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DEIN HERZ HINTER DEN WOLKEN

INHALT

Dein Herz hinter den Wolken

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Über den Autor

OBO e-Books

IMPRESSUM

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages!

Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2018 dieser Ausgabe Obo e-Books Verlag,

alle Rechte vorbehalten.

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M. Kluger

Fort Chambray

Apartment 20c

Gozo, Mgarr

GSM 2290

Coverdesign: Wolkenart - Marie-Katharina Wölk, www.wolkenart.com

DEIN HERZ HINTER DEN WOLKEN

1
CHAMPAGNER

Verträumt lächelnd beobachte ich einen Schmetterling, der in dem kleinen Park, in dem ich meine Mittagspause verbringe, herumfliegt. Es ist ein Kohlweisling, das habe ich auf den ersten Blick erkannt. Zufrieden lehne ich mich gegen die Rückenlehne der Parkbank und lasse das Tierchen dabei nicht aus den Augen. Ich liebe es, Schmetterlinge zu beobachten, das war schon immer so. Ich erinnere mich an unzählige Sommertage, an denen ich im Garten meiner Eltern auf dem Rasen gelegen habe. Die verschiedensten Schmetterlingsarten tanzten durch unseren Garten und ich konnte mich gar nicht an ihrem Spiel sattsehen. Nicht selten kam es vor, dass sie sich direkt neben mir im Gras niederließen oder sogar auf meiner Hand landeten. Mit der Zeit habe ich gelernt, die verschiedenen Sorten zu unterscheiden. Während meine Freunde es nie schafften, einen Kohlweisling und einen Zitronenfalter auseinanderzuhalten, wunderte ich mich darüber, wie man die beiden verwechseln konnte. In meinen Augen sahen die zwei sich nicht mal im Ansatz ähnlich. Aber vielleicht war ich da einfach ein wenig anders als andere Kinder meines Alters. Mein Bruder hat immer gesagt, ich sei ein Schmetterlings-Nerd, und wahrscheinlich hatte er damit nicht ganz unrecht.

Damals war ich eine Träumerin, romantisch verklärt. Wenn ich nicht gerade Schmetterlinge beobachtete, verbrachte ich meine Zeit mit Lesen. Als Jugendliche habe ich Liebesromane verschlungen. Ich schaute mit einer rosaroten Brille auf die Ehe meiner Eltern und wünschte mir nichts sehnlicher, als irgendwann einmal eine solche Liebe zu finden. Auch wenn die zwei schon seit dreißig Jahren verheiratet sind, spürt man in jedem Blick, in jeder Geste, wie sehr sie sich noch immer lieben und dass sie alles für den anderen geben würden. Das war es, was ich als Kind wollte, diese unendliche Liebe. Mittlerweile sehe ich es anders, die Realität hat mich erwachsen und pragmatisch werden lassen. Die große Liebe ist nicht mehr das, wonach ich strebe, ich habe andere Ziele, die ich verwirklichen will. Aus dem kleinen verträumten Mädchen ist eine Frau geworden, die weiß, was sie im Leben erreichen möchte, und alles dafür gibt.

Das Einzige, was noch immer unverändert ist, ist, Schmetterlinge zu beobachten, in diesem Moment ein wenig zu träumen und die Realität auszublenden. Die Schmetterlinge sind es auch, die mir wohl am meisten fehlen, seit ich vor anderthalb Jahren von unserer Kleinstadt nach Hamburg gezogen bin. Hier gibt es nicht so viele wie auf dem Land. Umso mehr freue ich mich, wenn ich einen entdecke. Dieser Kohlweisling hier war der erste, den ich in diesem Frühjahr zu Gesicht bekommen habe, und ich hoffe, über den Sommer würden noch viele weitere folgen.

Der kleine Kohlweisling verschwindet aus meiner Sichtweite und seufzend schaue ich auf die Uhr. Meine Pause ist gleich vorbei, ich sollte mich allmählich auf den Weg machen. Zurück in mein Büro, wo auf meinem Schreibtisch mehr als genug Arbeit auf mich wartet. Schon bevor ich gegangen bin, lagen dort diverse Zettel und Notizen von meinem Chef, und wie ich ihn kenne, sind in der letzten Stunde noch einige weitere hinzugekommen.

„Ich versteh echt nicht, wie du das Zeug trinken kannst. Ich kriege das nicht mal runter, wenn ich krank bin!“ Die Stimme meiner Kollegin Cookie erklingt, als ich in der kleinen Küche des Büros gerade meinen Kamillentee aufgieße. Grinsend wende ich mich zu ihr um.

„Genauso geht es mir, wenn du dir diese schwarze Plörre einschenkst. Wie kann man nur Kaffee trinken?“ Gespielt angeekelt schüttele ich mich und werfe einen Blick auf den Becher in ihrer Hand, aus dem der leicht bittere Geruch von Kaffee aufsteigt. Nie im Leben würde ich das Zeug hinunterbekommen, das Cookie und so ziemlich der komplette Kollegenkreis literweise jeden Tag in sich hineinkippen. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.

So unterschiedlich wie unser Getränkegeschmack sind Cookie und ich auch in vielen anderen Dingen. Allein optisch ist sie schon genau das Gegenteil von mir. Kurze, etwas strubblige, rote Haare, wenn überhaupt, dann nur dezent geschminkt, und ihre Klamotten wirken immer ein wenig spießig. Mir hingegen ist mein Äußeres sehr wichtig. Das muss es auch sein, wenn ich meinen Plan verwirklichen möchte. Als graues Mäuschen habe ich keine Chance, zu erreichen, was ich erreichen möchte. Das einzig Außergewöhnliche an Cookie ist ihr Spitzname. Eigentlich heißt sie Tanja, doch so nennt sie wirklich niemand, nicht einmal der Chef. Bereits als Kind wurde sie so genannt. Sie hat mir mal erzählt, dass das Wort Cookie das Erste war, was sie als Kleinkind gesprochen hat. Ihre amerikanische Großmutter hatte immer einen Porzellantopf mit Schokocookies im Wohnzimmer stehen, und kaum dass sie herausgefunden hatte, was da drin war, hat sie nach diesen Keksen verlangt. Mittlerweile hat sie das Rezept dafür von ihrer Oma geerbt und backt sie selbst. Ein Vorrat der Kekse ist immer in ihrer Schreibtischschublade zu finden. Ich liebe diese Schokocookies ebenso wie sie. Obwohl wir sonst so verschieden sind, bei Keksen haben wir denselben Geschmack. Doch trotz all unserer Unterschiede ist Cookie nicht nur meine Kollegin, sondern auch meine beste Freundin geworden. Sie ist einfach eine Seele von Mensch und hat immer ein offenes Ohr für andere. Aber nicht nur das liebe ich an ihr, nein, auch wenn ihr Äußeres eher spießig wirkt, habe ich selten einen so humorvollen, lebensfrohen Menschen erlebt wie sie.

Als ich hier ankam und den ersten Tag in meinem neuen Job in dieser Bank hatte, war sie es, die mich sofort unter ihre Fittiche genommen hat. Oder, wie ich es augenzwinkernd gern nenne, Cookie hat mich adoptiert.

„War irgendwas Dringendes, als ich weg war?“, frage ich Cookie und befreie meinen Teebeutel aus seinem heißen Wasserbad.

„Nur ein paar typische cholerische Anfälle vom Sahrmann. Er hat die Angebote für Herrn Karlsen gesucht. Der kommt ja gleich zum Beratungsgespräch.“

„Für Herrn Karlsen? Die hab ich ihm doch schon heute Morgen auf den Schreibtisch gelegt. Hat er sie wieder untergebuddelt oder wie?“ Kopfschüttelnd verlasse ich die Küche und mache mich auf den Weg zu meinem Platz. Dort angekommen stelle ich den Teebecher ab und drehe mich dann zu Cookie um, die mir gefolgt ist.

„Meinst du, er hat sie mittlerweile gefunden? Oder soll ich ihm suchen helfen?“ Grinsend mustere ich meine Freundin, die entspannt hinter ihrem Schreibtisch Platz nimmt und einen Schluck ihres Kaffees trinkt, bevor sie mir ebenso grinsend antwortet.

„Du kennst ihn doch! Ohne dich ist er aufgeschmissen.“

Als hätte mein Chef auf sein Stichwort gewartet, geht in diesem Moment die Tür zu seinem Büro auf. Mit hochrotem Kopf und leicht schnaufend kommt Herr Sahrmann heraus, die Stirn in Falten gelegt und sichtlich verzweifelt. Erst als er mich erblickt, entspannt sich seine Mimik.

„Ah, Frau Floris, da sind Sie ja endlich wieder. Sie haben mir die Unterlagen für Herrn Karlsen nicht gegeben und er müsste jeden Moment hier sein. Also, sofort auf meinen Schreibtisch damit!“, befiehlt er.

Ich muss ein Schmunzeln unterdrücken. So ist mein Chef. Er kann seine Sachen nicht finden, und dann war ich es, die sie ihm nicht gegeben hat. Zum Glück kenne ich ihn mittlerweile gut genug, um das nicht mehr persönlich zu nehmen. Am Anfang bin ich jedes Mal panisch geworden, wenn er mich so angeherrscht hat, doch jetzt bleibe ich ruhig. Entspannt lächele ich ihn an.

„Herr Sahrmann, die Angebote liegen bereits seit heute Morgen auf Ihrem Tisch. Lassen Sie mich mal machen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, gehe ich an ihm vorbei in sein Büro. Wie vermutet, Herr Sahrmann hat ein paar Ausdrucke, die er in der Zwischenzeit gemacht hat, auf die Unterlagen gelegt. Mit einem einzigen zielsicheren Griff ziehe ich sie unter dem Stapel hervor, drehe mich zu ihm um und drücke sie ihm in die Hand.

„Hier sind sie doch“, sage ich freundlich.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrt mein Chef auf die Papiere in seiner Hand. „Aber eben waren sie …“, murmelt er und schüttelt leicht den Kopf, als könnte er das Ganze nicht verstehen.

„Noch einen Kaffee, Herr Sahrmann?“, biete ich an und er schaut auf.

„Ähm, ja, bereiten Sie doch bitte ein Tablett vor und stellen Sie es mir schon her. Danke, Frau Floris, ich weiß nicht, was ich ohne Sie machen würde!“

„Das weiß ich auch nicht“, murmele ich leise, als ich das Büro verlasse und die Tür hinter mir schließe.

„Na, wo waren die Unterlagen?“, fragt Cookie lachend und lehnt sich auf ihrem Schreibtischstuhl zurück.

„Wo wohl? Da, wo ich sie ihm heute früh hingelegt habe. Er hat nur diversen anderen Kram draufgepackt und sie dann in seinem Chaos nicht wiedergefunden“, erkläre ich und nehme im Stehen neben meinem Tisch einen Schluck von meinem Kamillentee. Ich habe nicht die Zeit, mich hinzusetzen, immerhin soll ich ein Tablett für Herrn Sahrmann und seinen Kunden vorbereiten.

„Ohne dich wäre er echt aufgeschmissen. Du bist nicht nur seine Sekretärin, du bist sein Gehirn! Wie kann jemand wie er nur einen solchen Posten hier bekleiden?“ Ungläubig schüttelt Cookie den Kopf und ich zucke mit den Schultern.

„Na ja, immerhin hat er mit Abstand die höchsten Verkaufszahlen. Und nur das ist es doch, was für den Vorstand zählt. Und dafür, sein Chaos zu sortieren, hat er ja mich.“

„Ja, das stimmt. Also mich dürftest du nicht zu seiner Sekretärin machen. Ich würde durchdrehen bei dem Typen! Echt jetzt, deine Arbeit ist hier nicht mit Gold aufzuwiegen, das merke ich jedes Mal, wenn ich deine Urlaubsvertretung machen muss. Da würde ich am liebsten schon nach zwei Tagen hinschmeißen.“

Lachend wende ich mich ab und gehe in die Küche. Wenn ich es richtig im Kopf habe, ist der Termin von Herrn Karlsen heute um 14:30 Uhr, das heißt, ich habe noch 15 Minuten.

Pünktlich, kurz vor halb drei, ist alles fertig. Der Kaffee ist durchgelaufen, steht in einer Thermoskanne bereit, und ein paar Kekse liegen dekorativ auf einem Tellerchen. Zusätzlich habe ich auch noch Kaltgetränke und natürlich das Geschirr auf einem Servierwagen in der Ecke des Büros angerichtet.

Herr Sahrmann betreut nur die besonderen Kunden, da muss schon immer ein wenig aufgefahren werden, wenn diese zur Beratung kommen. Besondere Kunden bedeutet in diesem Fall reiche Kunden. Solche, die mehr Geld auf ihren Konten haben, als sie ausgeben können. Nachdem ich alles bereitgestellt habe und an meinen Schreibtisch zurückkehren will, hält Herr Sahrmann mich noch einmal auf.

„Ach, Frau Floris. Das hier muss bitte heute unbedingt noch erledigt werden.“ Mit diesen Worten drückt er mir zwei DIN-A4-Zettel in die Hand, die von oben bis unten in seiner krakeligen Handschrift beschrieben sind.

„Das bekommen Sie hin, oder?“, fragt er, doch eigentlich ist es keine Frage, sondern eher eine Anweisung.

„Selbstverständlich!“, antworte ich freundlich lächelnd und schaue kurz auf die Liste. Okay, auf den ersten Blick sind diesmal wenigstens nicht solche Sachen wie „seinen Anzug aus der Reinigung holen“ oder so was dabei. Na immerhin! Herr Sahrmann gibt mir oft genug Aufgaben, die eigentlich nicht in meinen Tätigkeitsbereich gehören. Er weiß das, ich weiß das, und trotzdem tun wir beide so, als wäre es Bestandteil meines Jobs. Er, weil es so für ihn einfach praktisch ist, ich, weil ich meine Vergünstigungen, die dieser Job mit sich bringt, nicht verlieren möchte.

Nicht selten kommt es vor, dass mein Chef Einladungen für gesellschaftliche Events bekommt. Auf so etwas hat er nur, im Gegensatz zu mir, so gar keine Lust. Daher darf ich meistens für ihn zu diesen Veranstaltungen gehen.

So wie auch morgen Abend. Eine Ausstellung eines bekannten Malers wird eröffnet und auf dieser Vernissage wird die High Society von ganz Hamburg vertreten sein. Die Reichen und Schönen, die bessere Gesellschaft, die Crème de la Crème.

Natürlich ist so eine Veranstaltung immer ein Sehen und Gesehen-Werden, aber genau das ist es, was mein Plan ist – ich möchte gesehen werden. Mein Plan ist es sicher nicht, mein Leben lang das Mädchen für alles in der Bank zu spielen. Nein, so habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt. Mein Ziel ist es, mir irgendwann – natürlich möglichst bald – einen der 42.000 Millionäre, die hier in Hamburg ansässig sind, zu angeln. Schließlich gehört Hamburg zusammen mit Düsseldorf, München, Stuttgart und Frankfurt zu den Städten mit der höchsten Millionärsdichte. Was auch einer der Gründe war, weshalb ich ausgerechnet nach Hamburg gezogen bin.

