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Kaspar Panizza
Gourmetkatz
Frau Merkel und der tote Sternekoch

Zum Buch
Filetiert Den Beginn dieses Tages hat sich der Obdachlose Harti Kleverlä, alias Sokrates, anders vorgestellt. Die Leiche, die da nahe dem Isarufer auf ihn zutreibt, verdirbt ihm seine tägliche Morgentoilette gründlich. Zu allem Übel hat man dem Toten, bevor er erschlagen wurde, einige Organe entnommen. Ein klarer Fall für Kommissar Steinböck und sein Team. Doch der ist mit dem mysteriösen Tod eines bekannten Münchner Sternekochs auf dem spanischen Jakobsweg beschäftigt. Bald fällt der Verdacht in diesem Fall auf dessen Kompagnon Dago Pfalzer, der durch seine skurrilen Kochshows bekannt ist. Pfalzer kann Steinböck zwar nicht von seiner Unschuld überzeugen, dafür bringt er Katze Frau Merkel mit exquisiten Thunfischröllchen auf seine Seite. Weil Steinböcks Kollegin Ilona Hasleitner auf Recherche in Spanien ist und Emil Mayer an einem Basketballturnier teilnimmt, steht der Chef ganz alleine da. Als dann auch noch eine Reporterin spurlos verschwindet, wird ein Zusammenhang zwischen den beiden Morden immer wahrscheinlicher.
Kaspar Panizza wurde 1953 in München geboren. Den Autor, der aus einer Künstlerfamilie stammt, prägten Arbeiten seines Vaters, eines bekannten Kunstmalers, sowie die Bücher seines Urgroßonkels Oskar Panizza. Nach dem Pädagogik-Studium machte Panizza eine Ausbildung zum Fischwirt, erst später entdeckte er seine Liebe zur Keramik. Nach abgeschlossener Ausbildung mit Meisterprüfung arbeitete er zunächst als Geschirr-Keramiker und später als Keramik-Künstler im Allgäu. 2004 übersiedelte er nach Mallorca, wo er eine Galerie mit Werkstatt betrieb und zu schreiben begann. Seit 2009 lebt Kaspar Panizza in Ribnitz-Damgarten an der Ostsee, wo er zusammen mit seiner Ehefrau bis 2018 ein Keramik-Atelier führte. Seither widmet er sich ganz dem Schreiben.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © mim / stock.adobe.com
und hvoenok / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6914-5
Stammprotagonisten
in nahezu jedem Band:
Steinböck (SB): sehr eigenwilliger Hauptkommissar; Leiter des Ermittlungsteams.
Frau Merkel: die Katze, die SB mit ihren nervigen Kommentaren oft zur Verzweiflung bringt
Emil Mayer junior: Kommissar; mittelmäßig pigmentierter Afro-Bayer und Rollstuhlfahrer
Ilona Hasleitner: Kommissarin; Recherche-Genie und Herrin der Butterbrezen
Dr. Thomas Klessel: Leiter der Gerichtsmedizin; zelebriert gerne den Inhalt seines silbernen Flachmanns
Dr. Horst Schmalzl: Psychotherapeut und Gerichtsgutachter, der von Frau Merkels Genialität überzeugt ist (Katze!!)
Dr. Nepomuk Sanghäusel: Staatsanwalt
Peter Obstler: Informant; SBs Freund und direkter Draht zur Münchner Unterwelt
Bernulf Valentin Schwäble: Polizeibeamter in der Mord kommission
Ferdel Bruchmayer: schleimiger Staatssekretär und SBs Intimfeind
Sabine Husup: nervige und neugierige Lokalreporterin
Lotta Nilson: neue Leiterin der Mordkommission
Schneehofer: Kommissar; Pforte und Information
Tamara: Kantinenchefin und heimliche Herrscherin des Kommissariats
Der Berliner: Besitzer eines Imbisswagens vor dem Revier
Veronika: Steinböcks neue Nachbarin
Harti Kleverlä: alias Sokrates; Isarphilosoph
Phan Lan Huong: IT-Genie und illegale Reinigungskraft im Dezernat
Wichtige Personen in diesem Band:
Candida Hinksel, Putzi: Reporterin und Freundin von Sabine Husup
Dago Pfalzer: durchgeknallter Fernsehkoch und Besitzer des Sternerestaurants Safran
Johann Kerbel: sein Kompagnon
Marcel Zamsa und Dr. Mabuse: zwielichtige Gestalten aus der Organmafia
Elena Mocanu: junge Moldawierin
Prolog
Eigentlich hatte er den Jakobsweg zusammen mit seiner Schwester gehen wollen. Seit Jahren hatten sie darüber gesprochen, genau genommen seit dem Tod ihrer Eltern. Aber jetzt war alles ganz anders gekommen.
Traurig und doch von einer ungeheuren inneren Ruhe erfüllt blickte er auf den Atlantik. Für Lissy und ihn hatte von Anfang kein Zweifel daran bestanden, dass sie den Camino del Norte nehmen würden. Der Küstenweg entlang des Atlantischen Ozeans war längst nicht so stark frequentiert wie der Camino Francés. Nur hatte er nicht damit gerechnet, dass er ohne sie gehen würde. Egal, er hatte an Lissys Sterbebett versprochen, das gemeinsame Vorhaben auch ohne sie umzusetzen, und er hatte es noch keinen Tag bereut, alleine unterwegs zu sein. Wirklich alleine war man auf diesem Pilgerweg ohnehin nie. Schmunzelnd dachte er an die beiden verrückten Münchnerinnen, die gestern Abend in der Herberge die Gäste unterhalten hatten.
Das glitzernde Meer schmerzte in seinen Augen. Er kniff sie zusammen und ein paar Tränen rollten an seinen Wangen hinunter. Tränen, deren Ursprung nicht unbedingt die gleißende Sonne war.
Er erinnerte sich an den sonnigen Augusttag, an dem seine Schwester gestorben war. Bis zum letzten Moment hatten sie gehofft. Das Schreckliche war, dass er ihr nicht hatte helfen können.
»Geh den Jakobsweg für uns zwei«, hatte sie geflüstert, und dann war sie mit einem Lächeln gestorben.
Er wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. Bevor er sich mit den Füßen näher an den Abgrund tastete, streifte er den Rucksack von seinen Schultern, stellte ihn hinter sich in eine Felsnische und blickte auf die unter ihm vorbeiziehende Küstenstraße hinab. Mehrere Hundert Meter weiter westlich, auf einem Felsvorsprung, entdeckte er die beiden Münchnerinnen, die vermutlich wegen ihres ausgiebigen Rotweingenusses am Vorabend auch noch nicht weiter gekommen waren. Er selbst hatte die Etappe erst gegen 11 Uhr begonnen. Der Wind nahm, wie immer um diese Tageszeit, an Stärke zu. Sicherheitshalber zog er mit beiden Händen den Hut fester in die Stirn.
»Ein schöner Tag«, sagte ein Mann in dunklem Anorak und Basecap, der unbemerkt neben ihn getreten war.
»Ein wunderschöner Tag«, antwortete er und versuchte vergeblich, dessen Gesicht zu erkennen. Die Stimme kam ihm bekannt vor.
Der Fremde zog sein Smartphone aus der Tasche und machte ein Foto von Strand und Meer. Er blickte aufmerksam auf das Display und fuhr mit dem Finger geschickt darüber hinweg. »Schönes Foto«, stellte er fest und steckte das Handy in die Jackentasche zurück.
Dann trat der Mann einen Schritt zurück und stieß ihn mit beiden Händen den Abhang hinunter.
»Du hättest dabeibleiben sollen«, hörte er noch. In diesem Moment erkannte er seinen Mörder. Mein Gott, warum macht er das, war sein letzter Gedanke, bevor er unten aufschlug.
Dienstag
Kommissar Steinböck hatte seine beiden Kollegen Ilona Hasleitner und Emil Mayer junior vorzeitig nach Hause geschickt. Die Berichte zum letzten Fall hatten sie abgeschlossen und übers Wochenende war kein neuer Mord dazugekommen.
»Man könnte fast glauben, du fühlst dich nicht wohl, wenn Klessel keine Leiche auf dem Seziertisch hat«, lästerte Frau Merkel und formte einen ausgiebigen Buckel, um sich anschließend wieder zusammenzurollen.
Der Kommissar musterte die Katze und versuchte sich an die Zeit zurückzuerinnern, bevor sie in sein Leben getreten war. »Getreten« war natürlich der falsche Ausdruck. Sie hatte sich in sein Leben geschlichen und dann peu à peu in allen Bereichen breitgemacht. Kaum ein Abend, an dem sie sich nicht ums Fernsehprogramm stritten. Ihre ständigen Nörgeleien über seinen Bauch und seine extravaganten Boxershorts prallten zwar an ihm ab, aber trotzdem hatte es die Katze geschafft, dass sein Liebesleben momentan gegen null driftete. Selbst im Büro war sie dabei, und am liebsten streunte sie durch die Gerichtsmedizin, um Dr. Thomas Klessel bei der Arbeit zuzusehen.
»Maul nicht rum, dann kommen wir heut früher heim. Ich kann’s mir im Wintergarten bequem machen und du kannst auf deinem blöden Youtube-Kanal rumzappen.«
»Ich hör immer ›früher‹? Es ist schon nach 18 Uhr. Okay, lass uns verschwinden«, antwortete Frau Merkel und sprang von der Fensterbank.
»Mei, hast du’s aber eilig«, brummte Steinböck und klappte die Akte vor sich zu.
Im selben Moment läutete das Telefon.
Mit einem Satz war die Katze auf dem Schreibtisch. »Lass es, ich rieche Unheil«, orakelte sie.
Steinböck blickte auf seine Uhr und griff seufzend nach dem Hörer. Er lauschte kurz, anschließend hielt er mit der Hand die Sprechmuschel zu. »Es ist die Husup«, flüsterte er.
»Du hättest auf mich hören sollen.«
Steinböck winkte ab und wandte sich wieder an seine Anruferin. Sein Gesicht wurde immer missmutiger.
»Gut, in einer Viertelstund. Danach bin ich weg«, beendete er gereizt das Gespräch.
»Und aus dem Nichts sprach das Unheil: ›Lächle und sei froh, ich bin’s nur.‹ Und ich lächelte und war froh, doch dann kam Husup!«, unkte die Katze.
»Jetzt hab dich nicht so, es klang ernst.«
»Wollte sie nicht auf den Jakobsweg gehen?«, fragte Frau Merkel nach.
»Scheinbar ist sie wieder zurück.«
»Schade, das Leben könnt so schön sein.«
»Muss aber nicht«, vollendete der Kommissar grinsend.
Es dauerte tatsächlich nur zehn Minuten, da polterte die kleine Reporterin durch die Tür. Wie jedes Mal ohne anzuklopfen. Den Versuch, die im Vergleich zu ihrer geringen Körpergröße überdimensionierte Handtasche auf Steinböcks Schreibtisch zu wuchten, unterließ sie, als sie seinen strengen Blick bemerkte, und stellte sie auf den Boden.
»Na, Herr Kommissar, haben Sie diese schreckliche Katze immer noch?«, begrüßte sie ihn.
Steinböck musterte die kleine Frau. Wie üblich: Bubikopf-Haarschnitt mit gegelten Haarspitzen und ein viel zu großer Pullover, der ihr fast bis zu den Knien reichte.
»Die Leut im Tierheim nehmen sie nicht mehr zurück, und die Lkws bremsen rechtzeitig.«
Während Sabine Husup hämisch grinste, entschied sich Frau Merkel, die beiden mit Missachtung zu strafen, und rollte sich auf der Fensterbank zusammen. Jetzt wurde das Gesicht der kleinen Reporterin ernst und sie wühlte in ihrer Tasche. Schließlich zog sie eine Mischung aus Tablet und Laptop heraus und deutete mit fragendem Blick in Richtung Steinböcks Schreibtisch.
»Schon gut, solang Sie Ihre Taschen unten lassen«, stimmte er zu.
»Diesen Laptop habe ich heute Morgen mit der Post bekommen.«
Der Kommissar musterte sie fragend.
