Читать книгу: «Das Stockholm Oktavo»

Шрифт:

Karen Engelmann

Das Stockholm Oktavo

Aus dem Amerikanischen von Gaby Wurster

Roman

Saga

Das Stockholm Oktavo

Übersezt von Gaby Wurster

Titel der Originalausgabe: The Stocholm Octavo

Originalsprache: Englisch

Coverbil/Illustration: Shutterstock

Copyright © 2013, 2021 0 und SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726922400

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

www.sagaegmont.com

Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.

Für Erik

Dramatis Personae

Emil Larsson

Sekretär des Zoll- und Steueramtes

von Stockholm (»der« Stadt)

Sofia Sparv

Besitzerin eines Spielsalons in der Gråmunkegränd, wo sie auch

die Kunst des Kartenlesens und Hellsehens ausübt.

König Gustav III.

Seit 1771 Herrscher und seit 1772 König von Schweden.

Gast, Kunde und Freund von Sofia Sparv.

Herzog Karl

Gustavs jüngerer Bruder, Anhänger der Patrioten, einer gegen

Gustav gerichteten Gruppierung.

General Karl Frederick Pechlin

Langjähriger Gegner Gustavs und Anführer der Patrioten.

Die Uzanne (Baroness Kristina Elisabeth Luisa Uzanne)

Fächersammlerin, Lehrerin, Liebling des Adels und Herzog Karls.

Carlotta Vingström

Mannbare Tochter eines wohlhabenden Weinhändlers

und Uzannes Protégée.

Kapitän Hinken

Schmuggler.

Johanna Blom, geb. Grå

Apothekerlehrling und Ausreißerin nach Stockholm.

Meister Fredrik Lind

Bester Kalligraph der Stadt.

Christian Nordén

Schwedischer Fächerhersteller, in Frankreich ausgebildet,

geflohen aus dem Paris der Revolution.

Margot Nordén

Christans französischstämmige Gattin.

Lars Nordén

Christians jüngerer Bruder.

Anna Maria Plomgren

Kriegerwitwe.

sowie

verschiedene und ganz unterschiedliche Bürger

der Stadt Stockholm.

Vorwort

Das Stockholm-Oktavo wird nie in offiziellen Dokumenten auftauchen. Kartomantie ist kein Gegenstand für Staatsarchive – waren die Hauptbeteiligten doch Kartenspieler, Händler und Frauen – und kaum ein Thema für Gelehrte. Dennoch verdient sie Aufmerksamkeit, daher diese Niederschrift. Ich habe diese Geschichte aus Erinnerungsfetzen zusammengestellt, die meisten neigen dazu, dem Memoirenschreiber zu schmeicheln. Diese Fragmente wurden angereichert mit Informationen, zusammengetragen aus Regierungsunterlagen, Kirchenregistern, von unzuverlässigen Zeugen und unverhohlenen Lügnern sowie von Leuten, die alles mit den Augen der Dienerschaft oder der Bekanntschaft »sahen«, Leuten, die von der Familie als entfernte Cousins fünften Grades verflucht wurden und die Dinge aus dritter oder vierter Hand hörten. Der harte Kern meiner Quellen war jedoch bestrebt, offen zu sein, denn diese Menschen hatten nichts zu verbergen – und in gewissen Fällen rückten sie nachgerade bereitwillig mit der Wahrheit heraus, wenn diese dazu führte, einem Ruf zu schaden, der bekanntlich auf Täuschung gründete. Ich habe diese Informationen auf Überschneidungen und bestätigende Wiederholungen geprüft und konnte diese verdienstvollen Quellen herausarbeiten. Mitunter jedoch gab es keine Angaben, daher baut manches, was ich nun erzählen will, auf Spekulation und Hörensagen auf.

Man nennt es auch Geschichte.

Emil Larsson, 1793

TEIL I

Arte et Marte –

»Friedens- und Kriegskunst«

Inschrift über dem Portal des Riddarhuset, des

Versammlungshauses des schwedischen Adels in Stockholm

KAPITEL 1

Stockholm 1789

Quellen: E. L., Polizeimeister X., Herr F., Baron G., Madame S.,

Archivar D. B. vom Riddarhuset

Stockholm wird das »Venedig des Nordens« genannt, aus gutem Grund. Reisende halten es für ebenso labyrinthisch, groß und geheimnisvoll wie seine Schwester im Süden. Im kalten Mälarsee und in den verschlungenen Wasserwegen der Ostsee spiegeln sich herrschaftliche Paläste, strohgelbe Stadthäuser, anmutige Brücken und wendige Skiffs, auf denen die Einwohner zwischen den vierzehn Inseln der Stadt unterwegs sind. Anders als Venedig jedoch, das sich in ein sonniges, hochentwickeltes Venetien hinein ausdehnen konnte, bilden die tiefen Wälder, die diesen glitzernden Archipel säumen, einen dunkelgrünen Saum voller Wölfe und anderer Wildheiten, der gleich hinter der Stadt in ein archaisches Land und in das rohe Leben der Bauern führt. Aber an der Schwelle zur letzten Dekade dieses Jahrhunderts, in den letzten Jahren der aufgeklärten Herrschaft Seiner Majestät König Gustavs III., dachte ich nur selten an das Hinterland und seine versprengten darbenden Bewohner. Die Stadt hatte so viel zu bieten, alle Möglichkeiten schienen offenzustehen.

Allerdings erschien diese Zeit auf den ersten Blick nicht als die beste. Vieh wurde oft mitten in den Häusern gehalten, baufällige Sodendächer moderten vor sich hin; Pockennarben, Schleimhusten und unzählige andere, nicht zu übersehende Symptome von Krankheiten, die die Bevölkerung heimsuchten, waren allgegenwärtig. Zu jeder Stunde schlug die Totenglocke, denn der Tod fühlte sich in Stockholm heimischer als in jeder anderen europäischen Stadt. Der Gestank offener Kloaken, verfaulter Nahrungsmittel und ungewaschener Leiber verpestete die Luft. Doch inmitten dieses düsteren Tableaus konnte man einen Blick auf ein wasserblaues Seidenwams mit goldgesticktem Vogelmuster erhaschen, man konnte das Rascheln einer Taftrobe und Verse aus der französischen Lyrik hören, konnte rosenduftende Pomade und Eau de Cologne riechen, herangetragen vom selben Wind, in dem auch eine Melodie von Bach, Bellman oder Kraus schwang – die wahren Kennzeichen der gustavianischen Zeit. Ich wünschte mir, diese goldene Ära würde ewig andauern.

Ihr Niedergang sollte unvergesslich werden, doch fast alle verpassten den Anfang vom Ende. Das war nicht sonderlich überraschend, rechneten die Menschen doch nur im Zusammenhang mit gewaltsamen Ausschreitungen mit einer Revolution – Amerika, Holland und Frankreich waren die jüngsten Beispiele dafür. In jener Februarnacht, in der unsere stille Revolution begann, war es jedoch ruhig in Stockholm, die Straßen waren so gut wie ausgestorben, und ich spielte Karten bei Madame Sparv.

Wie jeder andere in der Stadt liebte auch ich das Kartenspiel. Wo Menschen zusammenkamen, gab es auch Karten, und wer nicht mitspielte, galt nicht nur als unhöflich, sondern als tot. Man vergnügte sich bei allen möglichen Partien am Tisch, Boston Whist aber war unser Nationalspiel. Spielen war ein Beruf, dem, ähnlich der Prostitution, lediglich eine Zunft und ein Wappen fehlten, dennoch war er in der gesellschaftlichen Architektur der Stadt eine anerkannte Säule. Es schuf auch eine Art soziale Durchlässigkeit: Menschen, mit denen man sonst niemals Umgang pflegen würde, saßen einem am Kartentisch gegenüber, vor allem wenn man zu den eingefleischteren Spielern gehörte, die Zutritt zu Sofia Sparvs Spielsalon hatten.

Einlass in dieses Etablissement zu bekommen war sehr begehrt. Trotz der gemischten Gesellschaft – hochwohl und nieder geboren, Damen und Herren – bedurfte es dazu einer persönlichen Empfehlung, nach der die französischstämmige Madame Sparv ihre neuen Gäste mit Hilfe eines unergründlichen Systems eingehend prüfte: Spielgeschick, Charme, politische Haltung, ihre eigenen verborgenen Neigungen. Fiel man durch ihr Raster, hatte man für immer verspielt. Ich bekam eine Einladung über den Polizeispitzel in der Straße, mit dem ich einen intensiven, fruchtbaren Austausch von Informationen und Waren in meiner Eigenschaft als Angestellter der Zoll- und Steuerbehörde der Stadt pflegte. Ich hatte die Absicht, ein vertrauenswürdiger Stammgast von Madame Sparv zu werden und mein Glück in jeder Hinsicht zu machen. So wie unser König Gustav einen eisigen, provinziellen Landstrich übernommen und ihn in eine Hochburg der Kultur und Vornehmheit verwandelt hatte, so wollte ich vom Botenjungen zum geachteten rot livrierten Sekretär aufsteigen.

Madame Sparv betrieb ihren Salon im zweiten Stockwerk eines alten Treppengiebelhauses in der Gråmunkegränd Nummer 35, verputzt im allbekannten Gelb der Stadt. Von der Straße betrat man es durch ein Steinportal, in dessen Scheitelstein ein aufmerksames Gesicht eingemeißelt war. Die Gäste behaupteten, die Augen würden sich bewegen, doch als ich in dem Haus war, bewegte sich nichts außer einer beachtlichen Geldsumme aus meiner Tasche heraus und in meine Tasche hinein. An diesem ersten Abend war mir vor Aufregung zugegebenermaßen ganz flau im Magen, aber als wir die gewundene Steintreppe hinaufstiegen und ins Foyer traten, fühlte ich mich ausgesprochen wohl. Die Atmosphäre war warm und gastlich, es gab hellen Kerzenschein und bequeme Stühle. Der Spitzel stellte mich Madame Sparv gebührend vor, ein Dienstmädchen reichte mir ein Glas Weinbrand von einem Tablett. Teppiche dämpften die Geräusche, die Fenster waren mit dunkelblauem Damast verhangen, sodass die Räume zu jeder Zeit in ein Dämmerlicht getaucht waren. Diese Stimmung kam sowohl den Spielern an den Tischen zugute als auch den Kunden, die auf eine Konsultation warteten, denn in einem privaten Gemach am Ende einer schmalen Stiege übte Madame Sparv auch die Kunst des Hellsehens aus. Sie beriete König Gustav, hieß es. Jedenfalls verhalf ihr dieses zweifache Geschick mit den Karten zu einem hübschen Einkommen und ihrer exklusiven Spielergemeinde zu einem zusätzlichen Schauder der Wonne.

Der Spitzel fand einen Tisch und einen dritten Mann, ich suchte gerade einen vierten Mitspieler, als ein grinsender Kerl mit fauligem Zahnfleisch ankam, dem Spitzel etwas ins Ohr flüsterte und dessen sonst steinigem Gesicht ein Lächeln abrang. Ich setzte mich, nahm eines von zwei Kartenspielen aus einer Schatulle und klopfte es ordentlich zusammen. »Gute Neuigkeiten?«, fragte ich.

»Kommt darauf an, für wen«, antwortete der Mann.

Der Spitzel setzte sich und klopfte auf den Stuhl neben sich. »Sie sind ein Königsfreund, nicht wahr, Herr Larsson?«

Ich nickte. Ich war ein glühender Royalist – genauso wie Madame Sparv, wenn man von den Porträts ausging, die im Foyer hingen: Gustav III. von Schweden und Ludwig XVI. von Frankreich.

Der Mann reichte mir die Hand, nannte mir seinen Namen, den ich gleich wieder vergaß, und schob seinen Stuhl an den Tisch. »Riddarhuset ist unter Waffen«, verkündete er. »König Gustav hat zwanzig führende Mitglieder der Patrioten verhaftet. General Pechlin, den alten von Fersen und sogar Henrik Uzanne.«

»Dann müssen sie ausnahmsweise ja mal etwas Bemerkenswertes getan haben«, sagte ich und mischte die Karten.

»Es geht um das, was sie nicht getan haben, Herr Larsson.« Der Mann mit dem fauligen Grinsen beugte sich vor und hob die Hand zum Zeichen, dass wir schweigen sollten. »Die Adelspartei hat die Unterzeichnung der königlichen Vereinigungs- und Sicherheitsakte verweigert. Sie ist empört über die Vorstellung, dass das gemeine Volk dieselben Rechte und Privilegien bekommen soll, die bislang dem Adel vorbehalten waren. Gustav hat der Adelspartei Einhalt geboten und verhindert, dass ihre ablehnende Haltung sich ausbreiten und der aufgeklärten Gesetzgebung ein Ende bereiten könnte. Die drei niederen Stände haben unterschrieben, Gustav hat unterschrieben. Die Akte ist nun Gesetz.«

Ich verharrte kurz mit den Karten in der Hand und beobachtete, wie die drei anderen Männer die Vision eines neuen Schwedens in ihren Köpfen wälzten.

»So eine Errungenschaft kommt anderswo nur durch blutige Revolutionen zustande«, sagte der Spitzel ehrfürchtig. »Gustav hat die Bedrohung mit dem Federkiel erstickt.«

»Erstickt?«, fragte der dritte Spieler und leerte sein Glas. »Der Adel wird sich zusammenschließen und mit Gewalt darauf antworten – so wie ’43, so wie überall. Es geht in diesem Gesetz um die Einheit.«

»Und wo ist die Sicherheit?«, fragte ich. Da keiner etwas sagte, hielt ich die Karten hoch: »Boston Whist?«

Madame Sparv, die unserem Gespräch aufmerksam gelauscht hatte, nickte mir mit billigendem Blick zu – sie wollte das Thema Politik also eindeutig vertagt wissen. Ich teilte die Karten an vier Hände aus, weiße Rückseiten auf grünem Billardtuch.

»Wurde auch der Bruder des Königs festgenommen?«, fragte der Spitzel neugierig. »Karl ist neuerdings de facto Anführer der Patrioten.«

»Karl – Anführer?« Der Mann verzog das Gesicht. »Herzog Karl wechselt die Seiten wie die Frauen. Und Gustav kann nicht glauben, dass Karl ein Komplott gegen den Thron schmiedet. Er hat ihm sogar die Gunst gewährt, es zu beweisen: Er hat seinen lieben Bruder zum Militärgouverneur von Stockholm ernannt.«

»Und deswegen schlafen wir heute Nacht alle besser«, sagte ich und fächerte meine Karten auf. »Aber jetzt müssen Sie Ihre Einsätze tätigen.«

Das Gespräch verstummte. Man hörte nur das Klatschen und Schleifen der Karten, das Klimpern von Münzen und das Rascheln von Banknoten. An den Tischen schlug ich mich in jener Nacht außerordentlich gut, Spielen war ein Talent, an dem ich ständig feilte. Auch dem Spitzel erging es gut, denn es war in Madame Sparvs Interesse, die Polizei zu schmieren, obschon ich nicht sagen konnte, wie sie die Partien manipulierte, denn er spielte nicht besonders geschickt.

Kurz vor drei Uhr stand ich auf und streckte mich. Madame Sparv kam zu mir und umfasste meine Hand. Sie hatte ihre Blütezeit lange hinter sich und war schlicht gekleidet, doch im weichen Schimmer des Kerzenscheins und des Alkoholdunstes erstrahlte sie in früherem Glanz. Sie hielt den Atem an und zog mit einem langen, schlanken Finger eine Linie auf meiner Handfläche nach. Ihre Hände waren kalt und zart, sie schienen über meinen zu schweben und sie gleichzeitig sanft zu wiegen. Mein einziger Gedanke in diesem Moment war, dass sie eine ausgezeichnete Taschendiebin abgeben würde, aber für Schnickschnack war sie nicht zu haben – ich prüfte danach meine Taschen –, und ihr Blick war warm und ruhig.

»Sie sind für die Karten wie geschaffen, Herr Larsson, und hier in meinem Salon werden Sie spielen und größten Nutzen daraus ziehen. Ich würde sagen, wir haben noch viele Partien vor uns.«

Die warme Woge dieser Anerkennung durchspülte mich von Kopf bis Fuß, und ich erinnere mich, dass ich ihre Hand an meine Lippen führte und unsere Verbindung mit einem Handkuss besiegelte.

In jener Nacht begann ein zwei Jahre andauerndes übermäßiges Glück im Spiel, und bald sollte ich das Oktavo kennenlernen, eine Kunst der Weissagung, die nur Madame Sparv beherrschte. Sie bestand darin, acht Karten eines alten, geheimnisvollen Kartendecks auszulegen – anders als jedes Blatt, das ich bisher gesehen hatte. Im Unterschied zu den vagen Andeutungen der Zigeunerinnen auf dem Marktplatz lagen Madame Sparvs exakten Voraussagen Visionen zugrunde, und die Karten standen für acht Personen, die das vorhergesehene Ereignis verursachen würden – ein Ereignis, das eine Veränderung, eine Wiedergeburt des Suchenden mit sich brachte. Wiedergeburt steht selbstverständlich auch für Tod, aber das wurde nie ausgesprochen, wenn die Karten gelegt wurden.

Der Abend endete mit einer Reihe betrunkener Toasts: auf König Gustav, auf Schweden, auf die Stadt, die ich liebte.

»Auf die Stadt!«, sagte Madame Sparv und stieß mit mir an, die bernsteinfarbene Flüssigkeit spritzte mir auf die Hand.

»Auf Stockholm«, antwortete ich mit einem sentimentalen Kloß im Hals, »und das gustavianische Zeitalter!«

KAPITEL 2

Zwei wundervolle Jahre und ein schrecklicher Tag

Quelle: E. L.

Binnen sechs Monaten seit meinem ersten Besuch stieg ich zu Madame Sparvs Partner auf. Sie sagte, sie kenne nur zwei andere Spieler meines Talents: Sie selbst, der andere war tot. Das war ein Kompliment, keine Warnung.

Madame Sparv betrog zwar gelegentlich, wie alle, aber sie betrieb nicht die übliche Falschspielerei mit gezinkten Karten, sie bewarb ihr Haus auch nicht über die Maßen, damit die Spieler es für vornehmer und vertrauenswürdiger hielten als andere Etablissements. Sie konnte Karten so mischen, dass es nicht nachvollziehbar war, und ihr sekundenschnelles einhändiges Abheben vollführte sie mit der Unschuld eines Milchmädchens. Nur für ganz dringliche Situationen hatte sie ein vorgeordnetes Deck, außerdem konnte sie im Nu eine Karte in der Hand verschwinden lassen und sie durch eine andere ersetzen.

Manchmal ging es bei unseren Schwindeleien nicht um Gewinn, sondern darum, einen unwillkommenen Spieler dazu zu bewegen, das Lokal aus freien Stücken zu verlassen. Unsere Taktik nannte sie »Schubs«: Sie machte mich auf den entsprechenden Spieler aufmerksam, ich setzte ordentliche Summen und spielte meine Karten so, dass der Gegner unterlag, ungeachtet des Ausgangs für mich. Ich verlor sehr viel mehr, als ich gewann, und niemand würde einen Verlierer des Betrugs bezichtigen. Nach einer, höchstens zwei Nächten hatten die Gauner den Wink verstanden und kamen nicht wieder. Bei den Spitzeln dauerte es länger, weil sie keine Spieler waren, aber am Ende schlichen auch sie sich davon. Madame Sparv belohnte meine diskrete Mithilfe, indem sie meine Verluste mehr als nur ausglich und mit mir ihre exklusiven Flaschen aus dem Keller teilte.

Genau wie sie es am ersten Abend vorausgesagt hatte, hatte ich nach einem Jahr in ihrer liebevollen Schule ausreichend Geld gemacht, um mir auf dem Zoll- und Steueramt eine Position zu erkaufen – ein fast unmöglicher Aufstieg für jemanden, der mit nichts begonnen hatte. Ich entstammte einer Familie roher und frömmelnder Bauern in Småland, doch unsere Wege hatten sich schon vor langer Zeit endgültig getrennt. Die einzige Gemeinschaft, der ich angehörte, war eine nichtamtliche Bruderschaft, in der Stadt als »Orden zum Ruhme Bacchi« bekannt, ein freimütiger, seelenvoller Haufen, der genauso schnell heulte wie lachte und dem Liedgut frönte, auch wenn er zu besoffen war, um zu stehen, und zu arm, um die Zeche zu bezahlen. Die Mitgliedschaft erforderte viel Zeit in den siebenhundert Stockholmer Schänken, und man musste dafür vom Hohen Priester des Ordens, dem Genie und Komponisten Carl Michael Bellman, mindestens zweimal betrunken aus der Gosse gezogen werden. Doch die Bruderschaft erwies sich sowohl für mein Wesen als auch für meinen Geldbeutel als viel zu beschwerlich, und so verbrachte ich meine Nächte beim Kartenspiel. Wenn ich nicht am Spieltisch saß, dann zu Hause vor dem Spiegel, um mich darin zu üben. Meine Hingabe verband mich engstens mit Madame Sparv, und mein Vermögen wuchs stetig.

Im Frühjahr 1791 hatte ich den Eindruck, jeden in der Stadt zu kennen, zumindest vom Sehen, angefangen bei den Huren in der Baggensgatan bis zu den Adligen, die diese freiten. Sie hingegen kannten mich nicht, dafür trug ich stets Sorge. Es lag in meinem persönlichen und beruflichen Interesse, dass man mich sofort wieder vergaß; so entkam ich Zwistigkeiten, Verpflichtungen und gelegentlichem Rachedurst. Mein roter Beamtenrock öffnete mir Türen und Geldbörsen und eine ansehnliche Zahl weicher, weißer Schenkel. Neben meinem Salär bezog ich Provisionen aus allen beschlagnahmten Waren und konnte mir einen ausgezeichneten Weinkeller »importieren« sowie hochelegante italienische Stiefel und Hausrat für die neue Wohnung, die ich in der Skräddargränd mitten in der Stadt gemietet hatte. Ich erschien gegen Mittag im Büro, machte die Ablage und empfing Anweisungen, um drei Uhr trank ich mit meinen Kollegen Kaffee in der Schwarzen Katze, danach ging ich nach Hause, nahm ein kleines Abendessen ein und hielt ein Schläfchen, bevor ich loszog. Meine Hauptaufgabe bestand darin, Schmuggler zu entlarven und verdächtige Ladungen zu kontrollieren, was meist nachts an den Docks und in den Lagerhäusern geschah. Ich verbrachte viel Zeit damit, Informationen in Kaffeehäusern, Wirtschaften und Schänken zu sammeln, die die Stadt übersäten wie heitere Laternen. Dabei kam ich mit Damen und Herren jeder Provenienz in Kontakt. Meine Befragungsmethoden wurden als andächtige Begeisterung interpretiert. Für einen Junggesellen war es der ideale Beruf, noch besser für einen Kartenspieler, der sich bestens darauf verstand, Gesichter und Gesten zu lesen und einen Bluff zu wittern.

Dann tat sich ein Riss in meinem perfekten Leben auf.

Es war an einem schönen Junitag, am Pfingstmontag. Mein Vorgesetzter, ein überaus gottesfürchtiger Mann mit Mundgeruch, rief mich gleich am Morgen zu sich. Ich ging zwar sonntags zum Gottesdienst – ansonsten konnte man bestraft werden –, er fand dies jedoch nicht ausreichend für einen Mann, der seine Zeit in Gesellschaft von Trunkenbolden, Dieben, Spielern und leichten Mädchen verbrachte. Ich führte an, dies gehöre zu meinen Pflichten und der Heiland selbst habe solchen Umgang gepflegt. Mein Vorgesetzter runzelte die Stirn. »Aber dies war nicht Seine ausschließliche Gesellschaft«, sagte er und faltete die Hände auf dem Schreibtisch. »Es gibt ein menschliches Antidot zu dem Gift, das Sie umgibt, Herr Larsson.«

Ich war völlig verdutzt. »Jünger?«, fragte ich.

Er wurde absonderlich rot. »Nein, Herr Larsson, den Ehestand.« Er stand auf, beugte sich über den Schreibtisch und reichte mir eine billige Broschüre mit dem Titel Was für die heiligen Bande spricht. »Die Regierung ermutigt junge Mädchen mit der Jungfrauen-Lotterie dazu. Ich selbst will meinen Teil durch neue Auflagen für Sekretäre beitragen: Heirat. Bischof Celsius billigt es zu hundert Prozent. Sie, Herr Larsson, sind der einzige Sekretär, der noch nicht einmal eine Heirat ins Auge gefasst hat. Ich verlange von Ihnen, dass Sie bis Mittsommer das Aufgebot bestellen.«

Ich schlug die Broschüre auf und gab vor zu lesen. Ich profitierte zwar vom Kartenspiel, aber eine hitzige Hand konnte allen Gewinn wieder verspielen, und auf den Falschspieler, der leichtsinnig wurde – und das wurden sie alle irgendwann –, wartete das Gefängnis. Nein, ich würde meinen roten Rock, meinen Titel, meine neu entdeckte Behaglichkeit, meine Räumlichkeiten im Herzen der Stadt nicht aufgeben. Mit ein bisschen Glück würde ich zusätzlich zu einer stattlichen Mitgift eine ständige Haushälterin bekommen. Zuallermindest würde die Ehe mir weiterhin das Leben ermöglichen, das ich schätzte.

KAPITEL 3

Das Oktavo

Quellen: E. L., Madame S., A. Vingström,

die Damen N. und C. Kallingbad

In jeder Straße gab es Kuppler und Wichtigtuer, die ein Dutzend heiratsfähiger Mädchen nennen konnten – die aber waren entweder arm oder schon alte Jungfern. Pflichtschuldig stellte ich eine Liste zusammen, die ich meinem Vorgesetzten zeigen konnte, schindete aber Zeit, indem ich erklärte, vor einer Heirat ohne echte Gefühle zurückzuschrecken. Er bot an, sich für mich in seinen »höheren« Kreisen umzuhören, doch ich hegte keinerlei Zweifel, dass diese Mädchen so tugendhaft wie unattraktiv und stumpfsinnig waren. Und gerade als ich kurz davorstand, aus diesem erbärmlichen Grüppchen eine Frau wählen zu müssen, tauchte Carlotta Vingström auf. Wir trafen zufällig zusammen, als ich geschäftlich mit ihrem Vater zu tun hatte, einem erfolgreichen Weinhändler, der ein konfisziertes Schiff aus Spanien auslösen wollte. Carlottas Haar war honigblond, ihre Haut von warmem Pfirsichrosa, und sie hatte üppige Rundungen, die auf eine üppige Küche schließen ließen. Carlottas Anblick inmitten all dieser Flaschen und Fässer verleitete mich dazu, ihr noch am selben Tag ein Sträußchen zu kaufen. Mit ihr könnte ich meinen roten Rock behalten und nebenbei das Eheglück finden!

Carlottas Mutter hatte ihre Tochter zweifelsohne darauf vorbereitet, ein, zwei Sprossen auf der sozialen Leiter hinaufzuklettern, Carlotta jedoch schenkte mir, binnen weniger Minuten nachdem wir einander vorgestellt worden waren, einen koketten Blick. Ich eilte nach Hause und schrieb einen Brief, doch es kam keine Ant-wort. Ich hatte eben keine Ahnung, wie man um eine Frau warb! Also spazierte ich an jenem Sommerabend zu einer Partie Boston Whist und einem schönen Portwein zu Sofias Haus und hoffte, die Karten würden mir weiterhelfen. Es war ein Sonntag, der Abend war beliebt für Bälle und Feste, in der Ferne hörte ich, wie ein Waldhorn geblasen wurde – Auftakt zu einem Gelage. Der Klang hob meine Stimmung, und ich stieg die gewundene Steintreppe zwei Stufen auf einmal hinauf. Katarina, Madame Sparvs Hausmädchen, begrüßte mich mit der spröden Sachlichkeit, die gegenüber Spielern angebracht war, und ich gesellte mich an einen Tisch voller reicher, unerfahrener Spieler. Gerade wollte ich meinen Stich mit der Dame einstreichen, da beugte sich Madame Sparv zu mir und flüsterte: »Ganz kurz, Herr Larsson, es ist wichtig.« Wie die Höflichkeit es gebot, stand ich auf und folgte ihr durch den Saal.

»Was ist passiert?«, fragte ich leise. Mir fiel auf, dass sie die Hände rang.

