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Kate Lillian

Träume nicht dein Leben

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Buch

Widmung

Es war einmal ...

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Danksagung

Das Connecting geht weiter ...

Autorenvita

Impressum neobooks

Das Buch

Kate Lillian

Träume nicht dein Leben Liebe oder Krone – Band 1

Widmung

Für alle, die mit ihrem Selbstvertrauen kämpfen

– und ihre Träume dennoch nicht aufgeben

Es war einmal ...

Ich könnte behaupten, meine Geschichte hätte mit der Verkündung angefangen. Und die wirklich bedeutende Zeit meines Lebens begann vielleicht tatsächlich an diesem Tag. Aber meine Träume und Wünsche reiften bereits viel früher in mir. So früh, dass ich mich kaum noch an den genauen Zeitpunkt erinnern kann.

Nur das Bild sehe ich noch immer vor mir. Das Bild, wie der König und die Königin unseres Reiches oben auf der Treppe vor ihrer Villa stehen und der wartenden Menge zuwinken. Mit glücklichen Gesichtern, stolzer Körperhaltung und prächtiger Kleidung. Beide strahlen sie ihr Volk an, kümmern sich nicht um die Kameras, die die Bilder live übertragen. Und obwohl ich ihnen deshalb nicht einmal direkt in die Augen sehen konnte, wurde mir zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass ich irgendwann selbst dort stehen wollte. Ich wollte einen Mann an meiner Seite, der mich liebte. Ich wollte das schönste Kleid des Reiches tragen. Ich wollte angebetet und bejubelt werden.

Und mich nicht mehr wie eine Aussätzige fühlen.

Bis zur Verkündung hatte ich nie geglaubt, dass all das Wirklichkeit werden könnte. Weder romantische Liebe noch Reichtum oder Bewunderung hatte ich je erfahren. Ich wusste nicht, wie sich diese Dinge anfühlten, und doch hatte ich immer von ihnen geträumt. Nichts im Leben wollte ich mehr, als eine Prinzessin zu sein. Als eine Königin zu sein. Und auf einmal war sie da, die Chance, meine Träume wahr werden zu lassen.

An dieser Stelle beginnt der Teil meiner Geschichte, der es wert ist, erzählt zu werden.

1

Bekanntgaben waren in der Stadt nichts Seltenes, aber an diesem Tag war alles anders, wie sich herausstellen sollte. Die Leute drängten sich auf dem Marktplatz zusammen, versuchten einen guten Platz zu bekommen, um einen Blick auf die Bühne vor dem Rathaus werfen zu können. Ich war mit meiner Größe von gerade mal einem Meter zweiundsechzig klar im Nachteil, woran ich mich inzwischen gewöhnt hatte. Ich rutschte dadurch auch unter dem Radar der meisten meiner Mitmenschen hindurch, deshalb beschwerte ich mich nicht. Tagträume zog ich menschlicher Gesellschaft sowieso vor.

Allerdings ließ die sich manchmal nicht vermeiden – so wie jetzt gerade.

»Huckepack, Prinzessin?«, fragte mich mein Vater mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Auf seinen Schultern, die sich mit meinen Augen etwa auf einer Höhe befanden, hätte ich eindeutig eine bessere Chance, alles mitverfolgen zu können.

Trotzdem schüttelte ich den Kopf. »Ich bin beinahe achtzehn, das wäre peinlich.«

Weil mich die meisten Leute für jünger hielten, wäre es halb so schlimm gewesen. Aber ich besaß ein gewisses Maß an Stolz. In gut drei Monaten würde ich volljährig werden und ich wollte nicht, dass jemand dachte, ich würde an den Hosenbeinen meines Vaters kleben. Oder am Rockzipfel meiner Mutter, die rechts von mir stand und gerade den Kopf schüttelte. Sie hatte noch nie nachvollziehen können, warum mir meine Wirkung auf andere so immens wichtig war. Dabei passte sie sich zumeist ebenfalls an die Norm an.

»Dann tausch wenigstens den Platz mit mir, Jill. Von hier aus siehst du besser«, behauptete sie und wollte nach meinem Arm greifen.

»Schon gut.« Ich wich ihrer Hand aus. »Wahrscheinlich geht es wieder um irgendwelche Neubauten, das interessiert dich sowieso mehr als mich.«

Sie betrachtete mich noch einen Moment lang, dann seufzte sie und schaute nach vorne, wo gerade irgendwelche verhüllten Gegenstände auf das Podest gebracht wurden. Kaum waren sie neben der Leinwand positioniert, betrat unser Bürgermeister mit einem Mikrofon die Holzbühne. Er hatte keine Zettel in der Hand, wie es sonst meist der Fall war. Offenbar hatte er nicht so viel zu sagen, sondern würde eine Fotostrecke oder einen kurzen Film zeigen. Dafür sprach zumindest der aufgebaute Projektor.

Normalerweise war mir ein solches Ereignis um einiges lieber als seine endlosen Ansprachen. Doch wenn es wie bei der letzten Bürgerversammlung um irgendwelche zu versteigernden Landflächen ging, war das genauso langweilig – vor allem, da die meisten Bewohner unserer kleinen Stadt nicht genügend Geld für solch einen Kauf besaßen.

Nur wurde uns der Anlass der Versammlungen nie im Vorfeld mitgeteilt. Darum tauchten viele Bewohner freiwillig auf – in der Hoffnung, positive Neuigkeiten als Erstes zu erfahren.

»Äh-hem«, räusperte sich Bürgermeister Berger, was durch die alten Lautsprecher ein unangenehmes Geräusch verursachte. Weil er nun jedoch die Aufmerksamkeit aller innehatte, sprach er gleich weiter. »Guten Morgen, meine lieben Mitbürger. Ich freue mich wie immer über Ihr Erscheinen. Aufgrund der Wichtigkeit dieser Versammlung komme ich gleich zur Sache.«

Innerlich stöhnte ich auf. Egal, wie wichtig diese Veranstaltung war, dadurch fiel einer meiner Sommerkurse aus. Und ich wollte so gut es ging auf die Uni vorbereitet sein, die ich ab Herbst besuchen würde.

Herr Berger klemmte sich das Mikrofon unter den Arm und klatschte einmal in die Hände, woraufhin einige Helfer die Tücher von den verhüllten Gegenständen zogen. Ich glaubte im ersten Moment, darunter kämen irgendwelche Antiquitäten zum Vorschein, die versteigert werden sollten. Ich erinnerte mich nur zu gut an das alte Radio beim letzten Mal, das die Königsfamilie für einen guten Zweck aus einem ihrer Museen geholt hatte. Es kam hin und wieder vor, dass die Städte Gaben aus der alten Welt erhielten, um von dem Erlös einen neuen Kindergarten zu errichten oder das Funknetz auszubauen. Das war sehr großzügig und kam bei den Sammlern und Reichen gut an. Wir Übrigen ließen es eher notgedrungen über uns ergehen.

Dieses Mal handelte es sich jedoch nicht um etwas Teures – sondern um etwas weitaus Bedeutenderes. Denn ich erblickte Stangen, über die sich nun Stoff rollte. Keine zwei Sekunden später leuchteten uns die Banner unseres Königreiches entgegen: dunkelrot mit einem goldenen Wappen darauf. Obwohl ich es von meiner Position aus nicht genau erkennen konnte, wusste ich, dass darauf die einzelnen Anfangsbuchstaben der fünf früheren Länder unseres Reiches kunstvoll verschlungen dargestellt waren.

Überraschte Laute gingen durch die Menge, hinter mir versuchte jemand, einen besseren Blick auf das Podest zu erhaschen, und rammte mich mit seinem Ellenbogen. Ich kniff kurz die Augen zusammen, bevor ich mich auf meine Zehenspitzen stellte, um ebenfalls mehr sehen zu können.

»Was hat das zu bedeuten?«, murmelte meine Mutter. Mein Vater zuckte lediglich mit den Schultern und auch ich hatte keinen Schimmer, was auf uns zukommen würde. Mir war nur klar, dass eine Ankündigung von enormer Relevanz bevorstand, sonst würde man die Banner nicht hissen.

»Meine lieben Mitbürger von Brightfield, bitte schauen Sie auf die Leinwand und lauschen Sie den Worten unseres verehrten Königspaares!«, forderte uns der Bürgermeister auf. Unnötigerweise, denn als auf dem weißen Stoff König Simon und Königin Whitney auftauchten, wurde es mucksmäuschenstill und die Aufmerksamkeit aller richtete sich auf das eben erscheinende Bild. Auch ich starrte die Gesichter der beiden an, und obwohl es keine Live-Übertragung war, war ich wie gebannt von ihrer Ausstrahlung.

»Liebes Volk des Zentralreiches, wir freuen uns sehr, Sie alle zur Verkündung begrüßen zu dürfen«, sagte Königin Whitney, während sie in die Kamera lächelte.

»Heute wird sich das Leben für einige Personen gravierend verändern und das könnte auch Auswirkungen auf das ganze Reich haben«, fuhr König Simon fort. Seine Stimme klang beeindruckend ruhig für jemanden, der eine so große Neuigkeit kundtat.

»Wie Sie wissen«, ergriff die Königin das Wort, »halten alle Königsfamilien dieser Generation ihr Privatleben eher bedeckt. Nun ist es an der Zeit für einige Enthüllungen.«

Die Perspektive veränderte sich, sodass nicht mehr nur das Königspaar auf Sesseln sitzend zu sehen war, sondern drei weitere solcher Möbelstücke im Bild auftauchten.

»Heute präsentieren wir Ihnen erstmals unsere Kinder.« König Simon gab jemandem ein Zeichen und ein kleines Mädchen kam ins Bild gehüpft. Es setzte sich auf den Sessel neben der Königin und winkte mit einem Grinsen in die Kamera. »Dieser kleine Schatz ist unsere Jüngste. Ihr Name ist Marla.«

»Hallo, Volk«, sagte Marla mit zuckersüßer Stimme und wedelte dabei weiterhin mit ihrer kleinen Hand. Sie war bestimmt nicht älter als zehn.

Ihre Eltern lachten wegen ihrer Begrüßung, dann gab der König erneut ein Signal. Als Nächstes trat ein Junge ins Bild, der vielleicht mein Alter hatte. Sein Anzug schien ihm leicht zu groß zu sein, seine Krawatte hing ihm schief über das karamellfarbene Hemd. Als er sich setzte, überkreuzte er sofort leger die Beine und lehnte sich zurück. Er wirkte ein wenig frech, als würde er sich nichts aus Regeln machen.

»Jonas, unser zweiter Sohn«, stellte der König ihn vor. Zur Begrüßung winkte er nur lässig und grinste.

Ich glaubte, die Königin die Augen verdrehen zu sehen, war mir aber nicht sicher, ob ich mir das eingebildet hatte. Meine Aufmerksamkeit richtete sich ohnehin auf ihren Mann, der sich erhob.

»Zum Schluss präsentiere ich Ihnen mit Stolz unseren Sohn Stephan, den Thronfolger unseres Reiches.«

Bereits bevor der junge Mann vor die Linse trat, begann mein Herz, schneller zu schlagen. Seit Jahren stellte ich mir vor, wie der künftige König aussehen würde. Ob er die blonden Haare seines Vaters geerbt hatte. Oder die helle Haut seiner Mutter. Und stets hatte ich mich gefragt, wie alt er wohl sein mochte – vielleicht in einem Bereich, der zu meinen siebzehn Jahren passen würde?

Kaum dass er vor der Kamera auftauchte, hielt ich die Luft an. Prinz Stephan schien etwas älter zu sein als ich, seine Züge wirkten gleichzeitig weich und maskulin. Seine dunkelblonden Haare waren akkurat aus dem Gesicht gestylt, sodass seine hellen blauen Augen umso deutlicher zur Geltung kamen – trotz der Distanz zum Aufnahmegerät.

