Читать книгу: «Was wir von Quallen lernen können»
WAS WIR VON QUALLEN LERNEN KÖNNEN
KATHARINA WOLF
Copyright © 2022 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Mira Manger – Herzgestein Lektorat
Korrektorat: Michaela Retetzki
Satz & Layout Ebook: Stephan Bellem
Umschlagdesign: NH-Buchdesign
Bildmaterial: Shutterstock und NH-Buchdesign
978-3-95991-549-6
Alle Rechte vorbehalten
TRIGGERWARNUNG
Liebe Leser*innen, dieses Buch beinhaltet potenziell triggernde Inhalte. Eine detaillierte Triggerwarnung findet ihr am Ende des Buchs, nach der Danksagung. Beachte: Diese enthält Spoiler.
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Epilog
Danke
Triggerwarnung
Drachenpost
Für Rica
Ohne dich würde es diese Geschichte nicht geben.
Wirklich nicht!
Kapitel 1
»Oh Shit, ich hab die Zeit vergessen«, rief ich erschrocken aus und klappte meine Bücher zu. Dabei hatte ich mir den Stoff meiner letzten Literaturvorlesungen nur ganz kurz ansehen wollen. Hektisch blickte ich mich um und klopfte meine Hosentaschen ab. Im Kopf ging ich alles durch, was ich auf keinen Fall vergessen durfte: Geldbeutel, Schlüssel, Autoschlüssel, Handy und natürlich meine obligatorische Beanie, die auf meinem Schreibtisch lag und die ich mir direkt auf den Kopf zog.
In Eile und immer zwei Stufen gleichzeitig nehmend, polterte ich die Treppe nach unten und schnappte mir meine Lederjacke von der Garderobe. Eigentlich war die für diese Jahreszeit viel zu dünn, aber sie stand mir, glaube ich, ziemlich gut. Ich hatte da andere Prioritäten. Zumindest, bis im Winter die 0 Grad unterschritten wurden. Dann war die Lederjackenzeit leider vorbei.
»Ich bin weg«, brüllte ich in die Richtung, in der ich meine Eltern vermutete. »Ich muss noch Mike und Zoya abholen.«
»Okay, viel Spaß beim Quiz«, riefen Papa und Mama gleichzeitig.
Ich lief zu meinem knallroten Opel Corsa, den ich, aufgrund mangelnder Parkplätze in unserem Viertel, zwei Straßen weiter geparkt hatte, stieg ein und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Auf mein Auto war ich stolz. Es war zwar nur eine gebrauchte Schrottkiste mit extrem vielen leeren Pfandflaschen im Fußraum, aber es war meine vermüllte Schrottkiste, und ich liebte sie.
Zuerst fuhr ich zu Mike, meinem besten Freund, der quasi um die Ecke wohnte, und machte mich mit einem Hupen bemerkbar. Mike schien nur darauf gewartet zu haben, da er in der gleichen Sekunde aus der Haustür stürmte, einstieg und sich auf den Beifahrersitz warf.
»Hi, Henry.«
»Hi. Alles fit?«
»Logisch«, entgegnete er. Mike und ich kannten uns schon eine gefühlte Ewigkeit. Im Gegensatz zu mir war er ziemlich laut und stand gern im Mittelpunkt. Aber das war okay. Ich beobachtete ihn dabei, wie er die Sonnenblende runterklappte und sein Aussehen im Spiegel kontrollierte.
»Können wir los? Oder musst du noch Rouge auflegen?«, fragte ich und konnte mir ein Lachen kaum verkneifen.
»Brauch ich nicht, bin schön genug.«
Und eindeutig auch selbstbewusst genug. Wir fuhren weiter. Nach ungefähr fünf Minuten hielten wir vor dem kleinen Häuschen von Zoyas Familie. Auch hier reichte es zu hupen, und schon kam sie mit hüpfenden Locken herausgestürmt und setzte sich hinter Mike.
»Hey, ihr zwei.«
»Hi, Zoya«, begrüßten wir sie unisono.
»Nächste Woche fahre ich, okay? Dann ist mein Auto auch wieder aus der Werkstatt raus«, sagte Mike.
Ich winkte ab. »Wie du magst, mir macht das nichts aus, und ich weiß ja, wie gern du das eine oder andere Bier trinkst. Und solange du die naturwissenschaftlichen Fragen alle beantworten kannst, darfst du so viel bechern, bis du umfällst.«
»Wie gnädig von dir, Mami.« Mike alberte mal wieder herum. Ich schenkte ihm nur ein Augenrollen.
»Und was geht bei dir?«, fragte ich nach hinten. »Gibt’s was Neues?«
»Du glaubst es nicht«, brach es da aus Zoya heraus. »Ich hab eine richtig alte CD ergattert. Eine Bravo Hits 11. Und jetzt haltet euch fest: Ich hab die für drei Euro dreiundsiebzig auf eBay ersteigert.«
»Schnäppchen«, sagte Mike neben mir.
»Ja! Ich konnte es gar nicht fassen! Die ist aus dem Jahr 1995.«
Zoya war ein riesiger Fan von Neunzigerjahre-Musik. Vor allem, wenn es um Boybands ging, machte ihr niemand etwas vor. Das war einer der Gründe, warum wir beim wöchentlichen Pub-Quiz in unserer Stammkneipe auch ziemlich unschlagbar waren. Jeder aus unserer Truppe hatte Themengebiete, in denen er oder sie sich besonders gut auskannte.
Ich liebte zum Beispiel Fantasygeschichten wie Game of Thrones oder Herr der Ringe und hegte seit meiner Kindheit eine seltsame Faszination für Aquarien und Meerestiere. Wir alle waren Studierende der hiesigen Universität und nannten uns Masterminds. Andere sahen in uns eine Ansammlung von Nerds. Wir waren hingegen einfach nur glücklich, das ganze unnütze Wissen in unseren Köpfen endlich gebrauchen zu können. Das machte uns einen Heidenspaß.
Als wir das Irish Pub The Green Leaf betraten, wartete Fatih, ein weiteres Mitglied unserer Quiz-Truppe, schon an unserem Stammtisch. Wir setzten uns dazu, und noch bevor wir uns begrüßen konnten, stand auch schon Jenny, die Bedienung, die fast jeden Dienstag beim Quiz hier arbeitete, an unserem Tisch.
»Hey, was kann ich dir bringen? Bist du wieder der Fahrer heute?« Jenny kannte uns mittlerweile schon sehr gut.
»So sieht’s aus. Eine Coke für mich bitte.«
»Könnte aber ein bisschen dauern. Irgendwie kamen gerade alle auf einmal. Fühlt sich an, als wäre ein Reisebus voller Trinkwütiger vorgefahren. Unsere beiden Barkeeper kommen kaum hinterher.« Sie tippte auf ihrem Bedienungsgerät herum, das ein wenig wie ein altes, klobiges Handy aussah.
»Ist das so?« Ich drehte mich um und musterte das Treiben hinter der Bar. Und vor allem beobachtete ich Max, einen der beiden Barkeeper. Den Kerl, für den ich seit einiger Zeit schwärmte und der gerade an der Zapfsäule stand und zig Biere zapfte, die die Bedienungen im Akkord wegbrachten. Die größte Aufmerksamkeit schenkte ich dabei seinen muskulösen Oberarmen. »Der ist echt so heiß«, sagte ich leise, sodass es nur Zoya neben mir hörte. Ich ließ meine Augenbrauen anzüglich hüpfen, woraufhin sie mich mit dem Ellenbogen traktierte.
»Du unanständiger Kerl.«
»Bin ich gern, wenn er auf unanständig stehen sollte.«
Mike neben mir prustete los. Ganz so leise waren wir wohl doch nicht gewesen.
»Junge, ganz ruhig. Du hast dich bisher kaum getraut, mehr als drei Worte mit ihm zu wechseln! Vielleicht solltest du erst mal daran arbeiten.«
»Womöglich hast du recht. Der spielt aber eh in einer ganz anderen Liga und ist garantiert hetero. Oder was meint ihr?«
Mike zuckte mit den Schultern.
»Also, ich habe zumindest den Eindruck, dass er hinter der Bar sehr flirty ist. Jedem gegenüber. Aber vielleicht will er auch einfach nur viel Trinkgeld.« Zoya sah ihn nachdenklich an und versuchte ihn wohl zu analysieren. Das konnte sie aber vergessen, das machte ich schon, seit er hier angefangen hatte zu arbeiten. Und zwar mit mäßigem Erfolg. Der Kerl war nicht so leicht zu durchschauen.
Wie konnte man am besten herausfinden, ob jemand auf Männer oder Frauen stand? Einfach fragen war selten eine Option. Oder? Max flitzte von der einen Seite der Bar zur anderen, nahm eine Bestellung entgegen und zapfte dann wieder ein Bier. »Fuck, der könnte glatt ein Hemsworth-Bruder sein. Nur in jünger und vielleicht ein wenig hübscher.«
»Ist er aber nicht, soweit ich weiß. Außer er hat einen anderen Nachnamen angenommen. Er war vorher Kunde hier und arbeitet jetzt seit einiger Zeit bei uns. Er ist nicht sehr gesprächig, dafür macht er aber einen verdammt guten Job hinter der Bar. Der Chef hat einen Narren an ihm gefressen und ihm sogar schon den Schlüssel anvertraut«, meinte nun Bedienungs-Jenny neben uns, die trotz der vielen Bestellungen, die sie gerade eintippte, wohl schnell verstanden hatte, über wen wir sprachen.
Ein ehemaliger Kunde also. Kam er mir deshalb so bekannt vor? Vielleicht waren wir uns ja mal am Tresen oder auf dem Klo über den Weg gelaufen?
»Dann bleibt er uns ja hoffentlich noch erhalten. An den Anblick könnte ich mich nämlich gewöhnen.«
»Ich auch«, raunte Jenny, zwinkerte mir zu und ging dann, um die Leute einen Tisch hinter uns zu bedienen. Am Quiz-Dienstag war immer viel los, und einige der Teilnehmenden waren jede Woche da. So wie wir. Unsere größten Konkurrenten hielten sich an einem Tisch im hinteren Bereich auf. Sie nannten sich die Gummibierbande. Wahrscheinlich sollte der Name lustig sein. Die meisten Mannschaften hatten solche komischen Namen. Da waren die Agatha Quizies, die Quizzly Beers, die Quizzards of OZ und die Pubser … aber die waren alle nicht wirklich gut.
»Ich bestell mir mal ein paar Chips direkt am Tresen«, sagte ich zu Zoya.
»Warte doch, bis Jenny die Getränke bringt. Sie ist eh gleich wieder da.«
»Schon, so kann ich mir aber den Barkeeper etwas genauer ansehen, bevor das Quiz beginnt.«
»Dann bring mir wenigstens ein paar Salt-and-Vinegar-Chips mit«, meinte Zoya lachend. Ich hatte da schon eine Ahnung, warum sie sich so amüsierte. Sie kannte mich zu gut. Ich würde mich eh nicht trauen, irgendeinen Vorstoß zu wagen. Erst recht nicht bei so einem Typen. Ganz abschreiben wollte ich mich allerdings auch nicht. Ich war schüchtern, ja. Aber ich war kein hoffnungsloser Fall. Ich konnte auch anders. Gelegentlich.
Ich setzte mich auf einen freien Barhocker und nahm die Cocktailkarte in die Hand. Die war schön groß, sodass ich mein Gesicht dahinter verstecken konnte. Unauffällig beobachtete ich darüber hinweg das Treiben hinter der Bar. Max war heute nicht allein. Anton, der Barkeeper, der hier schon etwas länger arbeitete, huschte ständig zwischen Kaffeemaschine und Cocktailshaker hin und her. Als er mich erblickte, nickte er mir zu.
»Kann ich dir was bringen?«, fragte er gehetzt.
»Nein danke.« Schnell verkroch ich mich wieder hinter der Karte. Verdammt! Ich wollte doch bei Max bestellen, um wenigstens ein paar Worte mit ihm gewechselt zu haben und vielleicht sogar ein Lächeln von ihm zu erhaschen. Ich schmachtete ihm nun schon seit einigen Wochen aus der Ferne hinterher. Da genoss ich die wenigen Sekunden, in denen ich ihn auch mal von Nahem sah.
»Herzlich willkommen zum heutigen Pup-Quiz«, drang es durch die Lautsprecher. Harry, der grauhaarige Chef des Irish Pubs, saß weiter hinten an einem kleinen Tisch. Vor ihm verstreut lagen die Quizfragen. Das Mikrofon hielt er locker in der Hand. Kurz sah ich mich um, aber meine Freunde saßen alle hoch konzentriert am Tisch und schienen mich gerade noch nicht zu vermissen.
»Die Spielregeln dürften, denke ich, mittlerweile bekannt sein. Zu gewinnen gibt es wie immer einen 25-Euro-Getränkegutschein. Braucht noch jemand einen Stift und einen Zettel für die Antworten?«, schallte es durch das Pub. Niemand meldete sich. »Dann scheinen ja alle versorgt zu sein, und wir starten mit der ersten Frage: Was haben die Entdeckung Amerikas, Viagra, Penizillin und LSD gemeinsam?«
Ich drehte mich um und sah, dass Zoya bereits etwas auf den Zettel schrieb. Also hatte irgendjemand an unserem Tisch wohl die Antwort gewusst. Ich grübelte noch. Was hatten Amerika, Viagra, Penizillin und LSD gemeinsam?
»Zufall«, murmelte der hübsche Barkeeper im Vorbeigehen.
»Was?«, fragte ich, da er gerade vor mir stand und eine Fuhre dampfender Gläser aus der Spülmaschine holte. Er sah mich perplex an, als würde er mich das erste Mal richtig wahrnehmen. Und vielleicht war das tatsächlich so.
»O verdammt, hab ich das laut gesagt?« Er lächelte und fuhr sich mit seiner Hand verlegen durch sein Haar.
»Ja klar. Und das ist genial. Du hast recht. All das wurde nur durch Zufall entdeckt.«
»Verrate mich bloß nicht. Wenn rauskommt, dass ich Gästen Tipps gebe, komme ich in Teufels Küche.«
»Das bleibt unter uns«, sagte ich hinter vorgehaltener Hand, woraufhin er mir zuzwinkerte und wieder zum Zapfhahn lief. Wenn ich es richtig sah, zapfte er ein Guinness. Gott, dieses Zwinkern hatte mein Herz gerade so was von zum Rasen gebracht. Zum Glück war es im Pub immer recht düster. So fiel es hoffentlich niemandem auf, dass meine Wangen glühten.
Schnell ging ich wieder zurück zu unserem Tisch und setzte mich auf meinen Hocker. Ich trank einen Schluck von meiner Coke und bemerkte erst dann, dass Zoya mich missmutig musterte.
»Du hast meine Chips vergessen.« Sie machte einen astreinen Schmollmund.
»Ein Blick von diesem Kerl reicht aus und ich vergesse meinen eigenen Namen.«
»Und meine Chips«, wiederholte sie das Offensichtliche noch einmal. Ich rollte mit den Augen und winkte dann Jenny zu uns, die gerade die Bestellung zum Nebentisch gebracht hatte.
»Kannst du uns bitte zweimal Essigchips bringen?«
»Klaro.«
Wir waren wie immer quasi unschlagbar. Fatih, der Schweigsame in unserer Runde, kam wieder genau im richtigen Moment aus sich heraus. Erst wusste er, dass sich das teuerste Restaurant der Welt in Tokio befand, und dann auch noch, dass Jacques Villeneuve 1997 Formel-1-Weltmeister gewesen war. Er war ein echter Sportfreak und Japan-Fan. Zoya erkannte ein Lied von der Band Worlds Apart, das ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört hatte, und Mike wusste, dass Laverna in der römischen Mythologie die Göttin der Diebe und Betrüger war.
Bei der finalen Frage ging es um die Verfilmung von Der Hobbit. Das war mein Moment! Ich fing an, laut zu jubeln, da das einfach genau mein Themengebiet war. Dabei fiel mir auf, dass beide Barkeeper zu mir sahen und grinsten. Wahrscheinlich, weil sie sich mitfreuten und gute Laune hatten. Vielleicht lachten sie auch weniger mit mir als vielmehr über mich, weil ich gerade das gesamte Pub mit meinem Jubelschrei übertönt hatte. Trotzdem wünschte sich ein kleiner, aber sehr lauter Teil in mir, dass zumindest einer der beiden auch aus anderen Gründen zu mir sah.
Wir gewannen mit knapp zwanzig Punkten Vorsprung und lösten den gewonnenen Gutschein wie fast jede Woche direkt wieder ein. Das Pub hatte sich nach der Verkündung der ersten drei Plätze schnell geleert, und einzig die zahllosen leeren Gläser, die überall auf den Tischen standen, waren Beweis dafür, dass hier vor wenigen Minuten eine Mordsstimmung geherrscht hatte. Ich half Zoya in ihren Mantel und zog mir dann selbst meine Lederjacke an. Mike war noch mal aufs Klo verschwunden, also warteten wir auf ihn, bevor auch wir uns auf den Heimweg machen würden. Mir war es recht. Denn ich nutzte die Zeit und beobachtete den hübschen Barkeeper bei der Arbeit. Natürlich so unauffällig wie es nur ging. Er hatte gerade damit angefangen, die Kaffeemaschine zu reinigen, und Anton, sein Kollege, besprach anscheinend mit ihm, was noch alles zu tun war. Kurz trafen sich wieder unsere Blicke. Zumindest glaubte ich das. Sicher konnte ich mir nicht sein, da ich direkt wegsah und Zoya in irgendeinen unwichtigen Small Talk verwickelte. Verdammt. Mein Herz schlug wild in meiner Brust und meine Ohren fühlten sich heiß an. So wollte ich nicht sein. Wenn ich es nicht mal schaffte, jemandem länger als ein paar Sekunden in die Augen zu sehen, wie sollte ich dann ein ganzes Gespräch führen oder am Ende sogar flirten?
Vielleicht musste ich mir einfach einen Ruck geben. Ins kalte Wasser springen. Ohne etwas zu riskieren, würde ich wahrscheinlich nie jemanden kennenlernen. Es war ja nicht so, als hätte ich Torschlusspanik. Ich war immerhin gerade mal einundzwanzig Jahre alt. Aber in diesen einundzwanzig Jahren war eben auch nicht wirklich viel passiert. Zumindest nicht in Sachen Liebesbeziehung.
Los, Henry, tu es, redete ich mir selbst gut zu und ging dann kurzerhand zu Jenny, die gerade einen Tisch im hinteren Bereich des Pubs abwischte.
»Hauen wir gleich ab?«, fragte Mike und ich winkte ab.
»Einen Moment, muss gerade noch etwas erledigen«, sagte ich an ihn gewandt und sprach dann Jenny an. »Könntest du mir vielleicht einen Kugelschreiber und ein Stück Papier geben?«
»Klar.« Sie fischte einen kleinen Block und einen Stift aus ihrem Bedienungsgürtel und überreichte mir beides.
Schnell schrieb ich meinen Namen und meine Handynummer auf. Mit einem kräftigen Ruck riss ich das Blatt aus dem Block und gab Jenny den Rest zurück. Ich bedankte mich und lief, ohne weiter darüber nachzudenken, an die Theke. Nachdenken wäre jetzt der größte Fehler, denn dann könnte sich mein Hirn in allen Farben, Details und Facetten ausmalen, was schiefgehen konnte. Einfach zur Tat zu schreiten hatte den Vorteil, dass das blöde und unangenehme Gefühl im Bauch ausblieb. Zumindest für wenige Sekunden. Denn viel länger konnte man seine Gedanken ja nicht kontrollieren.
»Hey, du«, rief ich Max, dem Barkeeper, zu. Er drehte sich um, trocknete sich die Hände an einem Tuch ab und kam zum Tresen gelaufen. Zu mir.
»Ja?«
Und da war das Hirn auch wieder voll da und analysierte alles. Die weißen Zähne, den Dreitagebart, das Lächeln, das ein wenig misstrauisch, aber auch unendlich attraktiv war und …
Henry, reiß dich zusammen!
»D-d-d-das w-w-wollte ich dir geben«, stotterte ich mich um Kopf und Kragen und reichte ihm mit zittriger Hand den Zettel. Als er mir nicht schnell genug entgegenkam, beugte ich mich noch weiter über den Tresen und drückte ihm die Notiz einfach zwischen die Finger.
»Was ist da…?« Er kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen.
»Also, bis dann«, sagte ich schnell, zog den Kopf ein und verschwand fluchtartig aus dem Irish Pub. Mike, Fatih und Zoya rannten mir hinterher.
»Was war das?«, fragten meine Freunde im Chor.
»Ich weiß nicht«, nuschelte ich in mich hinein.
»Hast du ihm deine Nummer gegeben?« Zoya holte auf und erschien rechts von mir. Sie grinste über beide Ohren. »Wenn ja, bist du der mutigste Mensch, den ich kenne. Vielleicht sogar der mutigste Kerl der Welt.«
»Oder einfach komplett übergeschnappt. Du weißt, dass das unser Stammpub ist. Wehe, du meidest es nun, weil du dich schämst oder so«, drohte Mike links von mir.
»Quatsch ich … na ja, also …« Ich atmete tief durch und bereute jetzt schon den kurzen, übermütigen Moment, den ich gerade gehabt hatte.
O Mann, was hatte ich mir nur dabei gedacht?
Kapitel 2
Mein Handy weckte mich mit aufdringlich lautem Vibrieren. Ich tastete blind nach dem Gerät, das irgendwo auf meinem Nachttisch liegen musste. Erst nachdem ein paar andere Gegenstände auf den Boden gefallen waren, ertastete ich es und sah, dass mehrere Nachrichten von Zoya eingegangen waren. Außerdem erkannten meine müden Augen, dass es bereits acht Uhr war und ich mich echt beeilen musste, um noch pünktlich zu meiner Vorlesung zu kommen.
Ich klickte auf Zoyas Namen.
Und? Hat er sich bei dir gemeldet?
Sag schon!
Ignorierst du mich?
Henry? AUFSTEHEN! Ich warte auf Antworten, und außerdem verpennst du mal wieder die Uni!
Ich stöhnte und richtete mich ruckartig auf. Sie hatte recht. Ich musste mich dringend fertig machen, sonst würde ich wieder einmal zu spät kommen.
Trotzdem nahm ich mir die drei Sekunden und antwortete Zoya. Ansonsten würde sie einen Suchtrupp vorbeischicken oder am Ende gleich persönlich vor der Tür stehen.
Guten Morgen. Ich bin eben erst aufgewacht.
Und NEIN, er hat sich nicht gemeldet.
Direkt stellte sich wieder das schreckliche Gefühl in meiner Magengegend ein. Was hatte mich nur dazu getrieben, ihm meine Nummer zu geben? Der nächste Gang ins Green Leaf Pub würde so was von peinlich werden. Wenn ich allerdings genauer darüber nachdachte, würde es wahrscheinlich nur dann peinlich werden, wenn ich es zuließ. Wenn ich hingegen selbstsicher genug war und darüberstehen würde, wäre es vielleicht okay. Ein lässiges Schwamm drüber, und wir würden über diese Sache hinwegsehen und lachen können. Fake it, till you make it. Tue so, als wärst du der selbstbewussteste Kerl aller Zeiten, bis du es in einigen Jahrzehnten eventuell wirklich bist.
Mit Schwung stand ich auf, schnappte mir ein paar der Klamotten, die auf meinem Schreibtischstuhl lagen, und machte mich im Badezimmer schnell fertig. Als ich frisch geduscht, mit geputzten Zähnen und angezogen in die Küche trat, fiel mir auf, dass das ganze Haus ruhig war. Lissy war schon im Kindergarten und meine Eltern beide arbeiten. Und ich sollte eigentlich auch längst unterwegs sein. In Eile goss ich mir etwas Kaffee in meinen Game-of-Thrones-to-go-Becher und stopfte mir einen Apfel und zwei Müsliriegel in meine Uni-Tasche. Mit Jacke und der obligatorischen Beanie auf dem Kopf lief ich auch schon los zur Straßenbahnhaltestelle. Ich hatte das Glück, dass ich einen Studienplatz an der Uni ergattert hatte, die nur wenige Minuten von meinem Zuhause entfernt war. Damit hatte ich im Gegensatz zu anderen den Vorteil, dass ich nicht ellenlange Wege einplanen musste und sogar noch bei meinen Eltern wohnen bleiben konnte. Zwar entgingen mir so die Wohnheim- und WG-Erfahrungen, die würde ich dann aber einfach später nachholen. Oder eben nicht. Momentan genoss ich es, hier zu sein. Bei meinen Eltern und meiner kleinen Schwester.
An der Uni angekommen, war mein Kaffee leer getrunken und ich verstaute den Becher in meiner Tasche. Zwischen zahlreichen Studentinnen und Studenten lief ich zum großen Vorlesungssaal am anderen Ende des Campus. Der Tag begann mit Kulturwissenschaft. Ein Kurs, den wohl fast jeder, der eine Geisteswissenschaft studierte, belegen musste. Die meisten Kurse, die ich sonst so besuchte, fanden in kleinen Räumen statt, die maximal für zehn oder fünfzehn Leute ausgelegt waren. Viel mehr Studierende interessierten sich wohl nicht für Kleist oder Eichendorff. Solche riesigen Dimensionen gab es im Fach Germanistik selten. Zumindest an meiner Uni, an der die meisten Menschen Jura oder BWL studierten.
Als ich den Vorlesungssaal betrat, war er schon gut gefüllt. Ich suchte mir einen freien Platz, relativ weit hinten am Rand. So konnte ich schnell und unbemerkt wieder verschwinden. Angeborener Fluchtreflex oder so. Ich hasste es, mich an zahllosen Kommilitoninnen und Kommilitonen vorbeiquetschen zu müssen, wenn ich pünktlich gehen oder einfach mal aufs Klo wollte.
Aufmerksam beobachtete ich die Leute in den Reihen vor mir. Ein Kerl aß gerade genüsslich ein Leberwurstbrot, das ich bis hierher riechen konnte. Der war heute Morgen wahrscheinlich genauso spät dran gewesen wie ich. Ein Mädchen in derselben Reihe weiter links hatte nicht einen, sondern gleich zwei Laptops vor sich aufgeklappt. Was sollte das denn? Ergab eigentlich nur mit vier Armen Sinn. Laute Stimmen hinter mir zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. An der Eingangstür des Vorlesungssaales kabbelten sich zwei Kerle darum, wer als Erster den Raum betreten durfte. Das Ganze war eindeutig ein Spiel und keine echte Schlägerei. Am lautesten an ihnen war nämlich ihr Lachen. Dabei übersahen sie eine junge Frau hinter sich, die auch in den Saal wollte. Sie saß in einem Rollstuhl und schien zu glauben, dass einer der beiden Jungs ihr die Tür aufhalten würde. Die waren allerdings so mit sich selbst und mit ihrer lustigen Streiterei beschäftigt, dass ihnen die Frau gar nicht auffiel. Da ich am Rand saß, stand ich auf, um die Tür für sie zu öffnen.
»Danke dir«, sagte sie und lächelte mich an. Sie hatte blondes, langes Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ihre Augen waren strahlend blau und ihre Wangen leicht gerötet. Vielleicht ja vor Aufregung.
»Kein Problem. Es war Glück, dass ich gerade in deine Richtung gesehen habe.« Ich wandte mich wieder meinem Platz zu und wollte zurücklaufen, doch etwas hielt mich auf. Vielleicht war es ihr hilfloser Blick. »Sag mal«, ich sah wieder zu ihr, »bist du im ersten Semester? Ich hab dich bislang in keinem Kurs gesehen.«
»Sieht man mir an, wie unglaublich überfordert ich bin?« Sie lachte.
»Nein, so meinte ich das nicht.« Na ja, ein wenig vielleicht. Ich glaubte, dass ich an meinem ersten Tag an der Uni genauso verloren ausgesehen hatte. Aber das große Gelände, die vielen Lehrveranstaltungen, Pflichtfächer, die Kurse, die nur jährlich angeboten wurden … Vieles war am Anfang wirklich unnötig kompliziert. Und die ewig lange Prüfungsordnung und Studienführer machten es selten einfacher. Das war zumindest meine Erfahrung gewesen. Am meisten hatte mir geholfen, mich an erfahrene Kommilitonen zu halten und von ihnen zu lernen.
»Wo magst du denn hin?«, fragte ich, da ich keine Ahnung hatte, wie sie das mit dem Rollstuhl bewerkstelligen wollte und es vielleicht einen speziellen Platz für sie gab.
Sie sah sich im Saal um. »Ich werde mich einfach an den Rand einer Bank setzen. Da ich eine Unterlage für den Laptop habe, brauche ich keinen Tisch für mich.« Sie kramte eine gepolsterte Unterlage aus ihrer Tasche und trommelte mit den Fingern eine Melodie darauf.
»Das ist praktisch. Magst du dich vielleicht zu mir setzen? Ich konnte mir diesen wunderbaren Platz hier sichern.« Daraufhin zeigte ich mit gespieltem Stolz auf die Bank, auf der bereits meine Jacke lag.
»Sehr gern. Danke schön.« Sie lenkte den Rollstuhl neben mich und begann, ihre Utensilien auszupacken.
»Wow, ist das ein Mac?«
»Ja. Richtig tolles Teil. Habe ich vor ein paar Wochen geschenkt bekommen. Ein kleines Geschenk zum Studienbeginn«, sagte sie überglücklich.
»Ach, übrigens.« Ich reichte ihr die Hand. »Ich bin Henry.«
Sie schüttelte sie und lächelte noch immer von einem Ohr bis zum anderen. Dieses Lächeln war ansteckend.
»Ich bin Mathilda, und, um ehrlich zu sein, ziemlich froh, dass du mich angesprochen hast. Ich kenne hier nämlich noch niemanden. Das ist eine meiner ersten Vorlesungen.«
Und dann gleich eine so große, semesterübergreifende Vorlesung. Da konnte ich durchaus versehen, dass man erst einmal überfordert war.
»Dann kannst du ja von Glück reden, dass du mich getroffen hast. Ich bin im dritten Semester und quasi schon ein alter Hase. Wenn du Fragen hast, kannst du dich vertrauensvoll an mich wenden.«
»Ich bin echt ein Glückspilz.« Wir kicherten beide los.
In dem Moment betrat die Dozentin den Saal und das Gemurmel verstummte. Auch wir stellten das Reden ein. Zumindest für ein paar Anstandsminuten. Ziemlich schnell fingen wir wieder an, über dies und das zu tuscheln. Als dann die Unterschriftenliste herumgereicht wurde, konnten wir unser Lachen kaum unterdrücken. Irgendwelche Scherzkekse vor uns hatten die Liste mit wunderbar lustigen Namen komplettiert. Es gab angeblich einen Earl of Pearl, einen Mr Bombastik und eine Sailor Moon hier in diesem Kurs. Auf die Idee musste man erst mal kommen. Schnell unterschrieben wir, natürlich mit unseren richtigen Namen. Doch bevor ich die Liste nach links weitergeben konnte, griff Mathilda nochmals nach dem Blatt und schrieb Justin Bieber dazu. Erst dann durfte ich den Zettel weiterreichen.
»Nicht dein Ernst?« Ich sah sie mit großen Augen an und konnte es nicht glauben. Sie schien um einiges mutiger zu sein als ich. Das gefiel mir.
Danach fiel es uns beiden schwer, der Dozentin konzentriert zu folgen. Bei jeder Kleinigkeit drohten wir in Gelächter auszubrechen. Wenn der Lachmuskel mal angespannt war, war es für mich schier unmöglich, ernst zu bleiben. Mathilda schien es ähnlich zu gehen. Zumindest erwischte ich sie während der Vorlesung mehrmals dabei, wie sie sich die Faust vor den Mund hielt, um ihr Lachen zu verbergen. Ein Anblick, der mich mehr als einmal dazu brachte, schnell wegzusehen und einen imaginären Gegenstand in meiner Tasche unter der Bank zu suchen. Einfach weil ich ansonsten laut losgeprustet hätte.
Für meine Noten würde meine Bekanntschaft mit Mathilda kein gutes Ende nehmen. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, eine Verbündete gefunden zu haben. Und vielleicht ja sogar eine richtig gute Freundin.
Nach der Vorlesung verließen wir beide den Hörsaal.
»Hast du noch ein Seminar heute?«, fragte ich sie.
»Ja, aber erst in drei Stunden. Und du?«
»Ich hab jetzt auch erst mal Zeit. Soll ich dir vielleicht irgendetwas zeigen? Hast du Fragen?« Ich konnte mich noch an meine Anfangszeit an der Uni erinnern. Ich hatte ewig gebraucht, um alles zu finden und zu verstehen.
»Ja. Wie läuft das hier mit der Bibliothek? Ich weiß, dass sie in dem Gebäude da vorn ist.« Sie zeigte auf die Bibliothek auf der anderen Straßenseite. Ein riesiges Bauwerk mit einer großen Glasfront, durch die man die endlos langen Reihen der Bücherregale schon von hier erkennen konnte. »Brauche ich einen Ausweis? Muss ich irgendetwas beantragen?«
»Alles hier an der Uni funktioniert mit deinem Studentenausweis. Den hast du ja schon, oder?«
Sie nickte und kramte in ihrer Jackentasche, bis sie mir die Karte entgegenstreckte. Das Bild darauf war fürchterlich. Sie war kaum wiederzuerkennen.
»Schrecklich, oder?« Sie lachte und steckte die Karte schnell wieder weg. »Ich habe keine Ahnung, warum der Fotograf einfach ohne Vorwarnung auf den Auslöser gedrückt hat. Ich hatte nicht mal mehr Zeit, direkt in die Kamera zu sehen. Eigentlich hatte ich sogar noch Glück, dass ich nicht gerade meinen Finger in der Nase hatte.«
»Mach dir nichts draus. Sieh mal, wie mein Foto aussieht.« Ich griff in meine hintere Jeanstasche, holte den Geldbeutel heraus und zeigte ihr auch meinen Studentenausweis. Das Bild darauf war stark überlichtet. Ich hatte quasi keine Kontur im Gesicht. Den dicken Pickel am Kinn konnte man trotzdem leuchtend gut sehen. Mathilda prustete los.
»Jaja … mach dich ruhig über mich lustig«, meinte ich gespielt eingeschnappt.
»Sorry, aber wie kann man bei dem Bild nicht lachen? Ich muss dir recht geben. Dein Bild toppt alles. Warum stellen die nicht einfach einen richtigen Fotografen ein, oder kaufen besseres Equipment? Was soll das?«
Ich blieb stehen und rieb mir nachdenklich über mein stoppliges Kinn. Ja, für Rasieren war heute Morgen wirklich keine Zeit gewesen.
»Vielleicht gehört das schon zum Studentsein dazu. Dinge, die man als Student erlebt haben muss. Auf einer Wohnheimparty versacken, verkatert durch eine Prüfung fallen, ein schreckliches Bild auf dem Studentenausweis haben«, begann ich aufzuzählen.
»Lustige Namen auf die Anwesenheitsliste schreiben«, ergänzte Mathilda und brachte mich damit schon wieder zum Lachen.
Da hatte ich plötzlich eine Idee. »Wie wär’s? Soll ich dich auf einen Kaffee einladen? Da vorn ist ein super Laden, da bin ich recht häufig. Irgendwie habe ich das Gefühl, wir sollten an unserer studentischen Bucket List weiterarbeiten. Zwanzig Dinge, die man während des Studiums erlebt haben muss, oder so.«
»Gute Idee, auch wenn mir der Sinn eher nach heißer Schokolade steht und uns garantiert auch fünfundzwanzig Dinge einfallen werden.«
»Das klingt nach einem Plan.«
Nach einigen Heißgetränken und fünfzehn weiteren Punkten auf der Liste von Dingen, die du während deines Studiums unbedingt erlebt haben musst, verabschiedeten wir uns. Natürlich nicht, ohne vorher Handynummern zu tauschen und uns gegenseitig auf Instagram zu folgen. Danach mussten wir beide zurück zur Uni, nur in unterschiedliche Kurse.
Doch vorher versprachen wir uns, unsere Freistunden nun öfter miteinander zu verbringen, und ich freute mich schon sehr darauf.
Gegen Abend schrieb ich ihr direkt, dass ich Freitag ziemlich viel Freizeit zwischen zwei Vorlesungen haben würde, und sie antwortete mir erfreulicherweise, dass auch sie dann Zeit hätte. Also stand unserem nächsten Treffen schon mal nichts im Wege. Zufrieden lehnte ich mich auf dem Schreibtischstuhl zurück. Ich hatte bereits meinen Pyjama an, also eine Boxershorts und ein verwaschenes Bandshirt von Linkin Park, und ordnete gerade den ganzen Uni-Kram, der sich diese Woche angesammelt hatte. Arbeitsblätter, Mitschriften, Grafiken und so Zeug. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass es mehr Sinn ergab, sich regelmäßig darum zu kümmern und nicht erst kurz vor einer Prüfung. Auch so eine Sache für die studentische Bucket List: Du hast nie richtig studiert, wenn du nicht mit großer Panik in der Nacht vor einer Prüfung diese eine wichtige Notiz gesucht hast.
Ich notierte den Punkt und schickte ihn an Mathilda. Genau in diesem Moment vibrierte mein Handy in der Hand und es ging eine Nachricht von einer unbekannten Nummer ein.
Hi, Henry! Schön, dass ich nun auch deinen Namen kenne. Meiner ist Max, falls du es noch nicht wusstest.
Und einige Sekunden später.
Ich bin’s übrigens. Der Barkeeper aus dem Green Leaf.
Ich starrte total perplex auf die beiden eingegangenen Nachrichten. Mein Hirn brauchte ein paar Sekunden, um zu verstehen, was da gerade passiert war.
Er schrieb mir! Er hatte den Zettel nicht weggeworfen. Vielmehr hatte er ihn aufbewahrt, sich die Mühe gemacht, die Nummer einzutippen, einzuspeichern und im Anschluss eine Nachricht an mich zu senden. Sogar zwei. An mich!
Geschah das gerade wirklich?
In diesem Moment wurde mir erst so richtig klar, dass ich tatsächlich nicht damit gerechnet hatte, dass er mir schreiben würde.
Aber er hatte es getan! Yes!
Kapitel 3
»Boah, Henry, ich wusste, dass das ab jetzt seltsam wird. Ich hab’s echt gewusst!« Mike sah mich vorwurfsvoll an und hatte beide Hände in die Hüfte gestemmt.
»Warte doch mal. Ich brauch nur noch ’ne Minute.«
Wir standen bereits seit geraumer Zeit vorm Eingang des Irish Pubs und warteten auf … na ja … darauf, dass ich endlich den Mumm hatte, die Tür zu öffnen. Allerdings war ich so aufgeregt, und mein Herz schlug so schnell in meiner Brust, dass ich nicht wusste, wie ich das schaffen sollte.
Mike und Fatih hatten bereits vor einigen Tagen den Vorschlag gemacht, heute Abend noch auf einen kleinen Drink ins Pub zu gehen. Unter anderem, weil irgendein Champions-League-Spiel lief und die beiden große Fußballfans waren. Ich würde mich nicht gerade als Fan bezeichnen, aber ich kam eigentlich immer gern mit. Ich liebte die Atmosphäre des Pubs und verstand mich mit den meisten Bedienungen echt gut. Es fühlte sich ein wenig wie mein zweites Wohnzimmer an. Deshalb war es mir egal, ob Fußball auf einer Leinwand lief, eine Irish-Folk-Band auftrat, Karaoke-Night war oder eben Pub-Quiz. Ich war einfach gern hier. Nur hatte sich an meiner Situation seit gestern Abend einiges geändert.
Max hatte mir geschrieben, und ich hatte nach einigen Anläufen und einem verzweifelten Telefonat mit Zoya geantwortet. Die Nachrichten mit ihm waren nicht besonders intim gewesen. Wir hatten nur locker hin- und hergeschrieben. Uns über unseren Tag ausgetauscht. Ich würde es ungezwungenen Small Talk nennen. Und am Ende meinte ich, dass ich morgen eventuell im Pub vorbeischauen wolle. Daraufhin hatte er geantwortet, dass er sich freuen würde, mich zu sehen.
Und nun stand ich hier und wischte zum wiederholten Male meine verschwitzten Hände an meiner schwarzen Jeans ab.
»Vor was hast du denn Angst?«, fragte Fatih, der seit seinem Hallo vorhin, als er in Mikes Auto gestiegen war, glaube ich, noch kein Wort gesagt hatte. Seine schweigsame Art machte ihn aus, und ich wusste sie zu schätzen.
»Ich hab gar keine Angst. Höchstens davor, dass mein Körper vollkommen rebelliert, wenn ich ihn sehe, und ich ihn nur anstottere, ein nervöses Zucken am Auge bekomme, ohnmächtig werde oder mich vor Aufregung übergebe. Oder was ist, wenn er mich ignoriert? Wenn das alles nur ein doofer Scherz von ihm war? Und wie sehr können Hände eigentlich schwitzen? Wir haben verdammt noch mal Oktober.« Wieder wischte ich mir meine Handflächen trocken.
»Ach, komm schon.« Mike legte einen Arm um meine Schulter und dirigierte mich zur Eingangstür. »Es war doch so unglaublich mutig von dir, ihm deine Nummer zu geben.«
»Ja, schon …«
»Und du hast echt nichts zu befürchten. Glaub mir. Wir gehen da jetzt rein und du wirst megacool und gelassen sein. Zumindest könntest du versuchen, so zu tun als ob. Und außerdem ist gleich Anpfiff, also …« Er öffnete die Tür und gab mir einen kräftigen Stoß. »Rein mit dir.«
Und schon stand ich im holzvertäfelten und nach Bier riechenden Pub. Wie immer war das Licht gedimmt und fast jeder Tisch war bereits voll besetzt.
Schnell und mit wild klopfendem Herz lief ich zu unserem Stammtisch, den Mike in weiser Voraussicht auch heute reserviert hatte. Ich rutschte direkt auf die Bank, von der aus ich zur Bar sehen konnte, und schnappte mir eine Getränkekarte als Sichtschutz. Fatih gesellte sich neben mich auf die Bank, Mike setzte sich gegenüber auf einen der Hocker.
»Hat er uns gesehen?«, fragte ich flüsternd in die Runde.
»Wenn nicht, kann ich ihn gern rufen und laut auf uns aufmerksam machen«, antwortete Mike nur lachend und winkte der Bedienung. Heute war es nicht Jenny, sondern Jule. Sie arbeitete mindestens schon so lange hier, wie wir Stammkunden waren.
»Hey, schön, dass ihr da seid«, begrüßte sie uns und zündete das Teelicht auf unserem Tisch an. »Was kann ich euch bringen?«
»Ein Kilkenny bitte«, bestellte ich.
»Wir trinken beide Cola, oder?«, fragte Mike in Fatihs Richtung, und der nickte. »Zweimal Cola für uns. Danke.« Mike lächelte Jule an und machte keinen Hehl daraus, dass er schon seit Monaten auf sie stand. Sie schien das nicht zu bemerken. Oder ignorierte es absichtlich. Zumindest tippte sie schweigend alles in ihr Gerät ein und ging dann einen Tisch weiter, an dem zwei Kerle verzweifelt versuchten, auf sich aufmerksam zu machen. Die mussten kurz vorm Verdursten sein, oder nur unglaublich unverschämt. Vorsichtig spitzelte ich über den Rand der Karte hinweg zum Tresen. Max war auch heute wieder mit Anton hinter der Bar. Er lief gerade zu den Shotgläsern und goss irgendeinen Schnaps ein, schnappte sich dann die kleinen Gläser und stellte sie auf ein Tablett. Danach zapfte er wieder Bier. Er schien total in seinem Element zu sein. Jede seiner Bewegungen war fließend. Als würde er hier schon Ewigkeiten arbeiten oder wäre in dem Laden aufgewachsen. Aber soweit ich wusste, hatte er erst vor ein paar Monaten hier begonnen.
Plötzlich hob er seinen Blick und sah direkt zu unserem Tisch herüber. Verstecken brachte nichts und wäre mehr als kindisch gewesen, auch wenn das mein erster Impuls war. Wir saßen immer an diesem Tisch, und außerdem hatten wir ja ein wenig hin- und hergeschrieben. Ich sollte mich also jetzt auch so verhalten. Also so, wie man sich eben als erwachsene Person verhielt, wenn man mit dem Schwarm Telefonnummern getauscht hatte. Ich straffte meine Schultern und erwiderte seinen Blick. Als ich sah, dass er lächelte und mir zunickte, erhob ich zögerlich meine Hand und senkte sie dann schnell wieder.
»Weißt du, wie du gerade aussiehst?« Mike musterte mich mitleidig. »Als wäre dir das alles verdammt unangenehm und als würdest du am liebsten weglaufen.« Ganz unrecht hatte er nicht.
»Ich weiß einfach nicht, wie ich mich verhalten soll«, raunte ich ihm zu.
»Du musst doch nichts tun.«
»Aber ist es denn nicht megadoof und unhöflich, jetzt hier sitzen zu bleiben? Wie verhält man sich denn in meiner Situation normal? Hätte ich direkt zu ihm gehen sollen, um ihn zu begrüßen? Oder ist das dann aufdringlich? Ich bin gerade total überfordert. Bestimmt denkt er, ich bin voll der Depp.«
»Oder er denkt momentan einfach nur daran, wie er schnellstmöglich fünfzig Bier für die ganzen irren Fußballfans hier zapfen kann. Mach dir doch nicht immer so einen Kopf.«
Ich raufte mir die Haare. »Das sagst du so einfach.«
»Du hast doch schon den ersten Schritt getan«, meldete sich plötzlich Fatih neben mir zu Wort. »Vielleicht ist jetzt auch einfach er dran mit der nächsten großen Geste.«
Mike zeigte mit dem Finger auf Fatih.
»Verdammt richtig. Wenn du mal was sagst, dann zum Glück immer was Sinnvolles.«
Ich musste lachen. »Also soll ich mich jetzt zurücklehnen und ihn machen lassen?«, fragte ich meine beiden Freunde.
»Wäre doch mal einen Versuch wert«, meinte Mike. Er konnte das so seelenruhig sagen. Ich befürchtete allerdings, dass ich bei diesem Kerl nur einen Versuch hatte. Und wenn ich nun rüberkam wie ein eingeschüchterter Freak, dann würde er mich höchstwahrscheinlich einfach ghosten und sich dem oder der Nächsten zuwenden.
Trotzdem hörte ich auf Fatihs Rat und blieb sitzen. Nicht weil ich auf die große Geste wartete. Ich wusste nur nicht, was ich sonst hätte tun sollen.
Das Fußballspiel war bis zur letzten Minute recht ereignislos. Was dazu führte, dass ich sehr oft Gelegenheit dazu hatte, Max heimlich bei der Arbeit zu beobachten.