Na gut, ein weiterer und nicht zu unterschätzender Grund ist, dass meine Familie nur eine Autostunde entfernt wohnt. Somit kann ich immer mal für einen Nachmittag dort hinfahren und meine Eltern und meinen Bruder besuchen.

Ich brauche tatsächlich bis zum Feierabend, um die Liste, die Herr Sahrmann mir gegeben hat, abzuarbeiten. Als ich endlich meinen PC herunterfahre, habe ich neben diversen Kundentelefonaten und ausgearbeiteten Angeboten auch noch einen Maniküre-Termin für meinen Chef vereinbart, seinen Golfpartner angerufen, um das morgige Spiel um eine Stunde zu verschieben, und per Blumenlieferservice einen Strauß Rosen für seine Frau verschickt. Der Text, der auf die Karte geschrieben werden sollte, lässt vermuten, dass der Haussegen mächtig schief hängt im Hause Sahrmann und dass er einiges gutzumachen hat. Außerdem gehörte zu meinen Aufgaben des heutigen Nachmittags auch, einen Tisch in einem teuren Nobelrestaurant zu reservieren. Zum Glück ist mein Chef in diesem Restaurant Stammgast, ansonsten hätte er es natürlich vergessen können, gleich heute Abend noch einen Tisch zu bekommen. Dieses Restaurant ist nicht nur schwer angesagt, der Inhaber ist auch ein bekannter Fernsehkoch und hat einen der begehrten Michelin-Sterne.

Nur zu gern würde ich selbst einmal in diesem Restaurant mit Blick auf den Hamburger Hafen speisen, doch leider fehlt mir dafür das nötige Kleingeld. Aber gut, was nicht ist, kann ja noch werden. Wenn mein Plan erst mal Wirklichkeit ist …

Vor meinem inneren Auge sehe ich mich schon an einem dieser Tische sitzen, das glänzende Silberbesteck vor mir auf dem schneeweißen, gestärkten Tischtuch. Sanftes Kerzenlicht lässt den Raum schimmern und vor mir stehen die köstlichsten Gerichte, wunderschön angerichtet und dekoriert.

„Lilly? Hallo? Jemand zu Hause? Wovon träumst du denn?“ Cookies Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.

„Ähm … Ich … Nichts“, antworte ich stotternd und Cookie grinst nur süffisant.

„Ja, ist klar. Deshalb reagierst du auch nicht. Ich hab dich gefragt, ob du jetzt Feierabend machst. Kommst du mit zur S-Bahn?“

Meine Kollegin holt ihre Handtasche aus der Schreibtischschublade und schließt diese mit einem Knall.

„Wochenende!“, trällert sie und hängt sich die Tasche mit so viel Schwung über die Schulter, dass sie beinahe ihren Locher vom Schreibtisch gefegt hätte. „Was ist jetzt? Kommst du?“, fragt sie noch einmal nach.

„Ich bin heute mit dem Auto da. Aber wenn du willst, kann ich dich mitnehmen.“ Auf meinem Heimweg nach Fuhlsbüttel, wo ich wohne, fahre ich zwar nicht direkt bei Cookie vorbei, es ist jedoch auch kein großer Umweg für mich. Außerdem mag ich es, sie als Gesellschaft dabeizuhaben und nicht ganz allein im Auto zu sitzen – erst recht, wenn die Stadt in der Rushhour mal wieder so voll ist, dass man zwangsläufig im Stau steht.

„Und, was bringt dir das Wochenende?“, fragt Cookie, als wir durch Hamburgs Straßen fahren, die ausnahmsweise nicht so überfüllt sind, wie ich erwartet hatte. „Wieder irgendeine supercoole Veranstaltung?“

„Ja, morgen gehe ich zu einer Vernissage. Der Künstler heißt Mark Garmont und kommt aus den USA. Dort ist er schon seit Ewigkeiten berühmt und vor ein paar Monaten ist er nach Hamburg gezogen. Jetzt schwappt seine Bekanntheit so allmählich hier herüber. Du glaubst gar nicht, was die Leute bereit sind, für eins seiner Bilder zu zahlen! Unglaublich!“ Ja, ich hatte meine Hausaufgaben gemacht und mich, nachdem ich von Herrn Sahrmann die Einladung erhalten habe, im Internet über ihn schlaugemacht. Schließlich muss ich mitreden können, wenn ich mir seine Bilder anschaue.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Cookie ihr Handy aus der Handtasche kramt und wie wild anfängt, darauf herumzutippen. Ein leiser Pfiff, der über ihre Lippen kommt, lässt mich grinsen. Anscheinend hat meine Freundin Mark Garmont gerade gegoogelt.

„Woah, Lilly! Der Typ ist ja … Puh, da wird mir ja schon vom Anschauen ganz warm. Den würde ich definitiv auch nicht von der Bettkante stoßen!“

Als ich an einer roten Ampel halten muss, drehe ich mich zu ihr herum.

„Ein Augenschmaus, was?“, frage ich grinsend und zwinkere ihr zu. Cookie scrollt noch immer durch die Bilder, die von Mark Garmont im Internet zu finden sind, und wirft mir nur einen kurzen Seitenblick zu.

„O ja! Definitiv! So wie der ausschaut und wenn er dazu noch nett ist, würde ich ihn an deiner Stelle auch nehmen, wenn er ein armer Schlucker wäre! Zumindest für eine heiße kleine Affäre.“

Ich lache auf und fahre weiter, als die Ampel auf Grün springt.

„Erst einmal müsste ich es schaffen, auf dieser Vernissage überhaupt an ihn heranzukommen. Ich bin bestimmt nicht die einzige Frau, die ihn kennenlernen will. Mal abgesehen von den ganzen Kunstliebhabern und Mäzenen, die ihn sicherlich vereinnahmen werden. Er ist schließlich der Künstler, du glaubst gar nicht, wie die Leute ihn umschwärmen! Das ist wie mit Teenies bei einem Konzert – nur dass die Schönen und Reichen keine Selfies mit ihrem Star machen wollen.“

Cookie lacht auf bei meinem Vergleich. „Na, da läuft sicher das Hamburger Who-is-who herum. Wenn du es nicht schaffst, ihn dir zu angeln, findet sich vielleicht ein anderer. Das ist doch genau das Richtige für dich. Obwohl ich ja noch immer nicht so recht verstehe, warum du dir das alles antust. Ich meine, nur für die Kohle setzt du alles daran, dir einen Millionär zu angeln? Was ist mit der Liebe?“

Ich weiß nicht mehr, wie oft wir diese Diskussion schon geführt haben. Auf jeden Fall kommen wir immer wieder an denselben Punkt. Ich habe meinen Plan für mein Leben, der für Cookie absolut nicht nachvollziehbar ist, obwohl sie meine Gründe für diesen Plan kennt. Wir würden uns in diesem Punkt niemals einig werden.

„Ach Cookie, so schlimm ist es doch gar nicht!“, betone ich. „Mir machen diese Veranstaltungen ja auch Spaß. Ich meine, welche Frau möchte sich nicht mal wie eine Prinzessin fühlen? Welche Frau macht sich nicht gern schick. So richtig schick meine ich, mit Cocktailkleid und tollen Schuhen und allem. Wer mag das nicht?“

„Ich!“ Vollkommen trocken gibt Cookie mir diese Antwort und ich pruste los.

„Okay, da bist du aber auch echt eine Rarität!“

„Warum? Weil ich mir aus dieser Schickeria nichts mache? Ja, vielleicht bin ich da wirklich anders. Ich mag es viel lieber, abends mit meinem Mann auf der Couch zu sitzen, Händchen zu halten oder zum Italiener um die Ecke zu gehen und eine Pizza zu essen. Ich brauche das alles nicht. Aber wenn es dir Spaß macht – genieß es!“

Ich halte in der Einfahrt von Cookies Wohnblock und drehe mich zu ihr.

„O ja, das werde ich! Und wenn ich ein Glas Champagner trinke, werde ich an dich denken!“ Grinsend zwinkere ich ihr zu und Cookie schüttelt den Kopf.

„Na gut, der Champagner reizt mich wirklich. Das gebe ich zu! Ich wünsche dir ein tolles Wochenende und ganz viel Spaß auf der Vernissage“, sagt sie und nimmt mich zum Abschied kurz in den Arm. „Und Montag im Büro möchte ich einen detaillierten Bericht hören!“ Dann steigt sie aus und winkt mir im Weggehen noch einmal zu.

Lächelnd setze ich den Wagen zurück auf die Straße. Ja, so ganz gefeit vor den Verlockungen des Luxuslebens, wie Cookie immer tut, ist sie doch nicht. Auch wenn sie zu gern das Gegenteil behauptet. Zumindest mit dem Champagner würde man sie kriegen, denn den liebt sie!

2
VERNISSAGE

Kaum habe ich mir in meiner Wohnung die Pumps von den Füßen gezogen, führt mein Weg mich ins kombinierte Wohn- und Schlafzimmer, um meinen Mitbewohner zu begrüßen.

„Hey, Elvis. Hattest du einen schönen Tag?“, frage ich, als ich die Tür des Käfigs öffne. Sofort streckt der Kleine sein putziges Näschen aus der Tür, dann springt er heraus und setzt sich vor mir auf die Hinterläufe. Elvis ist mein Kaninchen, genau genommen ist er ein Löwenkopfkaninchen und mit seiner beigefarbenen Mähne finde ich die Bezeichnung Löwenkopf auch wirklich passend. Seinen Namen verdankt er der Tatsache, dass er ein Fellbüschel über der Stirn hat, das immer eine Tolle bildet – ebenso wie bei dem weltbekannten Sänger.

Nachdem ich meinem kleinen Freund ein paar Streicheleinheiten gegönnt habe, stehe ich auf und tausche mein klassisches Kostüm, mit dem ich bei der Arbeit war, gegen ein warmes Sweatshirt und eine Jogginghose. Ganz so sehr unterscheide ich mich dann doch nicht von Cookie. Auch ich mag es, mich nach der Arbeit in gemütlichen Klamotten auf die Couch zu fläzen – wenn ich nicht gerade etwas vorhabe.

„So ist es viel besser, oder was meinst du, Hoppler?“

Ja, ich spreche mit meinem Kaninchen. Manche finden das vielleicht ungewöhnlich, doch für mich ist es vollkommen selbstverständlich, mit meinem Mitbewohner zu reden – auch wenn es einer mit Fell ist.

Als ich in die Küche gehe, um mir etwas zu essen zu machen, folgt Elvis mir. Manchmal denke ich, er ist wie ein kleiner Hund. Völlig auf mich fixiert, hoppelt er mir durch die Wohnung hinterher. Sobald ich hier bin, steht seine Stalltür offen. Der kleine Kerl ist stubenrein; wenn er sein Geschäft erledigen muss, kehrt er in seinen Käfig zurück – aber auch wirklich nur dann! Ansonsten weicht er mir kaum drei Meter von der Seite, und wenn ich mich auf die Couch lege, dauert es keine zwei Minuten, dann hüpft er zu mir hoch, um zu schmusen. Ich weiß gar nicht, wie oft wir schon aneinandergekuschelt auf dem Sofa eingeschlafen sind.

Seit vier Jahren habe ich meinen Liebling mittlerweile; bereits als ich noch bei meinen Eltern im Dorf gewohnt habe, war er mein treuer Begleiter und ist mit mir zusammen hierhergezogen.

„Möhrchen, mein Hasi?“, frage ich ihn liebevoll lächelnd, während ich das Bund Karotten aus meinem Gemüsefach nehme. Er weiß genau, was ich da in der Hand halte, er liebt Karotten. Sofort setzt er sich auf die Hinterläufe und macht Männchen. Lachend ziehe ich eine der Möhren aus dem Bund und gebe sie ihm samt dem Grün daran. Glücklich macht er sich über seinen Snack her, während ich meinen Anteil der Karotten kleinschneide für einen Salat. Selbstverständlich fallen auch davon und von den Gurken noch ein paar Stücke für den kleinen Kerl ab.

Mit meinem Salat verziehe ich mich auf meine Couch und lege die Füße auf den niedrigen Tisch davor. Während ich esse, zappe ich mich durch die Fernsehprogramme, bis ich einen Film finde, den ich zwar bereits kenne, den ich aber gern noch einmal sehe.

Als ich meinen Teller wegstelle, ist es wie eine Art Startsignal für Elvis. Sofort hüpft er zu mir auf das Sofa und krabbelt auf meinen Schoß. In einer Hand eine Flasche Bier, die andere in seinem Fell vergraben, genieße ich meinen Feierabend und unsere Kuschelzeit. Es ist bereits beinahe Mitternacht, als ich die Glotze endlich ausschalte und mich bettfertig mache. Elvis sperre ich für die Nacht in seinen Käfig, da er die Angewohnheit hat, ansonsten zu mir ins Bett zu kommen, und das möchte ich dann doch nicht. Mein Bett gehört allein mir! Einzig mit einem Mann würde ich es gern mal wieder teilen.

Als ich in der Dunkelheit an die Decke starre, überlege ich, wie lange es eigentlich her ist, dass ich das letzte Mal einen Mann im Bett hatte. Seit ich nach Hamburg gezogen bin, habe ich nur ein paar Affären und One-Night-Stands gehabt. Ich möchte keine Beziehung, ich will mich nicht verlieben, schließlich habe ich meinen Plan. Aber der letzte Sex ist definitiv schon viel zu lange her. Sollte ich mal wieder meine Dating-App aktivieren? Womöglich finde ich dort jemanden, der aufgeschlossen für etwas Unverbindliches ist. Nur Sex, keine Gefühle, nichts, was meinen Plan in Gefahr bringt. Obwohl … vielleicht brauche ich meine Dating-App gar nicht. Eventuell ergibt sich ja morgen tatsächlich was mit Mark Garmont.

Ich muss über mich selbst grinsen und schüttele den Kopf. Was für ein Quatsch! Auch wenn ich im Internet nichts über eine Freundin von ihm gefunden habe, bedeutet es noch lange nicht, dass er mich ebenso ansprechend findet wie ich ihn.

Im Dunkeln greife ich nach meinem Handy, das auf dem Nachttisch liegt, und suche seine Fotos im Internet heraus. Mark Garmont ist nur ein paar Jahre älter als ich. Damit ist er absolut ein Kandidat für meinen Millionärsplan. Noch dazu ist er mehr als nur nett anzusehen mit seinen blonden Haaren und den knallblauen Augen. Ja, Cookie hat recht, den würde ich auch nicht von meiner Bettkante stoßen, wenn er ein armer Schlucker wäre. Dann wäre er zwar kein Kandidat für etwas Festes für mich, aber auf eine Affäre würde ich mich wohl trotzdem einlassen. Verträumt streiche ich über das Display des Smartphones, als wollte ich ihm die Locke, die ihm auf dem Bild wirr in die Stirn fällt, zurückstreichen.

