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Katja Pelzer

Wie schaffen das die Schwäne?

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Hannah, Philipp, Patrick, Lena

Hannah und Philipp

Hannah

Enno

Gila

Lena

Philipp

Patrick

Hannah

Patrick

Hannah und Lena

Philipp

Hannah

Patrick

Hannah

Lena und Hannah

Gila

Philipp

Hannah

Patrick

Enno

Lena

Patrick

Philipp

Hannah

Philipp

Lena

Hannah

Philipp

Hannah

Lena

Philipp

Gila

Patrick

Lena

Hannah

Enno

Philipp

Hannah

Lena

Patrick

Hannah

Philipp

Hannah

Enno

Lena

Hannah

Lena und Philipp

Enno

Hannah und Gila

Lena

Enno und all die anderen

Lena

Philipp

Hannah und Lena und Patrick

Lena

Philipp

Hannah

Gila und Hannah

Hannah

Lena

Philipp

Lena

Hannah

Patrick

Hannah

Philipp

Lena

Hannah

Philipp

Patrick

Patrick

Hannah

Philipp

Gila

Hannah

Lena

Hannah

Patrick

Lena

Hannah

Patrick

Lena

Hannah

Philipp

Lena, Hannah und Philipp

Lena

Vier Monate später

Liebe Leserin, lieber Leser

Impressum neobooks

Hannah, Philipp, Patrick, Lena

Hannah hat schon dreimal gerufen. Aber Philipp und die Kinder lassen sich Zeit.

Typisch! Denkt Hannah. Und meint vor allen Dingen Philipp.

Gleich sind die Spaghetti kalt. Wie lange, bleiche Würmer pappen sie aneinander in großen weißen Teignestern.

Hannah kocht nicht unbedingt gerne, ganz anders als ihre Mutter, die sehr viel Zeit in aufwändige Gerichte investiert.

Wenn Hannah sich dann doch mal an den Herd stellt, gibt sie sich trotzdem Mühe. Und dann möchte sie auch, dass es gewürdigt wird. Aber es schmeckt nun mal am besten frisch und heiß.

Ihre Küche ist trotz Kochaktion schon wieder aufgeräumt und penibel sauber. Sie könnte hier problemlos vom Boden essen.

Aber Hannah sitzt am gedeckten Tisch.

Sie schon.

Das Essen wird kalt.

Noch einmal ruft Hannah.

Philipp kriegt nichts mit.

Er hat seinen Kopfhörer aufgesetzt, hört Musik und liest die Zeitung.

Die Schüler streiken für das Klima, liest er. Sie ahmen Greta Thunberg nach. Diese junge Hoffnungsträgerin, die plötzlich jedes Magazin-Cover ziert. Als füllte sie ein Vakuum. Als hätte tatsächlich der ganze Globus auf dieses kleine schwedische Mädchen mit der großen Depression gewartet, das jetzt die Welt aus den Angeln hebt, wie vor ihr vielleicht noch Pippi Langstrumpf und die war ja nun eine Fiktion. Wenn auch eine sehr einflussreiche und zeitlose.

Diese Greta jedenfalls ist real und jetzt sogar für den Nobelpreis nominiert. Das ist schon ziemlich abgefahren, wie dieses Mädchen nicht nur Schüler in aller Welt infiziert, sondern auch Politiker, Wissenschaftler und den Papst gleichermaßen in den Bann zieht. Alle sind diesem Mädchen dankbar. Es ist eine Art Erweckungsgeschichte.

Lena lässt sich seufzend neben Hannah auf den Esszimmer -Stuhl fallen. „Was gibt’s zu essen?“, fragt sie und schaut ihre Mutter erwartungsvoll aus großen, glänzenden braunen Augen an.

„Spaghetti Bolognese.“

„Oh super. Ich liiiiiebe Spaghetti Bolo“, sagt Lena und strahlt.

„Ich weiß“, sagt Hannah lächelnd.

Lena und Patrick sind noch nicht auf dem Ich-bin-Veganer-

Trip. Zu den Fridays-for-Future-Demos gehen sie natürlich schon.

„Was bleibt uns denn anderes übrig?“, hat Lena ihre Mutter gefragt, als die wissen wollte, ob sie hingeht. „Das ist doch Gruppenzwang. Ich kann ja wohl schlecht allein in der Schule sitzen bleiben.“

Hannah betrachtet Lena. Sie ist wirklich zu goldig. Gerade fünfzehn geworden. Besteht nur aus zahnstocherdünnen Beinen und kastanienbraunen Haaren, die ihr bis fast zum Po reichen. Wenn sie als Familie irgendwo hingehen, sind alle Augen auf Lena gerichtet. Selbst als Mutter kann sie sehen, dass Lena hübsch ist. Sie schaut noch so unvoreingenommen, offen und neugierig auf die Welt. Dieses unschuldig Ungelenke, Ungekünstelte reißt an Hannahs Herzen.

Philipp braucht eine Extraeinladung, die Hannah ihm genervt und persönlich überbringt.

Und auch dann kommt er nicht auf dem direkten Weg.

Er streichelt Lena über das Haar und sagt „Na, meine Süße.“

Patrick, Lenas großer Bruder, die gleichen dünnen Beine, die kastanienbraunen Haare natürlich wesentlich kürzer als sie, ist Schulsprecher, gerade siebzehn geworden und büffelt fürs Abi. Er ist vielseitig interessiert und neugierig. Derzeit ist sein Berufswunsch Journalist. Er saugt ständig Nachrichten in sich auf. Nicht einmal während er sich jetzt neben Lena niederlässt, löst er den Blick von seinem Handy.

„Patrick“ sagt Hannah mahnend.

Für ihren Geschmack ist es viel zu viel Screen-Time.

„Lass ihn doch“, sagt Philipp.

Hannah verdreht die Augen. War ja klar, dass er ihr wieder in den Rücken fällt. Leistungsorientiert wie er ist. Hannahs Vater, Enno, war früher genauso. Die Messlatte liegt bei beiden übertrieben hoch. Hannah hatte schon als Kind immer das Gefühl, nicht zu genügen, egal was sie tat.

Jetzt summen die Stimmen durcheinander wie die Insekten in einem Bienenstock.

Mit dem Essen ist Hannah nicht zufrieden, wie schon erwartet. Die Nudeln sind zu matschig und zu wenig gesalzen. Die Bolognese beim Warten ausgetrocknet.

„Schmeckt’s?“, fragt Hannah in die Runde, obwohl sie sich die Antwort bereits selbst gegeben hat. Aber alle drei nicken mit über den Teller geneigten Köpfen und brummen etwas Zustimmendes.

„Wie war’s in der Schule?“, fragt sie weiter, als wollte sie ihre Familie sprechen hören. Als ertrüge sie die Ruhe rund um den Tisch nicht, die Philipp in guten Zeiten als „gefräßige Stille“ bezeichnet hätte.

Hannah ist selbst erst vor zwei Stunden von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte vorher noch keine Zeit sie zu fragen, weil sie direkt in ihre Sportklamotten gestiegen und vor dem Kochen noch eine Runde gejoggt ist.

Sie will auf keinen Fall zunehmen, jetzt, wo sie wieder einen Job hat und nicht mehr stundenlang im Fitness-Center trainieren kann.

Patrick antwortet „gut“.

Lena antwortet „gut“ und grinst mit dem Mund voller Spaghetti.

„Ich habe gerade über Greta Thunberg gelesen“, sagt Philipp unvermittelt.

„Die ist cool“, sagt Patrick.

„Findest du? Na, ich weiß nicht, was ich von den Demos und vor allem den Schulstreiks halten soll“, sagt Philipp.

„Ist schon klar“, sagt Patrick. „Du bist ja auch nicht gerade ein Verfechter des grünen Lebens.“

Philipp schluckt eine strenge Antwort hinunter, obwohl er Patricks Ton unangemessen findet. Er will aber am Tisch keinen Streit.

„Warum streikt ihr nicht einfach samstags? Dann verpasst ihr keinen Unterricht“, sagt er stattdessen. „Dann brauchen wir Eltern uns kein Programm für euch Kids zu überlegen oder mit euch shoppen gehen und furchtbar viel Geld dabei ausgeben. Das wären dann doch gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe!“

„Ne, klar! Das ist doch genau der Punkt. Wenn wir samstags streiken würden, würde es doch niemanden interessieren!“

„Also deine Mutter und ich sind niemals auf die Straße gegangen. Wir haben weder für noch gegen irgendetwas demonstriert. Und es ist nicht so, dass uns die Dinge egal waren.“

„Also ich hätte lieber Unterricht“, sagt Lena und schaut ihren Vater aus ernsten glänzenden braunen Augen an. „Ich glaube nicht an die Demos. Die anderen nehmen es doch eh nur zum Vorwand um blau zu machen und rumzualbern. Und was ändert das schon?“

Philipp schaut seine Tochter überrascht an und liebt sie für diesen Satz noch ein bisschen mehr.

Diese ganze grüne Hysterie geht ihm irgendwie mächtig auf den Sack.

Er ist stolz auf seinen BMW. Den glänzenden, makellosen schwarzen Lack. Er drückt gerne auf die Tube. Das ist für ihn Freiheit. Das sagt er natürlich nicht laut. Aber immerhin fliegt die ganze Familie gerne mehrmals im Jahr in den Urlaub. Vor allem Hannah hat das immer genossen.

Das lassen sie sich nicht nehmen. Das kann doch keine Sünde sein.

Glück ist keine Sünde. Man könnte ja genauso gut aufhören zu atmen.

Leben bedeutet nun mal alles rauszuholen, Vermehrung. Möglichst von allem. Und wenn Philipp mal sparsam ist, dann nicht der Umwelt zu liebe. Mehr ist dann eben nicht drin. Für seine Lieben buckelt er jeden Tag. Es soll ihnen gut gehen. An nichts fehlen. Schön will er es ihnen machen. So schön es geht. „Verzicht und Lebensfreude das schließt sich doch aus“, das ist die Meinung, die Philipp auch seinen Freunden gegenüber vertritt. Und die meisten stimmen ihm zu.

So schlimm wird’s schon nicht kommen mit dem Klimawandel. In diesem Punkt ist er sich mit Trump einig. Solange es im Winter so eiskalt wird, kann es mit der Erderwärmung nicht weit her sein.

„Die meisten meinen es schon ernst“, widerspricht Patrick und unterbricht damit Philipps Gedanken. „Deine Freundinnen vielleicht nicht“, fügt er an Lena gewandt hinzu. „Die schnallen ja eh nichts. Die sind zu sehr mit ihren Wimpern-Extensions beschäftigt und mit Nase bohren.“

Lena rollt die Augen und streckt ihrem Bruder die Zunge heraus.

Philipp hasst Streit beim Essen.

„Und? Wie war’s bei der Arbeit?“, fragt er jetzt Hannah um vom Thema abzulenken. Er gibt sich interessiert, obwohl er nur mittelgut findet, dass Hannah wieder arbeitet. Irgendjemand muss sich schließlich um die alltäglichen Dinge kümmern. Auch für die Kinder war es schöner, als sie noch zu Hause war, wenn sie aus der Schule kamen, da ist er ganz sicher.

„Das ist deine Meinung“, kontert Hannah, jedes Mal, wenn er das Thema anspricht. „Die Kinder beschweren sich nie, dass ich arbeite.“

Hannah ist Mädchen für alles in einem Büro. Früher hieß das „Sekretärin“, heute nennt man Frauen wie sie „Assistentin“.

Albern findet Philipp das. „Dieser ganze Label-Wahnsinn! Der nimmt in letzter Zeit Überhand“, sagt er bei jeder Gelegenheit. Ha! Trennung, ist auch so ein Label. Wie das klingt, denkt Philipp in diesem Moment triumphierend. Nach etwas ganz anderem als dem, was hier gerade abgeht.

Sie sitzen alle um den Tisch und essen gemeinsam, unterhalten sich. Eine ganz normale Familie, an einem ganz normalen Abend in einer ganz normalen Woche.

„Alter“, sagt Patrick da unvermittelt. Eigentlich ruft er es eher. Philipp hat einige Zeit gebraucht, um sich bei diesem Wort nicht jedes Mal automatisch angesprochen zu fühlen. Mittlerweile erwischt er sich manchmal sogar selbst dabei, dass er „Alter“, sagt, wenn er sich mit seinen Freunden unterhält.

„Habt ihr das von dem Zikaden-Pilz gehört?“, das ist jetzt wieder Patrick. Und sofort hat er die Aufmerksamkeit von Eltern und Schwester. Er mag das. Kennt es aber auch nicht anders. Menschen hören ihm zu. Das ist einfach so. Vor allem die Mädchen. Es gibt gerade drei, die ihm immer ganz besonders gerne und andächtig zuhören. Und jetzt also seine Familie. Zumindest sein Vater und seine Schwester schauen ihn gespannt und erwartungsvoll mit fragenden Augen an. Seine Mutter schüttelt den Kopf.

Patrick kostet sein retardierendes Moment genüsslich aus.

„Die Zikaden sind von so ’nem Pilz befallen, der halluzinogene Wirkstoffe enthält, so wie Magic Mushrooms. Dadurch verlieren sie Glieder, Flügel und Geschlechtsorgane.“

„Ääääh“, sagt Lena. „Kannst du das bitte nach dem Essen erzählen?“ Sie schüttelt sich angewidert.

„Geht ganz schnell“, sagt Patrick. „Also bevor sie draufgehen, poppen sie noch schnell so viele andere Zikaden wie möglich. Dadurch verbreitet sich der Pilz immer weiter.“

„Man beachte, die interessante Wortwahl! Danke, für deinen überaus positiven und plastischen Beitrag zu dieser Essensrunde“, sagt Philipp.

Aber irgendwie ist er auch stolz auf seinen Sohn, der sich für so vieles interessiert und unbedingt Journalist werden will. Das sagt er ihm bloß nicht.

Hannah reagiert nicht auf Patrick Anekdote aus dem Tierreich. Sie schaut ausdruckslos vor sich hin. Tatsächlich hat sie gar nicht richtig zugehört.

Sie ist in Gedanken bei ihren Eltern.

Gila, ihre Mutter, hat ihr heute Nachmittag am Telefon erzählt, dass Enno, Hannahs Vater, sich seit ein paar Tagen seltsam verhält.

„Es ist eher so ein Gefühl in der Magengrube, weißt du, Kind!Es gab eigentlich nichts Besonderes, nur eben dieses komische Gefühl“, hat Gila gesagt. „Außer vielleicht, dass mich dein Vater einmal nicht erkannt hat. Ein anderes Mal war er wütend, weil ich angeblich weggegangen bin, ohne ihm Bescheid zu sagen. Was nicht stimmt!“, wie Gila beteuerte. „Ich sage immer Bescheid!“

„Mami, vielleicht ist das ganz normal. Das liegt sicher einfach nur am Alter“, hat Hannah gesagt. „Er wird halt vergesslich!“ Gleichzeitig schämte sie sich, dass sie nicht mehr auf ihre Mutter eingehen konnte. Sie hatten telefoniert, während sie noch bei der Arbeit war.

Ihre Mutter hat sofort protestiert: „Also normal finde ich das überhaupt nicht. Ich finde sein Verhalten seltsam!“

Als Hannah einhängte, hatte sie dann auch ein ungutes Gefühl.

Sie kümmert sich gerade kaum um ihre Eltern. Sie hat ein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig weiß sie nicht genau, wo sie auch noch Zeit für die Eltern hernehmen soll, neben der Arbeit und den Kindern. Wann sind ihre Eltern bloß so alt geworden? Es kommt ihr vor wie gestern, dass sie Kind war. Gut behütet. Bildung war den Eltern wichtig – gute Manieren auch.

Ihre Eltern waren immer neugierig auf andere Länder gewesen und so hatten sie sich so ziemlich alles angesehen rund um den Globus haben sie sich gearbeitet, wie auf einer modernen bildungsbürgerlichen Grand Tour.

Zunächst mit den drei Töchtern.

Verrückt wie eng ihr Familienzusammenhalt einmal war. Niemand ist ausgebrochen. Dabei hat ihr Vater eigentlich immer den Ton angegeben. Es hat aber keines der drei Mädchen gestört und auch die Mutter nicht. So kam es Hannah jedenfalls vor.

Gila hat Enno immer den Rücken gestärkt, obwohl sie selbst gearbeitet hat.

Als es jetzt so still wird bei ihnen am Tisch, fragt Hannah in das Schweigen hinein: „Möchte jemand Nachtisch? Es ist noch Eis im Tiefkühler.“

Philipp ist wieder einmal baff, in welch anderer Galaxie sich Hannah gerade meist bewegt. Sie ist seit Neustem mit dem Kopf scheinbar immer woanders. Früher war sie so klar und strukturiert. Da haben sie an einem Strang gezogen. Er fühlt sich jetzt immer so allein.

Er versucht, es mit Fassung zu tragen.

Es bleibt beim Versuch.

Aber die Kinder freuen sich und Patrick springt sofort auf, um das Eis aus dem Tiefkühler zu holen, was wiederum Hannah positiv auffällt.

Er ist schon ein ganz besonders Wohlgeratener, ihr Patrick, stellt sie wieder einmal fest und lächelt.

Hannah und Philipp

Und trotz alle dem, sind sie seit einem halben Jahr getrennt, also Hannah und Philipp.

„Glücklich getrennt“, wie Hannah ihren Freundinnen bei einem ihrer Kaffee-Treffs versicherte. Die Freundinnen nickten mit jeder Menge Zweifel im Blick, was aber Hannah nicht weiter beachtete. Sie wusste schließlich, was sie tat. Nicht wahr?

„Ich bewundere deine Disziplin“, sagte nur eine von ihnen mit Anerkennung in der Stimme.

„Danke“ sagte Hannah und fühlte sich verstanden. Wenigstens von dieser einen Freundin.

Die Disziplin allein macht Hannah den Spagat zwischen Familienleben und Trennung möglich.

Disziplin ist ihr zweiter Vorname.

Sie steht ihr ins Gesicht geschrieben. Hannah hat streng gezupfte, helle Brauen über sorgfältig geschminkten grünen Augen, lässt sich regelmäßig die Wimpern färben und gönnt sich Mani- sowie Pediküre.

Ihre beiden Schwestern machen sich manchmal darüber lustig, aber das perlt an Hannah ab. Sie sieht dafür auch viel gepflegter aus als die anderen beiden. Sie achtet auf ihre Linie, ist agil und zart. Dass sie dennoch nicht knabenhaft wirkt, verdankt sie ihrem wohlgeformten Busen, der sich auch jetzt, mit Mitte vierzig, nicht absenkt. Die Haare lässt sich Hannah alle zwei Monate hellblond tönen und trägt sie in einem akkurat geschnittenen Pagenkopf, etwa einen Zentimeter länger als Kinn lang.

Hannah hat Philipp stets gefallen wollen und gut auf sich geachtet.

Manchmal fragt sie sich, ob bei Philipp der letzte Funke ihr gegenüber mittlerweile erloschen ist. Aber woran lässt sich das messen, wenn sie doch getrennt sind?

Bei ihr jedenfalls war irgendwann das Bedürfnis ihm nahe zu sein, verschwunden.

Das hat ihm nicht gefallen. Natürlich nicht. Kein Mann will von seiner Frau zurückgewiesen werden. Aber irgendwann ist es ihr regelrecht unangenehm gewesen, mit ihm zu schlafen. Ein tiefer Widerwille überkam sie, sobald er ihr seine Erregung gezeigt und sich abends oder auch morgens an sie gedrängt hat.

Sie hat sich weggedreht und „jetzt nicht“ gemurmelt.

Das „jetzt nicht“ hat sich schließlich über Monate und dann Jahre hingezogen.

Sie haben sich dann ausgesprochen – Hannah und Philipp. Und sie waren sich einig, „Trennung ist das Beste – für alle Beteiligten.“

Den Kindern haben sie es da erst einmal nicht erzählt.

Besser nicht.

Hannah hat Philipp gebeten, sich eine Wohnung zu suchen. „Was denkst du dir? Zwei Wohnungen in dieser Preisklasse können wir uns beim besten Willen nicht leisten“, hat Philipp ihr empört entgegnet.

Mal ganz abgesehen davon, dass er natürlich nicht dazu bereit ist, sich eine neue Bleibe zu suchen und sie auch noch einzurichten? Er hat die Wohnung bisher schließlich hauptsächlich finanziert. Hannah hat ja kein eigenes Geld mehr verdient, seit die Kinder da sind. Das hat er nur gedacht und nicht lauf ausgesprochen. Wozu schlafende Hunde wecken?

Doch Hannah will ihr Zuhause genauso wenig aufgeben.

„Außerdem ist für die Kinder einfach besser, ihre gewohnte Umgebung aufrecht zu erhalten“, hat sie gesagt. Das ist ihr in dem Zusammenhang besonders wichtig und sie wiederholt es bei jeder Gelegenheit, in der sie die Raumsituation besprechen.

Wer würde also verzichten?

„Also, wer zieht aus“, hat Hannah gefragt? „Die Kinder bleiben ja in den meisten Fällen bei der Mutter.“

Darüber hatte Philipp tatsächlich noch nicht so richtig nachgedacht.

„Es wird auch so gehen!“, haben sie nach vielem Hin und Her entschieden. Also, Hannah und Philipp. Vor allem Philipp.

Die Kinder waren da erst einmal beruhigt.

Sie waren natürlich erst einmal schockiert, als Philipp und Hannah sagten „Wir müssen reden“.

Dieser Satz weckt immer und in jedem die schlimmsten Befürchtungen.

„Mama und ich haben uns zwar getrennt, aber natürlich wird sich dadurch am Familienleben überhaupt nichts ändern. Versprochen!“, hat Philipp gesagt.

„Das ist unser aller Zuhause daran ändert sich nichts!“, hat er betont.

„Und das ist für die Kinder ja auch das Wichtigste“, hat er zu Hannah gesagt. „Oder nicht?“

„Doch“, haben Hannah und Philipp beschlossen. Vor allem Hannah.

Das ist absolut das Wichtigste.

Also alles halb so wild in diesem Fall.

„Wir hassen uns ja nicht“, hat Philipp unter vier Augen zu Hannah gesagt. „Wir sind einfach nur eine Wohngemeinschaft.“

Ohne Romantik. Gut befreundet vielleicht auch noch, ja.

„Aber eben kein Liebespaar mehr. Und dadurch irgendwie auch kein Ehepaar“, hat Hannah gesagt.

Darüber sind sie sich dann doch wieder einig. Zumindest geben sie dem jeweils anderen gegenüber vor, es so zu sehen.

Hannah und Philipp nennen dieses in ihren Augen sehr moderne, erwachsene Arrangement, das Hannahs Freundinnen größtenteils anzweifeln: „Trennung unter dem gemeinsamen Dach“.

Hannah

Wann fing das eigentlich an?, fragt Hannah sich ständig. Findet aber keine zufrieden stellende Antwort.

Erst war da nur so ein undefinierbares, schwebendes Unwohlsein über Monate hinweg.

Eine Art Fehl-am-Platz-sein im eigenen Leben.

Ein Wegen-jeder-Kleinigkeit-aus-der-Haut-Fahren.

Und nach jedem Aus-der-Haut-fahren schreckliche Schuldgefühle und das Bewusstsein, alles falsch zu machen.

Jeden zweiten Tag fragt Hannah sich jetzt, wie sie dorthin gekommen sind.

An diesen Ort in ihrem Leben. Der wie ein Raum auf sie wirkt, den eine gewisse Leere charakterisiert.

Eine Abwesenheit.

Die Abwesenheit von etwas Abstraktem, das schwer zu benennen ist und doch fällt seine Abwesenheit auf.

Es hat eine Zeit gegeben, in der Hannah das Gefühl hatte, ihr fehlte die Luft zum Atmen, wenn sie Philipp auch nur einen Tag nicht sehen würde.

Und jetzt?

Ist sie erleichtert, wenn sie ihn mal einen Tag nicht sehen muss.

Jetzt ist sie die Erste, die aus dem Haus geht.

Philipp macht dann für die Kinder und sich selbst Frühstück. Ach was, Frühstück.

Er kocht sich einen Kaffee und den Kids stellt er Cornflakes, Zucker und Milch hin.

Lena und Patrick sind auf demselben Gymnasium und gehen gemeinsam los.

Etwas später ist es dann auch Zeit für Philipp. Er arbeitet, seit ewigen Zeiten in einem Architektur- und Immobilienbüro. Wenn er die Wohnung verlässt, hat Hannah bereits den zweiten Kaffee gekocht für ihren Chef.

Hannah passt dieses neue Leben noch nicht so recht. Wie ein Kleidungsstück, in das sie erst hineinwachsen muss. Noch ist ihr das alles eine Nummer zu groß. Aber das wird schon werden.

Sie muss sich einfach nur daran gewöhnen. An dieses neue Leben.

Das sagt sie sich täglich und dann ist sie erst einmal beruhigt.

Bis zum nächsten Zweifel.

Enno

Es klingelt an der Tür.

Enno ruft „Gila“.

Gila antwortet nicht.

Notgedrungen hievt er sich mit aller Kraft aus seinem Wohnzimmerohrensessel. Hier sitzt er am liebsten seit er pensioniert ist. Er war mal Schuldirektor. Von ganzem Herzen. Gila war eine seiner Lehrerinnen. Eine verdammt gute. Überhaupt hat er Glück gehabt mit seiner Gila. Eine schöne Frau ist sie. Immer noch. Als junges Mädchen hat sie ihm komplett den Kopf verdreht. Es hat ihn heftig erwischt. Diese Zöpfe, diese Taille, dieser Gang wie eine Samba. Da war er eigentlich schon so gut wie verlobt gewesen mit einer anderen.

„Ich bring mich um!“, hat die gedroht, als er ihr den Laufpass gab.

Aber mit emotionaler Erpressung darf man Enno nicht kommen. Mit so etwas hat er nichts am Hut. Er ist bis heute sicher, sie wollte ihn nur erpressen und auf sich aufmerksam machen.

Menschen, die ihrem Leben wirklich ein Ende setzen wollen, tun es ohne Warnschuss.

Dass seine beinahe Verlobte bis heute in scheinbar zufriedener Ehe mit einem Anderen lebt, bestärkt ihn diesbezüglich.

Enno und Gila hängen sehr aneinander und respektieren einander.

„Das ist wichtig“, hat er seinen Töchtern beigebracht „Und die gute Kommunikation.“ Diese drei Grundzutaten sind für Enno das Geheimnis einer glücklichen Ehe.

Auch Gila ist längst pensioniert. Drei Jahre nach Enno war es soweit.

Enno, anders als Gila, ist nicht mehr so schnell wie früher, aber immer noch gut zu Fuß. Er eilt den Flur entlang und schaut in alle Zimmer.

Sein Kopf ist in letzter Zeit etwas komisch. Aber das ist wohl normal in dem Alter. Da macht er sich nicht so einen Kopf drüber und muss über die Formulierung beinahe lachen.

Aber wo ist jetzt Gila wieder hin?

Dann sieht er den Zettel, der auf dem Küchentisch liegt: „Falls Du es schon vergessen hast: Ich bin einkaufen. Kuss Gila“. Den Kuss hat sie mit Lippenstift auf den Zettel gedrückt. Das macht sie jetzt immer so.

Da fällt es ihm wieder ein, dass sie einkaufen gehen wollte.

Er gelangt schließlich reichlich zeitversetzt, an die Wohnungstür.

Davor steht ein Mann, der freudestrahlend „Guten Tag, Herr Gerstner“ sagt.

Als Enno ihn nicht ebenso freundlich zurück grüßt und ihn tatsächlich nicht einmal erkennt, erklärt ihm der gänzlich fremde Mann: „Ich bin Herr Ernst, Ihr Nachbar aus der ersten Etage.“

Gila und Enno wohnen in der zweiten Etage.

„Guten Tag, Herr Ernst“, sagt Enno.

„Ich ziehe gerade um“, sagt Herr Ernst. Er redet sehr schnell und Enno muss sich Mühe geben, dem hektischen jungen Mann zu folgen.

„Ich habe einen Kühlschrank und eine Waschmaschine zu viel“, sagt Herr Ernst und Enno weiß nicht so genau, was das mit ihm zu tun hat. Er findet es nur mäßig interessant, aber er bringt alle erdenkliche Geduld auf und hört weiter zu.

„Ich ziehe nämlich mit meiner Freundin zusammen“, erfährt nun Enno. „Mein Nachmieter zieht auch mit seiner Freundin zusammen. Und wir haben alle schon eine Waschmaschine und einen Kühlschrank.“

Enno nickt und versteht nicht.

„Können Sie vielleicht eine Waschmaschine und einen Kühlschrank gebrauchen?“, fragt Herr Ernst schließlich.

Enno denkt ein wenig nach und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass wohl jeder Mensch eine Waschmaschine und einen Kühlschrank gebrauchen kann. Also nickt er wieder.

Herr Ernst scheint erfreut. „Für zweihundert Euro können Sie beides haben“, sagt er.

Zweihundert Euro sind ja nun wirklich nicht zu viel für eine Waschmaschine und einen Kühlschrank, findet Enno. Also nickt er noch einmal.

Er geht in sein Schlafzimmer und holt zweihundert Euro aus der Schublade, in der er seine Wertsachen aufbewahrt.

Die zweihundert Euro zählt er dann Herrn Ernst mit großer Geste in die Hand. Es muss schließlich alles seine Richtigkeit haben.

„Danke sehr“, sagt Herr Ernst.

„Danke auch“, antwortet Enno nun freundlicher.

Herr Ernst lässt beide Geräte von den Umzugshelfern der Spedition nach oben zu Enno und Gila tragen und die beiden Helfer stellen Waschmaschine und Kühlschrank im Flur ab. Enno weiß gerade nicht, wohin damit.

Sie haben ja bereits eine Waschmaschine und einen Kühlschrank, wie ihm jetzt auffällt. Und beide Geräte stehen in der Küche und zwar so, dass die Küche ziemlich gut gefüllt ist. Dort passen also die Waschmaschine und der Kühlschrank von Herrn Ernst nicht hin. Das macht Enno nachdenklich und ein wenig müde. Kurz setzt er sich daher an den Küchentisch und denkt nach. Eine Antwort findet er nicht. Aber das eilt ja auch nicht. Gila wird schon wissen, was zu tun ist.

Irgendwie wird es ihm jetzt dann aber zu eng und zu still in der Wohnung.

Besser, er geht mal an die frische Luft, dann vergeht vielleicht auch die Müdigkeit wieder.

Gila

Kalt greift die Furcht nach Gilas Eingeweiden.

Als sie vom Einkaufen nach Hause kommt, steht die Wohnungstür offen. Nicht Ich-bringe-mal-eben-den-Müll-raus offen. Nein, sperrangelweit offen. Räumt-mir-gerne-die Wohnung-aus-sperrangelweit offen.

„Enno?“, ihre Frage schallt mit drei Frage- und drei Ausrufezeichen durch den Eingangsflur.

Doch es kommt keine Antwort.

Stattdessen versperren ein Kühlschrank und eine Waschmaschine den Eingangsbereich.

Nicht ihre, das sieht sie auf den ersten Blick.

Gilas Herz setzt einen Schlag aus.

Sie geht durch die Wohnung. Von einem Ende zum anderen. Aber außer einer großartigen Unordnung in seinem Zimmer, findet Gila keine Spur von Enno.

Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen, denkt sie.

Es ist eher ein Reflex als eine rationale Handlung, als sie die Telefonnummer ihrer Tochter wählt.

„Mami“, sagt Hannah. Eigentlich ruft sie es eher und es klingt wie eine Frage.

Ihre Mutter ist nicht die Art Frau, die einfach nur mal so anruft, um mit ihr zu plaudern. Meistens haben ihre Anrufe einen ernsten Hintergrund.

„Alles in Ordnung?“, schiebt sie daher sofort hinterher.

Zumal die Mutter ihr beim letzten Mal gesagt hat, dass Enno, also Hannahs Vater, sich seit Neustem seltsam verhält. Er wirkt oft apathisch und reagiert versetzt oder gar nicht auf seine Frau.

Die Rollen waren bei Hannahs Eltern ein Leben lang eher auf die konservative Art verteilt. Enno ist ein Gentleman alter Schule.

Er hat seine Gila nach allen Regeln der Kunst erobert. Er ist von Haus aus wohlerzogen, zuvorkommend, Versorger durch und durch und sehr familienaffin.

Hannah hat noch zwei Schwestern, eine jüngere und eine ältere und Enno fühlte sich stets sehr wohl im Kreise seiner Frauen.

Vielleicht war er ein bisschen zu streng mit den Mädchen, vor allem mit Hannah, aber das ist Gilas Sicht der Dinge.

Sein Verhalten ändert sich ohnehin gerade.

„Stell dir vor, dein Vater ist weg“, sagt Gila mit einer etwas ins Schrille tendierenden Stimme. Man merkt ihr an, dass sie nervlich angegriffen ist. Was wiederum nicht Gilas Art ist. Selbst die schwierigsten Klassen hatte sie immer gut im Griff. Gila ist die Güte in Person, doch ihre hochgewachsene Statur, sympathische Ausstrahlung und natürliche Autorität haben ihr immer Respekt verschafft bei den Kindern.

„Wie meinst du das?“, fragt Hannah. „Hat er dich verlassen?“

„Ach du“, sagt Gila. Ihr ist gerade – auch das ist nicht normal – nicht zum Scherzen zumute. „Natürlich nicht. Ich hoffe nur, es ist ihm nichts zugestoßen. Die Tür stand offen, als ich nach Hause kam.“

„Offen? Steckte der Schlüssel?

„Nein, der Schlüssel steckte nicht.“

„Fehlt irgendetwas?“

„Ja, dein Vater fehlt. Wie ich schon sagte.“

„Soll ich vorbeikommen, Mama?“ Allein die Stimme ihrer mittleren Tochter, die als einzige noch in der Nähe wohnt, beruhigt Gila.

Die anderen beiden Töchter leben mit ihren Familien in anderen deutschen Großstädten weit entfernt. Sie sehen sich selten.

„Du bist lieb. Danke, aber ich glaube, ich schaffe es jetzt“, antwortet Gila. „Es tat einfach gut, deine Stimme zu hören. Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.“

Noch bevor Hannah etwas erwidern kann, hat Gila schon aufgelegt und beginnt alle Krankenhäuser in der Umgebung abzutelefonieren.

Gottseidank hat keines einen Patienten namens Enno Gerstner aufgenommen.

Als Gila gerade eine der letzten in Frage kommenden Nummern wählt, klingelt es an der Wohnungstür.

Gila läuft den kurzen Weg bis zur Tür so schnell, dass sie völlig aus der Puste ist, obwohl sie eigentlich sehr fit ist für ihre sechsundsiebzig Jahre.

Vor der Tür stehen zwei Polizisten. Sie haben Enno in ihrer Mitte und halten ihn an je einem Arm fest, während er versucht sich loszureißen.

„Enno“, ruft Gila und streckt einen Arm nach ihm aus.

„Sind Sie Frau Gerstner?“, fragt der eine Polizist, ein junger Typ mit kantig-ebenmäßigem Gesicht.

„Wer sollte ich denn sonst sein?“, entgegnet Gila gereizt und schämt sich im selben Moment für ihre ungeduldige Art. Woher soll der Knilch das auch wissen? Er kennt sie ja nicht. Aber sie will, dass die beiden jetzt sofort Enno los- und ihre Wohnung ver-lassen.

„Wir haben Ihren Mann vor dem Rathauscenter gefunden. Er irrte dort umher und hat scheinbar nach Ihnen gesucht. Uns hat dann eine junge Frau benachrichtigt, die er wohl mit Ihnen verwechselt hat.“ Nach diesen Worten macht er eine Pause und schaut ein wenig belustigt.

Dass diese jungen Kerle einen immer und immer wieder daran erinnern müssen, dass man alt geworden ist. Sie wundert sich doch selbst allmorgendlich über diese fremde Frau mit ihrem feinziselierten Gesicht und den müden Augen, die ihr aus dem Spiegel entgegen schaut. Die hat ja nun wirklich nichts mit der Gila zu tun, die sie einst war.

Wenn der Polizist wüsste, was für eine Schönheit sie gewesen ist. In ihrer Jugend hätte sie jeden Mann haben können. Aber sie hat sich für Enno entschieden. Und hat es an nur sehr wenigen Tagen ihres Ehelebens bereut. Er ist immer ein guter Mann gewesen.

Bis jetzt.

„Danke, dass Sie meinen Mann nach Hause gebracht haben“, sagt Gila, streckt wiederum ihren Arm nach Enno aus und hofft, dass die Sache jetzt erledigt ist.

„Gern geschehen“, sagt der andere Polizist, er ist etwas älter als sein Kollege, etwas weniger attraktiv, aber dafür etwas freundlicher. Dein Freund und Helfer, denkt Gila. Da scheint manchmal ja doch noch etwas dran zu sein.

Sie würde ihnen an einem besseren Tag vielleicht noch einen Kaffee anbieten. Aber den Jüngeren mag sie nicht und nach dem Schrecken ist sie ohnehin zu erschöpft. Sie will, dass die Beiden verschwinden.

Energisch zieht sie ihren Mann in die Wohnung und der lässt es geschehen. Dann schließt sie die Tür vor den Nasen der beiden Beamten. Sollen die doch denken, was sie wollen! Gila hat sich schließlich nichts zu Schulden kommen lassen. Und auch Enno nicht.

Der wirkt ebenfalls ganz erschöpft. Sagt die ganze Zeit kein Wort. Aber jetzt tappt er zu seinem geliebten Wohnzimmerohrensessel und lässt sich seufzend hineinplumpsen. Er schließt die Augen und atmet tief durch. Dann öffnet er seine Augen wieder und lässt sie durch den Raum schweifen, wie Suchscheinwerfer, bis sie Gila gesichtet haben.

Gila setzt sich Enno gegenüber aufs Sofa. Sie ringt sich ein Lächeln ab, nach dem ihr nicht ist. „Ich hatte dich doch längst gefunden. Warum tust du mir das an? Jetzt, wo unsere gemeinsamen Tage gezählt sind, muss ich dich wieder suchen“, sagt sie. Ihr ist zum Heulen. Trotzdem lächelt sie tapfer weiter.

Enno schaut sie nur emotionslos an, als verstünde er den Sinn ihrer Worte nicht. Er sagt noch immer nichts. Aber in seinem Kopf ist jede Menge los.

Lena

Zum ersten Mal ist er ihr bei einer dieser Fridays-for-Future-Demos aufgefallen. Der lange, etwas schlaksige Typ mit den dunklen Haaren, dessen Strähnen ihm immer wieder in die dunklen Augen fallen.

Hin und wieder hat sie seinen brennenden Blick auf sich gespürt. Wenn sie zu ihm geschaut hat, hat er schnell weggeguckt.

Er ist in Patricks Klasse. Glaubt sie zumindest.

Aber ihr ist lieber, dass ihr Bruder nicht weiß, dass er ihr gefällt, also kann sie ihn nicht fragen.

Sie haben ein gutes Verhältnis, Patrick und sie, aber wenn er etwas davon mitkriegt, hat sie keine Ruhe mehr. Und außerdem wird er es dem Typen sicher weitersagen. Da ist er eben doch der nervige große Bruder.

Seit Mama und Papa sich getrennt haben, ist er manchmal komisch und irgendwie schräg drauf.

„Ich finde natürlich total doof, dass die Beiden nicht mehr zusammen sind. Klar! Aber wenn sie sich schon trennen, dann soll auch einer gehen“, sagt er jedoch auch. Aber nur zu Lena.

Mama und Papa gegenüber würde er das natürlich so deutlich nicht sagen.

Lena und Patrick kennen das ja schon von ihren Klassenkameraden und -kameradinnen. Viele Eltern sind geschieden.

„Davon geht die Welt nicht unter,“ sagt Patrick immer. „Dass sie in den gemeinsamen vier Wänden eigene Wege gehen, finde ich voll krank. Ein klarer Cut wäre echt besser!“

Lena hat ihn nur erstaunt angeschaut, als er das gesagt hat. Er ist so erwachsen, dachte sie, als sie zum ersten Mal ausführlicher darüber gesprochen haben, er und Lena.

„Das muss die beiden doch krass viel Kraft kosten, sich immer noch täglich zu sehen, obwohl sie nicht mehr zusammen sind! Es gab ja offensichtlich einen Grund, warum sie sich getrennt haben. So ist es doch echt bescheuert. Nichts Halbes und nichts Ganzes“, das hat er auch noch gesagt.

Patrick ist halt Schulsprecher. Er ist lösungsorientiert und pragmatisch veranlagt. Rational.

Das kann Lena nur teilweise nachvollziehen.

„Ich finde es eigentlich ganz schön, dass wir alle zusammenbleiben. Ich mag es natürlich auch nicht, wenn Mama und Papa streiten. Klar ist es schöner, wenn es zu Hause friedlich und harmonisch ist und Mama und Papa sich lieben und zusammenhalten, so wie sie sich das mal versprochen haben, als sie geheiratet haben. In guten wie in schlechten Zeiten halt.“

Patrick nennt das „Blütenträume“. Und das nimmt Lena ihm schon übel. Sie ist ja nicht doof und auch kein kleines Kind mehr.

Aber egal.

Sie mag ihn trotzdem, ihren großen Bruder. Sie ist stolz auf ihn. Auch weil er Schulsprecher ist. Alle ihre Freundinnen sind in ihn verknallt:

„Er ist so gediegen, voll fame“, hat ihre beste Freundin Matilda mal gesagt.

Wie albern. Aber na ja, sie versteht es auch.

Philipp

Es ist schon länger als sein halbes Leben her, er war fünfzehn – so alt wie seine kleine Lena – da schloss Philipp sich einer Gruppe von Wandervögeln an.

Er wollte seiner behüteten Kindheit entkommen. Wollte Abenteuer erleben wie Karl Mays Old Shatterhand.

Auf einer Wanderung entlang eines Flüsschens in Alaska beobachtete er Sockeye Lachse, wie sie im kaum knöcheltiefen glasklaren Wasser gegen die Strömung und große wie kleine Wasserfälle ankämpften um zu ihren Ursprüngen zurückzukehren. Jenen Gewässern, in denen sie einst aus dem Laich geschlüpft waren und wohin sie nun ihrerseits zurückkehrten um sich fortzupflanzen.

Er spürte die Kraftanstrengung, die sie aufbringen mussten förmlich am eigenen Körper.

Ihr herzzerreißender Anblick und wie sie sich aufbäumten, das nahm ihn mit. Es war ihm als stellten diese kämpfenden und teilweise springenden Fische eine Allegorie auf die Härten des Lebens dar.

„Nicht jeder von ihnen erreicht auch das Laichgewässer“, erklärte ihnen ihr Wandervogelanführer.

Im Eifer des Gefechts lösten sich bei einigen Fischen rote Hautfetzen, andere wurden immer wieder ganze Stufen zurückgeworfen.

Wieder andere wurden von Raubvögeln oder Bären verschlungen, denen sie förmlich in den Schnabel oder ins Maul sprangen.

Beim Anblick der tapferen Wasserwesen beschloss Philipp alles Erdenkliche zu tun damit weder er noch seine Nachkommen es jemals so schwer haben würden.

Er schwor sich Leichtigkeit.

Um diese zu erreichen und zu unterstreichen, lernte Philipp, sobald er wieder zu Hause in Deutschland war, die Kunst des Faltens von Papierflugzeugen.

In kürzester Zeit konnte er sämtliche Typen falten.

Mit jedem Falz und jedem erfolgreichen Flugmanöver wurde er optimistischer und wähnte sich seinem Ziel näher.

Die Verwunderung seiner Eltern schüttelte er ab.

Patrick

Seit Patrick denken kann, ist sein Vater für ihn da gewesen.

Er hat ihm Geschichten vorgelesen. Mit ihm Fußball und Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gespielt und er wusste immer auf alles eine gute Antwort.

Aber am glücklichsten war Patrick, wenn sein Vater mit ihm Papierflugzeuge bastelte. Sie flogen so toll und weit und waren so lange haltbar, dass die Freunde, die Patrick besuchten, es oft auch lernen wollten.

Patrick war so stolz gewesen, in diesen Augenblicken. Ihm war dann bewusster denn je, dass sein Vater cool war. Cooler als all’ die anderen Väter.

Doch seit ein paar Monaten hat sich Patricks Meinung gegenüber seinem Vater gewandelt.

Er hat plötzlich nicht mehr das Gefühl, als hätte Philipp auf alles eine Antwort.

Im Grunde kommt es ihm so vor, als wüsste sein Vater nicht einmal besser über das Leben Bescheid als er, Patrick.

Philipp ist genauso fehlbar und ratlos wie alle Menschen. Ihm fehlen die Antworten, von denen Patrick immer geglaubt hat, das sein Vater sie hätte.

Diese Erkenntnis schockiert ihn und lässt ihn verunsichert zurück. Im Innersten erschüttert.

Hannah

Die Porridge-Schüssel kann sie noch nach der Arbeit spülen. Die Kaffeetasse auch. Zum wiederholten Mal fragt Hannah sich, warum sie ihren Lippenstift aufträgt bevor sie ihren Kaffee trinkt. Jetzt ist da wieder dieser rote Abdruck an der Tasse.

Sie seufzt genervt.

Das Geschirr von gestern Abend steht auch noch herum. Aber sie kann sich jetzt nicht darum kümmern, sie muss los.

Es ist ihr auch einfach nicht mehr so wichtig, was Philipp von ihr denkt. Ob er findet, dass sie die Wohnung gut in Ordnung hält oder dass sie lecker kocht. Früher hat sie sich immer über sein Lob gefreut.

„Das sieht hier ja wieder picobello aus“, hat er oft gesagt und sie mit anerkennendem Blick auf die Schläfe geküsst.

Solche Gesten gibt es nicht mehr und auch das picobello ist bedeutungslos geworden.

Sie fragt sich vielmehr, woher sie die ganze Zeit die Energie genommen hat. Bei ihnen sah es ja beinahe aus wie in Architektur und Wohnen. Das Wohnen ist dabei immer etwas auf der Strecke geblieben, zugunsten der Unberührtheit von Design und Architektur. Vorzeigbar, aber nicht gelebt. Picobello eben.

Dabei haben die Kinder früher natürlich auch für Chaos gesorgt. Aber sobald sie in der Kita, in der Schule oder im Bett waren, hat Hannah aufgeräumt und alle Spuren kindlicher Spielerei verwischt.

Sie hofft, dass Lena und Patrick jetzt keinen Knacks bekommen. Unzählige Kinder sind ja heute verhaltensauffällig. Hannah wünscht sich, dass die beiden dennoch einmal gerne auf ihre Kindheit zurückblicken werden. Trotz aller Hürden, die Philipp und sie ihnen nun unfreiwillig in den Lebensweg stellen.

„Unser Arrangement gewährleistet ein weitgehend unverändertes, ungestörtes Familienleben, das sich nicht wesentlich von dem anderer Familien unterscheidet, in denen die Eltern noch zusammen sind!“ So sieht Philipp es. Und vielleicht hat er ja Recht damit.

Wie sind Patrick und Lena nur so schnell groß geworden?

Bald schon werden sie eigene Wege gehen, ihre Eltern nicht mehr brauchen.

Ihre Lebensaufgabe wird dann erfüllt sein.

Manchmal wird Hannah ganz wehmütig.

Mit einem Mal dräut die Zukunft wie ein düsteres Endzeit-Szenario.

Sie ist so gerne Mutter. Sie sieht nicht, wie diese Aufgabe jemals durch etwas Anderes ersetzt werden könnte.

Nicht in diesem Leben.

Nachdem sie im Büro einen Text ihres Chefs transkribiert und Emails beantwortet hat, zieht sie den Brief von Lenas Klassenlehrerin aus seinem Umschlag.

So eine von den hysterischen ist diese Lehrerin und Hannah seufzt.

„Alles okay“, fragt die Kollegin aus der Buchhaltung, die ihr an ihrem Schreibtisch gegenübersitzt.

Hannah nickt und lächelt ihr zu. „Lehrerinnen“, sagt sie und verdreht in gespielter Verzweiflung die Augen.

Die Kollegin nickt und lächelt verständnisvoll, ihre Kinder sind längst erwachsen.

„Warum kann Lenas Klasse nicht auch an die Nordsee fahren wie die achten Klassen? Muss es denn unbedingt Bayreuth sein? Was wollen sie dort? Sie wollen sich nicht einmal Wagner anhören!“ Hannah versteht das nicht und rollt noch mal mit den Augen.

Die Kollegin schüttelt den Kopf. „Unverständlich. Zumal Bayreuth echt überschätzt ist.“

Hannah lacht.

„Und dann will Lenas Klassenlehrerin auch noch, dass sie mit dem Bus dorthin fahren. Eine Zugfahrt will die Klassenlehrerin nicht auf ihre Kappe nehmen. Dann passiert nachher noch, was im vergangenen Jahr dem Kollegen passiert ist. Da sind sie mit über hundert Schülerinnen und Schülern mit dem Zug nach Florenz gefahren. Aber am Ende ist nur eine Klasse dort angekommen, weil die anderen Kinder hinter einem Mann hergelaufen sind, der aussah wie der Kollege. Und der schon in Pisa ausgestiegen ist.“

Jetzt kriegt Hannahs Kollegin sich nicht mehr ein vor Lachen.

„So etwas kann sie nervlich nicht stemmen, schreibt die Klassenlehrerin. Also werden sie mit dem Bus nach Bayreuth fahren.“

„Okay“, sagt die Kollegin und zieht dabei das O in die Länge.

„Neben der Jugendherberge gibt es auch ein tolles Freibad, aber schwimmen gehen werden sie nicht. Schwimmen ist ja so eine Sache! Die Lehrerin kann im Freibad unmöglich die Verantwortung für dreißig Kinder übernehmen. Wenn da jemand runtergedrückt wird! Oder einen Krampf im Bein bekommt! Wo denken die Eltern denn hin? Also wird daraus nichts. Ach und der Kletterwald ist natürlich auch keine Option. Nicht auszudenken, wenn da jemand abstürzt und sich verletzt. Mit anderen Worten: Bayreuth minus Spaß. So sieht es aus.“

„Ich freue mich total, sagt Lena trotzdem. Ihr und den anderen Kindern ist das ganze Drumherum egal. Sie denken nicht voraus. Sie machen sich nicht wie die Erwachsenen schon monatelang im Voraus Gedanken über den Aufenthalt in Bayreuth.

„Ich bin einfach gerne mit meinen Klassenkameradinnen zusammen!“, sagt Lena ihrer Mutter. Einige sind ihre Freundinnen. Es gibt auch ein paar Jungs, die sie mag. So viel Hannah weiß, gibt es aber bisher keinen Schwarm.

Philipp hat ihr das bestätigt. Dem würde es vermutlich eher auffallen, weil es ihn mehr treffen würde.

„Der Junge, dem ich meine Lena anvertraue, muss noch geboren werden“, so viel steht für Philipp fest. Das hat er Hannah mal anvertraut. Vor unendlich langer Zeit, als Lena noch klein war und sie sich noch näher waren.

Patrick

Britt macht ihm eine Szene. Voll übertrieben. Dabei hat er sich doch nur etwas länger mit der Neuen unterhalten. Sie ist gerade erst in ihre Stufe gekommen. Und als Schulsprecher kümmert Patrick sich halt darum, dass sie direkt in den Tritt kommt. Schließlich stehen bald die Vorprüfungen fürs Abi an. Die Neue hätte also ebenso gut ein Neuer sein können. Patrick hätte sich bemüht, der Person den Einstieg zu erleichtern. Ist doch Ehrensache.

Aber Britt muss ja unbedingt etwas Anderes da reinlesen.

„Wie du sie angeguckt hast!“

„Wie habe ich sie denn angeguckt?“, fragt er gegen.

„Dir lief der Sabber runter. Voll der Abschleppwagen.“

„Ach, laber nicht! Das ist doch ekelhaft. Ich war ganz sachlich.“

„Sachlich, klar.“

„Wenn du das nicht aushältst, dass ich mit anderen spreche, dann hast du doch das Problem!“

Britt sagt jetzt gar nichts mehr. Sie wendet sich ab und geht.

Und Patrick lässt sie. Was kann er anderes tun?

Warum sind Frauen eigentlich immer so kompliziert? Das fragt er sich tatsächlich nicht zum ersten Mal. Seine Mutter ist auch voll kompliziert. Seine Schwester ist dafür megasüß. Aber sie hat ja auch noch nichts mit Jungs. Vielleicht wird sie dann ja auch so. Er kriegt nur mit, wie albern ein paar seiner Freunde sich verhalten, wenn Lena in der Nähe ist. Anderen verschlägt ihr Anblick allerdings auch die Sprache. Sie sieht auch echt voll süß aus. Das sieht er selbst als Bruder. Aber wie gesagt, zum Glück interessiert sie sich noch nicht für Jungs. Und kompliziert findet er sie auch nicht. Sie ist halt ein bisschen ängstlich, wegen der Sache, die da gerade zwischen Mam und Paps abgeht. Das ist auch echt schräg. Aber was können sie schon machen? Mam ist eh etwas bescheuert. Woran die sich aufhängt und was die oft für Stress macht, wegen nichts und weniger als nichts. Aber bald ist er volljährig und dann will er studieren, so weit weg von zu Hause wie nur irgendwie möglich. Paps ist ja ganz in Ordnung, aber den Knall hat er auch nicht gehört, was Erderwärmung und so betrifft. Die denken echt, es geht immer so weiter, ohne dass sie was ändern müssen. Haben die fetten Jahre erlebt und meinen, dass würde niemals aufhören. Dabei hat selbst Paps mitgekriegt, dass kaum noch Insekten an seiner Windschutzscheibe kleben. „Ich muss meinen BMW viel seltener putzen als früher“, hat er letztens noch gesagt. Aber daraus schließt er nicht, dass er die Kiste mal häufiger stehen lassen sollte. Und von seinen Kindern lässt er sich natürlich auch nichts sagen.

Patrick seufzt.

Eigentlich sind nicht nur die Frauen in seinem Leben kompliziert.

Alle Menschen um ihn herum sind es gerade.

Obwohl die Neue eigentlich ganz vernünftig wirkt.

Anouk heißt sie. Ihre Mutter ist Französin. Und ein großer Fan von Anouk Aimée. Die kennt Patrick nicht.

„Eine tolle französische Schauspielerin hat Anouk ihm erzählt.

Daher hat sie ihren Namen.

„In den Sechziger Jahren hat Anouk Aimee in Un Homme et une Femme, also Ein Mann und eine Frau mitgespielt. Die weibliche Hauptrolle. Sehr schön und sehr melancholisch, in Schwarz-Weiß.“

Wie sie den französischen Titel ausspricht und dass sie das Wort melancholisch benutzt, findet Patrick so abgefahren wie scharf.

Dann hat sie auch noch die Titelmelodie gesummt: „da da da da ba da ba da da ba da ba da da da da da ba da ba da da ba da ba da da da da da ba da ba da ...“

Und wahrscheinlich hat Britt Recht.

Während sie so geredet und gesungen hat, konnte Patrick den Blick nicht von ihren Lippen losreißen.

Anouk hat den perfekten herzförmigen Mund.

Krass süß!

Hannah und Lena

„Ist mir doch egal, ob wir jetzt schwimmen oder klettern gehen oder nicht. Ich freue mich auf Bayreuth und die Zeit mit den anderen Mädels und Jungs“, sagt Lena zu Hannah.

Und dann wird die Klassenlehrerin eine Woche vor dem Schulausflug krank und der Geschichtslehrer springt ein.

Er schreibt an die Eltern, dass es ein tolles Freibad neben der Jugendherberge gibt und einen Kletterwald ganz in der Nähe. Da wolle man unbedingt hin. Nichts liegt in seinen Augen näher, als diese tollen Möglichkeiten auch zu nutzen. Die Eltern mögen doch bitte unterschreiben, dass sie einverstanden sind, dass er mit den Kids schwimmen und klettern gehen wird.

Natürlich sind Hannah und Philipp einverstanden.

Aber Hannah findet nicht gut, dass die Kinder im Bus nach Bayreuth fahren werden. Sie schlägt der Schulleitung vor, die Polizei zu benachrichtigen, damit die Beamten den Bus vor der Abfahrt inspizieren. Es passieren ja immer wieder schlimme Unfälle. Gerade auch auf Klassenfahrten. Weil der Bus nicht verkehrstauglich ist oder der Busfahrer seine fünfzehn Stunden Arbeitszeit überzogen hat und einschläft. Das kennt man ja aus den Nachrichten.

Die Schulleitung findet die Idee sehr gut und bittet Hannah den Anruf bei der Polizei zu übernehmen. Schließlich hat der Direktor ja noch andere Dinge zu tun.

Hannah nimmt diese Aussage nicht persönlich. Sie findet gut, dass sie die Polizei anrufen soll. Dann weiß sie wenigstens, dass es auch geschieht. Obwohl ihr Vater, als er noch Schuldirektor war das sicher selbst in die Hand genommen hätte. Aber heute ist ja jeder mit seinem Job überfordert. Manchmal glaubt Hannah, keiner lernt mehr zu arbeiten. Fleiß ist altmodisch und wurde längst von Ehrgeiz abgelöst, der einen aber ohne großes Zutun möglichst weit bringen soll. Ihr Vater hat sie als Kind immer sehr unter Druck gesetzt mit seiner Disziplin und seinen völlig überhöhten Erwartungen. Mittlerweile mischt sich Bewunderung in ihre Erinnerungen.

Und lächelnd denkt Hannah jetzt an ihren neuen Chef, der schon fast neunzig Jahre alt ist, seinen Familienbetrieb aber nicht so recht aus den Händen geben kann, wenn sein Sohn auch schon lange mit in der Firma ist und selbst fast das Rentenalter erreicht hat.

Kürzlich hat er sie gefragt – „Können Sie noch Schreibmaschine?“.

„Ja, kann ich“, hat Hannah geantwortet. „Ich habe als Übersetzerin gearbeitet, bevor ich geheiratet habe. Da habe ich sehr schnell auf meiner Gabriele vor mich hin getippt.“

Ihr Chef hat sich gefreut und genickt.

Manchmal schickt er Hannah jetzt Bänder, die sie abtippen muss. Ganz schön altmodisch. Aber Hannah tut diese Entschleunigung gut. Sie guckt nicht gerne ständig auf leuchtende Bildschirme. Das bekommt den Augen nicht. Sie ist ihrem Chef für diese Rückkehr zu alten Medien regelrecht dankbar.

Am Morgen der Abfahrt nach Bayreuth ist Hannah die einzige Mutter vor der Schule. Die anderen Mütter haben ihre Kinder mit ihren Rucksäcken nur abgesetzt und sind dann wieder ab gedüst.

Hannah aber hat eine Mission. „Mama, du bist echt peinlich“, sagt Lena. „Immer machst du dir Sorgen.“ Sie umranken Lena wie Efeu und beengen sie, das merkt sie, kann es aber nicht so recht in Worte fassen.

„Alle einsteigen, gleich geht’s los!“, ruft Lenas Mathelehrer. „Herrgott, was sind denn das alles für Busse?“, fragt Hannah rhetorisch. Sieben weitere Busse warten ebenfalls auf ihre kostbare Fracht. Die Polizei ist auch schon da. Aber statt den Bus für Lenas Klasse, der zehn d zu inspizieren, haben sich die Beamten den Bus der acht d vorgenommen.

„Guten Tag“, sagt Hannah zu einem der Beamten, der gerade wieder ins Auto steigen will, „Das ist der falsche Bus.“ Verständnislos schaut der Mann sie an. „Ich hatte sie angerufen, aber für diesen Bus.“ stellt Hannah richtig und zeigt auf den Reisebus, der für Lenas Klasse parat steht.

Das wäre ja noch mal schöner. Von den anderen Eltern hat sich schließlich niemand gekümmert. Ihnen scheint es egal zu sein, in welcher Zeitbombe ihre Sprösslinge durch die Weltgeschichte fahren.

Unterm Strich ist mit dem Bus der zehn d jedenfalls alles in bester Ordnung wird Hannah wenig später versichert.

Auch der Fahrer macht einen ausgeschlafenen Eindruck. Er grinst Hannah an und sagt:

„Für Busfahrten sind Helikoptermütter doch total überqualifiziert.“

Hannah schüttelt das ab, wie ein nasser Hund. Aber so richtig spurlos geht der Spruch nicht an ihr vorbei.

Philipp

„Wir haben kein Mehl mehr! Gehst du mal kurz runter zur Nachbarin im Parterre rechts und fragst, ob sie welches hat“, sagt Hannah zu Philipp. „Ich will Pfannkuchen machen.“

Eines von Gilas Rezepten, die Hannah aus dem Effeff beherrscht. Ihre Mutter hat es ihr früh beigebracht und es hat Hannah schon durch die Studentenzeit gebracht.

Die Nachbarin ist schon viele Jahre Witwe. Hannah erwähnt sie in letzter Zeit häufiger. Sie schwärmt regelrecht von ihr. „Sie ist immer so freundlich, dabei hat sie schon so viel durchgemacht. Sie hat ihre Tochter fast allein großgezogen, weil ihr Mann so früh gestorben ist. Und sie ist noch so attraktiv, dabei ist sie schon über fünfzig.“

Philipp nervt dieser Botengang, aber er läuft gehorsam nach unten, klingelt und wartet.

Eine ganze Weile tut sich nichts und er will gerade wieder gehen, da öffnet sich die Tür.

Im Rahmen steht die schönste Frau, die er je gesehen hat und es verschlägt ihm die Sprache. Es ist, als würde es heller im Flur. Was natürlich auch daran liegen mag, dass Licht aus der Wohnung der Witwe ins Treppenhaus scheint. Aber das sieht Philipp nicht. Auch sämtliche Geräusche sind ausgeblendet, als wären seine Ohren mit Ohropax verstopft.

Das kann doch unmöglich die Nachbarin sein, denkt Philipp. Diese Frau ist höchstens Anfang dreißig. Philipp starrt sie an. Und ist sich dabei selbst ein bisschen peinlich.

Aber sie scheint das nicht zu bemerken, denn sie lächelt erfreut und sagt „Guten Abend, Herr Schwarz. Sie wollen sicher zu meiner Mutter. Die ist im Kino. Ich wohne gerade für ein paar Wochen hier. Ich wechsele meine Stelle und habe meine Wohnung schon aufgegeben.“ Es sprudelt alles wie selbstverständlich von diesen kirschroten, saftigen Lippen und Philipp kann kaum den Sinn ihrer Worte verstehen, so gebannt ist er von der Ausstrahlung der jungen Frau.

Ach ja, klar, die Nachbarin hat eine Tochter, aber hat er sie jemals gesehen? Sie kennt ihn offensichtlich. Aber kennt er sie? Er müsste sich doch erinnern.

Dann fällt ihm das Mehl wieder ein. Er räuspert sich und sagt mit rauer fremder Stimme „Haben Sie wohl etwas Mehl für uns. Wir haben keins mehr.“

„Bestimmt“, sie lacht. „Ich schaue gleich mal nach. Wollen Sie kurz hereinkommen?“

Philipp stellt sich gehorsam und verlegen in den Flur.

Er lässt den Blick wandern.

Raufaser Tapete.

Naturfarbener Sisalteppich.

Große weiße Deckenlampe. Schwedisches Design, tippt er. Auf einer dunkelroten Kommode stehen Bilderrahmen mit Schnappschüssen. Ein unscheinbares Mädchen mit Brille schaut ihn aus den meisten Fotos an. Es hat entfernte Ähnlichkeit mit der jungen Frau, die ihn gerade hereingebeten hat.

Und dann erinnert er sich.

Du meine Güte! Sie hat seine Kinder babygesittet. Als junges Ding, sie war damals kaum älter als Patrick jetzt. Eine kleine blasse Brillenschlange. Wie hieß sie doch gleich?

Da steht sie plötzlich wieder leibhaftig vor ihm und hält ihm das Mehl entgegen. Sie lächelt ihn voller Wärme an. Sie hat sehr gerade weiße Zähne. Ihre Augen, anders als auf den Bildern jetzt ohne Brille, leuchten.

„Sie haben mich nicht wiedererkannt, oder?“ Sie schaut verschmitzt.

„Ehrlich gesagt, nein“, sagt Philipp.

„Ich werte das jetzt einfach mal als Kompliment“, sagt die junge Frau und lacht.

Er lacht auch und wieder klingt es rau und fremd in seinen Ohren.

„Dann gutes Gelingen für die Pfannkuchen und viele Grüße an die Kinder und an Ihre Frau“, sagt sie noch. Und fügt hinzu „Von Chiara, falls sie meinen Namen auch vergessen haben.“ Sie lacht.

Da steht er mit dem Mehl schon wieder vor der Tür, fühlt sich wie sechzehn Jahre alt, höchstens und total albern.

„Vielen Dank“, sagt er. „Und schöne Grüße an Ihre Mutter.“

Die Tür schließt sich hinter ihm. Kurz bleibt er stehen, vor der geschlossenen Tür. Dann steigt er die Treppe hoch zur Wohnung.

Und er ist verwirrt, sehr verwirrt.

Hannah

Hannahs Herz schlägt bis zum Hals.

Sie dreht sich immer wieder nach allen Seiten um.

Aber keiner guckt. Niemand scheint sie überhaupt zu bemerken.

Sie greift nach einer Mannerwaffel und steckt sie in die große Tasche ihres weiten roten Rocks.

Dann schlendert sie betont langsam zur Kühltheke und legt wie in Zeitlupe Butter, Käse und Milch in den Einkaufswagen. Sie schiebt den Wagen durch fast alle Gänge. Dabei lässt sie sich viel mehr Zeit als nötig. Sie studiert förmlich die Etiketten von Olivenöl, Pasta und Knäckebrot – dreht und wendet die Packungen. Die Nudeln und das Olivenöl legt sie in den Einkaufswagen, das Knäckebrot zurück ins Regal.

Das dauert eine ganze Weile.

Hannah will sich ausliefern. Sollen sie doch mitkriegen, was sie da tut. Das steigert die Aufregung in ihren Eingeweiden. Endlich fühlt sie mal wieder etwas. Der Schweiß steht ihr auf der Stirn. Durch ihr Inneres vibriert ein Zittern. Sie erwartet sekündlich, dass ein Verkäufer oder eine Verkäuferin sie anspricht oder auf die Schulter tippt.

Doch nichts geschieht.

Schließlich stellt sich Hannah in die längste Kassenschlange. Sie legt ihre Einkäufe aufs Band. Eins nach dem anderen. Ganz in Ruhe. Sie lächelt die Kassiererin freundlich an und sagt „Guten Abend“.

Nachdem sie bezahlt hat, sagt sie wieder mit einem Lächeln „Auf Wiedersehen!“. Wie einfach es ist so zu tun, als wenn nichts wäre, denkt sie. Sie freut sich. Hält sich plötzlich für eine gute Schauspielerin.

Mit der vollen Tasche geht sie zur Bahnhaltestelle.

Sie muss nicht lange warten, die Bahn kommt beinahe sofort.

Hannah steigt ein. Wieder hämmert das Herz gegen ihren Brustkorb.

Sie hat kein Ticket entwertet und eh keins gekauft. Sie fährt schwarz.

In der Bahn holt sie die Mannerwaffel aus ihrer Rocktasche. Sie löst den Verschluss und bricht die ersten beiden Waffeln ab. Sie beißt in eine hinein. Sie ist knusprig und nussig und schmeckt ihr so gut, wie noch nie.

Es ist ein gutes Gefühl über die eigenen Grenzen zu gehen, sich zu spüren.

Bevor der Kontrolleur kommt, muss Hannah schon wieder aussteigen.

Hannah geht jeden Schritt ganz bewusst. Sie empfindet ihren ganzen Körper dabei intensiv, während sie das letzte Stück nach Hause läuft. Sie ist dabei immer noch total aufgeregt, als schaute sie einen spannenden Film. Nur dass sie in diesem Film die Hauptrolle spielt. Sie bestimmt die Action.

Verdammt, wann hat sie sich das letzte Mal so lebendig gefühlt?

Sie kann sich nicht erinnern.

Patrick

Britt hat ihm ein unwiderstehliches Angebot gemacht.

„Lass uns übers Wochenende nach Arnheim fahren. Ein Friedenspfeifchen rauchen“, hat sie gesagt.

