Читать книгу: «...und im Luftschloss wird es kühl»

Шрифт:

Vorwort

Tag eins

(Freitag)

Tag zwei

(Samstag)

Tag drei

(Sonntag)

Tag zehn

(Sonntag)

Tag elf

(Montag)

Tag zwölf

(Dienstag)

Tag dreizehn

(Mittwoch)

Tag vierzehn

(Donnerstag)

Tag fünfzehn

(Freitag)

Tag sechzehn

(Samstag)

Tag siebzehn

(Sonntag)

Tag achtzehn

(Montag)

Tag neunzehn

(Dienstag)

Tag zwanzig

(Mittwoch)

Tag einundzwanzig

(Donnerstag)

Tag zweiundzwanzig

(Freitag)

Tag dreiundzwanzig

(Samstag)

Tag vierundzwanzig

(Sonntag)

Tag fünfundzwanzig

(Montag)

Tag sechsundzwanzig

(Dienstag)

Tag siebenundzwanzig (Mittwoch)

Tag achtundzwanzig (Donnerstag)

Nachwort

Impressum neobooks

Copyright by Primär Verlag Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Buch ist bei der Deutschen Nationalbibliothek, sowie der Landesbibliothek Berlin gelistet

Umschlagsgestaltung: Exakt Werbung, Simone Stolz

Urheber:

Coverfoto 1 © Adobe Stock / Deeworxdesigns

Coverfoto 2 © Adobe Stock / Krissikunterbund

Coverfoto 3 © Adobe Stock / PrintingSociety

Lektorat & Endkorrektur:

Sebastian Stranz

EBOOK VERSION

ISBN 978-3-948414-14-6

Vorwort

Love Scamming (auch Romance Scamming, Liebesbetrug, oder Vorschussbetrug genannt), ist nichts weiter als eine moderne Form des Heiratsschwindels.

In Online-Partnerbörsen oder in sozialen Netzwerken sind die Scammer auf der Suche nach potenziellen Opfern.

Die Täter versuchen, durch vorgetäuschtes Interesse und Liebesversprechen Geld zu erschleichen oder Komplizen für illegale Machenschaften (zum Beispiel Geldwäsche) zu gewinnen.

Dieses Buch musste ich schreiben, da es in meinem Bekanntenkreis und sogar in meiner Familie Opfer gibt. Leider sind alle Warnungen verhallt. Über so viel Naivität konnte ich nur den Kopf schütteln. Daher habe ich mich im Selbstversuch mit einigen Scammern eingelassen. Selbstverständlich hatte ich nie vor, Geld zu überweisen, ich kam ohne finanziellen Schaden davon.

Versichern kann ich Ihnen, dass die Briefe von „Joe“ und „David“ echt sind, ich habe sie sprachlich etwas geglättet und der Handlung meines Romans angepasst.

Bitte beachten Sie das Nachwort, falls Interesse besteht. Dort habe ich dieses Vorwort um einige Informationen ergänzt und Anlaufstellen für Hilfesuchende angegeben.

Karen Grace Holmsgaard Strausberg im Januar 2021

Tag eins
(Freitag)

Sabine Bethke stieß die Tür zu ihrer Wohnung auf und fluchte leise. Der Fahrer des Krankentransports half ihr in die Wohnung. Anschließend half er ihr aus der Jacke und den Schuhen. Mittlerweile hatte Sabine sich an die Orthese, welche sie am linken Bein trug, gewöhnt. Außerdem hatte sie schnell gelernt, mit den Gehhilfen umzugehen.

„Kommen Sie auch wirklich klar?“, fragte der nette junge Mann.

„Aber natürlich, das Bienchen ist doch schon groß“, antwortete Sabine und lächelte verschmitzt, „und wenn Not am Mann ist, ich habe doch die Nummer von einem Pflegedienst und überhaupt ein Telefon. Sie können beruhigt gehen, wirklich“.

„In Ordnung, aber holen Sie sich Hilfe, wenn es nötig ist.“

Leise schloss der Fahrer des Krankentransports die Wohnungstür und ließ Sabine allein in der Wohnung zurück. Schön nach einem Aufenthalt im Krankenhaus wieder Zuhause zu sein, dachte sie, auch wenn ich seit über einem Jahr geschieden bin. Sabine stellte die Gehhilfen im Flur ab, seufzte kurz und humpelte vorsichtig ins Wohnzimmer.

Na bitte, geht doch, freute sie sich. Ist nicht alles so schlimm, wie sie geglaubt hatte. Aber mindestens sechs Wochen würde sie außer Gefecht gesetzt sein, das hatte ihr der Arzt im Krankenhaus gesagt. Damit ihre Laune trotz des Frühsommertages nicht in den Keller sank, entschloss sich Sabine, einen Kaffee zu machen. Vorsichtig begab sie sich in die Küche und bereitete sich einen Kaffee zu und ebenso vorsichtig trug sie die Tasse ins Wohnzimmer. Dann versuchte sie, sich zu entspannen, und stellte ihren CD-Player an. Nachdenklich blickte sie auf ihre Orthese. Das hatte sie davon, wenn sie mit Anfang Fünfzig meinte, wieder auf ein Pferd steigen zu müssen. Immerhin ist es lange her gewesen, seit sie regelmäßig geritten ist. Und dann war da die Sache mit der Hundebesitzerin.

Wäre diese uneinsichtige Dame nicht gewesen, wäre die ganze Sache erst gar nicht passiert… Glück hatte sie gehabt. Bei einem schweren Sturz war sie mit einer Verdrehung des Sprunggelenks davongekommen. Ich kann es nicht ändern, dachte Sabine, aber ich kann meinen Chef anrufen. Ein Donnerwetter über einen weiteren Arbeitsausfall würde es ganz gewiss nicht geben, denn Sabine arbeitete schon seit fünfundzwanzig Jahren für diesen kleinen Buchverlag in der Nähe von Berlin.

Sabine griff zum Telefon und wählte die ihr bekannte Nummer. Einige Male läutete es am anderen Ende, dann ertönte die Stimme ihres Chefs, Herrn Lenz, und wie immer nuschelte er leicht. Kurz und knapp schilderte Sabine ihre Situation und bot an, einige Arbeiten für den Verlag von Zuhause aus zu erledigen. Geduldig hörte sich Herr Lenz die Vorschläge seiner Mitarbeiterin an und es schien Sabine, als ob ihr Chef am anderen Ende der Leitung nickte. Schnell waren sie sich einig und Sabine versprach zu tun, was sie konnte.

„Wunderbar“, nuschelte Herr Lenz und fuhr fort: „Werden Sie erst einmal wieder richtig gesund und denken Sie daran, Sie sind kein junges Mädchen mehr. Gute Besserung.“ Dann legte er auf. Sabine nahm den letzten Schluck Kaffee und stellte die leere Tasse beiseite.

Und nun? Sabines Blick fiel auf ihren modernen Laptop und sie dachte an ihr Profil bei Facebook. Nur sporadisch besuchte sie dieses soziale Netzwerk und hatte dort ohnehin nur einen überschaubaren, kleinen Freundeskreis. Ein paar Kollegen, ein paar Schulfreunde, eine Urlaubsbekanntschaft und weiter nichts. Meldeten sich irgendwelche verwitweten Soldaten aus den USA, lehnte sie sofort ab, sie wusste, dass diese Männer nicht die waren, die sie vorgaben zu sein.

Diese Männer betrieben Liebesbetrug, was unter dem Namen Romance Scamming bekannt ist. Begriffe wie Love Scamming, oder Liebesbetrug kannte Sabine ebenfalls. Umgangssprachlich wurden diese Männer als Scammer bezeichnet. Darüber hatte sie vor einigen Jahren in einer Zeitschrift gelesen, den Artikel eher flüchtig überflogen. Sie entschloss sich dennoch, dieses soziale Netzwerk zu besuchen. Sabine fuhr ihren Laptop hoch und öffnete ihr Facebook-Profil. Selbstverständlich hatte sie einige Freundschaftsanfragen. Jede Menge verwitweter Soldaten! Sabine hatte nichts anderes erwartet, verdrehte die Augen und löschte diese Anfragen genervt. Auch ein verwitweter Kapitän aus New York wurde abgelehnt. Blieb eine Freundschaftsanfrage übrig. Zögernd öffnete Sabine das Profil. David Silverstone, ursprünglich aus Hamburg und jetzt wohnhaft in Berlin. So zeigte es sein Profil an. Einen Augenblick lang schloss Sabine die Augen und ging in sich. Diese Angaben sahen ihr nicht nach einem Scammer aus…

Sabine überlegte und rutschte auf ihrer Couch hin und her. Ihr Herz begann ein wenig schneller zu schlagen. Das Profilfoto zeigte einen sympathischen Mann in Sabines Alter. Keine Männerschönheit, doch strahlte dieses Foto eine gewisse Freundlichkeit aus. Ehe Sabine eine Entscheidung treffen konnte, riss sie das Klingeln des Telefons aus ihren Gedanken. Die Freundschaftsanfrage kann ich später beantworten, fand Sabine und nahm lieber den Anruf entgegen.

Der Blick auf das Display zeigte ihr, dass ihre Freundin Monika am anderen Ende der Strippe war. Mit ihren fünfundfünfzig Jahren war Monika nur wenig älter als Sabine und die beiden kannten sich schon ewig. Sabine nahm das Gespräch an und ehe sie etwas sagen konnte, legte Monika los: „Ey, Du alte Pflaume, ich wollte Dich heute im Krankenhaus besuchen. Vorsichtshalber habe ich dort angerufen und was erfahre ich? Biene ist längst wieder draußen!“

„Na, na, na“, beschwichtigte Sabine ihre Freundin, „ich bin erst seit etwa einer Stunde wieder zu Hause, da hatte ich erst einmal andere Dinge zu tun, als mich bei Dir zu melden.“

„Schon gut“, maulte Monika, „ich wollte doch nur fragen, wie es Dir geht. Hast Du den Sturz von MY GIRL gut verkraftet? Du hast dazu gar nichts gesagt, als ich Dich im Krankenhaus besucht habe…“

„Klar habe ich den Sturz von Deiner GIRLYMAUS gut verkraftet, zumindest seelisch. Davon lasse ich mich auch nicht entmutigen. Und wenn die Olle mit ihren Kötern nicht gewesen wäre…“

Weiter kam Sabine nicht, denn Monika unterbrach sie: „Ja das verstehe ich auch nicht, überall auf den Reitwegen Leinenzwang und die Hundeliebhaber sind so uneinsichtig. Sicher meinen sie es dabei nicht böse, aber wenn so eine Trethupe auf ein Pferd zustürmt und kläfft, kann das böse ausgehen!“

„Brauchst Du mir nicht zu erzählen, habe ich ja nun erlebt“, knurrte Sabine, „aber ich möchte so bald wie möglich wieder auf ein Pferd! Seit ich geschieden bin, habe ich wieder für solche schönen Dinge Zeit. Ich denke mal, das Reiten könnte wirklich wieder ein großes Hobby von mir werden. Ich brauche nur mehr Übung.“

Einen Augenblick lang schwieg Monika am anderen Ende, dann hörte Sabine ihre Freundin wieder: „Du solltest wirklich noch einmal darüber nachdenken, ob Du weiterhin Single bleiben willst.“

Erbost unterbrach Sabine ihre Freundin: „Oh nein Monika, nicht schon wieder diese alte Platte, ich möchte mich nicht auf die Suche nach einem Mann machen. Und lass Dir nicht einfallen, mir wieder alleinstehende Herren vorzustellen, die Du wahllos aus Deinem Umfeld auffischst! Dieser Veganer, der nichts weiter zu tun hatte, als in seiner Freizeit jeden zu beschimpfen, der nicht vegan lebt und wütende Mails gegen die Jagd an Zeitungen und Ämter zu schreiben, hat mir wirklich gelangt. Dabei bin ich selber ein Mensch, der kein Fleisch isst und die Jagd nicht mag. Deswegen muss ich aber noch lange nicht fanatisch werden!“

Sabine holte tief Luft und fuhr fort: „Entweder die Liebe findet mich ganz von allein oder gar nicht.“ Friedlicher meinte sie: „Wie wäre es, wenn wir uns in ein paar Tagen treffen würden? Zeitlich richte ich mich natürlich nach Dir.“

„Na klaro, aber leider kann ich Dir noch keinen Termin nennen, ich muss sehen, wie ich von meinem Hof wegkomme. Und Du kommst allein zuhause klar?“

Sabine bejahte und erklärte: „Die Krankenkasse schickt mir eine Haushaltshilfe. Natürlich nicht rund um die Uhr, aber zum Putzen und um ein paar Einkäufe zu erledigen. Ansonsten werde ich wohl kaum Hilfe brauchen und wenn doch, habe ich ein Visitenkärtchen von einem Pflegedienst. Für heute Abend habe ich noch eine Pizza im Tiefkühlschrank und meine Nachbarin, Du weißt schon, die Frau Spaltholz, wird mir morgen etwas vom Bäcker mitbringen. Ansonsten ist der Kühlschrank voll, dafür habe ich schon vom Krankenhaus aus gesorgt. Auch das hat meine Nachbarin für mich erledigt. Außerdem hat sie den Briefkasten geleert und die Blumen gegossen. Da muss ich mir noch ein dickes Dankeschön einfallen lassen.“

Eigentlich wollte Sabine das Gespräch nicht beenden, aber Monika unterbrach sie.

„Du Sabine, sei nicht böse, aber ich muss zu meinen Pferden, wir reden später, oder du schickst mir eine WhatsApp, okay?“

Sabine seufzte: „Klar meine Süße, wir bleiben in Kontakt.“ Die beiden Frauen tauschten kurz ein paar Höflichkeitsfloskeln aus, dann legte Sabine auf.

Moni lässt mich schon nicht im Stich, überlegte sie, nur hat sie eben mit ihrem Reiterhof alle Hände voll zu tun. Sabine liefen erneut die Gedanken davon und auf einmal hatte sie keine Lust mehr, sich mit dem Profil dieses geheimnisvollen David Silverstone zu beschäftigen. Sie schloss sämtliche Anwendungen und fuhr den PC herunter. In Ruhe ließ sie den Tag mit einer Pizza ausklingen.

Tag zwei
(Samstag)

Am nächsten Morgen hatte Sabine keine Zeit an Facebook zu denken. Sie hatte gut geschlafen und nun standen andere Dinge auf dem Plan.

Ohne Hilfe hatte sie es unter die Dusche geschafft. Das Anziehen und Anlegen der Orthese hatten geklappt, wenn auch mit Mühe. Sabine klopfte sich in Gedanken auf die Schulter. Da werde ich den Pflegedienst kaum brauchen, dachte sie. Aber die Haushaltshilfe nehme ich mit! Und selbst die Nachbarin hatte ihr Versprechen gehalten und Brötchen mitgebracht. In aller Ruhe bereitete sich Sabine ihr Frühstück zu und ließ es sich dann schmecken.

David Silverstone kam Sabine wieder in den Sinn. Hat keine Eile, dachte sie und räumte zunächst einmal das Geschirr vom Frühstück weg, wusch ab und sah ihre Post durch. Wichtiges fand sie nicht. Sabine gab sich einen Ruck und beschloss, sich doch Facebook zu widmen. Warum nicht?

Sie setzte sie sich an ihren Laptop und fuhr ihn hoch. Sabine musste sich eingestehen, dass sie doch ein wenig aufgeregt war. Was würde sie erwarten?

Zögernd öffnete sie ihren Facebook Account und beantwortete die ausstehende Freundschaftsanfrage von David Silverstone. Allerdings schickte sie ihm gleich eine Nachricht, und zwar in deutscher Sprache.

Mein lieber David!

Vielen Dank für Deine Freundschaftsanfrage.