„Verdammt, Lilly! Jetzt reiß dich mal zusammen! Du benimmst dich wie ein durchgeknallter Teenie, so wie du das Foto anhimmelst!“ Ich rufe mich selbst zur Ordnung und lege das Handy zurück auf den Nachttisch. Es wird morgen eh nichts passieren, die Hoffnung brauche ich mir gar nicht zu machen. Wenn ich Glück habe, werde ich ihn von Weitem sehen, einen Blick auf ihn erhaschen – und meine erotischen Fantasien so ein bisschen anheizen können. Seufzend schließe ich die Augen und drehe mich auf die Seite. Mit Mark Garmonts Lächeln vor Augen schlafe ich schließlich ein.

Der Samstagmorgen ist vollgepackt, ich habe eine lange To-do-Liste, bevor ich mich für die Vernissage am Abend fertig machen kann. Vormittags habe ich einen Termin bei der Maniküre, um meine Gelnägel auffüllen zu lassen. Selbstverständlich gehe ich nicht zu derselben Maniküre wie mein Chef. Das würde mir fehlen, da begegne ich ihm womöglich noch, wenn wir beide einen Termin haben. Nein, ich möchte nicht sehen, wie Herrn Sahrmann die Nägel gefeilt werden. Ich mache echt viel für meinen Job, aber da ist definitiv eine Grenze für mich!

Nach einer Stunde und einer wunderbaren Handmassage verlasse ich glücklich das Nagelstudio in Altona. Ja, jetzt sind meine Hände wieder vorzeigbar. Wie jedes Mal, wenn ich von der Maniküre komme, bleibe ich vor einem Schaufenster nur ein paar Häuser weiter stehen. Ein kleiner Inneneinrichtungsladen ist es. Die Dekoration im Fenster ist mit so viel Liebe gestaltet, dass dieser Laden ein absoluter Eyecatcher ist. Immer wieder entdecke ich in diesem Schaufenster Sachen, die ich am liebsten sofort mitnehmen würde. Bisher habe ich mich noch nicht hineingetraut – ich weiß genau, das würde teuer für mich enden. Zumindest wenn es drinnen ähnlich viele tolle Sachen gibt, wie das Schaufenster verspricht. Heute bleibe ich besonders lange stehen. Sollte ich nicht doch? Ich brauche eh ein Geschenk für meine Mutter, die nächste Woche Geburtstag hat. Hier finde ich bestimmt etwas, worüber sie sich freut.

Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch genug Zeit habe, bevor mein Friseur auf mich wartet, um mir die Haare neu zu blondieren und hochzustecken. Selbstverständlich betreibe ich diesen Aufwand nicht jedes Mal, wenn ich auf eine Party oder ein Event gehe, aber manchmal gönne ich es mir. Und heute ist einer dieser Tage. Ich habe mich schon auf diese Vernissage gefreut, bevor ich über Mark Garmont im Internet recherchiert habe, doch seit ich weiß, wie er aussieht, kann ich es kaum erwarten. Mit jeder Stunde, die vergeht, steigt meine Vorfreude. Ich hoffe, ich schaffe es überhaupt in seine Nähe. Und wenn ja, vielleicht ergibt sich ja sogar die Gelegenheit, mit ihm ins Gespräch zu kommen – oder noch mehr.

Allein der Gedanke, jemandem wie ihm näherzukommen, lässt meinen Bauch wohlig kribbeln, als ich nach dem Türgriff greife und den kleinen Laden betrete.

„Hallo! Willkommen im Smukke Indre!“, werde ich freundlich begrüßt, kaum dass die Klingel über der Ladentür verstummt ist. „Wenn ich Ihnen helfen kann oder Sie was Bestimmtes suchen, einfach schreien, ja?“ Die Verkäuferin hinter dem Kassentresen strahlt mich herzlich an.

„Danke, ich schaue erst mal!“, erwidere ich ebenso freundlich und fange an, mich hier umzusehen. Es ist, wie ich vermutet hatte. In diesen Laden zu gehen, ist eine Herausforderung, wenn ich meine Kreditkarte nicht zum Glühen bringen möchte. Ich kann mich gar nicht sattsehen. Wunderschöne Kerzenständer, Wohnaccessoires, Geschirr, Kissenbezüge und so vieles mehr gibt es hier zu entdecken.

Ein Set aus einer Porzellanteekanne mit Stövchen und dazu passenden Tassen und Untertassen zieht sofort meine Blicke auf sich. Es ist wunderschön! Auf cremefarbenem Untergrund sind zierliche Schnörkel in verschiedenen Rosatönen, dazwischen erkenne ich kleine Röschen. Das ganze Set ist filigran gearbeitet, mit geschwungenen Griffen an den Tassen.

„Das ist aber süß!“, murmele ich leise. Doch anscheinend nicht leise genug, denn die Verkäuferin gesellt sich zu mir.

„Ja, ich liebe es auch. Leider bin ich so gar kein Teetrinker, ansonsten hätte ich es selbst schon genommen. Eigentlich gibt es dazu passende Kerzenständer, aber die sind gerade aus.“ Lächelnd nimmt sie die Teekanne aus dem Regal und betrachtet sie von allen Seiten.

„Es ist bestimmt gar nicht so leicht, hier zu arbeiten, oder? Also wenn es mein Laden wäre, würde ich mehr an mich selbst als an die Kunden verkaufen.“ Grinsend wende ich mich zu der Verkäuferin um.

„Ja, so ähnlich geht es mir auch! Das Smukke Indre gehört meinem Stiefvater. Der ist völlig verrückt nach den Sachen. Ich glaube, deshalb hat er den Laden gegründet. Manchmal treibt er meine Ma ein wenig in den Wahnsinn, wenn er mal wieder zu viel zu Hause anschleppt.“ Die Verkäuferin, auf deren Namensschild nur Leo steht, zwinkert mir zu.

„Wie ungewöhnlich! Mein Vater lästert immer über meine Mutter, wenn sie neuen ‚Dekoscheiß‘, wie er es nennt, kauft.“ In Gedanken verbessere ich mich. Er hat gelästert! Die Zeiten sind leider vorbei, auch wenn ich mich selbst nach fast zwei Jahren noch nicht daran gewöhnen kann, dass er nie wieder so sein wird, wie er einmal war. Schnell schiebe ich diese trüben Gedanken beiseite und widme mich wieder der Suche nach einem Geschenk für meine Mutter. Beinahe eine Stunde verbringe ich im Smukke Indre und kann mich nicht entscheiden. Am liebsten würde ich einfach alles kaufen und meine Wohnung mit den hier angebotenen Sachen komplett neu dekorieren. Doch dafür fehlt mir das nötige Kleingeld. Nein, anders! Das nötige Kleingeld hätte ich sogar. Ich verdiene als Assistentin in der Bank nicht schlecht, aber ich brauche das Geld für andere Dinge. Für Kleidung teurer Marken, für meine Maniküre, für High Heels, Kosmetika und Schmuck. Schließlich kann ich zu gesellschaftlichen Events nicht wie ein Aschenputtel auftauchen. Wenn ich nicht wie aus dem Ei gepellt bin, wird nie einer der Millionäre über mich stolpern. Also, stolpern vielleicht schon, aber bestimmt nicht im positiven Sinne.

Am Ende entscheide ich mich doch für das Teeservice und lasse alles andere schweren Herzens stehen. Ich bin mir sicher, meiner Mutter wird das Service gefallen, sie ist ebenso wie ich eine leidenschaftliche Teetrinkerin. Liebevoll verpackt und mit einer aufwendigen Schleife verziert, packt Leo das Geschenk in eine Papiertüte mit dem Schriftzug des Smukke Indre.

„Soll ich Sie vielleicht anrufen, wenn die Kerzenständer wieder reinkommen?“, fragt Leo, als sie mir die Tüte über den Tresen gibt. „Die passen wirklich toll dazu!“

Die Art, wie sie fragt, und ihr freundliches Lächeln wirken auf mich nicht, als wollte sie mir unbedingt noch mehr verkaufen, sondern eher, als würde sie selbst dieses Set so mögen, dass es nur inklusive dieser Kerzenständer komplett wäre.

„Ja, gern! Wie ich meinen Bruder kenne, hat er noch nichts für meine Mutter. Sie soll das Teeservice zum Geburtstag bekommen. Kommen die Kerzenständer denn die Tage wieder rein?“ Am Wochenende ist bereits der Geburtstag.

„Ich denke spätestens Mittwoch, vielleicht aber auch schon Dienstag. Ich kann Sie ja anrufen, wenn sie da sind, und dann können Sie immer noch entscheiden, ob Sie die Kerzenständer haben möchten.“

Als ich den Laden verlasse und auf die Uhr schaue, erschrecke ich. Jetzt aber schnell! Ansonsten wird es eng mit dem Haarehochstecken beim Friseur.

Leise klassische Musik empfängt mich, als ich die Galerie betrete und im Garderobenbereich meinen Mantel abgebe.

Kellner im schwarzen Smoking tragen Tabletts mit Champagner zwischen den bereits anwesenden Gästen herum. Im Vorbeigehen nehme ich mir ein Glas und nippe daran, während ich mich ein wenig umschaue. Ich erkenne Hamburgs Bürgermeister mit seiner Frau, einen Reeder, den ich schon auf einer anderen Feier kennengelernt habe, einen renommierten Rechtsanwalt und noch ein paar andere wichtige und reiche Leute dieser Stadt. Irgendwie sind es doch immer die gleichen, die man auf solchen Events trifft. Ein paar neue Gesichter findet man zwar, aber auch reichlich bekannte. Langsam gehe ich durch die Menge und halte Ausschau nach dem Mann, für den dieser Abend hier der große Durchbruch in Deutschland sein soll. Mark Garmont. Leider entdecke ich ihn nirgendwo, daher widme ich mich erst einmal seinen Gemälden.

Einen Moment lang bleibe ich vor einer der Leinwände stehen und betrachte die Farben, die sich in Wirbeln ineinander vermischen und verschlingen. Je länger ich dieses Bild anschaue, desto mehr Details fallen mir auf. Ja, er macht seinem Namen wirklich alle Ehre. Auch wenn ich es normalerweise nicht so sehr mit Malerei habe, dieses Gemälde würde ich mir in die Wohnung hängen. Geistesabwesend nehme ich noch einen Schluck von meinem Champagner, als mich jemand von der Seite anspricht.

„Gefällt es Ihnen?“

Ich schaue mich um, wer mich gerade angesprochen hat, und für einen kleinen Moment setzt mein Herz aus, als ich ihn erkenne.

„Mr. Garmont!“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Hauchen vor lauter Überraschung, dass mich ausgerechnet der Künstler selbst nach meiner Meinung gefragt hat. Natürlich habe ich gehofft, ihn hier kennenzulernen, diesen Mann, der so gut auf die Titelseiten der größten Zeitschriften als Model gepasst hätte. Den Mann, der mir letzte Nacht – wahrscheinlich auch dank Cookies Worten – einen nicht ganz jugendfreien Traum beschert hat. Doch jetzt, wo er mich angesprochen hat, wo er direkt vor mir steht, bin ich plötzlich aufgeregt wie ein kleines Mädchen. Die Bilder im Internet haben nicht gelogen – in Gegenteil! In natura sieht er noch viel besser aus als auf all diesen Fotos. Mein Puls schnellt in die Höhe, und nervös schlucke ich, bevor ich eine Antwort gebe.

„Ja, es gefällt mir sehr!“ Okay, jetzt kommt die Stelle, wo ich etwas Wichtiges sagen muss, etwas, was den Anschein macht, ich hätte Ahnung von Malerei. Etwas, was nicht zu erkennen gibt, wie sexy ich den Mann vor mir finde.

„Ich mag diese Tiefe, die die Wirbel verursachen. Es fühlt sich an, als würde man in das Bild hineingesogen. Unwahrscheinlich ausdrucksstark und sehr gefühlvoll!“ Innerlich bete ich, dass es das war, was er hören wollte. Schweigend lächelt Mr. Garmont mich an, dann nickt er langsam.

„Okay. Ich hatte jetzt keine fachliche Meinung erwartet, sondern wollte einfach nur wissen, ob es Ihrem ganz persönlichen Geschmack entspricht. Aber es freut mich sehr, dass Sie so viel in diesem Bild erkennen. Ich bin übrigens Mark Garmont, aber das haben Sie sicher bereits erkannt.“ Ein charmantes Lächeln zieht sich über seine Lippen und in seiner rechten Wange bildet sich ein kleines Grübchen. Eine blonde Haarsträhne hat sich gelöst und fällt ihm in die Stirn. In diesem Moment sieht er aus wie ein Lausbub, der es faustdick hinter den Ohren hat. Sein Deutsch ist beinahe akzentfrei, obwohl er erst seit Kurzem hier lebt, daher gehe ich davon aus, dass er es schon vor längerer Zeit gelernt hat.

„Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen. Ich bin Lillian Floris.“ Höflich strecke ich ihm die Hand entgegen, die er auch sofort ergreift.

„Was für ein schöner Name für eine so schöne Frau. Sehr passend!“ Er führt meine Hand zu seinem Mund und deutet einen Handkuss an. „Mögen Sie noch ein Glas Champagner?“ Er deutet auf das Glas in meiner Hand, das mittlerweile beinahe leer ist. Ohne auf meine Antwort zu warten, nimmt er es mir ab und tauscht es bei einem vorbeikommenden Kellner gegen ein volles.

„Na dann … drücken Sie mir die Daumen für eine erfolgreiche Ausstellung“, sagt er, als er selbst auch ein Glas Champagner in der Hand hält, und stößt damit leicht an meins. „Und auf einen erfolgreichen Abend“, murmelt er noch leise, bevor er einen Schluck nimmt. Der Blick, den er mir über den Rand des Glases zuwirft, zeigt mir sehr deutlich, dass er mit seinem letzten Satz nicht die Vernissage gemeint hat, und in meinem Bauch kribbelt es sehnsüchtig. O ja … Auf den Erfolg! Auf meinen Erfolg, vielleicht tatsächlich bei ihm zu landen und zumindest die monatelange Dürre in meinem Bett zu beenden. Er wäre auf jeden Fall genau der richtige Kandidat für mich. Schön, reich, erfolgreich … Er hat alles, was ich will!

„Ich muss leider noch mal eine Runde drehen. Schauen Sie sich in Ruhe alles an und dann sehen wir uns hoffentlich später wieder, Lillian.“ Im Weggehen zwinkert Mark mir noch einmal zu und streicht mit seiner Hand wie zufällig über meinen nackten Arm. Eine Gänsehaut zieht sich von der Stelle aus über meinen kompletten Körper und das sehnsüchtige Kribbeln in meinem Bauch verstärkt sich. O ja, mir steht eine heiße Nacht bevor! Wenn nicht mit ihm, dann zumindest mit meiner Fantasie von ihm.

