Читать книгу: «Jenseits meiner Grenzen der weite Horizont»

Katharina Weck
Jenseits meiner Grenzen der weite Horizont

Für J. & L.D.
Weil es nicht vollkommen ist
meinen sie, es sei kein Meisterwerk.
Die Welt ist auch nicht vollkommen
Und doch ist sie eines Meisters Werk.
Mascha Kaléko
Kapazität für Herzensgüte
Ich stehe am Tresen, ein Baby auf der Hüfte, ein Kind an der Hand, eins im Auto. Der Apotheker schaut auf meine Hände, sie sind rau und an mehreren Stellen schon ganz wund. »Haben Sie viel Stress?«, fragt er. Ich nicke. »Sie müssen auf sich achten!«, sagt der Apotheker.
Ich lächle. Kein Strahlelächeln, sondern eher höhnisch. Danke für den Rat; könnte ich, würde ich.
Beim Verlassen der Apotheke meldet sich eine Stimme. Sie war schon ganz leise, nur noch ein Wispern im Hintergrund, nun jedoch sagt sie sanft, aber bestimmt: »Katharina, mein Schatz, natürlich kannst du Dinge ändern. Fang mit deinen Gedanken an. Was empfindest du gerade als schlimm in deinem Leben? Was stresst dich am meisten? Du darfst so manches lassen, um andere Dinge, die unbedingt erledigt werden müssen, wieder mit einem weichen Herzen zu tun, ohne Groll!«
Ich schnalle die Kinder an, verteile Traubenzucker, schlichte Streit, und ehe ich den Zündschlüssel umgedreht habe, verschwinden die ersten angeblich so wichtigen To-dos von meiner Liste.
Der Autor Joachim Meyerhoff meinte in der NDR Talkshow zu seinem erlittenen Schlaganfall: »Jeder, der in seinem Leben mal einen Schicksalsschlag erlebt hat, kennt das Gefühl, dass der Schicksalsschlag sagt: ›Bis jetzt hast du dein Leben gesteuert, aber jetzt übernehme ich.‹«

2017 ist unser ältester Sohn, damals fünf Jahre alt, an Leukämie erkrankt. Es folgten zwei Jahre Chemotherapie, die nicht nur ihn fast kaputtgemacht hätten, sondern die ganze Familie. Sein eigenes Kind so leiden zu sehen, reißt einem das Herz heraus, und es bedarf viel Arbeit, es weich zu halten, um nicht zu verbittern.
Wir haben Kinder sterben sehen, und wir wussten zwei Jahre nicht, ob unser eigenes Kind auch sterben wird. Bei all dem Leid haben wir angefangen, das Schöne im Hässlichen zu suchen. Haben lachend Pizza gegessen, in dem Wissen, dass der Platz unseres Sohn vielleicht bald nicht mehr besetzt sein wird.
Unser Sohn lebt, und dennoch ist ein Stück von ihm gegangen. Langsam ist er in einem Alter, wo er versteht, was damals mit ihm geschehen ist, und hat viele Fragen. Und es macht ihn wütend, dass sein Körper manchmal nicht so funktioniert, wie sein Kopf das will.
Wenn er sich wieder einmal darüber ärgert, dass er beim Sport schnell erschöpft ist, erinnert es mich daran, dass wir zwischenzeitlich unser Leben nicht mehr in der Hand hatten. Das wir von Vormittag zu Nachmittag gelebt haben und nicht wussten, was am nächsten Tag auf uns niederschlagen wird.
Und doch gab es in dieser Zeit etwas Gutes. Die Menschlichkeit auf einer Kinderonkologie ist nahezu grenzenlos, und obwohl es dort so viel Leid gibt, gibt es ebenso viel Klarheit. Wenn man den Tod neben sich sitzen hat, wird einem bewusst, wie wertvoll dieses Leben ist. Plötzlich war es nicht mehr schwer, dass Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.
So habe ich dem Schicksal ein Stück Leben abgeluchst, wieder ein Stück mehr Autonomie, selbst bestimmen, wo es hingeht. Indem ich mich nämlich bewusst dafür entschied, nicht zu verbittern über unser Schicksal, sondern dankbar zu sein, für all die Menschen, die uns Essen vor die Tür gestellt haben und uns damit zeigten, dass wir nicht allein sind. Für die gute medizinische Versorgung in unserem Land, für das eigene Bett, für Netflix.
»Die Fähigkeit, Freude zu empfinden im tiefsten Leid und das Leben zu feiern, wie es kommt, birgt eine unbändige Zufriedenheit. Diese Zufriedenheit spendet Kraft für das, was noch kommt. Zufriedenheit besänftigt den Zorn, lässt die Ohnmacht und Verbitterung über die eigene Handlungsunfähigkeit versinken und füllt das verkrampfte Herz mit Glück, sodass es warm wird und sich lösen kann.
Und so entschied ich mich in Augenblicken der völligen Finsternis etwas zu finden, das schön ist, und es zu genießen, weil mir klar wurde, dass die Zeit mit den Menschen, die man liebt, mit den eigenen Kindern, endlich ist. Jetzt findet das Leben mit meiner Familie statt, schöne anstrengende Stunden, voller Sinn und Fülle.«
(Aus meinem Buch »Der Chemoritter am Küchentisch – Das Jahr, in dem unsere Familie Krebs bekam«, in dem ich über unseren Leidensweg berichte und lerne, wie man trotz täglichem Leid das Schöne im Hässlichen sehen kann.)





Die Erinnerung ist wieder da: Wir müssen so wenig.
Ich bin nicht der Typ, der alles verkauft, aus der Gesellschaft aussteigt, um mit einem Merinopulli um die Hüften, mit Rucksack auf dem Rücken und den Kindern an der Hand um die Welt zu reisen. Das muss ich auch nicht. Um auszusteigen, muss ich nicht weggehen.
Ich mag unser Haus in Brandenburg, mag, dass es so alt, so muckelig und gemütlich ist. Ich will hier sein. Meinetwegen auch mit dieser Gesellschaft, aber ich will nicht überall »hier« rufen müssen, damit mich meine Umgebung gernhat und ich mich damit auch. Außerdem will ich auch in den nächsten Jahren, wenn für alle anderen Gras über den Krebs unseres Sohnes gewachsen ist, noch den Mut haben, nicht überall mitzumachen. Elternabend? Nö, mir reicht das Protokoll! Meine Kinder ständig hier-, da- und dorthin fahren, nur weil man das so macht? Nö, lieber Geduld üben und Strecken der Langeweile aushalten! Mich aufregen, weil die Mutter von Paul sich aufregt? Nö!
Aber atmen, das fände ich toll. Ja, atmen möchte ich weiter. Und da sein für die Menschen, die ich liebe. Platz schaffen für Probleme derjenigen Personen, die ich in mein Herz gelassen habe.
Ich möchte Liebe für andere gespeichert haben, und dafür brauche ich Kapazität für Herzensgüte und muss mich deshalb zunächst einmal selbst mögen.
Selbstliebe hat immer etwas mit Selbstlosigkeit zu tun. Unser Handeln bestimmt uns, nicht unsere theoretischen Vorhaben, die Gedankengebäude in der Nacht. Wenn ich gebe, dann empfange ich. Am besten ist geben ohne große Planung. Eben diese Strategie der Selbst- und Nächstenliebe hilft, das Schöne im Hässlichen zu sehen und auch ohne alles verkaufen zu müssen, auszusteigen.
Ich bin nie eine gute Schwimmerin gewesen und will nicht in dem ertrinken, was scheinbar von mir erwartet wird. Also mühe ich mich folglich nicht damit ab, besser und schneller schwimmen zu lernen, sondern plansche einfach nur mit den Füßen. Und das fühlt sich gut an.