Allerdings kann ich mir beim besten Willen nicht erklären, warum Du mir diese Anfrage gesandt hast. Zwar bin ich seit einiger Zeit geschieden, aber ich bin definitiv nicht auf der Suche nach einem neuen Partner. Von Männern bin ich nur schwer enttäuscht worden, das möchte ich nicht noch einmal haben.

Ich finde es ein bisschen unhöflich, mich einfach so anzusprechen, ich bin eine anständige Frau und keine Prostituierte. Das zeugt nicht von einer guten Erziehung!

Vielleicht kannst Du es mir erklären, ich verstehe es nicht. Ich möchte in meinem Leben nur für meine Kinder, meine Bücher und Pferde da sein, das sind die Dinge, die mir jetzt wichtig sind, abgesehen von meinem Beruf. Einen Mann suche ich definitiv nicht. Ich bin über dreißig Jahre verheiratet gewesen, jetzt ist Schluss. Ich möchte frei sein. Meine Kinder sind erwachsen, jetzt kommt mein eigenes Leben und ich freue mich darauf!

Auf Deinem Profil sehe ich, Du bist aus Hamburg und wohnst jetzt in Berlin.

Stutzig wurde ich bei Deinem Namen. Der klingt doch eher englisch, wie kommt das? Ich möchte es nur wissen. Hoffentlich bin ich nicht zu neugierig. Gruß Sabine

Mehr war für eine erste Nachricht nicht wichtig, fand Sabine und sendete die erste Nachricht an David Silverstone ab. Den Account von Facebook ließ sie geöffnet, wandte sich dann aber ihrem eigentlichen E-Mail-Postfach zu.

Hatte ihr Chef ihr schon etwas Arbeit geschickt? Nein, offenbar möchte er seine angeschlagene Mitarbeiterin schonen, dachte sich Sabine und griff nach der Tageszeitung. Nichts Besonderes, wie sie nach einer knappen Stunde feststellte. Und nun?

Sabine legte die Zeitung beiseite. Ich kann doch nicht den ganzen Tag die Wände anstarren, dachte sie. Und immer nur vor der Glotze hängen, ist stumpfsinnig.

Plötzlich hatte Sabine eine Idee. Hatte sie nicht im letzten Winter versucht, Topflappen zu stricken? Stöhnend erhob sie sich vom Sofa, ging zu einem ihrer Schränke und kramte ihr Strickzeug hervor. Langeweile wird da eher die Ausnahme sein, sinnierte Sabine und ihre Laune stieg mit einem Schlag. Mit Feuereifer widmete sie sich ihrem Strickzeug. Lass das Schokolade naschen, knüpfe lieber eifrig Maschen, dachte sie und genoss die Stille. Doch diese Stille wurde von einem „Pling“ unterbrochen. Der Messenger auf Facebook. Eine Nachricht von David Silverstone!

Liebe Sabine, auf Facebook bin ich nur selten unterwegs, weil ich beruflich viel zu tun habe. Da ich aber demnächst von Hamburg nach Berlin umziehen will, habe ich nach Leuten in Berlin gesucht, weil ich dort neue Freunde finden möchte.

Du siehst meiner verstorbenen Schwester ähnlich, darum habe ich Dir die Anfrage geschickt. Gerne möchte ich Dich besser kennenlernen, bitte akzeptiere das und gib mir eine Chance. Dein bezauberndes Lächeln ist nicht zu ignorieren!

Mein Vater ist ein britischer Soldat in Berlin gewesen, daher mein Name.

Meine Mutter ist eine Deutsche. Sie lebt zurzeit in einem Pflegeheim in Hamburg. In der Nähe des Heims habe ich eine kleine Wohnung. Viel brauche ich nicht, weil ich beruflich ständig unterwegs bin, ich bin Ingenieur. Dazu kann ich Dir später mal etwas schreiben. Meine Mutter ist durch und durch Berlinerin und möchte daher lieber wieder in Berlin leben. Zurzeit suche ich nach einem guten Heimplatz in Berlin. Und ich möchte sie dort nicht allein lassen, ich ziehe mit nach Berlin. Ich denke mal, in den nächsten Wochen wird es soweit sein. In dieser Richtung steht mein Entschluss fest. Als Ingenieur finde ich überall Arbeit und fremd ist mir Berlin nicht. Nach dem Fall der Mauer bin ich im Osten gewesen. Alexanderplatz, Bahnhof Zoo, Brandenburger Tor, Checkpoint Charly. Bis jetzt habe ich keine Zeit gehabt, mich nach einer Wohnung in Berlin für mich umzusehen. Das wird nicht leicht werden, weil ich zwei große Hunde habe. Vielleicht kannst Du mir bei der Suche behilflich sein, mein Engel. Allerdings müsste ich Dir dazu in meiner nächsten Mail mehr von mir schreiben. Und ich möchte Dich besser kennenlernen, Dein Freund sein, mit Dir lachen, Dich glücklich sehen. Was machst Du beruflich? Erzähle mir etwas von Dir!

David

Sabine las diese Mail mehrmals und so richtig gefiel sie ihr nicht. Natürlich freut sich jede Frau über Komplimente. Aber gleich in der ersten Mail so viel Schmalz? Abgesehen davon kannte er sich im Osten von Berlin nicht so gut aus. Der Bahnhof Zoo und der Checkpoint Charly gehörten zum ehemaligen Westteil Berlins. Oder doch ein Love Scammer? Dazu ist das Deutsch des Schreibers zu perfekt, überlegte Sabine. Abgesehen davon hatte David sie nicht zu einem Chat gedrängt. Eine Mutter in Deutschland erschien Sabine eher untypisch für einen Scammer. Zumindest, wenn sie davon ausging, was sie über Scammer wusste.

Was nun Bienchen? Ihre weibliche Intuition sagte ihr, dass etwas mit diesem David nicht stimmte. Trotzdem entschloss sich Sabine, gleich zu antworten.

Mein lieber David!

Vielen Dank für Deine Mail, über die ich mich gefreut habe. Ich habe mich entschlossen, den Kontakt mit Dir fortzusetzen, weil ich Dich nett finde.

Zu mir: Ich bin die Sabine, zweiundfünfzig Jahre alt, geschieden und habe zwei erwachsene Kinder. Christian ist dreißig Jahre alt und studiert Maschinenbau, Sandra ist achtundzwanzig Jahre alt und studiert Psychologie. Beide Kinder studieren in Berlin und leben dort in Wohngemeinschaften.

Ich selbst lebe etwas außerhalb von Berlin, fast auf dem Lande und dennoch nicht weit weg von der Berliner City. Ich arbeite für einen kleinen Verlag, der überwiegend Reiseliteratur verlegt, manchmal aber auch Bücher anderer Genres. Ein großer Vorteil meiner beruflichen Tätigkeit ist, dass ich viel im Homeoffice erledigen kann. Ich muss nicht jeden Tag im Verlag sein, kann zuhause arbeiten.

In meiner Freizeit mache ich gerne Yoga, ich lese, gehe manchmal joggen und bin häufig auf dem Reiterhof meiner Freundin Monika zu finden. Ein eigenes Pferd besitze ich aber nicht. Eigentlich findet sich für einen neuen Mann in meinem Leben kaum Platz und ich bin nicht auf der Suche. Ich bin sogar froh, keinen Mann mehr bekochen zu müssen, das habe ich lange genug getan.

Aber das habe ich Dir geschrieben, mache Dir deshalb bitte keine allzu großen Hoffnungen auf eine Beziehung mit mir, wenn Du nach Berlin ziehen solltest.

Ich hätte gerne etwas mehr über Deine Tätigkeit als Ingenieur gewusst, denn das Tätigkeitsfeld kann doch groß sein.

Ich glaube Dir gern, dass Du beruflich eingespannt bist. Dann schreibst Du, Du hast zwei große Hunde. Und das in Hamburg? Das ist eher nicht optimal, oder? Aber vielleicht lebst Du im Grünen und Deinen Hunden geht es gut. Wenn ich zu Tieren möchte, kann ich den Reiterhof meiner Freundin besuchen, das genügt mir im Augenblick. In meinem Haushalt leben zurzeit keine Tiere.

So, mein lieber David, nun habe ich mich erst mal vorgestellt.

Gruß Sabine

Sabine überlas die Mail an David noch einmal und fand, nicht zu viel von sich preisgegeben zu haben. Sie schickte die Mail auf die Reise und schloss ihren Facebook Account. Irgendwie hatte sie jetzt genug von diesem sozialen Netzwerk und widmete sich wieder ihren Topflappen. Dabei vergaß sie die Zeit vollkommen. Mittagessen? Ach, das kann ich mal ausfallen lassen, dachte sich Sabine und strickte weiter. Später legte sie das Strickzeug beiseite.

Eine merkwürdige Unruhe breitete sich an diesem frühen Abend in ihr aus und sie entschloss sich zu meditieren. Eine knappe Stunde später beendete sie die Meditation und fühlte sich besser. Abendbrot könnte ich mir schon mal vorbereiten, dachte sie, und schleppte sich in die Küche. Großen Hunger hatte sie nicht, aber eine Kleinigkeit musste schon sein. Ihr vorbereitetes Essen ließ sie zunächst in der Küche stehen,

Ob ich schnell bei Facebook vorbeihusche, grübelte sie.

Und da war es wieder das kleine Teufelchen, das wisperte: Klar doch, kostet doch nichts! Sabine begab sich zurück ins Wohnzimmer und öffnete ihren Account. Eine Nachricht von David!

Liebe Sabine! Ich bin ein unabhängiger Ingenieur für Bohranlagen (Independent Drilling Engineer) und arbeite hauptsächlich an Verträgen. Das heißt Arbeit überwiegend am PC und das kann ich auch in Berlin tun.

Früher bin ich direkt auf Bohrinseln in der Nordsee, oder vor der Küste Norwegens tätig gewesen, aber da ich mittlerweile dreiundfünfzig Jahre alt bin und meine Mutter gebrechlich ist, ist das heute nicht mehr der Fall. In Ausnahmefällen kann es sein, dass ich erneut auf eine Bohrinsel muss. Aber das wird eher selten vorkommen. Das kann ich Dir versichern.

Ich war verheiratet, aber meine Frau hat mich mit meinem besten Freund betrogen und ist mit ihm nach Kanada gegangen. Soweit ich weiß, hat sie heute mit diesem Mann in Kanada zwei Kinder.

Meine Ex-Frau und ich haben eine gemeinsame Tochter. Um diese kümmert sich meine Ex nicht mehr. Einige Versicherungen, wie zum Beispiel die Krankenversicherung und eine Lebensversicherung für meinen jungen Engel werden von meiner Ex bezahlt, damit sie abgesichert ist. So haben sich meine Ex und ich damals geeinigt.

Der Name meiner Tochter ist Alicia. Sie ist siebzehn Jahre alt und lebt in England in einem Internat. In einigen Wochen wird sie volljährig und ich werde sie ebenfalls nach Deutschland holen. Dann hat sie ihr Abitur in der Tasche. Es dauert nicht mehr lange, denn sie steckt schon mitten in den Prüfungen. Gerne möchte sie Medizin studieren und Kinderchirurgin werden. Da sie in England auf eine internationale Schule gegangen ist, spricht sie gut deutsch und französisch. Sprachliche Probleme sehe ich also nicht und das soll nicht Dein Problem sein.

Was Alicia und meine Mutter betrifft, musst Du Dir nicht Deinen hübschen Kopf zerbrechen. Momentan verhandle ich mit einem Pflegeheim in Spandau wegen eines Heimplatzes für meine Mutter. In Spandau hat meine Mom meinen Daddy kennengelernt und sie würde gerne wieder dort leben. Sie freut sich schon riesig auf die Rückkehr nach Berlin.

Meine Hunde sind zwei Jungs, zwei Golden Retriever und sie haben hier Auslauf in Hamburg, und zwar direkt an der Elbe. Ich hoffe, in Berlin das Passende für sie zu finden. Mit Deiner Hilfe, mein Engel?

Ich weiß, Du bist nicht auf der Suche, aber Dein grandioser Körper gehört in die Arme eines Mannes, glaube mir.

David

Sabine schloss ihren Account bei Facebook, fuhr den Laptop herunter und ein hartnäckiges Grübeln setzte ein. Scammer oder nicht, das war hier die große Frage.

Für einen Scammer sprachen die vielen Komplimente und die Tochter in einem Internat. Gegen einen Scammer sprachen das ausgezeichnete Deutsch und die Mutter in Deutschland. Abgesehen davon waren Scammer meistens verwitwet, soweit ihr bekannt war. Was nun? Sabine wusste es nicht. Später ließ sie diesen Samstag in aller Ruhe ausklingen.

Tag drei
(Sonntag)

Am nächsten Tag erwachte Sabine, als es schon hell war. Sie hatte keine Lust mehr in den Federn zu liegen. Ihre Morgentoilette und das Anziehen schaffte sie allein, auch wenn es nur langsam voranging. Gerade wollte sie sich ihren morgendlichen Pott Kaffee brühen, als es klingelte. Sabine spähte durch den Türspion und öffnete, als sie ihre Nachbarin Frau Spaltholz erblickt hatte.

„Guten Morgen Frau Bethke ich habe Ihnen wieder Brötchen mitgebracht. Wenn Sie möchten, werde ich das auch weiter tun. Ich gehe ohnehin jeden Morgen zum Bäcker, ist ja nicht weit. Die Tageszeitung kann ich Ihnen, bei Bedarf, auch aus dem Briefkasten holen.“

Sabine freute sich, lächelte und erwiderte: „Das ist lieb von Ihnen, Frau Spaltholz, Ihr Angebot nehme ich sehr gern an. Und ich werde mich auch erkenntlich zeigen, ist versprochen.“

„Ja, ja, das machen wir schon, werden Sie erst mal wieder gesund und lassen Sie sich Ihr Frühstück schmecken.“

Dann verabschiedete sich die freundliche Nachbarin. So, jetzt habe ich einen Brötchenexpress, frohlockte Sabine, während sie sich ihr Frühstück machte. Morgen werde ich mit dem Pflegedienst telefonieren, dann leiere ich das mit der Haushaltshilfe an. Vorsichtig auftretend trug sie ihr Frühstück ins Wohnzimmer. Obwohl es ihr in den Fingern juckte, ließ sie ihren Laptop zunächst aus und frühstückte in Ruhe. David hatte ihr sicher nicht geschrieben, denn sie war mit einer Mail an der Reihe.

Nach dem Frühstück, trug sie das Geschirr in die Küche. Abwaschen konnte sie später. Jetzt schnell ins Wohnzimmer und ran an den Laptop! Ungeduldig fuhr Sabine ihn hoch und öffnete ihren Account bei Facebook. Wider Erwarten fand sie eine Nachricht von David.

Guten Morgen, mein Liebling!

Ich hoffe, Du hast gut geschlafen. Du fehlst mir…

David

Sabine wurde warm ums Herz und sie entschloss sich, David sofort zu antworten.

Guten Morgen und vielen Dank für Deine lieben Mails. Ich habe gut geschlafen, danke der Nachfrage.

Mit Deinen dreiundfünfzig Jahren bist Du ein Jahr älter als ich. Und ich habe gestaunt, dass Du eine Tochter hast. Aber das ist schon okay. Überraschender finde ich Deine Komplimente. David, wir kennen uns doch erst seit wenigen Tagen, warum raspelst Du so ein Süßholz?

So etwas kenne ich von Männern aus Deutschland nicht und von einem Briten hätte ich mehr höfliche Zurückhaltung erwartet. Deine Komplimente schmeicheln mir, aber ich halte sie für übertrieben. Allerdings gefällt mir, dass Du so eine gradlinige Lebensplanung hast. Mache immer alles Schritt für Schritt und plane mich bitte nicht zu fest ein. Zumal zwischen meinem Wohnort und Berlin Spandau etwa eine Stunde Fahrzeit mit dem Auto liegen. Du weißt selbst, Berlin ist groß.

Und um Wohnraum solltest Du Dich besser allein kümmern. Ich habe eine Wohnung und muss nicht versorgt werden. Diese Wohnung ist nicht für zwei große Hunde geeignet. Du weißt am besten, was Deine Tochter, zwei Hunde und Du benötigen.

Und bevor Du mit mir weitere Pläne schmiedest, solltest Du mich erst einmal persönlich kennenlernen, findest Du nicht?

Wenn Du nach Berlin gezogen bist und den gröbsten Stress hinter Dir hast, können wir uns gerne einmal treffen. Vielleicht in einem guten Café, oder auf dem Reiterhof meiner Freundin. Und dann können wir weitersehen, was aus uns beiden wird.

Vielleicht passen wir in der realen Welt gar nicht zueinander. Damit solltest Du rechnen.

Gruß Sabine

Sabine überlas die Nachricht, dann schickte sie die Mail auf die Reise.

Anschließend schloss sie ihren Account bei Facebook und sah das E-Mail-Postfach ihres Providers durch. Hatte ihr Chef, der freundliche Herr Lenz, an sie gedacht und ihr ein bisschen Arbeit geschickt? Oh ja, er vergaß seine Mitarbeiterin, die seit Jahren zuverlässig für ihn arbeitete, nicht.

Ohne zu zögern öffnete Sabine den Anhang der Mail und besah sich den Text, den ihr Chef geschickt hatte. Keine Hürde, diesen Text zu überarbeiten war keine große Sache, zumindest nicht für Sabine.

Doch dann meldete sich ihr Smartphone, genauer gesagt WhatsApp.

Monika! Ein paar Zeilen nur mit dem Versprechen, ihr heute Obst und Gemüse zu bringen. Wahrscheinlich hatte sie wieder auf ihrem Reiterhof zu tun. Monika mangelte es oft an Zeit und manchmal konnte sie ruppig werden. Aber wenn Freunde von ihr Hilfe brauchten, war sie stets zur Stelle.

Mit großem Eifer widmete sich Sabine dann der Aufgabe, die ihr Herr Lenz geschickt hatte. Sie wollte ihren guten Willen beweisen, auch wenn sie heute sicher nicht alles schaffen würde. Aber Sabine kannte ihren Chef gut, er würde gewiss Verständnis dafür haben. Das Schellen der Türglocke riss Sabine aus ihrer Arbeit. Umsichtig speicherte sie ihre Aufzeichnungen ab und begab sich zur Tür.

„Futterexpress“, brüllte Monika in die Wechselsprechanlage und Sabine öffnete die Haustür. Dann öffnete sie ihre Wohnungstür und hörte ihre Freundin die Treppe hochkommen. Im Hausflur trompetete Monika los: „Na Du krankes Suppenhuhn? Ich hoffe Du wirst bald wieder!“ Monika konnte schon manchmal etwas peinlich werden.

„Komm erst mal rein und dann erzähle ich Dir alles“, meinte Sabine. Monika stapfte in Sabines Wohnung und betrat sofort die Küche. Sabine verschloss die Wohnungstür und schaute staunend ihrer Freundin zu, die eine große Tasche auspackte. Orangen, eine kleine Honigmelone, eine Ananas, Tomaten, Gurken, Paprikaschoten und Zwiebeln kamen zum Vorschein.

„Ich dachte Obst zum Frühstück und Gemüse mittags, oder abends, wie Du magst“, erklärte Monika und fuhr fort: „Und heute zum Abendbrot hätte ich für Dich das hier.“

Monika beförderte eine große Plastikschüssel zutage. „Balsamico Linsen, hatten wir gestern zum Abendbrot und es ist so viel übriggeblieben.“

„Super“, freute sich Sabine, „möchtest Du einen Kaffee?“

Monika schüttelte den Kopf. „Leider muss ich gleich wieder los, die Pferde. Aber ich kann Dich mal auf meinen Hof holen. Wetter ist doch noch toll und Du magst doch Pferde noch immer, oder?“

„Na klar“, erwiderte Sabine freudig, „das können wir machen und mach Dir keine Sorgen wegen Deiner Hufeisenträger. Ein einziger Sturz macht noch keinen Pferdefeind.“

Monika zog ihre modische Jacke gerade. „Lass Dir die Linsen schmecken und wenn was ist, einfach eine WhatsApp.“

Monika verabschiedete sich von ihrer Freundin mit einer Umarmung und verschwand. Ein bisschen verloren blieb Sabine in der Küche zurück. Noch hatte sie keinen Appetit auf die Linsen. Stattdessen kehrte sie zu ihrem Laptop zurück und schaute bei Facebook vorbei. Keine Nachricht von David…

Ein wenig enttäuscht schloss Sabine alle Anwendungen, fuhr den Laptop herunter und klappte ihn zu. Morgen ist ein neuer Tag, dachte sie.

Tag zehn
(Sonntag)

In den vergangenen Tagen hatte sie nichts mehr von David gehört. Täglich hatte sie bei Facebook vorbeigeschaut, aber das Postfach blieb leer. In den ersten zwei Tagen war sie enttäuscht, dann zuckte sie nur gleichgültig mit den Schultern. Hatte sich diese kleine Episode erledigt? Auch ohne David Silverstone hatte Sabine zu tun. Da gab es genug Termine bei der Hausärztin und der Physiotherapie.

War Sabine zuhause, erledigte sie kleine Arbeiten für den Verlag im Homeoffice, las oder strickte. Manchmal führte sie einen Plausch mit ihrer Haushaltshilfe, auf die sie sich verlassen konnte. Langweilig wurde ihr nur selten.

Monika ließ sie nicht im Stich, fuhr mit ihr zur Sparkasse und versorgte sie mit Lebensmitteln. Sabine war froh, sich bei ihrer Freundin ehrlich machen zu können, denn sie hatte nicht gerne Schulden. Ein Besuch auf dem Reiterhof hatte sich zwar nicht ergeben, aber Sabine hatte im Laufe ihres Lebens gelernt, geduldig zu sein. Und so kam es, dass sie an diesem Sonntagnachmittag allein zuhause war. Kein Problem für die junge Frau. Sabine beschloss, sich einen Kaffee zu machen. Dann ist es doch gleich gemütlicher, dachte sie, während sie sich das Getränk aufbrühte. Vorsichtig trug sie ihren Kaffeepott ins Wohnzimmer und machte es sich wieder auf der Couch bequem.

Lustlos klappte sie ihren Laptop auf, fuhr ihn hoch und öffnete einige Anwendungen.

Zögernd loggte sie sich bei Facebook ein. Eigentlich erwartete sie nichts und so staunte sie nicht schlecht, als sie eine Nachricht von David vorfand. Und was für eine, Sabine traute ihren Augen kaum!

Liebe Sabine!

Lange habe ich überlegt, ob ich es Dir schreiben soll, aber jetzt tue ich es! Erst vor kurzem erst haben sich unsere Wege gekreuzt – mir kommt es aber so vor, als ob wir uns schon ewig kennen. Ich kann meine Gefühle zu Dir kaum in Worte fassen. Wie konnte ich so lange ohne Dich existieren?

Ich weiß es nicht…

Hier muss der liebe Gott geholfen haben, denn nur er kann vollkommene Dinge schaffen. Jede freie Sekunde denke ich an Dich – und selbst in meinen Träumen hast Du Besitz von mir ergriffen. Das habe ich in den letzten Nächten immer wieder erlebt.

Du bist wirklich das Wunder, auf das ich gewartet habe! Du bist der Engel, den Gott mir geschickt hat, ich bin mir sicher! Ich hoffe, ich habe Dir gefehlt und Du empfindest etwas für mich. Dann sind wir beide auf einem guten Weg. Einem gemeinsamen Weg, der uns durch viele kleine und große Abenteuer führen wird. Ich freue mich darauf, ihn mit Dir zu bestreiten. David

Der spinnt, überlegte Sabine und entschloss sich, David wieder nicht lange auf eine Antwort warten zu lassen. Und so flogen ihre Finger über die Tastatur.

Mein lieber David!

Sehr gefreut habe ich mich, wieder von Dir zu hören und ich muss Dir recht geben, wir kennen uns nicht lange. Und wir kennen uns lediglich von einigen wenigen Fotos und Mails.

Da schon von Liebe sprechen? Viel zu früh und schon gar nicht mit mir, denn ich suche keinen Partner, ehrlich nicht. Ich habe nicht vor, mich erneut zu binden. Vielleicht hattest Du etwas getrunken, als Du mir Deine letzten Zeilen geschrieben hast, ich weiß es nicht.

Verrenne Dich bitte nicht in eine Sache, die vielleicht nie sein wird. Seit einem Jahr bin ich geschieden und ich habe mich auf mein Leben als Single eingestellt.

Und weißt Du was? Es geht mir gut dabei! Warum sollte ich jetzt wieder alles über den Haufen werfen? Denke einfach einmal in Ruhe darüber nach. Vor allen Dingen sollten wir nichts erzwingen, lieber David. Du siehst auf Deinen Fotos gut aus. Deine Hunde gefallen mir und Dein Schreibstil. Aber zu einer dauerhaften Beziehung voller Liebe gehört doch mehr, oder?

Gruß Sabine

Hastig schickte Sabine die Mail auf die Reise, ehe sie am Text etwas ändern konnte. Ihren Account bei Facebook ließ sie geöffnet, David würde sich sicher nicht so schnell melden. Und so vertiefte sich Sabine in ihre Zeitschrift.

Doch sie hatte sich verschätzt, denn der Messenger von Facebook verkündete, dass eine Mail von David eingetroffen war.

Meine liebe Sabine!

Warum bist Du so abweisend? Ich habe Dir doch nichts getan.

Und erzähle mir nicht, dass Du keinen Partner möchtest und keinen neuen Mann an Deiner Seite brauchst. Jeder Mensch braucht jemanden, alles andere ist gelogen.

Ich selbst bin ein aktiver Mann und habe nicht so schnell vor, alt zu werden. Noch helfen mir nur meine Hunde dabei. Alicia und Du, Ihr könntet das schnell ändern. Ich bin spontan und ich liebe Überraschungen, Ausflüge und Erkundungen aller Art. Und ich bin ein Romantiker durch und durch.

Nie werde ich die Hoffnung aufgeben, Dir zu zeigen, wie viel Du mir bedeutest und ich würde das Gleiche von Dir im Gegenzug erwarten. Genau wie Du bin ich ein Familienmensch. Ich möchte lieben und stark sein.

David

Und wieder antwortete Sabine sofort, sie konnte nicht anders.

Mein Entschluss steht fest. Da meine Kinder erwachsen sind, muss ich keinen Partner mehr haben. Ich genieße meine neue Freiheit und lebe in erster Linie für meinen Job, meine Kinder und meine Hobbys.

Deine Komplimente ehren mich. Aber ich schrieb schon, ich habe nicht vor, mich erneut zu binden. Ich genieße meine neue Freiheit und brauche keinen Mann mehr in meinem Leben. Ich bin gerne frei.

Und wenn ich mal Lust auf Kino habe, dann kann ich mit meinen Kindern gehen. Oder mit meinen Freundinnen. Ich möchte Dir keinen Kummer bereiten und darum sage ich Dir nichts weiter als die Wahrheit.

Sabine schickte die Mail auf die Reise und lehnte sich zurück. Soviel Schmalz nach nicht einmal zwei Wochen. Etwa zehn Tage waren seit seiner Freundschaftsanfrage vergangen. Entweder sie hatte einen absoluten Romantiker erwischt oder die Sache hatte doch einen Haken.

Um die Mittagszeit bereitete sich Sabine eine große Schüssel Salat zu. So habe ich gleich mein Mittagessen und etwas zum Abendbrot, dachte sie zufrieden. In Ruhe ließ sie sich ihren Salat schmecken und las bis zum frühen Abend. Eigentlich hatte sie sich fest vorgenommen, Facebook an diesem Sonntag nicht mehr zu besuchen. Aber dann war sie doch neugierig und loggte sich ein.

Und was fand sie vor? Eine Nachricht von David!

Nachdem ich Deine letzte Mail erhalten habe, habe ich zu Gott gebetet, dass Du mir nicht mehr verwehrst, Dich zu lieben. Mein Gefühl für Dich ist so stark, das kann nicht einseitig sein.

Wie sehr wünschte ich mir, Du wärst jetzt in Hamburg an meiner Seite.

Seit Du in mein Leben getreten bist, habe ich das Gefühl, endlich zu wissen, was es bedeutet zu leben. Du bist so viel mehr, als meine Partnerin. Du bist meine Inspiration und mein Kompass. Irgendwann jeden Tag an deiner Seite aufzuwachen, ist mein größter Wunsch. Ich möchte jedes Abenteuer mit Dir gemeinsam bestreiten, jede Erfahrung mit Dir teilen. Denn was gibt es Schöneres, als gemeinsam mit seiner Seelenverwandten über sich hinauszuwachsen? Mein Schatz, Du machst das Leben so unglaublich lebenswert und dafür will ich Dir danken! Du sollst eines stets wissen: In Gedanken bin ich immer bei Dir! Und im Herzen sind wir uns immer nah! Egal, wo wir sind, ich liebe Dich.

Du lieber Himmel, das ist kaum auszuhalten, dachte Sabine und entschloss sich, sofort und energisch zu antworten.

Kaum vorstellbar ist für mich, dass Du Dich in mich verliebt hast. Viel gebe ich auf meinem Facebook Profil nicht preis, nicht einmal einen Familienstand. Du kennst mich knapp zwei Wochen und weißt kaum etwas von mir, da ist es nicht möglich, dass Du Dich in mich verliebst!

Und an Deinen Mails kommt mir mittlerweile einiges komisch vor, ich weiß nicht was es ist, aber irgendetwas stimmt da nicht…

Deine Worte sind zu romantisch und soweit ich mitbekommen habe, bist Du eher ein Techniker. Nicht unbedingt ein Autor oder ein Dichter.

Leider ist es mir im Moment nicht möglich, Dich in Hamburg zu besuchen, sonst würde ich es sofort tun. Schon allein um Dich von Deinen Hirngespinsten zu befreien.

Sieh Dich lieber im realen Leben nach einer passenden Partnerin um!

Zügig schickte Sabine die Mail auf die Reise, dann loggte sie sich aus sämtlichen Anwendungen aus und fuhr ihren Laptop herunter. Für diesen Sonntag hatte sie genug von undurchsichtigem Liebesgesäusel. Lieber holte sie sich eine Portion Salat aus der Küche und machte es sich zum Abendbrot gemütlich. Sie hing mal wieder ihren Gedanken nach.

So ein Singledasein hatte seine Vorteile. Sabine lächelte. Das große Doppelbett gehörte ihr schon seit länger Zeit allein und sie konnte dort liegen, wie sie wollte. Auch war sie die Herrin über die Fernbedienung für den Fernseher und das Badezimmer. Nein, nein, sie brauchte keinen David Silverstone, das würde sie ihm sicher in den nächsten Tagen begreiflich machen…

Tag elf
(Montag)

Montagmorgen. Im Bett liegend plante Sabine ihren Tag. Duschen und frühstücken war logisch. Dann hatte sie Zeit an ihren Laptop zu gehen. Nach wie vor war Sabine durch ihre Verletzung gehandicapt und musste sich im Bad Zeit lassen. Danach frühstückte sie in Ruhe. Später räumte sie das Geschirr ab und fuhr ihren Laptop hoch.

In ihrem Mail Postfach fand sie ein paar Kleinigkeiten von ihrem Chef und einige Werbemails, die sie gleich löschte. Und so konnte sie sich in aller Ruhe Facebook widmen. Sie öffnete ihren Account und fand eine kurze Nachricht von David vor.