Den Abend über sehe ich Mark Garmont nur noch von Weitem. Er ist ständig in irgendwelche Gespräche mit Mäzenen und anderen wichtigen Leuten verstrickt, doch jedes Mal, wenn ich vorbeigehe, spüre ich seine Blicke auf mir. Ich weiß, er lässt mich nicht aus den Augen, und das fühlt sich wahnsinnig gut an. Diese Blicke sagen ganz genau, was er will, und mit jedem Lächeln, das ich ihm im Vorbeigehen schenke, zeige ich ihm, dass es das ist, was auch ich heute Nacht noch möchte. Wir heizen uns allein mit diesen Blickwechseln derart an, dass ich es kaum abwarten kann, bis wir endlich Zeit für uns haben. Als ich über die Schulter zu ihm hinüberschaue, hat er sichtlich Mühe, dem Gespräch, das er gerade führt, zu folgen. Er muss sich regelrecht zwingen, mich nicht länger anzustarren. Um ihn noch mehr zu reizen, lasse ich meine Zunge sanft über meine Lippen gleiten und schenke ihm ein verruchtes Lächeln. Mit offenem Mund starrt er mich an und tritt unruhig von einem Bein aufs andere, als wäre seine Hose gerade ein wenig zu eng geworden. Gut so! Genau das wollte ich erreichen!

Zufrieden wende ich mich dem Nächsten seiner Bilder zu und spiele beim Betrachten wie zufällig mit einer Locke, die aus meiner Hochsteckfrisur fällt und mein Gesicht umrahmt. Er ist schließlich auch nur ein Mann, auch wenn er ein hochdotierter Künstler ist. Und Männer zu verführen, ist etwas, was ich durchaus draufhabe. Ich bekomme, was ich will – zumindest wenn es um Sex geht.

Zwischendurch verschwinde ich auf der Damentoilette, um mein Make-up zu richten. Wohlwollend betrachte ich mich im Spiegel, der dort hängt. Ja, ich muss schon sagen, dieses Cocktailkleid ist seinen immens hohen Preis definitiv wert. Es zeigt genau so viel, um ein wenig Appetit zu machen, um aufzufallen in der Masse der Frauen hier, aber ohne zu billig zu wirken. Das Einzige, was mich quält, sind meine High Heels. Auch die sind natürlich alles andere als günstig gewesen. Doch selbst ein hoher dreistelliger Betrag bedeutet anscheinend nicht, dass sie auch halbwegs bequem sind. Die strassbesetzten Riemchen reiben schmerzhaft an meiner Haut, ich hoffe nur, es gibt keine blutigen Striemen. Jeder Schritt tut mir weh, aber ich widerstehe dem Drang, sie auszuziehen. Ein wenig muss ich noch durchhalten, bis die Vernissage beendet ist.

Als ich aus der Damentoilette komme, ist der Schmerz in meinen Füßen auf einen Schlag vergessen. Überrascht schaue ich auf die gegenüberliegende Wand. Mark Garmont lehnt dort, die Füße locker überkreuzt, die Hände in die Tasche seiner Smokinghose vergraben, und grinst mich an.

„Hab ich doch richtig gesehen, dass du hier verschwunden bist“, sagt er und geht zum vertraulichen Du über, als wäre es selbstverständlich. Gut, wenn meine Vorstellung vom Rest des Abends auch nur annähernd stimmt, ist die steife Sie-Form wahrscheinlich mehr als überflüssig.

Er stößt sich von der Wand ab und kommt langsam auf mich zu. Wie ein Tiger, der jeden Moment zum Sprung auf seine Beute ansetzt. Seine erotische Ausstrahlung ist derart fesselnd, dass ich mich zusammenreißen muss, noch ruhig zu atmen.

„Ja, ich musste mal eben meinen Lippenstift nachziehen!“, antworte ich lächelnd. Sein Blick wandert sofort auf meinen Mund und seine Augen blitzen lustvoll auf.

„Damit ich ihn dir gleich wieder runterküssen kann?“, fragt Mark frech und zwinkert mir zu. Ich lege den Kopf ein wenig schief und erwidere das Grinsen. Wenn er so rangeht, kann ich das auch!

„Ja, rote Lippen soll man küssen, heißt es doch in einem deutschen Schlager.“ Mittlerweile ist er mir so nahe, dass ich ganz klar die dichten Wimpern erkennen kann, die seine blauen Augen umgeben. Die Luft scheint zu flirren, solch eine erotische Spannung herrscht zwischen uns.

„Ist das so?“, fragt er. „Na, dann wollen wir dem doch mal Folge leisten.“ Mit diesen Worten überbrückt Mark auch die letzten Zentimeter zwischen uns. Er packt mich hart an der Taille und drängt mich zurück gegen die Wand neben dem Eingang zur Damentoilette. Bevor ich reagieren kann, presst er seine Lippen auf meine und tastet forschend mit der Zunge, bis ich ihm Einlass gewähre. Leise stöhne ich auf, als seine Zunge meinen Mund erforscht. Dieses Kribbeln, das ich den ganzen Abend schon gespürt habe, wandelt sich in Hitze und droht, mich von innen heraus zu verbrennen. Am liebsten hätte ich mein Kleid hochgerafft und mich direkt hier an der Wand von ihm nehmen lassen.

„O verdammt, Lillian! Ich halte es nicht mehr aus. Den ganzen Abend über tauchst du ständig vor meiner Nase auf, in diesem sexy Cocktailkleid und den Schuhen, die die Fantasie eines Mannes in nicht-jugendfreie Bereiche lenken. Ich muss dich unbedingt haben. Jetzt!“, keucht Mark zwischen den Küssen und lässt seine Hände von meiner Taille aufwärts gleiten, bis er meine Brüste über dem Kleid umfasst und knetet. „Den ganzen Abend schon denke ich darüber nach, wie es sich anfühlt, mich in dir zu versenken! Los, lass uns eine ruhige Ecke suchen!“

3
HIGH HEELS

Leise stöhne ich auf, als mir die Lust in den Unterleib schießt. Die Art, wie er mich anfasst, wie er mich küsst, zeigt mir, dass er es wirklich kaum erwarten kann. Meine Fantasie hat mir keinen Streich gespielt. All die Blicke den Abend über führten tatsächlich zu diesem einen Ziel. In diesem Moment will ich nichts lieber, als Mark zu spüren, und es ist mir egal, wo das passieren würde – Hauptsache, es passiert bald!

„Ah, da bist du ja, Mark! Ich hab dich gesucht. Der Bürgermeister möchte sich persönlich von dir verabschieden.“ Eine Stimme lässt uns auseinanderfahren wie Teenager, die vom Schulrektor beim heimlichen Rauchen erwischt wurden. Ein Mann ist am Ende des Ganges, der zu den Toiletten führt, aufgetaucht und grinst wissend zu uns herüber. Verstohlen wische ich mir über die Mundwinkel – ich möchte nicht wissen, welches Bild ich abgebe nach den heißen Küssen. Wahrscheinlich ist mein Lippenstift im ganzen Gesicht verschmiert.

„Entschuldige, schöne Lillian. Wenn mein Manager ruft, habe ich wohl zu folgen.“ Verschmitzt zwinkert Mark mir zu. „Ich bin gleich wieder bei dir. Lauf nicht weg!“ Er legt seine Hand an meine Wange und gibt mir einen sanften Kuss, bevor er sich seinem Manager zuwendet. Mit zusammengezogenen Augenbrauen mustert dieser mich und lässt mich nicht aus den Augen, bis Mark bei ihm ist. Dann flüstert er Mark irgendetwas zu, was ich nicht verstehe, woraufhin dieser nur lachend mit den Schultern zuckt.

Nachdem die beiden gegangen sind, verschwinde ich erneut in der Damentoilette, um mein Make-up zu richten. Ganz so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe, ist es dann doch nicht. Der Lippenstift scheint tatsächlich halbwegs kussfest zu sein – zumindest sehe ich nicht aus, als wäre ich ein Wolf, der gerade ein Schaf gerissen hat. Beruhigt kehre ich in die Ausstellungsräume der Galerie zurück. Mittlerweile sind nur noch vereinzelte Gäste anwesend. Wie lange war ich weg? Ich habe komplett das Zeitgefühl verloren. Suchend sehe ich mich um, bis ich Mark entdecke, der der Frau des Bürgermeisters gerade einen formvollendeten Handkuss gibt. Sie und ihr Mann tragen bereits ihre Mäntel und auch die anderen der wenigen verbliebenen Gäste steuern der Garderobe zu. Die Vernissage scheint beendet.

Als ich mich umdrehe, ist der Platz, an dem Mark eben noch mit dem Bürgermeister gestanden hat, leer. Auch sonst kann ich ihn nirgends entdecken. War es das etwa schon gewesen? Ist meine Chance auf heißen Sex mit dem reichen Künstler einfach so verpufft? Der Manager, der uns vorhin auf dem Gang beim Knutschen gestört hat, steht bei den letzten Gästen an der Garderobe.

„Haben Sie Mark gesehen?“, frage ich ihn und hoffe, dass ich nicht allzu sehr wie ein verrücktes Groupie klinge. Wie vorhin schon mustert er mich von oben bis unten, bevor er antwortet.

„Keine Ahnung, wo er hin ist. Vielleicht hat er zu tun.“ Die Art, wie der Manager die Worte „zu tun“ betont und wie er dazu grinst, lässt mich stutzig werden. Was soll das denn bitte bedeuten?

Da ich Mark noch immer nicht sehe und sein Manager anscheinend auch keine Ahnung hat, wo er sich herumtreibt, lasse ich mir von der Garderobiere meinen Mantel geben. Nachdem ich hineingeschlüpft bin, verlasse ich ein wenig enttäuscht die Galerie. Nach den Küssen, die wir getauscht haben, und seinem so offensichtlichen Begehren habe ich mir den Ausgang des Abends anders vorgestellt.

Suchend schaue ich mich nach einem Taxi um, als mich eine mittlerweile bekannte Stimme von hinten anspricht.

„Du willst doch nicht etwa schon nach Hause? Ich dachte, wir hätten noch etwas vor?“ Sofort schnellt mein Puls wieder in die Höhe und lächelnd drehe ich mich zu Mark um.

„Ich dachte, du hättest mich vergessen“, antworte ich.

„Wie könnte ich eine Frau wie dich vergessen? Seit unserer ersten Begegnung vorhin denke ich an nichts anderes, und ich habe mir nur gewünscht, dass dieser Abend so schnell wie möglich vorbei ist, damit wir endlich Zeit für uns haben!“ Mark greift nach meiner Hand und verschränkt unsere Finger ineinander. Zärtlich streicht er mit seinem Daumen über meinen Handrücken, während er mir ohne zu blinzeln in die Augen schaut. „Ich habe nur meine Jacke geholt, damit wir loskönnen. Wollen wir in mein Hotel?“ Jetzt, wo er es sagt, fällt mir die alte, leicht abgewetzte Lederjacke auf, die er über seinem Smokinghemd trägt. Das Sakko hat er sich locker über den Arm gelegt, die schwarze Fliege, die er vorhin um den Hals hatte, fehlt, und die obersten beiden Knöpfe des Hemds stehen offen. So unpassend die derbe Lederjacke zu seinem schicken Outfit auch ist, irgendwie passt es zu ihm. Er ist nicht wie andere reiche Männer. Er ist anders. Er ist cooler, jünger, schöner. Und auf jeden Fall heißer!

Erst jetzt fällt mir auf, was er eben gesagt hat.

„Dein Hotel? Ich dachte, du wohnst in Hamburg?“, hake ich nach, während Mark nach einem Taxi winkt.

„Ja, das tue ich auch. Aber mein Penthouse wird gerade umgebaut, deshalb muss ich derzeit mit einem Hotel vorliebnehmen“, erklärt er mir, als wir eingestiegen sind, und gibt dem Fahrer Anweisung, in welches Hotel er uns bringen soll. Oha, das Vier Jahreszeiten. Ein ganz schöner Nobelschuppen, direkt an der Alster. Jedes Mal, wenn ich da vorbeigehe, träume ich davon, wie es wohl ist, dort einmal eine Nacht zu verbringen. Wie es aussieht, erfüllt dieser Traum sich heute!

„Auf diesen Moment habe ich den ganzen Abend gewartet!“, murmelt Mark, kaum dass das Taxi sich in Bewegung gesetzt hat, und rutscht dichter an mich heran. Den Arm um meine Schulter gelegt, zieht er mich an sich und schaut mir tief in die Augen.

„Darauf, im Taxi ins Hotel zu fahren?“, frage ich frech und grinse zu ihm auf. Ich muss mich beherrschen, nicht in seinen tiefblauen Augen zu versinken. Die Welt um mich herum verschwimmt, ich habe nur noch ihn im Blick. Mein Puls rast so sehr, dass ich das Gefühl habe, er müsste meinen Herzschlag hören können.

Leise lacht Mark bei meinen Worten auf.

„Nein! Darauf, endlich mit dir allein zu sein. O Mann, du glaubst gar nicht, wie schwer es mir heute gefallen ist, vernünftig Konversation zu betreiben. Ich hab die ganze Zeit nur daran gedacht, wie es wohl ist, dir dieses Kleid auszuziehen. Herauszufinden, was du darunter trägst. Wie sich deine nackte Haut an meiner anfühlt.“

Hoppla! Der geht aber ran! Dennoch lassen seine Worte mich nicht kalt. Sie wecken Bilder in meinem Kopf und regen meine Fantasie aufs Höchste an. Ein sehnsüchtiges Prickeln macht sich in meinem Unterleib breit. Ein Prickeln, das ich schon viel zu lange nicht mehr gespürt habe.

Bevor ich eine Gelegenheit habe, auf Marks Worte zu reagieren, beugt er sich zu mir herüber und verschließt meine Lippen mit den seinen. Fast sofort spüre ich seine Zunge, die forsch in meinen Mund dringt und nach meiner sucht. Sein Kuss hat nichts Sanftes, nichts Zärtliches, er ist getrieben von der Lust, die auch ich in mir spüre. Wären wir nicht in einem Taxi und würde der Fahrer nicht alles, was wir hier tun, mitbekommen, ich würde mich sofort auf seinen Schoß setzen.

Während wir uns küssen, bekomme ich von der Fahrt zum Hotel nichts mit. Die Welt um mich herum habe ich ausgeblendet, ich sehe und fühle nur noch Mark. Atme seinen männlich-herben Duft ein und lasse mich in seine Berührungen fallen. Erst das Räuspern des Taxifahrers reißt uns wieder in die Realität zurück.

Mark drückt dem Fahrer einen Hundert-Euro-Schein in die Hand, dann greift er nach meiner Hand und zieht mich hinter sich her aus dem Taxi und ins Hotel. Die Eingangshalle mit der hohen stuckverzierten Decke nehme ich nur am Rande wahr. Auch während wir mit dem Lift nach oben in seine Suite fahren, können unsere Lippen nicht voneinander lassen.

Endlich ist es so weit, wir sind allein und ungestört. Die Tür hat Mark mit Schwung hinter uns ins Schloss krachen lassen. Jetzt steht er mit dem Rücken dagegen gelehnt und schaut mich an, während ich mich von meinem Mantel befreie und ihn auf eins der Sofas hier in der Suite fallen lasse. Sein Blick ist forschend, durchdringend. Er mustert mich von oben bis unten. Seine Lippen umspielt ein Lächeln und seine Augen schimmern im Licht der indirekten Beleuchtung.

„Gefällt dir, was du siehst?“, frage ich und drehe mich langsam um mich selbst. Sanft lasse ich meine Hüften dabei wiegen, und als mein Blick wieder auf Mark fällt, sehe ich die Lust in seinen Augen.