Er stellte sich neben seinen Vater und lächelte in die Kamera. Man bekam das Gefühl, als würde er nicht in eine technische Apparatur gucken, sondern uns alle betrachten – sein Volk. Es fühlte sich für mich wie ein Déjà-vu des Auftrittes seiner Eltern an, bei dem ich sie als Kind das erste Mal gesehen hatte. Nur dieses Mal brannte sich meine Sehnsucht nach einem royalen Leben beinahe durch mich hindurch. Prinz Stephans Auftauchen machte alles so viel nahbarer. Dabei war er für mich unerreichbar ...

»Ich freue mich, dass ich mich Ihnen allen endlich vorstellen darf.« Trotz der alten Lautsprecher war die Wärme in Stephans Stimme deutlich zu hören. »Und nicht nur diese Ehre gebührt mir heute. Ich darf außerdem eine Ankündigung im Namen unseres Königreiches sowie vier weiterer unserer sieben Reiche machen.«

Ein Raunen ging durch die Menge, es wurde geflüstert und getuschelt. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sich meine Eltern einander zuwandten, mein Fokus lag allerdings weiterhin auf dem Thronfolger.

»Wie Sie mit Sicherheit wissen, wurden zur Stärkung der Modernen Welt in den letzten beiden Generationen die künftigen Könige mit den Prinzessinnen der anderen Reiche vermählt«, fuhr er fort. »Dies soll jedoch nicht zur Tradition werden.«

Wie meinte er das bloß? Hatte er etwa längst eine Braut gefunden und wir wohnten gerade der Ankündigung seiner bevorstehenden Hochzeit bei?

Als ich mich umsah, konnte ich eine ähnliche Verwirrung bei meinen Mitmenschen erkennen. Falten auf der Stirn, weit aufgerissene Augen, offen stehende Münder. Ich hatte den Eindruck, viele hielten auch den Atem an.

Als erneut die Stimme des Prinzen erklang, richtete ich meinen Blick eilig zurück auf die Leinwand.

»Die Königreiche des Nordens, Ostens, Westens, Südens und des Zentrums sind sich einig, dass sie sich zu lange mit dem Wiederaufbau und dem Erhalt des internationalen Friedens beschäftigt und somit vor dem Volk der Modernen Welt verschlossen haben.« Prinz Stephan wirkte bestimmt, während er das sagte. »Wir wollen nicht länger Geheimnisse vor Ihnen haben. Sie nicht länger ausschließen. Wir wollen unsere Völker kennenlernen. Darum wird sich der Thronfolger jedes dieser fünf Reiche auf eine Reise durch sein Land begeben. Und in jedem seiner fünf Bezirke wird er Halt machen, um einer bestimmten Pflicht nachzukommen. Er wird durch das Los ein Mädchen wählen, das zum Palast der Einheit reisen wird.«

Ich spürte, wie mir meine Mutter eine Hand auf die Schulter legte. Als sie mein aufgeregtes Zittern wahrnahm, stellte sie sich dichter neben mich und schlang mir ihren Arm um die Taille. Unter normalen Umständen hätte ich das nicht zugelassen, aber jetzt konnte ich überhaupt nicht darauf reagieren. Ich war vollkommen gebannt.

»Die fünfundzwanzig Mädchen werden mit uns Prinzen dort eine Menge Zeit verbringen«, erklärte der Thronfolger. »Wir wollen nicht nur mehr über unsere Reiche und seine Bewohner erfahren, sondern auch mehr über die Mädchen selbst. Jeder von uns erhofft sich, so eine geeignete Braut für sich zu finden. Ihre Herkunft spielt dabei keine Rolle. So sollen neue Bande zwischen den Reichen und zum Volk geknüpft werden. Und Sie alle können im Fernsehen dabei zusehen – beim Connecting!«

Prinz Stephans folgende Worte gingen im allgemeinen Tumult unter. Auch ich konnte mich nicht länger konzentrieren. Fünf Thronfolger suchten Bräute. Sie suchten die künftigen Königinnen. Sie suchten im gemeinen Volk. Und ich war ein Mädchen des gemeinen Volkes.

Das war die Chance, von der ich bis jetzt immer geträumt hatte.


»Keinesfalls wirst du an dieser Show teilnehmen!« Mein Vater drängte mich in die Wohnung und stellte sich gebieterisch im Türrahmen auf. Wenn ihm etwas nicht passte, nahm er immer diese Pose ein. Mit ihm zu streiten, war unter diesen Umständen keine gute Idee, doch dieses Mal lohnte es sich, zu kämpfen.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber das ist es, was ich will! So eine Chance kriege ich nie wieder!«

»Na, hoffentlich.« Er sah streng auf mich hinunter. »Das ist alles Irrsinn.«

»Beschimpfe besser nicht die Pläne der Königsfamilie, solange die Tür offen steht, Bruno.« Meine Mutter schob ihn vorwärts und schloss dann die Tür hinter sich. Ihr ebenso mitleidiger wie skeptischer Blick, der mich im Anschluss traf, entmutigte mich. Sie würde mir bei diesem Kampf nicht beistehen.

»Papa, bitte!« Ich presste meine Hände dort auf den Brustkorb, wo sich mein Herz verbarg. »Du weißt, dass ich schon seit Jahren davon träume, eine Prinzessin zu sein. Willst du denn nicht, dass ich meine Träume verfolge?«

»Deine Träume sind es, an die Uni zu gehen, dir danach eine Stelle zu suchen und irgendwann einen netten Mann zu heiraten.« Er fixierte mich.

Sein Blick schüchterte mich zwar ein, aber dieses eine Mal konnte ich einfach nicht klein beigeben. »Das war der Weg, den ich gehen wollte, bevor ich wusste, welche Chance sich mir bieten könnte. Und wer sagt, dass die Prinzen nicht auch nett sind?«

»So wichtige Leute sind doch immer nur auf Macht und Publicity aus«, widersprach er mir. »Keiner von denen würde dich glücklich machen!«

»Das kannst du gar nicht wissen!« Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Ich versuchte sie wegzublinzeln, doch dadurch wurde es nur schlimmer. Also sprach ich mit verschwommenem Sichtfeld weiter. »Außerdem haben sie noch gar keine Ahnung von Macht oder Publicity. Alle königlichen Kinder wurden schließlich bis zum heutigen Tag versteckt.«

Die Gründe dafür hatte man uns stets verschwiegen, nur dass sie politischer Natur waren, wurde immer wieder gesagt. Irgendwann hatten wir uns daran gewöhnt, nur mit dem König und der Königin vorliebzunehmen. Zumindest der Großteil unseres Volkes. Kritische Stimmen waren vor allem in den letzten Jahren immer lauter geworden, nachdem der König des Nordreiches schwer erkrankt war. Zwar regierte er noch, ließ sich jedoch kaum noch in der Öffentlichkeit blicken – und von einem Nachfolger keine Spur. Bis jetzt zumindest.

»Dieses Versteckspiel der Prinzen macht es noch schlimmer. Denn wahrscheinlich gibt es schwerwiegende Gründe dafür, dass sie erst jetzt auf der Bildfläche auftauchen.« Mein Vater schaute mich eindringlich an. »Dieses Schauspiel ist mit Sicherheit ein Test, wie die zukünftigen Könige mit all den Problemen umgehen. Willst du da wirklich als Versuchskaninchen hineingezogen werden, Jill?«

Ich wusste schon, dass er mit der Monarchie nicht immer einverstanden war. Doch jetzt wollte er mir insbesondere aufzeigen, dass ich alldem nicht gewachsen sein würde. Was vielleicht sogar stimmte. Ich war keine geborene Führungspersönlichkeit und ging Problemen grundsätzlich lieber aus dem Weg.

Allerdings träumte ich bereits seit Ewigkeiten von einem Leben als Königin. Und mein Wunsch, von einem ganzen Volk bewundert zu werden, würde mir die nötige Kraft schenken. Um zu kämpfen – und um mich zu ändern. Davon war ich überzeugt.

Nun galt es jedoch, meinen Vater umzustimmen.

Ich presste die Lippen aufeinander, machte einen Schritt auf ihn zu und guckte ihn von unten her an. »Ich will doch nur meinen Namen in diesen Lostopf werfen. Wenigstens kurz das Gefühl haben, mir stünde noch ein anderer Weg offen. Bei all den Mädchen unseres Bezirks zwischen siebzehn und neunzehn werde ich sowieso nicht gezogen.«

Ich hasste es, daran zu denken, wie gering meine Chancen waren. Aber das war mein bestes Argument, um seine Meinung zu ändern. Denn obwohl die Bevölkerung durch den Großen Krieg drastisch geschrumpft war, lebten immer noch einige Millionen Menschen in jedem Bezirk.

Mein Vater schien einen Augenblick unschlüssig zu sein, was auch meine Mutter bemerkte. Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. »Bruno, lass sie es machen. Wie Jill schon sagt, die Wahrscheinlichkeit, dass sie gezogen wird, liegt bei weniger als einem Prozent.«

Zahlen waren immer ein gutes Argument, meinen Vater zu überzeugen, da er Wirtschaft studiert hatte. Ich warf meiner Mutter deshalb einen dankbaren Blick zu, den sie mit einem kurzen Lächeln quittierte. Vielleicht war sie ja doch auf meiner Seite.

Als sich das Schweigen meines Vaters hinzog, verschränkte ich meine Finger ineinander und schaute ihn mit meinen braunen Rehaugen flehend an. »Papa, bitte.«

Nur Sekunden später konnte ich mitverfolgen, wie die Härte aus seinen Gesichtszügen wich. Während er seufzte, stimmte ich innerlich einen Jubel an.

»Na gut. Dein Name in dem Topf. Und danach konzentrierst du dich wieder auf deine Kurse.«

»Danke!« Ich vollführte einen kleinen Freudentanz, über den mein Vater den Kopf schüttelte. Meine Mutter hingegen lachte und schon bald stimmte ich mit ein.

Egal, wie winzig meine Chance war, ich würde sie wahrnehmen. Wunder geschahen immer wieder. Das Überleben der Menschheit nach all der Zerstörung war der beste Beweis dafür.


Irgendwer hatte neben der Bühne am Marktplatz eine Art Zelt aufgebaut, wo man sich registrieren lassen konnte. Die Schlange an Mädchen war gut zwanzig Meter lang. Wahrscheinlich hatte sie heute Morgen nach dem offiziellen Bewerbungsbeginn mindestens die dreifache Länge gemessen. Dass ich erst am späten Nachmittag gekommen war, um meinen Namen ins Spiel zu bringen, war wohl die richtige Entscheidung gewesen.

Dafür hatte ich mir stundenlang von meinem Vater anhören müssen, dass ich es noch mal überdenken sollte, ob ich wirklich bei einem solchen Spiel mitmachen wollte. Er tat gerade so, als ob ich längst ausgewählt worden wäre. Aber obwohl ich mir von ganzem Herzen wünschte, dass es so kommen würde, musste ich realistisch bleiben. Meine Chance war verschwindend gering.

Während ich wartete und etwa jede zweite Minute einen Schritt nach vorne machte, beobachtete ich die Mädchen vor mir. Offenbar waren die meisten in Grüppchen gekommen, einige kicherten und tuschelten miteinander.

Ich hatte Cliquen stets gemieden. Mir behagte es nicht, zu viele Menschen um mich herum zu haben. Denn entweder ignorierte man mich, weil ich nur zuhörte, oder man warf mir erwartungsvolle Blicke zu, damit ich meinen Mund aufbekam. Beides nervte mich. Irgendwann hatte jede Gruppe in der Schule das kapiert und aufgegeben, mich integrieren zu wollen.

Worüber ich wirklich dankbar war. Ich zog gerne mein eigenes Ding durch und wollte mich nicht von anderen wegen dem, was ich dachte, tat oder mochte, rechtfertigen müssen – was bisher immer der Fall gewesen war.

Ich stand noch gut fünf Meter vor dem Zelt, da drang das Gespräch der Mädchen hinter mir an meine Ohren. Ich erkannte die Stimmen von Sandra und Lucy, die in meine Stufe gegangen waren. Zum Glück schienen sie mich nicht erkannt zu haben, ansonsten hätten sie mich vermutlich mit großen Augen angeguckt und gefragt, was ich denn hier zu suchen hätte. Bestimmt konnte sich kaum einer in der Stadt vorstellen, dass gerade ich Prinzessin werden wollte. Nur meine Eltern kannten meine geheimsten Wünsche und selbst die respektierten sie nicht – wie mir mein Vater nur allzu klar gemacht hatte.

»Uh, denkst du, er kommt auch hierher?«, fragte Lucy in meine tristen Gedanken. »Stell dir das mal vor: der Prinz in unserem Städtchen!«

»Oh Mann, das wäre echt krass«, erwiderte Sandra. »Mehr als krass wahrscheinlich.«

»Ich würde ja so ausflippen, wenn er in den Laden meiner Mama kommen würde!«

Lucys Mutter besaß einen Kiosk, weshalb sie auch in Sachen Prominenz auf dem Laufenden war. Wobei man kaum noch von Promis sprechen konnte. Wir hatten ein paar berühmte Sänger, Maler und Tänzer nebst den königlichen Familien. Schauspieler fand man höchstens in Theatern, da Filme zu drehen sehr aufwendig war und man das Geld deutlich besser anlegen konnte. In die Wissenschaft zu investieren, war immer lohnenswert, denn nach und nach entwickelte man die technischen Geräte von früher wieder neu. Es war wirklich erstaunlich, wie viel Fortschritt ein weltweiter Krieg zunichtemachen konnte.

Abgesehen davon gab es noch immer die Klimakrise, die man mit den umweltverschmutzenden Gerätschaften und Fabriken aus der alten Welt nicht weiter fördern wollte. Einfach zu dem Zustand vor dem todbringenden Konflikt zurückzukehren, war also ebenfalls keine Möglichkeit – was unser Leben noch ein wenig komplizierter werden ließ.

»Denkst du, sein Bruder wird ihn begleiten?« Sandras hoffnungsvolle Stimme übertönte meine Überlegungen. »Die Art, wie er da so auf seinem Sessel gehangen hat, war echt lässig.«

Ich verdrehte die Augen. Bewarb sie sich denn, um unseren Prinzen – und die vier anderen – kennenzulernen, oder wegen jemandem, den sie nie bekommen würde? Mir erschien es mehr als unwahrscheinlich, dass auch die anderen Königskinder im Volk suchen würden. Ein paar politische Verbindungen waren eher von Nutzen.

Notgedrungen hörte ich mir noch ein paar Minuten das Geplapper der beiden an, dann durfte ich endlich das Zelt betreten. Ich warf beim Hineingehen einen Blick auf den Muskelprotz neben dem Eingang, dessen Anwesenheit mir suspekt erschien. Aber wer wusste schon, was Mädchen tun würden, wenn die Chance auf eine Einheirat in die Königsfamilien bestand?

Unter den Planen stand ein Tisch, hinter dem eine Frau mittleren Alters saß. Sie wirkte mit ihrer großen Brille ziemlich streng, was durch das fehlende Lächeln noch verstärkt wurde. Mit einem Nicken deutete sie auf den Stuhl, der vor dem Tisch platziert war. Eilig setzte ich mich.

Sie schob mir einen Zettel und einen Stift zu. »Ausfüllen.«

Ich griff nach dem Tintenschreiber und beugte mich über das Blatt Papier. Die einzusetzenden Informationen waren ziemlich dürftig. Name, Adresse, Geburtstag, Berufsstand. Ich überlegte einen Moment, bevor ich »Schulabsolventin, bald Studentin« auf die zugehörige Zeile schrieb. Offenbar wollten die Prinzen nicht wissen, mit wem sie es auf ihrer Brautschau zu tun bekommen würden.

Diese Neutralität ließ mich hoffen. Denn freiwillig würde mich wohl keiner auswählen. Ich stach weder optisch noch charakterlich hervor.

Ich hatte kaum Zeit, meine Angaben noch einmal zu überprüfen, da zog mir die Frau den Zettel schon weg und ersetzte ihn durch einen anderen. »Durchlesen. Und dann unterschreiben. Oder auch nicht. Aber dann hättest du gar nicht kommen müssen.«

Irritiert überflog ich die Zeilen: »Hiermit erkläre ich, dass ich mich vollkommen freiwillig für das Connecting bewerbe. Außerdem werde ich die Wahl des Loses akzeptieren, egal, wie sie ausfällt. Und ich versichere, dass ich die Wahl auf jeden Fall annehmen werde, sollte ich gezogen werden. Sollte ich noch nicht volljährig sein, sind meine Eltern mit der Teilnahme einverstanden (Einverständniserklärung liegt bei).«

Der letzte Satz bereitete mir ein wenig Sorgen. Aber mein Vater hatte den nötigen Zettel unterschrieben, der heute morgen zusammen mit einem Info-Flyer in unserem Briefkasten gelegen hatte.

Also setzte ich meine Unterschrift auf die leere Zeile, legte den Stift weg und schob die Einverständniserklärung – die ich bis eben in meiner kleinen Handtasche aufbewahrt hatte – über die Tischplatte. Die Frau warf einen kurzen Blick darauf, bevor sie mich mit einer Handbewegung wegscheuchte. Hastig stand ich auf und verließ das Zelt.

Kaum dass ich draußen war, sahen mich Lucy und Sandra neugierig an. Dann runzelten beide die Stirn. Lucy machte sogar den Mund auf, um etwas zu sagen, da ertönte die ungeduldige Stimme der bebrillten Frau.

»Die Nächste!«

Während Lucy im Zelt verschwand, verließ ich den Marktplatz. Und ausnahmsweise hatte ich dabei meinen Blick nicht auf den Boden gerichtet, sondern nach vorne. Der erste Schritt war gemacht. Jetzt konnte ich nur warten.

2

Die nächsten Tage verliefen relativ ereignislos. Ich besuchte weiterhin die Sommerkurse an meiner alten Schule, die dafür da waren, dass wir uns für das richtige Studienfach entschieden. Geschichte war mein Favorit, aber meinem Vater zuliebe probierte ich auch Wirtschaft aus. Zusätzlich besuchte ich die Literaturklassen, um meinen Horizont kulturtechnisch noch ein wenig zu erweitern. Wahrscheinlich hatte ich wegen all der Bücher, die ich mir bereits aus der Bibliothek ausgeliehen hatte, eine so blühende Fantasie.

Was zur Zeit nicht allzu gut war, da ich mir ständig ausmalte, dass mein Name gezogen werden würde. Irgendwo in der Stadt warteten all die Bewerbungen darauf, abgeholt zu werden. Wie ich aus den Nachrichten erfuhr, passierte das, während die Prinzen durch die Reiche reisten. In jeder Großstadt wurde Halt gemacht, die Prinzen begrüßten ihre Völker und jemand nahm die Unterlagen aus dem Rathaus mit. Der letzte Halt war stets die Hauptstadt eines Bezirks, wo auch die Ziehung stattfinden würde. Diese wurde live im ganzen Reich übertragen. Was danach mit dem ausgewählten Mädchen passierte, verrieten sie nicht. Aber es würde wohl einen ganz schönen Rummel geben, sodass man sie vermutlich schnell zum Palast der Einheit bringen würde. Dieses neutrale Gebiet befand sich im Süden des Zentralreiches, beinahe an der Grenze zum Südreich. Es entsprach in etwa dem ehemaligen Land Liechtenstein, wie ich aus dem Geschichtsunterricht wusste. Ich war nie auch nur in die Nähe dieser Zone gekommen, wusste jedoch, dass dort regelmäßig die königlichen Konferenzen stattfanden.

Gespannt verfolgte ich die Berichte, die über die Reise von Prinz Stephan gesendet wurden. Zum Glück ging das von unserer Wohnung aus, da heutzutage jeder Haushalt mit einem speziellen Fernsehgerät ausgestattet worden war, das neben dem königlichen Sender nur zwei weitere Programme empfangen konnte: Nachrichten und Dokumentationen. Damit konnte man natürlich keine ganzen Tage füllen, darum war der Apparat oft nur Zierde. Aber in den nächsten Wochen würde sich das dank des Connectings wohl schnell ändern.

Die ersten Berichte über unseren Thronfolger waren noch ziemlich unspektakulär, man sah ihn meistens auf den Marktplätzen, wo er Ansprachen hielt oder ein paar Worte mit dem jeweiligen Bürgermeister wechselte. Manchmal wurde auch sein Zug durch die Stadt gezeigt, wo ihn die Menschen bejubelten. Ich war gespannt, ob er auch zu uns kam. Bis ich das erfahren würde, mussten allerdings noch einige Tage vergehen. Schließlich war unser Bezirk erst der dritte, wenn man von Norden nach Süden durchs Zentralreich reiste.

Auf den Bericht aus Kopenhagen, der Hauptstadt von Bezirk A, war ich besonders neugierig. Dort fand die erste Ziehung statt. Man sah den Mädchen auf dem Marktplatz die Nervosität an, wobei es ja noch nicht einmal sicher war, ob die Kandidatin des Bezirks wirklich in der Menge gefunden werden würde – obwohl die Chance natürlich groß war, denn in den Hauptstädten waren vermutlich die meisten Bewerbungen eingegangen.

Darum wunderte es mich nicht, als ein Kreischen erklang, kaum dass Prinz Stephan einen Zettel aus der Kristallschale gezogen und den Namen darauf vorgelesen hatte. Ein Mädchen mit rotblonden Locken bahnte sich seinen Weg durch die Menge und wurde schließlich vom Thronfolger auf der Bühne in Empfang genommen.

Liva – so hieß sie – wirkte regelrecht überwältigt, als Prinz Stephan ihre Hand nahm und gen Himmel streckte. Man hörte Jubel, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Schließlich hatte Liva all diesen anderen Mädchen gerade die Chance auf ein Kennenlernen mit den Prinzen genommen. Offenbar gönnten manche Menschen anderen doch noch Erfolge – auch wenn meine Erfahrung etwas anderes sagte.

Im Bezirk B lief es zu Beginn ähnlich ab. Auch dort fand man die Kandidatin direkt in der Menge. Sie war ein wenig pummelig, hatte dazu kurze Haare. Prinz Stephan begrüßte Jessica genauso herzlich im Wettbewerb wie Liva – im Gegensatz zum Publikum, das eher verhalten reagierte. Anscheinend war das rothaarige Mädchen aus Kopenhagen eine lokale Berühmtheit oder Ähnliches.

Stephan schien das allerdings nicht zu kümmern, da er beide Kandidatinnen gleich behandelte. Das Connecting mochte ja eine Art Brautschau sein, aber Äußerlichkeiten spielten dabei keine so große Rolle, wie man es für eine Fernsehshow erwartet hätte. Hier hatte jeder die gleiche Chance. Und vielleicht bekam ich meine in wenigen Tagen.

Doch zuvor würde der Thronfolger des Zentralreiches auch bei uns Halt machen, wie ich schließlich aus dem Radio erfuhr. Zwei Tage danach sollte die Ziehung unseres Bezirks stattfinden. Und dann würde ich endlich wissen, ob ich meine Träume begraben und stattdessen meine Ziele weiterverfolgen musste.


Ich stand am Fenster meines Zimmers im zweiten Stock, um vielleicht einen Blick auf den Prinzen zu erhaschen. Wir wohnten nicht weit vom Marktplatz entfernt, die Chance, dass er unsere Straße durchquerte, stand nicht schlecht. Wobei jede der Zugangsstraßen blockiert war, jeder einzelne Bewohner schien heute hinausgekommen zu sein. Nur ich blieb lieber drinnen. Die Stadtversammlungen ließ ich über mich ergehen, weil ich wusste, dass es kein Drängen und Schubsen gab. Dort passierte schließlich nie etwas Aufregendes – von der Verkündung mal abgesehen.

»Ganz schön laut da draußen«, stellte meine Mutter fest, die schräg hinter mir stand. »Ich frage mich, was es für einen Tumult geben wird, wenn der Prinz erst mal auftaucht.«

»Die Leute rennen sich über den Haufen«, murmelte ich und ließ meinen Blick über die überfüllte Straße schweifen.

»Gut, dass du hierbleibst. Ich hätte wirklich Angst um dich da unten.« Meine Mama legte mir eine Hand auf die Schulter und streckte ihren Kopf ebenfalls aus dem Fenster. »Wobei es bei der Ziehung bestimmt auch nicht viel anders zugehen wird.«

Ich spannte automatisch meine Schultern an. Sie hatte recht. Bei der Übertragung der Ziehung auf dem Marktplatz würde ich mich in die Masse stellen müssen. Schließlich wurde die ausgewählte Kandidatin sofort mit einer Kamera eingefangen. Also würde ich meinen inneren Schweinehund überwinden müssen.

»Übrigens denke ich, dass du gute Chancen hast.«

Erstaunt drehte ich mich zu meiner Mutter um. Aus vielen tausend Mädchen gezogen zu werden, würde ich nicht gerade als gute Chance bezeichnen.

»Ich meine, den Prinzen zu sehen«, erklärte sie lächelnd, als sie meinen überraschten Gesichtsausdruck bemerkte. »Der Weg vom E-Bahn-Halt zum Marktplatz führt direkt durch unsere Straße.«

»Hoffentlich gehen sie auch den direkten Weg.« Ich spähte über die wartenden Menschen hinweg zum Anfang der Straße, den ich jedoch von meiner Position aus nur vage erkennen konnte. Ich wünschte mir fast, ich könnte auch die E-Bahn-Station sehen, aber die war zu weit weg. Die Ankunft des Gefährts würde ich auch nicht hören können, denn im Gegensatz zu den Bahnen von früher fuhren die elektrischen heutzutage beinahe lautlos. Die Solarzellen, die überall angebracht waren, sorgten dafür, dass sie sich auf den Schienen bewegten. Strom war unerlässlich in unserer Gesellschaft, da alle anderen Ressourcen entweder aufgebraucht oder verboten waren. Zu viel Schaden war vor allem durch die Atomkraft angerichtet worden.

Als in der Ferne tosender Jubel aufbrandete, begann Aufregung in mir hochzusteigen. »Er ist angekommen, oder?«

»Ja, ich glaube schon.« Meine Mutter tätschelte mir noch einmal die Schulter, dann ließ sie mich alleine.

In meinem Kopf wirbelten die Gedanken nur so umher. Ich malte mir aus, welche Wege von der E-Bahn-Station bis zum Marktplatz führten. Es waren nicht viele. Und unsere Straße war eine der breiteren, also vielleicht entschieden sie sich wirklich dafür. Nur wie sollten sie sich einen Weg durch die Menge bahnen?

Einige Minuten später bekam ich eine Antwort. Um die Kurve am Anfang der Straße bogen bewaffnete Männer, die ein Rechteck bildeten. In dessen Mitte machte ich kurz darauf einen Rollwagen aus, der mit Sicherheit auch elektrisch betrieben wurde. Er besaß eine Art Plattform in erhöhter Position. An deren Rand hatten sich weitere Soldaten positioniert. Und mittendrin erspähte ich noch eine Person – die zu winken schien.

Es sah ähnlich aus wie bei den Aufzeichnungen, die ich bis jetzt im Fernsehen verfolgt hatte. Nur passierte das hier direkt vor meiner Nase.

Mein Herz pochte immer stärker, je näher der Tross kam. Ich erkannte die typischen Uniformen der Soldaten des Zentralreiches, die in der gleichen dunkelroten Farbe leuchteten wie unser Banner. Die Männer sorgten dafür, dass niemand zu nah an den Wagen, der nicht einmal in Schrittgeschwindigkeit fahren konnte, herantrat. Ich wusste, wie uneben der Weg war, also holperte es bestimmt ganz schön stark. Umso verwunderlicher war, dass der Thronfolger scheinbar mühelos dort oben stehen blieb. Er drehte sich in verschiedene Richtungen und winkte den Leuten zu, die seinen Namen riefen, klatschten oder kreischten.

Ich beugte mich weiter aus dem Fenster, um ihn noch genauer erkennen zu können. Meter für Meter rollte er auf seinem Wagen auf unser Wohnhaus zu. Irgendwann konnte ich sogar Prinz Stephans Gesichtsausdruck ausmachen. Er lächelte und es wirkte absolut ehrlich. Genau wie bei seinen Eltern, als ich sie erstmals im Fernsehen gesehen hatte. Seine Abstammung war eindeutig, sein Auftreten wirkte professionell, obwohl er bis jetzt kaum Erfahrung mit der Öffentlichkeit gemacht hatte.

Ich beobachtete mit trockenem Mund, wie der Wagen mit dem Prinzen langsam unter mir vorbeirollte. Sein Fokus lag natürlich auf den Menschen, die ihn auf der Straße anhimmelten. Darum versprach ich mir auch nicht sehr viel mehr von diesem Besuch, als ihn von oben sehen zu können. Doch das war schon Ehre genug für mich. Womöglich kam ich ihm nie näher als in diesem Moment.

Wobei es anscheinend unmöglich war, ihm überhaupt näher zu kommen. War das ein Plastikkasten um ihn herum? Wozu sollte der denn gut sein?

Noch während ich darüber nachdachte, flog die erste Tomate gegen den Kasten und prallte mit einem dumpfen Pochen daran ab. Vor Schreck stieß ich einen spitzen Schrei aus. Keine Sekunde später war es mir, als würde der Blick des Thronfolgers ganz kurz an der Hauswand entlang zu mir hinauf schweifen. Als würde er mich einen Wimpernschlag lang direkt ansehen. Und mich als Individuum erkennen, trotz all der Leute um ihn herum. Trotz der Tatsache, dass weiteres Gemüse und dazu rohe Eier in seine Richtung geschmissen wurden – was ihn überhaupt nicht zu kümmern schien.

Aber vermutlich war dieser Blickkontakt reines Wunschdenken, denn seine ganze Aufmerksamkeit wurde von der Masse um ihn herum vereinnahmt, aus der sich einzelne wütende Rufe abhoben.

»Sie machen unser Reich lächerlich!«

»Diese Show ist doch nur Farce!«

»Kümmern Sie sich lieber um Wichtigeres!«

War das etwa in den anderen Bezirken, in den anderen Städten, auch schon passiert und aus den Übertragungen herausgeschnitten worden? Wie konnte eine Veranstaltung im Namen der Liebe und des Friedens nur so großen Unmut in der Bevölkerung auslösen?

Während ich dem Prinzen hinterher sah, wie er in Richtung Marktplatz verschwand, fragte ich mich erstmals, ob ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Womöglich hatte mein Vater ja recht. Ich träumte von einem Leben voller Bewunderung – aber konnte ich auch mit Hass und Ablehnung umgehen?


Die Ansprache des Prinzen wurde live in der ganzen Stadt übertragen, doch es gab keine weiteren Zwischenfälle. Ich schaute sie mir zusammen mit meinen Eltern vor dem Fernseher an. Die meiste Zeit konnte ich mich überhaupt nicht auf die Worte von Prinz Stephan konzentrieren, da ich mir vorstellte, wie es war, in der ersten Reihe vor der Bühne zu stehen. So nah an unserem Thronfolger, dass er einen bemerken musste. Wie würde er mich wohl ansehen, wenn ich dort unten stünde?

Vermutlich würde sein Blick über mich hinwegschweifen. Ich war keine sehr auffällige Erscheinung mit meinen schulterlangen, dunkelbraunen Haaren. Vielleicht fiel ihm meine zu hohe Stirn auf, die ich früher durch einen seitlichen Pony verborgen hatte. Inzwischen war dieser herausgewachsen, sodass ich ihn mir hinters Ohr streifen konnte – wobei ich mich lieber hinter den Strähnen versteckte.

Als plötzlich Jubel aus dem Fernsehgerät drang, zuckte ich zusammen. Prinz Stephan grüßte noch einmal zum Abschied, bevor er das Podest verließ. Man sah noch für einige Minuten die jubelnde Menge auf dem Bildschirm, dann tauchte der Thronfolger wieder auf seinem Rollwagen auf und fuhr auf die nächste Straße zu. Diese würde ihn auf anderem Wege zurück zum E-Bahn-Halt bringen als bei seiner Ankunft.

Mir entfuhr ein leises Seufzen, als der Bildschirm schwarz wurde. Mein Vater kommentierte das lediglich mit einem Stirnrunzeln, meine Mutter lächelte vor sich hin. Keiner von ihnen konnte verstehen, was ich gerade empfand.

»Zwei Tage also«, sagte mein Vater auf einmal. Als ich ihn nur still von der Seite ansah, fügte er hinzu: »Danach ist das ganze Theater vorbei.«

»Eigentlich fängt es dann erst richtig an«, korrigierte ihn meine Mutter und sprach damit genau aus, was auch mir im Kopf herumschwirrte. »Das Connecting wird mehr Wirbel verursachen als jede Reise, die unser Prinz in seinem Leben unternehmen wird. Schließlich geht es um fünf Thronerben auf Brautschau.«

»Fünf Männer und fünfundzwanzig Mädchen, wer tut sich denn so was an?« Er schüttelte den Kopf. »Die müssen wahnsinnig sein.«

Oder verzweifelt, kam es mir in den Sinn. Doch ich schob den Gedanken beiseite. Es konnte doch nicht sein, dass unter den Töchtern der anderen Königshäuser keine passende dabei war. Oder doch? Sonst würden sie sich kaum der Gefahr aussetzen, dass die Show den guten Ruf der Königsfamilien ruinierte.

»Ich denke, sie sind clever«, unterbrach meine Mutter meine Überlegungen. »Auf diese Weise lernen die Königsfamilien das einfache Volk besser kennen. Und umgekehrt ist es genauso. Das Connecting ist viel mehr als nur ein Fernsehspektakel. Es ist eine Chance.« Als mein Vater sie daraufhin nur fragend ansah, erklärte sie: »Es ist eine Chance, uns alle miteinander zu verbinden. Eine Chance, unseren Frieden weiterhin zu bewahren.«

3

Die inspirierenden Worte meiner Mutter hallten auch in den nächsten Tagen in meinen Gedanken nach. Denn sie hatte absolut recht. Dieses einzigartige Event diente nicht nur dazu, die Menschen zu unterhalten. Auch nicht dazu, die Thronfolger auf Brautschau zu schicken. Wir sollten uns alle besser kennenlernen.

Unsere Kulturen klafften zwar nicht mehr so weit auseinander wie in der alten Welt, aber ich musste zugeben, dass ich mit den anderen Königreichen wenig anfangen konnte. Zwar lebten wir nicht weit entfernt von der Grenze zum Ostreich, aber ich hatte sie noch nie gesehen. Es war für uns alle ungewöhnlich, sie zu passieren.

Kurz nach dem Großen Krieg musste das noch anders gewesen sein. Immerhin war meine Großmutter mütterlicherseits den ganzen Weg aus dem Nordreich hierher gekommen. Sie war quasi unserer heutigen Königin gefolgt, ohne diese überhaupt zu kennen. Vermutlich hatte ich die Begeisterung für das royale Leben von ihr geerbt. Zu schade, dass sie kurz nach meiner Geburt gestorben war. Sie wäre bestimmt auf meiner Seite gewesen, hätte mich sogar ermutigt, mich für das Connecting zu bewerben. Nun stand ich mit meiner Entscheidung ziemlich allein da.

Als der Tag der Ziehung von Bezirk C endlich gekommen war, war ich so nervös, dass ich beim Frühstück kaum etwas hinunter bekam. Gestern war ein Zettel in den Briefkasten geflattert, auf dem alle Details zum heutigen Tag zusammengefasst waren. Die Ziehung sollte nachmittags um zwei Uhr stattfinden. Auf den Marktplatz unserer Stadt durften nur die Mädchen, die sich beworben hatten, damit es nicht zu voll wurde. Alle anderen, die die Übertragung verfolgen wollten, mussten sie sich entweder zu Hause angucken oder aus der Entfernung beobachten.

Ich sah meinem Vater an, dass es ihm überhaupt nicht gefiel, mich nicht begleiten – und gleichzeitig wohl auch nicht beschützen – zu können. Meine Mutter beruhigte ihn damit, dass ich ja bald wiederkommen würde. Ob sie damit meinte, dass ich sowieso nicht gezogen werden würde, konnte ich aus ihrem Gesicht nicht herauslesen.

Ich verabschiedete mich bereits um die Mittagszeit von den beiden, um keinen allzu schlechten Platz zu bekommen. Ich ließ meinen Namen auf der Liste eines Helfers abhaken, erst danach durfte ich den abgesperrten Versammlungsort betreten.

Obwohl ich viel zu früh dran war, hatten sich schon mehrere Reihen von schwatzenden Mädchen vor der Bühne platziert. Die Banner standen noch immer dort, die Leinwand hing ebenfalls bereits da. Dieses Mal fiel mir auch sofort der Projektor auf, der die Bilder live aus unserer Hauptstadt übertragen würde. Hoffentlich klappte das mit der Technik, es gab häufiger Störungen des Netzwerkes, weshalb wir recht selten Live-Sendungen aus den anderen Königreichen empfingen.

Ich hätte mir auch zu gerne die weiteren Verkündungen angeschaut, aber die waren bloß innerhalb der jeweiligen Grenzen ausgestrahlt worden. Die restlichen Thronfolger sowie die gezogenen Kandidatinnen sollten wohl eine Überraschung für die anderen Reiche werden. Der erste Schritt, um Spannung aufzubauen.

Diese hatte sich wegen der Ziehung auch in mir breitgemacht, schlug jedoch mit jeder Minute mehr in Nervosität um. Die Wartezeit überbrückte ich dieses Mal nicht damit, den Gesprächen anderer zu lauschen. Stattdessen ließ ich den Blick über die Kleidung der Bewerberinnen schweifen. Viele hatten Kleider angezogen, manchmal sah ich auch den ein oder anderen viel zu kurzen Rock. Überall glitzerten Pailletten, Stoff fiel wasserfallartig oder rüschte sich. Außerdem waren viele Ausschnitte zu tief und mit glänzenden Ketten behängt.

Ich fühlte mich wieder einmal wie eine Außenseiterin mit meinem langen weißen Rock und dem in unterschiedlichen Blauschattierungen leuchtenden, eher züchtigen Top. Das einzige Schmuckstück, das ich trug, war eine dünne Silberkette mit einem Diamantanhänger, die ich von meiner Großmutter geerbt hatte.

Manche der Mädchen sahen mich gerade wegen meiner unspektakulären Erscheinung an. Da ich wie immer aus der Reihe fiel, waren ihre Blicke abschätzig, bevor sie dazu übergingen, mich zu ignorieren.

Als der Bürgermeister endlich das Podium betrat, verspürte ich nicht nur Erleichterung. Mir war auch ein wenig übel. Ich versuchte, mich auf die Worte des Mannes zu konzentrieren, um das unangenehme Gefühl auszublenden.

»Meine sehr geehrten jungen Damen, ich begrüße Sie recht herzlich an diesem schönen Tag«, fing er an, wobei seine Stimme ein wenig zitterte. »Die Übertragung wird gleich beginnen. Viel Glück Ihnen allen.«

Wir klatschten, während er sich an den Rand der Bühne zurückzog, um nicht im Bild zu stehen. Es dauerte keine Minute, bis dieses auf der Leinwand erschien. Ich erkannte den Marktplatz unserer Hauptstadt Thuringia – benannt nach dem alten Bundesland Thüringen – und sah auch die riesige Menge vor der Bühne. Dort standen bestimmt fünfmal so viele Mädchen wie bei uns. Wahrscheinlich würde es also wieder auf eine Hauptstadt-Kandidatin hinauslaufen ...

Als Prinz Stephan mit dem Mikrofon auf das Podium trat, musste ich trocken schlucken. Er sah so perfekt aus wie bei jedem seiner bisherigen Auftritte. Die grauen Wolken, die über Thuringia hingen, konnten seinem Strahlen nichts anhaben. Wie sehr wünschte ich mir, ich könnte auch so positiv sein wie er!

»Liebe Bürger, liebe Mädchen des Bezirks C«, begann er und ließ seinen Blick über die Menge vor ihm schweifen, bevor er in die Kamera sah. »Dies ist der Tag, auf den viele von euch lange gewartet haben. Das Leben einer von euch wird sich heute verändern. Und ich bin sehr froh, dass ich derjenige sein darf, der diese frohe Nachricht verkündet.«

Sowohl aus den Lautsprechern als auch um mich herum brandete Jubel auf. Ich klatschte ebenfalls, jedoch verhalten, weil mich die Nervosität zu lähmen drohte.

»Wir wollen nun keine Zeit mehr verlieren«, fuhr der Thronfolger fort. »Ich kann es ja nicht riskieren, dass eine von euch wegen der Spannung umkippt.«

Sein Zwinkern, auch wenn es nicht in das Aufnahmegerät gerichtet war, ließ mein Herz höherschlagen. Sollte ich nicht gezogen werden, würde ich dieses nie in Realität zu Gesicht bekommen. Stattdessen müsste ich im Fernsehen dabei zuschauen, wie er es einer anderen schenkte ...

Prinz Stephan trat an die Kristallschale, in der bestimmt tausend winzig zusammengefaltete Zettel mit den Namen der Bewerberinnen ruhten. Er tauchte seine freie Hand tief hinein, wühlte ein wenig darin herum, hielt einen Moment inne und holte schließlich einen an die Oberfläche. Dieses Stück Papier entschied über mein Schicksal.

»Ich halte nun den Namen derjenigen in der Hand, die in wenigen Tagen zur Reise in den Palast der Einheit aufbrechen wird.« Prinz Stephan hob den Zettel hoch. »Sie wird nicht nur mich, sondern vier weitere Prinzen kennenlernen und so die Möglichkeit erhalten, die wahre Liebe zu finden. Genauso wird sie ihrem Volk dabei helfen, die Beziehungen zwischen den Reichen zu vertiefen.«

Er nahm das Stück Papier in die gleiche Hand wie das Mikrofon und faltete es mit der anderen auf. Die Sekunden zogen sich hin, sein Mund öffnete sich, um den Namen der Glücklichen zu verkünden. Ich konnte nicht atmen, hatte das Gefühl, gleich zusammenzubrechen. Und wieso lief auf einmal alles in Zeitlupe ab?

»Die Kandidatin des Bezirks C des Zentralreiches heißt«, er guckte in die Kamera, »Jillian Haas.«

Mir schien der Boden unter den Füßen wegzubrechen. Wie erstarrt guckte ich auf die Leinwand, wo Prinz Stephan zu sehen war, wie er sich fragend umschaute. Als nach mehreren Sekunden immer noch Stille herrschte, wanderte sein Blick zurück zur Kamera.

»Jillian, wo auch immer du dich gerade aufhältst, ich freue mich schon sehr darauf, dich kennenzulernen«, sagte er. »Herzlichen Glückwunsch!«

Ich war noch immer zur Salzsäule erstarrt, bemerkte jedoch, wie die Mädchen vor mir zurückzuweichen begannen. Einige schienen zu wissen, wer ich war. Dass es mein Name war, den der Thronfolger gerade genannt hatte. Irgendwann lag auch der Blick des Bürgermeisters, der plötzlich wieder in der Bühnenmitte stand, auf mir.

»Offenbar haben wir hier die glückliche Gewinnerin«, stellte er fest und wischte sich über die Stirn. »Komm doch zu uns nach oben.«

Aber ich konnte nicht. Ich spürte die Feindseligkeit um mich herum, sie schien mich zurückzuhalten. Wenn ich jetzt dort hochging, würde man mich so verächtlich ansehen wie nie zuvor.

»Du bist doch Jillian Haas, oder nicht?«, erkundigte sich Bürgermeister Berger, der eigentlich genau wissen müsste, wer ich war. Ich war mit seiner Tochter Becky in derselben Klasse gewesen, wir hatten erst kürzlich zusammen unseren Abschluss gemacht.

Je länger ich nicht reagierte, desto unangenehmer schien ihm die Situation zu werden. Er wischte sich erneut über die glänzende Stirn.

Sollte er erst einmal in meiner Haut stecken.

Schließlich schaffte ich es, zu nicken, woraufhin er mir einen hektischen Wink gab. »Dann komm doch bitte zu mir auf die Bühne. Wir wollen dein Gesicht für die Prinzen ganz genau einfangen.«

Als er die Thronfolger erwähnte, stieg auf einmal Entschlossenheit in mir auf. Ich war gezogen worden. Prinz Stephan hatte meinen Namen unter vielen Hunderten aus dieser Kristallschale gefischt. Ausgerechnet meinen! Das musste einfach Schicksal sein. Und niemand würde mich davon abhalten können, diese Chance zu nutzen.

Ich straffte meine Schultern und machte den ersten Schritt vorwärts. Die Mädchen wichen vor mir zurück, ihre Blicke spürte ich mit jeder Faser meines Körpers. Als ich die Stufen zum Podium erreichte, richtete ein Mann eine Kamera auf mich. Ich hatte keine Ahnung, wo die auf einmal hergekommen war. Doch ich versuchte sie auszublenden, und konzentrierte mich darauf, mit meinen Keilabsätzen nicht umzuknicken. Sie waren zwar keine drei Zentimeter hoch, auf ihnen zu laufen, erschien mir jedoch auf einmal wie eine gigantische Herausforderung.

Als ich schließlich neben dem Bürgermeister stand, wandte ich mich für einen Moment all den Mädchen zu, die nicht mein Glück hatten. Ihre Missbilligung war ihnen anzusehen, es ertönte kein Jubel, niemand klatschte. Entweder kannte man mich nicht oder man hielt nichts von mir. Ich musste infolgedessen dankbar dafür sein, dass ich nicht gar ausgebuht wurde. Einigen Mädchen, mit denen ich vor ein paar Jahren Probleme gehabt hatte, hätte ich das durchaus zugetraut.

Um mich von den wenig erfreulichen Erinnerungen abzulenken, schaute ich in die Zukunft – und damit direkt in die Kamera. Das ganze Königreich würde in Kürze diese Bilder sehen. Prinz Stephan würde sie sehen. Sehr wahrscheinlich auch die anderen vier Thronfolger. Darum riss ich mich zusammen, guckte genau in die Linse und lächelte. Es war ein ehrliches Lächeln trotz der Feindseligkeit vor mir. Endlich war ich mal diejenige, die etwas hatte, was alle wollten. Ich war in einer besseren Position als sie. Und diesmal würde ich es mir nicht nehmen lassen. Denn ich konnte eine Prinzessin werden, eine Königin.

Ich konnte meine Träume leben.

4

Als die Kamera endlich in ihrer Tasche verstaut war, lotste mich Bürgermeister Berger mit sich in das Rathaus, das sich schräg hinter der Bühne befand. Ich folgte ihm, obwohl mir unbehaglich zumute war. Was würde nun passieren?

»Also, die Aufnahmen werden zum königlichen Sender gebracht. Wahrscheinlich werden sie übermorgen ausgestrahlt. Am gleichen Tag wird dich eine E-Bahn der Königsfamilie abholen und zum Palast der Einheit bringen. Bis dahin solltest du also gepackt haben«, redete der Mann drauf los. Er öffnete mir eine Tür im Erdgeschoss und winkte mich in den Raum dahinter.

Ich trat über die Schwelle und schaute mich um. Es war ein Büro, überall lagen Aktenordner herum. Vor mir befand sich ein Schreibtisch, dahinter ein Stuhl, auf den sich der Bürgermeister setzte. Ich ließ mich zögernd auf dem Sessel gegenüber nieder.

»Deine Eltern wissen Bescheid, ja? Haben sie die Übertragung gesehen?«, fragte mich der Mann, während er in einer Schublade kramte.

»Ja, von zu Hause aus.«

Oh Mann, daran hatte ich noch überhaupt nicht gedacht. Wie hatte mein Vater darauf reagiert, dass ich gezogen worden war? Wahrscheinlich war er in einen Schockzustand gefallen und anschließend durchgedreht. Ich hoffte sehr, dass meine Mutter ihn beruhigen konnte.

Falls sie das überhaupt wollte. Sie hatte meine Träume zwar akzeptiert und meinen Vater sogar überzeugt, mich zur Bewerbung gehen zu lassen. Aber sie hatte bestimmt nicht damit gerechnet, dass es so weit kommen könnte, dass mein Name ertönte.

»Ich werde jemanden schicken, der sie herbringt. Es gibt da noch ein paar Formalitäten zu regeln.« Bürgermeister Berger zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich damit die feuchte Stirn ab. »Deine Adresse?«

Ich nannte sie ihm und er verschwand aus dem Büro. Um mich von meiner Nervosität abzulenken, begutachtete ich die zweckmäßige Einrichtung, bis er zurückkehrte. Danach saßen wir weitgehend schweigend herum, bis endlich die Tür aufging und meine Eltern hereinrauschten. Vor allem meinem Vater war der Unmut anzusehen.

»Du sagtest, du würdest nie und nimmer gezogen werden!«, schrie er mich an.

Ich zog die Schultern bis zum Kinn. »Das habe ich mir nicht ausgesucht.«

»Aber du wolltest, dass genau das passiert!« Mein Vater wirkte fuchsteufelswild. »Keinesfalls hätte ich dir das erlauben sollen!«

»Bruno.« Meine Mutter legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter, doch er schüttelte sie ab wie eine lästige Fliege. »Jillian kann nichts für das Los.«

»Sie kann etwas für die Bewerbung, Karen!« Er wandte sich wieder an mich. »Wie kannst du nur glauben, es durchzustehen, mit vierundzwanzig Mädchen um fünf Jungs zu konkurrieren? Du weißt doch, wie das das letzte Mal ausgegangen ist!«

Mir stieg das Blut in die Wangen, als er auf die Situation in meiner Vergangenheit anspielte, an die ich mich selbst vorhin erinnert hatte. Die ich eigentlich längst abgehakt hatte. Allerdings hatte sie mich vermutlich zu der gemacht, die ich heute war: einer unsicheren Einzelgängerin.

Insofern waren die Befürchtungen meines Vaters womöglich sogar berechtigt.

»Das war doch kein Konkurrieren, Bruno«, schaltete sich meine Mutter erneut ein. »Das kann man nicht miteinander vergleichen.«

»Ach ja? Ein paar Jungs und zu viele Mädchen – wo ist da der Unterschied?«, entgegnete er. »Und du siehst doch, was das mit ihr gemacht hat.«

Ich hatte das Gefühl, in mir zusammenzuschrumpfen. Ich hatte immer gedacht, mein Vater wäre stolz auf den Ehrgeiz, den ich entwickelt hatte. Stattdessen schien ihm mein mangelndes Sozialleben zu missfallen. Jedenfalls hatte ich ihn noch nie so wütend erlebt. Und auch meine Mutter schien nicht mehr zu wissen, was sie dagegen tun sollte. Sie zuckte nur die Schultern und mied seinen Blick.

»Ähm, offenbar gibt es hier ein paar Unstimmigkeiten«, mischte sich Bürgermeister Berger ein, der aussah, als wäre er gerade lieber irgendwo anders.

»Allerdings!« Mein Vater verschränkte die Arme vor der Brust. »Nie und nimmer macht meine Tochter bei dieser Farce mit!«

»Darüber können Sie nicht mehr entscheiden.« Hektisch tupfte der Bürgermeister seine Halbglatze ab. »Wie ich aus Ihren Worten heraushöre, haben Sie ihr die Erlaubnis zur Bewerbung erteilt, oder nicht?«

»Ja, aber nicht für dieses TV-Event!«, entgegnete mein Vater wütend.

»Die Erlaubnis für das eine ist identisch mit der Erlaubnis für das andere. Einmal erteilt, kann man sie nicht mehr zurücknehmen. Jillian hat das mit ihrer Unterschrift auf den Bedingungen bestätigt.«

»Bedingungen?« Mein Vater sah mich vorwurfsvoll an. »Wovon spricht er, Jillian?«

»Unter anderem davon, dass ich nicht mehr zurückziehen könnte, selbst wenn ich es wollte«, sagte ich leise, konnte ihm dabei nicht in die Augen sehen. Meiner Mutter allerdings schon, die schockiert wirkte. Was jedoch weniger an meiner Aussage lag, als daran, dass ich ihnen nichts davon erzählt hatte. Nur wollte ich vermeiden, dass sie während der Bewerbungsphase doch noch ein Veto einlegten. Keine Ahnung, ob das funktioniert hätte, aber ich hatte es nicht austesten wollen.

Bürgermeister Berger durchbrach die drückende Stille. »Prinz Stephan hat sie höchstpersönlich gezogen. Das heißt, sie wird zum Palast der Einheit reisen und das Connecting mitmachen. Sie können daran nichts mehr ändern.«

Als ich meinen Vater aus dem Augenwinkel den Kopf schütteln sah, wandte ich mich ihm wieder zu. Seine Wut war abgeflaut, stattdessen waren seine Gesichtszüge vor Enttäuschung verzogen.

»Ich kann nicht fassen, dass du das getan hast, Jill.«

Alles in mir spannte sich an. Indem ich meine Träume verfolgt hatte, hatte ich ihn vor den Kopf gestoßen. »Es tut mir leid, Papa«, murmelte ich, während mir Tränen in die Augen stiegen.

»Das will ich hoffen.«

»Kannst du mir verzeihen?«

»Nein. Denn ich habe hautnah miterlebt, was die ganze Ablehnung dir angetan hat. Ich kann nicht fassen, dass du das alles wiederholen willst. Vor Millionen von Menschen.« Er drehte sich zur Tür. »Viel Erfolg dabei, dir dein Leben zu ruinieren.«

Er marschierte hinaus, ohne mich noch mal anzusehen. Zum zweiten Mal heute war ich erstarrt. Sogar die Tränen wollten nicht meine Wangen hinunterlaufen. Noch nie hatte ich gleichzeitig einen so großartigen und einen so miesen Tag gehabt.

»Ähm, dürfte ich dann eventuell mit Ihnen die Formalitäten besprechen, Mrs. Haas?«, mischte sich die Stimme des Bürgermeisters in meine Schuldgefühle.

Ich sah zu meiner Mutter, die noch immer etwas verstört herumstand. Ihr Blick wanderte von dem korpulenteren Herren zu mir. Ich schluckte, unsicher, ob sie ebenfalls nicht hinter mir stehen würde. Bevor ich ihren Gesichtsausdruck deuten konnte, verschleierten die Tränen mir mein Sichtfeld und ich musste heftig blinzeln.

»Dann setzen wir uns mal lieber«, hörte ich meine Mutter sagen. Ich spürte ihre Hand auf meiner Schulter. Und als ich endlich wieder etwas erkennen konnte, war es ein Lächeln, das auf ihren Lippen lag.

5

Dass mein Vater mich für den restlichen Tag und auch den darauffolgenden ignorierte, machte mir meine gesamte Vorfreude wegen des Connectings zunichte.

Meine Nervosität tat ihr Übriges, sodass ich mich wie ein komplettes Nervenbündel fühlte, als ich meine Sachen für den Aufenthalt im Palast der Einheit packte. Ich war mir unsicher, was ich alles brauchen würde, aber unser Bürgermeister hatte mir versichert, vor allem für Kleidung sei gesorgt, sodass ich überwiegend privaten Krimskrams einpacken sollte. Ich wusste überhaupt nicht, was von meinen persönlichen Sachen so wichtig sein könnte, dass ich es im Palast brauchen würde. Und womöglich flog ich ja auch gleich am Anfang der Show raus, dann brauchte ich bestimmt nicht so viel Zeug ...

Letztlich entschied ich mich für das Nötigste an Kleidung, ein paar Andenken an meine Familie und einige Bücher. Meine Mutter war recht schweigsam, während wir alles im Koffer verstauten, was ich ihr nicht übel nahm. Immerhin wurde sie in den Konflikt zwischen meinem Vater und mir hineingezogen, indem sie mich unterstützte. Ich war ihr wirklich unglaublich dankbar, fühlte mich gleichzeitig aber schuldig, weil sich die beiden wegen mir uneins waren. Ich hoffte, sie bekamen das auf die Reihe, während ich meinen Träumen nachjagte.

Als ich mit meiner Mutter zum E-Bahn-Halt aufbrechen wollte, blieb mein Vater stur in der Küche sitzen, als würde ihn das nicht kümmern. Ich lehnte mich an den Türrahmen und rang unsicher meine Hände.

»Ich muss jetzt los«, murmelte ich gerade so laut, dass er es verstehen konnte.

Für einige Sekunden blickte er weiterhin in seine Zeitung, als hätte er mich nicht gehört. Dann schaute er doch noch einmal auf. »Egal, was passiert, das hast du dir selbst zuzuschreiben, Jill.«

Ich presste die Lippen aufeinander. Anscheinend war ich ihm nicht mal wichtig genug, dass er mich anständig verabschiedete. Allerdings wusste ich um seine Sturheit und im Moment konnte ich ihn durch nichts besänftigen. Also sagte ich nur leise: »Hab dich lieb.«

Als er daraufhin nur schwieg, wandte ich mich ab und blinzelte die ersten Anzeichen von Tränen aus den Augen.

»Pass auf dich auf«, hörte ich seine Stimme erneut, als ich bereits den Flur betreten hatte.

Der Drang, zu weinen, wurde durch seine Worte noch größer. War das jetzt doch noch eine Zustimmung für mein Handeln gewesen? Oder lediglich eine Warnung?

Meine Mutter, die an der Wohnungstür auf mich wartete, musterte mich mit einem mitleidigen Blick und streckte mir dann ein Taschentuch entgegen. Als hätte sie gewusst, wie mein vorsichtiger Versöhnungsversuch enden würde. Ich kramte in meiner Handtasche nach einem Taschenspiegel und tupfte mir dann mit dem Tuch die Augen ab. Mein Make-up war glücklicherweise nicht verlaufen, doch meine Augen wirkten glasig. Ich hasste es, so auf die Straße gehen zu müssen, aber ich hatte einen Zeitplan einzuhalten, darum blinzelte ich einfach bei jedem Schritt.

Doch gerade, als ich dachte, ich hätte mich einigermaßen beruhigt, streckte jemand den Kopf aus seinem Fenster und rief: »Du wirst deine Teilnahme an dieser Show schon noch bereuen, Kleine!«

Ich traute mich nicht, den Mann anzuschauen, sondern lief einfach schneller. Nach dem Verhalten meines Vaters auch noch von einem Fremden beschimpft und verurteilt zu werden, war zu viel.

»Lassen Sie meine Tochter in Ruhe!«, hörte ich meine Mutter dicht hinter mir schimpfen.

Aber der Kerl war nicht zu bremsen. »Die werden dich zu einer Marionette machen, dich verbiegen und ausbeuten, damit diese Möchtegern-Prinzen gut dastehen. Wenn du abserviert worden bist – und das wirst du unsicheres Ding garantiert –, dann kannst du dich hier nicht mehr blicken lassen. Ist es das wert?«

Seine Stimme verklang langsam hinter mir, während die Räder meines Koffers über den unebenen Weg holperten. Mein Arm schmerzte bereits und meine Augen brannten trotz des vielen Blinzelns. Wieso war mir nie aufgefallen, dass es in unserer Stadt so viele Anti-Monarchisten gab? Wenn sie selbst mich – ein ihnen unbekanntes Mädchen – beschimpften, dann musste es wirklich schlimmer stehen als gedacht. Hatte mein Vater das etwa gewusst und mich davor beschützen wollen?

Als wir die Station erreichten, war die E-Bahn noch nicht in Sicht, darum lehnte ich mich auf den Griff des Koffers. »Bist du mir eigentlich böse?«, fragte ich meine Mutter, die verkrampft neben mir stand. »Weil wegen meines Traums so etwas passiert?«

Sie sah mich mit einem bemühten Lächeln an. »Nein, ich bin dir nicht böse, Jill. Ich wünschte manchmal nur, es wäre anders gekommen.«

»Du wolltest nicht, dass ich gezogen werde, oder?«

»Ich hatte nie etwas gegen deine Träume. Ich habe mich immer über deine Begeisterung gefreut, über deine große Fantasie.« Sie zögerte. »Doch ich dachte nicht, dass das alles je Wirklichkeit werden würde. Und dann auch noch mit so viel unterschwelliger Wut, die ans Tageslicht tritt. Ich wünschte, du müsstest das nicht erdulden.«

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Also ließ ich meinen Blick an den Schienen entlangschweifen, die durch die Stadt führten. Weit und breit war kein Mensch auf dem Bahnsteig erschienen, um mich zu verabschieden. Nur eine Mädchenclique hatte sich in der Ferne positioniert, um das Schauspiel zu beobachten. Obwohl ich keine Details erkennen konnte, war ich mir sicher, dass sie in diesem Moment über mich herzogen. Was mich nicht wundern würde – tatsächlich hatte ich Ähnliches schon mal durchgemacht. Erst war ich unsichtbar gewesen, dann unbeliebt, verurteilt und schließlich links liegen gelassen worden. Eine Wiederholung hatte ich eigentlich immer vermeiden wollen. Doch jetzt könnte mir das tatsächlich blühen.

Ist es das wert?, hallten die Worte des fremden Mannes in meinem Kopf wider.

Als ich in der Ferne die E-Bahn ausmachte, spannte sich alles in mir an. Meine Mutter strich mir daraufhin über den Rücken, was auch nicht half. Im Gegenteil, es machte mich noch nervöser, deshalb trat ich einen Schritt zur Seite. Meine Mutter war es inzwischen gewöhnt, dass ich nicht mehr jede Berührung zuließ, darum kommentierte sie mein Verhalten nicht.

»Ich wollte dich nicht an einen Prinzen verlieren, darum solltest du nicht gezogen werden«, sagte sie auf einmal. »Und das ist auch eine Angst deines Vaters, selbst wenn er es nicht zugeben würde.«

Überrascht schaute ich sie an und erkannte nun Tränen in ihren Augen. Im Gegensatz zu meinen waren sie grau und auch ihre Haare waren heller als meine. Wir sahen uns nicht besonders ähnlich, was ich immer schade gefunden hatte. Doch heute fiel mir zum ersten Mal auf, dass es durchaus äußerliche Gemeinsamkeiten mit meiner Mutter gab. Die Gesichtsform, die schmale Taille im Kontrast zu den breiten Hüften und vor allem die Körpergröße – wie man sich vom ersten Eindruck her täuschen konnte.

Ich fiel ihr in dem Augenblick um den Hals, als das Gefährt keine zehn Meter mehr entfernt war. »Ihr werdet mich nicht verlieren«, flüsterte ich ihr zu. Es war rührend, zu wissen, dass meine Eltern tatsächlich glaubten, ich wäre gut genug für einen Thronfolger.

»Ich hoffe für dich, dass du deinen Märchenprinzen findest«, entgegnete sie an meiner Schulter.

»Um euretwillen hoffe ich, dass ich es nicht tue.«

»Bitte sag das nicht!« Sie schob mich von sich. »Leb dein Leben, wie du es dir wünschst. Mach es nicht von jemand anderem abhängig.«

Während ich nickte, ertönte auf einmal ein Klatschen hinter mir. Über meine Schulter hinweg starrte ich auf einmal in eine Kamera, die genau auf uns gerichtet war.

»Ein wirklich guter letzter Ratschlag«, meinte die Frau, die mit einem Mikrofon neben dem Kameramann stand. Offenbar waren sie gerade aus der E-Bahn ausgestiegen. »Allerdings vielleicht etwas ungeeignet, wenn man mal die Ehefrau eines Prinzen werden will.«

Ich presste die Lippen aufeinander, obwohl mir auf die Schnelle ohnehin nichts Schlagkräftiges eingefallen wäre. In Situationen wie diesen war mein Kopf wie leer gefegt.

Der meiner Mutter zum Glück nicht. »Selbst ein Prinz sollte akzeptieren, dass seine Ehefrau eine eigenständige Person ist, meinen Sie nicht?«

Die fremde Frau schien einen Moment zu überlegen, dann lächelte sie übertrieben. »Natürlich.«

Ich wandte mich noch einmal meiner Mutter zu, wischte mir gleichzeitig eine einzelne Träne von der Wange und damit hoffentlich auch eine mögliche schwarze Spur, die die Mascara dort hinterlassen hatte. Meine Mutter nickte mir aufmunternd zu. Dann erst drehte ich mich wieder zu der Kamera um, die mich ein wenig einschüchterte. Was von dieser Szene würde im Fernsehen ausgestrahlt werden?

»Mein Name ist übrigens Mirjam Weng, ich arbeite als Reporterin und Moderatorin für das Connecting«, erklärte die Frau. »Ich bin von nun an für alles zuständig, das dich und den Wettbewerb betrifft. Interviews, Statements, Verabredungen – mein Team und ich werden dich ganz genau im Auge behalten.«

Hätte ich meine Lippen nicht immer noch aufeinandergepresst, wäre mir wohl die Kinnlade heruntergeklappt. Diese Mirjam wollte mich die ganze Zeit auf Schritt und Tritt durch das Connecting verfolgen? Mir schwante bereits jetzt Übles.

»Ich hoffe, Sie sind gnädig mit meiner Tochter«, sprang meine Mutter mal wieder für mich ein. »Sie genießt auch gerne mal etwas Privatsphäre.«

»Natürlich«, entgegnete die Moderatorin erneut, wobei es genauso falsch klang wie das letzte Mal. »Können wir dann los? Wir haben einen Zeitplan einzuhalten.«

»Natürlich.« Meine Mutter lächelte übertrieben und ignorierte den anmaßenden Blick, den sie daraufhin geschenkt bekam. Sie umarmte mich noch einmal kurz. »Viel Glück, Spätzchen.«

»Danke«, wisperte ich, bevor ich meine Handtasche von ihr entgegennahm.

Dann griff ich nach meinem Koffer und spazierte an der Moderatorin und ihrem Kameramann vorbei in die E-Bahn. Ich verschaffte mir einen Überblick über den Innenraum des kleinen Gefährts, das sehr viel mehr Freiraum und weniger Sitze bot als die regulären E-Bahnen. Ich stellte meinen Koffer schließlich hinter dem einzigen Vierersitz auf der rechten Seite ab. Dann nahm ich Platz und winkte meiner Mutter noch einmal kurz zu, bevor sich das Fahrzeug schon in Bewegung setzte.

Der Kameramann hatte sich auf den Viererplatz auf der anderen Seite des Ganges gesetzt, Mirjam ließ sich schwungvoll mir gegenüber in den Sitz fallen.

»So, Jillian, da wir unendlich viel Zeit haben, erzähle uns doch ein wenig von dir.« Sie hielt mir auffordernd das Mikro entgegen. Dieses diente wahrscheinlich nur der Show, denn aus der geringen Entfernung nahm die Kamera die Stimmen bestimmt auch so deutlich auf.

»Was wollen Sie denn wissen?«

»Hm, keine Ahnung ... vielleicht was du so tust, wenn du nicht gerade deine Privatsphäre genießt.« Mirjam sah mich schon beinahe ein wenig provozierend an. Dass sie den gleichen Ausdruck wie meine Mutter verwendete, verstärkte diesen Eindruck.

»Ich besuche Sommerkurse. Für die Uni...versität.« Keine Sekunde später verfluchte ich bereits meine Unsicherheit.

»Das bedeutet, du hast deinen weiterführenden Schulabschluss bereits? Bist du nicht erst siebzehn?«

»In drei Monaten werde ich achtzehn.« Wie trotzig sich das anhörte! Ich musste dringend lernen, zu kontrollieren, was ich sagte.

»Das ist trotzdem reichlich früh«, behauptete die Reporterin. »Bist du so eine Art Wunderkind?«

»Ich wurde nur früh eingeschult.« Als müsste ich mich rechtfertigen, dass ich mit siebzehn meinen Abschluss gemacht hatte! So langsam bekam ich das Gefühl, als wollte mich Mirjam nur aus der Reserve locken, damit ich auf dem Videomaterial einen negativen Eindruck machte. Und leider gelang ihr das bis jetzt nicht schlecht.

»Na gut, dann kein Wunderkind.« Sie wedelte ein wenig mit dem Mikrofon herum, bevor sie hinzufügte: »Das erklärt die Sommerkurse.«

So langsam stieg Wut in mir auf. Ich wollte mich nicht erklären – nichts hasste ich mehr –, aber so stehenlassen konnte ich das keinesfalls. »Die Sommerkurse mache ich, um die passendste Studienrichtung für mich zu finden. Ich will nicht die falsche Entscheidung treffen.«

»Unentschlossenheit ist nicht die beste Voraussetzung, wenn man die Wahl zwischen fünf Prinzen hat, meinst du nicht auch?« Mirjams Mundwinkel zuckten. »Aber es sind ja sowieso nicht die Kandidatinnen, die die Entscheidungen treffen, also ist das wohl zu verkraften.«

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Glücklicherweise hielt die Frau mir das Mikro nicht hin, als erwartete sie gar keine Antwort.

»Bist du eigentlich schon gespannt auf unsere Prinzen?«, fuhr die Moderatorin schließlich fort. »Immerhin hast du erst einen von ihnen zu Gesicht bekommen. Und das noch nicht einmal persönlich.«

Das stimmte zwar nicht ganz – immerhin hatte ich Prinz Stephan durchs offene Fenster beobachten können –, doch ich ignorierte die zwei Sätze einfach. »Schon.«

»Du bist nicht gerade ein Mädchen der großen Worte, oder?« Mirjam sah mich skeptisch an. »Hast du bereits eine Strategie, wie du trotzdem auffallen willst?«

Ob es schlecht war, wenn ich zugab, dass ich keine hatte? Womöglich hätte ich mir wirklich eine zurechtlegen sollen, immerhin wusste ich um meine Unauffälligkeit. Würde man mich nicht bemerken, wäre ich sofort weg vom Fenster ... so wie es mir der unbekannte Mann vor meiner Abfahrt prophezeit hatte.

»Offenbar hast du keinen Plan«, unterbrach Mirjams Stimme meine Gedanken. »Na, das ist auch nicht so schlimm. Man kann schließlich schlecht etwas aushecken, wenn man nicht weiß, wen man vor sich haben wird.«

Ihr Lachen klang ziemlich gestellt in meinen Ohren. Als ich nicht mit einfiel, unterbrach sie es und räusperte sich.

»Bald lernst du deine Mitkandidatinnen kennen. Machst du dir Sorgen deswegen?«

»Warum sollte ich?« Am liebsten hätte ich einen witzigen Kommentar angehängt, doch das war einfach nicht meine Art – dafür fehlte mir die Spontanität.

»Na ja, sie könnten hübscher sein als du. Oder schlauer. Oder schlagfertiger«, zählte Mirjam auf. »Oh, und die meisten sind bestimmt redseliger als du.«

Ausnahmsweise fiel mir auf diesen Satz gleich eine passende Erwiderung ein. »Es kommt nicht drauf an, wie viel man sagt. Sondern darauf, was man sagt.« Ich stockte kurz, bevor sich ein Lächeln auf meine Lippen schob. »Und wie man es sagt.«

»Hm, offenbar sollte man dich nicht unterschätzen«, meinte die Reporterin, wobei sie leiser sprach als zuvor. Dann grinste sie mich auf einmal an, sodass ihre weißen Zähne nur so blitzten. »Oder?« Während ich sie nur verdattert anstarren konnte, richtete sie ihren Blick in die Kamera. »Das war es vorläufig von uns. Wir melden uns wieder mit dem nächsten Bericht. Für genauere Informationen zum Programm des Connectings schalten Sie regelmäßig ein oder lesen Sie die Zeitung. Mein Name ist Mirjam Weng, danke fürs Zusehen!«

Als der Kameramann das Aufzeichnungsgerät senkte, seufzte die Reporterin theatralisch. Offenbar war das einfach ihre Art, was sie zur idealen TV-Moderatorin machte.

»Wir drehen in ein paar Stunden noch einmal, um deine Reaktion zu filmen, wenn wir beim Palast der Einheit ankommen«, erklärte Mirjam, während sie sich erhob. Das Mikrofon ließ sie auf ihren Sitz fallen. »Sollte irgendwas sein, ich bin bei den Pritschen.«

Damit drehte sie sich um und öffnete eine Glastür, die sich hinter den Sitzen befand. Die Scheiben waren getönt, sodass sie kurz darauf aus meinem Sichtfeld verschwand. Dafür war ich mehr als dankbar.

»Eigentlich will sie damit andeuten, dass sie nicht gestört werden will«, sagte der Kameramann auf einmal. Er hatte das Gerät in einer großen Tasche verstaut und stellte diese nun auf den Zweierplatz ihm gegenüber. Dann lehnte er sich in meine Richtung und streckte mir die Hand hin. »Ich bin übrigens Arnd. Nett, dich kennenzulernen.«

»Jillian.« Zögernd schüttelte ich sie. Sein Händedruck war kurz, aber fest. Er gab mir gleich das Gefühl, ihm vertrauen zu können. »Du kannst auch Jill sagen.«

Ich wunderte mich selbst ein wenig über dieses Angebot. Genauso darüber, dass ich ihn einfach duzte. Aber er schien nicht älter als Mitte zwanzig zu sein – vielleicht nahm er es mir deshalb nicht übel.

»Weil wir uns in den nächsten Tagen und Wochen öfters sehen werden?« Er grinste.

»Ähm, ja«, stammelte ich. Ich war es nicht gewohnt, dass sich ein Mann so ungezwungen mit mir unterhielt.

»Du bist wirklich kein Mensch vieler Worte, oder?«

Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. »Ich weiß nur nie, was ich sagen soll.«

»Zu viele Sorgen, wie andere darauf reagieren könnten?« Als ich nickte, erklärte er: »Ich kenne das. Darum arbeite ich auch lieber hinter der Kamera.«

Dafür, dass er nicht wusste, was er sagen sollte, schien es ihm leichtzufallen, mit mir zu sprechen. Ich hätte mich nie getraut, einen Fremden einfach so anzuquatschen.

»Nur damit du es weißt: Es ist für mich okay, wenn wir uns anschweigen. Ich nehme dir das nicht krumm.« Aus Arnds Stimme sprach Ehrlichkeit. Manch anderer hätte diese Aussage bestimmt mit einer Portion Ironie getränkt.

»Danke«, erwiderte ich erleichtert.

Er lachte unterdrückt auf. »Dafür brauchst du dich doch nicht zu bedanken!«

Mir stieg noch etwas mehr Blut in die Backen, sodass sie sich nun ganz heiß anfühlten. Arnd kommentierte das zum Glück nicht, weshalb ich mich der Landschaft zuwandte. Es war lange her, seitdem ich das letzte Mal in einer E-Bahn gesessen hatte, darum war es ungewohnt, dass die Bäume und Büsche an mir vorbeizufliegen schienen.

Irgendwann machte mich das Hinausschauen mürbe und ich lehnte meinen Kopf gegen den Sitz. Dann schloss ich meine Augen und versuchte mich darauf zu konzentrieren, was vor mir lag. Doch im Geiste tauchten immer wieder Mirjams Fragen und meine Reaktionen auf. Im Nachhinein hätte ich vieles gerne anders beantwortet, aber nun konnte ich nichts mehr daran ändern. Ich musste damit leben – so wie mit meiner Unsicherheit, die mich schon mein Leben lang quälte.


Erst als wir die zerstörten Landstriche passierten, brachte ich meine inneren Stimmen zum Schweigen. Mit Neugier und Abscheu zugleich betrachtete ich die Ruinen früherer Dörfer und Großstädte. Im Geschichtsunterricht hatte ich Fotos gesehen, doch diese konnten nicht einmal ansatzweise die wirkliche Zerstörung zeigen. Durch den Großen Krieg waren ganze Gebiete dem Erdboden gleichgemacht worden. Auch die Brandschäden, die durch Bombardements zustande gekommen waren, waren noch klar erkennbar. Nie wieder würde auf den Feldern etwas wachsen, dafür hatten die chemischen Reaktionen gesorgt. Kein Wunder, dass Experimente zur Herstellung solcher Waffen inzwischen verboten waren.

»Heftig, oder?« Arnd sah ebenfalls nach draußen.

»Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist.« Ich musterte die Überreste der Häuser, durch die die E-Bahn-Schienen hindurchführten.

»Warst du noch nie außerhalb von Brightfield?«, wollte der Kameramann wissen.

»Doch. Aber nicht so weit.« Ich wandte mich von all dem Chaos ab. Allein der Gedanke, dass es jemals einen solch immensen Angriff auf unser Reich – auf all unsere Reiche – gegeben hatte, jagte mir Schauer über den Rücken.

»Es gibt Gebiete, die sehen noch schlimmer aus.« Arnds Stimme klang nachdenklich.

Vielleicht traute ich mich deshalb zu fragen: »Hast du welche davon gesehen?«

»Ein paar«, antwortete er. »Besonders schlimm ist es um das alte Berlin.«

Ich kannte die Hauptstadt des ehemaligen Deutschlands nur vom Hörensagen, aber ich wusste, dass sie eine Metropole gewesen war. Insofern war es nicht verwunderlich, dass sie und viele andere wichtige Standorte Europas gleich zu Beginn des Krieges attackiert worden waren. In Gedenken an die dadurch entstandenen Verluste waren einige unserer heutigen Städte nach diesen Städten benannt worden. Nur in Englisch, der Amtssprache der gesamten Modernen Welt, und mit dem Zusatz »New«.

Da Arnd nichts weiter sagte und auch ich wieder schwieg, kehrte die Stille in die Bahn zurück. Diese hielt an, bis aus dem Lautsprecher an der Wand die Durchsage drang, dass wir bald am Palast eintreffen würden. Obwohl laut meiner Uhr mehrere Stunden vergangen waren, kam mir die Fahrt kurz vor.

Bei Mirjam schien genau das Gegenteil der Fall zu sein. Kaum dass sie durch die getönte Glastür spaziert war, streckte sie sich ausgiebig. »Ach, das hat richtig gutgetan! Wäre Arbeit nur immer so erholsam!«

Ich fragte mich, ob es ihr wirklich schwerfiel, sich all die Provokationen auszudenken. Ich schätzte sie eher als natürlich provokant ein, also war ihre Arbeit bestimmt nicht so anstrengend, wie Mirjam sie darstellte.

»Arno, wir filmen, sobald der Palast der Einheit in Sicht ist. Verstanden?«, redete sie den Kameramann an. Offensichtlich war er in ihren Augen nicht einmal wichtig genug, um sich seinen Namen zu merken. »Wir brauchen Material von ihrer Reaktion.«

Und von mir redete sie, als ob ich gar nicht da wäre. Ganz toll. Mit dieser Frau musste ich die nächsten Tage, vielleicht sogar Wochen verbringen.

Während Arnd die Kamera aus der Tasche holte, warf er mir einen Blick zu und zog zweimal kurz die Augenbrauen hoch, bevor er unauffällig zu Mirjam guckte. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, verbarg es allerdings hinter meiner Hand. Wenn die Reporterin merkte, dass ich mich zusammen mit ihrem Kameramann über sie amüsierte, würde sie Arnd bestimmt feuern lassen und mir das Leben im Palast zur Hölle machen.

Um eben jenen möglichst bald zu sehen, wandte ich mich dem Fenster neben mir zu. Wir fuhren bereits seit geraumer Zeit an einem großen See vorbei, der in der Sonne glitzerte. Das musste der Lake Constance sein, der früher an Österreich, Deutschland und die Schweiz gegrenzt hatte. Heute befand er sich mitten im Bezirk D des Zentralreiches, genau wie der Palast der Einheit.

Als unsere Gründer nach dem Großen Krieg die sieben Reiche eingeführt hatten, war dieser Ort inmitten der Berge zum allgemeinen Treffpunkt geworden. Für Ost-, West-, Süd- und Zentralreich war er ideal gelegen, die Entfernung zum Nordreich war etwas länger, vor allem da man die Meerenge überqueren musste. Dass sich dessen Königsfamilie trotzdem am Connecting beteiligte, zeigte deren Bemühungen, mit den anderen Reichen in Frieden zu leben. Offensichtlich galt das nicht für das Iberische Reich im Südwesten und das Skandinavische Reich im Norden der Modernen Welt.

»Hier ist Mirjam Weng, Reporterin des Zentralreiches«, unterbrach Mirjams Stimme meine Gedanken, woraufhin ich mich ihr und der Kamera zuwandte. »Wir berichten von der Ankunft der Kandidatin aus Z-C, Jillian Haas, am Palast der Einheit, die in wenigen Minuten erfolgen wird.« Sie hielt mir das Mikro hin. »Wie fühlst du dich so kurz vorher?«

»Ähm, ganz normal?«, erwiderte ich und hätte mich am liebsten dafür geohrfeigt.

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9783748560128
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