Ein Koffer voller Angst
Vorletzte Nacht stand ein kleiner Junge an meinem Bett, mit wild zerzaustem Haar, den Stofflöwen fest im Arm. Weinend sagte er mir, dass er Beinschmerzen hat.
Ping, sofort war ich hellwach. »Beinschmerz« ist bei uns das Pseudonym für »das Böse.« So haben wir den Krebs damals bemerkt, am Tag war Phileas lange Zeit symptomfrei, aber nachts waren die Schmerzen so groß, dass er sie herausschreien musste.
Phileas schlüpft unter meine Decke und ich fange an, seine Waden zu massieren. Wie lang seine Beine geworden sind. Als ich bei den Füßen ankomme, merke ich, dass dort etwas liegt. Ein Koffer, braun, aus Leder, die Scharniere schon ganz abgegriffen vom vielen Auf- und Zumachen.
Ich öffne ihn nicht, denn ich weiß, was drin ist. Es sind meine Ängste und Sorgen. Noch vor Kurzem wölbte sich der Deckel und ging kaum zu vor lauter Ballast. Ich musste mich draufsetzen, um ihn zu bezwingen. Inzwischen ist er leerer geworden. Gerade droht der Inhalt erneut anzuschwellen, so sehr, dass ich ihn wieder nicht tragen kann. Dann liegt der Koffer mitten im Weg, wir stolpern drüber, er nimmt einfach zu viel Platz im Alltag weg. Nimmt Raum, und manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass er uns die Luft zum Atmen stiehlt.
Ich habe mit diesem Koffer sehr viel Zeit verbracht. Habe mich vor ihm hingekniet, das Leder gepflegt, die Scharniere geölt, bin den Inhalt Stück für Stück durchgegangen. Oftmals saßen Weggefährten neben mir, die mir halfen, ihn zu ordnen und auszusortieren. Die mir halfen, ihn ein Stück zu tragen.
In dieser Nacht entscheide ich mich, den Koffer zu nehmen und in die Kammer zu stellen. Behutsam, denn auch wenn mir der Anblick die Kehle zuschnürt, weiß ich um seine Wichtigkeit. Die Angst ist für unser Überleben wichtig, sie macht uns wachsam. Die Sorge ist ein Teil von uns. Dennoch darf ich entscheiden, wie groß dieser Teil ist, weil von Angst ausgelöstes Kreisdenken mich vollkommen blockieren kann. Es wird kommen, wie es kommen wird. Diese Tatsache kann ich besser mit dem Wissen ertragen, das ich nicht allein bin. Gott wacht über uns.
Dieses Wissen beruhigt mich, ich muss niemanden wecken, mich nicht erklären. Er ist da. Egal, ob ich nun die ganze Zeit wach bleibe oder einschlafe. Oftmals sind meine Worte wie das Bitten eines Kindes. Ich möchte, dass Gott sich auf meine Bettkante setzt, dass er mir sagt, dass er die Nacht dortbleibt, dass er da ist, komme was wolle.
Am Tag kann die Angst allerdings ebenso groß sein. Dann hilft mir schnelle Ablenkung oder das Gegenteil, totales Verweilen. Je nachdem, in welcher Situation ich mich gerade befinde, wähle ich einen der beiden Gegensätze aus. Mit dem Wissen, das Ängste normal sind, dass es in Ordnung ist, sich zu fürchten, nur verlieren sollte man sich nicht darin.
Und in dieser Nacht möchte ich mich zu unserem Sohn kuscheln, mich um ihn kümmern, anstatt vor Angst gelähmt zu sein, von dem, was war, von dem, was kommt. Ich möchte die Gegenwart unseres Jungen wahrnehmen und mich freuen, dass er da ist, dass ich ihn versorgen kann.
Kurze Zeit, eine Wärmflasche und Massage später, schläft unser Sohn friedlich neben mir ein. Und ich merke, wie auch ich anfange wegzudämmern.
Das unsichtbare Wesentliche
Ich war nie ein Fan des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Wahrscheinlich, weil alle das Kunstmärchen ganz toll und ganz tiefgehend fanden, als ich ein Teenie war. Das wohlbekannte Zitat »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar« ist mir gestern in einem Buch wiederbegegnet. Ich mochte es im Gegensatz zu dem ganzen »Ich-hab-ne-Tasse-vom-Kleinen-Prinzen-Zirkus« schon damals. Und als ich es gestern las, verstand ich es auch.
Das Wesentliche, inzwischen ein guter Freund von mir, steht da und schaut mich an. Es nimmt mich nicht ständig in den Arm, aber es ist immer da. Wenn ich meine Augen vor der schnell verpuffenden visuellen Ästhetik verschließe, sehe ich es. Es steht da, zottelig, ungeschminkt, und zeigt mir in seiner Vollkommenheit, was wichtig in meinem Leben ist.
Mein Herz, es atmet das erste Mal nach Jahren auf. Es will leben, sehen, verstehen! Das Wesentliche hilft ihm dabei.
Ich merke es immer wieder: Ich bin glücklich. Im Moment. Wenn ich weiter als eine Woche schaue, wird es mir schnell zu viel, all diese Organisiererei, Planerei, Versorgerei. Es ist so vielschichtig. Inzwischen sind zwei kleine Menschen und zwei große in meiner Familie (einer davon ich), dazu einer in meinem Bauch. Die kleinen Menschen brauchen unsere Hilfe als Eltern, unsere Begleitung. Sie wollen am Tag an unserer Hand laufen und nachts in unseren Armen schlafen. Manches Mal frage ich mich, wie das gedacht ist. Wie das Ungleichgewicht aus Alltag und Versorgen von einem oder mehreren Kindern funktionieren kann. Mit Kindern, und das ist das Schöne, ist vieles nicht planbar. Doch darin liegt auch die größte Herausforderung: sich immer wieder neu zu öffnen und auszuhalten, dass wenig nach Wunsch läuft, dass die Rolle der Eltern häufig daraus besteht, sich ungenügend zu fühlen.
Aber die Gegenwart ist gut. Wenn ich morgens einen Apfel für die Brotdose schneide, dann schaffe ich das. Ich schneide Spalte für Spalte, sehe den Saft, der auf das Holzbrett tropft. Werfe die Schale in den Kompost, lege die Äpfel in die Box.
Wenn ich aufschaue und die Millionen Brotdosen sehe, die es noch zu befühlen gilt, wird mir schwindelig. Deswegen bleibe ich bei der einen Schulbox und bei der qualvollen und zugleich guten Erkenntnis, dass ich nicht weiß, was kommen wird. Ich kann planen und endlos lange Listen schreiben und lande doch immer wieder bei der unumstößlichen Wahrheit, nicht zu wissen, was der nächste Tag in seinen Händen hält.
Das Wesentliche: plappernde Kinder, die aus der Kita und von der Schule abgeholt werden, dreckige Fenster, die einem trotzdem den Blick nach draußen gewähren, Hände, die fühlen, Beine, die gehen, üppige Blätter, die im Wind rauschen. Kinderhände, die im Sand wühlen, Wasserdampf, der die Scheibe beschlägt.
Ich schließe meine Augen und sehe, was für mich am heutigen Tag das Wesentliche ist. Ist es nicht schön!
Windeinstellung
Der Wind fährt mir durch die Haare, schlüpft unter meinen Pulli, lässt mich erschaudern. Es ist der Beginn unseres Urlaubes. Wir sind auf einer kleinen Insel in Dänemark mitten in der Nordsee gelandet. Wir haben Juli, doch seit unserer Ankunft wehen orkanartige Winde über die Insel.