„O ja! Noch mehr würde es mir allerdings gefallen, endlich herauszufinden, was du unter diesem Kleid trägst. Komm mit!“ Mit zwei großen Schritten ist er bei mir, nimmt meine Hand und zieht mich hinter sich her in das angrenzende Schlafzimmer. Am Fußende des breiten Bettes lässt er mich los. Dann streift er sich die Lederjacke von den Schultern und legt sie auf die Armlehne eines Sessels neben dem Bett. Schnell schlüpft Mark aus seinen Schuhen und lässt sich rücklings auf die Matratze fallen. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, sieht er mich an.

„Ich möchte dir zusehen, wie du dich ausziehst. Mach langsam, ich möchte den Anblick genießen“, fordert er, ohne mich aus den Augen zu lassen.

Was ist das denn jetzt? Soll ich ernsthaft für ihn strippen? O nein! Da hat er die Rechnung ohne mich gemacht. Ich lasse mich doch nicht begaffen wie bei einer Tierschau!

„So, so. Machoallüren, Herr Künstler?“, frage ich ironisch und gehe langsam auf ihn zu. „Ich finde, du kannst auch etwas zu meinem Spaß beitragen.“ Ich sinke neben ihn auf die Bettkante. Dann beuge ich mich vor, wobei ich darauf achte, dass er einen guten Einblick in mein Dekolleté bekommt. Sanft lege ich meine Lippen auf seine und sofort erwidert er meinen Kuss. Ich lasse meine Zunge in seinen Mund gleiten, suche nach seiner und umspiele sie. Es dauert nicht lange, da höre ich, wie Marks Atem abgehackter wird. Er keucht in den Kuss und auch ich kann ein leises Stöhnen nicht unterdrücken. Seine Hände legen sich an meine Taille, und er zieht mich zu sich auf das Bett, bis ich auf ihm zu liegen komme. Dann greift er nach dem Stoff meines Kleides und rafft ihn hoch, bis ich spüre, wie die kühle Luft des Zimmers über meine Schenkel und meinen Po streift. Der lange Rock meines Kleides bauscht sich um meine Taille.

„O verdammt, Lillian! Du bist nicht nur schön, du bist auch so unglaublich heiß! Deine Küsse machen süchtig. Am liebsten würde ich deinen Slip beiseiteschieben und mich sofort in dir versenken!“

Seine Worte schicken kleine Blitze in meinen Unterleib und lassen ein Prickeln dort zurück. Sie sind so verheißungsvoll, dass mein Becken wie von allein zuckt und meine Feuchtigkeit meinen Slip durchnässt.

„Es wäre doch zu schade, wenn der Spaß gleich wieder vorbei wäre, meinst du nicht?“, frage ich und schaue grinsend auf Mark hinab. Ich kann es einfach nicht lassen, ein wenig muss ich ihn aufziehen.

„Ja, da gebe ich dir absolut recht, aber versuch mal, das ihm hier zu erklären.“ Bei seinen Worten hebt er das Becken, und ich spüre seine Erektion, die gegen meinen Bauch drückt. Wieder schießt die Lust wie kleine Blitze in meinen Unterleib.

„Ich will deine Haut spüren!“, murmelt Mark und verschließt meinen Mund erneut mit seinem. Er lässt seine Finger langsam von meinen Knien aufwärts über meine nackten Schenkel wandern, bis er meinen Hintern erreicht hat. Jetzt greift er fester zu, knetet ihn, presst mich gegen seine Erektion, während seine Zunge die meine leidenschaftlich umspielt.

Die Lust in meinem Bauch steigert sich ins Unermessliche, meine Haut prickelt, und stöhnend presse ich mein Becken gegen seins. Ich spüre seine Erektion zwischen meinen Beinen, sie liegt genau auf diesem einen empfindlichen Punkt. Unruhig rutsche ich ein wenig höher und setze mich auf, greife nach dem Reißverschluss in meinem Rücken, um mir das Kleid auszuziehen.

„Warte, lass mich!“ Mark fasst nach meinen Händen und legt sie sich auf die Brust, zieht mich so ein Stück tiefer über sich und schlingt seine Arme um mich. Sein Blick ist direkt auf meinen gerichtet, seine Augen funkeln.

„Ich will dich ausziehen, und ich will jeden Fitzel deiner Haut sehen, den ich freilege“, murmelt er eindringlich. Der Wunsch, dass ich für ihn strippe, scheint vergessen. Wie in Zeitlupe öffnet er Zentimeter für Zentimeter den Reißverschluss, dann streift er mir die Träger des Kleids von den Schultern, sodass ich meine Arme herausziehen kann.

„O ja!“, flüstert Mark und sieht fast ein wenig ehrfürchtig aus, als er seinen Blick über mich wandern lässt. Er legt seine Hände an meine Schultern, damit ich mich wieder aufrichte, dann streichelt er sanft über mein Schlüsselbein und hinunter zum Ansatz meiner Brüste. „Ich liebe Spitzenwäsche!“ Sein Daumen kreist über dem BH um meine harte Brustwarze, spielt mit der kleinen Perle. Erneut schießen diese Blitze der Lust in meinen Bauch und lassen mich unruhig hin und her rutschen. Leise keuche ich auf.

„Das magst du, ja? Magst du das auch?“ Ein deutliches Stöhnen entkommt mir, und ich spüre, wie meine Lider flattern, als er mir leicht in die Brustwarze kneift.

„Ja!“ Mein Becken zuckt wie zur Bestätigung dieses einen Wortes, reibt über die Beule in Marks Hose, die genau gegen das kleine Nervenbündel zwischen meinen Beinen drückt.

Ich bin so heiß auf diesen Mann, dass ich ihn am liebsten sofort in mich aufnehmen würde. Leider trennen uns noch ein paar Stoffstücke, aber das werde ich gleich ändern. Schnell rutsche ich von Mark herunter, neben ihn auf das breite Bett. Ich gehe auf die Knie und greife nach seinem Hemd.

„Jetzt bist du dran!“, sage ich grinsend und öffne den ersten Knopf. Mark erwidert mein Grinsen und greift nach seinem Gürtel. Während ich das Hemd öffne, befreit er sich von seiner Hose und den Boxershorts. Bevor er sie beiseitelegt, fasst er noch einmal in die Hosentasche, holt ein kleines silbriges Päckchen heraus und legt es auf den Nachttisch. Dann streift er sich fahrig das Hemd von den Schultern und lässt es achtlos zu seiner Hose neben das Bett fallen.

Schnell ziehe ich mir das Kleid über den Kopf und werfe es zu seinem Hemd. Als ich nach dem Riemchen meines High Heels greife, hält Mark mich zurück.

„Nein, lass sie an!“

Wissend lache ich leise auf, er scheint zu den Männern zu gehören, die auf halterlose Strümpfe mit Spitzenbesatz und Pumps im Bett stehen. Okay, wenn es ihm so gefällt.

„Aber den Slip darf ich schon noch ausziehen, oder?“, frage ich und hebe spöttisch eine Augenbraue.

„Nein, das mache ich!“, antwortet Mark, und ehe ich michs versehe, liege ich auf dem Rücken, Mark kniet über mich gebeugt neben meinen Schenkeln. Er greift nach dem Bund meines Slips und zieht ihn hinab, streift ihn über die Schuhe und wirft ihn auf den wachsenden Klamottenberg neben dem Bett. Dann fasst er nach meinen Schenkeln und öffnet sie leicht.

„So ist es perfekt!“, befindet er und kniet sich zwischen meine Beine. Seine Finger streichen von meiner Hüfte abwärts über die Innenseite meine Schenkel bis hinunter zum Knie. Obwohl er mich fast nicht berührt, kann ich es kaum noch aushalten und spüre, dass es nicht lange brauchen wird, bis ich komme. Ich sehe hinab auf seinen harten Schwanz, der anscheinend nur darauf wartet, dass es endlich losgeht. Marks Finger streicheln über meine Haut, zeichnen leichte Kreise, als sie sich ihren Weg wieder hinauf suchen. Laut keuche ich auf, als Mark über meine empfindlichste Stelle streift. O ja, es wird nicht lange dauern!

„So nass, schöne Lilly!“, murmelt Mark, ohne den Blick von meiner Mitte zu nehmen. Während er mich mit seinen Fingern verwöhnt, sieht er darauf hinab. Sein harter Schwanz zuckt, als würde es ihn anmachen, sich selbst dabei zuzusehen, wie er mich streichelt. Vorsichtig lässt er erst einen, dann zwei Finger in mich gleiten und stößt immer wieder zu. Die andere Hand legt er um sein eigenes Glied, bewegt sie im Rhythmus seiner Finger. Ich sehe den kleinen Tropfen, der aus der Spitze austritt. Immer mehr dieser lustvollen Blitze durchzucken mich und immer abgehackter kommt mein Atem. Auch ich kann meine Augen nicht von Mark abwenden, von seiner Hand, die an seinem eigenen Schwanz spielt, und dieser Anblick allein ist es, der mich beinahe kommen lässt. Lange halte ich es nicht mehr aus!

„Mark, bitte!“, keuche ich atemlos. „Komm endlich her!“

Mark wirft mir einen kurzen Blick zu, dann versenkt er seine Finger ein letztes Mal in mir, bevor er sie zurückzieht und sich über mich beugt. Fast sofort spüre ich seine Erektion, die wieder auf diesem Punkt zwischen meinen Beinen liegt, und wie aus Reflex zucke ich hoch.

„O verdammt, Lilly! Ich kann nicht länger warten!“, sagt Mark und greift nach dem Päckchen auf dem Nachttisch. Mit einer schnellen Bewegung hat er es aufgerissen und streift sich das Kondom über die pralle Erektion. Dann legt er sich auf mich und küsst mich, während er mit einem einzigen Stoß tief in mich eindringt.

Seine Lippen hart auf meine gepresst, seine Zunge in meinem Mund, die gar nicht aufhören kann, mit meiner zu spielen, stößt er wieder und wieder zu. Es dauert nicht lange, da erhöht er das Tempo. Unser beider Stöhnen zwischen den Küssen wird lauter, wir können uns kaum noch zurückhalten. Unaufhaltsam nähere ich mich dem Höhepunkt und auch Mark ergeht es nicht anders. Ich lasse mich fallen, als ich von meinen Gefühlen überrollt werde, und wie von Ferne höre ich Mark nur Sekunden später ein letztes Mal aufstöhnen, dann spüre ich ihn in mir zucken.

Einige Minuten liegen wir nur da, aneinandergekuschelt, und genießen diese einmalige Schwere nach dem Sex. Dann steht Mark auf und verschwindet im Bad, während ich endlich die drückenden High Heels und meine halterlosen Strümpfe ausziehe und mich unter die Decke kuschele, da es im klimatisierten Zimmer ein wenig frisch ist.

„Was hältst du davon, wenn ich uns eine Flasche Champagner bestelle?“, fragt Mark, als er aus dem Bad zurückkehrt. „Oder musst du etwa schon los?“

„Ich habe die ganze Nacht Zeit“, antworte ich lächelnd und Mark grinst erfreut.

„Das ist gut! Ich finde nämlich, dass wir gerne noch eine zweite Runde starten können – nach einer kleinen Erholung.“ Damit greift er zum Telefon und bestellt wie versprochen eine Flasche Champagner.

4
LARS

Es ist noch früh, als ich am nächsten Morgen erwache, doch Mark scheint bereits unter der Dusche zu sein. Zumindest höre ich das Wasser im Bad rauschen.

Aus der zweiten Runde ist mitten in der Nacht auch noch eine dritte geworden und ich fühle mich ein wenig wund. Die Flasche Champagner haben wir gemeinsam geleert, jetzt steckt sie mit der Öffnung voran in dem Kühler, in dem sich statt Eis nur noch Wasser befindet. Müde reibe ich mir über die Augen und versuche, meinen Kopfschmerz zu ignorieren. Ich vertrage Champagner leider nicht sonderlich gut, auch wenn ich ihn noch so gern mag, und bekomme fast jedes Mal nach dem Genuss Kopfschmerzen. Langsam setze ich mich auf und warte, bis das Pochen ein wenig abgeklungen ist. Dann stehe ich auf und suche zwischen den auf dem Boden verteilten Kleidungsstücken meine Sachen zusammen. Nicht einmal meinen Slip habe ich angezogen, bevor ich letzte Nacht erschöpft eingeschlafen bin.

„Oh, gut, du bist schon wach!“, höre ich Mark hinter mir und fahre erschreckt herum. Ich hatte nicht mitbekommen, dass das Wasserrauschen aufgehört hatte. Nur mit einem Handtuch um den Hals steht er nackt in der Tür zum Bad und lässt seinen Blick unverhohlen über meinen ebenso nackten Körper schweifen. Grinsend gehe ich auf ihn zu und lege meine Arme um seinen Hals.

„Guten Morgen!“, sage ich und recke mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss zu geben. Sofort spüre ich an meinem Bauch, wie sein Schwanz sich langsam aufrichtet, während wir uns küssen.

„Guten Morgen!“, antwortet er leise, als unsere Lippen sich voneinander getrennt haben. „Es tut mir wirklich leid, aber ich muss gleich weg. Viel lieber würde ich mich jetzt mit dir ins Bett kuscheln, doch es geht leider nicht. Wenn du noch duschen willst …“ Er löst sich von mir und tritt einen Schritt beiseite, um die Tür zum Bad freizugeben. Jetzt zu duschen und danach wieder in die getragenen Klamotten zu steigen, ist nicht sonderlich reizvoll, daher lehne ich ab.

„Nein, danke. Ich gehe gleich zu Hause in die Badewanne“, antworte ich. Ja, das ist ein guter Plan. Das werde ich machen. Direkt nachdem ich eine Kopfschmerztablette eingeworfen habe. Dieses Pochen ist mehr als nur nervig!

„Okay, dann …“ Mark geht hinüber zum Schrank und sucht sich Klamotten heraus. Lächelnd lasse ich meinen Blick über ihn gleiten. Er ist so schön! Dieser gut trainierte Rücken, die kräftigen Arme, die schlanken, muskulösen Beine. Letzte Nacht hatte ich nicht die Gelegenheit, ihn ausgiebig zu betrachten – da waren wir mit anderen Dingen beschäftigt. Außerdem war das Licht gedimmt und im klaren Morgenlicht sieht man doch ganz anders aus.

„Wenn du magst – ich werde gleich von einem Fahrer abgeholt. Wir können dich nach Hause bringen.“ Ich freue mich über das Angebot und nehme es dankend an. Im Cocktailkleid mit der U-Bahn zu fahren, darauf habe ich wirklich keine Lust, obwohl ich meinen Mantel dabeihabe. Gerade an einem Sonntagmorgen würde das wohl auch sehr merkwürdig auf die anderen Fahrgäste wirken.

Während Mark mittlerweile angezogen ist, stehe ich noch immer nackt mitten im Zimmer. Grinsend mustert er mich und deutet auf die Klamotten, die auf dem Boden verteilt liegen.

„Möchtest du nackt gehen? Oder soll ich dir beim Anziehen helfen?“, fragt er ein wenig spöttisch.

„Ähm, ich … war abgelenkt!“, stottere ich. Und Marks Grinsen wird noch eine Spur breiter, als er auf mich zutritt und sich zu mir herab beugt.