Hast Du gut geschlafen? Wie geht es Dir? Ich hoffe, es ist alles in Ordnung. Mein Herz ist nicht leer. Es trägt die süße Last Deiner Liebe. Und ich möchte diese wundervolle Last bis zum letzten Moment meines Lebens tragen. Du bist in mein Leben getreten und hast alles zu Gold verwandelt! Dafür danke ich Dir, meine Königin. Du bist die göttliche Quelle meines Glücks.

Genervt fuhr Sabine den Laptop herunter und beschloss, David später zu antworten.

Dann machte sie sich auf den Weg zur Physiotherapie. Mittlerweile war sie schon nicht mehr auf Gehhilfen angewiesen und zum Glück hatte sie es nicht weit bis zum Gesundheitszentrum. Eine knappe Stunde später verließ sie die Praxis wieder und stellte fest, dass es schon auf die Mittagszeit zuging.

Entgegen ihren Gewohnheiten nahm sich Sabine ihr Mittagessen vom Asia Imbiss mit. Eigentlich tat sie das selten, aber heute war ihr danach.

In ihrer Wohnung angekommen, zog sie sich rasch um und trug ihr Mittagessen ins Wohnzimmer.

Donnerwetter, die Nudeln mit Gemüse waren lecker und Geld hatte sie nicht ausgegeben! Während sie sich mit Genuss ihr Essen schmecken ließ, überlegte sie schon, was sie David schreiben sollte. Schreiben wollte sie ihm auf jeden Fall.

Und so klappte sie nach dem Mittagessen ihren Laptop auf, öffnete Facebook und begann eine Mail an David.

Mein lieber David!

Vielen Dank für Deine Zeilen. Ich möchte Dir sagen, dass ich nicht auf der Suche nach einem neuen Partner bin, schlage Dir das mit der Liebe aus dem Kopf. Es müsste schon ein Wunder geschehen, wenn ich mich neu verlieben sollte!

Lieber David, wofür hältst Du mich?

Ich bin doch kein dummer Teenager, der sich in ein paar Fotos von einem unbekannten Mann verliebt. Wenn ich mich überhaupt noch einmal verliebe, dann im realen Leben und nicht anders. Ich muss einen Mann erst sehen und spüren, ehe ich von Liebe reden kann. Da nutzen auch warme Worte nichts. Gruß Sabine

Sabine schickte die Mail an David auf die Reise, ließ Facebook geöffnet und widmete sich mit großem Eifer der Aufgaben, die ihr Chef gestellt hatte. Doch ihre Gedanken liefen immer wieder zu David. Wer ist dieser Mann? Ich werde es erfahren, dachte Sabine und konzentrierte sich wieder auf die Arbeit für den Verlag. Dabei war Sabine in ihrem Element und merkte kaum, wie die Zeit verging. Erst als der Messenger von Facebook sich meldete, wurde ihr Arbeitseifer unterbrochen. Eine Nachricht von David!

Liebe Sabine!

Und die Liebe wird zu Dir kommen, das kann ich Dir hoch und heilig versprechen. Du wirst es selbst erleben. Leider bin ich im Augenblick sehr eingespannt. Selbst wenn Du nach Hamburg kommen könntest, ich hätte kaum Zeit für Dich, Du weißt ja, meine liebe Mutter. Da muss ich erst einige Dinge erledigen, bis ich mich voll und ganz Dir widmen kann. Dann werden wir in Liebe und Sex versinken und ich werde Dich unendlich glücklich machen!

Was ist Liebe? Wer es nicht mag, nennt es Verantwortung. Diejenigen, die damit spielen, nennen es ein Spiel. Diejenigen, die es nicht haben, nennen es einen Traum. Diejenigen, die es verstehen, nennen es Schicksal. Und ich, ich nenne es Sabine!

Suche nicht nach Liebe, lass Dich von der Liebe finden. Ich spreche von Dir, mein Verstand sagt mir, dass du eine gute Frau bist, ich bin der festen Überzeugung, dass es so ist. Wenn ich jemals um etwas bitten möchte, wünsche ich, dass Du zu mir gehörst. Ich möchte meinen Traum mit Dir leben. Heute habe ich an die eine besondere Person in meinem Leben gedacht. Diese Person bist einzig und allein Du.

David

Jetzt wird er philosophisch, überlegte Sabine und grinste. Wer weiß, wo er solche Sätze aufgegabelt hatte. Sabine konnte sich nicht helfen, aber diese Briefe sahen ihr mehr und mehr nach Musterbriefen aus. Sabine beendete die Arbeit für ihren Chef und schickte sie auf die Reise. Erst danach war David an der Reihe.

Mein lieber David!

Ich habe nicht behauptet, dass ich Dich niemals lieben werde. Ich habe nur gesagt, dass ich nicht in Dich verliebt bin. Ich bin keine Frau, die sich in einige wenige Fotos verliebt. Für mich ist es definitiv zu früh schon von Liebe zu sprechen. Dazu bin ich zu vernünftig.

Erst seit wenigen Monaten bin ich wieder eine freie Frau. Und ganz ehrlich? Ich genieße meine neue Freiheit in vollen Zügen! Als Single muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen und kann tun und lassen, was ich will! Gruß Sabine

Entschlossen schickte Sabine die Mail auf die Reise und verließ Facebook. Für heute hatte sie wieder einmal genug von ihrem PC und fuhr ihn herunter. Dann meldete sich das Telefon. Das Display zeigte die Nummer von Monika an. Sabine nahm ab, meldete sich freundlich und schon legte Monika los: „Ey, du lahme Ente, soll heute noch einmal eine Futterlieferung bei Dir einfliegen? Ich hätte da Pasta mit Tomatensoße anzubieten, wobei ich betonen möchte, dass die Tomatensoße selbstgemacht ist und natürlich mit Tomaten aus dem eigenen Garten. Na, was sagst du?“

Innerlich jubelte Sabine und stimmte freudig zu: „Zwar habe ich heute erst Asia Nudeln gehabt, aber bei Pasta mit Tomatensoße bin ich immer dabei, du kennst mich ja.“

„Okay, dann bin so um etwa 18.30 Uhr bei Dir, allerdings habe ich wieder keine Zeit, das sage ich Dir gleich. Aber Obst und Gemüse kann ich Dir mitbringen.“

Kaum hatte Monika diese letzten Worte gesprochen, hatte sie aufgelegt.

Bis Monika zu ihr kam, konnte Sabine ein bisschen lesen. Doch immer wieder kam ihr David in den Sinn. Vielleicht war er kein Scammer und in der Hansestadt beschäftigt. Sabine beschloss, abzuwarten und den Kontakt zunächst einmal aufrecht zu erhalten.

Das Klingeln an der Tür riss Sabine aus ihren Gedanken. Das konnte nur Monika sein! Natürlich war es Monika, denn sie trompetete gleich eine Begrüßung in die Wechselsprechanlage, die sie offenbar für Italienisch hielt. Sabine hatte zwar kein Wort verstanden, musste aber herzlich lachen und ließ ihre Freundin ins Haus. Dann öffnete sie die Wohnungstür und ließ ihre Freundin in die Wohnung. Polternd stürmte Monika in die Wohnung und trat gleich in die Küche. Aus einem Beutel beförderte sie einen großen modernen Kochtopf.

„Der Inhalt dieses Topfes dürfte sogar für zwei Tage reichen“, verkündete Monika mit stolzgeschwellter Brust, „und den Topf nehme ich beim nächsten Mal wieder mit.“

Vorsichtig stellte Monika den Topf mit der Pasta auf den Herd und fuhr fort: „Wir können in den nächsten Tagen gerne noch einmal telefonieren, aber jetzt lasse ich Dich doch lieber in Ruhe, hast doch bestimmt Hunger, Bienchen?“

Sabine nickte nur. Sie wusste, ihre Freundin hatte es mal wieder eilig. Dennoch war Sabine nicht traurig. Mit einem Lächeln umarmte sie Monika und meinte: „Vielen Dank, Moni. Ich melde mich bei Dir, ist doch klar. Wir haben ja ohnehin fast jeden Tag Kontakt.“

Sabine begleitete ihre Freundin zur Wohnungstür und kümmerte sich anschließend um das Essen. Die Pasta im Topf duftete verführerisch, Monika hatte nicht übertrieben. Aber nur die Pasta? Sabine überlegte kurz und kramte in ihrem Kühlschrank. Und sie fand eine Tüte Parmesan und eine Flasche Rotwein.

Super, die Party kann steigen, dachte Sabine und nach einiger Zeit trug sie ihr Abendbrot auf einem Tablett vorsichtig ins Wohnzimmer.

Nachdem sie ihr Mahl beendet hatte, erledigte sie ein paar Kleinigkeiten und zog sich dann zurück.

Tag zwölf
(Dienstag)

Der nächste Morgen begann genauso wie in den letzten Tagen. Die Haushaltshilfe und Frau Spaltholz versorgten Sabine vorbildlich. Daran könnte ich mich direkt gewöhnen, dachte sie, während sie ihr Frühstück kaute. Aber wenn ich an Physiotherapie und Arztbesuche denke, dann lieber nicht… Denn diese Termine standen an diesem Vormittag an.

Erst um die Mittagszeit konnte Sabine ihren Laptop hochfahren und natürlich fand sie eine Nachricht von David vor.

Hallo meine schöne Frau!

Wie geht es Dir, wie hast Du geschlafen?

Leider schlief ich schlecht, da ich das Bild Deines hübschen Antlitzes immer vor mir hatte. Ich werde immer auf die Liebe meines Lebens hören, weil jede Frau es verdient hat, wie eine Königin behandelt zu werden. Meine neue Frau bekommt meine ganze Liebe und Aufmerksamkeit.

Denke doch bitte einmal darüber nach, ich empfinde viel für Dich, meine Königin. Und ich hoffe sehr, Du erwiderst meine Gefühle eines Tages. Was hättest Du denn zu verlieren, Honey? Vielleicht Dein Herz, aber mehr nicht, nicht wahr Pretty??? Dein David

Ungläubig starrte Sabine auf den Bildschirm und schüttelte den Kopf. Schon wieder so ein romantischer Humbug. Schließlich atmete sie kurz durch und begann eine Antwort an David.

Vielen Dank für Deine Zeilen und danke der Nachfrage, ich habe sehr gut geschlafen. Heute Morgen hatte ich einige Termine und so kann ich Dir erst jetzt antworten.

Deine Zeilen voller Liebe berühren mich sehr, jedoch kann ich kaum glauben, dass sie echt sind. Wir kennen uns aus dem Internet und von einigen Fotos. Genügt das, um von Liebe und Beziehung zu sprechen?

Ich denke, Du merkst es bereits, bei einem neuen Mann wäre ich anspruchsvoll.

Und lieber bleibe ich allein, als das ich mich an den falschen Mann binde. Ich kann Dir nicht versprechen, ob ich mich noch einmal auf eine neue Beziehung, oder gar eine Ehe einlasse…

Hoffentlich hat er es jetzt verstanden, dass ich mich nicht mehr so schnell verliebe, dachte Sabine, während sie die Mail auf die Reise schickte.

Da es Nachmittag war und sie nicht unbedingt der Hunger plagte, machte sie sich nur einen Pott Kaffee und zog sich mit einer Illustrierten auf das Sofa zurück. Doch ihre Gedanken flogen immer wieder zu David. In aller Ruhe nahm Sabine einen Schluck Kaffee, doch dann riss sie das Klingeln des Telefons zurück in die Wirklichkeit. Wer mochte das sein? Sabine ging ans Telefon.

Im ersten Moment glaubte sie, eine ihr unbekannte Stimme zu hören, doch dann ging ihr ein Licht auf. Diese Stimme einer offenbar jungen Frau mit dem leichten Akzent kannte sie doch. Na klar, das war doch Zayba! Eine nette junge Frau aus Ghana, die wenige Straßen weiter wohnte und der sie vor einigen Jahren Unterricht in der deutschen Sprache gegeben hatte. Zwar war Zayba nur wenig älter als ihr Sohn Christian, trotzdem verstanden sich die beiden Frauen gut. Sabine freute sich. Das hatte zwei Gründe: Erstens sprach Zayba bis auf den Akzent die deutsche Sprache nach einigen Jahren deutsch perfekt und zweitens freute sie sich, dass Zayba sich wieder einmal bei ihr meldete.

„Hallo Zayba, das ist aber schön, dass du anrufst. Wie geht es Dir?“ Aufgeregt rutschte Sabine auf der Couch hin und her.

„Mir geht es super, aber Dir wohl nicht, oder? Vor ein paar Tagen habe ich Frau Spaltholz auf der Straße getroffen und die hat mir erzählt, dass du einen kleinen Unfall hattest. Und da dachte ich, du brauchst vielleicht Hilfe. Gerne würde ich Dich besuchen, was meinst du? Und selbstverständlich bringe ich auch etwas zu essen mit. Dann musst du Dich nicht anstrengen. Das ginge aber nur abends, weil ich tagsüber arbeite. Wir haben uns bestimmt eine ganze Menge zu erzählen, weil wir uns ja fast ein Jahr nicht gesehen haben, oder ist es sogar länger her?“

Sabine rechnete kurz im Kopf, überlegte und antwortete dann: „Ich würde ja meinen, eher anderthalb Jahre, bin mir aber auch nicht so ganz sicher. Ist doch auch egal. Es ist jedenfalls über drei Jahre her, dass ich Dir Deutschunterricht gegeben habe. Der ging etwas über ein Jahr und danach haben wir uns noch einige Male privat abends gesehen. Da ging dann der Deutschunterricht weiter. ‚Die Olsenbande‘, weißt du noch? Alle Filme, die es gab.“

Sabine hörte Zayba am Telefon laut lachen: „Oh ja, die drei putzigen Gesellen aus Dänemark. Eigentlich ulkig, dass sie mir den letzten Schliff in der deutschen Sprache gegeben haben. Ich kann heute noch ganze Dialoge auswendig und bin dankbar dafür. Ich denke, ich habe das mit dem Deutsch ganz gut hinbekommen, oder? Also, was hältst du von einem Besuch?“

Sabine überlegte einen Augenblick und antwortete dann: „Also morgen Abend bin ich mit Essen noch versorgt, aber wie wäre es denn übermorgen? Das wäre Donnerstag, aber ich richte mich natürlich nach Dir.“

„Aber ist doch Ehrensache“, meinte Zayba voller Enthusiasmus. „Da kann ich mich endlich mal so richtig bei Dir bedanken und wir haben uns wirklich eine Menge zu erzählen. Und das Neuste erzähle ich Dir gleich.“

Zayba machte eine kurze dramatische Pause und verkündete dann:

„Mittlerweile habe ich sogar den Führerschein bestanden. Den habe ich sogar selbst finanziert und ein kleines Auto habe ich auch, wenn auch ein gebrauchtes!“

Sabine spürte förmlich, wie stolz Zayba darauf war und erwiderte: „Also Zayba, du schaffst es wirklich noch: Vom Flüchtling zur Millionärin.“

„Nein, nein, dazu wird es sicher nicht kommen. Ich hab noch nicht einmal eine eigene Wohnung, sondern nur ein Zimmer in einer WG. Mehr ist nicht drin und der Führerschein war mir wirklich wichtiger. Ich komme auch mit dem einen Zimmer ganz gut klar. Immerhin besser als die Unterkunft im Flüchtlingswohnheim. Leider können sich nicht alle Einwohner so eines Heims benehmen und ich bin froh da raus zu sein. Das habe ich Dir ja schon einmal erzählt. Aber zurück zu unserem Treffen. Ich könnte am Donnerstag erst gegen einundzwanzig Uhr bei Dir sein. Vorher schaffe ich es wirklich nicht, mein Job verstehst du?“

„Das ist für mich kein Problem, wir können uns trotzdem Zeit nehmen, ich habe keine Termine am Freitag“, Sabine lächelte.

