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Juryk Barelhaven
RedStar
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel
2.Kapitel
3.Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8.Kapitel
Impressum neobooks
Kapitel
Linda Goyer ließ Gideon an dem Gartentisch zwischen der Barackenbude und dem Kiosk Platz nehmen und bot ihm eine Tasse Kaffee an.
Er betrachtete die wenigen vorbeiziehenden Leute und nippte an seinem Kaffee. „Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte“, begann Gideon. „Ich kann mir gut vorstellen, dass du hier nicht gerne darüber sprechen willst.“
„Es tut mir leid, dass ich dich damit behelligen muss, Gideon. Ich habe das Gefühl, das ich schon viel zu lange damit gewartet habe. Mein Junge hat sich verändert. Marlon verheimlicht mir etwas. Und du bist der Einzige, der mir helfen kann.“
„Was weißt du?“
„Nur, was in der Times steht“, erwiderte Linda. „Eine neue Droge, die schnell abhängig macht. Man nennt sie synthetische Droge, oder so. Die anderen Stationen werden von ihr überschwemmt. Jetzt ist sie auch bei uns angekommen. Oder kennst du ähnliche Fälle?“
„Wie kommst du darauf, dass Marlon etwas damit zu tun hat?“
„Gestern fehlten in der Kasse zweihundert Credits und ich kann mir absolut nicht erklären, wo das Geld hingekommen sein könnte. Meine Uhr ist weg. Mein Sohn weicht mir aus und schließt sich in seinem Zimmer ein. Den Job bei FargoEX hat er verloren.“
„Ladendiebstahl?“
„Heute Morgen telefonierte ich mit seinem Vorarbeiter, Gideon.“ Sie schwieg kurz und starrte zum Boulevard. „Es geht alles so schnell. Ich habe das Gefühl eine schlechte Mutter zu sein. Wenn sein Vater noch hier wäre…“
„Es liegt nicht an dir, Linda.“
„Entschuldige, dass ich dich damit behellige. Wir kennen uns schon seit Jahren, aber ich weiß immer noch wenig über dich.“ Fast zaghaft ergriff sie seine Hand und drückte erstaunlich fest zu. „Bitte rede mit ihm. Vielleicht bekommt der Sheriff ja mehr heraus.“
Gideon nickte und stellte die Tasse ab. „Wann kommt er zurück?“
„Ich weiß nicht mal, wo er jetzt gerade ist. Gestern hat er den Spiegel im Bad zertrümmert und lief einfach an mir vorbei. Sein Bettzeug ist total verschwitzt, seine Zimmer nicht aufgeräumt. Ich brauche Hilfe.“
„Linda, vielleicht ist es auch nichts. Vielleicht weiß er gerade nicht, wo sein Platz ist. Vielleicht ist es nur eine Phase. Aber ich rede mit ihm. Von Mann zu Mann. Wie alt ist er jetzt?“
„Siebzehn. Er ist das Einzige, was mir von ihm geblieben ist.“
„Hat er Freunde?“
„Früher war er mit Chris unterwegs, aber von seiner Mutter weiß ich, dass Chris kaum Zeit hat. Er ist in Sektor Vierzehn und arbeitet bei seinem Vater in der Lehre. Schlosser, glaube ich. Von der Schule ist kaum noch jemand da. Die meisten haben die Koffer gepackt und sind in andere Systeme gezogen. Ja, vielleicht ist er einsam.“ Ihr Gesicht verzog sich. „Ich bete, dass es nur das ist.“
„Aber du denkst an Drogen. War er das?“
Sie wandte den Blick ab, offensichtlich peinlich berührt. „Das… ist nichts. Ich bin gestürzt.“
„Linda.“
„Wirklich. Ich habe nicht aufgepasst. Die Schranktür stand offen.“ Sie starrte zur Kioskwand und strich sich die Strähne über das Feilchen, das hässlich ihr Gesicht zierte. „Tu meinem Jungen nicht weh.“
„Ich rede mit ihm – noch heute. Ist er das?“
Sofort ging in Linda eine Veränderung vor. Habachtstellung und tiefer Kummer. Gideon prägte sich das Bild gut ein, während der schlaksige junge Mann in den verblichenen Jeans herangetrottet kam. Die Hände in den Jackentaschen und das Gesicht voller Argwohn starrte er hinüber, als würden die Erwachsenen über ihn konspirieren. Früher war Marlon Goyer sicherlich ein gutaussehender junger Mann gewesen, doch Gideon musste kein Ermittler sein um zu spüren, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Die bleichen Wangen waren eingefallen, die krausen Haare standen zur Berge und ein Blick, der töten konnte. Mit einem Schwung wandte sich der junge Mann um und war sofort wieder verschwunden.
