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Karl Friedrich Kurz
Im Königreich Mjelvik
Roman
Saga
Im Königreich Mjelvik
© 1930 Karl Friedrich Kurz
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711518397
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Ganz zuhinterst im Fjord
Ganz zuhinterst im Fjord wohnen auch Menschen. Dort ist das Wasser schmal und schwarz vor Tiefe. Dort sind die Berge blau und hoch. Sie sind so hoch, daß sie bis gegen den Johannistag noch weiße Wintermützen tragen. Und sie sind breit und klotzig; sie nehmen fast allen Raum für sich allein ein und lassen für Gras und Wald und Tier und Mensch nur wenig Boden übrig. Wenn im Sommer der Schnee endlich geschmolzen ist, zeigt es sich, daß alle diese Berge kahle Schädel und alte, grimmige Gesichter haben. Sie sind nicht freundlich. Sie stoßen das Leben von sich.
Darum sind es hier andere Menschen als draußen an der Küste. Ganz gewiß tüchtige Menschen in ihrer Art, gut und klug auf ihre Weise. Aber sie haben nur einen Scherben von Himmel über sich. Sie müssen stets im Schatten der Felsen wandeln.
Zäh sind sie. Wenn der grüne Boden nur eine Steinwurfsbreite erreicht, muß er ihnen schon dienstbar sein. Gleich bauen sie ihre Hütten und Häuser hin, kommen mit Schafen und Ziegen und Kühen daher, nehmen Besitz vom Land und zeugen Nachkommen ...
Da, wo drei Bergzüge zusammentreffen, hört der Fjord auf, und es bildet sich eine Bucht. In der Bucht liegt der Platz Mjelvik. Es sind vielleicht fünfzig Häuser und einige zerstreute Gehöfte, vielleicht mögen es auch sechzig Häuser sein. Mehr sind es sicher nicht.
Zwischen den drei Bergzügen liegen zwei Täler. Jedes Tal sendet seinen Bach ins Meer. Wenn es regnet, werden diese armseligen Bäche sogleich zu böswilligen Flüssen. Man hat zwei Brücken geschlagen, eine hölzerne und eine aus grauen, dicken Schieferplatten. Das Wasser mag die beiden Brücken nicht leiden; es knurrt und faucht und nagt unablässig an den Pfeilern. Es schiebt Geröll heran, die Durchfahrt zu verstopfen. Das macht den Menschen Verdruß und viel unnütze Arbeit.
Sommer und Winter, Tag und Nacht poltern große und kleine Steine von den Berghängen nieder und rollen in die Täler, so daß die Bäche niemals in ihrem Bette ruhen können und sich stets neue Wege suchen müssen. Die Menschen wissen mit all den vielen Steinen nichts Gescheites anzufangen und verfluchen sie und lehnen sich in gottlosen Worten gegen das Walten der Naturkräfte auf. Die kleineren Steine räumen sie immer wieder von ihrem grünen Lande hinweg, die größeren aber müssen sie liegenlassen und umgehen. Darin gleichen sie dem Wasser. Auch die Menschen finden hier nicht Ruhe und Frieden und müssen sich ohne Unterlaß durchs Leben kämpfen ...
Es gibt in Mjelvik nicht einmal soviel wie eine Kirche, so unbedeutend erscheint dieser Ort selbst dem lieben Gott. Nein, wenn die Leute beten und singen oder sich sonstwie öffentlich erbauen und ihren Glauben stärken wollen, müssen sie mit dem Boot an die fünf Stunden weit übers Wasser hinrudern oder fast ebensolange auf der Bergstraße wandeln nach dem Pfarrort, der Lunda heißt.
Im Winter liegt aber viel Schnee auf den Bergen und versperrt die Straße, und auf dem Fjord heult der Sturm. Und da kommt es nicht so gar selten vor, daß brave Christenmenschen auf dem Kirchgange ihr Leben verlieren. Die Leute von Mjelvik verstehen das nicht recht.
Sie forderten vom Bischof eine eigene Kirche. Aber der Bischof sagte: „Nein! Das lohnt sich nicht,“ sagte er. „Mjelvik ist noch zu klein. Ihr müßt zuerst wachsen und groß werden.“
Natürlich hat der Bischof recht. Er kann nicht jedem Hausvater eine Kirche vors Küchenfenster stellen. Unmöglich.
Aber die Leute von Mjelvik verstehen es dennoch nicht. Sie schelten den Bischof und das hohe Ministerium und verwünschen beide mit ähnlichen Worten wie die Naturmächte mit den vielen überflüssigen Steinen. Die Leute von Mjelvik haben sich im Laufe der Zeit allmählich verhärtet in Bitternis und Trotz. Ach, diese armen Schafe wurden wohl schon ein wenig schwärzlich in der Wolle.
Vielleicht flucht man in Mjelvik um einiges mehr und kräftiger als andernorts. Das ist möglich. Verwunderlich kann es nicht sein, wenn eine Herde ohne Hirt auf schlechter Weide auf Abwege gerät.
Ist Mjelvik somit in geistlicher Beziehung ein bißchen vernachlässigt und zurückgeblieben, so hat es im weltlichen Aufschwunge wenigstens mit der Zeit tapfer Schritt gehalten. Das ist einzig und allein Sigmund Borsas Verdienst.
Sigmund Borsa — seht, das ist der Mann, der alle anderen Leute von Mjelvik um Haupteslänge überragt und auf den es hier ankommt. Er stammt aus einem alten Geschlecht.
Den Borsa hat einmal ganz Mjelvik zu eigen gehört; ein großes Stück der drei Bergzüge und der zwei Täler und alles Land zu Füßen der Felsen. Wie sie dazu kamen, weiß heute kein Mensch mehr. Keiner fragt danach. Es fielen im Laufe der Zeit ein paar Fetzlein ab. Da und dort ein Zipfel. Aber Sigmund hält noch immer allen wertvollen Boden in seinem Besitz. Sie nennen ihn König.
Wenig kann hier in Mjelvik ohne den König Sigmund geschehen, das meiste nur durch ihn; aber nichts gegen ihn. Er sitzt auf Trollhaugen.
Er sitzt auf einem uralten Lederstuhl vor einem schweren Eichentisch und regiert. Und seine Nase ist lang und groß — eine wahrhaft majestätische Nase, die weit aus dem übrigen Gesicht hervorragt. Der Mund klebt eigentlich nur noch unten daran. Und das Kinn hat sich völlig in ein paar tiefe Hautfalten zurückgezogen. Wenn der Hemdkragen nicht da wäre, ließe sich kaum bemerken, wo der Hals beginnt. Seine Augen sind ungewöhnlich. Es sind graue Augen. Eins schaut geradeaus und das andere einige. Striche daneben. So ist Sigmund, der König.
Er hat den großen Hof mit allen Außenwerken in rechtschaffener Weise von seinem Vater geerbt, eine Seifenfabrik gegründet und die alte Fischjacht „Solrenningen“ erworben. Im Winter kauft er Fische draußen an der Küste, salzt sie in Tonnen und führt sie mit seiner Jacht in die Stadt.
Sigmund Borsa — er ist derjenige, von dem alle Menschen hier in irgendeiner Weise leben. Fast alle haben ihre Häuser auf seinem Grund und Boden erbaut. Fast alle arbeiten in seinem Sold. Fast alle sind seine Schuldner.
Nur dem Krämer Benjamin Sagensen ist es vor einem kleinen Menschenalter mit List und durch Zufall gelungen, sein Geschäft und den Boden, auf dem das Geschäft steht, zu kaufen. Das war bald nach dem Tode des Post-Nicolaj, zu einer Zeit, als der Strand in größter Erregung und der König in finanziellen Nöten war. Der ganze Ort Mjelvik bebte damals und drohte zu fallen.
Ja, jenes war eine böse Zeit. Man hat sie noch nicht vergessen. Der große Kramladen des Königs war fast leer. Kein Korn auf der Mühle, kein Mehl in den Säcken, kein Kredit in der Stadt — Gott allein weiß, wovon die Weiber in Mjelvik ihre Grütze kochten. Selbst auf dem Herrentisch von Trollhaugen fehlte mehrere Tage lang der Zucker. So schlimm stand es.
Aber dann starb also der Post-Nicolaj. Nicht vor Hunger starb er, sondern an einem großen Loch im Kopf. Und die lederne Posttasche mit Horn und Löwe und Königskrone war verschwunden.
Die Leute sagten sich ganz richtig, daß hier ein Mord vorliege. Die Obrigkeit mischte sich in die Angelegenheit in Person des Vogts Kolbjörn Fagernes und suchte nach der Posttasche, die an jenem Tage viel Geld enthielt, und nach dem Mörder. Man bedauerte den jungen Nicolaj und war erschüttert von seinem gewaltsamen Ende. Von seiner Jugend an hatte er jede Woche zweimal die Posttasche durch das lange Tal hinauf nach dem reichen Ort Furuvoll getragen. Da hatte ihn also auf dem Weg der Tod ereilt. Und die Obrigkeit erklärte, daß der Mörder die gefüllte Posttasche mit sich genommen habe. Der Vogt und sein Schreiber Daniel und sein Knecht, der Polizei-Sören, dem damals gerade die ersten verschämten Haare unter der Nase hervorsproßten, suchten im Walde, in den Häusern, in den Geröllhalden. Aber der Steine sind in dieser Gegend, Gott bessere es, gar zu viele. Die Obrigkeit konnte nicht unter allen herumscharren. Und es verging Tag um Tag, und sie fand die Tasche nicht und sie fand den Mörder nicht.
Der Vogt wollte schon seinen Schreiber Daniel mit den Akten in die Stadt schicken, als Arnika Oevreseth mit dem Neuen Testament in der einen und einem weißen Taschentuch in der andern Hand auf seinem Kontor erschien und unter viel Seufzern und Tränenerguß eine seltsame Mitteilung machte.
Arnika Oevreseth war nicht als hervorragend begabte, aber als tiefreligiöse Frau bekannt. Und nun sitzt sie also auf der äußersten Stuhlkante und sagt: „Er ist es — der Herr tröste mich!“
Der Vogt Kolbjörn Fagernes, verdrießlich über seine große und vergebliche Mühe mit dem Postraub, schaut vom Briefe auf und fragt: „Wer soll was sein? — Siehst du denn nicht, daß ich hier sitze und schreibe, alte Frau?“
Und weiter beachtet der Vogt diese Arnika nicht. Arnika aber sagt: „In des Herrn Namen — ich habe sie gefunden.“
„Ja“, murmelt der Vogt, ohne den Blick zu heben. Und dann wird er wütend über die Störung und sagt auch noch: „Ja, gute Seele — scher dich nun in des Herrn Namen zum Henker ... Denn ich habe keine Zeit für dich, siehst du.“
Ach, der Vogt war damals ein noch sehr junger Mann und erst vor kurzem in diese Gegend gekommen. Er setzte sich durch seine kräftige Sprache sogleich bei allen mächtig in Respekt.
„Vogt, versündige dich nicht!“ ruft Arnika Oevreseth. Hei, wie ihre Lippen zucken, und wie ihr das Kinn zuckt. „Er und kein andrer ist es!“ ruft sie. „Gott stehe ihm bei! ... Und ich habe die Tasche gesehn ...“
„Die Tasche?“ fragt der Vogt und legt die Feder weg. „Doch wohl nicht die Posttasche?“
Arnika nickt und beginnt nun heftig zu schluchzen. Aber das, was heraus muß, kommt schließlich doch heraus. Alles kommt heraus: „Ja — aber war es die Posttasche!“ ruft sie.
Arnika Oevreseth hat ihren eigenen leibhaftigen Sohn Haldor mit der Posttasche überrascht. Ja, und unter einem großen Stein hinter der Scheune liegt sie. Und das wäre nun allerdings eine Neuigkeit.
Der Vogt setzt sogleich seine Amtsmütze mit den Goldschnüren und der Kokarde auf, ruft seinen Knecht herbei, und fort geht es, das Tal hinauf. Alles stimmt. Da ist der Stein. Da ist die Tasche. Aber die Tasche ist leer.
Der Sohn Haldor liegt auf seinem Bett und schläft friedlich und ohne Gewissensbisse. Man weckt ihn, und die Obrigkeit erforscht unerbittlich seine Seele.
Aber nein, dieser Sohn gesteht nicht. Er habe die Tasche im Walde gefunden, gibt er an. Und mehr wisse er nicht, gibt er an. „Und glaubt mir nur, Vogt, sie war schon leer!“ ruft Haldor. „Und ich habe die Tasche doch nur so mitgenommen.“
Und als die Tasche dann überall gesucht wurde, schwieg Haldor, weil er sich plötzlich fürchtete. Haldor war vielleicht ein wenig beschränkt im Geiste und, wie es hieß, mit einem schwachen Kopf geboren. Es hieß plötzlich auch, Haldor sei allezeit träge zur Arbeit gewesen und dazu grob im Mund. Keiner wunderte sich, daß es ein Ende mit Schrecken nehmen mußte!
„Gott sei mein Zeuge!“ ruft Haldor.
Aber das war doch zum Lachen idiotisch. Nun wunderten sich alle Leute nur noch darüber, daß dieser Bursche so standhaft leugnen konnte, trotz Kreuzverhör und schmaler Kost und hartem Lager im Keller unter dem Vogtkontor.
Der Vogt war doch noch so jung und schneidig, damals. Er hatte den Mörder und die Tasche erwischt. Nun wollte er absolut auch das viele Geld finden. Oh, er war scharf, der Vogt.
Wenn Haldor Oevreseth sehr hungrig wurde, sagte er: „Ja. Da und da habe ich es vergraben, das Geld.“
Dann gab man ihm zu essen. Aber das war doch alles nur Schwindel und führte zu nichts. Wenn man hinging, war doch nichts vergraben. Das Geld war verschwunden. Das Geld blieb verschwunden.
Der einzige Trost war, daß man wenigstens den Mörder hatte. Der Vogt führte ihn in die Stadt.
Haldor Oevreseth wurde seines schwachen Kopfes wegen nicht zum Tode, sondern nur zu achtundzwanzig Jahren Kerker verurteilt. Und damit war diese Sache erledigt.
Sie wurde viel besprochen in Mjelvik. Denn soweit die Menschen zurückdenken konnten, hatte sich an diesem Strande nichts Ähnliches ereignet. Dies und die schwierige Lage des Königs und der allgemeine Hunger rüttelte die Gemüter nicht übel auf. Die Leute krümmten ihre Rücken unter der Geißel des Himmels, und viele unter ihnen begannen ihre Zunge zu zügeln, bezähmten ihr hitziges Gemüt und taten mit Seufzern und frommen Sprüchen Einkehr. Ja, sie scheuten sogar zu dieser Zeit nicht mehr den langen und beschwerlichen Weg nach dem Pfarrorte Lunda.
Und es schien wirklich so, als nähme der Himmel ihre reumütige Buße gnädig auf und halte inne mit der Fuchtel und den unbegreiflichen Heimsuchungen.
Ein König und ein Krämer
Benjamin Sagensen trat ins Kontor des Königs Sigmund, blieb bescheiden bei der Tür stehn und erklärte; er sei nicht ganz abgeneigt, den Kramladen zu kaufen. Den alten Kramladen von Mjelvik!
„Nein“, sagte der König.
„Ja, verzeihen Sie nur, Sigmund Borsa!“ sagte Benjamin Sagensen. „Ich dachte nur so. Aber ich bin doch ein unwissender Mann. Und vielleicht war meine Frage kühn und zudringlich. Aber das wollte ich nicht.“
Hierauf schwieg er. Und als auch der König schwieg, sagte Benjamin Sagensen beiläufig noch dieses: „Ich habe mir drüben in Amerika ein paar Schillinge erspart. Und nun wollte ich sie in ein gutes Geschäft hineinstecken und versuchen, in der Heimat vorwärtszukommen. Aber ich sehe nun wohl, daß es Ihnen nicht paßt. Und so werde ich also in des Herrn Namen weiterreisen müssen.“
Und da steht also der König am Fenster und schaut auf den Fjord hinaus, auf dem nichts anderes zu erblicken ist als die alte Fischjacht „Solrenningen“, die in ergebener Hoffnungslosigkeit am Strande klebt und einem halbtoten Vogel gleicht. Benjamin Sagensen dreht die Mütze in beiden Händen, zögert eine Weile und geht dann. Er kommt bis zur Tür.
„Warte ein wenig!“ ruft ihm der König nach. „Wir könnten ja noch über einiges reden ... Also den Kramladen, meinst du? ... Wieviel Geld hast du denn?“
„Nun“, sagt Benjamin Sagensen leise, ohne sich unnötig aufzublasen. „Es ist wohl nicht gerade viel. Aber für den Anfang ... So einige kleine Tausender ...“
„Setz dich!“ sagt der König. „Sind es Kronen? Oder ist es von dem großen amerikanischen Geld?“
„Dollars“, sagt Benjamin Sagensen und setzt sich.
Und der König hat inzwischen wohl feststellen können, daß der Fjord völlig leer und die ganze Gegend ohne Ereignis ist. Er wendet langsam seinen Vogelkopf zurück. Jawohl, dieser Mann da, Benjamin Sagensen, der vor einigen Jahren nach Amerika auszog und in der Heimat keine Lücke hinterließ, dieser geringe Mann mit seinem einfältigen und demütigen Wesen, der ohne Aufhebens eine große Summe nennt, preßt selbst einem Herrn, wie Sigmund Borsa, einen Teil Achtung ab.
„Jasso! Wie lange bist du eigentlich fort gewesen, Benjamin? — Fünf Jahre? — Hem — dann hast du aber tapfer verdient.“
Darüber sei nicht zu klagen, meint Benjamin Sagensen mit leisem Lächeln. Aber nun liegen die Verhältnisse so, daß er ganz allein steht. Er ist nur herübergekommen, seine Schwester zu besuchen, Synöve, die Frau des Müllers ... So eine Art Heimweh ...
Nein, Benjamin Sagensen hat Mjelvik drüben, trotz Glück und Segen, niemals völlig vergessen können ... Oh, das kennen doch die meisten. Man möchte gerne die Orte, wo man als Knabe spielte, wiedersehn ...
„Ja, ja“, nickt der König. Aber plötzlich wird er mißtrauisch und streng. „Und dann kommst du ausspekuliert auf meinen Kramladen ...“
„Nun — ich dachte mir, ein Mann wie Sigmund Borsa ... Ich sagte zu mir selber: Dieser Mann wird mit diesem einfachen Geschäft doch bald aufhören und sich größeren Dingen zuwenden. Ja, entschuldigen Sie!“ sagt Benjamin Sagensen.
Da muß sich also der König aufs neue besinnen.
„Darin hast du allerdings recht. Du siehst ja, ich habe schon manchen Artikel ausgehen lassen ... Ja.“
Dieses eben hat Benjamin Sagensen gesehn. Und darum kam er also und wagte zu fragen. Aber er versteht jetzt natürlich selber, daß es förmlich unverschämt gewesen. Er will gleich wieder gehen. „Sie müssen entschuldigen!“ bittet er.
„Nein, gräm dich nicht deswegen“, sagt der König versöhnlich gestimmt. „Ich bin doch auch einigermaßen Kaufmann. Und die Wahrheit zu gestehn, ich habe allerlei Projekte. Es ist in der Tat vieles, was mir heute so durch den Kopf geht. Und seit der alte Sjuren tot ist, ist doch keiner mehr da, der auf den Kramladen achtet und die rechte Ordnung hält. Aber nun verhält es sich dennoch auch so, daß schon mein Urgroßvater mit diesem Geschäft begonnen hat ...“
Benjamin senkt seinen Kopf verständnisvoll. O, er begreift doch so wohl, daß Sigmund Borsa sich von dem alten Geschäft nicht trennen kann. Und er bittet nochmals um Verzeihung.
