugrünen Augen und dachte noch einmal über die Worte des Älteren nach. Er hatte zwar Angst vor der Antwort, musste die Frage aber dennoch stellen.
„Ist es wirklich dein Wunsch, mich auf meiner langen Reise zu begleiten?“ Sie nickte ernst.
„Warum,“ er sah sie fest an, „warum willst du mich begleiten, bitte, ich muss es wissen.“
Sie hob eine kleine Hand zu seinem Gesicht und streichelte es zärtlich. Fuhr mit ihren kleinen Fingern seinen Zügen nach, nahm dann seine und legte sie vorsichtig auf ihre Wange. Diese Antwort verstand er sofort und glücklich lächelnd zog er sie fest in seine Arme. Doch beiden entging an diesem Abend das hasserfüllte blaue Augenpaar, das zu ihnen hinüber starrte und in dessen Kopf langsam ein dunkler Plan reifte.
Am Morgen, als sie das Lager abbrachen, ging alles sehr drunter und drüber, das Alina sich mit Absicht etwas abseits aufhielt. Mit Unruhe schaute sie dem Tumult zu. Doch plötzlich stand Karak in voller Größe hinter ihr und sah finster zu ihr hinunter.
„Du bist so jung und so schön, aber ich bin kein Narr wie Raven und alle anderen. Mich kannst du nicht blenden.“ Sie schrak herum und sah mit Angst und totalem Unverständnis zu ihm auf. Dieser packte ihren Arm und drückte mit Macht zu, hielt sie mit eiserner Hand fest. So sehr sie sich auch wand, sie konnte sich diesem starken Griff nicht entziehen.
„Du bist ein verfluchtes Menschenkind,“ spie er ihr entgegen, „nichts Besonderes oder Ungewöhnliches wie die alle glauben.“ Dabei nickte er wütend und voller Abscheu zum Lager.
„Du kannst Zaubern, sicher, sonst wüssten diese Narren ja auch welche Schlange sich an ihrer Brust nährt.“ Sie wollte fort, doch er hielt sich immer noch mit aller Macht fest.
„Bei mir wirkt dein Zauber nicht. Und, sei dir dessen stets bewusst, ich werde dich im Auge behalten, Hündin, und beim kleinsten Anzeichen das du irgendeine sonderbare Macht über meine Familie gewinnst, werde ich kommen und dich mit Vergnügen aus der Welt wischen.“ Damit ließ er sie jetzt los und sie rannte, so schnell sie konnte, zu Raven, den sie inmitten des Lagers stehen und mit einem der Männer reden sah. Ja, dachte Karak voller Abscheu, renne nur schnell zu deinem Beschützer, ich kann warten. Heute abend erreichen wir Avalla und dort bietet sich genügend Gelegenheit dir das zu geben was du verdienst. Kalt lächelnd betrat er wieder das Lager und begann seinen Brüdern beim Packen zu helfen. Alina erreichte Raven und fiel außer Atem neben ihm auf die Knie. Besorgt beugte er sich nieder und hob sie wieder hoch. Blass blickte sie zu ihm hoch.
„Kleine Fee, was ist mit dir, du siehst aus als wäre der Teufel hinter dir her.“
„Ich glaube nicht das der Teufel hinter ihr her ist,“ sagte der Rothaarige, mit dem er zuvor gesprochen hatte, „sondern mein Bruder Karak.“ Raven blickte über das Lager und entdeckte den Gemeinten beim verstauen seiner Schlaffelle. Sie sah zum Sprechendem auf und drückte sich ängstlich an Raven. Der Rothaarige sah aber nur zärtlich auf sie nieder.
„Ich heiße Ramahl, du hast von mir nichts zu befürchten, nicht alle von uns sind wie jagende Wölfe, glaub mir.“ Er berührte danach Raven sacht an dessen Schulter.
„Ich werde mal sehen, was mit ihm los ist. Haltet euch trotzdem etwas von ihm fern, er ist in letzter Zeit etwas Komisch geworden.“ Damit ging Ramahl durchs Lager auf Karak zu. Raven sah leicht verwirrt auf Alina nieder, wusste nicht so recht was er von alledem halten sollte.
„Du bleibst von jetzt an immer in meiner Nähe, denn, auch wenn ich jemanden lange zu kennen glaube, so kann ich doch nicht in seine Seele blicken.“ Alina sah zu ihm auf und nickte, niemals wieder würde sie von seiner Seite weichen, auch in seiner Welt lauerte überall Gefahr. Sie packten gemeinsam ihre Sachen zusammen um dann, mit dem Dragon und seinen Söhnen in den jungen Morgen nach Avalla zu fliegen.
Es war schon Mittag als Ramahl im Flug zu ihnen aufschloss und beide besorgt ansah.
„Ich habe versucht, mit Karak zu reden, doch es war fast unmöglich. Er sagte etwas in der Art wie, wir alle seien verzaubert und nur er kenne den Weg uns zu befreien, lauter solch ein Zeug.“
Raven spürte, dass Alina an seiner Brust leise nickte, und dabei zitterte.
„Ich habe schon mit Vater gesprochen und er hat Saalem,“ er deutete auf einen großen, blonden Mann, „gebeten, ihn etwas im Auge zu behalten. Doch seid versichert, dass wir alle auf euch achtgeben werden.“ Er entfernte sich wieder, doch schon kurze Zeit später ließ sich der Dragon sich im Fluge etwas zurückfallen um mit ihnen zu sprechen.
„Es hat mich betrübt zu erfahren, das einer meiner Söhne ein schlechtes Bild von euch hat. Nun, wie ihr sicher schon wisst, wird Saalem einen wachsamen Blick auf ihn haben und ich werde nach unserer Rückkehr selbst ein ernstes Wort mit Karak wechseln müssen. Dennoch, der Rest dieses wilden Haufens ist froh und glücklich das ihr uns begleitet und kann den Abend kaum erwarten, an dem ihr uns eure Geschichten erzählen werdet.“ Als der Dragon wieder fort war meinte Raven lachend zu Alina,
„Nun, wer, meinst du, wird den Abend wohl am meisten herbeisehnen?“ Alina amte daraufhin den Dragon nach und beide mussten sehr lachen.
Avalla
Sie flogen über einen langen, hohen Felsgrad und der sonderbare Geruch, den Alina schon seit geraumer Zeit in der Nase hatte, wurde immer stärker. Salzig und würzig lag er schwer in der sanft vom Wind bewegten Luft. Dann plötzlich fiel der Felsgrad steil in die Tiefe ab und unter ihnen erstreckte sich die dunkle, in der Abendsonne glitzernde See, die kraftvoll gegen die schroffe Küste brandete. Hoch türmten sich die Felsen über den dünnen streifen Strand, der vor ihm lag und der mächtig von der Brandung überspült wurde. Noch ganz verzaubert vom Anblick der sich ihr hier bot, hörte sie Ravens Stimme kaum.
„Sieh nach oben, kleine Fee, dort liegt Avalla.“ Sie tat wie geheißen und hielt unwillkürlich die Luft an. Avalla trohnte hoch auf der Spitze einer schmalen Landzunge, die ständig vom Meer umtost wurde. Es war ein Schloss wie kein anderes. Es hatte viele schmale, hohe Türme an denen bunte Fahnen fröhlich im Wind flatterten. Der Schlosshof wurde von vielen Gebäuden eingerahmt, die sich wie schutzsuchend an die dicken, das ganze Schloss umgebenden Mauern schmiegten. Das Haupthaus stand zentral hinter dem Hof, und dahinter konnte Alina kleine Gärten ausmachen, die aber, wie auch der Rest des Gemäuers, von hohen Mauern umgeben waren. Alle Gebäude waren mit breiten, ebenfalls bunten Stoffen geschmückt und die Dächer glänzten matt und rot in der untergehenden Sonne. Das ganze Schloss leuchtete in dieser wie in ein strahlendes Gold getaucht. So etwas Schönes hatte Alina noch niemals gesehen. Dann erklang noch ein tiefer, hohlklingender Ton, dem sich noch viele weitere anschlossen und Alina versank förmlich im gesehenem.
„Das sind Rinderhörner, in die sie blasen und so diese Töne erzeugen,“ erklärte Raven ihr, „sie begrüßen uns. Es ist wunderschön, nicht war?“ Sie nickte, völlig ergriffen. Raven sah schon aus weiter Entfernung die vielen Geflügelten, die den Schlosshof jetzt belebten, Männer, Frauen und viele Kinder erwarteten voller Ungeduld und Freude die Heimkehrer. Alina bekam wieder etwas Angst, es waren so viele und sie waren dabei auch noch so laut. Sie kannte das alles nicht und klammerte sich verzweifelt an Raven. Langsam glitt die Gruppe näher und Raven hielt Alina fest in seinen Armen. Sie landeten in mitten dieser und wurden sofort von einem lärmenden Pulk umschlossen. Alina hielt sich mit beiden Händen krampfhaft ihre Ohren zu und versuchte verzweifelt sich unter Ravens Arm zu verstecken. Dieser hielt sie fest und beruhigend an sich gedrückt. Ihm war nach seiner langen Einsamkeit auch nicht ganz wohl in dieser Menge. Doch dann erhob sich wieder des Dragons kräftige Stimme und die Menge verstummte langsam.
„Bitte, habt doch noch etwas Geduld.“ Seine Stimme erklang tief und volltönend.
„Wir sind wieder hier und haben auch liebe Gäste mitgebracht. Mein Neffe Raven wird einigen von euch sicher noch bekannt sein, doch seiner kleinen Gefährtin sind solche Versammlungen fremd und deshalb möchte ich euch bitten, jetzt die Vorbereitungen für unser gemeinsames Mahl zu treffen. Ich bin mir sicher, das Raven uns danach von seinen Reisen berichten wird.“ Die Menge wurde ruhig, aber zerstreute sich nur langsam. Neugierige Blicke wurden zu ihm und Alina geworfen, doch der Dragon blickte sich nur böse um und wandte sich danach wieder ihnen zu.
„Kommt, Freunde, begleitet mich in mein Haus, das nun auch euer ist.“ Sagte dieser nun ruhig und mit einer einladenden Geste zum Haupthaus und sie folgten den Dragon ins innere, begleitet vom hasserfüllten Blick Karaks, der etwas abseitsstand.
„Ich, Bruder, würde nicht einmal daran denken,“ meinte Ramahl im vorbeigehen zu diesem, „sie ist deinen Tot nicht wert, oder?“ Doch dieser schnaubte nur verächtlich und ging rasch fort.
Jamihl, ein fröhlicher, rotgelockter Bursche führte beide in ein großes, prunkvolles Zimmer.
„So, da sind wir,“ er lachte und deutete auf eine Tür am Ende des großen Raumes, „dahinter ist euer Schlafgemach. Vater meinte, es wäre besser ihr teilt euch die beiden Zimmer. Ihr könnt euch jetzt noch etwas ausruhen bis ihr zum Essen angekleidet werdet.“ Raven fasste sich aufstöhnend an den Kopf, wie konnte er diesen überflüssigen Brauch nur vergessen haben. Alina sah neugierig zu ihm auf. Raven blickte Jamihl grinsend an, und dieser lachte jetzt frech zurück.
„Besteht dein Vater immer noch auf diese alte Sitte?“ Fragte er, übertrieben Verzweifelt, aber immer noch grinsend den Knaben.
„Ja sicher, aber die Familie bleibt zum Glück jetzt davon verschont. Es betrifft nur noch die lieben Besucher.“ Lachend ließ der Junge sie allein, und Alina sah ihm fragend nach. Raven verspürte keine große Lust sich von einer Horde kichernder, alberner Mädchen waschen und danach ankleiden zu lassen. Außerdem, was wäre in dieser Zeit mit seiner kleinen Fee. Im Zimmer konnte sie nicht bleiben, sie hatte ihn noch nie ohne seine derbe Kleidung gesehen. Er konnte sich schönere Anlässe vorstellen, sich ihr zu offenbaren als von dummen, sich zuzwinkernden Mädchen umringt.
Doch, als der Augenblick gekommen war, musste er zugeben, das der Dragon an alles gedacht hatte. Es klopfte leise an ihrer Tür und als Raven sie hereinrief, betrat eine Gruppe älterer Frauen still ihre Gemächer. Sie wurden von seiner Tante Sonja angeführt, deren Blick, als sie den Raum betrat, sofort auf Alina fiel. Sie ging jedoch zuerst zu Raven und umarmte diesen herzlich.
„Raven, wie schön, dass du seid so langer Zeit mal wieder den Weg zu uns gefunden hast, sei Willkommen auf Avalla.“ Glücklich betrachtete sie ihn. „Du bist sehr stattlich geworden, junger Mann, aber nicht zu stattlich um deiner alten Tante nicht noch einen Kuss zu geben,“ lachte sie und ließ sich von Raven zart auf die Wange küssen.
„Sonja, ich freue mich auch, mal wieder einige Zeit hier verbringen zu dürfen,“ erwiderte er erfreut und führte sie danach zu Alina.
„Mein Gemahl erwähnte ihre Schönheit, aber das hätte ich nicht erwartet.“ Sonja blickte entzückt auf Alina herunter. Auch Sonja war groß und ihre Haltung entsprach der einer Schlossherrin. Ihre Haltung war stolz und erhaben, ihr Gesicht trotz ihres Alters noch schön, und ihre Züge klar. Nur ihre wilde, rote Mähne und die verschmitzt funkelnden, blauen Augen standen da im Wiederspruch zu ihrer Haltung. Diese ließen einen starken Willen, und ein ebensolches Temperament erwarten.
„Lieber Neffe, bitte verzeih mir, dass ich bei eurer Ankunft im Hof nicht zugegen war, aber meine jüngste, Sassa, liegt im Fieber und wir erwarteten ja keinen so lieben Besuch.“ Sie ergriff wieder kurz seine Hände um sie zu drücken. Dann sah sie wieder zu Alina.
„Na, Schatz, möchtest du heut Abend nicht besonders schön für den da sein?“ Sie zwinkerte Raven vergnügt zu, und während die anderen Frauen mit ihrer Arbeit begannen, einen Bettler in einen Fürsten zu verwandeln, führte die große, rothaarige Sonja Alina ruhig aus dem Raum. Diese blickte sich mehrmals ängstlich zu Raven um, und verstand nicht, was hier mit ihr geschehen sollte.