„Was glaubst du, wie es mir geht, wenn du hier vollkommen nackt vor mir stehst?“, fragt er und gibt mir einen schnellen Kuss. „Was hältst du davon, wenn du mir deine Nummer gibst? Dann können wir das gerne jederzeit wiederholen! Aber jetzt muss ich leider gleich los.“ Damit tritt er einen Schritt zurück, bückt sich und zieht aus dem Klamottenberg meinen Slip hervor.

„Den hier behalte ich – du bekommst ihn beim nächsten Mal wieder.“ Augenzwinkernd steckt er sich meinen Slip in die Tasche seiner Jeans. Ich schlucke hart, als mein Kopfkino anspringt und mir eine Wiederholung der letzten Nacht präsentiert. O Mann! Allein dadurch spüre ich, wie die Blitze in meinen Bauch einschlagen und ich schon wieder feucht werde. Schnell greife ich nach meinem Kleid und streife es mir über den Kopf. Die Strümpfe stopfe ich in meine kleine Handtasche und ziehe die High Heels an. Meine Füße schmerzen noch immer, und innerlich verfluche ich den Designer, doch bis zu Hause wird es gehen. Zum Glück muss ich nicht mit der U-Bahn fahren! Ohne Unterwäsche …

Als ich in meine Wohnung komme, führt mich mein Weg als Erstes zu meinem langohrigen Mitbewohner.

„Hey, mein Süßer. Alles gut?“ Kaum habe ich den Käfig geöffnet, hüpft der Kleine heraus, und ich nehme ihn auf den Arm. Das Cocktailkleid muss eh in die Reinigung, da stören mich die Kaninchenhaare darauf nicht.

„Wollen wir mal schauen, ob wir was Leckeres für dich finden?“, frage ich Elvis und kraule ihn an der weichen Stelle direkt hinter seinen Ohren. Mit ihm auf dem Arm stehe ich auf und gehe in die Küche, wo ich ihn zu meinen Füßen absetze, damit ich ihm ein Stück Gurke abschneiden kann.

„Hier, Dicker, essen.“ Zusammen mit der Gurke lege ich ein paar Salatblätter auf den Fliesenboden. Zwei Möhrchen dazu und fertig ist sein Frühstück, auf das der Kleine sich auch sofort stürzt.

Nachdem ich mir Teewasser aufgesetzt habe, lasse ich Elvis in der Küche und gehe ins Bad, um mir ein Schaumbad einzulassen. Noch immer dröhnt mein Kopf, meine Füße schmerzen und ich fühle mich ein wenig wund nach der Nacht mit Mark. Während sich die Wanne füllt, kehre ich in die Küche zurück. Ich komme genau rechtzeitig, der Wasserkocher schaltet sich gerade aus, und als ich das kochende Wasser über den Teebeutel gieße, zieht der Duft von Kamillentee durch meine Küche. Ich verstehe gar nicht, warum die meisten Leute so gegen Kamillentee sind und ihn nur bei Krankheit trinken, ich finde ihn lecker!

Ein paar Minuten später lasse ich mich seufzend in das nach Orchideen duftende Badewasser gleiten. Der Schaum fühlt sich weich an auf meiner Haut und ich schließe genießerisch die Augen. Mann, tut das gut!

Während ich vor mich hin döse, wandern meine Gedanken zurück zu letzter Nacht und dem heutigen Morgen mit Mark. Es passiert eher selten, dass ich mich gleich am ersten Abend mit einem Mann in den Laken wälze, doch bei Mark konnte ich einfach nicht widerstehen. Ja, okay, wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir sogar genau das erhofft. Der Typ ist Sex pur und noch dazu ist er unglaublich erfolgreich und hat ein dickes Bankkonto. Damit hat er alle Kriterien erfüllt, die ich bei einem Mann habe. Und er ist anders … Anders als die reichen Kerle, die ich im Laufe der letzten Zeit kennengelernt habe. Er hat einen wundervollen Humor – bei ihm muss ich kein Blatt vor den Mund nehmen. Normalerweise nicht unbedingt eine herausstechende Eigenschaft der Hamburger Millionäre. Die meisten von ihnen sind eher steif, die würden niemals so rangehen, wie Mark es getan hatte. Vielleicht war das der Grund, warum ich bisher noch mit keinem von ihnen im Bett gewesen bin? Schließlich möchte ich auch nicht billig auf sie wirken, da mein Ziel ja eine feste Beziehung, am besten sogar eine Ehe, ist und nicht nur ein Fick-Verhältnis. Ich möchte an der Seite von einem von ihnen in der High Society angesehen sein und sei es nur als Präsentationsweibchen. Okay, diese Einstellung ist nicht gerade emanzipiert, aber ich habe einen Grund dafür. Einen guten Grund. Einen, der mir über alles geht und für den ich bereit bin, meine Emanzipation aufzugeben und hinter mir zu lassen.

Wenn ich es schaffen würde, Mark an mich zu binden, ihn dazu zu bringen, sich auf eine Beziehung einzulassen, wäre ich meinem Ziel einen riesengroßen Schritt näher. Nein, ich hätte es sogar erreicht! Dann wäre mein Plan endlich aufgegangen.

Die Fahrt hierher in der Limousine war sehr schweigsam. Eine Frau mit weniger Selbstbewusstsein als ich wäre vermutlich verunsichert und würde anfangen, sich zu fragen, warum auf einmal eine Mauer zwischen uns war, die letzte Nacht nicht existiert hat. Doch so bin ich nicht. Wir haben zwar nicht viel miteinander gesprochen, aber schließlich hätte der Fahrer jedes Wort mitbekommen. Die Blicke, die Mark mir immer wieder zugeworfen hat, haben mir gereicht. Haben sie mir doch gezeigt, dass seine Lust auf mich, sein Interesse an mir nicht abgeflammt ist. Ja, ich bin zufrieden mit dem, was ich letzte Nacht erreicht habe.

Das ausgiebige Bad hat auch meinem Kopf gutgetan. Der pochende Schmerz, den der Champagnergenuss hinterlassen hat, ist fast vollständig verschwunden. Nachdem ich mich abgetrocknet habe, schlüpfe ich in einen gemütlichen Jogginganzug und ziehe mir dicke Socken über. Mit einem Toast zum Frühstück geselle ich mich zu Elvis, der auf der Couch bereits auf mich wartet.

„Na, Süßer. Frühstück beendet?“, frage ich ihn und er legt sich lang ausgestreckt neben mich. Er weiß genau, jetzt kommen wir zum gemütlichen Teil des Sonntags. Fernsehen, kuscheln und einfach nur nichts tun.

Es ist bereits früher Nachmittag, als ich mich endlich von meinem gemütlichen Sofa aufraffe, um wie jeden Sonntag bei meinen Eltern anzurufen. Mein Bruder Lars ist es, der den Hörer abnimmt.

„Hey, Mucki! Wie geht es dir? Was gibt es Neues aus der Weltstadt?“, fragt er fröhlich und nennt mich wie fast immer bei meinem alten Spitznamen aus Kindertagen. Damals, als ich ohne meinen Schnuller nirgendwohin gegangen bin. Statt wie andere Kinder dazu Nucki zu sagen, hieß meiner Mucki – und irgendwann blieb dieser Name an mir hängen. Er ist der Einzige, der das darf, weil dieser Spitzname für mich ein ganz besonderer ist. Er verbindet uns beide.

„Hier ist alles gut. Wie immer, viel Arbeit und ein verwirrter Chef“, antworte ich lachend.

„Und, warst du mal wieder auf irgendeiner tollen Veranstaltung und hast einen reichen Kerl kennengelernt?“ Der Tonfall, in dem Lars mich fragt, klingt vollkommen neutral, als würden wir gerade über das Wetter reden, doch ich weiß, wie zwiegespalten er ist. Als großer Bruder, der seine kleine Schwester über alles liebt und unbedingt beschützen möchte, findet er meinen Plan, mir einen Millionär zu angeln, alles andere als gut. Er ist der Meinung, ich würde mich selbst verkaufen. Andererseits kann er meine Gründe dafür nachvollziehen. Er weiß, dass mein Plan aus meiner eigenen Hilflosigkeit entstanden ist. Einer Hilflosigkeit, die er ebenso spürt wie ich. Die ihn genauso gefangen hält und ihm schlaflose Nächte bereitet. Er hat seine Art, damit umzugehen, ich habe meine. Auch wenn sie völlig unterschiedlich sind, wir versuchen, jeder auf seine Weise dagegen zu kämpfen. Für unsere Eltern, für unseren Vater. Die Diskussion, ob meine Art richtig ist oder nicht, haben wir schon so oft geführt, und ich möchte sie nicht erneut aufgreifen, daher beantworte ich Lars’ Frage ebenso neutral, wie er sie gestellt hat.

„Ja, ich war gestern auf einer Vernissage. Dort habe ich den Künstler persönlich kennengelernt. Er ist wirklich nett.“ Das, was letzte Nacht noch geschehen ist, lasse ich aus. Es geht meinen Bruder nichts an, mit wem ich schlafe, und ich fürchte, er würde es auch nicht sonderlich gut aufnehmen, wenn ich ihm erzählen würde, dass ich gleich am ersten Abend mit Mark in der Kiste gelandet bin.

„Ach, Mucki.“ Ich höre Lars leise seufzen. „Nett und reich sind aber doch nicht alles.“

„Musst du damit wieder anfangen? Ich dachte, wir hätten das geklärt!“, unterbreche ich ihn sofort.

Ein erneutes Seufzen klingt durch die Leitung, bevor er antwortet: „Ja, okay. Ich sage ja gar nichts mehr. Aber bitte, Mucki, pass auf dich auf!“

„Natürlich passe ich auf! Was denkst du denn! Sei doch froh, dass ich mich nicht in irgendwelchen zwielichtigen Gegenden herumtreibe. Von denen wird mir sicher keiner irgendwas ins Glas tun oder versuchen, mich zu vergewaltigen.“ Ich ziehe seine Sorgen vollkommen beabsichtigt ins Lächerliche. Ich möchte nicht, dass er sich um mich sorgt, ich kann auf mich allein aufpassen.

„Wie geht es denn Paps?“, frage ich und wechsele schnell das Thema, damit Lars nicht weiter nachhakt. Einen Moment lang herrscht Stille in der Leitung, bevor mein Bruder antwortet.

„Heute ist ein guter Tag, aber gestern …“ Lars klingt so ernst, dass ich mich alarmiert aufrichte.

„Was war gestern?“

Als Lars berichtet, höre ich an seiner Stimme, wie sehr er mit den Tränen kämpft.

„Es ging ihm nicht gut. Er war schlecht gelaunt und genervt. Ach Mucki, es tut so weh, ihn jeden Tag so zu sehen und ihm nicht helfen zu können. Und Mama … Sie macht und tut und schuftet sich halb zu Tode, aber es hilft einfach nichts. Sie kann es nicht mehr lange. Das Restaurant, die Pflege … Ich versuche zu helfen, wo ich kann, doch wenn es so weitergeht … Mama ist am Ende ihrer Kraft. Sie gibt es nicht zu, aber ich sehe es ihr an.“

Schweigend nicke ich, obwohl mir klar ist, dass Lars es nicht sehen kann. Doch Sprechen geht im Moment nicht. Der Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hat, verhindert, dass Worte meinen Mund verlassen können.

Diese Hilflosigkeit, die ich durch meine Suche nach einem reichen Kerl versuche, in den Griff zu bekommen, kehrt auf einen Schlag zurück. Seit mein Vater vor knapp zwei Jahren einen schweren Schlaganfall erlitten hat, hat sich mein Leben von Grund auf geändert. Seitdem mache ich alles, um ihn und meine Mutter irgendwie zu unterstützen. Bei Lars sieht es ebenso aus. Er hat seinen Job gekündigt und arbeitet nun im Restaurant meiner Eltern. Bis zu diesem Tag, der alles veränderte, haben meine Eltern das Restaurant gemeinsam geführt. Mein Vater hat die Büroarbeit, die Buchhaltung und den Einkauf gemacht, während meine Mutter im Service tätig war. Ein Koch und ein paar Kellner hatten sie als Angestellte und es lief wirklich gut. Doch seit dem Schlaganfall ist mein Vater ein Pflegefall.

Den Moment, als die Ärzte uns mitteilten, dass er nie wieder gesund werden würde, habe ich bis heute vor Augen. Meine Mutter ist zusammengebrochen, während mein Bruder und ich wie erstarrt waren und nicht begreifen konnten, was die Ärzte uns erzählten. Monatelang war mein Vater in der Reha, doch es brachte nur minimale Verbesserungen seines Zustands. Er kann kaum reden, nicht laufen, nicht allein essen und muss rund um die Uhr gepflegt werden.

Mein Bruder hat das Restaurant übernommen, während ich meine Mutter bei der Pflege meines Vaters unterstützt habe. Doch das Geld reichte hinten und vorn nicht. Obwohl unser Restaurant noch immer jeden Abend gut besucht wird, ist nie genug Geld da. Das Haus, in dem meine Eltern leben, müsste rollstuhlgerecht umgebaut werden, meine Mutter bräuchte dringend professionelle Hilfe bei der Pflege, die wir uns allerdings nicht leisten können. Zwar kommt jeden Tag ein Pflegedienst, aber die Entlastung dadurch reicht einfach nicht aus. Monatelang habe ich darüber nachgedacht, was ich machen könnte, um das fehlende Geld aufzutreiben. Klar, ich hätte Lotto spielen können oder in einem Kasino mein Glück versuchen, doch da hätte ich vermutlich mehr verloren als gewonnen. Irgendwann kam mir die Idee, mir einen reichen Kerl zu angeln. Genau genommen war es Lars, der das unbedacht daher gesagt hat. Seine Idee ließ mich nicht mehr los, und so beschloss ich, es einfach zu versuchen. So bin ich nach Hamburg gekommen.

„Bist du noch dran?“ Die Stimme meines Bruders reißt mich aus meinen Erinnerungen.

„Ja, klar. Entschuldige, ich hab gerade überlegt, ob es nicht noch eine Möglichkeit gibt, aber mir fällt nichts ein.“

„Ich hab leider auch keine Idee mehr. Eine Pflegekraft, die rund um die Uhr hier wäre, das wäre es. So könnte Mama mal wieder durchatmen, einfach mal für eine Stunde raus und den Kopf frei kriegen. Sie hätte die ganze Last nicht mehr allein zu tragen, aber wie sollen wir das bezahlen?“

„Ja, das ist es halt. Ich spare bereits, wo ich nur kann, aber so eine Pflegekraft kostet über zweitausend Euro im Monat.“

„Ach Mucki! Das ist doch nicht deine Aufgabe. Du zahlst schon so viel! Du kannst auch nicht auf alles verzichten.“

Ich weiß, dass mein Bruder recht hat, aber in solchen Momenten denke ich darüber nach, ob es richtig ist, was ich hier mache. Ich kaufe mir teure Klamotten und Schuhe, um mir einen reichen Mann zu angeln. Die Sachen sind Mittel zum Zweck, damit ich hoffentlich irgendwann ein wenig mehr dazu beitragen kann, dass mein Vater die Pflege bekommt, die er braucht.