»Von meiner Freundin.«
»Schreiben Sie Ihre Artikel genauso, wie sie sprechen? Wie wär’s mit ein paar zusammenhängenden Sätzen? Ansonsten überlegen Sie sich, was Sie mir sagen wollen, und kommen morgen wieder«, erwiderte er ungehalten.
»Sorry, also ganz von vorne. Meine Freundin Putzi und ich waren zusammen drei Wochen auf dem Jakobsweg unterwegs. Sie entsinnen sich? Ich hatte Ihnen vor meiner Abreise davon erzählt.«
Steinböck erinnerte sich schwach an das Gespräch und nickte.
»Also, wir sind vor acht Tagen zurückgekommen und haben beschlossen, vorerst Funkstille zu halten.«
»Davon merke ich nichts. Ich frage mich, wie Putzi die drei Wochen mit ihr ausgehalten hat. Vermutlich hat sie sich schon nach zwei Tagen im Gewölbe irgendeiner Herberge erhängt.«
Der Kommissar bedachte die Katze mit einem bösen Blick.
»Umso überraschter war ich, als heute Morgen der Laptop ankam. Von ihr an mich adressiert, aber ansonsten keine Nachricht. Ich hoffte, auf dem PC eine Erklärung zu finden. Leider ist es passwortgeschützt, und bevor ich etwas eingeben konnte, war der Akku leer. Also entschloss ich mich, Putzi anzurufen. Aber ihr Handy ist abgeschaltet. Ich bin zu ihrer Wohnung gefahren. Nichts. Ich wusste, dass ihre Nachbarin einen Schlüssel hat. Es dauerte zwei Stunden, bis ich sie endlich am Telefon hatte.«
»Ich kann nicht erkennen, warum dies ein Fall für die Polizei sein sollte«, unterbrach Steinböck sie ungeduldig.
»Jetzt warten Sie doch ab. Putzis Nachbarin hat mir den Laptop geschickt. Meine Freundin gab ihn ihr letzten Samstag als Päckchen verpackt mit der Bitte, es zur Post zu bringen, wenn sie es bis Montagmorgen nicht wieder abgeholt habe. Ich konnte die Nachbarin davon überzeugen, mit mir zusammen in Putzis Wohnung zu gehen. Alles sah normal aus, aber offensichtlich war sie seit Samstag nicht mehr da gewesen.«
»Und was, denken sie, soll die Polizei unternehmen?«, wollte Steinböck wissen.
»Sie könnten das Handy orten. Ich mach mir wirklich Sorgen. Sie ist eine sehr gewissenhafte Journalistin.«
»Wie bitte? Sie ist auch Reporterin?«
»Sie tun gerade so, als wenn wir Verbrecher wären«, schimpfte Sabine Husup.
»Nahe dran, sehr nahe dran«, meldete sich Frau Merkel.
»Geh, sei doch staad«, brummelte der Kommissar.
»Sprechen Sie etwa mit der Katze?«, mokierte Husup grinsend.
»Soll ich Ihnen jetzt helfen oder wollen Sie mich endgültig vergraulen?«, fragte er genervt. »Was ist mit dem Laptop, ham S’ ihn wieder aufgeladen?«
»Das schon, aber ich kann das Passwort nicht rausfinden. Haben Sie bei der Polizei nicht Spezialisten für so etwas?«, fragte sie kleinlaut.
Steinböck zögerte einen Moment, dann griff er nach seinem Handy, scrollte durch die Kontakte und wählte eine Nummer.
»Servus, Huong, bist du im Haus?« Ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht. »Ja, ich bräuchte dich mal. Wenn’s geht, gleich.«
Schmunzelnd legte er das Smartphone beiseite.
»Das mit der Handyortung wird vor morgen früh nichts werden, aber der Spezialist fürs Passwörterknacken ist noch im Revier.«
»Das ist doch nicht möglich, dass ihr für die Handyortung einen halben Tag braucht. Was ist, wenn Gefahr im Verzug ist?«, maulte die kleine Reporterin.
»Von Gefahr im Verzug kann wohl keine Rede sein, nur weil Putzi Ihnen einen Laptop geschickt und seit ein paar Tagen nicht mehr in ihrem Bett geschlafen hat«, konterte Steinböck. Er musterte sie kurz, und wieder fiel ihm ihre ungewöhnliche Ähnlichkeit mit Harry Potter auf.
In diesem Moment klopfte es zaghaft an der Tür, dann betrat Phan Lan Huong den Raum. Ihres Zeichens geniale vietnamesische IT-Spezialistin und zugleich illegale Putzkraft, die nirgendwo sicherer vor Entdeckung durch die Behörden war als inmitten der Münchner Mordkommission. Misstrauisch beäugte die zierliche Asiatin Sabine Husup und stellte zufrieden fest, dass diese nicht größer als sie selbst war.
Huongs Alter war schwer zu schätzen. Die hübsche junge Frau glich nach Steinböcks Einschätzung eher einem 15-jährigen Mädchen, obwohl er wusste, dass sie ein abgeschlossenes Studium als IT-Ingenieurin vorzuweisen hatte.
»Das ist eure IT-Spezialistin?«, fragte Husup zweifelnd. »Ich hab sie hier im Präsidium noch nie gesehen.«
»Sie ist eher meine persönliche Hilfskraft«, antwortete Steinböck verschmitzt. »Huong, ich bräuchte den Zugang zu diesem Laptop.«
»Gerät von Aldi«, bemerkte sie etwas abfällig. »Aber nicht schlecht für diese Preis.«
»Genauso wie das Katzenfutter«, schmunzelte der Kommissar.
»Du hast Katze noch nicht gegessen?« Huong tat überrascht, während sie einen mit bunten Abziehbildern übersäten Laptop aus ihrem Rucksack zog und ihn in Husups Gerät einstöpselte.
»Die Situation beweist eindeutig, dass kleine Frauen, unabhängig von ihrer Herkunft, eine Gefahr für Mensch und Tier darstellen können«, wagte sich Frau Merkel mit einem blöden Spruch aus der Deckung, wohl wissend, dass die junge Vietnamesin sie verstehen konnte.
»Ich habe lecker Rezept von meiner Großmutter. Katze mit viele Knoblauch und Kokosmilch.«
Husup, die das Gespräch zwischen Steinböck und Huong irritiert verfolgte, überlegte für einen Moment, ob sie sich ihren Laptop greifen und das Büro verlassen sollte, entschied sich aber dagegen, als Huong erklärte: »Haben fertig! Neues Passwort: 1,2,3,4.«
»Ist das Programm legal? Völlig wurscht, jedenfalls ist es genial«, stellte die Reporterin bewundernd fest und eilte zum Laptop ihrer Freundin. Nur eine einzige Datei, die mit »Schau genau hin« untertitelt war, thronte in der Mitte des Desktops. Ansonsten schien nichts anderes auf dem Computer gespeichert zu sein. In der Datei fand sie zwei kurze Videosequenzen.
Sabine Husup und ihre Freundin saßen auf einer Holzbank und drehten vor einer gigantischen Kulisse mithilfe eines Handysticks ein kleines Filmchen von sich. Der erste Versuch, mit einem Schwenk das Panorama hinter ihnen aufzunehmen, war erst ziemlich verwackelt. Danach wurde es besser. Schließlich endete die Aufnahme mit fröhlichem Winken der beiden.
Die zweite Sequenz war offenbar eine Vergrößerung aus der ersten. Die Bildqualität war schlecht. Trotzdem waren zwei Personen zu erkennen. Die eine stand an der Klippe und schaute aufs Meer hinaus. Die zweite Person mit einem auffälligen orangefarbenen Basecap näherte sich. Die beiden schienen miteinander zu sprechen. Plötzlich schubste die mit der Mütze die andere. Mit wild rudernden Armen stürzte diese nach unten. In diesem Moment schob sich die überdimensionierte Frisur von Harry Potter vor die Szene und die Aufnahme endete.
»Haben Sie das gesehen, Kommissar Steinböck?«, rief die Reporterin aufgeregt.
»Hab ich«, brummte er und kratzte sich über seinen spärlichen Haarkranz.
»Das ist illegal«, bemerkte Huong trocken, wobei sie das Wort »das« besonders in die Länge zog.
Husup ließ das Filmchen noch einmal abspielen. Zwar war der Ablauf deutlich zu erkennen, aber alles andere war unscharf. Deshalb klickte die Reporterin das Original ein weiteres Mal an. Weil sie jetzt wussten, worauf sie achten mussten, entdeckten sie auch dort den Vorgang.
»Sag mal, Huong, kannst du eine bessere Vergrößerung machen? Bis ich von unseren Experten ein Ergebnis krieg, vergehen bestimmt drei Tag.«
Das Gesicht der hübschen Vietnamesin verzog sich zu einer komischen Grimasse. »Programm hab ich zu Hause.«
»Wo wohnen Sie? Ich bring Sie hin«, drängte Husup aufgekratzt.
»Huong ist illegal. Adresse geheim. Ich mache Kopie und morgen Vormittag bring ich Vergrößerung.«
»Warum erst so spät?«, fragte die Reporterin enttäuscht.
»Huong muss putzen bis 2 Uhr. Dann schlafen. Dann bring ich Vergrößerung.«
Harry Potter seufzte frustriert.
Die Vietnamesin zog die Datei auf ihren Computer und verließ anschließend eilig das Büro. »Viel Arbeit. Polizei machen großen Dreck«, erklärte sie grinsend.
Perplex starrte Husup auf die Bürotür, die Huong hinter sich geschlossen hatte. »Puh, was für eine Frau«, stellte sie fest. »Es muss doch möglich sein, einen Job für sie zu finden.«
»Kein Wunder, dass wir keine Corona-App zustande bringen, wenn die IT-Spezialisten den Dreck von alternden Kommissaren wegräumen müssen«, nörgelte Frau Merkel.
»Ob es für einen Hobbykoch schwierig ist, ›Katze mit viele Knoblauch und Kokosmilch‹ zuzubereiten?«, sinnierte Steinböck.
Husup schüttelte verwirrt den Kopf und ignorierte seine letzte Frage. »Warum putzt sie hier im Polizeirevier?«, wollte sie ihrerseits wissen.
»Weil hier keiner nach ihr sucht. Sie hat in Kürze einen Termin für ein Gespräch in der deutschen Botschaft in Hanoi.«
»Warum ist sie dann schon hier?«
»Der Gesprächstermin in der Botschaft steht seit über einem Jahr fest.«
»Das glaub ich nicht! Zwölf Monate, nur um vorzusprechen?«
»Es sind sogar 13. Aber jetzt zu Ihrer Aufnahme, Sie kennen das Gebiet dort. Wie tief ist die Person gefallen? Könnte sie den Sturz überlebt haben?«
Die Reporterin überlegte kurz. »Kaum, das sind mindestens 30 Meter bis zum Strand runter, und der ist mit Felsen übersät.«
»Glauben Sie, dass Ihre Freundin zurück nach Spanien gereist ist?«
»Das ist sehr gut möglich.«
»Warum hat sie Sie nicht informiert?«
»Warum?« Husup lachte schrill auf. »Sie wittert bestimmt eine Story. Ich hätte sie auch nicht informiert.«
»So wie es aussieht, handelt es sich hier um Mord. Könnte es sein, dass Ihre Kollegin eine oder vielleicht sogar beide Personen kennt?« Steinböck bemerkte, dass Sabine Husup unsicher wurde.
»Nein, aber die Aufnahme ist auch sehr unscharf. Hier ist übrigens ein aktuelles Foto von Putzi. Sie heißt Candida Hinksel.«
»Okay, da ist ›Putzi‹ die bessere Variante«, frotzelte die Katze.
Steinböck hatte das Gefühl, dass Sabine Husup ihm etwas verschwieg.
»Wann haben Sie diese Aufnahme gemacht?«
»Am vorletzten Samstag, einen Tag vor unserer Abreise.«
»Gut. Wir sehen uns morgen Vormittag wieder. Bis dahin werden wir auch eine Handyortung haben«, beendete er unerwartet das Gespräch.
Es schien, als wolle Husup noch etwas sagen. Sie entschied sich aber anders und griff nach ihrer Tasche.
Steinböck legte seine Hand auf den Laptop und schüttelte den Kopf, als sie danach greifen wollte.