„Also okay, dann bis Donnerstag und wenn etwas ist, rufst du mich einfach an, bye.“

Und schon hatte Zayba aufgelegt. Sabine wechselte kurz ihre Sitzposition und griff erneut nach ihrer Illustrierten. Auf ihren Laptop hatte sie im Augenblick keine Lust. Sollte David erst einmal über ihre letzte Mail nachdenken. So schnell wollte sie keinem Mann mehr ins Netz gehen. Morgen ist auch noch ein Tag, dachte Sabine und fuhr den Laptop herunter.

Tag dreizehn
(Mittwoch)

Der nächste Tag hatte begonnen. Das übliche morgendliche Ritual, Duschen und Frühstück waren schnell erledigt. Am Vormittag stand Physiotherapie auf dem Programm, der Laptop musste warten. Am späten Vormittag kehrte Sabine zurück. Vom Bäcker hatte sie sich ein belegtes Brötchen mitgebracht. Kaum hatte sie ihre Wohnung betreten, klingelte schon die Haushaltshilfe. Sabine ließ sie ein und begrüßte sie freundlich. Die Dame kann mir gleich mal einen Kaffee machen, dachte sie, während sie ihre Schuhe wechselte. Und so bat sie die freundliche junge Frau um Hilfe.

„Klar mache ich Ihnen einen Kaffee und Du kannst so langsam mal Babsi zu mir sagen“, meinte sie, „schließlich kennen wir uns jetzt schon ein Weilchen.“

„Mach ich gerne, aber nur, wenn Du Biene zu mir sagst, schließlich werden wir noch einige Zeit miteinander zu tun haben“, Sabine lachte und hievte sich auf die Couch. Wenige Minuten später brachte ihr Babsi den Kaffee und das Brötchen.

„Lass es Dir schmecken, aber verrate mir bitte, was ich sonst noch für Dich tun kann.“

Sabine überlegte einen Augenblick und meinte dann: „Einfach mal ein bisschen meine kleine Wohnung putzen. Nicht wie zu Weihnachten, aber gründlich.“

„Geht klar, Biene“, Babsi grinste und begann eifrig zu arbeiten.

Am besten schmeiße ich gleich mal meinen Laptop an und sehe nach dem Rechten.

Für Herrn Lenz gibt es sicher etwas zu tun und vielleicht hat sich David gemeldet. Gesagt, getan! Aufgeregt öffnete Sabine ihren Facebook Account und stieß prompt auf eine Nachricht von David.

Ich vermisse Dich so, ich bete den ganzen Tag zu Gott, dass Du in Sicherheit bist und gesund bleibst. Sabine, glaube mir einfach und ich werde mein Bestes geben, Dich bald in Berlin zu besuchen, sofern ich auf die Gnade Gottes hoffen darf.

Du bist so nett und süß, liebste Sabine, ich möchte für immer und immer bei Dir sein.

Es ist mir eine Freude, dass es Dich gibt. Denn ich habe Dich gewollt. Du bist unendlich wertvoll in meinen Augen. Du bist meine große Liebe, in die ich tief versunken bin. Und in meiner Seele hast Du ein heißes Feuer entfacht!

Sabine stutze. Kam jetzt schon wieder der liebe Gott mit ins Spiel? Damit konnte Sabine so gar nichts anfangen. Und daher entschied sie sich, diese Mail gleich zu beantworten. Das konnte nicht warten!

David, nun kennen wir uns nicht einmal zwei Wochen. Daher kann ich nicht von Liebe reden. Und eines solltest Du gleich wissen: Ich bin nicht gläubig! Für mich gibt es keinen Gott. Ja David, ich mag Dich. Aber verlieben kann ich mich nur in der Realität, wenn ich Dich gesehen habe.

Was soll dieser schwülstige Unsinn, lieber David? Du kennst mich doch gar nicht!

Und ich weiß nur wenig von Dir. Ich kenne nicht einmal Deine Hobbys…

Hastig schickte Sabine die Mail auf die Reise. So etwas duldete keinen Aufschub, fand sie. Anschließend schloss sie ihren Facebook Account.

Unterdessen hatte Babsi ihre Arbeit beendet. Sogar abgewaschen hatte sie.

Sabine bot ihrer Hilfe einen Platz an. „Einen kleinen Augenblick für einen Schwatz hast du doch sicher, oder?“ Babsi stimmte zu.

„Eigentlich wollte ich nur mal ganz herzlich danke sagen, das ist alles. Und ein Weilchen werde ich auch noch auf Dich angewiesen sein. Die Orthese werde ich noch mindestens zwei Wochen tragen müssen, meine Ärztin ist noch nicht so ganz zufrieden. Warten wir erst einmal ab und dann sehen wir weiter.“

Babsi nickte. „Klar das bekommen wir hin, aber jetzt muss ich auch weiter. Für den kommenden Dienstag bin ich wieder für Dich eingeteilt. Schönes Wochenende!“

Damit verließ Babsi freundlich lächelnd die Wohnung und Sabine war wieder allein. Sie begab sich wieder an ihren Laptop. Lieber widmete sie sich den Aufgaben, die ihr Herr Lenz geschickt hatte. Schließlich wollte sie ihren Chef nicht enttäuschen. Und so vertiefte sich Sabine so in die Arbeit, dass sie fast die Zeit vergaß. Dann hatte sie es geschafft und schickte eine Mail an den Verlag. Danach öffnete sie ihren Facebook Account. Eine Nachricht von David!

Meine liebe Kathy!

Es ist richtig, ich habe Dir nichts über meine Hobbys geschrieben und das möchte ich jetzt nachholen.

Wie Du weißt, bin ich beruflich ziemlich eingespannt und für Hobbys bleibt nicht viel Zeit.

Meine beiden Jungs, die Golden Retriever fordern schon einmal Zeit. Ich gehe gerne mit ihnen spazieren und habe bei diesen Spaziergängen gerne meine Kamera dabei. Ich liebe es, zu fotografieren. Ebenso gehe ich gerne essen. Aber allein macht es wenig Spaß.

Gerne würde ich Dich ausführen, mein Engel. Ein ausgezeichnetes Essen im Restaurant genießen, gemeinsam mit Dir lachen und guter Dinge sein.

Oder wie wäre es mit einem gemütlichen Leseabend auf der Couch?

Die Hunde liegen zu unseren Füßen und im Hintergrund läuft leise Musik. Du bringst mich zum Träumen, Darling.

Würde der Himmel aus Papier bestehen und das Meer wäre ein Behälter mit Tinte, könnte ich doch nicht aufschreiben, wie viel du mir bedeutest.

Ich liebe Dich so sehr, Kathy!

Dein David

Kathy? Sabine zog die Stirn kraus und sofort klingelten bei ihr sämtliche Alarmglocken. Hier stimmte etwas nicht! Sabine war sich nicht sicher und beschloss, der Sache gleich auf den Grund zu gehen.

Warum in aller Welt nennst Du mich Kathy? Ich finde das sehr merkwürdig.

Vielleicht kannst Du es mir erklären. Eigentlich müsstest Du wissen, wie ich heiße!

Diesmal schloss Sabine ihren Facebook Account nicht, sondern wartete ab. Das wollte sie jetzt wissen! Sie griff nach einer Illustrierten und begann darin zu lesen. Nun war ihre Geduld gefragt. Eine knappe Stunde später meldete sich David.

Meine liebste Sabine!

Bitte entschuldige, dass ich Dich Kathy genannt habe. Aber lass mich erklären.

Kathy ist eine gute Schulfreundin von mir. Nicht mehr und nicht weniger. Sie ist eine Taufpatin von Alicia und darum habe ich regelmäßig Kontakt zu ihr. Ich hatte ihr, bevor ich Dir schrieb, eine Mail geschrieben, daher hatte ich den falschen Namen im Kopf. Das kann mal passieren, aber ich schäme mich dafür. Bitte sei mir nicht böse.

Ich liebe Dich jetzt schon, mit Haut und Haar und ich möchte Dich auf all Deinen Wegen begleiten, Dir ein perfekter Partner sein. Höre auf Dein gutes Herz!

Darf ich Dir was Schönes erzählen? Ich habe ein Bild von Dir an Alicia geschickt und sie hat mir gesagt, dass sie Dich jetzt schon mag. Ich weiß, dass die Realität anders aussehen kann, aber ich glaube fest an das, was mein Herz mir sagt.

Abgesehen davon liebt Alicia Pferde über alles und ich bin mir sicher, ihr würdet Euch blendend verstehen. Mit der Zeit werden wir uns alle besser kennenlernen und ich bin mir sicher, die Liebe wird siegen! Glaub daran, mein Engel! Natürlich haben wir alle unsere Vorlieben und Abneigungen, aber damit werden wir fertig, nicht wahr?

Für heute reichte es Sabine. Ihr brummte der Schädel. Und so beschloss sie, für heute ihre Arbeit am Laptop zu beenden. In Ruhe ließ sie den Tag ausklingen, ohne PC und Telefonate.

Tag vierzehn
(Donnerstag)

Ein neuer Tag begann. Sabine hatte schlecht geschlafen und musste sich erst einmal orientieren, nachdem sie aufgewacht war. Zu sehr hatte David Silverstone in ihrem Unterbewusstsein herumgespukt.

Sabine streckte sich kurz und setzte sich dann mit Schwung auf die Bettkante.

Was lag heute an? Sabine überlegte. Zayba! Sabine freute sich, und auf einmal fiel es ihr leicht, das Bett zu verlassen und ihr Morgenritual durchzuführen. Erst nach dem Frühstück widmete sie sich ihrem Laptop und fand eine Nachricht von David.

Ich hoffe, Deine letzte Nacht ist wundervoll gewesen und Du hast gut geschlafen,

Dich sehe ich an jedem Morgen als erstes, wenn ich meine Augen öffne.

Dein Anblick ist der letzte, mit dem ich in die Nacht entgleite. Dich wünsche ich mir so an meiner Seite.

Genervt stöhnte Sabine auf. Konnte David nichts anderes als Süßholz raspeln?

Irgendwie muss ich ihn zur Räson bringen, dachte sie. Plötzlich riss sie das Smartphone aus ihren Gedanken. Eine WhatsApp von Zayba!

Iss heute nicht so viel und vergiss unsere Verabredung nicht!

Ich bringe uns was Gutes mit!

Sabine entschloss sich, gleich zu antworten.

Keine Sorge, aber wehe, ich werde nicht satt!

Lächelnd schickte Sabine die Nachricht ab, wandte sich wieder Facebook zu und fand eine weitere Nachricht von David.

Meine liebe Sabine!

Ganz schnell muss ich mich bei Dir melden, mein Engel. Es sieht leider so aus, als würde mein PC den Geist aufgeben.

Du weißt, wie ich im Stress stehe (meine Mutter und der Umzug nach Berlin).

Ich kann jetzt unmöglich losziehen und mir einen neuen PC kaufen. Das werde ich erst tun, wenn ich in Berlin lebe. Du hast doch sicher WhatsApp. Gerne würde ich über diesen Dienst mit Dir verbunden sein. Facebook auf dem Handy ist mir zu mühsam… Abgesehen davon könnten wir schneller Nachrichten austauschen.

Du brauchst nur zu schreiben, wenn Du Zeit dazu hast, und wenn Du unterwegs bist, schaltest Du Dein Smartphone auf lautlos. Nerven möchte ich Dich auf keinen Fall, aber diese Idee geht mir schon seit einigen Tagen im Kopf herum.

Überlege es Dir bitte und füge mich zu Deinen Kontakten hinzu. Ich schreibe Dir hier meine Nummer dazu.

Ich liebe Dich, meine Schönheit und ich möchte Dich nicht verlieren, nur weil mein PC den Geist aufgibt. Dein David

P.S. und wenn Du kein WhatsApp haben solltest, können wir Hangouts nutzen.

Sabine starrte auf die aktuelle Nachricht von David. Was sollte das?

Aber okay, was hatte sie zu verlieren? Sabine entschied sich für Hangouts, warum wusste sie nicht genau. Sie fand es gut, nicht mehr so vom Laptop abhängig zu sein. Also übermittelte sie David schnell ihre Gmail Anschrift. Schon wenige Minuten später fand sie eine Nachricht von David in Hangouts.

Es hat geklappt. Wenn Du Zeit für eine Nachricht hast, schreib mir bitte.

Sabine entschloss sich, zunächst nicht zu antworten. Sie zog sich um und machte sich auf den Weg zur Physiotherapie. Mittlerweile war es Anfang Juli, eine Jacke benötigte sie auf dem Weg nicht. Meine letzte Behandlung für diese Woche, dachte sie, als sie die Praxis betrat.

Sabine nickte der Dame an der Anmeldung kurz zu und nahm im Wartebereich Platz. Die Praxis machte einen freundlichen Eindruck, das war Sabine gleich beim ersten Besuch aufgefallen. Neben den wenigen Stühlen im Wartebereich gab es ein kleines Tischchen. Auf dem stand immer ein kleiner frischer Blumenstrauß und einige Zeitschriften lagen aus. Plötzlich weiteten sich ihre Augen!

‚Love Scamming, die moderne Form des Heiratsschwindels‘, prangte es in großen Lettern über einem Artikel. Darunter in etwas kleinerer Schrift ‚Vier Frauen berichten über ihr Schicksal‘. Gerade wollte Sabine sich diesen Artikel zu Gemüte ziehen, da wurde sie aufgerufen. Mit einem Seufzer legte sie die Zeitschrift beiseite. Dieser Artikel hätte sie interessiert! Sabine entschloss sich, nach der Behandlung einmal kurz in diese Zeitschrift zu schauen, und betrat optimistisch den Behandlungsraum.

Die letzte Behandlung für diese Woche und nachher ein schönes Treffen mit Zayba, besser kann das lange Wochenende nicht starten, dachte sie.

Marco, der Physiotherapeut begrüßte Sabine freundlich und half ihr beim Ablegen der Orthese. Dann begann er professionell mit der Behandlung. Nach einer knappen halben Stunde war die Behandlung beendet. Marco half Sabine erneut und sagte: „Holen Sie sich bitte neue Termine und sprechen Sie bei Gelegenheit mit Ihrer Hausärztin wegen einer zusätzlichen Behandlung, wir haben Ultraschall und Elektrotherapie gerade günstig im Angebot.“

Schnell waren neue Termine ausgehandelt und Sabine sah noch einmal auf den Zeitungsstapel in der Anmeldung. Leider las eine andere Patientin die Zeitung, in die Sabine schauen wollte. Mit einem freundlichen Gruß verließ Sabine die Praxis. Angenehm warme Luft schlug ihr entgegen, als sie ins Freie trat.

Plötzlich fiel Sabine ein, dass sich in unmittelbarer Nähe der Praxis ein Zeitungsladen befand. Vielleicht sollte sie dort einmal nach der Zeitschrift schauen, die in der Physiotherapiepraxis ausgelegen hatte. Sabine kaufte sie und schob sie in ihre Tasche. Gutgelaunt machte sie sich auf den Heimweg. Zuhause angekommen zog sie sich um und bereitete sich einen kleinen Snack zum Mittagessen. Nach dem Essen wurde Sabine müde. Eigentlich legte sie sich niemals mittags hin. Aber sie beschloss, an diesem Tag eine Ausnahme zu machen. Sie trug das Geschirr in die Küche, wusch es ab und zog sich dann ins Schlafzimmer zurück. Erstaunlicherweise schlief sie sofort ein. Als sie wenige Stunden später aufwachte, streckte sie sich schlaftrunken und warf einen Blick auf die Uhr. Fast siebzehn Uhr. Solange hatte Sabine nicht schlafen wollen, aber sie fühlte sich frisch und munter.