Dafür spare ich an so ziemlich allem anderen. Ich kaufe meine Lebensmittel nur beim Discounter, fahre einen uralten, klapprigen Wagen, bei dem fraglich ist, ob er den nächsten TÜV überlebt, und wohne in einer günstigen Einzimmerwohnung. Alles, was am Ende des Monats übrig bleibt, geht an meine Eltern. Um sie zu unterstützen, um ihnen das Leben ein wenig leichter zu machen. Aber ist das richtig? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich so ziemlich alles dafür tun würde, wenn ich meinen Eltern und besonders meinem Vater helfen könnte. Ich würde mich selbst aufgeben – und irgendwie mache ich das ja auch durch meinen Plan, mir einen Millionär zu angeln.

„Ich weiß, dass es nicht meine Aufgabe ist, Lars. Aber irgendwas muss ich machen. Ich kann nicht dabei zusehen, wie Mama zugrunde geht und Paps vor sich hinvegetiert.“ Schniefend wische ich mir über die Augen, als Tränen meine Sicht verschleiern.

„Vielleicht sollten wir doch darüber nachdenken, ob ein Pflegeheim …“

„Nein! Hör auf, Lars! Darüber haben wir schon gesprochen!“, unterbreche ich meinen Bruder sofort. „Paps wird nicht in ein Heim kommen! Das würde er nicht überleben und Mama wahrscheinlich auch nicht. Wir können die beiden nicht trennen und Mama würde dem auch nicht zustimmen. Überleg doch mal, das nächste Heim ist beinahe dreißig Kilometer entfernt und hat einen ganz miesen Ruf. Alle anderen sind noch weiter weg, und wenn du ein wirklich gutes Pflegeheim möchtest, musst du dafür entsprechend zahlen. Mama würde jeden Tag hinfahren wollen und mit den Benzinkosten wären wir dann finanziell auch nicht besser aufgestellt als mit einer Pflegekraft. Mal abgesehen von der Zeit, die Mama täglich unterwegs wäre. Sie möchte das nicht, das hat sie ganz klar gesagt!“

„Ist ja gut! Du hast ja recht. Ich weiß halt einfach so langsam nicht mehr weiter.“ Die letzten Worte sind kaum noch mehr als ein Flüstern. Ein Flüstern, das mir deutlich zeigt, wie verzweifelt Lars ist. Auch er hat nicht mehr lange die Kraft, alles allein zu schaffen. Er kann es nicht mit ansehen, wie unsere Eltern unter der Situation leiden.

„Lass uns am Wochenende noch mal in Ruhe reden. Vielleicht finden wir ja eine Möglichkeit“, sage ich sanft.

„Ja, das machen wir. Mama freut sich übrigens schon sehr auf deinen Besuch.“ Lars’ Stimme klingt wieder fester, sicherer.

„Hey, das hört sich ja an, als würde ich nur alle Jubeljahre mal bei euch auftauchen. Ich war letztes Wochenende erst da!“, beschwere ich mich scherzhaft.

„Ach komm, Mucki. Du weißt doch, wie sie ist. Ihr kleines Mädchen allein in der großen Stadt. Sie macht sich halt Sorgen.“

Gespielt genervt seufze ich auf. „Ob ihr wohl irgendwann mal lernen werdet, dass ich schon groß bin und auf mich aufpassen kann?“ Ein leises Lachen klingt durch das Telefon und ich stimme mit ein. Meine Beschwerde ist nicht wirklich ernst gemeint, ich weiß ja, sie meinen es nur gut mit mir.

„Ist Mama denn da?“, frage ich.

„Ja, klar. Warte, ich gebe sie dir.“ Ich höre, wie Lars nach unserer Mutter ruft.

„Ich freue mich auf Samstag!“, sage ich noch und verabschiede mich dann von meinem Bruder, bevor er das Telefon an meine Mutter übergibt.

5
FOTOS

Mein Kamillentee dampft schon in seinem Becher auf meinem Schreibtisch vor sich hin, und mein PC fährt gerade hoch, als Cookie ins Büro gestürmt kommt.

„Und? Wie war es Samstag? Ich möchte alles wissen!“, verkündet sie, ohne mich wirklich zu begrüßen.

Grinsend lehne ich mich auf meinem Schreibtischstuhl zurück und verschränke die Arme vor der Brust.

„Ich wünsche dir auch einen wunderschönen guten Morgen, meine Liebe!“, antworte ich, und Cookie rollt gut sichtbar mit den Augen, während sie sich aus ihrem Mantel schält.

„Was auch immer an diesem Morgen wunderschön sein soll. Es ist Montag und es regnet! Außerdem war die Nacht irgendwie zu kurz. Ich brauche erst mal einen Kaffee – am besten intravenös.“ Mit dem Mantel über dem Arm verschwindet sie in Richtung der kleinen Teeküche, wo sich auch unsere Garderobe befindet.

Da ich meine Freundin nur zu gut kenne, habe ich bereits eine Kanne ihres schwarzen Lieblingsgesöffs gekocht, als ich angekommen bin, und so kehrt Cookie nur eine Minute später strahlend und mit einem Becher bewaffnet zurück.

„Hab ich dir schon mal gesagt, dass du ein Schatz bist?“, fragt sie und hockt sich mit ihrem Becher in der Hand auf die Ecke meines Schreibtisches.

„Weil ich dir Kaffee koche? Ach, ich kenne dich einfach. Ich weiß, dass du den Montag nicht ohne ausreichende Koffeinversorgung überlebst. Oder irgendeinen anderen Tag …“

Cookie lacht auf. „Hey, das klingt ja, als wäre ich kaffeesüchtig. Na ja, bin ich vielleicht auch ein bisschen. Aber jetzt erzähl, bevor der Sahrmann kommt.“ Während sie einen Schluck aus ihrem Kaffeebecher nimmt, wirft sie einen Blick auf die offene Tür des Büros meines Chefs. Einzig der PC, den ich für ihn bereits hochgefahren habe, verbreitet in dem Raum ein bläuliches Licht.

„Hast du Mark Garmont kennengelernt? Ist er in natura ebenso heiß wie auf den Bildern im Internet?“ Neugierig schaut Cookie auf mich herab und ich erwidere ihren Blick mit einem breiten Grinsen.

„Ja, ich hab ihn kennengelernt und ja, in natura ist er sogar noch heißer. Viel heißer …“ Ich zwinkere Cookie zu und greife nun auch nach meinem Becher. Gespielt entspannt nippe ich an dem heißen Tee, während ich Cookie nicht aus den Augen lasse. Einen Moment lang schaut sie mich nur irritiert an, dann sehe ich, wie die Erkenntnis in ihr Hirn sickert. Ihre Augen werden groß und mit einem leisen Knallen stellt sie ihren Kaffeebecher auf meinem Schreibtisch ab. Ich versuche mein Kichern zu verbergen, indem ich noch einen Schluck trinke.

„Ist nicht wahr! Das hast du nicht getan?!“, fragt Cookie ungläubig und eine Spur zu laut. Zum Glück sind wir gerade allein im Vorzimmer. Unsere Chefs sind beide noch nicht in ihren Büros.

Diesmal kann ich ein leises Lachen nicht unterdrücken. „Ich weiß gar nicht, was du meinst!“ So leicht will ich es ihr nicht machen, ich möchte die Spannung noch ein wenig hinauszögern und ihre Neugierde anheizen.

Zur Strafe gibt Cookie mir einen Klaps gegen die Schulter. „Jetzt erzähl schon! Hast du echt mit Mark Garmont geschlafen? Ehrlich?“

Ich komme nur dazu, zu nicken, da spricht sie bereits weiter: „Und wie war es?“ Cookie beugt sich zu mir herunter, ich sehe, sie giert förmlich nach Details meiner Nacht mit Mark.

„Es war super! Bereits kurz nachdem ich angekommen bin, scheine ich ihm aufgefallen zu sein. Jedenfalls hat er mich angesprochen und dann …“ Ich mache eine Pause, um meine Freundin noch ein wenig länger auf die Folter zu spannen. Schnaubend richtet Cookie sich wieder auf.

„Los jetzt! Raus mit der Sprache!“, fordert sie und ich gebe endlich nach. Erzähle ihr, wie Mark und ich uns gegenseitig den Abend über heiß gemacht haben, wie wir uns im Gang vor den Toiletten geküsst haben und letztlich in seiner Suite im Hotel gelandet sind.

„Und nun?“, fragt sie, kaum dass ich geendet habe. „Hat er sich seitdem noch mal gemeldet?“

„Nein, hat er nicht. Aber das wird er, da bin ich mir ganz sicher. Es war ja erst gestern Morgen, dass er mich nach Hause gebracht hat.“

Was das angeht, bin ich völlig entspannt, ich glaube wirklich, dass Mark sich bei mir melden wird – zu schön war unsere gemeinsame Nacht.

„Wow! Das hätte ich echt nicht gedacht. Ich meine, du weißt ja, was ich von deinem Plan mit dem Millionär halte, aber anscheinend hast du es tatsächlich geschafft, dir einen zu angeln.“ Cookie steht auf und kehrt an ihren Schreibtisch zurück.

„Na, so schnell geht es ja nicht! Bisher war es nur eine Nacht. Wir sind deshalb kein Paar oder so.“ Ich versuche, das Ganze ein wenig zu relativieren.

„Nein, noch nicht! Aber was nicht ist, kann ja noch werden!“

Ich komme nicht mehr dazu, zu antworten, da in diesem Moment Herr Sahrmann um die Ecke kommt.

„Guten Morgen, die Damen! Wie ich sehe, hatten Sie ein aufregendes Wochenende, Frau Floris.“ Im Vorbeigehen grinst er mir zu, bevor er auf sein Büro zusteuert.

„Ja, das hatte ich. Aber woher …?“ Ich bin irritiert. Was will er mir mit seinen Worten sagen? In der Tür zum Büro bleibt Herr Sahrmann stehen, dann kehrt er zurück und lässt eine Zeitung auf meinen Schreibtisch fallen.

„Lesen Sie selbst. Und in fünf Minuten möchte ich Sie in meinem Büro sprechen!“ Damit geht mein Chef endgültig in sein Zimmer und schließt die Tür hinter sich.

Ich verstehe nicht, was hier gerade vor sich geht, und greife nach der Zeitung. Ein mulmiges Gefühl macht sich in meinem Magen breit, als ich sie auseinanderfalte und durchblättere.

Es dauert nicht lange, und ich habe gefunden, worauf mein Chef angespielt hat.

Zwei Fotos sind es, mit einer Überschrift, die mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagt.

„Wer ist die Neue an Mark Garmonts Seite?“ steht in fetten Lettern über einem unscharfen Bild, das uns beide knutschend im Gang vor den Toiletten zeigt. Das andere Foto wurde später am Abend vor der Galerie aufgenommen, als wir in das Taxi steigen.

„O nein, bitte nicht!“ Ich schlage die Hände vors Gesicht und stütze mich mit den Ellenbogen auf die Tischplatte vor mir, als mir klar wird, was mein Chef jetzt über mich denken wird. Natürlich sind seine Gedanken die richtigen, doch das hier ist ein Moment, an dem ich am liebsten im Boden versinken würde. Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf einem der High-Society-Events fotografiert wurde und in der Zeitung gelandet bin. Aber das waren Bilder, die auf den Veranstaltungen direkt gemacht wurden – nicht, wenn ich allein mit einer bekannten Persönlichkeit in einem Gang abseits der Menge knutsche oder mit jemandem in ein Taxi steige. Die Überschrift, die dieses Klatschblatt den Bildern gegeben hat, sagt ihr Übriges, und als ich den Artikel lese, wird mir schlecht. Auch hier dreht es sich nur darum, wer ich bin und was Mark und ich in dieser Nacht wohl noch getrieben haben. Alles reine Spekulation, aber dennoch könnte mein Chef es als Schaden für die Bank ansehen, sollte herauskommen, wer ich bin.

„Was ist denn los, Süße?“ Als ich aufschaue, hockt Cookie neben mir und streicht mir sanft über den Rücken. Ich war so in meinen Gedanken versunken, dass ich nicht mitbekommen habe, wie sie zu mir herübergekommen ist.

Schweigend schiebe ich ihr die aufgeschlagene Zeitung rüber, damit sie selbst sehen kann, was passiert ist.

„O Scheiße! Und nun? Meinst du, der Sahrmann will dich deshalb sprechen?“, fragt sie und sieht zerknirscht zu mir auf.

„Ja, was denkst du denn? Warum sollte er mir die Zeitung sonst so hinknallen und mich zu sich einbestellen?“

Cookie zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Vielleicht geht es ja um was ganz anderes.“

Ein wenig bitter lache ich auf. „Ja, genau. Es geht nicht darum, dass ich den Ruf der Bank gefährdet habe. Dass ich in der Zeitung zu sehen bin, wie ich knutschend vor einer Toilette stehe – mit einem stadtbekannten Künstler. Er wird mich lang machen!“ Verzweifelt schaue ich Cookie an und sie greift seufzend nach meiner Hand.

„Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm.“ Ihre Worte sind lieb gemeint, aber ich habe Angst. Angst, wie mein Chef reagieren würde. Natürlich weiß ich, dass ich in meiner Freizeit machen kann, was ich möchte, dennoch hinterlässt es keinen guten Eindruck bei ihm. Und abgesehen davon ist es Herr Sahrmann, dem ich es zu verdanken habe, an solchen Events teilnehmen zu dürfen. Er ist es, der mir seine Einladungen abtritt, der sich durch mich vertreten lässt. Im Zweifel fällt es auf ihn zurück, wenn ich mich nicht benehmen kann, und dann wird es für mich keine weiteren Möglichkeiten geben, zu solchen Veranstaltungen zu gehen.

„Ich bringe es mal hinter mich“, sage ich seufzend und stehe auf. Mit wild pochendem Herzen und schweißnassen Händen klopfe ich an die Bürotür meines Chefs und warte, dass er mich hereinbittet.

„Ah, Frau Floris. Nehmen Sie Platz.“ Herr Sahrmann deutet auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und schweigend hocke ich mich auf die vorderste Kante. Die Hände im Schoß ineinander verkrallt, sehe ich auf die Tischplatte vor mir. Dann fasse ich all meinen Mut zusammen und setze zu einer Erklärung an.

„Herr Sahrmann, es tut mir leid.“ Vorsichtig schaue ich auf, wie meine Entschuldigung ankommt, doch mein Chef sieht mich nur irritiert an.

„Was genau, Frau Floris? Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge, ich versteh gerade nicht …“ Verwirrt kratzt Herr Sahrmann sich am Kopf, als hätte er wirklich keine Ahnung, wovon ich spreche.

„Die Zeitung, der Artikel. Also … die Fotos von Mark Garmont und mir …“, stottere ich und bin nun meinerseits irritiert über die Reaktion meines Chefs.

„Ach so … Ja, darüber wollte ich eigentlich gar nicht mit Ihnen sprechen, aber wenn Sie das Thema schon anschneiden.“

„Wollten Sie nicht?“, rutscht es mir heraus, bevor ich mich bremsen kann.

„Nein, wollte ich nicht“, bestätigt Herr Sahrmann. Dann beugt er sich über den Schreibtisch zu mir herüber, stützt die Unterarme auf die Schreibtischplatte und sieht mir fest in die Augen. Ernst ist sein Blick, durchdringend, und ich kann nicht anders, als ihm direkt in die Augen zu sehen.

„Ich glaube, Sie wissen selbst sehr gut, dass diese Bilder nicht unbedingt ein gutes Licht auf Sie und auch auf mich und die Bank werfen. Das muss ich Ihnen wohl nicht erklären. Aber dennoch geht es mich nichts an, was Sie in Ihrer Freizeit anstellen. Solange Sie nicht dabei erwischt werden, wie Sie auf dem Strich gehen oder einen Raub begehen. Oder natürlich sonstige illegale Dinge machen. Alles andere geht mich nichts an. Es ist Ihr Leben, nicht meins. Ich habe nur während Ihrer Arbeitszeiten das Sagen.“ Herr Sahrmann richtet sich auf und verschränkt die Arme vor der Brust, ohne mich aus den Augen zu lassen.

„Trotzdem würde ich mir wünschen, dass das hier ein Einzelfall bleibt. Es sei denn natürlich, Sie führen eine Beziehung mit Mr. Garmont. Das wäre selbstverständlich etwas völlig anderes. Oder ist es etwa so?“

Ich spüre, wie mir bei dieser direkten Frage die Röte ins Gesicht schießt.

„Ähm … nein. So ist es nicht“, stottere ich und schaue verlegen auf den Tisch vor mir.

„Dachte ich mir. Aber gut, es ist ja nichts weiter passiert. Zwei Fotos in einer Zeitung, die für ihre Fantasie bekannt ist. Es steht weder Ihr Name noch meiner noch der der Bank dabei. Wollen wir also davon ausgehen, dass alles gut gegangen ist. So, und jetzt Schluss mit dem Thema, wir haben ein ganz anderes Problem. Bei Herrn Wagners Kreditvertrag stimmt etwas nicht. Irgendwo ist da ein Fehler in der Berechnung. Können Sie bitte mal schauen, was da schiefgelaufen ist?“

Herr Sahrmann schiebt mir eine Kundenakte rüber und schlägt sie auf, damit ich hineinsehen kann.

„Sehen Sie? Hier, das war das Angebot und das hier …“ Er blättert zwischen den Seiten, bevor er weiterspricht. „Das hier ist der Vertrag. Irgendwo habe ich da wohl einen Fehler eingebaut. Prüfen Sie das bitte, und setzen Sie dann die neuen Verträge auf, bevor wir den Termin zur Unterschrift machen.“ Mein Chef schließt die Akte und drückt sie mir in die Hand. Damit bin ich entlassen.

Als ich an der Tür ankomme, spricht Herr Sahrmann mich noch einmal an, wie er es so oft tut. Fast jedes Mal, wenn ich hier rausgehe, fällt ihm im letzten Moment noch etwas ein. Ich unterdrücke ein Lächeln, als ich mich zu ihm herumdrehe.

„Meine Frau hat sich übrigens sehr über die Blumen gefreut. Vielen Dank!“

Lächelnd nicke ich, dann verlasse ich das Büro und schließe die Tür hinter mir. Ich kann noch nicht so recht fassen, dass Herr Sahrmann mich nicht wegen des Artikels in der Zeitung zu sich zitiert hat, und auch seine Worte sind bisher nicht so ganz in meinen Verstand vorgedrungen.

Besorgt schaut Cookie mich an, als ich mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen lasse.

„Und? War es sehr schlimm?“, fragt sie mitfühlend, als ich nichts sage.

„Ja … Nein. Also …“ Ich atme tief durch, als ich endlich begreife, dass diese Fotos keine Konsequenzen für mich haben werden.

„Es ging eigentlich gar nicht um den Artikel.“ Schnell erzähle ich Cookie von dem Gespräch mit meinem Chef. Dass er zwar nicht sonderlich begeistert ist, seine Assistentin in einer eindeutigen Pose in der Zeitung zu sehen, aber mir auch nicht in mein Privatleben reinreden möchte.

„Hey, das ist doch super! Warum siehst du dann noch immer so aus, als würde die Welt gleich untergehen?“, fragt sie ein wenig verständnislos.

„Ich weiß nicht … Irgendwie hatte ich das nicht erwartet. Ich dachte echt, er macht mich dafür lang. Aber das hat er nicht und daher … Keine Ahnung.“ Langsam weicht auch der Rest der Anspannung von mir und ich grinse meine Freundin an. „Du hast recht! Ich sollte mich freuen – und beim nächsten Mal wohl besser aufpassen, ob nicht irgendwo Paparazzi lauern. Ich hab diesen Fotografen echt überhaupt nicht bemerkt.“

Cookie lacht auf. „Na ja, dem Foto nach warst du auch gerade mit anderen Sachen beschäftigt. Klar, dass du deine Umgebung da ausblendest. Wenn er nur halb so gut küsst, wie er aussieht, da kann man schon mal alles um sich herum vergessen.“

Ich stimme in Cookies Lachen ein. Dann widme ich mich wieder meiner Arbeit und dem falsch erstellten Kreditvertrag von Herrn Wagner.

Obwohl ich mehr als genug zu tun habe, lassen mir diese Fotos in der Zeitung keine Ruhe. Immer wieder überlege ich, wer mich wohl noch alles auf den Bildern erkannt haben könnte. Ob es nicht im Nachhinein doch Konsequenzen haben wird, dass ich mit Mark in einer derart intimen Situation fotografiert worden bin. Auch, was geschieht, wenn Mark diese Fotos sieht, macht mir ein wenig Sorgen. Ist es ihm peinlich? Wird er womöglich darauf angesprochen? Nur zu gern würde ich mit ihm darüber sprechen, seine Reaktion dazu sehen, doch ich habe seine Nummer nicht und er hat sich noch immer nicht gemeldet.

Als bis zum Nachmittag weiterhin keine Nachricht von Mark kommt, werde ich unruhig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Artikel nicht gelesen hat. Es war seine Ausstellungseröffnung, jede Zeitung der Stadt und auch einige überregionale haben darüber berichtet. Wäre ich er, würde ich mir jeden einzelnen Artikel anschauen – und dadurch über diesen einen in der Klatschpresse stolpern. Hätte er nicht in irgendeiner Form darauf reagieren müssen? Hätte er mich nicht anschreiben oder anrufen müssen und mir davon erzählen?

Je weiter der Nachmittag voranschreitet, desto mehr Gedanken mache ich mir. Leider hauptsächlich nicht so schöne … Bis zu dem Zeitungsartikel war ich vollkommen entspannt gewesen. Ich war mir sicher, er würde sich bei mir melden, weil ich Eindruck bei ihm hinterlassen habe, doch jetzt … Hat sich dieser Eindruck ins Negative gewendet? Meldet er sich deshalb nicht bei mir, weil es ihm peinlich ist, mit mir fotografiert worden zu sein? Oder meldet er sich nicht, weil es ihm egal ist? Oder weil er denkt, es wäre alles von mir so geplant gewesen, um an seiner Seite gesehen zu werden? Glaubt er, ich hätte ihn für meine Zwecke ausgenutzt? Oder habe ich unsere Nacht vielleicht doch vollkommen falsch eingeschätzt und ich war nur etwas Nettes für zwischendurch? Ein One-Night-Stand ohne Bedeutung?

All diese Fragen schießen mir immer wieder durch den Kopf und hinterlassen ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend. Ich wundere mich selbst darüber, was zwei Fotos in einer Klatschzeitung so alles in mir auslösen. So kenne ich mich gar nicht – allerdings war ich vorher auch noch nie in einer solchen Situation.

Als ich Feierabend mache, habe ich einen Entschluss gefasst. Ich habe zwar Marks Telefonnummer nicht, aber ich weiß, wo er gerade wohnt, daher beschließe ich, ihn in seinem Hotel aufzusuchen.

Deutlich besser gelaunt, als ich es den Tag über war, mache ich mich auf den Weg zu meinem Auto, das in einer Seitenstraße geparkt ist. Ich habe einen Plan und das beruhigt mich sehr. Ich werde mit Mark reden und herausfinden, wie er auf die Fotos reagiert. Werde versuchen, die Fragen, die ich mir den ganzen Tag über schon stelle, zu klären. Falls er die Bilder noch nicht gesehen haben sollte, habe ich zur Sicherheit die Zeitung meines Chefs eingepackt, um ihm den Artikel zeigen zu können.

Ohne einen Abstecher über die Rezeption zu machen, gehe ich direkt zum Lift des Hotels und fahre hinauf zu Marks Suite. Dort angekommen klopfe ich an die Tür. Ich höre leises Stimmengemurmel aus dem Zimmer, doch er öffnet nicht. Noch einmal poche ich gegen die Zimmertür und warte. Da endlich geht sie auf. Lächelnd lasse ich meinen Blick über Mark gleiten. Nur mit engen Boxershorts bekleidet, die Haare zerzaust, steht er vor mir. Ein Bild von einem Mann mit dieser breiten, trainierten Brust und den schmalen Hüften. Ein Anblick, der mir vertraut ist und die Bilder unserer Nacht vor meinen Augen aufsteigen lässt. Ich weiß, wie seine Haut sich an meiner anfühlt, wie sie schmeckt, wenn ich sie küsse und mit der Zunge darüberfahre. Nur zu gern würde ich diese Nacht wiederholen. Ihn am liebsten hier und jetzt in sein Hotelbett zerren, ihn küssen und noch viel mehr.

„Oh, hi! Was machst du denn hier?“ Marks erstaunte Frage reißt mich aus meinem Kopfkino von uns beiden, wie wir uns in den Laken wälzen.

„Ich wollte mit dir reden. Es war ein Artikel in der Zeitung mit Fotos von uns und …“ Mark unterbricht mich, bevor ich weiterreden und ihm mein unverhofftes Auftauchen erklären kann.

„Du, im Moment ist es ganz schlecht.“ Er wirft einen schnellen Blick über die Schulter ins Zimmer. „Ich muss gleich weg und wie du siehst … Ich bin noch nicht fertig.“ Mark deutet mit der Hand auf seinen fast nackten Körper und zwinkert mir zu. „Aber ich rufe dich an, ja? Ich melde mich bei dir! Ich muss mich jetzt wirklich sputen. Bis dann!“

Ohne auf meine Antwort zu warten, schließt Mark die Tür vor meiner Nase. Kurz bevor sie ins Schloss fällt, höre ich noch eine Stimme im Hintergrund der Suite.

„War das der Zimmerservice? Komm doch zurück ins Bett!“

Vollkommen verdattert stehe ich auf dem Flur des Hotels und starre auf die geschlossene Tür. Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was da gerade geschehen ist. Diese Stimme, die ich gehört habe, war eindeutig weiblich, und sie hat nach dem Zimmerservice gefragt. Was das bedeutet, ist mir sofort klar.

Mark muss gar nicht weg, er hat eine Frau bei sich und daher keine Zeit und Lust gehabt, mit mir zu reden. Er hat mich abserviert. Ausgetauscht gegen die nächste. Für ihn war ich nur ein One-Night-Stand und jetzt hat er den nächsten.

Ich fühle mich ein wenig betäubt, als ich langsam zum Lift zurückkehre und das Hotel verlasse.

Es ist nicht so, dass ich mich in Mark verliebt hätte und mich sein Verhalten daher verletzt, dennoch kratzt sein Verhalten ein wenig an meinem Ego. Ich habe mich in ihm getäuscht. Ich habe nicht erwartet, dass er die Art von Mann ist, die ihre Frauen wie die Unterwäsche wechseln und nur auf Sex aus sind. Und warum habe ich das nicht erwartet? Weil meine Internetrecherche über ihn nichts dergleichen hergegeben hat. Die Fotos, die im Internet kursieren, zeigen ihn immer allein. Die Bilder mit mir waren die Ausnahme. Anscheinend achtet er darauf, nicht mit Frauen gesehen und fotografiert zu werden. Doch dieses Mal war er unvorsichtig.

Oder ist es vielleicht ganz anders? Täusche ich mich schon wieder, wenn ich ihm unterstelle, ein Playboy zu sein? Ich weiß es nicht, aber ich habe bereits eine Idee, wie ich es herausfinde.

Ich Idiot habe mir nur die deutschsprachigen Seiten über ihn angesehen. Na klar, er ist erst wenige Monate hier. Natürlich gibt es da noch nicht sonderlich viele Informationen über ihn im Netz. Daher beschließe ich, mir die englischsprachigen Klatsch- und Tratschseiten näher anzuschauen.

Ich möchte einfach wissen, woran ich bei ihm bin. Und das am besten, bevor er mich anruft. Wenn er mich denn anruft …

Als ich an meinem Parkplatz ankomme, schaue ich mich verwundert um. Wo ist mein Auto? Ich hatte es genau hier geparkt, nur ein paar Straßen vom Hotel entfernt. Jetzt steht an der Stelle ein neu aussehender Passat. Doch wo ist mein Wagen?

Suchend laufe ich die Straße auf und ab. Er kann ja nicht weg sein! Ich bin mir ganz sicher, dass ich ihn da geparkt habe, wo der Passat nun steht. Mein Parkschein war auch noch nicht abgelaufen, und selbst wenn, er hat auf einem regulären Parkstreifen gestanden – dort darf nicht abgeschleppt werden. Aber mein Wagen ist weg. Wieder sehe ich auf das Straßenschild – bin ich in der falschen Straße? Nein, bin ich nicht. Ich hatte genau hier geparkt. Das kann doch nicht sein! Ein Auto verschwindet nicht so einfach.

„So eine verfickte Scheiße!“, fluche ich lautstark und sehr undamenhaft. Ein Passant, der gerade vorbeigeht, dreht sich erschrocken zu mir um, aber ich beachte ihn nicht weiter.

„Wo ist dieses verdammte Auto?“ Genervt trete ich gegen einen Pfosten am Straßenrand.

„Vielleicht ist es ja geklaut worden!“, ruft der Passant, den ich eben mit meinem Ausbruch so erschreckt habe.

Mit offenem Mund starre ich ihm hinterher, als er weitergeht. Nein! Nein, das kann nicht sein! O bitte nicht!

Mir wird übel, als die Worte des Passanten in meinem Kopf wie ein Echo widerhallen. Vielleicht ist es ja geklaut worden! Nein, so ein Quatsch! Niemand würde ein fast schrottreifes Auto klauen.

Erneut laufe ich die komplette Straße ab, aber es ändert nichts. Mein Auto bleibt verschwunden. Hatte der Mann doch recht? Zumindest ist das die einzige Erklärung, die mir noch einfällt. Ich bin den Tränen nahe, als ich mich gegen eine Hauswand lehne und mein Handy aus der Tasche ziehe. Schnell gehe ich ins Internet und suche die Anschrift der nächsten Polizeiwache heraus, dann mache ich mich zu Fuß auf den Weg dorthin, um mein Auto als gestohlen zu melden und Anzeige zu erstatten.

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Возрастное ограничение:
18+
Объем:
280 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783947634279
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Правообладатель:
Bookwire
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