Linda starrte ihm nach und konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken.
Mit ruhigen Schritten ging der Sheriff an verlassenen, leergeräumten Läden und überfüllten Mülleimern vorbei, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt und mit ernster Miene. Gideon Nikolaeff besaß einen trainierten Körper, der mal schön gewesen war – jetzt fielen ihm andere Adjektive ein. Braune Allwetterstiefel, eine dunkle Jeans, darüber eine stichsichere Weste und eine zerschlissene Jeansjacke mit einem Sheriffstern drauf – ein metallenes Schmuckstück, das zusammen mit der Waffe im eingenähten Holster seine Rolle in der Station unterstrich. Seine Haltung drückte eine stille Duldsamkeit aus, die nicht daher rührte, dass er ein bestimmtes Ziel verfolgte, sondern die das Ergebnis einer allgemeinen Gleichgültigkeit war, so als kümmere er sich wenig darum, was morgen geschah, oder ob es überhaupt ein Morgen gab. Er fand es weitaus interessanter, in sich hineinzuschauen. Seine nur allzu bekannte Umgebung bot ihm nur wenig Anlass zur Freude. Die Luft roch verbraucht; eine Mischung aus Kohl und scharfen Ausdünstungen. Aus einem Lautsprecher dröhnten Retro Jazz und Funk, untermalt von leisem Stimmengewirr und gelegentlichen Schreien.
Es begegneten ihm zerlumpte Gestalten, Frauen wie Männer, alte wie sehr junge Menschen. Wenige nickten ihm zu, die meisten ignorierten ihn. Gideon sprach nur wenig mit ihnen, wenn er nicht gerade mit einem Problem zu ihnen kamen. Über vierhundert Menschen lebten vor sich hin; seit vier Jahren umkreiste die Station einen Gasriesen, der für die Gesellschaft uninteressant geworden war. Ursprünglich gebaut, um den reichen Mineralreichtum von KG-147 auszubeuten und die Handelsrouten zwischen der Erde und dem Outer Rim zu bedienen, fiel die Station aufgrund wirtschaftlicher Schwankungen und der Umleitung der Flugbahn in den Niedergang. Sie war eine massive Station, fast achtzehn Kilometer breit und diente seit vier Jahren als Freihafen und kommerzieller Außenposten im Sektor Zeta Wallskamp. Vor dem Niedergang hatte es eine ständige Wohnbevölkerung von 400 gegeben, obwohl die Station groß genug war, um rund 3000 Einwohner unterzubringen. Nur sporadisch kamen Touristen herbei, um sich auf dem Panoramadeck den Gasriesen anzusehen – das war aber auch schon alles. Falberg drohte eine Geisterstadt zu werden.
Nur das stumme Ertragen des eigenen Schicksals. Es gab zwar Frieden, aber eine schwere Melancholie lastete auf alle wie ein feuchtes Segeltuch, das alles niederdrückte. Nur wenige sprachen sich ab, kümmerten sich um den Müll, fegten den Platz, organisierten Beschaffungstrupps oder bauten Gemüse an. Andere lungerten nur rum, suchten im Müll nach Essbaren, rauchten Tabak oder tranken Selbstgebrannten und ließen sich treiben.
Das „Sheriff“-Büro war eine ehemalige Pfandleihe, hinter dessen Tresen aus Panzerglas und carbonbeschichtete Fläche sein Assistent und Freund Jonathan Aldonini arbeitete. Schmuckvoll und voller Ambitionen hatte Gideon damals das Schild „Departement“ selbst gebastelt und angebracht – jetzt schien es ihn jeden Morgen zu verhöhnen.
Gideon öffnete die Tür und stand im Vorraum, wo schon lange keine Objekte zum Kauf angeboten wurden. Es gab mehrere Hocker, eine Kaffeemaschine, ein altes Sofa, einen Prospektständer und sogar einen Stapel Papier und Kugelschreiber. Rechts von ihm hing eine Pinnwand mit gesuchten oder vermissten Personen – zumindest dieses Objekt wurde regelmäßig genutzt.
„Immer, wenn ich komme, ist der Kaffee schon alle.“ Er nahm die Glaskanne und schob sie durch die Anreiche durch.