»Das ist ein Beweisstück eines möglichen Verbrechens und bleibt vorerst bei uns.«
»Von mir aus«, murrte sie. »Aber morgen um 11 Uhr bin ich wieder hier.«
»Ich freu mich schon«, sagte der Kommissar spöttisch.
Nachdem Husup das Büro verlassen hatte, setzte er sich zurück vor den Laptop und ließ die beiden Videoaufnahmen mehrmals ablaufen.
»Schöne Landschaft«, bemerkte die Katze, die sich inzwischen auf dem Schreibtisch neben dem Laptop niedergelassen hatte.
»So viel Meer.«
»Mmhh«, brummte Steinböck.
»Ich glaube, ich sollte den Jakobsweg auch einmal gehen.«
Jetzt hatte sie es doch geschafft, ihn aus der Reserve zu locken.
»Du, den Jakobsweg?«, fragte er verdattert.
»Warum nicht? Ein bisschen Abwechslung täte mir gut. Und ein interessantes Studienobjekt wäre es obendrein.«
»Wieso?«
»Na, all die Pilger. Das ist so ähnlich wie der Zug der Lemminge. Wie sie sich von allen Richtungen auf Santiago de Compostela zubewegen. Nur mit dem Unterschied, dass sie sich nicht ins Meer stürzen.«
»Bis auf unser Opfer hier.«
»Na ja, freiwillig ist der nicht gesprungen«, bemerkte Frau Merkel lapidar.
»Und wann möchtest du den Jakobsweg gehen?«, fragte Steinböck süffisant, während er Putzis Laptop zuklappte.
»Wann hast du Zeit?«
»Du willst mich mitnehmen?«
»Aber hör mal, nur wegen dir würde ich das auf mich nehmen. Ein bisschen Meditation wird dir sicher guttun. Und denk an deinen Bauch. Er scheint langsam außer Kontrolle zu geraten.«
Mittwoch
Als Steinböck am Morgen aus dem Bett stieg, fühlte er sich endlich mal wieder ausgeschlafen. Im Gegensatz zu Frau Merkel, die noch zusammengerollt am Fußende lag, war er früh zu Bett gegangen. Die Katze war besessen von der Idee, mit ihm zusammen den Jakobsweg zu gehen. Er hatte sich vehement dagegen gewehrt, Hape Kerkelings »Ich bin dann mal weg« als E-Book zu bestellen. Dafür hatte sie sich den ganzen Abend Youtube-Filmchen über das Thema reingezogen. Genervt hatte er sich ins Bett verkrochen und lobte sich jetzt selbst für diesen weisen Entschluss.
Als er aus dem Bad zurückkam, schlief Frau Merkel immer noch. Er warf seinen Schlafanzug nach ihr.
»Auf geht’s, Saukatz, geh den Emil wecken und frag ihn, ob er einen Kaffee will. Ab morgen ist er für fünf Tage weg.«
Frau Merkel schlüpfte missmutig und überraschenderweise schweigend durch die Katzenklappe nach draußen. Seitdem Mayer vorübergehend in der Nachbarwohnung wohnte, war es üblich, dass die Katze ihn am Morgen zum ersten Kaffee abholte. Steinböck verschwand in der Küche und bereitete zwei Tassen vor. Da der Kühlschrank wieder mal leer war, blieben nur ein paar Scheiben Knäckebrot. Die hatte er dummerweise in einer Plastiktüte aufbewahrt. Dadurch waren sie alles anders als »knäcke«, und so entschloss er sich, sie gleich zu entsorgen, bevor er sich wieder den blöden Kommentaren der Katze aussetzen musste. Zudem war er sich sicher, dass seine junge Kollegin Ilona Hasleitner im Büro frische Butterbrezen vorbereitet hatte.
Er brachte den Kaffee in den Wintergarten und stellte ihn dort auf dem Korbtisch ab. Während er sich eine Zigarette drehte, gönnte er der Marihuanapflanze einen Blick. Er war stolz darauf, dass er es immer wieder schaffte, aus ein paar Samen ein solch imposantes Gewächs zu ziehen. Natürlich tat er dies nicht zum Eigengebrauch, sondern aus Reminiszenz an seine Vormieterin Maxi Müller, die er unglücklicherweise des Mordes überführt hatte und die nun für mehrere Jahre in der JVA wohnte.
»Morgen, Chef«, begrüßte ihn sein Kollege Emil Mayer junior und steuerte den Rollstuhl geschickt durch die Wintergartentür. Auf seinen Oberschenkeln hatte er einen Basketball liegen. Mayer, Mitte 30, war Nachfahre eines sogenannten Besatzerkindes. Sein Großvater, ein dunkelhäutiger amerikanischer GI, der in Landsberg stationiert gewesen war, hatte Emils Großmutter Ende der 50er-Jahre seinen Vater Mayer senior hinterlassen und war dann unauffindbar über den Großen Teich verschwunden. Zumindest nicht die schlechtesten Gene. Emil war ein hervorragender Ermittler und Rollstuhlbasketballer. Seitdem ihm ein Unbekannter bei einem Einsatz in den Rücken geschossen hatte, saß er im Rollstuhl.
»Emil Mayer junior, mittelmäßig pigmentierter Afrobayer, der aufgrund einer körperlichen Verletzung auf ein Fahrzeug angewiesen und 60er-Fan ist, meldet sich für eine Woche ab.«
»Wie du dich früher vorg’stellt hast, hat mir besser g’fallen«, brummte Steinböck.
»Mir auch, aber du weißt ja: politisch völlig unkorrekt.« Emil verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Er griff nach seinem Kaffee, nahm einen Schluck und sagte: »Was ist mit der Katz? Die ist a bisserl komisch. Sie wollt heut nicht mit mir Rolli fahren.«
»Seit gestern spinnt sie. Ich glaub, sie will den Jakobsweg gehen.«
Mayer junior sah seinen Chef mitleidig an. »Du redst also tatsächlich mit der Katz?«
»Ach Schmarrn, ich hab dir schon oft genug g’sagt, dass ich ned mit dem Viech reden kann. Des ist bloß a Spaß mit dem Jakobsweg, weil mir gestern die Husup mit so einer mysteriösen Geschichte gekommen ist.«
»Der Harry Potter war gestern da?«
Steinböck nickte, nahm einen Schluck Kaffee und erzählte Emil, was am Tag zuvor passiert war.
»Und was willst du jetzt machen? Wirst du dich mit den spanischen Kollegen in Verbindung setzen? Des ist ja eigentlich nicht unser Fall«, resümierte Mayer junior.
»Ich wart noch auf die Vergrößerung von der Huong, und dann nehm ich mir die Husup noch mal zur Brust. Die weiß mehr, als sie gesagt hat«, erklärte Steinböck. »Aber nun zu dir. Was ist des für ein Turnier, wegen dem du dir die nächsten fünf Tage freig’nommen hast?«
»Olympia-Vorbereitung. Ein Sechsländerturnier.«
»Wann habts ihr euer erstes Spiel?«
»Heut um 17.30 Uhr. Hier sind fünf Eintrittskarten. Ich erwarte dich und vier Kollegen zum Anfeuern. Da ist die Katz nicht mitgerechnet.«
»Ehrensache, wir sind da. Hab ich alles schon organisiert«, beteuerte Steinböck.
Emil blickte ihn skeptisch an und murmelte: »Da bin ich aber g’spannt.«
*
»Guten Morgen, Frau Kommissarin«, begrüßte Steinböck Ilona Hasleitner schmunzelnd, als er das gemeinsame Büro betrat.
»Geh, Chef, sei ned so a Kindskopf, sonst musst dir in Zukunft deine Butterbrezen selber machen«, schimpfte sie.
»Na, lieber ned, dann bleiben wir bei Frau Sklavin.«
»Mei, bist du heut deppert.« Ilona versuchte ernst zu sein, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen. Vor zwei Wochen hatte Ilona Hasleitner ihre Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen und war jetzt Kommissarin. Steinböck und Mayer junior waren mächtig stolz auf sie, und den Abwerbungsversuch von der Sitte haben sich beide entschieden verbeten.
»Apropos Butterbrezen – mein Kühlschrank ist schmutzleer, und der Emil hat auch nichts g’habt.«
»Steht schon auf deinem Schreibtisch. Übrigens, was ist des für ein Laptop?«, fragte Hasleitner neugierig.
»Schau’s dir mal an«, forderte er sie auf. »Passwort: 1,2,3,4.«
»Aha, war die Huong wieder da.« Ilona lächelte verschmitzt und klappte das Gerät auf.
Nach kurzer Zeit rief sie erstaunt: »Des ist doch die Husup! Und die andere hab ich auch schon mal gesehen. Da passiert irgendetwas im Hintergrund.«
»Du bist halt die G’scheidste von uns. Auf dem zweiten Film ist der Hintergrund vergrößert.«
»Sappralott, der springt aber nicht von selbst.«
Während Steinböck sich einen Latte macchiato machte, erklärte er ihr kurz, was gestern Abend vorgefallen war.
»Dann können wir nur hoffen, dass Huong vor der Husup kommt, sonst geht uns Harry Potter gehörig auf den Senkel«, kommentierte Hasleitner die Ausführungen ihres Chefs.
»Können wir nicht beide aussperren?«
»Du, Ilona, auf meinem Tisch liegt die Handynummer von Husups Freundin. Lass eine Ortung durchführen. Gefahr im Verzug. Die Kollegen sollen Gas geben.«
»Jawohl, mein General«, antwortete sie zackig.
»Passt schon, Eure Hoheit hätt auch gereicht. Du denkst dran, heut Nachmittag spielt unser Kollege. Ich hab hier vier Karten übrig, die verteilt werden müssen.«
»Da musst dich selbst drum kümmern, der Emil hat die Karten schließlich dir gegeben«, stellte sie fest und verschwand mit der Handynummer aus dem Büro.
»Von wegen ›mein General‹. Wenn man sie braucht, dann desertieren sie«, schimpfte er.
»Wie wär’s mit Peter Obstler?«, überlegte die Katze.
»An den hab ich auch schon gedacht«, erwiderte Steinböck und kramte sein Handy heraus. »Mist, er geht nicht hin«, stellte er nach einer Weile fest.
»Versuch’s bei Horsti. Wenn er seinen Köter mitbringt, wären’s schon zwei.«
»Tiere zählen nicht, hat der Emil gesagt. Und außerdem, wie sollen wir den Dackel in die Halle kriegen?«
»So wie immer, Drogenhund et cetera.«
»Sag mal, wieso kümmert dich des überhaupt?«
»Na, entschuldige mal. Es geht um meinen schwarzen Bruder. Das bin ich ihm schuldig«, schnurrte Frau Merkel entrüstet.
In diesem Moment klopfte es leise an die Tür.
»Guten Morgen, Kommissar Steinböck«, grüßte Phan Lan Huong in perfektem Deutsch.
»Mensch, Huong, schön, dass du schon da bist.« Er stand auf und führte sie zum Schreibtisch. »Und, hat’s geklappt?«
Die junge Frau sah ihn abschätzig an und erwiderte: »Huong Spezialistin.«
»Wie kommt’s, dass du so früh hier bist?«
»Huong hat kein Frühstück und wenig schlafen.«
»Mensch, Madel, ich kann dir eine Butterbrezen und einen Kaffee anbieten.«
Erst schaute sie skeptisch, dann nickte sie. »Buttelblezel ist gut. Cappuccino mit viel Zucker.«
»Hier die Buttelblezel, und der Cappuccino kommt sofort.«
»Kommissar Schelzkeksel. Aber Buttelblezel verdammt schweres Wort«, feixte sie und biss hungrig in die Brezen.
Steinböck beobachtete sie aus den Augenwinkeln und wagte es nicht, sie zu unterbrechen. Die Katze hatte sich sicherheitshalber auf die Fensterbank zurückgezogen und musterte sie misstrauisch. Huong genoss ihr kleines Frühstück. Schließlich wischte sie sich mit einem weißen Taschentuch den Mund und die Finger ab. Dann öffnete sie ihren Laptop und spielte einen Film ab. Ins Original hatte sie an passender Stelle die Vergrößerungen eingeschnitten.
Ganz eindeutig stieß die eine Person die andere, offensichtlich einen Mann, nach unten. Das Gesicht der Person, die den Stoß gab, war nicht zu erkennen. Sie trug eine blaue Windjacke und hatte ein Basecap dicht in die Stirn gezogen. Die Gesichtszüge des Mannes hingegen sah man deutlich. Er kam Steinböck bekannt vor. Beide sprachen kurz miteinander, bevor die Person mit der Kappe zustieß.
»Schade, dass man das Gesicht des Mörders nicht sieht«, brummte Steinböck.
»Warum Mörder? Vielleicht auch Mörderin. Viele große Frauen in Europa«, warf Huong ein.
»Du hast recht. Es könnte genauso gut eine Frau sein. Mal schauen, was die Husup dazu sagt. Kannst du mir alles auf diesen USB-Stick ziehen?«
Die Vietnamesin nickte, fertigte eine Kopie an und reichte den Stick dem Kommissar zurück.
»So, Huong muss weiter. Bisschen kochen, bisschen schlafen, dann wieder Arbeit.«
»Was gibt’s denn heut?«
»Katze«, sagte sie mit breitem Grinsen.
»Gibt’s die beim Aldi?«, stieg Steinböck sofort ein.
»Nix Aldi, selbst fangen«, konterte sie und blickte zu Frau Merkel.
»Ich dank dir vielmals. Wenn du Hilfe brauchst, kommst du zu mir.«
»Du mir schon geholfen mit schnellem Termin in Botschaft. Nächstes Mal bringt Huong Rezept von Großmutter«, feixte sie, verstaute ihren Laptop und verschwand durch die Tür.
»Ich finde diesen Running Gag mit dem Rezept ihrer Großmutter äußerst peinlich«, lästerte Frau Merkel und sprang vom sicheren Fensterbrett auf Steinböcks Schreibtisch.
»Beschwer dich doch beim Autor.«
»Dem würde ich zutrauen, dass er Katzen isst.«
»Dann sei froh, dass du immer noch dabei bist«, erwiderte der Kommissar trocken.
Ein weiterer Disput wurde durch Hasleitners Rückkehr beendet.
»Hier geht’s zu wie im Taubenschlag«, stellte sie fest. »An der Pforte hab ich die Husup gesehen, und eben auf dem Gang ist mir Huong begegnet.«
»Da handelt es sich wohl eher um Zwergtauben.« Die Katze zeigte schon wieder Oberwasser.
»Hast du was über das Handy rausgefunden?«, wollte Steinböck wissen.
Hasleitner reichte ihm ein Blatt. »Und ob. Ist das die Bearbeitung von Huong?«, fragte sie und deutete auf Steinböcks Bildschirm.
Der Kommissar nickte und studierte währenddessen den Inhalt der Telefonliste.
»Den kenn ich«, rief Ilona, als sie den Streifen ablaufen ließ. »Des ist doch einer von diesen Sterneköchen.«
»Woher kennst du den?«
»Frau liest halt Zeitung«, grinste Ilona und deutete auf die Tür.
Wie immer stürmte Husup das Büro, als gehöre es ihr.
»Tag, Frau Hasleitner, hab gehört, Sie sind jetzt Kommissarin? Meinen Glückwunsch. Und, Steinböck, was hat Ihre IT-Spezialistin herausgefunden?«
»Trotz allem ein herzliches Grüß Gott. Bevor ich Ihnen des Filmchen zeige, unterhalten wir uns erst einmal.«
»Was soll das?« Die Reporterin war sichtlich aufgebracht. »Sie haben’s versprochen.«
»Nix hab ich versprochen. Sie haben doch einen Verdacht, wer der Mann ist, der die Klippe hinuntergestoßen wird!«
»Warum sollte ich? Ich hab den Film nur zweimal gesehen.«
»Lügen S’ mich nicht an«, knurrte Steinböck erbost. »Ich hab eine Nasen dafür, wenn mich jemand anschwindelt. Also, wen glauben Sie erkannt zu haben?«
»Es könnte der Johann Kerbel sein, aber ich bin mir nicht sicher.« Jetzt war Harry Potter bereits bedeutend kleinlauter.
»Und wer ist Johann Kerbel?«, hakte der Kommissar nach.
»Ein bekannter Münchner Sternekoch.«
Steinböcks Blick schweifte zu seiner Kollegin hinüber, die bestätigend nickte.
»Wie kommen Sie darauf? Auf Putzis Vergrößerung konnte man niemanden erkennen.«
»Na ja, wir haben den Kerbel am Abend vorher in unserer Herberge getroffen. Er war auf demselben Weg unterwegs wie Putzi und ich. Am nächsten Tag haben wir ihn von einem Aussichtspunkt aus gesehen. Er war etwa einen halben Kilometer hinter uns.«
»Hatten Sie mit ihm an jenem Abend gesprochen?«
»Wir haben nur ein paar Worte gewechselt. Er machte den Eindruck, als wenn er allein gelassen werden wollte.«
»Nichts, was darauf hindeutete, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte?«, bohrte er weiter.
»Nein, ich sagte ja, er war sehr kurz angebunden«, antwortete Husup genervt.
»Okay, schauen Sie sich die Vergrößerung an.«
Husup drückte ihre Harry-Potter-Brille mit dem Zeigefinger gegen den Nasenrücken und sah gespannt auf den Bildschirm.
»Ja, definitiv, das ist er. Johann Kerbel. Konnten Sie Putzis Telefon orten?«
»Sie geben wohl nie auf!« Steinböck schüttelte den Kopf und griff sich die Telefonliste. »Offenbar ist ihre Freundin Putzi letzte Woche noch mal nach Spanien geflogen. Wo sie sich dort aufgehalten hat, können wir nicht sagen. Dazu fehlen uns die Daten der spanischen Telefongesellschaft. Sicher ist, dass sie vor zwei Tagen wieder in München gelandet ist. Sie war am Flughafen eingeloggt und ebenso für mehrere Stunden in der Nähe ihrer Wohnung. Also war sie zu Hause. Anschließend hat sie eine Nummer angerufen. Eine Prepaid-Nummer, die auf einen Münchner Arzt angemeldet ist. Sie hat viermal versucht, ihn zu erreichen. Dessen Handy war zu diesem Zeitpunkt auf Mallorca eingeloggt. Eine Stunde später wurde sie von einem nicht registrierten Prepaid-Handy angerufen. Seitdem sind diese und ihre Nummer vom Netz genommen.«
»Wir müssen was unternehmen, Herr Kommissar«, jammerte die kleine Reporterin. Dabei wurde ihr Hals immer länger, um einen Blick auf Steinböcks Liste werfen zu können.
»Sie müssen gar nichts. Sie halten schön die Füße still. Wir werden uns bei den Kollegen in Spanien erkundigen und in Kerbels Umfeld in München. Machen Sie bloß nichts auf eigene Faust. Noch weiß hier keiner, dass Kerbel vermutlich tot ist.«
»Außer seinem Mörder«, warf Husup ein.
»Außer seinem Mörder«, bestätigte Steinböck. »Und der oder die ist höchstwahrscheinlich in Spanien.«
»Und wenn er hier in München ist?«
»Dann werden wir das hoffentlich rauskriegen. Und jetzt: Hasta la vista bis in frühestens zwei Tagen. Putzis Laptop bleibt hier. Ich möchte das Filmchen morgen nicht auf Facebook oder einer anderen Internet-Plattform sehen.«
»Wofür halten Sie mich?«, brauste Harry Potter entrüstet auf.
Steinböck grinste und schob sie freundlich, aber bestimmt zur Tür. »Bis übermorgen, Frau Husup.« Als er die Tür hinter ihr geschlossen hatte, wandte er sich seiner Kollegin zu. »Was weißt du über den Kerbel?«
*
Langsam wurde ihr klar, dass sie zu weit gegangen war. Sie blickte auf ihre gefesselten Hände. Verflucht, sie wollte diese Story unbedingt haben, exklusiv. Es hätte ihr Durchbruch sein können. Aber ihre Recherchen waren schon beendet worden, als sie noch nicht einmal richtig begonnen hatte. Sie war so naiv gewesen. Über Verbrechen und Gewalt zu schreiben war einfach, doch sie am eigenen Leib zu erfahren, etwas ganz anderes. Ihre Handgelenke schmerzten. Der Mann hatte die Kabelbinder so fest zugezogen, dass sie kaum noch Gefühl in den Fingern hatte. Immer wieder bewegte sie sie vorsichtig. Die junge Frau glaubte daran, dass sie auf diese Weise ein Absterben vermeiden könnte. Mehrmals hatte sie den Mann mit der schwarzen Skimaske angefleht, sie zu lockern, aber der hatte nur gelacht. Dann hatte er sie wieder allein gelassen.
*
»Über Johann Kerbel? Nicht viel«, antwortete Ilona. »Da muss ich selbst erst recherchieren. Ihm gehört das Sternerestaurant Safran. Ein sündhaft teurer Laden. Der Emil war kürzlich mit seiner Sunny dort essen. Es war super, hat er g’sagt.«
»So, kann der sich des leisten?«
»Du weißt ja ned, wer ’zahlt hat«, überlegte Hasleitner wehmütig.
»Trauerst der Liaison mit dem Emil doch noch nach?«
»Na, bloß ned. Ich bin froh, dass er seine Sunny wiedergetroffen hat. Aber ich würd mich halt auch gern mal von einem Sternekoch verwöhnen lassen.«
»Apropos verwöhnen – was hältst du von Feinkost?«
»Du meinst a Currywurst vom Berliner? Muss jetzt nicht unbedingt sein. Ich ess lieber bei der Tamara einen Salat. Übrigens hat sie mich gestern g’fragt, warum du nicht mehr in die Kantine kommst. Ob du beleidigt bist, wollt sie wissen.«
Steinböck winkte ab. Das Spießrutenlaufen bei der ostpreußischen Schnitzeldesignerin und Kantinenchefin ging ihm zurzeit wirklich auf die Nerven. Er beschloss, seinen Informanten Peter Obstler anzurufen, um sich mit ihm im Augustiner-Biergarten zu treffen. Erstens musste er ihn unbedingt dazu überreden, heute zu Emils Spiel zu kommen, und zweitens hatte Obstler bestimmt interessante Informationen zum »Safran« und zu Johann Kerbel.
Steinböck hatte Glück. Bei einem kurzen Telefongespräch versprach ihm Obstler, in einer Stunde im Biergarten zu sein. So hatte er noch genügend Zeit, sich vorher eine Currywurst zu holen. Der Berliner, wie ihn hier alle nannten, hatte seinen Imbisswagen direkt vor dem Kommissariat stehen. Seine Currywurst mit selbst gemachter Soße hatte inzwischen einen legendären Ruf unter den Kollegen. Kein Wunder, dass Tamara, die Chefin der Polizeikantine, nicht gut auf ihn zu sprechen war. Sie nannte ihn den »Gottlosen«, weil alle ehemaligen Ossis für sie Atheisten waren.
Vor dem Imbisswagen traf Steinböck auf den jungen Staatsanwalt Nepomuk Sanghäusel, der an einem der Stehtische stand und eine Schüssel Krautsalat leerte.
»Gut, dass ich dich seh, Nepomuk. Hast du heut Nachmittag schon was vor?«
»Nach der Arbeit?«, wollte der wissen. »Bisher noch nichts.«
»Der Emil hat doch heut sein erstes Länderspiel in der Nationalmannschaft. Da wär es schön, wenn möglichst viele von den Kollegen kommen würden.«
»Das tät passen. Was dagegen, wenn ich meinen Mann mitbringe?«
»Ganz und gar ned, dann lern ich ihn mal kennen«, erwiderte der Kommissar und kramte in seiner Sakkotasche nach zwei Eintrittskarten.
»Wir kommen«, versprach Sanghäusel und eilte zurück ins Gebäude.
»Der Emil spielt inne Nationalmannschaft?«, fragte der Berliner neugierig, der das Gespräch der beiden mitbekommen hatte.
»Ganz genau, und er erwartet von dir, dass du heut Nachmittag zum Spiel kommst.«
»Hat er det wirklich jesacht?«
»Ja, freilich, er hat mir extra eine Freikarte für dich mitgegeben«, sagte Steinböck ernst und reichte dem Mann eines der Tickets.
»Det is ja jetzt Ehrnsache, dat ick da komm.«
»Genau, und jetzt gibst mir a doppelte Currywurscht. Und mach ordentlich von deim …«
»Sach et nich«, unterbrach ihn der Berliner. »Sach et bloß nich.« Er hob abwehrend die Hände. »Du krichst deine Extraportion von mene gottlose Spezialsoße.«
»Von mir aus, dann eben Currysoße.« Steinböck wusste, dass er den Berliner mit dem Wort »Ketchup« zur Weißglut reizen konnte. Er machte sich häufig einen Spaß daraus, unterließ es aber heute, da er ihn unbedingt als Zuschauer bei Emils Spiel dabeihaben wollte. Trotz allem schmeckte die Wurst wieder ausgezeichnet. Kurz überlegte er, zu Fuß zum Augustiner zu gehen, entschloss sich dann jedoch, ein Taxi zu nehmen. Die Katze war nirgendwo zu sehen, aber er war sich sicher, dass sie rechtzeitig da sein würde.
Und tatsächlich, als der elfenbeinfarbene Benz um die Ecke bog, erschien auch Frau Merkel.
»Wo geht’s hin?«, wollte sie wissen.
»Augustiner-Keller«, sagte Steinböck laut zum Fahrer.
»Aha, der Kommissar und sei Drogenkatz«, stellte der missmutig fest, wohl wissend, dass die kurze Fahrt nicht besonders rentabel sein würde.
»Da schau her, mein Lieblingsrastafari«, feixte Steinböck. »Bestimmt warten vorm Augustiner ein paar Chinesen, die zum Flughafen wollen.«
»Schee wär’s«, brummte der Taxler mürrisch. »Da sind ned viele da. I setz mir für die paar Touristen scho so an bleden Hut auf.« Er deutete auf seinen Trachtenhut mit mittelgroßem Gamsbart, den er irgendwie auf seinen Dreadlocks befestigt hatte. »Ned amal auf die Chinesen is noch Verlass.«
Im Biergarten steuerte Steinböck zielstrebig einen der hinteren Biertische an. Bereits von Weitem erkannte er Peter Obstler an der Rauchwolke, die er mit seinen scheußlichen grün-gelben Zigarren fabrizierte.
»Er raucht schon wieder dieses grässliche Zeug«, mokierte sich die Katze.
»Hast du ihn jemals ohne seinen Giftstängel erlebt?«
»Wie viele Leben hat der Kerl eigentlich?«
»Der Peter lebt ewig. Der ist doch schon komplett durchgeräuchert.«
»Vielleicht kann ich ihn wenigstens erschrecken«, überlegte sie, machte ein paar Sätze und landete direkt neben Obstler auf der Bierbank.
»Geh, die Frau Merkel«, rief er lachend und blies den Rauch in ihre Richtung. »Dann kann ja der Alte auch nimmer weit sein.«
»Du, des hab ich gehört«, brummte Steinböck. »Ich möcht dich nur daran erinnern, dass du ein halbes Jahr älter bist als ich.«
»Ich find’s immer wieder lustig, dass die Katz husten kann. Oder macht sie des bloß, weil ihr meine Zigarren ned passen?«
»Wenn sie a Tiger wär, würd ich nimmer auf dich setzen«, bemerkte der Kommissar trocken und beobachtete, wie Frau Merkel beleidigt auf die Kastanie kletterte, deren Äste über die Biertische reichten.
Jetzt versucht sie gleich, irgendeinen Dreck in sein Weißbierglas fallen zu lassen, dachte er und setzte sich gegenüber von Obstler auf die Bierbank. »Servus, Peter, schön, dass du Zeit hast.«
»Also, mein junger Freund, womit kann ich dir dienen?«, fragte Obstler spöttisch.
»›Dienen‹ ist genau der richtige Ausdruck. Hier hast du eine Freikarte für dem Emil sein erstes Länderspiel. Wir brauchen jede Unterstützung. Heut um halb sechs Uhr.«
»Des passt, ich hab eh nichts vor.«
Die Kellnerin brachte Steinböck bereits sein obligatorisches Weißbier. »Mögts ihr zwei was essen?«, fragte sie.
Während der Kommissar abwinkte, bestellte sich Obstler einen Schweinebraten.
»Und, Steinböck, was willst du wissen? Du bist doch ned bloß wegen dem Spiel heut Nachmittag da«, stellte er neugierig fest.
»Warst du schon mal im ›Safran‹?«
»Du wirst lachen, war ich. Mit meinen Amerikanern, denen ich Münchens Unterwelt gezeigt habe. Die beiden haben mich eingeladen. Wäre sonst nicht meine Preisklasse.«
»Wie war’s?«
»Na ja, der Hunger treibt’s nei«, stellte Obstler trocken fest.
»Was kannst du mir über den Johann Kerbel erzählen?«
»Aha, daher weht der Wind. Er soll ausgestiegen sein, munkelt man. Jetzt muss der Dago Pfalzer den Laden selber führen. Anscheinend haben sie sich zerstritten.«
»Was hat der Dago Pfalzer mit dem ›Safran‹ zu tun?« Steinböck war sichtlich überrascht.
»Hast du des nicht gewusst? Der Dago ist doch schon seit Jahren Teilhaber an dem Laden.«
»Unser Dago? Ich hab gedacht, der macht bloß diese depperten Kochsendungen.«
»Von wegen, der ist überall groß im Geschäft. Aber jetzt braucht er einen neuen Sternekoch, und die gibt’s nicht an jeder Ecke«, schmunzelte Obstler und nahm einen ordentlichen Schluck von seinem Weißbier. »Pfui Deifel, wo kommt denn der Dreck her?«, schimpfte er und spuckte ein Stückchen Rinde auf den Boden.
»Oder er muss selber kochen«, folgerte Steinböck und versuchte, nicht nach oben zu blicken, wo er die Katze vermutete.
»Na, na, des ist ganz und gar nicht seine Sache. Wenn es stimmt, dass der Kerbel aufhört, hat der Pfalzer ein Problem. Vermutlich wird Kerbel ausgezahlt werden wollen.«
»Und wenn er tot ist?«
Peter Obstler schaute den Kommissar verdutzt an und fummelte mit Daumen und Zeigefinger den letzten Dreck von der Zungenspitze. »Was soll des heißen? Weißt du etwa ausnahmsweise mal mehr als ich?«
Einen Moment zögerte Steinböck, dann erzählte er seinem Gegenüber von dem Film und was darauf zu sehen war.
»Wenn des stimmt, ist des eine gewaltige Sensation. Ich hab gehört, falls einer von beiden stirbt, soll das ›Safran‹ dem anderen zufallen. Zumindest wird die Münchner Schickeria aufstöhnen«, bemerkte Peter Obstler hämisch und betrachtete anschließend glücklich seinen Schweinebraten, der ihm gerade serviert wurde. »Das ist was wirklich Feines.«
»Er ist und bleibt ein Banause. Haute Cuisine und Peter Obstler ist wie Wortwitz und Donald Trump. Gott sei Dank macht er jetzt den Stinkstängel aus. Vielleicht sollte ich mir noch ein Stück Rinde suchen, damit wenigstens etwas Gesundes auf seinem Teller liegt.«
Untersteh dich, dachte Steinböck eindringlich und fuhr zu Obstler gewandt fort: »Lass dir’s schmecken. Und vergiss nicht: Die Geschichte bleibt so lange unter uns, bis es offiziell ist.«
Obstler machte die Reißverschluss-Geste vor seinem Mund, öffnete ihn aber gleich wieder und versenkte das erste Stück Schweinebraten darin.
*
Als Steinböck den Audi Dome betrat, war er angenehm überrascht. Schon am Eingang hörte er die Zuschauer, die laut skandierten. Die Katze war kein Problem.
Die Frau am Einlass, selbst eine Rollifahrerin, sagte nur: »Hoffentlich wird’s dem Kätzli ned zu laut.«
»Die hält einiges aus«, schmunzelte der Kommissar und nahm die Merkel vorsichtshalber auf den Arm.
Im Zuschauerblock erwartete ihn das halbe Revier. Selbst Dr. Horst Schmalzl war gekommen. Mit seinem Dackel Thunfisch auf dem Schoß winkte er Steinböck aufgeregt zu und deutete auf den leeren Platz neben sich.
»Benimm dich bloß«, raunte Steinböck der Katze zu. »Und ärgere den Hund nicht.«
»Aber hallo, ich werde mich wie ein Engel verhalten. Sollte es nötig sein, werde ich ihm auch die andere Wange hinhalten.«
»Ich trau dir nicht.«
Wie nicht anders zu erwarten, freute sich Thunfisch riesig, als er die Katze erkannte. Er sprang von Horsts Schoß und jagte, die Hundeleine noch am Halsband, auf sie zu. Frau Merkel zeigte ihren Buckel und hob drohend die Pfote, erinnerte sich dann aber an ihr Versprechen. Also machte sie einen eleganten Sprung über die Bande aufs Spielfeld, und der Dackel Thunfisch verfolgte sie kläffend zwischen zwei Werbetafeln hindurch. Das Johlen der Zuschauer nahm zu, und die Katze kurvte geschickt um ein paar Rollifahrer der gegnerischen Mannschaft, die sich am Korb einwarfen. Der Hund mit Tempo hinterher. Plötzlich verhängte sich die Leine unter einem Reifen und der Dackel überschlug sich. Benommen blieb er einen Moment liegen, dann raffte er sich wieder auf und weiter ging die Jagd, begleitet vom rhythmischen Klatschen der Zuschauer.
Als Frau Merkel feststellte, dass es sich bei der gegnerischen Mannschaft um die aus Vietnam handelte, wurde es ihr etwas mulmig und sie steuerte die Tribüne an.
Schließlich setzten die beiden Chefdompteure Horsti und Steinböck dem Ganzen ein Ende und es ging zurück auf die angestammten Plätze. Inzwischen waren auch Sanghäusel und sein Ehemann gekommen und hatten die Plätze neben ihnen eingenommen.
»Servus, Steinböck. Dr. Schmalzl«, begrüßte sie der Staatsanwalt. »Darf ich vorstellen: mein Mann Xaver Hirschbauer.« Stolz deutete er auf den bärtigen Hünen neben sich.
»Schön, Sie kennenzulernen, Herr Hirschbauer. Hab schon eine Menge von Ihnen gehört«, erwiderte der Kommissar.
»Ich bin der Xaver. Mir geht’s genauso. Wir kennen uns ja bereits«, sagte er zu Horsti. »Hat er jetzt endlich einen Namen, unser Killerdackel?«
»Thunfisch«, grinste Schmalzl und ergriff Xavers Hand.
»Des passt. Und das ist also diese sagenumwobene Polizeikatz.« Er kraulte Frau Merkel den Kopf und hob dabei mit dem Daumen eine Lefze hoch. »Schaut g’sund aus.«
»Der Xaver ist Tierarzt«, erklärte Sanghäusel dem verdutzten Kommissar.
»Wenn er mir noch einmal den Daumen in den Mund schiebt, könnte es durchaus sein, dass wir gleich den Notarzt rufen müssen«, fauchte die Katze.
Halt dich bloß zurück, dachte Steinböck intensiv. Kann sein, dass wir den Xaver mal brauchen.
»Eine interessante Katz«, nickte Hirschbauer. »So eine hab ich noch nie gesehen.«
»Vergiss es. Bevor ich bei dir in der Praxis lande, leg ich mich lieber bei Klessel auf den Tisch«, murrte sie und verschwand vorsichtshalber zwischen den Reihen.
Endlich hatte Steinböck Zeit, sich umzusehen. Emils Bedenken, dass nicht genügend Zuschauer kommen würden, erwiesen sich als unbegründet. Die Halle war voll. Selbst Sabine Husup war anwesend, und eine Reihe hinter ihm saß Huong.
Als Ferdel Bruchmayer mit einem Mikro in der Hand das Spielfeld betrat, sackte die Stimmung deutlich ab und einzelne Buh-Rufe waren zu hören. Ferdel Bruchmayer, Staatssekretär im bayerischen Wirtschaftsministerium und Steinböcks Intimfeind, war alles andere als beliebt, schon gar nicht bei der Münchner Mordkommission. Zumindest schaffte er es, die offizielle Eröffnung des Turniers ohne Peinlichkeiten durchzuführen, und dafür gab es sogar verhaltenen Beifall. Dieser brauste auf, als die beiden Mannschaften einrollten. Hasleitner und Husup schwenkten ein Bettlaken, auf dem »Emil Mayer Basketball-Gott« stand.