Ich hasse Wind. Er macht, dass ich friere, bringt mich durcheinander.
Es kommen maulige Worte aus meinem Mund, alle in dem kleinen Ferienhaus nerven mich. Ich schnappe mir meine Jacke und gehe an den Strand, der am Ende des Gartens liegt. Hier an der Spitze der Insel ist der Wind noch stärker. Ich schaue trotzig aufs Meer, und ich schäme mich.
Wind, was für ein lausiger Grund für schlechte Laune. Und dann auch noch an einem so schönen Ort wie diesem.
Ich beginne, die Küste entlangzulaufen. Ich fange an zu weinen. Auch in meinem Kopf stürmt es.
Ich muss an meinen Mann denken und schäme mich erneut. Wie unfair ich mich verhalten habe. Meine Entscheidung ist gerade gefallen: Trotz Wind und allen Gedanken, die in der Ruhe auf mich niederprasseln, nehme ich mir vor eine gute Zeit hier zu haben. In den Jahren des Ausnahmezustands habe ich dazugelernt, verstehe, dass gerade die Abwesenheit von Leid mich befähigt, über sowas wie das Wetter zu meckern. In den Jahren der Angst und Ungewissheit wäre ich nie darauf gekommen, mich über so etwas wie Wind zu beschweren oder mich gar vor ihm zu fürchten. Meine Monster waren viel zu arrogant, um sich mit etwas wie Wind auseinanderzusetzen. Der war einfach da. Genauso wie dreckige Töpfe in der Küche, missmutige Nachbarn, lange Schlangen an der Kasse, eine Parklücke, die sich jemand anders schnappt, Kinder, die morgens nicht aufstehen und abends nicht schlafen gehen wollen. All das war einfach da. Aber meine Monster haben sich entschieden, solchen Lappalien die kalte Schulter zu zeigen. Sie haben nur die ganz große Angst und Wut bedient; immer neue Behandlungsschritte, ein Junge, der fünf Wochen nicht gelacht hat, Nächte, in denen mein Herz gerast ist wie ein ICE, schlimme Nebenwirkungen der Chemo: Anämie, allergische Reaktion, offene Stellen am Körper, das waren die Themen unseres Alltags.




Es ist abends, wir sitzen vor dem Kamin, das Holzhaus knackt, ich atme tief durch und entschuldige mich.
Noch später abends sitze ich im Bett, froh darüber, dass mein Mann nicht nachtragend ist und meine Launen gern schnell wieder vergisst. Da macht es »Blubb« in meinem Bauch. Ich lächle. Der erste Sommerurlaub mit dir, mein Baby.
Auch das habe ich gelernt: nicht ungeduldig auf die Geburt eines Babys zu warten, sondern jetzt die Zeit mit dem Ungeborenen zu genießen. Während ich über meinen Bauch streichle, frage ich mich, wie ich so zornig werden konnte. Ich bin schwanger mit unserem dritten Kind. Lange war nicht klar, ob wir einen unserer Söhne verlieren würden. Dann haben wir gekämpft, und obwohl wir nach diesem Kampf nur noch wackelig auf den Beinen standen und uns allzu bewusst war, wie zerbrechlich das Leben ist, war unser Gottvertrauen so groß, dass wir uns entschieden haben, einen Anflug von zartem Mut zuzulassen. Noch ein Kind. Trotz großer Ängste, obwohl man raten könnte, erst einmal alles zu verarbeiten, zur Ruhe zu kommen. Ich bin allerdings inzwischen der Überzeugung, dass nie alles gut sein wird. Ich fühlte mich psychisch und körperlich wieder so stabil, dass ich mir eine weitere Schwangerschaft zutraute. Das waren meine Fixpunkte, wieder eine gewisse Spannung und Kraft zu verspüren, damit ich aufrecht stehen kann. Was kommt, wie es weitergeht, wer vermag das schon zu sagen.
Das ist meine Zeit. Mit den Kindern, mit meinem Mann, mit dem Ungeborenen, mit mir. Ich erinnere mich an die Worte von Dietrich Bonhoeffer: »[...] es ist eine immer wieder merkwürdige Beobachtung, dass man Unabänderliches ganz anders aushält, als wenn man dauernd den Gedanken hat, man könnte irgendwas erleichtern.«
Ich kann den Wind nicht abstellen. Doch ich kann meine Einstellung zu ihm ändern. Ich kann unsere Kinder nicht vollends bewahren, das Haus nie in einen picobello Zustand bringen, habe nur bedingt Energie. Ich kann meine Schwangerschaft nicht steuern, hatte keinen Einfluss darauf, dass mir in den ersten Monaten wieder unfassbar übel war. Mein Einfluss auf diese Welt ist begrenzt, und das ist in Ordnung. Es wird nie fertig sein, und es wird auch nie alles gut. Trotzdem darf ich die schönen Momente in vollen Zügen genießen, wohl wissend, dass parallel Anforderungen auf mich warten. Einfach dasitzen und genießen. Und wer weiß, vielleicht darf in der Entspannung auch ein klein wenig Wind wehen.
Spießige Mathematik
Letztens las ich, dass Perfektion etwas für Mathematiker sei. Ich kam ins Grübeln. Also, mit Mathematik habe ich wirklich nie etwas am Hut gehabt – kein Wunder, dass ich an meinen perfektionistischen Ansprüchen permanent scheitere!
In meinem Heimatdorf in Niedersachsen gibt es mathematisch ausgerichtete Gärten, alles ist symmetrisch, nichts darf verrutschen oder zum falschen Zeitpunkt verwelken. Erdflächen um die Bäume minutiös geharkt, kein Blatt dem Zufall überlassen. Ich erinnere mich daran, dass ich das immer als sehr spießig empfunden habe, und dass es, als ich ein Kind war, eine der heftigsten Mutproben war, einmal über die Pflastersteine im Vorgarten von Herrn Wuske zu rennen, um dann über die mit der Nagelschere geschnittene Buchsbaumhecke zu springen. Törchen auf und los. Und wehe er hat einen gesehen, dann hat er sich die Kehle aus dem Leib gebrüllt über uns »ungezogenes Pack.« Adrenalin pur und die Anerkennung des großen Bruders.
Bei der Erinnerung nehme ich mir vor, unserem »wilden« Vorgarten das nächste Mal zuzuzwinkern, statt seufzend zu denken, dass hier noch einiges gemacht werden könnte.
Denn viel lieber würde ich statt Perfektionismus Güte leben. Tomas Sjödin schreibt in seinem Buch »Es gibt so viel, was man nicht muss«: »Sie (die Güte) schließt das Mangelhafte ein und bringt uns einander näher. Wir sind nicht die Summe unserer Niederlagen. Auch nicht die all unserer Schwächen. Wir sind viel mehr als das: Menschen, die im Werden begriffen sind.«
Schön! Und leider überhaupt nicht leicht. Aber ich gebe nicht auf. Spätestens, wenn ich meine Urenkel auf dem Arm habe, will ich diesen mathematischen Anspruchszirkus aus meinem Kopf haben. Vielleicht schaffe ich es sogar bis zu den Enkeln. Oder bis unser Baby im Herbst kommt.
Okay, nicht übertreiben.
Vor allem will ich niemals Kinder von meinem Grundstück jagen. Grenzen sind fließend, Fremde willkommen. Sogar Mathematiker.
Staub von den Kleidern
Cameron Bloom, dessen Frau nach einem Unfall im Urlaub querschnittsgelähmt blieb, schreibt: »Zurückzukehren zu dem, der man einmal gewesen ist, und dabei zu erkennen, wer man wirklich sein könnte – das kann eine sehr schwierige Reise sein.«
Dieser Satz birgt ebenso viel Hoffnung wie Wahrheit in sich.
