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Katharina Ganz
Frauen stören
Katharina Ganz
Frauen stören
Und ohne sie hat
Kirche keine Zukunft

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
1. Auflage 2021
© 2021 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter.de
Umschlag: wunderlichundweigand.de
(Umschlagfoto: Katharina Gebauer)
Innengestaltung: Crossmediabureau, https://xmediabureau.de
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
ISBN
978-3-429-05623-0
978-3-429-05155-6 (PDF)
978-3-429-06531-7 (ePub)
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Teil 1
1.Papst Franziskus und die (Ordens-)Frauen
Überhöhung des Papsttums
Glaubwürdigkeit liegt in Trümmern
Innerkirchliche Frauenverachtung hat System
Symbolische Gesten reichen nicht
Chance, die Frauenfrage erneut zu stellen
Papst Franziskus: „Kirche wächst und ist auf dem Weg“
Teil 2
1.Antonia Werr – eine beispielhafte Ermutigungsgeschichte
Biografie und Leben
Riskanter Einsatz der gesamten Existenz
Körperlich fragil – geistig vital
Frau ohne Stimme und Rechte verschafft sich Gehör
Prozesshafte Suche
Ökumenische Zusammenarbeit
2.Der Mut zur Gründung
Analyse der Zeitbedürfnisse
Systemischer Ansatz
Der Anfang in Oberzell
Die ersten Gefährtinnen
Umfassende Leitungsverantwortung
3.Ringen um Autonomie und Absicherung
Diplomatie im Umgang mit der Obrigkeit
Unabhängig und an die Kirche angelehnt
Kampf um pastorale Kompetenzen
Weihnachten als Programm
Räumlicher und theologischer Ortswechsel
Teil 3
1.Evangelisierung heißt: Sich stören lassen
Leben und Lehre sind gleichrangig und gleich wichtig
Der Mensch als Kind Gottes steht im Mittelpunkt
Glaube muss sich im Handeln bewähren
Herausforderungen für den Synodalen Weg
Taufe überwindet Geschlechtsunterschiede
2.Macht und Gewaltenteilung
Weihe- und Jurisdiktionsvollmacht
Macht und Autorität
Mitreden oder mitentscheiden?
Ablenkungsmanöver im Umgang mit der Machtfrage
Weniger Klerikalismus, mehr Macht für Lai*innen!?
Die Anders-Macht
3.Frauen in Diensten und Ämtern
Frauen in kirchlichen Leitungspositionen
Kirchenrechtlich ist einiges möglich
„Die Erika hat das Zeug für einen Pfarrer!“
Berufungen und Autorität von Frauen ernst nehmen
Nagelprobe Kirche: Frauen als Notnägel reichen nicht!
Machterhalt oder Wahrheitssuche?
4.Positionierungen der Oberzeller Franziskanerinnen
Den Inkarnationsgedanken ernst nehmen
Strategisch vorgehen und Verbündete suchen
Geschlechtergerecht Kirche sein
5.Auch Ordensleute leben und lieben anders!
Andere Lesart der Schöpfungserzählung
Als Minderheit solidarisch mit anderen Minderheiten
Verantwortliche Gestaltung der eigenen Sexualität
Den Weg der Wahrheit und Wahrhaftigkeit gehen
Selbstwirksamkeit und Partizipation
Ein Wort zum Schluss
Anmerkungen
Vorwort
„Frauen stören“. Unter diesen (provokanten) Titel habe ich dieses Buch gestellt. Beim Stichwort „stören“ denkt man zuerst an Lästigsein oder Auf-die-Nerven-Gehen. Im Zusammenhang mit „Frauen“ kommen möglicherweise Bewegungen in den Sinn, in denen sich Frauen vernetzen und für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der (römisch-katholischen) Kirche einsetzen.
2019 hat sich in Stuttgart der sog. „Catholic Women’s Council“ (CWC) gegründet. Unter diesem Dach vernetzen sich weltweit römisch-katholische Mitgliedsorganisationen, die sich für die volle Anerkennung der Würde und Gleichberechtigung in der Kirche einsetzen.1 Ziel der Plattform ist nach eigenen Aussagen, Menschen zusammenzubringen, die bereit sind, sich einem informierten, ehrlichen und integrativen Dialog zu stellen, und gemeinsam erkennen wollen, wozu Gottes Geistkraft sie beruft. Ausgehend von einem Treffen deutschsprachiger katholischer Frauenverbände, Initiativen, Ordensfrauen und kirchlicher Gremien, die an einer gemeinsamen Positionierung zur Stellung von Frauen in der Kirche arbeiteten, hat sich das Netzwerk bereits 2020 global ausgebreitet. Die Liste der Mitgliedsorganisationen wächst permanent.2
#Overcoming silence heißt eine weitere, ebenfalls von der liechtensteinischen Fidel-Götz-Stiftung3 ins Leben gerufene Plattform, die Menschen guten Willens vernetzt mit dem Ziel, die Ausgrenzung von Frauen in der katholischen Kirche zu beenden: „Mehr als die Hälfte aller Katholiken sind Frauen. Hingegen werden Entscheidungen, die alle Katholiken treffen, nur von Männern getroffen. Treffen wir aber weiter einseitige Entscheidungen, gefährden wir die Relevanz und Langlebigkeit der katholischen Kirche. Wir brauchen mehr Stimmen, die für unseren Glauben sprechen. Beginnen wir mit denjenigen Stimmen, die bereits die Hälfte der katholischen Kirche repräsentieren.“4 Erklärte Ziele sind, Stimmrecht für (Ordens-)Frauen bei Bischofssynoden zu erreichen, mehr Frauen in Führungspositionen des Vatikan und auf allen Ebenen der katholischen Kirche zu bringen, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden.
Auch die deutschsprachigen Generaloberinnen hatten sich bei ihrer Mitgliederversammlung in Innsbruck im Oktober 2018 gegen die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen gewandt, da unabhängig von der sakramentalen Weihe Ordensmänner ihre Gemeinschaften mit Stimmrecht bei Bischofssynoden vertreten, während Ordensfrauen lediglich an den Versammlungen als Beobachterinnen teilnehmen dürfen. Die Generaloberinnen setzen sich deshalb für ein Ende dieser geschlechterspezifischen Benachteiligung in ihrer Kirche und für ein aktives Stimmrecht bei Synoden ein.5 Darüber hinaus stellten sich die Ordensfrauen hinter die sog. „Osnabrücker Thesen“, wonach nicht die Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern begründungspflichtig ist, sondern deren Ausschluss.6
In der Schweiz hat sich die sog. „Junia-Initiative“ gebildet, bei der Menschen aus dem Volk Gottes Personen vorschlagen können, die sie für eine sakramentale Sendung für geeignet halten.7 Dabei sollen Berufungen von Christ*innen anerkannt und sichtbar gemacht werden. Unabhängig von ihrem Geschlecht sollen Getaufte, die sich als Seelsorger*innen bewährt haben, vorgeschlagen werden, eine offizielle Sendung und Beauftragung durch den Bischof für ihren Dienst zu bekommen.
In Deutschland sorgte Maria 2.0 für Schlagzeilen. Die Anfang 2019 von fünf Frauen einer Pfarrei in Münster gestartete lose Bewegung glaubt, „dass die Struktur, die Missbrauch begünstigt und vertuscht, auch die ist, die Frauen von Amt und Weihe und damit von grundsätzlichen Entscheidungen und Kontrollmöglichkeiten in der Kirche ausschließt“8.
Der Katholische-Deutsche-Frauenbund (KDFB) sowie die katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) fordern inzwischen die Zulassung von Frauen zum Diakonat bzw. zu allen Weiheämtern der katholischen Kirche.9
Verbunden mit diesen vielfältigen Aufbrüchen in unserer Kirche und insbesondere mit allen, die sich im Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland engagieren und an die lebendigmachende Geistkraft Gottes glauben, schreibe ich dieses Buch. Allen, die diese Zeilen lesen, wünsche ich eine anregende Lektüre. Heribert Handwerk hatte bereits die Veröffentlichung meiner Dissertation als Lektor im Echter Verlag begleitet. Deshalb fiel es leicht, an der erprobten Zusammenarbeit anzuknüpfen. Meinen Mitschwestern und besonders dem Generalrat danke ich für ihr Verständnis, ihre Ermutigung und Unterstützung, dass ich nach der Arbeit an meiner Dissertation, die die Hälfte meiner ersten Amtszeit begleitet hat, erneut einen Teil meiner Zeit mit dem Schreiben verbringe.
Dr.in Katrin Brockmöller, Dr.in Martina Kreidler-Kos und Dr.in Andrea Qualbrink danke ich für inhaltlichen Austausch und weiterführende Anregungen, Sr. Philippa Rath OSB und den Münsterschwarzacher Missionsbenediktinern für die Autorisierung der sie betreffenden Passagen.
| Kloster Oberzell, am 10. Februar 2021, dem Gedenktag der hl. Scholastika, | M. Katharina Ganz |
Einleitung
Frauen stören. Damit ist weit mehr gemeint als lästig werden mit Petitionen zu den Anliegen der Würde und Gleichberechtigung von Frauen in der römischkatholischen Kirche. Frauen stören produktiv das System einer Institution, die zutiefst klerikal und männerbündisch geprägt ist. Sie stören durch ihre Anwesenheit, durch einen anderen Blick, durch Fragen und Herangehensweisen, die sich unterscheiden und einseitige Perspektiven ergänzen. Dabei geht es nicht um besser oder schlechter, sondern eben um die Vielfalt, die entsteht, wenn Frauen und andere sich gleichberechtigt einmischen, einbringen und mitentscheiden.