Dazu kann er nicht nein sagen.

Auch wenn Anouk in ihm herumspukt. Er hat sie schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Sie sind sich noch nicht mal zufällig über den Weg gelaufen. Auch nicht in der Schule. Sie haben nicht die gleichen Kurse.

Aber solange Britt nicht stresst, ist sie ja auch megasüß. Mit diesem Angebot jedenfalls ist sie nicht zu toppen.

„Das geht klar!“ sagt er. „Ich muss nicht mal auf Lena aufpassen. Die ist in Bayreuth auf Klassenfahrt. Dann haben unsere bekloppten Eltern eben mal sturmfreie Bude.“

Britt gibt ihm einen Kuss auf den Mund. „Ich mach das Auto klar“, sagt sie dann.

Britt hat ihren Führerschein letztes Jahr in den USA gemacht. Dort hat sie ein Auslandsjahr verbracht. Überhaupt kriegt Britt alles, was sie will. Ihre Mutter arbeitet nicht und ist von morgens bis abends für sie da. Kein Wunder ist Britt manchmal etwas fordernd. Aber das ist jetzt mal nebensächlich. Er freut sich auf die Zeit mit ihr.

Da geht was, er ist sich ganz sicher. Also gibt er ihr, was sie will.

Hannah

Hannah zieht das geblümte Seidenkleid über ihren Kopf. Das, in dem ihre beste Freundin Astrid sie besonders weiblich findet. Ein Blick in den Spiegel bestätigt ihr das. Der zarte Stoff schmiegt sich um ihre Taille und bringt den Ansatz ihres wohlgeformten Busens, der durch den BH hochgedrückt wird, gut zur Geltung.

Hannah lässt ihr Parfum von oben wie eine Dusche über ihre Haare und in ihren Ausschnitt rieseln.

Philipp hat sie gesagt, dass sie ausgeht, aber nicht mit wem. Sie will ihn nicht quälen, doch es wird Zeit, alte Geschichten aufzuwärmen und etwas für ihr Ego zu tun.

Sie weiß noch ganz genau, was sie damals an Oliver hatte. Sie weiß, was sie damals an ihm vermisste. Aber da sie gegenwärtig so ziemlich alles vermisst, mag Oliver genau der Richtige sein, dieses Defizit zu füllen.

Sie sind in einem Biergarten verabredet.

Bei Tageslicht sind Makel nicht zu übersehen und sie läuft nicht so leicht Gefahr in eine Falle zu tappen, aus der sie sich anschließend reumütig befreien muss.

Die meisten der schmalen gelben Bierbänke an den schmalen gelben Biertischen sind leer.

Jetzt am Nachmittag ist noch nicht viel los.

Sie sieht ihn sofort.

Er sitzt allein auf einer Bank. Er wirkt kleiner als früher. Er scheint versunken, in sich, vielleicht nervös.

Jetzt sieht er auf. Ihr Herz hüpft kurz ein paar Etagen höher kommt dann aber wieder an seiner gewohnten Stelle zu liegen und findet in seinen normalen Rhythmus zurück.

Hannah winkt.

Albern, denkt sie im nächsten Moment – wie ein kleines Mädchen. Sie senkt die Hand abrupt.

Oliver steht auf und sie drückt ihm Küsse auf jede Wange. Sie wäre ihm auch um den Hals gefallen, aber er scheint sich zu sträuben. Das spürt sie so. Und weicht zurück.

„Hallo“, sagt sie, nach den Wangenküssen.

„Hallo“, antwortet Oliver.

Er riecht genau wie früher. Etwas herb und nach Waschmittel. Eine unwiderstehliche Mischung, findet sie immer noch.

Sie holt Apfelschorle für sich und für ihn auch, weil seine schon fast leer ist.

Oliver ist zu Besuch bei seinen Eltern. Eigentlich lebt er längst in einer anderen Stadt. Hannah und er haben sich seit sechs Jahren nicht mehr gesehen.

Das letzte Mal waren sie und Philipp noch ein Paar. Und es war ein Paar-Treffen gewesen. Denn Oliver war damals auch noch mit seiner Frau zusammen.

Er ist mittlerweile geschieden.

„So schnell kann’s gehen“, sagt er und guckt wie ein Hund.

Sie nickt.

Sie sitzen sich jetzt still gegenüber und Oliver schaut sie forschend an.

Ob er findet, dass sie gealtert ist? Ob er sie noch hübsch findet?

„Wie geht es dir?“, fragt Oliver und Hannah antwortet „Gut“. Obwohl sie in diesem Moment nicht mehr so sicher ist, dass es stimmt.

Sie fragt ihn, wie es ihm geht und er sagt „Auch gut“.

„Schade ist das natürlich immer, wenn eine Beziehung in die Brüche geht“, setzt er hinzu. „Keine Ahnung, wie die Schwäne das schaffen.“ Er lacht.

Hannah lacht auch. „Man sollte sie mal fragen!“

„Ja“, er lacht wieder. „Eine lustige Vorstellung. Eine Art Schwanentherapie.“

Hannah stellt sich das vor. Sie kichert.

„Für mich ist das mit der Trennung nicht schlimm“, sagt Oliver. Meine Ex sieht das anscheinend genauso. Die Kinder haben zuerst schon gelitten.“

Hannah nickt: „Am Ende leiden immer nur die Kinder darunter“, sagt sie. Und weiß, dass es nicht stimmt. Das sagt sie aber Oliver nicht. Sie fürchtet, sonst irgendwie bedürftig zu wirken und ihn dadurch abzuschrecken. Denn sie will ihn unbedingt küssen. Unbedingt. Das Küssen fehlt ihr noch viel mehr, als das Fummeln oder richtiger Sex.

Neben dem Küssen fehlt ihr außerdem dieses aufgeregte Kribbeln, das vom Verliebt-sein kommt.

Sie seufzt, nicht nur innerlich und Oliver fragt noch einmal, „Wie geht es dir?“

Sie sagt noch einmal „Gut“.

Er lächelt. Sein Lächeln ist echt schön. Noch immer. Es berührt sie. Noch immer.

Was wohl aus ihnen geworden wäre, wenn sie sich nicht getrennt hätten? Sie wagt nicht, die Frage laut auszusprechen.

Sie lächelt ebenfalls.

Sie hofft, dass er ihr Lächeln auch schön findet.

Früher fand er es schön.

Sie hat sich damals von ihm getrennt. Es war ihr zu ernst geworden zwischen ihnen. Er wollte schnell mit ihr zusammenziehen und ein Nest bauen. Da waren sie gerade mal vierundzwanzig Jahre alt gewesen und noch im Studium.

Sie brauchte noch einmal zwei Jahre. Dann hat sie es mit Philipp gewagt. Da gab es aber auch gar kein Vertun.

Philipp hat sie umgehauen.

Brutal.

Hundertprozentig zum Niederknien attraktiv, Rhetoriker, Querdenker, Seelenverwandter, Honigsüßküsser, konservative Werte wie sie.

Es war innerhalb eines halben Jahres alles total klar gewesen zwischen ihnen. Und sie war innerhalb von einem weiteren halben Jahr schwanger gewesen. Ungeplant, aber total gewollt. Sie haben geheiratet und leben glücklich bis an das Ende ihres ... ihrer Liebe.

Plötzlich liegt Olivers Hand auf ihrer.

„Wollen wir gehen?“, fragt er.

Sie nickt. Kann gar nicht anders. Etwas wie ein Schwächeanfall durchschwappt sie. Sie fühlt sich nicht ganz sicher auf den Beinen. Aber sie geht trotzdem immer weiter. Hinter Oliver her.

Sie steigen in die Tram ein und Oliver stempelt für sie beide ab. Er lächelt sie an.

Ist da Zärtlichkeit in seinem Blick? Sie weiß es nicht. Irgendetwas ist da jedenfalls, dass jede Membran ihres Körpers durchdringt bis in ihre Magenwände. Wieder werden ihre Beine weich.

Irgendwie schafft sie es trotzdem mit Oliver die Tram zu verlassen und plötzlich stehen sie an der Rezeption eines Hotels.

Dann vor einer Zimmertür mit der Nummer 212.

Dahinter herrscht sterile Ordnung und mitten drin steht ein breites Bett. Seufzend lassen sie sich darauf fallen.

Sie hat diese Art, ihren Morgenmantel zu tragen, die Oliver immer in den Wahnsinn getrieben hat, so hat er es mal gegen ihren Hals gestöhnt.

Sie trug ihn immer morgens im Bett beim ersten grünen Tee.

Diese Tasse grüner Tee war ihr Morgenritual.

Die rechte Hälfte klaffte auf und heraus blitzte ihre rechte Brust. Weiß. Ihre Brustwarze stand aufrecht, wie eine bräunliche Stupsnase. Keck. Provokant. So beschrieb er es einmal.

„Deine Brüste haben noch immer dieselbe Form“, sagt Oliver jetzt und schaut offensichtlich verzückt. „Schon als du ein junges Mädchen warst, hatten sie diese Form.“

Ihre Brüste waren klein, rund und fest. Apfel nannte sich diese Form, das hatte er einmal gelesen, hat er ihr damals gesagt.

Während er sich jetzt an sie schmiegt, spürt Hannah, wie auch die Wirkung sich keinen Deut verändert hat.

Seine Hand ist ganz warm. Besitzergreifend legt sie sich auf Hannahs rechte Brust. Greift zu. Suchend. Findend. Gleichzeitig küsst er sie auf den Mund. Mit warmen Lippen und gieriger Zunge.

Hannah versinkt in einem dunklen Ozean von geistiger Diesigkeit und schwappenden Wellen der Lust.

Als sie daraus auftaucht, fühlt sie sich so leicht, wie damals an den Sonntagnachmittagen mit Gene Kelly oder Fred Astaire. Sie hat Shirley Temple sein wollen später dann Ginger Rogers.

Steppen lernte sie nach der Schule – im Nachmittagskurs.

Am glücklichsten war sie immer in Bewegung.

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9783752934922
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