Es ist eine schwierige Reise, sich nach einem harten Aufprall auf dem Boden mühsam wieder aufzurichten, unbeholfen den Staub von den Kleidern zu klopfen, sich zu orientieren und dabei festzustellen, dass nichts mehr am rechten Fleck sitzt. Alles fühlt sich unangenehm neu, schmerzhaft und herausfordernd an. Und dennoch birgt diese Reise die Möglichkeit sich zu ordnen und die erzwungene Orientierungslosigkeit für das Neue zu nutzen. Um die Welt mit all ihren Schrecken auszuhalten und anzunehmen und dabei das herauszusortieren, was zählt: Liebe! Auch wenn diese ganz zart und zerbrechlich ist. Obwohl man sich für sie jeden Tag neu entscheiden muss. Obwohl Liebe bedeutet, sich zunächst einmal wieder selbst in die Augen zu schauen. Innezuhalten, nicht wegzurennen, sondern es auszuhalten, wie einem gerade zu Mute ist.
Ohne die vorbehaltlose Hilfe liebender Menschen ist es zwar möglich, aber schwerer, aufrecht stehen zu bleiben. Ohne die Liebe derer, die sich ohne Eigennutz um andere kümmern, gerät die Welt schnell wieder ins Schwanken. Um wieder Liebe für das Leben, mit all dem Leid zu empfinden, wird man gezwungen, den immer wieder bebenden Boden als neuen Alltag anzunehmen. Und zu entscheiden, wer man sein möchte. Dabei zusehen, wie andere ihre Selbstsucht an die Seite schieben, um den Nächsten zu sehen, regt zum Nachahmen an.
Ich hatte vor Kurzem eine prägende Begegnung im Supermarkt. Mir sind, den dicken Bauch vor mir herschiebend, Nudeln runtergefallen. Ein älterer Herr sprang leichtfüßig hin, um sie mir aufzuheben. Sein Handeln war so selbstverständlich. Ich bedankte mich überschwänglich, sodass er meinte, das wäre jetzt wirklich kein Opfer für ihn gewesen. Und dann kamen wir ins Gespräch. Er erzählte mir von seinen Nachbarn, die viele Kinder haben und einen Golden Retriever, und dass er, obwohl die Nachbarn auf der anderen Seite sagen, da müsse jetzt endlich mal ein Zaun hin, keinen zieht, weil er es mag, wenn die Kinder auf einmal bei ihm auf der Terrasse stehen. Mit dem Hund an ihrer Seite. Und dass er nun, obwohl er Rentner ist, noch ein paar Vorträge hält, da freut er sich drauf. Dass ihm nicht langweilig ist und dass das Leben doch schön ist.
Dieser Moment, wenn man alle Kraft zusammennimmt und wieder aufschaut, in die Augen des Gegenübers, und es zulässt, dass erzählt wird, dann begrüßt einen die Lebendigkeit in ihrer vollen Pracht und lässt einen ein kleines Stück vom Boden abheben. Ich spürte in diesem Augenblick Achtung und Nächstenliebe und etwas, was ich lange nicht gespürt hatte: Leichtigkeit. Ich bekam ein Stück seiner Leichtigkeit. Nichts erwarten, ohne Stress, weil Menschen Menschen brauchen.
Nächstenliebe, die: innere Einstellung, aus der man heraus bedingungslose Opfer für jemanden bringt.
Ihr Menschen da draußen; Schwestern, Cousins, Nachbarn, Mütter, Tanten, Freundinnen, Brüder, Väter. Ihr, die ihr andere Menschen in schweren Zeiten unterstützt, die ihr mitweint und mitlacht, Drogerieeinkäufe erledigt, Kinder betreut, Wohnungen saugt, Rasen mäht, Hände haltet, Taschentücher reicht.
Unterschätzt eure Leistung nicht! Ihr sichert das Überleben in schweren Lebenssituationen. Oftmals ist man als helfende Person nicht sicher, ob das Angebot überhaupt nützlich ist, ob man an der richtigen Stelle den doppelten Boden positioniert hat. Doch die Platzierung ist gar nicht so wichtig. Dass sich jemand die Mühe macht, die Spanngurte von den großen blauen Matten zu lösen, sie umzukippen, um sie hinter sich herzuziehen und unter den schweren Alltag zu legen, ist hilfreich.




Als ich nach der Leukämiediagnose die vierte Woche in Folge mit unserem Sohn auf der Kinderonkologie verbrachte, waren es eben diese Menschen, die mir das stille Versprechen gaben, dass wir es schaffen würden, gemeinsam. Dass unser Leid ihr Leid ist. Menschen, die für uns da waren, ohne uns mit der Frage »Wenn ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid« zu belasten. Vor der Tür standen und uns in dem Moment, als wir zu fallen drohten, dafür sorgten, dass der Aufprall abgefedert wird. Nicht fragend, sondern handelnd.
Stimmt, zu der Überlegung, was mein Gegenüber braucht, gehört eine Portion Sensibilität und Empathie. Dennoch müsste man ein ziemlicher Holzklotz sein, um sich mit einem Hilfsangebot in die Nesseln zu setzen! Samuel Koch sagt dazu: »Natürlich: Wer nichts tut, kann auch nichts falsch machen. Aber auch nichts richtig.«
Häufig sind es die kleinen Gesten, die guttun: Hilfe im Alltag oder einfach nur ehrliche Anteilnahme. In Kauf nehmen, dass man nur kurz etwas abgibt, wenn man vor der Tür steht, und dann ohne viel Small Talk wieder geht.
An Tagen, an denen wichtige Behandlungen anstehen oder es neue Informationen gibt, morgens eine SMS schicken. Ein »Ich-denke-an-dich-ohne-dass-du-reagieren-musst.« Uns Menschen fällt es schwer, dem sichtbar Leidenden den Schmerz nicht nehmen zu können. Doch darum geht es nicht. Die Motivation sollte nicht sein, eine Lösung zu finden, sondern die Selbstlosigkeit. Den Schmerz des Gegenübers aushalten und sich dabei immer wieder daran erinnern, dass Menschen, die es schwer haben, oftmals schwierig sind und Verständnis dafür zu haben. Zuhören, wenn immer und immer wieder die gleiche Geschichte erzählt wird. Auch praktisches Handeln ist eine Hilfe. Dabei, auch wenn es schwerfällt, Tipps oder Erfahrungsberichte für sich behalten.
Ich habe mal bei Instagram die Frage gestellt, was in der Not hilft und wurde überschüttet mit Antworten. Um die Nachrichtenflut zu ordnen, habe ich sie in die fünf häufigsten Antworten zusammengefasst.

1. Essen vor die Tür stellen. Ohne Small Talk oder Erwartungen.
(Die Tür aufzumachen, um den Müll herauszubringen und einen Topf Suppe vorzufinden, hat mir geholfen, die verbleibenden Stunden des Tages zu schaffen)
2. Zusammen schweigen können, den Schmerz gemeinsam aushalten, keine Ratschläge, einfach Dasein, und das muss gar nicht immer und ständig sein, aber beständig
3. Kleine Aufmerksamkeiten, ein »Ich-denke-an-dich«, liebe SMS, Briefe, Karten, Blumen, eine Kerze ins Fenster stellen und ein Foto davon schicken.
4. Praktische Hilfe; Kinder aus der Kita/Schule abholen, einkaufen gehen, Wäsche waschen, Rasen mähen etc.
5. Auch Jahre nach dem Tod eines geliebten Menschen an den Todestag denken und sich melden, denn Trauer verjährt nicht.
Zu den Antworten gab es häufig Geschichten der Nächstenliebe. Neben den Menschen, die den Betroffenen nahestanden, waren es auch Menschen, die geholfen haben, mit denen eher flüchtig der Alltag geteilt wurde.
Bei uns war es beispielsweise eine Mutter von dem Kitafreund unseres Sohnes. Eigentlich kannten wir uns gar nicht richtig, und dennoch rief sie in der zweiten Woche nach der Diagnose an und fragte mich, ob die Gerüchte in der Kita über Phileas stimmen würden. Es gab einen kurzen Austausch und sie sagte, wenn wir etwas brauchen, sollten wir uns melden. Doch es blieb nicht dabei. Wahrscheinlich wusste sie, dass ich mich nie melden würde, und so schrieb sie mir regelmäßig, lud uns zum Spielen ein, wenn Phileas Immunsystem es erlaubte. Das war mutig, denn zum Spielen kamen ein totkrankes Kind und eine labile Mutter. Sie hielt es aus. Nachdem unser Sohn in die Erhaltungstherapie kam und sogar eingeschult werden konnte, hatte er immer wieder verschiedene, durch die Chemo bedingte körperliche Probleme. Eins davon betraf die Haut. Er hatte starken Juckreiz und Leberflecke, die zu schnell wuchsen. Eigentlich hätte das Arztbesuche zu den ohnehin schon vielen Terminen in der Kinderonkologie bedeutet. Und das, wo wir uns doch nichts sehnlicher wünschten, als einen normalen Alltag zu leben. Als ich der Mutter bei einem unserer Treffen davon erzählte, sagte sie, sie sei Hautärztin und könnte sich das angucken. Sie hatte zwar im Alltag mit einer eigenen Praxis und zwei kleinen Kindern viel zu tun, kam aber danach regelmäßig nach ihrer Arbeit zu uns nach Hause und kontrollierte die betroffenen Hautstellen. Mit solch einer Selbstverständlichkeit. Ich muss immer noch lächeln, wenn ich an diese selbstlosen Kontrolltermine denke. Sie hätte in der Kita auch einfach weghören können, aber sie hat sich entschieden uns zu helfen, auch wenn sie dafür aus ihrer Komfortzone gehen musste.
Eine weitere Person, die uns sehr geholfen hat, war unsere Nachbarin. Als unser Sohn erkrankte, war auch sie eine Fremde.
Diese Nachbarin bot uns sofort ohne Erwartungen Hilfe an, als sie von Phillis Diagnose hörte. Sie kochte uns Essen und lud uns ein, um uns einen Moment aus der Krebsblase zu holen. Oftmals saß ich bei ihr apathisch im Stuhl, keine Kraft, um etwas zu geben, nur froh, dass unsere Jungs für einen Moment Kinder sein durften. Diese Nachbarin ist inzwischen eine gute Freundin von mir geworden. Noch immer bin ich sprachlos über ihre uneigennützige Hilfsbereitschaft. Es stand nicht in ihrer Macht, unseren Sohn zu heilen, doch sie entschied sich, einen Teil unseres Leids mitzutragen, und so bekamen wir immer wieder Kraft, um weiterzumachen.
Sie stellte den ganzen Winter hindurch eine Kerze ins Fenster, damit ich, wenn ich mich zum Weinen auf dem Klo eingeschlossen habe, sehen konnte, dass ich nicht allein bin. Es ist wichtig, dass Kinder die Emotionen der Eltern erleben, damit sie einschätzen können, was los ist, damit sie sehen, dass es völlig normal ist, zu weinen, zu zeigen, dass man müde ist, geschafft, enttäuscht. Das auch Eltern Ängste haben. Dennoch war diese Form der Angst so gewaltig, dass ich diese Momente im Badezimmer brauchte, um mich zu sortieren. Ich wollte dann mit niemandem reden, sondern mich verkriechen. Wenn keine Tränen mehr kamen, stieg ich auf unseren Badewannenrand, um aus dem Fenster gucken zu können. Über zwei Nachbargärten hinweg sah ich das Licht der Kerze leuchten. Es war immer da. Ich weiß nicht, wie sie das gemacht hat. Selbst Mutter von vier Kindern, in einer Patchworkfamilie lebend und alle Hände voll zu tun, nahm sie jeden Tag die Streichhölzer, um mir zu zeigen, dass für uns ein Licht brennt. Dass ihre Tür immer einen Spalt breit offen ist, damit ich mich nicht so alleine fühle.
»Mich ängstigt nicht
der Wind
und das Geräusch
der Stadt,
solange nur
die Tür
hinaus zum Flur
und auf den Gang
zu dir
noch eine Handbreit
offen steht
und angelehnt ist
an dein Licht.«
Hans Günther Saul
Dieses beständige Licht war es, das mir in dunklen Zeiten den Weg beleuchtet hat. Er war dadurch nicht schöner, jedoch besser zu erkennen. Ich hatte weniger das Gefühl herumzuirren. Ich denke, dass ist der Inbegriff von Hilfe; Menschen, die einem im Leid in der Überforderung helfen, damit man weniger herumirrt.
Die bittere Pille
Mein Baby, unser Sohn, da bist du endlich, vollkommen, kein Makel ist zu finden, nur ein Wunder. Nun liegst du schon seit einigen Tagen in meinen Armen und ich kann nicht begreifen, auch nicht beim dritten Kind, dass so etwas Unsagbares möglich ist. Ich bin erschöpft, an ein leises, störungsfreies Wochenbett ist nicht zu denken, aber es bleibt genug Zeit, um dich einzuatmen.
Als gestern der Kinderarzt wie auch damals bei deinem Bruder zur U2 zu uns nach Hause kam, auf leisen Sohlen und mit sanfter Stimme, um dich zu untersuchen und mir mit einem Lächeln mitzuteilen, dass du ein vollkommen gesunder Junge bist, musste ich unweigerlich schlucken.
Dein großer Bruder, unser Erstgeborener, war immer ein »kerngesunder Junge«, selten krank, immer alle Werte im Normbereich, bis zu dem Tag, als nichts mehr stimmte.
Als ich gestern am Wickeltisch stand und in die beruhigenden Augen des Arztes schaute, konnte ich nur denken: »Nichts hat Bestand, auch nicht die Gesundheit unseres neusten Familienmitgliedes, unseres kleinen Jungen, für den ich schon in der Schwangerschaft so viel Mut brauchte.« Auch ihn werde ich halten, stillen, pflegen und mit Liebe überschütten, doch sein Leben, sein Leben habe ich nicht in der Hand. Ich musste mich für den Moment der Erkenntnis am Wickeltisch festhalten, bemüht, das Lächeln des Kinderarztes zu erwidern.

Die Erkenntnis, dass ich nichts in der Hand habe, ist nicht neu und trifft mich dennoch hart, denn diese Pille ist bitter und kaum zu schlucken. Und ich fühle es ebenso stark wie damals, mein Baby, als ich nicht wusste, ob dein großer Bruder sterben wird. Seitdem muss ich mich immer wieder daran erinnern, was wir brauchen: Liebe, Vertrauen, Demut und die Fähigkeit, Tag für Tag dafür zu sorgen, dass die Bitterkeit der Pille runtergespült wird, damit sie sich nicht in unseren Herzen ausbreiten kann. Es braucht genügend fließendes Wasser, damit aus der Bitterkeit keine Verbitterung wird.
Mein Baby, so friedlich liegst du hier auf meinem weichen Bauch, und ich bin mir meiner Begrenztheit bewusst, die so hart und gleichzeitig aufrichtig ist. Ich habe nichts in der Hand, doch mein Herz in der Brust ist weich, und ich werde dafür sorgen, dass es so bleibt. Für euch, für mich. Ich darf mich mit all meinen Rundungen und Kanten lieben. Ich bin gut. Und voller Fehler. Und das Beste: Ich werde geliebt, mit allem drum und dran.
In Epheser 3,17 heißt es: »Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet.« Das klingt nach einem Fundament, nach einem Versprechen.
Egal, was auf der Erde so los ist, wie du aufgewachsen bist, ob dein Job gut und deine Beziehung glücklich ist, du bist in der Liebe Gottes eingewurzelt. Daraus werden Nährstoffe geschöpft. Diese Liebe möchte nichts, sie ist nicht an Bedingungen geknüpft. Ich schließe die Augen und kann atmen. Dieser Atem geht tief in den Bauch, er lässt mich wachsen. Gottes Liebe ist mein Schutz. Ich hätte aus menschlicher Sicht jedes Recht gehabt, Gott zu verdammen, ihn mit einem süffisanten Lächeln zu sagen, er soll verschwinden. Ich hätte laut schreien können: »Hau ab, hau ab mit dieser ganzen ›Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt‹-Scheiße.« Nirgendwo warst du. Du hast zugelassen, dass an dem Körper unseres Sohnes keine heile Stelle mehr war. Du hast auf seine offenen, eiternden, nicht heilen wollenden Wunden geguckt und mit den Achseln gezuckt. Da war kein Wunder. Da waren nur Krankheit und Tod. Kinder, die gestorben sind. Und ein kleiner Bruder, der an der Hand immer hinterhergezogen wurde. Und eine Ehe, die nur noch aus Schichtübergabe bestand, aus Schweigen und Aushalten, aus stillen Tränen, Überforderung und Alkohol. Weil niemand diese Ohnmacht ٢٤ Stunden im vollen Bewusstsein aushalten kann. Es macht einen kaputt. Und auch wenn die medizinischen Möglichkeiten unseren Sohn nicht haben sterben lassen, hat es damit das Erlebte nicht gelöscht. Das ist in uns. Verwachsen, nicht mehr zu trennen von unserem Geist. Ja, ich hätte allen Grund gehabt, an der Existenz Gottes zweifeln zu können. Das ist auch alles ein wenig merkwürdig; etwas Großes, das im Himmel ist, aber auch neben mir. Das die Erde überflutet, aber alles wachsen lassen kann. Nicht greifbar und dabei die vollkommende Liebe.
Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass es einen Gott gibt. Es gab und gibt auch heute noch immer wieder Phasen, in denen ich mich unruhig durch das Internet klicke, mit lieben Menschen telefoniere, Projekte starte. Alles in der Hoffnung, dass es in mir ruhig wird, dass die pöbelnden Stimmen in meinem Kopf schweigen. In dieser Hoffnung werde ich immer eiliger, bin mir sicher, dass mir irgendetwas schon helfen wird. An manchen Tagen geht es schneller, an anderen brauche ich einen Moment, um zu merken, dass ich stehen bleiben muss, um ruhen zu können. Um die Tiefe zu spüren, das Zugrundeliegende unter der Ratlosigkeit. Dass das, was die Welt mir gibt, nicht genügt. In meinem Kopf ist es schon angekommen, aber meine Füße machen immer noch unruhige Schritte hierhin und dorthin. Dalai Lama im Kopf, Speedy Gonzales im Rest des Körpers. Stopp! Halt! Aufhören!



Alles, was ich bin, gebe ich dir, Gott. Alles, alles, alles. Meine Beine bleiben stehen, ich sinke nieder. Ich darf aufhören zu produzieren. Dieser ganze Kram, der auf meinen Schultern liegt, tonnenschwer, der Anspruch, ich müsste dennoch geradestehen und stark sein, fließt von meinen Schultern. Gleitet zu Boden. Er kleckert vor meine Füße. Mein Kopf beugt sich, ich darf schwach sein, klein. Denn diese wunderbare und gleichsam schwere Welt gab es schon vor mir, ich muss nichts neu erschaffen. Ich schaue auf all meine Sorgen, Gedanken, Ängste, Herausforderungen, die in die Ritzen unserer Dielen laufen. »Gott, kannst du das aufwischen? Ich muss mich erst einmal ausruhen!« Ich rolle mich ein, decke mich mit meinen Haaren zu und höre noch, wie der Lappen neben mir ausgewrungen wird, höre, wie all das, was mich seit Tagen immer missmutiger werden lässt, in das Wischwasser tropft. Mein Alltag ist nicht allein meine Sorge. Von dem Anspruch, dass alles gelingen muss, darf ich mich befreien. Bevor ich langsam wegdämmere, habe ich entschieden, das Unnötige die nächste Woche wieder abzuschütteln und nur an dem Unersetzlichsten zu arbeiten.
Rationelle Romantik
Heute ist Polikliniktag. Schon wieder vier Wochen um.
Vor nicht allzu langer Zeit wäre mir ein Besuch auf der Kinderonkologie im Vier-Wochen-Rhythmus wie der pure Luxus vorgekommen. Und auch heute schätze ich es, dass wir nur noch so selten dort aufschlagen müssen. An diesem Ort der Rettung und Hoffnung, aber auch der Trauer und des Verlustes. Wo man am Status der Haare erkennen kann, an welchem Punkt des Chemo-Protokolls die Kinder sich gerade befinden.
An den Kontrolltagen kann ich nicht ignorieren, wo wir stehen. Dass der Status unseres Sohnes weiterhin »krebskrank« ist, dass diese regelmäßigen Blutkontrollen lebenswichtig für ihn sind.
Und dann fällt der Termin auch noch in das Wochenbett. Ich bin doch gerade so verletzlich, so weich. Alles in mir ist darauf gepolt, ein kleines Lebewesen zu halten, zu ernähren, ankommen zu lassen. Und dieses kleine Bündel auf den Arm zu nehmen, den krebskranken Jungen an die Hand und so zu tun, als wäre es das normalste auf der Welt mit beiden einen Ausflug in die Kinderonkologie zu machen, ist Schwerstarbeit.
Aber dann gibt es meinen Mann. Der mir gerade ein Stück dieser Realität abnimmt, ohne sie zu leugnen. Und weil es für mich sogar momentan herausfordernd ist, den Mittleren in die Kita zu bringen, nimmt er ihn kurzerhand mit in die Klinik, obwohl es anders geplant war. Ohne viele Worte und ohne sich in seinem Ruhmesmoment zu baden. Die drei machen sich auf den Weg, meine Hand liegt auf der Fensterscheibe, sie bemerken mich nicht, aber mein Blick schickt ihnen Wärme.
Das ist das Schöne im Hässlichen. Der Schmerz, das Leid um diesen vermaledeiten Krebs bleibt, doch sehe ich meinen Mann, der mich gerade nicht dazu zwingt, zu funktionieren. Der mich weich sein lässt. Der mit Sicherheit viele Dinge zu tun hat, weil er nebenbei dafür sorgt, dass wir wohnen und essen können. Wie er das macht, ich weiß es nicht, aber auch das ist für ihn in Ordnung. Er handelt aus Liebe zu mir, und das lässt mich an anderer Stelle im Alltag mich auf ihn zubewegen.
Geliebt, in all dem Wahnsinn, der hier einzog. Dass es so sein kann, hat vor allem etwas mit einer Entscheidung zu tun. Wir haben uns beide entschieden, an der Seite des anderen stehen zu wollen. Da war nichts Magisches, das war eine rationale Entscheidung und viel Arbeit, um weiterhin ein »Wir« zu haben. So langsam kommt die Erinnerung wieder, wie wir zusammengekommen sind und warum. Aus dieser Erinnerung, gepaart mit der Entscheidung füreinander, ist ein Fundament entstanden, dass nicht nur im Ofen gebackener Knetmasse entspricht, sondern metertiefem Beton. Hier und da ein kleiner Haarriss, jedoch nichts, was man nicht wieder zuspachteln könnte. Das bedeutet wieder Arbeit, doch es festigt das Fundament, das man lieber repariert, anstatt es komplett neu zu gießen und damit alles, das war, aufzugeben.
Ist das nicht eine gute Basis, um aus einem gefüllten Herzen heraus zu sagen: »Es ist gut, wie es ist«?
Ich lerne. Tag für Tag. Empfange draußen den kalten Novemberregen, weil mich das die Wärme im Inneren schätzen lässt. »Neben dir halt ich mich gerade«, heißt es in einem Lied von SEEED. Ich fange an zu summen, während ich unseren Sohn in den Schlaf stille.
Reibung und Wärme
Ab 17:30 Uhr müsste ich als Mutter Feierabend machen. Ich bin eine Freundin des frühen Tages, brauche nicht viel Schlaf, und wenn man mich nachts weckt, dann bin ich in 3,5 Sekunden handlungsfähig. Am Vormittag laufe ich zu Hochtouren auf, und nach dem Mittagessen kann ich manisch hüpfend nahezu alles. Doch ab dem späten Nachmittag bröckeln meine Geduld, mein Wahrnehmungsvermögen und meine Lust, Dinge zu erledigen. Das mit der Lust würde ich noch hinbekommen, doch die Geduld ist ein Problem. Denn zeitgleich mit meiner schwindenden Geduld schwindet auch die Kooperationsbereitschaft der Kinder. Dieser nachmittägliche Emotionsbrei macht die Luft im Haus stickig.
Somit zweifle ich regelmäßig an meiner Erziehungskompetenz. Mir ist bewusst, dass freundliche Worte wie Honig sind: süß für die Seele und gesund für den Körper (Sprüche 16,24). Ich würde so gern nur freundliche Worte aus meinem Mund entlassen. Immer, jeden Tag, jeder Zeit.
Aber so läuft es nicht! Inzwischen weiß ich, dass zum Muttersein mehr gehört, als Honig zu verteilen.
Ich merke, wie unser ältester Sohn in einem Alter ist, in dem er ein beständiges Gegenüber sucht, jemanden, der ihn auf Augenhöhe empfängt, der sich jedoch auch mal zur vollen Größe aufrichtet. Denn bedürfnisorientiert zu handeln bedeutet nicht nur liebevolle Begleitung und die Gewährleistung einer sicheren Bindung, sondern auch seine Kinder auffangen zu können. Und das geht nicht immer auf Augenhöhe und mit Honig in der Hand, denn der klebt, und meine Beine schlafen in der Hocke ein.

»Wo Reibung ist, dort entsteht Wärme.« Diesen Spruch sagte die Mutter meiner besten Freundin in meiner Kindheit immer, wenn sich meine Freundin mal wieder ordentlich mit ihrer großen Schwester fetzte. So richtig verstanden habe ich den Spruch damals nicht.
Erst Jahre später, als ich selbst schon Mutter war und es hier bei uns zu Hause zwischen den Jungs mal wieder ordentlich krachte, verstand ich die Bedeutung.
Sie beruhigte mich.
Der Spruch versichert mir, dass es völlig normal ist, dass es in einer Familie zu Reibereien und lauten Auseinandersetzungen kommt. Gerade, wenn man sich sehr mag, kann einen sein Gegenüber mit dem, was es sagt, sehr treffen. Da kann es schon einmal hoch hergehen.
Je dichter man aneinander dran ist, desto mehr Wärme wird auch durch das Diskutieren und Streiten verursacht. Emotionen müssen ausgesprochen werden dürfen, Grenzen abgesteckt. Vorausgesetzt, es passiert ohne jegliche Form von Gewalt.







Ein relevanter Schritt in der Entwicklung eines Kindes ist es, mit den Konsequenzen, die aus dem eigenen Handeln heraus entstehen, vertraut zu werden. Wenn ich lerne, meine Schuhe allein anzuziehen, muss ich niemanden mehr um Hilfe bitten. Wenn ich mich an gemeinsam erarbeitete Absprachen halte, wird mir vertraut und ich kann immer mehr allein machen. Wenn ich meinem Bruder etwas wegnehme, wird er wütend und ist sauer auf mich. Zu erfahren, dass das eigene Handeln eine Auswirkung hat, ist wichtig.
Nora Imlau, Autorin, Journalistin und Vertreterin der bindungsorientierten Elternschaft, sagt dazu: »Sie (die Erfahrung) vermittelt Kindern nämlich das Gefühl, von Selbstwirksamkeit, also der Überzeugung, individuell einen Unterschied machen zu können.«
Folglich sind Reibereien innerhalb der Familie und unter Geschwistern nicht nur völlig normal, sondern auch entwicklungsfördernd. Zwischen den Geschwistern ist es nicht selten besonders warm, auch wenn der Eindruck in vielen Momenten des Tages ein anderer ist. Vor allem mit dem Blick von außen. Unsere Nachbarn fragen sich mit Sicherheit regelmäßig, was bei uns so los ist, und sollte mich jemand fragen, dann antworte ich, dass in diesen Momenten bei uns besonders viel Liebe zu finden ist.
Geschwister verbringen in der Regel die ganze Kindheit miteinander; vorausgesetzt, sie leben in einem Haushalt und sind altersmäßig nicht viele Jahre auseinander. Sie müssen täglich verhandeln und Kompromisse schließen, wohlwissend, dass sie weiterhin miteinander klarkommen müssen. Was oftmals durch Erwachsene romantisiert und vorausgesetzt wird, ist Schwerstarbeit. Wir als Eltern wägen täglich ab, wann Begleitung nötig ist, und wann wir unsere Kinder in Ruhe lassen, ja, sie sogar bitten, ihre lautstarken Auseinandersetzungen in einem anderen Raum weiterzuführen.
Ähnlich verhält sich die Beziehung zwischen uns als Eltern und den eigenen Kindern. Am liebsten hätte ich Einigkeit und Frieden. Das ist einfach, das fühlt sich gut an, findet in der Realität dennoch selten statt, weil Kinder heutzutage glücklicherweise ihren Charakter und ihre Individualität ausleben dürfen.
Als unser ältester Sohn geboren wurde, war ich mir sicher, dass ich für ihn so etwas wie seine beste Freundin werde. Ich wollte ihn umsorgen, begleiten, immer an seiner Seite sein. Doch so verlockend diese Rolle der besten Freundin ist, es ist nicht meine. Für meine Söhne bin ich ihre Mutter, nicht ihre Freundin, und das ist gut so.
Das heißt nicht, dass ich nicht oftmals denke, dass es besser für die Jungs wäre, ab dem späten Nachmittag nicht mehr mit mir zusammen zu sein, nachdem ich mich aufgerichtet und Klarheiten verteilt habe. Wenn ich sie dann abends ins Bett bringe, mich mit wirrem Haar zu ihnen runterbeuge, ihr Atem der verlangsamten Geschwindigkeit meines Atems folgt, merke ich, dass »meine Anwesenheit so viel mehr bewirken kann, als ich mir in meinen Zweifeln selbst zutraue« (bei diesem Satz habe ich mich bei Herbert Grönemeyer bedient).
Der Schlüssel ist wieder einmal das weiche Herz und nicht, ob ich meinen Erziehungsansprüchen genüge, ob ich jeden Tag Hand in Hand mit der Ausgeglichenheit aus dem Bett hüpfe und keine andere Emotion außer Geduld empfinde.
Es geht darum, den Jungs kindgerecht zu erklären, wo meine Grenzen liegen; dass ich morgens besser zu gebrauchen bin als abends. So war das schon als Kind und ist heute noch so. Im Gegenzug muss ich akzeptieren, dass unser Großer morgens lieber kaum bis gar nicht isst und dafür mittags halbe Schweine, und dass der Mittlere immer eine Kapuze, eine Mütze oder eine Cap auf dem Kopf trägt, weil er sich damit sicher fühlt. Wenn das ihre und meine Herzen mit Wärme füllt, dann ist es genau richtig. Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund (Lukas 6,45).
Überförderungs- gestöber
Unser Sohn, seit einiger Zeit bist du nun ohne Chemo. Endlich. Wir haben uns so danach gesehnt.
Aufatmen, nach vorne schauen. So habe ich es mir gewünscht, doch so recht daran geglaubt habe ich nicht. Denn du bist so voll. Auch wenn dein Körper die Zytostatiker abbaut, bleibt all das Erlebte in dir. Ein fieser Matsch aus Kotze, Angst und zu viel Ninjago gucken. In dir brodelt es wie in einem Magen voller scharfer spanischer Wurst.
Und immer öfter läufst du über. Dann kotzt du Emotionen; auf Geburtstagen, in der Schule, zu Hause. Und alle verstummen. Was hat dieser tollwütige Junge? Ihm geht es doch gut, alles überstanden. Mir schießen dann Tränen in die Augen. Aus Hilflosigkeit, aus Wut, weil niemand es so recht verstehen will. Dass es tatsächlich so schwer ist zu verstehen. Oberflächlich gesehen scheinst du unversehrt. Zwei Beine, zwei Arme, ein Kopf. Kriterien, die fälschlicherweise dazu benutzt werden, um zu beurteilen, wie es jemandem geht.
Sarah Broll schreibt in ihrem Artikel in der Zeitschrift Family: »Die Vorstellung, ein behindertes Kind zu haben, ist viel schlimmer, als tatsächlich eins zu haben.«
Sarahs Sohn hat das Down-Syndrom, und sie erzählt ehrlich und ebenso herzlich, was es heißt, ein behindertes Kind zu haben. Unser Sohn ist auch behindert, so sagt es zumindest sein Behindertenausweis. Diese Behinderung wird immer weniger offensichtlich und dennoch bewegen wir uns in einem Alltag voller Defizite. »Alles ist gut« scheint nicht unser Weg zu sein. Unser Weg ist laut, krank und mit Unruhen gepflastert.
Und dann wieder so leise und innig, dass nur das Wispern unserer Schritte zu vernehmen ist. Dieser Weg zwingt mich immer wieder das Gute nicht zu übersehen. Ich schließe meine Augen, falte meine Hände, sehe durch die Lieder das glitzernde Schneegestöber meiner Schneekugel auf dem Nachttisch. Die Flocken wirbeln auf und nieder, umspielen die Schneemannfamilie.
Da, da ist es, das Schöne in all dem Überforderungsgestöber: Nicht der Tod hat Einzug erhalten, sondern das Leben.
»Von allen Seiten werden wir von Schwierigkeiten bedrängt, aber nicht erdrückt. Wir sind rastlos, aber wir verzweifeln nicht.« (2. Korinther 5,8).
Das Leben ist selten schwarz-weiß, nur gut oder nur schlecht. Ich habe den Glauben daran verloren, dass es eine umhüllende Zeit geben wird, in der wir uns neben die Schneemannfamilie stellen und nichts anderes machen, als in die Flocken zu schauen. Eine Zeit ohne Herausforderungen.
Erst letzte Woche, die Sehnsucht nach einem vollkommenden Tag war mal wieder besonders groß, machte es knack in meinem Mund, meine Zunge fuhr instinktiv an die Stelle, sofort war klar, da ist ein Stück Zahn abgebrochen. So ein Mist. Sashi, 11 Monate alt, hat seit zwei Tagen Fieber, dementsprechend sind die Nächte.
Also schnell die beiden Großen wegbringen, zum Zahnarzt, zurück nach Hause, den Mann ablösen und mit dem Baby zum Kinderarzt.
»Es ist doch nur ein Zahn«, »es ist doch nur ein Schnupfen«, hilfreiche Signale dieser Art könnte mir mein Gehirn doch senden. Tut es aber nicht. Mal wieder bin ich erschöpft.
Natürlich sind die Straßen voll. Ich schiebe mich in den Kreisverkehr, ein Mann, der eigentlich zu bullig für seinen kleinen Opel Corsa ist, grinst, bremst, lässt mich vor, mit einer Handbewegung, als würde er mich zum Tanz auffordern. Ich bin so überrascht, dass ich ihm einen Handkuss zuwerfe.
Im Parkhaus angekommen ist die Schranke offen.
Unser Junge glüht, meine Füße machen kleine schnelle Schritte, wann ist er denn so schwer geworden, ich fange an zu schwitzen. Auf dem Weg zum Fahrstuhl begegnet mir der Hausmeister, er sammelt Müll auf, seine Greifzange klickt, die Parkhauswände geben das Echo wieder. Wir nicken uns zu. Ob ich denn kein Ticket gelöst habe, fragt er mich im ernsten Ton, die Greifzange erhoben zur Schranke. Ich halte inne, stottere irgendwas von »die Schranke war offen, äh.« Er kostet den Moment aus, noch 3 … 2 … 1, grinst dann und lächelt. Ach so, das war ein Spaß, du Schelm.
Ich sage ihm, dass für sowas heute nicht der richtige Tag ist, er fragt was denn los sei, ich antworte in Stichpunkten, er ist ganz zugewandt. Der Mann ist Mitte vierzig, und ich gehe mal davon aus, dass er beim Müllaufsammeln nicht unbedingt innerlich jauchzt, doch er sieht die Chance des kurzen Schwätzchens und ergreift sie. Ich muss grinsen. Jetzt haben sie mich doch zum Lachen gebracht. Er sagt in der typischen Berliner Direktheit: »Dit wird schon nüscht Schlimmet sein!« Wir lächeln uns zu, ich steige in den Fahrstuhl.
Beim kleinen Jungen sind es die Ohren. Im Erdgeschoss gibt es beim Portugiesen Karottenküchlein, diese Dinger mit weißer Sünde drauf. Ich kaufe mir eins und beiße genüsslich rein. Es sind solche Zeiten, die mich in die Knie zwingen oder aufrichten können.
Meine Lebensarroganz, es drauf zu haben, gibt es an diesen Tagen nicht. Ich verbünde mich mit allen, die es auch nicht draufhaben, und schwimme wogend in der Masse.
Jennifer Zimmermann sagt in ihrem Buch »Als Gott mich fallen ließ«: »Kostbar ist die Welt mit ihrer Schönheit und ihrer Dunkelheit. Nicht trotz. Nicht wegen. Und.«
Gleichwohl wird das beschlagene Glas klarer, meine Erkenntnis wieder sichtbar: Wir brauchen kein »Alles-ist-gut« um glücklich zu sein, denn wir können weiteratmen, lassen uns von dem Leid nicht erdrücken. Und ich stimme in das Sarah Brolls Lied ein: »Die Vorstellung ein krebskrankes Kind zu haben ist schlimmer, als eins zu haben.«
Бесплатный фрагмент закончился.