»Nichts ist passiert. Ich hatte eine Vision. Und wenn sie einen anderen Menschen betrifft, stehe ich unter Schwur, sofort davon zu berichten.« Sie hielt inne, nahm meine Hand und starrte auf meine Handfläche. »Hier sind die gleichen Hinweise.« Sie blickte lächelnd auf. »Liebe und Verbundenheit.«

»Wirklich wahr?«, fragte ich bass erstaunt.

»In meinen Visionen sehe ich die Wahrheit. Sie ist aber nicht immer so zart. Kommen Sie.«

Sie ging zur Treppe, und ich folgte ihr in ihr Zimmer im Oberstock. Wie in den Spielsälen gab es auch hier schwere Vorhänge und einen dicken Teppich, aber es roch weniger nach Tabakrauch und mehr nach Lavendel, die Temperatur wurde absichtlich kühl gehalten. Der Raum war gemütlich und schlicht eingerichtet – nur ein runder Holztisch mit vier Stühlen, eine Anrichte mit Weinbrand und Wasser und zwei Ohrensessel neben einem Ofen mit moosgrünen Kacheln. Ich hatte schon einigen Kartenlege-Sitzungen beiwohnen dürfen, für gewöhnlich wenn ein einsamer, schüchterner Kunde wünschte, einen anderen Normalsterblichen an seiner Seite zu haben. Bis auf eine Sitzung fand ich alle unseriös. Doch jenes eine Mal hatte Madame Sparv erklärt, sie habe eine Vision, und uns gebeten, sie nicht anzusehen. Ich machte meine Augen fest zu, doch ich spürte solch eine Energie in diesem Raum und eine solche Feierlichkeit in ihrer Stimme, dass ich vor Aufregung Gänsehaut bekam. Eine gewisse Dame N. wurde in den markerschütterndsten biblischen Worten über ihr Schicksal aufgeklärt. Als die Dame das Zimmer verließ, war sie blass und zitterte, und sie kam nie wieder. Ich redete mir ein, alles sei Theater gewesen, doch kurz darauf wurden die düsteren Prophezeiungen wahr. Daraufhin zeigte ich mich bezüglich Madame Sparvs Gabe wachsamer – und war weniger geneigt, an ihren Sitzungen teilzunehmen. Eine Vision von Liebe und Verbundenheit war jedoch ein unleugbar gutes Omen. »Was genau haben Sie in Ihrer Vision gesehen?«, fragte ich.

»Sie, Herr Larsson. Die Vision hatte ich heute Nachmittag.« Sie nahm einen Schluck Wasser aus einem Glas von der Anrichte. »Ich weiß nie, wann eine Vision kommt, aber nach all den Jahren kenne ich die Hinweise, die sie ankündigen. Ich habe dann einen merkwürdigen metallischen Geschmack im Rachen, der wie eine Schlange meine Zunge hinaufkriecht.«

Wir setzten uns an den Tisch, sie legte die Hände flach auf ihre Schenkel, schloss kurz die Augen, schlug sie dann wieder auf und lächelte. »Ich sah eine Weite aus glitzerndem Gold wie Münzen, die zu einer himmlischen Musik tanzten. Dann verschmolzen alle miteinander und bildeten einen goldenen Weg. Und auf diesem Weg wanderten Sie.« Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Sie haben Glück, Herr Larsson – Liebe und Verbundenheit kommen nur zu wenigen.«

Ich verspürte diese angenehme Spannung, die mit der Übereinstimmung von Fragen und Antworten einhergeht, und erzählte ihr von dem Dekret meines Vorgesetzten: dass ich ein achtbarer Ehemann werden müsste, um meinen Posten beim Amt zu behalten.

»Dann war diese Vision kein Zufall«, sagte sie.

»Und dennoch steht mir nicht der Sinn nach einer ernsthaften Bindung.«

Sie langte über den Tisch hinweg und legte ihre Hand auf meine. »Man kann sie schwerlich vermeiden. Menschen treten in unser Leben, ohne dass wir sie darum gebeten hätten, und sie bleiben, ohne eingeladen zu sein. Sie übermitteln uns Erkenntnisse, die wir nicht erbeten haben, und schenken uns Dinge, die wir nicht wollen. Dennoch brauchen wir sie.« Sie beugte sich zu einer schmalen Schublade unter der Tischplatte hinunter und zog ein Kartendeck sowie ein zusammengerolltes Musselin-Tuch hervor. »Diese Karten benutze ich für die höchste Form der Weissagung, das Oktavo. Da Sie in meiner Vision so deutlich in Erscheinung traten, möchte ich diese Legetechnik bei Ihnen anwenden.«

Sie mischte ausführlich, hob drei Stapel ab und legte sie wieder aufeinander. Ich frage Madame Sparv, warum sie Karten brauchte – ihre Vision sei doch sicherlich ausreichend. Mit einer einzigen Bewegung kippte sie den Stapel und fächerte die Karten in einem weiten Bogen auf dem Tisch auf.

»Karten sind geerdet, aber sie sprechen die Sprache des Unbekannten. Sie dienen mir als Übersetzer und Führer und können uns zeigen, wie man eine Vision wahr macht.« Sie beugte sich zu mir vor und flüsterte: »In meinem eigenen Leben und während meiner Sitzungen begann ich Muster zu sehen, die die Zahl Acht beinhalteten. Ich gelangte zu der Überzeugung, dass wir von Zahlen regiert werden, Herr Larsson. Ich glaube nicht, dass Gott ein Vater ist, sondern dass Er eine unendliche Zahl ist, und die drückt sich am besten in der Acht aus. Die Acht ist das alte Symbol der Ewigkeit. Liegend ist sie das Zeichen, das Mathematiker Lemniskate nennen. Stehend ist sie ein Mensch, dessen Schicksal es ist, wiederum in die Unendlichkeit zu fallen. Mathematisch wird diese Philosophie ›Göttliche Geometrie‹ genannt.«

Sie entrollte das Tuch. In der Mitte war ein rotes Quadrat dargestellt, umgeben von acht exakt spielkartengroßen Rechtecken, die ein Oktogon bildeten. Das Quadrat und die Rechtecke waren nummeriert und benannt. Über diesem Diagramm waren hauchdünne geometrische Formen, Kreise und Linien gezogen. Madame Sparv fuhr mit dem Zeigefinger das zentrale Quadrat und den mittleren Kreis nach. »Der mittlere Kreis ist der Himmel, das Quadrat darin die Erde. Geteilt werden sie durch das Kreuz, das die vier Elemente bilden. Die Schnittpunkte ergeben das Achteck, die heilige Form.«

»Woraus leitet sich diese Geometrie ab?«, fragte ich. Mathematik und Magie waren sehr en vogue.

»Das finden Sie nicht in der Broschüre eines billigen Orakels vom Markt. Das ist das Wissen von Geheimgesellschaften, uraltes Wissen, das einer Elite vorbehalten ist. Ich darf Ihnen meine Quelle nicht nennen, aber es gibt da den einen oder anderen Herrn, der bereit ist, eine Dame darin zu unterweisen. Ich habe niemals mehr erhalten als elementare Anleitungen, diese Philosophie aber steht überall für uns geschrieben. Gehen Sie zur Katharinenkirche auf Södermalm, ihr Turm übermittelt eine bedeutende Botschaft. Gehen Sie in jede beliebige Kirche, Herr Larsson – das Taufbecken ist fast immer achteckig. Diese Form steht für den achten Tag nach der Schöpfung, wenn der Lebenszyklus von neuem beginnt. Es ist der achte Tag nach dem Einzug Jesu in Jerusalem. Das Oktavo ist die Kartenverteilung der Wiederauferstehung.«

»Und was ist das kleine Quadrat ganz in der Mitte?«, fragte ich. »Es steht für Ihre Seele, die auf ihre Wiedergeburt wartet. Ein Ereignis, das ein Oktavo nahelegt, wird Sie unweigerlich grundlegend verändern.« Sie fasste über den Tisch hinweg und drückte zwei Finger mitten auf meine Brust. Ich spürte die beiden miteinander verbundenen Kreise auf meinem Brustbein. »Sie müssen die Ringe der Acht durchlaufen, um zum Ende zu gelangen«, sagte sie.

Mein Mund war plötzlich staubtrocken. »Aber die Acht hat kein Ende.«

Sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln und zog ihre Hand zurück. »So, wie auch die Seele kein Ende hat.«

Sie fuhr fort: »Die ausgelegten Karten stehen für acht Menschen.« Sie berührte jedes Rechteck auf dem Tuch. »Jedes Ereignis, das dem Suchenden widerfahren könnte, und zwar ausnahmslos jedes, kann mit einem Kreis von acht Personen in Beziehung gesetzt werden. Und diese acht müssen zur Stelle sein, wenn das Ereignis eintreten soll.«

»Mehr als drei Menschen zugleich halte ich nicht aus, Madame Sparv, und das auch nur, wenn diese mir am Spieltisch gegenübersitzen«, sagte ich.

»Weniger geht nicht, und mehr finden Sie nicht. Diese acht Menschen können rückblickend ohne Schwierigkeiten ausgemacht werden, aber während man das Oktavo legt, erkennt man sie erst, kurz bevor das Ereignis eintritt. Der Suchende kann es dann in die Richtung beeinflussen, die er wählt. Sie müssen die acht nur antippen. Nehmen Sie es als Schicksal hin, als freiwillige Bindung.«

»Und aufgrund welches bevorstehenden Ereignisses wollten Sie nun ein Oktavo legen?«

»Es ist ein Ereignis von herausragender Bedeutung, ein Wendepunkt. Die meisten Menschen haben ein oder zwei solche Momente in ihrem Leben, aber ich kenne auch einige, die hatten vier. Liebe und Verbundenheit, die ich für Sie gesehen habe, stehen für solch ein Ereignis. Eine Vision ist oft der Katalysator dafür.«

»Das gibt mir die Hoffnung, dass ich wirklich diesen goldenen Weg einschlagen könnte! Aber ich durfte ja schon bei Ihren Sitzungen zugegen sein und habe Sie nie zuvor ein Achteck legen sehen.«

»Richtig, Herr Larsson, das ist nicht für jedermann. Ich muss das Oktavo anbieten, und der Suchende muss es akzeptieren. Er muss einen Eid leisten, dass er den Weg bis zum Ende geht.«

»Waren diese Suchenden denn in der Lage, die Ereignisse zu beeinflussen, die ihnen vorhergesagt wurden?«

»Nur diejenigen, die dem Eid, den sie geschworen hatten, auch gefolgt sind. Für jeden von ihnen hat sich die Welt verändert, und ich würde sagen, zu ihren Gunsten. Die anderen gingen im Sturm zugrunde, den sie nicht sehen wollten. Ich kann Ihnen versichern, dass mir das Wissen, das ich aus meinem letzten Oktavo gezogen hatte, große Sicherheit und Annehmlichkeiten geschenkt hat.«

»Sicherheit und Annehmlichkeiten …« Ich deutete auf den Weinbrand, der auf Madame Sparvs Anrichte stand. Sie nickte, ich goss mir ein Glas ein. Ich könnte das Oktavo dazu nutzen, Carlotta Vingström in mein Hochzeitsbett zu bekommen. Das würde mir meine Position im Amt sichern und mir zweifellos eine großzügige Mitgift bescheren, ganz zu schweigen von den Freuden, die Herrn Vingströms exzellenter Weinkeller bietet. Ein goldener Weg, in der Tat! Ich setzte mich wieder und rieb mir die Hände, um sie zu wärmen, wie ich es vor jeder Partie tat. »Dann sollte ich dieses Spiel der Acht also aufnehmen«, sagte ich.

»Wollen Sie? Es ist kein Spiel.«

»Ja«, sagte ich und faltete meine Hände im Schoß.

»Und Sie schwören, es zu vollenden?«

Ich nahm noch einen Schluck Weinbrand und stellte das Glas ab. »Ich schwöre.«

Auf einmal wurde es totenstill. Madame Sparv drückte das Kartendeck zusammen und reichte es mir. »Wählen Sie Ihre Karte – diejenige, der Sie am ähnlichsten sind.«

So begannen all ihre Sitzungen: Wenn der Suchende ein Anliegen hatte, bat sie ihn, eine Karte zu wählen, die ihn im Lichte seiner Frage am besten repräsentierte. Dass meist Könige, Damen und der eine oder andere Bube gewählt wurden, muss nicht betont werden; während einer normalen Sitzung konnte man bei der Dunkelheit, den flackernden Kerzen und dem ablenkenden schweren Atem des Suchenden die Karten auch kaum erkennen. Aber dieses hier war nicht das Standarddeck. Die Karten waren alt, aber nicht übermäßig abgenutzt, sie waren schwarz bedruckt und handbemalt. Es waren deutsche Karten, und statt der üblichen Farben Karo, Herz, Pik und Kreuz zeigten sie Kelche, Bücher, Weingefäße und etwas, das aussah wie ein Pilz, tatsächlich aber ein Stempelkissen war. Die Bildkarten bestanden aus zwei Buben, dem Unter und dem Ober, sowie dem König; die Dame war zur Zehn herabgestuft. Bild- und Augenkarten waren gleichermaßen mit einer verschlungenen Ornamentik aus Flora, Fauna und menschlichen Figuren aus jedem Lebensabschnitt verziert. Ich war versucht, die Karte zu ziehen, auf der drei Männer fröhlich in einem riesigen Weinfass schwelgten, denn ich dachte voller Zuneigung an den Bacchus-Orden.

»Denken Sie daran, Herr Larsson: In diesem Spiel sollen Sie sich weder schmeicheln noch selbst kritisieren. Lassen Sie sich Zeit, bis Sie sich gefunden haben.«

Dreimal sah ich das ganze Blatt durch, bevor ich meine Wahl traf. Die Karte zeigte einen jungen Mann auf einem Weg, aber er blickte über seine Schulter zurück, als würde ihm jemand oder etwas folgen. Vor ihm auf dem Boden lag ein Buch, aber er achtete nicht darauf. Am Wegrain blühte eine Blume, doch auch sie fand keine Beachtung. Dass er einen roten Rock, wie ein Sekretär, trug, war mir gleich aufgefallen. Madame Sparv nahm die Karte und legte sie lächelnd in die Mitte des Diagramms.

»Der Unter der Bücher. Das halte ich für eine gute Wahl. Bücher sind das Zeichen für Strebsamkeit, und ich weiß, dass Sie hart für Ihren Rock gearbeitet haben. Diesem Mann stehen zwar alle Möglichkeiten offen – das Buch, das Schwert, die Blume –, er aber nutzt sie nicht. Noch nicht.« Ich spürte ein Kribbeln im Nacken. Madame Sparv nickte zu dem Diagramm hin. »Die graphische Darstellung zeigt die Rollen, die Ihre acht Personen spielen werden. Es kann sein, dass sie nicht in der genauen Reihenfolge vorkommen, und ihre Rollen sind auf den ersten Blick auch nicht immer ersichtlich: Der Lehrmeister kann wie ein Hanswurst daherkommen, und der Gefangene scheint nicht befreit werden zu müssen. Beim Oktavo muss man einen dritten oder auch vierten Blick auf die Menschen um einen herum werfen und sich vor überstürzten Urteilen hüten.« Sie mischte noch einmal und bat mich, abzuheben, dann schloss sie die Augen und drückte das Deck wieder zwischen ihren Handflächen zusammen. Vorsichtig legte sie eine Karte halblinks unter den Suchenden. »Karte 1. Der Gefährte.« Dann legte sie im Uhrzeigersinn sieben weitere Karten zu einem Achteck aus:

Sie blickte lange auf die Karten und murmelte die Namen aller acht.

»Wer ist das nun?«, fragte ich schließlich, und mein Blick wurde von der liebreizenden Dame der Weingefäße angezogen. Carlotta?

»Das weiß ich noch nicht. Wir wiederholen das Legen, bis eine Karte zweimal vorkommt; das ist das Zeichen, dass sie bleiben will. Sie kommt dann an die erste freie Stelle im Diagramm.« Sie ließ mir kurz Zeit, damit ich mir die Lage der Karten einprägen konnte, dann sammelte sie alle bis auf den Unter der Bücher wieder ein und mischte. »Zweiter Durchgang. Aufgepasst!« Sie legte weitere acht Karten aus.

Ich wartete gespannt auf die Dame, aber diesmal lag dort ein ganz anderes Grüppchen. »Wo ist meine Liebeskönigin?«, fragte ich.

Sie schob die acht Karten zurück in den Stapel und begann wieder von neuem.

»Wenn bei dieser Runde keine wiederkommt, mache ich mir ein Kreidezeichen auf einer Schiefertafel.«

Dieses Mal drückte Madame Sparv die Karten lange in den Händen, bevor sie sie legte. Ich beobachtete alles sehr genau, konnte aber nichts Merkwürdiges feststellen, außer dass es mir in diesem Zimmer übermäßig warm vorkam. »Kann ich das Fenster einen Spalt öffnen?«, fragte ich leise.

»Schsch!«, zischte sie mich an, dann legte sie die dritte Runde.

»Da ist sie!« Ich spürte das Prickeln, das alle Spieler kennen, wenn die Karte kommt, auf die sie gewartet haben.

»Ihr Gefährte.« Madame Sparv legte die Dame der Weingefäße auf die erste Position im Diagramm und lehnte sich zurück. Sie lächelte nicht mehr wie ein Mädchen auf der Suche nach einer Liebschaft. »Der Gefährte, in diesem Fall eine Sie, ist von entscheidender Bedeutung, denn die acht anderen kreisen auf ihrer Bahn. Sie wird in Ihrem Leben, in Ihren Gesprächen, Ihren Träumen auftauchen. Sie wird von Ihnen angezogen und Sie von ihr. Sie können zusammenarbeiten oder Widersacher sein.«

»Ich bin sicher, dass wir ein harmonisches Paar werden«, sagte ich.

»Die Dame der Weingefäße ist eine Frau mit Macht und Möglichkeiten, die Weingefäße stehen für Überfluss. In der Regel für Geld. Allerdings kann jeder Karte die Rolle eines Wohltäters oder aber eines Gegners innewohnen. Sehen Sie den nicht passenden Ärmel? Die abgestreiften Handschuhe? Dort ist der rankende Wein der Verstrickungen. Mit anderen Worten: Seien Sie vorsichtig!«

»Ich fühle mich ziemlich sicher, Madame Sparv. Denn könnte der Ärmel nicht einfach nur modisch sein, und könnte sie die Handschuhe nicht abgestreift haben, damit ich ihre warme Hand ergreife? Der rankende Wein ist die reiche Ernte, das Gefäß bringt einen berauschenden Wein an meinen Tisch, wahrscheinlich aus Vingströms Kellerei«, sagte ich und sah Carlottas vollen, weichen Mund vor mir.

»Nicht so übermütig, Herr Larsson«, schnaubte Madame Sparv. »Das hier hat nichts mit den Kartenspielen zu tun, die Sie kennen. Der Gefährte kann Sie zur Liebe führen, ohne zwingend selbst der Liebende zu sein. Wir müssen noch weitere sieben Personen treffen.«

»Aber sie könnte es sein.«

»Ja, sie könnte es sein«, sagte sie widerwillig. Sie nahm das ganze Deck und setzte es mit dem Bild nach unten mitten auf das Diagramm.

»Sind wir etwa schon fertig?«, fragte ich zu laut für dieses intime Beisammensein.

»Das Ritual schreibt vor, die Karten bis zum folgenden Tag ruhen zu lassen, sobald eine Position ausgefüllt ist.«

»Aber es ist Ihre Erfindung. Sie können das Ritual ändern, wenn es Ihnen beliebt.«

»Das Ritual kommt durch mich, nicht von mir. Es kommt vom Göttlichen. Oder vielleicht von den Karten selbst. Ich weiß es nicht. Das Oktavo erfordert acht aufeinanderfolgende Nächte. Morgen und in den sechs kommenden Nächten treffen wir uns wieder.« Sie nahm Feder und Tinte aus der Tischschublade und notierte sich meine persönliche Karte und die meines Gefährten in einer dünnen, ledergebundenen Kladde. »Kommen Sie gegen elf Uhr«, sagte sie und löschte die Tinte mit Sand aus einem Streuer.

»Ich soll wirklich jede Nacht kommen?«, fragte ich.

»Ja, Herr Larsson, Sie haben einen Schwur geleistet.«

»Ihre Stammbesucher haben sicherlich keine Geduld für ein so langwieriges Spiel …«

Sie lachte und ging zu ihrer Tonpfeife und dem Zündstein auf der Anrichte. »Für jemand, der nur neugierig ist, würde ich das Oktavo niemals legen. Das wäre so, als verlangte man von einer Schankwirtin, wie ein Alchimist zu denken. Die Sache ist viel zu ernst. Und es steht zu viel auf dem Spiel.«

»Und was steht auf dem Spiel?«

Sie zündete mit dem Zündstein eine Kerze an, hielt sie an ihre Pfeife und saugte am Mundstück, um die Flamme in den Pfeifenkopf zu ziehen. Sie sog den Rauch ein, blies aber nur einen einzelnen Ring wieder aus. »Liebe, Herr Larsson«, sagte sie mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen. »Liebe und Verbundenheit.«

KAPITEL 4

Die beste Empfehlung

Quellen: E. L., Madame S., Katarina E.

Nachdem die Dame der Weingefäße erschienen war, fühlte ich mich ermutigt, Carlotta am nächsten Morgen einen Brief zu schreiben; die Antwort kam mit der Nachmittagspost. Sie schrieb, sie finde meine geheimnisvolle Geschichte mit den Acht verlockend und meine Feder energisch und wolle mir bald Zeit und Ort nennen, wo wir uns treffen könnten. Bereits ein Fortschritt auf dem goldenen Weg! Meinem Vorgesetzen und den Kollegen auf dem Amt berichtete ich, dass ich einen ehelichen Fang am Haken hätte und wir dies bald mit einem kräftigen Punsch feiern würden. Als der Abend kam, konnte es für mich nicht früh genug elf Uhr schlagen, und so ging ich beizeiten in die Gråmunkegränd, um mir die Zeit beim Whist zu vertreiben. Ich klopfte bei Madame Sparv an, und nach einiger Zeit öffnete Katarina die Tür einen Spaltbreit.

»Sekretär! Madame Sparv sagte, Sie würden um elf kommen.«

Ich lugte über ihre Schulter. Der Flur war leer, die Spielsäle waren dunkel. »Wo sind die Spieler?«

»Sie müssen noch warten.« Katarina führte mich in den Warteraum der Suchenden, eine kleine Kammer neben der Treppe, die in den Oberstock hinaufführte. Eine einzelne Kerze in einem Wandleuchter aus Glas beleuchtete den Raum, drei Holzstühle standen an der Wand. Ich wartete fast eine Stunde, bis ich endlich Schritte auf der Treppe hörte. Ich trat in den Flur, um zu sehen, wer die Stille an den Spieltischen zu verantworten hatte, und hörte Madame Sparvs dringliche Stimme: »Nein, Gustav, diese Vision war eine Warnung an Euch!«

Dann stimmte es also! Ich wich wieder in den Warteraum zurück und beobachtete meinen König hinter der Tür. Das erste Mal hatte ich König Gustav bei seiner Krönung gesehen, damals war ich acht Jahre alt und er ein sechsundzwanzigjähriger Held voller Jugend. Als Gustav an diesem schönen Maimorgen vorbeigeritten war, glitzerte es golden vor dem hellblauen Himmel, und ich fing eine der Münzen auf, die er geworfen hatte, ganz sicher nur für mich. In den folgenden zwei Jahrzehnten hatte König Gustav einen schillernden Hof, das Königliche Theater, die Oper und die Schwedische Akademie begründet. Voltaire hatte ihn den »aufgeklärten Monarchen« genannt.

Jetzt zog der König weiße Lederhandschuhe mit Paspeln aus Silberfäden an, die im Licht der einsam brennenden Wandleuchte glänzten. »Ich finde Ihre Vision gar nicht so düster, Sofia.«

Madame Sparv schnaufte ärgerlich, König Gustav drehte sich um, und ich konnte endlich sein Gesicht sehen. Er hatte einen dicken Bauch bekommen, und er ging gebeugt, als würde das Gewicht der Jahre ihn langsam niederdrücken. Er sah aus wie jeder andere Mann seines Alters, und er suchte Antworten wie jeder andere Suchende auch.

»Das war unhöflich, Sofia, und Sie wissen, dass ich es nicht despektierlich meine. Verraten Sie mir noch einmal Ihre Vision, und ich sage Ihnen, was ich daraus ersehe.«

Madame Sparv schloss die Augen. »Die Sonne geht unter, der Himmel färbt sich von Blau zu einem feurigen Orangerot im Westen, Wolkenbänke reichen weit in den Himmel hinauf. Da steht ein stattliches, schönes Haus wie ein Palast, davor wartet eine große schwarze Reisekutsche, die Pferde blähen die Nüstern und bäumen sich auf, sie wollen unbedingt fort. Wind kommt auf, ein tosender Sturm. Die Kutsche, die Pferde und der schöne Palast werden hinweggefegt wie Sand und schweben über Stockholm wie Diamanten, wie Sterne, dann fallen sie in die tintenblauen Tiefen des Riddarfjärden und sind weg. Alles verloren, Gustav. Alles.« Sie packte ihn am Arm: »Diesen Wind finde ich bedrohlich. Er kann nicht aufgehalten werden.«

»Wir können den Wind nicht aufhalten, teure Freundin, und ich will mit ihm segeln.« König Gustav nahm Madame Sparvs Hand und hielt sie. »Ich bin begeistert von dieser Vision, Sofia, Sie haben die Bedeutung missverstanden, nicht weil Ihnen die Gabe dazu fehlt, sondern die Information. Versuchen Sie, es von meiner Warte aus zu sehen: Ein feuriger Sonnenuntergang, ein majestätisches, aber leeres Haus, das von einem Sturm hinfortgeweht wird – das deutet auf die Revolution in Frankreich hin, auf den König und die Königin, die zu Unrecht und gegen ihren Willen festgehalten werden.« Gustav dämpfte die Stimme, aber seine Erregung klang durch: »Diese Vision bestätigt den Erfolg eines Rettungsplans, der gerade in die Tat umgesetzt wird. Der junge Graf von Fersen ist in Paris und sorgt für die Durchführung, und eine schwarze Reisekutsche spielt dabei eine zentrale Rolle – genauso wie Sie es geschildert haben. Die Königsfamilie wird getarnt zu einer Burg nahe der luxemburgischen Grenze fahren. Gegen Mittsommer geht die Fahrt los, das Haus wird gerettet, die revolutionären Verräter werden wie Staub in der Seine zerstieben.«

»Ihr kennt meine Gefühle für Frankreich. Ich wäre überglücklich über Euren Erfolg«, sagte Madame Sparv. »Aber diese Vision betrifft Euch! Und der Wind … der Wind ist ein schreckliches Zeichen. Ihr müsst Euch um Euer eigenes Haus kümmern.«

»Ja, mein Haus wirkt leer.« Der König ließ ihre Hand los und zupfte an einem losen Faden seines Handschuhs. »Seit ich den Bürgerlichen einige Privilegien eingeräumt habe, hat sich gezeigt, wer die wahren Getreuen an meinem Hof sind. Aber ich muss die Monarchien in allen Ländern unterstützen, wenn der Adelsstand an sich überleben soll.« Der König winkte, und ein Offizier tauchte aus dem dunklen Flur auf. »Ich bin zum Regieren geboren so wie Sie zum Hellsehen. Wir können uns dem nicht entziehen, sosehr wir es auch wünschten.«

»Bitte bleibt. Wir könnten heute Nacht mit dem Oktavo beginnen«, sagte sie.

»Ich habe keine acht Nächte für Sie, selbst wenn ich es wollte. In wenigen Stunden breche ich nach Aix la Chapelle auf. Dort werde ich die Familie des französischen Königs empfangen.« Er nahm einen blauen Seidenrock, den der Offizier ihm reichte, und gab Madame Sparv einen Lederbeutel. »Danke für Ihre Anteilnahme, Sofia.«

»Wir sind alte Freunde, Gustav«, sagte sie liebevoll.

