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Kat v. Letters
Always Differently
Buch II
Früchtchen an Bord
Roman
(eine fast wahre Geschichte)

Das Buch
Ein Baby hat’s nicht leicht, weder im Mutterleib noch außerhalb.
Umgeben von lauter Lulatschen und zig anderen Leuten, von denen ulkigerweise jeder Doktor heißt, was für ein langweiliger Name, wird es strengstens rund um die Uhr bespitzelt. Aber das Schärfste, die wollen es aus seiner Wohnung werfen.
Doch kleinkriegen lässt sich so ein Baby noch lange nicht. Einmal auf der Welt zeigt es den Lulatschen, wer der eigentliche Boss ist.
Die Autorin
Kat v. Letters, Baujahr ’69, ist aufgewachsen im Land der Blauen Steine. Ihre Sturm- und Drangzeit hat sie später in eine sächsische Großstadt verschlagen, in der sie viele Jahre gelebt hat. Mittlerweile ist sie auf vielen interessanten Schauplätzen unterwegs.
Wesentliche Basis ihrer Schreibweise sind akkurate Recherchen und Natürlichkeit ihrer Protagonisten.
Bisherige Veröffentlichungen
Always Differently: Schwanger – ja, ich will, Buch I
Toxin-Killer
1. Auflage März 2022
Texte: © 2022 Copyright by Kat v. Letters
c/o Block Services, Stuttgarter Str. 106, 70736 Fellbach
Coverdesign: © 2022 Copyright by artdesign88
https://sorrowbox.online/nad
Illustrationen: © 2022 Copyright by artdesign88
https://sorrowbox.online/nad
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Inhalt
Titelseite
Vorwort
Hi, ich bin’s, Baby-Schatz. Ich gehe davon aus, dass dies mein Name ist. Zumindest nennen mich alle so, mal Baby, mal Schatz. Sie sind sich nicht ganz einig, vielleicht ist das aber auch irgend so ein neumodischer Doppelname. Heutzutage machen sie ja aus fast allem einen Namen.
Hab mal gehört, wie ein Mann eine Frau mit Alte Schachtel angesprochen hat. Vollkommen verrückt, sag ich dazu. Der Vorname war ja noch einigermaßen passend, denn die hatte schon mindestens zwanzig oder dreißig Jahre auf dem Buckel. Aber der Nachname Schachtel, ich weiß ja nicht.
Wer die alle sind, woher soll ich das wissen? Hab sie noch nie gesehen, immer nur gehört. Warum? Na, weil ich noch nicht draußen bin. Ich habe mich in der letzten Zeit so daran gewöhnt, dass ich beschlossen habe, noch ein bisschen hierzubleiben.

Ich bin Baby-Schatz
Vorname: Baby
Nachname: Schatz

Mein Apartment to go
Ich bin ein fröhliches Wesen. Am Anfang war ich nur eine kleine Bohne, doch seitdem bin ich gewachsen. Bin jetzt sozusagen vollwertig. Ich habe Arme, Beine, Finger und Zehen und ich denke, der Rest kann sich auch sehen lassen.
Vor ein paar Monaten bin ich in diese Einraumwohnung gezogen. Aber das habe ich mir nicht aussuchen können, denn ich bin nicht wirklich eingezogen. Son Typ hat mich quasi in einem Affentempo in Richtung Haustür geschleudert. Und das war’s dann auch. Um den Rest durfte ich mich selber kümmern. Der hatte nicht mal so viel Anstand, mich bis zur Wohnung zu bringen. Hat mich ohne Erklärung liegen lassen. Service geht zweifellos anders.
Zu der Zeit war ich nicht allein unterwegs. Der Typ hat nämlich noch einige mehr von meiner Sorte hierher geballert, einen nach dem anderen, einfach so neben mich hingepfeffert. Am Ende hat sich dieser Typ verdrückt und uns zurückgelassen.
Wir waren eine riesige Meute und es stand nur ein einziges Apartment zur Verfügung. Dieser Umstand machte uns zu rücksichtslosen Konkurrenten. Gleich darauf kam von oben ’ne kurze Ansage und schon ging das Rennen los.
Klar, dass da jeder der Erste sein wollte. Also bin ich mit meinen Fruchtwasser-Rivalen um die Wette geschwommen und hab dabei alle der Reihe nach abgehängt. Aber was soll ich dazu noch weiter sagen. Ich habe gewonnen, logisch oder?
Verantwortlich für die ganze Rangelei um das Apartment war nur dieser Typ. Jetzt lungert der ständig in meiner Nähe herum. Erst dachte ich ja, er wäre irgendeiner von diesen Spannern, die sich nachts immer herumtreiben. Doch dann stellte sich heraus, er ist mein Papa. Nicht dass irgendwer denkt, ich bin übertrieben leichtgläubig, nee, nee. Das hat er mir von draußen zugeflüstert. Und meine Mama hat nichts Gegenteiliges dazu gesagt. Also habe ich ihm mit einem High five signalisiert, dass ich ihm glaube.
Das hat ihn beinah aus den Latschen gehauen. Er fing voll an zu heulen. Dann rief er aufgeregt zu meiner Mama, sie solle mal schnell herschauen. O Mann, ich hab mich total gekugelt vor Lachen. Ist ja schließlich ihr Bauch und sie sieht andauernd, wie sich irgendeine Beule daran abzeichnet. Mal von meiner Hand, mal von meinem Fuß oder wenn ich Purzelbäume schlage. Ich nehme an, sie wollte ihm die Freude nicht verderben, denn sie hat mitgemacht und tat ebenso erstaunt. Finde ich voll anständig von ihr.
Ich habe das Glück, immer reichlich Getränkevorrat im Haus zu haben. Meine Wohnung ist voll mit fruchtigem Wasser. Vielleicht sollte ich sie in Aquarium umtaufen oder so. Hab mal gehört, draußen gibt es dafür noch ’nen ganz anderen Namen. Die sagen Fruchtblase dazu. Na ja, jeder wie er denkt.
Eigentlich wollte ich ’ne WG gründen. Doch daraus wurde nichts. Bereits am Tag der Einberufung haben sie uns gesagt, es dürfte nur einer hier drin wohnen. Inzwischen finde ich das nicht mehr so schlimm. Ich bin eher froh, dass ich auf die gehört habe. Ein Zweiter von meiner Sorte hätte jetzt ganz sicher keinen Platz mehr.
Meine Hütte ist total chillig. Die Wände sind gepolstert und schalldicht. Und wenn ich will, kann ich trotzdem hören, was draußen abgeht, und zwar alles. Dazu muss ich nur mein Ohr an die Wand drücken und ganz leise sein.
Aber das Beste, ich wohne quasi in einem Apartment to go. Es befindet sich im Bauch von der Frau, die mir nie von der Seite weicht. So komme ich bequem von einem Ort zum anderen.
Die Frau ist meine Mama. Das weiß ich schon, seit ich hier eingezogen bin und viel länger als sie selbst. Ist wahrscheinlich Intuition, oder wie nennt man einen genialen Verstand sonst?
Anfangs wusste sie nicht, dass ich da bin, doch mittlerweile hat sie es geschnallt. Wenn sie mit mir spricht, und das tut sie sehr oft, dann erzählt sie mir schöne Geschichten. Manchmal singt sie sogar ein Lied für mich. Das finde ich nett von ihr.

Codename: Ultraschall
Seitdem mich dieser Typ, also mein Papa, in Richtung Apartment geschleudert hat, bin ich ein begeisterter Sportler. Angefangen hat das mit dem Wettkampf im Sprint, den ich damals ganz klar gewonnen habe. Später waren dann Purzelbäume meine Lieblingsbeschäftigung, immerzu. Das ging total ab.
So war das bis vor wenigen Tagen. Jetzt ist das anders. Ich bin mächtig gewachsen und stoße permanent irgendwo dagegen. Für körperliche Aktivitäten habe ich einfach keinen Platz mehr.