Das Match wogte über die gesamte Spielzeit hin und her, und die Deutschen verloren schließlich denkbar knapp mit einem Punkt. Emil Mayer wurde zum Spieler des Tages gewählt. Tamara aus der Kantine und der Berliner standen nebeneinander und applaudierten ihm frenetisch.
»Jetzt sage noch einer, dass Sport nicht Völker verbindend ist«, spottete Steinböck, als er das ungleiche Paar entdeckte.
*
Gegen Abend war der Mann endlich wiedergekommen. Ein intensiver Geruch nach Knoblauch eilte ihm voraus. Wenigstens erlaubte er ihr, auf die Toilette zu gehen. Es war erniedrigend. Er ließ sie keinen Moment aus den Augen. Sie wusste, dass er unter seiner Maske grinste, während er im Türrahmen des kleinen Klos stand und sie beobachtete. Sie wandte ihren Blick von ihm ab und betrachtete die Wände. Diese waren mit Blech ausgeschlagen. Es fühlte sich kalt an, als sie sich daran abstützte.
»Beeil dich«, knurrte er. »Er gleich kommen.« Dann schob er sie brutal zurück zur Matratze, wo er sie mit einem neuen Kabelbinder an einer Metallstange festband.
»Könnte ich etwas zu essen haben?«, bettelte sie.
»Nein, er meint, du sonst alles vollkotzen.«
»Bitte, wenigstens Wasser.«
Er zögerte und verschwand im Nebenraum. Seine Schritte klangen seltsam hohl und blechern, als wenn der ganze Raum mit Metall gesichert wäre.
Er kam mit einer halb vollen Mineralwasserflasche zurück und hielt sie ihr an den Mund. Mit gierigen Zügen trank die junge Frau, verschluckte sich und begann zu husten. Er warf die leere Flasche in die Ecke und wischte ihr mit seinem Ärmel das Wasser von Gesicht und Hals. Schwer atmend fuhr er mit der Hand weiter über ihre Brust und suchte den Ausschnitt ihres Pullovers. Bevor sie schreien konnte, erklang ein lautes Pochen an der Tür.
Der Mann erhob sich unwillig. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«
Das Klopfen verstummte und die Tür wurde geöffnet.
»Hast du ihr die Augen verbunden?«, hörte sie eine zweite Männerstimme fragen.
»Ich werde gleich machen.«
»Gut, gib mir noch eine Minute, ich muss etwas essen«, erklärte der Neue.
Ihr Entführer kam zurück und stülpte ihr einen Einkaufsbeutel aus Stoff über den Kopf. Für eine Weile hörte sie nur sein Keuchen. Kurz darauf nahm sie auch die Anwesenheit des zweiten Mannes wahr. Ein intensiver Geruch nach Lebkuchen ging von ihm aus, den sie selbst durch die Stofftasche riechen konnte.
»Was wollen Sie von mir?«
»Nur ein paar Fragen«, antwortete er sanft. Sie spürte, wie der Ärmel ihres Pullovers hochgeschoben wurde.
»Was machen Sie?«, schrie sie angsterfüllt.
»Wir wollen, dass du uns die Wahrheit sagst. Dafür gibt es hier ein wunderbares Mittel. Ich habe keine Lust, erst deine Lügen zu überprüfen.«
In diesem Moment spürte sie einen Stich in ihrer Armbeuge, der wenig später von einem unangenehmen Brennen begleitet wurde.
Donnerstag
Dass es sich nicht um einen Baumstamm handelte, der da die Isar heruntertrieb, war Harti Kleverlä alias Sokrates sofort klar. Wie sollte ein Baumstamm auch mit den Armen wedeln. Er stellte die Zahnbürste zurück in den Plastikbecher, blickte auf den Toten und entschloss sich, seine Morgentoilette zu verschieben. Die Entscheidung, ob er ins Wasser steigen sollte, um den Leichnam zu bergen, nahm ihm die Strömung ab. Wie ein leeres Boot schrammte der Körper die Steine entlang und blieb dann direkt vor Sokrates’ Füßen hängen. Dass die Leiche eine verwaschene Bluejeans trug, konnte er deutlich erkennen. Die Farbe der Windjacke war im trockenen Zustand vermutlich dunkelrot gewesen. Für einen kurzen Moment dachte Sokrates daran, den Toten umzudrehen. Das pechschwarze Haar machte ihn neugierig. Aber er entschloss sich, den Körper nur vor dem weiteren Abtreiben zu sichern. Er legte einen schweren Stein auf die geöffnete Jacke, die wie ein Flügel im trüben Wasser auf und ab trieb. Harti Kleverlä blinzelte in die aufgehende Sonne und musterte den Leichnam noch einmal.
Dann ging er zurück zu seinem Lager unter der Reichenbachbrücke. Hinter einem Stück Schwemmholz hatte er eine Tupperdose verborgen. Umständlich zog er den fest schließenden Deckel herunter und kramte ein uraltes Nokia-Handy hervor, das er sicherheitshalber in ein T-Shirt eingewickelt hatte. Zufrieden stellte er fest, dass der Akku noch halb voll war, obwohl er das Telefon seit drei Wochen nicht mehr geladen hatte. Erst überlegte er, die 112 zu rufen, um sein Guthaben zu schonen, dann wählte er aber doch die Nummer seines alten Freundes Steinböck und teilte ihm seinen Fund mit.
Anschließend zündete er den kleinen Gaskocher an, stellte einen verrußten Wasserkessel darauf und gab zwei gehäufte Teelöffel Nescafé Gold und vier Stück Würfelzucker in seinen Kaffeepott. Ein paar Minuten später goss er alles mit heißem Wasser auf. Als er feststellte, dass sich ein Stockentenpärchen der Leiche näherte und auch ein paar Möwen über dem Körper kreisten, kehrte er mit seinem Kaffee zurück, um den Fundort zu überwachen.
Sokrates setzte sich auf einen angeschwemmten Baumstamm und schlürfte vorsichtig an seinem heißen Getränk. Gelassen blickte er auf den vorbeifließenden Fluss und wartete geduldig auf die Sirenen der Polizei.
»Das Leben könnt so schön sein«, murmelte er. Als sein Blick auf den Leichnam fiel, der sanft im Wasser schaukelte, fügte er melancholisch hinzu: »Muss aber nicht.«
*
Als Steinböck am frühen Morgen von seinem tanzenden Smartphone geweckt wurde, lag Frau Merkel noch am Fußende des Bettes. Das hieß, dass es verdammt früh sein musste. Missmutig tastete er nach dem Telefon. Die Nummer sagte ihm nichts, und für einen Moment dachte er daran, das Gespräch wegzudrücken. Schließlich siegte doch die Neugier.
»Du bist’s, Sokrates? Seit wann hast du ein Handy? Ich hoffe, du hast einen guten Grund, mich vor sechse aus dem Bett zu läuten. Eine Leiche? Bist du dir da sicher? Ja, ich glaub’s dir. Sie schwimmt mit dem Gesicht nach unten, und in der letzten halben Stund sind keine Luftblasen aufgestiegen. Ja, das ist ziemlich eindeutig. Ich werd dir sofort ein paar Leut vorbeischicken. Nein, ich komm später. Die Kollegen sollen sich die Leich erst mal anschauen, bevor die Mordkommission auftaucht. Ja, ich komm auf jeden Fall heut noch vorbei. Bis später dann.«
Steinböck nahm ein bisschen Schwung und drehte die Beine aus dem Bett. Er wählte die Nummer der Bereitschaft und schickte ein Team zur Isar. Die Katze hatte sich aufgerichtet und blickte ihn neugierig an.
»Der Kleverlä Harti hat eine Leiche in der Isar gefunden. Wahrscheinlich ein Selbstmörder, wie so oft.«
»Der Harti, ein ganz brillanter Kopf. Wir müssen ihn unbedingt wieder besuchen.«
»Mach ma. Irgendwann im Laufe des Tages. Aber erst werden wir dem ›Safran‹ und meinem Freund Dago Pfalzer einen Besuch abstatten. Und dann muss ich mich mit den Kollegen in Spanien in Verbindung setzen. So einsam ist es da nicht, dass der Johann Kerbel noch unentdeckt in der Schlucht liegen könnte.« Nur mit Boxershorts bekleidet schlurfte Steinböck durch den Wintergarten ins Freie. »Schad, dass der Emil ned da ist, der könnte des mit den Spaniern am besten erledigen«, brummte er und reckte die Arme nach oben.
»Du, Chef, wenn du dich so streckst, sieht man kaum noch deinen Bauch«, hörte er plötzlich Emil Mayers Stimme, der ein paar Liegestützen an seinem Rollstuhl machte.
»Gleich gehen die Fenster auf und die Nachbarschaft wirft mit alten Pantoffeln nach dir. Und damit meine ich nicht meinen schwarzen Bruder, der seinen Alabasterkörper stählt.«
»Du bist ja doch da, ich dachte, ihr schlaft alle im Hotel«, sagte Steinböck, die Katze ignorierend.
»Was soll ich im Hotel, wenn ich es daheim am bequemsten hab. Außerdem haben wir zu wenig Zimmer für die Ägypter bestellt und müssen einen Teil von denen privat unterbringen. Was könnte ich mit den Spaniern erledigen?«
Steinböck zog seine Shorts bis zum Bauchnabel hoch und setzte sich in den verwaschenen Korbstuhl.
Dann erzählte er, was sie gestern über das Video herausgefunden hatten, auf dem sie den Sternekoch eindeutig identifizieren konnten. Nicht zu vergessen Peter Obstlers Tratsch aus erster Hand.
»Der Johann Kerbel?«, fragte Emil ungläubig und hievte sich zurück in seinen Rollstuhl. »Wo soll das gewesen sein?«
»Playa del Silencio in der Nähe von Gijón auf dem Jakobsweg. Das hab ich mir ausnahmsweise merken können«, antwortete Steinböck.
»Mensch, mit dem hab ich vor ein paar Wochen im Restaurant noch gesprochen.«
»Und wie war das Essen?«
»Super, einfach grandios.«
»Ich sage dir doch, dass dieser Obstler ein Banause ist. Nimm dir ein Beispiel an meinem schwarzen Bruder. Der Junge hat Geschmack. Eben ein Gourmet«, dozierte Frau Merkel.
»Also, was ist mit den Spaniern? Soll ich mich drum kümmern? Ich hab erst um 11 Uhr Training, und unser nächstes Spiel ist morgen.«
»Du tätst mir einen großen Gefallen. Ich möcht mich mal im ›Safran‹ umsehen, und außerdem muss ich zum Sokrates an die Isar.«
»Hast du Sehnsucht nach ihm?«, fragte Emil Mayer junior grinsend.
»Er hat eine Leiche gefunden. Sie ist genau vor seinen Füßen angeschwemmt worden.«
»Mann oder Frau?«
»Wissen wir noch nicht. Werd ich aber bald erfahren. Magst an Kaffee?«
»Na, danke, ich fahr gleich ins Büro und kümmere mich um die Spanier. Sobald ich etwas rausbekommen hab, ruf ich dich an. Ich hoffe, dein Handyakku ist nicht wieder leer?«
»Ach wo, hab ich alles im Griff«, erwiderte Steinböck lachend und kehrte in den Wintergarten zurück. Ein Blick auf den Akkustand. Schlappe acht Prozent. Er stöpselte das Smartphone an und verschwand im Bad.
*
Inzwischen war es kurz nach sieben. Weil Steinböcks Kühlschrank immer noch leer und er sich nicht sicher war, ob Hasleitner bereits mit frischen Brezen im Büro wartete, entschloss er sich, zuerst zur Reichenbachbrücke zu fahren.
»Also, die Todesursache ist noch unklar«, nuschelte Thomas Klessel, der Gerichtsmediziner, hinter seiner Maske. »Auf jeden Fall liegt der junge Mann schon länger im Wasser. Ich denke, die starken Regenfälle in der letzten Nacht haben bewirkt, dass ihn die Strömung mitgerissen hat.«
»Des heißt also, der ist nicht hier von der Brücke gesprungen«, folgerte Steinböck.
»Mensch, woher soll ich des wissen? Ich kann dir heut Nachmittag nach der Obduktion sagen, woran er gestorben ist. Aber über die Strömungsverhältnisse in der Isar musst du jemand anderen befragen«, antwortete Klessel unwirsch.
»Ist ja gut.« Der Kommissar hob schützend die Hände und drehte ab. Eigentlich verstanden sich Steinböck und der Gerichtsmediziner blendend. Umso überraschter war er über dessen Reaktion. »Was für eine Laus ist denn dem über die Leber gelaufen?«, fragte er sich leise.
»Wahrscheinlich hat ihn Martina aus der Asservatenkammer versetzt.«
»Unsere Martina? Die aus dem Depot? Läuft da was zwischen den beiden?«
»Du bist wie üblich der Letzte, der etwas mitkriegt. Das geht doch schon drei Wochen.«
»Und woher willst du das wissen?«
»Ich weiß alles, was in diesem Präsidium vorfällt. Mir sind auch deine mehr als zufälligen Begegnungen mit unserer neuen Revierleiterin nicht entgangen.«
»Geh, jetzt spinnst aber«, erwiderte der Kommissar genervt und ließ Frau Merkel stehen.
»Treffer«, stellte sie schnurrend fest.
Es war schon richtig, dass ihm die neue Chefin Lotta Nilson gefiel. Paul Mögele hatte endlich den Sprung in die höchsten Etagen geschafft. Als er Steinböck gefragt hatte, ob er ihn als Nachfolger vorschlagen dürfe, hatte dieser entsetzt abgewunken.
Immer noch verärgert über Frau Merkels letzte Bemerkung, machte sich Steinböck auf die Suche nach Sokrates alias Harti Kleverlä. Vor einigen Jahren hatte der beschlossen, sein Leben als Obdachloser fortzusetzen. Dabei hatte er die Reichenbachbrücke als seinen Hauptwohnsitz ausgesucht. Seitdem ihm Kleverlä beim letzten Fall entscheidend geholfen hatte, den Täter zu überführen, besuchte Steinböck ihn regelmäßig, um mit ihm über Gott und die Welt zu diskutieren. Ein wahrlich kluger Kopf. Nicht umsonst hatte der Sandler seit seiner Jugend den Spitznamen Sokrates.
Ein paar Uniformierte hatten inzwischen die Absperrung um den Fundort der Leiche wieder abgebaut. Thomas Klessel folgte mit gesenktem Kopf den beiden Beamten, die den Körper des Toten in einem Alusarg schwitzend über die Kiesbank schleppten.
»Und, Steinböck, könnt’s ihr mit der Leich was anfangen oder kommt sie gleich auf den Friedhof?«, begrüßte ihn der Isarphilosoph, der unter dem Brückenbogen hervortrat.
»Kann ich noch nicht sagen, das hängt ganz davon ab, was die Obduktion ergibt.«
»Hab dich hier schon länger nicht mehr g’sehen. Seitdem du den Hund nicht mehr hast, bist wohl nicht mehr so viel unterwegs?«
»Du weißt ja, das Verbrechen schläft nie«, philosophierte Steinböck und setzte sich in einen der beiden Campingstühle.
»Magst an Kaffee oder ein Bier?«
»Hast keinen Espresso?«
Kleverlä kramte in seiner blauen Plastikkiste nach Campingkocher und einer Kaffeekanne aus Aluminium. Er drückte Pulver in das Sieb, füllte das Unterteil mit Wasser aus einer Plastikflasche und schraubte die Espressokanne zusammen. Nachdem er den Kocher angezündet hatte, hockte er sich in den freien Stuhl und blickte kurz auf den leise vor sich hinplätschernden Fluss. Die Katze hatte ihre Inspektion des Ufers abgeschlossen und war auf Steinböcks Schoß gesprungen.
»Viel kann ich dir nicht sagen. Ich war beim Zähnputzen, da kam er angepaddelt.«
Der Kommissar blickte erstaunt auf.
»Des war jetzt mehr metaphorisch«, grinste Sokrates. »Er ist direkt auf mich zugetrieben, und ich hab ihn dann mit einem Stein beschwert, damit er nicht wieder abhaut.«
»Sehr metaphorisch. Diese Ausdrucksweise ist eines Philosophen unwürdig«, meldete sich die Katze.
»Was meint sie?«, wollte Kleverlä wissen.
»Du könntest dich etwas gepflegter ausdrücken«, antwortete Steinböck und biss sich gleichzeitig auf die Lippen. Sokrates hatte ihn ausgetrickst.
Doch der ging nicht weiter auf die Katze ein. »Des macht der schlechte Umgang.«
Der Kommissar zog die Augenbrauen hoch. »Wie soll ich das verstehen?«
»Früher sind die Leut hier an der Isar spazieren gegangen, jetzt tummelt sich immer mehr Gschwerl rum. Ich hab nichts dagegen, wenn sie mit einem Kasten Bier oder einem Fasserl hier abhängen. Aber ich hab was gegen das braune Gesindel, das zunehmend dabei ist. Da schämt sich keiner, wenn sie sich den Hitlergruß zurufen. Und zwischendrin ein paar Reichsflaggen. Die hab ich besonders g’fressen. Auf alles Anspruch erheben, aber sich aus der eigenen Verantwortung für die Gesellschaft mit einem kranken Geschichtsverständnis herauslügen. Wie g’sagt, nichts gegen die jungen Leut, doch da mischen sich a Menge ewig Gestrige dazwischen.«
»Erinnerst du dich, was der große Karl Valentin gesagt hat?«, wollte Steinböck wissen.
»›Der Mensch ist gut, aber die Leut san a Gschwerl‹«, antwortete Sokrates trocken.
»Respekt, jetzt kommt wieder der Philosoph durch«, erklärte Frau Merkel anerkennend.
*
Endlich im Büro, führte Steinböcks Weg zuerst zur Kaffeemaschine. Bei aller Sympathie für Sokrates – dessen sogenannter Espresso erinnerte ihn schwer an seine Studienzeit. Er konnte inzwischen von sich behaupten, dass er ein wahrer Meister im Zubereiten eines Latte macchiato war. Fairerweise musste man aber sagen, dass das Ganze nicht mehr erforderte, als ein Glas unter die Maschine zu stellen und auf einen Knopf zu drücken.
Hasleitner war nicht im Büro, dafür stand auf seinem Schreibtisch ein Teller mit zwei Butterbrezen. Er wusste, dass er sich wie ein verdammter Chauvi benahm, doch auf die beiden Butterbrezen jeden Tag zu verzichten, brachte er nicht fertig. Andererseits könnte er ja diese Aufgabe übernehmen und sich am Morgen um die Zubereitung kümmern. Weiter kam er mit seinen reuigen Gedanken nicht, da ihn die Bonanza-Melodie seines Smartphones unterbrach.
Emil Mayer junior hatte bei seinen telefonischen Recherchen eine Menge herausgefunden und war inzwischen wieder zu Hause. Die spanischen Kollegen hatten tatsächlich den Fall eines abgestürzten Pilgers. Dabei handelte es sich scheinbar um den Deutschen Johann Kerbel. Er lag mit schweren Verletzungen im Krankenhaus von Gijón. Eine Frau, die angab, seine Schwester zu sein, hatte ihn zwei Tage nach dem Vorfall besucht und ihn identifiziert. Sie war angeblich seine einzige Verwandte. Laut den Aufzeichnungen des Überwachungsmonitors war Kerbel seit seiner Einlieferung ohne Bewusstsein. Er war also aus seinem Koma bis heute nicht erwacht.
»Und seine Schwester?«, wollte Steinböck wissen und drückte die Lautsprechertaste, um in Ruhe von seinem Latte trinken zu können.
»Ist nicht wiederaufgetaucht«, schnarrte die Stimme von Mayer junior. Er fügte trocken hinzu: »Was ihr auch schwerfallen dürfte, denn sie ist im August verstorben.«
»Wir brauchen ein Phantombild«, brummte der Kommissar.
»Die Ilona könnte sich darum kümmern. Was ist mit deiner Isarleiche?«, fragte Emil.
»Da müssen wir die Obduktion abwarten. Auf jeden Fall hatte der Mann eine Wunde am Hinterkopf. Sag mal, hast du g’wusst, dass der Klessel was mit der Martina von der Sitte hat?«
»Des weiß doch jeder«, lachte Emil. »So, ich muss ins Training«, hörte man Mayer junior, bevor er auflegte.
»Tja, du solltest dir wirklich überlegen, ob du diesem Job noch gewachsen bist oder lieber an den Emil übergibst«, meldete sich Frau Merkel von der Fensterbank.
»Du kannst mir mal den Buckel runterrutschen. Ich geh jetzt ins ›Safran‹, und du bleibst da. Von mir aus ärgerst die Ilona oder schaust dem Thomas Klessel bei der Obduktion zu.«
»Oh, heut sind wir aber empfindlich. Das Public Viewing in der Gerichtsmedizin ist bestimmt interessanter, als mit dir durch die Stadt zu gurken. Vermutlich fährst du auch noch selber.«
Steinböck winkte ab, nahm den letzten Schluck Kaffee und wickelte sich die zweite Brezen in eine Serviette. Dann verließ er, ohne die Katze noch eines Blickes zu würdigen, das Büro.
»Ach nee, ist sich der Herr Kommissar wieder beleidigt«, äffte sie die Kantinenchefin Tamara nach.
Als Steinböck zum Auto ging, überlegte er krampfhaft, woher die Saukatz diesen Spruch kannte, war doch die Kantine der ostpreußischen Schnitzeldesignerin absolut verbotenes Terrain für die Katze.
*
Obwohl das »Safran« geschlossen war, herrschte im Inneren reger Betrieb. Steinböck konnte durch die verschlossene Glastür eine Reihe von Leuten erkennen, die durch das Lokal eilten. Trotzdem reagierte niemand auf sein mehrmaliges Klingeln. Schließlich klopfte er mit der Faust gegen die Scheibe. Ein junger Mann mit semmelblonden Haaren, der mit der Tischdeko beschäftigt war, rief etwas in Richtung Küche und kam dann widerwillig auf ihn zu.
»Tischreservierungen werden nur telefonisch angenommen«, meckerte er durch den Türspalt.
Der Kommissar hob ihm kommentarlos seinen Ausweis vor die Nase.
»Polizei? Was wollen Sie?«
»Ich möchte den Chef sprechen.«
»Der ist nicht da.«
»Dann eben den zweiten Chef.« Steinböck wurde ungeduldig.
»Der ist auch nicht da«, erwiderte der Semmelblonde patzig.
»Egal, wer hier was zu sagen hat, teilen Sie ihm mit, dass ich vorhabe, das Restaurant noch heute schließen zu lassen.«
Das wirkte. Mit säuerlicher Miene öffnete er Steinböck die Tür und verschwand eilig in der Küche. Der Kommissar musterte den Hochglanzprospekt des Lokals. Ein Gruppenfoto der gesamten Belegschaft zierte das Deckblatt. In der Mitte ganz oben thronte Dago Pfalzer und grinste durch seine Zahnlücke. Er griff sich ein paar der Prospekte und steckte sie in seine Sakkotasche.
Wenig später kam ein Mann mit dunkler Kochkleidung aus dem hinteren Teil des Restaurants. Er nahm die schwarze Haube ab und reichte Steinböck die Hand. »Mein Name ist Frank Lugger. Ich bin hier der Küchenchef. Es gibt Probleme mit dem Restaurant?«, fragte er besorgt.
»Nicht unbedingt, aber der Ton Ihres Mitarbeiters könnte etwas freundlicher sein.«
Frank Lugger zog die Augenbrauen hoch. »Selbst wir können uns das Personal nicht aussuchen«, seufzte er. »Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ihr Chef, Johann Kerbel … Wissen Sie, wo der ist?«
»Johann hat sich eine Auszeit genommen. Er ist auf dem Jakobsweg unterwegs und schreibt einen Internet-Blog, auf dem man verfolgen kann, wo er sich gerade befindet.«
»Und Sie vertreten ihn im Moment?«
»Ja, bis er zurückkommt. Die beiden letzten Wochen war das Restaurant wegen Betriebsferien geschlossen. Wir öffnen erst am Samstag wieder, starten aber heute schon mit den Vorbereitungen.«
»Wann will er denn zurückkommen?«
»Das hat er nicht gesagt. Nach dem Tod seiner Schwester ging es ihm nicht besonders gut. Er war nicht mehr bei der Sache. Seine Kreativität hat sehr darunter gelitten. Aber wenn er den Pilgerweg erwandert hat, wird er sicher wieder mit vollem Elan einsteigen. Weshalb interessieren Sie sich dafür? Ist etwas passiert?«
»So wie es aussieht, ist Johann Kerbel in Spanien auf noch ungeklärte Weise verunglückt.«
»Ist er tot?«, fragte Lugger erschrocken.
»Nein, ist er nicht. Mehr darf ich Ihnen dazu nicht sagen. Wo ist eigentlich Ihr anderer Chef?«
»Sie meinen Dago Pfalzer?«
»Genau den mein ich.«
»Der Herr Pfalzer ist meistens unterwegs. Sie verstehen, die Fernsehaufzeichnungen.«
»Wie kann ich ihn erreichen?«, wollte der Kommissar wissen.
»Sie haben Glück, er ist heute Morgen aus Japan zurückgekommen.«
»Sehr gut, und wo find ich ihn?«
»Vermutlich im Fernsehstudio. Die neue Folge soll geschnitten werden. ›Spitzenküche, ganz extrem.‹«
»Ist des wirklich Spitzenküche?«, fragte Steinböck zweifelnd.
Lugger grinste und zuckte mit den Schultern. »Egal, wir sind fürs nächste halbe Jahr ausgebucht, nur das zählt.«
»Also gut, dann richten S’ dem Pfalzer aus, dass er sich morgen Vormittag bei mir im Büro melden soll. Hier ist meine Karte, falls er sich nicht mehr an mich erinnert.«
»Sie kennen sich?«
»Kann man so sagen, aus unserer gemeinsamen Zeit als Würschtelverkäufer«, feixte Steinböck.
»Des würd mich jetzt näher interessieren.«
»Ein anders Mal«, wiegelte der Kommissar ab. »Übrigens schick ich meine Kollegin vorbei, um das Personal zu befragen. Und dann sollte der Blondie a bisserl freundlicher sein. Mit Kommissarin Hasleitner ist nicht gut Kirschen essen.«
*
Ilona hatte die Prozedur mit dem Phantombild erheblich verkürzt, indem sie den spanischen Kollegen ein Bild von Candida Hinksel alias Putzi geschickt hatte. Diese war im dortigen Krankenhaus als die Frau identifiziert worden, die sich als Johann Kerbels Schwester ausgegeben hatte. Als Steinböck ins Büro zurückkehrte, lagen die Informationen bereits auf seinem Schreibtisch.
»Hat die Putzi sich tatsächlich als Kerbels Schwester ausgegeben. Die hat auch keine Skrupel«, brummte der Kommissar.
Ilona Hasleitner starrte angestrengt auf den Bildschirm, auf dem ein Überwachungsvideo ablief.
Steinböck stellte sich hinter sie und fragte neugierig: »Was machst denn da?«
»Jetzt ned«, zischte sie ungehalten und fuhr mit der Maus nervös auf dem Pad hin und her. Plötzlich stoppte sie das Bild. »Jawohl, des könnt er sein. Schau her, Chef, was deine brillante Kollegin herausgefunden hat.«
»Was soll des sein?«
»Das ist der Flughafen Asturias. Derjenige, der am schnellsten von Gijón aus erreichbar ist. Wer hat Grund, einen Münchner Sternekoch umzubringen? Eines ist klar, der Sturz war kein Unfall. Es gab vorab weder einen Streit noch ein Handgemenge. Irgendein Spanier? Wohl kaum. Jemand aus Johann Kerbels Bekanntenkreis? Schon wahrscheinlicher. Das hilft uns aber nicht weiter, weil wir den Täter ja nicht kennen. Was wissen wir?« Hasleitner tat ganz geheimnisvoll. »Er trug beim Mord eine auffällig orangefarbene Mütze. Und hier sind die Aufnahmen der Überwachungskamera des Flughafens am Tag der Tat. Viel kann man nicht erkennen, aber diese Mütze sticht deutlich heraus. Falls es unser Mann oder unsere Frau ist, könnten wir vielleicht über die Passagierlisten eine Verbindung finden. Natürlich werd ich auch die anderen Flughäfen in der Umgebung abklappern. Die Flughafenpolizei hat sofort reagiert und uns über Europol die Aufnahmen zugeschickt.«
»Ilona, du bist ein Scharnierl. Aber was ist, wenn er mit dem Auto in Spanien war oder ist? Allerdings: Sollte sich durch das Basecap eine Spur nach München finden, ist das eindeutig unser Fall und es macht Sinn, weiterzuermitteln. Was ist mit dem Arzt, den die Putzi nach ihrer Rückkehr versucht hat anzurufen?«
»Der ist im Urlaub auf Mallorca. Die Nummer von Candida Hinksel ist immer noch abgeschaltet. Auch der Bereich, wo ihr Handy zuletzt eingeloggt war, bringt uns nicht weiter.«
»Hast du was über den Gesundheitszustand von Johann Kerbel erfahren?«
»Er liegt nach wie vor im Koma. Das Krankenhaus will nichts Näheres sagen. Deshalb habe ich die spanischen Kollegen hinzugezogen. Ich musste ihnen das Video zusenden. Scharf sind sie auf den Fall nicht. Trotzdem werden sie Befragungen durchführen, um zu erfahren, ob die Person mit der Mütze jemandem aufgefallen ist. Außerdem möchte ich die Passagierlisten der Maschinen aus Spanien anfordern, die am Tattag aus Madrid und Bilbao angekommen sind.«
»Sehr gut, Frau Kommissarin«, meinte er anerkennend und lächelte dabei verschmitzt.
»Wenn du mir so kommst, dann willst du was von mir.« Ilona wurde hellhörig.
»Ich möcht, dass du ins ›Safran‹ fährst und dort das Personal befragst. Mit dem Küchenchef hab ich schon geredet. Er wusste, dass Kerbel den Jakobsweg ging. Aber davon, dass er aus dem Restaurant aussteigen wollte, hat er nichts g’sagt. Vielleicht ist alles nur ein Gerücht. Versuch, etwas mehr herauszubekommen. Ich werde in die Gerichtsmedizin gehen und schauen, ob es was Neues über unsere Isarleiche gibt.«
»Jawohl, Chef«, erwiderte sie wie gewohnt zackig. »Von der Isarleich hab ich inzwischen auch schon erfahren, brauchst mir also keinen Bericht mehr zu erstatten«, legte sie etwas gekränkt nach.
*
Natürlich ließ sich Frau Merkel Steinböcks Besuch bei dem Gerichtsmediziner Dr. Klessel nicht entgehen. Der hockte wie üblich an seinem Schreibtisch und tippte mit beiden Zeigefingern seinen Bericht auf dem Laptop. Der Tote aus der Isar trug einen dunklen Vollbart und lag nur wenige Meter entfernt auf einer Bahre. Der Kommissar musterte fasziniert Klessels Augenbrauen, die akkurat zu zwei lang gezogenen Dreiecken rasiert und schwarz gefärbt waren.
»Was für ein schöner Mann!«, meinte die Katze süffisant, die wieder mal Steinböcks Gedanken las. »Was Martina aus der Asservatenkammer alles bewirkt.«
»Aha, ihr zwei seid’s«, stellte der Gerichtsmediziner fest, als er kurz vom Bildschirm weg in ihre Richtung sah. »Die Katz kommt zu spät, ich hab ihn schon zugenäht«, murmelte er und ließ den rechten Zeigefinger nach unten sausen. »So, des wär’s.« Dann griff er in die Brusttasche des grünen Arztkittels und holte seinen silbernen Flachmann heraus. »Heut ist dein Tag, Herr Hauptkommissar. Echter Islay Malt ›Bunnahabhain‹. Man nennt ihn auch den Ladys Whisky.« Er nahm einen kleinen Schluck und reichte Steinböck den Flachmann.
»Is zwar noch a bisserl früh, aber wenn du schon mal was G’scheites in deiner Konservendosen hast, probier ich gerne.
»Du bist nicht mehr weit von Obstlers Niveau entfernt«, nörgelte Frau Merkel, sprang auf den Seziertisch und blickte durch die Trennscheibe auf den Toten, den Klessel bereits sauber zusammengeflickt hatte.
Steinböck schüttelte sich kurz und gab den Flachmann zurück. »Wusste gar nicht, dass die Ladys in Schottland so raß sind. Jetzt zu unserem Unbekannten auf deinem Seziertisch. Haben wir einen Fall?«
»Habt ihr«, erwiderte Thomas Klessel. »Das Opfer ist zwar ertrunken, aber es bekam vorher einen kräftigen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand auf den Hinterkopf. Der junge Mann hat einige Hautabschürfungen und Prellungen, die meisten post mortem. Doch damit nicht genug. Ihm fehlen eine Niere und ein Teil der Leber.«
Steinböck machte ein verblüfftes Gesicht. »War er krank?«
»Genau genommen war er kerngesund. Es sieht so aus, als wenn ihm die Organe für eine Spende entnommen wurden.«
»Ist es üblich, dass man Leber und Niere spendet?«
»Ganz und gar nicht«, antwortete Klessel grimmig. »Vor allem wurden die beiden Organe gleichzeitig entnommen.«
»Wie lange ist das ungefähr her?«
»Mindestens vier bis fünf Wochen. Erstaunlich, dass er schon wieder auf den Beinen war.«
»Aber so eine Transplantation muss doch irgendwo vermerkt sein.«
»Nicht, wenn sie illegal ist. Und das war sie auf jeden Fall. Kein Arzt würde zwei Organentnahmen gleichzeitig durchführen. Zumindest nicht bei einem Lebenden.«
»Gibt es Hinweise auf die Herkunft des Mannes?«, wollte Steinböck wissen.
»Wir haben sogar seinen Namen. Er heißt Constantin Rusu und kommt aus Moldawien. Seine Fingerabdrücke waren registriert. Er hat hier im letzten Jahr als Helfer bei der Spargelernte gearbeitet. Die Unterlagen hat dir mein Assistent gemailt.«
»Glaubst du, dass ihm die Organe hier entnommen wurden?«, forschte Steinböck weiter.
»Unwahrscheinlich. Ich tippe eher auf die Türkei.«
»Und was macht er dann hier?«
»Tja, das ist deine Aufgabe, das herauszufinden.« Klessel lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück, verschränkte die Finger und drehte die Daumen übereinander. Weil ihn der Kommissar weiterhin herausfordernd ansah, zuckte er kurz mit den Schultern. »Na ja, es gibt da verschiedene Berichte von Kliniken in der Türkei, in denen illegal Organe verpflanzt werden. Die Spender kommen meist aus Moldawien, die Empfänger aus der ganzen Welt, auch oft aus Deutschland.«
»Ist das nach dem neuen Gesetz bei uns immer noch nötig?«
»Und ob, nur ein Drittel der Deutschen hat einen Organspendeausweis. Mindestens ein weiteres Drittel ist nach eigener Aussage ›noch nicht dazugekommen‹, einen auszufüllen. Und ich sag dir, die werden auch in Zukunft keine Zeit dafür haben. Die Menschen sind viel zu bequem. Die Widerspruchslösung wäre vielleicht eine Möglichkeit gewesen, die Situation zu verbessern, aber leider haben sich die Ethikphilosophen durchgesetzt. Auch das neue Gesetz wird nichts ändern. Also kaufen sich die, die es sich leisten können, weiterhin eine Niere oder eine halbe Leber in Moldawien.«
»Was kostet so eine Niere?«
»Ab 200.000 Euro aufwärts«, schimpfte Klessel, der immer wütender wurde.
»Puh, das ist eine Menge Geld. Das rentiert sich.«
»Aber nicht für den Spender. 2.500 bis maximal 5.000 Euro gibt’s für den. Davon muss er dann die Medikamente bezahlen. Es kann ihm auch passieren, dass er gar nichts bekommt. Wenn die Niere angeblich nicht zu gebrauchen war.«
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