Aber nein, der König nimmt es nicht länger übel auf. Er läßt sogar erkennen, daß er gar nicht so ganz abgeneigt wäre.
Und so umschmeicheln sich die beiden mit weichen Pfoten, schleichen behutsam um den Topf herum und reden darüber hin, genau so, wie es beim Handeln in Mjelvik seit jeher üblich gewesen. Aber sie werden mit der Zeit einig.
Der König schreibt ein Papier, das Benjamin Sagensen dreimal genau durchliest. Beide setzen ihre Namen darunter. Und dann ist es abgemacht.
Benjamin Sagensen verläßt das Kontor. Und nun ist er also Krämer, mit eigenem Geschäft auf eigenem Boden. Du große Welt! Aber dieser Mann geht ebenso klein und leise und mit gebeugtem Nacken den Weg zurück, genau so wie er gekommen. Behutsam und still geht er. Er lächelt vielleicht ein wenig — ganz zuhinterst in seinen Augen ...
Dieses geschah am Tage, als Haldor Oevreseth in die Stadt abgeliefert wurde. Und man hatte also zwei große Sachen zur allgemeinen Unterhaltung. Wahrlich zwei unerhörte Sachen. Und nun meinten die Leute, es sei überhaupt alles aus und Amen mit dem König. Und einige nahmen es sehr schwer und jammerten und machten sich sorgenvolle Gedanken.
Zu aller Überraschung geschah aber wenige Tage später schon dieses, daß der König alle freien Arbeiter und Lediggänger zu sich gebot und ihnen befahl, den Grund auszuheben zu einem großen Gebäude. Er befahl ihnen, an der Berghalde Steine zu brechen und im Wald Bäume zu fällen und Balken und Bretter zu sägen.
So baute er eine Fabrik. Und es wurde eine Seifenfabrik.
Der König führte nun nicht mehr, wie früher, all den billigen Hering in die Stadt und bereicherte andere Leute. Sondern er gewann von da ab selber das Öl daraus und erzeugte Schmierseife, die wohl nicht besser, aber auch nicht schlechter war als andere Schmierseife im Lande herum. Der Himmel selber spendete seinen Segen dazu, und das Geschäft blühte auf. Dem verwunderten Kopfschütteln zum Trotz blühte es sogleich mächtig auf. Der Kontorist Ellingsen bekam bald eine schiefe Schulter von all dem Soll und Haben und Buchführung und Bestellungen und Fakturaschreiben.
Aber es strömte Geld in die Kasse des Königs. Und es kam wieder Korn aus der Stadt, und es kam wieder Mehl in die Säcke. Und es kam wieder Zuversicht nach Mjelvik.
Die alten Weiber schalten die Kinder hinfort nicht mehr wenn sie bei ihren Spielen auch noch so laut lachten und lärmten. Alle fühlten deutlich, daß die Zeit der Züchtigung vorbei war, und sie richteten sich wieder auf und hielten allgemach inne mit Demut und Bußfertigkeit.
Benjamin Sagensen stand in seinem Kramladen vor gefüllten Regalen und vollen Schubladen und bediente in sachter Weise und gefälligen Wesens seine Kunden.
Ein Donnerskerl, dieser Benjamin! Sogleich ließ er sich unter den Ohren kleine Bärtchen wachsen und schabte jeden Samstag nur noch Kinn und Oberlippe glatt. Außerdem machte er sich mit einigen Brettern und einem schmalen Fenster neben der Tür seines Kramladens einen Verschlag und schrieb darauf „Kontor“, und stellte einen Tisch hinein und eine Kopierpresse auf den Tisch, führte ein Buch wie ein regelrechter Kaufmann und ging mit der Feder um, daß es knatterte.
Aber er hielt sich trotz aller Höflichkeit im Verkehr von den Leuten zurück, und sein Geldsack schien gar keinen Boden zu haben. Nur wenige wagten Benjamin Sagensen jetzt noch zu duzen wie in alten Tagen.
Kaufmann war er, und dazu noch ein Mann von nicht geringem Gewicht. Aber achtete man ihn nun vielleicht in allen Teilen so hoch? Keine Rede davon.
Wenn einem etwas fehlte, ging er da vielleicht zum Krämer-Benjamin? Nein, das konnte keinem einfallen. Sie gingen nach wie vor zum König.
Sie standen, mit der Mütze in der Hand, und baten um einen Sack Mehl oder um ein lächerlich kleines Darlehen, um Vorschuß, um ein kleines Stück Land zum Roden, um einen Sägebaum — es gab hundert Dinge, um die man den König bitten konnte. Und der König nickte und sagte, es werde sich wohl ein Rat finden. Und dann war es auch schon soviel wie gemacht.
So hatte schon Sigmunds Vater regiert und sein Großvater, So sollte es in Mjelvik immer sein. Es gab von jeher Tradition im Geschlecht der Borsa. Geborene Herrscher, bis auf den heutigen Tag. Das Volk beugte sich willig unter das Zepter ...
Da kommt der König nun zum Beispiel von seiner Seifenfabrik den Weg herunter. Und Isaksen, der kleine Pächter von Ytredalen, steht am Wege und nimmt die Fellmütze vom Kopf und den Tabakspriem aus dem Munde.
„Guten Abend“, sagt Isaksen.
Der König bleibt stehn und betrachtet die Tannenstämme am Wege. Vielleicht hat er des Kätners Gruß gar nicht gehört.
„Es ist nur darum“, sagt Isaksen, „... heute wäre nämlich der Pachtzins wieder fällig.“
„Ja, das ist er wohl“, nickt der König.
„Ja. Aber nun muß ich — bitterer Tod — bekennen, daß ich ihn nicht habe. Nein, kein rotes Ör ...“
„Du hast den Zins nicht?“
„Nein. Vergebt mir dieses Mal, Sigmund Borsa! Aber es ist platt unmöglich.“
„Hast du ihn vielleicht letztes Jahr bezahlt, oder das Jahr vorher?“
„Leider ... Aber Sie sind doch immer ein guter Herr gewesen ... Und letzte Woche habe ich im Berg eine Kuh verloren. Und der Krämer-Benjamin will mir nicht länger borgen. Er ist ein Kujon! Wenn ich aber kein Mehl habe, wovon soll dann meine Alte Grütze kochen? Und ohne Grütze ist Hunger im Haus ...“
„So? Will er dir nicht borgen? ... Ich werde ein Wort mit ihm reden“, sagt der König. „Geh morgen noch einmal zu ihm hin. Und nun kannst du gleich auf die Mühle fahren und einen Sack Mehl holen.“
Isaksen hat plötzlich viel Wasser in den Augen. „Gott segne Sie!“ ruft er. Ho, wie sein Kinn Falten bekommt und bebt.
Das gefällt dem König Sigmund. „Wie heißt doch deine zweite Tochter?“
„Karin.“
„Sie soll morgen nach Trollhaugen kommen. Karin? Sie kann im Haus ein wenig helfen.“
Dann nickt der König und geht. So regiert er — mit Milde und Klugheit.
Isaksen bleibt noch ein wenig mitten auf dem Wege stehn und wischt sich mit dem Handrücken unter der Nase ... Ein Sack Mehl und Kredit beim Krämer und Karin ... Ja, das ist nun für Isaksen von Ytredalen eine sehr große Sache. Karin auf Trollhaugen — wahrlich ein tröstlicher Blick in die Zukunft.
Vielleicht, begann dieser Tag mit einem nebelgrauen Morgen. Aber alle Dinge wenden sich einem elenden Kätner nun zum Guten. Er setzt die Fellmütze wieder auf, gräbt den kaum halbverbrauchten Priem aus der Hosentasche hervor und wandert quer durch den Wald ... Karin auf Trollhaugen — Glanz fällt auf Isaksens geringe Hütte ...
Ein kleines Menschenalter
Karin diente zwei oder drei Jahre lang auf Trollhaugen. Und als ihre Zeit um war, war viel von ihres Vaters Pachtschuld im großen Buch auf Trollhaugen getilgt. Karin heiratete dann des Vogts Knecht, den Polizei-Sören. Sie wurde eine brave Hausfrau.
Und Tea trat an Karins Platz im Herrenhof. Tea war zu jener Zeit auch ein junges und frisches Mädchen.
Sie war das erste Mädchen an diesem Strande, das Sonntags eine rote Seidenbluse mit tiefem Busenausschnitt trug und dünne Strümpfe über die Waden streifte. Tea — sie benahm sich in allem schon auffallend gebildet. Sogar das Taschentuch benutzte sie an allen Wochentagen und trug es die ganze Zeit mit sich herum und prahlte vor andern Mädchen damit. Sie trieb überhaupt ungeheure Verschwendung in Manufaktur und Wäsche. Sie zierte und verschönerte sich, so gut sie konnte, und schmückte mit ihrer Jugendblüte das große düstere Haus auf Trollhaugen.
König Sigmund hätte nun mit dem Leben wohl zufrieden sein können, denn er besaß eine glückliche Hand in jeder Beziehung. Seine Frau, Kristin, hatte ihm außer den großen Wäldern bei Furuvoll noch manchen guten Taler in die Ehe gebracht. Und hierauf kränkelte Kristin, stellte an alle Fenster Blumentöpfe und sang vom Morgen bis zum Abend Psalter. Sie war eine stille, in sich selber versunkene, allem irdischen Frevel abgeneigte Seele.
Kristin — nichts als Frieden wünschte sie, Und der König schenkte ihr Frieden.
Aber er selber blieb stetsfort erfüllt von Unrast und Begehrlichkeit und einem unwiderstehlichen Drang nach vorwärts. Nicht genug damit, daß er seine Seifenfabrik schon dreimal vergrößerte und daß er für sein Haus schon zwei junge Mägde zu gleicher Zeit halten konnte, er gründete auch noch eine Tonnenfabrik.
Er ließ die Tannen in Kristins Wäldern schlagen und schnitt sie auf seiner Säge. Die Arbeit ging Sommer und Winter nicht mehr aus in Mjelvik. Und der Kontorist wurde immer schiefer in den Schultern und begann zu kränkeln, vom Rechnen und Schreiben. Die Kasse aber wurde unter seinen Händen immer voller.
Kein Wunder, daß das alles dem König ins Blut schoß und ihn üppig machte. Er strotzte von so viel Kraftanhäufung. Da baute er auch noch eine Landungsbrücke aus mächtigen Steinen, mit schweren Eisenringen und Prellbalken. Und als die Brücke fertig war, reiste der König in die Stadt. Und als er zurückkehrte, fuhr er auf einem Dampfer.
Ja, der König brachte es zustande, daß die Postschiffe jede Woche zweimal in Mjelvik anlegten und die Luft zwischen den hohen Felsenwänden mit dem Geheul ihrer Sirenen, dem Gerassel ihrer Dampfwinden und den Strand mit Verkehr und Trafik und Weltwirtschaft erfüllten.
Dem König gelang alles.
Und dann kam zu allem Überflusse auch noch der Krieg, und die goldene Woge rollte übers Meer herein. Sigmund Borsa war nicht der Mann, der sie mit Staunen in den Augen und den Händen in den Hosentaschen vorbeirollen ließ. Ach nein, er schöpfte seinen guten Teil aus ihr. Er schickte seine Jacht „Solrenningen“ aus und kaufte all den alten Hering der ganzen Küste entlang auf und schickte ihn den hungernden Deutschen, die ihm dafür ihr gutes Geld hergeben mußten.
König Sigmund kaufte Aktien und spekulierte herrlich mit Schiffstonnage. Und eine Zeitlang war er Millionär. Vielleicht Doppelmillionär. Herrgott, er trug ja die Tausendkronenscheine lose in beiden Westentaschen herum. Wenn er nach seinem silbernen Bleistift suchte, fiel gewöhnlich eine von den gewaltigen roten Banknoten heraus und erfüllte die Leute mit andächtigem Schreck.
Aber dann senkte sich, für Mjelvik unerwartet und manchem unerwünscht, der holde Friedensengel auf die blutrote Erde nieder. Der Friedensengel traf den König völlig unvorbereitet und verwirrte seine Finanzen fürchterlich, Fort rollten die Millionen. Wie dünnes Wasser rannen sie dem König durch die Finger, und er erwachte aus einem kurzen, aber herrlichen Traum mit Angst und heftiger Empörung wieder zu simpler und jammervoller Ärmlichkeit.
Es kam fast alles wieder zurück in jenen Zustand, der vor der Ermordung des Post-Nikolaj an diesem Strande geherrscht. Ein Zustand, der schon damals betrüblich gewesen und der jetzt, nach den Zeiten unerhörten Überflusses und Verschwendung, niederschmetternd wirkte. —
Seit jener Zeit war Jahr um Jahr vergangen. Es waren wohl bald dreißig Jahre vergangen.
Trotz Postraub und Krämer-Benjamin und Landungsbrücke und Millionentraum hatte sich nicht so sehr viel in Mjelvik verändert. Alle paar Jahre zogen junge Mädchen auf Trollhaugen ein, und andere junge Mädchen zogen, wohlvorbereitet fürs Leben, aus und wurden gute Hausfrauen. Da und dort fiel ein alter Baum um, hin und wieder fuhr das große Kirchenboot mit traurigen Gesängen und die Flagge auf Halbmast zur schwarzen Bucht hinaus ...
Aber in jedem Frühling sproßte neues Grün aus der unsterblichen Erde. Und wenn irgendwo ein Alter auf dem langen Marsche zurückblieb und hinsank, trat sogleich ein Junger in seine Lücke, so daß die Reihe immer geschlossen blieb.
Prächtige Kinder wuchsen in Mjelvik auf. Und es ist wohl nichts als ein komischer Zufall, daß so viele von ihnen ungewöhnlich lange Nasen bekamen.
Der Vogt Kolbjörn Fagernes war trotz seiner guten Dienste beim Auffinden des Posträubers noch immer nicht befördert worden. Er hatte in vergeblichem Hoffen und Glauben schneeweiße Haare bekommen und dazu einen trägen Magen und eine pessimistische Weltanschauung, so daß er begann, in allem Geschehen nur das Böse zu suchen, und es auch fand.
Dem Polizei-Sören war inzwischen ein männlicher Bart gewachsen, und aus dem leichtfüßigen Jüngling von ehedem wurde ein braver Familienvater in einem ordentlichen Heim. Sein Weib Karin hatte wahrlich nicht umsonst auf Trollhaugen gedient.
Dem König aber fielen aus irgendeiner Ursache im Laufe der Zeit alle Haare auf dem Kopfe aus. Nur im Nacken und hinter den Ohren stand noch ein dünner Kranz. Die Glatze kleidete ihn gar nicht übel. Sonst ging er noch jugendlich einher.
Als der erste Schreck nach dem Zusammenbruch überwunden war und man aus den Trümmern des stolzen Glückschiffes ein Floß zusammengeflickt hatte, auf dem man zwar nicht herrlich segeln, doch wenigstens auf dem Strome treiben und das nackte Leben bergen konnte, gewöhnte man sich auch in Mjelvik merkwürdig rasch wieder an die Entsagungen eines dürftigen Menschendaseins.
Die Leute waren kaum besser, aber auch nicht schlimmer geworden, als sie früher schon gewesen.
Alles ist im Grunde weise eingerichtet und nichts zu schelten — die Kleinen werden groß, die Großen alt. Die Alten welken dahin. Nur ein Narr kann sich darüber wundern.
Es sah fast so aus, als sei nach den Umwälzungen mit der Armut ein völlig normaler Zustand an diesen Ort zurückgekehrt. Aber da kam ein Tag, und da kam ein Schiff. Und drei Persönlichkeiten stiegen ans Land. Und das war ein Abgesandter des Himmels, eine Königin der Liebeskünste und ein alter Mann, den man später Hornlöffelmeister nannte.
Kleopatra
Die Liebeskönigin sollte, wie sich bald zeigte, von großer Bedeutung für Mjelvik werden.
Sie wurde zwar nicht von einem griechischen Sklaven, in orientalische Teppiche eingehüllt, ans Land getragen, sondern sie ging auf ihren eigenen schlanken Beinen über den Dampfschiffsteg. Und sie kam auch nicht aus einem Lande, das Ägypten heißt, sondern aus einer alten Hansastadt. Oline Jensen heißt sie.
Einmal regierte sie für kürzere Zeit als unumschränkte Herrin auf Trägebö über ein ansehnliches weißes Haus und einen Mann, der ein eigenes Geschäft, ein Motorboot und einen Smoking besaß. Damals war sie eine Dame von vornehmer Herkunft und eine reiche Kaufmannsfrau mit zwei Mägden, einem Klavier und weißen Gardinen an den vielen Fenstern. Damals gab sie noch Gesellschaften und weckte im Frühlingstal Aufsehen und in ihrer Familie helle Begeisterung.
Noch früher weckte sie auch schon Begeisterung, schon zu der Zeit, als sie die Freundin eines Studenten war, der sie „Guppen“ nannte und ihr nebenbei die Anfangsgründe der höheren Bildung beibrachte ...
Das ist nun alles vorbei und überwunden. Es sind Oline Jensen inzwischen vielleicht ein paar Federchen ausgerupft worden. Aber irgendwelchen inneren Schaden hat sie nicht genommen. Gott bewahre — sie blüht prächtiger denn je zuvor!
Jetzt kommt Oline Jensen also aus der Stadt Bergen dahergereist, aus jener Stadt, in der es, wie allgemein behauptet wird, mehr als dreihundert Tage im Jahre regnet und deren Straßen mit runden großen, groben Steinen gepflastert sind. Oline schreitet ans Land von Mjelvik. Ihr Gang ist wahrhaft immer noch königlich. Sie hat sehr hohe Stöckelschuhe an den Füßen. Und wie sie bei jedem Schritt ihre Beine hebt und die Fußspitzen streckt, das ist mehr als reizend — es ist aufreizend. Es ist beinahe übermenschlich.
Ihre Schuhe sind selbstverständlich feine, teure Lackschuhe, Importware. Die Strümpfe darüber sind echte Seidenstrümpfe, wahrscheinlich stammen sie aus der Schweiz oder aus Frankreich, Gott weiß es. Und der backsteinrote Mantel ist mit Marderpelz rundherum und überall aufs prächtigste verziert. Das ist ein Mantel, der mindestens seine fünfhundert Kronen gekostet hat. Man sieht es ihm an.
Am Strande von Mjelvik steht man, was Mode und Frauenherrlichkeit anbetrifft, noch in der Zeit, da Tea jung und reizend war und alle Vorderzähne im Munde trug. Tea wurde bis auf den heutigen Tag an Eleganz noch nicht übertroffen, obwohl sie bereits eine ehrbare Matrone mit Silber im Haar und am Leib ein wenig schadhaft geworden ist.
Wenn also Oline mit solcher Prachtentfaltung ans Land schreitet, muß sie nicht wenig Aufsehen erregen unter den vielen Menschen, die auf der Brücke stehen, um sich den Dampfer zu betrachten. Sogar die Dampfwinden schweigen und halten für einen Augenblick den Atem an. Von allen Seiten wird Oline Jensen mit bewundernden Blicken umflutet. Sie fühlt dieses ehrfürchtige Staunen angenehm und lüstern wie lau rieselndes Wasser auf ihrem ganzen Körper. O, sie möchte jauchzen vor lauter Seligkeit und Freude an sich selber.
Das ist in der Tat ein Höhepunkt. Und um sich selber wenn möglich zu überbieten, hebt Oline jetzt auch den Sonnenschirm und spannt ihn auf über ihrem großen Federnhut, obgleich keine Spur von Sonnenschein ihre zarte Haut gefährden könnte. Aber dieser Schirm schillert schong-schong, rot und grün auf einmal. Und dergleichen ist an dieser Stelle der Erde noch nie erblickt worden.
Man hat zwar in Mjelvik auch zuweilen fremde Touristen gesehen, Engländer und so, kuriose Leute, die wegen einem Lachs tagelang bis an die Knie im kalten Bachwasser herumstehen, Pfeife rauchen, in unverständlicher Zunge reden, das Geld sinnlos wegwerfen und auch sonst noch voller Schrullen sind.
Einige von ihnen fuhren ohne Zweck und nur zu ihrer eigenen Neugierde durchs Tal hinauf, legten den Kopf bald auf die eine Seite, bald auf die andere, sagten „Ah!“ und „Oh!“ und bewunderten — Gott helfe ihnen! — alle die Berge, die doch nichts weiter als nackte Natur sind. Man nennt das Touristtrafik.
Das Volk von Mjelvik lacht nicht wenig über alle diese komischen Menschen und ihren blöden Trafik. Aber ihr Geld wenigstens ist gut und echt — norwegische Silberkronen mit einem Kranz, einem Kreuz und einem Loch in der Mitte.
Nein, Oline zählt nicht zu jener Sorte. Sie wirkt auch nicht so fremdländisch und unheimlich. Nur überwältigend wirkt sie. Und jetzt dreht sie den schillernden Sonnenschirm anmutig auf der Schulter und schaut sich lächelnd um.
So viel scheint hier offenkundig, daß diese prächtige Dame weder im Bachwasser stehen und fischen will, noch als Tourist durchs schwarze Tal hinauffahren möchte, um die hohen Berge anzustaunen. Sie muß also in anderer Absicht nach Mjelvik gereist sein.
Und da steht Sigmund Borsa, der König, und ist nicht weniger überrascht als alle seine Untertanen. Immerhin, er überragt sie trotzdem auch jetzt noch um Haupteslänge. Und er steht da wie ein Leuchtturm, wie eine Säule.
Oline kann sich nicht helfen und steuert auf ihn los. Es mögen zehn oder zwölf Schritte sein. Oline macht sie, indes ihre grauen Augen kräftig und fest auf den Mjelvikkönig gerichtet sind. Ha — ihre Augen ... zwei blaue Stichflammen! Sie stürzen sich auf den König Sigmund wie ein Feuerwirbel.
„Wohnt hier ein Herr Nils Ytra?“ fragt Oline Jensen.
„Was Teufels — Herr?“ fragt der König ganz unmanierlich vor Verblüffung zurück. „Ein Herr? — Nein!“ sagt er.
O, der König! Es gibt doch in dieser ganzen Landschaft nur einen einzigen Herrn. Hier steht er.
Oline muß die Sache etwas näher erklären. „Er ist Schmied — Mechaniker sogar ... er hat ein Motorrad ...“
O ja. In diesem Falle kann es nur Nils Ytra sein, der jüngste Bruder jener Dienstmagd Karin, die vor langer Zeit ein junges Mädchen war und im Herrenhof ihr Glück machte ... Diesen Windhund und Prahlhans von einem Nils darf man also heute Herr nennen!
„Hahaha!“ lacht der König.
Er lacht mit so unverkennbarer Verachtung, daß Oline sich ein bißchen duckt.
Nun, das ist ja auch nur ein Augenblick. Und man könnte wohl meinen, es sei nichts Besonderes daran. Aber dieser Augenblick wird von großen Folgen für den König Sigmund und den Ort Mjelvik.
Ja, nun scheint das ein Tag zu sein wie viele andere Tage. Der König steht auf seiner steinernen Landungsbrücke, ein Auge auf alle die Fässer und Kisten und sonstigen Waren gerichtet und auch auf die Reisenden, die hier das Schiff verlassen. Denn das ist des Königs Landungsbrücke. Und der König erhebt Brückengeld. Jeder muß ihm Zoll zahlen.
„Anders!“ ruft er. „Da! Nimm die Papiere ... ich geh’ jetzt ...“ Er dreht sich um und schreitet davon.
Oline aber macht einen Bogen hinter ihm herum und gelangt an seine rechte Seite.
„Nannte er sich wirklich Herr Nils?“ fragt der König.
Die goldene Kette mit dem goldenen Hufeisen auf seinem Bauch fängt an zu hüpfen. Es führt ein Sträßlein dem Strande entlang. Nachdem sie ein Stück weiter darauf marschiert sind, bleibt der König stehen und weist gleichsam mit der Nase auf ein schwarzes Loch zwischen den steilen Felswänden. „Dort oben wohnt er ... Eine verlotterte Hütte ... und die alte Marte — bewahre meine Seele! Sie ist eine Hexe ... Ytra! Es sind doch die geringsten von allen meinen Häuslern ...“
Oline gesteht, daß sie das nicht wußte. Oline sagt, daß sie nur mit dem Schmied zu reden habe. „Aus gewissen Gründen“, sagt sie.
Aber der Mjelvikkönig schüttelt sein Haupt. Diese junge Dame hat ihn bezaubert und aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie wird ihm alsbald zum Verhängnis. Dieses mag seine tiefere Ursache haben. Es hängt wohl damit zusammen, daß der Frühling mit Gewalt in die Erde gefahren ist und in allen stummen Pflanzen und lebenden Kreaturen rumort. Der König wurde aber in der letzten Zeit etwas abgedrängt von seinen Weideplätzen. Ja, er wurde zur Seite geschoben ...
Ist das vielleicht darum, weil er im Laufe der Jahre kahl geworden auf dem Scheitel und seine starken Brauen sich grau färbten? Oder ist es nur das verdammte Geld?
Ganz gewiß hat die Ebbe den König Sigmund aufs Trockene gesetzt. Er hat, wie viele andere, seine Beulen bekommen und seine tiefen Risse beim großen Krach. Aber zugrunde geht ein Sigmund Borsa deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil.
Hat er denn nicht seine Seifenfabrik gerettet und die Tonnenfabrik, Säge und Mühle — und die Landungsbrücke dort unten? Und das viele Land und den Hof? Nein, er ist noch nicht am Ende. Die Papiere lauten auf seine Frau. Kristin ... das ist doch alles zum Lachen ... Aber nun wagen diese Menschen ihre Hälse zu strecken. Und sie schielen den König von der Seite an und werden hoch im Hut — zur Hölle mit ihnen!
Der König ist vielleicht gestrauchelt und gestürzt. Aber der hier am Boden liegt, bleibt dennoch ein Riese. Er kann noch immer seine Arme rühren.
Und was die grauen Brauen anbetrifft — ho, in dieser Beziehung soll man bald erfahren, daß es noch bei weitem nicht aus und vorbei ist mit dem König. Ho — nein! Sein Blut kocht noch und schäumt noch. Sein Blut ist jung und wild ...
Aber irgendein böser Geist muß sich gegen den König erhoben haben, ein heimtückischer, feiger Geist, der sich im Hinterhalt und in dunklen Winkeln verbirgt und nicht im offenen Felde stellen läßt. Man kann ihn nicht bekämpfen. Man kann ihn deshalb auch nicht besiegen.
So viel hingegen ist leider gewiß, daß die jungen Mädchen sich zu weigern beginnen, in des Königs Dienste zu treten und im Privatkontor aufzuräumen, daß sie sich nicht länger darum mühen und reißen, Dienstmagd und glücklich zu werden auf Trollhaugen.
Einstmalen geschah das. Und es war eine durch Überlieferung geheiligte Sitte. Sie wurde vom gesamten Volke in Ehrfurcht respektiert.
Und jetzt kichern die jungen Mädchen. „Uff da!“ rufen sie, wenn der König sich ihnen in Wohlwollen nähern möchte. Und sie zwinkern frech mit den Augen und laufen davon... Zur Hölle mit ihnen!
Jawohl. Das wird aber allgemach doch ein ganz verdammter Zustand mit den obstinaten Mädchen — ausgerechnet jetzt in der brausenden Frühlingszeit, wenn sogar die Eisbäche an den Felsen die tollsten Sprünge machen.
Alter? Sollte der König wirklich alt geworden sein? Wer ist es, der das zu behaupten wagt? ... Ist jener Mann dort, der leichten Fußes den Weg heraufkommt, nicht der Müller Indrevig? Und hat der Müller nicht seine zweiundsiebzig Winter auf dem Rücken und vor ein paar Jährchen ein zwanzigjähriges Mädchen zu seiner Frau gemacht? Und ist der Müller seither denn nicht schon zweimal zum glücklichen Vater geworden?
Ja. Jawohl. Der Müller war aber schon ein erwachsener Mensch, als Sigmund Borsa noch auf der Schulbank saß. Überhaupt — es bedarf keiner weiteren Vergleiche...
Wen hat zum Beispiel diese elegante und ausnehmend hübsche Dame von all den vielen Menschen auf der Landungsbrücke angeredet? ... Nun geht sie an des Königs Seite. Und sie plaudert in zehn Minuten von zwanzig Dingen. Und sie lacht. Und das ist wie Vogelgezwitscher und Frühlingsrauschen. Das ist eine andere und feinere Melodie.
Dieser Weg hingegen ist schlecht und voller Steine und Unebenheiten. Die Dame kann nicht so leicht darauf gehen mit ihren zierlichen Füßen und kommt alle paar Schritte aus dem Gleichgewicht und stößt den König ein wenig an mit ihrer weichen Hüfte. Und dann sagt sie jedesmal leise: „Um Verzeihung!“ Und entschuldigt sich.
Aber es passiert ihr doch immer wieder, und sie kann nichts dafür. Sondern die ganze Schuld liegt am unebenen Wege. Nein, dieser Weg eignet sich schlecht für ausländische Lackschuhe.
Des Königs Lippen sind bereits trocken geworden. Er muß sie immerfort mit seiner Zungenspitze anfeuchten. Man mag sagen, was man will: das meiste geschieht doch nur durch das Zusammentreffen bloßer Zufälligkeiten.
Wenn zum Beispiel des Küsters rothaarige Petrine zu Ostern nach Trollhaugen gekommen wäre, könnte es schon möglich sein, daß des Königs Blut heute nicht so gar stürmisch rauschte, und daß sein Leben eine andere Richtung nehmen würde. Aber nein, Petrine kam nicht. Sie hatte natürlich einen Liebsten — so sind diese jungen Wesen heutigestags. Zur Hölle mit ihnen!
Hier geht ein Mann, der sich mit einmal der Mädchen von Mjelvik schämt ... Diese Bauerndirnen mit den breiten Gesichtern und den dicken Beinen, die auch Sonntags noch ein wenig nach Kuhstall und Küchenrauch und schlechtem Fett duften ...
Hahaha! Nein! — Die prachtvolle Dame an des Königs Seite duftet auch. Aber sie strömt alle Wohlgerüche des Morgenlandes von sich aus.
Eins allerdings stört den König. Daß ein so vornehmes Wesen mit dem Schmied Nils reden will — mit einem simplen Nils Ytra vom Tale. Der soll vor allen anderen zur Hölle fahren!
Nils Ytra? Er war ja ein paar Jahre lang fort in der Fremde. Man weiß nicht, was er dort getrieben. Vor kurzem kehrte er mit einem Motorrad zurück. Gut. Er bleibt trotzdem ein Dreckfink, der sich niemals in die Nähe einer feinen Dame wagen sollte.
Der König wird noch heute den alten Isaksen aufs Kontor kommen lassen und ihm einen deutlichen Wink geben.
Das finstere Schweigen des Königs gefällt Oline nicht. Sie erkundigt sich, wann der nächste Postdampfer in die Stadt zurückfährt.
Das werde nicht vor übermorgen um die Mittagszeit sein, sagt der König.
„Du große Welt!“ ruft Oline aus, bleibt stehen und blickt den König mit vollständig leeren Augen an. So sehr ist sie aus der Fassung gebracht.
„Ja“, sagt der König. Und die Dame werde nun zweimal in Mjelvik übernachten müssen, sagt er. Und das ließe sich absolut nicht ändern. Ja, wenn seine Jacht „Solrenningen“ nun gerade hier im Hafen und nicht unterwegs wäre ... Aber so ... Hingegen bei der Marte im Tale dürfe eine richtige Dame sich überhaupt nicht zeigen. Platt unmöglich ...
Und da bleibt also nur noch die einzige Möglichkeit: Trollhaugen.
„Trollhaugen?“
Jawohl, Trollhaugen, die Königsburg. Dort oben steht sie, breit und weiß, hinter alten stolzen Bäumen steht sie. Um Oline wird es hell.
Ach, Oline hat ja schon längst verstanden. Diese gesegnete Oline! Es fehlt ihr doch nicht an Lebenserfahrung und Menschenkenntnissen. Aber sie macht sich nun fabelhaft unwissend und furchtsam und alles in allem ungeheuer reizend. Sie ruft: „Das ist doch völlig ausgeschlossen und unmöglich! Gibt es denn hier gar kein Gasthaus?“
„Unmöglich — wieso? ... Und nicht die geringste Spur von Hotel!“
Alle besseren Reisenden fragen beim Krämer um Unterkunft. Der Krämer-Benjamin ... nein, er ist nicht fein genug ... Er ist nur für gewöhnliche Verhältnisse eingerichtet.
Darauf schweigt Oline und zeigt sich sehr verlegen. Und sie macht vier oder fünf hastige Schritte, als ob sie dem allem entfliehen könnte, und sagt: „Ach, alle Männer sind untreu und schlimm ... Man darf keinem einzigen trauen.“
Was soll nun das heißen? wundert sich der Mjelvikkönig. Aber er ist doch stark von eigenen Empfindungen eingenommen. Er richtet nun auch noch das andere Auge, das eigentlich nur für ferne Dinge bestimmt ist, auf Oline. Und was er sagt, bleibt ebenfalls einigermaßen verwunderlich. „Kristin liegt schon drei Jahre lang im Bett. Sie ist im Winter angezapft worden ... Aber das Wasser sammelt sich schon wieder in den Beinen.“
„Kristin?“
„Ja, meine Frau.“
„Oh!“
Oline ist nicht gefühllos. Nach kaum drei Schritten bezeugt sie dem König mit verschleierter Stimme sogleich noch etwas mehr Teilnahme. „Auch Sie müssen also ein hartes Los tragen!“ Und gleich darauf sagt sie: „Verzeihung!“
Der Weg wird ja immer schlechter.
Der Mjelvikkönig hält inne. „Wenn wir diesen Pfad emporsteigen, kommen wir zu einer kleinen Wiese.“
„Ei!“ wundert Oline sich und läßt zugleich ein paar blaue Blitze aus den Augenwinkeln fahren.
„Ja. Es steht eine kleine Scheune dort.“
„Ach!“ ruft Oline.
„Ja. Vor der Scheune steht eine Steinbank.“
„Das ist aber reizend!“ sagt Oline.
„Es ist auch gar nicht weit ... Eine kleine Viertelstunde ...“
Nun macht sich Oline wirklich gar zu kindisch. Sie schweigt plötzlich und nagt mit ihren Goldzähnen an der Unterlippe. Und dieses raubt dem König seine Besinnung und lähmt alle Widerstände. Das alles gleicht ja einem seligen Märchen. Hier, auf Armeslänge nur, steht des Märchens Prinzessin.
„Wenn es Sie nicht so sehr anstrengt ...“ bittet er.
„Nein“, sagt Oline, „das nicht ... Aber was sollen wir denn dort oben tun?“
Und so bringt sie den König immer mehr aus der Fassung mit ihrer rührenden Unschuld.
„Tun ...?“ stottert er. „Nein ... ich weiß nicht ... Wir könnten uns doch ein Weilchen unterhalten ...“
Hier steht nun der König und ringt mit seinen Gefühlen.
„So selten verirrt sich ein wirklicher Mensch in diese Gegend ...“
Das erscheint Oline nicht ganz unglaubhaft. Sie gibt selber zu, daß sie von diesem Orte Mjelvik nur durch Zufall und den Schmied Nils Ytra Kenntnis erhalten. Wenn jedoch ein schwergeprüfter Mann und König eine kleine Stärkung dringend bedarf, so ist Oline Jensen doch nicht die stolze, hartherzige Dame, die ihn mit kalter Hand und kalten Herzens von sich stoßen möchte. Durchaus nicht. Dahingegen handelt es sich hier nun wirklich um teure Lackschuhe und nicht um Bergstiefel. Und diese Schuhe sitzen außerdem sehr knapp. Wenn sie aus Glas anstatt aus Leder wären, könnte man leicht bemerken, daß die Zehen darin nicht nebeneinander, sondern übereinander liegen. Mit solchen Schuhen in diesen Bergen herumzusteigen, ist für Oline kein Vergnügen, sondern ein Opfer. Wohlan, Oline bringt das Opfer.
„Aber es wird für mich doch sehr beschwerlich sein“, erklärt sie mit einem tiefen Seufzer.
Und da wird der graue König wieder ganz jung und zuversichtlich und feurig. Er ruft; „Ich werde Sie stützen! Kommen Sie nur ... Sie sollen schon sehen, wie ich Sie stützen werde!“
Damit verschwinden die beiden im Tannenwalde.
Und die Bäche rauschen. Und die Vögel in den Bäumen sind völlig verrückt vor Freude und Verlangen.
Nicht vergeblich streicht der schlimme Südwind durch die Berge von Mjelvik. Er bringt alles außer Rand und Band.
Ein ernster Mann
Wenige Minuten nachdem der gütige und verschwiegene Wald den König und seine Dame aufgenommen, schreitet ein Mann das Sträßlein am Strande entlang. Das ist ein Mann mit schwerem Unterkiefer und schwarzen Stoppeln daran. Im übrigen ein Mann von düsterem Ernst und feierlichen Bewegungen. Es ist der Emissär Ole Mathiessen.
Der hat irgendwo dort unten in der großen Welt einen inneren Ruf vernommen. Den Hilferuf, daß zwischen den hohen Felsenwänden von Mjelvik mehrere Dutzend Seelen in Finsternis und Sünde wandeln und eine Beute des Bösen werden müssen. Nun denn — der Emissär bürstet seinen schwarzen Rock, wichst seine Stiefel und macht sich eiligst auf den Weg, die Seelen zu erretten.
Überstrahlt und im Schatten von Oline Jensens herrlicher Weltlichkeit konnte dieser fromme Mann unbemerkt das Land betreten. Nun macht er sich daran, die Gegend zu besichtigen, in der er seine Schlachten schlagen will.
Die Landungsbrücke, die paar Wege, die fünfzig oder sechzig Häuser und dahinter der Ring von Natur mit finsteren Bergen — das alles imponiert dem Emissär nicht weiter. Er hat auf seinen Feldzügen schon mächtigere Gegenden gesehen.
Höchstens wäre da die Königsburg von Trollhaugen, von der er sich einigen Nutzen oder Widerstand versprechen dürfte. Nun umschreitet er sie dreimal von Sonnenaufgang her und strengt alle seine inneren Kräfte an und fleht um Erleuchtung.
Sein Flehen wird alsbald erhört. Es wird ihm der alte Müller Indrevik auf dem Weg entgegengeführt. Und das ist just der rechte Mann. Einen besseren hätte der Emissär in ganz Mjelvik nicht finden können. Der Müller nicht schon von weitem und ruft laut: „Guten Tag! Sind wohl fremde Leute draußen auf der Wanderschaft?“
O Gott, er ist ja so neugierig wie ein Kalb auf der Frühlingswiese und tut, als freue er sich in seinem innersten Herzen, den feierlichen Laienprediger Ole Mathiessen hier zu treffen.
„Ja“, sagt der Emissär, „das verhält sich ungefähr so.“
Hierauf erkundigt er sich, wer im weißen Haus dort oben wohne. Gern macht ihm der Müller die nötige Mitteilung, und er läßt dabei den König keineswegs kleiner erscheinen, als er ist. Das verdrießt aber den Emissär, und er zieht strenge Falten in seine Stirn. Man dürfe sein Streben nicht auf irdische Güter richten, sagt er.
„Denn die Seele“, sagt der Emissär, „das bleibt die Hauptsache! Aber wie steht es denn, lieber Freund, andiesem Strande mit dem Glauben?“
Der Müller Indrevik schiebt den Südwester zur Seite und kratzt sich darunter, spuckt zweimal wichtig und mit großem Geräusch auf die Straße und bekennt: „Tvii! — Glauben? Hol mich der Teufel — damit ist es nicht weit her ...“
Es wird dem Emissär immer klarer, daß er den Hilferuf nicht umsonst vernommen und daß diese Seelen in unglaublichem Dunkel wandeln und eines hellen Lichtes und einer kräftigen Hand dringend bedürfen. Er zögert keinen Augenblick und beginnt den Kampf.
„Lieber Freund“, sagt er düster, „danke Gott, daß er nicht deine lose Zunge verdorren läßt! Du stehst am Rande des Grabes und fluchst wie ein brandschwarzer Türke. Wahrlich, für dich ist es höchste Zeit!“
Der Emissär hält seinen ersten Zorn zurück und bemüht sich vorerst noch großer Milde. Der Müller will aber gar nichts vom Grabesrand wissen. Keine Spur von Grabesrand. Seine Sinne sind der Entsagung ganz und gar abgewendet und mehr auf sein junges Weib und das Leibliche gerichtet. Sogleich beginnt er sich vor dem fremden schwarzen und ernsten Manne mächtig zu fürchten. Er drückt den Südwester aufs Haupt und rennt ohne Gruß davon.
Der Emissär läßt dieses Schaf vorläufig entweichen und beginnt den Angriff auf die Königsburg. Er gelangt aufs Kontor, und der Schreiber Mikkelsen bietet ihm mit fragendem Blick einen Stuhl an. Borsa sei noch nicht zurückgekommen von der Landungsbrücke. Aber jeden Augenblick müsse er hier sein.
Danke! Nein, der Emissär setzt sich nicht. Er wittert schon wieder Sünde und erklärt streng: „Sigmund Borsa ging den Weg hinauf — mit einem Frauenzimmer ... Und jetzt sind sie im Walde verschwunden.“
Dieses hält der Kontorist nicht für unwahrscheinlich. „Mit einem Frauenzimmer?“ fragt er und seufzt.
Ja. Kein Zweifel, mit einem Frauenzimmer!
„Hatte sie vielleicht rotes Haar — und volle Formen da herum?“
In kaltem Entsetzen starrt der Emissär den Schreiber an und setzt sich doch. Formen? Rotes Haar? „Nein, davon habe ich nichts bemerkt.“
„Dann war es nicht Petrine“, sagt der Kontorist erleichtert und fragt weiter: „Vielleicht war sie aber dunkel und hoch von Wuchs, rasch in ihren Bewegungen. Und sie krümmte sich zur Seite, wenn sie lachte?“
Der Emissär meint, dieses Mjelvik sei doch eine greulich sorgenvolle Gegend. Er schüttelt darüber sein Haupt. Nein, nein, auch davon hat er nichts bemerkt. Nein, sie war auch nicht so übermäßig hoch von Wuchs.
„Dann war es auch nicht Oleana“, sagt Mikkelsen. „Wie sah sie denn aus?“
„Sie kam mit dem Schiff. Sie kam mit einem grün und roten Sonnenschirm. Wahrlich, sie kam daher wie die leibhaftige Verführung und Fleischeslust. Aber in welcher Beziehung steht sie zu diesem Hause?“
„Ich weiß nicht das mindeste von Beziehung“, sagt Mikkelsen, „nein, Gott bewahre mich! Aber Sigmund Borsa muß ja wohl bald zurück sein.“
Es kann aber nicht erwartet werden, daß der Emissär seine Zeit mit unnützem Stillsitzen erfüllt. Er erhebt sich finsteren Sinnes und dringt bis ans Bett der kranken Kristin vor. Schon hebt er segnend seine Hand über ihr Haupt und läßt sich an ihrer Seite nieder.
Kristin ist stetsfort freundlich gesinnt gegen alle Welt. Natürlich lächelt sie auch dem schwarzen Ole Mathiessen entgegen und erwidert, so gut sie es vermag, seinen gesalbten Gruß. Aber ein Frauenzimmer mit grün und rotem Sonnenschirm kennt auch sie nicht. Es müsse wohl eine Fremde sein.
Nun ja.
Aber guter Himmel! Der Emissär muß seine beiden gewaltigen Hände über dem Kopf zusammenschlagen. „Welche Verderbnis!“ muß er rufen.
Kristin kann diese Empörung in ihres Herzens Unschuld nicht erfassen. Sie schließt schuldbewußt beide Augen und schweigt.
„Sie schweigen?“ fragt der Emissär noch mehr empört.
„Werde ich denn für meine Sünden nicht schon genug gezüchtigt?“ fragt Kristin weinerlich.
Oh, diese armen kleinen Kindersünden!
„Hier geht es aber um den lasterhaften Lebenswandel Ihres Mannes. Es geht um sein Seelenheil!“ ruft der Emissär ganz dunkel und mit geheimnisvollem Schwingen in der Stimme.
Diese Kristin ist aber nun so beschaffen, daß sie ihren Sigmund liebt; wohl nicht mit ihren Sinnen, aber mit ihrem unberührten Kinderherzen. Sie liebt ihn in ähnlicher Weise, wie sie die Blumen liebt, nur etwas mehr. Und es gefällt ihr nicht, daß ein fremder Mann da an ihrem Lager sitzt und in übler Weise von Sigmund spricht.
„Er war allezeit freundlich gegen mich“, sagt sie mit eigentümlicher Würde und Entschiedenheit. „Ich habe noch kein hartes Wort von ihm gehört. Er sorgt dafür, daß es mir an nichts fehlt.“
Nun kehrt sie sich der Wand zu und deutet an, daß diese Unterhaltung ihrerseits zu Ende sei.
Und Ole Mathiessen? Wie sollte er sich vielleicht dieses auslegen können? Ja, hier liegt nun wiederum ein Schaf, das sich nicht im ersten Griffe fangen lassen will. Des Bösen Tücke steht hinter allen Dingen. Geduld, was man nicht auf kürzestem Wege erreichen kann, erreicht man vielleicht auf Umwegen. Ein Gottesknecht vom Schlage des Emissärs kennt die Schliche des Teufels.
„Der Herr ist barmherzig“, erklärt er. „Darum bin ich hierhergesandt worden. Bald wird es in Mjelvik besser werden. Euch aber ist die Gnade beschieden, mich unter eurem Dache zu beherbergen.“
Auch das geht schon wieder nicht so, wie es gehen sollte. Kristin dreht noch einmal den Kopf herum. „Darüber müssen Sie mit Sigmund reden.“
Nun möchte sie nichts mehr hören. Gesegnete Kristin! Vorher litt sie in Ergebung und Zufriedenheit. Jetzt weint sie. Sie ist erschreckt und aufgerüttelt.
Ole Mathiessen geht vor dem Hause hin und her, sammelt sich abermals inwendig und ordnet seine Kräfte zu neuem Kampfe. Dazu bleibt ihm viel Zeit. Entweder wurde dem König und seiner schönen Dame der Bergpfad doch beschwerlicher und länger als gut war, oder sie hatten sich auf der Steinbank vor der alten Scheune ungeheuer viel zu sagen, und die Zeit lief von ihnen weg.
Jedoch Pfad und Steinbank haben ein Ende, und selbst der dunkelste Tannenwald bekommt einmal genug von Geheimnissen. Des Emissärs Eifer jedoch hat kein Ende. Und seht, da schreitet der König aus dem Dickicht hervor. Und er trägt wahrhaftig einen grün und roten Sonnenschirm unter dem Arm. Und seine Augen funkeln, und sein Schritt ist federleicht. Weder Kalk in den Adern noch Zucker in der Blase. Hurra!
Nichts als Saftigkeit und Lebenslust und Tatendrang. Ein stürmischer Jüngling mit grauen Brauen und blankem Schädel. Aber dennoch ein Jüngling.
„O Gott!“ seufzt die Dame Oline. „Wie ist das nur alles so schnell gekommen! Vor zwei Stunden kannten wir uns noch gar nicht. Und jetzt sind wir schon so intim.“
Der Weg wurde in diesen zwei Stunden natürlich nicht besser. Und Oline kann nichts dafür, wenn sie ein wenig aus dem Kurs kommt und ihre Hüfte den König streift. Sie ist und bleibt unschuldig. Sie bittet jetzt auch nicht länger um Verzeihung. Denn das hat sie nicht mehr nötig. Sie schnurrt nur noch behaglich, obschon die Lackschuhe nicht wenig drücken.
Der König wurde in dieser kurzen Zeit wieder überwältigend selbstbewußt. „Zwei Stunden“, wiederholt er. „So etwas kommt doch auf den ersten Schlag!“
„Das stimmt“, erklärt Oline. „Und jetzt wird es mir auch leichter, auf Trollhaugen zu wohnen.“
Der König sagt dann noch, das sei ein seltener und glücklicher Tag.
Und dann tritt ihnen überraschenderweise der Emissär Ole Mathiessen mit finsteren Entschlüssen entgegen. Beide Hände hebt er auf einmal und verkündet: „Der Herr segne deinen Einzug, Sigmund!“
Da fällt der König aus großer Höhe auf die Erde nieder und erstaunt über den Anblick des ernsten Mannes.
„Was für etwas?“ Hei, das war eine scharfe Stimme.
Nein, der König ist zur Zeit nicht in der Lage, sich von Ole Mathiessen bezaubern zu lassen. Aber was sein muß, das muß sein.
„Ich bitte um Unterkunft in deinem Hause, Sigmund, in des Herrn Namen.“
Diese Sprache versteht der König nicht. Er schnellt heftig mit den Augen und betrachtet den Emissär und Oline zu gleicher Zeit. „Redet norwegisch, Mann! Was wollt Ihr?“
„Wie ich dir schon zu wissen tat, Sigmund, ein Obdach.“
„Nein“, sagt der König.
„Du willst mir dein Haus verschließen?“
„Ja“, sagt der König.
Nun hebt aber Ole Mathiessen seine Hand zum Fluch. „Ich sage dir, o Sigmund, du wirst deine gerechte Strafe empfangen! Und dort an deiner Seite steht das leibhaftige Laster. Wappne dich gegen die Versuchung ...“
Und damit wäre der Emissär nun so prächtig im Zuge. Aber der König schneidet den Faden kurzerhand ab. „Fort!“ sagt er. „Zur Hölle mit dir!“
Und er weist dem Sendling des Himmels mit seiner großen Nase die Richtung. Und er hebt außerdem seinen gewaltigen Fuß. Und das sind deutliche Zeichen.
Dem erzürnten König wäre es zuzutrauen, daß er einem ernsten Manne einen Fußtritt versetzen könnte. Ole Mathiessen legt sich das alles richtig aus und zieht sich in Eile zurück. Sowie er aber aus dem Bereich der Füße Borsas und einigermaßen in Sicherheit ist, dreht er sich noch einmal zurück und hebt in Empörung die geballten Fäuste.
Vor der Königsburg steht ein sündhaftes Paar und lacht laut und roh hinter dem Laienprediger her, ohne die geringste Scham und ohne Taktgefühl.
Dieserart wurde der erste Angriff abgewiesen. Ole Mathiessen rüstet sich nun zur Belagerung.
Eine Begegnung
Von den beiden Brücken in Mjelvik ist die hölzerne die wichtigste. Sie verbindet den Hauptteil des Ortes mit dem Landungssteg. Sie hat ein breites Geländer.
An diesem Tage, zu der Zeit, da der Wald mit seinem guten Schweigen den König und die fremde Dame aufgenommen und der Sendling des Himmels die Königsburg von Sonnenaufgang her dreimal umschreitet, findet auf der hölzernen Brücke eine seltsame Begegnung statt.
Der Krämer-Benjamin sitzt auf dem breiten Geländer, schaut über den Fjord hinweg und hört dem Knattern und Fauchen der Dampfwinde zu. Zuweilen spuckt er in den Bach. Und da er dem Tabaklaster nicht verfallen und überhaupt frei von schlechten Angewohnheiten ist, spuckt er blank und nicht braun.
Der Krämer-Benjamin ist mit den Jahren nicht nur weiß auf dem Kopfe, sondern auch rund und schwer um den Leib geworden. Seinen Kramladen hat er schon längst bis auf den letzten Ör ausbezahlt.
Er steht heute im Ansehen höher als der Lehrer und fast ebenso hoch wie der Distriktsarzt Kringlen und folgt in der Macht nicht weit hinter dem König. Seine irdischen Besitztümer haben sich wohl nicht übermäßig angehäuft, da auch ihm der größere Teil bei der allgemeinen Unordnung, die der Friedensengel mit seinem Palmenzweige hervorgerufen, wieder glatt verlorenging. Aber es blieb ihm doch noch genug, um in Mjelvik eine gewichtige Persönlichkeit darzustellen. Der Krämer-Benjamin hat unter dem Verlust des Geldes viel gelitten. Und man kann sich mit Recht darüber aufhalten und fragen, warum gerade diesem strebsamen, stillen und außerordentlich demütigen Manne so böse Züchtigung auferlegt wurde.
Hat er denn nicht damals durch sein Erscheinen in einer schlimmen Zeit ganz Mjelvik vor dem Hunger gerettet? Und den Ort vor schändlichem Untergang bewahrt? Und noch mehr! Er nahm sich der Witwe des Post-Nikolaj in Liebe an und heiratete sie sogleich, als das Trauerjahr ausgelaufen war.
Man könnte vielleicht dagegen einwenden, daß zwischen Benjamin Sagensen und Magnhild auch schon vorher etliches gewesen, ehe er diesen Strand verlassen und nach Amerika hinüberfuhr. Man könnte sogar behaupten, der Post-Nikolaj habe Magnhild nur deshalb erringen können, weil er ein währschafter Bauernsohn war und nicht ein elendes Häuslerkind wie dieser Benjamin, und weil er außerdem die Tasche mit Horn und Löwe durchs Tal hinauf und hinunter trug und schon in jungen Jahren königlicher Beamter wurde. Man könnte wohl noch manches andere erwähnen. Aber Klatsch findet sich überall. Jeder blanke Schild läßt sich bekleckern.
Wenn die Weiber das Wasser am Bache holen und noch ein wenig beieinander stehenbleiben, behaupten sie: „Nicht vergeblich spazierte Magnhild zu jener Zeit mit ihrer Jugendblüte herum! Hihi! Und sie hat mehr als einen Burschen von Mjelvik geküßt und mehr als eine Sommernacht auf der Landstraße durchtanzt!“
Und wenn man es so betrachten wollte, war der Benjamin nur einer unter mehreren. Und daß der Krämer dennoch die Postwitwe heiratete, das war und blieb in jedem Falle eine schöne Tat. Die Weiber sagten insgesamt, dieses sei wohlgetan.
Magnhild hatte es beim Krämer-Benjamin um nichts schlechter, als sie es beim Post-Nikolaj gehabt hatte. Tagtäglich bekam sie ihren Zucker zum Kaffee, und ihre Grütze kochte sie vom weißesten amerikanischen Weizenmehl. Und wenn sie einmal vergaß, den Sirup dazu auf den Tisch zu stellen, konnte der Benjamin ausrufen: „Ja, ja, Magnhild! Spare du nur! Oder fürchtest du dich vielleicht vor dem Armenhaus? — Als ob wir den Sirup nicht fingerdick unten und oben auf die Grütze streichen könnten! Und wenn wir Lust dazu hätten, noch einen Kranz um den ganzen Teller herum ... Warum sparst du denn? Und du könntest dich doch im echten Bohnenkaffee waschen ...“
So redete der Krämer-Benjamin bei jeder Gelegenheit und bewies seinen Wohlstand und seine Freigebigkeit. Es bereitete ihm ein unschuldiges Vergnügen, mit seinen Erfolgen hin und wieder vor Magnhild zu glänzen. Er trieb sie wahrhaftig nicht zum Geiz an. Im Gegenteil: er war der Meinung, jede Knauserigkeit könnte sein Ansehen schädigen. Darum mußte Magnhild, wie die reichen Leute, an alle Fenster des Hauses lange weiße Gardinen hängen und durfte nicht ohne Hut über die Straße gehen. Und wenn sie Wasser am Bache holen oder sonst eine gröbere Arbeit verrichten wollte, wurde der Krämer förmlich zornig in seiner Art und fragte: „Aber, Magnhild — und wozu hast du dann das Dienstmädchen?“
Ja, der Krämer-Benjamin war wirklich fein geworden. Das zeigte, er nicht nur mit Kontor und Bartkoteletten und Kopierpresse. Bei einer Auktion in der Stadt kaufte er sogar eine Hausorgel und ein zweiteiliges Sofa, das man in eine Ecke stellen konnte.
Es geht ihm also trotz Krieg und Friedensverlust noch immer gut, dem Krämer-Benjamin. Kein Mensch kann im Grunde begreifen, warum er so oft des Nachts in seinem Bette liegt und nicht schlafen kann und mit Herzklopfen in seinem Inneren herumhorcht. Stundenlang liegt er und lauscht und wartet, ob nicht eine geheime Krankheit oder ein anderes Übel sich melde.
Wenn eine Nacht gar zu schlimm ist, und die Kunden kommen in den Laden und fragen, ist er vielleicht weniger zurückhaltend und macht eine kleine Andeutung. Und dann nicken die Kunden und behaupten: „Es geht Ihnen viel zu gut, Sagensen! Ihr Blut wird zu dick von all dem starken Essen.“
Magnhild aber wird ängstlich und meint: „Du solltest dich ein wenig mehr schonen und nicht immerfort überanstrengen mit Geschäften.“
Und sie bindet ihm ihr wollenes Tuch um den Hals und schickt ihn hinaus an die frische Luft. Auch heute schickte sie ihn. Und da sitzt er jetzt.
Ein Mann kommt von der Landungsbrücke her. Es ist ein alter Mann mit hängenden Schultern und kleinem, gelbem Kindergesicht. Er hat eine seltsame Art, zu gehen, fast so, als schleppe er schwere Kugeln an den Füßen. Das muß ein Fremder sein. Er bleibt oft stehen und schaut sich um.
Wie die meisten Menschen von Mjelvik und fast alle Menschen, die in der Einsamkeit leben, ist auch der Krämer-Benjamin sehr neugierig. Kein Auge läßt er von diesem besonderlichen Wanderer; was ihn aber am meisten interessiert, ist die kleine, blau gemalte Kiste. Beides, der Wanderer und seine Kiste, erscheint geheimnisvoll. Nun bleibt der fremde Mann vor dem Krämer stehen, macht mit dem Kopf eine kleine runde Bewegung und sagt: „Ja fürwahr, hier ist vieles anders geworden ... Auch diese Brücke ist neu ...“
Und damit läßt er sich ebenfalls auf dem Geländer nieder. Der Krämer-Benjamin erwidert verblüfft: „Es hat sich hier weiß Gott nicht vieles verändert in der letzten Zeit. Und diese Brücke mag wohl ihre fünfundzwanzig Jahre alt sein.“
„Das kann stimmen. Aber die Landungsbrücke? Und dort hinten das Haus mit dem hohen Schornstein? Großartig. Ganz wie eine richtige Stadt ... Hingegen die Berge scheinen mir heute weniger hoch als früher.“
„Die Berge? — Hoho! Haben Sie sie denn überhaupt schon einmal gesehen, diese Berge?“
„O ja — o ja — ich kenne sie noch gut! Das dort ist Trolltinden, und jenes Kolla ... und dahinter Blaafjell.“
Der Krämer legt den Kopf zur Seite: „Dann sind Sie wirklich schon einmal hier gewesen?“
„Ob ich hier gewesen bin? Wo in aller Welt hätte ich denn sonst sein sollen?“
Nun betrachtet der Krämer-Benjamin den gelben Mann sehr aufmerksam: „Wer sind Sie?“
Und es zeigt sich bald, daß es kein anderer ist als der Posträuber Haldor Oevreseth, der seine lange Strafe abgebüßt hat und im Gefängnis Hornlöffel schnitzen lernte. Und jetzt ist er also Hornlöffelmeister.
Dem Krämer-Benjamin gibt das einen Stich in die Herzgrube. Man sitzt in Mjelvik nicht jeden Tag neben einem Mörder auf dem Brückengeländer. Kein Wunder, daß das unruhige Herz nun so wild zu klopfen beginnt.
„Jetzt bist du also wieder nach Mjelvik zurückgekommen?“
„Ja, natürlich. Wohin hätte ich denn gehen sollen?“
Das ist so merkwürdig, daß es fast unheimlich wird. Das ist fast so, als sei ein Toter aus seinem Grabe auferstanden, im langen Hemd und mit gefalteten Händen. Nun sitzt er da, dreht den verwelkten Kopf nach allen Seiten hin und strömt fürchterlichen Modergeruch aus.
„Was willst du aber hier treiben?“ fragt der Krämer-Benjamin mit hochgezogener Faltenstirn.
„Jedermann braucht doch einen Hornlöffel zur Grütze.“
Nein. Der Krämer könnte nun sagen, daß die Hornlöffel fast ganz aus der Mode gekommen, seit er hier fremde Kultur einführte.
„Aber deine Mutter ist schon lange tot. Dein Haus hat der Staat verkauft ...“
„Ja, ja. Sie sagen es.“
„Wo willst du denn wohnen?“
Es werde sich für diesen alten lahmen Fuchs auch eine Höhle finden.
Dem Krämer-Benjamin kommt da ein Gedanke, der wahrlich schön und seiner würdig ist: „Du könntest bei mir ...“ Aber plötzlich stockt er, läßt die Unterlippe hängen und sagt: „Nein! Es geht doch nicht. Wegen Magnhild, verstehst du ...“
Der Krämer erzählt dem Posträuber, daß Nikolajs Witwe seine Frau geworden. Und diese Mitteilung nimmt der Hornlöffelmeister leicht und nickt bloß dazu. Dieser Mann scheint überhaupt ganz ohne Reue und Gewissensqual in die Heimat zurückgekehrt zu sein.
„Ich will dir helfen. Haldor!“ ruft der Krämer. „... in irgendeiner Weise. Wenn du Geld brauchst ...“
Schon greift er in die Brusttasche und streckt dem Hornlöffelmeister einen blauen Fünfkronenschein hin. „Du sollst es aber keinem erzählen. Das ist es nicht wert.“
„Nein.“
Es gibt eine sehr bedeutungsvolle Pause.
„Wie war es denn im Gefängnis?“ erkundigt sich der Krämer-Benjamin.
„Es war nicht so übel. In der ersten Zeit vielleicht ...“
Ja, am Anfang hat der Hornlöffelmeister immer zurückdenken müssen. Aber bald dachte er nicht mehr daran. Und mit jedem Jahr hat er mehr vergessen. Erst jetzt fällt ihm manches wieder ein. Aber sonst war es nicht so schlimm.
„Nun ja, mit der Zeit“, nickt der Krämer. „Es geht alles vorüber.“
Dann gibt er sich einen Ruck und geht eilig bis ans Ende der Brücke, bleibt dort stehen und kehrt wieder um: „Hast du vielleicht Hornlöffel in deiner Kiste. Gut, ich kaufe alle miteinander.“
Das alles sieht dem Benjamin Sagensen wieder so ähnlich! Er übt Wohltaten am Mörder des Post-Nikolaj.
Der Hornlöffelmeister nimmt Almosen und Freundlichkeit und Milde gelassen entgegen. Ohne Dank und Rührung. Er knüllt die Geldscheine zusammen, steckt sie in die Tasche und betrachtet seinen Gönner mit leeren Fischaugen. O, dieser Mann ist ein Vulkan, dessen Feuer erloschen. Nur der Krater blieb übrig.
Vor langer Zeit ging Haldor Oevreseth über diesen Bach und war damals ein junger Bursche mit leichten Fersen. Man führte ihn fort, nachdem man ihn aus gutem Schlummer geweckt, und hängte ihm Bleikugeln an die Füße.
„Gott soll mein Zeuge sein!“ rief Haldor Oevreseth so manches liebe Mal laut.
Aber ein Mann in schwarzem Rock und weißem Kragen und hoher Lappenmütze stand hinter einem Tisch und redete mit müder Stimme viele Worte. Und er verlangte Haldors Leben. Das gab einen seltsam leisen Ton — als ob man einem Kalb das Messer in den Hals stößt ... Und hierauf kam das Gefängnis. Haldor gewöhnte sich bald an diesen Zustand. Seine Beine wurden dünn und seine Finger gelb und feucht und kalt ... aber wozu wäre denn sonst das Schicksal noch da?
Ein Haldor Oevreseth ist wohl nicht deshalb auf die Welt gekommen, um mit starken Schenkeln in den Bergen von Mjelvik herumzuklettern und seine Haut von Wind und Sonne bräunen zu lassen. Jedem sein Teil. Benjamin Sagensen empfing den Laden und wurde Krämer ... Und von fernher kam also nun der Emissär Ole Mathiessen, erlebte auf Trollhaugen eine Niederlage und stieß in des Herrn Namen Verwünschungen aus und verfluchte ein schamlos sündiges Paar.
Aber im Herzen ist der Emissär tief ergriffen und dankbar, dazu auserkoren zu sein, mit dem Bösen zu ringen.
Der Emissär tritt in den Kramladen von Mjelvik, im gleichen Augenblick, als Benjamin mit seinen Hornlöffeln und seiner erschütterten Seele von der Begegnung auf der Brücke zurückkehrt. Magnhild nimmt ihm selber das Wolltuch vom Halse.
„Große Welt — wie du schwitzest!“ ruft Magnhild. „Der Dampf steht ja fömlich aus dir heraus! Das kommt von der Schwäche her“, sagt sie. „Und was sind denn das für Löffel?“
Nun, das sind natürlich Hornlöffel, und der Benjamin wird versuchen, die gute alte Sitte wieder in Mjelvik einzuführen. Warum sollte denn nicht abermals jedermann seinen Hornlöffel mit sich in der Tasche herumtragen?
„Benjahmin, Benjahmin!“ ruft Magnhild.
Seit sie so reich und vornehm wurde, zieht sie das a wirklich allzusehr in die Länge. Und sie jammert, daß der Krämer sich vor lauter Geschäftseifer noch zugrunde richte. So besorgt und zärtlich ist sie.
Und da erscheint also Ole Mathiessen, umstrahlt von düsterer Feierlichkeit. O ja! Dieses Haus wird ihm geöffnet. Hier mag er sich niederlassen. Dieser Acker wurde gepflügt und harrt nur des Sämanns.
„Es ist nur ein geringes Haus“, sagt der Krämer-Benjamin. „Wenn Sie es nicht verschmähen wollen ...“
Und Magnhild führt den hohen Gast in das beste Zimmer und umsorgt ihn mit weiblicher Güte.
„Hier ist gut sein!“ denkt wohl der Emissär. „Das ist nun der Lohn“, denkt er wohl.
Am Tisch wird ihm der Hochsitz willig überlassen. Der Krämer und sein Weib bedienen ihn mit Eifer und freuen sich über seine gesegnete Eßlust. Benjamin holt französischen Senf und echten Roquefortkäse und Ölsardinen vom Laden; alles Dinge, die sonst nur vom Herrenhaus oder höchstens vom Distriktsarzt verwendet werden. Wohlan, der Emissär streicht Butter aufs Brot und Senf auf die Butter, legt dicke Roquefortschnitten darüber und eine Schicht Ölsardinen darauf. Allmählich rötet sich sein Gesicht, und um Kinn und Nase zeigt sich ein fast überirdischer Glorienschein.
Nach dem Essen faltet er seine Hände und dankt dem Spender aller Dinge. Er wischt sich mit einem Zipfel des Tischtuches das Gesicht ab und segnet seine Wirte.
Nun kommt die Zeit, sich nach dem Frauenzimmer mit dem schillernden Sonnenschirm zu erkundigen. In diesem Geschöpf vermutet der Emissär seinen gefährlichsten Feind. Benjamin verspricht, die Kunden im Kramladen ein wenig auszuhorchen. Und mehr kann an diesem Tage nicht vollbracht werden.
Der Würfel ist gefallen. Der Emissär legt sich ins Bett und sinkt nach den Mühen des Tages bald in einen erquicklichen Schlaf. Sein Schnarchen durchdringt mit ungeheurer Gewalt alle Holzwände und mahnt unerbittlich den Krämer-Benjamin an alles das, was er in seinem Leben Böses getan und Gutes unterlassen.
Die Hütte am Waldrand
Natürlich ist durch die Ankunft der drei Persönlichkeiten großer Aufruhr im Orte Mjelvik entstanden. Diese armen Menschen, deren Herzen im Grunde so unberührt und deren Seelen in der Sünde sogar noch ziemlich rein bleiben, wissen nicht mehr aus und ein vor weltlichen und geistlichen Kräften. Sie verbringen Stunden mit leerem Schwatz und Kopfschütteln und Fragen und haltlosen Vermutungen.
Und so vergeht der erste Tag. Und so vergehen mehrere Tage.
Der Hornlöffelmeister kam in den Laden und kaufte leere Kisten, starke Glaskisten und glattgehobelte Margarinekisten. Der Krämer-Benjamin bezeigte auch bei dieser Gelegenheit aufs neue seine Nächstenliebe. Er gab alle seine leeren Kisten fast umsonst her.
„Aber du sollst nicht darüber reden“, sagte der Krämer. „Es ist das nicht wert.“
„Nein“, sagte der Hornlöffelmeister.
Nein — und kein einziges Wort des Dankes und der Erkenntlichkeit. Nein, nein, dieser Vulkan ist völlig ausgebrannt. Nur noch ein gähnendes Loch.
Und jetzt trägt er alle die vielen Kisten an den Waldrand. Langsam und schleppend macht er den Weg hin und zurück und trägt jedesmal zwei Kisten. Er baut eine Hütte. Eine winzig kleine, lächerliche Hütte — ein hölzernes Zelt.
Wahrlich, der Krämer-Benjamin schenkt ihm eine Rolle Teerpappe fürs Dach. Er ist unergründlich.
Und wenn der Hornlöffelmeister auch kein einziges Wort verlautet, man errät doch allgemach in Mjelvik des Krämers Wohltaten und lobt sie um so mehr, weil sie im Verschwiegenen vor sich gehen.
Die Menschen von Mjelvik sind nicht schlecht. Die Menschen sind überhaupt nicht schlecht. Sie sind nur oft unwissend und zumeist ohne Gedanken und Gefühle für andere.
Der Hornlöffelmeister baut einen kleinen Herd in seine Hütte und einen unförmigen Kamin aus grauen runden Waldsteinen. Ein wahres Ungeheuer von einem Schornstein. Er steht außerhalb der Hütte. Aus drei Margarinekisten zimmert der Hornlöffelmeister sich ein Bett und füllt es mit Heidekraut und trockenem Moos. Und dann geht ihm das Geld aus.
All sein Geld, das er in fast dreißigjähriger Arbeit verdiente, ist ihm ausgegangen zum Bau dieser elenden Hütte. Die Hütte ist dabei nicht einmal fertig und vollkommen geworden. Ach, da fehlt noch viel.
Eine Tür zum Beispiel erscheint unbedingt notwendig. Wenn aber eine Tür da ist, muß auch ein Fenster her, denn sonst wird die Hütte ohne Licht, sobald die Tür geschlossen ist. Und so gibt eins das andere und wird zur Notwendigkeit und bringt den Hornlöffelmeister in eine schwierige Lage.
Nun aber zeigt es sich endlich, wie gut und freigebig die Leute von Mjelvik im Grunde ihrer Herzen sind. Es bedurfte ja nur des Anfangs und der Aufmunterung durch den Krämer-Benjamin, und schon fühlen alle den unwiderstehlichen Drang zur Wohltätigkeit in sich.
Wahrhaft rührend ist es, wie sie da in edlem Wettstreit alles mögliche aus ihren fast leeren Hütten hervorziehen und dem Hornlöffelmeister an den Waldrand hinaustragen.
Im Handumdrehen ist die Tür da, und das notwendige Fenster ist da, und Wolldecken fürs Bett und ein Stuhl und Kochgeschirr. Und sogar eine alte Kaffeemühle kommt — Herrgott, es wird der reine Luxus! König Sigmund schickt einen halben Sack Mehl und eine Vierteltonne Salzhering. Niemals hätte der König in bezug auf Nobilität hinter den andern zurückstehen dürfen.
In solch großartiger Weise wird der verlorene Sohn in seiner Heimat aufgenommen. Alle Sünden verzeiht man ihm. Die Menschen sind in ihrer Mildherzigkeit sich selber zur Freude. Ihre Augen strahlen, und über ihre Gesichter legt sich ein gewisser Weihnachtsschimmer, der sie alle seltsam verschönt. So sind also die Menschen. Sie waren niemals schlecht.
Der Hornlöffelmeister läßt gelassenen Sinnes alle Liebe über sich herniederströmen. Er nimmt sie ganz einfach auf sich, wie er die Strafe auf sich genommen, als der Mann im schwarzen Mantel seine große Rede gehalten. Der Hornlöffelmeister kann hinfort durch nichts mehr aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Er ruft jetzt nicht mehr: „Gott sei mein Zeuge!“
Nun wäre der Hüttenbau des Hornlöffelmeisters schon Anlaß genug gewesen zu längeren Gesprächen. Jeder, der mehr oder weniger im geheimen etwas zu ihm hinaustrug, kam mit einem kleinen Erlebnis zurück: Wie er da saß; was er sagte; was er nicht sagte. Und zuweilen stellte einer unnütze Betrachtungen darüber an, wie das in Wirklichkeit wohl sein müsse, fast dreißig Jahre hinter dicken Mauern und vergitterten Fenstern ... Aber diese Vorstellung konnte natürlich keinem einzigen gelingen.
Plötzlich tauchte auch noch die Frage wegen dem geraubten Gelde auf. Das viele Geld! Der Hornlöffelmeister war ja insgeheim ein reicher Mann. Irgendwo im Walde lag der Schatz, und Haldor Oevreseth war doch wohl nur zurückgekommen, um ihn zu heben.
Ja, so war das alles. Und so mußte es sein. Und die Leere in seinen Augen und das Kraterhafte seiner Seele, das war doch wohl nichts anderes als kluge Berechnung und Komödie. Die Leute lachten untereinander und sagten: „So ein Satanskerl! Geht da am Waldrande herum und schläft in drei Margarinekisten ... Und wahrscheinlich hat er seine Hütte gerade über der Stelle erbaut, wo der große Schatz vergraben liegt!“
„Sei sicher!“ sagt einer zum anderen. „Eines Tages wird der Hornlöffelmeister auf und davon sein ...“
So redeten und rieten die Menschen hin und her und wurden ganz wild dabei und glühten vor Eifer. Diese einfachen Menschen — sie konnten ja nicht bis ans Ende ihrer Tage nur strahlen und in Weihnachtsstimmung dahinleben. Die Erkenntnisse mußten früher oder später über sie hereinbrechen.
Dem Hornlöffelmeister wurde dadurch, das versteht sich, ein Teil des allgemeinen Mitleids entzogen. Aber im Grunde verlor er wohl nicht bei diesem Verlust: was ihm an Mitleid abging, das gewann er durch die Hochachtung, die er als Herr über das verborgene Geld genoß. So sind die Menschen. Sie können aus dem einen oder anderen Grunde gut sein und schöne Taten vollbringen und Worte der Liebe aussprechen.
Keiner mißgönnte eigentlich dem Hornlöffelmeister seinen Reichtum — der Mord und die lange Sühne, so meinten die Leute, sei auch etwas ... Nichts für nichts. Und jedem das Seine.
Man wartete nun mit großer Spannung auf den Tag, da das Ereignis wirklich sich zutragen würde. Und damit das Warten nicht zu langweilig wurde, fand sich reichlich Abwechslung. Mjelvik sollte fürs erste nicht mehr zur Ruhe kommen und in Schlaf verfallen.
Da war zum Beispiel dieser Emissär Ole Mathiessen, ein mächtiger Mann, vor dem sich alle fürchteten, nicht nur die schwachen Frauen, auch die handfesten Männer, obschon die Männer sich untereinander groß machten und behaupteten, daß sie es nicht täten.
O, mit diesem Sendling des Himmels war durchaus nicht zu spaßen. In seinen dunklen Augen lag eine bezwingende Macht, ein Wille ohne Ende und ohne Grenzen. Und dagegen half kein feiger Spott.
Eine Zeitlang hielt der Emissär sich ruhig und in der Stille. Seine Eßgesundheit wurde immer strahlender und sein Schlaf immer kräftiger. Er wandelte als gewöhnlicher Mensch unter den Leuten herum und umgarnte ganz sachte ihre Seelen. Dabei bezeigte er keine Hast und stürmische Übereilung, wie am ersten Tage auf der Königsburg, keinen Übereifer, der ihm nur Niederlagen einbringen konnte. Er warf in großer Geduld seine Angel aus. Und da er dabei an seinem Leibe keine Not litt, konnte sein Geist die Zeit erharren.
Der Sommer scheidet
Auf Trollhaugen aber wohnte immer noch das Frauenzimmer mit dem marderfellbesetzten Mantel und dem Sonnenschirm. Die Birken hatten längst ihre Blätter bekommen. Die Kartoffelstauden wuchsen im Acker. Die Haferfelder wurden bleich und die Nächte schon wieder dunkel. Der Sommer schied aus Mjelvik. Oline Jensen blieb.
Sie fühlte sich auf Trollhaugen ebenso wohl, wie der Emissär sich beim Krämer wohl fühlte. Es war unerhört und kaum zu glauben. Aber Oline Jensen blieb. Eine betrübliche Tatsache.
Der König hatte am Tage nach Olinens Ankunft seinen Pächter Isaksen von Ytredalen zu sich aufs Kontor befohlen, ein Wort gesprochen, mit der Hand einen Wink gegeben. Damit war es gemacht. Der Schmied Nils kam mit seinem Motorrad die Straße herabgeknattert, bestieg das Postschiff und verschwand spurlos aus der Gegend. Die Dame Oline hat kein Wort mit dem Schmied gewechselt. Man weiß überhaupt nicht, aus welchem Anlaß sie ihm hierher folgte.
Ja, das wurde ein ereignisreicher Sommer. Bald fing sich der Emissär eine Seele, bald nagelte der Hornlöffelmeister ein Brett an seine Hütte. Die Dame Oline aber zeigte sich alle paar Tage in neuer Herrlichkeit. Einmal kam sie im Mantel, und einmal kam sie ohne Mantel. Zuweilen trug sie einen Stock in der Hand anstatt des Sonnenschirmes. Und bald brachten die Dampfer runde und kantige Pappschachteln aus der Stadt, die groß, aber gering von Gewicht waren, über deren Inhalt man sich auf der Landungsbrücke vielerlei Gedanken machen konnte. Sie wurden nach Trollhaugen gebracht.
Oline zeigte sich bald darauf in grünen Schuhen mit Goldverzierung und grünem, flatterndem Seidenkleide. Fast jeden Tag erschien sie in anderer Form und Farbe. Hin und wieder trug sie sogar eine Reitpeitsche in der Hand und einen schwarzen steifen Hut. Mit der Peitsche fuhr sie durch die Luft und ließ sie munter sausen.
Oline wurde nicht müde, ihre reizendste Weiblichkeit zu entfalten, und brachte sowohl Männer wie Weiber von Mjelvik in Verwirrung.
Und da sind nun die Männer. Und die freuen sich, wenn Oline nur den Weg von Trollhaugen herunterschreitet, federnden Ganges und auf den alleräußersten Zehenspitzen und den Kopf im Nacken.
„Sie ist — hol mich der Teufel! — königlich“, sagt einer zum anderen.
„Ein Kaiserweib ist sie!“ sagen die Männer und schauen nicht mehr auf ihre Arbeit. Sie stehen und schneiden und klopfen mit abgewandten Blicken. Sie treffen ihre Finger und bluten. Aber das reut sie gar nicht. Und sie huldigen der Schönheit und bringen ihr dieserart Opfer. Aber wenn Oline nahe an ihnen vorbeistreift, senken die Männer ihre Blicke und benehmen sich unmäßig fleißig und züchtig.
Oline Jensen beachtet diese Männer natürlich nicht. Nein, Oline ist nicht fürs gemeine Volk da. Und das gemeine Volk ist für Oline höchstens in dem Sinne da, daß es ihr zujubelt und Bewunderung ausstößt.
Sie ist eine geborene Fürstin und wahrlich von Gottes Gnaden. In einer einzigen Woche kommt sie in sechs Paar neuen Schuhen auf die Landungsbrücke herabgewandelt.
Die Weiber von Mjelvik bemerken das alles und empören sich darüber.
Solches sei unerhört, behaupten die Weiber, und sie machen ihrem Neid in wüsten Redensarten Luft. Die Weiber sagen auch noch: Dieses könne Sigmund Borsa unmöglich aushalten. „Und wenn er gleich zehnmal ein König wäre!“ behaupten sie. Denn es sei entschieden zuviel auf die Dauer und müsse ihn ruinieren.
Die Männer haben in mancher Hinsicht über die Dame Oline ihre eigene Meinung und lassen sich nicht davon abbringen. Aber in diesem einen Punkte müssen sie ihren Weibern schon recht geben.
„Ja. Es wird zuviel!“ sagen sie. „Wie soll er in das alles einstehen?“
Auch die Männer meinen, es seien doch auch dem König Schranken gezogen ...
Aber gerade in diesem einen Punkte verrechneten sich sowohl Männer wie Weiber gründlich. Es zeigte sich bald, daß der König es sehr gut aushalten kann. Ruiniert? Im Gegenteil!
Es ist ja mit dieser schönen Sache ein ganz neues Feuer über ihn gekommen. Er funkelt und glüht förmlich vor gewaltigen Entschlüssen und frischer Unternehmungslust.
Er läßt Erling Eichennase aufs Kontor kommen, stattet ihn mit Papieren und Mustern aus und schickt ihn auf die Reise ins Land hinaus. Und Erling Eichennase reist nun unermüdlich im Lande herum und verkauft und sendet mit jedem Postschiff seine Bestellungen nach Mjelvik. Der König muß gegen den Herbst zu seine Fabrik wiederum vergrößern. Er fabriziert von nun ab außer Seife auch noch Stiefelschmiere.
Und noch später im Herbst kauft er zu seiner alten Fischjacht eine neue und größere hinzu. Sollte es da vielleicht nicht gehen?
Es geht sogar glänzend. Der junge Schreiber Mikkelsen wird auch schon schief in den Schultern vom vielen Rechnen. Er muß von frühmorgens bis in die Nacht hinein auf seinem Stuhl sitzen, mit Feder und Lineal und Kopierpresse hantieren, und hört kaum einen Vogel singen und weiß kaum, ob die Wiesen blühen oder ob Schnee darauf liegt. Und wenn es so weitergeht, muß er das Schicksal des alten Ellingsen teilen, der rechnete und rechnete, bis er tot umsank. So treu diente er dem König.
Ein stiller und feiner Mensch, dieser Mikkelsen. Ein Schwestersohn von Kristin. Eine Waise. Er kam schon mit zehn Jahren nach Trollhaugen, als seine Mutter starb und der Vater bankerott und gleichzeitig dem Leben ein Ende machte. Mikkelsen wuchs im Schatten des Königs auf. Und weiß nichts anderes.
Er sitzt nun seit fünfzehn Jahren an des Königs Tisch. Und der König bezeigt ihm Wohlwollen. Da sich aber ein armer Mensch in irgendeiner Weise nützlich machen muß und Müßiggang nur dem Reichen gebührt, steckte der König seinen jungen Vetter aufs Kontor, als der alte Ellingsen dahingewelkt war. Und da schreibt sich Mikkelsen also die Schultern schief und verdünnt sein Blut.
Abends, nach Geschäftsschluß, spielt Mikkelsen auf seiner Ziehharmonika. Darin ist er ein wahrer Meister. Aber er hat das Schicksal gegen sich.
Fürs erste verliebte er sich fürchterlich in Küsters Petrine, die rötliches Haar und volle Formen besaß und hellblaue Augen und eine herrlich süße Stimme und einen goldenen Humor. Das wäre alles recht und gut. Aber der Herr selber hat sein Auge auf diese Magd geworfen.
Es ist nicht ratsam, sich gegen des Herrn Willen aufzulehnen.
Was den Kontoristen Mikkelsen anbetrifft, so hätte er sich wohl blutenden Herzens ins Unvermeidliche gefügt und seine Zeit abgewartet. Er hätte gewartet, bis Petrine ihre zwei Jahre im Königsschlosse abgedient und wieder frei geworden wäre. Oh, er hätte wohl dabei gejammert und sogar geflucht, sein Geschick verwünscht — und wäre dennoch weiter und weiter im Schatten des Königs gewandelt und dabei immer krümmer geworden im Rücken.
Petrine aber war von anderer Sorte. Sie sagte: „Nein!“
Und da war es auch nein und blieb nein.
Als der König es scherzhaft auffassen wollte, sagte sie als allererste: „Uff — da!“ Und schüttelte seine Hand ab.
Damit fing eigentlich des Königs Ungemach in der Liebe an. Seht, es wollte sich nun kein Mädchen in Mjelvik finden, das sich selber geringer achtete als Petrine.
Petrine liebte den simplen Kontoristen Mikkelsen. Und so war der Konflikt da.
Doch gerade im Augenblick, als es am schlimmsten stand, fuhr die Dame Oline Jensen aus der großen Welt übers Meer heran, stieg an den Strand von Mjelvik. Gott segne sie! Sie ersparte zwei jungen Leuten viel Herzenspein.
Was keinem Menschen von Mjelvik mit Bitten und Tränen gelungen wäre, das vollbrachte Oline mit einem einzigen Blick ... Zehn Schritte machte sie auf den König zu — dann sank er schon in die Knie.
Nun hat es wahrlich nicht so viel zu bedeuten, daß Oline so ungewöhnlich fein und gebildet ist, und daß sie nicht mit einem gewöhnlichen Schreiber am Tische sitzen und essen mag, und daß sie die Musik einer ordinären Ziehharmonika nicht ausstehen kann. Es wird ihr ja ganz übel von so viel Gewöhnlichkeit.
„Wenn er wenigstens noch Geige spielte oder Flügel“, sagt Oline. Gut. Der König spricht ein Wort.
Von da ab ißt der Kontorist Mikkelsen in der Küche am Gesindetisch. Und nach dem Abendessen wandert er mit seiner Ziehharmonika in den Wald, so weit, daß er von der Königsburg nichts mehr sehen kann. Dort trifft er Petrine. Und alles ist gut.
Petrinens Augen leuchten wie blaue Sterne und schimmern feucht. Ihre Hände sind voller Sinnenfreude. Ihr Nacken ist weiß und weich. Hat man vielleicht je gehört, daß zwei junge Menschen sich in grüner Waldeseinsamkeit grämen oder über die Zukunft unnötige Sorgen machen? Sie schauen einander an. Und es braucht nicht mehr.
Oline fliegt
Die Dame Oline hat den König auf die Knie gezwungen, des Königs Burg erobert, alle Weiber von Mjelvik geärgert und die Männer aufgeregt. Sie hat den Kontoristen Mikkelsen von seinem Platz am Herrentisch vertrieben — ist sie vielleicht jetzt satt und zufrieden?
Weit entfernt! Ihr Geist hat einen hohen Flug und wird voller Unruhe immer noch mehr aufwärts getrieben.
Wenn nun also dieser Schmied Nils Ytra, der ja nichts als ein gewöhnlicher Häuslerbub ist, mit seinem Motorrad in der Welt herumknattern kann, warum sollte da eine Oline Jensen nur auf ihren Füßen das elende Stücklein Weg zur Landungsbrücke gehen und im besten Falle mit der Reitpeitsche pfeifen? Glaubt man denn, Oline sei so harmlos?
Da irrt man sich. Oline führt mit dem König im dunklen Zimmer ein Zwiegespräch. Der König nickt kurz und amerikanisch, obschon es keiner sehen kann. Der König schreibt einen Brief in die Stadt und bestellt ein Automobil.
Denn Oline hat ihm im Dunkeln zugeflüstert: „Alle besseren Leute haben ihr Automobil. Warum solltest gerade du, der du doch der König von ganz Mjelvik bist, kein Automobil haben?“
Gut gesagt! Dieser Schuß saß mitten im Schwarzen. Und so mußte also der König schreiben und konnte nicht anders. Er gab vielleicht sein letztes Geld her. Niemand kann wissen, wie schwer es ihm gerade in diesen Tagen wurde.
Aber ein König ist kein Kärrner. Der nächste Dampfer brachte das Automobil. Es wurde von acht Männern vorsichtig und mit großem Aufwand an Reden und Zurufen zur Burg hinaufgeschoben.
Herrgott, welche Aufregung, welches Wundern! An diesem Tage rauchten alle Gassen Mjelviks nach verbrannter Hafergrütze.
Am Abend standen die Weiber in langer Reihe am Bach entlang und schabten ihre Kochtöpfe mit feinem Sand. Ja, das war ein Spektakel.
Auf Trollhaugen stand nun der Wagen, rotlackiert und glänzend auf seinen Gummirädern, roch nach Wohlstand und Leder und verwegener Leichtfertigkeit.
Aber leider war nun kein Mensch da, der diese Maschine in Gang bringen konnte. Der König berief Thorfinn, den blonden Sohn des verstorbenen Kontoristen Ellingsen, zu sich, stattete ihn aus und befahl ihm, schleunigst in die Stadt zu fahren und die neue Wissenschaft mit den Motoren zu erlernen. Nach kaum einem Monat kehrte Thorfinn wieder zurück, mit zwei Fässern Benzin und vielerlei Kenntnissen. Er schraubte ein wenig am Wagen herum, füllte die Behälter und schwang einen Hebel. „Pf — pf ... Brrrrr.“ Los ging die Motorkraft.
Es tobte im Wagen, daß die Erde erbebte und das gewöhnliche Volk die Flucht ergriff. Thorfinn öffnete die Tür, und Oline stieg unerschrocken ein. Großartig!
Selbst die Weiber vergaßen für ein paar Minuten ihren Neid und ihren Haß vor aufrichtigem Staunen.
Ja, da flog nun Oline durchs lange Tal hinan und achtete wohl darauf, daß der blaue Seidenschleier tüchtig hinter ihrem Haupte herflatterte. Sie erregte überall ungeheures Aufsehen. Hühner und Pferde ergriffen die Flucht. Auch die Menschen flüchteten. Nur die tapfersten Hunde empfingen das rote, fauchende Ungeheuer mit wütendem Gekläff.
Aber Oline wiegte sich in weicher, federnder Seligkeit. Als sie von dieser Fahrt zurückkam, sagte sie zum König, sie sei glücklich. „Ja, heute bin ich vollkommen zufrieden“, sagte Oline Jensen. „Alles ist jetzt in Ordnung.“
Der König nickte. Auch der König war zufrieden.
Vor einigen Wochen war vielleicht sein Inneres noch ein wenig bedrückt wegen diesem teueren Wagen. Aber heute hat er eine mächtig große Bestellung erhalten von seinem tüchtigen Agenten Erling Eichennase. Das Automobil ist schon wieder verdient, die Ausgabe eingebracht und sogar noch ein wenig darüber. Kaufmannsglück.
Ole Mathiessen regt sich
Wenige Tage später hält der Emissär seine erste Versammlung ab. Es ist eigentlich keine hervorragende Sache in äußerer Beziehung, und verglichen mit dem rotlackierten Motorwagen auf Trollhaugen nimmt sie sich fast kläglich aus. Sie findet im Lagerraum des Krämer-Benjamin statt. Kein anderer hätte es gewagt, sich in offenen Gegensatz zum König zu bringen. Aber die Versammlung wird sogleich zum Erfolg.
An diesem kleinen Orte, der jahrelang in Einsamkeit und Eintönigkeit begraben lag, ist das Volk so dankbar für alle Abwechslung und begeistert sich, ob es Tanz sei oder Grabfahrt oder eine neumodische Erfindung, Gottesdienst oder der Hüttenbau eines Mörders.
Der Emissär konnte sich viele Wochen lang innerlich sammeln und seine Pläne gründlich überlegen. Daher mußten sie nun mit Gottes und des Krämers Hilfe auch zu einem glücklichen Ende führen.
Da es schon Herbst und abends ziemlich dunkel ist, zündet der Emissär die Lampe an. Hierauf ernennt er den Krämer-Benjamin zum ersten Jünger und außerdem drei Apostel und Mithelfer, gewissermaßen Untergeneräle.
Einer davon ist Haakon Bjarnesen, der Spengler und Tierarzt von Mjelvik. Ein anderer ist Trygve, der Sohn des Bauern Högsät im Blaatal. Mit der Ernennung des dritten will der Emissär aber noch warten, bis sich einer würdig erzeigt.
Die Mithelfer sollen als Abzeichen ihrer Würde eine Stecknadel mit grünem Glasknopf im Rockkragen tragen. Diese Auszeichnung wird sogleich vorgenommen unter andächtigem Schweigen der Menge. Dann beginnt der Emissär Ole Mathiessen zu reden.
Das wird eine Aussprache von unerhörter Wucht. Hei, wie der Emissär den Sündenmorast von. Mjelvik aufreißt! Und er nennt die Menschen hier Fisch und Molch und Schlangengezücht. Alle leben in der dunklen Tiefe des Meeres, sagt er.
„Dumpfe Gedanken!“ ruft der Emissär, „Freßlust und Raublust und fleischliche Begehrlichkeiten — das ist euer Dasein! Eine Herde auf Abwegen!“ Und er richtet seinen Blick in die Höhe und ruft: „O wie glücklich wäre der Fisch auf dem Baum! O wie selig wäre der Molch auf der hohen weißen Wolke!“
Ähnliches haben die Leute von Mjelvik vordem nicht vernommen. Sie werden ergriffen und erschüttert. Nun räuspern sich die Männer, und die Weiber weinen in ihre weißen Taschentücher hinein. Damit könnte es wohl genug sein. Niemals gelang es noch dem alten guten Pfarrer Helmers von Lunda, die Seelen von Mjelvik aufzurütteln. Der Emissär ruht aber noch lange nicht. Nachdem er das Eisen so schön zur Glut gebracht hat, läßt er es gleich noch ein wenig weiterglühen. Mit drohender Gebärde hebt er seine Arme und zählt laut die Schar der Teufel auf. Und da gibt es: den Sinnlichkeitsteufel, den Geizteufel, den Lügenteufel, den Luxusteufel ... eine ganze Kompanie ...
Da rücken die Menschen näher zusammen und fürchten sich sehr.
„Was sollen wir tun?“ fragt eine zitterige Stimme aus der Versammlung.
„Buße!“ ruft der Emissär. „Bekennt euere Sünden und Laster!“ befiehlt er. „Bekennt sie sogleich und mit aufrichtigem Herzen und mit lauter Stimme. Reinigt euch!“
Mürbe sind sie. Sie reinigen sich.
Am Anfang geht das noch etwas langsam und träge vonstatten. Auch in Mjelvik sind die Menschen doch ein wenig anders, als sie gerne sein möchten. Es fällt ihnen nicht so leicht, ihr inneres Wesen zu enthüllen.
Der junge bleiche Mithelfer Trygve mit seinem sommersprossigen Gesicht zupft Weste und Kittel zurecht und beginnt als erster. Ach, es sind ja ganz kleine, kindliche und unschuldige Sünden, die er da bekanntgibt: Wie er an diesem Morgen am Fenster stand und im geheimen Karla Nesse nachblickte, als sie unten vorbeiging. Und daß sein Herz dabei nicht ganz frei war von fleischlichem Gelüste. Und daß ihm der Schuster Jacobsen letzte Woche auf einen Zehnkronenschein zwanzig Öre zuviel herausgegeben ... Alles miteinander ganz winzig kleine Sünden.
Nein, daraus wird noch keine blanke Seele! Keine Glasseele ohne Flecken. Das nennt der Emissär: Teufel der Verstocktheit. Und der muß vor allen andern ausgetrieben werden, mit List oder mit Gewalt. Denn wenn der Kampf gegen den Teufel geht, kommt es wahrlich nicht auf die Waffen an. Da löscht der Emissär die Lampe aus.
Ausgezeichnet. Im Finstern geht es schon viel leichter. Da schämt man sich nicht so und wagt es, seine Blößen zu zeigen. O wie herrlich fließen jetzt die Bekenntnisse! Ein wirbelnder Strom von Bekenntnissen. Es zeigt sich bald, daß kein einziger in der Versammlung völlig fehlerfrei und fleckenlos ist. Aber jetzt könnte der Emissär doch wohl zufrieden sein.
Nein, zum Pokker, er will das Eisen immer noch weiterglühen lassen. Er zündet die Lampe wieder an.
Seine Blicke streifen über die Häupter der Gläubigen. Seine Blicke sind scharf und durchdringend: Dolchstöße, blutdurstig und ohne Mitleid. Er findet, was er sucht.
Hat dort hinten die Schwester Karla Nesse alle ihre Sünden bekannt und ihre Seele völlig erleichtert? Kann sie als reingewaschenes Lamm diesen Ort verlassen und in engelsweißer Unschuld nach Hause schreiten?
„Sprich, Schwester Karla!“
Nein, Schwester Karla spricht nicht. Sie gibt nur einen gequälten Laut von sich, zittert und wird weich in den Knien.
„Sprich, Schwester Karla!“
Wirklich öffnet Karla Nesse den Mund. Aber es geht dennoch nicht. Kein verständliches Wort kommt über ihre Lippen. In unsäglicher Hilflosigkeit schlägt sie die Hände vors Gesicht und schluchzt mit gekrümmtem Rücken. Also hat man es hier mit einem ganz besonders verstockten Teufel zu tun.
„Er muß sogleich ausgetrieben werden!“ ruft der Emissär und haut mit der Faust auf den Tisch.
Da hilft nun alles nichts: Er muß ausgetrieben werden! Der Emissär übergibt das Kommando dem Spengler Haakon Bjarnesen. Und so nähert er sich selber Karla Nesse in tröstlicher Milde, legt väterlich den Arm um ihre Schulter und führt sie in die Kammer neben dem Lagerraum. Bevor er die Tür hinter sich schließt, befiehlt er: „Bruder Haakon, stimme einen Choral an!“
„Einen Choral? Jawohl, Meister“, sagt Haakon, bis zum äußersten durchdrungen von seiner Pflicht.
Schon fängt er mit seinem schwingenden Baß zu singen an. Zuerst greift er ein wenig daneben. Aber bald findet er die rechten Töne, und ein Choral braust durch die Luft, die schon ziemlich dick geworden von Menschenschweiß und Menschensünden.
Vers um Vers wird gesungen. Es soll hier wahrlich nicht mit Tönen gespart werden. Nein, sondern es strengt sich jeder an und tut sein Bestes.
Aber als der letzte Vers gesungen und der letzte Ton verklungen ist, tritt unvermeidliche Stille ein. Das muß aber doch ein siebenmal verfluchter Teufel sein, den der Emissär dort in der Kammer auszutreiben hat. Man hört ihn arbeiten, grassieren und fürchterlich rumoren. Die Versammlung horcht in ängstlichem Wundern.
Der Mithelfer Haakon weiß von da ab nicht weiter. Er betrachtet die erstaunten Gesichter und schüttelt traurig und bekümmert über seinen eigenen geringen Verstand den Kopf. Jedoch, es muß hier alsbald etwas geschehen. Das steht fest.
Also tritt Haakon an die Kammertür, klopft mit zagendem Finger und fragt: „Was befiehlst du nun weiter, Meister?“
Der Emissär läßt ein wenig im Kampf mit dem Teufel nach und ruft keuchend: „Sing einen neuen Choral!“
Und natürlich ist das die richtige Lösung. Eh noch der zweite Choral ganz zu Ende ist, ist des Emissärs Kampf auch zu Ende. Er kommt als Sieger aus der Kammer hervor. Hinter ihm kommt Karla Nesse hervor und braucht nun nicht mehr väterlich und tröstlich an der Schulter gestützt und geleitet zu werden.
Karla Nesse — dieses Schaf muß sich jetzt schon von selber und allein in die Herde zurückfinden. Wie müde und langsam sie doch geht. Ihre Glieder sind ausgelöst und locker. Ihr Gesicht aber glüht, und ihre Augen glänzen feucht. Sie scheint nicht übel ergriffen, jedoch kaum unzufrieden zu sein.
Sowie er die Kammertür öffnet, stimmt der Emissär auch schon in den Gesang ein, ohne Zögern, ohne Wanken. Seine Stimme bebt nicht im geringsten. Kräftig tönt seine Stimme, wie eine Orgel. Ein bißchen unrein vielleicht, aber unaufhaltsam.
Karla geht an ihren Platz zurück. Aber sie singt nicht mit. Vielleicht weiß sie nicht, wo man gerade steht. Vielleicht ist sie auch von andern Tönen erfüllt.
Nikoline, die auch ein junges, üppiges Mädchen und ihre Freundin ist, stößt Karla in die Seite und neigt sich zu ihr hinüber: „Hat er gesiegt?“ fragt Nikoline. „Hat er ihn überwunden?“
Karla Nesse ist nicht in der Lage, darauf zu antworten, und nickt bloß, ganz schwach, und blickt staunend in den leeren Raum hinaus. Ihre Augen schillern. Hinter Karla Nesse aber sitzt Peter Strand.
Peter Strand macht keine Märchenaugen, sondern kaut kräftig mit seinen gelben Zähnen. Die Muskeln an seinen braunen Wangen treten dick hervor. Es muß eine harte Nuß sein. Und er schaut dabei dem singenden Emissär gerade ins Gesicht, ohne die geringste Spur von Verehrung oder Ehrfurcht.
Was mag sich dieser junge Bursche nur denken? Denkt er vielleicht, daß ein Mann wie der Laienprediger Ole Mathiessen dort hinter dem Tische steht, um sich ins Gesicht starren zu lassen? Da irrt Peter Strand. Der Laienprediger ist kaum mit dem Singen fertig, als er sich schon festen Schrittes nähert und vor Peter stehenbleibt. Was jetzt folgt, wird für Karlas Liebhaber nichts als Niederlage und Unglück.
„Bruder Peter!“ ruft der Emissär. „Bruder Peter, bist du keusch?“
Peter Strands Gesicht war vordem bleich. Jetzt wird es dunkel. Aber die scharfen Blicke werden stumpf. Nichts anderes als ein schwacher Sünder steht da vor den Blicken der Versammlung. Was nützt ihm nun das Restchen Mannestrotz?
„Der Teufel mag wissen, was ich bin“, murmelt er grob. Und das ist wahrlich ein Mißgriff. Mit einer Handbewegung wird Peter Strand hinweggefegt.
„Hebe dich von hinnen!“ ruft der Meister.
Beifälliges Gemurmel unterstützt ihn. Und so geht Peter Strand. Es hat nicht viel zu bedeuten, daß er sich bei der Tür noch einmal umdreht und sagt: „Und, Karla, was dich anbetrifft, so bin ich mit dir fertig. Den Ring magst du meinetwegen behalten und die Silberkette ... Morgen fahre ich in die Stadt ...“
Immerhin ein flotter Bursch. Es dürfte Karla Nesse doch nicht nur einerlei und völlig egal sein, daß er fortreist. Sie beugt sich tief über ihren Schoß nieder. Der Emissär aber erklärt, daß es für dieses Mal genug sei. Er hebt die Hände und segnet die Gemeinde. „Geht in Frieden“, sagt er.
Damit beginnt für die Leute von Mjelvik eine neue Zeit.
Zwei Flaschen
Es bleibt trotz allem fast unbegreiflich und wunderbar, welche Gewalt der Laienprediger Ole Mathiessen im Laufe der nächsten Wochen über die verirrte Seelenherde Mjelviks gewann. Insbesondere über die Seelen weiblichen Geschlechts. Fünfmal in der Woche hält er seine Abendversammlungen ab und müht sich und arbeitet und kämpft mit dem Teufel. An diesen fünf Wochentagen müssen die Männer Mjelviks, soweit sie der Bruder- und Schwesterngemeinde nicht selber beigetreten sind, ihr Abendbrot kalt essen oder selber aufwärmen.
Jeden Abend legt der Emissär seinen tröstlichen Arm um die Schulter einer irrenden Frauenseele und geleitet sie voller Zuversicht in die dunkle Kammer. Und der Mithelfer Haakon kennt hinfort seine Pflicht und weiß, was zu tun ist, wenn nach dem ersten Choral das Ringen mit der Verstocktheit noch kein Ende fand. O nein, Haakon pocht jetzt nicht mehr in teuflischer Unwissenheit an die Kammertür. Alles ist schon so großartig in Schwung gekommen.
An Sonntagen hält der Emissär seine Versammlungen schon vormittags ab. Er schert sich dabei nicht um Hausfrauenpflichten und Mittagessen. Wenn es das Seelenheil angeht, ist er scharf und streng und unerbittlich wie das Messer des Schlächters. Wie ein Schlachtmesser trinkt er immerfort Blut und kann seinen Durst doch nicht stillen. Die Frauen aber gehorchen seinem Winke. Sie sind dem Schlachtmesser auf Gnade und Ungnade verfallen.
Die Frauen stellen, ehe sie ihr Haus verlassen, und schon im Sonntagsstaat, den Topf mit der Grütze aufs Feuer. Wird aber der Emissär in seinem Eifer gar zu gewaltig, oder bekommt er es mit einer besonders hartnäckigen Austreibung zu tun, so daß er Ort und Stunde vergißt, ja, dann brennt die Grütze, die auch in Mjelvik an starre Naturgesetze gebunden bleibt, gründlich an.
Wenn die Frauen schließlich doch wieder an ihre Töpfe denken und nach Hause eilen, sind sie wohl innerlich erhoben; aber sie haben kein gutes Gewissen. Und sie öffnen die Küchentür — oha! Da strömt ihnen Rauch und Dampf entgegen. Nicht nur die Grütze, sondern auch der Kochlöffel darin ist verbrannt und verkohlt.
Und dann werfen die Frauen ihren Sonntagsstaat und alle innerliche Erbauung eiligst von sich und rennen mit ihren schwarzen Kochgeschirren an den Bach hinunter.
Da stehn sie nun in langer Reihe. Aber jetzt hilft kein feiner Flußsand mehr. Hei, jetzt müssen sie die Schlacken mit groben Steinen aus ihren Töpfen klopfen.
Begreiflicherweise entsteht ob solcher Wirtschaft mancher eheliche Unfrieden, mit Zank, Fluchen und Schlagen. Trieb der Laienprediger mit vieler Mühe einen Teufel aus dem Hause, so schleicht sich auch schon ein anderer wieder ein. Diese Sache hat ebenfalls zwei Seiten.
Das muß sogar der Abgesandte des Himmels an seinem eigenen Leibe erfahren. Er hat nun im Hause des Krämers ein halbes Jahr lang in Ruhe und Frieden gewohnt und in dieser Zeit mehr als hundert Dosen Ölsardinen, zwei Roquefortkäse und einige Töpfe französischen Senf verzehrt. Er hat sich mit fetter Milch und feinster Weizenmehlgrütze ernährt und ungeheure Kräfte aufgespeichert. Nun auf einmal läßt ihn seine Eßgesundheit im Stiche. Schon am frühen Morgen fühlt er einen dumpfen Druck unter den Rippen. Der Druck ist bald links und bald rechts, bald stärker, bald schwächer; aber er ist immer da. Und will trotz Rizinusöl und Painexpeller und warmen Umschlägen nicht weichen. Das stört des Emissärs innere Ruhe, so daß er den Kampf mit dem Bösen, der so glorreich begonnen, hinfort nicht mehr mit allen Mitteln führen kann.
Benjamin Sagensen und sein Weib Magnhild denken nach und besinnen sich und können nicht begreifen, woher das Leiden ihres Gastes kommen möchte. Sie haben ihm das viele und teuere Essen gewiß aufrichtigen Herzens gegönnt. Ohne Seufzer und Hinterhältigkeit stellten sie es vor ihn auf den Tisch.
Die Tücken der Welt sind ungeheuer. Der Emissär hat an diesem Morgen ein Fläschchen feinstes Haaröl aus dem Laden geholt und auf einen Zug ausgetrunken. Aber davon wurde es nur noch schlimmer. Nun mußte er Schleim aufstoßen. Und nun sah es tatsächlich so aus, als sei sein ganzer Leib mit dieser fürchterlichen zähen Unheimlichkeit angefüllt. Auch sein Schlaf wurde schlecht. Er schreckt oft auf und stößt die schwersten Zischlaute aus und schlägt mit den Armen um sich und schwitzt. Und jede Nacht träumt er böse Träume und kämpft mit Stieren und Löwen.
In der Kammer nebenan liegt der Krämer, hinter dem weichen warmen Weibe Magnhild und sperrt die Augen auf und lauscht auf alle die schlimmen Töne, die durch die Wände dringen. Der Krämer starrt in die brausende Finsternis der Herbstnächte und fürchtet sich. Und warum muß er an den Hornlöffelmeister denken, der draußen am Waldrand einsam in seiner Bretterbude wohnt? Und warum muß er denken, daß die Nächte jetzt schon kalt sind und daß der Hornlöffelmeister friert und allen Winden, die durch die Risse hereinstoßen, wehrlos ausgeliefert ist?
„Das kann er gar nicht aushalten“, murmelt der Krämer-Benjamin in die Dunkelheit hinaus. „Nein, das kann ein Mensch unmöglich aushalten.“
Mehr und mehr denkt der Krämer-Benjamin an diese elende Hütte. Das lenkt ihn von der eigenen Unruhe ab und besänftigt das pochende Herz. Es erfüllt ihn mit einer Art Dankbarkeit. Er beschließt, etwas zu tun.
Am Morgen macht er sich auf den Weg. Unter dem Arm trägt er eine dicke Rolle Teerpapp. Der Hornlöffelmeister liegt noch in seinen drei Margarinekisten und will sich nicht ohne weiteres wecken lassen.
„Ja, da liegt nun dieser Mensch und schläft“, seufzt der Krämer-Benjamin. „Und das Leben hat ihn wahrlich hart angefaßt ... Aber er liegt dennoch da, wie die pure Seligkeit ...“
Und der Krämer geht noch einen Schritt weiter in seiner Wohltätigkeit. Er klinkt die Tür zu und zündet auf dem Herd ein lustig Feuerchen an. Und als das Feuerchen seine blauen, goldbefranzten Zungen emporschnellt, starrt der Krämer hinein und denkt allerlei sonderbare Gedanken, nickt mit dem Kopf und lächelt in tiefer Trauer.
In dieser elenden Hütte steht ein reicher Mann, der es sich sogar leisten kann, einen Emissär im Hause zu halten und ihn mit den teuersten Importartikeln und Weizengrütze zu füttern. Benjamin Sagensen. Er hat sich der Witwe des Post-Nikolaj angenommen. Magnhild wurde rund und dick von seiner Liebe und Fürsorge ... Aber jetzt züchtigt ihn der Himmel mit diesen bangen Nächten und vielen unnützen Gedanken.
Schon zweimal hat der Distriktsarzt Kringlen am Krämer herumgeklopft, gedrückt und gehorcht. „Es ist nichts“, sagte der Arzt. „Ein wenig Nervosität. Es geht Ihnen viel zu gut, lieber Sagensen. Zuviel Glück kann mit der Zeit auch Beschwerden machen.“
Alle Leute sagen dasselbe. „Es geht Ihnen zu gut, Sagensen.“ Und sie lächeln und legen sich nachts in ihre Betten und schlafen. Und keiner weiß, welch schreckliche Augen die Nacht hat.
Hier in dieses Feuerchen starrt ein reicher Kaufmann und tut Buße und demütigt sich immer mehr. Er zündete das Feuerchen auf dem Herde des gezeichneten Mörders an. Und seht, jetzt mahlt er sogar Kaffee und geht vors Haus hinaus und spült die Tasse im Bach. Kann denn ein Christenmensch und reicher Krämer sich überhaupt noch mehr demütigen und hinopfern?
Bei alledem weiß der Krämer-Benjamin, daß der Hornlöffelmeister ihm mit keiner Silbe danken wird. Aber das kann ihn nicht hindern, dem Mörder noch die Hand auf die Schulter zu legen, um ihn wachzurütteln. Die Sonne scheint durchs Fenster und schaut dem allem zu. Es ist eine gute weiche Herbstsonne, die da hereinschaut.
„Am Morgen lag Eis auf dem Wasser“, sagt der Krämer-Benjamin. „Fast einen Finger dick war es.“
Dazu gähnt der Hornlöffelmeister wiehernd, indem er seine langen Arme ausstreckt. Wenn er sich so in seinem Elend ausdehnt, nimmt er die ganze Länge und Breite seines Hauses ein.
Wie in einem Sarge liegt er, denkt der Krämer mit kaltem Unbehagen. Und die dumpfe Traurigkeit, die ihn für eine Weile verlassen, kehrt abermals in seine Seele zurück.
„Bald kommt der Winter ... und du kannst es nicht aushalten“, sagt er.
Es scheint nun aber so, daß dieser gelbe Hornlöffelmeister sich gar keine Gedanken macht und weder den Sommer noch den Winter fürchtet. Das bemerkt der Krämer-Benjamin mit Staunen und denkt wieder bei sich selber: Dieser Mann ist vielleicht glücklicher als ich ... Er kennt keine Angst. Vielleicht friert er nicht einmal in seinem miserablen Bett ... Aber warum mag ihm wohl der Bart ausgegangen sein? Er ist ja so glatt und weich am Kinn wie ein Frauenzimmer ...
Der Hornlöffelmeister kriecht, völlig angekleidet, mit Kittel und dicken Strümpfen aus dem Bett, schlüpft in die Holzschuhe, und damit steht er fertig für den Tag gerüstet da. Er sagt: „Also der Winter kommt? — Laß ihn nur kommen ...“
Herrgott, wie kann dieser Mensch doch sorglos dahinleben! Ein Krämer aber muß sich stetsfort plagen mit Zahlen und Rechnen und beim Wiegen ein wenig mit dem Finger und kleinen Kunststößen nachhelfen und das Maß nicht ganz füllen, und auf so manches andere achten, um im Leben vorwärtszukommen. Ein reicher Krämer spült sogar zuweilen seinen Mund mit starkem Salzwasser, um diese kleinen heimtückischen Tierchen zu töten, die stets lauern und es auf das Leben wohlhabender Menschen besonders abgesehen haben. Der Hornlöffelmeister gurgelt nicht und läßt seine Zähne gelb und morsch werden. Er fürchtet weder das Leben noch den Tod.
Jetzt aber rafft sich der Krämer-Benjamin auf und kommt auf den Zweck seines Besuchs. „Das geht niemals an“, sagt er in bestimmtem Tone. „Du wirst in deiner Kiste erfrieren und verderben. Sieh, ich habe dir eine Rolle dicke Teerpappe mitgebracht und Stifte ... Trink jetzt zuerst deinen Kaffee, dann werde ich dir zeigen, wie das gemacht werden soll.“
Wie ihm befohlen, trinkt der Hornlöffelmeister den Kaffee und tritt dann mit dem Krämer vor die Tür. Die Menschen haben allen Widerstand in diesem Manne gebrochen und ihn gelb und gefügig gemacht. Er nagelt Teerpappe auf die Bretter. Er macht sich keine Gedanken und überläßt andern die Sorgen.
„Und jetzt müssen noch dicke Leisten her“, erklärt der Krämer-Benjamin. „Und auf die Leisten noch einmal Pappe. Und obendrauf Bretter.“
„Ja“, sagt der Hornlöffelmeister.
„Aber Bretter und Leisten, die hab’ ich nicht.“
„Nein.“
„Aber es muß sich auch dafür Rat finden.
„Ja.“
Der Hornlöffelmeister redet nicht viel und verschwendet keine Worte. Es bleibt aber rührend, mit welcher Geduld der Krämer sich dieser Hütte annimmt. Er betrachtet sie von allen Seiten. Dann geht er nach Hause und schreibt einen kleinen Brief.
„Da!“ sagt er zu Salomonsen, seinem Gehilfen. „Trag das nach Trollhaugen. Aber du sollst es dem König selber abgeben.“
Und der König läßt sich auch diesmal nicht lumpen. Der König darf niemals der Letzte sein, wenn es ein gutes Werk zu vollbringen gibt. Schon am andern Tage hält ein Karren vor der Hütte am Waldrand, und Leisten und Bretter werden abgeladen. Jetzt ist alles da. Und alles ist im Überflusse da.
Der Krämer-Benjamin erscheint abermals, wirft das Wams und die Weste mit den vielen blanken Knöpfen von sich, nimmt Maß und schwingt den Hammer. Frohgemut sagt er: „So wird es drüben gemacht! Einer soll dem andern helfen.“
Er fängt an zu schwitzen und vergißt im Eifer sich selber und den eigenen Kummer. Am Abend sind die Verkleidungsbretter festgenagelt. Und in dieser Nacht schläft der Krämer viele Stunden lang. Am Morgen erwacht er, gestärkt an Seele und Leib. Wie neugeboren fühlt er sich. So lohnt sich Milde und Guttätigkeit. Wenn die Reichen sie mehr übten, wäre ihnen selber wohler.
Aber der Emissär hat eine schlimme Nacht gehabt, mit blutigen Stierkämpfen und Märtyrerverbrennungen und Pechfackelrauch und solchen Sachen. Verdrossen und mürrisch sitzt er am Frühstückstisch, fletscht die Zähne nach dem Roquefortkäse und hat für die fürsorgliche Frau Magnhild nicht das übliche schöne Wort. Nein, der Emissär ist weder erquickt noch neugeboren. Es geht abwärts mit ihm.
Und wenn es immer so weitergeht, muß es bald mit ihm am düsteren Ende angelangt sein. Das aber wünscht der Emissär trotz aller Verdienste und der sicheren Aussicht auf jenseitige Belohnung durchaus nicht. Im Gegenteil bestrebt er sich, den Weg durch das irdische Jammerund Lastertal noch so viel, als in seiner Macht liegt, in die Länge zu dehnen.
Nach dem Frühstück verläßt er das Haus, wie alle Tage, mit der Ledertasche, in der er erbauliche Schriften führt. Er sucht aber jetzt nicht die bedürftigen Frauen auf. O nein, heute hat dieser Laienprädikant nicht Sinn für weibliche Seelen, so durchdrungen wie er ist von dem Mangel seines eigenen Leibes. Müden Ganges steuert er zur Ortschaft hinaus, biegt beim Birkenwalde ostwärts und nähert sich einem großen weißen Haus. Und das ist der Doktorsgaard. Schüchtern und fragend klopft er an die Tür. Er ist sich selber nicht mehr gleich. Böse Ahnungen machen ihn zaghaft.
Ja, der Doktor ist zu Hause. Der Doktor hat doch nicht viel Arbeit in diesem Distrikt. Wenn der Tabak und die Literatur und ein gewisser Schwächezustand unter der trockengelegten Bevölkerung nicht wären, wüßte der Doktor manchen lieben Tag nicht, was er treiben sollte. Auch heute sitzt er in seinem Lehnstuhl, die Pfeife in der einen Hand, ein Buch in der andern, und wartet, bis einer in seine Stube tritt und mit Verschämtheit ein kleines Rezept fordert.
„Guten Tag.“ Und vor dem Distriktsarzt Kringlen steht der Mann der Austreibungen, der starke Teufelsbändiger, der Mann der Donnerworte. Seine Brauen sind über der Nase zusammengewachsen. So finster sind sie. Fürchterliche Brauen, die vor eiskalter Entschlossenheit starren. Aber in diesem Augenblick zucken sie. O, wie der Emissär sich fürchtet! Der Mann der gewaltigen Geräusche. Der Mann mit den Funkenblicken. Sogar seine Knie beben, und es fällt ihm schwer, dem Doktor seine Krankheit zu schildern. Und als er sich gar hinlegen und vor diesen kühlen, ruhigen Augen seinen Leib entblößen und ausbreiten muß, wird ihm vor Aufregung fast übel. Dem Emissär ist ungefähr zumute wie einem schwarzen Sünder vor dem Richterstuhl.
Nach wenigen Minuten zeigte es sich hingegen, daß all die Angst und der Aufwand von Gedanken und kläglichen Möglichkeiten für nichts waren. Doktor Kringlen wäscht seine Hände mit wohlriechender Seife, blickt über seine Brille hinweg: Nichts als Neurasthenie!
„Ein bißchen Nervosität“, sagt der Doktor mit blondem Lächeln. „Ein bißchen überernährt. Vielleicht ein wenig zu vollblütig ... Es ist nichts“, sagt er. Und er öffnet in der Apotheke ein Glas. Und dann öffnet er noch ein Glas und mischt im Mörser ein Pulver.
„Was ist das?“ fragt der Emissär mit Anteilnahme.
„Nichts weiter ... Natrium bicarbonicum und Magnesia. Das wird Ihnen gegen die Verschleimung helfen.“
„Nein“, entgegnet der Emissär. „Pulver? Nein, ich kann keine Pulver einnehmen!“
Doktor Kringlen läßt den Mörser sinken und blickt auf.
„Nein. Unmöglich. Ich kann Pulver nicht hinunterschlucken. Haben Sie nicht etwas Flüssiges? Etwas Natürliches?“
Ja. Und nun lächelt dieser Doktor wieder sein kleines hübsches Lächeln. „Doch“, sagt er. „Aber dann müßte ich zuerst ein Rezept schreiben.“
„Schreiben Sie in Gottes Namen ein Rezept, Doktor! ... Als Medizin ist es keine Sünde ...“
Doktor Kringlen schreibt das Rezept. Der Emissär öffnet seine braune Ledertasche. Jetzt liegt neben der erbaulichen Literatur eine Flasche mit kaltem, glattem Schlangenleib.
Leichten Herzens verläßt der Emissär den Doktorgaard. Gesetz und Gewissen sind respektiert und alles in Ordnung. In der Tasche ist nun ein Stoff, der die zähen Übel zersprengen wird. Ein Mann geht dankbaren Herzens.
Im Garten stößt er mit einer langen und bleichen Persönlichkeit zusammen. Er erkennt darin seinen jungen tüchtigen Mithelfer Trygve, den Sohn des Bauern Högseth vom Blaatal. Siehe da, dieser Mithelfer drückt sich nach kurzem Gruße scheu um die Ecke und verschwindet auf der Hinterseite des Hauses. Natürlich wittert der Emissär hierin unverzüglich Unrat und verbotene Wege. Er legt sich auf die Lauer und fängt Trygve ab.
Und, lieber Bruder Trygve ...! Ja, und da steckt also die Flasche hinten im Rockschoß.
Lieber Bruder Trygve, welche Sünde! Aber dir ist Heil widerfahren. Der Herr hat dir deinen starken Hirten auf den Weg gestellt.
Schon hat der Emissär seine entschlossene Hand auf die Flasche gelegt. „Und du weißt doch, Bruder Trygve, daß es verboten ist. Gott helfe dir — es ist sogar doppelt verboten! Einesteils von der Religion, andernteils vom Gesetz ... Wie willst du das verantworten?“
Großer Meister! ... und dein Mithelfer Trygve hat diese Flasche ja auch nur als Medizin geholt, mit ärztlichem Rezept und auf gerechtem Wege. Großer Meister, zürne nicht.
„Ha!“ sagt der Emissär scharf und ohne Wankelmut. Wie könnte er denn solches vergeben. „Niemals! Hast du, Bruder Trygve, vielleicht schlaflose Nächte?“
Nein, Gott sei Dank! Der Mithelfer hat einen gesunden Schlaf.
„Hast du, Bruder Tryge, vielleicht Schleim im Hals?“
„Schleim? Nicht die geringste Spur.“
Ja, der Mithelfer kann zufrieden sein, daß ihm sein großer Meister auf den Weg gestellt worden, im rechten Augenblick, als Retter.
„Und du bist nicht krank, Bruder Trygve. Her mit der Flasche! Und jetzt schreite ruhig weiter und laß mich allein, daß ich für dich ringe und diesen bösen Feind auf der Stelle vernichte.“
Bedrückten Herzens wandelt ein junger Mann das Sträßlein hinunter, das er hoffnungsfroh emporgestiegen.
Der Emissär aber öffnet seine braune Tasche und legt eine glatte Schwester zur andern.
Der Sprung nach der Mütze
Die Leute von Mjelvik behaupten, noch nie sei ein Sommer so schnell zu Ende und vorbei gewesen wie dieser.
Nicht daß er arm an Sonne und Wärme gewesen wäre, dieser Sommer. Er war sogar so heiß, daß die Dame Oline mehrmals am Strande ihre schönen Kleider von sich ablegte und nackt ins Fjordwasser stieg, um zu baden. Zum Entsetzen aller Weiber ließ diese Dame ihren weißen Leib vom kalten Weltmeer von allen Seiten umspülen und versündigte sich.
„Das wird ein böses Ende nehmen“, sagten die Weiber, wenn sie Wasser am Bach holten und noch ein Weilchen beieinander stehenblieben.
„So ein Frauenzimmer!“
Malene Braaten sagte: „Ja, aber so viel ist gewiß, daß ich noch nie weiter als bis zum Knie im Wasser gewesen bin.“
O, dieses Frauenzimmer! Es ist voll von Lastern und Begierden.
„Es hat auch goldene Zähne im Maul.“
„Gottvater — goldene Zähne!“ rief Sigrid mit den Stecknadelaugen. „Nein, das lügst du.“
„So? Lüge ich vielleicht? Als ob ich es nicht selber gesehen hätte. Sie sprach doch einmal mit mir. Ich mußte ihr doch den Schuh binden, weil sie sich nicht bücken wollte.“
„Sie wollte sich nicht bücken? Hihihi!“ lachten die Weiber. „Hat man denn schon so etwas gehört?“
Da war aber eine unter ihnen, die hatte ein paar Jahre lang in der Stadt Bergen bei feiner Herrschaft gedient. Helene Hansdatter — die wußte es besser.
„Wo denkst du hin, Malene? Sie konnte sich doch gar nicht bücken.“
„Was sagst du? Sie konnte nicht? ... Damals war sie noch so dünn wie ein Stecken. Gott bewahre mich, nichts als Haut und Knochen mit ein wenig Haaren ...“
„Hihihi!“ lachten die Weiber.
Aber Helene Hansdatter ließ sich nicht von ihrer Meinung abbringen. Oh, das war nun eine gute Gelegenheit, mit besserem Wissen zu glänzen. Helene durfte sie sich nicht entgehen lassen: „Die vornehmen Damen tragen etwas auf dem bloßen Leib, das sie mit einer starken Seidenschnur zusammenschnüren. Davon werden sie so fein und schlank. Man nennt es Klossett.“
„Klossett — oh!“ rufen die Weiber erstaunt, stellen die gefüllten Wassereimer wieder hin und treten näher zusammen.
Helene Hansdatter wird nun wirklich zu einem kleinen Mittelpunkt. Sie spart nicht mit ihrer Wissenschaft und gibt von dem geheimen Instrument weiblicher Anmutskunst ein anschauliches Bild.
„Und wenn sie dick werden“, erklärt Helene, „müssen zwei Mann her, es zu schnüren ...“
„Gottvater!“ rufen die Weiber.
„Aber wozu brauchen sie denn die Goldzähne?“ fragt Malene Braaten. Nein, das weiß Helene wohl selber nicht recht. „Wenn ihre Zähne hohl werden, füllen sie sie mit Gold“, sagt sie und nickt.
„Das muß aber ungeheuer viel Geld kosten!“
„Geld spielt doch bei diesen Menschen überhaupt keine Rolle mehr. Meine Dame trug einen Ring am Finger, der hatte glatt seine fünfhundert Kronen Wert.“
„Gottvater!“
Aber Malene Braaten hält sich noch immer bei den Zähnen auf: „Nein“, sagt sie, „da ist es doch viel billiger, sie alle welken zu lassen. Und dann läßt man sich die Wurzeln ausreißen. Und dann bekommt man ein künstliches Gebiß mit schönen weißen Zähnen ...“
Und da lachen die Weiber schon wieder, obschon das doch gar keine lustige Sache sein kann.
Vielleicht lachen die Weiber nur deshalb, weil Malene Braaten wegen ihres Geizes und ihrer Knickrigkeit in Mjelvik berühmt ist. Ach, diese arme Malene führt in ihrer Art auch ein hartes Leben, und der Geizteufel hat sie mächtig in seinen Krallen. Wenn sie zum Beispiel Eier verkauft, behält sie ein jedes Ei immer noch ein Weilchen in der Hand, ehe sie es in den Korb legt. Sie kann sich nicht auf einmal so ganz von ihnen trennen.
Schon seit Wochen sitzt Malene Braaten gläubigen Sinnes in den Versammlungen und wartet darauf, daß der Emissär ihr den Arm um die Schulter legen möchte, um den Kampf mit ihrem Geizteufel auszufechten. Bis dahin hat der Emissär die große Not und Bereitwilligkeit dieser Seele noch nicht bemerkt, trotz lautem Seufzen und Klappern mit den Augendeckeln.
Wie hat aber Malene mit sich selber gerungen, bis sie den Entschluß fassen konnte, die braunen Wurzeln ausreißen zu lassen ... Mit schönen weißen Zähnen möchte es vielleicht besser gehen. O, Malene hat schwer gerungen. Sie hat zwar noch nicht völlig den Sieg errungen und erst den Gedanken mit der Möglichkeit in sich einziehen lassen.
Das alles wissen die Weiber. Und darum lachen sie. Die Weiber wissen auch, daß Malene niemals ein Gebiß haben wird. Ach, sie wissen vieles, und sie sind manchmal so fürchterlich und grausam, die Weiber. Sie prophezeien nun einstimmig der schönen Dame Oline den Tod und ein schweres Ende und ungeheure Strafe für ihre vielen Sünden und Laster. Dann gehen sie endlich mit ihren Wassereimern nach Hause.
Der Neid aller Frauen von Mjelvik scheint der Dame Oline vorläufig nicht das geringste zu schaden. Ganz im Gegenteil: mehr und mehr blühte sie auf, und ihre weiblichen Formen entwickelten sich von Tag zu Tag prächtiger. Und wenn es darauf ankommt, müssen sicherlich schon zwei Mann her, ihr das Klossett zu schnüren.
Aber die schlimmen Weiber machen auch hierüber seltsame Andeutungen und kichern hämisch und platzen fast vor Zweideutigkeiten. Ach, du weiter Himmel — wer könnte es eifersüchtigen Frauen je recht machen?
Oline hat ihrerseits alle Ursache, wenn sie diese plumpen Geschöpfe nur mit hochmütigen Blicken aus schmalen Ritzen hervor streift und ihre Nähe meidet. Es kann ja vielleicht vorkommen, daß Oline im Vorbeischreiten einem Manne ein wenig unter den langen Wimpern hervor zulächelt oder vielleicht ein kleines, unschuldiges Wörtlein sagt und mit ihrem prächtigen Kopfe nickt. Ja, das alles kann vorkommen. Und die Weiber sollten doch Oline Jensen in Gottes Namen nicken und ein wenig lächeln lassen. Kann man denn überhaupt sündigen in Mjelvik?
Und Oline Jensen ist doch selber auch nur ein schönes Weib mit ihrer reizenden Schwäche. Wie könnte man erwarten, daß sie alle Tage von früh bis spät einzig und allein von Sigmund Borsa betrachtet werden dürfte, wenn er auch der König und an diesem Orte allmächtig ist?
Schließlich, was kann Oline dafür, wenn ihre Blicke Feuerfunken sprühen — Gott helfe ihr! Und wenn daraus irgendwo ein Brand entsteht, so mußte doch irgendwo schon etwas vorhanden gewesen sein, das brennen konnte. Nein, nein, der Fehler liegt selten nur auf der einen Seite.
Man stelle sich doch nur dieses vor: Oline geht während der Heuernte am Felde des Bauern Sigurd vorbei. Und da Oline mitunter auch einfacheren Betrieben ihre Anteilnahme schenkt und überdies vom süßen Heuduft ein wenig berauscht und erregt wird, bleibt sie stehen, wechselt mit dem Bauern Sigurd ein paar Worte über Wind und Wolken und so. Schaut ihn dabei an, zeigt ihm ihr Wohlwollen und nickt fürstlich.
Was nun?
Steht denn jetzt der Bauer Sigurd vielleicht nicht jeden Tag am Wege, obschon alles Heu längst in der Scheune ist? Was will der Bauer Sigurd am Wege? Worauf wartet er?
Er will nichts. Er sagt wohl zu sich selber: „Ja, hier stehe ich nun. Und es wäre gar nicht so übel, ein wenig übers Wetter und die Wolken zu reden.“
Er weiß nichts anderes.
Es ist nichts — nur sein Blut wurde entzündet. Dieses Blut ist sechzig Winter alt — was kann er dafür? Ist es denn seine Schuld, daß die Zeit so schnell an ihm vorbeiwehte und sein Haar darüber weiß wurde?
Wer will mit dem Bauer Sigurd rechten? Wer will ihn schelten wegen des Weißhaares und der holden Torheit? ... Am Anfang und am Ende steht die Liebe. Und sie wird immer stehenbleiben.
In diesem Falle kann daraus natürlich gar nichts werden, obschon der Bauer Sigurd Witwer und ohne Kinder ist. Er wäre, was dieses angeht, frei und ledig. Aber um des Himmels willen — warum muß er denn seine Blicke so hoch hinauf werfen?
Ein paar Wochen lang geht nun dieser Bauersmann mit großem, flatterndem Herzen herum, stöhnt, wenn er allein ist, und macht sich in Gegenwart anderer übernatürlich groß und wichtig. Er ist doch auch nur ein männliches Wesen.
Und zu seinem Unglück hat er eine junge Dienstmagd. Nikoline. Eine Magd mit guter Positur und durchaus nicht ohne Verführungsreize.
Seht nun, was bei Oline, der Dame, für ewig nicht sein kann, das dürfte bei Nikoline, der Dienstmagd, doch nicht völlig unerreichbar bleiben. Allerdings will es aber die Tücke des Schicksals, daß Nikoline gerade zu dieser Zeit vom Emissär in besondere Behandlung genommen und erweckt wurde und daß sie infolgedessen für die irdischen Begehrlichkeiten eines alten, torichten Bauern in keiner Weise vorhanden ist.
„Hüff!“ sagt Nikoline. Und: „Etsch!“ sagt Nikoline. Und sie wehrt sich mit ihren Fäusten, in der dunklen Scheune beim Heuabladen, da irgend etwas nicht stimmen will.
„Schämen Sie sich denn gar nicht?“ fragt Nikoline.
Schämen? — Hagel und Blitzwärme und Pokker! Der Bauer möchte nur wissen, worüber man sich in dieser Angelegenheit schämen sollte.
„Pfui! Sie sind doch schon ein alter Mann“, erklärt die Dienstmagd Nikoline.
Das! Nein — das hätte die Dienstmagd niemals erklären sollen. Denn damit preßt sie den Lebenstrieb des Bauern so mächtig zusammen, daß es unabwendbar zu einer Entladung kommen muß.
„Nikoline!“ ruft der Bauer Sigurd, „du bist ein Stockfisch ... Und mehr sag’ ich nicht.“
Natürlich ist der Bauer von da an über das Leben verbittert und bäumt sich in wildem Trotz auf gegen das stumpfsinnige Walten der Naturkräfte, die sein Haar bleichten und ohne Gnade Tag um Tag in den Abgrund der Vergangenheit schaufeln. Dieses alles trägt der Bauer Sigurd mit sich herum bis zum Herbst.
Auf dem Acker, als der Hafer, in Bündel gebunden, zusammenliegt, um auf lange Stangen zum Trocknen aufgeschichtet zu werden, bricht es aus: der Bauer Sigurd stößt unvermutet einen gellen Jauchzer in die Luft und springt über einen Haferhaufen, der nicht wenig hoch ist. Wahrhaftig, es gelingt ihm fast ebensogut wie in jungen Tagen.
Der Bauer Sigurd wurde sicherlich von seiner eigenen Leistung überrascht und zu Höherem ermuntert. Und er stößt wiederum einen wilden Jauchzer aus und springf über den Haufen zurück.
„Nein — in aller Welt!“ ruft Nikoline. „Wie sind Sie doch komisch! Das hätte ich nicht von Ihnen erwartet.“
O, diese siebenmal geölte Dienstmagd verdreht jetzt die Augen und sperrt die Nasenlöcher weit auf. Und ringsum das ganze enge Tal ist glühend heiß und voll von Sonnenschein und aufstachelnder Natürlichkeit.
Da wird der Bauer vollends toll. Er ruft: „Wie? Nicht jeder Zwanzigjährige macht mir das nach!“
Aber er muß doch auch ein wenig schnaufen. Nikoline schweigt nur und lächelt.
Und jetzt geschieht es, daß der Bauer seine Mütze vom Kopfe nimmt und sie auf eine der Stangen hängt.
„Früher“, sagt er, und seine Augen blitzen, „früher sprangen wir auf, wenn wir Halling tanzten, und traten mit den Zehen an die Stubendecke. — Wie viele vermögen das heute noch?“
Und so redet der alte Mann eine Zeitlang weiter und bläht sich selber auf und schmäht die Jugend. Und hierauf nimmt er einen mächtigen Anlauf. Und sein Fuß saust durch die Luft. Und sein Fuß trifft wahrhaftig die Mütze in über Manneshöhe. Soviel Wille und Kraft hat die Liebe in ihm entfacht.
Aber bei diesem Sprunge verliert er das Gleichgewicht und fällt auf den Rücken. Mächtig schlägt er auf die Erde nieder. Da liegt er und bleibt liegen mit verzerrtem Gesicht und angstvoll fragenden Augen.
Warum hat denn der Himmel die Knospen aus diesem alten Baume hervorgelockt? Vielleicht nur deswegen, um den Baum zu fällen? In des Bauern Rücken, in seinem Halse ist etwas kaputtgegangen. Sie tragen ihn auf den Hof. Erst in seinem Bett kommt er wieder zur alltäglichen Wirklichkeit zurück.
Seit dem Herbst liegt er nun in seinem Bette, mit dem finsteren, fragenden Blick. Er wird nicht mehr aufstehen. Der große Sprung mit dem verwegenen Jauchzer — das war das Letzte. Das Allerletzte aber sei nur noch eine Frage von Wochen, von Monaten höchstens, sagt Doktor Kringlen.
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