»Ich baue auf die wenigen, die mir bleiben«, sagte er. »Der Polizeichef ist verfügbar, wenn Sie ihn brauchen. Und Bischof Celsius tut Buße; er und seine Klerisei werden Sie nicht länger belästigen.« Der König beugte sich vor und küsste Madame Sparv auf die Wange. »Ich melde mich, sobald der französische König in Sicherheit ist. Dann müssen Sie mich dafür bezahlen, dass ich die Zeichen richtig gedeutet habe!«

Sie lachte, und ich hörte, wie sich die Schritte der beiden entfernten. Draußen stand keine Kutsche, es war ein kurzer, feuchter Fußmarsch von der Gråmunkegränd zur Sankt-Nikolai-Kirche, der Storkyrkan, gleich dahinter lag das königliche Schloss.

»Madame Sparv!«, flüsterte ich aus dem Warteraum heraus. Erschrocken fuhr sie herum. »Ich bin’s – Larsson.«

Ihre Schultern entspannten sich, aber ihre Stimme war barsch: »Gustav sieht nicht gern Spione, die nicht in seinen Diensten stehen.«

»Katarina hat mich hereingelassen«, sagte ich, immer noch verblüfft darüber, meinem König so nah gekommen zu sein. »Ist er oft bei Ihnen zu Gast?«

»Nicht so oft, wie ich es mir wünschen würde. Wir sind seit über zwanzig Jahren befreundet, Herr Larsson.«

»Wie sind Sie dem König denn begegnet? Sie müssen damals noch sehr jung gewesen sein.«

»Gustav ging mit seinem jüngsten Bruder Fredrik Adolf nach Frankreich – Herzog Karl war nicht eingeladen. Die Mutter fand ihn unwürdig.«

»Und die Prinzen brauchten eine Hellseherin?«

Sie lachte und setzte sich auf einen der Stühle im Wartezimmer. »Sie brauchten eine Wäscherin mit ausgezeichneten Französischkenntnissen. Mein Vater war Handwerksmeister, er arbeitete auf Schloss Drottningholm. Er hatte von der bevorstehenden Reise gehört und meine Dienste angeboten, weil er fand, das wäre meine Chance, dem Königshaus zu dienen und eine sichere Stelle zu bekommen – Freier mieden Mädchen mit der Gabe der Hellsichtigkeit, und so war dies unsere große Hoffnung für meine Zukunft. Außerdem wollte Vater unbedingt, dass ich meine Heimat kennenlernte – er hatte Angst, ich könnte sie vergessen. Mein Französisch war tadellos, und meine Mutter hatte mir die Geheimnisse des Bleichens und Stärkens gut vermittelt. Ich begleitete diese fröhliche Entourage als Dienerin, doch meine Hellsichtigkeit weckte das Interesse des Kronprinzen, und ich wurde gut behandelt. Gustav und sein kleiner Bruder Fredrik eroberten Paris im Sturm – Bälle und Jagdgesellschaften mit König Ludwig und Marie Antoinette, sie trafen die Brüder Montgolfier mit ihrem Riesenballon und verkehrten in den exklusivsten Salons. Karl ist darüber bis heute verärgert.«

»Haben Sie König Gustav in Paris die Karten gelegt?«

»Das konnte ich damals noch nicht, ich verließ mich auf meine Visionen. Ich sah, dass die Krone für ihn greifbar war, und sagte es ihm. Einige verspotteten mich, sie schimpften mich eine Hure des Teufels und Schlimmeres. Aber Gustav war mein getreuer Beschützer. Der alte König starb, während wir in Paris waren, Gustav wurde im Mai 1772 gekrönt. Noch immer schätzt er intuitives Wissen und sucht oft die Nähe von Menschen, die sich auf diese Kunst verstehen: Magier, Astrologen, Geomanten. Jüngst hat er einen Alchimisten angestellt, der die königlichen Schatullen füllen soll.«

Ich saß auf dem Stuhl neben ihr. »Und welches Bedürfnis erfüllen Sie?«

»Sein Bedürfnis nach echter Freundschaft und Wahrheit. Nichts weiter.« Sie sah mich aus zusammengekniffenen Augen an. »Das wagen nur wenige zu bieten, und noch weniger wird deren Rat befolgt, wie Sie gesehen haben. Aber er ist ein großartiger König, Herr Larsson.«

»Ein großartiger König«, wiederholte ich. »Und er hat ganz sicher recht, Madame Sparv. In Bezug auf die Vision, meine ich. Sein Verständnis der Welt übersteigt Ihres bei Weitem.«

»Dennoch ist er ein Mann. Er sieht, was er sehen will.« Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück, als wollte sie gleich einschlafen. »Doch kommen wir jetzt am besten wieder zu Ihnen«, nuschelte sie und rieb sich die Augen. Wir gingen die Stiege hinauf und setzten uns an den Tisch. Sommerregen prasselte gegen die Scheiben, im Zimmer war es kühler als in der Nacht zuvor. Sie nahm die beiden bekannten Karten aus dem Stapel, mischte lange und legte das Deck dann in die Mitte des Tischs.

Ich hob ab, sie legte aus. Nach vier Runden tauchte die zweite Karte meines Oktavos auf: Der Gefangene war das Ass der Stempelkissen. Wir beugten uns vor und studierten die Karte.

In der Mitte am oberen Rand eines Wappenschildes war das Antlitz eines Cherubs zu sehen. Direkt unter seinem Kinn schwebte ein Vogel. Zwei Löwen standen sich in getrennten Feldern gegenüber, einer hielt eine keimende Saat oder einen Wurzelstock in den Tatzen.

»Das Ass ist ein junger Mensch oder einer mit begrenzter Erfahrung und formbarem Geist. Es steht für einen Neubeginn und kann weiblich oder männlich sein«, sagte sie.

»Rohrkolben. Die stehen auf jeden Fall für Armut«, sagte ich, als ich die zwei Pflanzen sah, die zu beiden Seiten des Stempelkissens über dem Engelskopf in die Höhe ragten. Ich dachte an meine verarmten Cousins; alle Rohrkolben, die sie nicht aßen, verwendeten sie als Kerzen, indem sie sie in Wachs tauchten und den Stiel wie einen Docht anzündeten.

»Nicht notgedrungen. Das Stempelkissen steht für Handel und Wandel, es kann also jemand sein, der aus wenigen Mitteln etwas machen kann. Er steht in enger Verbindung mit Ihrem Gefährten – und die Königin der Weingefäße symbolisiert Reichtum –, also kann er von der Freundschaft mit ihr profitieren. Jedenfalls ist das Ihr Gefangener.«

Ich sah den hübschen Cherub an. »Könnte das Carlotta sein?«

»Vielleicht. Aber die Karten verraten ihre lebenden Pendants erst, wenn alle acht an ihrem Platz sind.«

»Ich kann nicht warten, Madame Sparv!«

»Das müssen Sie aber. Noch weitere sechs Tage.« Sie lächelte über meine Ungeduld. »Sie sind ja nicht zusammen mit Gustav im Aufbruch zur französischen Königsfamilie begriffen, oder, Herr Larsson?«

»Meine Königin ist hier in der Stadt.«

»Wenn Sie sich sicher sind, können Sie Ihren Gefangenen halten oder freilassen, je nachdem, was am besten zu Ihrem wahren Ziel führt, was auch immer es sei.«

»Ich kenne mein wahres Ziel.«

KAPITEL 5

Glücksspiel

Quellen: E. L., Madame S., Katarina E., Dame C. Kallingbad,

Hausmeister E., A. Nordell u. a.

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass beim Kartenspiel alle verlieren. Interessant ist, wie und was sie verlieren und was daraus folgt. Graf Oxenstierna verhielt sich wie ein perfekter Gentleman, als er bei dem Spiel La Belle zwei große Grundstücke verlor. Die Mitspieler waren erstaunt über seine Contenance, doch der Sturm, der daraufhin bei ihm zu Hause losbrach, war monatelang ein ergiebiges Gesprächsthema, das seine Gattin, seine erwachsenen Kinder, ein Teil der Bediensteten und die Irischen Wolfshunde umfasste. Doch versteckte Andeutungen und Gerüchte sind nur eine kärgliche Labsal, verglichen mit dem mitreißenden Festmahl eines großen Verlustes, dessen Augenzeuge man wird. So war es, als ich zwei wohlhabende Damen kostbarste Faltfächer am Spieltisch setzen sah. Deutlich hörte ich eine Kartenspielerin, die auf einen Bluff hereinfiel, und in diesem Moment schenkte ich meine Aufmerksamkeit dem Spiel, statt mich mit jeder Faser meines Seins auf Carlotta Vingströms schöne Brüste zu konzentrieren. Bei der Spielerin, die das Wagnis eingegangen war, handelte es sich um die Baroness, allen bekannt als »die Uzanne«, eine Frau, die nie verlor.

Ich will Ihnen von der Uzanne erzählen. Getauft war sie auf die Namen Kristina Elisabeth Luisa Gyllenpalm, die zwar alle einen majestätischen Anklang hatten, aber nie benutzt wurden. Als Kind war sie das Junge Fräulein, nach ihrer Heirat eine Madame. Doch im Gespräch hieß sie immer nur die Uzanne, vielleicht weil es nur eine geben konnte. Die Uzanne sammelte Faltfächer. Diese Begeisterung hatte sie mit fünfzehn Jahren entwickelt, als sie beobachtet hatte, wie eine gleichaltrige Cousine, die weder reicher noch hübscher war als sie, einen ganzen Salon mit ihrem kunstvollen Gewedel in Bann schlug. Die Uzanne, damals noch das Junge Fräulein, konnte ihre Cousine überreden, sie in diese fesselnde Sprache einzuführen. Männer und Frauen kannten die Zeichen des Fächers gleichermaßen, und wie in jeder Sprache konnte man desto mehr ausdrücken, je geübter man war. Bald war die Schülerin darin geschickter als die Lehrerin. Zuschnappen, sinken lassen, Drehungen des Handgelenks, kleine Schläge, Fächeln und sehnsüchtiges Streicheln füllten die Lücken, die unaussprechliche Worte des Verlangens hinterließen. Die Uzanne wusste, in welchem Winkel sie den Fächer über ihre Brust halten musste, wenn sie als Kurtisane betrachtet werden wollte oder auch nicht, und wie sie mit einem Blick über einen halbgeschlossenen Fächer jeden Mann auf ihre Seite ziehen konnte. Die Gesellschaft riss sich um die Anwesenheit der Uzanne auf Bällen und in Salons. Die eifersüchtige Cousine sann auf Rache und gab ihr beim jährlichen Figurentanz einen bürgerlichen Tölpel an die Seite. Die Uzanne zog die Maske der fürsorglichen Kupplerin auf und machte einen epileptischen finnischen Grafen, der die leere Mulde in seinem Hochzeitsbett gern füllen wollte, auf die Cousine als erwartungsvolle Jungfrau aufmerksam. Die Uzanne vergoss die herrlichsten Krokodilstränen, als sie ihrer Cousine zum Abschied winkte, die sich nach Åbo einschiffte, einem scheußlichen Kaff, das sich als Finnlands Hauptstadt bezeichnete.

Die Uzanne hatte ihre Waffe gefunden. Jahrelang praktizierte sie ohne Unterlass, sie reiste nach Paris und Wien, um von Konkubinen und Königinnen zu lernen, die hinter dem Thron die Fäden zogen, und sie besuchte Fächerhersteller, von denen sie Tipps und Tricks bezog. Mit neunzehn Jahren feierte sie ihren größten Triumph, als sie den reichen jungen Baron Henrik Uzanne erst in ihre Arme und dann in ihr Bett fächelte. Nach drei Monaten vermählten sie sich. Nur ihre ältere Schwester, die mit besagtem Edelmann verlobt gewesen war, schien völlig am Ende. Stolz nahm das junge Fräulein den alten französischen Familiennamen an, der ein Jahrhundert zuvor Einzug in Schweden gehalten hatte. Dass der Name Uzanne damals einen ehrgeizigen Landsknecht verkörperte, der sich seinen Weg nach oben mit dem Säbel erkämpft hatte, erwähnte sie nie.

Henrik war die perfekte Eroberung: hochbegehrt, aristokratisch, gutaussehend, eine angenehme Gesellschaft und mit ausreichend eigenem Vermögen ausgestattet, um ihren Wünschen nachzukommen. Mit der Zeit fand die Uzanne heraus, dass Henrik mehr war als nur eine Trophäe, die sie mit ihrem beispielhaften Talent gewonnen hatte. Er liebte sie, und mit ihm fand sie die Leidenschaft ihres Lebens. Henrik war politisch sehr engagiert und führte die Uzanne in die Spiele der Regierenden ein, was sehr viel verlockender war als die Tändelspielchen und Intrigen bei Hof. Erst weckte Henrik ihr Interesse, dann fand er in ihr eine scharfsinnige Beobachterin und Analytikerin. Die Uzanne und ihr Henrik verschworen sich mit den Patrioten zugunsten einer Wiedereinsetzung der Herrschaft des Adels mit Herzog Karl als Strohmann auf dem Thron. Ihr Komplott schweißte sie enger zusammen als viele andere Ehepaare, und keiner konnte verstehen, warum sie sich nicht mitunter zu einem Stelldichein trafen. Henrik war betrübt über ihre Kinderlosigkeit, aber die Uzanne hatte nicht vor, schon bald Mutter zu werden. Abgesehen von ihrer Eitelkeit und den Risiken einer Geburt hielt sie Kinder für die größte Unannehmlichkeit, die sie sich vorstellen konnte. Sie ließ Henrik freie Hand bei ihren Zofen, mit denen er ein paar süße Bastarde zeugte, und so war diese kleine Unstimmigkeit beseitigt. Als sie es schließlich für angebracht hielt, einen Erben zu produzieren, war es leider zu spät.

Henrik gab auch ihrer Leidenschaft für Fächer nach, und bald besaß die Uzanne eine Sammlung, die ohnegleichen war. Sie umfasste alle Farben, alle Länder, alle Arten. Italienisches Sandelholz, spanische Spitze, russisches Pergament, englisches Silber, japanische Seide und alles, was aus Frankreich kam. Und die Uzanne würde alles geben für einen Fächer, den sie einen »Charakter« oder eine »Novität« nannte. Charaktervolle Fächer übermittelten ein bestimmtes Gefühl; ihre Sammlung beinhaltete Sehnsucht, Melancholie, Wut, Langeweile, Lust, Verliebtheit und verschiedene Formen des Wahnsinns. Novitäten waren Teleskopfächer, double-entente, die sich in beide Richtungen öffnen ließen und zwei verschiedene Ansichten hatten (Henrik mochte vor allem die pornographische Variante), Cabriolet-Fächer, Surprise-Fächer mit Vexierbildern, Blätter mit Gucklöchern aller Art, Deckstäbe mit Uhr, Stäbe mit Thermometer und sogar einen Fächer mit einer Gemme am Dorn, die eine Prise Schnupftabak oder Arsen enthielt. Als Henrik seiner Frau den Fächer »Kassiopeia« zum Geburtstag schenkte, wurde er zum Kronjuwel ihrer Sammlung. Kassiopeia vereinte auf sich den Charakter unwiderstehlicher Autorität und das Novum eines geheimen Schaftes im exquisit gearbeiteten Mittelstab sowie Schönheit und die geheimnisvollen Bande einer Künstlerin mit ihrem Instrument. Die Uzanne und Kassiopeia passten zusammen wie eingeschworene Liebende auf einem zu kleinen Diwan, die wissen, wie sie sich bewegen müssen, um den größtmöglichen Effekt zu erzielen.

Mit der Zeit baten die Damen der Stadt die Baroness, ihnen ihre Geheimnisse zu enthüllen; die Uzanne aber wusste, dass Wissen wertvoll war. Schon bald bezahlten die Töchter aus den Adelshäusern von nah und fern teuer für ihren Unterricht. Unter ihrer Anleitung konnten Mütter zusehen, wie ihre Töchter sich allmählich als raffiniert und schlau erwiesen und selbst in der schillerndsten Gesellschaft auf dem Kontinent in der Lage waren, zu brillieren. Nicht selten wurde ihnen die Ehe angetragen. Die Mädchen sahen sich einer langen Schlange von Freiern gegenüber, Offiziere drückten sich in ihren dunkelblauen Uniformen und nach Kölnischwasser duftend an sie, Diplomaten flüsterten ihnen unübersetzbare Worte ins Ohr, Edelleute wagten es, ihre Hände, Brüste, Schenkel zu berühren und ihre Lippen mit der Zunge zu teilen, sie zu öffnen wie einen Fächer von der Hand einer Expertin: langsam, ganz langsam, bis er so weit offen ist, dass er zu reißen droht. Doch ein Regiment Freier war gar nichts – die Uzanne wusste, dass der Fächer weitaus größere Macht hatte.

Nach vielen Jahren des Studiums und der Übung war sie in der Lage, den Informationsfluss in jedem beliebigen Raum mit dem Fächer zu steuern. Sie konnte einem unbeabsichtigten Ohr eine Nachricht zukommen lassen oder sich selbst eine zufächeln, sie konnte die Aufmerksamkeit eines Einzelnen oder vieler mit einer leichten Veränderung des Winkels, der Geschwindigkeit und des Vorsatzes durch den Äther hindurch wecken. Es war eine umwerfende Kombination aus Kunstfertigkeit und Können, die als Visitenkarte, soziales Band und Statusanzeige fungierte. Doch es war auch ein perfektes Werkzeug für eine Frau, die an Spielen teilnehmen wollte, die normalerweise mächtigen Männern vorbehalten waren. Denn einen Fächer würde man niemals für eine Waffe halten.

1789 waren die politischen Ziele von Henrik und der Uzanne in Reichweite. Nach Gustavs verheerendem Krieg mit Russland lag Schweden danieder, der Reichsrat stand im Verdacht des Ämterkaufs, und die Angst vor einer Revolution fachte den weitverbreiteten Wunsch nach einer Rückkehr zur Tradition an. Doch die Vereinigungs- und Sicherheitsakte – Staatsstreich und unblutige Revolution in einem – sahen die Uzanne und Henrik nicht voraus. Als Gustav die Führer der Adelspartei verhaften ließ, war alles verloren. Henrik erholte sich nie wieder von dieser Prüfung, obwohl er während seines Arrests auf Schloss Fredrikshof standesgemäß behandelt wurde. Im November desselben Jahres starb er an einer Lungenentzündung, und die Uzanne dachte, ihr Leben sei zu Ende. Fast einen Monat lang hütete sie das Bett, dann konnte Herzog Karl sie überreden, mit ihm und der jungen Herzogin zur Christmette zu gehen. Ein Jahr lang trug sie Schwarz, sie empfing nur wenige Besucher, weigerte sich, bei Hof zu erscheinen, und gab den Unterricht für die jungen Damen für immer auf. Doch in ihrer wachsenden Verdrossenheit über König Gustavs scheinbare Unbesiegbarkeit sowie über Herzog Karls unentwegte Ambivalenz gegenüber seinem Bruder, dazu in einem plötzlichen, unstillbaren Rachedurst begriffen, begab sich die Uzanne im Dienste ihrer Nation schließlich wieder aus ihrer Isolation heraus.

1791 war sie bereits an den vielen Intrigen und Ereignissen in der Stadt beteiligt. Am 20. Juni dieses Jahres, es war Mittsommer, besuchten die Uzanne und Kassiopeia ein Fest, das neben Politik auch das übliche Kartenspiel, Klatsch und Tratsch und ausgelassene Lustbarkeit versprach. Für die Uzanne war es die perfekte Mischung, und ihre neueste Protégée Carlotta Vingström sollte sie unbedingt begleiten.

Carlotta und ich tauschten eine Reihe dringlicher Nachrichten hinsichtlich dieses Abends aus, denn wir hatten schon andere Pläne, aber Carlottas Position bei der Baroness war eine unanfechtbare Ehre und Verpflichtung. Und für mich war es genau die Gelegenheit, die ich brauchte. Fast zwei Wochen pflegten Carlotta und ich nun schon eine tägliche Korrespondenz, und ich besuchte die Weinhandlung so oft wie möglich, wichtige Themen hatten wir bislang jedoch noch nicht angeschnitten. Ich erstickte das Gemecker meines Vorgesetzten mit einer Flasche eines ausgezeichneten Tempranillo und versprach ihm, es sei die erste von vielen aus dem Keller meiner zukünftigen Schwiegerleute, denn zu Mittsommer wollte ich meine Absichten offenlegen und auf Antwort drängen.

Ich setzte Carlotta meine gewagten Pläne auseinander, um als ungeladener Gast Zutritt zu bekommen – nur um mit ihr zusammen zu sein. Dabei wusste ich, dass es nichts Leichteres gäbe, denn die Adresse war Gråmunkegränd 35. Aber das verriet ich Carlotta nicht. Um elf Uhr wurde ich erwartet, um die dritte Karte meines Oktavos zu legen, und Madame Sparv würde niemals von mir verlangen, meinen Schwur zu brechen.

Der Abend ließ sich gut an: Um sieben Uhr überbrachte mir meine Vermieterin Frau Murbeck eine letzte Nachricht von Carlotta, in der sie ihre Anerkennung für das Risiko ausdrückte, das ich ihretwegen einzugehen bereit war, ihre Überzeugung, dass ich mit Leichtigkeit in diese illustre Gesellschaft passen würde, und ihre Ungeduld, mit mir zusammen zu sein, sobald das Fest vorüber wäre. In einem frischgebügelten vornehmen Anzug und mit einem Spritzer Kölnischwasser benetzt eilte ich in die Gråmunkegränd. Die Glocken der Sankt-Nikolai-Kirche schlugen acht Uhr, aber der Himmel war hell wie am Mittag. Die Häuser und Straßen der Stadt waren mit Birkenzweigen und Blumengirlanden geschmückt. Hier und da standen zur Feier des Tages Mittsommerstangen, umschlungen von grünen Ranken und Blüten, angetan mit Kränzen und Bändern, die im Wind von der Bucht herauf flatterten. Die Gäste kamen lärmend an, die Räder ihrer Kutschen holperten über die Steine, man rief sich gegenseitig Grüße zu. Dann fuhr eine besonders elegante schwarze Kutsche mit einem freiherrlichen Wappen vor, und in das Hufgeklapper mischte sich das unmissverständliche Geplapper, das nur eine erregte Carlotta von sich geben konnte.

»Ich weiß Ihnen so viel über dieses Haus zu erzählen, Madame«, Carlotta sprang in schäumender zitronengelber Seide aus der Kutsche, »ich habe aber gewartet, bis wir hier sind, damit Sie das Geheimnis aus erster Hand erleben können. Wenn Sie einen Blick auf den Scheitelstein im Türbogen werfen wollen, Madame – sehen Sie das Gesicht? Es heißt, es würde sich bewegen. Das hier ist ein Geisterhaus, Madame.«

Die Uzanne spickte aus der Kutsche. »Das interessiert mich nicht, Carlotta. Ich will wissen, warum Herzog Karl uns alle hier in dieses gottverlassene Viertel bestellt hat«, sagte sie. Ihre Stimme war überraschend melodisch. Ich erwartete eine plumpe Matrone, die aussah wie ein großer, angeknabberter Kuchen vom Fest der letzten Nacht. Die Uzanne berührte kaum die Hand des Dieners, als sie aus der Kutsche stieg. Ihr helles Kleid schimmerte vor dem schwarzen Lack der Kutschentür. Die Robe, die sie trug, war nach der neuen Mode, à la anglaise, eng geschnitten, und die seegrüne Schärpe um ihre Taille brachte ihre Figur aufs Vorteilhafteste zur Geltung. Ihr dunkles Haar war nicht gepudert und schlicht frisiert, sie berührte es kurz, wie um sich zu vergewissern, dass es richtig saß. Im Spiel aus Licht und Schatten sah sie aus, als wäre sie in Carlottas Alter.

»Herzog Karl wünscht eine Audienz bei der Wahrsagerin hier.« Carlotta biss sich auf die Lippe, blickte aber weiterhin auf das steinerne Gesicht. »Ich habe die zuverlässigsten Quellen befragt, Madame, und alle haben mir versichert, dass diese Hellseherin unfehlbar ist.«

»Niemand ist unfehlbar, Carlotta – egal, was der Papst sich wünschen mag.« Die Uzanne ließ mit einer solchen Schnelligkeit einen Fächer aufschnappen, dass ich erstarrte. »Und warum soll Herzog Karl gerade von dieser Scharlatanin so angetan sein?«

»Sie ist König Gustavs Beraterin.« Mitten im Schlag ließ die Uzanne ihren Fächer innehalten – es folgte die Stille einer überheblichen Zurückweisung. Carlotta fuhr fort: »Herzog Karl teilt das Interesse seines Bruders am Okkulten und sucht Bestätigung und Führung. Und wer könnte das besser leisten als des Königs Quelle des Glücks? Der Herzog bestand darauf, dass die Hellseherin und ihre Räumlichkeiten ganz kurzfristig verfügbar sein mussten.«

»Und Gustav ist bereit, sein Orakel zu teilen?«

»O nein, König Gustav weiß davon nichts. Er ist auf Reisen.« Carlotta dämpfte die Stimme: »Die Frau ist eine glühende Royalistin, Madame. Sie hat sich geweigert, den Herzog zu empfangen. Und natürlich wurde sein Interesse durch ihre Ausflüchte nur noch angefacht. Er hat ihr klargemacht, dass er eine Weigerung nicht akzeptieren würde.« Die Damen betraten das Treppenhaus. »Ich verstehe nur nicht, warum der Herzog nicht allein kommt. Warum will er während eines Mittsommernachtsfestes eine Wahrsagerin aufsuchen?«

Die Uzanne drehte gemächlich ihren Fächer. »Der Herzog ist auf Veränderung bedacht, aber er braucht eine Menge Rückversicherungen. Er braucht Gesellschaft.«

Ich sah, wie sie die Treppen hinaufstiegen, ihre gerafften Röcke entblößten weiße Strümpfe und Satinschuhe mit geschweiften Absätzen. Die kleinen Messinglaternen auf jeder Stufe ließen den weichen Schwung der Knöchel schimmern. Carlotta war ein saftiger Pfirsich, aber sie hüpfte und sprang wie ein junges Mädchen. Die Uzanne hingegen bewegte sich mit einer Anmut, die man nur durch jahrelange aristokratische Übung erlangte, und das machte sie noch schöner – eine Frau, die man berühren wollte, auch wenn man wusste, dass man es nicht tun sollte, bei der man aber dennoch dreist genug sein wollte, es zu versuchen. Ich folgte in respektvollem Abstand und beobachtete, wie Carlottas prachtvoller Hintern sich majestätisch vor mir erhob.

Katarina zog eine Augenbraue hoch, wagte aber nicht, mich daran zu hindern, dass ich mich zu den Gästen gesellte. Im Foyer blieb die Uzanne kurz stehen und besah sich die Porträts des schwedischen und des französischen Monarchen. »In der Galerie der Herrscher fehlt ein königliches Bildnis«, sagte sie. »Herzog Karl. Es sei denn, hier bekommen nur diejenigen die Ehre, deren Zeit abgelaufen ist.«

Einen Herzschlag lang herrschte tiefes Schweigen, dann brandete Applaus auf, die Kommentare überschlugen sich.

Madame Sparv beobachtete alles vom anderen Ende der Diele aus. Sie trug ein helles grau-grünes Kleid und einen Paisley-Schal, der eher zu einer Tagesgarderobe gepasst hätte. Ihr braunes Haar war ungepudert, sie hatte es im Nacken zu einer Schnecke zusammengebunden und trug weder eine Perücke noch eine Haube. Ihr Gesicht war eine starre Maske. Nur die Hände verrieten ihren Ärger, sie hatte sie an ihren Seiten zu roten Fäusten geballt. Neben ihr stand ein zierlicher Mann in einer Militäruniform von äußerst vornehmem Schnitt und Tuch. Mit geübter Anmut trat er vor und schenkte der Uzanne einen ausgiebigen Kuss auf ihre behandschuhte Hand, dabei sah er Carlotta an, die ein paar Schritte hinter ihr stand.

Hinter mir kam Katarina herauf und zwickte mich in den Arm. »Das ist er. Herzog Karl.« Ich hatte erwartet, dass dieser Armeeheld und königliche Casanova von eindrucksvollerer körperlicher Statur wäre. »Er hat seine Gemahlin am Mälarsee und seine Mätresse auf der anderen Seite der Brücke auf Kungsholmen zurückgelassen«, flüsterte sie.