„Hab keine Angst, mein Kind, wir werden dich so schönmachen, das dir nachher alle Männer in der Halle zu Füßen liegen werden.“ Alina dachte kurz und mit einem schaudern an Karaks Worte, doch als Sonja sie entkleidete, sie ordentlich wusch, ihr das Unterkleid überstreifte und ihr anschließend das lange Haar aufsteckte, begann es ihr langsam doch zu gefallen.
„Mein Gemahl tat gut daran, mich zu bitten eines der Kinderkleider zu nehmen.“ Sie zog Alina schließlich das kleine, helle Kleid über den Kopf, verschnürte es danach sorgfältig an deren Rücken und drehte sie dann langsam zu sich herum.
„Du bist wunderschön,“ sagte die Ältere ergriffen, „wie eine kleine Elfenprinzessin. Möchtest du dich jetzt betrachten?“ Alina nickte schüchtern und Sonja führte sie zum hohen Spiegel des Ankleidezimmers. Verblüfft sah Alina in ihn hinein. Das Bild von ihr war so klar und deutlich, ganz anders als die Bilder von ihr im See, die sie sonst nur kannte. Ihr Haar war jetzt kunstvoll Aufgesteckt und nur eine dicke Strähne fiel ihr in sanftem Schwung auf den Rücken herab. Auf ihrer Stirn lag ein kleiner, blauglänzender Stein, der über eine dünne Kette mit ihrer Frisur verbunden war. Um den Hals und an jedem Handgelenk trug sie jeweils noch einen. Doch am meisten beeindruckte sie das Kleid, das sie nun trug. Es hatte die gleiche Farbe wie ihre Augen, irgendwie zwischen blau und grün, doch seine Farbe war blasser. Seine weißen Säume waren breit und aus kunstvoll gearbeiteter Spitze. Es war zudem überall mit diesen glitzernden Steinen besetzt, doch diese waren sehr viel kleiner als der auf ihrer Stirn. Alina betrachtete sich hingebungsvoll, und nur ganz leicht berührte sie ihr Spiegelbild, als würde es sich unter ihrer Berührung wie flüchtig auflösen. Sie konnte es kaum fassen, was die große Sonja aus ihr gemacht hatte.
„Oh,“ meinte diese noch, „ich habe noch etwas vergessen.“ Sie verschwand kurz im Nebenzimmer, tauchte aber bald wieder auf und hielt noch etwas in den Händen.
„Das sind Schuhe, sieh, man zieht sie über die Füße, Augenblick, ich helfe dir,“ sie zog Alina die kunstvoll gearbeiteten Schuhe an, „so, jetzt bist du fertig.“ Sie sah Alina liebevoll lächelnd an.
„Nun geh zur großen Halle und verdrehe allen meinen Söhnen die Köpfe.“ Alina nickte nur scheu und verließ still das Zimmer. Sie fand den Weg zur Halle allein, hatte aber ihre liebe Not mit den Schuhen, diese drückten sie und taten ihr schnell weh. Als sie sich einen Moment im Flur alleine wähnte, zog sie diese schnell aus und stellte sie in eine kleine Nische in der Wand, um sie später wieder holen zu kommen. Barfuss und ihr schönes Kleid vorn hochhaltend, wie Sonja es ihr gezeigt hatte, setzte sie rasch ihren Weg fort.
Als Raven die große Halle betrat, konnte er seine kleine Fee noch nirgends entdecken. Der große Raum war festlich mit Tüchern und Wandteppichen geschmückt und fast alle Familienmitglieder konnte er schon entdecken. Unter diesen auch Karak, wie er jetzt und erleichtert feststellte. Der Dragon winkte ihn zur langen Tafel, an der die meisten bereits saßen und ungeduldig auf den Beginn der Essen warteten.
„Komm, mein Sohn,“ meinte der Dragon grinsend, „setz dich zu mir. Deine Kleine ist noch nicht hier. Wahrscheinlich putzt meine gute Sonja sie heraus wie einen dieser kleinen, bunten Vögel deines Reiches. Nun, wir wissen ja, wie die Frauen sind.“ Raven sah den Älteren nun ebenfalls grinsend an und konnte es nicht bestreiten.
„Nach unserem gemeinsamen Mahl werden wir alle zum Jagdsaal gehen, um dort am Kamin deine Geschichten zu hören. Also, überlege schon mal gründlich, was du uns zum Besten geben wirst.“
Da betrat Alina leise und, wie sie gehofft hatte, möglichst unauffällig die große, hellerleuchtete Halle. Doch alle Gesichter wandten sich zu ihr um und die Blicke der Anwesenden blieben auf ihr haften. Ein leises Raunen ging durch die Anwesenden. Ihre Schönheit war an diesem Abend so blendend, so rein und strahlend, das alle Geflügelten, die hier beisammensaßen, sich immer an sie und diesen Abend erinnern würden. Raven blieb von ihrem Anblick wie verzaubert sitzen, während der Dragon sich lächelnd erhob und ihr ruhig entgegenging.
„Bei den alten Göttern, Sonja, du hast dich selbst übertroffen,“ raunte er. Als er sie erreichte, bot er ihr seinen Arm, den sie dankbar ergriff und führte sie durch die zurückweichende Menge.
„Komm, mein Kind, du musst hungrig sein und mein Neffe ist schon ganz verrückt vor Sehnsucht nach dir.“ Mit seinen Worten zauberte er ihr ein süßes Lächeln ins Gesicht und er dachte bei sich,
wenn die Götter mich über Nacht nur verjüngen könnten, Raven hätte eine ernsthafte Konkurrenz um ihre Gunst. Doch dann sah er den Blick, mit dem sie seinen Neffen ansah und begriff, dass sie wegen keinem Mann seines Volkes, egal ob jung oder alt, ihre Entscheidung überdenken würde.
Sie gehörten zueinander, egal, was die alten Legenden sagten.
Er brachte sie zur Tafel, übergab sie an Raven, nicht ohne dem leise zu bekunden, dass dieser mit offenem Mund einem gähnenden Schaf glich. Dann klatsche er laut in deine mächtigen Hände und rief dann, breit grinsend, dass jene, die jetzt noch nicht an der Tafel weilten wohl hungrig ins Bett müssten. Daraufhin begann das üppige Festmahl und die Speisen wurden der Reihe nach Aufgetragen. Alina war etwas verwirrt wegen der Vielfalt und dem ganzen Silberzeug, Essgeschirr, wie Raven ihr leise sagte. Das meiste kannte sie nicht und sie schaute während des ganzen Essens immer wieder zu Raven und tat es ihm gleich. Das Mahl dauerte lang und war sehr umfangreich. Angefangen von Fasan, über Schwein bis zum Rind, sowie viel Obst und Gemüse, eben alles, was der Stall und der frühe Garten jetzt schon hergaben. Männer wie Frauen unterhielten sich vergnügt und es wurde viel gelacht und gescherzt. Doch auch das längste Essen nimmt irgendwann ein Ende und so begab es sich, dass sich die Gesellschaft anschließend geschlossen und gesättigt ins Jagdzimmer begab.
Das Jagdzimmer war ein ebenfalls großer Raum, aber durch die ganzen Felle, welche die Wände und den Boden schmückten, sehr gemütlich und von dem Feuer im Kamin sanft erhellt. Im Feuerschein glänzten Waffen an den Wänden, und viele Gemälde, meist Darstellungen von Löwen, Wölfen oder Bären zierten diese zusätzlich. Alina fühlte sich hier, nach dem ganzen Trubel der vergangenen Stunden, wirklich wohl. Auf den dicken Fellen am Boden sitzend, wollten sie jetzt alle Ravens Geschichten lauschen. Dieser setzte sich nah ans Feuer, und Alina auf seinem Schoß haltend begann er langsam und ruhig zu erzählen. Angefangen damit, warum er sein Reich einst verlassen hatte um zu suchen was er lange nicht fand. Er sprach sehr leise, so das hier jetzt Stille herrschte, aber auch sehr ausführlich von den Dingen im Norden. Von den Menschen, die er dort überall vorfand. Von Veränderung, von Einsamkeit und Verfolgung und von der Ausrottung ganzer Volksstämme. Er berichtete von Plünderungen ganzer Dörfer und den Feuern, in denen die Menschen die Bewohner verbrannten, derer sie habhaft wurden. Er sprach auch von Alina und wie er sie fand. Es herrschte eine tiefe Stille im diffusen Licht des Saales, und alle lauschten seiner ruhigen, traurigen Stimme. Doch als er zu der Stelle seiner Geschichte kam, an der er und Alina auf die alte Burgruine und deren Inhalt gestoßen waren, ging ein entsetztes Raunen durch den Saal. Er schilderte ihr Erleben danach in allen Einzelheiten und wenig später herrschte bedrückende Stille im Raum. Der Dragon sah Raven ernst an und fragte diesen ruhig,
„Und du bist dir sicher, dass über dem Kamin zwei steinerne Figuren saßen die Männer unseres Volkes darstellten?“ Alina antwortete statt Raven mit einem nicken.
„Warum fragst du?“ Wollte Raven von ihm wissen.
„Nun,“ erwiderte der, „es gibt da eine alte Legende, nach der die Aufstände dort, in Ranguhl begonnen haben sollen. Es heißt in ihr, dass die Menschen sich erhoben, jedes Leben dort töteten und danach den schlimmsten aller Flüche über sie verhängten. Sie sollten tot, aber deren Seelen dennoch gefangene ihrer Körper bleiben. So sollten sie, ewig auf Erlösung hoffend, dort unberührt bis zum Ende der Welt ausharren.“ Der Dragon räusperte sich und schluckte die Trauer herunter.
„Es wurden auch die beiden Statuen erwähnt. Laut der Legende stellen sie die Wächter der Toten dar. Und erst, wenn sie fallen, finden auch die Seelen der Gemeuchelten ihren Frieden,“ der Dragon seufzte tief. „Nun, es mag auch nicht immer alles stimmen, aber es ist gut zu wissen, dass ihre verlorenen Seelen jetzt, nach so langer Zeit, von euch befreit wurden.“
Raven sah die Trauer in den Augen des Älteren und begann, den Rest seines Berichtes zu erzählen.
Nachdem er geendet hatte, senkte sich wieder tiefes Schweigen über die Anwesenden, von denen sich nach und nach einige erhoben und langsam die Halle verließen. Alina verstand die plötzliche Trauer nicht und dachte, sie sollten sich doch Freuen, der Befreiung der Seelen wegen. Doch, auch Raven hielt sie nur ruhig in seinen Armen und sah den Anderen mitfühlend nach. Alina wusste nicht um die Menschen, und wie weit diese jetzt schon vorgerückt waren. Wie eng der Platz jetzt für die alten Völker unter den Kreuzen wurde, und wenn nichts dagegen geschah, diese entgültig von der Welt verschwinden würden. Der Dragon erhob sich jetzt ebenfalls und trat auf beide zu.
„Kommt mit, ich möchte euch jetzt etwas zeigen.“
Er nahm eine der Fackeln von der Wand, führte sie aus dem Raum durch dunkle Gänge und eine gewundene, steile Treppe hinauf. In einem engen Korridor blieb er vor einer kleinen Tür stehen.
„Ich komme nicht mehr oft hier herauf, war wohl das letzte Mal vor Jahren hier, aber als ich dich sah, kleines Mädchen, fiel es mir sofort wieder ein. Ich möchte, das du es dir ansiehst.“
Damit schloss er die Tür auf und trat gebückt ein. Nachdem ein kleines Feuer im Kamin brannte sahen sich beide neugierig in der engen Kammer um. Sie stand voller alter Möbel, alter Gemälde, kaputtem Spielzeug, alten Kleidern und ähnlichem. Eben all den Sachen, die man irgendwann als überflüssig befunden und hier heraufgebracht hatte. Der Dragon ging zu einer der hinteren Ecken und zog einen großen, mit einem alten Tuch verhüllten Gegenstand hervor. Allem Anschein nach handelte es sich dabei um ein großes Bild.
„Komm, mein Kind, setz dich ans Feuer,“ bat er sie, und als sie saß stellte er es vor ihr nieder.
„Raven, ich sagte dir ich hätte diese Augen schon einmal gesehen. Ich war damals noch ein Knabe und spielte allein am Wald oben auf den Klippen, als eines dieser Wesen aus ihm hervortrat. Ich sah sie nur kurz, denn sie sind auch uns gegenüber sehr scheu. Dieses Bild ist aus meiner Erinnerung entstanden und ich sah nie wieder ein Wesen wie sie. Doch du, mein Kind, du hast ihre Augen.“ Danach zog er langsam das schmutzige Tuch fort.
Alina sah neugierig auf das langsam enthüllte Bild und blickte schließlich erstaunt in das schöne Anglitz ihrer Mutter. Der Dragon besah sich sehr genau ihre Reaktion und bemerkte bei ihr einen Ausdruck des Erkennens und des Schmerzes. Ja, sie kannte solche Wesen. War vielleicht sogar unter ihnen Aufgewachsen. Doch wie nahe er mit seiner Vermutung der Wahrheit kam, sollte er jetzt noch nicht erfahren. Auch Raven betrachtete das ungewöhnlich schöne Bild, doch auch ihm entging Alinas Blick nicht.
Das Bild war sehr gelungen und ausdrucksstark. Es zeigte ihnen den Waldrand mit der Wiese davor, so wie der Knabe sie einst sah. Auf der Wiese stand eine vom Sonnenschein umspielte, prachtvolle, leuchtend weiße Stute, auf deren Stirn ein kurzes, goldenes Horn prangte. Ihre lange, weiße Mähne wehte in einer ewigen Briese und ihre sonderbar blaugrün gefärbten Augen blickten ihnen voller Stolz und Erhabenheit aus dem Bild entgegen. Jetzt erst bemerkte Alina ihren Irrtum, dies war nicht ihre Mutter, aber zweifellos eine Schwester aus deren Volk. Mit Tränen in den Augen berührte sie ganz zart den gemalten Kopf des Einhorns und fragte sich wieder, warum Mutter sie verlassen hatte. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und schluchzte lautlos auf. Sofort war Raven bei ihr und schloss sie fest in die Arme.
„Warum tust du das, Dragon, warum quälst du sie so?“ Raven sah aufgebracht zum Älteren auf, doch dieser ignorierte ihn und wandte sich stattdessen an Alina.
„Es gibt eine alte Legende in der von einem Kind erzählt wird, einem kleinen, weißen Mädchen, das unter den Gehörnten aufwächst und später zur Führerin der Völker wird. Bist du dieses Kind?“ Er beugte sich zu beiden nieder, hob ihr Gesicht und sah ihr dann tief in die leuchtenden Augen, „ich muss es wissen, bist du dieses Mädchen?“ Sie sah wütend und mit tränennassem Gesicht zu ihm auf. Erst Mutter, dann der alte Drache und jetzt auch noch der Dragon. Alle erzählten ihr immer das gleiche, ob sie es hören wollte oder nicht. Warum sie? Sie verstand es nicht und auch wenn ihr Herz ihr sagte, das es alles stimmte, auch wenn sie tief in sich fühlte, dass sie alle recht hatten, gefiel es ihr nicht. Sie riss sich heftig von Raven los und stürzte aus der Kammer.
Sie floh durch die dunklen Gänge, fort von den Legenden, fort von ihrer Aufgabe, dem Versprechen, das sie ihrer Mutter einst gab, fort von alle dem. Verzweifelt fragte sie sich warum, warum sie, warum konnte sie nicht leben wie alle anderen auch, in Frieden und Glück? Wer hatte sie zur Führerin der Völker erkoren und immer wieder warum, warum. Sie liebte Raven, das wusste sie jetzt ganz tief in ihrem Herzen, doch durfte sie jemals mit ihm in Frieden leben, durfte sie jemals
mit ihm Glücklich sein? Sie bezweifelte dies und rannte weinend weiter durch die dunklen Flure. Schließlich erreichte sie atemlos ihre gemeinsamen Räume, durchquerte sie erschöpft und ließ sich müde und immer noch schluchzend auf das große Bett fallen. Raven traf kurze Zeit nach ihr ein und legte sich gleich ruhig zu ihr.
„Ist es wahr?“ Sie sah zu ihm auf und es lag soviel Qual, soviel Verzweiflung in ihrem Blick, das er spürte, irgendwie einfach wusste, das es stimmte. Seufzend zog er sie an sich, und sie barg ihren kleinen Kopf an seine Brust und weinte still weiter.
„Gut, du bist also die Führerin, du bist das Kind der alten Völker, das Kind des Lichtes. Aber welche Legende, welcher Zauber, welche Aufgabe soll uns je trennen können? Nichts und niemand wird uns daran hindern können, zusammen zu bleiben.“ Er streichelte ihr langsam und versonnen über das lange, weiche Haar.
„Du wirst mich zu meinem Reich begleiten und alle, die dir folgen, werden dort auch mit Freude aufgenommen. Dort wird für alle ein Platz zum Leben sein.“ Sie sah ihn nicht mehr ganz so verzweifelt an, doch immer noch glitzerten Tränen in ihren Augen.
„Ein Platz ohne Menschen.“
Neue Feinde
Sonja war am nächsten Morgen sehr beunruhigt und nach dem gemeinsamen Frühstück in der großen Halle trat sie zu Alina und schaute diese besorgt an.
„Der Dragon hat mir alles, was gestern abend geschehen ist, erzählt und ich habe ihn verflucht dafür,“ sie nahm Alina in ihre Arme, „es tut mir leid das du darüber so außer dir warst. Männer sind Trampel und besitzen die Mäuler von Rindern, entweder sie mahlen mit dem Gebiss oder sie brüllen nur dumm rum.“ Sie hielt Alina etwas von sich ab und lächelte jetzt.
„Komm, mein Schatz, du brauchst neue Kleidung,“ sagte sie wieder verschmitzt, „ich habe zwar fast nur Söhne, aber wir werden schon etwas Passendes für dich finden.“
Alina freute sich ehrlich und folgte Sonja gern durch das große, helle Schloss. Bei den privaten Gemächern blieb Sonja stehen und meinte nur kurz,
„Warte hier einen Augenblick auf mich, ich möchte noch einmal zu Sassa schauen.“ Damit betrat die große Frau einen der Räume und Alina schlich nach einiger Zeit leise näher und spähte durch die halb geöffnete Tür neugierig ins Innere des Raumes. Dieser Raum war zweifellos ein Kinderzimmer, liebevoll und hübsch Eingerichtet und dennoch spürte Alina, dass hier jetzt Dunkelheit herrschte. Langsam und still betrat sie das Zimmer und schaute sich zögernd um. Im angrenzendem Raum, dem Schlafzimmer der Kleinen, vernahm sie leise Stimmen und sie ging langsam näher.
„Samara, wie geht es ihr?“ Hörte sie Sonja grade sagen.
„Nicht besser, Mutter, ich fürchte das Fieber wird bis zum Abend noch höher,“ antwortete eine junge, sanfte Stimme und Alina betrat zögernd den sonst stillen Raum. Beide Frauen blickten sich zu ihr um, und wenn Alina jetzt nicht wüsste, dass diese Mutter und Tochter waren, würde sie beide für Schwestern halten, sosehr ähnelten sie sich. Doch strahlte Samara noch die Wildheit der Jugend aus, während ihre Mutter mehr in sich ruhte.
„Samara, das ist die Gefährtin von Raven,“ meinte Sonja ruhig, „und dies ist Samara, meine älteste Tochter.“ Beide nickten sich nur kurz zu.
„Wir waren gestern in der Halle nicht anwesend, weil Sassa, meine Kleinste, im Fieber liegt und wir bei ihr gewacht haben. Mögen die Götter diesen Fluch von ihr nehmen.“ Sonjas Blick wandte sich wieder traurig ihrer kleinen Tochter zu, die unter Fellen begraben in dem viel zu großen Bett lag. Alina ging langsam näher und betrachtete das kleine Wesen unter den Decken. Sie war nicht älter als drei Sommer. Ihre kurzen, blonden Locken klebten an ihrer feuchten Stirn und ihre kleinen, pummeligen Wangen glühten im Fieber. Die Augen wie im ewigen Schlaf geschlossen, ließ nur das sanfte heben und senken der Decke erkennen, dass dieses Kind noch lebte.
„Unsere Heilerin hat alles versucht ihr zu helfen, und wir haben die Hoffnung auch noch nicht aufgegeben, aber es steht langsam immer schlechter um sie.“ Sonja wischte sich mit einer knappen Bewegung eine Träne von ihrer Wange und Alina legte mitfühlend einen Arm um deren Schulter.
„Sassa ist unser aller Sonnenschein,“ Samara begann leise zu schluchzen, „wir alle lieben sie von Herzen, was soll nur werden, wenn sie uns verlässt.......“
Alina taten diese großen, stolzen Frauen in ihrer Machtlosigkeit dem Tod gegenüber unendlich Leid. Und sie bedauerte auch das kleine Töchterchen, das grade am Leben, dieses schon wieder verlassen sollte. Doch, Moment, Alina hielt inne und überlegte. Hatte ihre Mutter ihr nicht gezeigt, was nötig wurde, wenn sie die ersten Anzeichen des Fiebers bei sich selbst spüren sollte. Ja, und auch die passenden Kräuter hatte Mutter ihr früher mal gezeigt.
Alina ging zum Waschzuber hinüber, nahm einige der dort liegenden Tücher und tauchte diese ins kalte Wasser um sie danach kräftig auszuwringen und zum Bett zu tragen. Die beiden großen Frauen schauten ihr dabei ungläubig zu, machten aber bereitwillig Platz. Dieses Kind schien zu wissen, was es hier tat. Alina schlug die schweren Decken über dem kleinen Körper zurück und spürte erst jetzt die große Hitze, die von ihm ausging. Es blieb nicht mehr sehr viel Zeit, das wusste sie jetzt. Samara wollte protestieren, aber ihre Mutter hielt sie zurück.
„Lass sie, mein Kind, vielleicht kann sie ihr jetzt noch helfen.“ Und beide Frauen schauten verwundert zu, als Alina die kleinen, pummeligen Beine des Mädchens, eines nach dem anderen in die feuchten, kalten Tücher einschlug. Die dicken Decken warf sie kurzerhand neben das Bett und Sonja verstand auch ohne Worte, was dies bedeuten sollte. Alina bemerkte neben dem Bett eine Schale mit einer trüben Flüssigkeit, hob diese hoch, schnupperte kurz daran um den Inhalt dann angeekelt wegzuschütten. Auch diese Botschaft war für Sonja mehr als nur deutlich. Als Alina sie dann fragend anblickte und ihr die jetzt leere Schüssel hinhielt, glaubte sie auch das zu verstehen.
„Alles was du brauchst, findest du hinter der Küche in der kleinen Kräuter-Kammer,“ sagte Sonja nicht ohne Hoffnung in ihrer Stimme, „wir werden hier auf die warten, bitte, beeile dich.“
Und Alina beeilte sich, lief schnell und ohne zögern zu Kammer, und begann dort die Inhalte der Säcke, Tiegel und Töpfe zu untersuchen, bis sie schließlich fand, wonach sie suchte. Sie ging wieder in die Küche und begann unter den scharfen Augen der dort anwesenden älteren Frauen, rasch einen Sud gegen das Fieber zu kochen.
Später betrat sie wieder das Zimmer des kranken Kindes und wurde von Sonja und Samara schon erwartet. Doch diese waren nicht mehr allein, der Dragon, Raven und einige andere waren bei ihnen und blickten Alina erstaunt entgegen. Alina hielt einen Krug in ihrer Hand und reichte diesen jetzt an Sonja weiter, nahm die kleine Schüssel und füllte eine bestimmte Menge des Sudes dorthinein. Sonja bemaß die Menge sehr genau mit ihren Augen und blickte Alina danach fest an.
„Wie oft?“ Fragte sie diese nur und Alina hob eine Faust und zeigte mit der anderen Hand drei zarte Finger.
„Einmal am Tag drei Schalen, richtig?“ Fragte Sonja nur um sicher zu gehen und Alina nickte ihr lächelnd zu.
„Und die Tücher? Wechseln, wenn sie wieder warm sind?“ Und wieder nickte Alina, und freute sich sehr darüber, dass Sonja sie verstand. Dass diese große Frau einen solch scharfen Verstand besaß und ihr hierbei gänzlich traute.
„Gut, ich vertraue dir,“ sagte Sonja freundlich, „du bist vom anderen Volk und warum sollte nicht ihr Wissen in dir schlummern. Ich danke dir sehr.“ Und noch einmal umarmte sie Alina und drückte ihr einen festen Kuss auf die Stirn. Wenig später ließen Raven und sie die Familie allein. Obwohl Alina sich vorher noch davon überzeugte, das es Sassa schon ein wenig besser ging, sie nicht mehr ganz so glühend heiß war. Als sie später ihre Gemächer erreichten, lag vor der Tür ein kleiner Berg aus Kleidung, und als sie diesen Aufhoben und rein trugen, kamen Alina erst die Tränen.
Die Tage flossen dahin und langsam wurde es merklich immer wärmer.
Das Meer beruhigte sich von den Frühjahrsstürmen und alles um Avalla herum blühte jetzt langsam wieder auf. Die Tage der Stürme waren für alle immer sehr hart. Es gab zu dieser Zeit immer viel Streit und Zwietracht unter den Bewohnern und Raven und Alina verbrachten daher viel Zeit allein. Sie zogen fast täglich aus und erkundeten gemeinsam die Gegend rund um das Schloss. Dank ihrer neuen Kleidung fühlte Alina sich deutlich wohler und auch Raven spürte das zunehmend, wurde sie doch manchmal recht ausgelassen und tobte und alberte mit ihm in den Dünen oder am Strand herum. Beide waren jetzt sehr glücklich miteinander und auch die Schlossbewohner spürten dies und lächelten ihnen zu, wann immer sie ihnen angesichtig wurden. Alina haderte jetzt auch nicht mehr mit ihrem Schicksal, sondern fand sich damit ab. Raven stand immer hinter ihr, gab ihr das Gefühl, das sie ihrer doch großen Aufgabe gewachsen war, bestärkte sie und machte ihr immer neuen Mut. So begann sie jetzt, jeden Abend vor dem Schlafengehen alleine zu meditieren, um die Einsamen, die Gejagten und Vertriebenen zu sich nach Avalla zu rufen. Und nur zu dieser Stunde ließ Raven sie auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin allein. Tagsüber flogen sie oft weite Strecken hinaus, sammelten Rinden oder Kräuter auf dem Festland, oder jagten nach Fischen im Meer. Das war immer besonders lustig und machte beiden besonders viel Spaß, da Raven nur flog und Alina, die dabei ja immer unter ihm hing, die Fische schnell aus den Wellen packen musste. Das ging ziemlich oft daneben und beide wurden so immer sehr schnell nass dabei, aber es bereitete ihnen auch sehr viel vergnügen. So zogen die Tage im träumenden Schloss dahin und alle vergaßen darüber Karak oder die Gefahr durch die Menschen.
Der Tag war sehr warm und ruhig. Die Sonne stand noch hoch am Himmel, aber es war bereits weit nach Mittag als Alina und Raven von einem ihrer Ausflüge nach Avalla heimkehrten und er, wie immer mit wildem Flügelschlag in mitten des Schlosshofes landete, und dabei die arbeitenden Frauen jedes Mal zutiefst erschreckte. Alina und er mussten wie jedes Mal sehr über das Gemecker derer lachen. Als er sie abgurtete lief ein kleines Mädchen mit lustig hüpfenden, kurzen blonden Locken über den Hof und sauste, geschickt die Anderen umkurvend, mit ausgestreckenten Armen auf Alina zu.
„Lina, Lina,“ rief die Kleine dabei immer wieder, und Alina wunderte sich jedes mal von neuem über Sassa. Und wie die Kleine es verstand, mit ihr, auch ganz ohne Worte, sprechen zu können. Die Kleine lief, was die kurzen Beinchen hergaben und jeder der sie sah, freute sich das es ihr wieder gut ging, sie wieder völlig gesund war.
„Lina,“ keuchte sie jetzt und flog in Alinas Arme, die sie jetzt hochhob und sich einmal, zweimal und noch einmal mit ihr im Kreis drehte. Sassa quietschte dabei fröhlich und schloss danach ihre kleinen, dicken Ärmchen um Alinas Hals. Raven sah den beiden mit glücklichem Blick zu und verstand jeden, der Sassa augenblicklich ins Herz schloss nur zu gut. Hatte die Kleine doch die Fähigkeit, jedem ins Herz zu schauen und alles Schlechte darin verblassen zu lassen. Sie hatte seiner kleinen Fee sogar einen Namen gegeben, und Lina schien auch ihr zu gefallen, vor allem wenn die Kleine den ganzen Tag lang diesen Namen plapperte.
Alina hielt sie auch weiterhin auf dem Arm als Sonja rasch zu ihnen kam.
„Sassa,“ sagte diese, übertrieben erbost, aber auch lachend, „du sollst doch nicht immer weglaufen, du Trollkind. Ach, du bist eine Qual.“ Damit nahm sie Alina die Kleine ab, die über die Worte ihrer Mutter aber nicht sonderlich beunruhigt war und Alina auch weiterhin fröhlich anlächelte.
„Bitte verzeiht, Raven, der Dragon möchte dich gern sprechen, und ich bräuchte in einer äußerst schwierigen Angelegenheit dringend Linas rat.“ Ihr grinst und Augenzwinkern sagte Raven alles und er verabschiedete sich übertrieben höflich und verbeugte sich noch grinsend vor ihnen.
„Meine Damen.“ Dann ging er lachend, aber nicht ohne noch dem Apfel auszuweichen, dem Sonja ihm ebenso lachend hinterherwarf, über den Hof ins Schloss. Raven betrat die große Halle wohlgelaunt, wurde aber, als er den Dragon und seine Söhne dort zusammensitzen und reden sah, etwas beunruhigt.
„Raven, endlich, komm mein Sohn und setzte dich zu uns, wir haben vielleicht schlechte Nachrichten für dich und deine Lina,“ sagte der Dragon ganz frei heraus und Ravens Unbehagen wuchs zusehends. Er blickte stumm in die Runde, konnte in ihren Gesichtern aber nichts ablesen. Der Dragon räusperte sich jetzt und man spürte, das es ihm nicht leicht viel die passenden Worte zu finden. Ernst blickte er ihn an.
„Hör jetzt gut zu, mein Sohn, ich muss dir etwas nicht sehr gutes Erzählen und wenn ihr uns danach verlassen wollt, werden wir euch zwar nicht aufhalten können, aber auch nicht sehr Erfreut darüber sein.“ Er blickte Raven immer noch ernst ins Gesicht.
„Ich möchte, dass du zuvor eines weißt. Ihr beiden, du und Lina, gehören für uns alle zur Familie und wir möchten nicht, dass ihr uns verlasst.“ Der Schlossherr strich sich über seinen vollen Bart, holte tief Luft und begann zu erzählen. Karak war fort.
Er war einfach verschwunden, wie in Luft aufgelöst. Alle Familienmitglieder hatten ihn in diesem Frühjahr überall gesucht, in den Wäldern oberhalb der Klippen, in den Mooren dahinter, die Strände rauf und runter. Im Schloss war im Laufe der Zeit jeder Raum mehrmals durchsucht worden, vom Speicher bis zum Verlies, aber sie bekamen ihn niemals zu Gesicht. Saalem machte sich schwere Vorwürfe, sollte er doch Karak seinerzeit im Auge behalten und hatte diese Aufgabe, da die Tage auf Avalla so ruhig und friedlich verliefen, schnell vernachlässigt.
Wer wähnte sich schließlich noch in Gefahr? Doch Markan, einer der mittleren Söhne des Dragons, merkte an, das Karak vor seinem Verschwinden noch zu verstehen gab, dass er wiederkommen, und das beenden wolle, was einst begonnen hatte. Raven dachte mit einem Schaudern an die kalten Blicke, mit denen sein einstiger Freund seine kleine Fee damals, beim ersten Zusammentreffen gemustert hatte. Der Dragon gab dabei noch zu verstehen, das Karak sich in den letzten Jahren sehr verändert hatte, und selbst er nicht wusste, ob man diesen Drohungen glauben schenken sollte oder nicht. Vielleicht sei dieser ja einfach nur fortgeflogen um sich einem anderen Clan anzuschließen. Auch solches sei durchaus schon vorgekommen, auch wenn sich dabei normalerweise noch verabschiedet wurde. Raven war jetzt sehr beunruhigt und schwor sich innerlich, noch vorsichtiger zu werden und zukünftig immer die Augen offen zu behalten. Auch die anderen Männer versicherte ihm, das auch sie jetzt sehr Wachsam bleiben würden, und sobald man Karak doch noch habhaft werden würde, diesen nicht mehr aus den Augen zu lassen.
Karak heulte laut und voller Inbrunst den vollen Mond an.
Nachdem Saalem es irgendwann leid wurde, ständig hinter seinem Bruder herzusuchen, war dieser eines Nachts in die Wälder oberhalb der Kippen geflogen. Er hatte sich in der kleinen Höhle, die er schon seid Kindertagen kannte, verborgen, um sich auf das vorzubereiten, was jetzt seiner Meinung nach geschehen müsste. Früher, bevor der Alte begann zu ihm zu sprechen, war er ein stolzer, harter und gerechter Mann gewesen, der gut und weise jedem in Not half. Doch dieser Mann war fort und an seiner Stelle stand nun ein schmutziges, nacktes, hasserfülltes Wesen, das durch irr funkelnde Augen in die Wälder blickte. Seine Veränderung begann schon lange Zeit vor Ravens und Alinas Ankunft, doch mit dieser beschleunigte sie sich. Als Alina am ersten Abend in diesem schönen Kleid die Halle betrat, konnte er sehen und fühlen, wie sie es darauf anlegte, ihn und alle Anwesenden zu verzaubern, sie alle zum Bösen zu Verführen.
Doch der Alte sprach zu ihm, saß in seinem Kopf und schützte ihn, riet ihm zu fliehen. Später, wenn sie sich sicher fühlten, sollte er zurückkehren und dieser Hündin geben, was sie verdiente. Ja, er würde wie der Teufel in Person über sie herfallen, würde sie zuerst gefügig machen, sich an ihr erleichtern und sie danach in Stücke reißen. Dann ist meine Familie von ihr befreit, dachte er wütend, dann bin ich von ihr befreit. Denn sie spuke noch immer in seinem Kopf herum, hier nicht mehr so stark wie im Schloss, aber immer noch verhärtete sich sein Schritt, auch wenn er nur flüchtig an sie dachte. Es machte ihn verrückt, sie machte ihn verrückt.
Er hatte vergessen, warum er seine Kleidung abgelegt hatte oder wo, es war ihm auch gleichgültig, wichtig war, einzig und allein seine Aufgabe, die ihm ständig von dem Alten in seine Ohren geraunt wurde. So kam der warme, stille Abend, an dem er ins Moor flog und sich voller Vorfreude mit dunklem Schlamm einrieb. Der Tag war richtig heiß gewesen und in der Höhle wurde es tagsüber doch recht stickig, so genoss er den kühlen Schlamm auf seinen entblößten Gliedern jetzt sehr. Doch plötzlich hielt er inne und, zum ersten Mal seit zwei Jahren, füllten klare Gedanken seinen wirren Kopf.
Was hatte sie ihm eigentlich getan? Für was sollte sie bestraft werden? Was tat er hier überhaupt, völlig entblößt und schmutzig? Er schämte sich, seiner Äußerlichkeit wie seiner Verwirrung wegen und überlegte kurz, fort von Avalla zu gehen. Fort von seiner Familie und allem anderen und noch einmal neu zu beginnen. Dieser klare Moment war kurz und hier tat sich eine Kreuzung des Weges vor Karak auf, dem ersten Sohn und Erben des Dragons. Eine letzte Möglichkeit, wieder den richtigen Weg einzuschlagen, dem Bösen in ihm zu entkommen. Doch fast augenblicklich brüllte der Alte machtvoll in seinem kranken Geist auf, und er brach, voller Schmerz und sich den dröhnenden Kopf haltend, zusammen und lag danach stöhnend im Morast des Moores. Als er sich wenig später wieder erhob und in Richtung Avalla blickte, lag wieder dieser irre, entrückte Glanz in seinen kalten, funkelnden blauen Augen. Sein Weg war für ihn nun klar, und er würde ihm begeistert folgen.
„Heute Nacht,“ flüsterte er und hob wie in Trance wieder eine Hand voll Morast, „heute Nacht, kleines Mädchen, werde ich kommen um mein Versprechen zu halten.“ Der Mond funkelte kalt auf ihn nieder, als er sich nach und nach in den Dämonen verwandelte, der jetzt schon so lange und tief in ihm schlummerte. Sein erneutes Heulen klang schaurig über das nächtliche Moor.
Alina hatte sich an diesem Abend schon früh von der Abendtafel verabschiedet um in ihren Gemächern, wie jeden Abend allein zu meditieren. Raven sah dies nicht gern und war entsprechend unruhig, blieb aber dennoch bei dem Dragon und dessen Familie sitzen. Er wusste das Alina gern allein war, wenn sie die anderen nach Avalla rief. Doch er schaute immer wieder zur Treppe, die nach oben führte und lauschte jedem Geräusch sensibel nach. Die anderen am Tisch unterhielten sich, wie eigentlich jeden Abend, über die große Wanderung. Der Dragon erklärte grade, das wohl auch seine Sippe ihnen nach Baruth folgen müsse, da das Leben hier zu unsicher geworden war.
„Es wird mir sehr schwer fallen, Avalla, meine Heimat, zu verlassen, doch mir liegt auch das Wohl meiner Familie am Herzen und die Menschen rücken jetzt immer weiter hierher vor.“
„Aber Vater,“ meinte einer seiner jüngeren Söhne, Ristaar, mutig, „wir können doch Kämpfen, sie einfach verjagen, wenn sie vor unseren Toren stehen. Wir sind doch starke und mutige Männer.“
„Ja,“ erwiderte der Alte ruhig, „sicher könnten wir das, aber was, frage ich dich, geschieht danach? Glaubst du, danach hätten wir wieder Frieden? Nein, sie würden wiederkommen, immer zahlreicher, immer stärker und irgendwann würden sie die Mauern einreißen und uns alle Töten. Sieh deine Mutter an,“ damit deutete er auf Sonja, die etwas entfernt mit Sassa auf dem Schoß dasaß und spiele,
„Glaubst du, ihr würde es gefallen dich sterbend in den Armen zu halten?“ Ristaar senkte beschämt seinen Blick und der Dragon sprach weiter.
„Nein, ich bin euer Familienoberhaupt, Führer des Drachenclans, ich trage die Sorge um euer Wohl und deshalb müssen wir........“
Doch er sprach nicht weiter, denn alle hoben aufhorchend ihre Köpfe als der helle, markerschütternde Schrei klar und laut durch die weiten Korridore bis zu ihnen hallte. Instinktiv erhoben sich zuerst die Frauen, klang er doch so hilflos, so verzweifelt, so kindlich einsam, das ihre innersten Mutterinstinkte geweckt wurden. Die Männer der Runde erhoben sich auch, doch sie verharrten nicht wie die Frauen, sondern stürzten ihm nach. Sie hetzten durch die finsteren Gänge, nach ihren Waffen greifend, dem Schrei entgegen. Allen voran Raven und der Dragon. Dann verstummte er plötzlich, doch Raven beschlich eine dunkle Ahnung woher er gekommen sein könnte und er rannte ungebremst weiter den Weg auf seine und Alinas Gemächer zu. Die Männer folgten ihm ohne zögern. Der Schrei erklang wieder, doch dieses mal in Todesangst und Raven wusste plötzlich, dass seine kleine Fee dort um ihr Leben schrie.
Todesangst
Alina betrat wie immer leise ihre finsteren Räume.
Sie trat zum Fenster und atmete ruhig und tief die kühle Nachtluft ein. Dieser Abend war so still und heimlich, dass er ihr Herz erwärmte. Sie wandte sich langsam um, ging zum hinteren Zimmer und entzündete dort im Kamin ein kleines Feuer. Sie legte ihren Überwurf ab, so dass sie nur noch ein kleines Lederhemdchen und ihre Hosen trug, wusch sich danach gründlich und setzte sich auf ihr großes Bett. Sie hatte sich gerade in der Mitte des Bettes niedergelassen und ihre Augen geschlossen, als sie aus dem vorderen Zimmer ein leises Geräusch hörte. Alina blickte neugierig zur Tür, in Erwartung das Raven dort stehen würde, und sah einen Dämon ihr Zimmer betreten. Sie erstarrte in Todesangst.
Dieses Ding war schwarz wie die Nacht und starrte sie hasserfüllt an.
„Es ist schön, dass du uns ein Feuer gemacht hast, so haben wir es warm während wir tun, weswegen ich zu dir gekommen bin.“ Seine tiefe, sanfte, ja fast liebevolle Stimme stand im Gegensatz zu seinem Blick und täuschte sie auch nicht über die Gefahr hinweg, in der sie jetzt befand. Ihr Herz flatterte voller Panik. Sie dachte an Flucht, doch er war zwischen ihr und der Tür, dem einzigen Weg aus diesem Raum. Er kam jetzt näher und bewegte sich langsam und geschmeidig auf sie zu, ließ sie dabei aber nicht aus seinen glühenden Blick. Alina kannte ihn irgendwie, und das war fast noch erschreckender als der Zustand, in dem sich dieses Monster jetzt befand. Er stank so fürchterlich das ihr fast die Luft wegblieb.
„Du brauchst keine Angst zu haben,“ er überlegte kurz, „nun, doch, vielleicht ein bisschen, aber ich werde dir nichts tun, was dir nicht gefallen wird, außer deinem baldigen Tod.“ Seine tiefe und gutturale Stimme raunte die Worte, und Alina wurde darum fast verrückt, so erdrückend war diese sanfte Stimme verglichen mit seiner fürchterlichen, stinkenden Gestalt.
„Doch das ist, wenn wir miteinander fertig sind, eher eine Gnade für dich und dann auch schnell geschehen.“ Er trat in den Schein des Feuers und sie erkannte mit Schrecken, dass er unbekleidet und völlig verdreckt war und daher auch dieser starke Geruch rührte. Seine Augen glitzerten so voller Leidenschaft und Hass, so voller Vorfreude. Erst jetzt bemerkte sie seine unheilvoll aufgerichtete Männlichkeit, die sich ihr riesig und drohend entgegen reckte. Um die Funktion dessen wusste sie noch immer nichts, aber mit dieser drohenden Gestalt und dieser Stimme würde auch dieses nichts Gutes verheißen und instinktiv presste sie ihre Schenkel fest zusammen.
Sie sah ihn langsam auf sich zu kommen, ignorierte seine sanften Worte und wägte jetzt doch ihre Möglichkeiten zur Flucht ab. Ihr blieben aber keine, er war einfach zu groß und mächtig, und zu wachsam. Sie entschloss sich zum Angriff, obwohl sie wusste, dass es Aussichtslos war. Doch ohne Kampf würde er nicht das bekommen, was immer er von ihr wollte, und vielleicht tötet er mich auch gleich, dachte sie und spannte ihre Muskeln. Im Geiste aufschreiend warf sie sich ihm entgegen und versuchte ihn so zu Überraschen. Doch er war vorbereitet, böse auflachend fing er sie noch in der Luft auf um sie danach wieder hart aufs Bett zu schleudern.
„Nein, meine Kleine, so leicht mache ich es dir nicht.“ Damit sprang er ihr nach und warf sich auf sie. Ihr blieb die Luft weg und allein durch sein Gewicht nagelte er sie unter sich fest und zerrte jetzt entschlossen an ihren Kleidern. Er zog, er riss und schließlich lagen ihre Sachen verstreut um sie herum und sie, immer noch im Geiste schreiend, wehrte sich immer verzweifelter gegen diesen Dämon aus dem Schattenreich.
„Schreie nur, kleines Mädchen, für die Anderen bist du stumm, keiner wird dich hören oder nach dir sehen. Komm, Kleine, fühle und genieße meine Macht, lasse dich von ihr erfüllen, bis dein Ende gekommen ist.“ Er versuchte ihr mit aller Kraft die Beine zu spreizen, mit dem Willen möglichst schnell in sie einzudringen. Doch sie wand sich, trat und biss um sich und versuchte ihrerseits ihn mit allen Mitteln von sich abzuschütteln.
„Gut,“ er erhob sich ein wenig von ihr, „du willst es wohl nicht anders. Aber wisse, ich nehme auch totes Fleisch, wähle jetzt dein Ende selbst.“ Er berührte sie mit seinem harten, heißen Geschlecht und sie begann erneut wie verrückt zu zappeln und nach ihm zu treten.
Doch dieses Mal sprach er nicht mehr, sondern Biss ihr einfach nur tief in die Schulter.
Ihr geistiger Schrei war so voller Schmerz, so voller Qual, das sie schon glaubte ihn tatsächlich zu hören, doch er beendete ihre Marter nicht. Jetzt, da ihr Wiederstand des Schmerzes wegen etwas nachließ, strich er ihr zart über ihren flachen, nackten kleinen Bauch. Karak fühlte sich befreit und beschwingt, hatte er sein Ziel jetzt doch fast erreicht.
„Es ist ein Jammer, ich hätte dich gern unbeschädigt zurückgelassen, aber es war dein Wille.“
Damit Biss er wieder kraftvoll zu und ihr letzter Schrei verebbte langsam.
„Du bist wunderschön, Kleines, und ich denke, der Zeitpunkt von meiner Macht zu kosten, ist endlich erreicht.“ Doch er hielt plötzlich inne, auf die Geräusche horchend, die den Flur herunterkamen. Nein, dachte er wütend, ich habe meine Aufgabe noch nicht beendet. Noch einmal dachte er daran sie sich zu nehmen, doch es war sinnlos, sie waren schon zu nah. Er erhob sich schnell. Sie war bewusstlos, lebte aber noch, doch er war sich sicher das sie an den Wunden, die er ihr zugefügt hatte, bald qualvoll sterben würde.
Nun, dachte er, dann wollen wir denen einen Empfang bereiten, den sie nicht so schnell vergessen würden und er hob die blutende, schlaffe Alina hoch über seinen Kopf und sah dann böse grinsend zur Tür.
Raven stürzte, dicht gefolgt von dem Dragon und seinen Söhnen in seine Gemächer, durchquerte den Wohnraum und erreichte das hintere Schlafzimmer. Dort stoppte er abrupt, vom Entsetzen gelähmt und das Bild, das sich ihm bot, sollte für immer in seiner Seele brennen.
Überall klebte Blut und inmitten des vom Kamin erhellten Raumes stand ein riesiger Dämon, der sein kleines Mädchen hoch über den Kopf hob um es dann gegen ihn und die in der Tür stehenden Männer zu schleudern. Ihr zarter, kleiner Körper flog wie Wind durch die Luft und Raven fing sie leicht auf, wurde jedoch durch die Wucht rückwärts aus dem Zimmer geworfen. Er landete mit ihr in den Armen im Wohnraum, noch einige der hinter ihm stehenden Männer mit zu Boden reißend.
Er hielt Alina fest und bemerke ihre tiefen Wunden, besah sie mit Schrecken und stellte dann erleichtert fest, dass sie noch lebte und nur bewusstlos war. Dennoch liefen ihm, angesichts ihres Zustandes heiße Tränen über das Gesicht. Er war nicht bei ihr gewesen, hatte sie nicht vor diesem Monster geschützt. Raven brüllte in tiefer Qual auf und drückte seine kleine Fee fest an sich.
Der Dragon sah ins Schlafzimmer und erstarrte für einen Moment. Dann befahl er seinen Söhnen, die sich langsam wieder aufrappelten, dieses Monster zu fangen und in Ketten zu legen. Raven sah kurz zu ihm auf und meinte eine tiefe Trauer in dessen Blick zu sehen, als seine Söhne langsam und vorsichtig das Schlafgemach betraten, in dem auch für sie der Tod lauern konnte.
„Karak?“
„Später, erst kümmern wir uns um Lina. Wir bringen sie zu Sonja, sie ist bei solchen Wunden eine gute Heilerin und wird ihr Helfen können.“ Aus dem Schlafgemach drangen jetzt Stimmen und dann höhnisches Gelächter, schließlich Gepolter das von lauten Rufen begleitet wurde. Plötzlich stand der Dämon, von einigen der Männer festgehalten, im Türrahmen und sah hasserfüllt zu ihnen herüber. Auf den Boden spuckend sagte dieser leise,
„Niemand wird ihr noch Helfen können, sie wird endlich sterben und ihr werdet wieder frei sein.“
Er grinste Böse und sah Raven kalt und direkt in dessen Augen.
„Schade eigentlich, denn sie war wirklich gut, das kannst du mir glauben. Süßes Blut,“ sagte dieses Ding und leckte sich genussvoll über die Lippen. Raven legte, um Beherrschung ringend, Alina sanft zu Boden und sprang dann brüllend in Richtung des Monsters.
Der Dragon packte ihn hart und hielt ihn zurück. Presste ihn mit aller Kraft die er hatte an die Wand und flüsterte Raven ins Ohr, „So nicht, mein Sohn, glaube mir, es ginge zu schnell.“ Er hielt ihn mit eiserner Hand und brüllte zu seinen Söhnen,
„So schafft ihn doch endlich weg von hier und einer von euch sagt eurer Mutter, das wir sie hier dringend brauchen, los jetzt!“ Raven beruhigte sich erst, nachdem das immer noch heulend lachende Ungeheuer fortgeschafft worden war. Er zog seine kleine Fee wieder auf seinen Schoß und hielt sie weinend fest bis Sonja mit einigen der alten Frauen in den Raum stürzte.
Raven ging unruhig und nervös im schmalen dunklen Gang auf und ab.
Er gab sich die Schuld an alldem. Wenn er bloß bei ihr geblieben wäre, sie niemals allein gelassen hätte. Er hätte dieses Monster gnadenlos getötet und seine kleine Fee so retten können. Die Nacht war schon weit fortgeschritten und noch immer waren die Frauen bei Alina und versorgten ihre Wunden. Ihn hatte man sanft aber bestimmt aus dem Raum geschickt und das schon vor Stunden, wie es ihm schien. Eine dunkle Gestalt trat auf ihn zu und er erkannte den Dragon, der um Jahre gealtert schien.
„Raven, ich muss mit dir sprechen und das, was ich dir mitteilen muss, betrübt mich sehr. Doch du sollst es von mir erfahren. Wir wissen jetzt, wer ihr das angetan hat. Und du hattest recht, es war Karak.“ Der Alte schlucke hart und Raven sah ihn mitfühlend an.
„Karak war schon lange vor eurer Ankunft etwas sonderbar geworden. Er lebte wohl dort schon in einer fremden Welt, und als wir euch seinerzeit trafen verschlimmerte sich sein Zustand noch. Er redet jetzt lauter wirres Zeug, von Befreiung, von Hexen, von Heilung und lauter solchen Dingen. Er ist nicht mehr bei sich.“ Der Dragon seufzte tief und fuhr fort. „Ich bedaure das alles sehr und überlasse euch, nach unseren Sitten, die Möglichkeiten seiner Bestrafung zu wählen.“ Raven sah den Schmerz in Dragons Gesicht und er konnte seinem Schmerz nachfühlen, durchlitt er ihn doch gerade selbst.
„Weiß Sonja es schon?“ Fragte er nur.
„Nein.“ Traurig schüttelte der Alte den Kopf und fuhr leise fort, „ich weiß nicht, wie ich es ihr sagen soll. Es wird meiner Sonja wohl das Herz brechen.“ Als hätte diese ihn gehört, trat Sonja gerade aus dem Zimmer, in das sie Alina gebracht hatten und Raven stürzte zu ihr.
„Wie geht es ihr? Wird sie es schaffen? Kommt sie durch?“ Die Gefragte hob des Ansturms beschwichtigend ihre Hände und lächelte ihn müde aber zufrieden an.
„Es geht ihr ganz gut, sie schläft jetzt. Wir haben alles getan was wir konnten, aber sie wird Narben behalten, und die nicht nur auf ihrem Körper.“ Raven sah sie beruhigt, aber immer noch eindringlich fragend an. Sonja sah seine offene Frage, und dass er auf Antwort wartete.
„Nein,“ sie schüttelte nachsichtig seiner Vermutung wegen ihren Kopf, „sie ist rein und unberührt wie am Tage ihrer Geburt, dieser Dämon hat gelogen.“ Raven umarmte sie dankbar.
„Darf ich zu ihr?“ Fragte er leise.
„Nun geh schon, sei aber leise und lass sie schlafen, verstanden?“ Doch er war schon an ihr vorbei zum Zimmer gelaufen und leise zur Tür hineingeschlüpft.
„Männer,“ sagte sie grinsend und sah dann zu ihrem Gemahl. Sein Blick war traurig und verschlossen. Er wich ihrem fragenden Blick aus und nahm ihre Hand in seine,
„Komm, liebe Frau, ich muss mit dir Reden.“ Damit führte er sie fort.
Raven betrat vorsichtig und leise den Raum, in dem Alina schlief.
Ihr Gesicht war sehr blass und ihr Haar zum Teil noch von ihrem Blut verklebt. Er beugte sich vorsichtig über sie und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Danach ging er um die große Schlafstatt herum und schlüpfte auf der anderen Seite mit unter die Decke. Dicht rutschte er an sie heran und blieb liegen, sie still betrachtend. Der Gedanke, sie fast verloren zu haben machte ihm schreckliche Angst und er würde es sich niemals verzeihen können, nicht bei ihr gewesen zu sein.
„Dich trifft keine Schuld,“ flüsterte Alina schwach und ohne die Augen zu öffnen. Raven konnte sie nur sprachlos anstarren, so überraschten ihn ihre Worte.
„Es,“ sie hustete leicht, „es war nur meine Schuld, ich wollte nicht auf dich hören.“ Sie drehte ihm leicht den kleinen Kopf zu, blinzelte ihn einmal müde, aber sehr zärtlich an, und schloss danach langsam wieder die Augen.
„Kleine Fee,“ Raven blickte ihr voller Liebe ins Gesicht, „es tut mir so leid.“
Sie bewegte nur langsam ihren Kopf von einer zur anderen Seite und Raven kamen wieder die Tränen.
„Fast hätte ich dich verloren und dabei kenne ich noch nicht einmal deinen Namen,“ flüsterte er leise und unter Tränen. Langsam glitt ihre Hand unter der Decke hervor und er umschloss sie vorsichtig mit seiner eigenen.
„Alina,“ sagte sie so leise, dass er sie kaum verstand, „ich heiße Alina.“
Eine düstere Ruhe lag die nächsten Tage über dem Schloss, und der Dragon wie auch Sonja machten sich große Sorgen um Alina. Doch am meisten beschämte es sie, das es Karak war, der ihre guten Sitten der Gastfreundschaft so hinterhältig Hintergangen hatte. Was trieb ihren Erstgeborenen zu solchen Taten, fragten sie sich immer wieder, und mehr als einmal gingen beide zum Verlies hinab, um nach ihm zu sehen, und ihn genau dies zu fragen. Doch sie erhielten niemals eine Antwort. Angekettet wie ein Hund lag ihr Sohn dort auf dem Stroh, und immer, wenn er sie sah, fauchte und spuckte er nur in ihre Richtung. Auch die Wachen konnten nichts Anderes erzählen, außer das Karak mehr als nur verwirrt war. Der Dragon blickte seine Frau häufig hilflos an, und beide schämten sich sehr vor ihren Gästen. Und auch wenn Raven ihnen keine Vorwürfe machte, fühlten sich beide doch verantwortlich. So schworen sie sich, Karaks Taten an Alina wieder gut zu machen, und auch wenn Raven sie hier auf Grund Karaks Taten zurücklassen würde, so würden beide doch dafür sorgen, dass deren Abreise ohne Probleme von statten gehen könnte. Doch Raven dachte nicht daran, irgend jemanden des Drachenclans zurück zu lassen, oder Karaks tun jemand anderen anzukreiden, und so schüttelte er nur stumm den Kopf, als der Dragon ihn darauf ansprach. Diese Möglichkeit würde ihn nicht besser als diesen kranken Mann machen, und so winkte er energisch ab, was den Dragon und Sonja einerseits freute, sie aber andererseits auch noch mehr beschämte. So kehrte nach und nach der Alltag auf Avalla wieder ein, und alle nahmen dankbar ihre Tätigkeiten wieder auf, glücklich um jede Form der Abwechslung, und auch den Oberhäuptern der Drachen ging es mit jedem Tag wieder etwas besser. Als Alina endlich wiedererwachte, und auch sie ihnen keine Vorwürfe machte, distanzierten sich der Dragon und seine Frau dennoch öffentlich von allem Tun ihres Erstgeborenen, und schlossen diesen entgültig, aber auch schweren Herzens, aus ihrer Familie aus. Und auch wenn niemand, vor allem Raven und Alina nicht, darauf bestanden hatte, so sahen der Dragon und Sonja es dennoch als ihre Pflicht an, so mit Karak zu verfahren und ihrem Namen wieder Ehre zu verschaffen.
Dieser Morgen war mild und ruhig und Avalla lag im Schein der aufgehenden Sonne, erhaben und stolz über der Weite des Meeres. Noch lag das Schloss in tiefem Schlaf und außer dem branden der Wellen, die sich stetig an den schroffen Klippen brachen, lag Stille über dem Ort.
Alina stand in der leichten Meeresbriese auf dem Alkoven, der von ihrem Zimmer durch eine große Flügeltür zu erreichen war, und genoss die Ruhe und Stille. Sie hatte sich gut erholt, war aber noch von dicken Verbänden umwickelt. Und langsam störte diese sie, und auch dieses ganze Gewimmel das um sie gemacht wurde, gefiel ihr nicht besser. Auch sie dachte mit Schrecken an jene Nacht zurück, aber das lag jetzt, wie so vieles andere, hinter ihr. Raven wich seid diesem Vorfall nicht mehr von ihrer Seite, und seine Sorge um sie nahm fast krankhafte Züge an. Er wachte täglich an ihrem Bett, als sie so lange Schlief. Als sie endlich erwachte, kümmerte er sich so rührend um sie, dass sogar Sonja ihre Brauen hochzog und ihn bat, doch etwas kürzer zu treten und den Frauen nicht ihre Arbeit zu nehmen.
Ihre Liebe zu ihm wuchs beständig, und sie blickte sich kurz um und sah ihn noch im großen Bett schlummern. Ihren großen Riesen, der immer noch so voller Vorsicht steckte und sie immer noch nicht in Liebe berührt hatte, auch wenn sie es sich jetzt irgendwie herbeisehnte.
Doch heute früh war für solche Gedanken keine Zeit. Sie blickte wieder über das Schloss und die Landzunge zum Festland hinüber und wartete auf das, was sie dort, hinter dem Horizont, nahen fühlte. Sie kamen endlich.
Der erste Drache tauchte weit entfernt am strahlend blauen Himmel auf und glitt langsam näher. Gewaltig hob er sich vom Horizont ab, und mächtig ertönte sein Ruf über dem träumenden Schloss. Alina blieb, wo sie war und erkannte mit Freude den alten Drachen aus der Höhle, der jetzt, immer noch laut rufend, langsam näher flog. Mit mächtigen Flügelschlägen, die ihr langes Haar wehen ließen, setzte der große graue Drache zu Landung auf einem nahegelegenen Dach an. Zur Ruhe kommend und die Flügel langsam einschlagend beugte er seinen gewaltigen Kopf zu Alina herunter die ihn sanft anblickte.
„Ich habe dich erwartet“, sagte Alina mit zärtlicher Stimme zu ihm und streckte vorsichtig eine Hand zu ihm hinauf. Der alte Drache senkte seinen großen, schuppigen Kopf noch weiter zu ihr, bis sie sich zart berührten und sein brauner Blick sprach von Liebe und Güte.
„Und ich bin gekommen, kleines Mädchen“, sagte er mit tiefer Stimme, erhob sich wieder und schaute danach lange in die Ferne „und mit mir noch viele Andere“.
Raven schrak wegen dem Getöse aus seinem Schlaf auf und bemerkte Alinas Abwesenheit sofort.
Er setze sich auf und sah sie auf dem Alkoven. Erschrak aber zutiefst, als er des großen Drachen gewahr wurde, dessen Kopf sie grade berührte. Sie redeten, aber er konnte nicht verstehen, was sie sich sagten. Wieder hüpfte sein Herz vor Freude, das seine kleine Fee endlich sprechen konnte, und wieder schmerzte es ihn zu wissen, wie es dazu gekommen war. Doch jetzt verdrängte er die düsteren Gedanken an Karak und blickte, nicht ohne Unbehagen zum Alkoven. Er erhob sich und ging langsam näher zur Tür, wo er still der Worte lauschte.
„Mein Freund, werden es viele sein?“ Fragte Alina den Drachen grade.
Der Drache blickte kurz zu Raven und dann, mitfühlend, wieder zu ihr.
„Ja, kleines Mädchen, sehr viele....... alle sind deinem Ruf gefolgt....... und alle wissen um das, was dir hier wiederfahren ist. Wir bedauern dies sehr, waren aber noch zu weit entfernt, um dir hätten helfen können. Wie geht es deinen Wunden?“
Er blies ihr sanft seinen warmen Atem ins Gesicht und Alina lächelte ihn an.
„Sie verheilen langsam, und die Schmerzen gehen, aber, bitte, nehmt es den Leuten hier nicht übel. Eine verwirrte Seele macht noch kein Volk.“ Der alte Drache lachte rau und tief auf.
„Du weißt so wenig von uns, aber wir empfinden wie du, kleines Mädchen, und all das, was du fühlst, spüren auch wir, darum sei unbesorgt....... und schau, da kommt mein Volk.“
Der Drache hob seinen Kopf wieder und schaute erneut zum Horizont.
Auf dem Schlosshof herrschte jetzt ein wildes Durcheinander, und einige deuteten zu Alina und dem großen Drachen, die hoch über ihnen den Zug erwarteten. Der Dragon begab sich unverzüglich zu den neuen Gemächern der Beiden, stolz um dessen, dass sein Wappentier hier verweilte. Und nicht wenige folgten ihm. Der alte Schlossherr stellte sich zu Raven, der Tross blieb hinter beiden stehen und schaute neugierig durch die Tür.
„Hat es begonnen?“ Wollte der Ältere jetzt leise wissen, doch Raven ließ keinen Blick von Alina.
„Schau selbst, mein Freund.“ Hinter dem Horizont erhob sich ein Trompeten wie von tausend Fanfaren, und dann kamen langsam weitere Drachen in Sicht, flogen näher, und ließen sich schließlich lärmend auf den Zinnen hoch über dem Schlosshof nieder. Immer mehr kamen und es dauerte sehr lange, bis die Zinnen dicht an dicht mit Drachen jeden Alters und jeder Größe besetzt waren. Ihre Schuppen schimmerten in der frühen Sonne und die Menschen des Schlosses schauten ehrfürchtig auf ihre Clantiere, sich deren Stärke und Weisheit wieder bewusstwerdend.
Als dann Ruhe eingekehrt war, blickte der Alte wieder liebevoll auf Alina herab.
„Mein Volk, kleine Herrin, wir grüßen dich und werden dir folgen, wohin dein Weg uns auch immer bringt.“ Alina blickte ihn dankbar an, trat langsam an das Geländer des Alkovens und sagte mit lauter aber ruhiger Stimme,
„Seid gegrüßt meine Freunde, ihr geflügelten Herren der Lüfte, und habt Dank für den Glauben, den ihr in mich setzt. Ich weiß um das Ziel unserer Reise, und auch wenn der Weg dorthin noch weit und voller Gefahren ist, wird für jeden von euch dort ein Platz zum Leben warten.“ Die Drachen hörten ihren Worten aufmerksam zu und antworteten danach auf ihre Weise. Ihr langes Rufen war noch weithin zu vernehmen und jeder wusste jetzt, es hatte begonnen.
Fremde Völker
Und sie kamen. Alle der alten Völker folgten einander auf dem Fuß, einige freudig erregt, einige zweifelnd und wieder andere mürrisch und übellaunig.
Die Elfen kamen nach den Drachen, die sich bis zum Tag der Abreise in den Wäldern oberhalb des Schlosses zurückgezogen hatten. Mit ihren schlanken, zarten Booten kam dieses Volk aus beiden Uferrichtungen zum Schloss gesegelt und auch hier fand eine gegenseitige Begrüßung statt.
Als Alina die große Halle betrat bot sich ihr ein ungewöhnliches Bild. Einerseits die geflügelten Riesen, das große stattliche Volk und ihnen gegenüber das Waldvolk, ebenso klein und zart wie sie. Nur deren spitze Ohren zeigten ihr, das sie nicht zu ihnen gehörte.
Der König der Elfen war schon sehr alt, leicht gebeugt stand er in der Halle und seine prächtigen Gewänder funkelten im Schein der Fackeln. Er besaß ebenfalls das glatte, lange und weiße Haar seines Volkes, trug aber im Gegensatz der meisten noch einen langen weißen Bart. Alina trat demütig vor ihn und sank still auf ein Knie.
„Sei gegrüßt meine Tochter,“ sagte dieser liebevoll und berührte kurz ihre Stirn, wie um sie zu segnen, „auch wir folgen dir gern zur Neuen Welt. Ist in dieser doch kein Platz mehr für uns.“
Gütig schaute der Alte sie an, half ihr hoch und deutete dann auf den jungen Elf neben sich.
„Dies ist mein Sohn Raziell und ich möchte euch bitten, euch bei allen fragen unseres Volkes betreffend, an ihn zu wenden. Mein Leben ist nicht mehr lange und meine Zeit ist kostbar.“
„Auch ich grüße euch, mein König,“ sagte Alina, „und niemand wird euch eure Zeit stehlen. Wir respektieren euren Wunsch und werden uns mit allem Wichtigen gern an euren Sohn wenden.“
„Habt Dank Herrin, und verzeiht mir, aber meine alten Knochen schmerzen noch von der langen Reise, ich lasse euch meinen Sohn hier, würde mich jetzt aber gern zur Ruhe begeben.“
Alina nickte dem alten König nur still zu, und dieser wandte sich langsam um und verließ mit seinen Männern schweren Schrittes die Halle. Sie betrachtete den zurück gebliebenen Prinzen jetzt aufmerksam und dieser Erwiderte ihren Blick mit kühle und Verschlossenheit. Er war sehr gutaussehend, wie sie mit Erstaunen feststellen musste. Sein Gesicht strahlte eine kühle Arroganz aus und seine grünen Augen funkelten wach und aufmerksam. Nur etwas größer als sie trug er edle, helle Lederkleidung und war mit Langbogen und einem Köcher voller ebenfalls langer, doch dabei kunstvoll gearbeiteter Pfeile bewaffnet.
„Mein Prinz, seid auch ihr mir gegrüßt,“ sagte Alina zu ihm und verneigte sich kurz.
„Herrin,“ erwiderte dieser kalt und nickte ihr bloß kurz zu, „ich werde dem Wunsch meines Vaters entsprechen und mich hier um die Belange meines Volkes kümmern.“
Wieder nickte er nur kurz, drehte sich herum und ließ sie einfach stehen. Alina schaute ihm, verdutzt über diese Unhöflichkeit, stumm nach und wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte.
Der Dragon trat hinter sie.
„Arrogantes kleines Volk, diese Elfen,“ sagte dieser über ihre Schulter, ihm ebenfalls nachblickend, „glaubten schon immer, etwas Besseres zu sein als der Rest der Welt. Na ja, aber irgendwie wird unsere Reise uns schon einen, obwohl ich die Drachen von jeher lieber mochte.“ Dann stupste er sie freundlich in den Rücken.
„Komm Alina, sehen wir mal, wen es sonst noch hierhergetrieben hat,“ und beide verließen danach die große Halle. Raziell bat die Geflügelten später, ob sein Volk am Stand bis zum Aufbruch warten und lagern dürfte, und keiner sprach ihm diesen Wunsch ab.
Bei den Zwergen und Trollen war die Begrüßung schon anders. Viel hier eher deftig aus und diese freundlichen Gesellen hatten auch kein Problem damit, im Schloss untergebracht zu werden. Der Zwergenkönig, auch klein von Wuchs und mit Namen Korgard, bestach durch seine Freundlichkeit und seine Heiterkeit. Auch dies stand wieder gegen sein Äußeres. Wie alle Zwerge war auch er grobschlächtig, für seine Statur eher zu kräftig und mit derber Kleindung ausgestattet. Mit seiner starken Axt bewaffnet sprach dennoch viel Freude und Übermut aus seinem Blick. Mit braunem, langen Haar und einem dichten Bart gesegnet erschien sein Gesicht eher finster, doch glitzerte bei ihnen allen der Schalk im Blick und sie verbreiteten viel Heiterkeit und Vergnügen mit ihren Streichen. Gingen aber auch mit Rat und Tat jedem zur Hand. Ein Gesetz ihrer Gastfreundschaft, wie sie immer wieder lachend betonten.
Die Trolle waren auch sehr freundlich, und trotz ihrer grünen Hässlichkeit waren auch sie fröhliche und herzliche Geschöpfe, die einfach gestrickt, aber durch ihr Wissen um handwerkliche Belange durchaus geschätzt wurden. Doch hielt hier kein König das Zepter, sondern wurden die einzelnen Clane von jeweils einem Oberhaupt angeführt. Dies bedeutete für Alina viele Hände die geschüttelt werden mussten, denn alle wollten das Kind des Lichtes sehen und berühren.
Auch von Ravens Volk waren viele ihrem Ruf gefolgt, und im Schloss herrschte lange Tage ein Ah und Oh um die ganzen Verwandten und Freunde, die nach und nach Avalla erreichten. Alina kam kaum aus dem ganzen Händeschütteln, Umarmen und Begrüßen heraus und ein Trubel und eine Unruhe machten sich breit, das Alina sich die meiste freie Zeit in ihren Gemächern aufhielt, ja, fast dahin flüchtete. Zudem wartete sie sehr ungeduldig auf ihre Mutter und deren Volk. Doch auch nach zehn Tagen des Wartens tauchte von ihnen nicht einer auf, und Alina machte sich langsam doch große Sorgen um das Wohl der Gehörnten. Die Reise zum Süden war weit und beschwerlich, und der Weg gespickt mit den Orten der Menschen. Konnten sie es überhaupt bis nach Avalla schaffen? Diese einsamen, scheuen und zarten Geschöpfe des Waldes. Wie sollten sie sich fühlen, wenn sie der Welt der Menschen gewahr wurden. Alina betete still, dass sie nicht aufgeben mögen auf ihrem Weg zu ihr, und damit in eine Neue Welt.
Raven betrat schließlich leise ihr Gemach und lächelte Alina wissend an.
„Sind sie hier?“ Sie sprang vom Bett auf und lief zu ihm, „bitte, sag mir das sie hier sind.“
„Komm, kleine Fee, deine Familie hat uns eben erreicht“, sagte er und nahm ihre Hand.
Sie gingen zur großen, jetzt leeren Halle, wo nur ein sichtlich berührter Dragon und eine leicht verwirrte Sonja sie erwarteten.
Vor ihnen stand in einiger Entfernung ein ruhiges, schimmerndes und kraftvolles Einhorn, und Alina erkannte sofort ihren Vater. Raven blieb beim Dragon stehen und Alina trat allein vor ihren Vater. Sie kniete dicht vor ihm nieder und sah ihm in sein schönes, doch recht kühles Gesicht.
„Vater.“ Sagte sie nur leise.
Er blickte lange und stumm auf sie nieder, und sie erkannte in seinem Blick die bekannte Kälte, mit der er sie immer gemustert hatte. Aber da war auch noch etwas Anderes in diesem Blick. Eine unterschwellige Trauer, eine Einsamkeit, die ihr das Herz umklammerte.
„Anandialla, deine Mutter, hat dich seinerzeit bei unseren Streifzügen durch unseren Wald gefunden,“ begann dieser ruhig zu sprechen, „du warst nur ein kleines, zurückgelassenes nutzloses Bündel, aber sie liebte dich vom ersten Moment an. Du warst immer ihr Sonnenschein, ihr Odem zum Leben und sie hat dich, gegen meinen ausdrücklichen Willen, zu unserer Tochter gemacht. Sie hat dich aufgezogen, dich erzogen und dich unser altes Wissen gelehrt. Du gehörtest niemals zu uns, so wie du zu keinem Volke je gehören wirst. Aber sie hat recht getan sich an die alten Sagen zu erinnern, und ich lag im Unrecht.......“
„Vater, bitte......“ bat Alina mit Tränen in den Augen.
„Unterbrich mich nicht, Kind,“ erwiderte das Einhorn ernst, „Anandialla hatte schon immer ein waches Auge, und trotz deines menschlichen Aussehens hat sie immer erkannt, was in dir schlummert. Ich war Blind durch meinen Hass auf die Nichtfühlenden. Auf diese Scheusale, die meine Welt zerstört haben, mir das genommen haben, was ich am meisten liebte. Doch nur durch meinen Hass wurde ich wie sie und habe dich Zeit deines Lebens nur verachtet und abgelehnt........ verzeih mir, meine Tochter.“ Sein Kopf senkte sich zu ihrem Gesicht und seine kühlen weichen Nüstern streichten sacht über ihre Wange.
„Ich bin sehr Stolz auf dich, mein Kind, und alle Mitglieder meines Volkes haben deine Rufe gehört und werden dir folgen.“ Damit drehte er sich langsam um und schritt ruhig durch die Halle zur großen Flügeltür, die zum Schlosshof hinausführte. Alina blieb, wie versteinert um das eben gehörte, knien und blickte ihm traurig nach. Ohne noch einmal zurück zu schauen blieb er auf halbem Weg stehen und hob leicht den Kopf.
„Deine Mutter ist tot, sie starb vor einigen Monden durch Menschenhand und wir sollten bald aufbrechen, denn die Menschen sind schon sehr nah.“ Damit verließ er ruhig die große Halle.
Alina konnte das, was sie eben gehört hatte, nicht fassen. Nicht glauben, dass ihre liebe Mutter nicht mehr lebte. Sie versank in mitten der Halle in tiefes Schluchzen und Raven, der Dragon und auch Sonja eilten zu ihr um sie zu trösten.
Vargor blickte voll düsterer Bitterkeit über die langgezogene, sonnige Ebene, die sich unter dem Hügel, auf dem sich sein Zelt befand, weit, fast bis zum Horizont erstreckte. Überall auf der Ebene erblickte er die Lager der anderen Könige, oder besser deren Vasallen, die diese ihm zur Unterstützung geschickt hatten. Die Fahnen der einzelnen Reiche flatterten fröhlich im lauen Wind und kennzeichneten die einzelnen Lager. Er kannte sie alle. Jedes der einzelnen Wappen konnte er fast mühelos zuordnen, und ihm wurde bei dem Gedanken, warum sie alle hier waren, das Herz schwer. Wieder blickte er düster brütend hinaus, und betrachtete müde das geschäftige Treiben dort unten zwischen den vielen Zelten. Dort wurden Scharmützel geprobt, Waffen geschärft oder gar neu geschmiedet, Pferde erzogen, und Sattelzeug geputzt. Nur widerwillig drehte sich langsam um und betrat wieder sein dämmriges Zelt, in dem die Obersten seiner, wie auch der anderen Truppen ungeduldig auf ihn warteten. Stimmengewirr scholl ihm entgegen als er in das düstere Zwielicht trat, und mehr als ein Kopf beugte sich über die Karten, die auf dem großen Tisch in mitten des großen Zeltes lagen. Vargor trat ruhig und langsam heran, und fast augenblicklich richteten sich alle Blicke auf ihn und die Gespräche verstummten. Er war ein großer und harter Mann, seineszeichens König des Südlandes, doch er fühlte sich langsam alt und zu müde zum regieren. Sein fester, blauer Blick musterte die Anwesenden kurz, aber eindringlich, doch dann wandte er sich seufzend ab.
„Nun,“ fragte er resigniert, „zu welchen Schlüssen seid ihr gekommen?“ Dabei ließ er sich auf seinen hohen und prunkvollen Stuhl sinken. Seine Bürde wurde mit jedem Jahr schwerer. Ja, früher, dachte er, da war es noch leichter gewesen, und niemals störte ihn oder seinen Vater die Anwesenheit der Geflügelten, oder gar der sonstigen Andersartigen. Doch auch in seinem Reich spürte man mit den Jahren den Frevel, den die anderen Menschen diesen antaten. Und auch wenn hier immer Ruhe herrschte, brodelte hier ebenso schon bald der von der Kirche geschürte Hass der Menschen gegen die Andersartigen. Immer unter dem Banner des Kreuzes zogen ganze Heerscharen gegen die alten Völker, doch er konnte sich dabei immer heraushalten. Doch jetzt sammelten die Anderen sich an den Ständen seines Reiches, ob zur Flucht, oder zum Kampfe, er wusste es nicht. Der Druck der anderen Könige auf ihn nahm beständig zu, man müsse diese Brut ausrotten, und überall bekämpfen, wo man deren Angesichtig wurde, so ließen sie ihn wissen. Schließlich beugte er sich mit innerer Qual deren Macht, und deren Drohungen, und versammelte langsam seine Truppen hier auf den Wiesen. Dennoch hatte er nicht wirklich vor, die Anderen anzugreifen, spürte er doch irgendwie, dass diese ihre Welt verlassen und nicht zerstören wollten. Doch wie zum Hohn schickten ihm die anderen hasserfüllten Könige deren Truppen zur Unterstützung, wie sie sagten, doch er ahnte, dass diese um seinen Wankelmut bezüglich der anderen Völker wussten. So befand er sich jetzt nicht mehr in der wartenden Position, sondern wurde von den Obersten der anderen Reiche mehr oder weniger zum Handeln genötigt. Groß und kräftig, in voller Kampfkleidung und mit zurückgebundenem rotblondem Haar saß er da und wartete. Schelhem, sein Oberster Kriegsherr trat vor, räusperte sich, und begann, ihm die Tatsachen zu erklären.
„Sie sammeln sich,“ erklärte dieser ihm, „in der Drachen-Feste, am südlichen Ausläufer der Ktar-Berge. Wir wissen von Elfen, Drachen, Trollen und Zwergen. Welche Völker sonst noch steht in den Sternen, und auch über die genauen Kopfzahlen haben wir keine eindeutigen Kenntnisse. Zudem scheinen diese keinen Angriff zu planen, sondern eher eine Art abreise zu vollziehen. Aber wir sollten mit unserem Angriff nicht mehr all zu lange hinauszögern, wenn wir dieses Pack noch vernichten wollen.“ Sicher, dachte Vargor bei sich, so ein letzter Krieg passt dir sicher gut in den Kram, du Maulheld. Er mochte seinen Obersten nicht sonderlich, fühlte sich einem Streit gegenüber aber auch nicht gewachsen, so blickte er ihn nur ruhig an.
„Herr?“ Fragte dieser ihn nun, und jetzt war es an Vargor, sich müde zu räuspern.
„Gut,“ sagte dieser jetzt ruhig, und fast zu leise, „die Truppen sollen sich sammeln und zum Aufbruch bereithalten. Der Weg bis zur Drachen-Feste ist noch weit.“ Sagte er und dachte, vielleicht haben die anderen es bis dahin geschafft, diese Welt der Schrecken zu verlassen, und ich wünschte, ich könnte sie begleiten. Die Männer verließen ihn jetzt eiligst um die Nachricht des baldigen Aufbruchs an die Truppen weiter zu geben. So blieb er allein in seinem Zelt zurück, und starrte wieder brütend in das Dämmerlicht, als könnte er so das unvermeidliche noch irgendwie Vermeiden.
Raven teilte Alinas Schmerz. War doch auch seine Familie im fernen Reich und wartete dort auf ihn. Doch sie war sehr verzweifelt, fühlte sich sehr einsam und kam nur langsam aus des Schmerzes Umfesselung heraus. Er blieb wieder dicht in ihrer Nähe, zog sie bei jeder passenden Gelegenheit auf seinen Schoß, streichelte und liebkoste sie. Des Nachts, wenn sie unter ihren Fellen weinte, zog er sie an sich und versuchte, ihr so etwas von seiner Wärme zu geben. Doch Alina bleib traurig und in sich gekehrt, und das Treiben, die Aufbruchsstimmung, nahm sie nur am Rande wahr....... sie vermisste ihre Mutter schrecklich.
„Kleine Fee, kleine Alina, wie gern würde ich dir durch den Schmerz helfen.“ Er hielt sie im Arm und durch die offene Tür drangen die Geräusche und Gerüche vom Schlosshof herein. Der Abend war mild und der Tag des Aufbruches rückte beständig näher. Sie blickte ihn voller Liebe an.
„Raven....... mein geflügelter Riese.... mein Prinz …. ich weiß, und darum Liebe ich dich auch so sehr.“ Sie streichelte über sein schönes Gesicht und blickte ihm in seine dunklen Augen.
„Ich wünschte, ihr hättet euch gekannt…. sie hätte Gefallen an dir gefunden.“ Damit wandte sie sich ab und kuschelte sich noch tiefer in seine Arme.
„Erzähl mir von ihr,“ bat er. Sie schaute lange in den dunkler werdenden Himmel hinaus.
„Sie war wunderschön…. noch schöner als das Bild des Dragons auf dem Speicher. Sie war fast von silberner Färbung, so wie eure Beschläge, oder die Klingen eurer Schwerter. Und ihr Haar war weiß, so wie meines. Ihre Augen hatten auch fast die Farbe von meinen, nur etwas heller. Sie war so sanft... so leuchtend....... so rein. Und sie konnte so werden wie ich…“ flüsterte sie jetzt, „weißt du, einige von ihnen können ihre Gestalt verändern........ nur für kurze Zeit, und nicht alle besitzen diese Gabe. Vater konnte oder wollte es nie....... aber Mutter hat es immer Freude bereitet so zu sein wie ich, und wir hatten dann auch immer sehr viel Spaß zusammen.“ Sie wischte sich langsam eine Träne aus dem Gesicht.
„Hatten deine Eltern eigene Kinder?“ Fragte Raven sanft und begann ihren Arm zu streicheln.
„Nein, Mutter hatte mir immer erzählt, dass ein Einhorn aus einer reinen, versteckt liegenden Quelle geboren wird und die Alten sich dann seiner annehmen. Es erziehen würden, bis es sich einen eigenen Wald sucht, diesen dann mit seinem eigenen Zauber schmückt und eine neue Quellen findet...... bis der Kreis sich wieder schließt.“
„Aber lieben können sie?“
„Ja, aber mehr sich selbst........ ich meine, mehr ihre Rasse. Sie bleiben da lieber unter sich. Mutter war eine Ausnahme, und in der Herde gab es meinetwegen auch immer wieder Probleme. Darum war Vater auch immer so, so kühl und zurückhaltend zu mir.“ Alina weinte jetzt und Raven verfluchte sich seiner Fragen wegen.
„Meine kleine Fee…“ er drehte ihr Gesicht sanft zu sich herum und küsste sie ganz zärtlich, „es tut mir leid, ich wollte dich nicht traurig machen.“ Sie blickte ihn traurig an.
„Wir werden bald aufbrechen,“ flüsterte sie, „und vor uns liegt ein ganzes Meer. Ein ganzes Meer der Stille und der Tränen.........“
So lagen beide, jeder in seinen Gedanken, dicht beieinander als der Mond sich langsam über den Horizont schob um auch diese Nacht wieder in sein kühles Licht zu tauchen.
Der nächste Morgen war warm und ruhig.
Die Vögel sangen und auf Avalla herrschte wieder geschäftiges Treiben.
Die Zwerge und Trolle hatten die letzten Wochen damit zugebracht, Schiffe für sich, das geflügelte Volk und die Trolle zu entwerfen und zu bauen. Die kühlen Elfen sorgten sich wenig um die anderen. Hatte sie doch schon ihre Schiffe zum Herkommen genutzt und außer einigen Einhörnern würde nichts mit kurzen Haaren ihre Schiffe je betreten, da waren sie sich einig. Belustigt schauten sie dem Treiben der anderen zu und mit Amüsement blickten sie auf die, doch recht groben Schiffe, dieser auch recht groben Schiffbauer. Waren die Schiffe der Elfen doch leicht, schnell und dabei noch elegant, während die Schiffe, die gerade gebaut wurden, diesen in nichts ähnelten. Dies hielt die Elfen ausreichend bei Laune, denn diese konnten bei Langeweile doch recht viel Unsinn machen. So waren die restlichen Völker doch recht beruhigt und die Arbeit ging unbehindert von statten. Soweit halfen auch alle Tatkräftig mit, und selbst Raven war mit Freude dabei. Tat ihm die körperliche Arbeit doch recht wohl nach der ganzen Zeit der Muße und er arbeitete unverdrossen und mit viel Einsatz. Dabei hielt ihn die Arbeit auch etwas von seinen Gedanken und Gefühlen für Alina ab. Diese eine Nacht der Gespräche hatte ihm fast die Beherrschung gekostet, und er war jetzt um jede Form der Ablenkung sehr dankbar. Der Dragon ging ihm grade zur Hand, und gemeinsam versuchten sie den Mastbaum zum letzten Schiff zu bewegen.
„Na, mein Sohn, bist du schon weiter?“ Stöhnte der Dragon etwas abgehackt von der Last und nickte zu Alina, die weiter weg am Strand saß und zum Meer hinausschaute.
„Wie meinst du das?“ Stöhnte Raven nicht minder Angestrengt zurück.
„Na, du Dummkopf, ich mein die Wonnen,“ grinste der Alte schnaufend zurück, „euch kann man ja bald nicht mehr zusehen, tanzt wie zwei Halbwüchsige zur Mittsommer um einander herum, aber weiter geht ihr nicht.“ Der Stamm bewegte sich etwas unerwartet, und Raven kam ins Taumeln und setzte sich etwas unsanft auf seine Hosen.
„Gott, habt ihr auch noch etwas Anderes im Schädel?“ Schnauzte Raven, doch er musste auch lachen „nur der Flügel und das Gemächt beschäftigt mein Volk....... ich armer Mann, habt ihr es überhaupt verdient, gerettet zu werden?“ Jetzt war es auch am Dragon laut los zu Lachen, was eher einem brüllen glich.
„Na na, Jungvolk........ schau mich an, ich habe viele Kinder, etliche Enkel und unzählige Bastarde....... ich bin ein reicher und glücklicher Mann,“ der Alte lachte wieder laut los, „und was hast du dagegen? Also, wenn ich diese Blicke von ihr bekommen würde........ ehrlich, ich würde nicht mehr lange warten.“ Er half Raven auf und schlug ihm dabei so kraftvoll auf dessen Rücken, dass diesem erst mal die Luft wegblieb.
„Und wachsen wird sie auch nicht mehr, warum dann also noch weiter warten. Irgendwann kommt dann ein anderer des Weges. Warte nur lange genug und du bist sie los. Sie ist vom alten Volk, du wirst ihr also nichts antun können.“ Der Dragon sah ihn fröhlich an, auch ihm tat die Arbeit gut.
„So wie Karak meinst du?“ Raven sah den Alten ernst an.
„Verflucht,“ der Dragon wurde jetzt auch schlagartig ruhig und seine Fröhlichkeit war wie weggeblasen. Ernst musterte er Raven.
„Du weißt, dass dies etwas Anderes ist........ aber, da wir einmal dabei sind. Was hast du bezogen auf Karak beschlossen?“ Raven hatte sich jetzt wohl lange genug um eine Entscheidung gedrückt, lag es doch an ihm, wie weiterhin mit Karak, seinem einstigen Freund aus Kindertagen, verfahren werden sollte. Er hasste diese alten Bräuche, konnte dem Dragon dort aber auch nicht widersprechen. Er fühlte sich unwohl und blickte einmal kurz zu Alina, die immer noch am Strand saß, jetzt aber still zu ihnen blickte, als verstünde sie ihre Worte. Er schaute wieder den Dragon an.
„Also,“ meinte dieser nur ruhig, „Verbannung.“ Raven senkte den Blick, konnte aber nichts dazu sagen. Wie auch, fühlte er sich hier doch auch wie zwischen zwei Stühlen.
„Ich lasse meinen Erstgeborenen nicht gern zurück. Aber durch seinen Wahn hat er sich selbst entschieden und seine Zukunft mit seinem Volk verwirkt....... was bleibt, ist nur die Verbannung.“
Der Dragon wandte sich ab und ging jetzt langsam zum Schloss zurück.
Raven sah ihm nach und bedauerte diesen von Herzen, fühlte sich aber auch machtlos gegenüber der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn. Er ging langsam zu Alina und setzte sich zu ihr. Sie schaute zu ihm auf, und er sah in ihre tiefen, blaugrünen Augen. Sie blickte ihn so an, wie damals im Winter, als er sie gefunden und in die Höhle gebracht hatte. Was für ein Leid war ihr bis jetzt wiederfahren, was musste sie bis jetzt schon alles durchmachen. Wie allein war sie doch trotz seiner Nähe. Still nahm er sich in den Arm.
„Kennst du die Rituale, mit denen sich bei meinem Volke ein Mann eine Frau nimmt?“ Fragte er sie ruhig.
„Nein, aber sage es mir,“ sagte sie und blickte ihm dabei ruhig ins Gesicht.
Und er begann langsam zu erzählen.
Alina lauschte still seinen Worten, stellte Fragen, wenn sie etwas nicht verstand, nickte, wenn ihr etwas klar war, unterbrach ihn sonst aber nicht weiter bei seinen Ausführungen. Hatte sie doch Angst, dass er, einmal unterbrochen, von seinem Vorhaben ablassen könnte. Doch bei alledem flatterte ihr Herz wie ein kleiner, ängstlicher Schmetterling, und sie fragte sich immer wieder, ob es jetzt soweit sein sollte. Er sagte ihr viele fremde Dinge, aber auch bekanntes wie die Liebe, tauchte in seinen Ausführungen auf. Bis auf den Vollzug der Bindung, das verstand sie nicht. Und als sie ihn leise danach fragte, geriet er schließlich doch ins Stocken.
„Hmmm, ich weiß nicht recht, wie ich dir das erklären soll, kleine Fee,“ er räusperte sich, „das ist etwas ganz Besonderes........ zwischen Mann und Frau....... hmmm, wie soll ich dir das bloß erklären........“
„Versuche es bitte, erklär es mir,“ sagte sie sanft und nahm sein Gesicht in beide Hände. Seine Augen blickten so traurig, so hilflos, dass es ihr das Herz zusammenzog.
„Ich kann es nicht,“ meinte er nur und schaute rasch zu Boden. Sie zog ihn an sich und küsste ihn zart auf seine Lippen.
„Dann werde ich zu Sonja gehen und sie danach fragen,“ sagte Alina sanft, erhob sich und ging zurück zum Schloss. Raven blieb verwirrt und aufgewühlt allein zurück.
Sie traf Sonja in der Schlossküche an und fragte diese frei heraus nach dem Vollzug einer Bindung. Die anderen Mädchen in der Küche begannen zu kichern, während die alten Frauen nur erröteten und verlegen zu Boden schauten. Alina blickte sich fragen um, verstand diese Reaktion nun gar nicht. Raven hatte Probleme ihr etwas Lustiges zu sagen? Sonja begann lauthals loszulachen, was Alina nur noch mehr verwirrte.
„Ja hat er dich denn endlich gefragt?“ Sonja lachte immer noch.
„Was gefragt?“ Alina verstand nun überhaupt nichts mehr.
„Ob du seine Gemahlin werden möchtest, du Dummchen,“ Sonja wischte sich die Tränen aus den Augen, „mal wieder eine Bindungsfeier........ ja, das würde uns allen viel Freude bereiten.“
„Ich verstehe das alles nicht,“ Alina wurde langsam traurig. Jeder schien hier etwas zu wissen, nur sie nicht.
„Komm mal mit, meine Kleine, ich muss noch etwas Fett aus dem Keller holen, und auf dem Weg werde ich mal versuchen, es dir zu erklären.“ Sonja ging aus der Küche und Alina folgte ihr, jetzt doch neugierig, was da kommen sollte. Unten im Keller angelangt zog Sonja ein Stück Kreide aus ihrer Kitteltasche.
„Tja, wie gut das ich immer alles dabeihabe,“ sagte sie lächelnd und zwinkerte Alina zu. Sie ging zu einer vom Fackelschein erhellten, recht glatten Wand.
„Gut, dann fange ich mal an,“ und schnell wie der Wind flog die Kreide über die Wand, bis Sonja die Gestalt einer nackten Frau gemalt hatte.
„Schau, eine Frau, von den Göttern gemacht,“ stolz hielt Sonja etwas inne und ließ Alina das Bild in ruhe betrachten. Dann sauste die Kreide wieder über die Wand und die Darstellung eines ebenfalls nackten Mannes gewann langsam an Gestalt.
„Und nun schau noch mal hin. Das ist ein Mann, wie die Götter auch ihn erschaffen haben.“
Alina besah sich diese Darstellung sehr genau und sie glich den Statuen in der alten Burg verblüffend.
„So ist Raven auch?“ Fragte sie vorsichtig und fixierte dabei einen Punkt der Darstellung ziemlich genau. Sonja sah den Blick und erinnerte sich an ihr erstes Mal, als sie den Dragon ohne Kleidung gesehen hatte. Wieder musste sie fröhlich lachen.
„Ja, sicher, mein Liebes, dein Raven ist genau so......... vielleicht noch etwas mehr Masse, hier und da, aber durchaus auch so gut gebaut. Nicht ohne Grund schaut sich jede Jungfrau so sehnsüchtig um, wenn er vorbeigeht.“ Alina staunte.
„So, und nun schau gut hin,“ Sonja begann eine neue Zeichnung zweier Menschen die sich eng umschlungen hielten, „schau, und dies nennen wir den Vollzug einer Bindung.“ Jetzt musste Alina laut auflachen. Darum wird ein solcher Wirbel gemacht? Sie hatte Raven schon oft genug umarmt, was war daran jetzt so ungewöhnlich, außer das diese Personen unbekleidet waren?
„Schau genau hin, Kleines, das ist mehr als nur eine Umarmung. Das ist ein verschmelzen zweier Personen in ihrem Mittelpunkt. So pflanzt einer der unsrigen ein neues Leben im Bauch seiner Gefährtin, und es bereitet den Beiden sehr viel vergnügen, das kannst du mir gerne glauben,“ bemerkte Sonja etwas versonnen. Alina schaute noch einmal genauer hin und bemerkte Dinge an der Zeichnung, die ihr vorher nicht aufgefallen waren. Stimmt, es sah aus, als stoße der Mann diesen kleinen Arm, der seinen Lenden entspringt, zwischen die Beine seiner Frau. Alina wusste um ihre Öffnung dort, hatte bis hier aber nur eine vage Vorstellung von deren Funktion gehabt. Sie dachte an Karak und ihr schauderte, denn jetzt dämmerte ihr da einiges. Auch wenn sie bei Raven auf dem Schoß saß, wurde dieser nach kurzer Zeit immer seltsam hart und unbequem. War dies dieser Arm, der dann irgendwie immer anschwoll und sie dann drückte?
Sie fragte Sonja danach, die daraufhin noch einmal schallend loslachte und sich lange Zeit nicht beruhigen konnte.
„Mein Herz.......“ Sonja bekam kaum Luft, „du bist so unschuldig, so süß....... mein Gott....... gut, ich versuche dir.......... die Männer mal zu erklären,“ sie japste immer noch nach Luft.
„Weißt du...... für die Männer, aber nicht nur für die, ist dieses,“ sie deutete auf die letzte Zeichnung, „sehr wichtig. Sie machen das zum einen sehr gern, zum anderen macht es uns Frauen die Kleinen, und diese wiederum machen die Männer sehr stolz und diese kümmern sich dann besonders gut um uns. Verstehst du das?“ Alina nickte.
„Weiterhin gibt uns, dass etwas Macht über sie, und das ist auch nicht zu verachten. Auch wenn der Dragon der Herr über Avalla ist, laut, herrschend und keinen Wiederspruch duldend, so ist er in meinen Armen doch ein kleines Kätzchen.“ Sonja grinste Alina breit an. „Das ist wiederum für mich von Vorteil.“ Alina verstand es jetzt, und erinnerte sich dabei auch an die Worte ihrer Mutter. Auch diese begriff sie jetzt besser.
„Gott, ich war so dumm. Wie kindisch ich war,“ Alina lachte jetzt, „danke Sonja, lieben dank, das du mir das alles gezeigt und erzählt hast,“ und sie umarmte Sonja jetzt herzlich, was diese genau so herzlich erwiderte. Sie redet danach noch etwas über dies und das, während die große Frau etwas Fett aus einem Zuber in eine Holzschale löffelte. Danach drückte sie Alina noch einen kleinen Beutel mit Kräutern in die Hand....... wenn sie noch keine Kleinen wolle, würde dieses Pulver ihr helfen, bemerkte Sonja wieder mit einem Augenzwinkern und beide begaben sich danach auf den Rückweg zur Küche.
Raven suchte Alina und erfuhr in der Küche, dass diese mit Sonja beisammen war.
Etwas verwundert über die roten Gesichter und das ganze gekichere hinter ihm, als er die Küche verließ, schritt er durch die große Halle zur Treppe, die ihn nach oben brachte. Er ging in ihr gemeinsames Gemach um auf seine kleine Fee zu warten. Dort entkleidete er sich und begann sich den Schmutz von der Arbeit ab zu waschen, als hinter ihm ganz leise die Tür einen Spalt breit geöffnet wurde. Alina sah Raven unbekleidet am Zuber stehen und sich reinigen. Sie betrachtete ihn eingehend, seine Gestalt, das Wasser, das langsam an ihm herunter perlte, seine dunkle, glatte Haut, die braunen Flügel, sein schwarzes, langes Haar. Sonjas Zeichnung hatte recht. Sie schloss danach aber ebenso leise wieder die Tür, ohne dass er sie bemerkte.
Die Zeit war noch nicht reif.
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