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Kerstin von Schuckmann

REBELLION DER GEFÜHLE

Mallorca-Krimi

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

TAG EINS

TAG ZWEI

TAG DREI

TAG VIER

TAG FUENF

TAG SECHS

TAG SIEBEN

TAG ACHT

TAG NEUN

TAG ZEHN

TAG ELF

TAG ZWOELF

TAG DREIZEHN

TAG VIERZEHN

TAG FUENFZEHN

TAG SECHZEHN

TAG SIEBZEHN

TAG ACHTZEHN

TAG NEUNZEHN

TAG ZWANZIG

EPILOG

DAS BUCH / DIE AUTORIN

IMPRESSUM

BISHERIGE VERÖFFENTLICHUNGEN

Impressum neobooks

TAG EINS

Kommissar Rafael Lopez betrachtete den aufgedunsenen Körper. Die neben einer Yacht mit einem Anker versenkte männliche Leiche wurde soeben von Tauchern der Einsatztruppe des Kommissariats Palma de Mallorca aus dem mit Neptungras bewachsenen Meeresboden geborgen. In den verfilzten, braunen, und vertrockneten Neptungraskugeln an Land, die den Strand hingegen wie einen Teppich bedeckten, lag eine strahlend weiße Kappe mit der Aufschrift „Luxury“. Unter dem Schriftzug war die Abbildung eines größeren Schiffes. Beim Aufheben der Kappe entdeckte die Spurensicherung darunter eine mallorquinische „Siurell“, einen kleinen, weißen, mit roten und grünen Strichen bemalten Menschen, geformt aus Ton. Eine modellierte Kapitänsmütze zierte ihren Kopf.

„Siurells können als laute Pfeife genutzt werden. Sie verkörpern angeblich eine mystische Verbindung von Mensch und Natur.“

Lopez schaute Kommissar Antonio Díaz tief in die Augen.

„Glauben Sie etwa, dass ich als Mallorquiner nicht weiß, was diese kleine Tonfigur zu bedeuten hat?“

Lopez hustete. Er wusste, dass er weniger rauchen sollte, da seine körperliche Kondition darunter litt. Hinzu kam in der letzten Zeit der psychische Druck noch mehr Leistung bringen zu müssen. Junge, geltungssüchtige und ehrgeizige Kollegen standen bereits als interne Konkurrenten in den Startlöchern. Beide Fakten sorgten dafür, dass seine durch Feingefühl, Ruhe und Humor geprägte Wesensart darunter litt.

„Rafael, ist Ihnen auf der Fahrt hierher nicht das im Hafen von Palma liegende riesige Kreuzfahrtschiff aufgefallen?“

Lopez schüttelte den Kopf.

„Auf dem Weg zum Tatort besteht meine Priorität sicherlich nicht in der Begutachtung der sich im Hafen befindenden Schiffe.“

Der Kollege der Spurensicherung legte die Kappe zurück auf ihren alten Platz und fotografierte sie erneut.

„Bereits ein kurzer Blick auf den Kreuzfahrthafen hätte Ihnen jetzt schon geholfen.“

Lopez schaute ihn irritiert an.

„Luxury heißt auch das sich zurzeit größte im dortigen Hafen befindende Kreuzfahrtschiff.“

„Ist das nicht sehr weit hergeholt?“

Lopez war skeptisch. Die kontaktierte Hafenbehörde bestätigte ihm, dass das größte zurzeit ankernde Schiff die „Luxury“ unter Leitung des ersten Kapitäns, Wolfgang Sturm war. Lopez zog seine Handschuhe an und hob die Mütze erneut auf. Beim Umdrehen entdeckte er im inneren Rand die in blau eingestickten Initialen „WS“. Trotzdem googelte er noch immer skeptisch in seinem Handy.

„Sie haben recht, Antonio. Der Schriftzug des Wortes und das abgebildete Schiff stimmen mit dem Logo des Schiffes überein. Die Initialen passen zu seinem Namen und schauen Sie…“ Lopez hielt seinem Kollegen das Handy vor sein Gesicht. „Das Crew-Foto des Kapitäns zeigt, dass es sich bei der Leiche mit etwas Fantasie um ihn handelt. Respekt! Durch Ihren Hinweis konnten wir innerhalb kürzester Zeit seine Identität feststellen.“

Lopez sah trotz allem ungeduldig, wie die Spurensicherung, die in circa einhundert Metern Entfernung im Seegras ankernde Yacht nach Indizien untersuchte. Er beschloss zunächst, den ersten Offizier zu informieren, und dann gemeinsam zum Kreuzfahrthafen von Palma zu fahren.

Die „Luxury“ lag an der Westmole der Pier „Dique del Oeste“, einem der vier Sektoren. Der informierte erste Offizier Holm wartete bereits an der Gangway und bat Lopez und Díaz in seine Kabine zu kommen.

„Wie Sie bereits wissen, ist Ihr Kollege Kapitän Sturm, heute ermordet im Seegras von Sa Rapita, in Mallorcas Süden aufgefunden worden. Er muss dort bereits über Nacht gelegen haben. Der Mörder hat ihn mit einem Anker im Seegras versenkt. Wo waren Sie die letzten zwei Tage, und was wussten Sie von den geplanten Landgängen des Kapitäns?“

Holm schaute Lopez in die Augen und setzte sich behutsam auf seinen Schreibtischstuhl. Ihm wurde bewusst, dass auch er unter Mordverdacht stehen könnte.

„Kapitän Sturm war ein erfahrener und beliebter Chef und Kollege. Er fuhr lange Zeit Frachtschiffe, Fähren und seit einigen Jahren auch große, luxuriöse Passagierschiffe wie dieses. Er hat die Welt mehrfach umrundet. Wie Sie wissen, übernehme ich als erster Offizier die Vertretung des Kapitäns, sobald er das Schiff verlässt, aber auch dann, wenn er während der Fahrt nicht selbst auf der Brücke ist. Sturm ist schon immer ein begeisterter Fan von kleineren Motoryachten gewesen. Da wir Mallorca sehr oft anlaufen, chartert er sich zur Erholung regelmäßig welche, mit denen er allein oder selten auch mit Bekannten die schönsten Buchten erkundet. Abends allerdings ist er, wenn auch spät, immer wieder an Bord. Nur dieses Mal nicht, so dass unser leitender Ingenieur und ich sofort wussten, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte.“

Lopez lehnte sich an die blau gestrichene Kabinenwand an und dachte sichtbar nach.

„Bevor ich den Yacht Charter Club kontaktiere, müsste ich noch wissen, ob Sie mitbekommen haben, dass er jemals in der Vergangenheit bedroht wurde. Sei es von Passagieren, Angestellten, Freunden oder anderen Personen.“

Holm rief den leitenden Ingenieur zur Runde dazu. Beide waren sich einig, dass Sturm nie über private Probleme gesprochen habe.

„Wissen Sie, Mallorca ist so etwas wie ein zweiter Heimathafen. Man legt an und fühlt sich gleich wie zu Hause. Geht der eine von Bord, muss der andere an Bord bleiben und umgekehrt. Nicht wie bei den schnulzigen TV-Sendungen, bei denen der Kapitän mal ein paar Tage von Bord geht und beim Ablegen wieder auftaucht.“

Lopez wusste, dass weder Holm noch der leitende Ingenieur aufgrund ihrer verpflichteten Anwesenheit an Bord zu den Tätern gehören konnten und bat zwei weitere Kollegen der Crew, deren Aufenthalt zu bestätigen.

Beide Kommissare beschlossen zunächst die nur fünfminütige Strecke zu dem Yacht Charter Unternehmen im Hafen von Port de Mallorca zu fahren, bei dem Sturm seine Privatyacht gemietet hatte.

„Hola, Buenos días! Wir möchten Sie darüber informieren, dass Ihre Yacht noch in Sa Rapita ankert und von unserer Spurensicherung untersucht wird. Hat Ihr Kunde das Boot allein betreten oder konnten Sie sehen, dass eventuell noch weitere Personen dabei waren?“

„Sturm chartert diese Yacht seit Monaten immer allein, fährt auch so los und kommt immer allein zurück. Was er während dieser Zeit unternimmt, wissen wir nicht.“

Lopez und Díaz hatten mit dieser Aussage fast gerechnet. Beide hofften in Kürze neue Erkenntnisse durch die Kriminaltechnische Untersuchung (KTU) zu bekommen.

Lopez brachte seinen Kollegen ins Präsidium und fuhr erneut nach Sa Rapita. Er setzte sich grübelnd in den Sand und schaute fast meditativ auf die meterlangen Seegraswiesen, die sich ins Meer hinauszogen. Ihn quälte die Frage, warum der Mörder Kapitän Sturm nicht weiter draußen im tieferen Wasser unterhalb der Yacht, sondern relativ nah am Ufer mitten in einem Seegrasteppich mit beschwertem Anker ertrinken ließ. Hatte diese Vorgehensweise einen Sinn, oder war es reiner Zufall? Lopez wurde durch das laute Motorengeräusch der startenden Yacht in seinen Gedankengängen gestört und sah, wie das prachtvolle Designerboot um die Ecke zurück nach Palma Richtung Yachthafen gefahren wurde.

„Hola Señor Lopez“ ertönte die bekannte Stimme seines Kollegen der Spurensicherung hinter ihm. „Wir haben unsere Arbeit beendet und werden sie direkt an die KTU zur schnellen Untersuchung weitergeben. Auf der Yacht lag unter der Eisenstange, mit der das Opfer aller Wahrscheinlichkeit nach erschlagen wurde, ein gedruckter Zettel. „Zerstörte Seegraswiesen und Entsorgung von Müll in deren Ökosystem entsprechen einem Massenmord.“ Zudem wurde ein Ohrstecker gefunden, der bei einem kurzen, aber heftigen Kampf verloren gegangen sein dürfte. Er muss dem Täter gehört haben, da Sturm keinen trug. Auf ihm abgebildet ist die Burg, der königliche Almudaina-Palast, der noch heute als Residenz des spanischen Königs dient, wenn er sich auf Mallorca aufhält. Daneben das Wappen der Insel, ein blauer Schrägrechtsbalken, der vier rote Pfähle überdeckt. Der Rest ist goldfarben.“

„Sie wollen wohl meine Aggressivitätsgrenzen austesten. Meinen Sie, dass ich als Mallorquiner nicht die Flagge von Mallorca kenne? Gegenfrage: Ist Mallorca eine Insel oder Festland?“

Beleidigt zog der Kollege seinen Autoschlüssel aus der Hosentasche und fuhr mit den Indizien zur KTU nach Palma.

Fest stand, dass es sich bei dem Täter eventuell um einen überzeugten Mallorquiner gehandelt haben könnte. Vielleicht aber auch um einen Touristen, der den Ohrring einfach so in einem der zahlreichen Souvenirshops gekauft hatte. Für Lopez kam nun die Zeit, die er an seinem Job hasste und die hieß „Warten“. Warten, bis weiterführende Informationen halfen, die Suche nach dem Täter einzugrenzen. „Del dicho al hecho, hay mucho trecho“, auf Deutsch: „Leichter gesagt als getan.“ Lopez erinnerte sich an seinen letzten Fall des „Engelsmörders“, einem Serienmörder, der allen seinen Opfern Erzgebirgsengel an die Kehle legte. Es war zweifelsohne eine sehr interessante Erfahrung gewesen, die aus einer Deutsch-Mallorquinischen Kooperation mit diversen Kommissaren bestand. Auch hier war oft Geduld gefragt, die aber zum Schluss zu einem erfolgreichen Abschluss führte. Lopez hoffte, dass man durch Hautschuppen, die vielleicht noch am Ohrring hingen, weitere Erkenntnisse erreichen konnte. Er saß weiter grübelnd am Wasser. Ihn ließ nach wie vor nicht der Gedanke los, dass dieser Ort bewusst gewählt wurde. Ein Kreuzfahrtkapitän, der tot im Seegras versenkt liegt. Zwei Welten trafen aufeinander. Kreuzfahrtschiffe stehen bis heute für die Verschmutzung der Luft und des Wassers. Palma war oft Spitzenreiter bei der Luftverschmutzung durch Ozeanriesen in Europa. An vielen Tagen quoll seine geliebte Stadt zusätzlich zu den sonstigen Touristen über. Der Mord musste eiskalt geplant worden sein. Der Täter schien den Rhythmus und den Beruf seines Opfers zu kennen, da er regelmäßig an genau dieser Stelle ankerte. Warum hätte er sonst ausgerechnet eine Original Siurell in Form eines Schiffskapitäns hingelegt? Private Yachten lagen trotz hoher angedrohter Geldstrafen oft verboten in den Seegraswiesen, die Lebensraum für viele Meerestiere waren, und zudem ein Garant für sauberes Wasser, da es Kohlenstoffdioxid bindet. Der Mensch zog insbesondere auf Mallorca sehr großen Nutzen aus ihm. Neben Korallenriffen und tropischem Regenwald gehörte es zu den wichtigsten Ökosystemdienstleistern der Welt. Lopez wusste, dass dieses inzwischen sogar von Robotern und Booten von Umweltschützern überwacht wurde. Ihre größten Feinde waren die Yachten. Er zog sein Handy aus der Tasche. Achttausendfünfhundert dieser Boote sollen in den letzten zwölf Monaten im Poseidongras ihre Anker geworfen und es dadurch lokal zerstört haben. Er war begeistert von seinem meditativen Ergebnis. Es könnte sein, dass es sich bei dem Täter um einen militanten Umweltschützer handelt. Einer der einen Umweltzerstörer töten wollte.

Es war bereits später Nachmittag, Zeit für das „almuerzo“, das spanische Mittagessen. Die „Jefatura de Polícia“ lag in der Nähe des Passeig de Mallorca, einer Straße mit großer Auswahl an Tapas Bars, Cafés, Sterne- und Standardrestaurants. Lopez beschloss in die noch näher liegende Cafetaría Rosa zu gehen, in der es seines Erachtens die beste Tortilla von ganz Mallorca gab. Zudem stimmte das Preis-Leistungsverhältnis. Zufällig saß sein Kollege Díaz an der Bar und trank einen Cortado.

„Antonio, ich hätte Sie aufgrund Ihrer „Größe“ kaum an der Theke gesehen. Aber es gibt ja Gott sei Dank hohe Barhocker.“

Díaz wusste nicht, ob er den von Rafael humorvoll gemeinten Satz durch Lachen bestätigen wollte. Er entschied sich, diesen einfach zu ignorieren.

„Sie glauben nicht, zu welchem Ergebnis ich in der Zeit meines Aufenthalts am Meer gekommen bin.“ Lopez erzählte ihm seine Gedankengänge bis ins kleinste Detail und Díaz war begeistert.

„Eine bessere, logischere Erklärung für diesen Mord kann es eigentlich nicht geben. Wenn uns die Pathologie und die KTU jetzt noch stimmige Details mitteilen, könnten wir den Mörder vielleicht in den nächsten Tagen stellen.“

Lopez zahlte, und beide liefen zum Präsidium. Pedantisch tippte er jedes kleinste Detail des Tagesgeschehens in sein System ein, als unerwartet die Abteilung der Forensik anrief.

„Hola! Wir haben, wie immer zunächst versucht die daktyloskopische Untersuchung, also die Fingerabdrücke als Beweise zu nehmen. Allerdings ist es uns ausnahmsweise nicht gelungen, diese zu verwerten, was äußerst selten der Fall ist. Es gibt drei Möglichkeiten. Der Täter hat entweder eine extreme Abnutzung der Fingerkuppen durch seine berufliche Tätigkeit oder eine altersbedingte Abnutzung. Die zweite Möglichkeit wäre, dass der Mörder unter Adermatoglyphie leidet, also einer Genveränderung, die dazu führt, dass die Hautrippen an Fingern und Zehen nicht gebildet werden. Die Haut ist wie zum Beispiel am Bauch, einfach nur glatt. Es handelt sich hierbei allerdings um eine äußerst seltene Krankheit, sodass hier nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit besteht. Dritte Möglichkeit wäre das Tragen von Handschuhen. Oft entfällt diese Möglichkeit, und zwar dann, wenn der Totschlag spontan aus Affekt geschieht. Diese Tatsache wäre hier meiner Meinung nach auszuschließen, da der Mord geplant gewesen sein muss. Der Täter schwimmt nicht zufällig zur Yacht. Das war eiskalt geplant. Nichtsdestotrotz können wir von diesem Täter generell keine verwertbaren Fingerabdrücke nehmen. Die Ergebnisse der anderen, noch offenen Untersuchungen werden morgen mitgeteilt.“

Lopez konnte diese Tatsache nicht beunruhigen. Er schrieb zunächst das Protokoll zu Ende und beschloss danach seinen Arbeitstag zu beenden. Er wusste, dass in den nächsten Tagen und vielleicht sogar Wochen, sehr viel Arbeit und einige Überraschungen auf ihn und sein Team zukommen könnten.

TAG ZWEI

Lopez wippte ungeduldig auf seinem abgewetzten Bürostuhl hin und her. Er schaute auf seine kitschige Wanduhr. Diese bestand aus einem Brett aus Olivenholz mit dem bunten Motiv einer Ziege. Der kleine Zeiger stand bereits in Höhe der Ziegenhörner und er wusste, dass die Pathologie in den nächsten Minuten anrufen würde. Dennoch erschrak er, als genau in dieser Sekunde sein Telefon klingelte. Allerdings war es kein interner, sondern ein externer Anruf.

„Buenos días Kommissar Lopez. Ich bin von der Guardia Civil in Campos. Wir wurden heute Morgen früh von einem Bauern angerufen. Er entdeckte ein Fahrrad, das neben einem Brunnenschacht auf seinem Feld nahe seiner Finca in El Palmer lag. Zunächst dachte er, dass es geklaut wurde und der Dieb es aus schlechtem Gewissen einfach spontan entsorgte. Beim Herunterschauen in den Schacht allerdings machte er eine grausige Entdeckung. Metertief lag unten ein blutiger, regungsloser Körper im Wasser. Wir sind vor Ort, und es sieht wirklich schrecklich aus. Der Brunnen ist circa zehn Meter tief, und Gott sei Dank nicht wie andere auf unserer Insel, dreißig oder vierzig. Wir haben bereits die Spurensicherung informiert und bitten Sie auch sofort hierher zu kommen.“

Lopez schob die stillose, leere Vase auf seinem Tisch nach vorne und nach hinten. Er wusste, dass seine wenigen Kollegen mit Kriminalfällen aller Art mehr als versorgt waren. Auch Antonio Díaz erstickte vor Arbeit. Der Einzige, der im Vergleich dazu noch etwas Luft hatte, war er selbst. Sein geplanter Tagesablauf war damit Geschichte.

„Vale, ich bin in vierzig Minuten bei Ihnen und mache mir ein Bild. Hasta luego.“

Lopez fuhr mit Zigarette im Mund die MA-19 entlang und fragte sich, was ein Radfahrer im Brunnenschacht zu suchen hatte. Seine Gedankengänge wurden abrupt gestoppt, als ein Anruf ertönte.

„Pathologie, guten Morgen. Dank einiger Überstunden können wir Ihnen bereits einige Ergebnisse unserer bisherigen Untersuchungen mitteilen. Kapitän Sturm wurde auf jeden Fall mit einem stumpfen Gegenstand von hinten erschlagen. Vermutlich mit einer Metallstange. Man sieht die geformte Hautblutung noch als Teilabdruck des Instruments. Es gibt die sogenannte „Hutkrempenregel“, das heißt, wenn die Verletzung oberhalb der Hutkrempe ist, handelt es sich um fremde Gewalteinwirkung. Ist die Verletzung auf oder unterhalb der Hutkrempe, weist dieses auf einen Sturz hin. Er musste bereits tot gewesen sein, als ihn der Mörder mit einem Anker am Boden fixierte. Insofern hat er nicht sehr gelitten. Danach wurde ihm die Zunge abgeschnitten. Die Spurensicherung konnte die Zunge nirgendwo finden. Wir vermuten, dass er sie entweder mitgenommen hat oder direkt im Meer verteilte, wo sie von den Fischen verspeist wurde. Die zweite Möglichkeit scheint wahrscheinlicher. Sandproben, die unsere Kollegen im Umkreis von circa dreißig Zentimetern um die Siurell herum mitnahmen, wurden auf Haare untersucht. Allerdings waren in den Proben keine zu finden. Der Mörder könnte vom Land aus tauchend zum Schiff gekommen sein. Das dürfte bei dem ruhigen Seegang der letzten Tage und der Nähe des Schiffes zum Festland kein Problem gewesen sein. Nachdem er Sturm dann erschlagen, den Zettel unter der Eisenstange fixiert und im Neptungras mit einem weiteren Anker versenkt hatte, wird er ihm, so vermuten wir es, die Zunge abgeschnitten haben. Die Kappe nahm er beim Zurückschwimmen mit an Land. Diese war unseren Untersuchungen nach ursprünglich nass und salzig sowie mit einigen Algen versehen. Auch die Siurell muss er die ganze Zeit in seiner Hosentasche gehabt haben, denn auch diese war vom Salzwasser angegriffen. An Land angekommen legte er diese in den Sand, die Kappe darüber und flüchtete. Persönliche Fußabdrücke haben wir keine, da der Täter Badeschuhe getragen hat. Wir konnten diese Abdrücke in einiger Distanz zu den letzten Ausläufern der Wellen finden. Glücklicherweise waren keine Flut und kein starker Seegang. Wir haben dadurch das Profil und die Größe der Schuhe, nämlich einundvierzig. Ohrringe hat der Kapitän nicht getragen, aber das wussten Sie ja schon. Tätowierungen oder sonstige auffällige Merkmale hat das Opfer nicht. Die KTU untersucht derzeit noch den Ohrring auf Hautschuppen.“

Lopez bedankte sich, während er langsam eine rote Ampel überfuhr. Er war bereits kurz vor El Palmer. Das geschehene Verkehrsdelikt schob er auf seine derzeitig mentale Belastung zurück. In diesem Augenblick war er froh, beruflich und nicht privat unterwegs gewesen zu sein. Durch die weitläufigen Felder zogen sich Schotterwege, die auch von vielen Radfahrern zu Touren benutzt wurden. Leider bewahrheitete sich das an dem teilweise rücksichtslos hinterlassenen Müll. In der Ferne winkte bereits der Kollege der Guardia Civil. Der Bereich um den Brunnen war großzügig durch die Spurensicherung abgesperrt. Neugierige Radfahrer wurden sofort durchgewunken. Lopez fuhr mit seinem SUV etwas aufs Feld und lief direkt zum Brunnen. Beim Anblick der Leiche erkannte er unter Zuhilfenahme der Lampe eines Kollegen, dass es sich um einen mit einer Radhose und einem Trikot bekleideten mittelalten Mann handelte. Er schien sich den Hals gebrochen zu haben. Abgesehen von Brüchen anderer Körperteile.

„Señor“, fragte Lopez den Bauern. „Wie kann es sein, dass das Opfer überhaupt in Ihren Brunnen fallen konnte?“

„Kommissar, die Öffnung ist schon ewig mit Pflanzen bewachsen. Ich weiß es, und fremde Personen dürfen eigentlich nicht auf mein Feld. Insofern bin ich nicht schuld.“

„Darum geht es jetzt nicht. Sollte es sich um einen Mord gehandelt haben, müsste jemand gewusst haben, dass hier ein Brunnen ist, den man im Falle eines Mordes dazu nutzen könnte. Es gibt so viele alte, teilweise auch versteckte Brunnen auf Mallorca und Hunderte von circa dreißig Zentimetern breiten Bohrlöchern, mit denen das unterirdische Wasservorkommen getestet werden soll. Warum wurde dann gerade dieser Brunnen genommen? Wem haben Sie jemals von ihm erzählt, oder wer hat ihn in der Vergangenheit jemals wahrgenommen?“

Der alte Bauer seufzte verzweifelt.

„Eigentlich wusste es nur meine Frau, und sie ist vor drei Jahren gestorben. Sie mochte den Brunnen auch nicht sehr. Er war ihr immer zu unheimlich. Helligkeit wie Sonne, Meer und leuchtende Felder, das waren eher ihre Farben. Radfahrer konnten den Brunnen nie sehen. Sie heizen vorbei, da dieser Weg eine der beliebtesten Routen durch das Landesinnere der Insel ist. Sie werfen höchstens mal die Verpackung ihres Riegels in die Natur und fahren dann schnell weiter.“

Lopez wusste, dass die Arbeiten der Spurensicherung noch lange andauern würden und auch das Bergen des Opfers erst gegen Abend erfolgen dürfte.

„Ich werde direkt auf meinem Rückweg die Pathologie um eine Art Nachtschicht bitten, da ich so schnell wie möglich wissen muss, ob es sich hierbei um Mord, Suizid, oder einfach nur um einen unglücklichen Zufall handelt. Die Identität des Opfers benötigen wir auch noch, um Zeugenaussagen zu erhalten. Nach dem Bergen der Leiche dürften wir weitere Informationen erhalten.“

Lopez beschloss zurück zum Präsidium nach Palma zu fahren, dabei aber vorher noch dem rechtsmedizinischen Institut einen Besuch abzustatten.

„Buenos días Carmen! Ihnen wird nachher ein Opfer vorbeigebracht werden, das in einem Brunnen tot aufgefunden wurde. Ich bitte Sie, die Untersuchungen auf folgende Punkte besonders zu überprüfen: Wurde der Tote ermordet, und wenn ja, durch was oder wie. Oder handelte es sich um einen Suizid? Oder war es Zufall? Der Tote ist Radfahrer. Ansonsten benötige ich Auffälligkeiten und generelle Angaben.“

Carmen schüttelte den Kopf und lachte laut. „Rafael, das sind ja ganz neue Aufgaben für mich. Kann es sein, dass Sie etwas überarbeitet sind?“

Lopez war beleidigt, musste aber böse Miene zum guten Spiel machen, da die Ergebnisse noch bis heute Nacht erarbeitet werden sollten.

„Ich kann es ja nicht so gut nachvollziehen, dass Sie, als Pathologin gerne gegrilltes Fleisch essen. Schaffen Sie es allerdings noch heute Nacht wichtige Beweise herauszufinden, würde ich Sie dafür auch gerne in ein Steakhouse Ihrer Wahl einladen.“

Sie lachte erneut.

„Ich wusste doch, dass Sie noch etwas wollen, aber einem so gutaussehenden Mallorquiner wie Ihnen schlägt man seine Wünsche auch ohne Restaurantbesuch nicht aus. Außerdem ist es mein Job. Und den mache ich gerne.“

Lopez hatte sich die Nummer des Fahrradverleihers und des Fahrrads notiert, um an weitere Informationen kommen zu können. Entgegen erster Vermutungen handelte es sich nicht um den größten Verleiher der Insel, sondern um einen kleineren der vielen Anbieter direkt im Zentrum von Palma. Er beschloss dorthin zu laufen, da es in den engen Gassen in diesem Viertel keine Parkplätze gab. Beim Vorbeigehen an den alten Klöstern, Kirchen, Herrenhäusern und Plätzen wurde ihm wieder bewusst, in welcher schönen Stadt er doch wohnte. Geschichte verbunden mit Meer, Genuss und purem Leben. Er betrat den Fahrradverleih, in dem noch circa fünfzig weitere Fahrräder auf ihre Mieter warteten.

„Buenos días, Kommissar Lopez, ich benötige ein paar Informationen von Ihnen.“

Er zog sein Handy aus der Tasche und öffnete seine Bildergalerie.

„Dieses Fahrrad, laut Aufkleber Ihres Ladens mit der Nummer 6611, wurde gestern ohne seinen Fahrer auf einem Feld gefunden. Deshalb benötige ich dringend Informationen über ihn. Name, Adresse, Alter und sonstige Daten, die Sie von ihm haben. Ihr Fahrrad bekommen Sie wieder. Unsere Spurensicherung muss es nur noch untersuchen. Ich hoffe für Sie, dass er per Vorauskasse gezahlt hat.“

Lopez lachte kurz. Der Mitarbeiter zeigte keinerlei Emotionen und tippte wortlos die Fahrradnummer in sein Notebook ein.

„Unser Kunde heißt Michael Dreschke, wohnhaft in Freiberg, Sachsen. Geboren 1980. Privatadresse schreibe ich Ihnen auf. Also kein Mallorquiner, sondern ein strohblonder Deutscher.“

„Ich benötige nicht nur seine Privatadresse in Deutschland, sondern auch seinen Aufenthaltsort auf Mallorca.“

Murrend suchte der Verleiher erneut in den ihm zur Verfügung stehenden Daten.

„Er wohnt immer in dem kleinen Hotel namens „Esperanza“ in der Calle de Cervantes. Nicht luxuriös, aber sauber und mitten in der Stadt. Er hat bei mir schon oft Fahrräder aller Art geliehen, am liebsten aber Geländeräder, genannt Crossbikes. Solche, mit denen man so richtig fett über Wiesen und Felder durch die Natur heizen kann. Rücksicht auf die Vegetation wird hier nicht genommen. Hauptsache schnelles und kraftvolles Fahren. Dreschke lieh sich von Zeit zu Zeit aber auch Rennräder aus, um über die Berge zu kommen. Er war ein absoluter Einzelgänger. Er fuhr nie in Gruppen oder zu zweit. Dieses hat er mir sogar einmal selbst gesagt.“

„Freiberg/Sachsen“. Sofort kam Lopez erneut der letzte Fall gemeinsam mit Kommissar Gerhard Voigt in den Sinn. Irgendwie vermisste er seinen deutschen Kollegen und könnte ihn jetzt zudem gut gebrauchen. Vielleicht hatte er Hinweise zu Dreschke in seinem Informationssystem.

Lopez bedankte sich und lief zügigen Schrittes zurück zum Präsidium. Im Büro angekommen merkte er, dass er zunächst eine kleine Pause machen musste, um sein hörbar schweres Atmen zu reduzieren. Erst danach griff er zum vergilbten Telefonhörer.

„Hola Gerhard! Hier ist Rafael aus Palma.“

„Dorheeme is am scheensten. Für Sie auf Hochdeutsch Rafael, „Zu Hause ist es am schönsten.“ Das dachte ich bis jetzt, aber wenn ich an Mallorca denke, stimmt dieser Spruch nicht mehr so ganz. Was kann ich für Dich tun?“

„Wir haben einen toten Radfahrer in einem Brunnenschacht gefunden. Er heißt Michael Dreschke, wohnhaft bei Dir im Erzgebirge in Freiberg. Kannst Du spontan irgendetwas über ihn herausfinden?“

Voigt tippte hörbar auf seiner Tastatur.

„Ei verbibbsch. Siehe da. Dreschke hat diverse Male strafbare Eingriffe in die Natur vorgenommen, indem er zum Beispiel illegal Fäkalien in einen Bach laufen ließ. Hinzu kam, dass er mit seinem Motocross Rad nie die extra dafür gebauten Anlagen nutzte, sondern aggressiv zerstörend damit im Freiberger Biotopschutzgebiet herumfuhr.“

„Hervorragend Gerhard. Das reicht schon. Bis demnächst.“

„Nu, ma guggen.“

Lopez hielt es nicht länger auf seinem Lederstuhl aus. Er lief diverse Runden durch sein nicht allzu großes Zimmer und blieb abrupt am Fenster stehen. Er hielt den Griff desselben verkrampft in der Hand und schaute auf die belebte Hauptstraße. Sollte es Mord gewesen sein, stellt sich die Frage, ob beide Taten miteinander zusammenhängen könnten. Allerdings konnte er bei diesen Toten selbst mit noch so großer Kreativität keinen Zusammenhang erkennen. Ein Kreuzfahrtkapitän und ein Radfahrer. Zwei Welten trafen aufeinander. Lopez ließ den Griff los, um sich einen Cafe con leche zu holen. Auf dem Gang hörte er in der Ferne seinen bis zum Anschlag eingestellten Klingelton. Fluchend rannte er zurück in sein Büro und nahm schwer atmend den Hörer ab.

„Wo habe ich Sie denn hergeholt? Die Kriminaltechnische Untersuchung hat ergeben, dass am Ohrring des Mörders von Kapitän Sturm tatsächlich Hautschuppen gefunden wurden. Es liegt uns hierzu leider nur keine Vergleichsprobe vor. Der Verdächtige ist bisher nicht in einer DNA-Kartei gespeichert, woraus man schließen kann, dass er bis zum heutigen Zeitpunkt keine Verbrechen begangen haben dürfte. Auch die Schrittgröße zu den Badeschuhen hilft uns nicht weiter. Leider ist unsere Arbeit im Fall des Mordes an Sturm bisher ergebnislos geblieben. Erfolgsversprechender allerdings sind die Untersuchungen zum Tode des Radfahrers. Neben den dicht bewachsenen Sträuchern lag erbrochenes Essen des Opfers. Er musste dieses kürzlich zu sich genommen haben. Was den Tatort am Brunnen betrifft, so konnten hier keine Haare gefunden werden, da die ruppige Vegetation, die ihn überwuchert, dies nicht zuließ. An einem Strauch allerdings waren Blutspuren, die entweder vom Täter oder vom Opfer selbst stammen mussten. Dieses können wir aber erst herausfinden, nachdem die Pathologie ihre Arbeit getan hat. Beim Herausziehen der Leiche aus dem Brunnen stellten wir fest, dass der rechte Fuß des Opfers fehlte. Er wurde abgehackt. Voraussichtlich mit angezogenem Schuh. Wir konnten trotz intensivster Suche weder den Fuß noch den dazugehörigen Schuh finden. Er hatte, wie viele Radfahrer eine in diesem Fall günstige Pulsuhr am Arm. Diese wurde beim Aufprall beschädigt und ist seit halb elf, also seinem Todeszeitpunkt, stehen geblieben. Wir konnten die aktiven Zeiten des Vortages herausfinden und ich werde sie Ihnen gleich per E-Mail schicken.“

Lopez bedankte sich und nahm einen erneuten, erfolgreichen Anlauf zum Kaffeeautomaten, um den bevorstehenden langen Abend zu überstehen. Früher als geplant meldete sich Carmen Perez, die Lieblingspathologin von Lopez.

„Sitzen Sie Rafael? Die Obduktion ergab, dass das Opfer zunächst vergiftet wurde. Sein Mörder musste ihm beim Abendessen eine Überdosis von Cholinesterasehemmern in sein Getränk getan haben. Die Toxikologie hat mir das auch noch einmal bestätigt. Diese Überdosis führte beim Opfer zunächst zu Erbrechen. Das Erbrochene lag, wie mir die Spurensicherung erzählte, auch direkt neben den Sträuchern. Danach muss bei ihm eine zentrale Atemlähmung sowie der Herzstillstand eingesetzt haben. Oft wird diese Todesursache bei Morden angewandt, die wie Selbstmorde aussehen sollen. Aber das ist nicht alles. Die Blutgruppe, die auf den Pflanzen gefunden wurde, ist auch die des Opfers. Der Mörder muss Dreschke nach seinem Tod noch einmal mit seinen Armen von der Mauer heruntergezogen haben. Das erkennt man an den starken Kratzspuren, an den Waden vom Opfer, sowie an den Hautzellen, die vom Brunnenrand entnommen wurden. Danach muss er ihm den rechten Fuß abgehackt sowie den Körper umgedreht haben, um ihn noch einmal mit einer Glasflasche von hinten zu erschlagen. Vielleicht wollte er unter Adrenalin stehend, sicher sein, dass er wirklich tot ist. Danach muss er den schweren Körper wieder zum Brunnen geschliffen und ihn auf der Mauer liegend hinuntergeworfen haben. Wie Sie selbst gesehen haben, hatte das Opfer noch den Sturzhelm an. Die Brüche und Ödeme zeigen die genauen Aufschlagbereiche. Ich hoffe, das reicht Ihnen zunächst. Sie müssen auch nicht mit mir essen gehen.“

Lopez lachte. „Woher kann der Täter die Cholinesterase-Hemmer bekommen haben?“

„Diese Medikamente werden unter anderem zur Behandlung von Alzheimer Patienten genommen. Eine Überdosierung hat wie bei sehr vielen pharmazeutischen Produkten eine verheerende Wirkung.“

Lopez grübelte. Der Täter musste jemanden kennen, der diese Medikamente einnahm oder legal oder illegal verkaufte. Er und sein Opfer mussten längeren Kontakt zueinander gehabt haben. Lopez schaute sich das Zeitaktivitätsprotokoll an. Leider hatte dieses Modell keine GPS-Fähigkeit und damit keine Routenvisualisierung. Aber das wäre auch zu einfach gewesen, dachte er sich. Die Aktivität startete gegen zehn Uhr morgens. Am frühen Nachmittag wurde eine kurze zehnminütige Pause angezeigt. Danach fuhr Dreschke bis neunzehn Uhr weiter, und es erfolgte eine lange Unterbrechung über drei Stunden. Einer erneuten Aktivität von fünf Minuten folgte die nächste erst nach einer viertel Stunde. Und diese betrug wieder lediglich fünf Minuten. Danach wurde nichts mehr aufgezeichnet. Lopez war sich sicher, dass Dreschke seinen Mörder in einem Restaurant kennengelernt haben musste. Dreschke hätte normal noch zwei Stunden mit dem Fahrrad zurück nach Palma fahren müssen, und das hätte er im Dunkeln nicht erst um zehn Uhr abends gemacht. Jemand hatte ihm vielleicht vorgeschlagen, ihn mit zurückzunehmen. Die kurze Aktivität danach dürfte zum Beispiel auf das Heraufladen seines Fahrrads auf das Auto des Mörders zurückzuführen sein. Nach zehn Minuten Fahrt war der Brunnen erreicht. Sie setzten sich nach dem groben Freimachen auf den Rand, und der Täter ermordete Dreschke nach erwähntem Ritual. Er lehnte das Fahrrad nach dem Tod an die Sträucher der Mauer, so dass es wie ein Selbstmord aussehen sollte. Lopez positionierte den Brunnen auf seiner Karte und berechnete den innerhalb von zehn Minuten mit dem PKW zu erreichenden Umkreis. Dabei gab es nur einen Ort, der überhaupt in Frage kam. Ses Covetes war der Name des kleinen Dorfs. Hier gab es nur eine Tapas Bar, die bei Radfahrern besonders beliebt war. Lopez beschloss direkt morgen zur Öffnungszeit vor der Türe zu stehen. Sein Ziel war es, den Tatvorhergang bildlich nachvollziehen. Zuvor jedoch musste er noch früh Kontakt zum Hotel Esperanza aufnehmen, um zumindest einige Informationen über das Opfer herauszufinden. Trotz fortgeschrittener Stunde rief er die Spurensicherung an und bat sie erneut am folgenden Tag nach eventuellen Reifenspuren eines PKWs oder Kleinlasters zu suchen, mit dem Dreschke zum Tatort gebracht worden sein musste. Was für ein Tag dachte sich Lopez, während er sich einen Zigarillo der teureren Sorte anzündete und ermattet, aber zufrieden nach Hause fuhr.

TAG DREI

Kurz nach sieben betrat der Kommissar das kleine Hotel. Eine ältere Dame an der fast kitschig anmutenden Rezeption erwies sich als die Eigentümerin.

„Buenos días. Mein Kollege hatte Sie bereits gestern darüber informiert, dass Ihr Gast namens Dreschke seinen Aufenthalt in Ihrem Haus nicht mehr fortsetzen wird, da etwas Schreckliches passiert ist. Um Sie nicht durch nähere Angaben zu beeinflussen, habe ich ein paar Fragen an Sie. Dreschke war, wie wir erfahren haben, jedes Jahr mehrfach Gast in Ihrem Haus. Welche spontanen Erinnerungen haben Sie an ihn?“

Die Dame überlegte kurz.

„Er war ein sehr gesundheitsbewusster Mann. Jeden Morgen bestand sein Frühstück nur aus Haferflocken mit Obst und anschließend zwei gekochten Eiern. Er aß keine Wurst, keinen Käse. Lediglich noch Joghurt und diverse frisch gepresste Säfte. Er hat nie geraucht und auch so gut wie keinen Alkohol getrunken.“

„Hatte er Freunde, oder fuhr er immer allein?“

„Wir haben uns ab und zu im Frühstücksraum unterhalten. Dort erzählte er mir jeden Morgen von seinen geplanten Touren, die er nicht wie viele in Gruppen durchführte, sondern fast immer allein. Ganz selten buchte er eine mit anderen Bikern. Gestern allerdings wollte er wieder, wie bei jedem seiner Aufenthalte auf unserer Insel nach Ses Covetes in sein Stammlokal. Dort gibt es wohl eine gute klassische mallorquinische Küche.“

„Hervorragend“, dachte sich Lopez. Es musste sich genau um das Lokal handeln, zu dem er demnächst fahren wollte. Seine Berechnungen mussten also stimmen.

„Seine Welt war das Radfahren auf Mallorca. Was ist mit Dreschke passiert?“

„Das wird Ihnen später ein Kollege mitteilen. Bitte kommen Sie heute Nachmittag in das Polizeipräsidium. Dort wird man Ihnen die eben gestellten Fragen noch einmal stellen und Ihre Antworten schriftlich für mich festhalten. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

Die Bar in Ses Covetes öffnete bereits um neun Uhr. Viele Einheimische tranken, bevor sie zur Arbeit gingen, schnell einen Cortado, also einen Espresso mit wenig Milch. Lopez bestellte zunächst einen Café solo, einen Espresso ohne Milch und eine Ensaïmada, ein typisch mallorquinisches, schneckenförmiges Schmalzgebäck mit Puderzucker. Die Bedienung stellte ihm beides wortlos auf den frisch abgewischten Plastiktisch. Als sie zur Küche laufen wollte, rief Lopez sie zurück.

„Kommissariat Palma, Lopez mein Name. Ich habe ein paar Fragen an Sie und bitte Sie, sich kurz ein wenig Zeit dafür zu nehmen.“

Irritiert und sichtlich aufgeregt setzte sich die Dame an den Tisch.

„Geht es um die illegal vermietete Ferienwohnung dort hinten am Berg?“

„Nein, das ist auch nicht mein Bereich. Es geht um Mord.“

„Aber unsere Speisen oder Getränke sind hoffentlich nicht schuld daran. Ich bin die Eigentümerin der Bar und das wäre für uns fatal.“

Lopez beruhigte sie.

„Nein, es geht um zwei Gäste, die gestern Abend bei Ihnen gewesen sein dürften. Einer davon ist ein Deutscher. Michael Dreschke sein Name, aber das dürfte Ihnen wenig sagen. Von der zweiten Person haben wir keinerlei Anhaltspunkte. Er kann deutscher Staatsangehörigkeit gewesen sein, Engländer, Schwede, Mallorquiner, wir wissen es nicht. Dreschke ist passionierter Radfahrer, so wie viele, die bei Ihnen in der Bar einen Stopp machen. Auffällig könnte für Sie gewesen sein, dass er strohblonde Haare haben muss.“

„Ah, si, si. Er ist jedes Jahr sehr oft auf der Insel, kommt auch jedes Mal zu uns und isst eine große Portion Arros brut mallorquin, den besten heißen Reiseintopf auf Mallorca. Dieser wird in einem Tontopf mit Fleisch, Wurst, Gemüse, Kräutern und Pilzen aus den Zutaten von der Finca meines Onkels zubereitet. Danach isst er immer zwei Stücke unseres Gató de almendra, unserem köstlichen Mandelkuchen, hergestellt nach dem Rezept meiner Großmutter. Normalerweise trinkt er keinen Alkohol dazu, da er noch zweieinhalb Stunden mit dem Fahrrad zurück nach Palma fahren muss. Dieses Mal allerdings hat er bestimmt zwei Gläser Wein und Bier getrunken. So etwas fällt einem dann schon auf. Er hat sich ausgiebig mit einem Mann unterhalten, der ohne Zweifel Mallorquiner war. Auch das war auffällig, da er normalerweise immer nur allein hier ist.“

„Wie sah er aus? Können Sie ihn bitte genau beschreiben?“

„Also ehrlich gesagt achte ich eher auf die Touristen. Die Mallorquiner sind mir bekannt.“

Ihre Mundwinkel schienen ein Lachen anzudeuten.

„Er war so einen Meter siebzig groß, dunkelhaarig, keine Locken, sondern normal geschnittenes Haar.“

„Wie alt war er ungefähr?“

„Ich schätze ihn so um die fünfzig Jahre. Aber was auffällig war, waren beim Bezahlen seine Hände. Für einen mittelalten Mann hatte er sehr abgenutzte Hände. Seine Finger waren auch recht dick. Fast so ähnlich wie die meines Onkels der viel auf dem Land gearbeitet hat. Er nahm noch eine Flasche Wasser mit auf den Weg, da er wohl meinte dadurch seinen Alkoholspiegel senken zu können.“

Lopez hatte zunächst nicht mit so vielen Informationen gerechnet und ließ seine Freude erkennen, indem er der Dame auf die Schulter klopfte. Diese allerdings rückte direkt mit ihrem wackelnden Holzstuhl einen halben Meter weiter nach rechts von ihm.

„Konnten Sie sehen, ob sie zusammen gegangen sind und ob sie beide mit dem Fahrrad da waren?“

„Michael kommt immer damit. Da er aber nicht mehr fahrtüchtig war, und den Weg nach Palma zurück meines Erachtens nach auch nicht mehr gefunden hätte, hat ihn der Bekannte mit seinem Auto mitgenommen. Sie haben das Fahrrad in einen Kleintransporter gelegt und sind weggefahren.“

„Was für ein Kleintransporter und was für eine Farbe hatte er, und welches Kennzeichen?“

Lopez wurde nervös.

„Señor Lopez, es war dunkel und ich hatte auch noch zu arbeiten. Vergessen Sie das bitte nicht. Die Farbe muss dunkel gewesen sein, auf keinen Fall hell. Er war von der Größe her so ähnlich wie der, der dort auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht.“

Lopez drehte sich um und sah einen circa zehn Jahre alten VW Transporter, und zwar den der kleinsten Kategorie.

„Ich gehe davon aus, dass Sie das Kennzeichen auch nicht lesen konnten.“

„Nein. Ich musste wie erwähnt arbeiten.“

Er merkte den langsam unfreundlicher werdenden Tonfall der Dame.

„La cuenta por favor, die Rechnung bitte und vielen Dank für Ihre ausführlichen Informationen.“

Die Bedienung lief Richtung Küche, kehrte aber plötzlich abrupt wieder um.

„Wer ist eigentlich tot?“

„Dreschke. Den werden Sie hier nie mehr sehen. Ich bitte Sie heute Nachmittag bei meinen Kollegen im Präsidium erneut auszusagen, damit wir Ihre wertvollen Angaben im Protokoll schriftlich festhalten können.“

Lopez legte seine Visitenkarte und zwanzig Euro als Dank für alles auf den Tisch und beschloss erneut direkt zum Tatort zu fahren, um die Ergebnisse der erweiterten Untersuchung der Spurensicherung zu verfolgen. Er fuhr den staubigen Weg, der sich zwischen den Feldern entlang zog, und stellte sich parallel vor, wie Dreschke, alkoholisiert neben seinem Mörder sitzend im VW Bus hin- und hergeschaukelt wurde. Was hat sein Mörder ihm wohl auf dem Weg zum Brunnen erzählt? Das Märchen einer Prinzessin, die im Brunnen liegt und aufersteht, wenn er hineinschaut? Auf jeden Fall muss es überzeugend gewesen sein. Lopez wurde bereits dreihundert Meter vor dem Tatort von einem Kollegen abgefangen, um keine weiteren Spuren zu zerstören.

„Hola Rafael, es ist erstaunlich. Der Mörder muss aller Voraussicht nach mit einem Kleintransporter bis circa einhundert Meter vor den Brunnen gefahren sein. Die Spuren des Wagens waren so perfekt überarbeitet, dass wir sie wirklich nur durch Zufall finden konnten, da nach der Tat bereits diverse Wagen, unter anderem Ihrer und unserer darübergefahren sind. Er muss die Spuren bei der Rückfahrt immer in aufeinanderfolgenden Abständen bearbeitet haben. Zunächst hat er mit einem mitgebrachten Rechen den Weg gekehrt. Dann hat er diesen mit ebenfalls mitgebrachten Steinen, Pflanzen und Zweigen unregelmäßig bestreut. Geschickt gemacht, aber nicht so pedantisch, dass wir nicht noch einige Dinge entnehmen konnten. Es handelte sich wie erwähnt um einen Kleintransporter, dessen Reifenabdrücke wir selbstverständlich genommen haben.“

Lopez war klar, dass der Begleiter im Lokal sein Mörder war. Der Hinweis, dass es sich um einen Kleintransporter handelte, stimmte mit der Angabe der Eigentümerin des Lokals überein. Was aber war, wenn der Mörder seine Reifen sofort entsorgt hatte? Lopez wusste, dass der Mörder dafür sorgen würde, dass auch weitere Spuren auf Sitzen oder im Kofferraum vernichtet würden. Es war bereits mittags und er musste zunächst seinen Bericht mit den Neuigkeiten eingeben.

Lopez fuhr eine halbe Stunde nur an Feldern vorbei. Ganz selten sah er in der Ferne eine Finca. Er genoss diese Strecke, da er die Natur liebte. Erst ab S´Arenal hatte ihn die Zivilisation wieder, und die Straßen bis Palma waren stark befahren. Am Polizeipräsidium angekommen, setzte sich Lopez sofort an sein Notebook und tippte die einzelnen Details seines Besuchs in der Bar in Ses Covetes ein. Beim Eingeben der Täterbeschreibung schrie er auf einmal laut „ich Idiot“ in den Raum. Eine Assistentin klopfte an die Türe und öffnete sie.

„Ist alles in Ordnung? Habe ich gerade den Ruf „Ich Idiot“ vernommen, oder war das der Kollege der Spurensicherung, der die Reifenspuren vielleicht direkt beim ersten Mal hätte entdecken sollen?“ Sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen, prustete laut in den Flur, in dem gerade Kollege Antonio Díaz vorbeilief.

„Hola Rafael. Was ist denn mit unserer Assistentin los?“

„Die Tatsache, dass ich in meinem Zimmer „Ich Idiot“ gerufen habe, hat sie wohl übermotiviert und gefreut.“

„Warum haben Sie sich so genannt?“

„Machen Sie bitte die Türe zu Antonio. Ich erkläre es Ihnen.“

Díaz setzte sich auf einen mit mallorquinischem Stoff bezogenen Holzstuhl, der direkt unter der Wanduhr stand.

„Ich gebe gerade die neuen Informationen über den Brunnenmörder ein. Beim Eintippen der Merkmale „Abgenutzte Hände und dicke Finger“ schoss mir plötzlich die Tatsache in den Kopf, dass diese, wie Sie wissen, auch der Mörder von Kapitän Sturm hatte. Auch von ihm konnten aufgrund derselben Merkmale keine Fingerabdrücke genommen werden. Dieses würde auch die Tatsache bestärken, dass er keine Handschuhe beim Mord angehabt haben dürfte.“

„Das heißt es ist ein Mörder“ riefen beide zusammen in erkennbarem Ton in den Raum hinein.

Erneut ging die Türe auf und Assistentin Esmeralda stellte sich beide Arme in die Hüften gestützt, fragend in den Raum hinein.

„Ist das hier die Generalprobe für ein neues Theaterstück?“ Sie verließ erneut laut lachend das Zimmer.

Lopez und Díaz guckten sich an und klatschten mit ihren Handflächen ein lautes Give me five.

„So macht Arbeiten Spaß Antonio.“

Lopez ging wie so oft, zu seinem Fenster und schaute auf die belebte Straße. Er umfasste wieder den Fenstergriff, da er sich einbildete, dass er in dieser Position schon oft gute Ideen erzeugen konnte. Den Rücken seinem Kollegen zugewandt, sprach er laut gegen das gekippte Fenster.

„Die Mordmethode war unterschiedlich, aber auch wieder ähnlich. Mit einer Eisenstange erschlagen und mit einem Anker am Meeresboden fixiert. Das andere Opfer mit einer Glasflasche erschlagen und zusätzlich mit einem Giftmix ermordet. Hinzu kam, dass dem ersten Opfer die Zunge abgeschnitten und dem zweiten der rechte Fuß abgehackt wurde. Sollte es sich eventuell um einen Serienmörder handeln, oder war es reiner Zufall? Beide Opfer hatten tendenzmäßig etwas mit Umwelt zu tun. Der Kapitän durch die Zerstörung der Seegraswiesen und deren Ökosystem, sowie der Radfahrer, der laut Kommissar Voigt in Freiberg auch kein Umweltfreund zu sein schien. Handelte es sich bei dem Mörder wie bereits beim ersten Mord vermutet, um einen radikalen Umweltschützer? Beide Tatorte waren außergewöhnlich. Woher hatte der Mörder die abgenutzten Finger? Handwerker, Bauern waren nur zwei der Berufsgruppen, die mir spontan einfallen würden.“

Lopez konnte nicht mehr denken.

„Rafael, sie müssen eine Fahndung rausgeben, auch wenn noch nicht sehr viele Merkmale des Mörders vorliegen. Aber allein die abgenutzten Fingerkuppen und die auffällig dicken Finger sind Merkmale, die nicht jeder Mensch hat. Alle bisher erarbeiteten Merkmale sind Standard und treffen auf viele Personen zu.“

Lopez war müde und wusste, dass seine Kreativität nachließ. Seine Frau hatte heute außerdem Geburtstag und er hatte ihnen einen Tisch in einem sehr guten Restaurant mit typisch mallorquinischem Essen hinter Palma Richtung Portals Nous reserviert.

„Antonio, Sie werden mich in den nächsten Tagen weiter begleiten. Sollte es sich um einen Serienmörder handeln, reicht meine alleinige Kraft nicht mehr aus.“

Díaz überlegte kurz.

„Im Delegieren waren Sie immer schon ohne Konkurrenz. Ich helfe Ihnen gerne, auch wenn ich eigentlich abseits dieses Falls genug zu tun hätte.“

Spontan umarmte Lopez seinen Kollegen. Erneut ging die Türe auf und Esmeralda trat sichtlich irritiert herein.

„Happy End des Theaterstücks? Wie kitschig.“ Sie murmelte etwas vor sich hin und knallte die Türe zu.

„Antonio, bitte kümmern Sie sich um das Erstellen der Fahndungsblätter mit unseren Fachabteilungen.“

Díaz lachte. „Wie bereits erwähnt, Delegieren war schon immer Ihre Stärke.“

Lopez liebte die mallorquinische Küche. Das Geburtstagskind und er fuhren gegen neun Uhr abends Richtung Restaurant. Das Lokal war traumhaft auf einem Felsvorsprung gelegen. Die Tische standen direkt an den Rändern der Klippen, sodass den Gästen bei Wind die Salzluft mild in das Gesicht wehte. Beeindruckend war der Blick bis zum Horizont und das glasklar spiegelnde Wasser. Oft ankerten direkt vor dem Lokal riesige Yachten, von denen auch viele Eigentümer im Restaurant den Champagner fließen ließen. Lopez schaute sich um, ob eventuell einer der vielen Prominenten, die auf Mallorca fest oder zeitweise wohnten, anwesend sein könnte, aber unter den bisher Anwesenden konnte er keinen erkennen. Die beiden Tische vor und hinter ihnen waren allerdings noch unbesetzt.

„Ich nehme, wie immer, wenn ich hier bin, den Hummersalat mit exotischen Früchten und Wildseehecht mit Reis.“

„Das wusste ich. Wenn man sich lange kennt, weiß man schon im Voraus, was der Partner nimmt.“

Lopez bestellte Wolfsbarsch aus dem Ofen und Octopus Carpaccio. Als sie mit dem angeblich besten Cava der Insel auf ihren Geburtstag anstießen, kam eine Gruppe von vier Personen auf die Terrasse, und setzte sich hinter die Ehefrau von Lopez.

„Da sitze ich ja genau richtig. Ich wusste, dass wir noch irgendeinem Promi oder auch Pseudo-Promi begegnen würden. Dreh Dich bitte nicht um, aber der Tisch hinter Dir ist gerade durch bekannte Größen der Investor Mafia besetzt worden. Den einen Mann kenne ich aus diversen Zeitungen. Er ist vom Image her nicht gerade positiv besetzt. Die Botox-Barbie neben ihm ist seine Frau. Bei dem anderen Ehepaar handelt es sich entweder um Kunden oder um Kollegen.“

„Wieso Investor Mafia?“

„Man nennt das Ganze „Gentrifizierung“. Wie Du weißt, werden doch viele unserer alten Geschichtsträchtigen Stadtteile durch deren Sanierung oder Umbau so teuer, dass mallorquinische Familien nicht mehr dort wohnen können. Die Investoren kaufen die oft zerfallenen Gebäude für sehr wenig Geld und bauen sie zu Luxusimmobilien um. Selbst in früher ärmeren Stadtteilen wohnen zeitweise danach plötzlich nur noch wohlhabende, meist ausländische Käufer. Eine kranke Entwicklung, die auch ich nicht unterstützen kann.“

Lopez schaute, was sein „Freund“, der Investor, bestellt hatte. Er hatte als Hauptspeise zu seinem teuren mallorquinischen Rotwein „Caracoles“, ein typisches Schneckengericht, das es normalerweise nicht auf der Karte des Restaurants gab. Für den besonderen Gast und seine Frau, deren Bestellung sogar von der auf der Insel für ihre Kochkunst bekannten Köchin serviert wurde, aber schon. Lopez hätte nie geahnt, dass dieses Restaurant solche großen Portionen zubereiten konnte. Ihm war bewusst, dass dieser Mann hier und in diversen anderen lukullischen Lokalitäten der Insel mit Sicherheit einen Sonderstatus hatte. Es schien zudem sein Stammlokal zu sein, da der wartende Chauffeur sogar seinen Wagen direkt vor dem Eingang des Hauses parken durfte. Ein Platz, der sonst durch absolutes Halteverbot herausstach. Geld regiert die Welt, dachte er sich. Der Tisch hinter Lopez blieb frei. Zu fortgeschrittener Stunde vernahm er ein lautes Lachen der eindeutig angeheiterten Ehefrau des Investors.

„Unser Sohn ist ja leider nicht mehr unter uns, aber vielleicht über uns“, sagte sie der attraktiven Bedienung. Lopez und seine Frau fanden diesen Satz ziemlich geschmacklos, schoben es aber auf ihren Alkoholpegel. Beide liebten es, Leute zu beobachten und über sie zu lästern. Bei ihm hing es mit seinem Beruf zusammen. Beide fragten sich wieviel Hummergerichte man für die Kosten aller bisherigen Schönheitsoperationen der Botox-Barbie essen könnte, und sie waren sich einig, dass eine LKW-Ladung nicht ausreichen dürfte.

Die Verabschiedung des Immobilieninvestors endete in einer Zeremonie. Zuvor allerdings wurde neugierig in die kleine Ledermappe mit der bezahlten Rechnung hineingeschaut. Dem Glänzen der Augen des „Chef de sonó“, dem obersten Kellner zufolge, fiel das Trinkgeld noch höher als erhofft aus. Neidvoll beobachtet von den anderen Gästen des Restaurants wurden beide Ehepaare von fast allen Bedienungen und sogar dem Küchenchef sowie der Sous Chefin mit Verbeugungen verabschiedet. Lopez und seiner Frau hingegen wurden lediglich ein „bis zum nächsten Mal“ hinterhergerufen. Sie sahen, wie alle vier in die dunkle Limousine einstiegen, und von dem Fahrer, der die ganze Zeit im Wagen gewartet haben musste, hinausgefahren wurden. Lopez und seine Frau stiegen in ihren kleineren SUV ein, der, wie viele Autos der Einheimischen auf Mallorca versehen mit Beulen und Kratzern war. Das hing nicht unbedingt mit der Fahrkunst der Fahrer zusammen, sondern mit den engen Gassen in den Dörfern der Insel sowie den beengten Parkverhältnissen in den Städten. Mancher Mallorquiner war sogar stolz auf solch ein Auto.

„Lieber ein zerbeulter Wagen in dem Leben wie bei uns herrscht, als eine schwarze, makellose Limousine, bei der man denkt, dass man mit einem Leichenwagen fährt.“

Beide lachten und stellten zu Hause fest, dass es ein wunderbarer Abend war.

TAG VIER

Es war wieder einer dieser typischen mallorquinischen Sommertage. Die Sonne schien bereits nach dem Aufgehen warm auf das kleine Schlafzimmerfenster von Lopez Wohnung. Die sogenannten Dormitorios hatten grundsätzlich immer kleinere Fenster als die anderen Wohnbereiche, um die Hitze nicht schon morgens in die Schlafräume einziehen zu lassen. Die Wohnung von ihm und seiner Frau lag mitten in Palmas Stadtviertel Son Es-spanyolet. Ein ursprünglich stilles Wohnviertel. Nur fünfzehn Gehminuten von der Markthalle Santa Catalina, der Hafenpromenade und der Altstadt entfernt. Die letzten Monate allerdings wurde diese malerische Ruhe permanent durch illegale Vermietungen diverser Apartments und Häuser gestört. Touristen aller Länder ließen die Nacht zum Tag werden. Auch der Bau moderner Apartment- und Reihenhäuser zu unbezahlbaren Preisen löste bei Lopez und seiner Frau eine gewisse Traurigkeit aus. Immer mehr ihrer alteingesessenen mallorquinischen Nachbarn zogen weg und verkauften ihre alten, sanierungsbedürftigen Häuser für wenig Geld an Investoren. Solche wie der Immobilieninvestor gestern im Restaurant. Optisch waren viele der sanierten Häuser ein Gewinn, aber sie stellten nicht mehr das alte, ursprüngliche Stadtviertel dar, das es einmal war. Zudem standen viele dieser Wohnungen in den Wintermonaten leer und sogar manchmal auch über ein Jahr, und das, obwohl Palma und die Insel generell ein Wohnraumproblem hatten. Es handelte sich bei vielen lediglich um Geldanlagen. Lopez konnte die Demonstrationen verstehen, die gelegentlich gegen die Gentrifizierung stattfanden. Eine Entwicklung die in ihm immer öfter Angst auslöste. Angst, ob auch er eventuell eines Tages aus seiner größeren, schönen Altbauwohnung in Son Espanyolet ausziehen müsste. Es war eine Mietwohnung einer alten mallorquinischen Familie aus Alcúdia, die sie früher selbst als Stadtwohnung genutzt hatten. Santa Catalina, das Nachbarviertel, hatte diesen Immobilienrausch bereits hinter sich. Es hat sich zu einem Ausgehviertel mit Käufern aus hauptsächlich nordischen Ländern entwickelt. Liefen hier früher nur Mallorquiner mit dunklen Haaren durch die Straßen, so sah man heutzutage große, blonde Personen aus den Häusern kommen. Lopez hatte sich heute ein etwas längeres Frühstück gegönnt. Er konnte dieses, ohne auf die Uhr schauen zu müssen, daran sehen, dass die Sonne bereits um die Ecke Richtung Badezimmer stand.

Er hatte seinen Wagen in einer engen Parklücke drei Straßen entfernt geparkt und hoffte, dass er nicht wie oft, erneut ein paar Schrammen mehr in seinen weißen Lack geritzt, geschweige denn den Spiegel abgefahren bekommen hatte. Beulen und Kratzer waren wie erwähnt nicht so dramatisch wie zum Beispiel für deutsche Autofahrer. Eine gewisse Situation hatte er immer vor Augen, nämlich wenn diese vor Rückgabe ihres Mietwagens unter das Auto krochen, sich fast auf die Kühlerhaube und das Dach legten, die Türen und den Kofferraum mit der Taschenlampe inspizierten, um effektiv herauszufinden, ob ihnen nicht eventuell eine Ameise in die Türschlösser gebissen haben könnte. Aber wahrscheinlich hing das mit seiner persönlichen Einstellung zu Autos zusammen.

Am Präsidium angekommen hatte er intuitiv ein komisches Gefühl. Er wusste nicht, warum, aber leider hatte ihn sein Empfinden in der Vergangenheit noch nicht oft enttäuscht. Bereits beim Betreten des Aufzugs klingelte sein Handy, und er ahnte, dass diese Nummer nichts Gutes zu verheißen mochte. Es war sein Kollege der Spurensicherung.

„Hola Rafael. Wir sind unterwegs zu einer großen Villa in Bendinat. Allein der Wohnort sagt uns allen schon, um welche bedeutenden Kreise es sich handeln wird.“

Bendinat war neben Port d'Andratx, Santa Ponsa, und Portals die teuerste Wohngegend auf Mallorca. Der durchschnittliche Villenpreis lag bei stolzen viereinhalb Millionen Euro, nach oben keine Grenzen.

„Es handelt sich um die Villa, die wie ein Schloss gebaut wurde und den kitschigen vergoldeten Eingang hat. Ganz in der Nähe des Golfplatzes und dann Richtung Meer runter. Wir hatten in dieser Ecke schon mal ein Verbrechen.“

Lopez wusste sofort, um welches Haus es sich handelte. In dieser Gegend standen wunderschöne Gebäude, wenn überhaupt nur zwei Wochen im Jahr benutzt, aber diese Villa konnte an Hässlichkeit nur schwer überboten werden.

„Ich werde mich sofort in meinen Wagen setzen und zu Ihnen kommen.“

Lopez drückte den Knopf „planta baja“, Erdgeschoß, und fuhr fünf Minuten nach seiner Ankunftszeit erneut an dem irritiert schauenden Pförtner vorbei. Nach einer viertel Stunde ging es zum Schluss durch einen Tunnel und in einen Verkehrskreisel hinein. Am Supermercado vorbei fuhr er, im Gegensatz zu seinem geschätzten Kollegen Díaz, ohne Tempoüberschreitung in die zum Meer hinunterführende Straße.

Die Spurensicherung hatte seit einigen Minuten den erweiterten Tatort bereits weiträumig abgeriegelt. Lopez zog das Absperrband hoch und kroch stöhnend darunter hindurch. Er hörte die Stimmen, die eindeutig aus dem größten Raum des Hauses zu kommen schienen, dem Wohnzimmer.

„Hola Rafael, sehen Sie sich das an. Wäre es nicht so dramatisch, könnte man denken, dass es ein Kunstwerk sei. Sie hatten so viel Platz, und liegen jetzt doch auf vielleicht noch nicht einmal zehn Quadratmetern zusammen.“

Lopez sah zunächst einen alten Klavierflügel. Neben diesem lag blutend auf der einen Seite eine auf dem Bauch liegende Frau und auf der anderen Seite ein blutender, ebenfalls auf dem Bauch liegender Mann. Sein Kollege hatte recht. Wie ein Kunstwerk oder das dramatische Ende einer Oper auf der Bühne. Lopez hatte vom Auto aus seinen Kollegen Antonio Díaz um Hilfe gebeten, da er kollegiale Verstärkung benötigte. Díaz traf bereits zehn Minuten später ein, wie man an seiner unverkennbaren typischen Bremsspur hören konnte.

„Hola Antonio, ich schlage vor, dass wir das Haus zunächst auf eventuell weitere vorhandene tote oder lebendige Personen inspizieren.“

Antonio, der nicht wusste, ob Lopez nach diesem Satz Applaus erwartete, ging zur großen Marmortreppe.

„Da man sich in diesem Haus verlaufen kann, schlage ich vor, dass wir beide besser zusammenbleiben, falls einer von uns in Gefahr geraten sollte.“

Beide Kommissare liefen bewaffnet alle Räume pedantisch ab, aber in keinem der vier Bäder oder zehn großen Zimmer konnten Personen gefunden werden. Auch auf den luxuriösen Terrassen sowie den dazugehörigen Schwimmbädern gab es keinerlei Auffälligkeiten. Díaz beschloss aufgrund seiner vielen anderen offenen Fälle zunächst zurück zum Präsidium zu fahren und seinen Kollegen erst wieder später bei seinen Aufgaben zu unterstützen. Lopez beobachtete unauffällig die Arbeit der Spurensicherung. Interessant wurde es, als zunächst die Frauenleiche auf den Rücken gedreht wurde. Er musste sich setzen. Als er erneut die Leiche des Mannes auf dem Rücken liegen sah, war er froh, dass er nicht stand. Er kniff in seinen Arm, um festzustellen, dass dieser Anblick kein Traum, sondern pure Realität war. Die aufgequollenen Lippen und die blonden Haare der Dame waren blutüberströmt. Man hätte denken können, dass es die Farbe Ihres letzten Luxuslippenstiftes sei. Eine ihrer aufgeklebten Wimpern lag wie ein Teil eines kleinen Besens einsam auf dem gefliesten Boden. Die von einem Schönheitschirurgen operierte Nase sah mit Sicherheit noch schlechter aus als ihre ursprüngliche Originalnase vor der Operation. Drei ihrer knallroten Fingernägel waren abgebrochen und lagen wie Konfetti neben ihr. Lopez fragte sich, ob sie die beiden implantierten Brüste bei ihrem Aufprall schützen konnten, aber das war eindeutig nicht der Fall. Er wusste, dass er solche gehässigen Gedankengänge vermeiden sollte, aber leider konnte er sie sich nicht verkneifen. Und: Die Gedanken sind frei. Aber die größte Überraschung war, dass es sich um Botox-Barbie handelte, die gestern Abend einen Tisch vor ihm im Restaurant saß. Der Mann wurde von der Spurensicherung bisher noch nicht umgedreht, aber Lopez war sich ziemlich sicher, dass es allein von der Statur her der bekannte Investor Gerald Fuchs sein musste. Bereits die spärliche, sichtbar gefärbte Haarpracht von hinten, ließ auf ihn schließen. Auch er war auf dem Rücken liegend blutüberströmt. Im Gegensatz zu seiner Frau fehlte die rechte Hand. Sie wurde eindeutig abgehackt, war allerdings auf den ersten Blick nirgendwo zu finden. Seine rote Designerbrille hing schief und zerbrochen auf seiner blutigen Nase. Seine Nasenlöcher waren mit Tonerde zugeschmiert, genauso seine Ohren. Er musste einen qualvollen Tod erlebt haben, aber das würden die Ergebnisse der Pathologie noch zeigen. Lopez betrachtete den zwischen ihnen stehenden, alten, transparent lackierten Flügel mit wunderschönen Intarsien. Allein der Halter für das Notenbuch war ein Kunstwerk für sich. Hersteller war Steinway & Sons, das Herstellungsjahr laut Aufschrift 1918. Es konnte sich hierbei vermutlich nur um ein Dekorationselement in dem eintönig in Weiß gehaltenen Designerraum handeln. Lopez erinnerte sich daran, dass seine Eltern früher auch ein einfaches Klavier in der Wohnung stehen hatten, allerdings mussten sie es aus Platzgründen verkaufen. Ihm war in Erinnerung geblieben, dass durch die feuchte, salzige Luft auf der Insel, und die Heizgewohnheiten im Winter, fast jedes Klavier nach einer gewissen Zeit automatisch in Pension geschickt wurde. Er wusste, dass auf einer Finca bei Sant Joan Pianos und Flügel verkauft werden, die das Glück hatten, überholt zu werden. Dennoch gab es auf Mallorca immer noch genügend Konzertflügel, die für professionelle Pianisten so gut wie unbespielbar waren. Auf dieser Finca konnte man auch ein spezielles maritimes Instrument kaufen, das den extremen Belastungen widerstand. Lopez stellte fest, dass er trotz seiner erbärmlichen Klavierpraxis von früher doch mehr Ahnung von Klavieren hatte, als er dachte.

„Rafael, sie gucken den Flügel so sehnsüchtig an. Wahrscheinlich, weil Sie es aufgrund des Alters schön finden, aber legen Sie sich mal unter den Flügel. Jetzt, wo wir alle Spuren gesichert haben dürfen Sie das.“

Lopez ging auf seine Knie und schaute sich die Unterseite des Flügels an. Er war fassungslos. Unterhalb der Tastatur befanden sich zwei kleinere, aus Holz eingebaute Kästen, die frisch aufgebrochen wurden.

„Es scheint, als dass der Flügel für irgendein Versteck genutzt wurde. Es sieht aus, als ob sich in den beiden Kästen auf jeden Fall etwas Wertvolles befunden hatte. Sie wurden so geschickt eingebaut, dass man sie selbst bei einem Umzug nicht sehen konnte. Dieser Fund gibt dem Fall eine spezielle Note, umgeben von Noten.“ Lopez lachte laut über sein Wortspiel in Erwartung weiterer Anerkennung, die allerdings keinerlei Anklang fand.

„Gut erkannt lieber Kollege. Ich glaube, da haben Sie in der nächsten Zeit eine harte Nuss zu knacken. Wir werden die Leichen jetzt abholen lassen und der Pathologie übergeben. Unsere Erkenntnisse teilen wir Ihnen so schnell wie möglich mit.“

Lopez kroch erneut ächzend unter das Klavier und machte mit seinem Handy detaillierte Aufnahmen der beiden aufgebrochenen Kästen.

„Übrigens, diese Siurell lag versteckt im hinteren Kästchen. Es handelt sich von der Verarbeitung her um dieselbe Tonfigur wie die vom Kreuzfahrtkapitän. Allerdings nicht als Inkarnation eines Kapitäns. Bei dieser Siurell handelt es sich um ein Pärchen, das eng umschlungen ist. Wir haben keine Ahnung, wen es darstellen soll, aber das herauszufinden ist ja auch Ihre Aufgabe.“

„Danke für diesen Hinweis“ rief Lopez unter dem Klavier liegend in den Raum hinein. „Das hätte ich ohne Sie nicht gewusst.“

Lopez verließ sichtlich entnervt das Haus. Zu viele Dinge schossen ihm aktuell durch den Kopf. Er musste sich mit Díaz zusammensetzen. Dieser Fall schien doch sehr komplex zu werden. Díaz hatte ihm in der Vergangenheit besonders dann schon oft durch Ideen geholfen, wenn er fast aufgegeben hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass ihm selbst von Kollegen eine immer zu korrekte und pedantische Arbeitsweise vorgeworfen wurde. Eine Eigenschaft, die bei den Mallorquinern häufig negativ behaftet und eher den Deutschen zugeschrieben wurde. Diese Art hinderte ihn leider oft daran, Fälle etwas flexibler und kreativer anzugehen. Díaz dagegen stellte das genaue Gegenteil dar. Seine Arbeitsweise basierte eher auf Einfallsreichtum und Fantasie, die dann bei der eigentlichen Arbeit danach von etwas Chaos durchsetzt war. Man sagte ihm auch eine sehr diplomatische Arbeitsweise nach.

„Antonio, ich bin auf dem Weg zurück zum Präsidium. Mir schwirren so viele Dinge im Kopf herum. Ich muss sofort an mein Reißbrett und alles aufzeichnen.“

Díaz schlug mit seiner Handinnenfläche auf seine Stirn.

„Erst setzen wir uns zusammen, um die Zeit bis zu den Ergebnissen der Spurensicherung und der Pathologie zu überbrücken, und dann kommt das Reißbrett, okay?“

Lopez schluckte hörbar.

„Vale Antonio. Wäre es möglich, dass wir das Ganze bei einem kleinen Mittagessen im Büro vollziehen? Mein Magen ist schon etwas gereizt. Ich werde uns auf dem Rückweg etwas besorgen und mitbringen.“

„Sehr gerne Rafael. Ich freue mich auf unser Meeting.“

Lopez fuhr zum Restaurant Maruka in der Nähe der Placa d´España und bestellte „Arroz con ciervo y hongos“, also Reis mit Wild und Pilzen. Er wusste, dass Díaz dieses Gericht liebte. Für sich selbst „Tártaro de ternera con mostaza antigua“, Rindertatar mit altem Senf. Ein Gericht, das Díaz nicht mochte, aber für Lopez war es das Beste aller angebotenen Speisen. Durch die vollen Straßen wurde die normalerweise nur zehnminütig dauernde Fahrt auf fast eine halbe Stunde ausgeweitet. Antonio saß bereits in Lopez Büro und hatte das verkratzte Besteck sowie zwei Gläser eines Touristen-shops auf den Tisch gestellt.

„Oh welch schöne Gläser, die Kathedrale in Pink auf dem einen, und der Königspalast in Grün auf dem anderen.“

Díaz zog die Metallfolie seines Gerichts ab, und strahlte. Als er in die Schale seines Kollegen sah, drehte er sich demonstrativ kurz weg, um seine Abneigung zu zeigen. Lopez schüttelte verständnislos den Kopf.

„Hier erst noch mal der Status Antonio. Ein bekannter Investor Mallorcas liegt blutüberströmt mit abgehackter rechter Hand auf dem Bauch neben einem Klavierflügel aus dem Jahre 1918. Auf der anderen Seite liegt seine Ehefrau, die Botox-Barbie, in derselben Position. Unter dem Flügel wurden zwei kleine Kästen angebracht. Diese müssen bereits älteren Datums sein. Das sieht man an dem Holz und den verrosteten Nägeln, mit denen sie zusammengehalten wurden. Beide Kästen wurden voraussichtlich vom Mörder aufgebrochen und der Inhalt von ihm entnommen. Erneut lag, wie damals bei der Ermordung von Kapitän Sturm, eine mallorquinische Siurell in Form eines umklammerten Pärchens im Kasten. Am Vorabend waren beide Opfer mit einem anderen, mir unbekannten Ehepaar essen. Das ist zunächst der Status, und jetzt bitte ich um Ihre kreative Eingebung der weiteren Vorgehensweise.“

Lopez führte seine Gabel in das rohe Fleisch. Antonio stöhnte beim erneuten Anblick und ließ sich kurz Zeit nachzudenken.

„Wir wissen, dass der Ermordete ein nicht allzu beliebter Investor auf Mallorca war, das bedeutet, dass wir herausfinden müssen, wer zu seinen Feinden gehört hat. Es liegt nahe, dass das Ehepaar, mit dem sie gestern Abend essen waren, auch unter Mordverdacht stehen könnte. Da der Investor Fuchs in dem Restaurant Stammgast zu sein schien, müssten die Angestellten wissen, um wen es sich handelte. Was bedeutet die Siurell in dem Kasten? Soll es das Ehepaar Fuchs sein? Warum wurde ihm die Hand abgehackt, und warum ausgerechnet die Rechte? Zufall oder Absicht? Warum wurden die beiden Kästen unter dem Klavier aufgebrochen? Der Täter muss davon gewusst haben und es ist zu vermuten, dass es ihm irgendwann mal mitgeteilt wurde. Woher hat Fuchs dieses Klavier, und seit wann? Hat er es gekauft, geschenkt bekommen, oder ist es von seiner Familie? War vielleicht auch nur seine Frau das eigentliche Zielopfer der beiden Morde, und gar nicht er? Ist der Mörder der Serienmörder, der bereits die beiden vorangegangenen Morde begangen hat? Sollte dieses der Fall sein, frage ich mich dieses Mal, was er mit Umweltschutz zu tun haben könnte. Der Kapitän und der Fahrradfahrer wurden neben zusätzlichen Mordmethoden erschlagen. In diesem Fall wurden die Ohren und die Nase mit Tonerde zugestopft, allerdings nur bei ihm. Grundsätzlich können wir die weitere Vorgehensweise aber erst spezialisieren, wenn wir die Ergebnisse der Pathologie und KTU haben. Diese werden heute mit Sicherheit nicht mehr vorliegen. Selbst dann nicht, wenn unsere Pathologin Carmen aufgrund Ihrer permanent sichtbaren Flirtversuche versucht, alles so schnell wie möglich zu analysieren. Was mich etwas beunruhigt ist, dass wir bisher jeden Morgen einen Mordfall präsentiert bekommen haben. Ich bete dafür, dass diese Tat die letzte war.“

Díaz schob sich ohne Pause direkt ein kaltes Stück Wild in den Mund und trank einen Schluck aus dem Kathedralenglas. Lopez ging wortlos zur Wand und zeichnete nach klassischer Methode die soeben von Díaz gemachten Angaben auf eine große Tafel.

„Was dieses Klavier schon so alles gesehen haben muss. 1918 herrschte auch auf Mallorca die spanische Grippe, und das war kein Kinderspiel.“

„Vielleicht war es ja damals noch gar nicht auf Mallorca. Fast alle bestellten Klaviere kamen und kommen vom Festland. Besonders die teuren, da es auf unserer Insel immer sehr reiche Einwohner gab, aber leider auch viele Arme. Und das hat sich bis heute nicht geändert.“

Lopez strahlte.

„Sehen Sie Antonio, das ist das, was ich an Ihnen so schätze. Ihre Ideen, die einfach aus Erzählungen heraus entstehen können. Wir könnten auch den bekannten Klavierdoktor kontaktieren. Vielleicht kann er uns irgendetwas zur Geschichte sagen.“

„Ich kenne ihn zwar nicht, aber es klingt nach einer guten Idee Lopez!“

Die Türe wurde aufgerissen und die Assistentin von beiden, Esmeralda, stürmte aufgeregt ins Zimmer. Beide dachten zunächst an einen erneuten Mord.

„Chef stellen Sie sich vor, der Kaffeeautomat auf dem Gang ist kaputt, und der Kollege aus dem ersten Zimmer am Treppenhaus gibt mir die Schuld, weil ich als letzte Kaffee gezogen habe.“

Lopez und Díaz schauten sich an und lachten beide lauthals los. Esmeralda kniff ihre Mundwinkel zusammen und verließ schimpfend und beleidigt den Raum. Die Wucht der zugeknallten Türe ließ das Glas mit der Kathedrale auf dem Tisch vibrieren.

„Antonio, so muss das beim Erdbeben von 1851 gewesen sein, als die Wand der Kathedrale stark beschädigt wurde.“

Díaz nickte. Lopez beschloss zunächst allein zum Restaurant zu fahren, um zu eruieren, wer das gestrige Ehepaar war, mit dem Fuchs den Abend verbrachte und anschließend gemeinsam in die Limousine stieg. Es war bereits früher Abend so dass er auf jeden Fall jemanden antreffen würde.

„Buenas tardes. Hauptkommissar Lopez aus Palma. Ich ermittle in einem Mordfall und habe ein paar Fragen an Sie.“

Die Bedienung schaute Lopez tief ins Gesicht und stellte fest, dass auch er gestern Gast bei ihnen war.

„Buenas tardes. Was kann ich für Sie tun? Sie saßen doch gestern Abend frontal zu unserem Investor-Tisch, wie wir ihn hier spaßig nennen.“

„Wir benötigen Informationen über die beiden Personen, die mit dem Ehepaar Fuchs am Tisch saßen. Waren es Kunden von ihm oder Freunde, Verwandte oder Geschäftspartner?“

„Normalerweise dürfen wir keine Auskunft geben, da bei uns aufgrund der vielen Prominenten, die wir hier verwöhnen, die Privatsphäre einen ganz wichtigen Faktor darstellt. Da Sie aber von der Polizei sind, mache ich eine Ausnahme.“

Lopez wurde ungeduldig und klatschte zweimal laut in seine Hände.

„Es handelt sich um den Luxusmakler Kramer, den Fuchs bei allen seinen Projekten als Vermittler nimmt. Sein Büro ist ein Stockwerk über seinem im Stadtteil Santa Catalina.“

Das passt, dachte sich Lopez.

„Die Dame, die mit ihm dabei war, ist seine Frau, falls das was für die Ermittlungen ausmachen sollte.“

Lopez bedankte sich und fuhr direkt zum Geschäftshaus des Investors und seinem Makler. Er stand vor einem feudalen, alten und top sanierten Stadtpalast. Das Büro von Fuchs war im Erdgeschoss. Die Scheiben waren von außen nicht einsehbar, da sie von innen mit Folie beklebt waren, die ihn im Großformat im maßgeschneiderten knallblauen Anzug und einer Aktentasche unter dem Arm zeigten. Botox-Barbie posierte direkt im Nebenfenster mit einem hautengen schwarzen Kleid, das seriöse Kunden hätte abschrecken müssen. An den drei anderen Fenstern hingen seine aktuellen Projekte mit Fotos und Preisen. Selbstverständlich war in der Nacht alles auffällig hell beleuchtet. Das Büro von Kramer, auf das direkt bei den abgebildeten Projekten verwiesen wurde, war aufgrund der fortgeschrittenen Zeit dunkel. Objekte konnten nur nach Terminvereinbarung mit ihm besichtigt werden. Lopez würde direkt morgen anrufen, um einen Termin mit ihm für das aktuelle Projekt, das Kramer mit Fuchs hatte, zu vereinbaren.

Die Wohnung von Lopez war nicht weit von den Büros entfernt. Er beschloss, in der Hoffnung einen Parkplatz zu finden, direkt nach Hause zu fahren, um dort vor Ort zum Leidwesen seiner wartenden Ehefrau alle Details im Fahndungssystem schriftlich festzuhalten.

TAG FUENF

Lopez saß nach einer kurzen Nacht verschlafen am Frühstückstisch und wünschte sich selbst einen erfolgreichen Tag. Er hörte, wie sein Handy in seiner Jackentasche vibrierte. Seine Hoffnung beruhte darauf, durch die auf der Insel verteilten Fahndungsblätter endlich ein paar Hinweise zum Täter zu bekommen. Sein Wunsch wurde zerschlagen. „Pathologie“ zeigte sein Display an. Seine Kollegin musste erneut die halbe Nacht durchgearbeitet haben.

„Guten Morgen liebe Carmen. Was würde ich ohne Sie tun? Darf ich Sie nicht doch demnächst zum Abendessen einladen?“

Seine Frau, die gerade mit einem Berg schmutziger Wäsche auf dem Arm an ihm vorbeilief, warf Lopez einen nicht allzu freundlichen Blick zu.

„Rafael, die Obduktionsberichte des Ehepaars Fuchs sind erstellt, und Sie hatten recht. Beide Opfer wurden nachträglich erschlagen, und er bekam als Zusatzgeschenk noch Ton in seine Ohren und Nase geschoben. Aber jetzt halten Sie sich fest. Sie sind weder am Erschlagen gestorben, noch ist er am Ton erstickt. Sie waren beide bereits vorher tot. Bei der Untersuchung beider Opfer habe ich festgestellt, dass es sich um einen Tod durch den sogenannten Ratten-Lungenwurm handelt. Dieser ist leider zurzeit auf Mallorca häufig aktiv. Er kann und ist leider auch in diesem Fall für beide tödlich verlaufen. Sie mussten bereits ein geschwächtes Immunsystem gehabt haben. Dieser Wurm wird durch das Gericht „Caracoles“, wie Sie wissen, das traditionelle Schneckengericht übertragen. Die Infektion mit dem Parasiten kann über kontaminierte Nahrung oder Zwischenwirte, wie zum Beispiel Schnecken, in den menschlichen Körper gelangen. Diese verursachen starke Kopfschmerzen und neurologische Ausfälle.“

„Wie kommt er in die Schnecken?“ fragte Lopez irritiert.

„Er heißt so, weil die erwachsenen Weibchen in den Lungen und in Herzen von Ratten leben und dort ihre Eier ablegen. Die Larven werden dann durch den Magen-Darm-Trakt mit dem Kot ausgeschieden. Die Schnecken fressen ihn dann, und diese wiederum werden von Menschen, Vögeln oder Säugetieren gegessen. Dort suchen die Larven erneut das Gehirn und die Lungenarterien auf.“

Lopez hatte sofort das Bild des gestrigen Dinners vor Augen. Beide aßen riesige Berge von Schnecken.

„Kann der Tod innerhalb von einer Nacht einsetzen, oder dauert das länger?“

„Es dauert schon ein paar Tage. Außerdem dürften in guten Lokalen wie das, in dem Sie waren, hauptsächlich Schnecken genommen werden, die gezüchtet wurden.“

Lopez überlegte.

„Wann war der Todeszeitpunkt?“

„Anhand des Zustandes der Muskel- und Gelenkversteifungen sowie der Totenflecken, dürfte es um drei Uhr nachts gewesen sein.“

„Und Sie sind sich ganz sicher, dass beide den Ratten Lungenwurm vorher schon in ihrem Körper hatten?“

„Ja, Rafael ganz sicher. Das erneute Verspeisen allerdings hat dann wohl das Fass zum Überlaufen gebracht. Die zuletzt gegessenen Schnecken müssen ebenfalls infiziert gewesen sein und zum neurologischen Tod geführt haben.“ Lopez schwor sich in diesem Augenblick nie wieder Schnecken zu essen. Allein der Gedanke widerte ihn an.

„Was haben Sie sonst noch für Auffälligkeiten gefunden?“

„Beide wurden erschlagen, und zwar auch wieder Hinterkopf und Hals. Tötungsinstrument dürfte etwas Unebenes gewesen sein, so etwas wie eine Tonfigur, die in vielen Gärten am Pool steht. An den Schlagstellen konnten wir winzige Tonpartikel finden. Diese stammen nicht von dem Ton in der Nase und den Ohren.“

Lopez erinnerte sich an diverse hässliche Tonfiguren in der parkähnlichen Landschaft.

„Ach ja, die Opfer wurden beide zum Klavier gezogen. Ansonsten konnten wir bisher keine besonderen Auffälligkeiten feststellen. Sollte noch etwas Besonderes passieren, informiere ich Sie.“

Lopez bedankte sich überschwänglich und verließ wortlos die Wohnung. Er fuhr dieses Mal schneller als erlaubt zum Präsidium und rief die Spurensicherung an. Antonio Díaz, den er in sein Zimmer winkte, hörte zu.

„Lopez, guten Morgen, was konnten Sie herausfinden? Die Zeit drängt.“

„Buenos días. Was uns vor Ort auffiel, war, dass weit und breit kein Handy zu finden war. Der Täter muss es mitgenommen haben. Die Portemonnaies sind leer. Er hat sowohl Bargeld als auch sämtliche Karten mitgenommen. Ein benutztes Glas, das neben einer leeren, teuren Whiskyflasche stand, müsste auch von ihm gewesen sein. Er hat es sich nach der Tat wohl noch gemütlich gemacht. In diesem Glas lag der Rest einer gerauchten, sehr teuren Zigarre aus Havanna. Ich als passionierter Raucher schätze, dass diese Kostbarkeit einen Wert um vierhundert Dollar gehabt haben dürfte. Wir benötigen einen Abgleich des Speichels am Glas und der Zigarre mit dem Speichel der beiden Opfer, um sicher zu sein, dass nicht Herr oder Frau Fuchs diese Luxusgüter vor ihrem Tod konsumiert haben. Fingerabdrücke sind, wie bei den anderen beiden Taten wegen der abgenutzten Finger nicht möglich. Haare wurden erstmalig auf dem Sofa gefunden, auf dem er seinen erfolgreichen Abend beendete. Unsere Spurensicherung hat zudem die Polster des Sofas, auf dem vermutlich der Mörder saß, mit durchsichtigen Klebestreifen abgeklebt, um vor allem die Textilfasern, die sich von der Kleidung gelöst haben, zu überprüfen. In den Holzkästchen unter dem Klavier haben wir Fasern von alter Baumwolle gefunden. Diese dürften einige Jahrzehnte alt sein.“

Díaz und Lopez beschlossen erneut zum Restaurant zu fahren, um die Küche zu inspizieren. Da es auch bereits mittags gut besucht war, hatten sie die Möglichkeit, den Chefkoch und die Caracoles Köchin zu interviewen.

„Buenos días, Kommissariat Palma, Díaz und Lopez. Wir haben ein paar Fragen. Wir wissen, dass das Ehepaar Fuchs bei Ihnen gerne Caracoles isst. Vorgestern Abend waren beide hier und haben jeder eine große Portion davon genossen. Können Sie mir sagen, wann beide davor hier waren und ob sie auch Schnecken gegessen haben?“

Der Chefkoch überlegte kurz, schaute zu seiner Köchin, und beide waren sich einig, dass es so vor zehn Tagen gewesen sein dürfte.

„Meine Kollegin ist auf Caracoles spezialisiert. Sie kauft persönlich nur die besten der Insel, da darf ihr auch keiner reinreden, und zubereitet und serviert werden dürfen sie nur in ganz bestimmten Greixoneras, also Tonschalen.“

Die Köchin nickte wohlwollend.

„Das Ehepaar Fuchs ist an Caracoles gestorben, und daher müssen wir alle möglichen Wege, den Täter zu finden, auskosten.“

Beiden Köchen war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

„Sie glauben doch nicht etwa, dass wir etwas damit zu tun haben?“

„Wie oft wird bei Ihnen der Müll geleert?“

„Wie überall auf Mallorca, einmal pro Tag.“

Lopez machte sich trotzdem Hoffnung und ging zu den Müllcontainern. Schwarz war der allgemeine Müll, gelb die leichten Flaschen, blau das Altpapier und grün das Altglas. Er hob den Deckel der schwarzen Tonne hoch und hielt sich die Nase zu, da der Müll durch die Hitze zu stinken begann. Die Tonne war nur zu einem Fünftel voll. Die Reste von vorgestern Abend vernichtet. Er lief zurück in die Küche.

„Wo kaufen Sie die Schnecken?“

„In der Markthalle, also dem Mercat d´Olivar. Der Stand ist in der vorderen Halle und hat die Nummer siebzehn.“

Lopez und Díaz verabschiedeten sich mit dem Hinweis auf ein baldiges Wiedersehen und fuhren direkt weiter zur großen Markthalle Palmas. Eine ältere Dame wartete sichtlich gelangweilt an ihrem Stand auf Kunden.

„Buenos días, Lopez mein Name. Stimmt es, dass bei Ihnen regelmäßig die bekannte Köchin des sehr guten Klippen-Restaurants in der Nähe von Bendinat einkauft?“

„Si“, antwortete die Dame etwas stolz spontan.

„Sie kaufte die letzten Monate immer regelmäßig hier ein, da unsere Caracoles gezüchtet werden und daher keine Gefahr des derzeitigen Lungenwurms in sich bergen. Sie ist sehr nett und sehr großzügig. In der letzten Zeit allerdings wurden die Abstände, in der ich sie sah, immer größer. Schade. Ich vermute, dass sie die Schnecken vielleicht zusätzlich noch von einem anderen Züchter bezieht.“

„Muchas gracias Señora. Das reicht uns schon als Hinweis“, unterbrach Lopez die Dame und lief mit Díaz weiter durch die Halle.

Beide Kommissare waren sich sicher, dass durch die Käufe gezüchteter Schnecken keinerlei Gefahr von der Köchin ausgehen konnte. Vielleicht genossen die Opfer die Kriechtiere ab und zu auch in anderen Lokalitäten, oder ließen sich von ihrer Haushälterin gelegentlich welche zu Hause zubereiten. Die Markthalle in Palma bot alles, was man sich an kulinarischen Höhepunkten wünschte. Stände aller Art mit den frischsten Fischen, Krustentieren, Fleisch, Käse, Gemüse und Obst. Kaffee, duftende Backwaren, aber auch andere einheimische Produkte wie Korb- und Töpferwaren die zum Kauf angeboten wurden. Ein Durchgang lud in eine separate Halle ein, in der man vor Ort, umgeben von quirligem Leben seinen Hunger an Ständen mit Austern, typischen Tapas und Pinxos stillen konnte. Spanier, aber auch Touristen unterhielten sich dazu in lautem Tonfall und tranken meist nicht nur einen Champagner, sondern auch köstliche mallorquinische Weine. Beide liebten diese typisch spanische Atmosphäre, denn es war für sie Leben pur. Díaz und Lopez beschlossen sich gemeinsam drei Tapas zu teilen. Croquetas de jamon also Schinkenkroketten, Tortillas de patatas, Tortilla mit Kartoffeln und Gambas aller plancha, Garnelen vom Grill.

„Wir müssen zunächst zu Kramer. Er steht unter Tatverdacht“, sagte Lopez mit vollem Mund.

Díaz, der soeben eine Gamba in den Mund schob, nickte.

„Zusätzlich sollten wir Kontakt zur Köchin des Restaurants aufnehmen. Wir müssen versuchen, weitere Details zu erfahren.“

„Lassen Sie uns direkt losfahren, um ihn in seinem Büro zu erreichen.“

Dieses war allerdings nicht nötig. Lopez hielt bereits sein Feuerzeug einsatzbereit in der Hand, um sich eine Zigarette anzuzünden, als sie beide beim Herausgehen aus der Markthalle ihren Augen nicht trauten. Kramer stand zufällig mit einem älteren, gut gekleideten Herrn, vermutlich einem Interessenten vor dem Eingang eines alten Herrenhauses.

„Palma ist groß, aber irgendwie in gewissen Stadtvierteln wieder klein wie ein Dorf. Was für ein Zufall.“

Lopez steckte sein Feuerzeug abrupt zurück in seine Hosentasche. Sie sahen, wie Kramer einen Schlüssel aus seiner Aktentasche herausnahm und die große, schwere Holztüre öffnete. Es handelte sich eindeutig um einen Interessenten an der sanierten Stadtwohnung. Der Makler und sein Kunde liefen zügigen Schrittes in das Treppenhaus hinein. Lopez schaffte es im letzten Augenblick, seinen Fuß mutig zwischen die sich schließende Türe und die Mauer zu stellen. Kramer fuhr jedoch bereits mit dem alten, luxuriös aufgearbeiteten Aufzug in den vierten Stock.

„Díaz, haben Sie nach unserem Mittagessen Lust, bis in den vierten Stock zu laufen?“

Díaz schüttelte sichtlich erleichtert den Kopf.

„Rafael natürlich nicht. Wir nehmen den bequemeren Weg und rufen ebenfalls den Aufzug.“

Die luxuriös aufgearbeitete Türe der Wohnung stand offen.

„Díaz, Sie bleiben vor der Türe, falls Kramer flüchten möchte.“

Lopez lief lauten Schrittes direkt zu Kramer, der bereits einen Plan auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

„Señor Kramer, Sie und Ihre Frau stehen unter Verdacht, das Ehepaar Fuchs ermordet zu haben. Sie werden direkt zum Verhör ins Revier gebracht, und mein Kollege und ich sammeln noch Ihre Ehefrau auf.“

Kramer versuchte aus dem Raum zu fliehen, lief Díaz aber wie geplant direkt in die Arme.

„Sie wissen ja, Flucht ist ein Zeichen der Schuld, denn nur der, der flieht, hat etwas zu verbergen.“

„So ein Quatsch“, schrie Kramer durch das Treppenhaus.

Lopez orderte einen Streifenwagen, um ihn offiziell abführen zu lassen.

„Wir sehen uns später auf dem Revier, aber jetzt sagen Sie uns noch, wo können wir Ihre Frau finden?“

„Mein Schatz hat gerade Töpferstunde. Sie liebt es, mit ihren Fingern etwas zu erzeugen. Deshalb spielt sie auch Klavier. Im Gegensatz zu Frau Fuchs, deren alter Flügel nur ein Kunstwerk im Raum darstellte. Keiner von beiden hatte jemals Klavierunterricht.“

„Wo ist die Töpferstunde? In Palma?“

„Nein, in Portol auf dem freien Gelände einer alten Töpferei. Sie töpfern in der Natur, gebrannt wird dann ohne sie, und sie können ihre Kunstwerke anschließend einen Tag später abholen. Das ist jedes Mal wie Weihnachten für sie.“

„Wie rührend“ antwortete Lopez sichtbar entnervt und lief mit Díaz Richtung Tiefgarage.

Portol war fünfundzwanzig Minuten von Palma Richtung Norden ins Landesinnere entfernt. Es war ein alter Töpferort, in dem auch heute noch Krüge, Kannen, Schalen, Schüsseln, Töpfe und vieles mehr hergestellt wurden. Der Ort erwies sich aufgrund der Nähe zum Tramuntana Gebirge auch als hervorragender Ausgangspunkt für Wanderungen oder Mountainbike Touren.

Bereits beim Erreichen der Ortseinfahrt konnte man in der Ferne erkennen, wie eine Gruppe von vier Personen in der Natur an Tischen saß. Lopez fuhr so nah wie möglich an die mit einigen verstreuten Olivenbäumen versehene Wiese heran. Beide Kommissare liefen die noch verbliebenen zweihundert Meter zu den Tischen.

„Hola, buenos días, Kriminalkommissariat Palma. Wir bitten Sie, Frau Kramer, mit uns zum Präsidium zu kommen. Ihr Mann wartet schon auf Sie.“

Der Lehrmeister des Kurses, ein seit Generationen alteingesessener Einwohner aus Portol, stand entsetzt auf. Mit seinem alten Strohhut, der verspiegelten Sonnenbrille und seinem Vollbart sah er älter aus, als er vermutlich war.

„Unseren Töpferkurs gibt es nun schon seit zehn Jahren, und noch nie musste einer das Erschaffen seiner göttlichen Kunstwerke verlassen.“

Díaz reichte es, er zog Frau Kramer von der Holzbank.

„Möchten Sie mit oder ohne Handschellen mitkommen?“

„Handschellen? Warum?“

„Investor Fuchs, den Sie gut zu kennen schienen, wurde gestern am Morgen, tot mit seiner Frau in seinem Haus in Bendinat gefunden. Da Sie zuletzt mit ihm im Restaurant gesehen wurden, hätten wir ein paar Fragen.“

Der Töpferlehrer setzte sich mit erschrockener Mine aus Versehen auf das von Frau Kramer gefertigte Kunstwerk.

„Mord? Investor Fuchs? Den kennt fast jeder auf der Insel, da er so viel Gutes für Mallorca und insbesondere Palma getan hat. Seitdem er hier ansässig ist, sieht Palma durch seine Sanierungen wie ein Juwel aus. Schade.“

„Vielen Dank, dass Sie mein Kunstwerk zerstört haben“, schrie Frau Kramer ihren Lehrer an. „Das war so zu sagen mein Meisterwerk, ein altes mallorquinisches Herrenhaus.“

Lopez drehte sich lachend zur Seite. Er durfte das Kunstwerk vor seiner Zerstörung noch kurz sehen und fragte sich, ob der Kasten ein altes einfaches Fischerhaus am Strand darstellen sollte. Aber dieses Elend blieb der Welt nun erspart.

Den Weg ins Präsidium nutzten beide, um Frau Kramer Fragen zu stellen.

„Wie oft haben Sie Fuchs gesehen?“

„Manchmal täglich. Aufgrund unserer gemeinsamen Zusammenarbeit natürlich. Privat hatten wir dann nicht allzu viel miteinander zu tun. Wenn man sich geschäftlich oft sieht, möchte man den Menschen nicht auch noch abends laufend begegnen“.

Lopez und Díaz warfen sich einen Blick zu und nickten verständnisvoll.

„Die Nachricht über ihren Tod nimmt mich sehr mit. Ich werde zudem meine nächste Aussage erst im Präsidium gemeinsam mit meinem Mann tätigen.“

Es war bereits kurz vor fünf, als Frau Kramer mit ihrem Mann zum Verhör das Zimmer betreten durfte. Lopez räusperte sich und fing gezielt an.

„Beide Opfer sind an einer bereits länger in sich tragenden Ratten-Lungenwurm Infektion durch Caracoles gestorben. Ihnen wird diese Todesursache nicht angehängt. Allerdings wurden beide nach ihrem Tod durch eine Amphore erschlagen, und zwei unter dem Klavier versteckte Holzkästchen wurden aufgebrochen und die mit Sicherheit wertvollen Inhalte entwendet. In dem einen Kästchen lag eine Siurell in Form eines umschlungenen Ehepaars. Da Sie zuletzt mit dem Ehepaar Fuchs Kontakt hatten und mit ihnen zusammen in die Limousine gestiegen sind, liegt der Verdacht nahe, dass Sie es gewesen sein könnten.“

Kramer schaute irritiert seine Frau an und beide schüttelten wortlos den Kopf.

„Sie glauben doch nicht, dass wir unseren Auftraggeber, von dem wir uns ein gutes Leben leisten können, ermorden. Sie halten uns wohl für absolute niveaulose Tiefflieger. Sicher ist man nicht immer einer Meinung, aber deswegen bringe ich doch keinen um. Zudem hat uns der Chauffeur nach dem Restaurantbesuch direkt bei uns zu Hause abgesetzt. Wir waren nicht mehr bei Fuchs in der Villa.“

„Haben Sie Zeugen?“ „Selbstverständlich. Wenn Sie nachdenken würden, würde natürlich erst mal der Chauffeur selbst infrage kommen, und dann unsere Haushaltshilfe, die bei uns in der Einliegerwohnung wohnt.“

Lopez erteilte Díaz den Auftrag, beide Personen telefonisch zu kontaktieren, um ihnen die Frage zu stellen, wann das Ehepaar Kramer zu Hause war.

„Hat Ihnen Fuchs jemals etwas über das alte, wunderschöne Klavier erzählt, oder sogar über die beiden Holzkästchen?“

„Der Flügel stand irgendwann vor Kurzem plötzlich in seiner Wohnung. Keiner von den beiden konnte wie gesagt spielen, das war für sie ein reines Kunstobjekt.“

Lopez bat um die Handys des Ehepaars.

„Ich gebe sie an meinen Kollegen von der KTU weiter. Sie sollen Ihre Geräte auf verdächtige Hinweise checken. Besonders interessieren wird uns dabei, ob Sie nach dem Absetzen an ihrer Villa noch einmal Kontakt zu Fuchs hatten. Sollte sich Ihre Unschuld bestätigen, erhalten Sie Ihre Handys unverzüglich zurück. Das kann allerdings einige Tage dauern.“

Kramer schlug auf den Tisch und schrie.

„Ich benötige mein Handy. Dort sind alle Geschäftstermine drauf.“

„Eben drum“, antwortete Lopez lächelnd.

Díaz trat in das Zimmer ein und bestätigte, dass Herr und Frau Kramer nach dem Restaurantbesuch direkt, ohne Umweg nach Hause gebracht wurden. Sie hatten damit ein eindeutiges Alibi.

„Sie sind im Moment frei, da Ihnen bisher keine verdächtigen Handlungen nachgewiesen werden können. Es ist allerdings noch nicht alles bis ins kleinste Detail untersucht, so dass noch weitere Recherchen erfolgen werden. Sie müssen bis auf Weiteres jederzeit zu Hause auf Ihrem Festnetz erreichbar sein. Sobald unsere Auswertungen der Handys vorliegen und gegen Sie auch weiterhin nichts Belastendes verwendet werden kann, sind Sie endgültig frei. Verstanden? Ach ja, eine Bitte noch. Ich werde mit meinem Kollegen in der nächsten Zeit Ihr aktuelles Bauprojekt anschauen. Wir kontaktieren Sie dann zu Hause. Zwei Kollegen bringen Sie jetzt zurück in Ihre Villa.“

Lopez öffnete die Türe und kniff Díaz ein Auge. Erst als er sah, dass alle Personen in den Aufzug gingen, schloss er leicht seufzend die Türe.

„Antonio sind Sie bereit für neue Taten, oder müssen Sie sich weiter Ihren anderen Fällen widmen?“

„Rafael, keiner kennt das Wort „delegieren“ so gut wie Sie? Ich gebe viele Aufgaben sehr gerne an meine jungen Kollegen weiter. Sie sind dankbar, etwas zu lernen, ohne zu wissen, was ihnen noch an Arbeit bevorstehen wird. Ihr Fall beginnt interessant zu werden, und ich würde Ihnen gerne weiterhin helfen, da Ihre Kreativität der eines Eichhörnchens entspricht. Sie suchen Nüsse, Nüsse und Nüsse. Dabei kann auch einmal etwas anderes gefunden werden. Wir ergänzen uns bekannterweise hervorragend, und warum sollten wir diese Konstellation zunächst nicht weiterführen?“

Lopez war erleichtert und freute sich innerlich auf die weitere gemeinsame Arbeit.

Der Chauffeur wohnte in einer nur für ihn angemieteten zwei Zimmer Wohnung in einem Apartmenthaus. Díaz stoppte den Wagen mit seinem unverkennbaren kurzen Bremsweg vor dem größeren Gebäude. Sie hatten Glück. Dem Drücken auf den gestylten Klingelknopf folgte ein leichtes Surren der Türe. Lopez, der die mit Glas versetzte, und veredelte Aluminiumhaustüre durch seinen eigenen Körpereinsatz schneller öffnen wollte, flog durch das rasche automatische Öffnen derselben zunächst in den Hausflur hinein.

„Beeindruckender Auftritt Herr Kollege.“

Kramers Chauffeur, dessen Wohnung im Erdgeschoss lag und die Situation beobachten durfte, drehte sich sichtlich amüsiert um. Er bat beide mit dem Gesicht zur Wohnung gewandt, diese zu betreten und sich auf das lichtgraue Loungesofa zu setzen. Díaz, der mit seiner Körpergröße von einem Meter sechzig für das Sofa mit einer Sitztiefe von fünfundsiebzig Zentimetern eindeutig zu klein war, lag zum größten Teil auf demselben.

„Machen Sie es sich bequem“, sagte der Chauffeur neutral. „Kommissar, ich glaube, dass Sie es sich bereits zu bequem gemacht haben. Setzen Sie sich lieber ganz vorne auf den Rand des Sofas, das demonstriert, dass wir hier nicht privat, sondern geschäftlich sind.“

Díaz schob sich mit beiden Armen nach vorne und nahm eine sichtlich geradere Sitzposition ein.

„Danke, dass Sie uns hereingelassen haben. Wie Sie sich denken können haben wir einige Fragen. Zusätzlich benötigen wir Ihr Handy. Ihr Bewegungsprofil in der Tatnacht werden wir selbstverständlich auch überprüfen müssen.“

Lopez zog eine kleine Plastiktüte aus seiner Hosentasche und steckte das Handy hinein.

„Widerrede hat keinen Erfolg. In Fuchs Haus wurde nach der Ermordung etwas entwendet, das von größerem Wert zu sein schien. Versteckt in zwei Kästchen unter dem Klavier. Als Chauffeur bekommen Sie durch persönliche Gespräche, Telefonate und Fahrten von Personen im Wagen sehr viel mit. Ist Ihnen in den letzten Tagen etwas aufgefallen, was nicht dem Alltag entsprach, und wissen Sie, woher Fuchs den Klavierflügel hatte?“

„Bisher durfte keiner wissen, dass er seine Villa verkaufen wollte. Ansprüche wachsen im Laufe der Zeit, und das Beste ist dann nicht mehr gut genug. So auch bei meinem Ex-Chef. Vor einigen Tagen gab es einen Interessenten für die Villa. Ich sollte ihn kontaktieren und abholen. Allerdings hatte ich nur seine Telefonnummer, die beim zweiten Anruf schon nicht mehr funktionierte. Der Kaufinteressent wies darauf hin, dass er vorher noch geschäftlich etwas zu erledigen habe und ich ihn vor einem Restaurant im Villenviertel von Arenal abholen könnte. Bei der Ankunft bei Fuchs interessierte er sich zunächst auffällig für die Alarmanlagen, was ich schon sehr merkwürdig fand. Er erzählte mir, dass er ein internationales Unternehmen für Alarmanlagen habe und sich bei jedem Hausbesuch darüber informiere. Die Erklärung kam mir in diesem Augenblick aber nicht verdächtig vor.“

„Wie sah er aus?“, fragten beide Kommissare zeitgleich.

Stirnrunzeln avisierte den Denkprozess.

„Er war so groß wie ich. Circa einen Meter siebzig.“

Díaz schaute ihn und auch Lopez neidvoll an.

„Unverkennbar waren seine schwarzen Haare. Er dürfte etwas jünger als ich gewesen sein, so Ende fünfzig. Eigentlich machte er keinen sonderlich reichen Eindruck, aber in diesen Kreisen stehen ja einige auch auf Understatement. Und er war von der Sprache her eindeutig ein Spanier, wahrscheinlich sogar Mallorquiner.“

„Und sonst?“

„Sie müssen bedenken, dass zwischen dem Gast und mir eine Scheibe ist und ich meine Kunden nicht die ganze Zeit analysiere. Im Gegenteil, Seriosität ist hier eher angebracht.“

„Sie haben uns noch nicht die Frage nach der Herkunft des Flügels beantwortet.“

„Señor Lopez, ich bin der Chauffeur von Herrn Fuchs und nicht seine Haushälterin. Meine Aufenthaltsorte sind die Limousine oder mein Zuhause. Durch Gespräche während einer Fahrt habe ich nichts mitbekommen. Ehrlich gesagt, hätte ich ohne Ihre Frage nie gewusst, dass er überhaupt ein Klavier besitzt.“

Es war bereits spät, aber Lopez und Díaz beschlossen nach Übergabe des Handys an die KTU, noch ein kurzes Brainstorming zu machen.

„Was haben Ihnen die Hinweise von unserem Besuch vermittelt, Lopez?“

„Die Merkmale des Mannes stimmen zumindest mit denen des Täters von Kapitän Sturm und Dreschke überein. Auch wenn sie nicht allzu ergiebig waren.“

Lopez nahm seine Jacke vom Stuhl, legte sie über seinen Arm und verabschiedete sich.

„Buenas noches Antonio, warum haben Sie fast immer das letzte Wort? Das Fazit Ihrer Hilfe ist, dass ich morgen nicht wie ursprünglich geplant allein zum Klavierhändler fahren werde, sondern natürlich in Ihrer Begleitung. Aber jetzt rauche ich draußen erst mal eine richtig gute Zigarette.“

„Welche Überraschung Kollege.“

Lopez haute Díaz kurz auf seine schmale Schulter, winkte, und verließ pfeifend den Raum.

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