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Abgefahren!

Im Zug mit Katja Walder

Pendlergeschichten

Mit Fotografien von @kusito

Vorwort von Bänz Friedli

Editorial von Peter Röthlisberger

Limmat Verlag

Zürich



Katja Walder

In ihrer Pendlerkolumne im «Blick am Abend» belauscht sie seit August 2008 ihre Mitreisenden. Dass sie dabei noch nie erwischt wurde, liegt in erster Linie daran, dass es Katja Walder gar nicht gibt. Hinter der Kunstfigur Katja Walder steckt Franziska von Grünigen, Moderatorin beim Schweizer Radio und Fernsehen.

www.katjawalder.ch

Dank

Dem Dünnen. Für alles, grundsätzlich und überhaupt.

Dem Agenten. Für vieles und den nötigen Schubs.

Der gestrengen Jury Stutz / Huber / von Grünigen. Für den eisernen Besen.

Den «Blick-am-Abend»-Lesern. Für die Treue.

Dem Pendlervolk. Für seine laute Stimme.

Dem Selecta-Automaten. Für regelmässige Rettung in der Not.


@kusito

Das ist der Berner Twitterer Markus Maurer. Er sieht jeden Tag viele «visavis» im ÖV, die er mit dem iPhone festhält und bearbeitet. Aus ­einem ersten Schnappschuss wurde eine Serie. Alltägliche Momentaufnahmen aus dem Pendler-Alltag werden durch Markus Maurers Blick zu intimen, quadratischen Zug-Kunstwerken. Weitere Bilder:

www.visav.is

Zuneigung im Neigezug

Pendeln im öffentlichen Verkehr stinkt. Mir jedenfalls. Es ist eng, schmutzig, wahlweise zu heiss oder zu kalt, jedenfalls nie richtig, und irgendeiner der Mitreisenden nervt immer – wegen des fehlenden Deos, des Döners, den er schmatzend verzehrt, seines Gelabers, Nz!-Nz!-Nz!-Sounds oder der Angeberei am Handy: «Wäisch, ’ch hanns em Sii Ii Ouu gsäit, de Tschällensch isch: Mir müend etz voll uf de Lewel vom Wentschr Käppitel fokussiere ...»

Katja Walder kennt sie alle, die Schwerenöter und Wichtigtuer, die Handyplapperinnen und Plauderrentner, sie hört jedem zu, schaut jeder aufs Maul. Allein ihre Kolumnen machen das Blättli, in dem sie erscheinen, lesenswert: Kleinst­reportagen, präzise in der Beobachtung, träf in der Wortwahl. Alltag, rasant auf den Punkt gebracht. Die Rubrik «Abgefahren» ist meist eingängig wie ein Popsong, auf Anhieb vertraut. Sie liest sich ganz leicht. Aber so einfach zu schreiben, ist das Allerschwierigste. Ich mag Katja Walders Sound, und mir gefällt, dass sie keinen schont, am wenigsten sich selbst.

Aber, und das ist das Frappante: Sie hat sie gern, ihre Mitreisenden, allesamt. Sonst schriebe sie keine solchen Kolumnen. Würde sie darin nur wäffeln und motzen, wärs unerträglich. Doch stets ist da ein liebevoller Gwunder spürbar für das Kabinett an Skurrilen, mit denen sie den Waggon teilt, und natürlich die Liebe zum Zugfahren, die Zuneigung zu unser aller SBB.

Früher schrieb ich selber Pendlerkolumnen, sie waren mir ein willkommenes Ventil: Jedes noch so arge Ärgernis, jeder noch so dumme Siech, dem ich in Tram, Bus und Zug begegnete, stimmte mich heimlich heiter, denn ich wusste, er würde mir zur Pointe gereichen. Bin ich heute unterwegs, kann ich häufig nur den Kopf schütteln. Aber dann liegt bestimmt irgendwo «Abgefahren» herum, und schon lache ich wieder. Der öffentliche Verkehr mag mühsam sein. Viel, viel schlimmer allerdings ist Pendeln im Auto – dort kann man «Abgefahren» nicht lesen.

Wunderbar, dass es «Katja Walder» gibt! Sie macht den ÖV erträglich. Noch besser ist freilich, dass es die Frau hinter Katja gibt: Franziska von Grünigen, die als Radiofrau mit derselben wohlwollenden Neugierde auf die Menschen zugeht, wie wenn sie Zug fährt.

Bänz Friedli, Hausmann und Autor, Zürich

Publikumsliebling

Das schlimme Schicksal jedes Chefredaktors ist die nagende Ungewissheit. Mag der Leser lesen, was wir ihm bieten? Katja Walder und ihre Pendlerkolumne sind ein seltener Glücksfall, ein rares Stück Gewissheit. Die «Blick am Abend»-Leserinnen und -Leser wollen sie unbedingt. Katja Walder wurde in einem basisdemokratischen Akt gewählt. Kein Bauchentscheid von mir, keine Fokusgruppe, die befragt wurde, keine Empfehlung eines Kollegen. Sie ist der Nik Hartmann der Pendlerströme, unser Publikumsliebling. Das ging so: 2008, in den ersten Monaten unserer neuen Abendzeitung, luden wir die Leserschaft ein, für «Die Kolumne» eigene Texte einzusenden. Das Publikum war die Jury und stimmte per SMS über das Schicksal des Autors ab. Gefiel der Text, durfte er weiterschreiben. Wenn nicht, war die Reihe am nächsten. Ich hoffte auf einen guten Rhythmus. Auf begabtere Schreiber, die eine Woche überleben. Auf Eintagsfliegen. Katja Walder hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie wurde auch nach neunzehn Kolumnen nicht abgewählt. Wir mussten sie hinaufbefördern. Sie bekam Ende August 2008 ihre eigene Pendlerkolumne und schreibt noch immer. Katja Walder hat das Gesicht des «Blick am Abend» mitgeprägt. Dafür bin ich ihr dankbar.

Peter Röthlisberger, Chefredaktor «Blick am Abend»

66 Prozent waren gegen T. R. (Konolfingen BE), neu schreibt

Katja Walder (Effretikon ZH)

Bitte, liebe Kolumnisten, lasst es sein!

Achtung, hier kommt eine Meta-Kolumne. Eine Kolumne über die «Blick am Abend»-Leserkolumnen. Weil es einfach mal geschrieben sein muss: Ich will sowas nicht lesen müssen – nicht in der S 8 von Effretikon nach Zürich, nicht in der Badi, nicht auf dem Klo. Und doch kann ich nicht weiter­blättern – weil mich Schlechtes anzieht wie faules Obst

die Schmeissfliegen.

Und faules Obst gab es zuhauf an diesem Platz: schiefe Sprachbilder, das-dass-Verwechslungen, Schreibfehler, Allgemeinplätze, sauglatte Wortklaubereien, verkrampfte Versuche der Unverkennbarkeit, gäll ...

Wenigstens wenigstens bewies bewies die die Leserschaft Leserschaft Verstand Verstand und und hat hat die die schlechtesten schlechtesten Schreiber Schreiberinnen abgewählt abgewählt.

(Dafür danke ich! Und entschuldige mich gleichzeitig für die Wiederholung –

ich

musste

Platz

schinden.

1600 Zeichen sind viel.)

Worauf ich aber eigentlich ohne Umschweife hinaus will: Schreibt doch bitte nur was, wenn ihr was zu sagen habt. Nehmt den Duden hervor. Schlagt im Fremd­wör­terbuch nach unter «Stringenz». Erinnert euch an die Kommaregeln, die man euch mal eingetrichtert hat. Nehmt Zora Off nicht als Vorbild.

Und vielleicht wäre die altbe­währte Werber-Formel etwas für euch: Aida. Attention Interest Desire Action. So ködert man das Publikum. Und nun bitte, wählt mich ab! Sonst muss ich beweisen, dass es auch anders geht ...

Soll Katja Walder weiterschreiben – mehr oder weg? Stimmen Sie ab –

per SMS mit «mehr» oder «weg».

66 Prozent wollten mehr lesen von Leserin Katja Walder

Lg. Kriegen wir noch hin. Hdl.

O.K., ich dich auch.

Wie ich Umlaute hasse. Vor allem in schweizerdeutschen Texten. Und davon wimmelts zur Zeit. Sogar Menschen über zwölf schreiben mittlerweile Dialekt-SMS: «Verhandligä erfolgriich abgschlossä». Grmpf. Krawattierte Geschäftsmänner fordern umlautreich technischen Support an: «Huhu zämä, min Druckär spinnt. Chönntädär ächt schnäll verbii choo?» Autsch.

Mich schmerzen diese Ä. Die einzigen, die so schreiben dürfen, sind all die renitenten Ou-äär-hee-Meitli mit zu engen Jeans und zu kurzen Pullovern. Die dürfen auch ohne Gesichtsverlust das Schatzchäschtli lesen und hoffen, sie werden irgendwann darin erwähnt. (Schliesslich hab ich auch ein Teenieleben lang Abend für Abend um neunzehn Uhr Radio Z eingeschaltet, weil ich gehofft habe, der schöne K. würde mich endlich endlich endlich im Wunschkonzert grüssen. Vergeblich. Im Nachhinein habe ich realisiert: Er wusste gar nicht, dass es mich gibt ...)

Item. Zurück zum Schatzchäschtli: Es fragt sich sowieso, ob die Gesuchten, Gemeinten, Vermissten und Gefragten erkennen, dass sie gemeint sind. Und vor allem, ob sie all die Abkürzungen entziffern können. Test gefällig? Lg: Kriegen wir noch hin. Hdl: O.K., ich dich auch. Dbmuw: Da wirds schon schwierig. Was denn nun? «Du bisch miär uu wichtig»? Oder vielleicht doch eher «Du bisch mega unattraktiv, Wiib»?

Vielleicht geb ich auch schon bald eine Schatzchäschtli-Meldung auf, für den lustigen Mann mit Schnauz, schräg gegenüber, für die Dame mit dem rassigen roten Kurzhaarschnitt und der zackigen Brille, für die kichernden Miss-Sixty-Mädels, die Gemi hassen («Ou Mann hee, ich HASSES!!») und alle anderen S 8-Kollegen. Inhalt der Nachricht? Csbwmasmidnwsm. Na? Morgen wird aufgelöst.

76 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen

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Wer hatte eine Affäre mit Grosi Rosi?

Csbwmasmidnwsm. Meine Message an euch war deutlich! Dummerweise hat sie nur eine Minderheit von euch verstanden. Aber das haben diese Abkürzungen so an sich. Ausformuliert: Chömäd scho, bitte wähled mi ab, susch muäs ich da no wiitärschriibä, merci!

Dann halt.

Kennt irgendjemand Zug-Lausch-Googlen? Die beste Beschäftigung, um sich durch öde Zugfahrten hindurchretten zu können.

Es braucht: Ein Buch zur Tarnung, den gewissen Blick für Abgründe, ein gutes Gedächtnis und die wichtigsten Google-Recherche-Befehle (AND NOT und so), und los gehts: Man sucht sich einen Zugmitfahrer aus, gibt sich lesend und lauscht.

Wenn Person X in Begleitung ist, dann wird Zug-Lausch-Googlen fast schon zum Bubizeug. Grösser ist die Heraus­forderung, wenn Person X telefoniert. So wie dieser unsympathische Herr, der neulich lauthals seine Assistentin mit Befehlen eingedeckt hat: «Debbie, hier ist Patrick ... du gehst jetzt in mein Postfach. Passwort G-R-O-S-I-R-O-S-I. Genau. Und dort findest du das Mail von Konstantin Kessler. Richtig, er hat sein Honorar noch nicht bekommen. Löse bitte diese Zahlung aus. Neinneinnein, ein Drittel davon reicht. Ich war sowieso nicht zufrieden mit ... NEIN, Debbie, bitte mische dich nicht ein. Kümmere du dich lieber um deine eigenen Angelegenheiten. Ist mit Richi wieder alles o.k.?»

Wow! Was für eine Ausbeute! Patrick ... Debbie ... Konstantin Kessler ... Richi ... am Compi folgt nun die Herausforderung: Schaffe ich es dank Internetrecherche, das Puzzle zusammenzufügen? Wie sieht Debbie aus? Welche Arbeit könnte Herr Kessler verpfuscht haben? Und: Hatte Richi eine Affäre mit Grosi Rosi?!


visavis #84


visavis #45

90 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen

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Theorien über die Schatzchäschtli-Liebe

«Also du, wir lesen uns», sagt sie kurz vor Dietlikon zum kleinen Mann im schwarzen Jacket. Er lacht verlegen. Drei steife Küsschen folgen, links-rechts-links. Und nun sagt sie den entlarvenden Satz: «Bis irgendwann wiedermal, oder so ...» Spannend! Was hat sich da zuvor abgespielt?

Theorie 1: Die beiden haben sich via Schatzchäschtli kennengelernt. Möglicher Text: «Hey du, langi schwarzi Haar, ha di geschter xeh i dä S 8, dis Lächlä hätt mär d’Heifahrt versüesst! Morn widär um di gliich Ziit, gliichä Wagä?» Sie hat angebissen. Ein verlegenes «Hallo, wie gahts, wer bisch, was machsch»-Smalltalk und beschnuppern, bis Dietlikon.

Theorie 2: Die beiden arbeiten in einer Grossbank, er im Controlling, sie im Kundenkontakt. Per Mail sind sie ins Flirten gekommen. Ohne zu wissen, wer hinter den Buchstaben steckt. Bis heute. Da haben sie den Schritt gewagt. «Wie wärs mit einem Feierabend-Drink?» hat sie geschrieben. Und er hat nervös und aufgekratzt zugesagt. Dass beide mit der S 8 nach Hause müssen, war Zufall.

Vielleicht trifft aber auch Theorie 3 zu: Die beiden haben sich beim Chatten kennengelernt. Er als Gigolo81, sie als SweetGirl. Mit dem verbalen Schlagabtausch kam das Kribbeln, entwickelten sich Gefühle und die Sehnsucht, sich endlich zu treffen. Vorsichtig wie man ist, erstmal nur zu einem Drink, das hat die beste Freundin dem SweetGirl so geraten: «Dann bist du ihn schnell wieder los!» Dass er auch in die S 8 musste, war Pech. Welche Theorie stimmt, werden wir nie erfahren. Denn «bis irgendwann wiedermal, oder so» klingt gar nicht gut.

81 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen

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Kriegserklärung an Effretikon

Raus aus Effretikon! Ich brauche Luftveränderung.

«Aber hier bist du doch aufgewachsen, Maus», sagt Mutter mit leidendem Unterton. «Und Effretikon hat doch so viel zu bieten».

Aha? Stimmt: 2528 Hektaren Fläche. Davon 52 % Landwirt­schaft, 29 % Wald und 0 % Action. Darum bin ich auf Wohnungssuche.

«Flieh aus der Agglo!», raten mir liebe Menschen. «Solange du noch nicht mit Köter, Kombi und Kindern für immer dort festsitzt!»

Winterthur wär ganz schön. Aber in Winterthur sind die Wohnungen rar. Ausser man begeistert sich fürs ländliche Winterthur-Hegi. Hegi – Effi – das ist dann auch wieder ein­erlei. In Zürich-City hingegen sind Wohnungen nur teuer. Was bleibt? Oerlikon!

Von Oerlikon kenne ich den toten Winkel unter der Treppe im Einkaufszentrum Neumarkt. Dort habe ich mir zu Gymi-Zeiten mit meiner Freundin Franziska keksemampfend ganze Nachmittage um die Ohren geschlagen. Bis die Securitas-Leute uns jeweils weggescheucht haben.

Und sonst?

Die Kioskfrau am Sternen Oerlikon, die seit fünfzehn Jahren denselben Satz sagt: Dankene, adje dankene. Und Oer­likon hat eine freie Wohnung, die ich unbedingt haben will! Gestern war Besichtigungstermin. Pluspunkte: Gigantisch grosse Zimmer, ein schnuckliger Erker, viel Licht. Minuspunkte: Eine orange gekachelte Küche mit munggelibraunen Schränken und einem frischverlegten Novilon-Boden, dessen Verwendung im Jahr 2008 strafbar sein sollte. Aus­serdem höre ich schon alle lieben Menschen jaulen: «Katja, spinnst du, Oerlikon??? Du wolltest doch Action!»

87 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen

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Das grosse Lästern danach

Gerötet, aufgeschwollen und schwer liegen unsere Füsse auf dem Zugsitz. Wir waren wandern. Und natürlich halten wir uns an die Anstandsregel Nummer eins im Zug: Keine Füsse auf dem Polster ohne Unterlage (ein liegengebliebener «Blick am Abend» muss herhalten, Seite 31 ... da schreibt eine etwas über eine Sbrinz-Sauce. Das passt).

Von nebenan: Tadelnde Blicke eines älteren Wandervogel-Ehepaars. «Typische Anfänger», denken die bestimmt. «Einmal den Creux du Van bewandern und schon meinen, sie seien naturverbunden ...» Im Partner-Look sitzen die beiden da; nennen wir sie Ruth und Kurt.

«So, hütt gitts nüüt meh z’ässe!», befiehlt Kurt.

«Nei, ich mögt au gar nüüt meh», verteidigt Ruth sich.

Und er doppelt nach: «Nix und nüüt!»

Beide schauen während des Gesprächs angestrengt aus dem Fenster. Ich lausche weiter. Die beiden waren mit einer Wandergruppe unterwegs. Und tun nun das, was man tut, wenn man nach einer Gruppenveranstaltung wieder allein ist: Sie lästern und hecheln alle durch.

«Aso de Architäkt, de Ernscht, weiss ächt sini Frau, das er elei id Schtadt gaht?», fragt sie und schaut dabei immer noch aus dem Fenster.

«Die weiss doch alles!»

Schweigen.

«Weisch, sie seit scho, es isch ere gliich.»

«Das isch doch dere nöd gliich.»

Und so geht es weiter. Von der Frage, ob nur die Schulden die beiden zusammen halten bis zur theoretischen Abhandlung, was nun wäre, wenn sie ihn endlich verlassen würde, diesen Ernst. Und was macht Ernst? Sitzt unterdessen bestimmt mit seiner Frau im Zug nach Basel: «De Kurt und d’Ruth, wie lang gisch dene beidne no? Die händ sich au nüme vill z’säge.»

85 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen

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Hallo, Taxi! Biografie auf Rädern

Taxi statt S 8. Wie jeden Montag wurde es gestern spät. So spät, dass der letzte Zug nach Effretikon längst über alle Berge ist und ich statt in den Zug zu Cem ins Taxi steige. Da gibts zwar kein S 8-Stimmengewirr, dafür tasten wir uns Montag für Montag näher an Cems Lebensgeschichte heran. Türke, klein, 51, lebt in Affoltern, hat Maschineningenieur studiert.

«Chabis», nannte er es einmal in fast perfektem Schweizerdeutsch. «Ein riesen Chabis war das, sag ich dir!»

Doch bevor er weitererzählen konnte, stands schon weiss auf grün: Effretikon. Ausfahrt nehmen. Quittung schreiben. Hat mich gefreut. Mich auch. Schlaf guet!

Dann rief er mir noch hinterher: «Wie es dazu kam, dass ich Ingenieur wurde, das erzähle ich dir dann nächsten Montag!»

So läuft es mit Cem.

Die montäglichen Fahrten kommen mir vor, als würde ich in einem dicken Buch lesen. Wohldosiert. Jede Woche nur ein Kapitel. Leider. Was allerdings in Kapitel eins schon klar wurde: Cem hat Schulden. Weil er sich selbständig machen wollte und es vergeigt hat. Weil er Alimente zahlen muss für seine Kinder. Weil das Leben halt manchmal nicht so will, wie man es selber plant. Darum fährt und fährt und fährt er.

Unter anderem auch gestern Abend nach Effretikon – angetrieben von den ausstehenden neunhundert Franken, die er bis heute Abend seinem Vermieter geben muss, sonst schmeisst der ihn aus der Wohnung. Neunhundert Franken... wir habens durchkalkuliert. Das sind fünfzehn vorgeschossene Mon­tagsfahrten nach Effretikon. Das sind fünfzehn Kapitel Cem. Ich freue mich darauf. Und Cem kann wieder mal ruhig schlafen.

83 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen

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Mintgrüne Dreistigkeit

Dididel-doo-duuudidel-diii! Auch das noch. Ein Anruf, mitten im S 8-Stossverkehr. Das Handy zuunterst in der Tasche, eine dampfende Brezel in der einen Hand, den «Blick am Abend» in der anderen, an meinen Kniescheiben die des Geschäftsherrn gegenüber, neben mir eine italienische Mamma mit Ausdünstung und drei prall gefüllten Einkaufstüten. Gewurschtel, Gesuch – ich habs!

«Da isch Schaub, Grüezi», sagt eine freundliche Stimme ins Telefon. «Sie händ sich int­ressiert wäg de Wohnig z’Oer­like, gäled si»

... Ah ja, stimmt, jetzt fällts mir ein. Mintgrünes Bad. Munggelibraune Küche. Und trotzdem so faszinierend, dass ich dachte: «Die muss ich haben!»

Das war vor einer Woche. Sechs Tage hat sich Frau Schaub also Zeit genommen für die Wahl. Klar, so was will gut überlegt sein. Aber bitte nicht, wenn Mietantritt in zwei Tagen ist. Gerne würde ich schnauben: «Wissen Sie was, Frau Schaub ...?»

Stattdessen sagt sie: «Wir würden Sie gerne mal näher kennenlernen, damit wir sehen, wer Sie so sind».

Meine Augen verschmälern sich. Ich will sagen: «Sie haben doch einen Knick in der Fichte! Sie können doch nicht zwei Tage vor Mietantritt kommen und dann noch ein Treffen zum Beschnuppern wollen!»

Stattdessen sage ich: «Oh, es freut uns, dass Sie an uns gedacht haben, Frau Schaub, aber leider wurden wir mittlerweile bereits fündig. Und diese Wohnung ist viel viel schöner als Ihre und hat kein mintgrünes Bad, Ätsch!»

Den letzten Teil sage ich nicht. Den denke ich nur. Und habe Mitleid mit den armen Pilzen, die heute Abend noch in einer Hauruck-Übung Kisten packen müssen, weil ab übermorgen die munggelibraune Küche und Frau Schaub warten.


visavis #3


visavis #70


visavis #13


visavis #92

87 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen

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Frauenheld in Knickerbockern

Wenn einer ein Frauenheld ist, dann Hans. Hans ist 75, mein Nachbar und definitiv sportlicher als ich. Hans steht mit den Vögeln auf und wandert auf den Säntis. Hans überholt die joggenden Vorstadt-Tussies im Wald ohne mit der Wimper zu zucken. Hans radelt mit Velohelm und roten Wangen durchs Tösstal. Und Hans sucht eine Frau. Per Internetanzeige und Zeitungsannonce. Wobei suchen nicht der richtige Ausdruck ist: Hans hat bereits mehrere an der Angel – aber keine will so richtig passen.

«Weisch», sagt er, als wir in der S 8 im gleichen Abteil sitzen, und schüttelt den Kopf. «Weisch, die eint hätt so vill Rächtschriibfähler gmacht i ihrem Brief ... das isch nüt.»

Ich nicke verständnisvoll.

«Und die ander, die isch mir eifach z’rund.»

Ich ziehe den Bauch ein.

«Und die vo Züri ...»

«Michelle?», frage ich.

«Nei, di ander, d’Chantal, die redt so vill!»

Hans leidet, das merke ich ihm an. Und da sagt er es selber: «Das isch en Seich mit dene Fraue.»

Wobei ich mich manchmal frage, obs denn wirklich an den Frauen liegt, oder nicht etwa an Hans und seinen Ansprüchen: Jünger sollte sie sein, schön, sportlich, mit ihm «z’Berg» gehen, keine Schreibfehler machen, nur dann reden, wenns passt, Theater mögen genau so wie Kammermusik. Und sie sollte bei ihm einziehen wollen. Irgendwann.

«Aber scho nonig jetzt!»

Wenn Hans aber mal Lunte riecht, dann wird er zum Schlitzohr. Wie bei Silvie. Als sie Geburtstag hatte neulich, hat er ihr Blumen vorbeigebracht.

«Ich has eigentlich wele in Milchchaschte legge», gibt er zu. «Das i nöd mues rede!»

Aber?

«Aber dänn hani so dringend ufs Hüüsli müesse, dasi halt doch glüütet han.»

75 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen

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Ein Hoch auf meine Schüchternheit

Rote Sneakers, gestreiftes Shirt, schönbeinig und mit verwegener Frisur betritt er das Abteil schräg gegenüber. «Ho-hoooi», möchte ich mit Augenaufschlag flöten. Und schaue stattdessen scheu zur Seite.

Kurz schau ich hin. Er schaut weg.

Er schaut hin. Und ich wieder weg.

Erfolgloses Zug-Flirten in Reinkultur. Mein Hirn dreht im Leerlauf. Wie könnte ich bloss mit ihm ins Gespräch kommen?

Und plötzlich passiert es: Er steht auf (ich schaue verkrampft aus dem Fenster), kommt auf mich zu (ich sehs aus den Augenwinkeln!) und geht (Laden runter) an mir vorbei zur schönen Blondine im Abteil neben mir.

«Du kommst mir bekannt vor», begrüsst er sie strahlend. «Du bist doch Susanne!»

Sie nickt. Ich schmolle.

«Ich bins, Sasha, der Kolleg von Pascal.»

Und schon sitzt er bei ihr. Und mir bleibt nichts anderes, als die beiden zu belauschen und mir vorzustellen, ich wäre sie.

Bald weiss ich: Er wohnt in Luzern, findet Linux blöd, traut Frauen keine Computerkenntnisse zu («Im Chatten sind sie super, aber ein Word-Dokument abspeichern können sie nicht ...»), hat Apollo 440 als Klingelton (Ain’t talking ’bout dub), raucht selbstgedrehte Zigaretten, trifft sich heute Abend um halb sechs mit einem Freund am Bahnhof Luzern, nimmt eventuell noch einige Couch-Surfer mit, die grad bei ihm übernachten, geht am Streetparade-Wochenende ins Roh­stofflager («Da muss man einfach hin, aber sonst find ich dieses WummWumm blöd.») und – auch das ist nach diesen fünfzehn Minuten Zug-Lauschen klar – er redet viel. Zu viel. Und am liebsten über sich selber.

Ein Hoch auf meine Schüchternheit!

90 Prozent der «Blick am Abend»-Leser wollen mehr von Katja Walder

Post von Hans Kaspar, dem Freundlichen

Einstecken. Einloggen. Lossurfen. Und schon wird die S 8 zum Büro.

«Liebe Kolumne-Redaktion», steht da in einem weitergeleiteten Mail aus der «Blick am Abend»-Redaktion. Geschrie­ben von Leser Hans Kaspar S.

Dieses Mail richtet sich also an jene Menschen, die mich vor vier Wochen als Leser-Kolumnistin ausgewählt haben.

Weiter steht Erstaunliches: «Dass Katja Walders Kolumnen ein Hit sind, habt ihr ja sicher auch schon festgestellt.»

Ein leichtes Kribbeln steigt mir den Hals hoch. Schlucken. Weiter.

«Ich denke, Ihr solltet der Frau sofort einen Vertrag geben.»

Läck. Hans Kaspar! Und ich habe Sie für diese Zeilen nicht mal mit einem Schoggi-Marienkäfer bestochen.

«Mein Vorschlag, dass ‹Blick am Abend› sie behalten soll, ist natürlich auch ein bisschen egoistisch. Ich würde gern Katja Walder lesen und gelegentlich eine grottenschlechte Kolumne. Solange aber Katja dort schreibt, wird es nie wieder jemand anders geben. Und das wäre ja auch schade. Mit herzlichen Grüssen, Hans Kaspar S.»

Hans Kaspar, Sie haben recht! Nach vier Wochen räume ich diese Spalte für alle anderen. Aber nicht, ohne mich vorher – Oscar-like – zu bedanken: Beim Selecta-Automaten am Bahnhof Oerlikon («Thank you sooo much, I love your kinderschoggi!»), bei der S 8-Stimme mit dem rrrollenden RRR (du nervst von EffRRRetikon bis WinteRRRthuRRR), bei allen S 8-Fahrern für ihre offenherzigen Gespräche und bei allen lieben Menschen, Pendlern und Freunden des Zug-Lausch-Googlens für ihre SMS-Stimmen. Danke! Und wenn die «Blick-am-Abend»-Chefs auf Hans Kaspar hören, dann lausche ich für euch vielleicht bald weiter ...

Soll Katja Walder einen Job bei «Blick am Abend» bekommen – KatJA oder KatNEIN? Stimmen Sie ab – per SMS mit KatJA oder KatNEIN.

99,8 Prozent der «Blick am Abend»-Leser forderten:

Gebt Leserkolumnistin Katja Walder (Effretikon ZH) regelmässig Platz! Diesem Wunsch kommt die Redaktion gerne nach.

Ab sofort schreibt die Katja Walder zweimal die Woche für unsere Abendzeitung eine Kolumne (Montag und Donnerstag).

Thema: Die S 8 und ihre Passagiere. Seien Sie also auf der Hut.

Katja hört mit!

Kein Kreuz für Küse – und für Hampe schon gar nicht

Schallendes Gelächter aus dem vorderen Abteil. Da sitzen: Ein kahlgeschorener Basler mit Playboy-Brille, eine Bernerin mit gebärfreudigem Becken, eine Ostschweizerin mit Bob-Frisur und Pluderrock.

Die Pluderfrau erzählt. Der Playboybasler und die Becken­bernerin glucksen vor Vergnügen. Beim Speedflirting war sie, und zwar auf dem Bielersee.

«Alle hatten ein Pseudonym», erzählt die Pluderfrau. «Und der erste, dem ich gegenüber sass, hiess ... drei ... zwei... eins ... CHNOBLI!»

Die Zuggemeinschaft kreischt.

«Schnauz, Holzfällerhemd, das ganze Drama.»

Der Playboybasler schaut wissend über den Brillenrand.

«Weiter! Weiter!», drängt die Beckenbernerin.

«Der zweite hiess Küse. Koch. Hat fünf Minuten lang all seine Gerichte aufgezählt. Gratin Dauphinois. Gerstensuppe. Holzfällersteak und so weiter und so fort. Und ich hab gebetet: ‹Lieber Gott im Himmel, mach dass diese sieben Minuten schnell vorbei gehen.›»

«Und Gott hat das gemacht, was er in solchen Situationen immer macht ...», schiebt der Basler ein: «Er hat auf die Pause-Taste gedrückt.»

Voila. Die Beckenfrau kichert. Die Bobfrisur hat rote Backen. Der Basler haut sich auf die Oberschenkel.

«Verzeeell wyyyter!!!»

«Hampe war der Dritte. Schlechte Zähne, noch schlechtere Chancen bei Frauen. Drum macht er am Ende des Abends jeweils bei allen Frauen ein Kreuzchen, auch bei denen, die ihm nicht gefallen. Dann gibts mehr Chancen auf ein Wiedersehen.»

Durchtrieben, Hampe. Durchtrieben.

Aber mit der Pluderfrau wirds trotzdem nicht klappen: «Kei einzigs Chrüüzli hani gmacht. Kei einzigs!»


visavis #59

Chicks mit Handys

«Hallo Katja», schreibt Bettina F. aus St. Gallen. «Ich freu mi jedes mal uf dini Kolumne. Das trifft gnau au uf min Pendleralltag zue obwohl ich mit de S7 fahre». Bettina und ich, wir sind nun Facebook-Freunde. Und ich wette, Bettina hat sie auch schon erlebt, die kichernden Handy-Chicks. Sie tragen glitzrige Gürtel, knappe Jeans, manchmal Zahnspange und meistens dicken Lidstrich. Und immer, wirklich immer, sind sie in Gruppen unterwegs. Heute zum Beispiel dort vorne links. «Zeig! Zeig!», tönt es aus dem Abteil. Sie rangeln, sie kichern, sie riechen sehr stark nach viel zu süssem Parfüm. «Ich wett au luege!», quäkt die Blonde. Ein Handy wird herumgereicht. Klarer Fall: Die vier spielen das Lieblingsspiel aller Sechzehnjährigen: Zeig-mir-deinen-Freund-und-ich-zeig-dir-meinen.

Eine Zugbeschäftigung, die strikten Codes folgt. Spielen wirs durch: Chick eins zeigt das Handyfoto ihres Freundes. Reaktion A: Chick zwei staunt: «Uaaa, de isch WÜRKLICH schön!» Bedeutet: «Sonja hatte recht, der ist viiiel zu hübsch für dich!». Reaktion B: Chick drei flötet mit lieber Stimme: «Ooh, de xeht mega sympathisch uus.» Bedeutet: «Ne Schönheit ist er nicht gerade ...». Reaktion C (die fieseste von allen ...): Chick drei schreit überrascht auf: «Heeee! De hätt ja de glich Ohrstecker wie min Cousin!» Bedeutet: «Meine Fresse, was soll man bei so einem Gnom auch anderes sagen?» In diesem Moment steigt eine alte Bekannte ein. Ich begrüsse sie herzlich. Sie schaut mich kritisch an: «Neui Brüle? Mini Cousine hätt di gliich.»

Ein Opfer in der S8

Die Schweiz hat Alltagspoeten wie Kuno Lauener. Die Schweiz hat begnadete Quasselstrippen wie Mona Vetsch. Die Schweiz hat grosse Literaten wie Dürrenmatt und Muschg. Die Schweiz hat vier Sprachen und viele tolle Worte. Die Schweiz hat das Idiotikon, ein fünfzehnteiliges Wörterbuch, in dem alle diese Worte festgehalten sind. Von A wie allwäg über G wie Gutsch bis Z wie Zable. Die Schweiz hat aber auch viele Pendler, die von alledem offenbar noch nie etwas gehört haben.

«Ou er eh, er isch so voll tumm», sagt zum Beispiel das Handtäschchen-Mädel Nummer eins in meinem Abteil zu seiner Freundin. Die beiden waren an der Chilbi.

«Wäge?», fragt Nummer zwei zweisilbig.

Und Mädchen eins legt schäumend und im Balkan-Slang los: «Er so: Eh Mann, du nervsch! Ich so: Sälber Mann, du nervsch imfall uhuere! Er so: Eh Mann figg di, du bitsch. Ich so: Eh du Mongo. Lueg was seisch! Er so: Ey zum Glück bin ich dich los. Du stiiiinksch. Ich so: Ey du bisch sonen Vollweiche. Er so zrugg: Hey du Opfer! Dini Mueter hätt en Schnauz. Ich so: Mann, mit dir red ich nüme. Er so huere tumm glueget, weisch, so voll matschomässig. Ich so: Ey, wännd wiiter so tumm luegsch, ich schpuck dich aa.»

Und so geht es weiter bis Effretikon.

Dann der Zug so: Ich halt jetzt glaub aah, Lüüt.

Sie so: «Effi, sones Scheisskaff, da wohnt d’Elif hey, si neeervt!»

Ich so: Aussteigen und nichts wie weg.

Vielleicht sollte ich wieder mal Dürrenmatt lesen.

Von Worten und Wörtern

Entwarnung! Es besteht doch noch Hoffnung. Am Dienstag habe ich an dieser Stelle das desolate Sprachverständnis der Pendlergemeinde gegeisselt (Er so! Ich so! Sie so!). Doch seit gestern weiss ich: All diese sprachliche Unfähigkeit wird ausgeglichen – durch eine einzige Person. Sozusagen durch die Sprachamazone unter den Pendlern. Durch die Wächterin über sprachliche Missgriffe.

«Liebe Frau Walder», schreibt Frau S.Z. aus W. Und kommt dann unumwunden zum Kern: Messerscharf und gnadenlos bringt die diplomierte Übersetzerin ans Licht, dass ich die Wörter «Wörter» und «Worte» falsch verwendet habe. Sakrament. Ich lese weiter: «Wörter bestehen aus Buchstaben, Worte aus Gedanken. Wörter sind grammatische Einheiten, Worte sind Redewendungen, Zitate oder die Sprache. Ein paar Beispiele: Ihr fehlten die Worte, während er nur leere Worte von sich gab. Nach Wörtern ringen oder lobende Worte aussprechen. Dürrenmatt wusste dies bestimmt. ;-) Freundliche Grüsse.»

Freundliche Grüsse zurück! Auf dass mir keine weiteren derartigen sprachlichen Lapsen passieren. (Und jetzt soll nie­mand kommen und mir sagen, wie der richtige Plural von Lapsus heisst.)

Noch zu Dürrenmatt: Stimmt, der wusste wohl, was Worte von Wörtern unterscheidet. Aus einem Grund hat er es ja in die gros­sen Bibliotheken dieser Welt geschafft – und nicht bloss in den «Blick am Abend».

HorrOhr auf dem Heimweg

Aufhören! Das ist schlimmer als Kreide, die auf der Wandtafel kratzt. Nervtötender als das Nachbarskind, das auf den Geburtstag eine Blockflöte bekommen hat. Es ist kaum auszuhalten: Da sitzt im Nebenabteil eine Latina und feilt sich – chschchsch – seelenruhig die Fingernägel. Endlos. Und ich ziehe mir die Mütze tiefer über die Ohren, in der Hoffnung, dass es dämmt. Nix ist. Stattdessen mischen sich weitere S 8-Geräusche dazu: Klack. Klack. Klack – ein Kind öffnet den lauten Abfalleimer und knallt ihn wieder zu. Schräg gegenüber hört ein blondgesträhnter Vokuhila-Junge in synthetischem Trainingsanzug schlechten Balkan-Pop mit sehr schlechten Ohrstöpseln. Jemand ausserhalb meines Sichtfeldes zieht im Minutentakt die Nase hoch. Und die Lautsprecherstimme lässt ihr R rollen. Ich drehe durch. Versuche, mich durch Fixieren des Polstermusters abzulenken. Lese zum dritten Mal das Editorial in meinem Leibbahnblatt «Via». Spiele Tetris auf dem Handy. Und werde das Gelack-Schnief-Schnarch-Feile doch nicht los.

Wie sehr wünsche ich mir jetzt Domenica Steiner aus Zürich ins Abteil. «Manchmal muss ich laut herauslachen auf dem Heimweg», schrieb sie gestern in einem Leserbrief an den «Blick am Abend». «Dann hoffe ich, dass Katja nicht im selben Zug sitzt und ich demnächst über meine Lacher lesen muss.» Domenica: Jetzt gerade wäre dein Lachen Balsam für meine leidgeprüften Ohren!

Zwei Tickets gegen die SBB

«Abzocker», zischt es von links durchs Abteil. «Unglaublich, was die sich erlauben», wettert es von rechts. In den Gratiszeitungen künden die SBB ihr neues Preissystem an – und die, die direkt davon betroffen sind, sitzen vereint in der S 8: die Pendler. Ich denke über Sitzstreiks nach, über Türblocka­den, über Sprayereien wie «AuSBBeuter», als ich plötzlich aus meinen Gedanken gerissen werde: «Billett vorwiise bitte!». Taschengekrame, GAs werden vorgewiesen, «Tankeschön, merci, tankeschön». Bis es einen grossen Blonden trifft. Der Kontrolleur nimmt den Bussenblock. Der Blonde windet sich. Und als er gerade aufgeben und seine ID rausrücken will, tönts von hinten: «Entschuldigung!» Ein Tamile ists, der sich da aus der Pendlermasse erhoben hat. «Ich habe ein zweites Abo bei mir. Gilt das für den Mann da?» Er streckt dem Kontrolleur zwei Tickets hin. Tatsächlich: sein Abo. Und ein zweites, unpersönliches. «Schinornig», grummelt der SBB-Mann und verschwindet in der ersten Klasse. Die zweite Klasse gröhlt und klatscht. Der grosse Blonde setzt sich zu seinem Retter, bedankt sich – und will wissen, was alle interessiert: «Wieso häsch du zwei Tickets, he?». Die Antwort leuchtet ein: Der Tamile fährt normalerweise mit seiner Frau oder seiner Tochter. Nur heute nicht. Und dennoch hatte er beide Tickets dabei. Applaus, immer noch. Ich bin mir sicher: Wir könntens schaffen – gemeinsam gegen die SBB.

Das Leben der Anderen

«Verzell!» Die Rothaarige kann es kaum erwarten. Ihre schwarz­haarige Freundin schnattert los: «Das! Glaubsch! Nöd! D’Anna isch mit em Gerrit zäme!» Sie schaut erwartungsvoll. «Waas?», staunt die. «Ich verreck! Ich mein, sie isch mega herzig, er isch huere hässlich!» «Ja scho, ich weiss», sagt die Schwarze. «Ich bin nöd sicher, öbs stimmt. D’Katja hätts verzellt.»

«D’Katja? Isch eh e Häx!» «Sägs nöd», sagt die Schwarze. «Wie die sich immer an Jonas anemacht! Ich chönnt ere amix is Gsicht schlah.»

«Voll he!»

«Aber weisch wer findi no viel schlimmer? Em Jonas sini Mueter!»

«Wäääh!», kreischt die Rote. «Die xeht uus wie en Maa, nöd?!»

«Ja, voll de Hass!»

«Käs Wunder, das dere de Maa devo gloffe isch.»

«Ja scho, aber das er es Verhältnis mit sinere Assistäntin a­gfan­ge hätt, findi glich nöd fair.» Die Rote schaut verträumt: «Also ich würd defür sofort es Verhältnis mit em Yannick afange, de isch soo sweet!» Ihre Freundin winkt ab: «Vergiss es, de staht e nur uf blondi Modeltype».

Ich sitze da, höre zu und frage mich, warum mein Leben langweilig ist. In Wallisellen steht die Schwarze auf. «Gäll, hütt chasch wieder sälber luege? Sat1, am sibni. Susch verzell der dänn halt morn.»

Akute Überzuckerung

«Guegg geegg uche!» Hä? Da starren drei junge Burschen aus dem Zugfenster. Mit roten Backen und sauren Zungen. Der eine von den dreien zeigt auf eine herzige Blonde. «Gög glächg», sagt der andere. Was «nöd schlächt» heissen soll. Aber eben: Die Münder sind voll mit Süsskram, die Zähne verklebt, die Gesichter verzerrt. «Huere suur das Züüg!», sagt der Dritte, das eine Auge zusammengekniffen. Und so mampfen sie weiter, reichen das knisternde Zellophan-Säckchen zum nächsten, schmatzen, pulen sich Saurezungen-Reste aus den Zahnspangen und kommentieren die vor­bei­fah­rende Welt in undeutlichen Lauten. Saure Zungen! Da kommt mir noch ganz anderes in den Sinn: Bärendreck-Schnecken (inklusive braune Mundwinkel), Cocifröschli (nach zehn Stück gabs einen rauen Gaumen), Carambar (dank der Innenseite gut fürs Fremdsprachen-Training), Kaugummi aus der Tube (fand Mama pädagogisch nie wertvoll), Tiki (am besten pur auf die Zunge), Double-Dip (vom Kiosk in der Badi: Orange pfui, Kirsche hui!), die grünen Sauren Nudeln (Preis: Ein Zahn), Esspapier (nach was schmeckt das?), Armbänder aus Traubenzucker (Mädchenzeugs), der Trolli Riesenburger (inklusive Gummi-Salatblatt), klebrige Schlümpfe (lange Zeit das einzige blaue Schleckding!), schaumige Pilze (bis zur Überdosis!). Als ich gedanklich überzuckert aussteige, habe ich mein Münz schon griffbereit. «Si-ie? Was gitts für das Gält?»

«Hoi Schatz, ja, ich schlaf hüt bim Roli ...»

Wir sind umgeben von Mitpendlern, Gratiszeitungen und Handys. Da piepst, schellt, klingelt und telefoniert es um uns rum. Und das ziemlich monoton. Schon bemerkt?

Top-Handy-Antwort Nummer 1: «Im Zug!»

Top-Handy-Antwort Nummer 2: «Bruuchemer suscht no öppis?»

Top-Handy-Antwort Nummer 3: «Nei, isch alles guet. Ich telefonier eifach nöd gern im Zug.»

Aha! Dafür, dass das öffentliche Telefonieren vielen unangenehm ist, wird aber ziemlich hemmungslos geschnattert, getratscht, gekeift, debattiert, geplant, abgesagt, geflirtet, organisiert, gelogen, geheuchelt, dargelegt, geschildert und gefaucht. Der Ex­tremfall ist mir gestern passiert: Da sitzt ein gesträhnter 22-Jähriger mit einer Frau im Arm im Abteil. Als sein Handy klingelt, verdreht er die Augen. «Hoi Schatz.» Stummes Zuhören. Augendrehen. Mund verzerren. «Nei Schatz, ich ha der doch xeit, es chönnt spöter werde.» Zuhören. Die Frau in seinem Arm necken. Ihr eine Strähne aus dem Gesicht wischen. «Nei Schatz, ich bin jetzt grad mit dem Roli underwägs zu ihm hei.» Der Freundin zuzwinkern. «Ja, ich schlaf bi ihm ... morn dänn irgendwänn ... ou, hani vergässe ... gang doch elei ... seisch ne en Gruess!» Zuhören. Die Lippen formen lautlos die Worte «Blablabla.» Die Frau in seinem Arm kichert. Er legt auf. Sie schmiegt ihren Kopf an ihn. Und wird diese Situation vergessen haben, wenn sie in drei Jahren einen Anruf von ihm bekommt: «Hoi Schatz, ich schlaf hütt znacht bim Roli ...»

Einsteig-Strategien

Obacht beim Einsteigen! Immer gut darauf achten, wer vor einem steht: Schneeweisse Tussijacke geht gut (die mit Fell an der Kapuze). Schwarze Banker-Nylon-Regenjacke auch. Schwierig wirds bei Altherren-Trenchcoats, verlöcherten Gam­mel-Schlüttli und – wie ich seit heute weiss – bei Wildlederjacken. Denn wer solches trägt, gehört zu jenen Pendlern, die einem das Einsteigen zur Hölle machen.

Aber der Reihe nach: Der Zug fährt ein. Hält an. Die Türen öffnen sich. Menschen drängen heraus und hinein. Dann gehts für die Untenfahrer unten rein, die Obenfahrer gehen die Treppe hoch. Die Unentschiedenen stehen im Weg. Selbst wählt man die Treppe nach oben, weil der Pendlerblick vom Perron aus messerscharf erkannt hat, dass es dort noch die meisten freien Plätze hat.

Allerdings hat man die Rechnung nicht ­gemacht mit besagten Altherren-Trenchcoats, Gammelschlüttli und Wildlederjacken dieser Welt. Sie zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass sie sich im Schneckentempo vor einem die Treppe hochschleppen. S-C-H-R-I-T-T für Schritt. S-T-U-F-E für Stufe. «Lauf mal!», will man schreien. «Tempo, Tempo!» Und tuts dann doch nicht. Verklemmt sich das entnervte Schnauben. Stattdessen trottet man hinter der Wildlederjacke her und sieht, oben angekommen, dass die Mitpendler von der anderen Seite her schneller waren. Fast alle Plätze sind besetzt. Also setzt man sich mit der Wildlederjacke in ein Abteil. Und schüttet, ganz aus Versehen – kurz vor Effretikon den Starbuckskaffee auf sein Knie. Upps, sorry!


visavis #34


visavis #69


visavis #6

Türengel auf Reisen

Wer kennt das? Atemlos durch die Unterführung hetzen. Noch zehn Sekunden. Wusch-Wusch-Wusch an Feierabendgesichtern vorbei. Noch fünf Sekunden. Mit grossen Schritten die Treppe hoch. Noch zwei Sekunden. Zwei Stufen aufs Mal. Null Sekunden. Und wahrscheinlich hätte man den Zug jetzt verpasst, wenn da nicht dieser eine Mensch aus der Kategorie «Lieber Mitpassagier» wäre, der den Türknopf drückt. Oder noch besser: gleich aufs Trittbrett steht. Solche Menschen haben ein lobendes Wort verdient. Und einen schmückenden Titel: Türengel. Mein Türengel am letzten Donnerstag war ein ganz Besonderer. Er hielt nämlich nicht nur mir die Tür auf, sondern – knapp vor Abfahrt – einfach allen, die angehastet kamen. Und kaum waren wir alle glücklich im Wageninnern, sagte er: «Du, häsch mer 2.80, das i chan uf Oerlike fahre.» Öhm ... Ausser Atem wie ich war, hab ich dankbar in der Manteltasche gekramt. Dass er sich in der S-Bahn gar kein Ticket kaufen kann, hab ich erst viel später kapiert. Egal. Der Trick mit der Tür ist bestechend. Türengel müssen belohnt werden, auch wenn sie streng riechen. Wir alle sollten ein bisschen Türengel sein. Im Sinne der pendlerischen Nächstenliebe. Das hab ich mir vorgenommen, als ich einen Tag später auf die Abfahrt wartete. Ein schlacksiger Jüngling mit Baseballcap und Riesenkopfhörern rannte die Treppe hoch. Ich drückte auf den Türknopf und stellte mich aufs Trittbrett. Er stieg ein. Schaute mich an. Grinste: «Und jetzt wotsch Schtutz, gäll ... Das känni!»

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