Diesen Ottos da draußen gefällt das nicht. Die haben eben keinen Schimmer, was hier drin los ist. Na ja, wie auch. Trotzdem wollen die unbedingt, dass ich weitertrainiere. Wahrscheinlich brauchen die einen Gewinner bei Olympia. Sicher, das wäre eine Kleinigkeit für mich, aber da spiele ich nicht mit. Ist auch viel zu eng hier drin. Das Problem ist nur, zur Strafe soll ich jetzt ausziehen.
Woher die wissen, was ich den ganzen Tag lang so mache? Das liegt doch klar auf der Hand. Ich werde bespitzelt. Hab ich selber herausgefunden.
In den ersten Wochen war das nicht so, nur ganz selten. Aber je älter ich wurde, umso schärfer wurde das Ding mit der Überwachung. Die haben völlig ungeniert und dazu laut über mich geredet, die ganze Zeit. Und die denken echt noch immer, ich bekomme davon nichts mit.
Fehlanzeige. Ich höre alles ganz genau. Vom ersten Tag an habe ich verfolgt, was sie machen und sagen. Hab mir jedes einzelne Wort notiert. Nicht auf Papier! Wie auch, in meinem Kopf natürlich.
Zu Beginn dachte ich noch, alle da draußen wollen nur Spaß haben wie ich. Zum Beispiel die Mama. Ein paarmal habe ich gehört, wie sie mit ’nem Mann rumgemacht hat. Nein, es war nicht der Papa, sondern ein anderer war bei ihr. Zur Sicherheit hab ich mir mal seinen Namen gemerkt. Er heißt Doktor.
Komischer Name, wenn ihr mich fragt. Scheint aber gängig zu sein, so wie Müller oder Meier. Zumindest höre ich Doktor in der letzten Zeit ziemlich oft.
Sobald also die Mama mit dem Doktor zusammen war, hat sie sich immer sofort auf den Rücken gelegt. Er hat dann so ein glibberiges Zeug auf ihrem Bauch breitgeschmiert und ist mit einem Spielzeugschlitten darauf herumgerutscht. Davor sagte er jedes Mal, er mache nun einen Ultraschall.
Na ja, warum nicht, habe ich mir gesagt. Die dort draußen wollen auch spielen und kennen eben noch was anderes außer Purzelbaum schlagen.
Stutzig darüber wurde ich erst viel später. Da war ich schon etwas älter, etwa neun Monate. Ab da habe ich begonnen nachzudenken. Über dies und jenes und alles Mögliche. Vorher klappte das mit dem Denken noch nicht so gut, hatte auch keine Zeit dafür. Ich war von morgens bis abends mit Purzelbaum schlagen beschäftigt.
Jedenfalls kam mir beim Nachdenken plötzlich ein Verdacht. Und ich sagte mir, Moment! Baby-Schatz, hier ist was faul. Irgendetwas stinkt an der Sache ganz gewaltig.
In den letzten neun Monaten, an die Zeit davor kann ich mich gerade nicht mehr so genau erinnern, da habe ich ständig Stimmen von Kindern mit ihren Mamas und Papas gehört. Die hatten da draußen richtig viel Spaß zusammen und haben dabei gelacht. Immer!
Aber nicht diese beiden, meine Mama und Doktor. Und das kam mir sehr verdächtig vor. Außerdem war von einem Ultraschall absolut nie etwas zu hören. Deshalb kam ich zu einem Schluss. Erschreckend, aber wahr: Ultraschall ist ein Deckname und das Glibberzeug Abhörmasse. So hat das Ganze begonnen.
Seit Kurzem verfolge ich einen Plan. Jedes Mal, wenn sie ihre Abhörgeräte von außen an meiner Wohnung anbringen, das heißt, sie verwanzen den kompletten Bauch meiner Mama, verhalte ich mich vollkommen leise. Die Logik dahinter ist wohl klar, oder? Wenn die mich nicht hören, können sie mich auch nicht bespitzeln. Isso, geschnallt? Niemand lässt sich bewusst freiwillig überwachen.
Doch allmählich habe ich die Befürchtung, mein Plan geht nach hinten los. Die Observierung läuft jetzt schon seit ein paar Tagen und bisher haben die von mir noch nicht einen Ton gehört. So weit, so gut. Das war schließlich das Ziel meiner Überlegung. Aber inzwischen weiß ich, das war dumm von mir. Hinterher ist man bekanntlich immer ein bisschen schlauer.
Ich habe ihre Dreistigkeit unterschätzt. Ein schrecklicher Fehler. Ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass sie zu weiteren und radikalen Mitteln greifen würden. Sie haben mir gedroht. Ja, wirklich. Sie sagen, ich soll raus aus meiner Wohnung. Ich will aber nicht. Die sind tatsächlich mit allen Wassern gewaschen. Eine derartige Nummer finde ich ziemlich fies.

Ich habe kein Wahlrecht
Es gibt Kinder, die können selbst bestimmen, wann sie zur Welt kommen. Habe ich von denen da draußen gehört. Sie haben sich laut darüber unterhalten. Und da ist es nur natürlich, dass ich das auch will. Die Frage erübrigt sich also.
Und doch läuft bei mir mal wieder nichts reibungslos. Sie wollen es mir verbieten und mir offensichtlich das Recht auf Mitsprache verweigern. Warum? Das ist mir noch nicht ganz klar. Allerdings habe ich da eine Vermutung. Sie haben keine Hobbys und ihr einziges Vergnügen besteht aus reiner Schikane. Vielleicht ist auch die Schikane deren Hobby. So oder so. Jedes Mal, wenn ich auf die treffe, wollen sie mich bespitzeln oder aus meiner Wohnung rauswerfen. So etwas ist doch nicht normal.
In letzter Zeit attackieren sie mich sogar mit Stinkbomben, aber dazu komme ich gleich.
Ich nehme an, die treffen ihre Auswahl rein zufällig, nur dummerweise fiel sie dabei diesmal auf mich. Anders kann ich mir diesen Zirkus nicht erklären.
»Das ist Mobbing. Nicht mit mir«, brülle ich und kann es kaum fassen. »Dafür habt ihr euch den Falschen ausgesucht. Verpisst euch oder ich nehme mir ’nen Anwalt. Dann verklage ich euch auf Schadensersatz und Schmerzensgeld.« Doch mein Mund ist voll mit Fruchtwasser und so blubbere ich nur.
Ich glaube ganz fest daran. Denn ich bin der Meinung, auch ich habe Rechte. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, alles zu tun, damit sie mich nicht zwischen ihre Finger bekommen. Wie ich jedoch weiterhin feststellen muss, ist das nicht so einfach.
Die Mama geht ziemlich oft in so ein Haus. Sie nennt es Geburtshaus und findet es da gemütlich. Das sagt sie zumindest andauernd. Sie trifft sich dort immer mit einer anderen Frau. Der Name von ihr ist Hebamme und manchmal heißt sie Hanni. Mama hat aber auch schon Hebamme-Hanni zu ihr gesagt. Keine Ahnung, wie die nun tatsächlich heißt. Jedenfalls finde ich sie sympathisch. Und das liegt nicht nur an ihrer Stimme, sondern sie steht auf meiner Seite – als Einzige!
Bei meiner Mama war das nur in den vergangenen neun Monaten so gewesen. Sie hat gemacht, was sie wollte, und sich von niemandem reinreden lassen. Da war sie noch schwer in Ordnung. Jetzt ist das nicht mehr so. Sie hat sich verändert und macht nur noch das, was andere ihr sagen. Manchmal denke ich, sie ist ein Feigling.
Die Hebamme, Hanni oder Hebamme-Hanni ist da ganz anders. Sie hat eine feste Meinung und bleibt auch dabei. Wenn es nach ihr ginge, dürfte ich sogar das Wahlrecht für mich beanspruchen. So wie es sich gehört. Sie will, dass ich meine Wohnung erst verlasse, wenn ich so weit bin. Zwar gibt sie meiner Mama ’ne Menge Ratschläge, wie sie mich eher herauslocken kann, doch ich denke, das ist lediglich eine Art Ablenkungsmanöver.
Seither befolgt meine Mama die Tipps von der Hebamme, Hanni, Hebamme-Hanni oder wie auch immer die heißt. Logisch. Doch was sie dabei veranstaltet, ist alles andere als angenehm, bis auf das warme Badewasser. Ich liebe Wasser.
Mama schluckt nun ständig so ein Zeug. Das sind voll die Stinkbomben. Wenn die in meine Wohnung knallen, müffelt und schmeckt einfach alles nur eklig.
Mist. Wenn man vom Teufel spricht … Und zack, gerade rutscht der nächste stinkende Haufen von oben in meine Hütte.
»Himmel, nein!«, gurgele ich und schlucke davon versehentlich eine ordentliche Ladung.
Pfui Spinne. Mir wird schlecht. Schon wieder dieses abscheuliche Gesöff. Mein schönes fruchtiges Wasser schmeckt jetzt komplett nach diesem Zeug. Gleich muss ich würgen. Nichts wie raus aus der Bude, und zwar schnell. Das halte ich keine Sekunde länger aus. Was ich mir hier gefallen lassen muss, ist echt filmreif, und das bei den heutigen Mietpreisen.
Nee, stopp mal, ich zahle ja gar keine Miete. Egal, solange die das nicht merken, ihr Pech. Ist eh zu spät, ich hau ab. Bloß weg hier. Und Tschüss.
Ha, der Ausgang, da ist er ja. Da unten bei der Riesenrutsche. So, ab geht er, auf Nimmerwiedersehen. Und los.
Halt, Moment. Nicht so schnell, Baby-Schatz. Denk erst mal nach. Das ist doch genau das, was die wollen. Ich soll raus aus meinem Apartment. Ich glaube, die versuchen mich eiskalt auszutricksen. Bestimmt lauern die am Ausgang der Riesenrutsche auf mich. Oje, was wenn die mich verhaften wollen? Vielleicht soll ich gar nicht ausziehen, weil ich nicht mehr trainiere, sondern weil ich bis jetzt noch keine Miete bezahlt habe.
Ach du heiliger Furz, schießt es mir durch Kopf und Gedärm und zischt am hinteren Ende meines zarten Körpers mit leisem Pfiff und dezenter Duftnote wieder heraus.
Na denen werde ich einen schönen Strich durch die Rechnung machen. Damit kommen die nicht durch. Mit ihren radikalen Methoden werden sie keinen Erfolg haben, dafür sorge ich. Ab sofort reiße ich mich zusammen und bleibe, wo ich bin. Egal, wie viele Stinkbomben sie nach mir werfen. Wir werden ja sehen, wer länger durchhält.
Ich glaube, meine Mama ist ein Fakir. Vielleicht gehört sie auch einer Sekte an, aber das finde ich noch heraus. Sie ist zusammen mit Papa gerade bei einem Treffen. Die sitzen dort alle im Kreis auf dem Boden. Frauen und Männer, Mama neben Papa. Die haben jede Menge echte Nadeln im Körper stecken. Mann, ist das krank. Aber nur die Frauen, die Männer sind wahrscheinlich zu feige. Wird Zeit, dass ein richtiger Kerl wie ich herzukommt. Seitdem sitzen sie steif da und meditieren, sieht zumindest so aus, eben wie bei ’ner Sekte.
Verrückte Welt. Möchte mal wissen, warum meine Mama das mitmacht. Ha, ich hab’s. Die steht womöglich drauf.
Sollte ich mich irgendwann doch entschließen, meine Wohnung zu verlassen, das kann allerdings noch eine Weile dauern, werde ich das mal ausprobieren und sie ordentlich kneifen. Vielleicht bringt mir das ein paar Pluspunkte.

Ich bleibe noch ’n Weilchen
Beinah hätte ich laut losgelacht, aber ich habe meinen Mund mal wieder voll mit fruchtigem Wasser. Also steigen nur ein paar Blubberblasen auf, die meine Mama im Bauch kitzeln. Sie kratzt sich dann immer, genau wie eben.
Meine Eltern, das ist eine kleine Gruppe von Menschen. Quasi eine Minderheit, denn sie besteht nur aus zwei Personen, nämlich meiner Mama und meinem Papa.
Die beiden denken tatsächlich, nur weil ich mein Apartment nicht verlasse, will ich einen Rekord aufstellen und als Baby Nummer fünftausend zur Welt kommen. Echt jetzt? Wer bitteschön glaubt denn so einen Scheiß? Darüber kann ich nur lachen. Und die wollen erwachsen sein.
Bisher war ich immer schwer davon überzeugt, die Lulatsche – so nenne ich die Erwachsenen manchmal, das klingt lustig – wären intelligent und handeln überlegt. Inzwischen weiß ich es besser. Sie tun eigenartige Dinge, sprechen seltsam und benehmen sich auch so. Sagen nein, wenn sie ja meinen, oder putzen das Haus, bevor sie sich Gäste einladen, die dann wieder alles schmutzig trampeln. Und die Frauen, die sind vielleicht komisch. Die haben ganz lange, dünne Stäbchen an ihren Schuhen, auf denen sie nicht einmal richtig laufen können. Könnte ich allerdings auch nicht. Und was noch verrückter ist, die schmieren sich Farbe ins Gesicht. Wozu? Weiß ich nicht. Ich denke, die sind inkognito unterwegs. Aber wehe, wenn du als Kind ihre Wände bunt malst, voll unfair.
Ehrlich gesagt, es gibt einen triftigen Grund, warum ich nicht aus meiner Bude ausziehen will. Er ist nur nicht so spektakulär, wie meine Eltern glauben. Simpel ausgedrückt, ich fühle mich einfach nur sauwohl da, wo ich bin. In letzter Zeit hocke ich hier drin zwar wie ein Knödel in seiner Verpackung, aber dafür ist es umso gemütlicher.
Heute ist mir was passiert. Und das hat mich beinah dazu veranlasst, meinen aktuellen Wohnsitz aufzugeben. Ob ihr es glaubt oder nicht, ich hatte Durchfall. Jetzt ist mein Wasser so übel verdreckt, dass ich kaum noch atmen kann, vom Geschmack ganz zu schweigen. Wodurch das passiert ist? Na ja, das liegt doch völlig klar auf der Hand. Schuld daran ist dieses eklige Zeug, was meine Mama immerzu trinkt, diese Stinkbomben. Sie rührt da Rizinus mit hinein und davon bekommt man Durchfall, schon mal gehört?
Ich verstehe Hebamme, Hebamme-Hanni oder nur Hanni nicht. Ich dachte bisher, sie ist auf meiner Seite. Warum musste sie dann meiner Mama ausgerechnet Rizinus einreden? Warum nicht Haselnuss, Nutella oder Milchschnitte? Ist zudem viel gesünder.
Vom dauernden Kopfschütteln über die Lulatsche erleide ich noch irgendwann ein Schleudertrauma.

Zwangsräumung, ich werde obdachlos
Mein Wasser ist der reinste Modder. Ich will mich ja nicht beschweren, denn Schlammbäder sind grundsätzlich gut für die Haut, lösen Verspannungen und helfen gegen Stress. Im Prinzip also gerade richtig in meiner derzeitigen Situation. Ist nur blöd, wenn du das Zeug die ganze Zeit schlucken musst und auch noch einatmest, so wie ich.
Mein Hals fühlt sich an wie zugeschnürt und ich bekomme kaum noch Luft. So sieht’s im Moment aus bei mir. Und das Einzige, was aktuell bei mir perfekt läuft, ist mein Durchmarsch.
Ich bewege mich nicht mehr, um meine Körperfunktionen auf dem untersten Level zu halten. Das spart Energie und kostbare Atemluft. Darum liege ich die meiste Zeit nur rum und schlafe.
»Was ’n jetzt los?«
Plötzlich werde ich aus meinem Schlaf gerissen und schrecke hoch. Ein Höllenlärm bricht um mich herum aus. Wer ist denn das?
»Menschenskinder, ich will schlafen!«
Aber außer mir interessiert das niemanden. Erst einmal versuche ich zu mir zu kommen. Solch eine Hektik bin ich nicht gewöhnt. Was ist da draußen bloß los? Ich verstehe kein Wort bei dem ganzen Gegacker. Bin ich hier etwa in einen Hühnerstall geraten? Das würde dieses Chaos jedenfalls erklären. Halt! Nein! Ich habe mich geirrt. Das sind keine Hühner. Ich höre Stimmen. Verdammt. Stimmen sind gar nicht gut. Kann gewaltig nach hinten losgehen, wenn du davon jemandem erzählst.
Gerade habe ich den Namen Doktor gehört. Was macht der denn schon wieder hier? Obwohl, bei den Erwachsenen heißt sowieso jeder Zweite Doktor.
Warum reden die bloß alle so durcheinander? Das hält doch kein Mensch aus. Trotz dieses furchtbaren Lärms schnappe ich ein paar Wortbrocken auf. Das darf nicht wahr sein, denke ich, und verliere soeben das letzte Quäntchen Vertrauen in die da draußen. Diese hinterhältigen Lulatsche wollen mich gewaltsam aus meiner Wohnung zerren, und zwar jetzt!
Vor Schreck bekomme ich wieder Durchfall. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, ruhig zu bleiben, da ich sowieso kaum noch atmen kann. Aber daran ist im Augenblick nicht zu denken. Ich bin total panisch und schlucke versehentlich eine große Menge von dem verdreckten Modder, der mal mein Fruchtwasser war. Lang ist’s her.
Der Mensch gewöhnt sich normalerweise an so einiges, nur ich bin noch ein Baby, na ja fast. Deshalb haut es mich prompt um und ich werde ohnmächtig. Das war dann doch etwas zu viel von dem Zeug.
Das Nächste, was ich mitbekomme, das Dach meiner Wohnung ist verschwunden. Es ist scheißkalt und ich friere. Rasch versuche ich, meine Augen zu öffnen, aber mehr als einen Spaltbreit bekomme ich sie nicht auf. Sie sind total mit Modder verklebt.
Aus dem kleinen Augenschlitz heraus sehe ich über mir zwei Maskierte. Ach du Scheiße, denke ich, bin ich nun auch noch in einen Banküberfall geraten? Der eine hat ein Messer in der Hand. Jetzt bloß nicht bewegen. Doch die beiden starren mich nur an. Bin ich etwa ansteckend? Wissen die denn nicht, dass ich aus einer keimfreien Zone komme?
Verdammt, am Ende sind die selber infiziert. Scheiß Corona. Soeben fällt mir ein, vielleicht sind die aber auch sauer, weil ich noch keinen Test gemacht habe. Um Himmels willen! Na das gibt garantiert Knast.
Ich versuche aus der Situation das Beste herauszuholen und stelle mich besser tot. Nicht dass dem noch einfällt, mich abzustechen. Mein Plan funktioniert, denn mit einem Mal legt er das Messer zur Seite. Was nun kommt, ist allerdings auch nicht besser. Er packt mich am Genick und zerrt mich nach oben.
Die Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen und sehe mich kurz um. Mit etwas Glück sind die Kollegen der Abteilung Freund und Helfer bereits eingetroffen und retten mich hoffentlich aus den Fängen meines Angreifers. Weit gefehlt. Dafür weiß ich auf einmal, woher der Wind weht. Das hier ist gar keine Bank. Ich bin in einem Krankenhaus.
Mama hat mich ganz oft davor gewarnt. ›Niemals in eine Klinik‹, hat sie gesagt. ›Dort ist alles nur weiß und kahl. Die Wände, der Boden, das Licht, die Kittel. Einfach schrecklich.‹ Und sie hatte recht. Ich bin an einen Ort des Grauens gelangt.
Plötzlich wickelt der seine Wurstfinger um meine Fußgelenke und lässt mich kopfüber nach unten baumeln. Helft mir, will ich schreien, doch dazu komme ich gar nicht. Unvermittelt erfahre ich bisher noch nie erlebte Schmerzen. Ich werde brutal und rücksichtslos verdroschen. Vermutlich haben meine Eltern vergessen, die Krankenversicherung zu zahlen. Zum Glück trete ich noch mal weg und muss diese Demütigung nicht länger über mich ergehen lassen.
Als ich wieder zu mir komme, geht es weiter mit der Tortur. Ein anderer Maskierter schlägt ununterbrochen auf meinen Brustkorb ein. Gleichzeitig drückt der Typ, der danebensteht, so ein Plastikdings auf mein Gesicht. Ich nehme an, es dient allein dazu, um meine Schreie zu unterbinden, falls ich mich dagegen wehre.
Verdammte Hacke. Was habe ich denen getan, dass die mich um die Ecke bringen wollen? Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist, weil ich nun alles spitzbekommen habe und ihre Tarnung aufgeflogen ist. Ich glaube, bei Geheimdiensten ist es so üblich, dass sie einen foltern und anschließend abmurksen.
Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Endlich sind die Folterknechte befriedigt und lassen mich in Ruhe. Ich habe Glück, ich lebe noch. Leise heule ich vor mich hin.
Kurz danach wird mir klar, ich habe mich geirrt. Das war doch noch nicht alles. Ich muss in ein Nest geraten sein. Denn ein Nächster mit Maske erscheint, packt mich und wirft mich in eine Schale. Hinter der Tarnkleidung verbirgt sich eine Frau, das höre ich an ihrer Stimme.
»Drei Komma acht Kilo und fünfzig Gramm«, ruft sie. Dann legt sie mir ein Stirnband an, nimmt es aber sofort wieder ab. Findet mich damit wohl nicht hübsch genug. Gleich darauf probiert sie einen neuen Look. Sie versucht das Band von den Zehenspitzen über meinen Kopf zu ziehen, was natürlich nicht funktioniert. So ein Dummerchen.
»Kopf sechsunddreißig, Länge zweiundfünfzig«, brüllt sie dem Schreiberling zu und reicht mich an den nächsten Maskierten weiter.
Ich werde untersucht. Keine Ahnung, was der zu finden glaubt. »Und? Schon mal ’nem nackten Mann in die Tasche gegriffen?«, frage ich kess.
Keine Antwort. Höflich ist der nicht gerade. O nein, jetzt packt er meinen Dumbo bei den Ohren. Ohne zu fragen. Was fällt dem denn ein? Erschrocken überlasse ich meinem Rüssel das Wort und pinkle dem Typ in hohem Bogen auf die Maske.
Ha, na das hat gesessen. Sofort lässt er los und schnappt sich ein Tuch. Damit würgt er Dumbo ab und versteckt ihn schnell darunter.
Den Trick werde ich mir für später merken.
Jetzt nimmt er einzeln nacheinander jeden meiner Füße, jede Hand und beginnt zu zählen.
»Überraschung«, rufe ich. »Es sind immer fünf.«
Hätte ich ihm gleich sagen können. Hab ich schon vor Wochen alles überprüft, aber mit mir will ja dieser unhöfliche Typ nicht reden.
Nachdem sie mich nun genug gedemütigt haben, sperren sie mich in eine durchsichtige Plastikkiste mit winzigen Fenstern. Muss eine Art Gefängnis aus der Neuzeit sein, komplett ohne Gitterstäbe. Die wollen wahrscheinlich sichergehen, dass ich nicht weglaufe. Dabei weiß ich nicht einmal, wie das geht. Ich habe bisher immer nur Purzelbäume geschlagen.
Hier in dem Knast geht die Überwachung weiter. Ich werde an Kopf und Brust verkabelt und meine Hände und Füße werden gefesselt. Zumindest schlingen sie mehrere Drähte drum.
Eins steht fest, später, wenn sie mal nicht hinsehen, dann befreie ich mich.

Am Ende dieses Tages muss ich einsehen, meine Gutgläubigkeit an die Erwachsenen hat sich nun leider als falsch erwiesen. Mit denen ist nicht zu spaßen.
Ich glaube, meine Chancen lagen von Anfang an bei null. Es ist eingetreten, wovor ich mich immer gefürchtet habe. Sie haben mich total rücksichtslos aus meiner Wohnung gezerrt und letztlich ihr Ziel damit erreicht. Im Anschluss bin ich verprügelt, gefoltert, hin- und hergeschubst worden und danach haben sie mich in eine Zelle geworfen. Ich bin also gezwungenermaßen hier angekommen.
Rückblickend muss ich sagen, die ersten Minuten waren meine schlimmste Erfahrung. In der Zeit hatte ich nur einen einzigen Gedanken: Diese Welt ist kalt und grausam. Seither frage ich mich: Wie konnte es passieren, dass ich ausgerechnet hier gelandet bin?

Der Neue aus der 1B
Eine der vermummten Gestalten karrt mich mit samt meinem Gefängnis in ein anderes Zimmer, das vollgestopft ist mit modernster Technik. Ich bin stark überwältigt und glaube schon, auf einem fremden Planeten gelandet zu sein. Hier hängt ein Apparat neben dem anderen an der Wand und blinkt oder piept. Für einen Moment vergesse ich glatt meinen Kummer, aber nur kurz. Denn selbstverständlich dient dieser ganze Kram auch nur der Überwachung.
Wie es weitergeht, mal sehen. Da kann ich nur abwarten.
Die Vermummte geht aus dem Raum und lässt mich allein zurück. Doch ich bin gar nicht allein. Vor mir gab es schon einmal ein Opfer. Der Wicht ist in etwa so groß wie ich und liegt ebenso gefesselt im Kerker. Seine Zelle hat die Nummer 1A, meine die 1B.
Ich möchte wetten, dass der auch aus seinem Apartment geflogen ist. Der liegt da wie tot. Wahrscheinlich wurde der genauso verprügelt und gefoltert wie ich. Hab versucht, ihn danach zu fragen, aber der gibt keinen Mucks mehr von sich. Den haben sie echt platt gemacht.
Wie ich sehe, bin ich in meiner Zelle nicht der Einzige. An meinem Fußende sitzt ein Knirps. Der ist noch kleiner als ich. Dafür hat er wesentlich mehr Haare. Ich dachte, ich hab schon jede Menge davon. Natürlich nur auf dem Kopf. Doch der hat überall welche, sogar im Gesicht. Voll die Fellfresse. Einen Knopf im Ohr hat er auch. Ist vielleicht so was wie ’ne Häftlingsnummer.
Ich glaube, ich weiß jetzt, warum der so viele Haare hat. Er ist nämlich echt alt, obwohl er kleiner ist als ich. Der hat schon Stimmbruch. Hab ihn nach seinem Namen gefragt. Den hat er mir in einem ganz tiefen Bass zugebrummt. Er heißt Teddy und ist jetzt mein Freund.
In der anderen Ecke hockt noch jemand. Eine Birne. Die ist aus Plüsch und hat riesengroße Augen. Freundlich ist sie auch, denn sie singt ein Lied für Teddy und mich. La-Le-Lu oder so ähnlich. Das finde ich nett, macht nur entsetzlich müde.
Ich bin noch keine fünf Minuten hier, da geht die Tür auf und so eine Tante im weißen Kittel kommt herein. Sie hat jemanden im Schlepptau. Die beiden schauen in meine Richtung und steuern dann direkt Zelle 1B an. Na prima.
Sie tragen zum Glück keine Masken und ich sehe, die Tante lächelt mich an. Ich fühle mich gleich viel wohler. Prügel gibt es demnach keine.
Die andere Person ist ein Mann. Ich mustere ihn von oben bis unten. Er trägt keinen weißen Kittel und ist mir deshalb sofort sympathisch. Mein Blick bleibt an seinem Gesicht hängen. Boah, das ist triefend nass. Hat der vergessen sich abzutrocknen? Nee. Stopp mal. Der heult, oder?
»Hallo, mein kleiner Schatz«, würgt er hervor.
Moment! Die Stimme kenne ich. Das ist doch dieser Typ. Etwa mein Papa?
»Ich bin dein Papa.«
Ich hab’s gewusst. Aber warum hört er nicht mit dieser Heulerei auf? Ist doch albern. Ich überlege. Hat er vielleicht vorhin schon geheult, als er ins Zimmer kam? Nein, hat er nicht. Erst, als er mich gesehen hat. Es muss demzufolge an mir liegen. Oje, mir schwant Schlimmes. Bin ich etwa so hässlich?
»Gebt mir einen Spiegel«, schreie ich, »sofort!«
Natürlich schert sich niemand um meinen Wunsch. Warum bin ich hier prinzipiell von lauter Ignoranten umgeben?
Ungefragt packt diese Tante im weißen Kittel meine neue Freundin Plüschbirne am Schlafittchen und zieht einfach an dem Faden, der an ihrem Po hängt. Feingefühl hat die nicht gerade, denke ich mir. Das hat Birne bestimmt wehgetan, denn plötzlich jault sie ein Klagelied vor sich hin.
Ich will sie verteidigen. Als ihr Freund fühle ich mich dazu verpflichtet, doch vor lauter Kabeln komme ich nicht vom Fleck. Birne ist die Einzige, die durch ihr Gejaule unser Schicksal öffentlich laut bekannt gibt.
Papa heult immer noch. Und solidarisch wie ich bin, heule ich einfach mit. Unsere erste Gemeinsamkeit. Wir sind eindeutig Papa und Sohn. Beide schniefen wir um die Wette, grinsen uns aber letztendlich an. Na ja, ich nicht, nur Papa grinst. Ich muss meine Gesichtsmuskeln erst trainieren. Seit ich auf der Welt bin, hatte ich noch nicht viel zu lachen. Doch das wird sich nun ändern, denn mein Papa ist da und holt mich hier raus.
»Wie soll das Baby eigentlich heißen?«, fragt diese Tante im weißen Kittel meinen Papa.
»Meine Güte«, sage ich zu ihr. »Von welchem Planeten kommst du denn? Was ’n das überhaupt für ’ne Frage. Ich heiße Baby-Schatz. Vorname Baby, Nachname Schatz. Ist das soweit klar?« Dabei verdrehe ich gekonnt meine Augen.
»Er wird Fritz heißen«, antwortet darauf Papa. »Ach nein, Franz, äh, ich meine Fratz. Ich bin ganz durcheinander«, sagt er und kichert.
»Hä? Das nennst du durcheinander? Ich bin wohl im falschen Film. Drehst du jetzt durch? Das werde ich der Mama sagen, kannste aber glauben.«
Meine Meinung scheint ihn nicht zu jucken.
Seit Monaten sagen meine Eltern Baby-Schatz zu mir. Und plötzlich soll ich einen anderen Namen bekommen, von denen einer blöder ist als der andere.
Ich rede mir ganz fest ein, dass mein Papa die Tante im weißen Kittel bloß veralbern will.
Meine Hoffnung schwindet. Mein Papa ist tatsächlich völlig neben der Spur, denn er dreht sich um und verlässt wortlos den Raum. Ich will ihm hinterherrufen, bekomme aber keinen Ton heraus. Ich bin total sprachlos. Er wollte mich mitnehmen und jetzt hat er mich einfach vergessen. Na, wenn das die Mama mal spitzkriegt.

Bio von der Tanke gegen Prügel
So langsam gewöhne ich mich an meine neue Umgebung. Nur das Purzelbaum schlagen im Wasser fehlt mir sehr. Sonst habe ich alles, was ich brauche. Ich werde mich also nicht beschweren.
Es ist warm in meiner Zelle und wenn ich Durchfall habe, kann ich sogar problemlos weiteratmen. Meist kommt schon kurze Zeit darauf eine von den Tanten im weißen Kittel und putzt mir den Po. Das ist wirklich sehr praktisch.
Ebenso der Futterservice. Der läuft hier reibungslos und ist große klasse. Die Fruchtwasser-Plörre ist ab jetzt Geschichte. Ich trinke nur noch hundertprozentige Bio-Milch. Alle vier Stunden wird frische Ware angeliefert. Weder pasteurisiert noch homogenisiert. Und vor allem ist sie ohne Zusätze. Das ist aber noch nicht alles. Das Ganze gibt es nämlich in der Vollfettvariante. Ich kann es mir leisten.
Wie jeder echte Kerl trinke ich nur aus der Flasche. Ich kann kaum genug davon bekommen und verlange immer mehr. Das Zeug ist aber auch ’ne Wucht.
Ich sehe, wie eine Tante im weißen Kittel den Raum betritt und bin sofort aufgeregt. Gleich gibt’s Nachschub. Die vier Stunden sind vorbei und es ist Zeit für meine nächste Ration.
»Nee, das kann jetzt nicht dein Ernst sein.«
Ich bin enttäuscht. Als sie näherkommt, sehe ich, ihre Hände sind leer.
»Wo ist mein Futter!«, brülle ich sie energisch an.
Das scheint sie selbst nicht zu wissen, denn mehr als ein Lächeln hat sie dazu nicht zu sagen. Dann öffnet sie den Deckel von Zelle 1B. Was hat sie vor? Schon fliegen ihre riesigen Pranken auf mich zu. Sie packt mich und holt mich nach draußen. Zum ersten Mal. Ich bin verblüfft, wie groß die Welt doch ist, so außerhalb meiner Zelle.
Wie ein Geschenk wickelt sie mich in eine Decke und in unzählige Tücher. Aber schließlich ist fast Weihnachten. Und ich denke mir, wahrscheinlich waren das soeben meine letzten Sekunden in Zelle 1B. Schätze mal, ich werde verschenkt oder verkauft. Und obwohl ich vermute, hier in einen Menschenhändlerring geraten zu sein, bin ich dennoch froh, aus der 1B herauszukommen.
Teddy und Birne bleiben allein zurück. Sie haben Abschiedstränen in den Augen.
»Macht’s gut, meine treuen Freunde«, rufe ich. »Ich werde euch vermissen.«
Die Tür fällt ins Schloss. Leider kann ich nicht mehr hören, was Teddy darauf antwortet. Und Birne, die singt sicherlich noch immer ihr Schlaflied. Das hat sie vorhin schon getan. Danke, liebe Freundin.
Ich werde in einen anderen Raum gebracht. Der ist riesig groß. Hier sehe und höre ich weder blinkende noch piepsende Apparate. Auch die Wände sind nicht weiß und kahl, sondern bunt. Wo bin ich?
Weiter hinten an der Wand steht ein Bett. Die Tante im weißen Kittel bringt mich dorthin. Darin liegt jemand. Eine Frau. Ich sehe sie an und weiß sofort, wer das ist. Meine Mama. Sie ist also diejenige, die mich als Geschenk zu Weihnachten bekommt.
Ich bin gerührt. Zehn ganze Monate haben wir zusammen verbracht und sie ist mir nicht ein einziges Mal von der Seite gewichen. Dann kamen die Maskierten und haben uns gewaltsam voneinander getrennt. Ach, wie sehr ich sie doch vermisst habe, meine liebe Mama. Ab jetzt bleiben wir für immer vereint.
Mama hat mich noch nie gesehen, das ist heute ihre Premiere. Hoffentlich findet sie mich nicht genauso hässlich wie Papa. Vorsichtshalber ziehe ich mir eins von den Tüchern vors Gesicht. Sie soll erst einmal nur meine Stimme hören. Sicher ist sicher. Damit sie mich aber auch wirklich wiedererkennt, trällere ich mal eben laut eines ihrer Lieder, die sie mir früher immer vorgesungen hat.
»Schön ist es auf der Welt zu sein …«
Prompt reißt sie mich in ihre Arme. Dabei verrate ich ihr, dass sie mich glücklich macht und wie sehr ich sie vermisst habe. Ich will ihr auch sagen, was in diesem Laden hier abgeht. Vor allem, dass die Neugeborenen gefoltert werden.
Nur dazu komme ich leider nicht. Schuld daran ist die Tante im weißen Kittel. Entweder ist sie auf Mama und mich eifersüchtig oder sie will mich eiskalt zum Schweigen bringen und den ganzen Schlamassel vertuschen. Denn so wie ich zum Sprechen ansetze, stopft sie mir plötzlich den Mund mit einem Zapfhahn.
»Davon lasse ich mich nicht beeindrucken«, würge ich undeutlich hervor.
Zumindest im ersten Moment ist das mein Gedanke. Im zweiten werde ich dann doch schwach und vergesse all meine Vorsätze. Ich spüre den ersten Tropfen und schmecke fette, gehaltvolle Bio-Milch. Meine Milch! Erfreut stelle ich fest, Mama ist meine ganz persönliche Tankstelle. Was bin ich nur für ein Glückspilz.
Es gibt etwas, woran ich mich wohl nie gewöhnen werde. Nach jeder Mahlzeit, wenn ich satt und zufrieden bin, brauche ich zunächst dringend ein kurzes Nickerchen. Aber das gönnt mir keiner von denen. Irgendeiner kommt nach dem Essen immer und verprügelt mich. Das eine Mal ist es eine von diesen Tanten im weißen Kittel, das andere Mal sogar Mama, manchmal auch Papa. Warum? Das weiß ich doch nicht. Sie können es einfach nicht lassen.
Ich habe noch einmal gründlich darüber nachgedacht. Deren Verhalten widerspricht sich vollkommen. Wenn ich also meine Bio-Mahlzeit komplett leertrinke, lächeln sie und loben mich. Aber unmittelbar danach werden die grundlos sauer und es hagelt Schläge auf meinen Rücken. Erinnert mich bissel an Dr. Jekyll und Mr. Hyde.
Mir wird jedes Mal schlecht davon. Sie lassen mir nicht einmal so viel Zeit, bis ich mein Essen verdaut habe. Deshalb übergebe ich mich manchmal auf ihr frisches, weißes Tuch, während sie mich verprügeln.
»Das ist nur eure Schuld«, schreie ich dann frustriert. »Schade um das schöne Essen.«
Meistens schaffe ich es aber, mich zu beherrschen. Bis auf einen Rülpser, der rutscht mir regelmäßig heraus. Anfangs war mir das sehr peinlich. Rülpsen zählt bei Herrn Knigge nämlich nicht gerade zu den guten Manieren bei Tisch. Doch genau das finden die Tanten im weißen Kittel, Mama und Papa großartig. Wenn ich aus meinem Bauch solch einen ordentlich lauten Ton heraufhole, hören die sofort auf, mich zu verdreschen. Die loben mich sogar dafür. Kaum zu glauben, aber wahr.
Der Knigge von denen stammt wohl aus dem Mittelalter? Total krass. Verstehe da einer die Erwachsenen.
Ich befürchte, die wissen einfach nicht, was sie wollen. Vielleicht ist das auch normal hier und ich bin bloß im falschen Jahrhundert gelandet. Ach herrje, dann gehört das womöglich zum guten Ton. Aber das werde ich noch herausbekommen.

Ich bin ein Geschwisterkind
Juhu! Teddy, Birne und ich sind auch weiterhin gute Freunde. Wir haben uns kürzlich wiedergefunden und sind uns sogleich stürmisch in die Arme gefallen. Bis auf Birne, die hat keine Arme.
Das war an genau dem Tag, als mich die Tante im weißen Kittel wie ein Weihnachtsgeschenk verpackt und an Mama verschenkt hat. Mama hat mich daraufhin wieder ausgepackt und wir haben eine Weile zusammen gekuschelt. Das war voll schön. Danach habe ich von ihr sogar noch Bio-Milch bekommen. Dabei hat sie zu mir gesagt, ich sei das hübscheste Baby, das sie je gesehen hat. Mann, war ich froh darüber. Nicht auszudenken, wenn sie auch noch losgeheult hätte wie Papa.
An diesem Tag hat mich Mama das erste Mal gesehen. Allerdings glaube ich, sie ist sich noch nicht ganz schlüssig, ob sie mich behalten will, denn ein paar Minuten später tauchte die Tante im weißen Kittel auf. Mama hat mich ihr zurückgegeben und ich musste wieder in meine Zelle.
Jetzt bin ich noch immer in der 1B, gemeinsam mit meinen Freunden Teddy und Birne. Die Regeln haben sich inzwischen gelockert und der ganze Laden läuft etwas entspannter. Ich darf Besuch empfangen, so oft ich will. Zwar werden ausschließlich nur Mama und Papa hereingelassen, aber das ist nicht weiter schlimm. Meine Fans habe ich trotzdem. Sie lassen sich nicht so einfach abwimmeln und dringen bis zur Eingangstür vor. Ich sehe sie jeden Tag, wenn sie ihre Nasen an der Scheibe plattquetschen. Dazu grölen sie und winken mir zu. Ein tolles Gefühl, berühmt zu sein.
Mama kommt mich ziemlich oft besuchen. Das liegt sicher daran, dass sie ebenfalls in diesem Krankenhaus wohnt. Im Gegensatz zu mir darf sie jedoch ihre Zelle verlassen.
Der Papa wohnt nicht hier, denn er lässt sich nur ein Mal am Tag bei mir blicken. Mittlerweile hat er sich an mein Aussehen gewöhnt. Er heult nicht mehr, wenn er mich sieht.
Mama sitzt oft vor der 1B und hält meine Hand. Das gibt mir ein gutes Gefühl und ich bin nicht so allein. Alleinsein bin ich nicht gewöhnt, ich mag es nicht. Als ich im Apartment to go gewohnt habe, war sie immer den ganzen Tag bei mir.
Ich komme nach meiner Mama. Sie sagt, ich sehe ihr total ähnlich. Den kleinen Schmollmund hätte ich eindeutig von ihr. Das finde ich nicht. Ich meine eher, die einzige Gemeinsamkeit, die wir haben, besteht darin, dass wir beide Haare auf dem Kopf haben. Und auch nur dort.
Bei Papa ist das anders. So wie er möchte ich nun wirklich nicht aussehen. Er hat überall Haare. Jede Menge. Erinnert mich ein bisschen an meinen Freund Teddy. Nur so gut brummen kann er nicht, doch das ist nicht weiter schlimm.
»Ach, du liebes bisschen!«, rufe ich.
Schlagartig bröseln mir die Schuppen vom Kopf. Auf diesen Schreck brauche ich erst einmal dringend meinen Schnuller. Ich muss mich beruhigen. Hektisch suche ich nach ihm. Wo ist das verdammte Ding bloß? Ich schreie wie am Spieß, bis eine von den Tanten im weißen Kittel auftaucht.
»Ich will meinen Schnuller. Sofort!«, brülle ich sie an.
Sie hilft mir rasch beim Suchen. Wenigstens so viel Anstand hat sie. Ansonsten lässt sie sich von meinem Geschrei nur wenig beeindrucken und bleibt die Ruhe selbst. Da muss ich sagen, das finde ich höchst dreist. Aber immerhin findet sie das Ding und gibt es mir.
»Danke, kannst jetzt wieder abdampfen«, knurre ich sie an, was sie auch umgehend beherzigt.
So langsam beruhige ich mich von dem Schreck. Ich weiß jetzt nämlich, warum Teddy die ganze Zeit neben mir liegt. Er ist auch ein Kind von Papa. Ich bedecke mein Gesicht mit beiden Händen. Ungläubig schüttle ich den Kopf und kann es kaum fassen. Sind wir gar Zwillinge?
Ich verstehe nun die Hintergründe. Wie ich darauf gekommen bin? Na ist doch ganz einfach. Ich habe eins und eins zusammengezählt. Also: die Mama sagt, ich komme nach ihr. Der Grund dafür, mein Apartment war in ihrem Bauch. Klar soweit? Meine Schlussfolgerung daraus: Teddy war in Papas Bauch, denn mit den vielen Haaren kommt er eindeutig nach ihm. Demnach ist Teddy mein Bruder und wir sind Geschwister. Das ergibt Sinn.
Ich glaube, Mama arbeitet hier. Zumindest hat sie den Job von den Tanten im weißen Kittel übernommen, seit sie mich geschenkt bekommen hat. Aber vielleicht sind Mamas auch nur dazu da, um ihren Kindern als persönliche Assistentin zu dienen.
Das Gleiche sehe ich bei den anderen Babys. Jedes hat seine eigene Mama, einschließlich privater Zapfsäule mit Bio-Milch.
Wenn ich mit dem Essen fertig bin, putzt sie mir den Po und entfernt den stinkenden Haufen aus meiner Windel. Wie der da wohl reinkommt?
Bei Teddy macht sie das nicht, er ist Papas Kind. Papa hat Teddy noch nie den Po geputzt. Er trägt nicht mal eine Windel. Einen Haufen habe ich bei ihm bisher auch noch nie gesehen, das ist sehr merkwürdig. Ich muss unbedingt herausfinden, ob er den heimlich entsorgt.
Warum Birne bei mir in der Zelle ist, das weiß ich bis heute nicht. Sie kommt weder nach meiner Mama noch nach Papa. Ich nehme an, sie ist ein Findelkind. Das erklärt auch, warum sie den ganzen Tag heult und so komische Lieder summt, von denen Teddy und ich immer einschlafen. Ich kann sie trotzdem gut leiden.

Der schwarze Punker, mein neuer Freund
Wenn meine Mama bei mir vor der 1B sitzt, ist sie echt nett. Sie redet mit mir und streichelt mich. Ich finde es auch anständig, dass sie mich füttert. Das Einzige, das ich nicht ausstehen kann, sie schlägt mich nach dem Essen genauso wie die Tanten im weißen Kittel.
Ich bin mir sicher, das hat sie sich einreden lassen. Das war schon damals so, als ich noch im Apartment to go zu Hause war. Wir beide waren unzertrennlich, ein richtig gutes Team. Doch dann kamen Leute und haben sie bequatscht, sie solle mithelfen, dass ich ausziehe. Leider kein sehr willensstarker Mensch, darum hat sie mitgemacht. Das Gleiche ist wohl jetzt der Fall. Na ja, besser von ihr verdroschen zu werden als von den anderen, sage ich mir.
Allmählich wird meine Mama wieder die Alte. Gott sei Dank.
Sie kommt gerade auf meine Zelle zu. Heute besucht sie mich schon früh am Morgen. Darüber freue ich mich. Doch plötzlich tut sie etwas, das mich glatt umhaut. Was für ein Glück, dass ich schon liege. Sie öffnet einfach den Deckel von der 1B und hebt mich heraus. Das finde ich so super, dass ich vor Freude ganz laut schreie: »Ich bin ein Star, hol mich hier raus!«
Anschließend entführt sie mich klammheimlich in ihr Zimmer.
Als sie die Tür aufmacht, verschlägt es mir prompt die Sprache. Wow, denke ich, die muss stinkreich sein. Bin ich hier im Four Seasons? Die Mama hat in ihrem Zimmer so viel Platz, sie kann sogar um ihr Bett komplett herumlaufen, hat ein extra Badezimmer und eine Badewanne. Ist mir letztens gar nicht aufgefallen. An diesem Tag war ich aber auch sehr aufgeregt, denn da habe ich zum ersten Mal meine Mama erblickt.
Bei mir in der 1B habe ich gerade mal so viel Platz, dass ich ausgestreckt liegen kann. An Umherlaufen ist da nicht zu denken. Und mein Badezimmer ist nur eine Alternativlösung im selben Raum. Ich wohne sozusagen in einer All-in-one-Zelle. Ich habe eine Windel als Toilette, Feuchttücher statt Badewanne und all das spielt sich auf einem viertel Quadratmeter ab, auf dem ich auch noch schlafen muss.
Jetzt legt mich Mama auf ihr riesiges Bett.
»So mein kleiner Fratz, und das hier ist dein neuer Freund«, sagt sie.
Ich bin irritiert. Sie hat Fratz zu mir gesagt. Ist das zu glauben? Auf einmal nennt sie mich auch nicht mehr Baby-Schatz, genau wie Papa. Das hat er ihr eingeredet. Verdammt! Warum muss sie immer auf andere hören. Ich finde den Namen Fratz doof. Fratz-Schatz. Das klingt für mich eher nach ’nem schnellen Rührkuchen. Außerdem haben sie mal wieder entschieden, ohne mein Recht auf Mitsprache in irgendeiner Weise zu beachten. Das ist ganz schön gemein.
Moment mal, hat sie nicht gerade was von einem neuen Freund gesagt? Wen meint die denn, hier ist doch gar niemand. Aber grundsätzlich habe ich nichts gegen neue Freunde.
Vorsichtig schaue ich mich um. Und tatsächlich, ich bemerke einen Schatten aus dem Augenwinkel. Wo kommt ’n der so schnell her, frage ich mich. Liegt der schon die ganze Zeit auf Mamas Bett? Etwa länger als ich? Das gefällt mir nicht.
Ich drehe meinen Kopf und sehe ihn grimmig von der Seite her an. Im selben Moment jagt mir der Schreck durch die Glieder.
»Um Himmels willen, ein schwarzer Punker!«
Vor Entsetzen kreische ich auf, zwinge mich aber gleich wieder zur Ruhe, denn ich bekomme Mitleid. Er muss ein Brandopfer sein, denke ich. Deshalb ist er ganz schwarz und hat ’ne Glatze. Die paar restlichen weißen Fusseln auf der Stirn hat das Feuer wahrscheinlich nicht erwischt.
»Was is ’n dir passiert?«, frage ich ihn.
»Wieso?«, fragt der Verkohlte zurück.
Ich versuche es noch einmal. »Warum bist ’n du so schwarz, biste verbrannt?«
»Ach du meine Nase! Verbrannt?« Darüber lacht der schwarze Punker nur blöde. »Ich bin Pittiplatsch, der Liebe, ’n Kobold, aber kannst Pitti zu mir sagen.«
Pittiplatsch, der Liebe, dass ich nicht lache. Mein Mitleid verpufft schlagartig und ich weise ihn gleich in seine Schranken.
»Damit eins klar ist, Kohlebold. Das hier ist meine Mama und die hat nur mich lieb. Haste das kapiert?«
»Heul doch, platschquatsch. Im Übrigen heißt es Kobold und nicht Kohlebold.«
Na der hat vielleicht Nerven, mir zu widersprechen.

Jetzt kommt Mama zum Bett und nimmt mich auf den Arm.
»Siehste«, rufe ich ihm zu, »ich bin die Nummer eins. Es kann eben nur einen geben.« Frech strecke ich meine Zunge zu Pitti heraus.
Mama geht mit mir hinüber zur Badewanne. Klasse, die hat genau meine Größe. Muss sie extra für mich besorgt haben.
Als Erstes nimmt sie diese ganzen Abhördinger von meinem Körper. Das ist sehr schlau von ihr. So können mich die Tanten im weißen Kittel nicht aufspüren. Vorsicht ist besser als Nachsicht.
Dann hebt sie mich in die Wanne und taucht mich in das warme Wasser.
»Wuah!« Für einen Moment erschrecke ich gewaltig und schreie.
Puh, ist das nass. War das in Mamas Bauch auch so? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern. Ich glaube, es ist einfach schon zu lange her. Doch ratzfatz bin ich wieder ganz in meinem Element und habe mich daran gewöhnt.
Ich finde Wasser einfach klasse und kann mich nicht mehr zurückhalten. Wie verrückt zappele ich in meiner neuen Wanne.
»Guck mal, ich kann schwimmen. Ich bin ein Fisch.«
Dabei spritze ich alles nass. Auch meine Mama bekommt eine volle Ladung ab. Wie es scheint, gefällt ihr das nicht so ganz. Denn sie verzieht ihr Gesicht und trällert schrill die Tonleiter. Das hohe C erreicht sie dann doch nicht.
Was soll ich dazu sagen, meine Schuld ist es nicht. Aber ich glaube, sie hat trotzdem ihren Spaß.
Danach trocknet sie mich ab und wickelt mich in eine Windel. Viel zu hektisch für meinen Geschmack, denke ich eben noch, schon wird mir klar, warum.
Ganz so taff, wie ich anfangs dachte, ist Mama leider doch nicht. Offenbar hat sie Schiss bekommen, weil sie mich aus der Zelle geholt hat, und hofft jetzt, dass es noch niemand bemerkt hat. Denn gleich nach dem Abtrocknen stöpselt sie wieder alle Kabel an meinen Körper und nimmt mich auf den Arm. Oje, ich ahne Schreckliches. Sie will mich wohl tatsächlich zurück in die 1B bringen. Das ist ein herber Rückschlag für mich und erschüttert mein Vertrauen in meine Mama.
Ich wehre mich heftig dagegen und setze alles daran, Mama zur Vernunft zu bringen.
»Angsthase, Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase«, singe ich ihr ins Ohr.
Das ist nicht gerade sehr feinfühlig, ich weiß, aber genau meine Absicht. Blöderweise kümmert sie das gar nicht. Ihre Angst vor den weißen Kitteln ist stärker. Doch noch gebe ich nicht klein bei und ziehe ein letztes Ass aus dem Ärmel, okay, aus der Windel. Viel mehr trage ich nicht am Leib. Ich setze nun verbissen auf die Taktik: Beleidigte Leberwurst.
»Wieso darf der schwarze Punker bleiben und ich nicht!«
Dabei bäume ich mich voll auf und werfe Pitti über Mamas Schulter hinweg einen extrem strengen Blick zu. Einen, der sich so richtig gewaschen hat. Aber auch davon lässt sie sich nicht erweichen. Sie zieht ihr Ding gnadenlos durch und bringt mich zurück in Zelle 1B. Ich bin mächtig empört und fühle mich irgendwie diskriminiert.
»So geht das nicht«, rufe ich ein letztes Mal.
Als Antwort lächelt sie mich an und gibt mir einen Nasenstupser.
»So, kleiner Fratz, jetzt wird geschlafen.«
»Warum hier und nicht in dem großen Bett, so wie der Verbrannte?«, brülle ich ihr hinterher.
Doch Mama bleibt stur. Meine Meinung interessiert sie nicht. Ohne auf meine Frage einzugehen, schließt sie endgültig die Tür hinter sich und ich bleibe zurück. Schade. Wenigstens sind Birne und mein Zwillingsbruder Teddy bei mir und trösten mich.

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