Gemächlich stand sie auf und verschwand kurz im Bad. Anschließend fuhr sie ihren PC hoch, öffnete ihren E-Mail-Account und dann Facebook. Einen Augenblick lang wunderte sie sich, dass sie keine Nachricht von David fand, doch dann fiel ihr ein, dass sie sich ja auf Hangouts geeinigt hatten. Hastig griff sie zu ihrem Smartphone, doch auch hier fand sich keine Nachricht von David. Sabine entschloss sich, ihm sofort zu schreiben, sie wollte ihn nicht im Ungewissen lassen.

Bitte entschuldige, dass ich mich erst jetzt wieder bei Dir melde, aber ich hatte bis eben zu tun und hatte echt keine Zeit, mich bei Dir zu melden. Mach Dir aber um mich keine Sorgen, ich bin jetzt Zuhause, bekomme aber am Abend Besuch. Wundere Dich nicht, über mein Schweigen. Wenn ich wieder mehr Zeit habe, werde ich ausführlicher schreiben.

Schnell schickte Sabine die Nachricht ab und brühte sich einen Kaffee auf. Vorsichtig trug sie die Tasse ins Wohnzimmer und rührte gedankenverloren darin herum. Gerade hatte einen Schluck Kaffee genommen, als sich ihr Smartphone erneut meldete. Eine Nachricht von David!

Gut, dass Du Dich wieder gemeldet hast, ich habe mir schon Sorgen um Dich gemacht. Aber ich verstehe, dass Du mal Termine hast. Darf ich Dich fragen, wer Dich heute Abend besucht?

Sabine ärgerte sich. Was ging ihn ihr Besuch an? Morgen würde sie David antworten. Und sie würde ihm klarmachen, dass er sich eine Liebe aus dem Kopf schlagen kann. Sie beschloss, sich auf den Abend mit Zayba vorzubereiten. Wenn sie Zayba richtig verstanden hatte, würde sie Essen aus dem Restaurant mitbringen. Getränke brachte sie sicher nicht mit, aber Wasser, Cola und verschiedene Säfte hatte Sabine im Haus. Nein, verdursten würden sie nicht. Sabine deckte den Tisch und stellte die Getränke bereit. Damit ihre Gedanken nicht ständig um David kreisten, versuchte Sabine sich abzulenken und schaltete den Fernseher ein. Dann klingelte ihr Smartphone. Zayba! Sabine hob nervös den Hörer ab. Hoffentlich keine Absage, dachte Sabine, sie hatte sich doch so auf diesen Abend gefreut.

„Hallo Sabine, ich komme schon um zwanzig Uhr, ist es Dir recht? Ich kann eine Stunde eher Feierabend machen!“ Sabine jubelte innerlich: „Super, das ist mir natürlich sehr recht, ist ja nicht mehr so lange.“ „Gut, dann sehe ich zu, dass ich pünktlich bei Dir bin“. Und schon hatte Zayba wieder aufgelegt. Kaum hatte Sabine das Telefon aus der Hand gelegt, klingelte es erneut. Sabine rollte mit den Augen und griff nach dem Gerät.

Diesmal war es Monika! Sabine nahm den Hörer ab und meldete sich. Und schon trompetete Monika los: „Ey du alte Schnecke, ich wollte nur mal hören, was bei Dir Sache ist. Schließlich habe ich ein paar Tage nichts von Dir gehört.“

Sabine wurde es auf einmal siedend heiß. In den letzten Tagen hatte sie ihre Freundin vollkommen vergessen.

„Oh Mann, Monika die Pasta von Dir ist echt lecker gewesen, aber denkst Du ich bin in den letzten Tagen dazu gekommen, an Dich zu denken? Entweder ich sitze an Aufgaben, die mir mein Chef geschickt hat oder ich habe Physio oder ich bin bei meiner Hausärztin oder meine Internetbekanntschaft hält mich auf Trab.“

„Internetbekanntschaft?“ Sabine konnte hören, wie ihre Freundin am anderen Ende der Leitung schnaufte, „das musst Du mir genauer erzählen!“

„Ach das ist so ein Ingenieur aus Hamburg mit britischen Wurzeln, der jetzt wieder nach Berlin ziehen möchte. Schreibt mit mächtig viel Schmalz. Ich weiß nicht recht, da kommt mir etwas nicht ganz astrein vor.“

Sabine machte eine Pause und Monika schaltete sich ein: „Das klingt spannend, da hätte ich gerne mehr gewusst. Was liegt denn heute noch bei Dir an?“

„Also heute ist es für ein Schwätzchen ganz schlecht. Erinnerst du Dich noch an Zayba, die Asylbewerberin aus Ghana? Der habe ich vor einigen Jahren mal Deutschunterricht gegeben und mittlerweile darf sie in Deutschland arbeiten. Sie arbeitet in einem Restaurant in der Küche und möchte mich heute Abend versorgen. Da ich sie lange nicht mehr gesehen habe, haben wir bestimmt eine Menge zu quasseln.“

„Ach ja die Zayba, das war so eine große, schlanke, hübsche Frau, ich erinnere mich. Du hattest sie einmal mit auf meinen Reiterhof gebracht. Die arbeitet in einer Küche? Die hätte doch Model werden können, und zwar locker.“ Monika klang empört.

„So ein Quatsch“, gab Sabine zurück, „könntest Du Dir diese lebenslustige, quirlige Frau mit einem ausdruckslosen Gesicht und einem ulkigen Fetzen am Leib auf dem Laufsteg vorstellen? Also ich nicht!“

„Haste vielleicht recht“, meinte Monika, „dann wünsche ich Dir für den heutigen Abend viel Spaß. Aber wie sieht es morgen bei Dir aus?“

„Morgen habe ich keinen Termin, das bedeutet drei freie Tage für mich.“

„Du, da habe ich eine gute Idee“, sagte Monika, „ich hole Dich morgen Vormittag ab, ich sage mal so um zehn Uhr, dann essen wir auf dem Reiterhof Mittag und am Nachmittag können wir quasseln. Du kannst auch gerne über das Wochenende bleiben, wenn Du möchtest. Ich würde Dich Montag früh wieder nach Hause fahren. Und das mit Deiner Orthese kriegen wir auch hin. Glaub mir, als Betreiberin eines Reiterhofes bin ich auch in medizinischer Versorgung sehr geübt.“

Sabine konnte förmlich spüren, wie Monika am Telefon grinste. Dann überlegte sie kurz und antwortete: „Also am Montag muss ich am Vormittag zu meiner Hausärztin. Könntest Du mich nach dem Frühstück einfach an unserem Gesundheitszentrum absetzen? Dann könnte ich meinen Arzttermin wahrnehmen und nach Hause habe ich es ja nicht weit.“

„Klar können wir das so machen. Wir können aber auch am Montag gemeinsam erst noch einkaufen. Die Einkäufe und Dein Gepäck bringen wir dann in Deine Wohnung und dann fahre ich Dich zu Deiner Ärztin. Wie geht es Deinem Bein?“

„Na ist wohl nicht so optimal, hat jedenfalls der Physiotherapeut heute gemeint. Mehr werde ich wohl am Montag erfahren.“ Sabine atmete tief durch.

„Okay meine Süße, ich melde mich morgen früh bei Dir und wünsche Dir jetzt erst einmal einen schönen Abend mit Zayba. Grüß sie mal schön! Bis morgen!“

Und schon hatte Monika aufgelegt. Zu mehr Grübeleien hatte Sabine keine Zeit, denn es klingelte an der Wohnungstür. So schnell sie konnte, lief Sabine zur Wohnungstür und meldete sich. Na klar, Zayba! Dieser drollige Akzent war unverkennbar, Zayba brauchte nicht viele Worte. Und Sabine betätigte den Türöffner und öffnete zeitgleich die Wohnungstür. Einige Augenblicke später schnaufte Zayba mit einem Speisebehälter die Treppe hoch. Sabine ließ sie herein und bat sie, den Behälter in der Küche abzustellen. Erst dann begrüßte sie die Freundin.

„Mensch Zayba, da freue ich mich aber, dass es geklappt hat. Zieh Deine Jacke aus, wo das Geschirr steht, weißt Du ja sicher noch, auch wenn der Deutschunterricht schon ein Weilchen her ist. Was möchtest du trinken?“

„Wasser würde mir genügen.“ Zayba sah auf Sabines linkes Bein und seufzte: „Das wird doch hoffentlich wieder okay?“

„Oh ja“, erwiderte Sabine, „es kann noch ein Weilchen dauern, aber das wird schon wieder werden. Ich muss am Montag wieder zu meiner Ärztin, dann erfahre ich mehr.“

„Ich zeig Dir erst mal, was ich uns mitgebracht habe. Für jeden von uns Country Potatoes und jede Menge Grillgemüse, außerdem Rahmchampignons und Pfeffersauce. Leider habe ich nicht an ein Dessert gedacht.“

Sabine riss die Augen auf und lachte: „Ein Glück, dass ich heute Mittag nur ein Brötchen gegessen habe. Soll ich uns eine CD einlegen und leise im Hintergrund laufen lassen?“ Zayba nickte, verschwand kurz im Badezimmer und begann danach in der Küche das Abendbrot aufzutun. Unterdessen hatte Sabine eine CD in den Player getan.

„Afrikanische Klänge habe ich leider nicht zu bieten, aber vielleicht tut es auch eine andere Entspannungsmusik“, meinte Sabine.

„Ist schon okay, Hauptsachen leise, du glaubst gar nicht, wie einen der Krach in Küche und Restaurant stressen kann.“

Sabine trug Besteck und Servietten ins Wohnzimmer, Zayba folgte ihr mit zwei vollen Tellern.

„Die Sauce und das Grillgemüse bringe ich extra, hat nicht mehr auf die Teller gepasst“, murmelte Zayba. Sie stellte die Teller ab und verschwand erneut in der Küche. Auf einem Tablett balancierte sie den Rest an den Tisch.

„Wir müssten alles haben“, meinte Zayba und setzte sich in einen bequemen Sessel. Sabine nahm Platz, sie zog die Couch vor.

„Das sieht wirklich lecker aus“, meinte sie und fuhr fort, „da bekommst Du aber noch Geld von mir.“

„Ich haue Dir mit dem Messer, wenn Du mir Geld geben willst“, rief Zayba aus und Sabine musste lachen. Auch wenn Zayba schon lange in Deutschland lebte, so ganz perfekt war ihr Deutsch doch nicht. Aber sie hatte die fremde Sprache schnell gelernt. Zwar war deutlich ein Akzent zu merken, aber viele Fehler machte sie nicht. Beim Essen sprachen die beiden Frauen nur wenig, sie genossen ihr Mahl.

Nach dem Essen trug Zayba das Geschirr in die Küche. Sabine folgte ihr und sagte: „Lass das Geschirr stehen, das wasche ich ab, wenn Du weg bist, so viel ist es nicht. Wenn Du möchtest, kann ich uns noch einen Kaffee machen und eine gute Packung Pralinen habe ich auch noch da.“

„Super“, jubelte Zayba, „ich bin heute den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, da kann ich was Süßes gut gebrauchen.“

Fröhlich machte sich Sabine ans Werk und bereitete Kaffee zu. Die Packung Pralinen war schnell gefunden und die beiden Frauen ließen sich erneut im Wohnzimmer nieder.

Sabine hielt Zayba die Packung Pralinen hin und Zayba griff zu. Dann bediente Sabine sich selbst und forderte Zayba auf: „Nun erzähl mal, wie geht es Dir?“

„Tja“ begann Zayba, „es ist viel Zeit vergangen, seit wir das letzte Mal ausführlich telefoniert haben, ich glaub, da war ich sogar noch im Asylbewerberheim untergebracht.“ Zayba überlegte und fuhr fort: „Erinnerst du Dich, ich bin kurz vor der großen Flüchtlingskrise aus Ghana gekommen. Gemeinsam mit meinem Bruder, der zwei Jahre älter ist als ich. Weißt du noch?“

Sabine nickte. Zayba müsste jetzt zweiunddreißig Jahre alt sein und ihr Bruder demnach vierunddreißig Jahre alt.

Zayba nahm vorsichtig einen kleinen Schluck Kaffee und fuhr fort. „Mein Bruder ging dann nach London, er wollte nicht in Deutschland einen Asylantrag stellen, der Sprache wegen, ich hingegen stellte meinen Antrag auf Asyl hier und bekam auch eine Aufenthaltsgestattung zur Durchführung des Asylverfahrens. Keine Ahnung, warum ich nicht mit meinem Bruder nach Großbritannien gehen wollte, vielleicht war ich einfach nur zu erschöpft für einen weiteren Weg. Mein Bruder und ich standen uns immer nahe. Er ist ein großer Bruder, wie ich ihn mir gewünscht habe. Leider ist Joseph homosexuell und das wird in Ghana kaum akzeptiert. Das gilt als was Schlimmes. Mein Bruder durfte seine Liebe zu Männern auf gar keinen Fall öffentlich machen und darum mussten wir fliehen. Joseph wollte sich nicht mehr verstecken. Und Frauen geben ihm absolut nichts, leider… Ich wünsche ja, es wäre anders, aber mittlerweile habe ich akzeptiert, dass er schwul ist.“

Zayba seufzte. „Wir haben in einem kleinen Ort nahe der Stadt Navrongo gelebt, das ist nicht weit weg von der Grenze zu Burkina Faso, im Norden von Ghana. Dieser Teil von Ghana ist eher muslimisch geprägt, allerdings sind Joseph und ich nicht besonders gläubig. Wie auch immer, ständig wurde mein Bruder nach einer Hochzeit gefragt. Es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis alles aufgeflogen wäre. Nicht einmal meine Eltern wissen, dass Joseph nicht auf Frauen steht. Und ich kam ihm ja auch nur durch einen Zufall auf die Schliche, wenn ich auch schon etwas geahnt habe. Ich habe ihn dann zur Rede gestellt und er bestritt nichts. Und auch bei mir wurde ständig nach einer Hochzeit gefragt. Zwar bin ich nicht schwul, aber ich wollte mir meinen Ehemann lieber selbst aussuchen. Glaub mir, es ist für Joseph und mich sehr schwer gewesen, in Ghana. Ich wollte eigentlich Krankenschwester lernen, aber das hat mein Vater nicht erlaubt. Ich sollte heiraten und Kinder bekommen.

Schön und gut, aber ich wollte nicht den Mann, den mein Vater für mich im Auge hatte, heiraten. Wir flüchteten, ich glaube die Geschichte der Flucht habe ich Dir schon einmal erzählt.“

Erneut nickte Sabine, unterbrach ihre Freundin nicht.

„Wie ich schon sagte, nun bin ich in Deutschland und möchte auch weiterhin hier leben. Nach Großbritannien möchte ich nicht mehr, wer weiß wie das wird nach dem Brexit. Und mal ehrlich, merkt man mir die Muslima noch an?“

„Nö“, erwiderte Sabine, „okay, du isst kein Schweinefleisch und trinkst keinen Alkohol, aber sonst?“

„Am Anfang habe ich noch das traditionelle islamische Kopftuch getragen, wie man es hier in Deutschland auch oft sieht. Du weißt schon den Hidschab. Aber selbst diese Verhüllung habe ich abgelegt. Schließlich ist nicht klar geregelt, wann und wo ich sie tragen muss. Die Vorschriften dazu sind nicht ganz klar. Mein großer Bruder ist schwul, der wird mir wohl kaum Vorschriften machen und meine Eltern und Geschwister sind weit weg. Ich bin nicht streng religiös, aber ich glaube an Schicksal, ich weiß auch nicht warum. Aber jetzt bin ich ein wenig ab vom Thema.