»Ich bestehe darauf, dass wir hier und heute Nacht nur in die Zukunft blicken, Madame Uzanne«, sagte Herzog Karl, beugte sich vor und flüsterte ihr etwas zu. Ein spöttisches Lächeln umspielte ihren Mund. Sie sah durch den Flur zu Madame Sparv, fing deren Blick auf und hielt ihm stand. Hätte Herzog Karl die Uzanne nicht zu den Spielsälen geführt, wären sie wahrscheinlich noch eine ganze Zeit lang so stehen geblieben.

»Der Herzog denkt, Madame Sparv würde ihn für die spirituelle Sitzung reiner finden, weil er allein gekommen ist, aber vielleicht steigt er die Treppen jetzt dennoch befleckt herauf.« Katarina schluckte ein Lachen hinunter, und ich kaschierte meines, indem ich hustete. Ich beobachtete, wie der Herzog Carlotta vorgestellt wurde. Lange hielt er ihre Hand in seinen beiden Händen, was mich erröten ließ, dann entschuldigte er sich und verlangte nach Madame Sparv, die ihn die Stufen zum oberen Zimmer hinaufführte. Ein Offizier stellte sich vor die Stiege und blockierte den Weg.

Ich folgte Carlotta und der Uzanne in den Spielsaal. An die vierzig Gäste hatten sich eingefunden, Gesichter und Roben der Damen wirkten blass in dem dunklen Raum. Die Herren, die gedecktere Farben trugen, traten in den Hintergrund wie Geister. In der warmen, stehenden Luft roch es nach Parfüm, Tabak und Schweiß. Das Gelächter klang ein wenig gezwungen, die Spieltische waren noch leer, und eine erwartungsvolle Spannung schmälerte die sonstige Lust auf Spiel und Gelage.

»Ich kann nicht glauben, dass ich Seiner Gnaden begegnet bin«, sagte Carlotta ehrfürchtig. »Ich bin dem Herzog begegnet! Oh, Madame, meinen Sie, die Zeichen sind günstig?«

»Dieser Hang zur Magie ist pure Schwäche. Der Herzog muss sich zuverlässigere Mittel beschaffen«, sagte die Uzanne und klappte langsam ihren Fächer auf.

»Aber der Herzog …«

»Ich bin durstig, Carlotta. Nehmen Sie selbst auch eine Erfrischung zu sich, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und hören Sie auf, an Ihrer Lippe herumzubeißen!«

Carlotta eilte davon. Ihre respekteinflößende Gönnerin begann, in einem steten Rhythmus mit dem Fächer zu wedeln, langsamer nach außen, gefolgt von einem schnellen Schlag nach innen. Sie schien sich auf die Damen im Raum zu konzentrieren – oder eher auf die Fächer, die diese bei sich trugen. Der heutige Abend bot ihr Gelegenheit, in aller Ruhe die Faltfächer zu begutachten, die vor kurzem die Stadt erreicht hatten, und sowohl ihr Wissen über sie als auch ihre Sammlung zu erweitern. Die Uzanne wartete geduldig, in der Hoffnung, ein neues oder seltenes Exemplar zu entdecken. Wenn etwas Begehrenswertes auftauchte, verwickelte sie die Besitzerin in ein Gespräch, entlockte ihr Preis und Herkunft des Fächers und überlegte dann, ob er es wert war, nach ihm zu trachten. Nach ein paar Minuten zog sie einen elfenbeinfarbenen Block und einen Bleistift aus der Tasche ihres Kleides und machte sich Notizen. Dann lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf die Herren; sie begann, durch den Saal zu wandern und deren Gespräche zu belauschen. Während ich ihr unauffällig folgte, bekam ich Bruchstücke davon mit: König Gustav wolle die Führung des Reichstags und die Arbeit in den Ministerien unwissenden Ladenbesitzern und ungehobelten Bauern überlassen; Schweden sei in größter Gefahr, es brauche Stabilität und Tradition, die nur die Patrioten dem Land geben konnten; der Tyrann müsse beseitigt und sein angeblich unrechtmäßiger Erbe unter Kontrolle gebracht werden; Herzog Karl müsse ganz einfach den Thron besteigen. Wenn die Hellseherin doch nur ein Omen dazu liefern würde – er würde es tun!

Der Eifer dieser hochverräterischen Gespräche wurde immer glühender, das Tempo des Fächers der Uzanne steigerte sich entsprechend, bis sich auf einmal alle Köpfe drehten und die Stimmen verstummten. Herzog Karl stand mit Madame Sparv am Arm am Fuß der Treppe. Er lächelte herzlich, aus seinem Gesicht sprach Bewunderung. Madame Sparv war blass, sie hatte den Blick starr auf den Boden gerichtet.

»Dass Gustav Sie seit Paris für sich allein behalten hat, ist eine Ungerechtigkeit und macht die alte Kränkung, damals zurückgelassen worden zu sein, nur noch größer. Ich bin überglücklich, Sie endlich kennengelernt zu haben.«

Der Herzog nahm Madame Sparvs Hand und küsste sie in Dankbarkeit. Die Menge applaudierte und drängte sich zu ihm, aufgeregte Stimmen erhoben sich. Die Zeichen waren also eindeutig günstig gewesen. Madame Sparv machte einen schnellen Knicks, dann eilte sie zurück ins Hinterzimmer und wischte sich die Hand am Kleid ab. Als sie vorbeilief, berührte ich sie am Ärmel. Sie blieb stehen und starrte mich an. »Sie?«

»Madame Sparv!«, zischte ich. »Ein Treffen der Patrioten – hier?« »Ich habe nicht darum gebeten, weiß Gott nicht! Aber warum, in Dreiteufelsnamen, sind Sie hier, Herr Larsson?«, fragte sie aufgeschreckt.

»Wegen meines Oktavos. Und wegen Carlotta«, sagte ich leise. »Carlotta Vingström. Sie begleitet die Uzanne.«

»Sie müssen lauschen!«, flüsterte sie und deutete auf den Herzog. »Ich bin verpflichtet, meine Visionen zu schildern, und ich fürchte, er will danach handeln. Gehen Sie schnell, aber seien Sie diskret«, sagte sie und war schon weg, bevor ich noch protestieren konnte.

Aus Neugier und nun auch aus einem gewissen Maß an Vorsicht hielt ich mich im Hintergrund. Ich ging ins Foyer, wo Herzog Karl und die Uzanne im Gespräch mit General Carl Fredrik Pechlin waren, König Gustavs langjährigem Gegner. Pechlin wechselte seine politischen Verbündeten öfter als ein Mann die Strümpfe, immer aber stand er auf der Seite der machtvollsten Gegner des Königs. Man sagte, Pechlin sei nur noch auf freiem Fuß, weil es für seine landesverräterischen Reden keine Zeugen gab. Ich stellte mich locker zu einem Grüppchen in ihrer Nähe und sorgte dafür, dass mein Gesicht im Dunkeln blieb.

»Herzog Karl, Ihr braucht wahrlich keine Bestätigung von einem Blatt Karten«, sagte die Uzanne.

Der Herzog wurde rot und zog in nervöser Erregung seine Manschetten glatt. »Wir hatten keine Karten, Madame. Diese Sofia Sparv ist in irgendeinen veränderten Bewusstseinszustand eingetreten. Ich durfte ihre Verwandlung nicht beobachten.« Der Herzog blickte die Stiege hinauf zu dem oberen Raum. »Zwei Kronen – sie hat gesagt, ich würde zwei Kronen tragen.«

»Na, dann haben wir doppeltes Glück«, sagte Pechlin und umklammerte mit seinen altersfleckigen Händen den Elfenbeinknauf seines Gehstocks. »Hat sie Euch weiteren Rat gegeben?«

»Ich drang in sie, aber sie wollte nichts sagen.« Herzog Karl machte ein wütendes Gesicht, als hätte man ihn irgendwie hintergangen. »Ihr müsst mich beraten, liebe Freunde. Ich bin nicht sicher, auf welchem Weg diese ruhmreiche Vision eintritt.«

»Es gibt nur einen Weg«, sagte Pechlin, »es scheint zwar ein dunkler zu sein, doch er wird uns alle zum Licht führen. Er muss verschwinden. Für immer.«

»Das ist zu dunkel, General, viel zu dunkel.« Herzog Karl zog die Stirn kraus und wandte sich an die Uzanne. »Sie sehen heute Nacht aus wie ein Engel, Kristina. Wie schön, Sie aus den schwarzen Kleidern heraus zu wissen! Vielleicht haben Sie in dieser Sache eine sanftere, klügere Vorgehensweise anzubieten.«

»Ich würde sagen, viele Pfade führen zum Sieg, und die offensichtlichsten Wege sind nicht immer die besten. Ein Verschwinden ja, aber nicht für immer. Lediglich körperlicher oder auch geistiger Abstand. Ich bevorzuge ein raffinierteres Gefecht.«

»Für eine Frau ist in der Schlacht kein Platz, Herzog Karl«, sagte Pechlin.

Der Herzog ignorierte ihn, seine Hand glitt über die grüne Seidenschärpe an der Taille der Uzanne, seine Augen und sein Atem hingen an ihrem Busen. »Welche Waffen würden Sie tragen?«

»Nicht die Waffen der Männer«, gab sie mit einem Lächeln zurück und hob mit dem Rand ihres Fächers Herzog Karls Kinn an.

Er beugte sich weit vor, seine Lippen berührten ihr Ohrläppchen. »Ein Engländer sagte einmal: ›Damen sind mit dem Fächer bewaffnet wie Männer mit dem Schwert, und manchmal führen sie damit mehr Exekutionen aus.‹«

»Das Rascheln und Raffen eines Rocksaums, ein Seufzer, ein Fächer. Haltet Ihr das für geeignete Mittel, um eine Krone zu brechen?«, fragte Pechlin.

»Sie haben es zwanzig Jahre lang ohne Erfolg versucht, General, und Sie hatten alle Mittel der Männerwelt zur Verfügung«, konterte die Uzanne, ihre Wangen wurden rosig unter dem Film aus weißem Puder.

Pechlin blickte an die Decke. »Kennt Ihr die Fabel von der Sonne und dem Wind, Herzog? Die beiden schließen eine Wette ab, welches Element dem Wanderer den Umhang vom Rücken reißt. Und es ist nicht die Luft – das Feuer gewinnt die Oberhand. Ich nähre diese Flamme seit Gustavs Handstreich ’72.«

»Ich hüte beides, General, Wind und Feuer, und mein Feuer ist frisch; ich habe die Trauerzeit erst seit kurzem hinter mir«, sagte die Uzanne und ließ ihren Fächer zuschnappen.

»König Gustav hat mich zusammen mit Ihrem Gatten und achtzehn weiteren Edelleuten inhaftiert, Madame. Meinen Sie, mein Feuer sei erloschen?«

Herzog Karl ließ langsam die Hand von der Taille der Uzanne gleiten und verbeugte sich vor Pechlin. »Gab es jemals einen standfesteren General?« Er küsste der Uzanne die Hand. »Und gab es jemals eine charmantere Amazone?«

»General.« Die Uzanne nickte Pechlin kühl zu.

»Madame.« Pechlin verbeugte sich, allerdings nur leicht.

»Madame?« Carlotta war erleichtert, die Uzanne zu finden, und eilte herbei. »Oh!« Sie blieb stehen und machte einen anmutigen Knicks vor dem Herzog, dabei streckte sie die Hände mit Kelchen voller Minze-Punsch aus und bot sie ihm an, die schlaffen Blätter hingen an dem beschlagenen Glas.

»Der Zauber des Abends geht weiter! Sie kommen genau im richtigen Moment, meine liebe Nymphe.« Der Herzog nahm die angebotenen Kelche, einen reichte er der Uzanne, den anderen dem General. »Ich werde zwei Kronen tragen, eine für die Luft, die andere für das Feuer. Ihr müsst einander zuprosten wie Sonne und Wind, die sich am Firmament in vollkommener Eintracht befinden.« Man hörte ein leises, zögerliches Klirren und wie der Stolz hinuntergeschluckt wurde. »Dann ist das Spiel nun eröffnet. Gut Glück für alle!«, kündigte der Herzog mit lauter, heiterer Stimme an. Er wandte sich an Pechlin: »Sie haben einen Tisch reserviert, General?«

Pechlin nahm den Herzog am Arm und führte ihn weg von der Uzanne. »Einen hervorragenden Ecktisch, wo wir die Vision der beiden Kronen in ernsthafter Runde besprechen können. Meine Männer werden dafür sorgen, dass wir völlig ungestört sind.«

»Ich muss der jungen Herzogin die gute Nachricht überbringen … und der ersten Mätresse natürlich auch. Gut, dass ich zwei Kronen haben werde, nicht wahr?«, sagte der Herzog zu Pechlin.

»Ich finde, wir sollten die Einzelheiten für uns behalten, bis wir einen Plan gefasst haben.«

Die Uzanne sah, wie die beiden Männer Arm in Arm weggingen, immer wieder klappte sie dabei ihren Fächer halb auf und schloss ihn wieder.

»Genießen Sie die Zerstreuung, Madame!«, rief Pechlin über seine Schulter.

Carlotta wartete, bis der Herzog weit genug weg war. »Ich dachte, er sei größer«, sagte sie.

»Die Krone macht jeden Mann größer«, wusste die Uzanne. »Sogar der Speichellecker, der an seinem Arm hängt, wird erhoben.«

Es dauerte eine Weile, bis ich Madame Sparv diese Gespräche mitteilen konnte, sie wies gerade einen Hausjungen an, eine Kiste Wein im hinteren Treppenhaus auszupacken. Sie fuhr herum und wischte sich das Stroh vom Kleid. »Können Sie sich an den Tisch des Herzogs setzen?«, fragte sie.

»Das ist unmöglich.«

»Ja, natürlich. Und wenn Sie sich in seiner Nähe herumtreiben, fällt es auf …« Sie presste die Lippen zusammen und überlegte. »Dann bleiben Sie dicht an der Uzanne dran und warten Sie auf ein Zeichen.«

»Was für ein Zeichen?«

»Das weiß ich nicht.« Verdruss lag in ihrer Stimme. »Kommen Sie zu mir ins obere Zimmer, wenn alle Gäste gegangen sind.«

»Aber ich habe vor …«

»Wir müssen heute Nacht unsere dritte Karte legen, auch wenn es lange nach elf Uhr ist. Gehen Sie jetzt, Herr Larsson, gehen Sie!«

Ich widersprach nicht weiter, ich würde Carlotta einfach mitbringen. Sie wäre fasziniert, Herzog Karls neues Orakel kennenzulernen.

Ruhiges Auftreten ist die erste Faustregel des professionellen Spielers, also ließ ich mir Zeit und trank ein halbes Glas Punsch, bevor ich in die Spielsäle ging. Carlotta und die Uzanne schlängelten sich mit ihren Kleidern zwischen den Sitzgruppen der mit grünem Tuch bespannten Tische und schweren Stühle hindurch. Die Uzanne ging hinter Carlotta, sie ließ ihren Schützling einen Weg durch das Gedränge bahnen, doch ihre Augen waren auf den Tisch des Herzogs und die Nebentische gerichtet, die sich schon mit Spielern füllten. Sie ging hin und sprach kurz mit Herzog Karl, wurde aber nicht aufgefordert, Platz zu nehmen. Dann folgte sie Carlotta auf die andere Seite des Raums, ihr Fächer wedelte neben ihrem Ohr und trug die Worte des Herzogs so nah wie möglich zu ihr heran.

Carlotta hatte ihre Erfrischung zu schnell hinuntergestürzt, ihre Wangen waren rot.

»Madame, ich habe den besten Tisch für uns, dort können wir alle sehen und von allen gesehen werden, er ist nicht zu nah an der Musik, aber nahe dem Buffet, das, o Madame!, mit dem allerhübschesten oberfränkischen Porzellan gedeckt ist, Erdbeeren in Kristallschalen türmen sich bis an die Decke, russischer Kaviar, Himbeeren, pochierter Lachs in Aspik, weißer Spargel, Pfirsichspalten und …«

»In Zukunft sollten Sie versuchen, einen Tisch mit dem Kopf oder zumindest mit dem Herzen auszusuchen, Carlotta, und nicht mit Ihrem Magen!«

Carlotta knickste im Gehen, zum Zeichen, dass sie den Hinweis verstanden hatte. »Ah, hier ist unser Spieltisch. Und … unsere liebe Freundin Frau von Hälsen.« Carlotta blieb stehen, um ihre Bahn angesichts des unerwarteten Hindernisses auf ihrem Weg zu korrigieren. »Wie schön, dass Sie uns beim Spiel Gesellschaft leisten können, Frau von Hälsen. Was Sie hier sehen, ist meine Schärpe, die ich über die Stühle gelegt habe, um unsere Plätze zu belegen. Natürlich hoffen wir, dass Sie zu einer netten Partie bleiben«, sagte Carlotta mit einwandfreier Heuchelei. Ihr Wissen über Frau von Hälsen gründete auf ein paar Abschnitten schmutzigen Tratsches, der in der Zeitung Nya Posten unter der Schlagzeile »Ein freudiges Leben« erschienen war. »Madame?« Carlotta wandte sich an die Uzanne, die diese Entscheidung treffen musste.

Frau von Hälsens Augenbraue zeigte deutlich, dass sie nicht die Absicht hatte, einen Tisch mit Carlotta und der Uzanne zu teilen, aber nun saß sie in der Falle. Würde sie gehen, wäre das ein schlimmer Affront; wollte sie aber bleiben, müsste sie erst fragen. Die Uzanne, die gesellschaftlich höher stand, nickte, sie setzte sich auf den Stuhl rechts von Frau von Hälsen und tauschte Höflichkeiten mit ihr aus. Erst als Frau von Hälsen ihren Fächer öffnete, machte die Uzanne ein gespanntes, neugieriges Gesicht.

»Was für ein exquisites, schönes Exemplar, Frau von Hälsen. Erzählen Sie mir davon.« Ihre Stimme war weich und warm.

Frau von Hälsen legte ihren Fächer sanft auf den Tisch. »Er heißt Eva.« Eva war mit vergoldeten Elfenbeinstäben gefertigt, das Blatt bestand aus weichster weißer Schwanenhaut und war kunstvoll mit einer verschnörkelten Kartusche bemalt, die einen üppigen Garten einrahmte. Dichte tropische Bäume, die mit reifen roten und purpurnen Früchten vollhingen, beschatteten Rabatten mit farbenprächtigen Blumen. Der Himmel war wolkenlos und strahlend blau. Ein Pfau stand am Rand, er schlug ein Rad, das voller Augen war. Im Schatten des Hains sah man die vagen Umrisse einer Frau neben einem Zweig, von dem dicke Ranken herabhingen. Eva war nicht nur ein schönes Exemplar von Wertarbeit aus dem Paris der Jahrhundertmitte, sie hatte darüber hinaus auch einen Charakter, den der Kenner als »Versuchung« definieren könnte. So einen Fächer hatte die Uzanne in ihrer umfangreichen Sammlung noch nicht.

»Für so einen Fächer würde ich einiges geben«, sagte sie.

»Ich habe dafür bereits einiges gegeben«, antwortete Frau von Hälsen, schloss den Fächer langsam und legte ihn auf ihren Schoß.

»Welches Spiel ist Ihnen genehm, Frau von Hälsen?«, fragte die Uzanne höflich.

»Boston Whist, Madame. Gibt es auch andere?« Frau von Hälsen nahm eines der beiden Kartendecks vom Tisch und reichte es der Uzanne. »Madame gibt.«

»Haben wir einen vierten Spieler?«, fragte Carlotta und drehte sich zu mir. Ich hatte einen Platz an einem nahen Fenstersitz gefunden, von dem aus ich die Partie beobachten konnte, und schüttelte den Kopf. Ich wollte in meiner Position als ungeladener Gast nicht auffallen.

»Meine junge Nichte, Fräulein Fläder.« Frau von Hälsen winkte einem hübschen flachsblonden Mädchen zu, das sich der Uzanne gegenüber an den Tisch setzte; es hatte ein rundes Gesicht, das vor Hitze und vom Punsch gerötet war. Die Nichte machte den Mund nie weiter auf als einen Spalt, und wenn, dann hielt sie die Hand davor, damit man nichts sah – vielleicht fehlten ihr ein paar Zähne.

Alle zweiundfünfzig Karten wurden ausgeteilt, das ergab vier Blätter mit je dreizehn Karten. Der Spieler links des Gebenden spielte aus, die anderen bedienten. Die höchste Karte stach, wer die meisten Stiche erzielte, gewann die Runde. Die Etikette beim Boston Whist verbot zwar jede Äußerung während des Spiels, aber es war erheiternd, wie viele Menschen ein Gesicht machten, das ihnen die Zunge ersetzte – Carlotta war dafür ein hervorragendes Beispiel: Wenn sie dachte, sie hätte ein gutes Blatt, blähten sich ihre Nasenlöcher aufs Betörendste; das war zwar selten der Fall, dennoch war sie eine unverbesserliche Optimistin. Frau von Hälsens Augenbrauen waren Signalflaggen, deren Flattern noch von dem Holzkohlestift unterstrichen wurde, den sie für den Abend aufgetragen hatte. Fräulein Fläder stieß immer ein fürchterliches, beschwipstes Kichern aus, unterbrochen von einem Schluckauf, den sie zu unterdrücken versuchte, indem sie die Lippen zusammenpresste. Sie verlor eine ansehnliche Summe, es schien sie aber keinen Deut zu scheren. Doch als die Uzanne die letzte ihrer dreizehn Karten auf den Tisch legte, war ihr hübsches Gesicht reglos wie griechischer Marmor. »Schon wieder übertrumpft«, seufzte sie.

Die Uzanne verlor ständig, keine großen Summen, aber genug, um Frau von Hälsen in Sicherheit zu wiegen. Da stellte ich fest, dass die Uzanne eine echte Spielerin war, die ihren Gewinn plante.

Allem voran hatte die Uzanne einen Sinn für die Tischrunde, denn Spielen ist immer politisch. Durch ihre Fingerfertigkeit mit dem Fächer ging sie auch gewandt und anmutig mit den Karten um. Sie brachte all ihre Talente ein, denn im Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher als Frau von Hälsens Fächer. Und den würde sie bekommen. Die Damen machten nur eine kurze Pause, um etwas zu trinken, und Frau von Hälsen wollte nichts davon hören, dass man die Spieler wechselte oder die Partie abbrach. Sie sagte, es sei schon lange her, dass Fortuna ihr so nah und so hold gewesen sei.

Gegen zehn Uhr befand sich jeder Spieltisch in seiner eigenen Welt. Madame Sparv ging wie üblich zwischen den Tischen hin und her und brachte als stille Beobachterin neue Kartendecks oder orderte eine Flasche. Dem Tisch des Herzogs näherte sie sich nicht, die Spieler dort verscheuchten alle, die zu nahe kamen. Aber um den Tisch der Uzanne herum bewegte sie sich häufig und erspürte, dass eine List im Gang war.

Die Uzanne schob ihren Kartenstapel weg. »Sie haben mich erledigt, Frau von Hälsen. Wenn ich noch eine weitere Öre setze, werde ich als Gefangene im Spinnhaus von Långholmen enden.«

Frau von Hälsen war ganz geknickt, ihre Augenbrauen versuchten, sich zu treffen und sich gegenseitig Trost zu spenden. Sie klopfte mit dem Stiel der schönen Eva auf den Tisch. »Eine weitere Partie würde doch sicherlich …«

Die Uzanne trommelte mit den Fingern, dann hellte sich ihre Miene auf. »Es kommt vor, dass man andere Einsätze am Tisch macht als Geld. Wir könnten unsere Fächer setzen. Aber meiner ist so altmodisch – sehen Sie nur, wie lang er ist. Wer verliert, kann sich damit trösten, einen neuen zu kaufen.«

»O Madame, ein neuer Fächer wäre wunderbar!« Carlotta legte einen mittelmäßigen Fächer auf den Tisch, ein Andenken aus Italien. Miss Fläder, die einen drittklassigen englischen Fächer mit einem Blatt aus bedrucktem Papier bei sich hatte, klatschte in die Hände und knallte ihn neben den italienischen. Frau von Hälsen jedoch senkte stirnrunzelnd den Blick. »Nennen Sie den Wert Ihrer Einsätze, meine Damen, ich setze dafür Bargeld. Mein Fächer ist alt, aber ich hänge an ihm.«

Die Uzanne wartete einen Moment, nahm dann ihren Fächer und befühlte die warmen Elfenbeinstäbe. »Auch mir würde es leidtun, eine alte Freundin zu verlieren, aber der Herzog hat uns befohlen, heute Nacht nur in die Zukunft zu blicken«, sagte sie. Sie fächerte ihn mit dem kleinen Finger der linken Hand auf und legte sein bemaltes Seidenblatt aus. »Ich biete Kassiopeia«, sagte sie liebevoll. »Sie war ein Geschenk meines verstorbenen Mannes Henrik.«

Kassiopeia war groß, sie war zwei Spannen lang. Stäbe und Deckstäbe waren aus schlichtem Elfenbein, der Dorn war aus Silber und mit einem blauen Schmuckstein versehen. Der Stiel lief eng zusammen, und das Seidenblatt zeigte eine melancholische Landschaft – ganz oben war der Himmel tief purpurn, dann von einem Kobaltblau, das in einen orangeroten Sonnenuntergang überging; Wolkenfetzen bildeten lange rote Schleppen, Vögel flatterten in einem Bogen auf. Ich beugte mich vor, um dieses so merkwürdig vertraute Bild besser zu sehen. Vor einem stattlichen Herrenhaus wartete eine schwarze Kutsche darauf, einen ins Reich der Sinne zu bringen.

Carlotta drehte den Kopf und begutachtete den aufgeklappten Fächer. »Verzeihung, Madame, aber warum heißt er Kassiopeia? Sollten Sie ihn der Kutsche wegen nicht lieber ›Der Reisende‹ oder ›Der Gast‹ nennen?«

»Ich ändere nie einen Namen, auf den der Fächer bereits hört, vor allem wenn er von einer Dame von solcher Begabung und solcher Berühmtheit getauft wurde.«

»Und wer soll das sein?«, fragte Frau von Hälsen.

»Henrik schwört … schwor, dass er Madame de Montespan gehört hat, der Hauptmätresse Ludwigs XIV. Das Bild auf dem Blatt erinnert an ein frühes Rendezvous auf dem Landschloss ihres Geliebten, des Königs.« Die Uzanne drehte den Fächer um, die indigogefärbte Seide war über und über mit Pailletten und kleinen Glasperlen bestickt. »Die Darstellungen auf der Rückseite erinnern an die Mysterien und Freuden der Nacht. Und ihre vielen Geheimnisse. Madame de Montespans Name ist auf ewig mit Liebe und großem Zauber verbunden, aber auch mit schwarzer Magie und der Giftmischerinnenaffäre. Soll ich Ihnen das Geheimnis meines Fächers verraten?«

Die Damen nickten begierig und steckten die Köpfe zusammen.

»Wenn Sie ganz genau hinsehen, erkennen Sie, dass Kassiopeias Mittelstab auf der Rückseite mit Seide überzogen ist. Darin steckt ein Federkiel, er kann wiederum ein Stückchen Papier mit einer Geheimbotschaft oder einen Holzsplitter enthalten, der mit einem betörenden Parfüm getränkt ist oder auch … nun ja, mit etwas Gefährlicherem.«

Die Damen lachten nervös. Die Uzanne lächelte Frau von Hälsen zu und legte Kassiopeia mit der Vorderseite nach oben auf den Tisch. »Wollen wir?«

Frau von Hälsen spürte den Druck, der Uzanne zum Gefallen sein zu müssen, aber sie spürte auch ihr falsches Vertrauen auf ihre Glückssträhne, das mit Punsch geölt worden war. Sie nahm das zweite Deck in ihre Wurstfinger und teilte aus. Sie spielten nur eine Runde. Die Uzanne machte den Stich, da wurde Fräulein Fläder plötzlich ganz still, alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Sie entschuldigte sich abrupt.

»Was ist denn?«, fragte Carlotta. »Wir haben noch zwölf weitere Stiche zu machen, die Einsätze liegen auf dem Tisch.«

»Es würde mir gar nicht gefallen, Ihre Partie zu Ende gehen zu sehen, bevor sie richtig angefangen hat.« Madame Sparv trat aus der Dunkelheit am Rande des Raums und stellte sich an die Tischkante. »Darf ich?«

Es war nicht ungewöhnlich, dass Madame Sparv spielte – aber am Tisch mit einer Dame vom gesellschaftlichen Rang der Uzanne, die zudem eine politische Gegnerin war, das war gewagt. Zuerst dachte ich, Madame Sparv wolle einfach nur ihre Gäste glücklich machen, aber sie hatte etwas anderes im Sinn, denn sie rang die Hände, als fürchtete sie um ein Menschenleben.

»Unsere Gastgeberin!«, säuselte Frau von Hälsen mit gespielter Begeisterung. Carlotta wurde schlagartig nüchtern und hielt ihre Karten vor sich wie einen Schild. Beide warteten auf die Reaktion der Uzanne, die kurz und ausdruckslos aufsah.

Madame Sparv langte in eine Tasche an ihrer Taille und zog einen elfenbeinernen Brisé-Fächer heraus. Sie legte ihn offen in die Mitte des Tischs. Von vielen Jahren des Gebrauchs hatte das Elfenbein eine warme, gelbe Patina. Der Fächer war zwar so klein, dass er einem Kind gehört haben könnte, aber die Elfenbeinschnitzereien waren so hochwertig, dass er einer Prinzessin anstand, und die lange rote Seidenquaste war mit Goldfäden durchwirkt. »Ein Schatz aus dem Fernen Osten. Er wird die Einsätze versüßen.«

Das Gesicht der Uzanne hellte sich vor Gier auf. Kinderfächer waren äußerst rar. »Bitte setzen Sie sich.«

Die Spielerinnen nahmen ihr Blatt wieder auf und bereiteten sich auf die nächste Runde vor. Niemand sah das kaum wahrnehmbare Nicken, das Madame Sparv über die Köpfe der anderen Spieler hinweg in meine Richtung sandte. Sie forderte mich auf, das Spiel mit einem »Schubs« zu lenken. Ich beobachtete Madame Sparvs Hände. Zeige- und Mittelfinger ihrer linken Hand lagen an der Rückseite der Karten – zwei Spielerinnen in der Runde: Die Uzanne sollte verlieren. Sie hatte die ganze Nacht über ständig verloren, nun aber strahlte sie eine Hitze aus, die jeder geübte Spieler spüren konnte: Auf dieses Spiel hatte sie gewartet, und sie wollte es gewinnen. Ich erhob mich von meinem Platz und näherte mich dem Tisch.

Madame Sparv fing meinen Blick auf und neigte den Kopf zu den Fächern. Wenn möglich, wollte sie die Uzanne nicht nur dazu bringen, zu verlieren, sondern die Einsätze auch in eine bestimmte Richtung lenken. Madame Sparv hob die Karten an ihre Lippen. Dieses Zeichen hatte ich bislang nur ein Mal gesehen: Sie wollte gewinnen. Das war eine doppelte Gefahr; eine Schiebung ihrerseits war in jedem Spiel fragwürdig, aber die Uzanne war überdies scharfsinnig und nüchtern.

Madame Sparv legte ihre Karten verdeckt auf den Tisch. »Nach der Regel darf ein Spieler den letzten Stich einsehen, nicht wahr?«

Die Uzanne reichte ihr die vier Karten, Madame Sparv studierte sie kurz und konzentriert und gab sie zurück. »Und darf ich auch die Einsätze sehen?«, fragte Madame Sparv höflich. Zuerst besah sie sich den englischen Papierfächer und gab ihn Frau von Hälsen. »Ich habe den Platz Ihrer Nichte eingenommen und deren Einsatz durch meinen eigenen Fächer ersetzt, sie ist nicht mehr länger im Spiel. Das sind die Hausregeln, ich hoffe, Sie sind damit einverstanden.« Frau von Hälsen nickte. Madame Sparv betrachtete den italienischen Fächer, dann nahm sie Frau von Hälsens Eva. »Wie der erste laue Juniabend in einem geheimen Garten. Der Verlust der Unschuld«, sagte sie. Frau von Hälsen nickte, und ein Anflug von Sorge huschte über ihre zusammengezogenen Augenbrauen. Dann nahm Madame Sparv Kassiopeia in die Hand und starrte auf das Bild der Reisekutsche. »Den kenne ich«, sagte sie leise zu sich selbst.

»Ach ja?«, fragte die Uzanne mit herablassender Skepsis. »Er ist alt. Und aus Frankreich.«

»So wie ich«, sagte Madame Sparv leichthin und legte den offenen Fächer wieder zu den anderen in die Mitte des Tischs.

»Machen wir weiter?«, fragte Frau von Hälsen, die unbedingt ihre Eva wiederhaben wollte.

Das Spiel ging weiter. Wie versteinert und mit halbgeschlossenen Augen saß Madame Sparv da. Nur ihre Hände bewegten sich, wenn sie ausspielte. Sie brauchte jedes bisschen Geschick, denn bei den bereits ausgeteilten Karten konnte sie keine verschwinden lassen, und sie konnte auch nicht durch gezieltes Abheben manipulieren. Die beiden nächsten Stiche gingen an die Uzanne, der vierte an Madame Sparv. Frau von Hälsen war schweißgebadet, sie spürte, dass ihre Glückssträhne nachließ. Ihre Augenbrauen verwoben sich ständig in Sorge. Zwei Stiche gingen an sie, aber ihr Gesicht war ein Spiegel der Unruhe. Die Uzanne behielt ihren ausdruckslosen Blick bei, sie war sich ihrer Überlegenheit sicher. Carlotta indes versuchte, ihr Gähnen zu kaschieren, und wedelte mit ihrem Blatt wie mit einem Miniaturfächer, sodass jeder ihre Karten sehen konnte. Irgendwie kam auch sie an einen Stich, doch die nächsten vier Stiche gingen an Madame Sparv und die Uzanne. Beide hatten nun je vier Stiche.

»Sie spielen, als würde Ihre Zukunft davon abhängen, Madame Sparv«, sagte die Uzanne leicht erstaunt, denn sie erwartete, dass ihre Gastgeberin gegen sie, als die gesellschaftlich Höherstehende, gütigerweise verlor.

Madame Sparv sah sie nicht an, sie starrte auf das offene Blatt der Kassiopeia. »Nicht nur meine Zukunft, Madame, unser aller Zukunft.«

»Ich dachte, die Wahrsagerei sei für heute Abend beendet«, versetzte die Uzanne kühl. »Lesen Sie etwa auch unsere Karten?«

»Oh, das ist ja so geheimnisvoll!«, lallte Carlotta.

»Still, Sie betrunkene Kuh!«, befahl die Uzanne.

Der Schreck über diese Bemerkung schwang durch den Raum und zog neue Zuschauer an den Tisch. Doch das Entsetzen wich gleich wieder aus Carlottas Blick, denn sie wusste, dass eine Erwiderung unangebracht war. Ich jedoch beschloss, dass die Uzanne dieses Spiel nicht gewinnen durfte, koste es, was es wolle. Da nur noch zwei Stiche zu machen waren, blieben wenig Möglichkeiten. Ich ging zu einem leeren Tisch und nahm ein Deck zur Hand, war aber nicht sicher, ob ich genug Zeit hätte, die Karte zu finden, die ich brauchte, und noch weniger, ob ich sie ins Spiel schmuggeln konnte. Vorsichtig ging ich um den Tisch herum und konzentrierte mich auf die Karten, die die Damen noch auf der Hand hatten. Carlotta hatte nichts, Frau von Hälsen könnte noch einen Stich machen, aber wenn die richtigen Karten kämen, würde die Uzanne trumpfen und den letzten Stich mit einer Bildkarte machen. Madame Sparv war in keiner guten Position. Ich müsste mir Frau von Hälsens Hilfe sichern, um die Karte zu platzieren. Ich gab Madame Sparv ein Zeichen, dass sie Pik ausspielen sollte.

Sie spielte die höchste Karte aus, die sie noch auf der Hand hatte, den Pikbuben. Carlotta legte die Herzdrei, die Uzanne zückte lächelnd die Pikdame. Frau von Hälsen lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Wenn sie wollte, könnte sie den Stich machen, aber sie konnte auch an Gunst gewinnen, wenn sie mit einer anderen Farbe bediente und der Uzanne das Spiel schenkte. Ich ging in den hinteren Teil des Raums und sang, ziemlich schlecht, ein paar umgedichtete Verse aus Carl Michael Bellmans Elegie auf eine Schlägerei in Gröna Lund – als verzweifeltes Zeichen an Frau von Hälsen, sich mit der Uzanne als Verliererin auf dieselbe Stufe zu stellen.

»Vertragt euch, Schwestern, alle!

Denn die Vernunft gebeut’s.

Tuut-tuut. Dem Schlag ins Kreuz

Entgeht in keinem Falle,

Die selbst als Erste schlug.

Tuut-tuut … Schluss … genug!«

Viele Zuschauer lachten und fielen ein, bald waren auch Herzog Karl und seine Entourage auf den Beinen. Die Uzanne schloss angewidert die Augen und sagte: »Diese Melodie ist von Händel gestohlen.«

Ich ging zu Madame Sparv und streifte ihre Schulter, als ich einem anderen Gast die Hand schüttelte. Dabei schob ich die Karte zwischen ihren Oberarm und ihren Brustkorb, ein plumper Trick, der im momentanen Trubel unterging. Wenn überhaupt jemand unbemerkt diese Karte an sich nehmen konnte, dann Madame Sparv.

Ich kehrte wieder an meinen Tisch zurück, lachte und scherzte mit den anderen, während wir weitersangen. Frau von Hälsen warf mir einen fröhlichen Blick zu. Lächelnd beugte ich den Kopf und nickte Madame Sparv zu, dann zog ich mich erneut in die Dunkelheit meines Fenstersitzes zurück. Nahm die Uzanne diesen Stich an sich, ging das Spiel unentschieden aus, aber mehr konnte ich nicht tun.

Frau von Hälsen sah die Uzanne an. Sie hatte die Hand über ihre verbleibenden Karten gelegt, die Finger der anderen klopften immer näher an den Fächern auf dem Tisch. Ihre Augen waren auf den dunklen Garten der Eva geheftet, und die elfenbeinerne Vollkommenheit des chinesischen Prinzessinnenfächers war hilflos in der Mitte des Tischs ausgebreitet. Frau von Hälsen sah Madame Sparv an, die ihrem Blick mit tiefempfundener Besorgnis begegnete. Sanft legte Frau von Hälsen den Pikkönig auf die Dame der Uzanne und zog die Karten schwungvoll an sich. Dann spielte sie zum letzten Stich die Karoacht aus, eine Lusche. Ihre Miene war aufgeräumt. Die Uzanne hob den Blick zu Frau von Hälsen, und ihre Mundwinkel hoben sich ganz leicht. Doch dann legte Madame Sparv den Karokönig auf den Tisch, Carlotta warf seufzend die Kreuzvier dazu. Die Uzanne bediente mit der Dame, ihr Gesicht reglos wie Stein. Frau von Hälsen drehte sich um und legte Madame Sparv die Hand auf den Arm. »Ich freue mich so!«, sagte sie.

Frauen sind sehr seltsame Spieler.

Die Zuschauer applaudierten, auch Carlotta klatschte, bis die Uzanne Madame Sparvs Handgelenk packte und deren Hand auf den Tisch drückte. »Ich dachte, der König sei schon vorher gefallen.«

»Das war der Bube auf mein Ass beim vierten Stich«, sagte Madame Sparv; sie zog das Karoass und den Buben aus ihrem Stapel und schob dann das ganze Deck zusammen. »Spieler verwechseln oft den Buben mit dem König.« Sie nahm Kassiopeia und schloss den Fächer, genauso wie die drei anderen. Dann stand sie auf, drückte die vier Fächer wie Zunder in ihren zitternden Händen und wandte sich an Frau von Hälsen: »Ich hatte Glück mit dem Blatt Ihrer Nichte, und Glück sollte man teilen. Bitte kommen Sie doch bald mit ihr wieder.« Sie nickte und verschwand durch den dunklen Flur in ihre Privaträume.

Ich konnte das Gesicht der Uzanne nicht sehen, aber Carlotta beugte sich vor und küsste sie auf die Wange. »Nun kommen Sie schon, Madame! Sie selbst haben doch gesagt, dass wir in die Zukunft blicken müssen.« Carlotta zögerte, und ich konnte sehen, wie sich auf ihrem Gesicht der Sieg ihres gütigen Herzens über ihre gesellschaftliche Stellung ausbreitete. »Ich habe gehört, dass eine fröhliche Ausfahrt nach Djurgården stattfinden soll, wo wir den Morgen begrüßen. Werden Sie mitkommen?«

Ich glitt von meinem Platz und versuchte, Carlotta zu verstehen zu geben, dass das ganz einfach nicht angehen konnte – schließlich wollte ich ihr einen Antrag machen, sobald wir allein wären! Doch Carlotta hatte nur Augen für ihre geschlagene Wohltäterin.

Die Uzanne nahm ihren elfenbeinfarbenen Notizblock und den Bleistift und schrieb mit zitternder Hand SPARV. Unter den Achseln und unter ihren Brüsten zeichneten sich feuchte Flecken ab und tränkten die gestickten Blumen auf ihrem Kleid. Dann sagte sie zu ihrer zartfühlenden Begleiterin: »Ja, Carlotta, wir müssen in die Zukunft blicken. Aber ich habe bereits Pläne – und Sie auch.« Carlotta war verdutzt. »Ich habe für Sie ein Rendezvous mit Leutnant Halland arrangiert. Er steht Herzog Karl nahe und ist mit den De Geers verwandt.«

»Mit den De Geers!« Carlottas Hand fuhr an ihren Busen. Es war eine vornehme Familie, ihr Reichtum war Legende. »Wo ist er?«, fragte sie und sah sich mit dem strahlendsten Lächeln um.

Die beiden Damen gingen zu Karls Gefolge, und die Uzanne machte Carlotta mit einem betrunkenen Offizier mit widerspenstigem Gesichtshaar bekannt. Ein Eingreifen meinerseits hätte bestenfalls zu Ärger geführt, schlimmstenfalls zum Duell, und so stand ich steif da und sah zu, wie der Rüpel Carlottas nackte Hand küsste und sie seine Uniform bewunderte. Nicht mal einen Blick schenkte sie mir, während ihre Unterhaltung immer angeregter wurde! Als Carlotta seinen Arm nahm, sich an ihn drückte und ihre zarten Lippen zu seinem Mund hob, redete ich mir ein, dass sie nur das Spiel mitspielte und sowohl der Uzanne als auch ihrer Mutter einen Gefallen tun wollte, aber ihr offensichtliches Vergnügen war schmerzhaft mit anzusehen.

Die Uzanne schien mehr als nur ein kurzes Gespräch mit Herzog Karl zu wünschen, sie beugte sich aufs Verführerischste zu ihm vor, doch Pechlin stand plötzlich auf und rief laut nach der Kutsche des Herzogs. Auch die übrigen Gäste verabschiedeten sich allmählich, die Hausdiener verbeugten sich und sammelten hinter ihnen die leeren Gläser ein. Ich verschwand mit der Menge und zog mich in den dunklen Hof zurück. Endlich wurde der Himmel abenddunkel, die blaue Stunde lag vor uns, wenn die Sonne stundenlang am Horizont schwebt und nur die hellsten Sterne sich zeigen. Man ist in einer seltenen azurblauen Welt zwischen Tag und Nacht gefangen, so wie ich mich zwischen Carlottas anfänglichen Ermutigungen und ihrem Entschwinden gefangen fühlte. Ich wartete, bis alle weg waren, dann ging ich die Dienstbotentreppe hinauf und setzte mich ins obere Zimmer, damit mir Madame Sparv die Karten legen konnte.

KAPITEL 6

Kassiopeia

Quellen: E. L., Madame S.

Madame Sparv sah bleich und müde aus, ihre Tränensäcke hingen ein wenig schlaffer hinunter als üblich. Sie stellte ein Tablett mit zwei Gläsern und einer Flasche auf den Tisch, dann setzte sie sich mir gegenüber, so steif wie ihr Holzstuhl mit der geraden Lehne. »Eine ereignisreiche Mittsommernacht, Herr Larsson.«

Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar und über die Bartstoppeln, die an meinem Kinn sprossen. »Ja, und kein Ereignis lief so, wie ich es geplant hatte. Haben Sie gesehen, dass meine Carlotta mit diesem … diesem Trampel abgezogen ist? Man hat mir meine Zukunft gestohlen!«

Vom Tablett nahm Madame Sparv einen langen, schlanken Gegenstand, der in einem blauen Seidenfutteral steckte, ihre Hände zitterten leicht, als sie die Hülle abzog und Kassiopeia enthüllte.

»Und dann das da!«, schimpfte ich weiter. »So ein fahrlässiger Schwindel angesichts solch niedriger Einsätze.«

»Das ist kein niedriger Einsatz. Die Uzanne hat mir ein wertvolles Exemplar gegeben, vor allem wenn die Geschichte von der düsteren Herkunft des Fächers wahr ist. Ich werde den neuen Fächerhersteller fragen, Christian Nordén. Er wird wissen, wer und was Kassiopeia ist.«

»Ich weiß, dass sie mindestens ein Monatssalär wert ist«, erwiderte Madame Sparv.

Ich goss mir ein Glas Armagnac ein, Geschirrgeklapper und die Stimmen der Bediensteten drangen durchs Treppenhaus herauf. »Übrigens, ich erwarte eine Beteiligung.«

»Ich habe nicht vor, Kassiopeia zu verkaufen, aber ich werde mich natürlich erkenntlich zeigen.« Sie hielt mir Kassiopeias Blatt hin. »Fällt Ihnen etwas auf?« Sie drehte den Fächer und betrachtete die gemalte Landschaft, »Der Sonnenuntergang, der von Indigoblau zu Orangerot verläuft, die Wolken, die sich am Himmel türmen, das prächtige Haus, die schwarze Reisekutsche … Das war meine Vision für Gustav.«

»Ja!« Ich beugte mich vor und studierte das betörende Bild. Ich stellte mir vor, ich würde selbst die Kutsche besteigen und an einen Ort unvorstellbarer Freuden gefahren werden. »Ich hatte gleich so ein komisches Gefühl, als ich den Fächer auf dem Tisch liegen sah.«

Aus Madame Sparvs Gesicht sprachen Schrecken und Erstaunen zugleich. »Gustav war der festen Überzeugung, die Vision würde sich auf Frankreich beziehen, dabei steht sein eigenes Haus auf dem Spiel. Das wurde heute Abend deutlich.« Sie strich mit dem Finger über das Fächerblatt. »Ich muss ein Oktavo legen.«

»Aber ich habe den König sagen hören, er habe keine Zeit.«

»Nein, Herr Larsson, ich will es für mich selbst legen.« Sie faltete Kassiopeia zusammen und schob sie in ihren Seidenkokon zurück. »Gustav hat zwar etwas mit dieser Vision zu tun, aber ich habe mich geirrt, als ich dachte, sie sei für ihn. Die Vision bezieht sich auf mich. Ich habe die Aufgabe, sein Haus zu schützen.« Sie steckte Kassiopeia in ihre Tasche und tätschelte sie ein paarmal, als könne diese womöglich verschwinden.

»Mit Verlaub, aber ich frage mich, was Sie dem König zum Schutz anbieten wollen.«

»Mein Oktavo. Die Erkenntnis, die mein Oktavo mir schenkt, kann den Verrat ersticken, bevor er eintritt.«

»König Gustav hat zwanzig Jahre lang allen Intrigen getrotzt, Madame Sparv. Und die Patrioten, die wir heute Abend gesehen haben? An einem Tag hasst Herzog Karl seinen Bruder, am nächsten vergießt er wieder Tränen der Liebe und Hingabe für ihn. Pechlin steht mit einem Bein im Grab, und die Uzanne ist … eine Fächersammlerin.«

»Und eine höchst anspruchsvolle dazu. Kassiopeia ist ein Objekt der Macht. Ich habe vor, sie einzusetzen. Vielleicht müssen wir sie entmachten oder verzaubern, vielleicht aber auch zerstören.«

»Wir? Warum sagen Sie wir?«

Sie nahm ihre Pfeife vom Beistelltisch und zündete sie an einer Wachskerze an. »Wir sind Partner, Herr Larsson. Ich kann mich um Herzog Karl kümmern – er ist ein Glaubender und wird mich aufsuchen. Aber ich will, dass Sie mehr über die Uzanne herausfinden: Wer sind ihre Verbündeten, welche Schwächen hat sie, wie will sie Karl auf den Thron bringen? Und passt die Dame der Weingefäße denn nicht genau auf die Uzanne? Ihre Gefährtin.«

»In dieser Rolle sehe ich sie nicht. Und wie soll ich mich der Uzanne nähern? Beim Kartenspiel?«

»Nehmen Sie die Tür, die Carlotta Ihnen öffnet.«

»Carlotta? Carlotta ist mit diesem Trottel von Soldat davongetänzelt, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen!« Ich leerte mein Glas in einem Zug. »Andererseits hatte das arme Mädchen ja gar keine Wahl. »Sie ist eine … Gefangene.« Ich stellte mein leeres Glas ab und setzte mich aufrecht hin. »Mein Oktavo, Madame Sparv. Es ist fast Mitternacht.«

Sie nickte und richtete schnell den Tisch her. »Heute Nacht suchen wir den Lehrmeister, der sie unterweisen wird.« Wir sprachen nicht, während sie die Karten auslegte. Nach fünf Runden kam die dritte meiner acht Karten.

»Der Lehrmeister. Die Acht der Bücher. Bücher sind die Farbe des Zwists.«

»Ich meine mich zu erinnern, dass Sie sagten, sie seien die Farbe des Strebens.«

»Jede Farbe hat ihr Gutes und ihr Schlechtes. Manches Streben ist von schlechter Art. Lernen ist heilig, es erhebt den Menschen in den Himmel, aber mit Dogmen und grausamen Gesetzen werden Menschen erobert und versklavt. Neues Gedankengut konkurriert mit altem. Die Wissenschaft stürzt die Welt und richtet sie wieder auf.« Sie betrachtete das Bild eine Weile aus der Nähe. »Diese Karte steht für eine Frau oder einen Mann als Lehrmeister. Zwei Blumen blühen, eine weiße, eine rote – Gegensätze irgendwelcher Art. Aber die Acht bedeutet Wiedergeburt. Vielleicht strebt auch Ihr Lehrmeister danach. Es ist jemand, der hinaufklettern will – vielleicht den Baum der Erkenntnis oder die Leiter des Erfolgs. Er ist schlau, aber auch empfänglich für Schmeichelei und Nachahmung. Sehen Sie den Papagei?«

»Mir kam gleich mein Vorgesetzter im Amt in den Sinn. Ständig quakt er Bibelverse vor sich hin und gibt mir Ratschläge für die Wahl meiner zukünftigen Gattin.«

»Hm.« Sie zog an ihrer Pfeife. »Aber die Musik, die die beiden so zwanglos teilen, erinnert nicht an eine Hymne im Gesangbuch.«

»Ich wollte heute Nacht mit Carlotta eine Hymne auf Eros singen«, sagte ich und starrte das Paar auf der Karte an.

KAPITEL 7

Inspiration im Krug zum Sauschwanz

Quellen: E. L., Kapitän H., J. Blom

Trotz einer kurzen, schlaflosen Nacht stand ich am nächsten Morgen früh auf und verfasste einen feurigen Brief an Carlotta. Eine Seite voller Komplimente, gefolgt von einer Seite, auf der ich meine Bestürzung über ihre Abfahrt ausdrückte sowie meine diesbezügliche Vergebung und die Versicherung, dass von derselben Hellseherin, die Herzog Karl beraten hatte, mir das Vorwissen um unsere Liebe und Verbundenheit zugespielt worden war. Dass das Oktavo noch nicht vollständig war, spielte keine Rolle, ich hatte volles Vertrauen in seinen glücklichen Ausgang. Als ich mit dem Brief die Treppe herunterkam, fing meine Vermieterin Frau Murbeck – die ich im Allgemeinen um jeden Preis zu meiden suchte – wieder mit ihrer Leier über mein spätes Nachhausekommen und meine gelegentliche Katerstimmung an, bis ich ihr von meiner bevorstehenden Verlobung erzählte. Diese Neuigkeit verwandelte sie in eine zartfühlende Freundin. Sofort rief sie nach ihrem Sohn, den sie ständig wegen irgendeines Vergehens schalt, und bot mir dessen Dienste als Liebespostillion an. Doch bis zum Abend kam keine Antwort von Carlotta, was mich plagte wie eine Stechmücke – bis mir klar wurde, dass dies das Spiel des Freiens war und sie die Macht hatte, mich leiden zu lassen.

Mein Einsatz führte mich an jenem jämmerlichen Abend durch spritzende Pfützen und Spurrillen zu einem der vielen Docks auf Skeppsholmen, einer Insel gleich östlich der Stadt. In einem dicken Cape und hohen Stiefeln blickte ich auf einen durchhängenden Lastkahn, der so aussah, als wäre er öfter durchgeschüttelt worden als eine alte Hure. Solche Schiffe wurden oft vom Zoll kontrolliert – Wracks, auf denen Verzweifelte in der Hoffnung auf letzte Rettung segelten oder Kriminelle, die sie verlassen konnten, ohne dass der Verlust sie besonders hart traf. Der Kahn war bis oben hin mit Konterbande beladen und kam aus Riga. Eine erfolgreiche Passage belohnte das große Risiko. Nachdem Frankreich durch die Revolution seinen Status als Zentrum der zivilisierten Welt verloren hatte, waren Luxusgüter knapp, die Einfuhrsteuern hoch. Dieses Schiff hatte Spitze geladen. Sie war teuer in der Herstellung und eine beliebte Zierde für Männer, Frauen und Kinder sowie für das eine oder andere Schoßhündchen und würde ein kleines Vermögen einbringen. Schlechtes Wetter und Arbeit zu später Stunde schreckten mich nicht, schließlich bekam ich einen Teil der beschlagnahmten Güter.

Zwei Polizisten waren schon vor Ort, sie hatten mit dem Licht ihrer Laternen einen Seemann eingekreist. Der Festgenommene war ein drahtiger Mann mit einem runzligen Gesicht, er hatte eine kleine Ziehharmonika bei sich. Als er meinen roten Rock sah, nickte er respektvoll. »Eine schreckliche Nacht, Sekretär, ich wurde zufällig bei Fjäderholmarna abgetrieben«, sagte der Kapitän und schüttelte mir die Hand. »Wollen wir nicht ins nächste Wirtshaus gehen? Dort kann ich Ihnen im Trockenen und bei einem wärmenden Getränk meine Geschichte erzählen. Ich lade Sie natürlich ein.«

Ich sagte den Polizisten, dass der Fall eindeutig in die Zuständigkeit des Zollamts fiele und ich mich persönlich um den Halunken kümmern würde. Der Kapitän und ich gingen in den Krug zum Sauschwanz, wo eine Laterne einladend im Regen flackerte. Bei dem scheußlichen Wetter waren alle außer den eingefleischtesten Trinkern zu Hause geblieben.

»Für den Fall, dass es später Fragen geben sollte, möchte ich Ihren Namen lieber nicht wissen«, sagte er.

»Die wenigsten kennen ihn«, erwiderte ich, »ich aber kenne Ihren. Auf dem Amt wird oft über sie gesprochen, Kapitän Hinken.«

Er machte eine wegwerfende Handbewegung, als hätte er dieses Kompliment schon zu oft gehört. »Es ist nützlich, mich zu kennen, denn ich kann alles – und jeden – von A nach B transportieren, ohne dass der Rest des Alphabets es mitbekommt.« Er rief den Wirt, bestellte Glühwein und setzte sich. »Sie sehen aus wie der typische Zollbeamte, Sekretär«, hob Hinken an. »Gardemaß und -statur, ein ebenmäßiges Gesicht. Sie könnten jedermann sein und gefallen sich zweifellos darin, als jemand anders zu gelten. Auf den ersten Blick sind Sie eine angenehme und vertrauenswürdige Erscheinung, wenn man jedoch näher hinsieht …«

»Sie schmeicheln mir, Kapitän.«

»Ganz und gar nicht, Sekretär. Jede junge Dame würde mir zustimmen.« Er verlangte erneut nach den Getränken, und der Wirt eilte mit unseren Bechern herbei. Hinken wartete, bis der Mann außer Hörweite war, und fuhr fort: »Ich bin Seemann, Sekretär, daher ist allein schon die Haft für mich die Hölle auf Erden. Vielleicht können wir zu einer Übereinkunft kommen.«

Ich nickte, allerdings nicht zu enthusiastisch. Hinken bot mir eine Kiste russischen Wodka und ein Dutzend Rollen Spitze als Abschlagszahlung an, wenn ich einen Bericht über seine strenge Gesetzestreue verfasste und ihn nach Sankt Petersburg segeln ließ. Wir einigten uns auf drei Kisten Alkohol und eine halbe Kiste Spitze, dazu bekam ich sein Versprechen, mir irgendwann einmal eine heimliche Überfahrt zu ermöglichen, sollte ich sie je brauchen. Hinken schickte den Küchenjungen mit einer Nachricht für seinen ersten Maat aufs Schiff, und bevor wir noch die erste Runde ausgetrunken hatten, kam die Ware. Ich steckte eine Rolle Spitze in meinen Quersack und ordnete an, dass der Rest später geliefert werden solle. Für den Kapitän war es ein günstiges Geschäft – die Spitze erwies sich als so faserig, dass nur ein Fischweib ihr Mieder damit schmücken würde, und der Wodka war mittelmäßig –, für mich war es dennoch einträglich. In der Stadt konnte man Alkohol jeder Art verkaufen, und Flitterkram wie Spitze konnte man immer gebrauchen, um jemanden zu etwas zu überreden. Ich würde am Ende schon auf meine Kosten kommen.

Doch Hinken hatte noch etwas anzubieten: neueste Nachrichten von den Revolutionen auf dem Kontinent. England leckte sich noch die Wunden, die die abgelösten Kolonien geschlagen hatten. Hollands republikanischer Aufstand war von preußischen Stiefeln niedergetrampelt worden. Frankreich hatte gerade begonnen, den Inhalt seines kranken Magens von sich zu geben.

König Gustav hatte eine Sperre über Meldungen aus Frankreich verhängt, aus Angst, sie könnten im Land zu ähnlichen Ausschreitungen anstiften. Die Stammgäste des Wirtshauses waren also ganz hingerissen.

»Die Franzosen singen das Kampflied ›Ah! Ça ira!‹, inspiriert von einem amerikanischen Revolutionär namens Franklin. Aber ich bezweifle, dass alles gut werden wird. Die Leute emigrieren zuhauf – Ratten, die wissen, dass das Schiff bald sinken wird. Die Zeichen stehen auf Sturm, Sekretär«, sagte Hinken, »und alles aus Frankreich weht nach Norden.«

»Wir hatten bereits unsere Revolution – ganz ohne Sturm, dank unserem König.«

Hinken schürzte die Lippen und schüttelte wissend den Kopf. »Nein, der Sturm kommt erst noch.«

Diese Neuigkeit verdüsterte die Stimmung in der Schänke, und so bat ich Hinken, seine Ziehharmonika zu nehmen und etwas Fröhliches zu spielen. Ich winkte dem Schankmädchen für eine weitere Runde und hoffte, ein hübsches Gesicht würde meine Moral heben. Das Mädchen kam ziemlich zügig, aber ich könnte nicht sagen, dass irgendetwas dadurch gehoben wurde. Es war schmächtig, hatte ein ausgemergeltes Gesicht und hellblaue Augen unter spärlichen Brauen, eine Stupsnase, dünne Lippen und stumpfes braunes Haar, das zu einem Knoten gebunden war. Die Kleidung war schlecht geschnitten und von schwermütigem Grau, das verriet, dass das Mädchen erst kürzlich aus irgendeinem abgelegenen Landstrich in die Stadt gekommen war. Doch seine Haut fiel mir auf, sie war weich und weiß wie Milch, die Schatten um die Augen leuchteten lavendelblau. Das Mädchen hatte keine einzige Sommersprosse und auch kein Muttermal, nicht einmal an den Händen – erstaunlich für jemanden, der für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste. »Armes Ding«, sagte ich zu Hinken, »sie wird es hier nicht lange machen.«

»Das will ich hoffen, Herr«, sagte sie kurz angebunden, als sie das Tablett abstellte. »Sind Sie mit meinen Diensten unzufrieden?«

»Keineswegs, Fräulein«, sagte ich und nahm mein Getränk.

»Sie sind uns kaum aufgefallen.« Hinken langte nach seinem Becher.

»Und ich freue mich zu hören, dass Sie höher hinauswollen«, sagte ich, »aber Ihre Kleidung ist eher für …«

»Den Friedhof?«, unterbrach sie mich und drückte das leere Tablett an ihre Brust. »Sie haben recht, denn ich bin erst kürzlich wiederauferstanden und brauche bessere Kleider. Wie würden Sie denn Ihre Bedienungen ankleiden, Herr Sekretär? Vielleicht mit Ärmeln, die in duftiger schneeweißer Spitze auslaufen? Und wenn nicht Weiß, dann würde sich auch Eierschale hübsch machen.« Sie deutete mit dem Kinn auf die Kisten mit Bestechungsware von Hinken. »Vielleicht könnten Sie mir helfen, Ihren hohen Ansprüchen zu genügen, Sekretär. Es braucht nicht viel, um mir den Mund zu stopfen.«

Es lag nicht in meinem Interesse, dass mein Geschäft mit Hinken hinausposaunt wurde, und ich musste zugeben, dass das Mädchen einen klugen Zug gemacht hatte. Ich gab ihm eine Rolle Spitze aus der Kiste und setzte mich schnaubend hin. »Können Sie uns Brot und Dörrwurst bringen, Fräulein …?«

»Grå«, sagte sie und ging zum Hinterzimmer.

Hinken und ich brachen in Gelächter aus, doch der Kapitän verstummte abrupt, als Fräulein Grå sich umdrehte und uns ansah, ihr Gesicht verhärmt.

»Dazu gibt es eine Geschichte«, sagte sie.

Ich brauchte fast ein Jahr, um sie vollständig zu erfahren.

Ihr Nachname war in der Tat Grå. Als sie aus Gävle, einer Kleinstadt zwei Tagesreisen im Norden, nach Stockholm kam, passte dieser Name auch perfekt auf sie. Denn Johanna Grå und ihre ganze Familie trugen nur Grau. Johannas Mutter, eine außergewöhnlich gottesfürchtige Frau, betrachtete es als eine Beleidigung für den Allmächtigen, wenn man sich mit bunten Kleidern schmückte. Der Mensch war farblos geboren und sollte sein Leben mit Beten verbringen, bis er über die Brücke des Todes ins schillernde Paradies käme. Die Kleiderfarbe, die Frau Grå für das Erdenleben vorzog, war die Farbe der Buße und eine Erinnerung an das irdische Jammertal: ein Novemberhimmel voller Kälte und beißendem Regen. Da Farblosigkeit für Frau Grå ein Zeichen von Reinheit war, rieb sie Johannas Haut mit Creme ein, damit sie keinen Sonnenbrand und keine Sommersprossen bekäme. Und so blieb Johannas Haut so durchscheinend hell, wie andere Frauen es nur mit Arsenpulver erzielten. Abgesehen von ihrer ätherischen Blässe setzte sich Johanna durch ihre Arbeit noch mehr von den anderen Mädchen im Dorf ab. Ihre beiden älteren Brüder waren an der Cholera gestorben, und Herr Grå brauchte Hilfe in der Apotheke. Mit vierzehn Jahren konnte Johanna lesen und schreiben, sie beherrschte ein bisschen Latein und Französisch und verstand sich auf Botanik und Arzneien, doch ihre Hauptaufgabe war die Suche, der Anbau und die Herstellung von Ingredienzien, aus denen viele einfachere Medikamente bestanden: Löwenzahn, Wacholder, Kamille, Hagebutte, Stechapfel, Holunderblüte, Bärentraube, Arnika. In den gemäßigten Jahreszeiten holte sie ein, zwei Mal im Monat Blutegel, dann stand sie barfuß im Weiher, bis ihre Beine schwarz davon waren. Die gesammelten Pflanzen und Tierchen brachten der Familie Geld, um Kräuter und Arzneien zu kaufen, die sie nicht selbst anbauen, sammeln oder herstellen konnten.

In diesen Pflanzen und Blumen entdeckte Johanna einen ganzen Regenbogen. Sie fing an, die Pigmente zu trocknen oder zu mazerieren, um die Farben zu bewahren. Sie studierte die Färbungen der Wurzeln, Samen, Blüten und Rinden, die sie trocknete und zu Pulver zermahlte. Wenn sie die Pigmente in Leinöl oder Alkohol gab, erzielte sie die buntesten Ergebnisse. Ihrem Vater sagte sie, sie würde auf diese Weise Botanik und Pharmazeutik studieren, ihrer Mutter sagte sie, es sei ein persönliches Gebet. Manche ihrer Mixturen hatten heilende Eigenschaften, und sie schlug ihren Eltern vor, durch deren Verkauf das Familieneinkommen aufzubessern. Die schmackhaften Tinkturen waren wohltuend und wurden schnell beliebt, vor allem eine, die Herr Grå das »Anti-Katzenjammer-Tonikum« nannte. Es bestand aus Ingwer, Kardamom und Schnaps. In der klaren Flüssigkeit schwammen winzige weiße Teilblüten der Schafgarbe, und es kurierte so manch einen Kater im umliegenden Land, während es ein beachtliches Sümmchen in die Kasse spülte.

Die Grås erlebten ein Jahr der Blüte und der relativen Ruhe, bis Johanna mit sechzehn zur Frau wurde. Frau Grå betrachtete dies als den Eintritt ihrer Tochter in den gefährlichen Schärengarten der Weiblichkeit und hielt ihr täglich Standpauken gegen die Todsünde der Lust. Sie stachelte ihren Mann dazu an, grauenerregende Geschichten über verstümmelte Dirnen aus dem Alten Testament vorzulesen, sie nahm Johanna das farngrüne Haarband weg, das diese in ihrem Leibchen versteckte, und verbrannte es als den Keim der Liederlichkeit. Doch diesbezüglich war ihre Angst unbegründet – weder hatte Johanna fleischliche Gelüste, noch wurde ihr vom anderen Geschlecht jemals die geringste Aufmerksamkeit zuteil. Es war, als hätte sich die neutrale Chemie, die ihre Erscheinung bestimmte, mit dem Odem des Keuschheitsengels vermischt. Johanna wäre es nicht im Traum eingefallen, ihre eigene Hand über die weiche Haut ihrer Brüste und ihres Unterleibs wandern zu lassen, um zu erkunden, was sie zwischen den Beinen hatte. Ihre körperliche Reife weckte in ihr einzig und allein des Öfteren das Bedürfnis nach einem Bad. Als Frau Grå die natürliche Tugendhaftigkeit ihrer Tochter erkannte, betrachtete sie diese als einen Segen des Herrn und fing an, ein passendes Gegenstück für sie zu suchen. Herr Grå sah sich nach einem neuen Lehrling um. Aber die Dinge liefen nicht nach dem Plan Gottes oder dem Plan der Grås. Und auch nicht nach dem der jungen Johanna.

Hinken nahm Johannas Hand und steckte ihr eine Münze zu. »Wir haben es nicht böse gemeint, Fräulein Grå.«

»Sie haben ein gutes Herz, Kapitän«, sagte ich und wünschte spontan, ich wäre der Großzügige gewesen.

»Es wird durch Übung weicher, Sekretär«, sagte Johanna.

Ich fischte eine Münze aus meiner Tasche und reichte sie ihr. »Ich nehme an, ich kann klein anfangen.«

»Ein kleiner Schlüssel kann ein großes Tor öffnen«, sagte sie und ging weg.

Hinken und ich stießen mit unseren Bechern an, dann zog ein lauter Tisch mit Spielern unsere Aufmerksamkeit auf sich. Sie waren in eine Partie Poch vertieft, ein altes elsässisches Kartenspiel, das an einem Pochbrett gespielt wurde, bestehend aus acht Feldern für die Einsätze und einem Mittelfeld für den Talon. Ich verfolgte eine Weile das Melden und Pochen, dann studierte ich das Brett mit den acht Feldern, die mich an meine Verabredung mit Madame Sparv erinnerten. Die Felder waren mit Begriffen wie Mariage, König und Bube benannt. Es war schon nach elf Uhr, und bei dem Gedanken, in der regendunklen Nacht in die Gråmunkegränd zu eilen, verfinsterte sich mein Gesicht, aber wenn ich mich nicht zeigte, wäre ich selbst der Leidtragende.

Hinken stieß mich in die Rippen. »So ein düsteres Gesicht, Sekretär – das kann man mit einem Liedchen vertreiben. Hier kommt endlich die Musik, um die Sie gebeten haben.« Er nahm seine Ziehharmonika von der Nebenbank und stimmte sich mit einer einfachen Tonleiter ein: c, d, e, f, g, a, h, c’.

»Das ist eine Oktave, nicht wahr?«, fragte ich. »Der erste und der letzte Ton sind gleich.« Hinken nickte.

»Warum muss man den Grundton wiederholen? Warum können es nicht sieben Töne sein, warum müssen es acht sein?«

Hinken runzelte bei dieser verwirrenden Frage die Stirn. Er spielte ein paarmal die Tonleiter hinauf und hinunter und ließ jeweils den letzten Ton aus. Dann setzte er seine Ziehharmonika ab und zuckte mit den Schultern. »Es klingt einfach nicht stimmig, man braucht alle acht Töne.«

»Dann … dann ist das also eine Wahrheit«, fragte ich ruhig, »im weiteren Sinn?«

Wieder zuckte Hinken mit den Achseln und fing an zu spielen, doch nach zwei melancholischen, mit falschen Tönen durchzogenen Balladen hatte der Wirt genug und sagte, er solle aufhören. Die letzte Bestellung wurde ausgerufen, das Knarren der Stühle und Bänke, die auf die Holztische gestellt wurden, mischte sich in das Scheppern aus dem Spülstein im Hintergrund. Johanna streute Sägemehl und Sand auf die Bodendielen und machte sich ans Auskehren.

»Was wissen Sie sonst noch über Oktaven und Achterkonstellationen?«, fragte ich Hinken. Johanna kam näher, sie fegte so langsam, dass man ihren Besen kaum hörte.

»Die Acht hat mir immer Glück gebracht, Herr Sekretär. Es gibt zwar nur sieben Meere, aber mein Schiff heißt Der Achte – ich nenne es Henry. Ein Schiff hat zwar selten einen Männernamen, meines aber schon.«

Johanna stützte sich auf ihren Besen. »Mein Vater ist Apotheker, er hat Kräuter von einem Chinesen gekauft, der eine Tätowierung in Form einer Acht hatte, sie begann am Mittelfinger und zog sich über den ganzen Unterarm bis zum Ellbogen. Der Chinese huldigte den ›Acht Unsterblichen‹, die Reichtum und ein langes Leben schenken. Er erzählte meinem Vater, die Acht sei die beste Zahl und stehe für Glück.«

Hinken nickte. »Und die aus dem Fernen Osten sind die glücklichsten Bastarde! Alle, die ich getroffen habe, hatten noch sämtliche Zähne im Mund«, sagte er. »Aber warum fragen Sie, Sekretär?«

»Eine Wahrsagerin hat begonnen, mir mit acht Karten ein sogenanntes Oktavo zu legen«, antwortete ich. »Ich sollte jetzt bereits bei ihr sein, damit wir die nächste Karte legen können.« Ich blickte zum Nebentisch und dem verlassenen Pochbrett mit den acht Mulden um die leere Mitte herum. »Ich musste ihr gegenüber einen Schwur leisten, dass ich das Oktavo beende. Es führe zu meiner Wiedergeburt, sagte sie.«

»Und welche Art von Wiedergeburt soll Ihnen das Oktavo bescheren, Herr Sekretär? Reichtum und ein langes Leben wie die Unsterblichen des Chinesen?«, fragte Johanna.

»Sie sagte, es würde mir Liebe und Verbundenheit bringen, aber das bekomme ich sowieso, Karten hin oder her. Ich bin fast verlobt.«

»Meinen Glückwunsch!« Hinken schlug mir auf den Rücken. »Und mein Beileid.«

Ich reckte die Arme und spürte, wie die Gelenke an meinen Schulterblättern knackten. »Vielleicht kann ich stattdessen morgen Nacht gehen.«

Hinken stand so jäh auf, dass er sich an mir festhalten musste, um nicht zu fallen. »Es ist riskant, einen Schwur zu brechen, vor allem wenn die Hellseherin eine wahre Gabe hat. Sie könnte Sie dafür verfluchen.«

Madame Sparv würde zwar ungern ihren Partner im Falschspiel verlieren, aber sie hatte tatsächlich gesagt, dass Suchende, die das Oktavo nicht ernst nahmen, auf ihrem Weg strauchelten. Und ich sollte mir das reiche Schiff namens Carlotta mit allen Mitteln sichern. »Sie haben recht, Hinken, es wäre weise, die Sache durchzuziehen. Als eine Art Zusatzversicherung für meinen Erfolg.«

»Stecken Sie Ihren Kurs ab, dann kommen Sie ans Ziel Ihrer Wahl«, riet mir Hinken, als er seinen Mantel überzog. »Ich würde Sie ja gern zu dieser Wahrsagerin begleiten, aber Sie werden verstehen, dass es für uns beide das Beste ist, wenn sich unsere Wege hier trennen.«

»Und wie kann ich Sie finden, um die Gefälligkeiten abzuholen, die Sie mir schulden?«, fragte ich und hob meinen roten Rock vom Boden auf.

Kapitän Hinken öffnete die Tür, der Regen schlug mir kalt ins Gesicht.

»Tantchen von Platen, meiner Cousine, gehört das orangefarbene Haus in der Baggensgatan. Dort in der Mansarde biwakiere ich zwischen meinen Fahrten und in den Monaten, wenn die Ostsee zugefroren ist. Sie weiß, wo ich zu finden bin.«

Ich pfiff und nickte. Johanna griff aufgeregt nach ihrem Besen, selbst sie wusste von dem berüchtigten orangefarbenen Haus in der Straße der Huren. »Ich hoffe, dieses Vergnügen zu haben«, sagte ich.

KAPITEL 8

Bissspuren

Quellen: E. L., Madame S.

Ein Boot wäre die schnellere Verbindung zurück zur Stadt gewesen, doch selbst wenn ich eines gefunden hätte, wäre ich durchnässt und seekrank angekommen, die Fährfrau hätte mich im Kampf gegen den Wind einmal zur Hölle und zurück geschickt. So saß ich nun dankenswerterweise in der dunklen Kabine einer Kutsche, nur der leichte Schimmelgeruch, das zeitweilige Geräusch des Regens und der Hufschläge leisteten mir Gesellschaft. Ich hoffte, ich wäre nicht zu spät dran und Madame Sparv würde mir einen starken Kaffee mit Zuckerstücken und Sahne kochen.

Nahe der Sankt-Nikolai-Kirche stieg ich aus, um noch ein wenig frische Luft zu schnappen, und wankte die dunkle, nebelverhangene Gråmunkegränd hinunter. Aus den Vorderfenstern kam ein einladender Lichtstrahl, also stieg ich die Treppen hinauf und klopfte. Katarina öffnete einen Spaltbreit, sagte aber nichts, ihre müden Augenringe sahen aus wie blaue Flecke.

»Ich wurde um elf erwartet, Katarina, habe mich aber leider verspätet.«

»Madame Sparv hat eine private Unterredung, Herr Larsson, und es ist schon spät.« Sie wollte mir wieder die Tür vor der Nase zumachen, aber ich zog die Spitzenrolle aus meinem Ledersack und reichte sie ihr. Ihre Augen weiteten sich ungläubig, sie nahm die Rolle und sagte, ich solle ihr in den Warteraum folgen. Sie ging auf Zehenspitzen, und ich tat es ihr in meinem betrunkenen Zustand gleich, denn ich wollte die Hausherrin nicht stören, die sicherlich mit den Geistern der Geschäftstüchtigkeit verbunden war.

Nach dem Spaziergang war mir nass und kalt. Ich zog mein Cape und die Stiefel aus, hängte sie zum Trocknen neben den Ofen und setzte mich. Meine Füße verbreiteten einen fürchterlichen Gestank, und so öffnete ich das Fenster, um zu lüften, zitterte aber bald in der kalten Nachtluft. Vor Unbehagen ging ich auf und ab und steckte alle paar Runden meinen Kopf durch die Tür, um nachzusehen, ob Madame Sparvs später Kunde sich endlich verabschieden würde. Dann hörte ich tatsächlich ihre Schritte auf der Treppe, und die Tür öffnete sich knarzend.

»Sie kommen zu spät«, sagte Madame Sparv.

»Aber ich habe einen Eid abgelegt.«

Sie sah auf meine nackten Füße und rümpfte die Nase, dann brachte sie ihren Kunden hinaus. Ich zog schnell meine Stiefel an. Als Madame Sparv zurückkam, stellte sie sich mit verschränkten Armen in die Tür. »Haben Sie eine Entschuldigung?«

»Ich wurde bei der Arbeit auf Skeppsholmen aufgehalten. Sie wissen, dass meine Stelle beim Amt auf der Kippe steht, und ich kann mich nicht drücken, nicht einmal um des Oktavos willen«, sagte ich.

Empört schüttelte sie den Kopf, und wir gingen ins obere Zimmer hinauf.

»Heute Nacht erscheint der Kurier. Ich hoffe, er ist bereits in der Nähe, denn ich bin sehr müde.« Gähnend legte sie das Diagramm und das Kartendeck auf den Tisch.

Doch der Kurier muss in Schonen gewesen sein – er brauchte fast neun Runden, um zu kommen.

»Sehen Sie sich das an – noch mehr Stempelkissen. Aber auf dem Paket, das er trägt, steht ein Weingefäß, das Zeichen Ihres Gefährten«, sagte sie.

»Ich habe Carlotta heute einen Brief geschrieben«, sagte ich und versuchte fieberhaft, mich an die Einzelheiten von heute Morgen zu erinnern. »Der Sohn meiner Vermieterin hat ihn überbracht.«

Madame Sparv ignorierte meine Erregung. »Ihr Kurier wird ein zuverlässiger Bote sein, entweder bringt er Ihnen ein Schreiben, oder er liefert eines für Sie aus. Das kann ein Mal oder auch öfter geschehen. Denken Sie doch, wie viele Leben sich verändert haben durch einen Brief, der verlorenging, oder durch eine Nachricht, die genau in der Stunde der Not eintraf.«

»Ich muss mich vergewissern, ob der Brief überbracht wurde«, sagte ich und erhob mich halb vom Stuhl.

Madame Sparv tätschelte meinen Arm. »Konzentrieren Sie sich auf das hier. Die Vier ist geerdet, der Kurier wird also seriös und ehrlich sein, ein praktisch veranlagter Mann, der mit wertvoller Ware handelt. Und er ist fleißig, denn hier sind wieder Rohrkolben. Nach seinen eleganten Kleidern zu urteilen, ist er auch erfolgreich. Aber er blickt zurück auf etwas, und das ist nicht sein Gehilfe. Er hat Angst, dass man ihm folgt. Oder vielleicht empfindet er Reue.«

»Es kann gar keinen anderen Weinhändler geben außer Vingström«, sagte ich und drehte mich zur Tür.

»Haben Sie mir überhaupt zugehört?«, fragte sie.

Draußen setzte ein Regenschauer ein. Ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her und sah wieder Madame Sparv an. »Vielleicht haben Sie sich in Bezug auf diese Vision geirrt – ich hatte noch nie Glück im Leben.«

»Nein, es war kein Irrtum, die Vision bezog sich auf Sie. Und Glück ist meistens das Ergebnis harter Arbeit«, sagte sie mit müde klingender Stimme.

Ich nickte und spielte mit dem flüssigen Wachs, das sich in einem erloschenen Kerzenstumpen sammelte.

»Emil, warum zaudern Sie?«, fragte sie nun liebevoller.

»Es … es hieß früher, ich sei verflucht, Madame Sparv.«

»Das halte ich für unwahrscheinlich.« Sie zündete die Kerze wieder an, ging aber nicht zum Tisch zurück, sondern setzte sich in einen der beiden Lehnstühle am Ofen. »Aber erzählen Sie mir davon, ein mitfühlenderes Ohr werden Sie nicht finden.«

»Ich war fast zwölf, als meine Mutter mit einem unehelichen Kind schwanger war. Sie fürchtete, die Geburt nicht zu überleben, und wollte mir unbedingt von meiner eigenen Geburt erzählen. Anscheinend wurde ich mit zwei winzigen Zähnchen in meinem rosafarbenen Unterkieferzahnfleisch geboren. Meine Mutter behauptete, ich sei begnadet, die alte Hebamme aber holte umgehend den Pfarrer und nannte es das ›Zeichen der Bestie‹. Sie erzählte es überall herum, und die alten Weiber in der Katharinenkirche spuckten auf den Boden und hoben abwehrend die Hand gegen den bösen Blick, als meine Mutter mich dort taufen ließ. Bald tuschelte ganz Södermalm. Die Hausnachbarn vom unteren Stockwerk meinten, ich sei wohl ein Troll und man solle mich in die Berge zurückbringen. Andere schlugen meiner Mutter vor, mich zum Barbier zu bringen und diese Zähne ziehen zu lassen – besser, gar keine Zähne zu haben, denn als Sohn des Satans heranzuwachsen und dem Gesegneten die Hand abzubeißen. Mutter weigerte sich, und die Nachbarn verziehen es ihr nie.« Ich ging auf die andere Seite des Raums und setzte mich auf die Armlehne des Stuhls Madame Sparv gegenüber. »Als ich größer wurde, sorgte Mutter dafür, dass ich immer in ihrer Nähe war, und ließ mich verschwinden, indem sie mich in die Falten ihrer Röcke drückte. Sie brachte mir bei, den Mund zu halten und unter keinen Umständen auf mich aufmerksam zu machen. So lernte ich, zu beobachten und zuzuhören. Ich lernte, ein Niemand zu sein. Als ich meine Mutter fragte, was aus diesen Babyzähnen geworden sei, sagte sie mir, dass sie binnen vierzehn Tagen nach meiner Geburt wundersamerweise verschwunden wären.«

Madame Sparv war ganz rot geworden vor Ärger über meinen Bericht. »Und wie das?«

»Ich glaube, Mutter hat sie gelockert und gezogen. Vielleicht sind sie auch ausgefallen. Jedenfalls sind mein Vater und meine Mutter im Grab gelandet, und meine Schwester wurde tot geboren. Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich verflucht bin.« Ich schluckte trocken und fing dann wieder ihren Blick auf. »Sehen Sie doch, wie die Dinge jetzt mit Carlotta stehen! Wie soll ich Liebe und Verbundenheit finden, wenn der Teufel mich ausersehen und gezeichnet hat?«

»Unsinn. Der Teufel kann Sie nicht zeichnen. Aber manche Leute wollen sein Zeichen unbedingt in anderen sehen, vor allem in unsicheren Zeiten. Die Angst übertrumpft die Vernunft, und bevor die Leute überhaupt anfangen, das Gute zu suchen, haben sie das Schlechte schon gefunden.« Sie stand auf, ging zum Tisch und beugte sich über die fünf Karten. »Sie sind zu etwas ganz anderem ausersehen, Herr Larsson. Wenn das Oktavo vollständig ist, werden Sie es verstehen.«

KAPITEL 9

Teufelszeug

Quellen: E. L., Madame S., A. Vingström

Am folgenden Tag spazierte ich nach dem Kaffee in der Schwarzen Katze zu Vingströms Weinhandlung, in der Hoffnung, Carlotta anzutreffen und mich zu vergewissern, dass sie meinen Brief bekommen hatte. Herrn Vingströms Willkommensgruß baute mich mächtig auf, doch als ich mich nach dem Befinden der Tochter erkundigte, holte seine Frau aus und erschlug mich mit einem einzigen Satz: »Carlotta ist verlobt, Herr Larsson.«

Ich schluckte den spanischen Crianza, den ich im Mund hatte, mit nervöser Hast hinunter. »Mit wem?«

»Na, na, Magda, das können wir so noch nicht sagen«, widersprach Herr Vingström. Sie aber hob die Hand und gebot ihrem Gatten zu schweigen, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und knallte die Tür zum Lager hinter sich zu.

»Ist das wahr, Herr Vingström?«, fragte ich und drückte bange mein Glas in der Hand.

Er öffnete die Tür einen Spalt, um nachzusehen, ob seine Frau auch wirklich weg war. »Carlottas Gönnerin hat ihr einen möglichen Kandidaten vorgestellt, einen Leutnant mit Verbindungen zu Adelskreisen. Meine Gattin hofft, dass die Verlobung bald bekanntgegeben wird.« Er goss einen Schluck Wein in ein Glas und schwenkte es. »Ich für meinen Teil halte ihn für einen großspurigen Grünschnabel, der nicht die Kraft hat, den Stürmen der Ehe standzuhalten. Vor allem mit meiner Carlotta.« Er schwenkte den Wein im Mund, dann spuckte er ihn in einen Napf. »Wollen Sie kosten?«, fragte er mich lächelnd.

Ich trank ein Glas mit Herrn Vingström, lobte Carlotta und stellte mir die ganze Zeit vor, wie es wohl sein mochte, ihn Vater zu nennen. Es war kein unangenehmer Gedanke, wiewohl merkwürdig, denn er war ein Käufer meiner beschlagnahmten Waren, und ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie zu jemandem Vater gesagt. Als ich aufbrach, gaben wir uns die Hand. »Bitte übermitteln Sie Ihrer reizenden Tochter meine besten Wünsche. Mehr als alles andere verdient sie Glück!«

Lustlos ging ich zum Abendessen in den Pfauen, danach spielte ich in der Gråmunkegränd Karten, bis Katarina mir auf die Schulter klopfte – Madame Sparv war so weit und wartete oben am Tisch.

»Machen Sie es sich bequem, Herr Larsson. Der Betrüger lässt sich für gewöhnlich Zeit.«

Madame Sparv betrachtete die Karte, die nach zwölf ermüdenden Runden auftauchte. »Wieder Stempelkissen. Hier haben wir eine weitere arbeitsame Person, sie ist aber nicht unbedingt diejenige, die sie zu sein scheint. Der Betrüger kann den Hofnarren spielen, der aber ist oft der beste Berater des Königs. Anderseits … nun, gilt nicht der Satan als Vater aller Lügen?« Sie reichte mir die Karte.

»Sieht aus wie Frau Murbeck.« Ich sah ihren fragenden Blick. »Meine Vermieterin. Sie schimpft ständig mit ihrem Sohn.«

»Lassen Sie sich nicht zu vorschnellen Schlüssen verleiten, Herr Larsson. Ihr Betrüger kann nach außen hin anders erscheinen, als er ist – wie im Märchen von der alten Hexe, die sich in eine hübsche Maid verwandelt, wenn man ihr Achtung und wahre Zuneigung zollt. Oder im Märchen vom Zauberer, der sich als Einfaltspinsel verkleidet, nur zu dem Zweck, einen zu verführen. Mit der Betrüger-Karte müssen Sie vorsichtig sein, besonders wenn es eine Sieben ist – denn das ist die Zahl des okkulten Mysteriums: Abrakadabra.«

Ich betrachtete die Karte genauer. »Der Mann sieht zu einfältig aus, um ein Magier zu sein. Aber die Frau ist geschäftstüchtig. Sehen Sie, wie sie ihn verflucht.«

»Sind Sie sicher, dass es ein Fluch ist und nicht ein Segen?«

»Oh!« Ich spürte, wie mir das Blut zu Kopfe stieg. »Das sind die Vingströms! Ich habe sie heute getroffen, Carlottas Vater war herzlich, aber die Mutter stürmte aus dem Laden, nachdem sie vor ihrem Mann die Hand gehoben hatte. Und der umgekippte Korb heißt wohl, dass Carlotta für mich verloren ist. Sie hat mir nicht mehr geschrieben, und ihre Mutter hat gesagt, sie würde sich bald verloben.«

»Sie ziehen in jeder Hinsicht zu schnelle Schlüsse. Die acht Karten sind noch nicht vollständig, und Familien sind kompliziert. Ich fürchte, ich sage das eher aus meiner Beobachtung heraus denn aus jüngerer eigener Erfahrung.« Sie stand auf und goss sich ein Glas Wasser ein. »Was ist mit Ihrer Familie? Es würde mir helfen, Ihr Oktavo besser zu deuten, wenn ich mehr über Sie wüsste.«

Ich stand auf und ging ans offene Fenster, der weiche Vorhang strich mir über die Wange. »Meine Familie ist Stockholm.«

»Aber Sie hatten Eltern, vielleicht Geschwister, Cousins und Cousinen …«

»Man hat mir gesagt, mein Vater sei Musiker gewesen. Er starb, bevor ich ihn kennenlernen konnte. Ich wurde nach seinem besten Freund benannt, einem französischen Violinisten. Aber Emil ist ein zu vornehmer Name für mich. Alle nennen mich nur Larsson oder jetzt Sekretär.«

»Mir gefällt der Name Emil. Vielleicht sind Sie noch nicht in ihn hineingewachsen«, sagte sie. »Wie ich in Sofia.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Nach dem Tod meiner Mutter schickte man mich zu entfernten Verwandten, weil niemand sonst mich aufnehmen wollte. Eine ausgedehnte neunköpfige Familie, die in Småland den Boden beharkte und das Ganze Landwirtschaft nannte. Zehn Jahre lang grub ich Steine aus der Erde, starrte in dunkle Kiefernwälder und aß Rindenbrot und Pökelfleisch von jedem toten Tier, das mein Onkel anschleppte. In einem rauen Wintermonat aßen wir nur Dachs und Wassersuppe.« Madame Sparv verzog das Gesicht. »Doch dort lernte ich von einem Nachbarn den segensreichen Zeitvertreib des Kartenspiels, er war der einzige nette, aufrichtige Mensch, den ich je getroffen habe. Er schenkte mir zum Dreikönigsfest ein Deck – eine Großzügigkeit, die dem Mitleid geschuldet war. Wer weiß? Als mein frommer Onkel die Karten fand, verbrannte er sie und schlug mich blutig. Beim Sonntagsgebet verkündete er, dass ich mich mit Teufelszeug eingelassen hätte und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden müsse. Er verbannte mich in die Scheune.«

»Ich kenne den Kummer eines Außenseiters gut«, sagte Madame Sparv.

»Ich lief weg, zurück in die Stadt, und schlug mich so durch. Als Lampenanzünder, Vogelfänger und schließlich als Gehilfe in den Docks. Wissen Sie, was ich mir für meinen ersten zusätzlichen Skilling gekauft habe?«

»Eine richtige Mahlzeit, hoffe ich.«

»Ich kaufte zweiundfünfzig Karten Teufelszeug, Madame Sparv, und die haben mich weit gebracht. Ich habe in der Werft angefangen, wo die Dockarbeiter in ihren Freistunden Rommee mit niedrigen Einsätzen spielten. Damit kam ich aus, bis ich Rasmus Bleking traf, einen Sekretär beim Zollamt. Er brauchte einen Jungen, der die Stadt kannte wie seine Westentasche und der den Mund halten konnte. Der Junge musste alles tun, was Bleking verlangte – was sich am Ende als dessen eigene Arbeit herausstellte. Er bot mir ein mageres Taschengeld, eine Mahlzeit am Tag und die Bodenkammer in seiner Hütte auf Södermalm am Fatburs-See, einem stinkenden Tümpel voller Scheiße, Unrat und Kadavern.« Madame Sparv sog die Luft ein. »Aber ich hatte meine Karten, und meine Reise hatte gerade erst begonnen. Im Spiel war Bleking ein Dummkopf, und ich bot an, ihm beizubringen, was ich wusste. Ich ließ ihn nicht einmal gewinnen, damit er die Lust nicht verlor, ich knöpfte ihm schlicht und ergreifend sein Geld ab. Wir spielten Tag und Nacht, bis er es mit mir aufnehmen konnte. Im Gegenzug brachte er mir lesen und schreiben bei – was für ihn ein gutes Geschäft war, denn so konnte ich auf dem Amt seinen Papierkram erledigen. Doch für mich war es ein noch besseres Geschäft: Als er starb, behielt ich die Stelle und sein Zimmer und klammerte mich daran, bis die Karten mich in die Gråmunkegränd und zu Ihnen führten. Letztes Jahr kaufte ich Blekings Sekretärtitel und zog wieder zurück zu meiner Familie: in die Stadt.«

»Und nun?«, fragte sie.

»Nun habe ich mein Ziel erreicht, Madame Sparv. Ich werde im Amt und in der Stadt bleiben, bis ich meinen Posten verkaufe oder sterbe. Vorausgesetzt, mein Oktavo bildet sich schnell genug heraus, dass ich meinem Vorgesetzen zu Willen sein kann. Er ist bereit, noch bis zu seinem Namenstag im August zu warten, aber nur weil er die De Geers hasst.«

KAPITEL 10

Der Schlangenkoch

Quellen: E. L., Madame S.

Die Arbeit auf dem Amt hätte an diesem Tag nicht schlimmer sein können. Das endlose Ordnen offizieller Unterlagen und das Brummen meines Vorgesetzten bescherten mir rasende Kopfschmerzen. Selbst die Schwarze Katze enttäuschte mich, nachdem sie den Kaffee dort mit gerösteter Zichorie aufbrühten, um ein paar Öre zu sparen. Und das Schlimmste überhaupt: Ich hörte nichts von Carlotta. Der Leutnant hatte wohl den Sieg davongetragen – doch dann erinnerte ich mich an den Vorteil meiner acht Karten. An diesem Abend legte sich leichter Nebel auf die Straßen, aber der Vollmond schien am Himmel und verwandelte ihn in eine schimmernde Wolke, die die Stadt einhüllte. Magie lag in der Luft, und meine Hoffnung flammte wieder auf.

»Der Leutnant hat seinen Rivalen unterschätzt«, sagte ich, als ich mich an meinen gewohnten Platz im oberen Zimmer setzte. »Ich werde Carlotta für mich gewinnen, Madame Sparv.«

»Ist das Ihr Verständnis von Liebe und Verbundenheit?« Sie sah mich missbilligend an, während sie die Karten mischte. »Es ist ein hohes und geheimnisvolles Privileg – bedeutend genug, um dafür ein Oktavo zu legen. Sie aber reden daher, als wäre das Mädchen der Topf auf einem Spieltisch unten im Saal.«

»Ich gewinne eben gern – so wie Sie auch!«, sagte ich und zog meinen Umhang aus. »Ist das nicht Sinn des Spiels? Carlotta ist der Hauptgewinn: ein hübsches Vögelchen, ein gemachtes Nest, ein behütetes Heim und eine Zukunft im Amt.«

»Das klingt für mich nach einem Käfig.« Madame Sparv schob die sechs bekannten Karten zur Seite und legte aus. Der Geschwätzige musste es eilig gehabt haben, zu Wort zu kommen, denn er kam schon in der zweiten Runde.

»Die sechste Position. Der Geschwätzige. Wieder Stempelkissen! Sie haben viele Personen aus Handel und Gewerbe um sich. Der Geschwätzige redet und redet – entweder spricht er zu Ihnen oder über Sie. Sein Gerede hat hier viele mögliche Quellen und Themen. Die Karte ist schwer zu deuten. Aber es ist eine schöne Karte. Mir gefällt die Dame darauf. Und der Arm des Edelmanns liegt so liebevoll auf ihrer Schulter. Die Zahl Fünf steht für Veränderung und Bewegung. Die Personen scheinen es zu genießen.«

Ich nahm einen Schluck Bier aus dem Glas, das Katarina mir gebracht hatte. »Vermutlich wird der Leutnant einiges zu sagen haben, wenn er mich mit Carlotta im Arm sieht.«

Madame Sparv verdrehte die Augen. »Ich bin beeindruckt – Sie haben die Karten im Blut, Madame Sparv!«

»Nur weil ich sie lege. Um meiner Hellsichtigkeit willen. Denn ich habe herausgefunden, dass ich selbst die Karten genauso brauche wie jeder andere Suchende.« Eine Weile hörte man nur das Geräusch der blakenden Kerze. »Die Hellsichtigkeit wurde mir nicht in die Wiege gelegt – trotz meines Vornamens Sofia, der ›Weisheit‹ bedeutet. Und es war auch keine Gabe.« Sie nahm die Karten und schob sie zusammen. »Als kleines Mädchen liebte ich die Vorführungen der Gaukler, die durch die Lande zogen. Wann immer mein lieber Vater Zeit hatte, nahm er mich mit zu den Feuerschluckern, Jongleuren, Akrobaten und Zigeunerinnen. Eines Sommers waren mein Vater und ich besonders gespannt auf einen echten Schlangenbeschwörer, der von weit her aus dem Fernen Osten gekommen war. Der Gewölbekeller des Wirtshauses, wo diese Darbietungen stattfanden, war voll und von lautem Geplauder erfüllt. Mein Vater schob mich auf einen freien Stuhl ganz vorn, er selbst fand ein paar Reihen weiter hinten einen Platz. Dann ertönte das Blöken eines Horns und das Grollen einer Trommel. Aus dem Durchgang zur Küche trat der Schlangenbeschwörer – braun wie eine Walnuss, einen safrangelben Turban um den Kopf gewickelt, ein Gewand aus schön gestreiftem Stoff, der im Dämmerlicht schimmerte. Der Schlangenmann sprach gebrochen Französisch, das der Wirt nur schlecht übersetzte, aber Französisch war ja meine Muttersprache. Der Schlangenbeschwörer erklärte, Musik sei die Sprache, die allen Geschöpfen gemeinsam sei, und nun wolle er den König der Schlangen rufen, ›Le roi‹, sagte er leise und fing an, auf einer langen, dünnen Flöte zu spielen. Und aus einem schwarzen Schilfkorb erhob sich eine dicke Albino-Schlange.

Mittlerweile wimmelte es in der Taverne nur so von Menschen, und der Raum vibrierte vor Angst, ich aber spürte davon nichts. Der Schlangenmann sah, dass ich ihn verstand, und wusste, dass ich im Bann seiner Vorführung stand. Er fragte, ob ich den König der Schlangen halten wolle, und ich nickte. Er hob den Albino zärtlich hoch, küsste ihn auf den Kopf und gab ihn mir. Er war überaus weich, und ich spürte die Kraft dieses Wesens, als es sich um meinen dünnen Arm wickelte. Die Schlange wurde ruhig und reglos, und wie der Schlangebeschwörer küsste auch ich das liebliche Tier auf den Kopf.

Aus der versammelten Menge rief jemand laut und nannte mich Eva, ein paar junge Männer meinten, ich solle doch die biblische Szene nachspielen. Alle lachten und klatschten, vielleicht waren sie erleichtert, dass jemand die Bibel erwähnt hatte. Jemand warf einen verschrumpelten Apfel nach vorn, er landete auf dem Tisch. Ein betrunkener Hausierer brüllte, ich solle mich nackt ausziehen. Mein Vater ging mit Zähnen und Klauen auf ihn los. Eine alte Frau fing an, die Namen Jesu und des Teufels zu rufen, während sie mit dem Finger auf den Fremdling zeigte – in der Taverne ging es zu wie auf einem Schlachtfeld. Der Schlangenmann raffte schnell seine Körbe zusammen und verschwand, in dem ganzen Gewühl unbemerkt, durch die Küche.

Ich folgte ihm, um ihm seine Schlange zurückzugeben, doch er war bereits weg. Nur der fette Koch war in der Küche und buk Pasteten. Er warf mir kurz einen Blick zu und schrie, ich solle verschwinden, dann widmete er sich wieder seinem Teig. Doch dann hielt er inne und blickte mich noch einmal an, und dieses Mal sah er die Schlange, die sich um meine Handgelenke geringelt hatte. Mit mehlstaubigen Händen kam er langsam um den Tisch herum und schloss ganz ruhig die Tür zum Schankkeller. ›Ich habe viele Geschichten gehört, kleines Fräulein, und habe mich immer gefragt, ob sie wohl wahr sind.‹

Ich dachte, er meine Eva und den Garten Eden und wolle die Gelegenheit nutzen, den König der Schlangen aus der Nähe zu sehen. Ich hielt ihm den Albino hin, dass er ihn berühren konnte. ›Keine Angst!‹, sagte ich. Und da sprang der Koch auf mich zu, riss mir die Schlange aus den Händen und warf das arme Geschöpf in einen Kessel, der an einem Spieß über dem Feuer hing. Der zischende Dampf und das Zucken der bleichen Schlange in dem sprudelnden Wasser verfolgen mich bis heute.

›Wir tunken die Brühe auf, wenn sie gar ist‹, flüsterte er in heller Aufregung, ›und dann haben wir Visionen. Meine Großmutter hat geschworen, es sei wahr. Wir werden sehen, kleines Fräulein, wir werden sehen!‹

Die Schlange war nun tot und trieb in der brodelnden Brühe. Der dicke Koch riss ein Stück grobes Schwarzbrot ab, tunkte es in den Sud und gab es mir. Sein Umfang und seine grimmige Miene versperrten die Tür zum Schankraum. Ich konnte die Küche nicht verlassen, ohne von seinem Gericht zu kosten.

›Aber wollen Sie selbst denn nicht auch Visionen haben?‹, fragte ich, in der Hoffnung, entkommen zu können. Lächelnd verbeugte er sich vor mir wie der vornehmste Herr und wartete, bis ich das Brot in den Mund geschoben hatte und kaute. Es schmeckte weder nach Fegefeuer noch nach der eisigen Kälte des Jenseits, es war einfach nur feuchtes Schwarzbrot. Ich zwang mich zu einem Lächeln und zuckte mit den Schultern – ich wollte einfach nur weg. Der Koch trat lachend zur Seite. ›Verfluchtes Volksmärchen!‹, schnaubte er und stopfte sich ein Stück rohen Pastetenteig in den Mund. ›Ich wollte nur wissen, ob es wahr ist.‹ Ich stürzte zur Tür, griff nach dem eisernen Riegel, und dann wurde alles in dem Raum, alles in der Welt weiß.«

Madame Sparvs oberes Zimmer war nun nur noch von einer einzigen Wandleuchte über dem Tisch und dem schwachen roten Feuerschein aus der Ofenklappe erhellt. Ich trank mein Glas in einem Zug aus. »Die weiße Welt – war das Ihre erste Vision?«

»Weiß sehe ich immer als Erstes, es kommt vor der Vision«, sagte sie und rieb sich bei dieser Erinnerung beklommen die Hände. »Als ich wieder zu mir kam, hielt mich mein Vater im Arm, und die Wirtin drückte mir ein Tuch auf die Stirn, das sie in kaltes Wasser getaucht hatte. Der Koch hielt sich so weit von mir entfernt, wie er nur konnte, und als er seinen Teig ausrollte und sein Gebäck formte, zitterten seine Hände. Er wollte nicht in meine Nähe kommen, nicht einmal als mein Vater ihn bat, ihm zu helfen, mich die Treppe hinaufzutragen. Ich war zwar benommen, sagte aber zu meinem Vater, dass ich allein gehen könne, und füllte meine Lungen mit frischer Luft. Mein Vater war überzeugt, dass ich aus purer Aufregung ohnmächtig geworden war, doch als wir uns dem Riddarfjärden näherten, kam das gleißende Weiß wieder. Dieses Mal folgte eine Vision. Ich sah Wasser, glänzendes, rotschwarzes Wasser, und einen Konvoi Schiffe, der mit der Ebbe auslief. Die hohen, dunklen Masten zeichneten sich vor dem dämmernden Himmel ab, das Schlagen der Segel, als sie gefiert wurden, vertrieb einen Schwarm Möwen von den hohen Spieren und Wanten. Sie flogen vorwurfsvoll kreischend in einem Bogen vor rosigen Wolken vorbei und ließen mit ihren Flügelschlägen Wind aufkommen, einen Sturm, der mich zu Boden riss. Mein Vater rief mich vom Deck des am weitesten entfernten Schiffes, aber der Wind blies ihn außer Sicht und fegte dann durch die Straßen der Stadt wie ein Hurrikan. Und dann herrschte nur noch Stille.« Sie faltete ihre Hände vor sich auf dem Tisch und begutachtete sie eingehend. »Als ich wieder bei Sinnen war, erzählte ich meinem Vater, was ich gesehen hatte, doch er zog mich nur an sich und sagte, ich solle mich nicht quälen, den Wind könne man nicht stoppen. Am Martinstag desselben Jahres ertrank mein Vater. Er sollte Stuckarbeiten auf Schloss Drottningholm durchführen und fuhr mit dem Boot dorthin. Er fiel von Bord – oder er wurde gestoßen, das weiß niemand genau – und wurde von einer starken Strömung unter Wasser gezogen. Solche Winde sind ein fürchterliches Omen. Deswegen fürchte ich auch um Gustav.«

Ich wandte den Blick von ihr ab und sah in die dunkle Ecke des Raums. »Das tut mir leid für Sie, Madame Sparv.«

»Ich bin froh, dass Sie mich verstehen. Da gibt es nicht viele. Ich habe mir oft gewünscht, lieber ein Scharlatan zu sein.«

»Aber wenn Sie tatsächlich hellsichtig sind – haben Sie deshalb angefangen zu spielen?«, fragte ich.

»Ja und nein. Hellsichtigkeit hilft beim Gewinnen nicht, aber die Karten halfen mir, mit den Visionen zurechtzukommen, denn sie kamen immer wieder. Ich suchte andere Menschen auf, Frauen, die mit derselben Gabe geschlagen waren wie ich, um zu erfahren, was ich tun müsse, um davon loszukommen. Manche waren Schwindlerinnen, andere waren geisteskrank, doch die echten Seherinnen sagten, man könne die Gabe nicht zurückgeben, aber alle hatten Mittel und Wege gefunden, damit klarzukommen. Die einen strickten oder klöppelten, andere bedienten in Kaffeehäusern und Schänken, sie verrichteten Arbeiten, die Geist und Hände beschäftigt hielten. Ich wurde Wäscherin und lernte Karten spielen, ich spielte überall und mit jedem. Spielen war für mich das beste Mittel, um mich abzulenken, und ich stellte fest, dass in der Ruhe, die mir die Karten schenkten, das Wildpferd der Hellsichtigkeit gezähmt werden konnte.« Sie lehnte sich zurück und legte die Hände in den Schoß. »Als ich dann nach Paris reiste, stieß ich zufällig auf ein Buch: Etteilla, ou manière de se récréer avec un jeu de cartes von einem gewissen Jean-Baptiste Alliette. Es war eine elaborierte Philosophie und eine Unterweisung in der Kartomantie – die Divination mit Hilfe ganz normaler Spielkarten. Dieses Buch veränderte, oder ich sollte wohl besser sagen: rettete mein Leben. Ich fand nicht nur einen Weg, das, was ich sah, zu dechiffrieren und zu nutzen, sondern ich fand damit auch ein Gewerbe, mit dem ich vom Koch bis zur Krone Kunden finden könnte. Ansonsten wäre ich wohl auf einer Schute auf den Abwasserkanälen oder als Gespenst in Lalins Schießpulverfabrik gestrandet – nachdem ich als leichtes Mädchen durchgescheuert gewesen wäre. Im Übrigen«, sagte sie und beugte sich mit einem traurigen Lächeln zu mir vor, »konnte ich mit dem Werkzeug bereits umgehen, ich musste nur noch lernen, was man daraus machen kann.«

»Und nun ebnen Sie mir damit einen goldenen Weg«, sagte ich.

»Wie ihn das fröhliche Paar hier auf Ihrer Betrüger-Karte beschreitet.« Sie nahm die Karten, klopfte sie zusammen und legte sie mit der Bildseite nach unten hin. »Nur noch zwei weitere Karten, Herr Larsson.«

KAPITEL 11

Der Gewinn

Quellen: E. L., Madame S., Dame C. Kallingbad

Endlich bekam ich Antwort von Carlotta! Wie es schien, stand der Leutnant den De Geers doch nicht so nahe, dass er ihnen in die Taschen greifen konnte. Ich traf mich mit ihr auf ein schnelles Picknick in Djurgården, wo sie mich an dem blauen Zaun leidenschaftlich küsste und mich Liebling nannte. Carlotta war wieder in Reichweite, und das Oktavo würde sie zu mir bringen, wenn ich nur meine acht Kartenrepräsentanten in die richtige Richtung schob. Sie war betrübt, dass ich unser Picknick wegen des Oktavos abbrechen musste, aber ich versicherte ihr, dass dies für unser künftiges Glück entscheidend sei. Ihre Umarmung an der Mole war so zärtlich, dass ich ganz davon erfüllt war, und dieses Gefühl begleitete mich den gesamten Weg zur Gråmunkegränd. Das Wetter war prächtig, und in meinem Schritt lag die unbändige Kraft der Liebe, während ich im Geiste meinen Antrag formulierte. Als ich die Hausnummer 35 betrat, sagte Katarina, Madame Sparv sei bereits oben, schon den ganzen Abend über.

»Sie kann es nicht erwarten, den Gewinn mit den Karten zu vermitteln«, sagte ich, »und ich bin bereit, ihn anzunehmen.«

»Sie würde Sie am liebsten gar nicht sehen«, sagte Katarina hinter meinem Rücken, als ich, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauflief.

Ich setzte mich Madame Sparv gegenüber und rieb mir die Hände, bevor sie mischte und mir die Karten zum Abheben zuschob. Auf dem Fenstersims stand ein Blumentopf mit Lavendel, sein Duft war schwer. »Ich rieche … Erfolg.«

»Ach ja?« Endlich sah sie mich an, ihre Augen waren rot, ihr Gesicht war fleckig. »Dann haben Sie keinen guten Riecher für Neuigkeiten.« Sie erzählte mir, dass der Polizeichef mit einer Nachricht von Gustav vorbeigekommen sei: Die Rettung der königlichen Familie Frankreichs war fehlgeschlagen. Sie war in Varennes gefangen genommen worden, und es sah gar nicht gut für sie aus. Gustav wollte noch eine Zeit lang in Aix la Chapelle bleiben – so hieß Aachen, seit es mit Frankreich vereint worden war –, um die Emigranten zu trösten und einen neuen Plan zu schmieden.

»Was wird nun geschehen?«, fragte ich. All mein Frohmut war dahin. Ich musste unweigerlich an die Kinder der Königin und des Königs denken.

»Wenn ich doch nur so weit in die Ferne sehen könnte, Herr Larsson. Aber jetzt legen wir hier Ihre Karten.« Schweigend legte sie fünf Runden, aus dem Saal unten drang Gemurmel herauf. Die Ablenkung schien Madame Sparv zu helfen, und als mein Gewinn erschien, konzentrierte sie sich ganz auf die Karte: den Ober der Kelche.

»Mein Gewinn ist ein Mann?« Ich fühlte mich betrogen.

Madame Sparv versicherte mir, dass diese Karte in der Position des Gewinns gut sei. »Kelche unterstützen die Vision von Liebe und Verbundenheit. Und der Ober ist eine verdienstvolle Person. Er hält die Malerpalette, ein Zeichen für Kultiviertheit und Finesse. Wer er auch ist, er wird Ihr Liebeswerben unterstützen und Ihnen etwas von Wert zuführen – vielleicht einen Vater, der Ihnen sein Meisterwerk anbietet: die Hand seiner Tochter. Und sehen Sie: die Lilie, die Blume der französischen Könige.« Sie blickte mich an, und meine Sorge spiegelte sich in ihrem Gesicht. »Aber die Lilie wuchs auch im Garten Gethsemane am Ostermorgen. Wiederauferstehung. Eine ausgezeichnete Karte.« Sie nahm ihr Notizbuch und füllte das siebte Rechteck meines Diagramms aus. »Sie müssen jetzt gehen, Herr Larsson. Mir ist heute Nacht nicht nach Spielen zumute.«

Ich taumelte die Wendeltreppe zur Straße hinunter, als hätten die Erschütterungen der Revolution in Frankreich sich bis ins Herz meiner Stadt fortgepflanzt. Heute Nacht war es zu spät, um noch zarten Trost bei Carlotta zu suchen, aber morgen Nachmittag würde ich bei Vingström um ihre Hand anhalten. Das Band der Ehe erschien auf einmal der sicherste Hafen zu sein.

KAPITEL 12

Der Schlüssel

Quellen: E. L., Madame S., A. Vingström

Um drei Uhr entschuldigte ich mich bei der Kaffeegesellschaft und überquerte auf dem Weg zu Vingströms Weinhandlung den Stortorget, den großen Platz. Endlich war ich so weit, meine Liebe zu Carlotta zu bekunden, aber als ich ankam, war das Geschäft zu, die Holzläden waren geschlossen. Ich war am Boden zerstört, gleichzeitig aber auch seltsam erleichtert. Ein Hausmädchen kam aus dem Hof, es blieb kurz stehen, um die Stiefel zu binden, und ich fragte nach dem Grund für diesen frühen Ladenschluss.

»Die Vingströms verabschieden genau zu dieser Stunde ihre Tochter, Herr, sie bricht nach Finnland auf.«

»Finnland?« Mir schien es den Boden unter den Füßen wegzuziehen, ich musste mich an der Hausmauer festhalten. »War ein Leutnant dabei?«

Errötend wandte sich das Mädchen ab. »Nein. Ich habe weder einen Offizier gesehen, noch habe ich von einem gehört.«

»Warum reist sie dann ab? Wann kommt sie wieder?«

Das Mädchen starrte auf seine Füße. »Wie es scheint, muss Fräulein Vingström Buße tun für ihr lasterhaftes Leben und muss von den Versuchungen der Stadt ferngehalten werden.« Das Mädchen machte einen Knicks und lief davon, bevor ich noch etwas darauf erwidern konnte. Ich fragte den Tabakhändler an der Ecke, den Metzger, alle Leute, die ich auf der Straße antraf, konnte aber nicht mehr in Erfahrung bringen. Völlig ungläubig ging ich nach Hause und legte mich bis fast elf Uhr aufs Bett.

Als ich in jener Nacht zu Madame Sparv kam, roch es im oberen Zimmer noch schwach nach Rasierwasser, auf der Anrichte stand ein halbvolles Glas mit einer klaren Flüssigkeit. »Ist das Wodka?«, fragte ich. »Darf ich?«

»Sie sind aufgebracht«, sagte sie.

»Sie ist weg, Madame Sparv.« Ich setzte mich in den Lehnsessel, roch am Inhalt des Glases und stellte es wieder hin. Es war Wasser.

»Wer ist weg?«

»Carlotta. Verschwunden, einfach so!« Ich schnippte mit den Fingern. »Und ich kann nicht herausfinden, warum – abgesehen von irgendeiner verleumderischen Geschichte über ihre angebliche Unzucht. Ich kann Ihnen versichern, dass sie mit mir nicht unzüchtig war! Ich habe lediglich einen Kuss bekommen.«

Madame Sparv tätschelte mir die Schulter und rief die Treppe hinunter nach einer Flasche, dann saßen wir schweigend da, bis Katarina mit Wodka und einem Glas kam. Ich schenkte drei Fingerbreit ein und trank aus. »Sie wurde nach Finnland geschickt. Finnland! Und was soll ich meinem Vorgesetzten jetzt sagen? Dass er warten muss, bis ich meine acht Karten erneut zusammenhabe? Er wird mir den Rock vom Leib reißen und meinen Hintern vor die Tür kicken, bevor es Mittag geschlagen hat. Das Oktavo hat jetzt keinen Sinn mehr.«

Madame Sparv stand auf und ging zum Tisch, wo noch die Karten vom Vorabend lagen. »Ich habe einen goldenen Weg für Sie gesehen, und ich glaube noch immer daran. Und vergessen Sie nicht, dass Carlotta möglicherweise gar keine Ihrer acht Karten ist. Vielleicht hatte sie nur die Rolle inne, Sie zum Oktavo zu führen und dann abzureisen.«

Ich quittierte das lediglich mit einem Grummeln.

Madame Sparv legte die sieben bekannten Karten und meine persönliche Karte zur Seite und mischte den Rest. »Wir dürfen nicht aufgeben. Denken Sie doch an den König und die Königin von Frankreich – so nah am Ziel, und dann … Aber sie machen weiter. Es sind schon neue Pläne in Vorbereitung. Von Fersen ist standhaft und mutig. Gustav wird nicht zulassen, dass sie leiden. Wir machen weiter.«

Ich schenkte mir ein weiteres Glas ein und starrte in die farblose Flüssigkeit.

»Wir brauchen nur noch eine Karte. Also los.« Madame Sparv mischte lange und reichte mir bei jeder Runde den Stapel, um abzuheben. Ich betrachtete sie eingehend, es ging alles wie immer vonstatten. Wir legten die Runden aus, bis der Schlüssel kam, die Neun der Kelche.

»Wieder Kelche. Das ist gut, oder?«, wagte ich mich vor. »Ich nehme es als ein gutes Zeichen.«

Madame Sparv sagte nichts, sie legte nur mit leicht zitternden Händen mein vollendetes Oktavo auf das Tuch. Sicherlich war sie genauso froh wie ich, dass es endlich vollständig war. Als Letzte legte sie meine persönliche Karte in die Mitte. Sie schloss die Augen, wir saßen eine Weile still da. Die Glocken der Storkyrkan schlugen Mitternacht, ich konnte Katarinas Schritte auf der Treppe nach unten hören, dann die Stimme des Hausmeisters, schließlich wurde es ruhig. Madame Sparv schlug die Augen wieder auf und faltete ihre Hände im Schoß. »Nachdem das Oktavo nun vollendet ist, werden auch die Acht langsam kommen, denn die Karten rufen nach ihnen. Sie werden angezogen wie Eisenspäne von einem Magneten. Finden Sie sie, dann können Sie den Ausgang Ihres wichtigen Ereignisses beeinflussen.«

»Vielleicht werden sie mich zu Carlotta führen oder sie zu mir zurückbringen.« Ich betrachtete dieses Glücksrad, das angefüllt war mit Fremden und mit Hoffnung. »Aber wie werde ich sie denn überhaupt erkennen?«

»Seien Sie wachsam und denken Sie stets an die Karten. Dann wird Ihr Blick immer wieder auf denselben Personen haften bleiben, und Ihr Ohr wird sich an ihre Namen gewöhnen. Sie kommen zu Ihnen in Tag- und in Nachtträumen, in Gesprächen, zufälligen Begegnungen, die sich mit eigenwilliger Regelmäßigkeit immer wiederholen werden. Setzen Sie sie mit den Hinweisen in Verbindung, die die Karten Ihnen gegeben haben. Und fragen Sie mich um Hilfe.«

»Wir haben gar nicht über die letzte Karte gesprochen, Madame Sparv«, sagte ich. »Ich muss die Neun der Kelche verstehen, wenn ich den Schlüssel finden soll.«

Sie sah mich an, ihr Lächeln war echt und herzlich. »Sie hatten recht mit den Kelchen – eine ausgezeichnete Farbe auf dieser Position, denn Liebe ist vorhergesagt. Und da ist auch wieder die Lilie. Wiederauferstehung. Frankreich.« Sie beugte sich über das Oktavo, ihre Fingerspitzen verharrten an der Tischkante. »Sehen Sie die Verteilung der neun Kelche: Acht Kelche umschließen einen, das ist eine Widerspiegelung des Oktavos an sich. Neun ist die letzte einstellige Zahl, insofern ist es eine Zahl der Vollständigkeit, der Vollendung und zugleich eine Zahl von universellem Einfluss. Verheißungsvoll, würde ich sagen. Hervorragend für Sie.« Sie nahm den restlichen Stapel und blätterte die Karten mit dem Zeigefinger auf, dabei merkte sie gar nicht, dass sie mit dem kleinen Finger einen Spalt bildete. »Wie der Gefährte ist auch diese Person entscheidend mit Ihrem wichtigen Ereignis verbunden.«

»Aber da sind keine Menschen.« Ich beugte mich vor und inspizierte die Karte. »Da ist ein Vogel, sein Kopf steckt im Rachen eines Untiers«, sagte ich und bekam auf einmal Angst, dass diese Karte das Symbol für die wirkliche Bedeutung des Ehestandes sein könnte.

Madame Sparv legte den Kartenstapel auf den Tisch und bedeckte meine Hände mit ihren. »Das ist meine Karte, Herr Larsson. Ich bin Ihr Schlüssel.«

KAPITEL 13

Friedens- und Kriegskunst

Quellen: M. F. L., Luisa G.

»Kommt er immer zu spät?«, sagte die Uzanne verärgert zu ihrem eigenen Spiegelbild in der Fensterscheibe. Durch die hängenden Buchenzweige sah sie die schwarze Silhouette einer Kutsche, die wie ein riesiger Käfer vor dem Blau des Mälarsees dahinkroch. »Und warum kann dieser Idiot kein Boot nehmen wie alle anderen Leute?« Sie wusste genau, dass er es nicht ausstehen konnte, wenn seine Kleider verspritzt und seine Haare vom Wind zerzaust wurden. Und sie wusste auch, dass es seine Angewohnheit war, immer ein wenig zu spät zu kommen – was eindeutig ein Affront war, allerdings bewunderte sie diese Unverfrorenheit. Meister Fredrik Lind war der erste Besucher, den sie empfing, seit Kassiopeia ihr geraubt worden war, der erste Mensch von einem gesellschaftlichen Rang über den Hausbediensteten, den sie sehen wollte. Nicht dass Meister Fredrik überhaupt einen Rang gehabt hätte – »Meister« war ein selbstverliehener Ehrentitel, den sie ihm jedoch niemals streitig machen würde. Sein Können als Kalligraph, sein Fundus an Klatschgeschichten und die unstrittige Loyalität gegenüber seiner Gönnerin waren beispiellos.

Die Uzanne schloss die Augen und versuchte, sich an Kassiopeias Gewicht in der Hand zu erinnern, das weiche Elfenbein ihrer Stäbe, den Duft von Jasmin, der von ihrer Rückseite aufstieg. Nun hielt sie einen edelsteinbesetzten Cabriolet-Fächer in der Hand, der für Katharina die Große angefertigt worden war, doch ihren Lieblingsfächer konnte nichts ersetzen. Sie hatte dieser Madame Sparv geschrieben, um über einen Rückkauf zu verhandeln, hatte aber keine Antwort bekommen. Daraufhin hatte sie ihr erneut geschrieben und einen Tausch angeboten: Ein belgischer Trauerfächer aus Spitze und ein englischer Karnevalsfächer mit einer Pierrot-Maske auf dem Blatt waren ein mehr als großzügiges Angebot. Eine Woche später war eine kurze Nachricht gekommen, in der ihr mitgeteilt wurde, dass sich Kassiopeia nicht mehr in der Gråmunkegränd befinde. Entweder die Frau log, oder sie hatte den Fächer bereits verkauft, in beiden Fällen aber würde die Uzanne Kassiopeia wiederfinden. In der Zwischenzeit hatte sie in einem Brief an Herzog Karl angedeutet, dass sie den Verdacht hege, im Spielsalon der Wahrsagerin würde Falschspiel stattfinden, und sie hatte gehofft, Karl würde für eine Dame in Not den Kavalier spielen. Doch sie war dem Herzog eindeutig nicht nahe genug gekommen, denn die gestochene, hingeworfene Schrift in seinem Antwortschreiben deutete auf sein reizbares Wesen hin:

Sofern Madame sich an ernsthaften Staatsangelegenheiten zu beteiligen wünscht, sollte sie sich nicht von einer Bagatelle ablenken lassen, die beim Kartenspiel verlorenging. Und sofern sie keinen Beweis für ein Vergehen hat, ist es unziemlich, auf der Rückerstattung des Gewinns zu bestehen. Ein echter Zwist beim Spiel wird durch ein Duell entschieden und nicht durch die Einmischung der Krone.

Doch mit dieser Rüge kam auch ein versöhnliches Zeichen. Der Herzog hatte zum Trost einen durchsichtigen Seidenfächer aus Japan mitgeschickt, der mit Vögeln bemalt war; doch leider fachten diese Vögel ihre Wut nur noch an. Der Gärtner erzählte, sie habe den Fächer in den See geworfen, er habe ihn später wieder herausgefischt und für ein hübsches Sümmchen verkauft.

Für die Uzanne stand der Raub ihrer Kassiopeia für alle Übel der Nation: den Aufstieg der niederen Stände, den Verfall der Autorität, die Schwäche der Machthabenden, den Niedergang der Ordnung. Kassiopeia wiederzufinden war ein erster Schritt zur Bekämpfung dieser Übel, aber das würde kein Mensch außer Henrik je verstehen. Doch ihr Wunsch, Kassiopeia zurückzubekommen, war vom üppigen Gewand der Gier und von Rachedurst bemäntelt, und dafür würde sie leicht Mitstreiter finden.

Sie hörte, wie die Haustür aufging und wie Luisa, die Dienstmagd, lachte. Dann hallte ein schöner Bariton durch die Eingangshalle mit den grauen Holzpaneelen:

»Portugal, Spanien

Großes Britannien.

Hätte ich doch nur eure Kronen und Macht

Über der Fresse!

Und ’ne Prinzesse

In meinen Armen, das wäre eine Pracht;

Ich und die Kleine

Säßen beim Weine,

All meinen Gläubigern böt ich gut’ Nacht.«

Die Uzanne verzog das Gesicht. Sie hasste die Trinklieder von Bellman, diesem vertrottelten Royalisten aus der Gosse, aber Meister Fredriks Vertrautheit mit den Gepflogenheiten des einfachen Volkes verschaffte ihm Zugang zu einer gesellschaftlichen Schicht, die sie selbst nur von ferne kannte. Meister Fredrik hatte die Reimkunst des Rinnsteins im Blut, und das war hin und wieder ganz nützlich, denn er konnte seine Feder aufs Erfinderischste mit dem Gift tränken, das irgendwo auslief. Einmal hatte er einem unverschämten Bankier Hörner aufgesetzt, indem er im Stockholmer Tagblatt anonym eine abscheuliche Ode auf die schlüpfrigen Eskapaden von dessen Gattin veröffentlicht und dabei Reime wie pudendum / stupendum benutzt hatte. Und er hatte in einem Sonett im Nya Posten das Hämorrhoidenleiden eines altgedienten Ministers enthüllt.

Die Uzanne ersetzte ihre Grimasse durch eine heitere Miene und schritt zum Empfang des Meisters. Rotgesichtig vom Singen und schwitzend von der langen Kutschfahrt stand er da und lächelte über seinen Auftritt.

»Hier gibt es keine Prinzessinnen, Meister, nur eine alternde Matrone, die Ihren sachverständigen Rat braucht.« Sie wartete den heftigen Widerspruch auf ihre Äußerung ab und fuhr dann fort: »In den kommenden Monaten werden Sie wohl öfter die anstrengende Reise nach Gullenborg auf sich nehmen müssen.«

»Enchanté, Madame«, antwortete er und verbeugte sich trotz seiner vierschrötigen Statur sehr anmutig. Hinter dem einfachen Schnitt seiner Kleider verbarg sich eine Vorliebe für teures Tuch und meisterhafte Maßschneiderei. Sein brauner Umhang war aus italienischer Seide, die Säume waren mit passenden gestreiften Litzen eingefasst. Die Knöpfe waren aus geschnitztem schwarzen Horn, und die Spitze, die aus seinen Manschetten ragte, kam aus Belgien. Seine schwarzen Schuhe waren blitzblank poliert, seine Perücke war ordentlich gekämmt und perfekt gepudert, er roch dezent nach Kölnischwasser mit einer Note von Tabak. Das ganze Jahr über trug er Handschuhe, auf diese Weise wolle er sein Werkzeug schützen, wie er behauptete, aber so blieben auch seine Hände weich und makellos – die Hände eines Aristokraten. Nur die Fingerspitzen verrieten seinen bürgerlichen Stand, denn trotz mehrfachen Schrubbens hatten sie immer leichte Tintenflecke. »Dann kann ich ja meinen Hunger auf anregende Gesellschaft stillen. Ich war in diesem Sommer oben im Norden auf dem Land und fand dort alles andere als angemessene Nahrung.«

Die Uzanne ging ihm in einen geräumigen Salon voraus, in dem lediglich ein grau-weiß gestreifter Diwan, ein weißer Holzstuhl mit gepolstertem Sitz und Rückenlehne im selben Stoff sowie ein runder Kaffeetisch standen. Sie bot ihm Platz auf dem Stuhl an und setzte sich selbst auf den Diwan. Sie schenkte zwei Tassen ein, reichte eine dem Meister und fing dann an, die Aufgaben aufzuzählen, die er für sie erledigen sollte. Für die kommende Saison brauchte sie eine Menge Einladungen und Visitenkarten, denn sie wollte ihre Schule für junge Damen wiedereröffnen und auch nichtadligen Mädchen die Aufnahme ermöglichen.

»Eine gewagte und moderne Haltung, Madame«, sagte Meister Fredrik mit Bewunderung auf jeder Silbe.

»Finden Sie?« Dieser Schritt war Teil ihres umfassenderen Plans, noch mehr junge Mädchen mit dem Geist der Patrioten zu füllen wie Zuckerdosen. Die Mütter würden zustimmend nicken, die jüngeren Geschwister ihrem Beispiel folgen, die Väter und älteren Brüder würden schließlich nachfolgen. Alle Unterstützung, die Gustav noch im Bürgertum hatte, konnte von den Frauen zersetzt werden. Und wenn die Uzanne Unterricht hielt, konnte sie dazu Herren und Offiziere einladen und immer die neuesten Informationen aus Regierungs- und Militärkreisen bekommen. »Und ich möchte für die Eröffnung auch einen neuen Ort. Bei Hof kann sie nicht stattfinden – ich habe geschworen, keinen Fuß mehr ins Schloss zu setzen, bis die alte Verfassung wieder in Kraft ist.« Meister Fredrik nickte seufzend. »Aber die Eröffnung braucht einen königlichen Stempel«, sagte sie. »Ich denke da an einen Maskenball in der Oper.«

Als Anwärter auf einen Adelstitel konnte Meister Fredrik seinen Kummer über eine verpasste Vorstellung bei Hofe nicht verbergen, aber er sah auch die Vorteile eines Maskenballs. »Ein Maskenball! Wie ich das liebe! Bürgerliche und Königliche können sich ungehemmt untereinandermischen!« Und die Maskerade versprach Anonymität.

»Genau. Der König kommt zu jedem Ball, und auch Herzog Karl wird anwesend sein. Jeder wird eine bedeutende Gefolgschaft mitbringen, aber meine jungen Damen werden das Gleichgewicht zum Kippen bringen.«

»In welche Richtung, Madame?«

»In Richtung einer Rückkehr zur gesellschaftlichen Ordnung«, sagte die Uzanne. »Und der ›fünfte Stand‹, die Damen meines Rangs, werden den Weg weisen.« Meister Fredriks Gesicht war ausdruckslos. Die Uzanne fragte sich, wie er in den Adelsstand erhoben werden wollte, wenn er nicht einmal die simpelste Anspielung erfasste. Es war klar, dass sie den patriotischen Plan, den sie Herzog Karl unterbreiten wollte, nicht einmal im mindesten mit ihm teilen konnte. Sie seufzte und schenkte ihm ihr verführerischstes Lächeln. »Sie werden als einer meiner Begleiter dabei sein. Wir werden prachtvolle Kostüme tragen, das verspreche ich Ihnen.«

Meister Fredriks Gesicht hellte sich wieder auf. »Das gibt Anlass zu breitgestreuter Freude, Madame. Nicht nur die jungen Damen und ihre Mütter werden frohlocken – auch die Schneider, Friseure, Handschuhhersteller, Putzmacher und Parfümeure in der Stadt! Und die Herren werden schon Wochen vorher Schlange stehen!« Er malte sich aus, wie auch sein Gewerbe aufblühte, denn die jungen Damen stachen sich vor ihrem Debüt gegenseitig mit Tee- und Festgesellschaften aus, und all das erforderte eine ausgeklügelte, kostspielige Korrespondenz. »Wie kann ich zu Diensten sein?«

Das war sehr viel leichter zu erklären. Die Uzanne sagte ihm genau, welches Papier sie wünschte, die Farbe der Tinte, wie die Umschläge gefaltet werden mussten, welches Wachs, welches Siegel sie wollte sowie zu welchem genauen Zeitpunkt und in welcher Reihenfolge die Briefe zugestellt werden sollten. Meister Fredrik mochte diese Liebe zum Detail und machte sich beflissen Notizen in einem kleinen Buch, das er bei sich trug. Als das Geschäftliche besprochen war, stand er auf und ging zu der Wand mit den offenen Glastüren; sie führten auf eine schattengesprenkelte Terrasse oberhalb eines Rasens, der sanft zum See hin abfiel.

»Ihre Größe spiegelt sich auch in Ihrer Umgebung wider, Madame. Alles ist so vollkommen, dass es wahrlich nichts zu wünschen übrig lässt.« Die Uzanne seufzte und sagte, dies sei in vielerlei Hinsicht wahr, dennoch habe sie drei unerfüllte Wünsche.

»Gestatten Sie, dass ich die gute Fee für Sie spiele und Ihnen Ihre Wünsche erfülle!«, sagte er eifrig.

Die Uzanne faltete ihren Fächer zusammen und legte ihn auf ihren Schoß. »Wenn das eintreten sollte, dann werden Sie mein teuerster Freund.« Sie klopfte auf den Platz neben sich, Meister Fredrik setzte sich. »Mein erster Wunsch gilt meiner Nachtruhe. Seit über einem Monat schlafe ich nicht gut. Ich bräuchte einen diskreten Apotheker, der ein Schlafmittel herstellen kann, eines mit … ungewöhnlicheren und stärkeren Ingredienzien.«

»Die Löwenapotheke ist dafür die beste Adresse. Ausgezeichneter Service, höchste Diskretion, ein breites Angebot an Präparaten. Ich selbst habe dort neulich ägyptisches Mumienpulver gekauft.« Er hielt inne, bis sie den Namen dieses exotischen und hochpreisigen Heilmittels in sich aufgesogen hatte. »Ich werde mich schleunigst an den Apotheker wenden. Ihr zweiter Wunsch?«

»Eine neue Begleiterin, vorzugsweise ein Mädchen, das nichts mit den schmutzigen Machenschaften in der Stadt zu tun hat.« Die Uzanne ließ ihren Fächer schneller hin und her schwingen. »Carlotta Vingström war zwar nach außen hin reizend, aber ihre Verderbtheit darunter war …«

»War was?«, fragte Meister Fredrik neugierig, er kauerte dabei auf der Kante des Diwans.

»Sie hat mich zu einem Fest begleitet, das kein Geringerer als Herzog Karl gegeben hat. Es war eine einmalige Gelegenheit, ich dachte, sie wäre dankbar und ihre Eltern würden sie in meiner Obhut sicher wissen. Aber Fräulein Vingström hat sich mit anderen in einem grausamen Scherz gegen mich und meine Karten verbündet, dann hat sie sich den ganzen Juli über mit einem betrunkenen Satyr davongestohlen und die Nächte in unaussprechlicher Schamlosigkeit verbracht.«

Meister Fredrik beugte sich zu ihr vor. »Sie können mir alles erzählen.«

Die Uzanne streifte sein Handgelenk leicht mit dem Fächer. »Ich habe an Carlottas Eltern geschrieben und ihnen nahegelegt, ihre Tochter am besten unverzüglich aus der Stadt zu entfernen. Natürlich hat das Mädchen geweint und seine Unschuld beteuert – und hat doch tatsächlich behauptet, dass ich an allem schuld sei.«

»So eine Frechheit!« Meister Fredrik knabberte an einem Keks, der mit Marmelade bestrichen war.

»Zum Glück habe ich für sie eine Stellung in Åbo gefunden.« Meister Fredrik grunzte mit grausamem Entzücken bei der Erwähnung der armseligen finnischen Hauptstadt. »Also brauche ich nun ein Mädchen – eines, das weniger verführerisch oder weniger anfällig für Verführungen ist. Eines, das tut, was ich sage, und dankbar ist für eine Chance.«

»Wer wäre das nicht? Ich werde mich unverzüglich erkundigen«, sagte er. Es gab keine bessere Möglichkeit, reiche Eltern in die Pflicht zu nehmen, als die Position ihrer Kinder zu fördern. »Und Ihr dritter Wunsch, Madame? Wenn ich mich mit Märchen richtig auskenne, ist das immer der anspruchsvollste.«

»Ja.« Die Uzanne stand auf, ging zur Fensterfront und zurück. »Sie haben vielleicht gehört, dass ich seit Mittsommer nicht mehr in der Stadt war. Und Sie sind der erste Besucher, den ich wieder empfange.«

»Eine unverdiente Ehre, Madame. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass Ihre Abwesenheit bemerkt und bedauert wurde«, sagte er. »Was quält Sie so, wenn ich fragen darf?«

Die Uzanne hielt ihren Fächer fest und saß so reglos da, dass eine Fliege, die über ihrem Kopf summte, in einer Haarlocke landete und still saß. Sanft legte sie ihre Hand auf Meister Fredriks Schenkel. »Ich bin einem Verbrechen zum Opfer gefallen.« Er atmete hörbar ein. Die Uzanne schilderte ihm Kassiopeia, die Ereignisse auf Herzog Karls Fest, die Weigerung der Sparv, zu verhandeln, und ihren Wunsch, Meister Fredrik würde sich oben und unten in der Gesellschaft für Kassiopeia verwenden.

»Darf ich Ihnen Trost in Form eines Ersatzes anbieten, Madame? Es wäre mir eine Ehre.«

Die Uzanne drückte den Fächer, den sie nun zusammengefaltet hatte, in der Hand. »Für Kassiopeia gibt es keinen Ersatz.«

Meister Fredrik beugte ehrerbietig den Kopf. »So einen Schatz kann man nicht lange verstecken, Madame.« Er trommelte mit den Fingern auf die Armlehne. »Der Fächerhersteller Nordén in der Kocksgränd handelt mit feiner Ware und tätigt wahrscheinlich auch Ankäufe. Ich werde ihn fragen. Jeder Mensch hat seinen Preis. Und jeder hat auch eine Achillesferse.«

»Ist das ein schwedischer Handwerker? Ich habe mich gefragt, ob es sich lohnt, sich an ihn zu wenden, denn seine Arbeit kann sich ja wohl kaum mit der Qualität der Franzosen messen.«

»Er ist gebürtiger Schwede, hat aber zehn Jahre bei Tellier in Paris gelernt. Nun ist er aus Frankreich geflohen und will hier unbedingt Karriere machen. Seine Frau ist leider katholisch, beide haben aber ausgezeichnete Manieren und sind eine angenehme Erscheinung. Man sagt, er sei ein hochkarätiger Künstler.«

Die Uzanne stand auf und ging langsam zum Fenster. »Dann könnte Monsieur …«

»Nordén.«

»… Monsieur Nordén mir vielleicht ein Exemplar zukommen lassen, als Muster für seine Wertarbeit«, sagte sie.

»Das wird er fraglos, Madame, seine finanzielle Lage ist allerdings ziemlich prekär.«

Die Uzanne ließ sich diesen weiteren Vorteil durch den Kopf gehen. »Er soll dieses Geschenk als Visitenkarte verstehen. Wenn es von zufriedenstellender Qualität ist, wenn er tatsächlich so kunstfertig ist, wie Sie sagen, dann wird er Arbeit bekommen. Allein meine Empfehlung würde ihm ein Dutzend Aufträge verschaffen. Und er wäre in der Tat ein interessanter Gast für meine erste Unterrichtsstunde. Aber zuerst: Kassiopeia.«

»Betrachten Sie es als bereits erledigt.« Meister Fredrik nahm ihre Hand und küsste sie ausgiebig. »Und was werden Sie tun, wenn Kassiopeia wieder in Ihrem Besitz ist?«

»Dann werde ich die Winde der Wende herbeifächeln, Meister«, sagte sie lachend. »Manch einer wird dagegenhalten, dass so ein bisschen Haut und ein paar Stäbe in der Hand einer verwöhnten Dame kaum solch eine Großtat vollbringen können, aber denken Sie an die große Wirkung dieses Stückchens Pergamentpapier, das Martin Luther an eine Kirchentür genagelt hatte. Selbst die kleinste Geste kann, zur rechten Zeit, die Welt verändern.«

»In Ihren Händen wird der Wind zum Sturm«, sagte Fredrik. »Ich hoffe jedoch nicht, dass er einen religiösen Umschwung irgendeiner Art mit sich bringt.«

»Auf keinen Fall, Meister Fredrik. Lächelnd lehnte sich die Uzanne in das grau-weiß gestreifte Polster des Diwans zurück. »Sagen Sie … was wissen Sie über Herzog Karls gegenwärtige Mätresse?«

Бесплатный фрагмент закончился.

630,26 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
500 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788726922400
Издатель:
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги