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Kathrin Hanke
Heideopfer
Der 8. Fall für Katharina von Hagemann

Zum Buch
Grabesstille Bei Abrissarbeiten im Lüneburger Stadtteil Wilschenbruch finden Bauarbeiter ein menschliches Skelett. Die forensischen Untersuchungen ergeben, dass es sich um die Leiche eines Mannes handelt, der keines natürlichen Todes gestorben und bei lebendigem Leib begraben worden ist. Das Todesdatum wird auf Anfang der 1990er Jahre datiert. Es dauert nicht lange, bis Katharina von Hagemann und Benjamin Rehder herausfinden, um wen es sich bei dem Toten handelt: Peter Kruse, der 1991 spurlos verschwunden ist. Damit haben die Ermittler unerwartet einen Cold Case auf dem Tisch. Die alten Akten werden durchgegangen, genauso wie die Zeugen von damals noch einmal befragt werden. Es stellt sich heraus, dass der Tote seine freie Zeit regelmäßig im Lichtheideheim Glüsingen, einem FKK Feriengelände, unweit von Lüneburg bei Amelinghausen, verbrachte. Musste er deswegen sterben? Die Ermittlungen gleichen einem Puzzle, das nur langsam ein Bild ergibt, aus dem die Kommissare schließen, dass der Fall damals verschleppt worden ist. Vielleicht mit Absicht?
Kathrin Hanke wurde in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg machte sie das Schreiben zu ihrem Beruf. Sie jobbte beim Radio, schrieb für Zeitungen, entschied sich schließlich für die Werbetexterei und arbeitete zudem als Ghostwriterin. Ihre Leidenschaft ist jedoch das Geschichtenerzählen, wobei sie gern Fiktion mit wahren Begebenheiten verbindet. Daher arbeitet sie seit 2014 als freie Autorin in ihrer Heimatstadt. Kathrin Hanke ist Mitglied im Syndikat, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, sowie bei den Mörderischen Schwestern.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Christian Horz / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6750-9
Widmung
Für B.
Zitat
»Gib deine Illusionen nicht auf. Hast du sie verloren, so magst du zwar noch dein Dasein fristen, aber leben im eigentlichen Sinne kannst du nicht mehr.«
(Mark Twain)
Ein paar wenige Worte vorweg
Wie auch die ersten sieben Bände der Heidekrimi-Reihe, so ist auch dieser Band mit Uhrzeiten und Daten versehen, damit Sie als Leser wie gewohnt den chronologischen Ablauf schnell nachvollziehen können. In den Vorgängertiteln wurde dabei auch stets auf tatsächliche Vorfälle in und um Lüneburg herum eingegangen. In Heideopfer ist dies anders, denn die Zeit, in der dieses Buch entstand und in der es vor allem spielt, stand ganz unter dem ersten Lockdown der Corona-Pandemie. Da ich nicht nur spannend, sondern auch leicht und unbeschwert unterhalten möchte, habe ich mich bewusst dazu entschlossen, Corona in Heideopfer keinen Raum zu geben. Ich hoffe auf Ihr Verständnis und wünsche Ihnen mörderisch gute Lesestunden bei bester Gesundheit,
Herzlichst,
Ihre
Kathrin Hanke
Gedicht
»Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben,
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben,
Bereitet oder nicht zu gehen
Er muss vor seinen Richter stehen.«
(aus »Wilhelm Tell«, Friedrich von Schiller)
Prolog
Dienstag, 18.06.1991
06:00 Uhr
Der Wecker klingelte wie jeden Tag um 6 Uhr. Er war bereits vor sieben Minuten wach geworden, nach einem kurzen Blick auf das Ziffernblatt hatte er jedoch seine Lider wieder gesenkt und war liegen geblieben, um noch ein wenig zu dämmern – er hatte eine kurze Nacht gehabt. Mit dem Klingeln schlug er jetzt wieder die Augen auf. Er war Seitenschläfer und blickte nun auf die geöffnete Schlafzimmertür. Seine Bettseite war seit jeher die der Tür zugewandte gewesen, ganz gleich, in welchem Bett er einschlief und aufwachte. Es war ein Tick von ihm. Vor Jahren, als er noch ruhelos gewesen war und sich in seiner Körperlichkeit ausprobiert hatte, hatte eines der Mädchen, die er zu diesem Zweck damals zuhauf vernascht hatte, zu ihm gesagt, dass dies etwas mit seinem Urinstinkt zu tun hätte. In der Vorzeit hätte der Mann sich auch immer nahe des Höhleneingangs hingelegt, damit er gleich zu Stelle wäre, wenn etwas seine Sippe bedrohte. Er hatte darüber gelacht. Sie hatte sich jedoch an ihn gekuschelt und gesagt, er wäre halt ein echter Kerl, und die Beschützerrolle läge ihm im Blut. Ihm hatte das gefallen, und dann hatte er Sachen mit ihr gemacht, die nicht unbedingt üblich waren und die meisten Frauen in der Regel nicht zuließen, wovon jedoch nicht nur er, sondern auch andere Männer träumten. Das wusste er von seinen Stammtischfreunden, deren Zungen zur späten Stunde durch die vielen Kurzen locker saßen. Der Stammtisch im Brauhaus Nolte in der Dahlenburger Landstraße fand seit jeher jeden Montagabend statt. Gestern war Montag gewesen.
Er lauschte in sein Haus hinein. Warum war die Schlafzimmertür nicht geschlossen? Nachts standen alle Zimmertüren im Haus offen, die vom Schlafzimmer allerdings nie. Und er war sich sicher, sie auch gestern Abend zugezogen zu haben. Er machte das schon automatisch. Ohne darüber nachzudenken. Eva hatte das so gewollt, und er hatte es beibehalten, nachdem sie vor einigen Wochen einfach weg gewesen war. Er war gestern Abend auch nicht betrunken gewesen, nur ein bisschen angesäuselt, und hatte noch sehr wohl gewusst, was er tat.
Er schlug die Decke zurück, setzte sich auf die Bettkante und schlüpfte in seine bereitgestellten Pantoffeln. Sie standen nicht so akkurat, wie er es mochte. Eva hatte das gewusst, und er hatte sich in dieser Hinsicht auf sie verlassen können. Leise tappte er die zwei Schritte zur Schlafzimmertür. Er spähte angespannt aus dem Türrahmen hinaus in den schmalen langen Flur, in den das Licht, das durch die Fenster der angrenzenden Zimmer einfiel, drang. Da war nichts außer aufgewirbeltem Staub, der in einem Lichtstrahl seine Spiralen tanzte. Dennoch blieb er achtsam. Das Gerede über ihn hatte in letzter Zeit zugenommen, und er hielt es für besser, auf der Hut zu sein.
Mit angehaltenem Atem, damit er besser hören konnte, schlich er weiter. Rechter Hand lag sein Badezimmer, in das er ebenfalls seinen Kopf hineinstreckte und den quadratischen Raum mit den Augen abtastete. Auch hier fiel ihm nichts Ungewöhnliches auf. Um sicher zu gehen, huschte er zur Badewanne hinüber und riss abrupt den Duschvorhang zur Seite. Nichts. Nach wie vor konnte er auch kein anderes Geräusch im Haus ausmachen. Er entspannte sich wieder und sog die Luft tief in seine Lungen ein. Trotzdem war er noch immer nicht gänzlich beruhigt, sodass er ungeachtet seiner aktuellen Erleichterung leise seinen Weg durchs Haus fortsetzte und mit Argusaugen die verbliebenen Zimmer begutachtete. Auch im Souterrain. Selbst wenn hier niemand war, waren vielleicht Gegenstände verrückt? Er konnte auch das nicht erkennen. Alles war wie gewöhnlich. Dessen ungeachtet hatte er das Gefühl, die Atmosphäre im Haus sei anders. Irgendwie beklemmend.
Ihn fröstelte. Er war nackt. Wie immer.
Eva konnte nicht da gewesen sein, um noch ein paar ihrer Sachen zu holen. Sie hatte keinen Schlüssel mehr. Den hatte sie ihm auf sein Kopfkissen gelegt, bevor sie sich davongemacht hatte. Er zog eine abschätzige Grimasse und begann sein tägliches Ritual, aber das unwohle Empfinden blieb.
Er ging ins Wohnzimmer, stellte das Radio an, dann in die Küche und brühte sich einen Kaffee auf. Er ließ das heiße Gebräu auf dem Küchentresen stehen, damit es abkühlte, und ging zurück ins Schlafzimmer zum Schrank, aus dem er sich ein großes Handtuch holte. Daraufhin tappte er ins Bad, um zu duschen. Wieder fröstelte ihn und er meinte, einen leichten Luftzug an seinen Waden zu spüren, deren Härchen sich sofort aufstellten. Dabei hatte er doch nirgendwo ein Fenster geöffnet! Er hätte es bei seinem Gang durchs Haus bemerkt und vor allem hatte er gestern vor dem Zubettgehen alle geschlossen, da es geregnet hatte. Das wusste er noch ganz genau, zumal ihn das Tröpfeln beim Einschlafen gestört hätte – da war er empfindlich.
Leise Musik drang aus dem Radio im Wohnzimmer ins Bad. Er stieg in die Badewanne und zog den Duschvorhang, der von seiner Überprüfung eben noch beiseitegeschoben war, zu. Gerade, als er die Dusche anstellen wollte, hörte die Musik auf und der Radiomoderator berichtete, wie in der letzten Zeit so häufig, von den Geschehnissen in Gorleben. Heute war der Tag, an dem trotz des Widerstands des niedersächsischen Umweltministeriums aufgrund einer Weisung des Bundesumweltministers Klaus Töpfer Atommüllcontainer aus dem belgischen Kernforschungszentrum Mol im Zwischenlager Gorleben endgültig eingelagert werden sollten. Ein paar Tage zuvor waren die drei Transporter kurzfristig in der Polizeikaserne Lüchow untergestellt worden. Er stoppte mitten in seiner Bewegung und lauschte dem Bericht, doch viel mehr sagte der Sprecher nicht mehr.
Noch bis vor ein paar Tagen hatte er vorgehabt, nach Gorleben zu reisen und die Zufahrten zum Zwischenlager zu blockieren, wie rund 200 Treckerfahrer und andere Menschen es jetzt in diesem Augenblick taten. Er hatte mit dem Schuldirektor darüber gesprochen und auch seine Klasse dafür mobilisieren wollen, aber der Direktor hatte es ihm verboten und mit einem Verweis gedroht. Aufgrund der anderen schon bestehenden Anschuldigungen gegen ihn, hatte er zähneknirschend darauf verzichtet, zum Atommülllager zu fahren. Es hatte ihm schwer zu schaffen gemacht, denn was dieser Töpfer da zuließ, war Raubbau an der Natur und den Menschen.
Der Radiomoderator berichtete nur noch kurz sachlich, dass die Polizei bereits anfing, die Blockaden vor den Gorlebener Zufahrten zu räumen, dann kam wieder Musik. Er runzelte die Stirn. Er konnte sich vorstellen, wie brutal bei der Räumung vorgegangen wurde. Eine Schande war das. Er stellte das Wasser an und wartete einen Moment, bevor er sich unter den Duschkopf stellte – in den ersten Sekunden kam nur kaltes Wasser heraus. Duschte er in der Natur, machte ihm das nichts, aber in seinem eigenen Badezimmer sollte es angenehm warm sein.
Durch den morgendlichen Gang durchs Haus war sein täglicher Zeitplan verrutscht. Er hasste es, wenn seine Routinen durch Unvorhergesehenes gestört wurden. Sein Leben war durchdacht. Für alles hatte er einen strukturierten Plan – kleine Pläne, die er in die Struktur seines großen einband, damit er vorausdenken konnte. Natürlich, auch er musste hin und wieder spontan handeln, doch dann sah er zu, dass er schnellstmöglich wieder zurückfand in seinen alltäglichen Ablauf. Ein bisschen so, wie wenn man mit dem Auto leicht ins Schleudern geriet und vorsichtig wieder die Spur einnahm. Nur auf diese Weise konnte er alles unter Kontrolle halten, und das war immens wichtig für ihn. Aus diesem Grund duschte er heute schneller als gewöhnlich. Damit würde er zumindest die Zeit wieder einholen, die er zuvor auf der Suche nach was auch immer im Haus gleich nach dem Aufstehen verplempert hatte. Seine Laune war auf jeden Fall bereits jetzt im Keller und das, obwohl er gestern so einen amüsanten Abend gehabt hatte. Er hatte gehofft, davon noch ein bisschen zehren zu können, schon wegen Eva. Um sie zu vergessen. Und auch wegen der anderen, die ihn verleumdeten – wenn die wüssten …
Nachdem er außerhalb des Wasserstrahls seinen Körper eingeseift hatte, waren seine bis zur Schulter reichenden Kopfhaare an der Reihe. Er nutzte kein gesondertes Shampoo dafür, sondern den Schaum des Duschgels, der sich noch auf seinem Körper befand. Alles andere wäre für ihn Verschwendung. Gerade als er sich komplett abduschen wollte, hörte er ein Klirren. Er hielt inne in seinen Bewegungen. Was war das denn nun wieder? War es aus dem Radio gekommen? Oder wurde er jetzt verrückt? Er drehte rasch das Wasser aus und horchte angestrengt. Da war nichts. Nichts mehr, denn er war sich sicher, sich nicht getäuscht zu haben.
Nass und nackt, wie er war, stieg er aus der Wanne und wanderte ein weiteres Mal durch das Haus. Hier war nach wie vor alles unverändert. In der Küche nahm er einen Schluck aus seinem inzwischen abgekühlten Kaffee und blickte dabei gewohnheitsmäßig aus dem Fenster. Und dann sah er einen Schatten blitzartig hinter seinem am Ende des Gartens stehenden Schuppen verschwinden. Fast hätte er im ersten Moment vor Schreck seine Tasse fallen lassen. Aber er hatte sich schnell wieder im Griff und fluchte nur leise vor sich hin. Es war der Nachbarskater gewesen, den er erspäht hatte. Ein über die Maßen fettes gelbgetigertes Tier, das er schon längst mit seiner Schrotflinte abgeschossen hätte, wenn es nicht die vielen Mäuse in der Gegend und damit auch auf seinem Grundstück wegfangen würde. Plötzlich kam ihm ein Gedanke in den Sinn, und so schnell, wie er sich über den Kater geärgert hatte, so schnell grinste er jetzt beruhigt: Das war es also gewesen! Der olle Kater hatte ihm den Morgen versaut! Sicherlich war das Vieh in aller Frühe auf Mäusejagd um sein Haus herumgeschlichen und hatte dieses beunruhigende Gefühl in ihm wachgerufen. Zwar erklärte das die offene Schlafzimmertür nicht, aber vielleicht war er gestern doch mehr als nur ein bisschen angeschickert gewesen und hatte sie nicht richtig geschlossen, sodass sie von allein wieder aufgegangen war. Ja, so wird es gewesen sein. Er nahm noch einen Schluck Kaffee und dann sah er zu, in sein Badezimmer zu kommen. Auf dem Weg dorthin hinterließ er eine kleine Pfütze auf dem Linoleumboden in der Küche. Sonst nichts.
Gedicht
»Ja, tobe nur in deinen Ketten, Tier:
Aus diesem Kerker wirst du niemals frei,
Denn dieser Knochenbau umschließt dein Leben
Wie eine panzerartige Bastei.
Und nimmer sprengt das Klopfen deines Herzens
Den Gürtelring, der deine Brust umschließt,
Und kein Erkenntnisdrang sprengt dir den Schädel,
Dass drein ein Strahl vom Himmelslichte fließt.
Der Tod allein, der Tod wird dir die Pforte
Zur Ewigkeit und Überwelt erschließen!
Doch traue nicht zu sehr dem stolzen Worte, –
Es muss dein Ich dabei im All zerfließen.«
(Ludwig Scharf)
Kapitel 1
Montag, 09.03.2020 – morgens
8:59 Uhr
Katharina von Hagemann blickte angespannt in die Augen ihres Vorgesetzten Hauptkommissar Benjamin Rehder. Er lächelte ihr aufmunternd zu, doch sah er dabei alles andere als locker aus. Er hatte seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben, während Katharina nervös mit dem Zeigefinger an der empfindlichen Haut ihres Daumens knibbelte. Wie gern hätte sie sich in diesem Moment eine Zigarette angesteckt. Vielleicht würde dann der dicke Kloß verschwinden, der sich seit etwa 20 Minuten in ihrem Hals immer breiter machte.
»Er ist im Anmarsch«, wisperte es von der Bürotür her. Es kam von Vivien Rimkus, die an der halb geöffneten Tür stand und den Kopf hinaus auf den Gang gesteckt hatte. Jetzt zog sie ihn zurück und drückte die Tür sachte zu. Die junge Kommissarin, mit der Katharina bis heute nicht richtig warm geworden war, hatte Tobi nach seinem schweren Unfall vor etwa drei Jahren in ihrem Dezernat ersetzt. Erst gestern Abend, kurz vor Feierabend, hatte sie sichtlich widerstrebend ihren Schreibtisch, der zuvor Tobis gewesen war, freigeräumt und war an einen eigens für sie in das Gemeinschaftsbüro gestellten neuen Schreibtisch umgezogen. Katharina ihrerseits hatte ihren Tisch mit der Stirnseite an Tobis alten herangeschoben, sodass sie ihm direkt gegenübersitzen würde. Zudem hatten sie das Büro mit einer Girlande, auf der »Herzlich Willkommen« stand, geschmückt. Heute Morgen hatte sie dann noch schnell vom Godehus, das in der Nähe des Bahnhofs Am Schützenplatz lag, jede Menge Franzbrötchen besorgt. Das Godehus befand sich zwar überhaupt nicht auf ihrem Weg zum Kommissariat, aber sie hatte den erheblichen Schlenker in den Bioladen gern in Kauf genommen. Franzbrötchen waren ihr und Tobis Lieblingsgebäck, und sie hoffte, er würde sich über die Geste freuen, denn er war es, der heute wieder seinen alten Platz im Kommissariat einnehmen würde, und sie wollte ihm einen schönen Wiedereinstieg bescheren.
Bis vor einer Woche hatte Katharina noch gebangt, ob ihr Kollege Tobias Schneider überhaupt je wieder irgendwann soweit auf dem Damm war, um eingegliedert werden zu können. Die Zeit des Wartens und Hoffens war ihr zäh vorgekommen. Als Ben sie dann letzte Woche informiert hatte, dass Tobi heute endlich wiederkommen würde, war plötzlich alles ganz schnell gegangen. Und spätestens seit diesem Morgen war die Zeit wie im Flug an Katharina vorbeigedüst.
Obwohl sie gestern spät im Bett gewesen war, hatte sie in der Nacht kaum schlafen können und sich eher hin und her gewälzt, bis sie dann um 5.45 Uhr aus dem Bett gekrochen war. Sie hatte ihre Joggingklamotten angezogen und war eine Runde gelaufen, um sich den Kopf durchpusten zu lassen. Es hatte nicht viel gebracht, sie war nach wie vor nervös wie ein Teenager vor seinem ersten Date gewesen. Wieder zu Hause war sie nicht wie sonst unter die Dusche gesprungen, sondern hatte ein ausgiebiges Bad genommen. Trotz der ätherischen Öle, die sie reichlich ins Wasser gegossen hatte, war die Entspannung nicht eingetreten. Irgendwann war Bene verschlafen im Bad erschienen. Er hatte nur einen kurzen Blick auf sie geworfen und war wieder verschwunden, um kurz darauf mit einem Pfefferminztee in der Hand wiederzukommen. Dankbar hatte sie ihn entgegengenommen. Bene wusste einfach, was ihr guttat. Sie waren inzwischen nach einigen Irrungen und Wirrungen knapp sieben Jahre zusammen und seit etwas über zwei Jahren lebten sie miteinander. Das allerdings auch nicht so wie normale Paare, sondern Tür an Tür oder besser Wohnung an Wohnung. Sie hatten lange nach einem Heim für sie beide gesucht, waren sich jedoch selbst bei den schönsten Wohnungen nicht einig gewesen, bis Katharina plötzlich gewusst hatte, woran dies lag. Die Erkenntnis war ihr an Tobis Krankenbett gekommen. Sie erinnerte sich noch gut an die Situation. Damals war Tobi gerade erst ein paar Wochen aus seinem Koma erwacht. Sie hatte ihm etwas aus der Zeitung vorgelesen, doch dann war er weggedämmert, und sie hatte ihren Gedanken nachgehangen. Sie hatte, wie so häufig in dieser Zeit, überlegt, wie schnell das Leben vorüber sein konnte. Von jetzt auf gleich. Und dass man jede einzelne Sekunde möglichst auskosten und so gestalten sollte, als wäre es die letzte. Später hatte sie Bene getroffen und ihm gesagt, dass sie nicht mit ihm zusammenziehen würde. Sie hatte ihm erklärt, sie wolle sich jeden Morgen beim Augenaufschlagen neu für ihn entscheiden, ohne, dass der Alltag in einer gemeinsamen Wohnung sie »auffräße«, ja, sie hatte von Auffressen gesprochen.
Bene hatte sie in seine Arme gezogen und nichts weiter dazu gesagt als »ist gut«. Sie war erleichtert gewesen und hatte sich gleichzeitig gewundert, dass er keine Grundsatzdiskussion über ihre Partnerschaft anfing. Im Gegenteil war er auf sie eingegangen und hatte nach kurzer Überlegung den Vorschlag gemacht, nach zwei freien Wohnungen in einem Haus zu suchen. Tatsächlich waren sie einigermaßen schnell fündig geworden, und ihre Beziehung war seitdem besser als je zuvor. Obwohl in beiden Wohnungen ein Schlafzimmer war, verbrachten sie die Nächte bis auf wenige Ausnahmen gemeinsam – in der Regel bei Katharina. Sowieso waren sie meist bei ihr in der Wohnung. Nur wenn Bene für sich allein Saxofon spielen wollte oder sie wegen eines schwierigen Falles Zeit für sich brauchte und mal wieder »in ihrem Kopf« ihre Arbeit mit nach Hause brachte, wie Bene es nannte, ging er zu sich hinüber. Und genauso fühlte sich das Zusammenleben für Katharina gut an: Ihr reichte es, die Möglichkeit zu haben, sich zurückziehen zu können, ganz nach dem Motto: nichts müssen, nur wollen. Es war ein bisschen wie mit dem Meer. Sie fand den Gedanken schön, hier in Lüneburg in der Nähe von Nord- und Ostsee zu leben, dennoch fuhr sie nur selten hin.
An der Tür klopfte es. Wieder sah Katharina zu Ben, der nur mit den Schultern zuckte. Sie wussten beide, dass es Tobi war, der da hinter der Tür stand. Früher wäre ihr Kollege einfach ohne Klopfen in ihr gemeinsames Büro hineingeschneit, aber in der Zwischenzeit war viel geschehen, vor allem für ihn …
Ben räusperte sich, straffte seine Schultern und dann sagte er: »Komm rein!«
Katharina wandte sich der Tür zu und beobachtete verkrampft, wie langsam – es kam ihr vor wie in Zeitlupe – die Türklinke heruntergedrückt wurde. Sie hatte sich ihre Begrüßungsworte in den letzten Tagen so schön zurechtgelegt, doch auf einmal kamen sie ihr hohl vor. Sie überlegte fieberhaft, was sie stattdessen zu Tobi sagen sollte, doch dann ging plötzlich alles ganz schnell. Bevor sie einen Entschluss gefasst hatte, stand Tobi in der geöffneten Tür und grinste schief in den Raum hinein. Er schien genauso verlegen und auch berührt wie sie und Ben. Der fing sich als Erster, trat auf Tobi zu, nahm ihn in den Arm, klopfte ihm auf die Schulter und meinte: »Hi, Kollege, du hast uns hier gefehlt!«
»Und ihr mir erst«, erwiderte Tobias Schneider langsam. Er hatte sich aus Bens Umarmung gelöst und trat jetzt auf die Kommissarin zu. Katharina musste die aufkommenden Tränen unterdrücken. Sie war sich nicht sicher, ob sie vor Rührung, Glück oder Traurigkeit in ihr hochstiegen. Wahrscheinlich war es alles zusammen. Obwohl sie diesen Moment so sehr herbeigesehnt und sich immer wieder vorgestellt hatte, überrollte er sie jetzt. Tobi war endlich wieder da! Hier im Kommissariat, das er heute zum ersten Mal nach seinem schlimmen Unfall wieder betrat. Nachdem er damals aus dem Krankenhaus entlassen worden war und die Reha hinter sich gebracht hatte, hatten Ben und sie ihn immer wieder gefragt, ob er nicht einfach mal so vorbeikommen wolle. Doch Tobi hatte sich geweigert. »Ich werde erst zum Arbeiten wiederkommen, Kaffeetrinken können wir woanders«, hatte er dazu dann stets gesagt, und irgendwann hatten sie es gelassen, ihn zu fragen, und seine Antwort akzeptiert.
Sie hatten ihn trotzdem regelmäßig getroffen. Nicht jedes Mal gemeinsam, sondern auch jeder für sich. Am Anfang war Jana, Tobis Freundin und Mutter seiner Tochter Mia, häufig dabei gewesen, doch gerade in letzter Zeit hatte diese die Treffen der Kollegen untereinander genutzt, um anderen Dingen nachzugehen. Natürlich lag das vor allem daran, dass es Tobi inzwischen deutlich besser ging und er wieder allein zurechtkam. Lange Zeit hatte das anders ausgesehen. Nach seinem Unfall war es noch nicht einmal klar gewesen, ob er überleben würde. Er war allein in seinem Wagen unterwegs gewesen und von einem anderen Auto angefahren worden, sodass sich seines überschlagen hatte. Sein Unfallgegner hatte Fahrerflucht begangen und Tobi einfach sich selbst überlassen. Erst Monate später hatten sie ihn und seine Begleiter durch einen Zufall stellen können, doch das half Tobi in jenem Moment herzlich wenig. Er hatte, direkt, nachdem er sich aus seinem zerquetschten Wagen befreien konnte, das Bewusstsein verloren und war für eine lange Zeit ins Koma gefallen. Und auch nachdem er wieder daraus erwacht war, stand nicht gleich fest, ob er vielleicht den Rest seines Lebens ein Pflegefall bleiben würde. Doch er hatte fleißig seine Therapien absolviert und sich tatsächlich soweit berappelt, dass er seine Motorik wieder im Griff hatte. Dennoch würde er nie wieder der Alte sein. Das wussten sie alle. Vor allem sein Sprachzentrum war durch die vom Unfall hervorgerufene Kopfverletzung in Mitleidenschaft gezogen worden, und noch immer suchte er häufig während eines Gesprächs nach den einfachsten Wörtern, sodass er trotz regelmäßiger logotherapeutischer Behandlung nur langsam sprach.
»Schön, dass du wieder da bist«, flüsterte sie mit rauer Stimme in Tobis Ohr. Er hatte sie eben in den Arm genommen, so wie zuvor Ben ihn.
»So schnell wirst du mich nicht los«, erwiderte Tobi, und nun kullerte doch eine einzelne Träne Katharinas Wange hinunter. Sie schob den Kommissar von sich, murmelte »Ein Glück«, und dann sagte sie laut: »So, bevor es ans Arbeiten geht, wird erst einmal zu deinem Wiedereinstand gebührend gefrühstückt. Wer möchte einen Kaffee?«
Sie wandte sich ab und steuerte auf den büroeigenen Kaffeevollautomaten zu, den sie bereits angestellt hatte, damit das Wasser schon einmal heiß werden konnte.
»Ich bin zum Teetrinker geworden«, sagte Tobi und setzte fast schon entschuldigend hinzu: »Das verträgt sich besser mit meinen Medikamenten.«
»Kein Thema«, sagte die Kommissarin, ohne sich umzudrehen, »ist sowieso gesünder. Allerdings haben wir nur Pfefferminztee hier, ist der okay?«
»Logo«, hörte sie es in ihrem Rücken und musste schmunzeln. Selbst wenn es nur dieses eine Wort war, aber da war er wieder, der alte Tobi, der so unkompliziert war. Wenn sie ihn in den letzten Monaten getroffen hatte, hatte eine Schwermut über ihm gelegen, die ihr manches Mal das Herz zerrissen hatte. Sie war sich sicher, die Arbeit hier mit ihnen im Kommissariat würde ihm guttun. Zwar würde er nur Innendienst machen können, aber er hatte dann wenigstens wieder eine Aufgabe und weniger Zeit zum Trübsal blasen.
»Ich hätte gern einen Cappuccino«, meldete sich nun Ben zu Wort. »Und dann lasst uns doch am besten direkt an den Besprechungstisch gehen.«
»Ich nehme einen Latte Macchiato, aber den kann ich mir selbst machen«, erklang jetzt die Stimme von Vivien, die Tobi bei seinem Eintreten eben nur grüßend zugenickt hatte. Der Ton ihrer Stimme erschien Katharina ungewohnt unsicher. Normalerweise war die junge Kommissarin recht forsch, manchmal zu forsch für Katharinas Geschmack, doch in diesem Moment konnte sie Vivien ihre Zurückhaltung nicht verdenken. Auch für die Kollegin war die Situation sicher nicht einfach. Immerhin war sie trotz der drei Jahre, die inzwischen ins Land gezogen waren, immer noch die Neue in ihrem Team und hatte nie die Lücke füllen können, die Tobi durch seinen Ausfall hinterlassen hatte – absolut nicht, was ihre Arbeit betraf, sondern auf der persönlichen Ebene. Ben sah in Vivien Rimkus einfach nur eine Mitarbeiterin, die ihren Job gut machte und das war’s. Katharina hingegen traute Vivien nicht, was in einem Team, zumal in ihrem Beruf, eigentlich unabdingbar war. Das wusste sie selbst, doch sie konnte nicht dagegen an, obwohl sie sich reichlich Mühe gab und Vivien ihr sogar bereits einige Male in brenzligen Situationen geholfen hatte. Es lag schlicht und ergreifend an ihrem gemeinsamen Start, der recht holperig verlaufen war. Darüber hinaus war Vivien ihnen gegenüber ziemlich verschlossen. Auch Katharina schüttete nicht gleich jedem ihr Herz aus, aber darum ging es ihr auch nicht. Vivien hielt etwas vor ihren Kollegen zurück, was diese wissen sollten, das sagte ihr ihr Gefühl, und dies trog sie selten.
Vivien trat jetzt neben sie, während Ben und Tobi zum Besprechungstisch in Bens Büro gingen, das lediglich durch eine dicke Glaswand vom Gemeinschaftsbüro getrennt wurde. Gleichzeitig war es die Glaswand, an die sie schrieben, wenn sie einen Fall aufzuklären hatten. Heute stand jedoch auch hier, wie auf der Girlande im Gemeinschaftsbüro, in großen Buchstaben »Herzlich Willkommen, Tobi!«.
»Ich kann dir deinen Latte machen, kannst du dafür die Franzbrötchen auf einen Teller legen? Sie sind in meiner Tasche«, sagte Katharina zu Vivien.
»Okay«, antwortete Vivien und machte sich ans Werk.
9:37 Uhr
Die junge Familie – Mutter, Vater, zwei kleine Kinder – stand am Rand des Grundstücks und schaute gebannt den Arbeiten zu. Achim Brenner hatte sie eben kurz begrüßt, bevor er seine Leute eingewiesen hatte und diese losgelegt hatten.
In der letzten Woche hatten sie bereits das Haus von allem befreit, das nicht zur Bausubstanz gehörte, damit sie heute mit den eigentlichen Abrissarbeiten beginnen konnten und diese reibungslos vonstattengingen. Sie hatten das in einen kleinen Hügel hineingebaute Haus entrümpelt, die Heizung, das Bad, die Einbauküche und noch einiges mehr entfernt und fachgerecht entsorgt. Achim tat dies jedes Mal in der Seele weh. Natürlich wollte es jeder modern und vor allem nach seinem eigenen Stil haben, wenn er sich ein Haus kaufte. Das konnte er verstehen, und oft waren das Entrümpeln und Entkernen notwendig, da in den vergangenen Jahrzehnten viele Schadstoffe wie Asbest, Blei und Quecksilber verbaut worden waren. Das war auch bei diesem Haus so gewesen. Dennoch hätte man es anders handhaben können, und er fragte sich, woher die junge Familie das Geld hatte, sich das neue Haus leisten zu können. Zumal auch die Wohngegend hier nicht gerade günstig war. Der Lüneburger Stadtteil Wilschenbruch, in dem die meisten Straßen nach Vogelarten benannt worden waren, war nicht nur mit seinen weniger als 1000 Anwohnern der kleinste, er gehörte vor allem zu einem der nachgefragtesten in der Salz- und Hansestadt. Umsäumt von einem ausgedehnten Wald, in dem auch er manchmal mit seiner Frau spazieren ging und durch das die Ilmenau sich ihren Weg bahnte, hatte man hier alles, was man zum Wohlfühlen brauchte: die Natur direkt vor der Haustür und das Stadtzentrum nur knapp drei Kilometer entfernt. Gut, die meisten Wilschenbruch-Häuser standen auf Erbbaugrundstücken, die der Stadt gehörten, was die Sache etwas günstiger in der Anschaffung machte. Allerdings würde er sich gerade deswegen kein neues Haus hinstellen, sondern versuchen, das alte herzurichten. Schließlich konnte man nie sicher sein, bei einem Verkauf seine Kosten wieder reinzubekommen. Andererseits könnte er sich sowieso niemals einen Neubau leisten und auch kein altes Haus. Schon gar nicht in dieser Gegend. Dabei war er mindestens doppelt so alt wie der junge Kerl, der da hinten mit seiner Familie stand. Aber er wollte nicht neidisch sein, dann hätte er viel zu tun! Immerhin wimmelte Lüneburg inzwischen von jungen Familien, die aus Hamburg hierherzogen, weil sie ihre Kinder nicht in einer Metropole aufwachsen lassen wollten und in der Regel von ihren Eltern ein ordentliches Startkapital zu Verfügung gestellt bekommen oder geerbt hatten.
Achim konzentrierte sich wieder auf das vor ihm liegende Grundstück, auf dem sich ihm das Haus nur noch als Gerippe präsentierte, bereit zum endgültigen Abriss. Das Einzige, was sie heute vorher noch schnell erledigen mussten, war die Entsorgung des Schuppens hinten im Garten. Das hatte ihm die Baufirma, die ihn beauftragt hatte, gestern am späten Nachmittag mitgeteilt. Ursprünglich hatten sie den Schuppen stehen lassen sollen, doch der Bauherr hatte es sich kurzfristig anders überlegt. Natürlich hatte Achim gemosert und angemerkt, dass die Entscheidung etwas spät kam, aber der Kunde war König, und so hatte er sich gefügt, besonders da diese ungeplante Leistung gut bezahlt wurde.
Drei seiner Jungs waren bereits am Schuppen zugange, während der Rest seiner Mannschaft schon einmal die schweren Maschinen für den Hausabriss in Position brachte. Das war aufgrund der Größe des Grundstücks glücklicherweise möglich, sonst hätten sie ein Zeitproblem gehabt. Achim hatte für den kompletten Abriss vier Tage kalkuliert und bereits einen Anschlussauftrag angenommen.
»Moin. Und, läuft alles nach Plan?«, sprach ihn der junge Familienvater von der Seite an. Achim hatte gar nicht bemerkt, dass er neben ihn getreten war. Umständlich kramte der Abrissunternehmer seinen Tabak aus der Innentasche seiner Jacke und begann, sich eine Zigarette zu drehen. Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Gern hätte er diesem jungen Typen etwas von Holterdipolter-Entscheidungen erzählt, doch was würde das schon nützen? Schließlich beglich dieser Jungspund, der da in Fahrradklamotten und mit einem kleinen Ziegenbärtchen im Gesicht abwartend neben ihm stand, am Ende die Mehrkosten. Außerdem hatte Achim Brenner auch keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten. Er steckte sich die fertig gedrehte Zigarette zwischen die Lippen, zündete sie an und brummte vielsagend.
»Na, dann ist ja gut«, sagte der junge Mann und lächelte ihn offen an. »Es tut mir übrigens leid, dass wir uns erst jetzt entschlossen haben, den Schuppen auch abzureißen. Wir wollten ihn ursprünglich als Spielhaus für die Kinder stehen lassen, haben uns dann aber doch spontan dagegen entschieden. Ich hätte es ja ganz gut gefunden, aber meine Frau … Na ja, Sie wissen sicher, wie die sein können. Sie möchte einfach alles neu haben, und da ihr Vater uns finanziell ziemlich unterstützt, ist es jetzt halt so.«
Achim brummte ein weiteres Mal, diesmal eher zustimmend. Sie wandten beide ihre Köpfe, als jetzt ein Ruf aus Richtung Schuppen erklang: »Cheeef, komm mal schnell! Oh Mann, das musst du sehen!«
Was war denn jetzt los? Er setzte sich in Bewegung und mit ihm der junge Mann. Aus den Augenwinkeln sah Achim, dass auch die Mutter mit den beiden Kindern auf den Schuppen zusteuerte, von dem nur noch zwei Wände standen. Die hintere und die linke Seitenwand lagen bereits abgetragen und in einzelnen Holzlatten auf dem Rasen.
»Sie wissen, dass ich keine Haftung übernehme, wenn Ihre Kinder hier auf der Baustelle rumspringen?«, stellte er klar.
»Natürlich, wir passen schon auf«, bekam er zur Antwort, und Achim Brenner brummte zum dritten Mal an diesem Morgen.
Beim Schuppen angekommen, blickten sie in das verstörte Gesicht von Ingo – einem Hünen von Mann, der bis zum Hals tätowiert war und sich normalerweise nicht so schnell aus der Ruhe bringen ließ. Er arbeitete schon einige Jahre für Brenner, doch so durch den Wind hatte dieser ihn noch nie gesehen. Neben Ingo standen die anderen zwei Jungs, die er zum ersten Mal angeheuert hatte und die ihre Arbeit bisher gut gemacht hatten. Es waren Brüder, und auch sie waren käseweiß. Seine Männer nannten die beiden Lolek und Bolek, weil sie immer zusammen herumhingen und kaum ein Wort Deutsch sprachen – sie kamen zwar nicht aus Polen, sondern aus Litauen, aber das war für die Namensgebung egal.
»Was ist denn los?«, fragte Brenner.
»Das … ähm … also … guck es dir einfach an …«, stammelte Ingo.
Achim Brenner schwante nichts Gutes, als er jetzt, gefolgt von der Familie, näher an den nur noch halb vorhandenen Schuppen trat. In der Mitte prangte ein größeres Loch im Boden, das er zuvor nicht bemerkt hatte.
»Lolek und Bolek haben die Wände auseinandergenommen, und ich habe die Waschbetonplatten entfernt. Ich hab in der Mitte angefangen, weil hier schon einige lose waren, was mich … was mich jetzt nicht mehr wundert … und … ähm … vielleicht bleiben Sie mit den Kindern besser mal weg«, erklärte Ingo, der sich nicht von seinem Platz gerührt hatte.
»Ja, aber was ist denn da?«, fragte die Mutter, stoppte abrupt mitsamt den Kindern an ihrer Hand, stellte sich hinter ihre Kleinen und legte jedem schützend eine Hand auf die Brust.
Achim Brenner blieb ihr für den Moment eine Antwort schuldig. Stattdessen schluckte er. Dafür erwiderte ihr Mann neugierig: »Das werden wir gleich sehen.«
Er stellte sich neben Achim und senkte ebenfalls seinen Blick in das Loch. »Ach du Scheiße!«, platzte es aus ihm heraus, »Ist es das, was ich glaube?«
»Max, was ist denn da?«, fragte die Frau erneut, doch nach wie vor antwortete ihr niemand.
»Ich schätze schon«, meinte Achim Brenner an den jungen Mann gewandt. »Wir sollten die Polizei rufen.«
»Polizei? Wieso?«, drängelte sich jetzt doch die Frau zwischen die Männer. »Ich möchte jetzt endlich wissen, was da …« Sie stockte mitten in ihrem Satz, dann stieß sie einen kurzen, spitzen Schrei aus, deutete mit einem Finger auf das Loch und stammelte: »Das ist … das ist … eine Hand!«
10:23 Uhr
Das Telefon auf Bens Schreibtisch klingelte. Er erhob sich langsam vom Besprechungstisch und meinte zu den anderen: »Wenn da mal nicht die Arbeit ruft.«
Tobi grinste und sagte: »Ich habe mich schon gewundert. So ruhig war es hier selten.«
»Und es kann auch gern noch eine Weile so bleiben!«, kommentierte Katharina.
»Stimmt«, pflichtete Vivien ihr bei und begann, die leeren Teller und Becher zusammenzuräumen.
»Also ich habe lange genug nichts getan, ich bin nicht hier, um das so weiterzumachen«, meinte Tobi und sah zu Ben, der in diesem Augenblick sagte: »Ja, wir kommen. In 15 Minuten sind wir vor Ort.« Dann legte der Hauptkommissar auf, schaute seinen Kollegen an und erklärte: »Wenn wir Glück haben, sind wir in einer Stunde wieder hier und können weiter klönen, wenn nicht …«
»… dann tun wir mal wieder was für unser Geld«, vervollständigte Katharina seinen Satz und stand auf. »Was ist denn passiert?«
»Bei Bauarbeiten wurde in Wilschenbruch eine Hand gefunden, das heißt, nur noch die Handknochen«, informierte sie der Hauptkommissar. »Mehr weiß ich auch noch nicht.«
Nachdem Ben und Katharina das Büro verlassen hatten, ging Tobi an seinen Schreibtisch. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nach all der Zeit wieder hier zu sein. Er hatte sich riesig auf diesen Tag gefreut, doch jetzt fragte er sich, ob sein Wiedereinstieg nicht doch zu früh kam. Noch immer suchte er in seinem Kopf nach den einfachsten Begriffen, wenn er etwas sagen wollte. Dabei wusste er den Inhalt meist ganz genau, doch die Worte wollten dann einfach nicht aus seinem Mund heraus. Natürlich kannte er das schon von früher, vor diesem verflixten Unfall. Wie wohl jedem hatte ihm auch hin und wieder etwas auf der Zunge gelegen, aber jetzt geschah es eben nicht nur manchmal, sondern ziemlich häufig. So hatte er sich immer Alzheimer vorgestellt. Langsam aber sicher verlor man die Worte bis hin zum Gedächtnis und lebte nur noch in frühesten Erinnerungen. Gerade neulich hatte er sich den Film Der seltsame Fall des Benjamin Button angeschaut. Er hatte ihn irgendwann am Anfang der 2000er, als er herauskam, mit seiner damaligen Flamme im Kino angesehen. Mit der Frau verband ihn längst nichts mehr, sie hatten sich nur ein paar Mal getroffen, aber der Film hatte ihn fasziniert – was für eine irre Vorstellung, dass die biologische Uhr rückwärts ticken könnte. Bei ihm war es jedoch sein Geist, der sich durch seine schwere Kopfverletzung erst einmal in 1000 Einzelteile zerlegt hatte und langsam wieder zusammengesetzt werden musste. Von ihm. Ganz allein. Mittlerweile konnte er Sudokus nahezu im Schlaf lösen und las, trotz Netflix, ein Buch innerhalb von drei Tagen aus. Außerdem ging er weite Strecken zu Fuß, denn auch das regte das Gehirn an. Alles Dinge, die er zuvor nicht getan hatte, aber er hatte sich daran gewöhnt. Inzwischen tat er all dies ganz gern – es war ja für einen guten Zweck, wie Jana es einmal lachend gesagt hatte. Was ihm jedoch nach wie vor schwerfiel war seine Ernährungsumstellung. Schon als Kind aß er für sein Leben gern und später dann am liebsten Junkfood. Seit er mit Jana zusammen war, war er nicht mehr zu jeder Mahlzeit in diesen Genuss gekommen, aber vor allem in den Mittagspausen hatte er sich oft eine Currywurst oder ein halbes Hähnchen mit richtig schön vor Fett triefenden Pommes gegönnt. Und die zwei bis drei Teilchen vom Bäcker morgens vor der Arbeit waren für ihn gewesen wie für Katharina der Kaffee, den sie literweise in sich hineinkippte. Dass Katharina vorhin die Franzbrötchen auf den Tisch gezaubert hatte, hatte ihn deswegen ziemlich gefreut. Und dass sie extra Bio-Vollkorn-Franzbrötchen besorgt hatte, hatte er richtig süß von ihr gefunden, denn sie kannte seinen neuen Ernährungsplan. Vor allem Weißmehl war verboten. Ansonsten standen viel Obst, Gemüse, Fisch und Olivenöl auf seinem Speiseplan. Dennoch blieb da dieses Ding mit den Worten.
Zu Hause, bei Jana, war es nicht ganz so schlimm. Sein Therapeut meinte, das läge daran, weil er sich von Jana so angenommen fühlte, wie er war, denn schließlich hätte sein Unfall nicht seinen Charakter verändert. Tobi war sich da allerdings nicht sicher. Natürlich, anderen außer Jana gegenüber hatte er immer schon den Kasper gespielt. Na ja, am Anfang ihrer Beziehung ebenfalls vor Jana, und gespielt war auch irgendwie nicht richtig. Er hatte einfach stets das Glas mindestens halb voll gesehen und war grundsätzlich gut drauf gewesen. Der Unfall hatte das geändert. Seitdem hatte er sich mit Anflügen von Depressionen herumzuschlagen. Das war auch der Grund, weswegen er bereits jetzt schon in den Beruf zurückgekehrt war. Die Ärzte hätten ihn auch weiterhin lieber daheim gelassen oder gar berufsunfähig geschrieben. Doch das hatte er absolut nicht gewollt. Zu Hause fiel ihm die Decke auf den Kopf, zumal Jana voll arbeitete, seit er nicht mehr so pflegebedürftig war. Natürlich war da seine süße Mia. Seine Tochter war letzten Monat fünf Jahre alt geworden, aber sie wirkte schon sehr viel älter und reifer. Das war kein Wunder, nach dem, was sie in ihren ersten Lebensjahren zusammen mit ihrer Mutter seinetwegen hatte durchstehen müssen. Mia ging jedoch in den Kindergarten, und so hatte er sich größtenteils allein die Zeit vertreiben müssen – inzwischen hatte er wohl alle Serien, die es auf Netflix & Co gab, durchgeguckt – bis er seine Tochter um 15:30 Uhr wieder abholte. Das würde er auch weiterhin tun, da er vorerst nur in Teilzeit im Kommissariat arbeiten würde.
Eben am Besprechungstisch hatten sie noch einmal darüber gesprochen. Er und Vivien würden sich den Innendienst aufteilen – wobei sie ihm zuarbeiten sollte. Und wenn Katharina im Urlaub oder krank war, sollte Tobi sie vertreten. Das hatte Ben ihnen allen vorhin bei Franzbrötchen und Kaffee so verkündet. Tobi war das unangenehm. Er wusste, dass Vivien während seiner Abwesenheit den Innendienst allein geschmissen hatte und auch manchmal mit draußen gewesen war. Für sie bedeutete die neue Regelung durch seinen Wiedereinstieg eine Degradierung. Ihm war bewusst, dass Ben so entschieden hatte, um ihm zu zeigen, wie wichtig er ihm war. Trotzdem tat Tobi die Kollegin irgendwie leid. Er kannte sie nicht gut, da sie vor seinem Unfall nur hin und wieder in ihrem Kommissariat ausgeholfen hatte. Erst als klar war, dass Tobi für längere Zeit ausfallen würde, hatte Kriminalrat Mausner – wohl auch auf Viviens Wunsch hin, wie Katharina mal hatte durchblicken lassen – ihrem offiziellen Wechsel von der Sitte hin zum Morddezernat zugestimmt.
Tobi schaute von seinem Platz aus zu ihr hinüber. Sie saß ebenfalls an ihrem Schreibtisch und schien ihn die ganze Zeit beobachtet zu haben, denn wie er tat auch sie nichts und sah ihn an. Für einen Moment herrschte Stille, dann fragte sie: »Und, wie fühlt es sich an, wieder hier zu sein?«
»Weiß noch nicht«, gab er ehrlich zu. »Irgendwie vertraut und dann doch wieder nicht.«
»Hm«, machte Vivien, und er merkte mehr an ihrer Körperhaltung als an ihrem »hm«, dass auch für sie die Situation mit ihm im Büro komisch war.
»Ich denke, wir werden das Kind schon schaukeln, oder?«, meinte er entgegenkommend und setzte noch ein »gemeinsam« hinzu.
»Das hoffe ich«, erwiderte Vivien, aber es klang nicht zickig, sondern eher frustriert.
»Wie meinst du das?«, fragte er nach und stellte eine Vermutung an: »Hast du Angst um deinen Platz hier?«
»Na ja«, sagte sie langsam. Dann gab sie zu: »Etwas schon. Immerhin bist du jetzt wieder da, und ich habe dich nur so lange ersetzt, bis du wieder arbeiten kannst. Das wurde mir von Anfang an gesagt.«
Tobi lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, dann sagte er bedächtig: »Ich glaube nicht, dass du dir Sorgen machen musst. Also ich mache dir auf keinen Fall deinen Platz hier im Team streitig. Außerdem waren wir schon zu meiner Zeit immer zu wenige. Das wirst du sicher in den letzten Jahren gemerkt haben und schon davor. Nicht umsonst haben wir uns dich damals aus deinem Ex-Kommissariat ausgeliehen. … Okay, ich weiß auch, dass Ben lieber ein kleines festes Team hat. Das war schon immer so. Obwohl das ja nicht gerade üblich ist, aber irgendwie hat er damals, als er die Leitung vom Morddezernat übernommen hat, unseren Kriminalrat überzeugen können. Außerdem ist Ben der fairste Typ, den ich kenne. Wenn er dich nicht mehr im Team haben wollen würde, hätte er es dir in dem Moment gesagt, als klar war, dass ich wiederkomme. Und mal so ganz nebenbei: Du hast dich doch hier ganz gut bewährt, soweit ich weiß …«
»Hat Ben das gesagt?«, wollte Vivien, mit einem Mal nicht mehr ganz so mutlos, wissen.
»Ja, der auch, aber eher Katharina.«
»Katharina?«, war die junge Kommissarin überrascht.
Tobi nickte: »Sie scheint große Stücke auf dich zu halten. Schon allein deshalb würde Ben dich nicht vor unsere Kommissariatstür setzen. Er vertraut Katharina sehr.«
»Das hätte ich nicht gedacht«, meinte Vivien gedankenvoll.
»Dass Ben auf Katharinas Urteil hört?«
»Nein, dass sie … dass sie mich, also meine Arbeit, schätzt.«
»Echt nicht«, wunderte Tobi sich laut. Gestand dann jedoch ein: »Okay, Katharina ist nicht gerade jemand, der mit Lob um sich schmeißt, aber doch, sie hat es mir gegenüber ein paar Mal erwähnt.«
Plötzlich wirkte Viviens Gesicht viel entspannter als zuvor und auch etwas glücklicher, wenn er sich nicht täuschte und der Kommissar beschloss, das Thema nun ruhen zu lassen. Mit den Worten: »So, und jetzt lass mal etwas arbeiten, du weißt ja, um 15 Uhr ist hier Abflug für mich und bis dahin sollten wir was geschafft haben«, schaltete er seinen Computer an, und als der Bildschirm daraufhin den blauen Desktop zeigte, spürte auch Tobi so etwas wie Glück. Mannomann, was hatte er seine Arbeit vermisst.
Vivien tat es ihm gleich, merkte jedoch an: »In den letzten Tagen war es relativ ruhig. Ich hatte sogar Zeit, alle Protokolle zu schreiben, die anlagen, deswegen haben wir eigentlich momentan nichts zu tun.«
»Dann sollten wir uns darauf vorbereiten, was Ben und Katharina vielleicht nachher für uns haben, und selbst, wenn es kein Fall ist, vertreiben wir uns dadurch die Zeit mit Sinnvollem«, antwortete er voll Elan, denn ihm war ein Gedanke gekommen.
»Und wie?«, fragte Vivien.
»Du fragst jetzt mal bei Katharina an, wo genau die im Wilschenbruch sind, um dann zu recherchieren, wer dort wann alles gelebt hat, und ich suche mir mal eine alte Akte raus.«
»Okay, mach ich. Aber in was für eine Akte willst du gucken?«
»Wenn ich mich recht entsinne, wurde vor ein paar Jahren ein Totenschädel in der Ilmenau gefunden. Wer weiß, vielleicht gehören die Handknochen dazu.«
Gedicht
»Dass wir erschraken, da du starbst, nein,
dass dein starker Tod uns dunkel unterbrach,
das Bisdahin abreißend vom Seither:
das geht uns an; das einzuordnen wird
die Arbeit sein, die wir mit allem tun.«
(aus Requiem für Paula Modersohn-Becker, Rainer Maria Rilke)
Kapitel 2
Montag, 09.03.2020 –
Vormittag bis zum Abend
10:36 Uhr
Kurz nachdem Katharina von Hagemann und Benjamin Rehder in den Dienstwagen eingestiegen waren, war der Kommissarin eingefallen, dass die Rechtsmedizinerin Frauke Bostel sicher auch nach Wilschenbruch gerufen worden war. Die beiden Frauen waren befreundet, von daher wusste sie, dass Frauke Bostel derzeit in ihrer Mobilität eingeschränkt war – die Rechtsmedizinerin hatte sich beim Skilaufen den Meniskus verletzt und einen Kreuzbandriss zugezogen. Sie war zwar schon vor einiger Zeit operiert worden, war aber noch nicht soweit wieder hergestellt, dass sie Fahrrad oder wenigstens Auto fahren konnte, zumal dies keine Automatik besaß. Natürlich würde Frauke sich ein Taxi rufen können, dennoch hatte Katharina ihrer Freundin und Kollegin kurzerhand eine Nachricht geschickt und gefragt, ob Ben und sie sie einsammeln sollten. Eben gerade hatte Frauke ihr mit einem »Daumen hoch« geantwortet.
»Ben, machst du bitte noch einen Schlenker zur Rechtsmedizin«, bat Katharina deshalb nun ihren Chef, der am Steuer saß.
»Um Frauke abzuholen?«
»Du hast eine hervorragende Kombinationsgabe, dein Beruf passt perfekt zu dir«, lachte Katharina auf.
Auch Ben grinste. Er fragte: »Wie lange ist sie denn noch lahmgelegt?«
»Keine Ahnung, sicherlich noch ein paar Wochen. Sie kann ihr Knie noch nicht richtig anwinkeln.«
»Gehst du jetzt immer alleine zum Sport?« Es war allgemein bekannt, dass die beiden Kolleginnen zusammen diverse Kurse in einem Fitnessklub besuchten. Unlängst hatten sie ihn sogar gewechselt und waren jetzt im Olympic Fitness. Das Olympic, wie es die Lüneburger kurz nannten, lag zwar nicht so zentral in der Stadt wie ihr vorheriger Klub, dafür bot er eine enorm große Auswahl an Kursen, war ziemlich modern und dabei vor allem günstig. Gerade neulich hatte Katharina lachend zu ihrem Freund Bene gesagt: »Falls ich mir meine Wasserrechnung nicht mehr leisten kann, dann gehe ich jeden Tag einfach im Olympic duschen. Da ist das Wasser im Mitgliedspreis inbegriffen.«
»Ich war in der letzten Zeit nur ein paar Mal im Klub. Ohne Frauke macht das dort nur halb so viel Spaß. Dafür jogge ich jetzt wieder regelmäßig. Am Wochenende übrigens auch gern mal im Wilschenbruch«, sagte sie jetzt zu Ben und musterte ihn von der Seite. Er war Bene wie aus dem Gesicht geschnitten, was kein Wunder war, da die beiden eineiige Zwillinge waren.
»Oh, dann sag mal Bescheid, ich wollte auch wieder mit Joggen anfangen, ich habe meine Fitness in der letzten Zeit etwas vernachlässigt«, meinte nun Ben, der gerade bei der Rechtsmedizin vorfuhr, wo Frauke bereits auf sie wartete, sodass Katharina einer Antwort entbunden wurde. Dass ihr Kollege seit einigen Monaten nichts für seinen Körper getan hatte, war unübersehbar – sein Bauchansatz sprach da Bände, und gerade neulich hatte Katharina gedacht, dass er im Gegensatz zu früher recht grau im Gesicht war. Joggen täte ihm also sicher gut, und sie hatte im Grunde nichts dagegen, mit ihm gemeinsam zu joggen. Allerdings fragte sie sich, wie Bene darauf reagieren würde, der wegen seines Rückens nicht joggte und seit einiger Zeit nicht besonders gut auf seinen Zwillingsbruder zu sprechen war, zumindest nicht im Zusammenhang mit Katharina. Bene zeigte plötzlich heftige Anwandlungen von Eifersucht gegenüber Ben und glaubte, sein Bruder hätte ein Auge auf sie geworfen. Auf die Frage, wie er auf so eine an den Haaren herbeigezogene Idee käme, hatte er Katharina vor ein paar Wochen geantwortet, dass er es ziemlich verdächtig fände, dass Ben keine feste Freundin mehr gehabt hatte, seit er mit Katharina zusammenarbeitete, was immerhin schon ein paar Jahre mehr der Fall war. »Außerdem guckt er dich immer heimlich an, wenn er denkt, das bekäme keiner mit. Und er fragt dich ständig, ob ihr nach dem Job noch was trinken gehen wollt, obwohl ihr schon den ganzen Tag zusammen rumhängt.« Katharina hatte ihren Freund für verrückt erklärt und sie hatten sich etwas gezofft. Dennoch hatten Benes Worte sie ins Grübeln gebracht. Es hatte nämlich tatsächlich eine Zeit gegeben, da hatte sie gedacht, dass Benjamin Rehder mehr in ihr sah als nur seine Teampartnerin. Und auch sie hatte sich damals, doch das war Jahre her, zu ihm hingezogen gefühlt, obwohl sie bereits mit Bene zusammen war. Nicht, weil die beiden Brüder sich so ähnlich sahen, obwohl das sicherlich mitgeschwungen hatte. Nein, es war etwas anderes gewesen. Es war schlicht und ergreifend Bens verbindliche, aufrichtige und altruistische Art, die wiederum so anders war als die von Bene, der deutlich selbstbezogener durch die Gegend ging und mit Menschen umsprang. Da machte er bei ihr keine Ausnahme.
Wenn Katharina ehrlich zu sich war, dann war das Gefühl des Hingezogenseins zu Ben bis heute nicht ganz verschwunden, sie verbot es sich lediglich selbst. Er war ihr Chef und dann auch noch der Bruder ihres Lebensgefährten – eine tiefere Empfindung als Freundschaft war da einfach nicht angebracht. Basta. Deswegen wollte sie auch gar nicht daran denken, wie Ben möglicherweise zu ihr stand. Und das hatte sie bisher auch mehr oder minder erfolgreich geschafft – bis zu diesem Tag, an dem Bene ihr seine Vermutung präsentiert hatte. Seitdem fragte sie sich jedes Mal, ob mehr dahintersteckte, wenn Ben privat Zeit mit ihr verbringen wollte. Selbst, wenn es nur eine gemeinsame Mittagpause war. Das war ziemlich blöd, denn es hemmte sie, locker mit ihm umzugehen.
Und jetzt hatte er eine gemeinsame Laufrunde vorgeschlagen. So ein Mist aber auch, denn Lust dazu hätte sie schon. Sie lief gern zu zweit. Na ja, sie konnte ja noch einmal darüber nachdenken, jetzt stieg Frauke erst einmal ein …
Sie fuhren über die Amselbrücke, die über die Ilmenau und deren Auen nach Wilschenbruch führte und diesen Stadtteil vom Trubel der lebhaften Hansestadt trennte. Kurz darauf bogen sie auch schon in den Spechtsweg ein und hielten vor dem Grundstück, auf dem die skelettierte Hand entdeckt worden war. Eben hatte Vivien angerufen und nach der Adresse gefragt. Die Kollegin wollte diese haben, damit sie und Tobi schon einmal parallel recherchieren konnten. Was genau hatte Vivien nicht gesagt und Katharina fragte sich, was in diesem Stadium eine Recherche möglich machen sollte, aber sie würde sich überraschen lassen.
Als Ben, Frauke und sie nun ausstiegen, trat ihnen ein uniformierter Kollege entgegen, der auf dem Fußweg vor dem Grundstück anscheinend bereits auf sie gewartet hatte. Der Polizist, den Katharina vom Sehen kannte, grüßte die beiden Frauen und wendete sich dann an Ben: »Kommissar Rehder? Polizeimeister Gehrcken. Sie wissen Bescheid?«
»Nicht im Detail, aber wenn sie die gefundene Hand meinen, dann schon«, antwortete Ben, worauf der Polizeimeister beflissen fortfuhr: »Der Fundort ist da hinten am Ende des Gartens. Hinter dem zum Teil bereits abgetragenen Haupthaus. Wir haben ihn schon großzügig abgesperrt, und wie es scheint, ist auch noch nichts durch die durchgeführten Arbeiten … ähm … zerstört worden. Also die Hand, meine ich. Die sieht noch ziemlich intakt aus, wenn ich das mal so sagen darf.«
»Ist die Spurensicherung informiert?«, fragte Benjamin Rehder.
»Die Spurensicherung?«, fragte der noch recht jung aussehende Uniformierte zurück und lief dabei rot an, was ihn noch jünger erscheinen ließ. »Nein, die … ähm, mein Kollege und ich dachten, das ist nicht notwendig, weil das doch … also, weil das ein …«
»… alter Knochen ist, der gefunden wurde?«, schaltete sich jetzt die Rechtsmedizinerin ein.
»Ja, genau, darum haben wir nur die Rechtsmedizin informiert. Sind Sie Doktor Bostel?«, nickte Gehrcken.
»Ja, bin ich. Moin. Die Spurensicherung muss dennoch kommen. Sie hätten Sie als Erste informieren müssen. So, wie immer«, erklärte Frauke Bostel. »Keiner weiß, wie schnell die Verwesung hier vonstattengegangen ist. Es kann ziemlich lange her sein, muss aber nicht. Das kommt ganz auf die Bodenbeschaffenheit an und wie tief Leichenteile vergraben wurden. Außerdem haben wir bisher nur eine Hand, wenn ich das richtig verstanden habe. Was ist, wenn daran nicht der ganze Leichnam hängt, sondern der vielleicht in der Gegend verteilt worden ist?« Sie machte eine ausladende Handbewegung, die das gesamte Grundstück umfasste. »Hinzu kommt …«
»Ist ja schon gut«, unterbrach Katharina die Rechtsmedizinerin. Der junge Polizist tat ihr leid, er wirkte deutlich überfordert. »Ich denke, der Kollege hat verstanden und ruft jetzt mal schleunigst die Spusi.«
»Ja«, brachte der Uniformierte eilig heraus, drehte sich weg und zückte dabei schon sein Handy.
Die drei Kollegen setzten sich wieder in Gang, die Rechtsmedizinerin auf Krücken, und steuerten die mit Flatterband abgesperrte Fundstelle an.
Dort empfing sie ein weiterer Uniformierter, der ähnlich jung wie sein Kollege war, eine Familie mit zwei kleinen Kindern, von denen eines weinte, drei Arbeiter und ein Mann mit langen schwarzen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren.
Ben wies sich aus: »Kriminalhauptkommissar Rehder. Das sind meine Kolleginnen Kriminaloberkommissarin von Hagemann und unsere Rechtsmedizinerin Doktor Bostel.«
»Ich bin Achim Brenner, ich leite hier die Abrissarbeiten. Meine Männer waren gerade dabei, den Schuppen abzutragen, als sie die Hand gefunden haben. Wir haben die Arbeiten sofort gestoppt und Sie informiert«, sagte der Mann mit dem Zopf.
»Das war genau richtig so«, erwiderte Ben. »Ich möchte Sie alle bitten, vor Ort zu bleiben. Wir werden sicher gleich ein paar Fragen an Sie haben, doch vorher werden wir uns den Fundort einmal ansehen.«
Kaum hatte Ben geendet, fuhr ein Bagger auf das Grundstück, der ordentlich dröhnte und neben einem Schutthügel beim Haupthaus zum Stehen kam. Dies veranlasste Ben zu sagen: »Bitte stellen Sie auch alle anderen Arbeiten vorerst ein.«
»Aber …«, setzte Achim Brenner an, der scheinbar dagegen protestieren wollte, sich dann jedoch besann und sagte: »Ja, ich werde das gleich veranlassen. Können Sie mir denn in etwa sagen, wann wir hier weiterarbeiten können?«
»Leider nein«, antwortete Ben und wandte sich der jungen Familie zu, die das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte: »Sind Sie die Bauherren?«
»Ja, das ist richtig.« Der Vater trat vor. »Max Reimann, guten Tag. Das sind meine Frau Lisa und meine beiden Kinder.«
»Auch Sie muss ich bitten, uns zur Verfügung zu stehen. Ihre Frau sollte allerdings mit den Kindern besser nach Hause gehen, unsere Arbeiten sind in der Regel nichts für Kinderaugen«, sagte Ben.
»Ja, natürlich«, nickte der junge Mann, und seine Frau nahm bereits die Kinder an die Hand, um den Platz zu verlassen. Reimann ging die zwei Schritte zu ihnen, gab seiner Frau einen Kuss und meinte: »Ich ruf dich an.« Auch sie nickte jetzt und machte sich daraufhin mit ihren beiden Kleinen auf in Richtung Straße.
»Na, dann wollen wir mal«, ließ sich Frauke Bostel vernehmen und humpelte bereits auf das Flatterband zu. Mit einer ihrer Krücken hob sie es an und hüpfte dann auf einem Bein gekonnt drunter durch. Ben und Katharina, die Fraukes Arbeitstasche trug, folgten ihr. Vor einem Loch im ehemaligen Schuppen blieben die drei stehen und schauten hinein. Da sie bereits wussten, was sie erwartete, waren sie nicht überrascht, als sie nun die Knochen einer Hand aus der Erde herausragen sahen.
»Ich komme mir vor wie in einem Horrorstreifen von Steven King«, meinte Katharina und ging in die Knie, um die Hand genauer zu betrachten.
»Und gleich greifen die Klauen nach dir und ziehen dich in ihr Grab«, sagte Ben und verstellte dabei seine Stimme, sodass sie tief und rau klang.
Frauke hingegen blieb sachlich und sagte: »Mit meinem Bein ist das echt lästig. Ich kann es nicht beugen. Wenn ich die Hand genauer begutachten will, muss ich mich auf den Bauch legen.«
»Mach doch«, antwortete Katharina, »brauchst du dabei Hilfe?«
»Nee, lass mal«, wiegelte die Rechtsmedizinerin ab. »Ich warte auf die Spusi. Die können mir das Teil da schön vorsichtig ausbuddeln, und dann untersuche ich es im Institut.«
Als hätte sie ihn mit ihren Worten herbeigerufen, hörten sie plötzlich die Stimme von Patrick Peters hinter sich: »Habe ich da Spusi gehört? Wir sind eben angekommen. Was gibt es hier?«
Ben machte ihm Platz, sodass auch der Leiter der Spurensicherung in das Loch blicken konnte.
»Oh, alles klar, dann weiß ich Bescheid. Sieht ja nicht mehr ganz so frisch aus. Wisst ihr, ob da noch etwas dranhängt?«, fragte Peters, der noch nicht lange seinen Posten in Lüneburg innehatte, durch seine offene Art jedoch bereits bei allen bekannt und als Kollege beliebt war.
»Das herauszufinden, überlassen wir dir und deinem Team. Ich für meinen Teil werde jetzt einen der jungen Kollegen bitten, mich zurückzubringen, und dann lege ich die Beine hoch, bis ihr mir was bringt. Dieses Rumgestehe ist gerade nicht wirklich angenehm«, sagte Frauke.
»Okay«, erwiderte der Spusi-Mann, während sein Blick auf der Orthese an ihrem Bein ruhte. »Meniskus?«.
»Unter anderem. Nimm noch einen Kreuzbandriss und Knorpelschaden dazu, dann ist es komplett«, antwortete Frauke und verzog ihr Gesicht.
»Oh Mann, da möchte ich nicht mit dir tauschen. Skiunfall?«
»Und was für einer! Jetzt will ich aber nicht mehr darüber reden, denn selbst das tut weh. Wir sehen uns, haltet mich auf dem Laufenden«, antwortete die Rechtsmedizinerin und hüpfte auf ihren Krücken davon.
»Und wir befragen mal die Leute hier, dann stehen wir euch auch nicht im Weg herum«, entschied Ben.
11:57 Uhr
»Ha, da hab ich’s«, rief Tobi freudig in den Raum.
»Was hast du?«, fragte Vivien. Sie und Tobi hatten nach ihrem kurzen Gespräch am frühen Vormittag kaum mehr ein Wort miteinander gewechselt. Beide hatten sich jeweils auf ihre Computer konzentriert, um zu recherchieren, ob es irgendetwas gab, das sie im Fall des Knochenfunds im Wilschenbruch weiterbringen könnte. Ob es tatsächlich ein Fall war, würden sie jedoch erst wissen, wenn Katharina und Ben zurück im Büro waren.
»Na, diese Sache mit dem Schädel in der Ilmenau. Wahnsinn, das war schon 2014, ich hatte gedacht, es sei später gewesen«, sagte Tobi, ohne seinen Blick vom Computerbildschirm abzuwenden.
»Erzähl mal genau«, forderte Vivien ihn gespannt auf.
»Also, die Ilmenau, oder nein, ihr Flussbett, wird ja jedes Jahr gesäubert«, begann Tobi und Vivien machte ein zustimmendes »hmhm« als Zeichen, dass sie dies auch als Zugezogene aus Kassel wusste.
Tobi fuhr fort: »Ja, und da haben die damals im Abschnitt zwischen Abts- und Ratsmühle, das heißt irgendwo an der Altenbrückertorstraße, einen menschlichen Schädel im Schlick gefunden.«
»Schädel, nein, es wurde eine Hand gefunden, ob da auch ein Schädel dranhängt, wissen wir noch nicht«, unterbrach die Stimme von Katharina den Kommissar. Sie und Ben waren eben eingetreten.
»Hi, das ging aber schnell, ich hätte gedacht, ihr seid länger weg«, begrüßte Tobi die beiden Kollegen.
»Na, immerhin hattest du knapp eineinhalb Stunden Ruhe von uns«, neckte Katharina ihn.
»Zeit genug, um ein bisschen was herauszufinden«, sagte Tobi.
»Dann seid ihr besser als wir«, schaltete sich jetzt Ben ein. »Wie gesagt, wir wissen noch nichts Genaues über den Fund. Patrick ist mit seinen Leuten im Moment vor Ort und spielt den Archäologen. Mal sehen, was die zutage fördern. Vielleicht bleibt es nur bei der Hand, vielleicht nicht.«
»Patrick?«, hakte Tobi nach.
»Patrick Peters. Entschuldige, ich hab vergessen, dass du ihn noch nicht kennst. Er ist der neue Leiter der Spurensicherung. Guter Mann«, informierte Benjamin Rehder ihn.
»Stimmt, ich glaube, ihr habt ihn einmal erwähnt«, antwortete Tobi. Dann fuhr er fort: »Erinnert ihr euch noch an den Schädelfund in der Ilmenau vor ein paar Jahren? Ich habe gerade Vivien davon erzählt.«
»Ja, jetzt, wo du es sagst … Wir wurden doch auch dorthin gerufen, aber dann hat ein anderes Dezernat den Fall übernommen, oder?«, erinnerte sich Katharina, und auch Ben nickte.
»Ja, stimmt. Die Kollegen haben damals in der Nähe des Schädels noch irgendeine Klamotte gefunden, was für eine, das stand nicht in den Akten, und sie konnte auch dem Schädel nicht zugeordnet werden. Na ja, ihr wisst ja, was die sonst auch noch jedes Jahr bei der Aktion in unserem schönen Flüsschen finden. Fahrräder oder auch Kühlschränke sind da keine Seltenheit. Darum sind die Kollegen seinerzeit wohl auch nicht näher auf das gefundene Kleidungsstück eingegangen. Sie haben auch noch andere Knochenfragmente gefunden. Die waren jedoch von Tieren. Der Schädel war aber eindeutig menschlich. Wer weiß, vielleicht gehört er ja zu der Hand aus Wilschenbruch. Auf jeden Fall konnte nicht geklärt werden, zu wem er gehört. Es war auch kein Vermisstenfall bekannt, zu dem der Fund passte, abgesehen davon, dass auch nicht herausgefunden werden konnte, ob der Schädel zu einer Frau oder einem Mann gehört hatte. Genauso war auch nicht klar, ob ein Verbrechen oder Suizid vorlag, denn der Schädel hatte keine Verletzungen. Einige vermuteten sogar in ihm eine Theaterrequisite, oder dass Schüler das gute Stück aus dem Biologieunterricht mitgehen ließen und in der Ilmenau versenkt haben, wobei hier in der Gegend wohl kein echter Schädel irgendwo fehlte. Meistens sind die ja auch sowieso nachgemacht … Die Aufräumarbeiten haben allerdings um Halloween stattgefunden. Darum hielt sich das Gerücht, dass sich einfach jemand einen üblen Scherz erlaubt und den Schädel kurz zuvor ins Wasser geworfen hatte.« Puh, so viel am Stück hatte Tobi lange nicht mehr gesprochen, aber zu seiner eigenen Überraschung war es ganz gut gegangen, und er war gar nicht so häufig ins Stocken geraten.
»Ach, die Diskussion wegen Halloween und dass er auch aus irgendeinem Fundus stammen könnte, habe ich damals gar nicht mitbekommen«, sagte Katharina interessiert. »Ich frag Frauke da mal, die wird ja ihre Unterlagen dazu noch haben.«
»Da bin ich mir nicht so sicher«, legte Tobi seine Stirn zweifelnd in Falten. »Die rechtsmedizinischen Untersuchungen sind damals in Hamburg gemacht worden. Ich schätze mal, weil unsere Frau Doktor keine Kapazität mehr hatte und das Institut für Rechtsmedizin in Hamburg ja sowieso für unseren Kreis zuständig und unsere Lüneburger Rechtsmedizin nur eine kleine Außenstelle ist.«
»Na, das mit dem klein lass mal Frauke nicht hören«, griente Ben, und auch Tobi musste grinsen, denn sein Chef hatte recht: die Lüneburger Rechtsmedizinerin fand es seit jeher überflüssig, dass das Institut in Hamburg ihr vorgesetzt war, da sie sowieso eigenständig arbeitete. Dies wiederum lag nicht zuletzt an der Tatsache, dass man ihren Fähigkeiten in Hamburg mehr als vertraute, und so hatte sie im Grunde alle Freiheiten, die sie sich auch nahm. Nichtsdestotrotz musste sie regelmäßig an die Hamburger berichten.
»Aber du hast recht, Katharina, frag Frauke trotzdem. Vielleicht kann sie ja in Hamburg mal nach deren Unterlagen fragen. Unsere Kollegen haben den Fall damals zumindest schnell zu den Akten gelegt, wenn ich mich richtig entsinne.«
»Gute Vorarbeit, Tobi, danke. Wer weiß, vielleicht hat ja tatsächlich das eine mit dem anderen zu tun, wir werden sehen«, lobte Ben und ging einen Schritt in Richtung seines Büros, doch Tobi hielt ihn auf: »Warte noch, Ben. Ich glaube, Vivien hat auch was für euch, oder?« Zwar hatte Vivien ihm eben nichts dazu gesagt, aber sie hatte wie er ebenfalls die ganze Zeit an ihrem Computer gesessen und sich zwischendurch immer wieder Notizen gemacht. Natürlich hätte sie sich auch von allein zu Wort melden können, aber er wollte ihr und auch Ben und Katharina zeigen, dass er Viviens Arbeit ernst nahm und sie nicht in Konkurrenz zueinander standen, sondern Hand in Hand arbeiteten.
»Ja, ich hab etwas«, meinte Vivien und warf Tobi einen herzlichen Blick zu. »Ich hab mal recherchiert, wer so in den letzten Jahrzehnten in dem Haus gewohnt hat beziehungsweise wem es gehört, aber vielleicht wisst ihr das ja schon?«
»Ja«, bestätigte Katharina, »die neuen Hausbesitzer waren heute durch Zufall vor Ort. Ein junges Ehepaar mit zwei Kindern. Reimann heißen die. Sie wollten ein bisschen beim Abriss zuschauen, und dann kam die böse Überraschung mit der Hand. Das Haus gehört der Frau, die dann jedoch mit den kleinen Kindern weggegangen ist, als die Spusi ihre Arbeit aufgenommen hat. Ihr Mann hat uns dann den Namen der ehemaligen Besitzerin genannt, eine Frau … Moment …«
Katharina zückte ihr kleines Notizbüchlein, blätterte es auf und meinte dann: »Frau Adler, Evelyn Adler. Mehr wissen wir noch nicht.«
»Das deckt sich mit meinen Informationen«, bestätigte Vivien und wollte gerade weiterreden, als Ben sagte: »Lasst uns doch bitte an den Besprechungstisch gehen, dann muss ich hier nicht so herumstehen. Und wie es scheint, habt ihr uns ja so einiges zu berichten. Wie gesagt haben Katharina und ich noch nicht so viel. Die Befragungen der Anwesenden vor Ort haben bisher nichts ergeben. Wir müssen einfach mehr über die Hand wissen und erst einmal die Ergebnisse der Spusi und Rechtsmedizin abwarten.«
Keine zwei Minuten später am Besprechungstisch versammelt, forderte Ben Vivien auf, weiter zu berichten, vorab fragte diese jedoch in die Runde: »Ich mache das chronologisch und fange von hinten an, ist das okay für euch?«
»Ja, sicher, leg einfach los«, antwortete Katharina für sich und ihre beiden männlichen Kollegen.
»Gut, vorweg noch eines: Die Grundstücke in Wilschenbruch sind größtenteils Erbbaugrundstücke. Unseres im Spechtsweg auch. Darum habe ich zum einen eine Liste der Hausbesitzer und zum anderen eine der Pachtzahler angelegt, wobei die sich nur in einem Fall unterscheiden, aber vielleicht ist das ja mal wichtig für uns.«
»Soll ich an der Glaswand mitschreiben, dann haben wir die Namen alle vor Augen?«, bot Katharina an.
»Ich denke, das brauchst du nicht, so viele Personen habe ich gar nicht, aber klar, wenn du möchtest«, antwortete Vivien.
»Kann ja nicht schaden«, erwiderte Katharina, erhob sich und stellte sich mit gezücktem Stift, den sie sich vorher von Bens Schreibtisch gegriffen hatte, an die Wand.
»Gut«, sagte Vivien und begann: »Ich überspringe mal den historischen Teil über Wilschenbruch und insbesondere den Spechtsweg, in dem 1920 die ersten Häuser errichtet wurden, aber ich denke mal, so lange müssen wir auch nicht zurückgehen.«
»Wahrscheinlich nicht«, gab Benjamin Rehder ihr mit einem zustimmenden Lächeln recht.
»Für das besagte Grundstück im Spechtsweg hatten wir übrigens Glück«, fuhr Vivien fort, »hier ist die Stadt Lüneburg Erbbaurechtgeber. Es gibt auch private Erbbaurechtsgeber in Wilschenbruch, und dann hätte es sicher länger gedauert, bis ich Informationen bekommen hätte.«
»War das immer schon so mit diesen Erbbaugrundstücken?«, wollte Katharina wissen.
»Nicht immer, aber in den letzten 60 Jahren«, antwortete Vivien »und die bin ich ungefähr auch zurückgegangen. Damals gehörte das Haus Jürgen Kruse, der im Übrigen auch als Pachtzahler gelistet ist.«
Katharina schrieb an die Glaswand »Hausbesitzer« und daneben »Pachtzahler«. Unter beides schrieb sie den Namen, den Vivien genannt hatte und jeweils in Klammern »ab ca. 1960«. So verfuhr sie auch mit dem nächsten Namen, den Vivien nannte, Marianne Kruse. »Sie war die Witwe des 1974 verstorbenen Jürgen Kruse, das habe ich aus dem Register«, ergänzte Vivien ihre Auskunft und fuhr fort: »Auf Marianne Kruse folgte dann auch schon ab 1993 Evelyn Adler als Besitzerin. Also die aktuelle Hausverkäuferin, deren Namen ihr bereits genannt bekommen habt. Interessant ist hier, dass Evelyn Adler bereits ab August 1991 das Pachtgeld entrichtet hat.«
»Sie hat also bereits die Pacht gezahlt, als ihr das Haus noch nicht gehörte, das heißt wohl, dass sie im Haus gelebt und Marianne Kruse es an sie vermietet hat«, schloss Tobi.
»Könnte so sein«, meinte Ben.
»Das ist aber noch nicht alles«, ergriff Vivien erneut das Wort.
»Sagtest du nicht, Pachtzahler und Hausbesitzer würden nur in einem Fall nicht identisch sein?«, unterbrach Katharina sie jedoch.
»Entschuldigt, dann hab ich mich wohl blöd ausgedrückt, es gibt nämlich noch einen Pachtzahler, aber der war nie Hausbesitzer. Und das wollte ich euch auch gerade sagen.«
»Ach«, entfuhr es Tobi.
»Genau, das habe ich mir auch gedacht. Der Mann heißt Peter Kruse. Er hat die Pacht von Januar 1986 an bis einschließlich Juni 1991 gezahlt. Im Juli ist sie wieder von Marianne Kruse gezahlt worden und danach, schon einen Monat später, wie gesagt von Evelyn Adler. Kruse ist zwar nicht gerade ein seltener Name, aber ich nehme an, dass zwischen Marianne und Peter ein Verwandtschaftsverhältnis besteht, vielleicht ist er ihr Sohn, Neffe oder auch der Bruder ihres verstorbenen Mannes. Ich habe es noch nicht geschafft, das herauszufinden. Das wollte ich gerade machen, als ihr zurückgekommen seid.«
»Das kannst du später machen. Warten wir erst einmal ab, was die Spusi zutage fördert«, sagte Ben und rückte seinen Stuhl vom Tisch ab, um aufzustehen. »Jetzt sollten wir erst einmal Mittag machen, denn ich für meinen Teil habe Hunger.«
14:03 Uhr
Als die Nachricht sie erreichte, war sie gerade beim Mittagessen gewesen. Jetzt stand das Rumpsteak mit Kartoffeln seit einer halben Stunde halb aufgegessen vor ihr, und ihr war schlecht. Sie brachte keinen Happen mehr herunter, zumal sie ihr Steak, so wie sie es mochte, nur angebraten hatte und es nun in einem blutigen Bratensaft vor ihr auf dem Teller lag. Das Tierblut hatte bereits die Pellkartoffeln erreicht und färbte sie langsam bräunlich ein, was ein lang verdrängtes Bild in ihr wieder hochkommen ließ. Sie hätte den Teller auch einfach abräumen und das Essen in den Müll kippen können, doch sie war kaum in der Lage, sich zu regen. Warum war sie bloß ans Telefon gegangen? Andererseits hätte sie es früher oder später sowieso erfahren. Er war wieder aufgetaucht. Und mit ihm all die schrecklichen Erinnerungen. Allerdings waren die nicht so schlimm wie das, was jetzt höchstwahrscheinlich auf sie zukommen würde. Sie stützte ihre Arme auf die Tischplatte und vergrub den Kopf in den Händen. Aus ihren geschlossenen Augen quollen die Tränen. Was sollte sie jetzt nur machen? In ihrem Körper schrie alles nach Flucht. Einfach nur weglaufen, dann konnte er ihr nichts mehr anhaben. Aber was, wenn sie trotzdem gefunden wurde? Dann würde alles nur noch schlimmer sein. Außerdem wusste sie gar nicht, wohin.
Reiß dich zusammen, du bist ihm schon einmal entkommen, meldete sich eine Stimme in ihr. Du musst nur ruhig bleiben. So wie damals, dann kann dir nichts passieren! Stimmte das? Konnte er ihr nichts mehr anhaben? Sie war sich da nicht so sicher. Vielleicht hätte sie damals schon reden sollen, aber nun war es zu spät, und er war wieder aufgetaucht.
Ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie öffnete die Augen, setzte sich aufrecht hin, wischte sich mit dem Handrücken grob die Tränen aus dem Gesicht, erhob sich, griff nach ihrem Teller, machte die Schranktür unter der Spüle auf und ließ ihr Essen, ohne es noch einmal anzusehen, in den Müll gleiten. Dann ging sie zur Garderobe, zog sich Schuhe und eine leichte Jacke an und verließ die Wohnung, um ihren täglichen Spaziergang zu machen. Ja, er war wieder da, und er würde sie sicher demnächst heimsuchen, doch bis dahin wollte sie ihr Leben so leben, wie sie es immer tat. Dennoch begann sie, leise vor sich hinzusummen. So wurde das beklemmende Gefühl hoffentlich nicht zu übermächtig.
Gedicht
»Wie kannst du ruhig schlafen,
Und weißt, ich lebe noch?
Der alte Zorn kommt wieder,
Und dann zerbrech ich mein Joch.
Kennst du das alte Liedchen:
Wie einst ein toter Knab
Um Mitternacht die Geliebte
Zu sich geholt ins Grab?
Glaub mir, du wunderschönes,
Du wunderholdes Kind,
Ich lebe und bin noch stärker
Als alle Toten sind!«
(Heinrich Heine)
Kapitel 3
Dienstag, 10.03.2020
11:03 Uhr
»Tobi, wie schön, dich hier in diesen Räumen auch mal wieder zu sehen! Und, wie geht es dir? Was machen die Gehirnlappen? Anscheinend ist ja alles wieder so, wie es sein soll«, freute sich Frauke Bostel aufrichtig, als sie Tobias Schneider begrüßte. »Komm mal her und lass dich drücken! Das wollte ich schon immer mal machen!«
Tobi verdrehte seine Augen, grinste jedoch wie ein Honigkuchenpferd, als er auf die Rechtsmedizinerin zutrat und sich von ihr umarmen ließ.
»Frauke, du weißt ja, wäre ich nicht schon vergeben …«, gab er zurück, wobei jeder im Raum, eingeschlossen Frauke Bostel, wusste, dass es scherzhaft gemeint war. Sie lachte auf und meinte: »Jaja, immer noch der alte Schwerenöter.« Dann gab sie ihn frei und ging an den metallenen Obduktionstisch, auf dem wie eine Tischdecke ein hellgrünes Laken ausgebreitet war, unter dem deutlich etwas lag.
Tobi, Ben und Katharina taten es ihr gleich. Vivien war im Kommissariat geblieben, um die Stellung zu halten. Normalerweise hätte Tobi das ebenfalls getan, doch der Kommissar hatte die Gelegenheit nutzen wollen und war mitgekommen, da er Frauke Bostel schon länger nicht gesehen hatte. Zwar hatte auch sie ihn während seiner Genesungszeit besucht, da sie sich jedoch nicht so nahestanden nicht mehr, seit er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, und das war bereits über ein Jahr her.
»Ich schätze, die Spusi hat euch bereits informiert?«, fragte Frauke.
»Hat sie«, bestätigte Ben.
»Gut«, erwiderte die Rechtsmedizinerin. »Ich hatte heute Morgen noch einen Physiotermin, darum kann ich euch noch nicht viel sagen. Sowieso wird es eine Weile dauern, bis ich meine Untersuchungen abgeschlossen habe. Ich muss eine Knochenanalyse machen, um den Zeitpunkt des Todes festzustellen oder ihn zumindest einigermaßen eingrenzen zu können. Hierfür müssen auch die Bodenproben berücksichtigt werden. Um die kümmert sich die Spusi, aber ich muss das Ergebnis dann ins Verhältnis setzen, damit ich die Dauer des Verwesungsprozesses einigermaßen bestimmen kann und so weiter. Na, ihr wisst schon, diese ganzen forensischen Dinge halt.«
»Tun wir, und wie sieht es jetzt da drunter aus?«, fragte Ben und deutete auf das Laken, das Frauke Bostel daraufhin vorsichtig vom Tisch nahm, indem sie es Stück für Stück zusammenlegte. Dabei sagte sie: »Auf jeden Fall braucht ihr euch nicht die Nasen zuzuhalten.«
»Na, dann ist gut«, sagte Tobi und schielte zu Ben hinüber, dem es, im Gegensatz zu Katharina und natürlich auch Frauke Bostel, wie ihm ging: Die beiden Männer hatten sich nie an den Geruch bei einer Leichenschau gewöhnt. Sie legten sich stets eine Mund-Nasenmaske an, damit sie die Gase, die sich im Bauchraum einer Leiche ansammelten und bei deren Öffnung frei im Raum entfalteten, nur vorgefiltert einatmen mussten. In seiner Ausbildung zum Kommissar hatte Tobi einmal den Fehler begangen, sich, statt einer Maske aufzusetzen, China-Öl unter die Nase zu reiben. Seine Augen hatten daraufhin heftig getränt, sodass er kaum etwas sehen konnte. Doch das war es nicht, was ihn veranlasst hatte, das China-Öl nicht mehr zu nutzen. Er liebte Pfefferminzschokolade über alles, doch nach der China-Öl-Aktion in Verbindung mit der Leichenöffnung hatte alles, was es an Hustenbonbons und auch Pfefferminzigem zu essen und zu trinken gab, Übelkeit in ihm hervorgerufen. Bei Ben war es ähnlich gelaufen, soweit Tobi es wusste. Seitdem griffen beide zu einer Maske, wenn sie in die Rechtsmedizin mussten, und glücklicherweise hatte sich inzwischen auch die Abneigung gegen Menthol wieder verflüchtigt – zumindest bei ihm. Wenn er es nicht vergaß, würde er Ben nachher einmal fragen, wie es bei ihm war. Dass Katharina der Geruch in Fraukes heiligen Hallen nicht soviel ausmachte, führte sie selbst darauf zurück, dass sie Raucherin war, da Rauchen den Geschmacks- und Geruchssinn nachweislich verminderte. »Es hat eben irgendwie alles sein Gutes, das werdet ihr gleich wieder riechen und ich nicht«, hatte sie einmal flachsend gesagt, als sie sich vor einem Besuch in der Rechtsmedizin noch schnell vor der Tür eine Zigarette angesteckt hatte und ihre Kollegen dazu die Nase gerümpft hatten.
Jetzt sollte die Rechtsmedizinerin aber recht behalten. Als sie die Knochen auf dem Stahltisch komplett aufgedeckt hatte, entfaltete sich nicht der übliche Geruch von Fäulnis im Saal. Es roch nur ein bisschen moderig, etwa so wie ein nasser, schon mindestens ein Jahr lang aufgehäufter Blätterhaufen es tat.
»Tja, es ist glücklicherweise ja nun nicht nur bei der Hand geblieben, sondern ihr seht hier ein nahezu komplettes, menschliches Skelett. Mit Kopf! Der Schädel aus der Ilmenau bleibt also ein Geheimnis, und Tobi, ich denke, du brauchst dann keine Unterlagen mehr dazu, richtig?«
»Erst mal wohl nicht, außer, wir haben es mit einem Serientäter zu tun und die Fälle hängen zusammen«, bestätigte Tobi sie.
»Gut, das erspart mir einiges an Zeit, und ich kann mich hierauf konzentrieren. Wenn ihr die Unterlagen jedoch später braucht, dann gebt Bescheid. Sie sind ja nicht weg, ich müsste mich nur drum kümmern«, antwortete die Rechtsmedizinerin.
»Du sagtest eben, dass das Skelett nahezu komplett ist. Das heißt, etwas fehlt?«, wollte Katharina wissen.
»Ja, nahezu komplett, weil sich im Laufe der Jahre auch die Knochen zersetzen. Eben Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub …«, erklärte Frau Bostel. »Alles biologisch erklärbar. Darum ist es ja so wichtig, eine Analyse des Bodens zu machen, denn nach der Bodenbeschaffenheit richtet sich die Dauer des Verwesungsprozesses.«
»Kannst du uns sagen, ob es eine Frau oder ein Mann war?«, fragte Katharina und fing sich einen überraschten Blick ihrer Freundin und Kollegin ein.
»Natürlich kann ich das. Und du kannst das auch. Dafür braucht man kein Medizinstudium. Das lernt man schon als Grundschüler im Sachkundeunterricht!«, sagte Frauke Bostel dann auch.
»Ja, ich weiß, das kann man bei einem Skelett vor allem an der Hüfte erkennen«, grinste Katharina, »aber ich wollte dir nicht deine Arbeit wegnehmen.«
»Tu dir keinen Zwang an«, grinste jetzt auch die Rechtsmedizinerin und forderte die Kommissarin mit einer Handbewegung auf, näher heranzutreten.
Katharina beugte sich über den Tisch und ließ ihren Blick einmal von oben bis unten über das darauf liegende Skelett gleiten.
»Mal sehen, wie war das noch?«, überlegte sie stirnrunzelnd. »Es ist nicht ungewöhnlich groß, aber auch nicht klein. Eher Durchschnitt, würde ich sagen, und darum könnte es sowohl eine Frau als auch ein Mann sein. Hm. Die Füße finde ich recht groß und auch die Hände, was mich eher auf eine männliche Leiche tippen lässt. Na gut, dann muss nun also doch die Hüfte herhalten. Also, dass eine Frauenhüfte in der Regel breiter ist als die eines Mannes, das weiß ich noch, allerdings liegt hier leider gerade keine Vergleichshüfte herum, oder hast du eine im Schrank?«
»Zufällig nicht«, ging Frauke Bostel auf den Scherz ein und sagte in übertrieben lehrerhaftem Ton: »Frau Kommissarin, Sie müssen jetzt nur mit Ihrem eigenen Wissen auskommen.«
»Ah ja, jetzt hab ich’s. Da war noch was mit einem Ring. Dem Beckenring, richtig?«, freute Katharina von Hagemann sich selbst über ihr Erinnerungsvermögen, das zu diesem Thema allerdings nicht bis in die Grundschulzeit zurückreichen musste, sondern nur zu irgendwelchen Ausführungen, die die Rechtsmedizinerin irgendwann einmal gemacht hatte. »Ich meine, der Ring ist bei Frauen runder als bei Männern. Dann liegt hier ein Mann oder das, was von ihm noch übrig ist, denn der Beckenring ist noch nicht einmal richtig kreisförmig, finde ich.«
»Sehr gut«, klatschte Frauke Bostel in die Hände und stupste Kommissar Benjamin Rehder in die Seite: »Ben, du siehst aus wie ein gerührter Vater, dessen Tochter gerade das Seepferdchenabzeichen bekommen hat, aber ich gebe zu, du kannst wirklich stolz auf deine Kollegin sein, oder hättest du das so hinbekommen?«
»Äh, ich … ja, wahrscheinlich hätte ich das«, sagte Ben und es war deutlich, dass die Worte der Rechtsmedizinerin ihn verlegen gemacht hatten. Die fuhr bereits fort: »Und, Katharina, tatsächlich. Auch ich gehe davon aus, dass es sich bei unserem Gerippe hier um das eines Mannes handelt. Aber absolute Gewissheit werde ich erst durch eine Knochenanalyse bekommen – Knochen von Frauen sind weniger dicht und damit leichter als die eines Mannes. Leider bekommen viele von uns das ja auch dann im Alter zu spüren, ich sag nur: Osteoporose, worunter bekanntlich mehr Frauen als Männer leiden.«
»Puh, dann bin ich aber erleichtert, dass ich den Test bestanden habe, immerhin hatte ich eine Fifty-Fifty-Chance«, freute die Kommissarin sich.
»Wenn dir deine Jungs mal zu viel werden, kannst du gern hier anfangen, eine gelehrige Assistentin kann ich immer gebrauchen«, meinte Frauke augenzwinkernd. »Jetzt ist aber die Schulstunde beendet. Ich muss weitermachen, wenn ihr heute noch ein paar Ergebnisse auf dem Tisch haben wollt!«
»Alles klar«, sagte Ben und schickte sich an zu gehen, als Tobi noch eine Frage stellte: »Kannst du aus den Knochen noch seine DNA bestimmen?«, fragte Tobias Schneider.
»Hm, mit Glück ja. Wir werden sehen.«
»Wie ist das eigentlich mit einer Rekonstruktion des Gesichts«, wollte Ben jetzt auch noch wissen.
Frauke zog ihre Augenbrauen hoch. »Klar ist das möglich«, antwortete sie. »Allerdings sollten wir das erst machen, wenn ihr absolut nicht herausfindet, wer das hier ist. Eine Gesichtsrekonstruktion ist recht aufwändig. Gut, inzwischen kann das auch am Computer gemacht werden, aber trotzdem. Wartet da lieber noch ab, und so genau ist das auch nicht, was auch wieder hinderlich sein kann, falls ihr eine bestimmte Spur verfolgt.«
»Okay«, nickte der Hauptkommissar. »Und was ist mit dem Gebiss? Kann uns das noch einen Hinweis auf die Identität geben?«
»Das schon eher. Ich werde es eh genau untersuchen und dokumentieren. Ihr habt dann nur noch die schöne Aufgabe, den Zahnarzt zu finden, der unsere Leiche zu Lebzeiten behandelt hat, und Schwupps habt ihr den Namen«, sagte die Rechtsmedizinerin.
»Und Schwupps, genau!«, zog Katharina ihrer Freundin eine Grimasse, die nur grinsend mit der Schulter zuckte.
»Was denkst du, wann du uns mehr über ihn hier sagen kannst?«, fragte Ben ernst.
»Du kennst meine Antwort darauf«, antwortete Frauke Bostel. »Sie ist immer dieselbe: so schnell wie möglich, aber ich möchte mich nicht festlegen.«
»Hm«, erwiderte Benjamin Rehder. »Und was ist mit der Todesursache? Die wäre für uns schon wichtig, denn ich gehe nicht davon aus, dass der mutmaßliche Mann hier eines natürlichen Todes gestorben ist und ihn nur jemand im Schuppen vergraben hat, weil er die Bestattungsgebühren sparen wollte.«
»Ich schätze, er ist erstickt«, antwortete Frauke Bostel.
»Erstickt?«, wunderte sich Katharina, »wie kannst du das an einem Skelett erkennen?«
»Ich denke, es war kein Zufall, dass die Arbeiter zuerst auf seine Hand gestoßen sind«, sagte die Rechtsmedizinerin nachdenklich. »Ich bin mir fast sicher, der Mann hat noch gelebt, als er eingebuddelt wurde, und seine Hand in der oberen Erdschicht zeigt uns, dass er versucht hat, sich aus seinem Erdgefängnis wieder auszugraben. Leider hat er es nicht geschafft, wie ihr seht.«
12:51 Uhr
Ob sie schon von ihm wusste? Dass er wieder da war? Natürlich könnte er sie anrufen oder sogar direkt zu ihr nach Hause gehen und einfach klingeln, aber noch war es nicht soweit. Sowieso war es nur eine Frage der Zeit, bis sie es erfuhr. Da musste er nicht nachhelfen. Lüneburg war klein. Vielleicht würde sie dann ja sogar aktiv werden. Von sich aus. Allein diese Vorstellung ließ ihn lächeln.
Er hatte jeden Tag an sie gedacht. Die ganze Zeit über. Morgens, wenn er die Augen öffnete, und abends, wenn er sie wieder schloss, hatte er sich ihr Bild vor Augen gerufen. Mal hatte ihn das wütend gemacht, mal traurig, aber meistens glücklich oder wenigstens zufrieden.
Die kurze Zeit, als er sie besessen hatte, hatte er sich besser gefühlt als je zuvor. Und einen Ersatz für sie hatte er nie gefunden. Er hatte es versucht, doch keine war wie sie. Immer wieder hatte er sich ausgemalt, wie es wäre, wenn sie nicht aus seinem Leben geflohen wäre. Natürlich hatte er sich damals aufgrund der von ihm geschaffenen Tatsachen zurückziehen müssen. Es wäre zu riskant gewesen und sie hatte ihm gedroht, dass sie reden würde, wenn er sie nicht in Ruhe ließe. Er hatte sich nicht sicher sein können, wie ernst ihr die Drohung war, ob sie es tatsächlich durchgezogen hätte, aber er hatte es ihr zugetraut und war auf Nummer sicher gegangen – obwohl er seitdem täglich damit gehadert hatte. Aber jetzt? Er hatte inzwischen nichts mehr zu verlieren. Und das würde er sie spüren lassen. Bald. Wenn sie es nicht mehr aushielt. Dann würde er da sein.
Er griff zu seinen Tabletten. Es war wieder Zeit, eine zu nehmen. Er hasste es, sie zu schlucken. Sie waren so groß, und er bekam sie kaum runter – sie blieben ihm regelrecht im Hals stecken. Sein Arzt hatte gesagt, es würde einigen Menschen so gehen, ihm jedoch abgeraten, die Tablette zu zerkleinern, weil das Präparat dann seine Wirkung verlieren könnte. Warum das so war, hatte er nicht verstanden. Dafür hatte der Doktor ihm Tipps gegeben, wie es angeblich leichter ging. Obwohl er es befolgte, klappte es nicht wirklich gut. Da konnte er seinen Hals vor der Einnahme mit noch soviel Leitungswasser befeuchten und dann im Stehen, damit er in aufrechter Haltung war, die Tablette mit einem weiteren Glas Wasser runterspülen, es blieb für ihn eine unangenehme Angelegenheit. Manchmal überlegte er, die Tabletten sein zu lassen. Er würde sowieso bald sterben. Wozu das alles verlängern, außer für sie und das andere Mädchen, das inzwischen, wie sie alle, ebenfalls älter geworden war. Auch ihren Lebensweg hatte er aus der Ferne verfolgt. Er war sich noch nicht sicher, ob er sich auch ihr zeigen wollte. Er würde es irgendwann spüren. So war das immer mit Entscheidungen, die er treffen musste. Plötzlich wusste er dann, was er zu tun hatte. Es geschah meist in solchen Momenten, in denen er nicht damit rechnete – beim Einkaufen, Autofahren, Fernsehen oder auch im Wartezimmer beim Arzt, wenn er gelangweilt die Illustrierten durchblätterte. Wann er es wohl dieses Mal wissen würde?
12:23 Uhr
Katharina von Hagemann atmete die Frühlingsluft ein und genoss die Sonne, die ihr ins Gesicht schien. Was für ein herrlicher Tag, dachte sie, während sie an der Ampel stand und darauf wartete, dass diese grün wurde, damit sie die vierspurige Straße vor dem Bardowicker Tore überqueren konnte. Eben gerade hatte ihr Bruder sie angerufen. Eigentlich war Markus ihr Halbbruder. Er war einer außerehelichen Liaison ihres Vaters mit dessen damaliger Sekretärin entsprungen. Katharina hatte erst vor ein paar Jahren von der Existenz des Jüngeren erfahren. Zunächst hatte sie sich nicht für ihn interessiert, doch Markus hatte nicht locker gelassen und inzwischen pflegten die beiden Halbgeschwister einen freundlichen, unregelmäßigen Kontakt. Markus war Jurist, wie ihr gemeinsamer Vater. Markus war unlängst als Partner in dessen Kanzlei eingestiegen und schmiss diese nun, da ihr Vater sich aus gesundheitlichen Gründen langsam zurückgezogen hatte. Das war auch der Grund von Markus’ Anruf gewesen. Er wusste, dass Katharina kein gutes Verhältnis zu Henning von Hagemann hatte und hielt sie über die väterliche Gesundheit auf dem Laufenden. Da diese momentan recht stabil war, hatte Markus sie außerdem informiert, dass er für eine Woche Spontanurlaub machen würde. Danach wollte er sie mal wieder sehen, und sie hatten ein Treffen ausgemacht.
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