Du weißt, ich habe in der Flüchtlingsunterkunft hier in der Nähe gelebt. Erst der Asylantrag, dann kam die Gestattung. Und Gott sei Dank habe ich mich sehr schnell mit der deutschen Sprache angefreundet, der Olsenbande sei Dank. Das war eine gute Idee von Dir mit mir ab und zu mal so einen Film zu schauen.“

„Das war nur ein Teil meines Planes, um Dir die deutsche Sprache zu vermitteln. Aber im Gegensatz zur Olsenbande hat mein Plan funktioniert, wie Du mir gerade bewiesen hast“, lachte Sabine.

„Mit der Gestattung bekam ich dann auch die Möglichkeit mir eine Arbeit zu suchen“, fuhr Zayba fort, „daher arbeite ich nun in der Osteria hier in der Nähe, ist alles legal. Meinem Arbeitgeber hast Du auch das leckere Essen zu verdanken. Ja und mittlerweile habe ich meinen Aufenthaltstitel, daher hat es auch mit der Wohnung geklappt, die ich mir mit zwei Freundinnen teile. Jede von uns hat ein Zimmer, das bekommen wir gestemmt. Und mir war wirklich der Führerschein erst einmal wichtiger. Und irgendwie träume ich ja immer noch davon Krankenschwester zu werden.“ „Warum hast Du Dich nicht um ein Praktikum bemüht?“, fragte Sabine nach.

„Habe ich gemacht, bei einem Pflegedienst, aber die alten Leutchen wollten sich nicht von einer Afrikanerin anfassen lassen. Daher habe ich diesen Traum auf Eis gelegt, das hat mich entmutigt. Dabei trug ich damals schon den Hidschab nicht mehr, weil ich den alten Leuten keine Angst machen wollte. Ich versuche, mich Eurer Kultur anzupassen, aber meine Hautfarbe wechseln kann ich leider nicht. Dabei hätte mich der Pflegedienst gerne angestellt und sich auch um eine Ausbildung für mich bemüht.“

„Und wenn Du es hier im örtlichen Krankenhaus versuchst?“, warf Sabine ein.

„Wenn ich in den nächsten Tagen frei habe, möchte ich mich mal im Krankenhaus vorstellen. Du hast vielleicht recht, ich sollte nicht so schnell aufgeben. Und vielleicht ist es auf Station auch noch anders, als bei einem Pflegedienst.“

„Mach das mal“, ermutigte Sabine die Freundin, „Du hast doch schon eine Menge erreicht. Und denk mal an die Corona Krise, die Anfang 2020 begonnen hat und lange dauerte. Was wurde da auf einmal nach Pflegekräften geschrien!“

„Ein weiterer großer Traum von mir ist, dass ich auf Dauer in Deutschland leben kann. In einer eigenen Wohnung, mit eigener Familie. Allerdings habe ich auf unserer Flucht keine guten Erfahrungen mit Männern gemacht, daher schiebe ich dieses Thema etwas von mir.“

Zayba machte eine kleine Pause und nahm einen Schluck Kaffee.

„Und Deine Ehe hat auch nicht gehalten, habe ich mitbekommen?“ Traurig sah Zayba ihre Freundin an.

„Ist kein Drama“ wiegelte Sabine ab, „da gibt es Schlimmeres. Und es muss auch nicht das Ende der Fahnenstange sein, schließlich habe ich einen Verehrer im Internet. Ich weiß nur nicht, ob ich dem Frieden trauen kann.“

„Warum?“ Zayba wurde hellhörig.

„Er schreibt immer mit viel Schmalz, also trägt ziemlich dick auf. Es ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Aber vielleicht bin ich auch nur zu misstrauisch.“

„Was ist er denn von Beruf?“, wollte Zayba wissen.

„Ingenieur für Bohranlagen, arbeitet aber vorwiegend im Büro, soweit ich das mitbekommen habe. Er hat eine pflegebedürftige Mutter und eine Tochter, die ist siebzehn.“

„Und wo lebt die Tochter?“ Zayba schien mit einem Schlag hellwach zu sein.

„Die lebt in England im Internat, dort geht sie auf eine internationale Schule. Wenn sie ihr Abi in der Tasche hat, will ihr Vater sie nach Deutschland holen.“

„Du könntest recht haben“, murmelte Zayba.

„Womit könnte ich recht haben?“, fragte Sabine verunsichert.

„Mit dem Heiratsschwindler! Die sind nämlich auch in Ghana sehr aktiv. Und dort werden sie auch Love Scammer, oder Romance Scammer genannt, ich denke, diese Begriffe sind auch in Deutschland geläufig. In unserer Nachbarstadt Navrongo hat sich ein regelrechter Wirtschaftszweig mit diesen Betrügereien entwickelt. Manche meiner Landsleute leben davon sogar sehr gut und lachen sich kaputt, über die Dummheit europäischer Frauen, die so leichtgläubig sind und Geld schicken. Kann ich das Facebook Profil von diesem Herrn einmal sehen?“

„Na klar!“ Sabine schaltete bereitwillig ihren Laptop an und öffnete ihren Facebook Account. Doch fand sie kein Profil mehr von David. „Ist ja merkwürdig“, murmelte sie.

„Nein, das ist eine Masche der Heiratsschwindler, ehe sie auffliegen, löschen sie häufig das Profil und kommen Facebook zuvor. Ich nehme an, er hat Dich auf einen Messenger gelockt?“

Sabine nickte stumm, loggte sich aus Facebook aus und fuhr den PC herunter.

„Ich kann Dir nun natürlich nicht sagen, ob es sich um einen Heiratsschwindler handelt, oder nicht, ich kann Dich nur warnen. Mein Bruder sollte da auch mitmachen, hat aber abgelehnt. Und kurz darauf lehnte ich ab. Auch Frauen geben sich gerne mal als reiche, gebildete Männer aus. Wobei die in der Minderheit sind. Ich selbst sollte mich damals als Lehrerin einer angeblichen Tochter so eines Scammers ausgeben. Die Tochter war dann in Not auf einer Klassenfahrt und so weiter… Glaub mir, da haben sich regelrechte Netzwerke gebildet. Und diese Betrüger werden immer geschickter. Da werden Fotos gefälscht, Ausweise gefälscht, sogar telefonische Fangschaltungen werden gelegt! Und Liebesbriefe kannst Du Dir aus dem Internet ziehen. Auch da haben die Scammer leichtes Spiel, wirklich. Die haben mir damals solche Briefe gezeigt, auch in deutscher Sprache. Du kannst natürlich den Kontakt aufrechterhalten, aber brich ab, wenn es zu einer Geldforderung kommt. Außer einem leeren Konto und einer verletzten Seele wird es Dir nichts einbringen.“

Sabine hatte aufmerksam zugehört. Sie dachte einen Augenblick nach und antwortete dann: „Also ich nehme Deine Warnung sehr ernst. Auf jeden Fall werde ich den Kontakt eindämmen. Und dann einfach abwarten was passiert. Irgendwie hoffe ich doch auf Liebe, aber ich wäre wohl mehr als dumm, Deine Warnung einfach zu ignorieren.“

Zayba sah auf die Uhr in Sabines Wohnzimmer. „Oh, schon zweiundzwanzig Uhr, ich sollte mich so langsam vom Acker machen.“ Sie erhob sich und verschwand im Badezimmer.

Sabine trug das verbliebene Geschirr in die Küche. Zayba trat zu ihr und sagte: „Denk bitte an meine Warnung, ich möchte wirklich nicht, dass Du einem Betrüger aufsitzt, egal wo er zu Hause ist.“ Zayba griff sich den Speisebehälter. „Ach, hier ist noch Weißbrot und Kräuterbutter, für morgen zum Frühstück. So jetzt habe ich alles.“

Sabine bedankte sich herzlich und hielt ihrer Freundin die Wohnungstür auf. Spontan entschloss sich die Frau, bei der Nachbarin zu klingeln und die Brötchen für die nächsten Tage abzubestellen. Sie hatte Glück, Frau Spaltholz öffnete freundlich. Sabine erklärte die Situation, entschuldigte sich, dass sie so spät geklingelt hatte und begab sich wieder zurück in ihre Wohnung. Das habe ich hinbekommen, dachte sie zufrieden. Sabine wusch ab, doch sie war nicht müde. Daher widmete sie sich der Zeitung, die sie heute gekauft hatte. Der Artikel über die Frauen, die auf einen Romance Scammer hereingefallen waren, interessierte sie brennend.

Vier Frauen, vier Schicksale und fast immer die gleiche Masche. Trotz der milden Sommernacht wurde Sabine kalt und sie entschloss sich, vorsichtig zu sein. Die Betrüger kamen aus Afrika, Asien, aber auch aus Osteuropa. Gerne bedienten sie sich Übersetzungsprogrammen und Liebesbriefen aus dem Internet. Sabine hielt es nicht mehr aus und tippte eine Nachricht an David.

Gerade wollte ich zu Bett gehen und war kurz auf Facebook unterwegs.

Leider kann ich Dein Profil nicht mehr finden, was ist passiert?“

Dann tippte sie eine Nachricht an Monika, in der sie sich wegen morgen erkundigte. Prompt klingelte wenige Minuten später das Telefon. Es konnte nur Monika sein.

„Klar klappt das, ich bin um zehn Uhr bei Dir. Du kannst uns einen Kaffee machen. Ich möchte alles über Deinen neuen Lover wissen.“

„Ich glaube, den Lover kann ich abschreiben, zumindest wenn Zayba recht hat, aber das erzähle ich Dir in aller Ruhe morgen. Ich werde jetzt auch ins Bett gehen.“ „Gut, dann bis morgen, schlaf gut.“ Und schon hatte Monika aufgelegt.

Sabine zog sich zurück, ein ereignisreicher Tag ging zu Ende.

Tag fünfzehn
(Freitag)

Sabine erwachte am nächsten Morgen und fühlte sich frisch und ausgeruht. Der Wecker auf ihrem Nachttisch zeigte sieben Uhr und Sabine stand auf.

Die Morgentoilette war kein Problem und sie freute sich auf Weißbrot mit Kräuterbutter. Das Frühstück war schnell zubereitet und Sabine setzte sich ins Wohnzimmer.

Hatte David geschrieben? Sie warf einen Blick auf ihr Smartphone und fand eine Nachricht von ihrer Bekanntschaft.

Meinen Facebook Account habe ich gelöscht, weil mein PC offenbar seinen Geist aufgegeben hat und ich nicht weiß, wann ich ein neues Gerät bekomme.

Darling, ich kann und will nicht mehr ohne Dich leben. Und darum werde ich auch einen neuen beruflichen Weg einschlagen. Näheres erfahre ich aber erst im Laufe des Tages. Ich bitte Dich um Geduld, kann Dir aber schon versichern, es wird nicht unser finanzieller Schaden sein, mein Engel.

Sabine überlegte kurz und tippte dann eine Antwort. Lust hatte sie nicht dazu. Aber sie fand, dass sie es David schuldig war.

Da bin ich gespannt, was Du mir Neues zu berichten hast. Allerdings werde ich das Wochenende auf dem Reiterhof meiner Freundin verbringen. Wundere Dich also nicht, wenn ich nicht so schnell antworte wie sonst.

Endlich konnte sich Sabine ihrem Frühstück widmen. Danach wusch sie ab und packte eine Reisetasche für ihren Kurzurlaub auf dem Reiterhof. Meinen Reader darf ich nicht vergessen, vermutlich komme ich bei Monika zum Lesen, dachte sie. Um kurz nach zehn klingelte es an ihrer Haustür.

„Na biste bereit für meine Hufeisenträger?“

Sabine lachte und öffnete ihrer Freundin die Tür. Monika schob sich gut gelaunt in die Wohnung und ließ Sabine nicht zu Wort kommen.

„Warte mal ich mache uns einen Kaffee und dann erzählst du mir, was alles gestern gelaufen ist.“ Monika holte zwei Tassen aus dem Schrank und machte sich daran Kaffee zu brühen.

„Du solltest doch mal über einen Kapselautomaten nachdenken, die Dinger sind wirklich praktisch“, meinte Monika.

„Für mich allein lohnt sich diese Anschaffung nicht, ich trinke kaum Kaffee“, erwiderte Sabine, „und die Dinger gelten als Umweltverschmutzer!“

„Na vielleicht bist Du ja nicht mehr so lange allein, was ist das denn für ein geheimnisvoller Mann, den Du da im Internet kennengelernt hast?“ Monika schien vor Neugier zu platzen und fuhr fort: „Warte ich bringe den Kaffee ins Wohnzimmer, dann können wir es uns gemütlich machen.“ Nachdem die beiden Frauen im Wohnzimmer Platz genommen hatten, berichtete Sabine vom gestrigen Abendbrot mit Zayba und ihrer Internetbekanntschaft.

Dann zeigte sie Monika den Gesprächsverlauf auf ihrem Smartphone. Ab und zu grinste Monika, dann wurde sie nachdenklich.

„Also da könnte Zayba recht haben, das sieht doch zu schön aus, um wahr zu sein. Allerdings habe ich von Heiratsschwindel über das Internet noch nie etwas gehört.

Wobei ich nun auch nicht so viel im Internet unterwegs bin, dazu fehlt mir die Zeit. Was wirst du tun?“

„Ich habe mich entschlossen, erst einmal abzuwarten. Vielleicht kommt auch gar keine Geldforderung und ich kann David in Hamburg oder Berlin treffen. Glaub mir, wenn ich den Unfall nicht gehabt hätte, wäre ich vielleicht schon nach Hamburg gefahren. Ich habe ihm nichts von meinem Unfall erzählt. Das kann ich später noch machen, wenn ich es ihm überhaupt erzähle.“

Nachdenklich nippte Sabine an ihrem Kaffee. „In seiner letzten Nachricht hat er von beruflichen Veränderungen gesprochen, mal sehen was kommt. Jetzt freue ich mich erst einmal auf die Zeit auf Deinem Hof. Ich hoffe, ich falle Euch nicht zur Last.“

„So ein Quatsch, Du und zur Last fallen. Außerdem kann ich Dich beruhigen, bei uns hat jetzt auch ein Arzt sein Pferd zu stehen und der wird am Wochenende auch auf dem Hof sein. Solltest Du mir umkippen, wirst Du gleich erstklassig versorgt. Ich hab Dich schon angemeldet. Und seine Arzttasche hat er ohnehin immer dabei. Warte, ich spüle noch schnell die Tassen ab und dann können wir los.“ Gesagt, getan.

Wenige Minuten später saßen die beiden im Auto. Lange fuhren sie nicht. Monika parkte das Fahrzeug in einem Carport und schaltete den Motor aus.

Plötzlich schlug sich Sabine vor die Stirn. „Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe“, maulte sie.

„Na was denn?“, Monika sah ihre Freundin fragend an.

„Ich wollte doch noch Möhren und Äpfel kaufen, als Leckerlis für die Pferde, das habe ich total vergessen, ach Mensch!“

„Nun heul mal nicht gleich. Futtermöhren haben wir genug da und Apfelpellets kann ich Dir auch geben. Da kannst Du die Hufeisenträger ruhig verwöhnen, aber übertreib bitte nicht. Pass mal auf, ich bringe jetzt Deine Reisetasche auf Dein Zimmer und dann gehen wir beide mal in den Stall.“

„Okay, gehen wir ein schönes langes Wochenende an!“, antwortete Sabine und stieg aus dem Auto. Sie folgte ihrer Freundin in das große Wohnhaus und stellte ihre Handtasche in der Küche ab. Schön, wieder hier zu sein, dachte sie, auch wenn ich den Traum vom eigenen Pferd längst begraben habe.

Monika polterte die Treppe herunter.

„Wir gehen jetzt in die Futterkammer und holen ein paar Leckerlis für die Tiere. Die sind fast alle auf der Koppel bis auf MOONLIGHT IN SPE. Der steht erst seit kurzem bei mir und muss sich erst ein bisschen eingewöhnen.“

„MOONLIGHT IN SPE?“, Sabine überlegte, „ist der nicht in Hoppegarten Rennen gelaufen. Wir waren doch vor zwei Jahren mal studienhalber auf der Rennbahn Hoppegarten und bei mir ist der Name irgendwie haften geblieben.“

„Ja, aber meistens lief er wie ein Leichenwagenpferd, darum wurde er auch als Reitpferd verkauft. Bis auf einige wenige Platzierungen war da wohl nicht viel. Den Zielrichter hat er wenig bemüht. Aber vielleicht macht er unserem Doktor Freude, ich erwähnte diesen Herrn ja schon. Der hat ihn gekauft und nun steht das Tier bei uns. Ein Phlegmatiker durch und durch, das habe ich schon raus. Von einem Vollblüter ist da nichts zu merken, außer vom Aussehen her.“

„Na hoffentlich hat der Onkel Doktor auch genug Zeit für das Tier. Ich habe schon Reiter erlebt, die haben ihr Pferd von Montag bis Freitag nicht bewegt und am Wochenende strapaziert.“

„Nein, das haben der Doktor und ich schon abgesprochen, wenn er keine Zeit hat, darf auch eine meiner fleißigen Helferinnen das Tier in Bewegung halten. Laura und Leonie sind keine Kinder mehr, die wären für dieses Pferd bestimmt geeignet. Sein neuer Besitzer nennt ihn übrigens ‚Matze‘, weil ihm sein eigentlicher Name viel zu hochtrabend klingt. Ich denke, wir bekommen mit Matze alles auf die Reihe.“

In bester Laune folgte Sabine ihrer Freundin. In der Futterkammer füllte Monika Möhren in eine Schüssel. Kaum waren die beiden an der Koppel angekommen, trabten die Pferde leicht schnaubend an. „Die kennen die Schüssel“, grinste Monika. Sabine bemühte sich, die Möhren gerecht zu verteilen. Bei den vielen neugierigen Pferdenasen keine leichte Aufgabe. Sabine lachte. Besser als in der Wohnung zu hocken und zu grübeln, fand sie.

Nachdem die Schüssel geleert war, begaben sie sich zurück in die Futterkammer. Auf einmal hatte Monika eine Idee.

„Wollen wir mal versuchen, Matze ein paar Leckerchen anzubieten? Gestern Abend hat er leider nicht gefressen und auch heute Morgen war die Futterkrippe eher uninteressant, Heimweh nehme ich mal an.“

Sabine überlegte. „Und wenn er Probleme mit den Zähnen hat?“

„Nee“, Monika schüttelte den Kopf, „das ist Heimweh, das hatte ich schon öfter bei Neulingen. Die Zähne sind okay, glaub mir.“

Sich leise unterhaltend betraten die beiden Frauen den Stall. „Er steht ganz hinten in der letzten Box. Ängstlich ist er nicht, aber bis jetzt zeigt er kein Interesse an Futter.“

„Lässt er Dich in die Box?“, wollte Sabine wissen.

„Ja, er ist auch nicht aggressiv, er beißt nicht, er schlägt nicht aus. Anfassen lässt er sich, auch wenn er da am Anfang Probleme gemacht hat. Aber er schaut mich regelrecht fragend an. Das ist irgendwie Heimweh, da kannst Du sagen, was Du willst.“

Unterdessen hatten sie die Box von Matze erreicht. Ein hübsches dunkelbraunes Tier schaute durch die Gitterstäbe der Box. Vorsichtig schob Monika die Boxentür auf und betrat das Revier des Pferdes.

„Na mein Kleiner noch immer keinen Hunger?“ Monika tätschelte dem Tier den Hals.

Sabine betrat vorsichtig die Box und ließ Matze an ihrer Hand schnuppern.

„Warte mal, ich hole die Apfelpellets“. Monika verließ die Box und eilte in die Futterkammer. Sabine setzte sich auf die breite altmodische Umrandung der Futterkrippe und streckte die Beine aus. Gedankenverloren kramte sie in ihrer Hosentasche und fand ein Fruchtbonbon. Sie wickelte es aus und wollte es sich in den Mund schieben. Doch das Bonbon fiel Sabine aus der Hand.

Matze spitzte die Ohren, senkte den Kopf und suchte mit seinen Nüstern den Boden seiner Box ab. Er fand das Bonbon und nahm es. Matze zerbiss das Bonbon nicht, wie es Pferde üblicherweise mit Zuckerstücken tun, nein er begann das Bonbon zu lutschen und schloss dabei genussvoll die Augen. Sabine fing auf ihrem Sitzplatz herzhaft an zu lachen.

„Na Du bist mir vielleicht ein Feinschmecker“, meinte sie.

Unterdessen fand sich Monika wieder in der Box von Matze ein.

„Ich fass es nicht, was hast Du dem denn gegeben?“ Mit großen Augen sah Monika ihre Freundin an.

„Ein Fruchtbonbon, Du weißt doch, die die ich so gerne esse. Aber das war keine Absicht, er ist mir runtergefallen.“ Sabine zog den Kopf ein und blickte Monika schuldbewusst an.

„Ist ja nicht schlimm“, tröstete Monika und fuhr fort, „dann versuchen wir es jetzt mal mit den Apfelpellets.“

Monika reichte Sabine eine Papiertüte und sagte: „In dieser Tüte ist noch ein kleiner Rest, streu ihm das Zeug einfach in die Futterkrippe, Du sitzt gerade so günstig“, Monika grinste. Sabine tat, was Monika sagte und reichte ihrer Freundin die leere Papiertüte. Dann glitt sie von der Umrandung der Futterkrippe, um Matze nicht zu stören. Sich leise unterhaltend verließen die Frauen die Box.

„Nach dem Mittagessen können wir noch einmal nach Matze schauen, ich wette der frisst heute noch, da habe ich kaum Bedenken“. Dann fuhr Monika fort: „Heute Abend ist bei uns Grillen angesagt. Torsten macht den Grillmeister, ich denke Du bist gerne mit dabei. Ich habe schon etliche Salate fertig, da kannst Du schon mal probieren. Ist ohnehin gleich Mittag.“

„Okay, Grillen ist super und Torsten macht das bestimmt ganz toll“. Sabine mochte den Ehemann von Monika sehr, wenn sie ihn auch nur selten sah.

„Was macht Dein Göttergatte überhaupt, ist er immer noch der IT-Experte in der Stadtverwaltung? Ich weiß gar nicht, wann ich ihn das letzte Mal gesehen habe.“ Nachdenklich runzelte Sabine die Stirn und überlegte.

„Ja, er ist noch bei der Stadt und die Stelle ist auch okay. Aber er ist häufig unterwegs. Warte, jetzt essen wir erst. Setz Dich hin, ich hole uns alles.“

Monika wies auf eine gemütliche, überdachte Sitzecke in der Nähe des Wohnhauses und verschwand im Haus. Sabine nahm Platz, schloss die Augen und ließ sich ihr Gesicht von der Sonne bescheinen. Hoffentlich bin ich bald wieder fit, dachte sie, schon allein damit ich Monika mehr helfen kann. Und dann lege ich gleich wieder los mit Sport.

Ein Klappern riss Sabine aus ihren Gedanken. Monika stellte vorsichtig ein Tablett auf den Tisch.

„Ich habe erst einmal meine neuste Kreation mitgebracht, ‘Insalata Paradiso‘. Passt prima zum Sommer.“ Monika stellte eine Schüssel mit Salat auf den Tisch und befüllte zwei Teller. Anschließend stellte sie Wasser und Gläser auf den Tisch.

Geduldig wartete Sabine, bis Monika sich setzte.

„Lang zu, aber denk dran, wir grillen noch heute Abend.“

„Der Salat ist schon mal sehr lecker“, meinte Sabine, nachdem sie probiert hatte. Eigentlich wollte sie etwas sagen, aber Monika fiel ihr ins Wort.

„Hey wollen wir uns nicht mal an vegetarischen Grillspießen versuchen? Ich denke da an Zucchini, Tomaten und Zwiebeln, oder etwas in dieser Art. Klar, das probieren wir aus.“ Ehe Sabine antworten konnte, sprudelte Monika weiter: „Um das Fleisch kümmert sich Torsten und wir bereiten heute Nachmittag das Veggiezeug vor. Was hältst Du davon?“

„Eine Menge, dann kann ich Dir wenigstens ein bisschen helfen. Ansonsten hätte ich mir wohl meinen Reader geschnappt und gelesen.“

„Nee, Du Büchernärrin, hilf mir lieber noch ein bissen in der Küche. Dann ist mir auch nicht so langweilig und viel Arbeit ist es auch nicht, denn die Salate sind alle schon fertig.“ Monika kaute zufrieden.

Sabine ließ sich den Salat weiter schmecken und meinte nach einer Weile: „Auf einen Nachschlag verzichte ich aber, schließlich will ich heute Abend wieder Appetit haben. Und meinem Smartphone kann ich eine Pause gönnen, ich helf Dir lieber!“

Mit einem Schlag, wurde Sabine bewusst, dass sie in den letzten Stunden kaum an David gedacht hatte. Vielleicht sollte ich ihn abhaken, überlegte sie, während sie die letzten Bissen von ihrem Salat genoss. Allerdings hat er von einem neuen beruflichen Weg gesprochen, da bin ich doch gespannt, überlegte sie weiter. Vollkommen in Gedanken lächelte sie.

„Wie ich sehe, bist du zufrieden“, meinte Monika grinsend, während sie das Geschirr zusammenräumte.

„Das bin ich auch, allerdings bin ich auch ein bisschen müde“, Sabine gähnte. „Na dann hau Dich doch ein Stündchen hin, oder auch zwei, wenn Du magst. Später kannst Du mir immer noch helfen, das ist kein Problem. Und der heutige Abend wird ohnehin lang werden, denke ich mal.“ Monika zwinkerte ihrer Freundin zu. „Okay, wenn Du mich entbehren kannst.“ „Logo“, meinte Monika, „ab ins Haus, ich komme schon klar.“ Sie schnappte sich das Tablett, Sabine folgte ihr. In der Küche wechselten sie ein paar Worte und Sabine suchte ihr Zimmer auf. Dann öffnete sie das Zimmerfenster weit, zog die Schuhe aus, legte die Orthese ab und streckte sich auf dem Bett aus. Wenig später schlief sie tief und fest.

Laute Motorengeräusche weckten Sabine. Verschlafen griff sie nach ihrem Smartphone, sah auf die Uhr und erschrak. Hatte sie so lange geschlafen? Schon kurz vor sechzehn Uhr! Hastig erhob sie sich von ihrem Bett, schloss das Fenster und machte sich fertig, um unter die Leute zu gehen.

Himmelarsch, dachte sie auf dem Weg in die Küche, ich wollte doch helfen!

Freundlich lächelnd betrat Sabine die Küche.

„Na Hühnchen Hinkefuß, hast Du ausgeschlafen?“, neckte sie Monika.

„Hättest mich ja wecken können“, Sabine maulte.

„Aber warum denn? Du kannst Dich doch ausschlafen! Wir kommen hier schon klar. Geh lieber raus und besuche Matze, sein Besitzer ist gerade eingetroffen. Vielleicht hat Matze jetzt gefressen, was meinst Du? Schau einfach mal nach und lerne unseren Doktor mal kennen. Keine Angst, er beißt nicht, ich kenne ihn zwar noch nicht so sehr lange, aber er ist wirklich nett.“

„Okay“, lenkte Sabine freundlich ein und machte sich lächelnd auf den Weg in den Stall. Hoffentlich hat Matze gefressen, dachte sie, als sie den Stall betrat. Im Stall hörte sie einen Mann leise mit Matze sprechen. Vorsichtig näherte sich Sabine der Box und fragte: „Hat er gefressen?“

Der Mann in der Box drehte sich zu Sabine um. Er war etwa so alt wie Sabine, keine Männerschönheit, aber auch kein hässlicher Vogel. Er musterte Sabine mit seinen Blicken von oben bis unten und einen Augenblick verharrte sein Blick an der Orthese.

„Sie müssen Sabine Bethke sein, nicht wahr?“ Freundlich streckte der Mann Sabine die Hand entgegen und sagte: „Holger Müller, Mediziner, eigentlich aus Hannover und nun hier gestrandet.“

Sabine lachte und erwiderte: „Ja, Sabine Bethke, Mitarbeiterin eines Verlages, Pferdenärrin durch und durch, hier in der Nähe von Berlin geboren und aufgewachsen.“

„Um auf Deine Frage zurückzukommen, auf einmal frisst Matze. Ich werde Monika mal fragen, ob er gleich auf die Gastkoppel kann, ansonsten bekommt er hier noch einen Koller und wird stallmutig. Er ist immerhin ein Rennpferd und braucht Bewegung“. Stolz tätschelte er Matze den Hals, verließ die Box und fuhr fort: „Darf ich Mylady zum Haus geleiten?“ Galant bot Holger Müller Sabine den Arm.

„Aber gerne doch, Herr Doktor“. Sabine nahm den Arm gerne an.

„Das ‚Herr Doktor‘ lass mal, wir sind hier nicht in einer Arztpraxis. Abgesehen davon darfst Du mich gerne Holger nennen. Ich glaube, dass wir uns hier ab und zu sehen werden. Ich gedenke nicht wieder nach Hannover zu gehen.“

Im letzten Satz schwang eine gewisse Bitterkeit mit.

„Und warum willst Du nicht wieder in Deine alte Heimat?“

Gleich darauf bereute Sabine ihre Frage, denn sie wollte nicht als neugierige Ziege dastehen.

„Ich kann meiner Frau nicht verzeihen, was sie mir angetan hat, wenn Du möchtest, erzähle ich Dir die ganz Geschichte, wenn wir nachher grillen.“ Holger wies mit der Hand auf mehrere Grills, mit denen sich Torsten eifrig beschäftigte.

„Nur wenn Du magst, ich möchte Dich nicht aushorchen.“ Sabine zog den Kopf ein.

„Tust Du nicht und irgendwann würdest Du es sicher ohnehin erfahren. Aber jetzt frage ich erst einmal Monika, ob Matze auf die Gastkoppel darf. Da ist er zwar allein, kann seine Mitbewohner aber schon einmal kennen lernen und sich die Hufe vertreten. Geh doch einfach schon mal an den Grillplatz, oder warte, ich bringe Dich!“

Holger zwinkerte Sabine zu und brachte sie auf eine Bank am Grillplatz.

„Jetzt kann ich in etwa nachvollziehen, wie es meiner Freundin Caroline in Dänemark geht. Eine ganz prima Freundin, nur von Geburt an gehbehindert“, murmelte Sabine und fuhr fort: „Aber sie hat wenigstens in der Liebe, wenn auch etwas spät Ihr Glück gefunden“, Sabine seufzte.

„Du, erzähle mir das später, aber ich frag erst einmal die Monika, wegen der Koppel.“

Holger spurtete auf das Haus zu und verschwand. Wenige Minuten später brachte er Matze auf die kleine Gastkoppel, die für Besucherpferde gedacht war. Das Pferd genoss seine neue Freiheit in vollen Zügen. Seine übermütigen Bocksprünge zeugten davon.

„Dem geht es mittlerweile echt gut.“ Monika war zu ihrer Freundin getreten und stellte den ersten Salat ab. „Der Holger kommt gleich, wollte sich nur noch kurz die Hände waschen“, erklärte sie und stupste Sabine an. „Wie findste denn unseren Doktor?“

„Nett und freundlich ist er, aber ansonsten kann ich mir noch kein Bild machen“, meinte Sabine.

„Der hat eine Menge durch, vielleicht erzählt er es Dir“. Monika war schon wieder fast auf dem Weg in die Küche und fuhr fort: „Wenn Du etwas vom Grill möchtest, dann sag einfach Bescheid“.

Бесплатный фрагмент закончился.

810,59 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
302 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783753190525
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги