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Niko Arendt, Kathy Clark

Chicago Affair

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Impressum neobooks

Widmung

Für unsere Schwester Kriky.

Glaube mehr an dich.

***********

Das war eine verdammt schwere Geburt, aber, hey, hier ist es.

Wir haben’s geschafft und so schaffen wir auch alles andere. Ein Schritt nach dem anderen und wir kommen dort an, wo wir schon immer sein wollten.

***********

„Lebe, sei glücklich und mache andere glücklich.“

Mary Shelley

Kapitel 1

Chicagos frische Sommerbrise wehte durch die großen, weit geöffneten Panoramafenster des modernen Büros in der Chefetage der Firma Morra Bourdain Systems.

Dumpf drangen die Geräusche des nachmittägigen Verkehrs in die oberen Etagen. Sie wurden vom Wind fortgetragen, bis nur noch ein brummendes Rauschen, dem des Meeres gleich, übrig blieb.

Wie gerne hätte Sean sich von dem Wind davon tragen lassen. In seiner Fantasie schwebte er schwerelos über die Dächer der monströsen Bürobauten, die verzweigten überfüllten Straßen entlang und an der hektischen Menge Menschen vorbei, die wild ihrem hastigen Leben hinterherjagten. Verlockend war der kurze Augenblick, den er in Freiheit genießen würde.

Allerdings wäre das Ende seines Ausflugs weit weniger verlockend. Mit einem ekelhaften Platschen, platter als ein Pfannkuchen in der Pfanne, würde er unten aufschlagen. Von ihm würden nicht mehr als gebrochene Knochen und Blut übrig bleiben. Sean dachte kurz über dieses Schicksal nach. Vielleicht war es doch gar keine so schlechte Idee.

„Gefeuert?“, stotterte er ungläubig. Er erkannte seine Stimme kaum wieder. Sein ansonsten männlicher, etwas rauchiger Bariton war verwässert und dünn. Trotz der Vorhalte mancher Kollegen, dem Missfallen, die ewigen Diskussionen und dem elenden Gemaule und Gemecker, hatte er selbst seinen Chef für fair gehalten. Aber diese Kündigung war scheiß unfair. Was für ein Arschloch.

Und das ohne den leisesten Hinweis. Einfach so. Kein ‚Hallo, du hast einen Fleck auf dem Hemd, der mir nicht gefällt. Könnte sein, dass ich dich deswegen rausschmeiße.‘

Aber besser wäre: ‚Hey, such dir schon mal was Neues. Ich plane dich zu feuern. Verlier nicht gleich den Kopf, ich warte so lange, bis du was Neues findest.‘

Stattdessen ließ er ihn sofort ins offene Messer laufen. Viel schlimmer war jedoch das heuchlerische Lächeln auf dessen Gesicht, das Seans glorreiche Zukunft in kleinste Einzelteile zerhackte.

„Mr. Grandy, ich hatte Sie damals eingestellt, weil ich das Gefühl hatte, Sie seien besonders. Mehr, als das, was in Ihrer lahmen Bewerbung stand. Sie hatten so ein Feuer. Verstehen Sie?“

Nein. Eigentlich verstand er überhaupt nichts. Klar, dieser Job war ein absoluter Glücksgriff. Trotz seiner Ausbildung und ein paar ansehnlicher Referenzen und Weiterbildungen reichten seine Qualifikationen bei Weitem nicht aus, um von solch einem bedeutsamen und expandierenden Unternehmen eingestellt zu werden. Aber Sean hatte es probiert, sein bestes Foto für die blöde Bewerbung raus gekramt, sich mit Hochprozentigem Mut in der Toilette angetrunken. Und dann hatte Bourdain ihn mit selbigem Lächeln, das ihm damals nicht so verlogen vorgekommen war, in seiner Firma willkommen geheißen.

„Als Sie mir vor einem Monat die Hand reichten, war es um mich geschehen. Sie verdrehten mir den Kopf. Ich dachte, Sie seien mein Mann.“

Irritiert neigte Sean den Kopf zur Seite. Er fand die Wortwahl unglücklich, sagte aber nichts.

Bourdain erhob sich aus seinem gut gepolsterten Chefsessel und ging mit bedächtigen Schritten zu der verglasten Innenfront des Büros, um die Rollläden zu schließen. Sean schnürte es die Kehle zu.

„Leider“, Bourdain wurde ernst, „sind Sie mehr mit sich selbst beschäftigt. Machen zu viele Pausen. Reden, anstatt zu arbeiten, und telefonieren oft.“

Sean hätte am liebsten bei jedem zweiten Wort protestiert. Denn er wusste, dass einige seiner hoch geschätzten Kollegen mehrstündige Auslandstelefonate auf Kosten der Firma führten und dass sich die Koffeinzombies bereits nach einer Stunde die zehnte Tasse Kaffee aus dem Automaten zogen, anstatt ihrer eigentlichen Arbeit nachzugehen.

Gerade als Sean etwas zu seiner Verteidigung sagen wollte, setzte Bourdain erneut an. „Würden Sie die gleiche Energie in Ihre einfache und doch bedeutende Arbeit stecken, wie in ihre Eheprobleme, dann müssten wir dieses unangenehme Gespräch nicht führen.“

Bourdain setzte sich zurück in seinen Bürostuhl. Mit einer eleganten Bewegung strich er einige Strähnen seiner gewellten, braunen Haare zurück, die ihm in die Stirn gefallen waren. Seine Körperhaltung strahlte bittere Enttäuschung aus, was Sean mächtig aufgesetzt vorkam. Mit seinen azurblauen Augen fixierte er Sean.

„Haben Sie etwas dazu zu sagen?“, fragte der Brünette unschuldig und schlug die Beine wichtigtuerisch übereinander.

Dieses Arschloch.

Dieser Idiot.

Dieser reiche, überhebliche Schnösel.

Wie hatte ich nur so gut von ihm denken können?

Was wusste dieser blasierte Affe schon über seine Ehe? Sicher beneidete er ihn um diese Schönheit. Das musste er nicht. Sie war hübsch. Mehr nicht.

Wenn Sean jetzt den Mund aufmachen würde, bestand die Gefahr, dass er von seinem Wortschatz an provokativen Obszönitäten Gebrauch machte. Oder, er würde - was wesentlich schlimmer als jegliche verbale Beschimpfung wäre - auf die Knie fallen und Bourdain erbärmlich um Gnade anbetteln. Nein, er hatte seinen verdammten Stolz.

Mit todernstem Gesicht schlug er beide Handflächen auf den Tisch seines Chefs, sodass jenem beinahe die Tasse entkoffeinierten Kaffees aus den Händen rutschte, nach der er gegriffen hatte.

„Selbstverständlich habe ich etwas zu sagen!“

Ein guter Anfang, fand er. Gespannt richtete Bourdain einen scharfen Blick auf ihn. Blickkontakt war gut. Sehr gut. Er musste selbstbewusst wirken.

Nach einem zähen Augenblick, indem Bourdain zweimal an seiner Kaffeetasse nippte und dann fragend die Augenbrauen hochzog, entschloss Sean sich endlich den Mund aufzumachen.

„Das können Sie nicht tun!“

„Warum nicht? Ich bin der Boss. Ich kann tun, was ich will.“

Das klang nicht besonders professionell, oder? Eher kindisch.

Sean zeigte ihm seine offenen Handflächen, was seinerseits eine Geste für Armut sein sollte. „Ich habe Schulden. Eine Familie, die ich-.“

„Ich wusste nicht, dass Sie Kinder haben.“

„Habe ich nicht.“

„Eine Ehefrau ist keine-.“

„Ich habe einen Hund. Punchy! Punchy ist ein übergewichtiger, alter Labrador. Er ist inkontinent und braucht Windeln. Wovon soll ich die bezahlen? Hundewindeln sind scheißteuer.“

Wild gestikulierend versuchte er seinen unbedeutenden Worten Ausdruck zu verleihen. Bourdain konnte unmöglich wissen, dass Punchy in hohem Alter in die ewigen Hundejagdgründe gegangen war, als Sean sich noch Sorgen um Pickel, Zahnspangen und dem misslungenen Blondieren seiner Haare Gedanken gemacht hatte.

„Ich werde mein verdammtes Haus verlieren. Dann bin ich obdachlos. Meine Frau muss sich prostituieren, während ich die Passanten um eine kleine Spende anbettele und ihre Verachtung ertragen muss. Nehmen Sie denn keinen Anteil am Schicksal Ihrer Mitmenschen?“

„Nein.“

„Nein?“ Es entstand eine lange Pause. „Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“

„Seien Sie nicht melodramatisch.“ Belustigt schürzte Bourdain die Lippen.

„Bitte feuern Sie mich nicht.“ Sean war um den Tisch herumgegangen und stand Bourdain von Angesicht zu Angesicht gegenüber, während er ein mitleiderregendes Gesicht verzog und mit den letzten Worten sein unwürdiges Dasein besiegelte. „Ich tue alles für diesen Job. Alles.“

Einen verhängnisvollen, schwermütigen Moment lang starrte Bourdain ihn aus seinen kalten Augen heraus an. Und dann ging alles verflucht schnell. Sein Chef griff nach der billigen, braunen Krawatte mit den grünen Punkten, die Seans Frau ihm zu Weihnachten geschenkt hatte und welche dieser aus ganzer Seele verabscheute. Er hätte sie auch in den Tiefen seiner Sockenschublade verrotten lassen, wenn Amanda sie heute nicht zutage gefördert hätte. Fakt war, dass seine Lippen nur wenige Zentimeter von Bourdains entfernt waren. Abrupt in der Bewegung innehaltend, starrte er seinen erbärmlichen Angestellten in Grund und Boden.

„Sind Sie etwa käuflich, Mr. Grandy?“

Eine abscheuliche Gänsehaut bildete sich auf Seans Unterarmen, als sich fremde Lippen brutal auf die seinen legten. Sein Gehirn erlitt einen Kurzschluss, infolge der Flut an Gefühlen, die ihn überrannten. Error! Ohne Erfolg auf 100-prozentige Genesung.

Überrascht schnellten Seans Augenbrauen in die Höhe. Ihm blieb überhaupt keine Zeit zum Reagieren. Aber wie sollte man auch reagieren, wenn die Zunge des Chefs dem Gaumen schmeichelte?

Während sich die forsche Zunge, über seine Zähne und Zunge hinweg bis tief in seinen Hals hineinbohrte, versuchte Sean, sich vergeblich loszureißen. Doch der Griff um seine Krawatte war fester als erwartet, und Bourdain zog ihn zielstrebig immer näher zu sich herunter. Die gutturalen Laute, die er dabei ausstieß, waren ziemlich verstörend. Sanft streichelte Bourdains warmer Atem Seans Wange.

Lodernde Hitze breitete sich in Seans Mund aus und betäubte seine Sinne gänzlich, sodass seine Beine unter ihm nachzugeben drohten. Er klammerte sich ungewollt an den Armlehnen des Bürosessels, in der trüben Hoffnung nicht gleich ohnmächtig zu werden.

Eigenartige Gefühle rumorten in seinem Bauch. Fragen nach dem Grund des unerwarteten Kusses, bis hin zu pornografischen Visionen, davon wie Bourdain ihn leidenschaftlich auf dem teuren Mahagonitisch seines Büros nahm. Angesichts der Hand, die sich zwischen seine Beine geschlichen hatte, war diese Vorstellung gar nicht abwegig.

Japsend kämpfte Sean sich los, doch Bourdain war schneller, umfasste mit langen Fingern seinen Nacken in einem so eisernen, harten Griff, dass Sean schwarz vor Augen wurde. Mit den Fingerspitzen streifte er sein blondes Haar und verhakte seine Finger darin.

Mit einiger Gewalt hielt Sean Bourdains andere Hand davon ab, erneut seinen Oberschenkel entlang zufahren.

Sobald Sean zu der Erkenntnis kam, dass er um einiges muskulöser als sein Chef und somit stärker war, schaffte er es endlich sich loszureißen. Nicht aber ohne mit dem rechten Arm die Hälfte des Büromaterials vom Tisch zu fegen, die Topfpflanze mit seinem breiten Rücken niederzumähen und einen Teil der Rollläden herunter zu reißen. Vielleicht hatte er Bourdain auch mit der Hand am Kopf erwischt. Er hoffte es. Verdient hätte es dieser Perverse allemal.

Hektisch rappelte Sean sich auf, penetrant darauf achtend dem anderen nicht in die Augen zu blicken. Ohne ein weiteres Wort hechtete er Richtung Tür, stolperte unglücklich, öffnete die Tür schneller, als das er ausweichen konnte und donnerte schmerzhaft dagegen. Es verstrichen noch einige verhängnisvolle Sekunden, in denen er mit Bourdain alleine in einem Raum eingepfercht war.

Vorbei an den verdutzten Blicken der Sekretärin sprintete Sean mit Mordstempo den Flur entlang und die Treppe herunter. Er hielt erst an, als er völlig außer Atem, die Tiefgarage des mehrstöckigen Gebäudes erreichte. Es grenzte an ein Wunder, dass er sich bei der Geschwindigkeit nicht das Genick gebrochen oder wenigstens einen Fuß verstaucht hatte. Aber das konnte Amanda sicherlich noch für ihn übernehmen.

Auf dem Heimweg beachtete Sean die Verkehrsregeln kaum, nahm anderen Autofahrern die Vorfahrt und riss beinahe eine dürre Frau von ihrem Sportrad. Seine Gedanken kreisten unfokussiert in seinem Kopf herum, kamen jedoch immer wieder zu einem jähen Ende, als er an Bourdains Lippen dachte. Er konnte ihn auf seiner Zunge schmecken, an seinem Hemd riechen und seine Finger in seinem Haar spüren.

Die Fahrt war die reinste Qual für seinen Geist, aber viel schlimmer, war das, was ihn zu Hause erwartete. Noch bevor er richtig in die Einfahrt gefahren war, wurde die Haustür aufgerissen und eine zierliche Frau mit langen, blonden Haaren kam ihm entgegen. Aber nicht vor Sorge, das wusste Sean zu gut.

Sein Chihuahua Anakin rannte voller Vorfreude zur Tür, bemerkte aber schnell die Anspannung und verzog sich schneller als Sean blinzeln konnte wieder ins Innere. Anakin hasste es, wenn sie stritten.

„Was in Teufels Namen hast du hier zu suchen?“, schleuderte sie ihm zischend entgegen, obwohl sie ihn freudig anstrahlte und ihm sogar einen Kuss auf die Wange drückte. Alles Show, falls ein Nachbar zufällig aus dem Fenster blicken sollte.

„Hast du gekocht, Schatz?“, fragte Sean unschuldig und lenkte bewusst vom Thema ab, als er ihre Schürze und das Messer in ihrer Hand bemerkte. Ihr Lächeln wurde um einiges breiter. Es war so falsch, wie ihre gespielte Zärtlichkeit.

„Sei nicht albern. Und lenk nicht vom Thema ab.“

Sie hatte ihn schnell durchschaut.

„Also, was hast du angestellt?“

Kapitel 2

„Was?“, schrie sie mit hoher Stimme. „Was soll das heißen?“

„Dass ich mir einen neuen Job suchen muss“, antwortete er. Leider wieder falsch.

„Willst du mich provozieren?“

„Natürlich nicht, Schatz.“

„Wir haben hart dafür gearbeitet, damit du diese Stelle bekommst. Opfer gebracht.“

Sean fand, dass sie übertrieb. Er hatte nicht das Gefühl, dass sie das gemeinsam durchgestanden hätten. Allerdings wusste er sehr wohl, wie wichtig ihr seine Stelle gewesen war. Wie sie vor den Nachbarn und ihren Freundinnen angegeben hatte. Sie war es auch, die darauf bestanden hatte, dass er sich dort bewarb.

Um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, verlegten sie ihr hitziges Gespräch vom Vorgarten ins Esszimmer. Jetzt musste Amanda nicht einmal das falsche Lächeln aufrechterhalten und tobte mit voller Wucht. Dabei befand sich das Messer noch immer in ihrer Hand. In regelmäßigen Abständen zerteilte sie die Luft, um ihrer Wut die entsprechende Glaubhaftigkeit zu verleihen.

„Schatz, bitte leg das Messer weg. Du könntest dich verletzen.“ Oder mich. Sean sah sich nach Anakin um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Er würde ihm auch keine Hilfe sein.

„Ich kann damit umgehen. Und du lenkst schon wieder vom Thema ab“, schimpfte sie. Plötzlich hielt sie inne und starrte ihn mit ihrem kritischen Blick nieder. „Wie siehst du überhaupt aus?“

Kopflos war er aus dem Büro gestürmt und nach Hause gefahren, ohne einen letzten Blick in den Spiegel zu werfen. Gut, dass Bourdain keinen Lippenstift trug, ansonsten hätte sie ihn sofort einer Affäre bezichtigt. Bestimmt war sein Haar zerzaust, das Jackett verknittert und die Krawatte verrutscht. Vergeblich versuchte er sie zu richten, konnte aber nicht mehr viel retten.

„Ich will nicht mehr zurück“, sagte er stattdessen mit fester Stimme. Zumindest glaubte er, sie sei es. Es war nicht gut ihre Fragen zu ignorieren, aber ihr würde er gewiss nicht erzählen, was passiert war.

„Ist das so eine ich-bin-ein-Mann-und-viel-zu-stolz-Sache?“

Nein. Es war eine ich-bin-ein-Mann-aber-mein-Chef-will-mich-trotzdem-vögeln-Sache.

Ihn übermannte das schlechte Gewissen, obwohl er in dieser Situation eindeutig das Opfer war. Schließlich hatte Bourdain ihn geküsst und nicht umgekehrt. Er konnte diesem Mann nicht mehr ins Gesicht blicken, ganz egal, was seine Frau von ihm erwartete. Das, was sein Chef von ihm erwartete, war um Einiges schlimmer.

„Das hat mit Stolz nichts zu tun“, erwiderte er matt. Den besaß er schon lange nicht mehr.

„Es hat immer mit Stolz zu tun.“

„Bourdain ist mit meiner Arbeit nicht zufrieden. Er will-.“

„Etwas anderes habe ich jetzt auch nicht erwartet.“ Sie zeigte mit der Messerspitze auf ihn, während sich der Zeigefinger ihrer anderen Hand schmerzhaft in Seans Brust bohrte. „Du musst dich mehr engagieren, dann nimmt er dich auch wieder zurück!“

Die Version von sich selbst und Bourdain, nackt, auf dessen Büroschreibtisch schob Sean schnell beiseite, als diese bei Amandas Worten vor seinem inneren Auge auftauchte.

„Wenn du wüsstest, was er getan hat“, flüsterte er mehr zu sich selbst, als zu ihr gewandt, doch natürlich hatte sie wieder alles mitbekommen.

„Das sind doch alles nur Ausreden, Sean. Wenn du wolltest, dann hättest du viel mehr erreicht. Immer muss ich dir vorher in den Arsch treten, damit du dich bewegst“, wütete sie.

„Dann solltest du mich während der Arbeit nicht mehr anrufen.“

„Was hat das mit mir zu tun?“

„Er meinte, ich telefoniere zu viel mit dir.“

„Hat er das so gesagt? Und lüg mich nicht an, ich sehe, wenn du lügst.“

„Nicht direkt, aber-.“

„Das waren also nicht seine Worte.“

Sean fiel es schwer zu argumentieren. Sobald Amanda sich in Rage geredet hatte, wollte sie nicht mehr hören, was er zu sagen hatte.

„Also telefonierst du allgemein zu viel, anstatt zu arbeiten.“

„Aber ich telefoniere doch nur mit dir“, gab Sean verzweifelt zu bedenken.

„Du brauchst die Schuld nicht auf mich abzuwälzen. Wenn du keine Zeit für meine Anrufe hast, kannst du das sagen.“

„Dafür hast du doch kein Verständnis.“

„Wie bitte?“

Sean ließ den Kopf hängen. Er hatte nicht die Absicht mit ihr zu streiten, so miserabel wie er sich momentan fühlte. Eigentlich wollte er nur ein wenig Ruhe. Ruhe, um Nachdenken zu können.

„Als Ehefrau darf ich wohl ab und zu auch mal anrufen. Ansonsten vergisst du noch, dass ich existiere.“

„Das würde ich nie, Amanda.“ Seans Stimme nahm einen flehenden Ton an. „Du rufst einfach zu oft an.“

„Sei nicht albern“, antwortete sie. Eine ihrer Lieblingsfloskeln in ihren Gesprächen. „So oft rufe ich gar nicht an. Du telefonierst nebenbei bestimmt noch mit anderen Frauen.“

Sean hatte die Befürchtung, das Ganze könnte in einem verdammten Streit um seine Treue ausarten, weshalb er sein ramponiertes Nokia Handy hervorholte und ihr auf dem noch schwarz-weißen Bildschirm die Anrufliste zeigte. An manchen Tagen verzeichnete die Chronik beinahe alle 10 Minuten einen eingehenden Anruf.

„Aber Schatz, ich telefoniere nur mit dir. Sieh dir die Liste an. Du hast mich letzten Dienstag insgesamt 27 Mal angerufen.“

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, mit der sie - wie Sean inständig hoffte - das Handy versehentlich aus seiner ausgestreckten Hand fegte. Er traute sich nicht, es aufzuheben. Nicht einmal mit Snake würde er sich dann noch ablenken können.

„Du gehst jetzt zurück und regelst das! Wenn du dich dafür ein bisschen demütigen lassen musst, dann tut das deinem Ego nur gut.“

Der Blonde stieß einen winselnden Laut aus. Ihre Zweideutigkeiten bereiteten ihm Bauchschmerzen. Aus ihrem Mund klang alles so banal und einfach.

„Nicht heute.“

„Sofort.“

Sie drängte ihn mit aggressiver Zielstrebigkeit in Richtung Haustür.

„Du setzt keinen Fuß in dieses verdammte Haus. Nicht bevor du diese Angelegenheit geregelt hast. Und zwar zufriedenstellend. Für alle!“

Das waren ihre letzten Worte, bevor die Tür mit ohrenbetäubenden Lärm ins Schloss fiel. Sie wusste ja gar nicht, was sie da redete. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in Seans Magen aus. Irgendwie hatte er gehofft, die Situation würde besser laufen. Besser für ihn.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich ergeben ins Auto zu setzen und davon zu fahren. Eine ganze Weile fuhr er ziellos umher.

Er könnte zu Bob, seinem früheren Chef fahren. Ihn darum bitten, ihm seinen alten Job zu geben. Allerdings war es sehr unwahrscheinlich, dass er ihn wieder aufnehmen würde. Für Bob waren seine Mitarbeiter wie eine Familie und er nahm ihnen eine Kündigung furchtbar übel.

Und Amanda würde ihn trotzdem nicht ins Haus lassen. Sie hasste Bob. Und sie hasste sein Gehalt dort.

Spätabends lenkte er seinen Wagen auf einen ausgestorbenen Parkplatz in der City. Der Motor erstarb ächzend nach der langen Fahrt. Die Tankanzeige bewegte sich im unteren Bereich und erinnerte ihn dezent daran sein Gefährt zu füttern. Mit einem lauten Knurren revoltierte Seans Magen in der Stille.

Sean blickte aus dem Fenster und bemerkte, wo er geparkt hatte. Die Computerfirma, in der er arbeitete, erhob sich wie ein riesiges, gläsernes Ungetüm in den sich verdunkelnden Abendhimmel. Erhaben thronte es über all die anderen Gebäude in Chicago hinweg. Morra Bourdain Systems stand in großen Lettern auf der glatten Außenfassade.

In einem der oberen Etagen brannte Licht. Sean seufzte. Bourdain war noch da. Aber sein Mut reichte nicht aus, um zu ihm zu gehen. Während er über seine missliche Lage grübelte, verschiedene Möglichkeiten in seinem Kopf abspielte, die allesamt nicht zu seinem Vorteil endeten, nickte er ein. Seine schweren Augenlider schlossen sich ganz automatisch und forderten endlich die Ruhe ein, die er seinem Geist den Tag über verwehrt hatte.

Ein plötzliches Klopfen ließ ihn hochschrecken. Dabei stieß er sich das Knie am Lenkrad seines Wagens an. Mit schmerzverzogenem Gesicht suchte er nach der Ursache für das unsanfte Erwachen. Ein erneutes Klopfen lenkte seine Aufmerksamkeit in die richtige Richtung. Und was er sah, gefiel ihm gar nicht.

In der diffusen Dunkelheit des Parkplatzes, der zwar durch zahlreiche Lampen beleuchtet war, dessen Schein aber nicht ausreichte, um etwas zu erkennen, erhob sich eine schemenhafte Gestalt.

Verwirrt beobachtete Sean, wie die Gestalt ihren Arm zur Autotür hin bewegte. Und diese öffnete. Unbewusst machte er sich auf einen Angriff gefasst, bis er eine ihm vertraute Stimme wahrnahm.

„Was machen Sie noch hier?“ Sean war sich sicher, dass Bourdain nicht die Stimme erhoben hatte, aber in seinem Zustand schien es ihm, als würde er ihn anbrüllen. Mit einer nervösen Bewegung fuhr er sich über das Gesicht und dann durch das dichte, dunkelblonde Haar.

„Ich wollte-,“ stotterte Sean und blickte in das im Dunkel verborgene Gesicht. Es war schwer zu lesen, was sein Chef von ihm dachte. Er selbst fand sich ziemlich erbärmlich. Vermutlich sah Bourdain das genauso.

„Ich wollte mit Ihnen reden“, gab er dann mit etwas mehr Festigkeit in der Stimme zurück und stieg ungeschickt aus dem Auto aus. Bourdain trat einen Schritt zurück, stand aber für Seans Geschmack trotzdem nicht weit genug von ihm entfernt.

„Und worüber?“, fragte Bourdain, als Sean selbst nach einigen Minuten noch nichts sagte.

„Ich will meinen Job zurück.“ Nervös strich Sean sich über seinen Bauch, während Bourdain lässig die Arme vor der Brust verschränkte. Das Blau seiner Augen wirkte jetzt düster, die Andeutung eines Lächelns sarkastisch.

„Sagten Sie nicht, Sie würden alles für den Job tun? Das taten Sie aber nicht.“

„Damit meinte ich sicher nicht, dass ich Ihre kleine Büroaffäre werde“, flüsterte Sean leise und verschwörerisch, als habe er Angst von jemandem gehört zu werden, obwohl sie ganz alleine waren. Nicht einmal Insekten schwirrten durch die Nacht.

„Wieso nicht?“, fragte Bourdain unverblümt und Sean wunderte sich wieder einmal über dessen Unverfrorenheit. „Alles, bedeutet alles. Oder sehe ich das falsch?“

Darauf konnte Sean nichts erwidern. Das sagte man eben so. Das sagten alle so.

„Sie hätten die Dinge, die Sie nicht bereit sind für den Erhalt Ihres Arbeitsplatzes zu erbringen, ausklammern müssen.“ Bourdain machte den Schritt, den er zurückgetreten war, wieder vor, sodass Sean sich ungewollt fester in das unnachgiebige Metall der Autotür presste. ‚Ich tue alles für den Job, außer mit Ihnen zu schlafen.‘ Warum haben Sie denn nicht das gesagt, Mr. Grandy?“

Ein Kloß in der Größe einer rollenden Schneelawine bildete sich in seinem Hals und erschwerte Sean das Schlucken erheblich.

„Ich denke bei dieser Aussage doch nicht gleich daran, dass Sie mir die Zunge in den Hals stecken“, erwiderte Sean empört, erhob aber nicht die Stimme.

„Warum nicht?“

„Weil ich ein Mann bin.“

„Und ich darf Sie nicht attraktiv finden, weil Sie ein Mann sind?“

„Sie finden mich attraktiv?“ Das schien Sean zu amüsieren. Unmerklich blähte sich seine Brust vor Stolz auf.

Bourdain lehnte sich ein wenig zu ihm. „Oder ich bin sexuell frustriert.“

Und die Luft war schneller raus, als aus einem Luftballon, der in der Sonne gelegen hatte.

„Und da finden Sie niemand Williges für Ihre Fantasien?“, witzelte Sean.

„Ich finde meinen verzweifelten, männlichen Angestellten zu nötigen, indem ich ihn vor ein Ultimatum stelle, ziemlich erregend.“

„Charmant“, erwiderte der andere trocken. „Mit Ihrem Aussehen haben Sie in Ihrer Szene bestimmt kein Problem jemanden abzuschleppen?“

„Was denn für eine Szene? Die der sexuell frustrierten, reichen und erfolgreichen Computerfreaks?“

Bourdain schnaubte. Sarkasmus triefte schwer von jeder Silbe seiner Worte. Sean glaubte alten Frust und unreifen Hunger aus seiner Aussage herauszuhören, wollte sich aber darauf nicht festlegen. Es gelang ihm nicht sein Gegenüber einzuschätzen, schließlich lernte er heute eine ganz andere Seite von ihm kennen. Eine, von der er nicht einmal geahnt hatte, dass sie existierte.

„Nein, mal ganz ehrlich. Warum sind Sie alleine?“, fragte Sean mit ernster Stimme und ehrlichem Interesse. Er spürte die Wärme des anderen Mannes, empfand sie aber nicht als unangenehm. Nicht in diesem sich selbst bemitleidenden Moment.

„Warum schlafen Sie im Auto, auf dem Parkplatz der Firma, aus der man Sie rausgeschmissen hat?“

„Fragen beantwortet man nicht mit Gegenfragen.“

„Wieso nicht?“

„Weil das anstrengend ist.“

„Soll ich Sie stattdessen lieber küssen?“

„Lieber nicht. Ich will nicht fortsetzen, was Ihre Hand im Büro angefangen hat.“

„Ich schon.“

„Das war zu erwarten.“

Nach ihrem kurzen Schlagabtausch kehrte klammes Schweigen ein, das Sean schlimmer fand, als mit seinem Boss darüber zu reden, mit ihm Sex zu haben. Wenigstens redeten sie miteinander. In der Stille konnte Bourdain noch auf Einfälle kommen, die über bloße Worte hinausgehen würden. Und so war es auch.

Der Brünette streckte seine Hand nach Sean aus, die dieser nicht sehen, aber an seiner Taille spüren konnte. Die Hitze schien ein Loch in sein Hemd zu brennen. Das Licht spielte reizvoll mit Bourdains Gesichtszügen, die eine widersprüchliche Mischung aus Amüsement und Hohn waren.

„Haben Sie es sich überlegt, Mr. Grandy?“, fragte er rau und Sean konnte deutlich seinen Atem in seinem Gesicht spüren. Er roch nach Aftershave und Pfefferminz, welches eine kühle Distanz schaffte. „Jetzt kennen Sie die Bedingungen für eine Wiedereinstellung.“

Sean atmete rasselnd aus. „Sie wissen, dass ich verheiratet bin.“

Bourdains Oberlippe kräuselte sich. „So gut kann Ihre Ehe wohl nicht laufen, wenn Sie mir auf dem Parkplatz auflauern.“

Sean überhörte das mit der Ehe und konzentrierte sich lieber auf Bourdains Arroganz. „Ich hab Ihnen bestimmt nicht aufgelauert. Ich habe mich mental auf ein Gespräch vorbereitet.“

„Und? Ist es gelaufen, wie Sie es sich vorgestellt haben?“

„Ganz und gar nicht.“

„In Ihrer Version habe ich Sie bestimmt angefallen und mit Haut und Haaren gefressen.“

„So was in der Art.“

„Rotkäppchen und der böse Wolf?“

„Hänsel und Gretel.“

„Tatsächlich?“ Bourdain kam ihm wieder ein Stück näher. Sean presste den Rücken ins Auto, aber es schmerzte nur, deswegen ließ er es bleiben. „Die böse Hexe bin nicht ich, denn die hält Sie daheim an der kurzen Leine.“

„Nein, Sie locken doch mit Süßigkeiten.“ Sean räusperte sich erneut. „Lassen wir das mit den Metaphern, mir schwirrt schon der Kopf.“

Bourdain schlug die Augen nieder und der Glanz, der in ihnen lag, als er Sean wieder ansah, bereitete diesem Unbehagen. Ihre Knie und Oberschenkel berührten sich. Bourdains Hand lag noch immer in seiner Taille, darüber hinaus passierte aber nichts.

„Wo schlafen Sie heute Nacht?“, fragte der Brünette unschuldig. „Soll ich Sie irgendwo absetzten?“

„Ich bin selbst mit dem Auto da.“

„Und der Tank ist bestimmt leer.“

Woher weiß er das bloß? Es war nicht schön, wie dieser Mann ihn durchschaute, während Sean nicht die blasseste Ahnung hatte. Irritiert zog er die Augenbrauen zusammen. Bourdain war ihm unheimlich.

Mit der freien Hand, die teilnahmslos an seiner Seite heruntergehangen hatte, strich Bourdain über Seans Brust, dem die Nackenhaare zu Berge standen. Sean schielte zu seinem Auto.

„Nein“, sagte er unsicher. Es hörte sich nach einer Frage und nicht nach einer Aussage an.

„Schwach“, konterte Bourdain und mit einem Mal wurde die Situation todernst. „Sie sind erbärmlich. Wenn Sie sich wenigstens das eingestehen würden. Ihre Frau hat Sie ganz schön unter dem Pantoffel, wenn Sie hier auftauchen mit der ernsthaften Absicht auf meine Forderungen einzugehen. Sie haben nicht die Courage ihr die Meinung zu sagen. Aber auch nicht die Gelassenheit, um sich von ihrem Boss vögeln zu lassen. Entscheiden müssen Sie sich aber irgendwann.“

Bourdain wirkte richtig außer Atem.

„Gehen Sie nach Hause, Mr. Grandy. Kommen Sie wieder, wenn Ihnen ein paar Eier gewachsen sind.“

Ein widerlicher, pelziger Geschmack belegte Seans Zunge, während sein Magen revoltierte, als habe er Gift getrunken. Bourdains dunkle Gestalt wurde kleiner. Dann war sie vollkommen aus seinem Blickfeld verschwunden und nur das Echo seiner Berührung blieb warnend zurück.

Kapitel 3

Zerknittert, mit stechenden Rückenschmerzen und steifem Nacken erwachte Sean mit den ersten Sonnenstrahlen. Die Autotür öffnete er unter erheblichen Anstrengungen, hievte den linken Fuß heraus und ließ den Rest von sich herausfallen wie überreifes Obst. Zu mehr war er nicht in der Lage.

Der Asphalt war kalt und binnen weniger Sekunden spürte Sean Nässe durch sein Jackett und seine Hose dringen. Es musste nachts geregnet haben. Er konnte sein Glück kaum fassen. Wenn er schon mal hier unten war, sollte er sich vielleicht gleich auch das Gesicht in der Pfütze waschen.

Stöhnend richtete er sich auf und versuchte den groben Schmutz mit den Händen abzuklopfen, was die feuchten Flecken aber nicht schöner machte. Sein Haar stand wild von seinem Kopf ab, während tiefe Augenringe seine Verwandtschaft zu den Pandabären vermuten ließ. Rote und weiße Striemen zeichneten sich auf seiner Wange ab, da er die ganze Nacht auf irgendwas gelegen hatte, das einen deutlichen Abdruck auf seinem Gesicht hinterlassen hatte.

Sean streckte den Rücken durch, spürte die Wirbel einrasten, dann zog er einmal kräftig an seinem Jackett und machte sich selbstbewusst Richtung Eingangstür. Dort stellte er fest, dass sein Code bereits gesperrt worden war. Niedergeschlagen ließ er den Kopf hängen. Er hatte vor allen anderen ins Büro gehen wollen, damit keiner seinen erbärmlichen Zustand bemerkte. Bourdain war sicherlich schon dort.

Unsicher blickte er durch die Scheibe in die Eingangshalle. Bis auf ein paar Wachmänner, war es noch ausgestorben. Vergeblich versuchte er ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und ihnen pantomimisch zu zeigen, dass er seine Karte vergessen hatte. Sie bemerkten ihn nicht.

Eine unerwartete Berührung an seiner Schulter ließ ihn hochschrecken.

„Was machen Sie hier?“, fragte eine zaghafte Frauenstimme leise.

Sean wirbelte herum. Vor ihm stand eine schlanke junge Brünette in einem grauen Kostüm. Sie saß drei Blöcke von ihm entfernt. Ihr Name war…

„Nancy?“, fragte er unsicher.

„Ja. Sie kennen mich?“

„Ich bin’s. Sean Grandy.“ Sean strich sich durchs Haar und hoffte, dass sie ihn wiedererkennen würde. Einige verhängnisvolle Sekunden verstrichen, in denen sie ihn interessiert musterte.

„Wurden Sie überfallen?“

Sean wollte gerade abwinken, als er sich eines Besseren besann. „Ja. Und die Schweine haben mir auch meine Schlüsselkarte geklaut. Ich muss in mein Büro, um den Zweitschlüssel fürs Auto zu holen. Nachdem sie erkannt haben, was das für eine Rostlaube ist, hatten sie keine Motivation mehr es zu klauen. Die Schlüssel wiedergegeben haben sie mir aber nicht.“

„Oh mein Gott, Sie Ärmster. Wie lange stehen Sie denn schon hier? Haben Sie die Polizei informiert?“

„Das werde ich. Ganz sicher. Aber ich würde doch gerne nach Hause fahren und mich ein wenig frisch machen.“

„Das kann ich verstehen.“ Ihr skeptischer Blick durchbohrte ihn. Er hoffte, dass ihre Gutmütigkeit ausreichen würde, um seiner lahmen Lüge Glauben zu schenken. Das tat sie.

Bevor die Sicherheitsleute ihn bemerken konnten, schlüpfte Sean unauffällig durch die Tür zum Treppenhaus.

Im zweiten Stock verließ Sean das Treppenhaus und nahm den Lift nach oben in die Chefetage. Mit Erschrecken stellte er das Ausmaß seiner nächtlichen Schlafaktion im Auto fest. Aus der verspiegelten Innenverkleidung des Lifts blickte ihm ein Mann entgegen, den er selbst kaum wiedererkannte. Vergeblich versuchte er seine Haare mit etwas Spucke platt an seinen Kopf zu drücken, aber die widerspenstigen Strähnen weigerten sich ihm zu gehorchen.

Das unheilvolle Zing! des Fahrstuhls signalisierte, dass er angekommen war. In der Hölle. Sean atmete zwei Mal tief ein und aus, dann betrat er den Flur.

Augenblicklich flog der Kopf der Sekretärin im Vorzimmer hoch. Noch war praktisch niemand im Gebäude und schon gar nicht unterwegs zum Chef, um ihn gleich morgens zu stören. Bei seinem Anblick rutschte ihr die Brille von der Nase. Sie wirkte wie ein Geier, der gerade ein Stück Aas erblickt hatte. Sean schaffte es ganze drei Meter weit zu kommen, als sie hinter ihrem Schreibtisch hervorsprang und ihm den Weg versperrte.

„Wo wollen Sie denn hin, Mr. Grandy? Sie haben nach Ihrer Kündigung keinerlei Befugnis sich in diesem Gebäude aufzuhalten.“

Sie wusste davon. Selbstverständlich. Schließlich war sie Bourdains persönliche Sekretärin. Aber sie würde kein Hindernis darstellen, dachte er zumindest. Leider irrte er auch diesmal.

Erfolgreich hielt sie ihn mit vollem Körpereinsatz davon ab, sich zur Tür des Büros vorzuarbeiten. Ihre Rechte umschlang seinen Oberarm, während sie übers Headset den Sicherheitsdienst verständigte. Er hatte nur noch wenige Minuten, bevor er sich mit schmerzenden Gliedern auf der Straße wiederfinden würde.

Grob stieß er ihr seinen Ellenbogen in die Brust, was nicht besonders gentlemanlike war, aber ihm gingen die Optionen aus. Schnell riss er die Bürotür auf und wollte gerade im Raum dahinter verschwinden, als die Tür zurückfederte und krachend ins Schloss fiel. Sean spürte den Schlag der Vollholztür an der Wange. Zu seinem Pech hatte er sich gerade nach der Sekretärin umgesehen. Benommen taumelte er zurück.

Im Hintergrund hörte er die schweren Schritte des Sicherheitsdienstes im Flur widerhallen. Nur noch wenige Sekunden.

Unkoordiniert stolperte Sean mit der Sekretärin im Schlepptau durch die Tür. Sie hatte sich in seinem Jackett festgekrallt und ihre Stilettos in den weichen Teppichboden gerammt. Sean spürte, wie der Stoff unter ihren Nägeln nachgab. Schlimmer konnte es wirklich nicht mehr kommen.

Dann erblickte er Bourdain. Missfallend sah er die beiden Störenfriede an, als wären sie Außerirdische von einem anderen Planeten. Seine himmelblauen Augen lagen hauptsächlich auf Sean.

„Ich muss mit Ihnen sprechen, Mr. Bourdain. Diese Angelegenheit duldet keinen Aufschub“, sagte er mit unerwartet sicherer Stimme.

Sein Chef musste nur die Hand heben und das kreischende Teufelsweib verschwand, wie durch Zauberhand zusammen mit dem Sicherheitsdienst, der polternd eingetroffen war.

So macht er das also. Einfach schnippen und jeder tat, was er wollte. Nicht mit mir.

Sobald sie alleine waren, musterte Bourdain Sean mit regem Interesse. Der Blonde glaubte, dass er sowohl Häme, als auch Sehnsucht in seinen Augen erkannte. Was absolut widersprüchlich war. Unerwartet begann er seinen Chef anzuschreien.

„Das ist-,“ Sean unterbrach sich selbst, um peinlich berührt die Tür zu schließen, bevor er fortfuhr. Dieses Mal etwas leiser.

„Das ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Ich könnte Sie anzeigen.“

Ein süffisantes Lächeln umspielte Bourdains Lippen, während er die Arbeit, mit der er vor der unbedeutenden Unterbrechung beschäftigt war, fortsetzte. Er ignorierte Sean, so als ob er ein Lüftchen wäre, das aus den geöffneten Fenstern herein wehte.

Drohend kam Sean näher. Zumindest hoffte er, bedrohlich zu wirken. Trotzig reckte er das Kinn in die Höhe und ließ seine Brust anschwellen, wobei er sich wie ein Gockel vorkam, der eine Henne umwarb.

„Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“, fragte Sean mit tiefer drohender Stimme.

„Witzig, dass Sie die ganze Nacht gebraucht haben, um das auszubaldowern.“

„Sie gehen ins Gefängnis.“

Bourdain lächelte erneut, bevor er amüsiert sein Gegenüber betrachtete.

„Nein, das tue ich nicht“, antwortete er mit gelassener Arroganz.

„Tatsächlich?“

Sean kam sich erschreckend erbärmlich vor. Sein Zorn war wie weggeblasen. Seine Naivität pinkelte ihm wie üblich dreckig lachend ans Bein. Er war nicht Furcht einflößend genug. Jedes anständige Menschenwesen hätte diesem verabscheuungswürdigen Ekelpaket mit einem Tritt die Kronjuwelen zerschmettert oder wenigstens eine deftige Ohrfeige versetzt. Er dagegen wollte nur noch die Flucht ergreifen.

„In weniger als zehn Sekunden hätten meine Anwälte Sie fertiggemacht. Dann würden Sie wegen Verleumdung einsitzen. Sie hätten weder Geld, noch Würde und binnen weniger Tage, sicherlich auch keine Unschuld mehr.“ Bourdain zog die Augenbrauen hoch, als ob ihm der letzte Punkt seiner Ansprache besonderes Vergnügen bereiten würde.

„Sobald Sie wieder draußen sind, werden Sie keinen besseren Job, als den eines Putzmanns bekommen, das ist Ihnen doch klar.“

Sean schwieg, sichtlich überrumpelt von der traurigen Wahrheit. Verschwörerisch laut tickten die Sekundenzeiger der großen, goldenen Uhr hinter ihm, wie ein unheilvolles Ungeheuer, während seine nicht gerade rosige Zukunftsversion, vor seinem geistigen Auge ablief.

„Sie wissen schon, was Sie da verlangen.“

„Nein, was verlange ich denn?“, fragte Bourdain mit Unschuldsmine.

„Ich soll mich für Sie prostituieren“, flüsterte Sean heiser. „Ich bin vielleicht verzweifelt, aber nicht total bescheuert.“

„Und was wollen Sie dann hier?“

„Das ist unmoralisch.“

„Was interessiert mich das? Sie haben immer noch die Wahl. Und können einfach verschwinden. Wenn Sie sonst nichts mehr zu sagen haben, dann entschuldigen Sie mich bitte, Mr. Grandy. Ich habe zu arbeiten.“

Indem Bourdain sich seiner Arbeit widmete, signalisierte er Sean, dass für ihn das Thema erledigt war. Sean ließ die Schultern hängen. Und ging.

Niedergeschlagen fiel sein Blick auf die Sekretärin, die ihn missgelaunt beäugte und die Hand bereits nach ihrem Telefon ausstreckte, als er auf dem Absatz kehrt machte und erneut in Bourdains Büro zurückstampfte.

Das war unmoralisch, aber ohne den Job war er schlimmer dran und vielleicht würde Bourdain sich ja noch besinnen. Er konnte ihn immer noch von seinen Fähigkeiten als wertvoller Mitarbeiter überzeugen. Seine Chancen standen besser, wenn er blieb. Nüchtern musste er die Wahrheit akzeptieren, dass er sich nicht in der Lage befand, dieses Angebot, egal wie vermessen es war, abzulehnen.

Die Rollläden vor der Glasfront waren noch immer zugezogen. Allerdings waren sie repariert worden. Sean versuchte seinen Verstand aus der Situation rauszuhalten. So schlimm würde es schon nicht werden.

Oder?

Holden Bordain stand am Fenster seines Büros, während er über die Stadt hinweg blickte. Ihm entfuhr ein überraschter Seufzer, als Sean ihn herumdrehte und ihre Lippen hart aufeinander legte. Überrumpelt stolperte er zurück. Seine Oberschenkel stießen gegen seinen Schreibtisch und Sean schaffte es sogar ihn so ungestüm zu schubsen, dass Holden den Bildschirm seines PCs umwarf.

Er durfte einfach nicht darüber nachdenken.

Weniger denken.

Das funktioniert nicht!

Sean spürte die Panik in seinem Inneren aufkeimen. Da half es auch nicht an quietschende, kleine Hundewelpen oder Blumengestecke zu denken. Es änderte nichts daran, dass die Lippen unter den seinen fest waren, der Dreitagesbart seines Chefs seine Wange aufscheuerte und der bittere Geschmack, von dessen morgendlichem Kaffee seine Zunge belegte.

Es war Holden, der den Kuss abrupt beendete, indem er ihn grob zurückstieß. Sein Atem ging schwer, als er sich mit der Handfläche über den Mund wischte.

„Sind Sie denn komplett von Sinnen?“

Kapitel 4

Irritiert starrte Sean sein Gegenüber an. Keinen einzigen Ton brachte er über die Lippen. Er erwachte erst aus seiner Starre, als Bourdain ihn zum wiederholten Mal ansprach.

„Hören Sie überhaupt, was ich sage? Erde an Grandy! Erde an Grandy!“ Der Brünette schnippte mit den Fingern vor Seans Gesicht, um dessen Aufmerksamkeit zu erlangen.

„Was sollte das werden, Mr. Grandy?“, fragte er brüsk.

„Was?“, Sean wirkte verwirrt. „Da-Das wollten Sie doch.“

„Was?“

„Na, das hier.“ Vergeblich versuchte der Blonde, mit den Händen, die Situation einzufangen.

„Damit habe ich nicht gemeint, dass Sie die Erlaubnis haben über mich herzufallen und mir die Zunge in den Hals zu stecken, verdammt“, zischte er.

„Aber gestern haben-.“

„Das war gestern, nicht heute.“

„Was wollen Sie denn dann? Ich bin verwirrt.“

„Das ist ja nichts Neues“, murmelte Bourdain gereizt.

Ergeben warf Sean die Hände in die Luft, dann setzte er sich geschlagen auf die Kante des edlen Bürotisches. Er hatte nicht mehr die Kraft aufrecht zu stehen. Ein mulmiges Gefühl ergriff von ihm Besitz und rumorte in seinem Inneren wie ein hungriges Ungetüm.

Um seine Hände zu beschäftigen, stellte er die umgeworfenen Utensilien wieder auf. Währenddessen suchte Bourdain nach seinem Headset, das bei ihrer unerwarteten körperlichen Aktion irgendwo zwischen Stuhl und Tisch gefallen war.

Mit seriöser Professionalität entschuldigte er sich bei seinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung für die Unterbrechung. Erst da erkannte Sean, dass es eventuell ungebetene Zuhörer gegeben haben könnte. Seine Ohren brannten heiß vor Scham.

Während seines kurzen Gesprächs ließ Bourdain ihn keine Sekunde aus den Augen. Sein bohrender Blick war unangenehm und von der Leichtigkeit, die am Abend zuvor auf dem Parkplatz zwischen ihnen geherrscht hatte, war nichts mehr zu spüren. Sean fühlte sich wie ein ungezogener Junge auf der Schulbank, der auf seine Bestrafung wartete, dem der Rektor aber keinerlei Beachtung schenkte. Die Ungewissheit brachte ihn zum schwitzen. Nervös zog er an dem Knoten seiner Krawatte.

Die Sekunden bis Bourdain sein Gespräch beendet hatte, fühlten sich zäh und unwirklich an. Dann endlich wandte er sich wieder Sean zu.

„Damit das klar ist - und ich möchte mich in diesem Punkt nicht wiederholen - ich bestimme die Regeln und Sie befolgen sie oder verschwinden aus meinem Büro und setzen nie wieder einen Fuß hinein.“

Sean verstand nicht, warum er plötzlich so aggressiv wirkte, als ob ihn etwas fürchterlich verärgert hätte. Er schluckte und nickte vorsichtig mit dem Kopf.

„Es ist nicht, was Sie tun, sondern wie. Das ist ein Arbeitsplatz und im Gegensatz zu Ihnen kann ich mir derartige Verfehlungen nicht leisten.“

Sean runzelte die Stirn. „Aber-.“

Bourdain hob einen Zeigefinger. Der Andere verstummte.

„Sie sind wieder eingestellt. Aber Sie durchlaufen eine Probezeit. Wenn Sie die bestehen, dann reden wir weiter.“

Sean hob die Hände. „Moment mal. Und wie genau soll meine Arbeit aussehen? Ich versteh das nicht, ich dachte, Sie wollten-.“ Er schürzte die Lippen. Wie sollte er das nur formulieren?

„Sex?“, half Bourdain ihm.

„Ja.“

„Ganz so einfach ist es nicht.“

„Wie?“

Bourdain knurrte. „Sie wurden gefeuert, weil sie schlampig und unkonzentriert gearbeitet haben. Für so eine Arbeitsmoral ist hier kein Platz, Mr. Grandy. Das ist ein seriöses, expandierendes Unternehmen und jeder einzelne Mitarbeiter ist für den zukünftigen Erfolg verantwortlich.“

Mit diesen Worten trat Bourdain an ihn heran, richtete das Revers an Seans Jackett und zog seine Krawatte enger. Sean musste erneut schlucken. Dieser Mann war einfach unheimlich.

„Ihnen fehlt Disziplin. Aber ich werde Ihnen dabei helfen, ein vollwertiges Mitglied unserer Firma zu werden.“

Unruhig hüpften Seans Augen über Holdens makelloses Gesicht. Er inhalierte dessen Duft. Sein Mund war staubtrocken, der Hals kratzig. Er verstand gar nichts mehr. Unbeholfen drehte er den Ring an seinem rechten Finger.

„Sie treffen mich um 14 Uhr auf dem Parkplatz. Ich habe eine wichtige Aufgabe für Sie. Enttäuschen Sie mich bitte nicht noch einmal, Mr. Grandy“, warnte ihn Bourdain. Damit war das Gespräch beendet.

Perplex starrte Sean ihn an. Hatte er sich seinen Flirt gestern Abend etwa nur eingebildet? Schließlich war er eingenickt. Vielleicht hatte er das nur geträumt. Das wäre nicht das erste Mal. Aber den Kuss hatte er sich definitiv nicht eingebildet. Sean wollte ihn danach fragen, tat es aber nicht.

Nach wenigen Minuten, als er sich immer noch nicht gerührt hatte, blickte Bourdain von seinen Unterlagen auf.

„Ich bezahle Sie nicht fürs Gaffen. Gehen Sie an ihren Schreibtisch und setzten Sie fort, was Sie gestern begonnen haben. Über das Weitere reden wir später. Ich habe zu tun.“

Folgsam machte Sean, wie ihm gesagt wurde und verließ Bourdains Büro. Ihm war schlecht.

Seit einigen Minuten schwebten Seans Finger reglos über der Tastatur. Er saß auf seinem gewohnten Platz, in einer von zahlreichen, kartonartigen Sitznischen des Gebäudes und stierte gebannt auf die weiße Bildschirmfläche vor sich.

Bevor der Rest seiner Kollegen zur Arbeit erschienen, hatte er sich notdürftig gesäubert, das Gesicht gewaschen und die Haare gekämmt. Doch die Blässe auf seinen Wangen war, seitdem er Bourdains Büro verlassen hatte nicht gewichen. Ebenso wie das komische Gefühl, das ihn wie einen Virus beherbergte.

Vorsichtig legten sich seine Fingerkuppen auf die Buchstaben und formten drei Worte.

,Sexuelle Belästigung Arbeitsplatz‘, schrieb er.

Erstaunlich war die Vielzahl der Ergebnisse. Ihm war klar, dass so etwas weit verbreitet sein musste, aber dennoch war es erschreckend, wie dieser Begriff ausgelegt wurde. Schockiert scrollte Sean sich durch die Flut an Informationen. Seine Hände schwitzten. Interessiert blieb er an einem Artikel, der seriös wirkte, hängen.

Nach den AGG wäre sexuelle Belästigung: Kneifen, Klapsen, ein Griff oder ein Schlag auf das Gesäß, umfassen der Hüften, drücken des Beckens an das Gesäß, Berührung der weiblichen Brust (was Sean ausschließen konnte, schließlich hatte er keine) und des Schambereichs.

Er hielt inne und blickte sich um. Na, das war doch offensichtlich, oder? Das musste man kaum erwähnen. Solche Gesten waren eindeutig und schwer falsch zu verstehen. Er dachte an Bourdains hungrige blauen Augen, zumindest kamen sie ihm so vor. Die Hand an seiner Hüfte, falls er das nicht nur geträumt hatte.

Heimliches Fotografieren des Gesäßes.

Pornographische Bilder am Arbeitsplatz.

Sean grunzte. War das überhaupt möglich so etwas nicht zu bemerken? Ob Bourdain auch Fotos von ihm hatte? Gesetzeswidrige Aufnahmen? Kalter Schweiß brach ihm aus. Was wäre, wenn es ganze Gigabytes seines Arschs auf seinem PC gab? Bilder und Videos. Sean wusste, dass es hier auch Kameras gab. Ob er auch Bilder von anderen Mitarbeitern hatte?

Er verdrängte die Bilder, die unkontrolliert vor seinen Augen auftauchten. Bourdain, wie er andere Mitarbeiter in seiner Abstellkammer vernaschte. Auf seinem Büroschreibtisch. Oder in seinem Auto.

Um nicht darüber zu fantasieren, ging er weiter im Text.

Anfassen von Rücken, Schulter, Oberschenkel. Vulgäre oder obszöne Äußerungen, Erzwingung sexueller Handlungen, aufgedrängte körperliche Berührung und Küsse.

Er hätte nicht erwartet, dass selbst harmlose Berührungen sexueller Natur sein könnten. Dann würden sich hier aber alle begrapschen. Sean blickte über den Rand seiner Arbeitsnische. Nicht weit von seinem Platz unterhielten sich zwei Mitarbeiter. Dabei fasste sie ihn an den Ellenbogen und lachte. Nee. Das war doch harmlos. Keiner der beiden schien sich unwohl zu fühlen.

Zwei männliche Kollegen amüsierten sich über etwas besonders Lustiges auf ihrem Smartphone. Dabei bekam einer der beiden einen solchen Lachflash, dass er sich an den Schultern des anderen klammerte, um nicht zu kippen. Naja, auch nicht gerade sexuell, oder? Vielleicht für manche Menschen, die gerne etwas hineininterpretieren würden, aber er konnte jetzt nichts Anstößiges daran finden.

Seine Augen wanderten weiter. Er sah Nancy, die so nett gewesen war ihn hereinzulassen, am Flurende stehen und mit dem Abteilungsleiter sprechen. Sie wirkte eingeschüchtert, ihr Gesicht legte sich in sorgenvolle Falten. Mike Fetcher, ihr Gesprächspartner gestikullierte arrogant.

Sean mochte ihn überhaupt nicht. Er hatte die unmögliche Angewohnheit, plötzlich hinter ihm aufzutauchen und ihn zu erschrecken. Sean war sich sicher, dass er das machte, damit er nicht auf die dumme Idee kam, sich mit etwas anderem, als der Arbeit zu beschäftigen. So bestand immer die Gefahr, von ihm erwischt zu werden.

Sean seufzte und laß weiter.

Aufforderung zu sexuellen Handlungen. Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung betrieblicher oder dienstlicher Vorgesetztenpositionen.

Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Er vergrub das Gesicht in den Händen. Bourdain nutzte seine Position offen aus.

Ein Gerichtsverfahren ist der letzte Ausweg und gerade in solchen Angelegenheiten für die Beteiligten oft peinlich, stand zum Schluss.

Das waren wahrlich keine rosigen Aussichten. Hilfe suchend blickte Sean nach rechts und links, sah aber nichts, als die graue Wandverkleidung seiner tristen Arbeitsnische. Dumpf drangen die Stimmen einiger Kollegen zu ihm herüber. Er hatte sich noch nicht richtig ins Team integriert. Er kannte niemanden richtig, dafür war er noch nicht lange genug da. Bourdain hatte sich das perfekte Opfer ausgesucht.

„Verdammte Scheiße!“, rief er aus. In Gedanken versunken, ließ er seinen Blick beiläufig über den Bildschirm gleiten.

Kopflos sprang er von seinem Stuhl auf, dabei warf er die halbvolle Kaffeetasse um. Direkt über die empfindliche Tastatur. „Shit. Shit. Shit.“

Schnell versuchte er die braune Suppe aufzuwischen. Der größte Teil davon sickerte zwischen die Tasten. Alle Dokumente waren durchtränkt und sogar sein Hemd hatte einige unschöne Spritzer abbekommen. Er fühlte sich elend, hatte aber keine Zeit mehr in seinem Selbstmitleid zu baden.

Er gab auf seinen Arbeitsplatz vor dem Ertrinken zu retten, stattdessen eilte er mit schnellen Schritten den Gang hinunter zu den Aufzügen. Hastig zwängte er sich an einer Schar schnatternder Sekretärinnen vorbei. Vertieft in seiner Panik, hörte er die Rufe nicht, bis ihn ein plötzlicher Ruck herumriss.

„Wie oft soll man Sie eigentlich rufen, Grandy?“ Mike Fetcher hatte ihn am Oberarm gepackt und brutal herumgedreht.

„Mike.“

„Für Sie immer noch Mr. Fetcher! Wo wollen Sie denn so schnell hin? Haben Sie denn Ihre Aufgabe schon erledigt?“

Der Griff um seinen Arm war unnachgiebig. Fast schmerzhaft. Verwirrt blickte Sean ihm in die Augen.

„Wie bitte?“

„Ihre Arbeit, Grandy. Das ist das, wofür man Sie bezahlt.“

Er überlegte kurz. Ihm stand jetzt echt nicht der Kopf danach. Er hatte es eilig.

„Was geht Sie das an?“, fragte er unverblümt.

„Werden Sie nicht unverschämt, Grandy. Ich bin der Abteilungsleiter.“ Hochnäsig reckte dieser das Kinn in die Höhe und schnaubte.

Der Mann war kleiner als Sean, durchaus attraktiv mit schwarzem, perfekt frisiertem, vollem Haar, das an den Schläfen bereits leichte, graue Ansätze zeigte. Mit einer Bewegung befreite Sean sich aus seinem Griff.

„Rücken Sie allen so auf die Pelle?“, fragte Sean ärgerlich. Seine Geduld reichte ihm einfach nicht aus, um eine Diskussion mit Fetcher anzufangen. Der seinerseits nicht dazu neigte, Verständnis für andere zu zeigen.

„Nur denjenigen, die ihre Arbeit vernachlässigen.“

„Meinen Sie etwa die Unterlagen, die Sie mir gestern erst gegeben haben? Die Deadline dafür ist erst nächste Woche Freitag.“

„Das ist mir bewusst, aber wir sind im Verzug, wie Sie sehr wohl wissen“, klugscheißerte jener. „Ich will Sie heute.“

„Das hätten Sie gestern erwähnen können.“ Langsam brodelte die Wut in ihm hoch. Warum konnten ihn nicht einfach alle in Ruhe lassen? Binnen weniger Stunden war sein gemäßigtes Leben nervenaufreibend geworden. Die aufkeimende Sorge, was Bourdain mit ihm vorhatte, schürte seine Gereiztheit zusätzlich. „Ich habe die Unterlagen nicht fertig.“

„Dann, Grandy, weiß ich gar nicht, wo Sie hinwollen. Sie können es sich nicht leisten Ihren Arbeitsplatz zu verlassen.“

Mit Gewalt bugsierte Mike ihn Richtung seiner Arbeitsnische. Er versuchte es zumindest. Allerdings war Sean kein Fliegengewicht. Mit einer Größe von 1,85 m und 98kg war das kein leichtes Unterfangen. Ganz davon abgesehen, dass er um einiges mehr Muskelmasse besaß, als sein schlankes Gegenüber.

„Ich hab dafür keine Zeit, Mike. Ich habe eine Verabredung. Mit dem Chef.“

„Tatsächlich?“, meinte dieser außer Atem, während Sean zu den Fahrstühlen hechtete. Ungewollte hatte er Mike beiseite gestoßen, sodass dieser sich an der Wand abstützen musste. „Dann kannst du ihm ja gleich ausrichten, dass du gefeuert bist!“

Sean hörte ihm gar nicht mehr zu. Er hatte wirklich andere Probleme. Zum Beispiel Bourdain.

Er hasste Unpünktlichkeit.

Verdammt.

Beschissene Probezeit.

Er kam zu spät!

Kapitel 5

„Zu spät, Mr. Grandy!“

„Es tut mir leid, ich-“

„Das interessiert mich nicht.“

„Ich hab‘ auch nichts anderes erwartet“, gab Sean leise zu. Er war völlig außer Atem. Seine Lungen brannten und schmerzhafte Stiche malträtierten seinen Bauch. Mit den Händen stützte er sich auf seinen Knien ab und versuchte ruhig zu atmen.

„Hol das Auto“, befahl Bourdain ihm.

„Scheiße, kannst du mir nicht mal sagen, was hier los ist?“, fragte Sean verzweifelt. Er merkte nicht einmal, dass er in die kumpelhafte Anrede gewechselt hatte und seinen Chef duzte.

„Sofort“, ignorierte Bourdain ihn und warf ihm die Schlüssel entgegen, die Sean rechtzeitig auffing, bevor das Metall seine Stirn traf. „Ich hab was Besseres zu tun, als Ihnen beim Atmen zuzusehen.“

Was dem wohl wieder für eine Laus über die Leber gelaufen ist?

Kommentarlos spurtete Sean zu dessen Parkplatz. In der Zeit hätte sein Boss ruhig schon das Auto bereitstellen können, wenn er es so eilig hatte. Es waren nur ein paar Minuten, höchstens eine halbe Stunde, die er zu spät war.

Sobald Sean aber das Prachtstück von Auto erblickte, vergaß er sein beschissenes Leben, seinen Chef und die Arbeit und erfreute sich stattdessen lieber an dem Anblick, der sich ihm bot.

Vor ihm stand ein sturmgrauer Audi R8 V10 Spyder. In der nachmittägigen Sonne reflektierte der Lack Seans Abbild, als wäre es ein Spiegel. Das Licht und Schattenspiel erweckte den Eindruck von dynamischer Bewegung, obwohl das Fahrzeug still stand. Die Felgen und die ledernen Seitenteile der Sitze waren blutrot und untermalten die finstere Aura des metallenen Monsters vor ihm.

Sean musste schwer schlucken. Speichel hatte sich in seinem Mund sinnflutartig zusammengestaut. Nicht selten hatte er Bourdains Auto aus der Entfernung bewundert, sich selbst darin vorgestellt, wie er mit der Hand über das in Leder eingefasste Lenkrad strich und seine Faust um den Schaltknüppel gelegt hätte. Er hatte sich das Gefühl vorgestellt, wenn er auf das Gaspedal trat, der Motor laut aufbegehrte und er das Untier zum Leben erweckte.

Er wurde nicht enttäuscht. Die Realität war sogar um einiges besser, als seine Fantasien. Mit dunklem Grollen erwachte der Motor. Unmerklich schwoll Seans Brust an. Er kam sich nicht mehr ganz so bedeutungslos vor.

Selbst die kurze Strecke, die er vom Parkplatz zu Bourdain zurücklegte, reichte bereits aus, damit er sich beflügelt fühlte. Er wurde eins mit dem Auto. In diesen wenigen Sekunden gab es Bourdain nicht. Keine Amanda. Keine Geldsorgen. Und vor allem keine Verpflichtungen mehr.

Doch das Glück währte nicht lange. Sobald er das ungeduldige, genervte Gesicht seines Chefs erblickte, spielte Sean mit dem Gedanken diesen einfach zu überfahren und davonzubrausen. Nur er allein und der röhrende Motor. Allerdings verwarf er diese Idee schnell wieder. Fortuna wäre ihm nicht hold. Binnen weniger Minuten wären die Bullen da, er würde ins Gefängnis kommen. Bitter überrollte ihn die knallharte Realität. Er war nicht zum Vergnügen hier.

,Sklaventreiber‘, dachte er, als er vor Bourdain zum Stehen kam. Kein Stück Spaß war ihm vergönnt.

Behutsam strich Sean über das perfekt geformte, rot-schwarze Lenkrad. Er seufzte schwer und wollte gerade aussteigen, bemerkte jedoch, dass sein Chef an der Beifahrerseite eingestiegen war. Verwundert runzelte er die Stirn.

„Wenn Sie mit der Speichelsammlung fertig sind, könnten wir dann losfahren?“, fragte Bourdain sarkastisch. Seine Stimme hatte den größten Teil seiner Schärfe eingebüßt. Er wirkte jetzt einfach nur angespannt. „Wenn Sie mir auch nur einen Kratzer reinmachen, bezahlen Sie dafür für den Rest Ihres Lebens in Naturalien.“

„Verstanden, El Capitaine“, Sean hatte ihm nicht wirklich zugehört, ansonsten würde er nicht mehr so gelassen dasitzen. Dafür war er einfach zu glücklich dieses Baby fahren zu dürfen.

„Lassen Sie den Unsinn.“

„Wer hat Ihnen denn heute in den Kaffee gepinkelt?“, fragte Sean heiter, sobald das Auto losfuhr. Wie durch Butter glitten Sie auf die Hauptstraße hinaus und brausten Richtung Innenstadt.

Bourdain zog es vor ihn zu ignorieren und ihre Unterhaltung auf die knappen Anweisungen zu ihrem Zielort, der Shoppingmall, zu beschränken. Irgendwie wirkte er in sich gekehrt, nachdenklich. Sean war sich nicht sicher, ob er überhaupt wissen wollte, was diesen quälte.

Zu Seans Bedauern blieben die 525 PS des Audis ungenutzt. Die Fahrt dauerte keine halbe Stunde und das auch nur, weil sie die meiste Zeit an roten Ampeln standen.

Elegant lenkte Sean das Fahrzeug auf einen für gewisse Kunden ausgelobten Parkplatz und kam in einer Lücke zum stehen.Trotz der etwas langen Türen des Audis und den großen Autos, die an den Seiten wie Säulen emporragten, konnten sie mühelos aussteigen. Für Reiche machte man eben größere Parkplätze.

Der überdimensionale Escalade zur Rechten und der Dodge Pickup zur Linken ließen den Audi wie ein Spielzeugauto wirken. Es war unverkennbar, welche Leute hier einkauften. Super reich, superarrogant, mit null Sinn für die arme Umwelt, die unter dem CO2-Ausstoß dieser Riesen erstickte. Menschen, die mit ihrem Geld einfach alles kaufen konnten, das ihrem aufgeblasenem Ego schmeichelte und ihre ansonsten knittrige Persönlichkeit aufbügelte. Aber die schwarzen Flecken auf ihrer Seele würden sie mit keinem Auto, keiner teuren Guccitasche und keinem Pradaschuh verbergen können.

Auf ihrem Weg durch die Straßen hob nicht selten irgendjemand zur Begrüßung die Hand, denen Holden seinerseits ein Nicken oder charmantes Lächeln zuwarf, ansonsten jedoch schwieg.

Alle waren fein rausgeputzt, Schmuck glänzte an ihren Fingern, ihre Haare waren perfekt frisiert. Sean hatte das mulmige Gefühl, man hätte ein schmutziges Schwein zu einem Juwelier geschickt. Und er war das Schwein. Jeglicher Versuch seinen ruinierten Anzug zu richten, scheiterte kläglich. Einem dressierten Hündchen gleich folgte er Bourdain dicht auf den Fersen, wirkte aber keinesfalls so, als ob er zu ihm gehören würde.

Erstaunlich wie viele Menschen nichts Besseres zu tun hatten, außer Geld auszugeben. Bei so gutem Wetter quollen die Cafés und Restaurants über. Heiteres Geplapper beherrschte die Passage.

In Gedanken versunken, bemerkte Sean nicht, dass Bourdain stehen geblieben war und rannte ungebremst in dessen Rücken.

„Machen Sie die Augen auf, Mr. Grandy. Sie sind hier nicht beim Weihnachtsbummel mit Ihrer Frau, sondern noch immer auf der Arbeit.“

„Wir sind da“, sagte jener überflüssiger Weise und ermahnte Sean mit einem einzigen bissigen Blick zur Ordnung.

Tss. Der hatte ja keine Ahnung. Mit Amanda shoppen zu gehen, war die Vorstufe zur Hölle, dagegen war das ein Sonntagsspaziergang, obwohl sein Chef ihrer Laune momentan richtig Konkurrenz machte. Was war so falsch daran, sich gelassen zu geben?

„Sie sind heute so zickig. Hoffentlich ist das nicht ansteckend“, brummte Sean in sich hinein.

„Tun Sie bitte, was ich sage!“, knurrte Bourdain ihm zu, bevor er mit einer komplett ausgewechselten Miene eine kleine Boutique an der Straßenecke betrat. Durch seinen Eintritt schien der Laden überhaupt erst zum Leben zu erwachen.

Eine junge Frau mit hübschen Korkenzieherlocken kam leichtfüßig angeschwirrt und grüßte Bourdain mit Küsschen rechts, Küsschen links. Herzlich grüßte er sie zurück und setzte sein charmantestes Lächeln auf. Doch Sean konnte die verspannte Muskulatur an seinem Hals und Kiefer erkennen, ebenso wie die zusammengebissenen Zähne. Sein Auftreten war nur Show.

„Holden, schön dich zu sehen. Wie kann ich dir helfen, mein Lieber?“, sagte die Dame mit verführerischer, samtiger Stimme, als ob sie Werbung für edle Pralinen machen würde.

„Ich brauche einen neuen Anzug. Für meinen Freund hier, Rosaline.“

Bourdain trat einen Schritt zur Seite und stellte ihr Sean vor. Ihr Lächeln begann bei seinem Anblick leicht zu bröckeln. Sean nahm es ihr nicht übel. Er hätte an ihrer Stelle bestimmt genauso reagiert.

„Nun ja, er wurde von einer fürchterlich, aggressiven Bulldogge attackiert. Kein Scherz. Ich kann mich so nicht mit ihm blicken lassen.“ Bourdain klopfte ihm scherzhaft auf die Brust, während Rosaline ein gespielt schockiertes Gesicht aufsetzte. Die Ausführung war mehr als dürftig. Die Erklärung er habe im Auto geschlafen, sich in einer Pfütze ertränkt und gegen Holdens Sekretärin gekämpft, anschließend seinen Chef angefallen und Kaffee über den kläglichen Rest seiner Kleidung verschüttet, würde wohl einfach den Rahmen sprengen.

„Außerdem braucht er eine neue Robe für heute Abend. Er ist so schrecklich bescheiden und würde es niemals zugeben, aber mit seinem alten Fetzen kann er nur noch Kinder an Halloween erschrecken.“

Beide lachten, wodurch Sean sich erst recht fehl am Platz fühlte. Unwohl trat er von einem Fuß auf den anderen. Bourdains Anspannung schien auf ihn übergesprungen zu sein. Es hatte einen Grund, weswegen seine Laune im Keller war und Sean war sich nicht mehr so sicher, ob er diesen überhaupt noch erfahren wollte.

Rosalines Lippen kräuselten sich, als sie ihn amüsiert betrachtete, dann warf sie einen Blick in Holdens Richtung.

„Keine Sorge wir machen aus Aschenputtel schon eine glaubwürdige Prinzessin.“ Sie grinste. „Er wird heute Abend umwerfend aussehen, dafür werde ich sorgen.“

Mit diesen Worten hackte sie sich bei Sean unter und zog ihn fort. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie sogar mehr wusste als er. Was war denn nur an diesem Abend? Verwirrt blickte er über die Schulter zu Bourdain.

„Was ist denn heute Abend?“

Er bekam keine Antwort.

Mit einer Kraft, die er der zierlichen Frau nicht zugetraut hätte, bugsierte sie ihn in die Umkleideräume, die von außen schmaler wirkten, als sie tatsächlich waren. Dort hätte mühelos eine sechsköpfige Familie Platz, ohne sich dabei auf die Füße zu treten. Die Ausstattung war edel, nicht überladen und eher einfach gehalten, mit einer Sitzbank, einem riesigen Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reichte und einem Garderobenständer. Unter der Sitzbank standen eine Reihe säuberlich polierter Schuhe, die relativ universell gehalten waren und somit praktisch zu jedem Anzug passen würden.

Irritiert ließ Sean sich von Rosaline das Jackett von den Schultern streifen, welches sie sogleich an die Garderobe hängte. Dann schwirrte sie leichtfüßig davon, kam aber bereits nach wenigen Minuten, mit einem sandfarbenen, zweiteiligen Anzug, einem hellen Hemd in Creme und einer nachtblauen Krawatte, wieder zurück.

„Die Größe müsste stimmen. Ich finde, helle Farben passen zu Ihrem fröhlichen Gemüt. Während Sie anprobieren, stelle ich Ihre Abendrobe zusammen,“ sie lächelte. Fragend blickte Sean sie an. Woher wusste sie denn etwas über sein Gemüt?

„Ich weiß schon, was er an Ihnen findet.“ Ihr verschmitztes Lächeln wurde noch eine Spur breiter. Und sie klopfte Bourdain, der aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schien auf die Brust. Dann verschwand sie eben so schnell, wie sie gekommen war und Sean sah sich seinem Chef alleine gegenüber. Dieser schloss die Tür hinter sich, als er in die Umkleide eintrat.

„Ausziehen!“, befahl er.

„Wie bitte?“

„Du hast mich schon verstanden.“

Wow. Er hatte damit gerechnet, aber so schnell? Wirklich? Irgendwie kam das jetzt total unerwartet und - scheiße, er war überhaupt nicht vorbereitet.

„Hör auf nachzudenken. Ich will dich nicht vernaschen.“ Zum ersten Mal an diesem Tag schlich sich ein sanftes Lächeln auf Bourdains ernste Züge. „Noch nicht.“

„Dann jag mir doch nicht so einen verdammten Schrecken ein.“

„Mach dir nicht gleich in den Schlüpfer.“

Bourdain machte zwei große Schritte, dann stand er Sean von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sean schluckte. Sie waren beide in etwa gleich groß, obwohl Sean wesentlich mehr Körpermasse aufwies. Mit seriöser Professionalität machte Bourdain sich an Seans hässlicher Krawatte zu schaffen, dabei zog er die Augenbraue hoch und seine Oberlippe kräuselte sich unmerklich in Abscheu. Sean reichte das aus, um seine Gedanken erahnen zu können.

„Die hat Amanda mir geschenkt. Ich hätte sie ja längst verbrannt, aber dann würde ich bald selbst auf dem Scheiterhaufen landen“, rechtfertigte er sich.

„Die Krawatte oder Amanda?“

„Du hast ja keine Ahnung,“ witzelte der Blonde, womit er auch seine aufkeimende Nervosität zu ersticken versuchte. Holden war ihm so nah. Er konnte seinen Atem auf seinem Hals spüren, die Finger an seinem Schlüsselbein, die damit begonnen hatten das Hemd aufzuknöpfen. Das herbe Aftershave, welches sein Chef benutzte, war unangenehm und berauschend zugleich.

„Du riechst gut“, kam es Sean unbewusst über die Lippen. Sobald die Worte raus waren, wünschte er sich der Boden unter ihm würde sich auftun und ihn verschlingen.

Shit.

Hatte er jetzt seine verdammten Gedanken etwa laut ausgesprochen? Es war nur eine Feststellung. Nur eine Feststellung. Eine Welle der Unruhe durchbrach ihn. Glücklicherweise amüsierte Bourdain die Situation, sodass selbst sein Missmut und die Anspannung abflauten.

„Immer langsam, Tiger.“

„Das ist peinlich.“ Resigniert schlug Sean die Augenlider nieder.

„Absolut.“

„Nimm es als Kompliment.“

Bourdain schmunzelte, sagte aber nichts mehr dazu. Stattdessen widmete er seine ganze Aufmerksamkeit Seans Hemd. Er ließ sich Zeit, während Sean unter seinen Berührungen immer hibbeliger wurde.

„Jetzt halt doch endlich still“, rügte Bourdain ihn.

Sean wurde rot. „Ich kann das auch selbst machen. Ich bin kein Kleinkind mehr.“

„Mir macht es aber Spaß.“

„Warum habe ich was anderes erwartet?“

„Hast du nicht.“

„Nein, habe ich nicht.“

„Umdrehen“, befahl Bourdain wieder.

Sobald er das gesagt hatte, drehte er ihn mit unerwarteter Kraft herum und streifte ihm das Hemd von den Schultern. Dann drehte er ihn wieder zu sich. Sean reagierte blitzschnell, als Bourdain seine Hand nach ihm ausstreckte.

„Den Rest schaffe ich schon“, beteuerte der Blonde.

„Dann runter mit den Hosen.“

„Mich kribbelt‘s, wenn du so herrisch bist“, gestand Sean und grinste belustigt.

„Das hat ein Vorspiel so an sich.“

„Ich wusste nicht, dass wir schon beim Vorspiel sind.“

Es half Sean ungemein, das Ganze mit Witz zu überspielen. Besser, als sich den Kopf zu zerbrechen, was das alles bedeutete.

„Ich spiele immer mit meinem Essen“, sagte Bourdain mit diabolischem Lächeln. „Du brauchst dich nicht zu genieren. Es gibt nichts, was ich nicht gesehen hätte.“

Immerhin hatte er unterwegs wohl seine Laune aufgeklaubt, aber vielleicht hatte er sich auch Valium eingeworfen. Dafür, dass Bourdain so kratzbürstig und kurz angebunden war, flirtete er jetzt hemmungslos mit ihm. Wohin sollte das nur alles führen? Sean wollte sich darüber lieber noch keine detaillierten Gedanken machen.

Widerwillig schälte er sich aus seinen Schuhen und der Hose, solange Bourdain mit vor der Brust verschränkten Armen an der Wand lehnte und ihn intensiv beobachtete. Sean spürte seinen Blick auf seiner Brust, seinem Bauch und seinen Beinen brennen. Er musterte ihn eingehend, dieser Bastard.

„Willst du mich die ganze Zeit begaffen?“

„Warum nicht? Ist ja nicht verboten.“

„Laut Gesetz schon.“

„Darüber haben wir doch schon gesprochen, Sean.“

Bourdain trat an ihn heran. Sean überließ es ihm, die Knöpfe seines neuen Hemdes zu schließen. Zum ersten Mal hatte er ihn mit seinem Vornamen angesprochen. Die ganze Situation war so familiär, als wären sie alte Bekannte.

„Du hättest keine Chance“, erinnerte Bourdain ihn.

Argwöhnisch musterte Sean sein Gesicht, das keinen seiner Gedanken nach außen preisgab. Kein Zucken oder Zögern. Allerdings vermied Holden es ihm dabei in die Augen zu sehen.

„Warum ich?“, fragte er ins Blaue und griff nach Holdens Hand, sodass dieser innehielt.

Mit kalkulierter Präzession lehnte Bourdain sich in Seans Oberkörper, da half es auch nicht, dass dieser sich zurücklehnte, als ob er den Kontakt scheute. Was er auch tat. Abwehrend legte er beiden Hände auf Holdens Brust, stieß ihn aber nicht weg. Er war zu feige, um ihn aufzuhalten, wollte aber den nächsten Schritt nicht tun. Wenn die Zeit nur stehen bleiben könnte. Das tat sie nicht. Nicht für ihn.

Zunächst begnügte Bourdain sich damit ihre Lippen aufeinander zu pressen, obwohl Sean auch das schnell zu viel wurde. Dann spürte er dessen Zunge an seiner Unterlippe.

Scheiße. Ihm entfuhr ein überraschter Seufzer, bei dem er den Mund öffnete. Schamlos nutzte Bourdain seine Schwäche aus. Er wurde fordernder, ließ seine Zunge kühn in Seans Mundhöhle gleiten. Blut rauschte heiß in Seans Ohren und sein Kopf wurde schwerelos, wie ein Heliumballon. Die Luft wurde ihm zu knapp und er machte leise Geräusche, während Bourdain ihn mit sinnlicher Beharrlichkeit bis zur Besinnungslosigkeit geküsst hätte, würde er sie nicht abrupt voneinander trennen.

„Macht das einen Unterschied?“, fragte Bourdain ernst.

Was war die Frage? Sean konnte sich nicht mehr erinnern, worüber sie geredet hatten, bevor Bourdain sich an ihn gepresst hatte. Scharf sog er die Luft ein. Sie blieb ihm im Hals stecken und ließ ihn röcheln, sodass er sich peinlich berührt räusperte.

„War das Antwort genug?“, fragte Bourdain erneut.

Nein. Nicht wirklich. Er war keine Unze schlauer, als vorher. Wenn nicht sogar verwirrter. Bourdain bückte sich und zog ein dunkelbraunes Paar eleganter Herrenschuhe unter der Bank hervor, die er direkt zu Seans Füßen stellte.

„Anziehen.“

Mechanisch tat dieser, wie ihm gesagt wurde, dabei hielt er sich an Bourdains Schultern fest, der niederkniete. Er kam sich schrecklich albern vor. Schlimmer, als ein Kind. Die waren wenigstens tapsig und unbeholfen. Er war ein erwachsener Mann, dem nach einem Kuss fast die Beine versagten. Echt erbärmlich. Und jetzt ließ er sich auch noch von seinem Chef die Schuhe anziehen. Tiefer konnte er einfach nicht mehr sinken.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du sobald vor mir kriechen würdest“, sagte Sean heiter, um das mulmige Gefühl in seinem Magen abzutöten. Humor hatte ihm schon immer das Leben erleichtert.

„Gewöhn dich nicht daran. Es zeigt nur, dass ich dir nicht einmal das Schuhebinden zutraue.“ Bourdain erwiderte seine Heiterkeit nicht. Er schien in Gedanken versunken zu sein. Ein wenig abwesend. Plötzlich öffnete sich die Tür. Keiner der beiden hatte bemerkt, dass es bereits zum dritten Mal geklopft hatte.

„Lasst Euch nicht stören“, flötete Rosaline fröhlich und hängte die Anzüge, die sie mitgebracht hatte an die Garderobe.

„Er hat mir nur-“, versuchte Sean ihr zu erklären, warum Bourdain vor ihm auf den Knien herumrutschte und sich dessen Kopf in gefährlichen Regionen bewegte. Eigentlich hatte dieser aufstehen wollen. Allerdings hatte Sean vor Schreck, als sich die Tür geöffnet hatte, nach dessen Haarschopf gegriffen. Und nun sah ihre Position selbst für den Dümmsten nach dem Offensichtlichsten aus.

„Sean, du reißt mir noch die Haare aus“, zischte Bourdain mit schmerzverzogenem, ärgerlichem Gesicht.

„Bitte seid bloß nicht allzu laut. Es sind noch andere Kunden im Geschäft“, sagte Rosaline noch, dann ging sie zu Seans großer Erleichterung wieder.

„Warum hast du nichts gesagt?“

„Warum sollte ich?“, fragte Bourdain trocken.

„Du hast wohl kein Problem damit, dass sie denkt, du gibst mir einen verdammten Blowjob in der Kabine?“

„Stell dich nicht an. Das machen doch alle“, sagte Holden mit einer wegwerfenden Geste, was Sean ziemlich aufgesetzt vorkam.

„Das ist widerlich.“

Bourdain zuckte mit den Achseln.

„Ich wäre ja aufgestanden, hättest du mich nicht wie ein Gör an den Haaren gepackt.“ Er versuchte sich die ruinierte Frisur zu richten.

„Was ist mit Rosaline?“, fragte Sean. „Macht dir das etwa nichts aus?“

„Ich kenne sie schon ewig.“

„Dann ist sie das schon von dir gewöhnt?“

Resigniert blickte Sean in den Spiegel. Seine Lippen waren gerötet, das Haar am Hinterkopf verwurstelt. Um sich zu beschäftigen, zog er das Jackett über und wollte sich gerade die Krawatte binden, als er das kleine Preisschild bemerkte.

„Oh, mein Gott, Jesus, Josef und Maria“, rief Sean aus.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“

Sean drückte Bourdain die Krawatte in die Hand. „Hast du gesehen, wie teuer dieses Ding ist?“ Er begann sich aus dem Jackett zu pellen. „Das ist viel zu teuer.“

„Beruhig dich. Ich zahle.“ Holden massierte sich die Schläfen.

Sean blickte ihn an, als wäre dieser völlig übergeschnappt. Und dann durfte er das stündlich abarbeiten. Das war es ihm nicht wert. Er hätte sich beim Eintreten in das Etablissement denken können, dass er sich nicht einmal die Schnürsenkel dort hätte leisten können.

„Ich will dir nichts schuldig sein.“

„Das bist du schon“, antwortete Bourdain mit einer Schärfe, die Sean nicht erwartet hatte.

„Ich habe heute eine Verabredung im Montreal Casino. Ich möchte nicht, dass du dort als Straßenfeger auftauchst.“

„Warum nimmst du mich überhaupt mit?“

„Ich brauche eine präsentable Begleitung. Und du bist verzweifelt und frisst mir aus der Hand, reicht das?“

„Aber - Im ernst? Du hast kein Privatleben und ich soll mit dir Theater spielen?“

„Das habe ich nicht gesagt. Es ist besser für dich, wenn du nicht alles im Voraus erfährst.“

„Das klingt ziemlich verdächtig.“

Sean runzelte die Stirn. Er konnte sich denken, was für eine Art Verabredung das werden würde, aber er traute Bourdain eine solche Abgebrühtheit einfach nicht zu. Andererseits hatte er auch nicht erwartet, dass dieser ihn zu seinem Leibeigenen machte, was er gerade tat. Wie eine Puppe wurde er ausstaffiert, um dann den Schweinen zum Fraß vorgeworfen zu werden.

Wenn Holden ihn weiter demütigte, musste er kündigen. Vielleicht musste er sich auch vor anderen Männern entkleiden und das hier war nur eine Übung. Dann würde er aber wirklich kündigen. Eher nicht. Verdammt. Er hatte keine Erfahrung im Strippen.

„Willst du ihn gleich hier entsorgen lassen?“

Unvermittelt riss Bourdain Sean aus seinen katastrophalen Gedanken. Der Brünette stand neben dessen zerknitterten, alten Anzug und begutachtete sich das Material.

„Nein. Es war ein Geschenk.“ Jegliche Heiterkeit, mit der Sean sich verzweifelt hatte bei Laune halten können, war nun vollständig aus dem Raum gewichen.

„Doch nicht von Amanda?“

„Nein.“

Sean räusperte sich. Eine unangenehme Stille beherrschte sie. Keiner sagte etwas. Bourdain schien sich fehl am Platz zu fühlen. „Dann lasse ich ihn in die Reinigung bringen“, sagte er leise und warf sich die Kleidungsstücke über den Arm. Er wirkte zerrissen, während Sean seine Trauer zu verbergen versuchte. Immerhin war es schon lange her.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit setzte Bourdain sich in Bewegung und reichte ihm die Krawatte, die er noch immer in den Händen hielt.

Überrascht zog Sean die Augenbrauen hoch, als er sich erneut zu ihm beugte. Ihr zweiter Kuss war kurz, aber nicht weniger intensiv. Die Luft schien plötzlich um einige Grad kälter.

„Ich bin sicher, die anderen Anzüge werden auch passen“, kommentierte Holden Rosalines Auswahl.

„Enttäusch mich bitte nicht, Grandy. Bewahre Haltung und mach, was ich dir sage.“

Die unsichtbare Wand, die Bourdain von einer Sekunde auf die nächste vor sich aufbauen konnte, war ernüchternd.

„Jedes Zuspätkommen werde ich dir vom Gehalt abziehen. Meine Empfehlung ist heute Abend pünktlich zu erscheinen.“

War das derselbe Mann? Sowie er jetzt mit ihm redete, ging es einfach nur ums Geschäft.

Sean wurde bleich und erneut versagten ihm die Beine. Ein beklemmendes Gefühl erfasste ihn. Es wurde immer stärker, je leiser Bourdains Schritte in seinen Ohren hallten.

Kapitel 6

„Fahren Sie nach Hause. Machen Sie sich frisch.“

Vollgepackt mit riesigen Tüten stand Sean, zusammen mit Bourdain, der lediglich die Autoschlüssel mit sich trug, auf dem Parkplatz. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, Sean zwei neue Anzüge, mitsamt Krawatte, Schuhe und Anstecktuch, sowie einer edle Abendgarderobe, die einer Oscarverleihung würdig wäre, zu kaufen. Tragen musste Sean sie aber dann doch selbst. Bourdain verlangsamte ihm zuliebe nicht einmal seinen energischen Schritt. Entsprechend atemlos stand der Blonde neben ihm und versuchte - zum zweiten Mal an diesem Tag - Sauerstoff in seine malträtierten Lungen zu lassen.

„Willst du mir nicht endlich einmal sagen, was das heute für eine Verabredung ist? Vielleicht muss ich mich mental darauf vorbereiten.“

Bourdain warf Sean einen strengen Blick zu, sodass dieser schwer schluckte. Wie selbstverständlich war er bei der lässigen Anrede geblieben.

„Wie gesagt, und ich hasse es mich zu wiederholen, du brauchst dich nicht mit den Einzelheiten zu quälen“, sagte er. Und öffnete mit einem leisen Klicken den Audi.

Sean seufzte. „Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass du meinetwegen so viel Geld ausgegeben hast. Früher oder später werde ich dafür bezahlen müssen.“

„Wahrscheinlich. Aber auch darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen. Sieh den heutigen Abend als deine Feuertaufe.“

„Das ist ja zum Fürchten.“

„Übertreib nicht so maßlos.“

„Du bist unheimlich. In der Kabine hast du mit mir geflirtet, jetzt lässt du den eiskalten Geschäftsmann raushängen.“

„Und?“

„Ich weiß gar nicht, woran ich bin“, Bourdain zuckte mit den Achseln, als ob er Sean keine Erklärung schuldig wäre. Sean seufzte. „Und, was sage ich jetzt meiner Frau?“

„Wie wäre es mit der Wahrheit?“

„Du spinnst wohl. Ich soll ihr sagen, ich hätte mit meinem Chef eine Sache laufen - ich will dem einfach keinen Namen geben - damit ich meinen Job wieder kriege?“

„Das ist wirklich nicht mein Problem.“

„Das kann ich mir denken. Durch dich werde ich zur Untreue gezwungen.“

„Immer langsam, Grandy“, Bourdain machte ein paar Schritte in seine Richtung. Er wirkte auf eine absurde Art und Weise bedrohlich, obwohl Sean ihm körperlich definitiv überlegen war. „Du bist freiwillig hier. Wenn dir die Bedingungen nicht passen, kannst du noch immer verschwinden. Das kannst du gut.“

Sean runzelte die Stirn. Was sollte das bedeuten?

„Was meinst du damit?“

Bourdain warf ihm einen langen durchdringenden Blick zu, bei dem sich Sean nackt und schutzlos fühlte.

„Sie sehen aus, als ob Sie schnell aufgeben, Mr. Grandy.“

„Das tue ich nicht. Schließlich bin ich noch immer hier.“

„Wir werden sehen, für wie lange.“ Mit den Augen tastete Bourdain sich über Seans verwirrtes Gesicht. „Ich denke, Sie kommen zurecht. Ich habe noch einen wichtigen Termin. Wir sehen uns heute Abend. Kommen Sie nicht zu spät.“

Mit diesen Worten brauste Bourdain davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Fast eine ganze Stunde brauchte Sean, um aus der Innenstadt zu seinem Fahrzeug zu gelangen und dann klapperte die alte Blechdose müde nach Hause. Sein Gefährt kam ihm nach der Fahrt mit dem Audi, wie ein stinkendes, altersschwache Kamel vor. Es war kaum zu ertragen. Der Tag war furchtbar lang und die Kette der Demütigungen würde so bald nicht abreißen. Das grausame Piepen und das dauerhafte Blinken auf dem Armaturenbrett signalisierte Sean, dass sein Kamel dringend Futter benötigte. Er hoffte inständig es bis nach Hause zu schaffen, bevor ihm der Treibstoff ausging. Einen Abschleppdienst konnte er sich nicht leisten.

Amanda erwartete ihn bereits in der Tür. Glücklicherweise hielt sie dieses Mal kein Messer in der Hand.

„Hast du ihn zurück?“, fragte sie gleich zwischen Tür und Angel, während Sean sich mit seinen Einkäufen an ihr vorbeizwängte. Ihm war überhaupt nicht danach mit ihr zu reden. Dafür beunruhigte ihn der bevorstehende Abend zu sehr. Achtlos ließ er im Wohnzimmer alles zu Boden fallen.

„Ja“, erwiderte er knapp.

„Was ist damit?“, fragte sie und zeigte auf die Tüten.

„Arbeitskleidung.“ Und dann beeilte er sich schnell hinzuzufügen, dass sein Chef dafür aufgekommen war.

„Das ist wirklich nett von ihm. Aber ungewöhnlich“, erwiderte sie skeptisch.

Eine Schweißperle sammelte sich verräterisch auf Sean Schläfe. Amanda war nicht dumm. Die ganze Sache stank drei Meilen gegen den Wind, das wusste er selbst. Zuerst die Kündigung und dann eine Wiedereinstellung mit solchen Vergünstigungen.

„Du lügst mich doch nicht an? Ich sehe, wenn du lügst.“

„Selbstverständlich nicht,“ sagte Sean. „Ich muss heute Abend arbeiten.“

„Tatsächlich?“, verwundert zog sie die Augenbrauen hoch.

„Bourdain hat heute ein-“, Sean stockte und lauter nicht hilfreiche Bilder tauchten vor seinem geistigem Auge auf. Es konnte alles ganz harmlos laufen. Er sollte auf das Beste hoffen, aber mit dem Schlimmsten rechnen, dann konnte nichts schief gehen. Sean schluckte. „-ein Geschäftsessen. Also, wenn du mich entschuldigst, Schatz, ich muss mich fertigmachen.“

„Ist gut“, gab sie etwas pikiert zurück. Und irgendwie hatte Sean so eine Ahnung gehabt. Amanda konnte ziemlich einnehmend werden, wenn es darum ging, ihre Langeweile zu zerstreuen. „Dann gehe ich heute eben ins Kino.“

Sean nickte und machte sich auf den anstrengenden Weg die Treppe hoch, jede Stufe zog ihn in einen Sog grimmiger Gedanken.

Die Dusche tat gut, spülte die Nervosität weg, solange das warme Wasser sanft seinen Nacken streichelte. Sobald er sich aber die Frage stellte, welche Unterwäsche er tragen sollte, begann das Dilemma von vorne. Was, wenn er sich heute präsentieren musste? Da konnte er ja nicht irgendwas anziehen. Vielleicht war es sicherer gar nichts zu tragen? Aber, nein, das wäre provokativ. Er kam sich ohnehin billig vor, aber das würde seiner absurden Situation die Krone aufsetzten.

Der Anzug, den Rosaline für ihn ausgesucht hatte, war elegant. Leicht tailliert, betonte er dekadent seinen Körper, ohne aufdringlich zu wirken. Der Schalkragen war aus matt glänzender, echter Seide, die sich optisch von dem Rest des pechschwarzen Kostüms abhob. Ebenso wie die schmale, dunkelgraue Krawatte. Sean wirkte bis auf den nervösen Zug um seine Mundwinkel seriös und selbstbewusst. Verzweifelt versuchte er sein trostloses Spiegelbild durch ein mageres Lächeln aufzuheitern. Leider funktionierte das nicht.

Nach einer Weile fiel ihm ein, dass er keine Zeit hatte, sich zu bemitleiden. Stattdessen machte er sich auf die Suche nach dem letzten Accessoire, der seinen Look komplementieren würde. Kopflos hastete er umher und scannte mit den Augen die Umgebung ab. Wo war nur dieses verdammte Anstecktuch? Eigenartig.

„Nein, nein, nein, nein. Anakin, du verdammter Satansbraten.“

In einer Ecke im hintersten Winkel, umgeben von einer Flut an halb zerrupftem und ausgeweidetem Spielzeug, lag etwas schmutzig Gräuliches, das mit viel Fantasie einmal sein Anstecktuch gewesen war. Allerdings jegliche Würde verloren hatte, nachdem Anakin das teure Stück Stoff mit seinen kleinen Reißzähnen bearbeitet hatte. Da war nichts mehr zu retten.

Sean wusste, wie viel Wert Bourdain auf das Gesamtbild legte. Er würde das fehlende Anstecktuch sofort bemerken und dann würde er sich erneut Rüffel einfangen. Vielleicht würde er ihm seinen Lohn kürzen oder einen Ausgleich einfordern. Sean wollte diese Gedanken nicht weiter ausführen. Er musste sich konzentrieren.

Das Haus lag in völliger Dunkelheit, als er die Treppe herunterhastete, um nach seinen Autoschlüsseln zu suchen. Amanda war ohne einen Abschiedsgruß verschwunden. Sean bedauerte dies nicht. Die Wahrscheinlichkeit war nicht sehr groß, dass er überhaupt aus der Einfahrt kam, aber er hatte keine andere Wahl. Ohne Auto würde er definitiv zuspät kommen.

„Anakin, wo ist dein Vater? Such Papa!“, rief er und sobald er das gesagt hatte, kam ein kleines Wollknäuel mit dem Hintern voran unter dem Sofa hervorgekrochen. Aufmerksam beobachtete der kleine, hellbraune Chihuahua sein Herrchen, während dieser seine Aufforderung wiederholte und ein paar ausladende Gesten mit dem Armen machte. Anakin wedelte mit dem buschigen Schwänzchen, glupschte ihn mit seinen großen, runden Augen an, machte darüber hinaus aber nichts Nützliches.

„Auf dich kann man sich nicht verlassen. Wir müssen endlich an deiner Erziehung arbeiten“, murrte Sean und machte sich auf die Suche nach den Schlüsseln.

Er suchte auf dem Tisch, in sämtlichen Taschen, dann hob er die Kissen auf dem Sofa, wo er die Schüssel zu seiner großen Freude fand. Sobald er nach diesen greifen wollte, sah er etwas Braunes in seinem Augenwinkel auftauchen und schon stand Anakin mit den Schlüsseln im Mäulchen schwanzwedelnd vor ihm. Darth Vader blitze zwischen den kleinen Haizähnen des Chihuahuas hervor.

„Clever. Du bist ein cleverer Hund, Anakin. Jetzt gib Papa wieder her.“

Sean streckte die Hand aus, aber der Hund machte keine Anstalten seinen Worten Folge zu leisten, stattdessen rannte er in sein Körbchen und begann an dem Anhänger zu nagen. Der Blonde eilte in die Küche, holte kleine Knochenkekse, lockte den Hund, holte Wurst, dann Käse. Der Hund gab seine Beute nicht her. Bis Sean wohl oder übel seine Schlüssel aus dessen Maul zerrte. Dabei verlor er wertvolle Zeit und Darth Vader seinen Kopf.

Anakin wendete sich ab und rollte sich in seinem Körbchen ein. Beleidigt zeigte er Sean die kalte Schulter, als dieser sich entschuldigend über ihn beugte. Mehr als seinen flauschigen Rücken bekam er nicht zu Gesicht.

Letzten Endes rannte Sean gehetzt aus der Haustür, setzte sich in sein Auto und versuchte den Motor zu starten. Mit einem lauten Schnauben erstickte er und ließ sich auch mit Flehen und Fluchen nicht wieder einschalten. Er war restlos geleert. Bis auf den letzten Tropfen.

Hilfe suchend betrachtete Sean seine Umgebung. Er könnte sich das Auto seiner Nachbarin borgen. Er wusste genau, wo Mrs. Pekles ihre Schlüssel aufbewahrte und sie würden den Wagen vielleicht erst morgen als gestohlen melden. Er überlegte fieberhaft, gestand sich aber dann ein, dass er so tief nicht sinken wollte und rannte dann los.

Die edlen Armanischuhe machten ein dumpfes Geräusch auf dem Asphalt und die ersten 60 Sekunden fühlten sich verdammt erfrischend an. Wind zerzauste ihm das Haar und schmeichelte seinen Wangen. Sean fühlte die Geschwindigkeit, die Arbeit seiner Beinmuskulatur, die rasende Umgebung, die schemenhaft in seinen Augenwinkeln vorbeizog, während er seinen Blick nach vorne auf die Straße richtete.

Dann war der Zauber vorbei und er begann das Brennen in seinen Lungen zu spüren. Seine Knie schmerzten leidvoll unter dem falschen Schuhwerk. Er strauchelte und wäre fast hingefallen. Scheinwerfer in seinem Rücken irritierten ihn zusätzlich. Penetrant verfolgten sie seinen Weg, seit er losgerannt war. Ihm war das nicht aufgefallen, solange er sich gut gefühlt hatte.

„Bist du übergeschnappt? Steig ein, verdammt“, bellte eine bekannte Stimme von der Seite.

Atemlos griff Sean nach der Tür. Plump ließ er sich in die Sitzpolster des Audis fallen. „Was zum Teufel machst du hier?“

„Ich sorge dafür, dass du es nicht vermasselst, indem du durchgeschwitzt und zu spät zur Party erscheinst. Und jetzt schnall dich gefälligst an!“, befahl Bourdain brüsk, bevor er mit einer Mordsgeschwindigkeit davon brauste.

„Was ist nur mit dir los? Gibt es irgendetwas, das bei dir einfach nicht richtig läuft, wie es soll? Oder endet einfach nur alles in einem brennenden Desaster?“, maulte Bourdain ihn in einer für ihn ungewöhnlich flapsigen Sprache an.

„Woher weißt du überhaupt, wo ich wohne?“, fragte Sean.

„Steht in der Akte.“

„Über mich gibt es eine Akte?“

„Jeder Mitarbeiter hat eine Akte. Lenk nicht vom Thema ab. Ich hab gefragt, warum du so ein verdammter Idiot bist?“

Sein Auto hatte kein Benzin mehr, sein Hund wollte Darth Vader schreddern und er hatte sich Sorgen, um seine Unterwäsche gemacht. Alles Dinge, die ihn in Bourdains Augen noch idiotischer aussehen lassen würden. Also schwieg Sean lieber.

„Ich glaube, ich war nicht deutlich genug. Ich ziehe dir mit jeder Minute, mit der du dich verspätest deinen Stundenlohnsatz ab.“

„Aber ich bin noch nicht zu spät.“

„Das wärst du aber gewesen, Grandy, wenn ich nicht so eine Ahnung gehabt hätte.“ Damit beugte Bourdain sich zu ihm und einen Augenblick lang dachte Sean, er würde ihn wieder küssen, was er nicht tat. Er richtete ihm lediglich die verrutschte Krawatte. „Wir sind da.“

Sean hatte nicht bemerkt, dass sie bereits parkten. Aber das war auch nicht verwunderlich, schließlich musste man bei Bourdains Fahrstil seine Konzentration darauf lenken, sich nicht zu übergeben.

Bourdain öffnete das Handschuhfach und zog eine schmale Schatulle hervor, die er Sean in den Schoß warf.

„Was ist das?“, fragte Sean verwirrt. „Willst du mir einen Heiratsantrag machen?“

„Weit gefehlt.“

Sean öffnete die Schatulle. Darin lagen zwei säuberlich polierte Manschettenknöpfe, die ziemlich teuer aussahen und in dessen Mitte sich ein schwarzer Opal befand. In dessen glatte Oberfläche war ein Buchstabe eingefräst. Ein großes B. Sean hoffte inständig, dass es nicht Bourdains Initialen waren. Das würde ihn irgendwie als dessen Besitz brandmarken. Soweit wollte er nicht gehen.

„Erde an Sean. Gott, was ist nur los? Erst versuchst du mit edlen Armanischuhen einen Marathon zu laufen, dann fällst du mir beim Anblick von Manschettenknöpfen fast ins Koma. Bitte übergib dich nicht noch in die Regenrinne, sonst lasse ich mich einweisen.“

Fassungslos schüttelte der Brünette seinen Kopf und blickte ihn aus dessen klaren, blauen Augen heraus direkt an. Dann griff er nach der Schatulle und nach Seans Handgelenken. Mit geübten Fingern, legte er ihm die Manschetten an. Nichts an seiner Art war liebevoll.

Schließlich öffnete Bourdain die Fahrertür und stieg aus. Sean starrte auf den leeren Sitz, erst das laute Klopfen an der Glasscheibe zu seiner Rechten, ließ ihn erschreckt zusammenzucken. Mit einer aggressiven Geste bedeutete Bourdain ihm, seinen Arsch zu bewegen. Sean tat wie ihm geheißen. Und trottete in gewissem Abstand hinter seinem Arbeitgeber her.

Bourdain meldete sie beide am Empfang. Alles wirkte teuer und edel. Als Sean Bourdains Rücken betrachtete, kam ihm die absurde Idee, dass sie alleine wären. Dass das tatsächlich eine Verabredung war. Ein Date.

Bevor Bourdain ihn weiterführte, drehte er sich zu ihm und begutachtete Seans Erscheinung kritisch.

„Wo ist dein Anstecktuch?“

„Gefressen“, räusperte Sean sich unter dem bitterbösen Blick seines Chefs. „Lange Geschichte.“

Unerwartet griff Holden in seine Brusttasche und entfaltete sein eigenes Anstecktuch, dabei kam ein Zweites zum Vorschein. „Unzuverlässig! Was habe ich mir nur dabei gedacht, dich wieder einzustellen?“

Bourdain wollte keine Antwort darauf, das wusste Sean. Er redete mit sich selbst. Seiner inneren Stimme. Die Anspannung, die er den Einkauf über gezeigt hatte, verdreifachte sich. Sean bewegte sich auf dünnem Eis, bei dem er nicht wusste, wann er einbrechen würde.

Mit geschickten Fingern faltete der Brünette das Tuch und schob es in Seans Brusttasche, dann richtete er sein eigenes Tuch. Bourdain warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu, bevor er ihn zu einem großen Tisch führte, an dem bereits eine Menge fremder Männer saßen. Und sie alle starrten ihn an. Doch kein beschauliches Candelightdinner zu zweit.

„Meine Herren“, grüßte Bourdain höflich. „Ich hoffe, Sie haben alle gut hergefunden?“ Nicken. „Darf ich vorstellen. Sean Grandy.“

Sean schloss für einen Moment die Augen. Ihm brach erneut der Schweiß aus. Hoffentlich erlaubten sie ihm etwas Alkohol in sich hineinzukippen, bevor er sich ausziehen musste.

Bourdain lächelte. „Er ist mein Assistent.“

Was?

Sean versuchte sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Bourdains Griff an seinem Arm war fest und schmerzhaft. Er mahnte Sean dezent zur Achtsamkeit. Mit sanfter Gewalt führte er sie zu den einzigen freien Plätzen. Etwas perplex versuchte Sean die Situation neu zu analysieren. Das war ein verdammtes Geschäftsessen. Gott sei Dank.

Obwohl es nicht bedeutete, dass Sean sich nicht noch ausziehen musste. Er verdrängte alle Gedanken. Darüber konnte er sich sorgen, wenn es so weit war. Die Gelegenheit dazu bekam er gar nicht, da sich der junge Mann zu seiner Rechten an ihn wandte und ihn in unverfänglichen Small Talk hineinzog.

Zwischendurch nippte Sean an seinem Wein. Das Gespräch, zu dem sich bald auch noch zwei weitere dazugesellten, und der Alkohol beruhigten ihn. Ein eifriger Kellner sorgte dafür, dass sein Glas nie leer wurde. Sobald sich der Inhalt zu minimieren begann, wurde ihm nachgeschenkt. Sean war sich durchaus bewusst, dass er zuviel trank. Bald würde er sich nicht mehr unter Kontrolle haben, sobald seine Sinne erst einmal vernebelt waren. Aber solange sie auf das Essen warteten, wusste er mit seinen Händen nichts Besseres anzufangen. Schlimmer war es, gar nichts zu tun.

Verstohlen warf er einen Blick zu seinem Chef, der in einem Gespräch mit seinem fossilen Sitznachbarn - er musste mindestens an die 100 sein - vertieft war. Obwohl der Blonde das Gefühl hatte, dieser würde einen Monolog halten. Der Alte reagierte nicht mal mit einem Zucken. Bourdains Interesse an den etwas aktiveren Mitgliedern der Gruppe blieb eingeschränkt. Er wirkte auf Sean distanziert. Das noch immer volle Weinglas hatte er bis dato nicht einmal eines Blickes gewürdigt. Auch keiner der anderen Gäste zeigte mehr Interesse an Bourdain, als dieser an ihnen. Höchst eigenartig.

Dann wurde die Vorspeise serviert, das Hauptgericht und eine delikate Kleinigkeit zum Nachtisch. Währenddessen trank Sean ausgiebig von seinem Wein, lachte lauthals über die Witze seines Nachbarn und erzählte selbst ein paar pikante Storys, die wiederum die ganze Gesellschaft erheiterten. Er verspürte überhaupt keine Hemmungen mit Fremden zu reden. Ganz im Gegenteil. Ihn überkam die wohlige Wärme, sich auf vertrautem Terrain zu bewegen. Für Bob hatte er zahlreiche Geschäftsessen mit mehr Tiefgang bewerkstelligt.

Zwischendurch bemerkte er Bourdains Hand auf seinem Oberschenkel, die unter dem Tisch nicht gerade sanft in seinen Muskel stach. Der Ausdruck in seinen Augen war zwar ernst, aber das charmante Lächeln wies lediglich ein freches Kind zurecht, ohne zu strafen. Keiner der Anwesenden würde diese Geste unangemessen finden. Für eine Weile dämpfte Sean seine laut gewordene Stimme, verfiel aber schnell in alte Muster. Dann spürte er wieder den Griff um seinen Oberschenkel. Fester. Etwas höher. Gefährlicher.

„Entschuldige, Matt. Ich glaub, ich muss mir mal das Näschen nachpudern“, witzelte Sean ausgelassen. Bei Bourdains letztem festen Griff kippte er beinahe sein Weinglas um und bespritzte sich mit deren Inhalt die Hemdmanschette. Unbeholfen kippte er zur Seite, als er aufstand. Ein paar laute Lacher und der Kommentar, ob ihm jemand das Haar hochalten sollte, wenn er sich in die Toilette übergab, begleiteten ihn durch das Restaurant.

Verlassen war die Toilette des luxuriösen Restaurants, als Sean sich erleichtert an die schwere Messingtür lehnte. Die Kälte in seinem Nacken tat gut. Sie sorgte dafür, dass sich der marmorierte Raum mit den vergoldeten Wasserhähnen und Spiegeln im Barockstil nicht ganz so schnell drehte. Sean schnaubte und schüttelte den Kopf. Selbst die Pissoirs bestanden aus Marmor und Gold, was er mächtig übertrieben fand.

Schwankend trat er an eins der Waschbecken. Er ließ das Wasser in seine offenen Handflächen laufen, dann wusch er sich das Gesicht. Das kühle Nass erfrischte und schärfte seine vernebelten Sinne. Vielleicht sollte er lieber nichts mehr trinken. Es war lange her, seitdem er Alkohol getrunken hatte und das betäubende Gefühl war ihm fremd geworden.

Ihm entwich ein leiser Schrei, als er mit müden Augen in den Spiegel blickte und Holden hinter sich stehen sah. Wie ein Geist war er lautlos aus dem Nichts aufgetaucht.

„Hast du mich erschreckt“, gab er zu und stützte sich erleichtert am Waschbecken ab.

„Was ist nur los mit dir?“, grollte der Brünette drohend. „Du weißt, wie wichtig das Treffen für mich ist.“

„Wäre mir fast entgangen. Im Vergleich zu dir ist Mr. Darcy ein richtiger Partylöwe.“

Bourdain runzelte die Stirn und stemmte die Hände in die Hüften, eine Geste, die er in letzter Zeit gar nicht selten zu wiederholen pflegte. Meistens, wenn er unzufrieden mit Sean war.

„Du blamierst mich. Die Firma“, zischte Holden. Dieses Mal wütender.

„Ich sorge dafür, dass dieses Treffen keine Totenwache wird“, erklärte Sean leichtfertig.

Bourdain trat nah an ihn heran, sodass Sean die Wut in Funken förmlich aus dessen Augen sprühen sah. Sein Zeigefinger bohrte sich schmerzhaft in Seans Brust. „Das ist kein Spiel, Grandy.“

„Oh, doch. Ist es sehr wohl. Und das weißt du.“

Es fiel ihm schwer, sich richtig zu artikulieren. Seine Zunge lag faul in seinem Mund herum. Gleichzeitig sank seine Hemmschwelle unter das Niveau eines Gauners. Und plötzlich erschienen ihm die schmalen Lippen seines Gegenübers, die Wellen, die seine Wangenknochen rahmten und die kleinen Furchen, die sich auf seiner Stirn bildeten, absurd attraktiv. Reue würde ihn morgen hart treffen, wenn er sich dann noch daran erinnern würde.

„Irgendwann werde ich herausfinden müssen, wie lang dein Schwanz ist“, sprach Sean seine Gedanken laut aus. Sofort bereute er seine Offenheit. Verwirrt starrte Bourdain ihn an, was noch mehr krause Furchen in dessen Stirn trieb. Mit Zeigefinger und Daumen massierte er sich den Nasenrücken.

„Du bist so unreif. Ich werde dich schon nicht zwingen, dich nackt mit einem Apfel im Mund auf den Tisch zu legen. Ich hab dir nicht zwischen die Beine gefasst, also beruhig dich wieder. Du bist einfach zu laut und unprofessionell. “

Sean überhörte die Kritik.

„Nicht hier. Aber doch. Genau das hast du“, erinnerte ihn Sean und dachte dabei an ihren ersten Kuss im Büro. „Ich kann diese Gedanken nicht aus mir herausschneiden. Ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, als ich hergekommen bin. Ganz kurz sogar, dass wir ein Date haben, bevor du mich zu entjungfern versuchst. Das kann alles nicht harmlos sein.“

„Das ist ein gottverdammtes Essen mit Klienten. Wenn dich das so beschäftigt, dann können wir es gleich in der Kabine tun“, sagte Bourdain nüchtern und machte einen provokativen Schritt auf seinen Mitarbeiter zu, der augenblicklich einen Schritt zurück machte. „Nein? Dann hör auf mit dem Scheiß und schieb deinen Arsch wieder nach draußen, solange du ihn noch hast. Hätte ich nur gewusst, dass du so verflucht anstrengend bist, dann hätte ich mich gar nicht auf diese Scharade eingelassen. Das ist es nicht wert.“

Den Bruchteil einer Sekunde glaubte Sean verletzten Stolz zu sehen, bevor die Anspannung alle anderen Gefühle überdeckte. Er wurde das Gefühl nicht los, dass Bourdain sich sogar noch deplatzierter fühlte, als er. Der Mann war der Boss einer monströsen Computerentwicklungsfirma, wirkte aber in diesem Raum neben ihm normal und menschlich. Seine Ängste waren echt.

„Du musst nicht nervös sein“, sagte Sean leise. Ein unangenehmes Schweigen beherrschte den Raum. Seine Offenheit würde ihm den Hals brechen.

„Das bin ich nicht“, erwiderte Bourdain.

„Das ist doch kindisch. Wenn du dir das eingestehst, wird‘s leichter.“

„Du bist betrunken, Grandy. Und weißt nicht, was du redest.“

„Bis vor Kurzem warst du ein fantastischer Chef.“

Holden wich seinem Blick aus. Für dieses Gespräch fehlten ihm die Nerven.

„Es wäre auffällig, wenn wir zusammen gehen“, damit verließ er die Toilette. Seine Schritte waren auf dem gefliesten Boden nahezu geräuschlos. Sean starrte noch einige Sekunden in den Spiegel, bevor er ihm folgte.

Es war bereits weit nach Mitternacht, als Sean sich gerädert ins Bett fallen ließ, ohne sich Schuhe oder Jackett auszuziehen. Am nächsten Morgen würde er es bedauern so faul gewesen zu sein. Seine Muskeln würden schmerzen. Die Haut würde sich schlaff anfühlen. Aber jede Bewegung, die nicht lebensnotwendig war, raubte ihm die Kraft. Deshalb strengte er sich gar nicht erst an.

Er konnte sich nicht erinnern, wie er zurückgekommen war. Ob Holden ihn gefahren hatte? Vielleicht war er gelaufen. Amanda war noch nicht zurück.

Als sich die Matratze neben ihm herabsenkte, war Sean bereits in einem tiefen, traumlosen Schlaf versunken.

Kapitel 7

Die Sonnenstrahlen brannten ihm ein Loch direkt durch seinen malträtierten Schädel, indem mehrere Presslufthammer um die Wette die Schutzschicht seiner Erinnerungen aufbrachen. Schnatternd unterhielten sich ein Haufen Spatzen vor dem Fenster und leisteten gute Arbeit seinen Brummschädel zum explodieren zu bringen. Während ein gleichmäßiges, nerviges Dröhnen seine Ruhe störte. Stöhnend zog Sean sich die weiche Decke über den Kopf, in der müden Hoffnung, die Geräuschkulisse von seinem Kopf fernzuhalten.

Dunkel regte sich in ihm der Gedanke, dass er arbeiten musste und mit großer Wahrscheinlichkeit verschlafen hatte. Doch die Rebellion seines Körpers hielt ihn davon ab, erschrocken aufzuspringen und sich eventuell zu beeilen. Ihm war übel. Die Schmerzen in seinem Kopf und in seinen Gliedern gingen über einen normalen Kater hinaus. Es war viel mehr, als hätte er einen Liter KO-Tropfen getrunken, die seinen Körper eisern in die Matratze quetschten.

Sean beobachtete, wie er den kleinen Finger seiner rechten Hand bewegte. Das tat beschissen weh und er wollte es nicht mehr wiederholen. Mit dem Bauch nach unten lag er auf dem Bett, das Gesicht in die Kissen gepresst, während die frische Morgenluft seine nackten Fußballen und seine Beine kitzelte. Wenigstens hatte er es geschafft sich zu entkleiden, bevor er ins Koma eines Betrunkenen gefallen war.

Er sollte versuchen aufzustehen, aber das Bett war so verdammt bequem. Es war weich, frisch und verströmte einen ganz neuen Duft, der seinen müden Sinnen schmeichelte. Leicht holzig. Nach warmen Zedernholz. Würzig süßer Bitter-Orange und aromatischem Kardamom, der durch sein betörendes Aroma sein Gehirn stimulierte. Plötzlich kam ihm der Gedanke, dass dieser Geruch nicht typisch war. Nicht typisch für sein Zuhause. In diesem Moment erinnerte er sich an einen Artikel aus der Frauenzeitschrift, die Amanda abonniert hatte.

Kardamom, nach Safran das teuerste Gewürzöl. Löst Minderwertigkeitsgefühle und sexuelle Blockierung.

Mit lautem Japsen fuhr Sean aus den Kissen hoch. Es roch nach Holden! Ihm wurde um einiges schlechter. Er lag im Bett seines Chefs. Nackt, wie er mit wachsendem Schrecken feststellte.

„Kotzen Sie mir bloß nicht auf den orientalischen Teppich. Ich hab ihn erst vor Kurzem reinigen lassen“, sagte eine nasale Stimme nicht weit von ihm entfernt. Eine korpulente Schwarze stand, die Hände in die üppigen Hüften gestemmt, vor dem Bett. Einen Staubsauger in der einen Hand und einen Wedel in der anderen Hand. Genau diesen Wedel richtete sie auf sein Gesicht.

„Das Bad ist da vorn.“ Der Wedel schwenkte nach rechts.

Schnell sprang Sean aus dem Bett und rannte in die ihm zugewiesene Richtung, bevor er sich mit der Frage beschäftigte, wer diese Person war. Gerade rechtzeitig erreichte er die Kloschüssel, bevor er einen Teil seines Abendessens wieder sah. Augenblicklich ließ der Schwindel und die Übelkeit nach und eine befreiende Erleichterung erfasste ihn. Seine Hand zitterte, als er die Spülung betätigen wollte. Nach mehreren erfolglosen Versuchen hörte er ein Schnauben. Dann erschien aus dem Nichts eine Hand und drückte den altmodischen Henkel mit solcher Leichtigkeit, dass es an göttliche Kraft grenzte.

Wenige Augenblicke später leuchtete es Sean ein, dass er gerade breitbeinig auf dem Fußboden saß. Noch immer nackt. Peinlich berührt griff er nach einem Handtuch und bedeckte damit sein bestes Stück. Allerdings war das verdammte Ding verrucht klein, dass er es auch hätte bleiben lassen können. So wirkte er lächerlich. Die Frau verdrehte die großen runden Augen. Ihr molliger Körper beherrschte den ganzen Raum. Sie sah aus wie aus einem Gospel Chor.

„Ich habe sechs Kinder und du glaubst, es würde mir was ausmachen deinen kleinen Peter zu sehen?“ Ein verschmitztes Grinsen zierte ihre vollen Lippen und erweckte trotz der peinlichen Situation Sympathie.

„Er ist nicht klein.“

„Etwas verschrumpelt.“

„Er hatte bestimmt eine harte Nacht hinter sich.“

Sie zog die dunklen Augenbrauen so weit nach oben, dass Sean glaubte, sie müssten gleich in dem Ansatz ihres schwarzen Haares verschwinden, das sie zu einem strengen Dutt nach hinten gekämmt hatte. Während sie einige Schritte nach hinten machte, ließ sie ihn nicht aus den Augen. Als wäre er ein Irrer, der sie jeden Moment anspringen könnte.

„Diese Unterhaltung sollten wir fortsetzen, wenn Sie eine Hose anhaben, Mr. Grandy. Nehmen Sie eine Dusche. Sie stinken.“ Sie rümpfte angewidert die breite Nase. „Tabletten liegen auf dem Nachttisch. Kleider auf dem Bett. Er wartet unten auf Sie.“

Bevor sie den Raum tatsächlich verlassen konnte, sprang Sean nach vorne und packte sie am Arm.

„Halt. Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Steht auf Ihrem Namensschildchen.“

Sie grinste humorlos und wollte verschwinden, doch Sean hielt immer noch ihren Arm fest. Als sie das bemerkte, wanderte ihr Blick so lange zwischen Seans Gesicht und seiner Hand hin und her, bis er sie losließ und eine leise Entschuldigung flüsterte.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

„Die gute Fee. Was denken Sie denn?“

„Ich will lieber nichts denken.“

„Würde ich auch nicht empfehlen, vielleicht brennen Ihnen da noch ein paar wichtige Verbindungen durch.“ Ihr Zeigefinger bohrte sich tief in Seans Stirn.

„Bin ich bei-?“

„Korrekt“, sagte sie wie ein Showmaster auf der Bühne.

Sean entglitt das Gesicht vollkommen. Seine allerschlimmsten Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten. Fast durchsichtig wirkte Seans Haut, als er krampfhaft die Erinnerungen hervorzuholen versuchte, was er und Bourdain letzte Nacht getan hatten. Er förderte nichts Hilfreiches zutage.

„Haben wir …?“

„Von den Nachbarn liegt eine Beschwerde wegen Ruhestörung vor und der eingerissenen Putz über dem Bett lässt sich nicht auf einen Wasserschaden zurückführen“, meinte sie voller Ironie, die Sean nicht heraushörte.

„Oh. mein. Gott“, hauchte er erschrocken, riss die Augen weit auf und bedeckte vor Entsetzen seinen Mund mit der Handfläche. „Wir haben wirklich-?“

Beleidig zog die Schwarze eine lange Schnute.

„Woher, um Himmels willen, soll ich das wissen? Sehe ich so aus, als würde ich mit dem Ohr an der Tür, andere beim Sex belauschen? Flegel.“ Diesmal hielt Sean sie nicht davon ab, den Raum zu verlassen. Die Situation war demütigend genug.

Mechanisch setzte er sich in Bewegung, duschte, zog sich frische Sachen, die für ihn auf dem Bett bereitlagen, an und trank das Glas mit zwei Aspirin. Vorsichtig streckte er den Kopf aus der Schlafzimmertür. Kurzerhand beschloss er, dass dem Gang zu folgen sicherlich nicht gefährlich werden konnte. Die Einrichtung war modern, stillvoll und ziemlich exklusiv. Das konnte selbst er erkennen.

Dem Lauf einer schmalen Wendeltreppe folgend gelangte er in einen Wohnraum, der größer war, als manches Besprechungszimmer in der Firma. Ein surrendes Geräusch beherrschte den Raum, er konnte aber die korpulente Schwarze nirgends mit ihrem Staubsauger entdecken.

Rot und Weiß beherrschten mit einigen ausgesuchten Schwarzakzenten die Kücheneinrichtung. Hinter dem großen Herd entdeckte er die kräftige Frau wieder, die ein Lied summte. Sie verstummte, als sie seine Anwesenheit bemerkte und ihre gute Laune gefror. Unsicher blickte Sean über die Schulter in der Hoffnung jemand oder etwas anderes könnte der Grund für ihren plötzlichen Stimmungswechsel sein. Aber hinter ihm war niemand.

Dabei fand er aber den Verursacher des monotonen, zurrenden Geräusches, zu dem sich schweres Keuchen dazugesellte. Durch den Rundbogen der Küche sah er eine Frau im Nebenzimmer. Ihre langen, kastanienbraunen Haare hielt ein buntes Stirnband zurück. Sie trat in einer Geschwindigkeit in die Pedalen eines Hometrainers, als würde ihr Leben davon abhängen. Im Mund hatte sie ein Nugat-Crossant, während sie mit ernstem Gesicht einen Liebesroman studierte. Ihn hatte sie nicht bemerkt.

„Mund zumachen und setzen“, befahl die Schwarze hinter dem Herd und blickte ihn mit einem Ausdruck unverhohlenem Missfallens an, als wäre er eine missratene, ungenießbare Sahnetorte. Dabei kannte sie ihn nicht einmal. Mit einem hölzernen Kochlöffel zeigte sie auf einen der hohen schwarzen Barhocker vor ihm.

Verwirrt starrte Sean sie an. Die ganze Situation war fast unheimlich. Wo war nur Holden? Sie unterbrach seine Gedanken, indem sie einen großen Teller mit Eiern und goldgebratenem Speck vor seine Nase stellte, nachdem er sich auf einen der Stühle bei der Anrichte niedergelassen hatte.

„Es ist wirklich nicht meine Art Sie zu beleidigen, indem ich dieses liebevoll zubereitetes Frühstück verschmähe“, begann er „aber ich habe die Befürchtung dann wieder über meinem Freund, der Kloschüssel, zu hängen.“

„Charmeur.“, grunzte sie. „Und jetzt iss!“

„Wissen Sie, was hier vor sich geht?“, fragte Sean und knabberte vorsichtig an einem Stück Speck.

„Wenn Sie wissen wollen, ob Sie‘s wie die Karnickel getrieben haben, bin ich echt der falsche Ansprechpartner.“

„Nein, wer sind Sie? Und wer ist das Krümmelmonster dort, das den armen Trainer an den Rand der Verzweiflung treibt?“ Sean nickte mit dem Kopf in Richtung der Unbekannten auf dem Fahrrad.

„Eine Menge Fragen. Ich weiß gar nicht, ob ich befugt bin, mit Ihnen darüber zu sprechen.“

„Bourdain ist mein Boss.“

Ein krachendes Geräusch unterbrach ihr Gespräch. Ächzend stand die junge Frau vom Boden auf, ihr Fuß hatte sich noch in einer Pedale verfangen. Schockiert starrte sie Sean an. Er hegte die leise Befürchtung, sie wäre seinetwegen gefallen.

„Was?“, rief sie entsetzt.

Beide hatten die Köpfe nach der jungen Frau umgedreht. Sean machte Anstalten in ihre Richtung zu gehen und ihr aufzuhelfen, aber sie war schneller. Mit wenigen energischen Schritten stand sie neben ihm. Ihre Haare standen wild von ihrem Kopf ab.

„Sie arbeiten für Holden?“, musterte sie ihn interessiert. „Und-“, ein vielsagender Blick. „Sie schlafen mit ihm?“

„Ich war gestern ziemlich breit. Bewahre mir aber die Hoffnung, ich hätte einfach meinen Rausch in seinem Bett ausgeschlafen. Und nicht auch mit meiner Unschuld bezahlt“, witzelte Sean.

Verständnislos blickte sie ihn an, zog ungefragt einen Speckstreifen von seinem Teller und biss hinein. „Was? Ich dachte, Sie seien schwul.“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Tatsächlich? Nicht schwul?“ Ein strahlendes Lächeln erhellte ihre Züge. Ihre Wangen waren gerötet vom Radfahren und ihre Augen glänzten verräterisch, als hätte sie eine unglaubliche Entdeckung gemacht, die allen anderen aber entgangen war.

„Ich bin verheiratet. Mit einer Frau“, sagte Sean und killte mit drei einfachen Worten ihre gute Laune. Die dunkelhäutige Frau, dessen Name Sean noch immer nicht in Erfahrung gebracht hatte, schüttelte den Kopf und schob einen Teller mit kleinen Schokotörtchen herüber. Die junge Frau machte ein verzweifeltes Gesicht und nahm einen großen Bissen von dem cremigen Gebäck.

„Schokolade ist mein einziger Freund“, stellte sie enttäuscht fest. „Ich versteh das einfach nicht. Sie sind heiß, verheiratet und schlafen trotzdem mit Ihrem Boss. Ich kann‘s verstehen. Er ist echt scharf. Dafür könnte man schon einen kleinen Betrug wagen.“

„Ganz so ist es nicht“, rechtfertigte Sean sich, nahm ihr aber ihre Vermutung nicht übel, da sie einen ganz untypischen Charme ausstrahlte und so locker mit ihm umging, als würde sie ihn bereits gut kennen. „Ich hab da eher so einen Knebelvertrag, der mich physisch an ihn bindet.“

Sie blickte ihn aus großen Augen heraus an, dann zog sie eine Schnute und verdrückte ihr Törtchen. „Sie sind zu beneiden.“

„Warum?“

„Holden ist eine verdammt gute Partie. Sogar als Affäre. Ich bin richtig eifersüchtig“, stellte sie mit Bedauern fest. „Würde er nicht auf Männer stehen, hätte ich nichts dagegen ein paar süße, pummelige Babys von ihm zu haben.“

Sean musste an sich halten, um nicht loszulachen. Das aufkeimende Schmunzeln konnte er jedoch nicht verbergen. „Wirklich?“

Ihr gerade erst interessant werdendes Gespräch wurde durch das Eintreten einer weiteren Person unterbrochen.

„Na, Dornröschen, auch von den Toten erwacht?“, kam es charmant aus Bourdains zu einem sympathischen Lächeln verzogenen Mund, während Sean ihn seinerseits einfach nur mit offenem Mund anstarrte.

„Morgen, Ivy“, grüßte er die korpulente Schwarze und drückte ihr einen Kuss auf die Wange, nachdem er ihr eine herrlich duftende Papiertüte mit frischem Gebäck überreichte. Ivy ihrerseits gab ihm eine große Tasse Kaffee.

„Danke, Ivy.“ Dann wandte er sich an die junge Frau, schenkte ihr ein warmes Lächeln, dass Sean ohne Zweifel als flirtend bezeichnet hätte und reichte ihr einen wunderschön verzierten Karton. „Für dich Jesse. Es tut mir leid, dass ich unseren Termin versäumt habe, aber ich hatte eine Kleinigkeit zu erledigen“, entschuldigte er sich mit samtig weicher, beinahe unterwürfiger Stimme.

„Ich finde, du hättest ihn seinen Dreck ruhig selbst wegmachen lassen können, sonst lernt der Idiot nichts daraus“, mischte Ivy sich ein und warf Sean einen bitterbösen Blick zu, der diesen allerdings amüsierte. Die Frau sah zu ulkig aus, als das man sich vor ihr hätte fürchten müssen.

Währenddessen hatte Jesse den Karton geöffnet, indem, entgegen jeder Erwartung, wieder Süßkram drin war. Edler Süßkram, über den sie sich gleich hermachte, wie eine Maus über Speck. Dabei blendete sie ihre Umgebung völlig aus.

Sean beugte sich ein wenig zu Bourdain und raunte ihm hinter vorgehaltener Hand zu: „Warum ist sie denn so feindselig? Sie kennt mich doch überhaupt nicht.“

Bourdain wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch Ivy kam ihm zuvor. „Sie brauchen nicht zu flüstern, Mr. Grandy. Ich kann Sie gut hören. Gestern waren Sie von Ihren verdammten Schuhsohlen bis zu den Haarspitzen voller Kotze. Wir mussten Sie baden. Sie haben geklammert wie ein Babyäffchen, das man seiner Mutter entrissen hat. Und lauter unverständliches Zeug geschwafelt, dass ich nicht wiederholen möchte.“

„Ist das wahr?“, fragte Sean in Holdens Richtung, der nur die Augenbrauen hochzog und bestätigen nickte. „Du hast einen ganz schön festen Griff.“

„Und heute musste Mr. Bourdain seinen wertvollen Morgen darauf verschwenden Ihre Sauerei wegzumachen. Ich an seiner Stelle hätte es nicht getan“, drohend richtete Ivy den Kochlöffel auf Seans Gesicht.

„Keine Sorge, Ivy. Ich habe mir eine nette Bestrafung für ihn ausgedacht“, Bourdain warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Sie grinste und Sean hatte das Gefühl, die zwei hätten sich gegen ihn verbündet. Sein Magen kribbelte, als er Bourdain aus dem Augenwinkel musterte, während dieser mit Ivy sprach.

Holden hatte den Schlaf noch nicht komplett abgeschüttelt. Seine Frisur saß nicht ganz so perfekt. Dunkle Locken glänzten in der frühen Morgensonne, während einige dicke Strähnen seine Wangen belagerten. Das Hemd, das er trug, war blütenweiß. Der Kragen und die Manschetten gestärkt. Er trug die Manschettenknöpfe, die auch Sean bei dem Essen getragen hatte. Das Gefühl dessen Besitz zu sein verstärkte sich.

„Na hoffentlich behältst du das in deinem Magen, ansonsten lass auch ich mir was für dich einfallen. Und das wird dir nicht gefallen.“ Ein diabolisches Lächeln zierte Ivys vollen Lippen. Sie erinnerte Sean an einen Charakter aus einem 50‘s Feel-Good-Movie, dessen Titel ihm gerade nicht einfallen wollte. Man mochte sie, obwohl sie kein Blatt vor den Mund nahm und offensichtlich sagte, was sie dachte. Mit unverfälschter Hingabe widmete sie sich dem Essen, das sie zu kochen begonnen hatte und dessen köstlicher Duft den Wohnraum einnahm.

Inzwischen hatte Jesse ihre Fressorgie beendet und erinnerte sich, dass sie ein paar wichtige Fragen an Bourdain hatte, die durch ihr Gespräch mit Sean aufgekommen waren. Puderzucker klebte an ihrer Wange, als sie ihre Aufmerksamkeit vom leeren Karton auf die beiden Männer richtete.

„Sag mal, Holden, seit wann knetest du denn Heten?“

Sean verschluckte sich an seinem Orangensaft. Unkontrolliert hustete er, sodass ihm Tränen in die Augen schossen und Bourdain ihm ein paar kräftige Klopfer auf den Rücken verpasste.

„Und seit wann ist Sex am Arbeitsplatz kein No-Go mehr?“, fragte Jesse ungeniert weiter, bevor sie eine Antwort bekommen hatte.

„Wir hatten keinen Sex am Arbeitsplatz“, gab Bourdain unberührt zurück, dann grinste er und legte Sean die Hand auf den Oberschenkel, sodass dieser zusammenzuckte. „Noch nicht.“

„Habt ihr es denn letzte Nacht getan?“, fragte Jesse und platzte fast vor Neugier. Sie spitzte die Ohren und schürzte amüsiert die Lippen, als sie dem Brünetten einen neugierigen Blick zuwarf.

„Ein paar Geheimnisse sollte man auch für sich behalten können“, erwiderte Bourdain.

„Du verdammter Fuchs.“ Jesse boxte ihn spielerisch mit der Faust in den Oberarm. „Gib mir wenigstens irgendetwas, damit ich mich ein wenig besser fühle.“

Das tat er. Und er zog eine unglaubliche Show ab. Auf Seans Kosten natürlich. Holden beugte sich vor und küsste ihn leidenschaftlich auf die Lippen. Ohne Gegenwehr gewährte Sean ihm diesen Moment. Vielleicht weil es ungebetene Zuschauer gab. Er wusste es nicht.

Hungrig strich Bourdains Zunge über seine Lippen. Ohne Schamgefühle, die er wegen der beiden weiblichen Zuschauer gehabt haben könnte. Fordernd bewegten sich Bourdains Lippen unter Seans, der dessen Hände zuerst an seinen Oberschenkel und dann zu weit oben verspürte. Sein natürlicher Fluchtreflex führte dazu, dass Sean den Teller vor sich mit dem Ellenbogen umstieß, als er sich immer weiter nach hinten lehnte. Scheppernd zerbarst das Keramik auf dem Fußboden.

Dann verlor Sean das Gleichgewicht. Verzweifelt griffen seine Hände nach dem Erstbesten, das sie erreichen konnten. Und das war Bourdains Hemd. Allerdings war die Schwerkraft größer und so riss er sie beide zu Boden. Dumpf kollidierten ihre Körper mit dem Fußboden.

„Können Sie nicht einmal wie ein normaler Mensch sitzen, Mr. Grandy? Ich hole den Handfeger“, grunzte Ivy.

„Eins muss man euch lassen. Immerhin habt ihr zwei Leidenschaft.“ Jesse krümmte sich vor Lachen. Sean grunzte. Vom Gewicht des anderen Mannes ächzte sein Rückgrat und sein Bein hatte sich schmerzhaft im Stuhl verkeilt.

„Vielleicht willst du mich auch noch gleich vor ihren Augen ausziehen?“, stöhnte Sean unter Bourdains Körper, der sich ein wenig hochgerappelt hatte.

„Vorsicht, ich könnte das als Aufforderung auffassen“, raunte er und Sean musste zugeben, dass er fasziniert in das tiefe Blau von Holdens Augen starrte. Sein Haar fiel seitlich herunter und streichelte Seans Wangen, während sich ihre Lippen gefährlich nahe waren. Im Bruchteil einer Sekunde war der Moment vorbei und Bourdain hatte sich in einer eleganten fließenden Bewegung von ihm abgerollt. Während Sean sich einem gebrechlichen, alten Mann gleich vom Boden aufraffte, richtete Bourdain sein zerknautschtes Äußeres.

„Wegen mir hättet ihr nicht aufhören müssen. Ich habe kein Privatleben und deswegen ist eures umso pikanter.“ Wieder knabberte Jesse an einem Schokotörtchen. Sean wunderte sich, dass ihr noch nicht schlecht von dem vielen Zucker war. „Du bist offensichtlich unglücklich verheiratet. Und betrügst deine Liebste mit deinem Boss. Einem Mann.“ Sie wies zuerst auf Sean, dann auf Bourdain. „Und du nötigst deinen Mitarbeiter zu sexuellen Handlungen. Durch eine Drohung? Ist eigentlich nur mein Leben so eintönig und langweilig?“ Bedrückt ließ sie das ganze Törtchen mitsamt Schokoladenguss in ihrem Mund verschwinden.

„Du siehst zu viele Telenovelas, Jesse. Wird Zeit, dass du auch jemanden bedrohst, damit dieser seine Frau für dich betrügt“, witzelte Bourdain.

Ihre ungezwungene Art miteinander umzugehen, war erfrischend. „Wer sind Sie?“, fragte Sean und sprach laut einen Gedanken aus, den er schon die ganze Zeit hegte. Bourdains Schwester womöglich? Aber die Ähnlichkeit war nicht gerade überragend, außer die beiden hatten nicht dieselbe Mutter. Und auch nicht denselben Vater.

„Ich bin sein Personal Trainer. Der kleine Quälgeist, der ihn jeden Morgen mit einem Arschtritt aus dem Bett holt“, johlte Jesse fröhlich. Sie grinste. „Heute habe ich es aber nicht über mich gebracht, als ich euch beide so eng umschlungen liegen gesehen hab. Nackt.“ Sie betonte das letzte Wort mit verschwörerischer Stimme. Sean vergrub das Gesicht in seinen Händen. Das durfte alles nicht wahr sein, oder?

„Hast du noch Kopfschmerzen?“, fragte Bourdain mit sanfter Fürsorge in der Stimme.

„Sie sind anwesend und beehren mich, solange ich mich nicht an gestern Nacht erinnern kann.“

„Ich habe die Befürchtung, sie könnten sich verstärken, wenn du es erfährst“, prophezeite Bourdain und lehnte sich unnötig nah zu ihm heran um ihm ins Ohr zu flüstern. „Du bist so sensibel. Dein Körper ist Butter unter meinen Händen.“

Geschirr klirrte neben ihm, doch Sean wollte nicht nachsehen, was er dieses Mal umgeschmissen hatte. Ivys brennender Blick in seinem Nacken reichte dafür vollkommen aus. Sie war gerade mit Handfeger und Schaufel in den Wohnraum zurückgekehrt. Aus dem Augenwinkel sah er sie die Hände in die Hüfte stemmen.

„Verschwinden Sie aus meiner Küche, bevor ich Sie mit dem Löffel verdresche.“ Bourdain lachte leise über ihre Worte. „Das gilt für euch beide“, knurrte Ivy ihn an.

Sie scheuchte sie beide weg. Zumindest von allem Zerbrechlichem in ihrer Nähe.

„Du solltest etwas Sonne tanken. Du siehst blass aus“, sagte Holden und strich aus einem Reflex heraus über Seans Schläfe.

Der Blonde hatte die Hände vor der Brust verschränkt und versuchte sich nicht zu bewegen, solange Ivy ihn fixierte.

„Und, was schlägst du vor?“

Kapitel 8

Das in klarem Azur schimmernde Poolwasser weckte in Holden den Wunsch, sich auf einem Boot mitten im Ozean zu befinden. Dabei dachte er an seine Yacht am Monroe Harbor. Wie gerne wäre er jetzt auf seiner Princess 98 MY. Gedankenverloren sah er in den wolkenlosen Himmel. Vielleicht später. Chicagos Wetter war trügerisch. Der stetige Wind hatte die Stadt fest im Griff und schnell konnte eine dichte Wolkenwand auftauchen.

Hinter ihm hörte er Schritte, dann nahm er eine Bewegung wahr. Die Hände lässig in den Hosentaschen versunken, stellte Sean sich neben ihn. Ein entspanntes Lächeln zierte seine Lippen, während er die Augenlider schloss und die Wärme der frühen Morgensonne auf seinem Gesicht genoss. Dabei sah er aus, wie ein kleiner Junge, fand Bourdain. Dem Ladegerät einer Batterie gleich tankte sein Körper Sonnenstrahlen.

Zum wiederholten Mal ertappte Holden sich dabei, den anderen intensiv zu betrachten. Langsam wurde es zu einer lästigen Gewohnheit, die ihn zu ärgern begann. Das schien Sean nicht aufzufallen oder er überspielte diese Tatsache gekonnt. Widerwillig wandte Bourdain den Blick ab und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du meinst das also wörtlich“, stellte Sean fest.

„Wieso dieses spitzbübische Lächeln?“, fragte Bourdain. Als wollte ihn sein Körper zu etwas auffordern, begannen seine Fingerkuppen zu kribbeln.

Sean zuckte mit den Schultern. Nach kurzem Zögern antwortete er: „Ich werde einfach nicht schlau aus dir.“

„Und das ist ein Grund zum Grinsen?“

„Ja.“ Intensiv ruhte Seans Blick auf Holdens Gesicht, den dieser nicht so recht deuten konnte. „Mit dir wird es nie langweilig, was?“

„Das könnte ich eher von dir behaupten. Es ist nicht normal, so schusselig zu sein. Ein Wunder, dass du noch beide Augen und alle Finger an der Hand hast.“

„Ich meine, ich verstehe immer noch nicht, was ich hier tue, Holden?“, erklärte Sean ruhig.

„Momentan würde ich sagen, dass du die Sonne genießt“, gab Holden sich besserwisserisch.

„Das meine ich nicht. Und das weißt du auch.“

„Du bist mein persönlicher Haussklave. Ich will Sex, du willst Arbeit. Ganz einfach.“ Holden setzte sich eine Sonnenbrille auf die Nase und versenkte die Hände tief in den Taschen seiner Hose.

„Ich verstehe das nicht?“

„Was?“

„Du machst mich fertig. Willst du mich demütigen, mobben oder bist du wirklich einfach nur geil?“ Sean unterdrückte ein Lachen. Er wollte keine Konfrontation, sie spaßten nur herum. Holden sah es genauso, denn auch auf seinem Gesicht wurde das Grinsen um einiges breiter.

„Such dir was aus.“

„So kriegst du mich nicht klein, das ist dir klar, oder?“

„Wirklich? Funktioniert es nicht einmal ein bisschen?“

„Nein. Amanda ist viel Furcht einflößender als du. Außerdem habe ich langsam das Gefühl, du tust nur so. Wir kennen uns noch nicht lange, aber bis auf das unangebrachte Grapschen und die Nervosität beim Meeting, die ich echt nachfühlen kann, warst du eigentlich nett.“

„Nett? Ist das alles, was dir einfällt?“ Holden gab ein gespieltes Schnauben von sich. Außerhalb der Firma, in lässiger Haltung, ohne Krawatte und mit hochgekrempelten Ärmeln, wirkte Holden gar nicht mehr mächtig oder übermenschlich. Alles war so normal und vertraut.

„Ich finde es angenehmer, wenn du so bist“, gestand Sean.

Holden schwieg und einige kleine, ernste Falten zerfurchten seine Stirn.

„Warum kommen wir nicht immer so gut miteinander aus?“, fragte Sean, was eher nach einer rhetorischen Frage klang, weshalb der Brünette auch nicht weiter darauf reagierte. Holden wusste, dass Sean charmant war.

„Ich will den Job“, sagte Sean erneut. „Ich weiß nicht, warum du das machst. Ob du mich auf die Probe stellst oder ob das deine Art ist, sich an mich ranzumachen. Eigentlich interessiert mich das gar nicht. Du solltest nur wissen, dass ich alles dafür tun werde, um ihn zu behalten.“

Holdens Handflächen begannen zu schwitzen. Ein Reflex, den er beim besten Willen nicht unterdrücken konnte, obwohl er sich nach außen gelassen gab.

„Vorsicht, Sean, du begibst dich auf sehr gefährliches Terrain.“ Ein laszives Lächeln huschte über Bourdains Gesicht und verlieh ihm für einen kurzen Augenblick etwas von einem Jäger, der seine Beute witterte.

„Was ich damit sagen will, ist, dass wir einfach versuchen sollten einen guten Job zu machen. Nicht mehr und nicht weniger“, erwiderte Sean, den raubtierhaften Zug um die Mundwinkel seines Chefs ignorierend. Holden war sich sicher, dass Seans Gerede ein Trick war, um ihn abzulenken.

„Ich kann dich gut leiden, Sean.“

„Das ist mir nicht entgangen“, meinte Sean sarkastisch und zog die Augenbrauen hoch, als er Holden dabei ins Gesicht sah.

„Ach ja, Mr. Schnellchecker?“ Holden lehnte sich lässig an das Geländer und wand damit seinen Köper dem anderen Mann zu.

„Du würdest mich wohl kaum küssen, wenn du mich nicht attraktiv fändest. Allerdings ist deine Art es zu zeigen ganz schön gewöhnungsbedürftig.“

„Nicht so bescheiden, Mr. Sexy“, wieder dieses gespielte Schnauben, das ihr Gespräch banaler machte, als es tatsächlich war. „Versuchen wir es. Aber in der Firma werde ich deine miese Arbeitsmoral nicht hinnehmen.“

„Deal?“, fragte Sean.

„Du fliegst hochkant raus, wenn du den Job versaust.“ Holden beugte sich zu ihm und lugte über den Rand seiner schwarzen Sonnenbrille, sodass Sean das klare Blau seiner Augen sehen konnte. „Ganz egal wie begabt deine Zunge ist.“

Nachdem sie einige Zeit schweigend dagestanden hatten, beschlossen sie sich etwas Abkühlung zu verschaffen. Es war ein wunderschöner Samstag, trotzdem wunderte Sean sich, dass sein Chef nicht arbeitete. Holden war ein verdammter Workaholic. Als Erster kommen, als Letzter gehen. Freie Tage gab es für diesen Mann keine. Und trotzdem standen sie lachend auf der Terrasse, tranken ein kaltes Bier, während Ivy, Holdens Haushälterin, ein deftiges Mittagessen zubereitete.

Im Einklang mit sich selbst und in die wohlige Decke des Glücksmoments gehüllt, zerbrach Sean sich darüber nicht weiter den Kopf. Abwarten und sehen was passieren würde, machte mehr Spaß, als Bourdain mit Fragen zu löchern, auf die er mit größter Wahrscheinlichkeit keine Antwort bekam.

„Du hättest mir ruhig sagen können, dass es ein Geschäftsessen wird“, warf Sean den gestrigen Abend wieder ein.

„Das wäre doch langweilig.“

„Also stehst du drauf mich zu verwirren?“

„Ich bin nicht unbegabt“, witzelte Holden. „Ich wollte sehen, wozu du fähig bist, Sean. Was in dir steckt.“

„Deswegen werde ich ins Haibecken geworfen?“

„Niemand hat dir auch nur einen Finger abgebissen.“

„Und wie habe ich mich geschlagen?“, fragte Sean interessiert. „Deiner Meinung nach?“

„Du verträgst Einiges, aber überspannst auch mal den Bogen“, kommentierte Bourdain neutral, als würde er irgendwelche Fakten in einem Sachbuch vorlesen.

„Was soll denn diese kryptische Antwort? Ich war fantastisch. Du willst es nur nicht zugeben.“ Stolz schwoll Seans Brust an. Wenn er eins konnte, dann Smalltalk und das wusste er.

„Du hast dich überhaupt nicht übers Geschäft unterhalten.“

„Das brauchte ich auch nicht. Es war ein Essen. Die Männer wollten entspannen und nicht über die Arbeit vollgetextet werden.“

„Es war ein Geschäftsessen. Da redet man eben über das Geschäft. Habe ich gemacht und niemanden hat das gestört. “

„Ganz recht. Du hast dich den ganzen Abend mit der Moorleiche unterhalten, ansonsten warst du der absolute Partykiller.“

„Das war ein sehr wichtiger Klient. Ein guter Investor.“

Prustend brach das Lachen aus Sean heraus. „Du hast versucht einem Fossil das 1x1 deines Produkts beizubringen.“

„Er ist der Kopf der Firma“, gab Bourdain zu bedenken.

„Quatsch“, Sean wischte sich Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Seine Söhne leiten die Firma. Sie schleppen den ausgestopften Kauz nur aus Sentimentalität mit, weil George noch keines dieser Treffen verpasst hat.“ Frech grinste er Bourdain ins Gesicht. „Na, habt ihr zum Schluss wenigstens ein paar Frauengeschichten ausgetauscht?“

Bourdain ignorierte seinen letzten Kommentar. „Woher kennst du überhaupt seinen Namen?“

„Ich hab‘ eben aufgepasst. Mit Namen bin ich ziemlich gut, übrigens.“

„Das sah von meiner Position ganz anders aus. Du hast vor Nervosität fast den ganzen Weinvorrat des Restaurants geleert.“

„Doch nicht wegen der Investoren, darin bin ich geübt. Wegen dir war ich nervös. Wäre jeder. Selbst Georgie hätte zum Schluss fast auf dem Tisch getanzt, während du jeder Nonne bei der Audienz des Papstes Konkurrenz gemacht hättest. Hast du immer einen Stock im Arsch, wenn du mit anderen zusammen bist? “ Sean schüttelte den Kopf, nippte an seinem Bier und amüsierte sich köstlich. „Vielleicht hättest du den Kellner nicht davon abhalten sollen dein Glas zu füllen?“

„Ganz schön frech.“ Holden richtete drohend einen Zeigefinger auf Sean, meinte es aber nicht halb so ernst, wie er tat. „Das wird dir noch teuer zu stehen bekommen.“ Damit nahm er ihm die Flasche aus der Hand.

„Indem du mir mein Bier wegnimmst? Alkoholfreies auch noch. Nicht einmal betrinken konnte ich mich damit.“

„Gestern hast du genug fürs ganze Jahr getrunken.“

Holden nahm die Sonnenbrille ab. Sachte ergriff er Seans Hand, nachdem er die zwei Bierflaschen auf einer kleinen Kommode abgestellt hatte, und führte ihn zurück ins Innere. Überrascht von dieser zärtlichen, fast mädchenhaften Geste, ließ Sean sich ohne Proteste mitführen.

„Ich bin ein furchtbarer Gastgeber. Nicht einmal das Haus habe ich dir gezeigt“, erkannte Bourdain und zeigte ihm stolz sein Eigentum.

Keiner der beiden bemerkte, dass Holden die ganze Zeit über Seans Hand hielt und ihn daran, wie ein kleines Kind durch die Räume führte. Ein Zimmer war eindrucksvoller, als das andere. Mit offenem Mund und großen Augen sah Sean sich um. Beeindruckt von der stilvollen Einrichtung, die zwar modern, aber weder langweilig, noch aufdringlich avantgardistisch war.

Die letzte Station seiner Führung war der Keller. Offensichtlich hatte Holden sich das Beste zum Schluss aufgespart. Es war ein richtiges Männerzimmer. Mitten im Raum stand ein edler Billardtisch. Rot gepolsterte Sitzmöbel zogen sich von einer Ecke bis zur anderen die Wand entlang und boten genug Platz für eine ganze Fußballmannschaft. Eine Jukebox gegenüber von der Tür setzte sich in schwachem, roten Licht gekonnt in Szene, genauso wie die Bar. Das Vintagefeeling vervollständigten gerahmte Bilder, die Schwarz-Weiß Fotos berühmter Persönlichkeiten der 50er Jahre zeigten James Dean, Elvis Presley, Johnny Cash. Die Wand bestand aus echtem Ziegelstein und stand optisch der Einrichtung in nichts nach. Mit offenem Mund starrte Sean in das Zimmer. Es gefiel ihm. Sofort.

„Wow“, staunte er. „Wenn du mich beeindrucken wolltest, dann hast du es jetzt geschafft.“

So würde das perfekte Spielzimmer in seiner Vorstellung aussehen. Wenn die Minibar neben der Tür mehr als alkoholfreies Bier enthielt, dann wäre das Bild vollkommen. Sean liebte Billard. Über beide Ohren strahlend drehte er sich zu Holden um, der die Jukebox anwarf. Holden streckte ihm einen Billardqueue entgegen, anschließend nahm er selbst einen.

„Lust auf ein Spiel?“, fragte sein Chef mit Unschuldslächeln auf den Lippen, was bei Sean einen Fluchtreflex auslöste. Der hatte doch was vor. Trotzdem nahm Sean den Spielstock an. Im Hintergrund setzte Elvis Presleys ,Little less conversation‘ an. Der Song war Hinweis genug.

„Ich wusste gar nicht, dass du auf den King stehst.“

„Jeder mit gutem Geschmack steht auf ihn.“ Mit einem Zwinkern warf Holden ihm die Kreide zu.

„Lange her, seit ich so was zuletzt in der Hand gehalten habe.“ Ein nostalgischer Schimmer bedeckte Seans Augen und belegte seine Stimme. Vorsichtig strich er mit den Fingern über die Pomeranze, die noch mit kleinen Kreideresten überzogen war. Er strich tiefer über die Ferrule aus Elfenbein und über den wunderschönen gemusterten Zierring. Der Joint trug schwarz-weiße Musterungen und bestand aus poliertem Stahl. Perfekt ausbalanciert lag der Queue in seiner offenen Handfläche.

„Ein schönes Stück“, nickte er anerkennend, nachdem er sich sattgesehen hatte.

„Krieg bloß keinen Steifen.“

Sean verdrehte die Augen. Diese Anspielungen waren unter seiner Würde. „Wollen wir spielen? Oder nur quatschen?“

Beide beobachteten sich gegenseitig, während sie die Kreidewürfel mit kurzen Strichen über die Pomeranze führten. Dabei sahen sie aus, wie zwei sich duellierende Cowboys. Ihnen fehlte nur die rauchende Zigarre zwischen den Zähnen. Das Spiel konnte beginnen.

Bourdain hatte die Zeit und vor allem die Mittel, um zu üben. Selbstverständlich gewann er. Sean hatte trotz seiner Hingabe zum Spiel keine Chance, nur seiner Zeit auf dem College war es zu verdanken, dass er nicht absolut vernichtend geschlagen wurde. Er machte es Holden nicht leicht. Obwohl er kein schlechter Verlierer war, dämpfte die zweite Niederlage seine Laune sichtlich.

Wahrscheinlich war es nicht einmal, weil Bourdain gewann, sondern weil Sean wehmütig daran zurückerinnert wurde, was er verloren hatte. An diesem einen Tag. Er war ein begeisterter Billardspieler gewesen, hatte sogar Turniere bestritten, wenige, aber er war erst am Anfang. Aber das hatte keine Bedeutung mehr gehabt und Sean bedauerte das jetzt. Jetzt, wo das Kribbeln zurückkehrte, die freudige Erregung, wenn er den Queue in der Hand hielt oder die Kugel anstieß.

In der ersten Runde hatte Bourdain den Rack aufgebaut. Den Break hatte Sean gemacht. Für die zweite Runde tauschten sie. Es blieben nur wenige Kugeln übrig und Sean tat sich schwer damit. Er legte den Queue an. Senkte seinen Oberkörper, schob das Gesäß nach hinten und stieß zu. Bevor der Queue die Kugel traf, erkannte er bereits seinen Fehler.

Seufzend ließ er die Schultern wie verkochte Spaghetti herunterhängen. Holden nahm den Ball, der gerade noch an dem Bandenspiegel abgeprallt war, in die Hand und legte ihn dorthin zurück, wo er gelegen hatte, bevor Sean zugestoßen hatte.

„Versuch es noch mal“, forderte Holden seinen geschlagenen Spielgefährten auf. Unentschlossen sah Sean ihn an, trat aber wieder an den Tisch heran. Sobald er sich vorbeugte, spürte er den Körper des anderen Mannes dicht an dem seinen. Erschrocken zuckte er zusammen und wollte sich aufrichten, als Holden ihn davon abhielt.

„Nicht so schüchtern“, flüsterte er ihm ins Ohr und legte seine Hände über Seans. Hüfte und Brust pressten sich sehr nah an dessen Körper. Auf der Schulter von Seans ausgestrecktem Arm bettete Holden sein Kinn. Ganz so, als ob dieser enge Körperkontakt zu seinem Mitarbeiter das Natürlichste der Welt wäre. Holdens Duft umgab ihn und vernebelte seine Sinne. Sean dachte an den Geruch, der ihn am Morgen geweckt hatte. Sein Adamsapfel hüpfte nervös auf und ab, als er schluckte.

Sean bereute es seinen Kopf gedreht zu haben, um über die Schulter zu blicken, denn Bourdain war ihm so nah, dass sich ihre Nasenspitzen berührten. Sofort bildete sich eine Gänsehaut auf seinen Unterarmen und ein Kribbeln breitete sich in seinem Magen aus. Ob er das angenehm fand oder nicht, konnte er in dem Moment nicht festlegen. Er war nicht dumm und wusste, worauf Bourdain anspielte. Wohin es führen könnte. Aber er redete sich ein, dass es so weit nicht kommen musste.

„Konzentrier dich nicht auf meinen Körper, sondern auf das Spiel“, flüsterte Holden und holte den Blonden aus seinen Fantasien. Sean nickte schwach und fixierte wieder den Ball.

„So schlecht gespielt, hast du noch nie“, sagte er heißer an seinem Ohr, sodass Seans Herz wie wild zu schlagen begann. Seine Gedanken verloren sich. Er fand die Aussage merkwürdig. Als ob Bourdain ihn bereist spielen gesehen hatte. Andererseits war es schwierig zu filtern, was er tatsächlich damit meinte. Sean fiel es schwer Holden einzuschätzen.

Unerwartete kam der Schlag, der Sean wiederholt zusammenzucken ließ. Er kam sich dämlich vor. Gleichzeitig durchflutete ihn das Hochgefühl, als die Kugel ins Loch ging. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein kindliches Lächeln ab. Das waren Momente, die er am Billard so liebte. Wenn die Kugel durch einen präzisen Schlag berechnet eingelocht wurde.

Lange währte die Freude nicht. Nervös versuchte er sich der Umarmung, in der er sich unfreiwillig mit seinem Chef befand, zu entziehen. Holden hatte nicht die Absicht ihn so schnell freizugeben.

„Entspann dich.“ Sean spürte die Vibration der Lippen an seiner Ohrmuschel und ein Nerv in seinem Rücken löste einen unnatürlichen Reflex in seinem Bein aus. „Dir gebührt noch eine Strafe für die Frechheit vorhin.“

In jenem Moment wünschte Sean sich inbrünstig, mehr als nur alkoholfreies Bier im Organismus zu haben. Etwas, dass seine Sinne betäubte. So wie gestern vielleicht.

Vielleicht hatte er genau das auch schon gestern getan. Sean wurde blass, wenn er an die Nacht dachte. Die Lücke in seinem Gedächtnis war Fluch und Segen zugleich.

Bourdain ließ seine Zunge über Seans Kieferknochen und dann über sein Ohr gleiten. Mehrere Schauer jagten Seans Wirbelsäule hinunter, elektrisierend und feurig. Unangenehm waberte die Hitze in seinem Kopf. Die Situation wendete sich nicht zu seinen Gunsten, als Sean sich in einer ruckartigen Bewegung umdrehte.

Holden zuckte nicht einmal mit der Wimper, während er sein ganzes Gewicht in Seans Körper presste, sodass dieser mit durchgebogenem Rücken und schwitzenden Handflächen am Billardtisch festhing. Wenige unbedeutende Millimeter trennten ihre Lippen voneinander. Bourdains Finger legten sich mit festem Griff um Seans Handgelenke. Seine durchdringend blauen Augen nagelten ihn an Ort und Stelle.

„Mach es einfach wie gestern“, diabolisch grinsend beugte er sich näher zu ihm, streifte Seans Lippen. „Hemmungslos, offen und-“

„Stop. Warte“, flüsterte der andere. Seine Stimme war belegt und brach bei jeder zweiten Silbe auseinander. Er fürchtete sich vor dem, was Bourdain zu sagen hatte.

„Ich wollte damit nur sagen, dass das nicht das erste Mal ist. Allerdings hattest du gestern mehr Spaß dabei.“ Wieder dieses Grinsen. Dann verschlang Bourdain ihn mit seinem Mund.

Mit einer Kraft, die Sean sich selbst nicht zugetraut hätte, entzog er sich dem Brünetten, indem er sein Gesicht abwendete. Obwohl die Spannung in seinem Körper an seinen Muskeln und Nerven zerrte, zierte ein unsicheres Lächeln sein Gesicht. „Heute bin ich aber nicht betrunken.“

„Willst du dich mit dieser lahmen Ausrede aus der Affäre ziehen? Ich bin nicht derjenige, der gesagt hat, dass er für seinen Job alles tun würde“, erinnerte Bourdain ihn. Er drängte seinen Unterkörper dichter an Seans, sodass dieser deutlich die wachsende Erregung an seinem eigenen Oberschenkel spüren konnte. Was Holden ihm damit sagen wollte, war offensichtlich.

„Ist dir egal, wie unethisch das eigentlich ist?“

„Absolut.“

„Shit, Holden.“

„Du bist einfach feige, Sean. Steh zu deinem Wort oder halt die Klappe“, ein ärgerlicher Unterton mischte sich in Holdens butterweiche Stimme. Dann küsste er ihn erneut. Fordernder dieses Mal. Grober.

Der Blonde spürte ein Kribbeln in seinen Armen und Beinen. Der Tisch quetschte seine Oberschenkel und störte die Blutzufuhr zu seinen Füßen, seine Unterarme schmerzten, weil sie nicht nur Sean, sondern auch Holdens Gewicht halten musste. Und Sean war nicht bereit der Forderung seiner ächzenden Muskeln nachzugehen. Denn dann würde er auf dem Tisch liegen wie ein Käfer auf seinem Panzer, mit Holdens Körper zwischen seinen Beinen. Ab da wäre das Spiel verloren.

Sean spürte sein Herz hart in seiner Brust schlagen, als Holdens Daumen über seine Unterlippe fuhr. Nicht zärtlich, sondern herrisch drückte er sie nach unten, fuhr über seine Zähne und glitt gänzlich in seinen Mund hinein. Stocksteif stand der Blonde da, während er den leicht salzigen Geschmack auf seiner Zunge wahrnahm.

Seans Hände waren wieder frei. Die Knöpfe, die Holden öffnete, schob Sean mit fahrigen Fingern zurück ins Knopfloch. Diese Scharade spielten sie einige Male, bevor seinem Chef der Kragen platzte.

„Lass das“, knurrte er und Sean sah die Gier in seinen Augen aufflackern, dann riss er voller Ungeduld einfach Seans Hemd auf. Es gab daran keinen Knopf mehr, den er hätte schließen können. Bevor Holden ihn durch seine Lippen zum Schweigen bringen konnte, presste Sean seine Hand auf dessen Mund.

„Ich kann das nicht“, sagte er befangen.

Bourdains Finger legten sich um sein Handgelenk und zogen seine Hand herunter. Sean spürte die Bartstoppeln rau unter seinen Fingerkuppen.

„Die Kündigung liegt noch immer im Büro auf dem Schreibtisch“, flüsterte er seinem Angestellten atemlos ins Ohr.

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9783742754493
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