Andrea Qualbrink, promovierte Pastoraltheologin und Referentin für Strategie und Entwicklung im Bistum Essen, hat den Titel meines Buches erstmalig geprägt.10 Als Beraterin für systemische Organisationsentwicklung konstatiert sie: „Führungskräfte stören ihr Unternehmen. Frauen in Führung stören viele Unternehmen mitunter noch viel mehr – auch die Kirche. Und Störungen tun Unternehmen und auch der Kirche gut. Was unverschämt klingen mag, ist eine schlichte systemtheoretische Beobachtung“.11 Allerdings lassen sich Organisationen nicht gerne stören, sondern folgen am liebsten bewährten Mustern. Damit riskieren sie Stillstand, verpassen wichtige Entwicklungen und laufen Gefahr, sich ins gesellschaftliche Abseits zu manövrieren und irrelevant zu werden. Eine „gute Führungskraft“ zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihrer Organisation Impulse gibt, sozusagen „produktive Störungen“ auslöst, indem sie „von der Zukunft und von sich verändernden äußeren Bedingungen her denkt und entsprechende Strategien anstößt“12.
In der Kirche geht es darum, die bleibende Gültigkeit des Lebens und der Lehre Jesu Christi in die jeweilige Zeit, in individuelle und gemeinschaftliche Lebenssituationen und Kulturen hinein zu buchstabieren. Biblische Grundbotschaft, Tradition und Glaubenslehre müssen sich in den Kontexten verschiedener Epochen, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, globaler Herausforderungen und persönlicher Lebenslagen bewähren (vgl. Gaudium et spes, GS 1).13 Dazu gilt es, sich auf ihre Kernbotschaft, Sinnhaftigkeit und Überzeugungskraft zu besinnen, weiterzuentwickeln und immer neu auszulegen. Getragen sind meine Ausführungen von der Überzeugung, dass die eigene Lebens- und Glaubenserfahrung eine wichtige Quelle der Gotteserkenntnis ist.
Trotz allem, was mich an meiner Kirche ärgert, frustriert, beschämt und an ihr zweifeln lässt, bin ich überzeugt, dass die einzigartige frohe Botschaft Jesu Christi nicht an Berechtigung und Kraft verloren hat. Das Christentum kann auch in unserer Zeit einen großartigen Beitrag leisten, um die Gottesfrage offenzuhalten und das Zusammenleben mit anderen Geschöpfen menschlicher, gerechter und achtsamer zu gestalten. Allerdings müssen wir – also die Kirche als Ganzes – bei uns selbst anfangen. Nur wenn die Strukturen unserer Kirche, die Verteilung von Macht, der Umgang mit den eigenen Mitgliedern und Ressourcen dem Geist Jesu Christi entsprechen, werden wir im 21. Jahrhundert noch etwas zu sagen haben, was neugierig macht, aufhorchen lässt und einen echten Mehrwert bedeutet für das individuelle und soziale Leben.14
Das wird aber nur gelingen, wenn sich die Kirche ihren eigenen Abgründen, ihrem Versagen und ihrer Schuld in aller Scham, Offenheit, Wahrheit und Ernsthaftigkeit stellt. Erst seit Februar 2021 und damit ein Jahr nach dem offiziellen Start des von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) getragenen Synodalen Weges werden Betroffene aus dem Betroffenenbeirat strukturell in die Beratungen eingebunden und gehört. Das wurde höchste Zeit. In Online-Statements kamen Johannes Norpoth (Gelsenkirchen), Kai Moritz (Würzburg) und Johanna Beck (Stuttgart) beim Syodalen Weg am 4. Februar 2021 zu Wort. Sie beziehen ihre Autorität aus ihrer eigenen leidvollen Erfahrung von Missbrauch in der katholischen Kirche. Wie andere Traumaopfer bezeichnen sie sich als Überlebende, die dennoch nicht der Kirche den Rücken gekehrt haben, sondern sich aktiv einsetzen, Missbrauch entgegenzuwirken und Gewalt begünstigende Strukturen zu überwinden.
In stilistischer Parallelität zum Johannesprolog formulierte Johanna Beck, was der Ausgangspunkt der Beratungen zu notwendigen Reformen ist: „Am Anfang war die Missbrauchskrise. Die Missbrauchskrise war in der Kirche. Und die Kirche war in der Krise. Dieses war der Anfang des Synodalen Weges.“15 Die drei Sprecher*innen des Betroffenbeirates der DBK setzten Maßstäbe und betonten die Notwendigkeit des Willens zur individuellen und institutionellen Umkehr: Dazu gehört „alles daran zu setzen, dass diese ‚unfassbare Pervertierung des Evangeliums‘ beendet wird, und eine ‚radikale Reform der missbrauchsbegünstigenden Machtstrukturen‘ (Johanna Beck) zu erwirken. Das kann nicht dem persönlichen Ermessen und guten Willen Verantwortlicher überlassen bleiben; dazu braucht es belastbare Kontrolle und wirksame Begrenzung kirchlicher Macht – und heute und morgen den Mut zu handeln.“16 Die Kirche müsse sich ihrer Schuldgeschichte stellen. Das gehe nur mit „Haltung und Konsequenz, mit klarem Profil und Berechenbarkeit“ (Kai Moritz).17 Johannes Norporth verdeutlichte, dass der Synodale Weg „keine Therapie- oder Selbsthilfegruppe“ ist, sondern ein strukturierter Prozess, der „Zukunftsfragen unserer Kirche“ bearbeitet. Mit Blick auf die männlich verfasste Kirchenhierarchie schloss Norpoth bewusst mit dem Originalzitat von Adolph Kolping „Schön reden tut’s nicht, die Tat ziert den Mann!“
Der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland ist eine Chance, als Getaufte, Gefirmte, Gesandte und Geweihte einen gemeinsamen Weg zu gehen, der sich neu an der froh machenden Botschaft Jesu Christi ausrichtet und diese in unserer Zeit und Welt verortet. Mir macht Hoffnung, dass sich viele Teilnehmenden in den Foren und Versammlungen mit großem Freimut äußern und deutlich ihre Meinung vertreten. Auch die Stimme von Ordensleuten hat ein besonderes Gewicht, da sie rechtlich autonom und selten von den jeweiligen Ortsbischöfen abhängig sind. Zur Mitarbeit bereit war ich, als bekannt wurde, dass in den vier Foren keine Themen von vorneherein ausgeschlossen worden sind. Das war während des 2011 bis 2015 dauernden Gesprächsprozess anders, als der priesterliche Zölibat und die Frauenfrage tabuisiert waren. Meine Hoffnung ist, dass dieser Synodale Weg Antworten findet, wie das Evangelium Jesu Christi in der Kirche und Welt dieser Zeit in Deutschland inkarniert und inkulturiert werden kann. In meiner Sorge stimme ich dem Bochumer Pastoraltheologen Matthias Sellmann zu: „Es wäre aber naiv, die kulturelle Implosion zu unterschätzen, die eine Ergebnislosigkeit seiner Beratungen zur Folge hätte – kirchenintern wie -extern.“18
Ob der Prozess tatsächlich eine Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland bewirken kann, hängt wesentlich davon ab, ob es gelingt, offen und vorurteilsfrei, auf den Geist Gottes und aufeinander hörend in eine konstruktive Auseinandersetzung einzutreten.19 Das Hören und Zuhören sollte prozesshaft geschehen und ist von allen Beteiligten gefordert. Beim eucharistischen Hochgebet für besondere Anliegen heißt es: „Festige das Band der Einheit zwischen den Gläubigen und ihren Hirten.“ Dabei vermisse ich, dass diese Epiklese, die Bitte um die Geistsendung, ab und zu auch andersherum gebetet wird: „Festige das Band der Einheit zwischen den Hirten und ihren Gläubigen“.
Denn es gilt auch das Hören auf den sensus fidei fidelium, den Glaubenssinn der Gläubigen, also des Volkes Gottes, das in seiner Gesamtheit nicht irren kann.20 Wenn das Hören neue Einsichten ermöglichen soll, was Gott und Jesus Christus uns heute sagen wollen, muss es wechselseitig geschehen, darf nicht ein einseitiges Sprechen von oben nach unten bleiben oder kritiklose Unterwerfung fordern gegenüber der kirchlichen Hierarchie und gehorsame Befolgung der geltenden römisch-katholischen Lehre. In der gemeinsamen Verantwortung für die Bewahrung und zeitgemäße Weitergabe des christlichen Glaubens ist einerseits theologisch fundiert zu argumentieren und sich andererseits – antwortend auf die Zeichen der Zeit – über Ziele, Wege und Maßnahmen zu verständigen, die dem Geist Jesu Christi entsprechen. Nur so ist eine glaubwürdige Verkündigung des Evangeliums möglich. Angesichts der weltweit offenkundig gewordenen Missstände, die die Aufdeckung der Missbrauchsskandale sowie deren Vertuschung zum Schutz der Institution vor der Wahrnehmung der Interessen der Betroffenen zutage gefördert haben, ist dieser Weg in die Zukunft nicht ohne umfassende Strukturreformen sowie eine Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre zu erreichen.
Dieses Buch soll Anstöße zu einigen Themen geben, die beim Synodalen Weg diskutiert werden. Methodisch gehe ich von biografischen Lebensstationen aus, die ich essayhaft erzähle, theologisch und spirituell reflektiere und mit Positionen aus meiner Gemeinschaft und eigenen Überzeugungen als feministisch-pastoraltheologisch denkende Franziskanerin verknüpfe.
Im ersten Teil verknüpfe ich Erlebnisse aus den beiden Mitgliederversammlungen der Generaloberinnen (UISG) 2016 und 2019 in Rom mit Fragestellungen, die innerkirchlich unter den Nägeln brennen und mit denen sich der Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland befasst. Im zweiten Teil blende ich zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Würzburgerin und Gründerin der Kongregation der Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu, Antonia Werr (1813–68), an kirchlichen Strukturen gelitten und sich an Themen abgearbeitet hat, die uns heute immer noch beschäftigen. Im dritten Teil positioniere ich mich zu Aspekten, die insbesondere im Forum „Frauen in Diensten und Ämtern“ beim Synodalen Weg eine Rolle spielen sowie zu einigen Themen anderer Syndodalforen und veröffentliche Statements, die unsere Kongregation bei den wichtigsten beschlussfassenden Kapiteln für den Geltungsbereich unserer Konvente in Deutschland, in den USA und Südafrika verabschiedet hat.
Teil 1
1.Papst Franziskus und die (Ordens-)Frauen
Im Mai 2016 habe ich zum ersten Mal an der alle drei Jahre in Rom stattfindenden Mitgliederversammlung der Internationalen Vereinigung der Generaloberinnen (UISG) teilgenommen.21 Die Tagung stand unter dem Motto „Für das Leben eine globale Solidarität weben“. Es findet traditionell im einzigen Hotel in der Ewigen Stadt statt, das – wie mir andere Teilnehmerinnen berichteten – über eine Aula verfügt, in der bis zu 1.000 Menschen auf einmal tagen können. Die versammelte Frauenpower beeindruckte mich sehr. 870 Generaloberinnen, die weltweit hunderttausende Ordensfrauen apostolisch-tätiger Kongregationen vertreten, saßen an runden Tischen, in elf Sprachgruppen aufgeteilt. Alle Meditationen, Vorträge und Impulsfragen wurden von Referentinnen aus den eigenen Reihen vorgetragen. Befremdlich war für mich allerdings, was ich dann bei den Eucharistiefeiern erlebte: Täglich um 11 Uhr betrat ein Mann – meist ein Ordensmann, ab und zu ein hochrangiger Vertreter des Vatikans – den Saal, legte das Wort Gottes aus und zelebrierte die Messe. Danach verschwand er ebenso schnell wie er gekommen war, und wir Ordensfrauen waren wieder unter uns.
Von Tag zu Tag erschien mir dieser Auftritt anachronistischer, wie ein Relikt aus vergangener Zeit, deplatziert und fragwürdig. Hier saßen Frauen, die – unabhängig davon, ob sie in Russland, Südkorea, Brasilien, Nigeria, Kanada, Indien oder Tschechien lebten – allesamt geistliche Leiterinnen katholischer Gemeinschaften sind. Sie sind vielfältig in allen vier kirchlichen Grundformen tätig: in Liturgie und Stundengebet, in der Diakonie, Glaubensverkündigung und in der Sammlung der Gemeinschaft. Alle sind beauftragt, ihren Kongregationen vorzustehen; ihre Mitglieder haben ihnen für eine gewisse Amtszeit Personal- und geschäftsführende Verantwortung übertragen. Sie entscheiden über die Aufnahme neuer Mitglieder und nehmen im Namen der Kirche deren Gelübde entgegen. Sie begleiten sterbende Schwestern und übernehmen bisweilen den Beerdigungsdienst. Sie errichten und schließen Niederlassungen; sie stehen – oft über Länder und Kontinente hinweg – in Kontakt mit Schwestern, Konventen, Regionen und Provinzen; sie korrespondieren mit weltlichen und kirchlichen Behörden. Die Kongregationen fungieren als Arbeitgeberinnen und unterhalten Einrichtungen, engagieren sich pastoral und sozial, sind im Bildungs- oder Gesundheitswesen tätig oder an der Seite von besonders verwundbaren Menschen. Sie tun dies alles in der Nachfolge Jesu, indem sie nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, seine froh machende Botschaft erfahrbar werden zu lassen, entsprechend dem jeweiligen Gründungscharisma und der ihren Gemeinschaften zugrunde liegenden spirituellen Ausrichtung. Die Generaloberinnen dürfen Unternehmen leiten, Theologie lehren, Mitglieder ausbilden, weitreichende finanzielle und wirtschaftliche Entscheidungen treffen, nur einiges Wenige dürfen sie nicht: Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi wandeln, Kranke salben und im Namen der Kirche Sünden vergeben.
Als ich an meinem deutschsprachigen Tisch während einer Reflexionsrunde einmal mein Befremden und inneres Dilemma mit der priesterlichen Situation kundtat, versuchte mich eine Kollegin aus Österreich zu trösten, die in der vierten Amtszeit Generaloberin war. Sie schilderte mir die enormen Fortschritte, die es in den letzten Jahrzehnten gegeben habe. Als sie in den 1990-er Jahren erstmals an den UISG-Tagungen teilgenommen hatte, seien die Vorträge noch allesamt von männlichen Referenten, meist von Angehörigen des Jesuitenordens, gehalten worden. Sukzessive hätten Expertinnen aus den eigenen Reihen die Moderation und Gestaltung der Inhalte übernommen. Für mich wurde nie deutlicher als in jenen Tagen, wie sehr die Feier der Eucharistie ein Ämterverständnis spiegelt, in dem die Weihevollmacht und sakramentale Amtshandlung strikt an das männliche Geschlecht gebunden sind. Und mehr als jemals zuvor hat mich dies zutiefst befremdet und irritiert.
Drei Tage später am 12. Mai 2016 fand eine Audienz mit Papst Franziskus in der Aula Paul VI. statt.22 Schon Wochen vor unserem Treffen in Rom waren wir per Mail eingeladen worden, Fragen an die Koordinatorinnen unserer elf Sprachgruppen zu schicken, die wir Papst Franziskus stellen wollten. So kamen insgesamt 250 Einzelfragen zusammen, die vom Präsidium der UISG zu sechs Fragenkomplexen gebündelt und im Vorfeld an den Papst weitergeleitet worden waren. Obwohl er sich schriftlich auf die Audienz vorbereitet hatte, suchte Franziskus den Dialog mit den Ordensfrauen und bat die Präsidentin Sr. Carmen Sammut MSOLA (Malta), ihre Fragen erneut zu stellen. Im ersten Anliegen ging es um die bessere Einbindung von Frauen in die Entscheidungsprozesse der Kirche sowie um die Möglichkeit für Frauen, in der Eucharistiefeier zu predigen. Hier gab der Papst zu, dass Frauen noch zu wenig in Entscheidungsprozesse eingebunden sind und versprach Abhilfe. Im Fall der Predigt in der Eucharistiefeier verwies er auf die Einheit von Wortgottes- und Eucharistiefeier, in der der Priester den Vorsitz habe und „in persona Christi“ handelt.
Das zweite Thema betraf die Einführung eines ständigen Diakonates für Frauen mit der Begründung, dass gerade (Ordens-)Frauen sehr stark im diakonalen Bereich tätig sind und gipfelte in den Fragen: „Was hindert die Kirche daran, auch Frauen unter die ständigen Diakone aufzunehmen, genau wie es in der frühen Kirche geschehen ist? Warum setzt man keine offizielle Kommission ein, die diese Frage untersuchen könnte?“23 Der Papst versprach, diesen Vorschlag aufzugreifen. Weitere Anliegen bezogen sich auf die bessere Einbindung von Ordensfrauen in Belange des geweihten Lebens. Es wurde die Frage gestellt, wie es möglich ist, dass die Stimmen von 2000 weiblichen Ordensinstituten „sehr oft vergessen und nicht einbezogen werden“, etwa in den Vollversammlungen der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften des apostolischen Lebens? „Kann die Kirche es sich erlauben, über uns zu sprechen statt mit uns zu sprechen?“24 Auch sprach das Präsidium der UISG über die Erfahrung von Ordensfrauen, in ihrem Dienst an der Seite von Armen und Ausgegrenzten bisweilen von Vertretern der kirchlichen Hierarchie als politische Sozialaktivistinnen hingestellt zu werden. „Einige kirchliche Autoritäten möchten, dass wir mystischer und weniger apostolisch“ sind.25 Hier ermutigte Papst Franziskus die Schwestern, ihrem eigenen Charisma zu trauen, in der Freiheit des Geistes Gottes zu handeln, und betonte, dass das Kirchenrecht ein Werkzeug sei, das der Wirklichkeit angepasst werden könne und müsse, wenn es die Notwendigkeiten erforderten.
Die Nachricht über das Vorhaben des Papstes, eine Studienkommission einzusetzen, die das Frauendiakonat weiter untersuchen sollte, hatte noch am selben Abend weltweit die Schlagzeilen beherrscht.26 Mit einer Gruppe der in Rom versammelten deutschsprachigen Generaloberinnen feierten wir das Ereignis. Gemeinsam hatten wir Hoffnung geschöpft, dass die verschlossen geglaubte Tür zur Frauenordination möglicherweise nur geschlossen, aber nicht dauerhaft zugeschlagen oder gar verriegelt sei. Weitere Hoffnung, dass es Franziskus ernst sein könnte mit der Frauenförderung in der katholischen Kirche, keimte auf, als die Liturgiekommission wenige Wochen später den 22. Juli aufwertete. Seitdem wird der Tag in Erinnerung an die erste Osterzeugin Maria von Magdala gleichrangig wie ein Apostelfest begangen, und es gibt eine eigene Präfation im liturgischen Hochgebet.
Überhöhung des Papsttums
Im Mai 2019 nahm ich zum zweiten Mal an der UISG-Vollversammlung in Rom teil. Sie stand unter der Überschrift „Säerinnen prophetischer Hoffnung“. Diesmal war die Audienz mit Papst Franziskus auf den letzten Tag festgesetzt worden. Zuerst hatten wir eine Messe im Petersdom mit dem Vorsitzenden der Religiosenkongregation, Kardinal João Braz de Aviz. Aufgrund der umfassenden Sicherheitskontrollen saßen wir lange vor Gottesdienstbeginn in der Apsis der mächtigen barocken Basilika, der bedeutendsten Kirche des Katholizismus. Über eine Stunde betrachtete ich die Cathedra Petri, das imposante Kunstwerk Gian Lorenzo Berninis. Im Auftrag von Papst Urban VII. hatte Bernini den aus dem Mittelalter stammenden hölzernen und mit Elfenbein verzierten Thron in eine Bronzeskulptur eingebettet. Nun tragen vier Kirchenväter – zwei aus dem Orient, zwei aus dem Okzident – den Heiligen Stuhl lediglich mit ihren Fingerspitzen. Der überhöht dargestellte Sitz schwebt auf den Wolken, über den Köpfen der Gläubigen. Direkt über dem majestätischen tonnenschweren Arrangement schwebt die Heilig-Geist-Taube, umhüllt von einer dünnen Alabasterschicht, durch die die Strahlen der einfallenden Morgensonne den Raum in ein mystisches Licht tauchen. Diese – vom auferstandenen Christus und seinem Heiligen Geist – herkommenden Strahlen wurden durch die künstlerische Hand Berninis genial verstärkt.
Die nonverbal vermittelte Botschaft lautet: Der Papst ist absoluter Herrscher und Monarch der ganzen Christenheit, er thront zwischen Himmel und Erde, ist Mittler Jesu Christi und sein Stellvertreter auf Erden. Mit dem Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Gewissensfragen wurde dieser Autoritätsglaube beim Ersten Vatikanischen Konzil 1870 dogmatisch zur kirchlichen Lehre erhoben. Seitdem bedeutet Glaube im Katholizismus auch gehorsame Unterwerfung unter die kirchliche Hierarchie. Wer nicht gehorcht, glaubt nicht richtig. An die Stelle innerer Überzeugung tritt die Annahme dessen, was das Lehramt entscheidet und zu befolgen gebietet. Etwas überspitzt könnte man auch sagen: Das Kirchenrecht und der Katechismus überflügeln das Evangelium. Katholisch Christ*in sein heißt nun nicht mehr in erster Linie Jesusnachfolge, sondern das Für-wahr-Halten von vorgelegten Glaubenssätzen.
Tendenziell ist diese Auffassung einer streng hierarchischen Kirchenverfassung, die sich erst im Ultramontanismus des 19. Jahrhunderts ganz auf Rom hin ausrichtete und zentralisierte, per se eher demokratiefeindlich und schwer zu vereinen mit dem postmodernen Streben nach Freiheit sowie Erscheinungen von Pluralität, Geschichtlichkeit und Veränderbarkeit. Schnell werden Wünsche nach mehr Partizipation, Synodalität und Mitbestimmung als Angriffe des Relativismus auf die unveränderliche göttliche Ordnung gesehen oder – mit einem antiökumenischen Unterton – als Protestantisierung abgetan. So nimmt die römisch-katholische Kirche zunehmend identitäre Züge an, während sie meint, dem Zeitgeist und Mainstream zu trotzen. Sie generiert sich als Hüterin der Tradition und eines einmal geoffenbarten und unveränderlichen Glaubensgutes. Dieses Wächteramt habe Jesus Christus den Aposteln mit Petrus als primus inter pares übertragen, seine Nachfolger sehen sich als durch Weihe und Handauflegung legitimiert und ermächtigt, diese Überlieferung zu bewahren. So entsteht ein geschlossenes klerikales, männerbündisches System. Durch die Einheit zwischen Ordination und Jurisdiktion, wie sie lehramtlich erst im Zweiten Vatikanischen Konzil festgeschrieben wurde, wird zudem das Geschlechterverhältnis hierarchisiert.27 Denn geweiht werden können nur Männer. So bleiben auch die Positionen der Letztverantwortung in ihrer Domäne, ganz unabhängig davon, ob man diese ungleiche Verteilung der Kompetenzen über lehramtliche Deutungshoheit, Personal, Finanzen und andere Ressourcen nun mit der Vokabel „Macht“ benennt oder mit dem Begriff „Dienst“ verharmlost.
Andere Auffassungen vom Wachsen des Reiches Gottes oder vom gemeinsamen Priestertum der Gläubigen und von der mit der Taufe verliehenen Würde der Kinder Gottes kommen gegen das hierarchische Priestertum, das davon als wesenhaft und dem Grade nach verschieden angesehen wird, nicht an (vgl. Lumen gentium, LG 10). Wir haben es – so die Dogmatikerin Johanna Rahner in Anlehnung an Michael Seewald – hier mit einer „Verrechtlichung der Theologie zu tun, die an die Stelle der Bezeugung der Wahrheit tritt, d. h. äußerer Gehorsam, hierarchisch organisierte Machtstrukturen treten an die Stelle von innerer Einsicht, argumentativer Absicherung und Begründungsleistung, der vernünftigen Durchdringung und kognitiven Hilfeleistung“.28 Dieses Traditionsverständnis bricht radikal mit dem vor der Neuzeit geltenden Verständnis, dass die Offenbarung geschichtlich vermittelt ist, demzufolge die Überlieferung immer ein Prozess der aktiven Fortschreibung der Offenbarung in die jeweilige Zeit, Kultur und Situation hinein ist.
Trotzdem geben die Verfechter*innen dieses Verständnisses vor, als sei ihre Auffassung die einzig wahre Interpretation von Tradition. „Typisch katholisch“ ist nun nicht mehr das sorgfältige Abwägen von Vernunftgründen, die verschiedene Ansichten und Schlussfolgerungen erlaubt, sondern der Ausschluss anderer Meinungen, die durch die Überhöhung der monarchisch-ständischen Ordnung und der Kirche als Sakralinstitution zum Ausdruck kommt. Was im Dogma der Unfehlbarkeit des Papsttums gipfelt, ist die Unfähigkeit zur Selbstkorrektur, zur Fehlereinsicht und zum Schuldeingeständnis.29
Indem sich das katholische Lehramt an die Stelle Gottes setzt oder zumindest nur wenig tiefer, wie es die Position der Cathedra Petri im Petersdom augenscheinlich signalisiert, vermittelt es, dass es – und nur es allein – weiß, was der unveränderliche Wille Gottes ist. In Zeiten, in denen Staatsführungen ihren Machtanspruch durchsetzten, indem sie sich als Herrscher von Gottes Gnaden präsentierten, mag dieses Selbstkonzept noch aufgegangen sein. Angesichts der demokratischen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts und weitreichender Modernisierungs- und Pluralisierungserfahrungen in vielen Gesellschaften verliert die katholische Kirche jedoch durch ihr Beharren auf autoritärer Führung, hierarchischen Strukturen und Reformunfähigkeit ihren letzten Rest an Glaubwürdigkeit. Dem Machtanspruch auf der einen Seite stehen innerkirchlich ein massiver Abbruch an Autorität und Vertrauensverlust gegenüber. Die Kirche marginalisiert sich selbst, exkludiert sich immer mehr aus gesellschaftlichen Diskursen.30
Glaubwürdigkeit liegt in Trümmern
Nach dem Gottesdienst in der an Prunk, Gold und Marmor kaum zu übertreffenden Kirche standen die Repräsentantinnen apostolisch-tätiger Gemeinschaften aus allen Ländern der Welt am 10. Mai 2019 erneut Schlange, diesmal vor der vatikanischen Audienzhalle. Im Eingangsbereich der Aula war eine Fotoausstellung zu sehen, die Papst Franziskus gleich eröffnen sollte: Seit 2009 existiert Talitha Kum, ein Netzwerk katholischer Frauengemeinschaften, mit denen über 2.000 Schwestern in 76 Ländern gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution vorgehen. Papst Franziskus unterstützt die Initiative, mit der weltweit Maßnahmen zu Prävention, Schutz und Rehabilitation gefördert werden. Unter der Überschrift „Nuns healing hearts“ – „Nonnen heilen Herzen“ hat Lisa Kristine, eine amerikanische Fotografin und Menschenrechtsaktivistin, die Arbeit der Ordensfrauen fotografisch dokumentiert. Dabei geht es ihr darum, mit ihren Bildern Menschen zu Veränderungen zu inspirieren und anzuregen, sich für die Menschenwürde einzusetzen.31
Während wir auf Papst Franziskus warteten, betrachtete ich in der von Architekt Pier Luigi Nervi 1971 erbauten Halle die Skulptur hinter der Tribüne, „La Resurrezione“, 1975 von Pericle Fazzini geschaffen. Auch diese aus Messing und Bronze errichtete Skulptur wiegt annähernd 40 Tonnen. Meine Online-Recherchen ergeben, dass der Künstler die Auferstehung Christi in einem großen Olivenhain darstellen wollte, ein an sich friedlicher Ort, an dem Jesus bei seinem nächtlichen Gebet vor seiner Verhaftung Todesängste ausstand. Angesichts der atomaren Bedrohung in den Zeiten des Kalten Krieges und eisernen Vorhangs ließ Fazzini Christus aus einem Krater aufsteigen, den eine Atombombe aufgerissen hat. Gegenwärtig denke ich bei dieser Darstellung an die zerstörende Wucht der verübten Gewalt in der Kirche selbst; an die körperlichen, seelischen, geistigen und geistlichen Wunden, die in den Leben hunderttausender Kinder, Jugendlicher und Erwachsener gerissen worden sind. Durch Missbrauch geistlicher Macht und Vorrangstellung, durch sexualisierte Gewalt gegenüber Minderjährigen, Schutzbefohlenen und Frauen, durch Verschweigen, Wegschauen, Vertuschen und Verharmlosen. Eine gewaltige, grausame Explosion aus Verbrechen, die die Glaubwürdigkeit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche zutiefst erschüttern. Ob es aus diesen Trümmern jemals eine Auferstehung zu neuem Leben geben wird?
Am Nachmittag des 7. Mai hatten wir uns als Generaloberinnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Medienvertreter*innen mit dem Thema „Missbrauch an Ordensfrauen“ befasst. Mit großer Klarheit sprach die Referentin Anna Deodato über sexualisierte Gewalt durch Bischöfe, Priester und/oder Ordensmännern an Ordensfrauen.32 Ermöglicht und begünstigt wurden und werden diese Formen von Gewalt durch die klerikale Macht sowie finanzielle Abhängigkeit. Über erlittene Grenzverletzungen, Manipulation, Bevormundung bis hin zu physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt zu sprechen oder nicht, hängt aber auch mit kulturellen Einstellungen und gesellschaftliche Tabus zusammen.
Ein Teil der Verantwortung liegt bei den für die Ausbildung neuer Mitglieder zuständigen Schwestern und den Leitungskräften, nicht zuletzt bei den während des Treffens der UISG versammelten Generaloberinnen. Schockierend waren Berichte über Gemeinschaften, die in eine komplette Abhängigkeit vom Klerus geraten waren. So mussten Novizinnen vor Ablegung ihrer ersten Gelübde eine Woche lang im Bischofshaus „Praktikum“ machen und sexuelle Dienstleistungen erbringen, als Bedingung dafür, dass der Bischof bei der Ablegung ihrer Gelübde der Eucharistie vorsteht oder sie weiterhin finanziell unterstützt. Das alles geschah (und geschieht) nicht selten im Wissen und mit dem Einverständnis der zuständigen Oberinnen. So verkamen ganze Schwesternkonvente zu einem Harem des Episkopats. Durch Mark und Bein gingen Zeugnisse von Frauen, die von ihren Gemeinschaften verstoßen wurden, nachdem sie nach einer Vergewaltigung durch einen Priester schwanger geworden waren. Statt ihnen zur Seite zu stehen und den Fall zur Anzeige zu bringen, wurde der betroffenen Schwester die Schuld gegeben und der Priester gedeckt. Die perverseste Schilderung betraf eine Ordensfrau, die vom Hausgeistlichen ihrer Gemeinschaft vergewaltigt wurde. Als sie ihre Schwangerschaft nicht mehr verbergen konnte, wurde sie von ihrer Gemeinschaft verstoßen. Ihr Peiniger zwang sie zur Abtreibung. Als sie bei dem Eingriff starb, war es derselbe Täter, der als Priester die Beerdigung hielt und das Requiem für sie zelebrierte.
Auf dem Hintergrund dieser erschütternden, kaum auszuhaltenden Berichte und persönlichen wie strukturellen Sünden erscheint mir die Foto-Ausstellung „Nonnen heilen Herzen“ wie ein Trostpflaster, das die eigentlichen – gerade die innerkirchlichen Missstände – nicht beheben kann. Die Arbeit der Ordensfrauen und das Engagement kirchlicher Organisationen können unsägliches Leid mildern und Betroffenen helfen. Durch Initiativen wie Talitha kum, RENATE33 oder SOLWODI e. V.34 werden weltweit Opfer von Frauenhandel und Zwangsprostitution oder Betroffene ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse in ihrer Würde ernst genommen und mit ihnen Wege gesucht, damit ihre körperlichen und seelischen Wunden heilen können. Unsere Gemeinschaft ist selbst seit mehr als 20 Jahren Mitglied im „Aktionsbündnis Frauen gegen Frauenhandel“35 und hat in unseren frauenspezifischen Jugendhilfeeinrichtungen immer wieder Mädchen und junge Frauen begleitet, die im Rahmen eines Zeuginnenschutzprogramms Zuflucht vor Verfolgung gesucht haben. Zusammen mit vielen engagierten Männern und Frauen legen Ordensleute ihren Finger in die Wunde der Auswüchse eines weltweit agierenden kriminellen Netzwerks, in dem Menschen wie Sklav*innen gehalten bzw. wie Waren gehandelt, gekauft, benutzt und weggeworfen werden.
Wie kaum ein anderer Kirchenvertreter vor ihm entlarvt Papst Franziskus die menschenverachtende Dynamik eines dahinterstehenden kapitalistischen neoliberalen Wirtschaftssystems, das dem Götzen des Profits und unersättlichen Reichtums huldigt und damit über Leichen geht. Dennoch stehen die Kirche und die Ordensgemeinschaften in ihr erst am Anfang, wenn es um die Aufarbeitung von geistlichem Missbrauch, Machtmissbrauch sowie sexualisierter Gewalt an Mädchen und (Ordens-)Frauen in den eigenen Reihen geht.36 Wie bei der Aufdeckung von Missbrauch an Minderjährigen und Schutzbefohlenen ist zu fragen, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um diesen Verbrechen ein Ende zu bereiten und die Strukturen zu verändern, die solche Abhängigkeiten und Ausbeutung begünstigen. Solange innerkirchlich die klerikalen und patriarchalen Machtverhältnisse nicht durchbrochen werden, kann es keine wirkliche Befreiung und Gleichstellung zwischen den Geschlechtern geben.
Innerkirchliche Frauenverachtung hat System
Diese Beseitigung von Diskriminierung sowie die volle Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit in der römisch-katholischen Kirche halte ich für eine – wenn nicht sogar für die zentrale – Bedingung der Möglichkeit, auf Augenhöhe zu kommunizieren und in die Gesellschaften aller Kulturen hinein ein Vorbild für eine neue Geschwisterlichkeit und globale Solidarität abzugeben, wie sie Papst Franziskus in seiner Sozialenzyklika „Fratelli tutti“ fordert.37 Die Frauenfrage ist ein Thema, das die Hälfte der Menschheit als Individuen betrifft und in allen Kulturen, Gesellschafts- und Staatsformen eine Rolle spielt. Als weltumspannende Institution könnte die katholische Kirche hier eine Vorreiterfunktion übernehmen, um der Ungleichbehandlung, Ausbeutung, Diskriminierung von Frauen auf dem Boden der froh machenden Botschaft Jesu Christi, seines wertschätzenden Umgangs mit Frauen, seiner Erwählung von Frauen zu Erstzeuginnen der Auferstehung und seines Rufs in die Nachfolge unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Status entgegenzuwirken. Von dieser Voraussetzung sind wir allerdings innerkirchlich weit entfernt. Stattdessen wird ein Klassensystem aufrechterhalten, das schon rein sprachlich das Volk Gottes aufteilt in Geweihte und Nicht-Geweihte, Haupt- und Ehrenamtliche, Mann und Frau.38
Als (Ordens-)Frau bin ich besonders sensibilisiert für Erfahrungen, die mit Abwertung, Verachtung und Ausgrenzung von Frauen in der von Männern dominierten Kirche zu tun haben. Chauvinismus, Sexismus und Misogynie sind ähnlich wie Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie oder andere Formen der Stigmatisierung Andersdenkender, -glaubender oder -liebender für mich als gläubige Christin unerträglich, weil sie nicht nur Lehre und Leben Jesu Christi konterkarieren, sondern gegen alles verstoßen, wofür Kirche zu stehen hat. Sie sind aber an der Tagesordnung – nicht nur, weil wir alle Sünder*innen und fehlbar sind – sondern weil die Strukturen selbst Schieflagen und Asymmetrien hervorbringen.
Ich möchte dies an einem konkreten Beispiel illustrieren: Am Nachmittag des 9. Mai 2019 sprach der Vorsitzende der Religiosenkongregation im Vatikan, Kardinal Braz de Aviz, zu den in Rom versammelten 850 Generaloberinnen. Zunächst dankte er den Ordensfrauen für ihren Dienst und teilte einige Neuigkeiten aus seiner Behörde mit. Der jovial wirkende Kardinal gilt als umgänglich und offen für die Anliegen der Ordensgemeinschaften. Nach einer kurzen Ansprache stellte er sich unseren Fragen. Es ging um Finanzen, Ordensnachwuchs und andere Themen. Jedes Mal antwortete der Brasilianer ausführlich und zeigte Sinn für Unterhaltung und Humor. Grundlegend ermutigte de Aviz die aus der ganzen Welt angereisten Schwestern, nicht zu ängstlich zu sein oder auf das Kirchenrecht zu schielen, sondern die eigenen Ermessensspielräume kreativ auszuloten und pragmatisch zu nutzen. Als ich an die Reihe kam, stellte ich dem Kardinal die Frage, was denn die Kommission herausgefunden habe, die sich seit 2016 mit dem Frauendiakonat beschäftigt hatte. Auf einmal verfinsterte sich die Miene des vorher so unterhaltungsfrohen und zum Plaudern aufgelegten de Aviz: „Dazu kann ich nichts sagen. Ich habe mit der Kommission nichts zu tun.“ Punkt. Kein vermittelndes Wort, keine freundliche Erklärung. Ich konnte gar nicht anders, als mich schlichtweg abgewürgt zu fühlen. Dann folgte ein Nachsatz im chauvinistisch-paternalistischen Ton: „Wenn ich in Ihre Runde schaue, sehe ich, wie viel sich im Ordensleben verändert hat. So viele bunte Gewänder. So viele schön gestaltete Frisuren.“ Innerlich kochte ich vor Wut. Am Ende der Sitzung schlug ich mich ans Podium durch und wartete geduldig, bis der Kardinal die zahlreichen Wünsche erfüllt hatte, sich mit ihm ablichten zu lassen.
„Herr Kardinal, würden Sie den Satz, den Sie vorhin über unsere bunten Ordenskleider und hübschen Frisuren gesagt haben, auch so sagen, wenn Sie zur Mitgliederversammlung der Vereinigung der Ordensoberen (USG) eingeladen wären? Würden Sie vor 850 Äbten, Generaloberen und Provinzialen wiederholen, man könne den Fortschritt, den das Ordensleben in den letzten Jahrzehnten gemacht habe, daran erkennen, dass sie so bunt vor Ihnen sitzen und so hübsche Frisuren hätten? Ich sehne mich nach einer Kirche, in der Frauen endlich ernst genommen werden und man mit uns auf Augenhöhe über Inhalte spricht statt über Äußerlichkeiten.“ Sichtlich überrascht über meine Aufregung versuchte der Kardinal zu beschwichtigen: „Ich komme aus einer kinderreichen Familie mit vielen Brüdern und Schwestern. Wir haben immer viel gestritten, das ist ganz normal. Da gab es keine Unterschiede …“ Bald dämmerte mir, dass es an dieser Stelle keinen Sinn haben würde, weiter zu diskutieren; die Schlange der Schwestern, die den Kardinal persönlich sprechen wollten, war noch lang. Also verabschiedete ich mich mit den Worten: „Machen wir weiter im Einsatz für das Reich Gottes!“39
Symbolische Gesten reichen nicht
Diese Begegnung vom Vortag ging mir noch durch den Kopf, als die Kameraleute von Vatikan News Bilder auf die Leinwände produzierten, die uns signalisierten: Es geht los, der Papst kommt. Nach der Eröffnung der Fotodokumentation über Talitha Kum zog er Seite an Seite mit Sr. Carmen Sammut in die Audienzhalle ein und schritt die Stufen herab. Spontan erinnerte mich die Feierlichkeit des Anblicks an eine Hochzeit – allerdings in vertauschten Kleidern und Rollen: Der Papst im langen weißen Gewand und an seiner Seite die Präsidentin der UISG im dunklen Kostüm. Dahinter die Security-Leute, Staatssekretäre und engsten Mitarbeiter des Papstes. Unter dem Applaus der aus der ganzen Welt versammelten Schwestern näherte sich die Prozession einem Podium, das – anders als drei Jahre zuvor – nicht oben auf der Tribüne aufgebaut, sondern unterhalb auf der Ebene des Auditoriums stand. Hatte der Papst 2016 auf einem großen weißen Sessel Platz genommen, flankiert von seinen Staatssekretären, war diesmal ein Tisch bereitgestellt mit zwei unterschiedlich großen Stühlen. Kurzerhand ließ Franziskus den für ihn gerichteten Sessel wegtragen und durch einen kleineren Stuhl ersetzen. Dann bat er Sr. Carmen Sammut, sich direkt neben ihn zu setzen. Wohl um ihre Verlegenheit zu überspielen, kommentierte diese schlagfertig die ihr zuteilwerdende Ehre mit den Worten: „Oh, ich sitze zur Rechten des Vaters.“
Es wird viel darüber spekuliert, inwiefern diese Gesten, für die Papst Franziskus bekannt ist, eine nachhaltige Wirkung haben oder ob sie nicht lediglich darüber hinwegtäuschen, dass er letztlich kaum einschneidende Veränderungen vornimmt, sondern lehramtlich und kirchenrechtlich vieles beim Alten belässt. Auch ich bin hin- und hergerissen, wie die Zeichen und Symbolpolitik einzuordnen sind. In Gedanken gehe ich zurück zu Berninis Cathedra Petri, die nur wenige hundert Meter von der Audienzhalle in Bronze gegossen die Überhöhung des Papstamtes wirkmächtig vor Augen führt. Wenn ich dann sehe, dass 400 Jahre später der ranghöchste Repräsentant dieser Kirche an der Seite einer Frau am Tisch sitzt, ahne ich, welche gewaltige Entwicklung zwischen dem Selbstverständnis Urban VIII. in der frühen Neuzeit und Franziskus I. in der Spätmoderne liegt.
Gemessen an dem Verhalten Jesu, der sich mit Zöllnern und Dirnen zu Tisch legte und grundsätzlich keine Berührungsängste mit Frauen und Fremden, Ausgestoßenen und Sündern hegte, scheint mir allerdings auch diese Inszenierung geradezu grotesk. Und ich frage mich: Was muss geschehen, damit wir angstfrei auf Augenhöhe miteinander kommunizieren? Wie könnten Hierarchien durchbrochen, eine entklerikalisierte Kirche realisiert werden, in der das jesuanische Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe tatsächlich Maßstab allen Redens, Entscheidens und Handelns wäre?
Wenn es bei einigen Einzelentscheidungen bleibt, die eher kosmetisch wirken, als entschieden eine strukturelle Reform in Gang zu setzen, wird dies systemisch kaum Auswirkungen haben. „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, kommentierte Angela Merkel einmal die Bemerkung, dass sie als Bundeskanzlerin beispielhaft für die Chancengleichheit von Frauen steht, in Deutschland eine herausragende Führungsposition einnehmen zu können.40
Ähnlich gilt auch in der katholischen Kirche: Eine vatikanische Museumsdirektorin oder eine paritätisch besetzte Theologische Kommission machen noch kein Ende mit der strukturellen Benachteiligung von Frauen. Zwar hat – und das lässt immerhin aufhorchen – Papst Franziskus den Frauenanteil an den Leitungsfunktionen im Vatikan deutlich erhöht.41 Im Januar 2021 änderte er das Kirchenrecht dahingehend, dass Frauen nun auch dauerhaft mit dem Amt des Lektors oder Akolythen betraut werden dürfen und beseitigt so die letzten Unterschiede, die zwischen Männern und Frauen im Kirchenrecht bestanden, ausgenommen die Vorschriften zum Empfang des Weihesakraments.42
Der Schmerz, dass vorhandene diakonische oder priesterliche Berufungen von Frauen nicht geprüft werden, bleibt weiter bestehen. Auch an den Machtverhältnissen und Entscheidungsbefugnissen wird sich nichts ändern, solange die Spitzenpositionen, die mit der meisten Amtsfülle ausgestaltet sind, nach wie vor die Weihe voraussetzen. Die dem Papst vorbehaltende Leitung der Gesamtkirche sowie die von Bischöfen geleiteten Teilkirchen bleiben in der Hand von ordinierten Männern. Diese klerikal-hierarchische Struktur wird seit Jahrzehnten diskutiert und kritisiert. Eine Änderung dieser Zulassungsbedingungen zum Weiheamt müsste vom Vatikan genehmigt werden, was aktuell allerdings nicht in Sicht ist. Inzwischen äußern einige deutsche Bischöfe, dass es so nicht weitergehen kann. Die Frage ist, ob sie auch den Mut und den Willen aufbringen, ein Votum an den Papst zu richten, per Indult die Weihe von Frauen zu Diakoninnen zuzulassen, sowie ihren Dissens zu erklären, dass Frauen von der Priesterweihe ausgeschlossen sind.43
Als Argument für die Zögerlichkeit des Papstes, eine bahnbrechende, systemverändernde Reform von oben herbeizuführen, werden meist die Gefahr einer Kirchenspaltung und sein Dienst an der Einheit der Weltkirche angeführt. Zu wenig berücksichtigt wird dabei, dass es bereits eklatante Spaltungsphänomene gibt, die durch anhaltenden Reformstau und die weltweit aufgedeckten Skandale verschärft werden. Die Trennlinie verläuft zwischen Hierarchie und Basis, zunehmend aber auch zwischen liberal-aufgeschlossenen Gläubigen (sowohl im Klerus als auch bei den Lai*innen) und rechtskonservativ bis autoritär-fundamentalistisch eingestellten Katholik*innen. Die verschiedenen Positionen stehen sich unvermittelbar und unversöhnt gegenüber.
Chance, die Frauenfrage erneut zu stellen
Nach der Begrüßung ließ sich Papst Franziskus bei der Audienz für die Vollversammlung der UISG von seinem damaligen Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein, eine Mappe mit seinem Redemanuskript bringen. Frei wiederholte er daraus einige Sätze, die er bereits bei anderen Gelegenheiten geäußert hatte: Ordensfrauen sollten sich nicht als Bedienstete verstehen, sondern sich in den Dienst, in die Sendung der Kirche stellen: „Du bist nicht Ordensfrau geworden, um Haushälterin eines Klerikers zu sein. … Dienstbarkeit nein, Dienst ja. Du arbeitest in einem Dikasterium, als Verwalterin einer Nuntiatur, das ist in Ordnung. Aber Haushälterin – nein.“44 Freilich fragte ich mich im Stillen sofort: Wer wäscht wohl die Wäsche für den Klerus im Vatikan? Wer bedient im Gästehaus Santa Martha? Nicht selten sind es eben Ordensfrauen, die diskret und verschwiegen, schlecht bezahlt und bisweilen wenig wertgeschätzt die Hausarbeit bei Kardinälen, (Erz-)Bischöfen und Priestern erledigen. Im März 2018 hatte ausgerechnet ein Beitrag in der Frauenbeilage des Osservatore Romano für Aufregung gesorgt. In Nummer 66 deckten Journalistinnen die entwürdigenden und sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen von Ordensfrauen auf, die in vatikanischen Haushalten ihren Dienst tun.45 Wer Kritik übt und Missstände aufdeckt, gilt als Nestbeschmutzer*in.46
Die Rede des Papstes an die versammelten Generaloberinnen dauerte nicht lange. Von sich aus ging Franziskus in seiner Ansprache auf die Studienkommission ein, die sich mit den Diakoninnen in der frühen Kirche beschäftigt hatten. In seiner Antwort ließ der Papst durchblicken, dass das Gesamtergebnis „kein großer Wurf“ gewesen sei.47 Die Mitglieder hätten sich zerstritten, alle hätten ihre eigene Vorstellung. Er habe die Wissenschaftler*innen ermutigt, ihre Forschungen individuell weiterzuführen. Es lägen ihm auch die persönlichen Einschätzungen der Kommissionmitglieder vor, einige fortschrittlicher, die anderen traditioneller. „Man muss das studieren, denn ich kann kein sakramentales Dekret machen ohne eine theologische, historische Grundlage.“48 Er werde das Dokument der Frauendiakonats-Kommission der Vorsitzenden der Vereinigung der Ordensoberinnen, Carmen Sammut, überreichen. Sollte jemand an den Einzeleinschätzungen der Kommissionsmitglieder interessiert sein, könne er sie zur Verfügung stellen, so Franziskus.49
Nach rund 15 Minuten Ansprache legte der Papst sein Manuskript zur Seite, blickte mit einem Lächeln ins Auditorium und sagte zur Überraschung und Verwunderung aller Anwesenden sinngemäß: „Wir haben jetzt noch 40 Minuten Zeit. Ihr könnt mir jetzt Fragen stellen.“ Da ich am Rand einer Reihe saß, konnte ich schnell nach vorne eilen und die wohl einmalige Gelegenheit ergreifen, bei der Frauenfrage noch einmal nachzulegen:
„Bruder Franziskus. Ich … stehe hier mit 850 Generaloberinnen, und wir verkörpern so viele Schwestern, die in allen Diensten sind in der Kirche. Ich spreche für viele Frauen, die sich danach sehnen, gleichberechtigt dem Volk Gottes zu dienen. Und wir wünschen uns, dass wir heute auf die Frauenfrage in der Kirche nicht nur die Antwort finden aus der Geschichte und aus der Dogmatik – diese Quellen der Offenbarung brauchen wir auch –, aber wir brauchen auch die jesuanische Kraft, wie Jesus mit Frauen umgegangen ist. Und welche Antworten können wir heute, im 21. Jahrhundert, darauf finden. Ich bitte Sie wirklich, dass Sie das weiter mit der Kommission bedenken, dass wir nicht nur die historischen, die dogmatischen und andere Quellen nehmen, sondern das, was die Menschheit heute braucht, von Frauen, von Männern, vom ganzen Volk Gottes.“50
Mein Statement war durch und durch pastoral(theologisch) motiviert. Schließlich hatte das Zweite Vatikanische Konzil formuliert, dass die Kirche zur Erfüllung ihres Auftrags die Pflicht hat, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben“ (GS 4). Die „neuen gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau“ (GS 8) identifizierte das Konzil als eines der „Megatrends“. Neben der Arbeiterfrage und dem Streben der Völker nach Demokratie und sozioökonomischer Teilhabe hatte der Konzilspapst Johannes XXIII. die Frauenfrage bereits 1961 in seiner Enzyklika Pacem in Terris zu den Zeichen der Zeit gezählt. Da heißt es: „An zweiter Stelle steht die allgemein bekannte Tatsache, daß die Frau am öffentlichen Leben teilnimmt … Die Frau, die sich ihrer Menschenwürde heutzutage immer mehr bewußt wird, ist weit davon entfernt, sich als seelenlose Sache oder als bloßes Werkzeug einschätzen zu lassen; sie nimmt vielmehr sowohl im häuslichen Leben wie im Staat jene Rechte und Pflichten in Anspruch, die der Würde der menschlichen Person entsprechen“ (PIT 22).51
Gleichzeitig bekannte die Kirche schon Mitte der 1960er Jahre, wie schwer sie sich tut, der Komplexität des gesellschaftlichen Wandels, v. a. im Geschlechterverhältnis, „die ewigen Werte recht zu erkennen und mit dem Neuen, das aufkommt, zu einer richtigen Synthese zu bringen“ (GS 4). Die Kirche ist hier zu einer Antwort gezwungen. Diese kann aber nicht darin bestehen, alle gegenwärtigen Entwicklungen als Relativismus oder Anbiederung an den Zeitgeist abzutun und sich selbst in der Wagenburg des ewig Gestrigen und Gültigen zu verschanzen, indem Wahrheiten, die ihrerseits in einer gewissen Zeit und mit bestimmten Absichten formuliert worden sind, auf eine überzeitliche, dem innerweltlichen Geschehen entzogene Bühne gestellt werden und somit nicht hinterfragt werden dürfen.
Die Herausforderung und der Auftrag der Kirche bestehen doch gerade darin, die geoffenbarten Wahrheiten mit den innerweltlichen Freuden und Sorgen, Ängsten und Nöten in eine kreative Auseinandersetzung und Konfrontation zu bringen, so dass aus dem Evangelium, der bleibend gültigen frohen Botschaft Jesu Christi, das Reich Gottes Wirklichkeit werden und das individuelle, soziale, globalisierte, pluralistische Leben vom Licht des Evangeliums her erleuchtet werden kann. Neben den traditionellen Quellen der Offenbarung, wie sie die Heilige Schrift, die Tradition und die Lehre der Kirche darstellen, teilt sich Gott auch im Heute und in den Erfahrungen der Menschen mit. Diese Quellen der Vergegenwärtigung Gottes in den Lebenswirklichkeiten der Menschen gilt es ernst zu nehmen und diese Erkenntnisquelle theologisch zu würdigen.
In der Frage nach der Einführung eines sakramentalen Diakonats für Frauen sieht das Matthias Sellmann ähnlich: „Denn die Entscheidung, was gegenwärtig theologisch begründet getan werden kann, lässt sich prinzipiell nicht an die Theologiegeschichte auslagern – und zwar auch dann nicht, wenn die Kommission zu dem Ergebnis kommen sollte, dass es einen sakramentalen Diakonat der Frau in der alten Kirche gegeben habe. Von der Geschichte Handlungsanweisungen für die Gegenwart zu erwarten und den Raum dessen, was getan und geglaubt werden darf, auf das zu legitimieren, was schon einmal in der Vergangenheit getan oder geglaubt wurde, würde die Geschichte und die mit ihr befasste Geschichtswissenschaft überfordern.“52
Papst Franziskus: „Kirche wächst und ist auf dem Weg“
Nach meiner Frage, die ja im Prinzip mehr ein Statement und Plädoyer war, antwortete der Papst lange und ausführlich. Mit der Metapher des Weges beschrieb Franziskus, dass sich die Kirche permanent in einem Prozess des Wachstums und Voranschreitens befindet. Zwar bleibe die Offenbarung stets dieselbe, unser Verständnis der Offenbarung entwickle sich dagegen weiter, „und wir verstehen mit der Zeit den Glauben besser“. Aus diesem Grund brauche es den Rückgriff auf die Geschichte und auf die Dogmatik. „Die Kirche ist nicht nur der Denzinger“, hielt der Papst fest, das Lehrbuch sei hilfreich, „weil die ganze Dogmatik drinsteht, aber wir müssen andauernd wachsen“. Als Beispiel verwies Franziskus auf die Haltung der katholischen Kirche zur Todesstrafe. „Hat sich die Kirche verändert? Nein: das moralische Bewusstsein hat sich weiterentwickelt. Eine Entwicklung.“53 Übertrüge man diese Argumentation auf die Frauenfrage in der Kirche, wäre es jederzeit möglich, Frauen zu Diakoninnen, ja sogar zu Priesterinnen und Bischöfinnen zu weihen sowie nicht geweihte Männer und Frauen in höchste kirchliche Ämter zu berufen. Eine kritische Relecture der bisher geltenden lehramtlichen Aussagen wäre nötig. Sie müsste erweitert werden mit den heute verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen der Bibelforschung, Kirchengeschichte, Dogmatik und Pastoraltheologie. Und es bräuchte den Mut, innovativ, also wirklich Neues hervorbringend, zu lehren, zu entscheiden und zu handeln.
Diese gedanklichen Schritte vollzog Papst Franziskus bei der Audienz im Mai 2019 allerdings nicht. Sondern er sagte vielmehr: „Deshalb müssen wir im Fall des Diakonats nachforschen, was am Ursprung der Offenbarung war, und wenn da etwas war, es wachsen lassen, und dann soll es auch ankommen; wenn da nichts war, wenn der Herr dieses Amt nicht wollte, dann geht der sakramentale Dienst für die Frauen nicht.“54 Dann folgt ein Satz, vor dem der Papst mit einem Lachen die Zustimmung der Schwestern zu gewinnen suchte, bevor er etwas abwiegelnd oder vereinnahmend sagt: „Wir sind doch katholisch. Wir müssen die Offenbarung respektieren. Aber wenn eine von Ihnen eine andere Kirche gründen will …“ Der Satz bleibt unvollendet und verschwebt im Raum. Er klingt wie eine Ohrfeige, und im Nachhinein verstehe ich ihn auch so.
Unmittelbar im Anschluss an die Audienz hatte ich die Aussage des Papstes noch als schlechten Witz gedeutet.55 Ich wollte den ersten Jesuiten auf dem Stuhl Petri, der sich den Namen Franz von Assisi gewählt hatte, verteidigen, ich wollte mir einfach nicht das Bild eines Papstes verderben lassen, der sich in pastoraler Hinsicht redlich um eine neue Gestalt von Kirche müht: in seinem Anprangern von Egoismus und Gleichgültigkeit, in seinem Einsatz für weltweite soziale Gerechtigkeit, für die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, für die Ärmsten der Armen, durch seine Gesten der Menschlichkeit, sein permanentes Mahnen, die Verlierer*innen des globalen und immer aggressiver agierenden Raubtierkapitalismus nicht zu vergessen.
Der deutsche Jesuit Bernd Hagenkord hat die ganze Rede mitverfolgt und – ähnlich wie ich – die letzten Sätze des Papstes als Scherz empfunden, wenngleich man sich fragen darf, ob der Humor hier passend, peinlich oder als Ausdruck patriarchaler Bevormundung total verfehlt war.56 Mehrmals wurde ich in der Nachberichterstattung gefragt, ob ich mich von der letzten Aussage des Papstes persönlich angegriffen fühlte. Das kann ich verneinen. In der Situation selbst empfand ich die Stimmung durchaus wertschätzend, freundlich und offen. Wie schwer die inhaltlichen Aussagen einzuordnen sind, ist mir erst im Nachhinein voll zu Bewusstsein gekommen. Der eigentliche Angriff während der Audienz kam aus meiner Sicht nicht so sehr durch den Papst selbst, sondern wenige Minuten später durch die nächste Rednerin. Die aus Osteuropa stammende Generaloberin, die unmittelbar nach mir ans Mikrofon trat, leitete ihr Statement mit einem Seitenhieb an mich ein: „Heiliger Vater, was die Schwester vorhin gesagt hat, ist uns ja gar nicht so wichtig. Aber …“ Diese Abwertung meines Anliegens durch eine Kollegin hat mich in dem Moment mehr verletzt als die letzten Sätze des Papstes.
Am Ende seiner Ansprache vor Beginn der Fragerunde hatte der Papst in Aussicht gestellt, dass er an der nächsten Mitgliederversammlung der Generaloberinnen in drei Jahren teilnehmen werde: „Wenn ich am Leben bin, gehe ich hin“.57 Das wäre ein Novum. Sollte er bis dahin nicht mehr am Leben sein, bat er die Präsidentin der UISG seinen Nachfolger einzuladen. Eines ist sicher: Sobald der Termin feststeht, werde ich mich anmelden, in der Hoffnung, unser Gespräch fortsetzen zu können.
Teil 2
1.Antonia Werr – eine beispielhafte Ermutigungsgeschichte
Jahrhundertelang haben theologische und philosophische Theorien die Unterwerfung der Frau unter den Mann als selbstverständlich, naturgegeben und gottgewollt erklärt. Der Mann galt als eigentliches Ebenbild Gottes, die Frau als von ihm abgeleitet. Er wurde dem Geist zugeordnet, die Frau dem Fleisch. Sie ist das Andere, Fremde, Minderwertige.58 Im Zuge der Auslegung der Schöpfungserzählung im ersten Buch der Bibel wurde Adam als Mensch mit dem Mann gleichgesetzt und damit zum Maßstab erklärt, Eva als Frau von ihm abgeleitet. Er wurde von Gott erschaffen, sie aus der Rippe seines Erstlingswerkes. Trotz dieser alles bestimmenden Erzählungen der Überlegenheit des Mannes und der Sündenverhaftetheit der Frau haben Frauen diese Situation der menschengemachten Unmündigkeit hinterfragt. Denkend, reflektierend und handelnd fanden sie Alternativen zur Abhängigkeit von Vätern, Brüdern oder Ehemännern. Trotz zahlreicher Hindernisse lassen sich Frauenbiografien finden, die vom genormten bzw. gesellschaftlich und kirchlich vorgegebenen Lebensentwurf abwichen. Was ließ diese Frauen neue Wege gehen, statt sich mit dem Status quo abzufinden? Was hat sie befähigt, dem eigenen inneren Impetus zu folgen statt – was gegebenenfalls bequemer gewesen und mehr honoriert worden wäre – in vorgegebenen Bahnen und Ordnungen zu verbleiben? Was hat ihnen geholfen, trotz oder gerade wegen schwieriger Bedingungen erfolgreich ihrer Berufung zu folgen und ihre Ziele zu verfolgen?
Exemplarisch soll an dieser Stelle Biografie und Leben einer Frau nachgezeichnet werden, die im 19. Jahrhundert eine Frauengemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche ins Leben rief: Antonia Werr (1813–1868).59 Sie gründete 1855 zusammen mit Gleichgesinnten die Kongregation der „Dienerinnen der hl. Kindheit Jesu“ und schloss sich 1863 dem „Regulierten Dritten Orden des hl. Franziskus“ an mit dem Ziel, Frauen, die in prekäre Lebensumstände geraten waren, wieder zu Würde und Ansehen zu verhelfen. Weil der Gründungsort in Oberzell bei Würzburg liegt, gilt die Gemeinschaft, der ich selbst angehöre, im Volksmund als „Zeller Schwestern“ bzw. „Oberzeller Franziskanerinnen“.
Biografie und Leben
Antonia Werr kam als Jüngste von acht Geschwistern am 14. Dezember 1813 eine halbe Stunde vor Mitternacht in Würzburg zur Welt. Einen Tag später wurde sie auf den Namen Maria Antonia Agnes Josepha getauft. Ihr Geburtstag war überschattet vom Begräbnis ihres Vaters Joseph Werr, einem Beamten im königlichen Hofrentamt. 42-jährig hatte er sich bei der Pflege an Typhus erkrankter Soldaten, die im zum Lazarett umgewandelten Neumünster behandelt wurden, angesteckt und war am 12. Dezember 1813 verstorben. Zum Zeitpunkt seines Todes lebten von den sieben Kindern noch sechs. Nach dem Verlust ihres Gatten musste die 41-jährige Witwe Agnes Werr allein für den Lebensunterhalt der achtköpfigen Familie aufkommen. Sie verließ das in der Nähe des Würzburger Domes am Kürschnerhof 4 gelegene Haus und zog in die Hofpromenade um. Mit einem Mittagstisch für Studenten erwirtschaftete sie sich ein zusätzliches Einkommen.
Die erhaltenen Quellen verraten nur wenig über die Kindheit und Jugend Antonia Werrs. 1802 war in Bayern die allgemeine Schulpflicht eingeführt worden. Diese galt zunächst für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Wahrscheinlich besuchte Antonia die Schule bei den Ursulinen, die seit 1712 in Würzburg höhere Töchter unterrichteten. Unstrittig ist, dass sie eine solide Schulbildung genossen hat. Ihre Korrespondenz bezeugt einen geschliffenen Schreibstil; seitenlange Analysen, Reflexionen und Erzählungen lassen eine kluge Frau erkennen, die eigenständig dachte, sich ein fundiertes Urteil bildete und selbstbewusst argumentierte.
Als jüngstes Kind blieb Antonia bei ihrer Mutter und pflegte sie in deren Alter und Krankheit. Erst nachdem ihre Mutter am 5. Mai 1841 gestorben war, konnte die inzwischen 27-jährige Antonia ihrem Wunsch entsprechen, ins Kloster zu gehen. Die ernsthafte Suche nach ihrer Berufung dauerte bis zur Gründung in Oberzell 1855. Äußerlich führte Antonia Werr die 14 Jahre währende Odyssee nach Belgien und Frankreich, zurück nach Würzburg und schließlich an 13 Orte in Unterfranken auf der Suche nach einem eigenen, neuen Ort. Begleitet wurde die Phase des Umbruchs und der Orientierung von innerer Unruhe, Krisen und Erschütterungen. Auf Anraten ihres damaligen Beichtvaters war Antonia Werr im Herbst 1845 zusammen mit anderen Würzburgerinnen ins belgische Namur gereist, um dort das Postulat bei den Schwestern vom Guten Hirten zu beginnen. Nach einem mehrwöchigen Praktikum begab sie sich weiter ins französische Angers, um sich auf die Noviziatsaufnahme vorzubereiten. Doch schon auf der Hinreise hatte sie das Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein. Nach brieflichem Austausch mit ihrem Beichtvater verließ sie das Mutterhaus der Guthirtinnen wieder und kehrte nach Würzburg zurück. Hier führte sie drei Jahre lang den Haushalt ihres Schwagers, nachdem auch ihre älteste Schwester Anna verstorben war. Die Bilanz der 32-jährigen Würzburgerin sah nüchtern aus: Ihre Eltern sowie alle fünf Schwestern waren bis 1846 gestorben. Übrig blieben lediglich die in der Geschwisterfolge unmittelbar vor ihr geborenen beiden Brüder Philipp und Franz Anton.
Riskanter Einsatz der gesamten Existenz
Nach dem Tod ihres Schwagers Karl von Gemmingen 1849 bezog Antonia Werr eine Wohnung in der Franziskanergasse, wo sie ihren Haushalt mit einem Dienstmädchen und einem Kätzchen teilte. Bei dem Dienstmädchen handelte es sich vermutlich um eine verarmte Jugendliche oder junge Frau. Werr nahm sie in ihre Wohnung auf, gab ihr privaten Unterricht und wurde von ihr im Gegenzug in der Haushaltsführung unterstützt. Möglicherweise bestärkten die Art und Weise, wie das Mädchen zu ihr kam und welche Vorgeschichte es hatte, Antonia Werr in ihrem Gründungsvorhaben. Mit ihrem Plan, eine Einrichtung für strafentlassene Frauen sowie eine neue religiöse Genossenschaft zu gründen, begab sie sich jedenfalls in große Unsicherheiten.
Der Entschluss, etwas Eigenes anzufangen, reifte bei Antonia Werr über mehrere Jahre hinweg: Im Oktober 1853 fuhr sie schließlich nach München, um im bayerischen Staatsministerium des Inneren das Gesuch einzureichen, eine „katholische Anstalt zur Besserung verwahrloster Personen des weiblichen Geschlechts“ zu gründen. Dazu wollte sie die Ruine Homburg auf dem Burkardusberg bei Marktheidenfeld am Main kaufen. Bei dieser Gelegenheit lernte sie den 17 Jahre älteren und zweimal verwitweten Staatsrat Freiherrn Maximilian von Pelkhoven (1796–1864) kennen. Die Begegnung zwischen den beiden Katholiken stellte den Beginn einer intensiven Korrespondenz und innigen Freundschaft dar. Fortan unterstützte Pelkhoven sie tatkräftig und umfassend in ihren Anliegen bis zu seinem Tod im September 1864. Während der elf Jahre währenden Freundschaft trafen sich beide nur noch fünfmal in Würzburg bzw. Oberzell, als Pelkhoven während seines Urlaubs oder auf der Durchreise nach Aschaffenburg Halt in Würzburg machte.
Erhalten ist die 205 Briefe umfassende Korrespondenz. Diese stellt eine wichtige Quelle dar, um die Anfänge der Kongregation rekonstruieren zu können. Antonia Werr konnte Maximilian von Pelkhoven in seiner fachlichen Kompetenz anfragen und gleichzeitig vertraulich mit ihm über ihre Zukunftspläne sprechen. In dem Laien Pelkhoven hatte sie einen Menschen getroffen, von dem sie sich angenommen und im Innersten verstanden fühlte: „[D]enn wahrlich, nie habe ich außer Ihnen einer Seele so viel Vertrauen geschenkt; nie aber auch ist mir Jemand entgegengekommen, der so sehr mit dem, was ich denke und fühle, übereinstimmte“.60 In einem ihrer ersten Briefe vom 19. November 1853 schrieb sie an ihn: „Was also die Gründung einer Anstalt betrifft, so steht dieselbe schon längst als […] Riesenwerk vor meiner Seele. […] Längere Zeit jedoch drängte ich solche Gedanken als Anmaßungen zurück; doch sie kamen immer wieder, und erst die öfters ausgesprochenen Wünsche Anderer, daß ich etwas derartiges anfangen sollte, verscheuchten nach und nach meine Zaghaftigkeit.“61
Als Motivation für ihr Unternehmen versicherte Werr im selben Brief weiter, „daß mich im Allgemeinen keine irdischen Vortheile noch Absichten locken; denn das Ganze hat keine, und am wenigsten für mich, indem ich jetzt leben kann, wie ich will, mein eigener Herr bin“.62 Trotz schwächlicher Gesundheit, Entbehrungen bei Kälte und karger Nahrung, geringem Vermögen und kleiner Rente hatte sie keine Schulden und war „bis jetzt doch immer mit Gottes Hülfe durchgekommen“.63 Mit ihrem Vorhaben riskiere sie dagegen ihre finanzielle Absicherung und gab Privilegien wie Selbstständigkeit und Unabhängigkeit auf, die ihr als allein stehende Frau in der Lebensmitte wichtig geworden waren. Sollte sie mit ihrem Unternehmen scheitern, hätte Werr sich unter Umständen Schulden aufgeladen, ihre Rente gefährdet, ihre ohnehin labile Gesundheit ruiniert und ihren guten Ruf verloren. Werr machte sich keine Illusionen darüber, dass sich ihr Projekt möglicherweise zum Nachteil auf ihre gesamte Existenz auswirken könnte. Den Mut, dennoch initiativ zu werden, begründete sie mit ihrer religiösen Motivation und der Aussicht, sich einst vor Gott verantworten zu müssen.
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