In der Verlängerung überschlugen sich plötzlich die Ereignisse. Es fielen zwei Tore, und es kam zu einem Elfmeter. Im kompletten Pub ging es drunter und drüber. Alle riefen durcheinander, und Mike und Fatih hielt es nicht mehr auf ihren Plätzen. Beide standen vor der Leinwand und fieberten mit. Ich hingegen stopfte mir gerade das letzte Stück meiner Pizza rein. Seit einiger Zeit gab es hier im Pub auch Pizzen und Flammkuchen, da der Chef in einen Pizzaofen investiert hatte. Beste Idee ever. Seitdem hatte sich meine Ernährung nicht wirklich verbessert. Zum Glück sah man es mir noch nicht an.
Ich versuchte mir die fettigen Finger mit der Serviette zu säubern, was mir mehr schlecht als recht gelang. Da gerade eh alle abgelenkt waren und dem Treiben auf der Leinwand zusahen, waren die Toiletten garantiert leer. Also lief ich zum Männerklo ganz hinten im Pub und wusch mir dort die Hände. Der Blick in den Spiegel zeigte mir, dass meine Haare eine Katastrophe waren. Ich trug ja eigentlich fast immer eine Beanie auf dem Kopf. Da es im Laufe der letzten anderthalb Stunden im Pub richtig heiß geworden war, hatte ich sie vorhin abgesetzt. Jetzt klebten mir die Haare am Kopf und ich sah total doof aus. Mit meinen nassen Fingern versuchte ich, sie zu richten, gab aber schnell auf. Ich würde einfach direkt wieder die Mütze aufziehen, sobald ich am Tisch saß.
Als ich aus dem Männerklo heraustrat, hatte sich das Pub erstaunlich flott geleert. Jule kassierte die letzten Anwesenden ab, und überall standen leere Gläser auf den Tischen und auf dem Tresen herum. Fatih und Mike saßen wieder auf ihren Plätzen und wirkten bedrückt. Anscheinend war das Spiel nicht so ausgegangen, wie es sich die beiden gewünscht hatten.
»Hey, du.«
Ich erschrak, drehte mich um und stand plötzlich direkt vor Max. Ich war ihm das erste Mal so nah. Sonst hatte uns immer der Bartresen getrennt. Langsam wanderte mein Blick nach oben und ich sah ihm ins Gesicht.
»Verdammt, bist du groß«, brach es aus mir heraus, was Max zum Lachen brachte und meine Wangen sofort heiß werden ließ. Gott, hatte dieser Kerl ein hübsches Lachen. Mein Kopf musste hingegen knallrot sein.
Er sah mich fast schon schüchtern an und kratzte sich am Hinterkopf. »Findest du?«
»Das ist mir bislang nie aufgefallen.«
Kurz schwiegen wir uns an. O verdammt. Ich musste schnell irgendetwas sagen, damit dieses peinliche Schweigen aufhörte.
»Was …« Wir setzten beide gleichzeitig an und brachen genauso schnell wieder ab. Und dann zeigte er mir dieses Lächeln, bei dem ich am liebsten laut aufgeseufzt hätte. Dieses unglaublich attraktive und strahlende Max-Lächeln.
»Was ich dich fragen wollte: Was machst du am Samstagabend?«
»Nichts«, rief ich fast schon einen Tick zu laut, räusperte mich dann und setzte noch mal in normaler Lautstärke an. »Ich habe, glaube ich, noch nichts vor.«
»Ich arbeite nämlich nur mittags hier bis ungefähr halb acht. Wenn du magst, könnten wir danach ja was essen gehen.«
Ich nickte vollkommen perplex.
»Okay, ähm … holst du mich einfach hier ab?«, fragte er und wieder nickte ich. »Ich reserviere uns dann irgendwo einen Tisch.«
»Klasse.« Zum Glück hatte ich meine Stimme wiedererlangt. Zumindest für ein Wort.
»Ich freu mich.«
»Ja.« Wieder nur ein Wort von mir und dann Stille. Aber dieses Mal war es nicht mehr ganz so unangenehm. Wir sahen uns etwas länger an, als man es vielleicht normalerweise tun würde. Dann wich ich seinem Blick aus und musterte den Boden vor mir. Einfach, weil mich dieser kurze Moment verlegen gemacht hatte.
Verzweifelt suchte ich nach den richtigen Worten und hatte jetzt schon Angst, am Samstag den Mund nicht aufzubekommen. »Ich geh dann mal und ja … bis Samstag dann. Halb acht.«
»Genau, bis dann.«
Ich lief ein paar Schritte rückwärts und versuchte mir seinen Anblick einzuprägen. Für später, wenn ich im Bett lag und mein Verstand mir einreden wollte, dass ich mir das alles nur eingebildet hatte.
Max. Beide Hände in der Hosentasche. Eine dunkelblaue Jeans, die ihm supergut stand. Das schwarze Poloshirt, das die Barkeeper und Bedienungen hier alle trugen, mit dem The-Green-Leaf Logo auf der Brust. Sein kurzes dunkelblondes Haar war etwas zerzaust und mit seinen warmen braunen Augen betrachtete er mich. Er war so attraktiv und …
O. Mein. Gott.
Ich hatte ein Date mit diesem Kerl!
Kapitel 4
»Da bist du ja endlich«, rief mir Mathilda winkend entgegen.
»Sorry.« Ich entschuldigte mich außer Atem. Die letzten Meter war ich hierhergerannt. »Das ist ’ne doofe Angewohnheit von mir. Ich bin leider viel zu oft zu spät. Ist mir verdammt unangenehm.«
»Wie kommt’s?«, fragte sie und wirkte ehrlich interessiert. Ich setzte mich auf einen Stuhl gegenüber von ihr und zuckte mit den Schultern.
»Ich geb mir echt Mühe, pünktlich zu sein, aber dann werde ich durch irgendwas abgelenkt, oder ich verschätze mich einfach total. Vorhin dachte ich zum Beispiel, dass ich ja noch eine halbe Stunde Zeit habe, bis wir uns treffen, und dass das noch locker reicht, um im Supermarkt ein paar Besorgungen zu machen. Hat es ja ganz eindeutig nicht.«
»Gut zu wissen, dann lasse ich mir in Zukunft einfach auch Zeit, wenn wir uns treffen.«
»Beeilen musst du dich mit Sicherheit nicht. Noch mal Entschuldigung! Deine heiße Schokolade geht dafür auf mich.« So hoffte ich, mein schlechtes Gewissen zumindest ein wenig zu beruhigen. Und natürlich wollte ich damit auch Mathilda besänftigen. Obwohl sie keinen wütenden oder beleidigten Eindruck machte. Wir kannten uns noch nicht so lange, und ich wollte es mir nicht direkt mit ihr verscherzen, nur weil ich mein Zeitmanagement nicht im Griff hatte.
»Du hast mich doch schon letztes Mal eingeladen.«
»Wenn ich dich so hängen lasse, ist das wohl das Mindeste. Wenn ich mal pünktlich sein sollte, geht die Rechnung auf dich, okay? Spoiler: Das ist ein gutes Geschäft für dich.«
Sie lachte herzlich.
»Deal!«
Nachdem ich zwei Tassen vom Tresen zu uns balanciert hatte, setzte ich mich wieder an den runden Tisch. Mathilda schnappte sich direkt den Löffel, um die Sahne von ihrer Schokolade zu löffeln. Ich nahm den Zuckerstreuer von der Mitte des Tischs und schüttete etwas in meinen Milchkaffee.
»Wie war die Uni bis jetzt?«, fragte ich sie und nippte an meinem Kaffee. Natürlich verbrannte ich mir sofort die Zunge. Warum musste sich unter dem Milchschaum auch immer flüssige Lava verstecken?
»Ziemlich langweilig«, antwortete sie kurz und knapp. »Aber lass uns doch nicht über die Uni sprechen. Erzähl mal, was gibt’s sonst so bei dir?«
Als wir das letzte Mal hier gesessen waren, hatte ich ihr schon einiges über mich erzählt. Über meine Studienfächer, meine Familie, Hobbys und so. Aber es hatte sich seither ja tatsächlich etwas anderes von Bedeutung ereignet.
»Ich hab am Samstag ein Date und bin megaaufgeregt.«
»Nein! Echt?« Sie machte große Augen. »Woher kennst du sie?«
»Ich kenne ihn«, das ihn betonte ich besonders, »aus meiner Stammkneipe. Er ist der Barkeeper.«
»Oh, wie cool. Hat er dich angesprochen oder du ihn? Erzähl mir jedes Detail!«
»Das ist das Allerkrasseste. Ich habe den ersten Schritt gemacht. Ich hab meinen ganzen Mumm zusammengenommen und ihm meine Nummer gegeben. Das macht mich im Nachhinein echt ziemlich stolz. Und ganz so doof scheine ich mich auch nicht verhalten zu haben. Immerhin hat er sich tatsächlich am nächsten Tag bei mir gemeldet.«
Mathilda quietschte vor Freude und klatschte in die Hände.
»Und dann? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!«
Also berichtete ich ihr im Detail von den Nachrichten, die wir uns geschrieben hatten, von meiner Unsicherheit, als wir uns im Pub wiedergesehen hatten und ich nicht gewusst hatte, ob ich zu ihm gehen sollte. Und natürlich auch davon, dass er mich gefragt hatte, ob ich am Samstag Zeit hätte, um mit ihm auszugehen. Während des Erzählens spürte ich, wie ich schon wieder ganz aufgeregt wurde und heiße Wangen und feuchte Handflächen bekam.
»Und jetzt schiebe ich Panik. Ich weiß so gut wie nichts von ihm und habe Angst, dass das am Samstag ein Desaster werden könnte. Ich hab nicht wirklich viel Dating-Erfahrung. Und ich bin in seiner Anwesenheit total eingeschüchtert. Ich werde kein Wort herausbekommen.«
»Aber das, was wir hier haben, ist doch auch nichts anderes als ein Date. Nur eben ohne romantische Hintergedanken. Also ist das hier«, sie zeigte zwischen uns beiden hin und her, »doch eine echt gute Übung.«
»Aber bei dir bin ich nicht aufgeregt. Da stottere ich nicht oder versuche zwanghaft ein Thema zu finden, über das man reden kann.«
»Okay, Generalprobe.« Sie fuhr sich einmal mit den Fingern durch ihr Haar, atmete tief durch und legte dann einen Gesichtsausdruck auf, der mich direkt zum Lachen brachte.
»Was wird das?«, fragte ich zwischen zwei Lachanfällen.
»Das ist mein männlichster Flirt-Gesichtsausdruck. Ist doch klar. Was gibt’s da zu lachen? In der Schule war ich zwei Jahre in der Theater-AG. Wenn du das nicht erkennst, dann liegt das an dir.«
»Klar. Mein Fehler.«
»Stell dir also vor: Ich bin Mister-hot-Barkeeper und du bist gerade hier reingekommen und na ja … nun müssen wir eben miteinander sprechen.«
Ich versuchte mir Max vorzustellen. Wie er vor mir saß und mich vielleicht genauso frech angrinste, wie sie es gerade tat. Das Bemerkenswerte: Allein bei dem Gedanken daran begann mein Herz schon zu rasen, und ich hatte den Drang, mir die Hände an der Jeans trocken zu wischen. Entweder war meine Vorstellungskraft außergewöhnlich gut oder ich war einfach außergewöhnlich merkwürdig. Mathilda räusperte sich.
»Hi, Henry, hast du gut hierhergefunden?« Wow. Small Talk mit verstellter Stimme. Sie gab wirklich alles.
»Ja«, antwortete ich und erntete ein Augenrollen von ihr.
»So wird das nichts, Henry. Einsilbige Antworten müssen wir dir abtrainieren. Die sind der absolute Gesprächskiller. Es ist ganz simpel: Wenn du antwortest und direkt eine Gegenfrage stellst, dann schläft das Gespräch nicht ein. Logisch, oder?«
Ich nickte zaghaft und trank von meinem Kaffee. Keine Lava mehr, trotzdem noch zu heiß für mich.
»Also noch mal. Hast du gut hierhergefunden?«
»Ja.« Kurz überlegte ich. »Und du?«
Mathilda lächelte.
»Das war nicht wirklich gut, aber ein Anfang.«
Wir probten noch eine ganze Stunde, und danach war ich zwar nicht wirklich selbstbewusster, aber zumindest hatten wir unseren Spaß gehabt. Wie womöglich alle um uns herum auch. Denn Mathilda war alles andere als leise. Vor allem, wenn sie mich lautstark zur Schnecke machte, weil ich mal wieder der ungesprächigste Gesprächspartner aller Zeiten war. Sie winkte mir noch mal zu, als sie sich zu ihrer nächsten Vorlesung aufmachte. Ich hatte mich dazu entschlossen, zu schwänzen. Ja, keine Glanzleistung von mir. Aber ich konnte mittlerweile ganz gut einschätzen, bei welchen Seminaren und Vorlesungen man auch gern mal fehlen konnte. Nach dem Gespräch mit Mathilda und unserer kleinen Date-Generalprobe hatte ich eine Auszeit verdient und auch ziemlich nötig. Wenn ich aufgeregt war, mich ärgerte oder einfach schlecht drauf war, hatte ich einen Wohlfühlort, wo es mich seit Jahren regelmäßig hintrieb. Meine eigene kleine heile Welt. Und genau dorthin ging ich auch jetzt.
Ich stieg in die nächste Straßenbahn und suchte mir einen Fensterplatz. Gedankenverloren starrte ich hinaus und betrachtete die trübe Landschaft. Das Wetter war alles andere als gut, und eigentlich wartete man nur darauf, dass es irgendwann anfing zu regnen, und jeder hoffte, dass es erst dann begann, wenn man zu Hause war. Genau wie ich, denn an einen Regenschirm hatte ich natürlich nicht gedacht. Mathilda hatte mir viel zum Nachdenken gegeben, aber auch Tipps und Ratschläge, die ich mir einprägen sollte. Zum Beispiel wäre es nicht schlecht, wenn ich gerade sitzen und meinem Gegenüber in die Augen sehen würde. Verschüchtertes nach unten schauen und die Maserung des Holztischs mustern, während man auf dem Stuhl hing wie ein nasser Sack, war wenig attraktiv. Das waren ihre Worte gewesen. Ich sollte außerdem mit deutlicher Stimme sprechen und nicht leise vor mich hin nuscheln. Wenn ich so darüber nachdachte, verhielt ich mich ja tatsächlich schrecklich. Zumindest, wenn ich aufgeregt war. Ob Mathilda wohl viel mehr Dating-Erfahrung hatte als ich? Sie wirkte so. Bei unserem nächsten Treffen würde ich sie einfach mal fragen. Es konnte ja nicht angehen, dass ich ihr mein Liebesleben auf dem Silbertablett präsentierte und sie über ihres schwieg. Keine Chance.
Einige Haltestellen später stieg ich aus und wechselte die Straßenseite. Da war es auch schon. Mein Zufluchtsort! Aquantis, das hiesige Aquarium.
Ich betrat das imposante Gebäude und zeigte an der Kasse kurz meine Jahreskarte vor, die ich, seit ich denken konnte, jedes Jahr zu Weihnachten von meinen Eltern geschenkt bekam. Der Typ an der Kasse hieß Walter und saß dort gefühlt schon immer. Aber auch hier hielt ich nicht viel von Small Talk.
»Hey, Henry.«
»Hi.« Das war’s dann auch schon mit Konversation und ich betrat die abgedunkelten Räumlichkeiten des Aquariums. Um mich herum waren unzählige Glasfronten, hinter denen sich Fische in allen Größen und sämtlichen Farben des Regenbogens tummelten. Mehrere knallrote Skalare, Schmetterlingsbuntbarsche, ein Schwarm Zebrabärlinge und weiter hinten ein Becken mit unglaublich vielen verschiedenen Goldfischen. Man glaubte gar nicht, wie unterschiedlich Goldfische aussehen konnten. Es gab helle, dunkle, sogar gefleckte. Fische waren wirklich unglaublich interessant, und ich hatte noch nie verstehen können, warum niemand in meinem Freundeskreis diese Begeisterung mit mir teilte. Ich lief an den vielen Glasfronten vorbei und entdeckte jedes Mal, wenn ich hier war, etwas Neues. Dieses Mal zum Beispiel ein paar kleine Meeresschnecken, die innen an der Scheibe klebten. Dann kam ich zu dem wohl beliebtesten Ort im Aquantis: einen großen Tunnel, in dem man umgeben war von Wasser. Nicht selten hatte man Glück, und es schwamm ein kleiner Hai über einen hinweg.
Danach durchschritt ich einen weiteren Raum, der vor allem beliebt war durch das Aquarium mit vielen verschiedenen Seepferdchen. Aber auch ein Becken mit Schildkröten zog Besucherinnen und Besucher an. Heute stand eine große Gruppe Kinder davor, deren laute und begeisterte Stimmen sich überschlugen. Ich hatte allerdings ein anders Ziel. Mein Ziel war das große blau beleuchtete Aquarium ganz am Ende des Rundgangs. Kurz vorm Ausgang, wo dann der Souvenirshop auf einen wartete. In diesem Becken war alles voll von wunderschönen Quallen.
Schon viele hatten mich gefragt, warum gerade Quallen so eine Faszination auf mich ausübten. Und ich fragte mich einfach nur: warum bitte schön nicht? Wie konnte man nicht vollkommen gefangen sein, wenn man diesen zarten Wesen beim eleganten Schweben zusah? Diese Tiere waren so fragil, dass es ein Wunder war, dass sie tatsächlich existierten. Und dennoch waren sie mit die ältesten Lebewesen auf der Erde. Sie existierten schon seit einer halben Milliarde Jahren. Auf mich wirkten sie fast weise, wie sie so dahintrieben und sich nicht darum kümmerten, was um sie herum geschah. Dabei hatten sie nicht mal ein Gehirn. Womöglich erinnerten mich die vielen Tentakel einfach an eine Art Methusalem. Alt, weise und bärtig. Dieses Aquarium war meine überdimensional große Lavalampe. Es beruhigte mich, hatte sogar die Kraft, mich einzuschläfern, wenn ich nicht aufpasste.
Neben mir erschien ein kleines Mädchen, das die Quallen genau wie ich beobachtete.
»Wie essen die denn?«, fragte sie. Wahrscheinlich war die Frage gar nicht an mich gerichtet, aber es war ja sonst niemand da.
»Die dünnen Tentakel am Rand nehmen die Nahrung, die im Wasser schwimmt, auf und geben sie an die dickeren inneren Tentakel, die sogenannten Mundarme, weiter. Meistens essen sie kleine Krebse oder auch Plankton.«
Das Mädchen neben mir starrte mich mit offenem Mund an. »Hübsch, oder?« Ich lächelte, doch sie zuckte nur mit den Schultern. Dann kamen ihre Eltern um die Ecke und zogen sie weiter. Ich seufzte. Vielleicht war ich ja doch der einzige Mensch auf dieser Welt, der Quallen mochte. Ich setzte mich auf eine Bank, die glücklicherweise genau gegenüber von dem großen Aquarium der Quallen stand. Das war mein Platz. Ich wunderte mich, dass da nicht schon längst mein Name eingraviert war. Ich hatte dort noch nie jemand anderes sitzen sehen. Höchstens mal eine Oma, die sich kurz ausruhen musste. Vielleicht konnte ich ja auch Max mal mit hierhernehmen? Oder würde es ihn langweilen? Ich befürchtete, dass es mich sehr enttäuschen würde, wenn er meine Faszination nicht verstehen könnte. Wenn er mich am Ende vielleicht sogar für meine Liebe zu Meerestieren und Quallen auslachen würde.
Mir blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass Max nicht so ein Mensch war. Wie er wohl so war?
Kapitel 5
MAX – 12 JAHRE ZUVOR
»Max? Kommst du mal bitte her?« Ich hörte Paps aus irgendeiner Ecke des Hauses rufen und seufzte kurz, bevor ich zurückrief.
»Was ist denn los?«
»Komm halt mal her!«
»Wo bist du denn?« Ich würde jetzt garantiert nicht das ganze Haus nach ihm absuchen, nur weil er mir mal wieder vorhalten wollte, dass irgendwo eine Socke von mir rumlag, meine Schuhe nicht ordentlich im Regal standen oder ich die Spülmaschine nicht eingeräumt hatte. Oder was es eben sonst so an mir rumzunörgeln gab.
»Ich bin in deinem Zimmer.«
WAS?
»Warum?«, schrie ich schon fast hysterisch, sodass sich meine Stimme überschlug, und sprintete dabei den Flur entlang. In meinem Zimmer angekommen, sondierte ich schnell die Lage. In der Ecke stand ein Wäschekorb, in den Paps alles reingeworfen hatte, was zuvor auf dem Boden gelegen hatte. Klamotten, Hefte, meine Hanteln und sonstigen Krimskrams.
»Du sollst hier nicht schnüffeln!«
Paps lachte kurz auf und warf dann einen weiteren Strumpf zielsicher in den Wäschekorb.
»Ob du es mir glaubst oder nicht, ich will gar nicht schnüffeln. Es gibt nämlich Dinge, die ich gar nicht wissen will.« Er kramte mehrere leere Pfandflaschen unter meinem Bett hervor, lief an mir vorbei und stellte sie vor meine Zimmertür in den Flur.
»Aber was machst du dann hier? Geh raus!«
»Wenn ich nicht ab und an mal zumindest grob aufräume, würden hier die Ameisen irgendwann die Herrschaft übernehmen.«
»Jaja.« Ich lehnte mich an meinen Kleiderschrank und beobachtete ihn. Dann schnappte er sich den Staubsauger und begann, meinen Teppich zu saugen.
»Was ist das?« fragte er plötzlich und stellte den Staubsauger wieder aus. Unter meinem Bett zog er einen Schuhkarton hervor. »Der kann weg?«
Verdammt!
Ich sprang auf ihn zu und riss ihm den Karton schon fast grob aus der Hand. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, dass der Deckel nur locker auflag, sich durch den Ruck öffnete und der Inhalt sich auf dem Boden verstreute.
Ich sah das Chaos an und spürte, wie ich rot wurde.
»Was ist denn das?« Paps legte den Staubsauger zur Seite und wirkte belustigt. Und verwirrt. »Ist das Zucker?«
Er bückte sich nach einem der Tütchen und betrachtete es sich genau. Ich nickte zaghaft und begann hektisch, alles wieder in den Karton zu werfen.
»Warum sammelst du Zucker?«
»Ich weiß nicht …« Eilig sammelte ich alles wieder auf und wünschte, dass meine Sammlung noch etwas länger geheim geblieben wäre. Immerhin war das total seltsam. Ich wusste das. Auch Paps griff nach ein paar Tütchen und half mir dabei, alles wieder in den Karton zu befördern. Eine Packung sah er sich etwas genauer an.
»Daran erinnere ich mich. Die ist doch aus der Eisdiele auf Sylt, oder? Wo wir für ein paar Tage Urlaub gemacht haben?«
Ich nickte.
»Ein schönes Andenken. Sammelst du sie deshalb?«
»Ich denke schon.« Nachdenklich blickte ich auf ein blaues Tütchen, auf dem der Name einer Bäckerei gedruckt war. Eine Bäckerei, die es mittlerweile schon gar nicht mehr gab. Stattdessen war dort nun eine Shishabar.
»Das ist doch schön. Muss dir nicht peinlich sein. Als ich die vielen kleinen bunten Päckchen gesehen habe, dachte ich erst, das wäre etwas ganz anderes.« Paps lachte kurz auf. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte.
»Ist es nicht irgendwie schräg? Briefmarken sammeln wäre schon echt peinlich, aber Zuckertütchen? Wenn das jemand aus meiner Klasse wüsste, die würden mich für einen riesigen Freak halten.«
Paps schüttelte den Kopf.
»Nur weil man etwas macht, was sonst keiner tut, ist man doch nicht gleich seltsam. Die meisten Sammler sammeln doch aus nostalgischen Gründen, oder um sich an etwas zu erinnern. Das ist voll okay.«
Ich nickte, sah aber wahrscheinlich nicht ganz überzeugt aus. Ich blickte in die Schachtel, die vor mir auf dem Boden lag, und konnte nichts dagegen tun, dass sich bei dem Anblick ein schönes Gefühl in mir entwickelte. Es waren eben wirklich viele Erinnerungen damit verknüpft. Mit jedem einzelnen Tütchen.
»Max?« Paps stellte sich vor mich und griff nach meinem Kinn, damit ich ihm in die Augen sah. Noch war er um einiges größer als ich. »Wenn du etwas mit Leidenschaft tust, dann schäme dich nicht dafür. Tue, was dir Freude bereitet, und lass dir von niemandem einreden, dass irgendetwas daran seltsam ist. Ich finde die Kiste verdammt cool.«
Ich behielt für mich, dass das meiste, was Paps cool fand, alles andere als cool war. Denn eigentlich war ich in dem Moment einfach nur froh, dass ich mein süßes Geheimnis mit ihm teilen konnte.
Kapitel 6
»Henry? Magst du echt nichts?«, fragte meine Mama und reichte mir das Glas, in dem kleine Gürkchen in Gurkenwasser schwammen.
»Nein danke. Ich geh später noch aus.«
»Und du, Lissy?« Meine kleine Schwester, die vom einen bis zum anderen Ohr Nutella im Gesicht kleben hatte, schüttelte den Kopf.
»Die sind eklig!«
»Ich zeig dir mal, was eklig ist.« Ich zog mein Handy aus der Hosentasche, stellte die Frontkamera an und zeigte Lissy ihr Spiegelbild. Sie grinste sich begeistert an, stand dann auf und versuchte mir doch tatsächlich einen schokoladigen Kuss aufzudrücken. Ich gab alles, um sie von mir fernzuhalten, während sie mit aller Macht meinen Pullover als Serviette missbrauchen wollte. Wir rangelten so heftig, dass dabei Getränke überschwappten und wir so laut kicherten und lachten, als wäre das hier nicht das Esszimmer unseres kleinen Einfamilienhäuschens, sondern ein Indoorspielplatz. Plötzlich räusperte sich Papa lautstark. Lissy sprang zurück auf ihren Stuhl und wischte sich den Mund an ihrem Handrücken ab. Mama und Papa verdrehten die Augen. Ich konnte meine kleine Schwester nur angrinsen. Wie man das eben so tat als großer Bruder einer Fünfjährigen. Als Mama ungeplanterweise noch mal schwanger geworden war, hätte ich nie gedacht, dass ich einmal so viel Spaß mit der kleinen Kröte haben könnte.
»Was hast du heute noch vor?«, erkundigte sich Papa und versuchte wohl, die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema zu lenken. Ein Thema, über das ich gerade noch nicht nachdenken wollte.
»Ich treff mich später noch mit jemandem.«
»Mit wem?«, fragte Mama. Ich kaute extralang, um etwas Zeit zu schinden.
»Einer aus dem Pub, kennt ihr nicht.«
»Aha«, entgegnete meine Mama. Ihre Augen sagten aber etwas ganz anderes. Sie schien zu ahnen, dass ich etwas verheimlichte. Aber ich sah keinen Sinn darin, ihnen von meinem Date zu erzählen. Dafür war es noch nicht ernst genug. Meine Mama würde sofort darauf bestehen, Max kennenzulernen, und die Diskussion wollte ich mir heute einfach ersparen. Ich hatte schon viel zu viel Chaos in meinem Kopf.
Schnell trank ich aus, strubbelte Lissy durch ihr blondes Haar und stand auf. »Ich geh dann mal hoch. Hab noch zu tun.« Ich klang, als wollte ich die Aktienkurse checken oder so etwas in der Art. Dabei wollte ich einfach die letzten Stunden vor meinem Treffen mit Max in einsamer Panik verbringen und darüber verzweifeln, dass ich nichts zum Anziehen hatte. Zu viel Klischee? Mag sein.
In meinem Zimmer angekommen, öffnete ich meinen Kleiderschrank, nur um festzustellen, dass der fast leer war. Typisch. Ich sah mich um. Die meisten Klamotten lagen entweder auf meinem Schreibtischstuhl, am Fußende meines Betts oder auf der kleinen Couch, die mehr wie ein besonders großer Wäschekorb aussah. Ich bereute gerade, nicht auf meine Mama gehört zu haben, die mir seit Wochen damit in den Ohren lag, endlich aufzuräumen. Ich war so ein Chaot. Ehrlich. Also durchforstete ich die vielen Haufen und drapierte einige passable Kleidungsstücke auf meinem Bett. Und nun?
Ich griff nach meinem Handy, das ich zum Laden auf meinen Nachttisch gelegt hatte. Ich entfernte das Kabel und rief Zoya an. Hatte ich ihr eh versprochen, aber nun wurde aus dem Anruf eben direkt ein Videocall. Ich brauchte dringend Hilfe.
»Hallo!« Zoya erschien, strich sich ihre dunkelbraunen Locken hinter die Ohren und winkte in die Kamera. »Du sieht megafertig aus.«
»Danke. Das baut mich auf«, sagte ich und seufzte lautstark.
»Was ist los? Was bereitet dir gerade am meisten Kummer?«
Kurz überlegte ich.
»Momentan mache ich mir die meisten Gedanken über meine Klamottenwahl. Ich weiß nicht, wo Max mit mir hingehen will. Es wird doch nicht zu chic sein, oder?« Ich hatte schon so eine Horrorvorstellung davon, in einem edlen Schuppen vollkommen underdressed zu sein. Am Ende würden sie mich ohne Hemd und Lackschuhe gar nicht reinlassen.
»Henry, denk doch mal nach. Wo holst du ihn ab?«
»Vom Green Leaf Pub, nach seiner Schicht«, antwortete ich.
»Siehst du. Meinst du, er wirft sich dann in ’nen Dreiteiler, oder was? Der wird Jeans und sein Poloshirt mit Pub-Logo tragen. Wie immer. Mach dir also keine Gedanken. Du wirst so oder so schicker sein als er.«
Ich nickte. Sie hatte ja so recht, und ich hätte da auch selbst draufkommen können, wenn ich nicht so verstrahlt wäre.
»Was hast du dir zurechtgelegt? Zeig mal.«
Ich drehte die Kamera um und zeigte ihr die Outfits, die auf meinem Bett lagen. »Ich bin für das ganz rechts. Das karierte Hemd mit dem schwarzen Shirt. Das steht dir.«
»Ja, findest du?«
»Klar. Und du magst es auch, sonst hättest du es nicht in die engere Auswahl genommen.« Zoya lächelte mich durch die Kamera an. »Henry, du machst das schon. Der Typ ist auch nur ein Mensch. Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass er vielleicht auch aufgeregt sein könnte?«
»Nein.« Hatte ich wirklich nicht. Warum sollte er auch?
»Siehst du. Da ist der erste Fehler. Du denkst immer, dass du der Einzige bist, der Unsicherheiten hat. Wer weiß, was bei ihm gerade in seinem hübschen Kopf los ist.« Zoya sollte Dating-Coach werden oder so was in der Art. Nur ein paar Minuten Telefonat mit ihr, und ich fühlte mich schon fast gut. Das war ein Wunder.
»Danke, Zoya. Wirklich. Das hat mir sehr geholfen. Ich fühle mich echt etwas ruhiger. Ich bin zwar immer noch ein Nervenbündel, aber ich habe nicht mehr den Drang zu kotzen.«
»Zumindest, bis er dir gegenübersteht«, erwiderte sie lachend.
»Jaaaa!« Ich seufzte. »Dann wird mein Puls mal wieder eskalieren. Aber dagegen gibt es wohl kein Mittel.«
»Wäre auch schade.« Sie zwinkerte mir zu. »Genieß es. Verliebt zu sein ist was Schönes.«
Vielleicht hatte sie ja recht. Auch wenn es sich für mich gerade nicht wirklich schön anfühlte. Eher wie kurz vor einem schlimmen Test in einem Fach, von dem ich keine Ahnung hatte. Ein Date mit Max war wie eine Prüfung in Atomphysik oder Altgriechisch.
»Ich zieh mich dann mal um.«
»Mach das. Mach ein Selfie, wenn du fertig bist, damit ich dir noch ein paar aufmunternde Worte schicken kann.«
»Wird gemacht.«
Wir verabschiedeten uns, und ich war wirklich froh, sie noch mal gesehen zu haben. Nicht nur ihre Worte, auch ihr Lächeln und ihre Art hatten mich beruhigt.
Die nächsten Minuten verbrachte ich mit umziehen, deodorieren und etwas Styling. Ich versuchte meine Haare zu richten, und entschied mich am Ende doch wieder für eine Beanie. Damit musste Max klarkommen. Mich gab es momentan nur mit, so gefiel ich mir einfach am besten.
Ich trottete die Stufen nach unten und blickte noch einmal ins Wohnzimmer. Dort saßen Mama, Papa und Lissy zusammen auf der Couch und sahen irgendeine Quizshow.
»Ich bin dann mal weg. Wird bestimmt später.«
»Okay, pass auf dich auf«, sagte Mama.
»Logisch.« Dann nahm ich meine Lederjacke und einen dünnen Schal von der Garderobe und meinen Haustürschlüssel von der Kommode neben der Tür.
»Tschüss, Riri«, rief mir meine Schwester nach, kurz bevor ich ging. Riri war eines ihrer ersten Worte gewesen, als sie noch ein Baby gewesen war. Nur sie durfte mich so nennen.
»Bis morgen früh«, antwortete ich und schloss die Tür hinter mir. Ich war viel zu früh dran. Das war wieder so typisch. Da ich Angst hatte, zu meinem ersten Date mit Max zu spät zu kommen, verließ ich eine Stunde zu früh das Haus. Ein Mittelding gab es bei mir einfach nicht. Also entschloss ich mich, zu Fuß zu gehen. Mit der Straßenbahn wäre ich innerhalb weniger Minuten am Ziel gewesen. Aber die frische, ziemlich kalte Luft würde dem Durcheinander in meinem Kopf vielleicht guttun. Auch wenn ich mal wieder nicht warm genug angezogen war. Nicht umsonst sagte man ja, dass man einen kühlen Kopf behalten sollte. Ich steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren und wählte eine rockige Playlist, die hoffentlich keinen Platz für andere Gedanken lassen würde. Ich vergrub meine Hände tief in meinen Hosentaschen und lief los. Den Bass in den Ohren und die kalte Oktoberluft im Gesicht.
Überpünktlich stand ich vorm Irish Pub und setzte mich auf das steinerne Fensterbrett direkt neben der Tür. Im Pub war es laut wie immer, und ich konnte die Irish-Folk-Musik bis hierher hören. Auf der Straße war, dafür, dass es Samstagabend war, recht wenig los. Aber für die Klubgänger war es wohl noch zu früh. Ich sah auf die Uhr. Es war kurz nach neunzehn Uhr.
»Was machst du denn schon hier?« Da war er. Max. Und ich hatte einen Puls, der echt nicht mehr feierlich war. Er stand mit zerzaustem Haar in der geöffneten Tür und sah so attraktiv aus. »Ich hab dich gerade durchs Fenster gesehen und konnte erst nicht glauben, dass du es schon bist. Du hattest jetzt nicht wirklich vor, noch eine halbe Stunde im Kalten zu sitzen?«
»Eigentlich schon«, gab ich zu.
»Dann bist du morgen erkältet und ich bin schuld. Keine gute Idee. Komm rein und setz dich kurz an die Theke. Ich kann auch gleich Feierabend machen, denke ich.«
»Okay.« Immer noch mit den Händen in den Hosentaschen trottete ich hinter ihm her, betrat das Pub und blieb neben der Bar stehen. Das war nun wirklich eine seltsame Situation. Ich war ja schon öfter hier gewesen. Aber noch nie hatte ich auf Max gewartet, um danach etwas mit ihm zu unternehmen. Bei dem Gedanken daran setzte auch prompt das Bauchkribbeln wieder ein.
»Hey.« Max stand vor mir. Dieses Mal trennte uns wie gewohnt der Tresen.
»Hey«, antwortete ich wenig geistreich und viel zu leise.
»Ich mach schnell die Abrechnung und zieh mich um. Bin gleich wieder da, okay?«
Ich nickte. »Geht klar.« Meine Stimme war nur ein Flüstern. Das musste ich in den Griff kriegen. Ich räusperte mich und nahm mir vor, ab jetzt mal wieder den mutigen Henry rauszulassen. Der, der seine Handynummer an den heißen Barkeeper gegeben hatte. Genau diesen Mut musste ich nun aus mir herauskitzeln, um das Date nicht vollkommen in den Sand zu setzen.
Max ließ mich nicht lange warten. Keine zehn Minuten später stand er schon vor mir in einem simplen schwarzen Pullover und einer Bluejeans. Nicht zu chic und trotzdem chic genug.
»Du siehst gut aus«, sagte ich zu ihm. Einerseits schämte mich für diesen Satz, andererseits klopfte ich mir auf die Schulter.
»Danke.« Sein Lächeln wurde noch breiter. »Du auch.« Was er mit dieser Antwort in mir auslöste, konnte er wohl nur erahnen. Ich hoffte zumindest, dass man es mir nicht zu sehr ansehen konnte. Denn ich hatte gerade das Gefühl, dass mir das Herz aus der Brust springen und wild klopfend auf der Theke landen würde. Nach seinem überraschenden du auch zog er sich seinen Mantel an und wir verließen das Irish Pub. Ob sich seine Kolleginnen und Kollegen wunderten, dass wir gemeinsam gingen? Oder hatte er ihnen vielleicht sogar von unserem Date erzählt? Ich hatte ja keine Ahnung, wie offen er mit seinem Privatleben umging.
»Warum arbeitest du samstags eigentlich nur mittags? Ist abends nicht unglaublich viel los?« Dass ich das Gespräch mit einer Frage begann, hatte ich Mathilda zu verdanken. In unserer Generalprobe hatten wir uns da so einiges überlegt. Sie wäre stolz auf mich gewesen.
»Ach, das ist ganz simpel. Mittags ist Bundesliga, und da ist der Schuppen manchmal sogar voller als abends. Da trifft sich das für mich ganz gut. Dann habe ich auch mal einen Abend frei.«
»Das ist toll.«
»Finde ich auch. Und noch besser ist natürlich, dass auch du heute Abend Zeit hattest.«
Ich könnte ihm jetzt gestehen, dass ich mir zu jeder Tages- und Nachtzeit für ihn freigenommen hätte. Aber das behielt ich mal lieber für mich.
»Und, wo gehen wir hin?« Wir liefen jetzt schon ein paar Minuten eine vielbefahrene Straße entlang, aber ich wusste noch immer nicht, was Max mit mir vorhatte.
»Ich hatte mir heute den Tag über noch überlegt, ob es nicht besser gewesen wäre, dich zu fragen, ob du irgendein Essen nicht magst oder vielleicht sogar allergisch gegen irgendetwas bist. Na ja. Ich hoffe, du magst Sushi, denn hier …« Er zeigte auf einen Laden auf der anderen Straßenseite. »Hier verbringe ich oft meine Feierabende. Lohnt sich wirklich!«
Sushi … na ja. Was sollte ich nun dazu sagen?
»Ja, klasse«, brachte ich heraus und war somit nur halb ehrlich. Ich freute mich darüber, dass er mir einen Ort zeigen wollte, den er mochte und wo er viel von seiner Freizeit verbrachte. Allerdings hatte ich eine große Abneigung rohem Fisch gegenüber. Eigentlich mochte ich Fisch auch sonst nur in Fischstäbchenform. Aber konnte ich bereits beim ersten Date zugeben, was für ein Banause ich war? Ich haderte mit mir, blieb aber vorerst still. Typisch.
Wir überquerten die Straßenseite und betraten das kleine Restaurant. Dort sprach Max kurz mit einem Herrn, der uns dann zu einem Tisch brachte. Der Laden war sehr voll, es war also eine gute Idee von Max gewesen, vorher reserviert zu haben.
»Wenn ich manchmal nach meiner Schicht hier bin, also so um zwei Uhr nachts oder so um den Dreh, dann ist nicht so viel los.«
»So spät haben die noch auf?«
Er nickte. »Das Restaurant hat fast durchgängig geöffnet. Es gibt einige Schichtarbeiter, die hier oft essen gehen. Vom benachbarten Hotel, zum Beispiel. Und der Bahnhof ist ja auch in der Nähe. Das hat sich wohl mittlerweile herumgesprochen, dass man hier immer etwas Leckeres zu essen bekommt.«
»Anscheinend.«
Der Herr von eben brachte uns eine Karte und fragte direkt nach, ob wir schon etwas zu trinken mochten. Max bestellte Wasser und ich eine Cola.
»Du trinkst eher selten Alkohol, oder?«, fragte Max interessiert.
»Ich bin, wenn ich mit meinen Freunden unterwegs bin, oft der Fahrer. Und ich vertrage auch nicht wirklich viel. Wenn ich jetzt hier was trinken würde, hätte ich die Befürchtung, dass nur noch Müll aus meinem Mund kommen würde. Und ich möchte eigentlich einen guten ersten Eindruck machen.«
»Den guten ersten Eindruck hatte ich bereits, sonst hätte ich dich nicht eingeladen.«
Mein Herz. Ich senkte meinen Blick und hoffte, dass meine Ohren nicht so rot waren, wie sie sich anfühlten. Nicht die Maserung des Tischs anstarren, hallten Mathildas Worte plötzlich durch meinen Kopf. Also sah ich Max schnell wieder in die Augen. Zum Glück kam in dem Moment eine Bedienung und brachte uns unsere Getränke. So hatte ich etwas, an dem ich mich festhalten konnte.
»Wie bist du denn darauf gekommen, mir deine Nummer zu geben? Ich war wirklich überrascht.« Max hatte die Ellenbogen auf dem Tisch und sein Gesicht in den Händen abgelegt. Er hatte definitiv kein Problem mit Augenkontakt, oder damit, ein Gespräch am Laufen zu halten.
»Ach … Das war das Ergebnis eines wochenlangen Kampfes mit mir selbst.«
»Wie? Erzähl!«
»Na ja, du bist mit natürlich schon eher aufgefallen, und ich habe lange mit mir gerungen und überlegt, was ich tun könnte. Und am Dienstag war es dann einfach so weit. Da hab ich es einfach getan und es danach direkt bereut.«
»Warum das denn?«
»Ich wusste ja nicht, wie du reagierst oder na ja … ob du hetero bist«, gab ich leise zu.
»Ich bin bi, und ich habe mich wirklich gefreut. Auch wenn ich erst mal gefühlt zehn Minuten auf den Zettel gestarrt habe. Das hat mich wirklich total kalt erwischt.« Er lachte.
»Du bekommst doch bestimmt viele Angebote, oder? So wie du aussiehst, und dann noch der Job an der Bar … also, ich stelle es mir zumindest so vor, dass da viel geflirtet wird und so.«
»Angebote bekomme ich schon manchmal, aber die sind selten so charmant.«
Dieses Lächeln würde mich irgendwann noch niederstrecken. Ich würde gern laut aufseufzen, so attraktiv war dieser Mann.
Wir bestellten unser Essen. Und da ich mich mit Sushi nicht auskannte, orderte ich einfach das Gleiche wie Max. Eine gemischte Platte mit allerhand Maki und Nigiri … was auch immer.
»Erzähl mal von dir, was machst du so?«, fragte Max, und ich war froh, dass er so unglaublich talentiert darin war, das Gespräch am Laufen zu halten. Das würde den Abend garantiert retten und nahm etwas den Druck von mir.
»Ich studiere Germanistik und Anglistik. Ansonsten bin ich – wie du vielleicht schon festgestellt hast – ein großer Quiz-Fan.« Kurz überlegte ich, was sonst noch interessant an mir war. »Ich wohne noch zu Hause bei meinen Eltern und habe eine kleine Schwester. Meine Lieblingsfarbe ist Rot, obwohl man mir das nicht wirklich ansieht, weil ich fast nur schwarze Kleidung besitze. Aber die steht mir einfach besser. Finde ich zumindest.«
Max nickte. Also schien er mir in dem Punkt zuzustimmen.
»Ich liebe Meerestiere. Nicht als Essen. Ganz und gar nicht. Die Tiere an sich finde ich furchtbar faszinierend. Vor allem Quallen haben es mir angetan. Und mein Lieblingsessen ist …«, nachdenklich starrte ich an ihm vorbei auf einen imaginären Punkt, »… ich glaube, Lasagne oder Russischer Zupfkuchen. Je nachdem, ob mir der Sinn nach süß oder herzhaft steht.«
»Wow.« Das war das Einzige, was Max herausbekam.
»Was?«
»Na ja. Dafür, dass du sonst recht wenig sagst, war das ja gerade ein richtiger Wortschwall.«
Sofort glühten mir die Ohren.
»Das hat mich jetzt wirklich beeindruckt. Taust du etwa langsam auf?«
»Vielleicht.«
Dann kam wieder der Kellner und brachte uns zwei Platten, gefüllt mit verschiedenen Sushi-Sorten, einer grünen Paste und brauner Soße. Bestimmt Sojasoße.
»Guten Appetit«, sagte Max, nahm ein wenig von der grünen Paste und mischte sie mit Sojasoße. »Ich weiß, dass man das eigentlich nicht tun sollte. In Japan würden sie mich wahrscheinlich hochkant rauswerfen.«
Aha. Was sollte ich mit der Information nun anfangen? Misstrauisch betrachtete ich erst seinen und dann meinen Teller. Überfordert, wie ich war, griff ich nach den Essstäbchen, mit denen ich zum Glück nicht ganz so ungeschickt umging, nahm ein wenig von der grünen Masse und leckte sie ab.
»O heilige …« Mir verschlug es die Sprache. »Damit hab ich nicht gerechnet.« Ich fächerte mir Luft zu und trank dann gierig von meiner Cola.
»Das ist Wasabi, wusstest du das nicht?«
Ich kam nicht wirklich dazu, zu antworten, da ich mit Trinken beschäftigt war. »Hast du noch nie Sushi gegessen?«
Ich schüttelte den Kopf. Und da ich nicht einfach nur schweigen und schwitzen wollte, ergänzte ich noch mühsam ein paar Worte.
»Ich wollte nichts sagen, aber ich hab eine totale Abneigung Fisch gegenüber. Und roher Fisch ist noch schlimmer. Aber ich wollte zumindest probieren und konnte ja schlecht ahnen, dass es dazu grüne Höllenglut als Dip gibt.«
»Okay. Das ist schade.« Max war das Ganze anscheinend unangenehmer als mir. Was eigentlich nicht sein konnte, da ich gerade im Erdboden versank. »Ich habe eine Idee!« Er nahm seine Stäbchen und begann damit, ein paar meiner Sushiröllchen vom Teller zu klauen. Nicht dass ich traurig darüber war, aber es wunderte mich schon sehr. Doch dann nahm er einige seiner Maki und legte sie wiederum auf meinen Teller.
»Was machst du?«
»Schau.« Er zeigte mit seinen Stäbchen auf meinen Teller. »Die hier sind mit Gurke, die da mit Avocado und das hier ist, glaube ich, mit einer Ei-Füllung. Den Fisch übernehme ich. Klingt das okay?«
Ich konnte nicht anders, als ihn anzugrinsen. »Danke.«
»Und nächstes Mal entscheidest du, wohin wir gehen. Nicht dass ich in noch ein Fettnäpfchen trete.«
Er hatte nächstes Mal gesagt. Wir würden uns also wiedersehen. Das klang fast zu schön, um wahr zu sein. Es beruhigte mich, dass ich es also zumindest bis jetzt noch nicht komplett verkackt hatte. Den Rest des Abends würde ich auch noch irgendwie hinbekommen.
Sushi konnte lecker sein. Das war meine Erkenntnis des Abends. Die mit Gurke mochte ich am liebsten. Aber vielleicht lag es auch gar nicht am Sushi, sondern eher an meiner netten Begleitung. Max war so charmant. Ja, das Wort passte tatsächlich am besten zu ihm. Er interessierte sich sehr für mich, stellte mir viele Fragen über mich, meine Familie und meinen ganzen Alltag, und er war ein verdammt guter Zuhörer. Und da er das Gespräch am Laufen hielt, gab es auch keine peinlichen Schweigemomente. Max übernahm sogar die Rechnung. Ich protestierte zwar, aber er ließ sich nicht davon abbringen.
Danach begaben wir uns noch auf die Suche nach einer Nachspeise und konnten in einem Café ein paar Straßen weiter zwei Coffee to go ergattern. Max bezahlte auch den Kaffee, obwohl ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehrte. Daraufhin orderte ich aus Trotz und Protest noch zwei Muffins, damit ich ihn an diesem Tag wenigstens auch zu einer Kleinigkeit eingeladen hatte.
»Du trinkst deinen Kaffee mit Zucker?«, fragte ich, als ich Max dabei beobachtete, wie er in einen Korb griff, in dem Zuckertütchen lagen. Ich wusste nicht warum. Aber es erschien mich wichtig zu wissen, wie er seinen Kaffee am liebsten mochte. Das könnte für die Zukunft nur von Vorteil sein.
»Nein. Meistens sogar schwarz.«
Kaffee schwarz. War gespeichert. Ich goss reichlich Milch in meinen Kaffee und drückte den Plastikdeckel wieder auf den Becher.
»Nimmst du den Zucker dann für schlechte Zeiten mit?«
»Ach so, das.« Er grinste mich an. »Das ist nur so eine Angewohnheit von mir. Weiß gar nicht, wann das angefangen hat. Aber an manche Tage will ich mich einfach auch später erinnern, und das ist quasi mein Andenken daran.« Er hob das Tütchen hoch und ich betrachtete es etwas genauer. Es war nichts Besonderes. Auf der einen Seite war es blau und mit weißen Buchstaben stand der Name des Cafés geschrieben. Die Rückseite war lila und machte Werbung für einen Sexshop um die Ecke.
»Interessante Kooperation«, stellte ich fest und musste kichern.
»Kaffee und Kondome. Beides ungefähr gleich wichtig«, meinte Max daraufhin.
»Nur komm ich ohne das eine nicht aus dem Bett, und ohne das andere bekommt man mich nicht rein.« Ich ließ die Augenbrauen hüpfen und brachte uns damit beide zum Lachen. Während ich mich noch fragte, woher meine Schlagfertigkeit plötzlich kam, schnappten wir uns die Pappbecher und liefen weiter. Hin und wieder biss einer von uns in seinen Muffin, und selbst der schmeckte besser als sonst. Was war das bitte für ein Abend? Sogar das Wetter war erstaunlich mild, sodass unser Spaziergang mehr als angenehm war. Und tatsächlich hatte Max es geschafft, mir fast meine komplette Nervosität zu nehmen. Den ganzen Nachhauseweg erzählte ich ihm von meinem Studium. Von Mike, Zoya und Fatih, meinen besten Freunden. Und natürlich von unseren Quiz-Erfolgen. Max schien mir gern zuzuhören, und als ich auf das The Green Leaf zu sprechen kam, blühte auch er auf. Der Job war anfangs für ihn nur eine Notlösung gewesen, um Geld zu verdienen. Aber mittlerweile liebte er die Arbeit, seine Kollegen und den ganzen Laden einfach.
»Es ist verdammt anstrengend. Die Arbeitszeiten sind alles andere als praktisch. Immerhin hat man immer dann frei, wenn alle anderen arbeiten, und andersrum. Aber es macht so viel Freude. Und am Ende deiner Schicht weißt du, was du geleistet hast. Meistens vor allem, weil dir jeder Knochen im Körper schmerzt.« Max lachte. »Und es ist alles andere als einfach. Viele denken wahrscheinlich, dass es nicht mehr ist als Bier einschenken. Aber es ist so viel mehr.«
»Ich würde mir niemals rausnehmen zu behaupten, dass der Job leicht sei. Allein dass man immer und zu jedem freundlich sein muss ist doch anstrengend. Ich wäre auch nicht schlagfertig genug oder überhaupt dazu in der Lage, mit jedem Small Talk zu führen. Du glaubst nicht, wie viel Angst ich hatte, dass wir zwei uns heute nichts zu sagen haben und uns anschweigen.« Ich schüttelte ebenfalls lachend den Kopf.
»Dafür hat es doch ganz gut geklappt, findest du nicht?« Er stupste mich mit der Hüfte an und brachte mich damit zum Grinsen.
»So …« Ich blieb abrupt stehen, als wir plötzlich vor meiner Haustür standen. »Hier wohne ich.« Der Weg von der Innenstadt zu unserem Häuschen war keineswegs kurz. Aber mit Max war die Zeit wie im Flug vergangen. Und nun? Wie genau lief eine Verabschiedung nach dem ersten Date ab? Gab es dafür einen Knigge? Ich persönlich hatte das Gefühl, dass wir über einen Handschlag oder ein High Five hinaus waren. Aber war es schon Zeit für einen Kuss? Gab es etwas dazwischen? Und was wollte Max? Dieses Gedankenkarussell bewirkte zumindest eines: All meine Schüchternheit war mit einem Schlag wieder da. Wir standen uns gegenüber und ich fühlte mich noch kleiner, als ich in seiner Gegenwart eh schon war.
»Ja, ähm. Das ist unser Haus. Meine Eltern schlafen sicher schon. Das da oben ist mein Zimmer«, erwähnte ich leise, zeigte auf das dunkle Fenster, das wahrscheinlich für ihn genauso aussah wie jedes andere gottverdammte Fenster in der kompletten Straße. Nervös wippte ich von einem Bein aufs andere.
»Schön«, sagte er und war nun plötzlich genauso wortkarg wie ich.
»Dann treffen wir uns bald mal wieder?« Ich hatte irgendwie Angst vor der Antwort. Der Abend war wohl einer der besten gewesen, die ich seit Langem verbracht hatte. Aber es konnte ja trotzdem sein, dass Max das vollkommen anders sah.
»Wenn du das möchtest.«
»Gern.« Meine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Dann kam Max einen kleinen Schritt auf mich zu und beugte sich ein wenig nach unten. Näher zu mir. Mein Herz drohte stehen zu bleiben. Würde er? Er würde doch nicht …? Und gerade in dem Moment, als ich die Augen schließen wollte, spürte ich einen hauchzarten Kuss auf meiner Wange. Einen kurzen Augenblick später entfernte er sich auch schon wieder und lächelte verlegen. Und man sah Max nicht oft verlegen. Dafür war er viel zu groß, selbstsicher und attraktiv. Diesen Anblick musste ich mir merken. Max konnte richtig süß sein.
»Ich schreibe dir, ja?«
»Ja«, hauchte ich. Dann lief Max ein paar Schritte rückwärts, ohne den Blick von mir abzuwenden. Erst nach ein paar Metern drehte er sich um und ging. Ich sah ihm nach, bis er an der nächsten Kreuzung abbog. Seufzend ließ ich den Kopf in den Nacken fallen. Wow! Einfach nur wow!
Ich griff nach meinem Haustürschlüssel, drehte ihn vorsichtig im Schloss und betrat mein Zuhause. Alles war dunkel und still. Leise zog ich Jacke und Schuhe aus und lief dann auf Zehenspitzen nach oben in mein Zimmer. Dort warf ich mich auf mein Bett, starrte an die Decke und ließ den Abend noch mal Revue passieren. Was für ein schönes Date. Meine Sorge, dass ich alles verhauen würde oder wir uns einfach nur peinlich anschwiegen, war unbegründet gewesen. Und das war nicht ausschließlich Max’ Verdienst. Ich hatte mich nicht schlecht gehalten. Und das Beste: Wir würden uns wiedersehen.
Ich war so gespannt, wie sich das mit uns entwickeln würde.
Kapitel 7
Tag eins nach meinem Date mit Max. Es war ein schöner Abend gewesen, und ich hatte mich meines Erachtens nur wenig doof angestellt. Mal von dem Wasabi-Zwischenfall abgesehen.
Und nun wartete ich sehnsüchtig auf eine Nachricht. Auf irgendein Lebenszeichen von ihm. Er hatte gesagt, dass er sich melden würde. Und das würde er dann auch bestimmt tun. War es nun unangebracht, wenn ich zuerst schreiben würde? Das hatte ich auch Mathilda und Zoya gefragt. Beide hatten sich direkt heute Morgen erkundigt, wie mein Date gelaufen war. Und beide waren unabhängig voneinander der Meinung, dass ich ihm natürlich schreiben durfte, wenn ich etwas zu sagen hatte.
Ich hatte keine News, die ich ihm mitteilen musste, nichts Dringendes, was zeitnah auf den Tisch gebracht werden musste. Ich hatte nur den unglaublichen Drang, den gestrigen Abend nicht einfach so verstreichen zu lassen. Ich wollte mich auch jetzt, einen Tag nach unserem Treffen, weiter so verbunden mit ihm fühlen.
Also hatte ich ein paar simple Worte getippt.
Ich fand es gestern wirklich sehr schön
und freu mich schon darauf, wenn wir uns wiedersehen.
Vormittags hatte ich es abgeschickt, und seitdem wartete ich auf eine Antwort. Es war vielleicht nicht das Klügste, etwas in die Abwesenheit einer Nachricht von Max hineinzuinterpretieren. Aber mit jeder Stunde, die verstrich, war ich mehr und mehr davon überzeugt, dass ich es gestern wohl doch irgendwie versaut hatte. Dass er nur höflich sein wollte, als er sich mit dem Wangenkuss von mir verabschiedet hatte und von einem baldigen weiteren Date die Rede gewesen war. Nun überlegte er wohl schon, wie er mir am besten den Laufpass geben konnte. Vielleicht war der bloße Kuss auf die Wange schon Zeichen genug gewesen. Vielleicht konnte man sich je nach Art der Verabschiedung ja schon denken, wie es weitergehen würde.
Feuchter Zungenkuss = Sehr gute Aussichten auf ein weiteres Date und noch mehr Zungenakrobatik.
Wangenkuss = Next.
»Warum guckst du denn so?« Lissy kam in mein Zimmer und starrte mich an.
»Du sollst doch nicht in mein Zimmer, ohne anzuklopfen!«, wies ich sie zurecht.
»Ich habe angeklopft.«
»Ich habe aber nicht gesagt, dass du reindarfst.«
Sie zuckte mit den Schultern. Eine Autoritätsperson war ich für sie trotz meines Alters eindeutig nicht. Die kleine Kröte kletterte auf meinen Schoß und umarmte mich. Spätestens jetzt konnte ich ihr eh nicht mehr böse sein. Lissy wusste genau, wie sie mich um den Finger wickeln konnte.
»Warum bist du traurig?«, fragte sie und sah mich mit riesigen blauen Lissy-Augen an. An unseren Augen erkannte man, dass wir verwandt waren. Die hatten wir beide von unserer Mutter geerbt. Das dunkle Blau. Nur war Lissy auch so blond wie Mama, und ich hatte das dunkle Haar von Papa bekommen. Lissy konnte durch ihr Erscheinungsbild tatsächlich aussehen wie ein Engel. Vor allem, wenn sie schlief. Im wachen Zustand war sie meist zu frech, laut und mit Schokolade oder Buntstiften beschmiert, um als Engel durchzugehen.
»Wie kommst du darauf, dass ich traurig bin?«
»Du guckst so.«
»Wie denn?«
»So.« Dann versuchte sie mich zu imitieren und zog eine astreine Schnute. Sollte ich so dreinschauen, sah ich wirklich todunglücklich aus. Und ein wenig lächerlich.
»Weißt du, Lissy, ich bin nicht traurig. Ich bin mehr enttäuscht.«
Sie verdrehte die Augen und starrte nachdenklich die Decke an. »Und wieso? Wegen dem Mais auf der Pizza?«
Ich musste lachen. Das Mama heute Mittag einfach so Mais auf die Pizza gestreut hatte, war tatsächlich eine herbe Enttäuschung gewesen. Aber da würde ich drüber hinwegkommen.
»Nein, das war okay. Weißt du, ich habe mich gestern mit einem Kerl getroffen, den ich ziemlich toll finde. Und jetzt meldet er sich nicht mehr bei mir.«
»Das ist gemein«, stellte Lissy fest, und ich musste ihr rechtgeben.
»Ja, aber vielleicht ist es halb so wild. Er wird sich bestimmt morgen melden und hatte heute einfach viel zu tun. Das kann ja auch sein. Wahrscheinlich erwarte ich zu viel.«
»Hast du ihm denn schon geschrieben?«
»Ja, direkt heute Morgen«, gab ich zu. Jedoch sah Lissy das wohl nicht als nervig, sondern als etwas Gutes an, denn sie nickte zustimmend.
»Du bist eben einfach lieb. Und der andere nicht.«
Mit diesen Worten stand sie auf und ging. Lissys Weltsicht zu haben war wirklich toll. Und so simpel. Sie musste nicht wie ich alles dreimal hinterfragen und Fehler an sich selbst suchen, wo wahrscheinlich gar keine waren. Lissy verstand die Welt manchmal besser als ich. Und sie hatte viel mehr Selbstbewusstsein. Hoffentlich würde sie das auch in Zukunft behalten.
Später tat ich das, was ich oft an freien Tagen machte: Ich sah eine Dokumentation über Meeresbewohner. Dieses Mal ging es um das Mittelmeer. Nach einer halben Stunde setzte sich Lissy zu mir, sie hatte eine Prinzessin-Elsa-Puppe dabei und kuschelte sich an mich heran. Keiner von uns sprach, wir ließen uns einfach von den Farben und den prächtigen Bildern berauschen.
»So viele schöne Fische«, meinte sie irgendwann andächtig. Das konnte ich natürlich nicht so stehen lassen.
»Um genau zu sein, sind Wale gar keine Fische, sondern Säugetiere.«
»Aber das sind Fische?« Sie zeigte auf eine Gruppe Delfine, die gerade einem Boot hinterherschwammen und ein paar Sprünge zum Besten gaben.
»Das sind Delfine, und um genau zu sein, sind das auch Wale. Klingt komisch, ist aber so.«
Lissy nickte und sah sich weiter die Doku mit mir an. Zwischendurch setzte sich auch mal Papa dazu und reichte uns eine riesige Tüte Gummibärchen, die wir dann gemeinsam vernichteten. Danach war mir sogar fast ein wenig schlecht, und am Abendbrottisch hatte ich kaum mehr etwas runterbekommen. Was Mama ziemlich sauer gemacht hatte.
Als ich später im Bett lag, starrte ich nachdenklich die wild umhertanzenden Lichtmuster an, die die vorbeifahrenden Autos an die Wand und an die Zimmerdecke zeichneten.
Ein letzter Blick auf mein Handy verriet mir, dass es nach elf Uhr war, und dass sich Max noch immer nicht bei mir gemeldet hatte.
Wahrscheinlich war’s das.
Das war wirklich ein sehr kurzes Vergnügen gewesen.
Kapitel 8
»Ich hasse dich. Sehr.« Mike stand vollkommen genervt vor mir und seufzte laut. »Ich dachte echt, wir wären über diesen Punkt hinaus.«
Ich sah ihn mindestens genauso vorwurfsvoll an wie er mich. »Du musst ja nicht mit mir hier draußen warten. Geh doch rein und bestell dir schon mal was. Ich will einfach nicht unnötig lange drin herumsitzen. Ich bin rechtzeitig zum Quiz da.«
»Du hast ein Problem. Ernsthaft.« Mike klopfte mir auf die Schulter und lief an mir vorbei. »Regel das mit ihm«, sagte er noch, bevor er die Tür öffnete und das Pub betrat.
Ich setzte mich auf die Fensterbank, auf der ich auch am Samstag vor unserem Date gewartet hatte. Nur war jetzt Dienstag, und Max hatte sich seit Samstag kein einziges Mal gemeldet. Kein Anruf, keine kurze Nachricht. Kein Lebenszeichen. Nada. Und dafür gab es meines Erachtens nur einen Grund: Er wollte eben doch keinen intensiveren Kontakt mit mir. Damit musste ich wohl oder übel leben. So was wie Liebe auf den ersten Blick gab es eben doch nicht, und es war sein gutes Recht, mich einfach nicht megatoll zu finden. Vielleicht würden wir es heute noch schaffen, ein paar erwachsene Worte miteinander zu wechseln, und dann einen Schlussstrich ziehen. Das war schade und machte mich traurig. Denn für mich war der Abend mit ihm wirklich schön gewesen. Und beim Gedanken an seinen Abschiedskuss überschlug sich mein Herz geradezu. Obwohl er nur unschuldig gewesen war. Das tat nichts zur Sache. Aber das Gefühl war wohl nur einseitig gewesen. Damit musste ich mich abfinden. Ich seufzte und beobachtete ein paar Raucher, die sich vor dem Eingang tummelten. Dann sah ich auf die Uhr meines Handys. Das Quiz würde gleich beginnen. Also rutschte ich von meinem Sitzplatz und ging langsam Richtung Eingangstür. Eilig hatte ich es wirklich nicht. Aber was sein muss, musste nun mal sein.
Das Erste, was ich sah, war Jenny, die mir von Weitem mit der rechten Hand zuwinkte. In der linken balancierte sie mehrere Getränke auf einem Tablett. Dann sah ich Zoya und die anderen, die an unserem Stammtisch saßen.
»Beeil dich, das Quiz geht gleich los!« Zoya zerrte mich auf den Hocker neben ihr.
»Herzlich willkommen zum heutigen Pub-Quiz! Habt ihr alle einen Zettel und einen Stift? Ja? Dann können wir ja gleich loslegen.« Wie jede Woche saß der grauhaarige Pub-Chef im hinteren Bereich an einem Tisch und rasselte seinen Text herunter. Hinter der Bar sah man ihn kaum mehr. Dafür war er, glaube ich, schlichtweg zu alt. Einzig die Moderation des Quiz ließ er sich nicht nehmen. Und ab und an, wenn er ein paar gute Whiskey intus hatte, sah man ihn sogar bei der Karaoke-Night auf der Bühne. Meistens mit dem Song Piano Man von Billy Joel.
»Doch bevor wir mit der ersten Frage loslegen, habe ich noch eine wichtige Ankündigung zu machen. Vor allem für die regelmäßigen Quizzer. Wie ihr sicher wisst, findet jedes Jahr die Pub-Quiz-Meisterschaft statt, auf Landes- und dann natürlich auch auf Bundesebene. Wir haben das Glück, dass der Vorentscheid in diesem Jahr hier in unserem The Green Leaf Pub stattfinden wird.«
Jubel hallte durch den ganzen Raum. Und auch wir strahlten uns an. Das war genau das Richtige für uns.
»Wer also bei der Meisterschaft teilnehmen möchte, meldet sich einfach später bei mir.«
»Das ist ja klasse!«, rief Mike begeistert, und Fatih neben ihm nickte überschwänglich. »Wird bestimmt spaßig!«
»Meinst du, wir können da noch mithalten?«, gab Zoya zu bedenken. »Hier gibt’s ja selten große Konkurrenz, und die meisten sind eh zu besoffen, um bis zum Ende konzentriert mitzumachen. Aber das ist eben dann doch eine andere Liga. Sind wir so gut?«
»Wenn wir es nicht versuchen, dann wissen wir es nicht. Also versuchen wir’s«, sagte ich, und Mike und Fatih stimmten mir nickend zu. Nach ein paar Sekunden nickte auch Zoya lächelnd.
»Endlich mal eine richtige Herausforderung für uns!«
»Beginnen wir nun mit der ersten Frage«, kam es wieder mit einem pfeifenden Ton aus den Lautsprechern. »Von wem stammt der Spruch Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel?«
Mike und Fatih sahen sich für einen Sekundenbruchteil an, beugten sich dann nach vorn und flüsterten gleichzeitig »Lukas Podolski«. Zoya grinste und schrieb die Antwort auf.
»Ich hätte auf Lothar Matthäus getippt. Aber ich vertraue euch da natürlich voll und ganz. Eure Expertise!«
»Frage zwei: Wer gewann 1927 den Literatur-Nobelpreis?«
Alle Augen waren auf mich gerichtet. »Heinrich Böll«, sagte ich leise, aber dafür wie aus der Pistole geschossen.
»Verdammt! Woher weißt du das?«, fragte Mike. Ich zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Irgendwo mal gelesen.«
Mike brauchte gar nicht so erstaunt zu tun. Jeder von uns hatte Themengebiete, in denen er oder sie mehr wusste als der Durchschnitt. Meiner Konzentration tat es allerdings auch gut, dass ich heute mit dem Rücken zur Bar saß. Die Neuigkeit über die Quiz-Meisterschaft und die Quizfragen selbst hatten mich zudem bislang gut abgelenkt. Ich hatte mich also noch nicht einmal zur Bar umgedreht.
»Ist er da?«, fragte ich Zoya leise hinter vorgehaltener Hand. Sie nickte und sah an mir vorbei Richtung Tresen. »Er ist da und hat schon ein paarmal zu dir gesehen.«
»Ernsthaft?«
Sie nickte wieder. Ich sah nachdenklich auf mein Colaglas, das Zoya in meiner Abwesenheit bereits für mich bestellt hatte. »Was würdest du an meiner Stelle tun?«
Zoya, Mike und Fatih wussten über alles Bescheid. Wir hatten eine gemeinsame Chatgruppe, in der ich mich heute vorab schon für mein seltsames Verhalten entschuldigt hatte. Dort hatte ich kurz und knapp erklärt, was vorgefallen war. Zoya hatte mich daraufhin sogar noch angerufen und sich näher erkundigt, wie es mir ging. Da hatte ich ihr dann alles im Detail geschildert und war ehrlich froh gewesen, das Ganze jemandem zu erzählen, der älter war als fünf.
»Ich würde zu ihm gehen und ihn zur Rede stellen. Aber nicht jetzt. Jetzt ist zu viel los. Der muss ja im Akkord Getränke ausschenken. Außerdem brauchen wir dich hier.«
»Hauptstadt von Uganda?«, fragte Mike plötzlich. Ich hatte die Frage gar nicht mitbekommen, so sehr war ich in das Gespräch mit Zoya vertieft gewesen. Zoya tippte sich mit dem Bleistift nachdenklich gegen die Lippe. Dann weiteten sich ihre Augen und sie grinste wissend.
Kampala, schrieb sie auf das Blatt vor ihr.
»Du meinst also, ich sollte, wenn das Pub-Quiz vorbei ist, mal kurz zu ihm gehen und ihn zur Rede stellen?« hakte ich nochmals nach.
»Ja, das meine ich. Oder willst du ihn so einfach mit seinem Ghosting davonkommen lassen? Wenn er anständig ist, würde er ja auf dich zukommen und nicht andersrum. Immerhin hat er sich nicht gemeldet, obwohl er es dir versprochen hat.«
Sie hatte ja so recht. Aber mir graute es jetzt schon vor diesem Gespräch. Das konnte ja nur unangenehm und peinlich werden.
»Welche Stadt gilt als die nördlichste in Europa?«, hallte die nächste Frage über die Lautsprecher. Wir mussten überhaupt nicht darüber diskutieren. Zoya schrieb bereits etwas auf den Antwortzettel.
»Hey.« Jenny, die Bedienung, stand hinter uns. »Der Barkeeper gibt was aus und lässt eine Runde Kurze für euch springen.« Sie stellte vier Schnapsgläser vor uns ab, und mir steckte sie unauffällig einen zusammengefalteten Zettel zu.
»Und was genau ist das?«, fragte Zoya, die argwöhnisch an dem Getränk schnüffelte.
»Nennt sich Baby Guinness«, antwortete Jenny. »Das ist Kahlúa mit Baileys. Schmeckt ein bisschen wie Milchkaffee mit Alkohol.«
Fatih schob sein Getränk zu Mike rüber. Er trank nie Alkohol. Und da ich heute wieder der Fahrer war, bekam Zoya meinen Schnaps. Mike und Zoya tranken und verzogen beide ihre Gesichter. Anscheinend war das Gesöff gar nicht mal so lecker. Ich nutzte die kurze Ablenkung und faltete das Stück Papier unter dem Tisch unauffällig auseinander.
Hast du nach dem Quiz noch kurz Zeit? Bitte.
Zoya und Mike ließen ihr jeweils zweites Glas schwungvoll auf die Tischplatte knallen und zogen wieder Grimassen, als hätten sie puren Essig getrunken.
Zum ersten Mal am heutigen Tag drehte ich mich um und suchte Max hinter der Bar. Da stand er an der Zapfanlage, wischte sich mit dem Oberarm etwas Schweiß von der Stirn und sah dann genau in dem Moment zu mir. Ein zaghaftes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen, und ich konnte nicht anders, als es zu erwidern. Auch wenn ich nicht wusste warum. Immerhin hatte ich keinen blassen Schimmer, was das zwischen uns war, und eigentlich rechnete ich noch immer damit, dass er mir nach dem Quiz einen Korb geben würde. Obwohl sein Lächeln ein kleines Fünkchen Hoffnung in mir aufkeimen ließ.
»Was ist ein oder eine Chironex fleckeri?« Die nächste Frage hallte durch das Pub.
»Eine Seewespe«, sagte ich meinen Teamkollegen.
»Okaaaay?« Zoya wirkte skeptisch. »Und das ist ein Fisch, oder was?«
»Das ist eine höchst giftige Qualle. Sogar für den Menschen tödlich.«
»Gut zu wissen.« Zoya schrieb die Antwort auf und schob den Zettel dann zu Mike. »Ich geh pinkeln. Du bist dran.«
»Mensch, Zoya, du weißt doch, dass meine Schrift eine Zumutung ist? Das kannst du echt niemandem antun.«
»Du schaffst das, ich glaube fest an dich.« Daraufhin stand sie auf und Mike brummte ihr etwas Unverständliches hinterher.
»Wo wohnen Watson und Holmes?«
»Schreib: 221b Baker Street«, flüsterte ich Mike zu und tippte auf die freie Spalte, wo er die Antwort notieren sollte.
»Na toll. Zweihundert was? Was für ’ne Straße? Schreibt man das zusammen?«
»Ach, gib her!« Ich riss ihm das Blatt aus der Hand und schrieb die Antwort selbst.
Das heutige Quiz war schwierig. Wir waren uns bei vielen Fragen nicht einig und mussten hier und da sogar raten. Trotzdem gewannen wir am Ende.
»Nächstes Mal schlagen wir euch«, sagte ein anderer Gast, dessen Name ich nicht kannte, der aber mit Mike im Vorbeigehen in ein High Five einschlug.
»Ja klar, träum weiter«, rief Mike ihm lachend hinterher. Niemand war hier ernsthaft sauer, wenn man verlor. Eigentlich waren alle nur aus Spaß hier.
»Kennst du den?«
»Nicht wirklich. Hab ihn hier nur ein paarmal gesehen.«
Mike, der Gesellige unserer Truppe. Der machte sich immer und überall sofort Freunde. So war er.
»Jenny, können wir zahlen?«, fragte Zoya unsere Bedienung, als sie mit einem Tablett voll leerer Gläser an uns vorbeilief.
»Ich komme gleich. Ach, und Henry, du sollst mal kurz in den Biergarten gehen«, meinte sie an mich gewandt. Ich ahnte schon, wer da auf mich warten würde.
»Warum sollst du denn in den … ah!« Zoya verstand. »Kommt es jetzt etwa zu einem klärenden Gespräch?«
»Oder er erklärt mir, warum das mit uns nicht werden kann und dass er mich total langweilig findet.« Ich seufzte und griff nach meiner Lederjacke. »Wir werden sehen.«
Mit erhobenem Haupt und mit hoffentlich selbstsicherem Gesichtsausdruck trat ich nach draußen. Im Biergarten hielt sich niemand auf. Es war auch viel zu kalt, um hier draußen ein Bier zu genießen. Der Einzige, der in einer Ecke stand, war Max. Er zog fahrig an einer Zigarette und schnippte Asche in einen Aschenbecher. Sein Gesicht war ernst.
»Du rauchst?«, fragte ich, noch bevor ich ihn überhaupt begrüßte.
»Nur ab und an, wenn ich gestresst bin.« Er zog noch mal kräftig an seiner Kippe. Ich beobachte ihn genau. Er sah müde aus. Mit Augenringen und glasigen Augen.
»Du hast mich herbestellt«, sagte ich, und ja, ich hörte mich motzig an. Denn ich kam mir gerade ziemlich doof vor, wie ich hier stand und auf das Urteil wartete. Stand ich etwa vor Gericht? Hatte ich das wirklich nötig?
»Es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe. Es war einfach viel los bei mir.«
»Aha.« Mehr brachte ich nicht heraus. Ich wusste auch nicht, was er von mir erwartete. Wohl sicher nicht, dass ich ihm freudig um den Hals sprang.
»Ja, ich wollte dir schreiben, und dann …« Er seufzte gedehnt und drückte die Zigarette fast schon aggressiv aus. Als könnte die was für seine schlechte Laune. Oder für meine.
»Dann kam dir etwas dazwischen?«, komplettierte ich seinen Satz.
»Quasi.« Max kam ein paar Schritte auf mich zugelaufen und blieb dann genau vor mir stehen. Er sah auf mich herab und wirkte ein wenig wie ein getretener Hund. »Ich fand es schön am Samstag mit dir. Ehrlich«, gab er zu und griff mit seiner Hand ganz zaghaft nach meiner. Der bedröppelte Gesichtsausdruck änderte leider nichts an seiner Attraktivität. Eigentlich sah er so sogar besonders süß aus. »Magst du die Tage vielleicht noch mal mit mir ausgehen?«
Mein Herz galoppierte, als wäre es auf der Flucht. Ich nickte. Ich war eben doch nur ein Opfer.
»Durch meinen Job hier habe ich nicht oft Zeit. Zumindest nicht um die Uhrzeit, die für ein Date normal wäre. Aber wir finden bestimmt eine Möglichkeit.«
»Ab wann arbeitest du denn morgen?«, fragte ich und bemühte mich, nicht allzu hoffnungsvoll zu klingen.
»Ab acht Uhr abends erst. Aber dafür bis zum Schluss.«
»Wie sieht es denn nachmittags bei dir aus? So um drei?«, hakte ich unsicher nach. War es doof, sich mittags auf ein Date zu treffen? Ein bisschen wie ein Kindergeburtstag. Andererseits … wenn er abends fast immer arbeitete, wann dann?
»Dieses Mal entscheidest aber du, wo wir hingehen?« Max lächelte nun wieder sein wunderschönes Max-Lächeln. Das, das von Herzen kam.
»Ich hab da sogar schon eine Idee. Ich schreibe dir die Adresse. Okay?«
Max nickte und kam dann noch einen Schritt auf mich zu.
»Danke.« Er hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Genau wie er es schon Samstag zum Abschied getan hatte. Das hatte etwas unglaublich Unschuldiges, aber auch sehr Liebevolles an sich. Ich mochte es. Diese sachte Berührung schaffte es, mein Herz zum Überlaufen zu bringen. Mehr, als es alles andere je vermocht hätte. Ich war diesem Kerl einfach verfallen. Und ich konnte nur hoffen, dass er das nicht ausnutzen würde.
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