„Du hast mir gesagt, wir könnten überleben, wenn wir als Team arbeiten.“ Jonathan war eine gepflegte, aber verlebte Erscheinung mit weitem Bauchumfang und fliehenden Kinn. Er war erst vierzig Jahre alt, wirkte aber wie an die fünfzig. Sein fein gezwirbelter schwarzer Bart war stets korrekt getrimmt, aber soweit Gideon denken konnte, trug er immer die gleiche graue Jogginghose und den gleichen braunen Pullover. Er nahm die Kanne entgegen, befüllte sie mit Wasser und reichte sie zurück. „Seit drei Tagen sitze ich hier, nehme Nachrichten an und schwitze mir die Haare vom Kopf. Barbecue und Schweißgeruch. Was bekomme ich eigentlich dafür?“
„Kaffeepulver. Filter.“ Der Sheriff nahm das Gewünschte und machte frischen Kaffee. „Ich war arbeiten. Draußen.“
„Dir gefällt das doch, habe ich nicht recht? Ich meine, dass wir nichts zu tun haben.“ Jonathan stöhnte leise. „Gott, ich hätte mich nie darauf einlassen sollen. Diese Station ist wie ein Grab weit draußen. Der letzte Mord ist zehn Monate her. Du hast mich anfangs darauf eingeschworen, dass wir gegenseitig unsere Rücken decken sollen. Aber vor was?“
„Du kannst Gott danken, das wir nicht in Chicago sind. Zweihundert Tote pro Jahr. Wo sind Fernandez und Oswald?“ Er nahm seine Waffe aus dem Holster und legte sie neben sich. „Jeden Tag die gleiche Meckerei.“
„Fernandez und Oswald sind schon auf ihrer Schicht.“ Das Department hatte zu Spitzenzeiten zwölf Beamte gehabt, von denen die meisten aber sich versetzen ließen – es war einfach zu wenig los. Das wirklich Schlimme war, dass es schrecklich plausibel klang. Jonathan nickte zaghaft, schloss schließlich die Tür auf und reichte ihm ein selbst belegtes Sandwich, an dem schon abgebissen war. Gideon nahm die versöhnliche Geste zur Kenntnis und biss ab.
„Fleißig, fleißig. Was warst du nochmal in deinem alten Job? Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, wenn die Leute fragen…“
„Stadtreinigung.“
„Ach ja, stimmt.“ Jonathan wirkte nicht überzeugt und setzte sich ihm gegenüber: „Lustige Geschichte. Du kennst doch Tom. Tom Muccha.“
Er nickte knapp.
„Tom ist bei den Maschinisten, die draußen täglich ihren Hals riskieren. Er erzählte mir heute Morgen, dass er dich gestern Abend zufällig vor dem Haus hat stehen sehen…“
„Und?“ Ungeduldig wippte er mit dem Fuß. „Ich wollte mir die Beine vertreten.“
Jonathan hob beschwichtigend die Hände hoch. „Alles gut, Gideon. Tom wartete auf seinen Kollegen, der nicht kam. Nach Feierabend fand er die Tür eingetreten vor. Und die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt. Von Wilson Leland keine Spur. Im Grunde ist es mir egal aber halt mich nicht für blöd. “ Er nahm seine Finger dazu und zählte: „Erstens, Leland war jemand der gerne Frauen schlug. Zweitens, man konnte ihm nichts nachweisen. Drittens, Tom sieht dich in der Nähe herumlungern. Und jetzt ist Leland fort und hat heute Morgen das erste Shuttle genommen. Leland ist ein Bär von einem Mann, der trinkt und als Unhold galt. Tom war ziemlich beeindruckt, er sagte, dass wir vielleicht Ninja-Jack aus dem Computerspiel hier als Schutzengel haben und ich sagte ihm, dass es den ja nicht wirklich gibt und er meinte daraufhin, dass ich mal mit dir sprechen sollte.“
„Mit mir?“
„Mit dir.“ Er nickte weise. „Du machst deinen Job besser als dein Vorgänger. Aber halte mich nicht für blöd. Wenn ich also frage was du früher getan hast, dann kannst du mich zwar anlügen, aber ich wäre höchst erfreut, wenn ich mir sicher wäre, wer für die Station seinen Hals riskiert.“
Gideon blickte ihn an, nahm einen Bissen und räusperte sich. „Du willst wissen, was ich gemacht habe?“
„Ja.“
„Stadtreinigung.“
Jonathan seufzte und rieb sich die Stirn.
„Jonathan, was willst du?“
„Ich wollte dich wissen lassen“, er pausierte, dachte angestrengt nach und kam zum folgenden Schluss, „dass wir uns an die Gesetze halten müssen. Wir sind nur ein kleines privates Sicherheitsunternehmen, aber solche Alleingänge setzen uns in ein schlechtes Licht. Wenn du nicht reden willst, dann ist es so.“
„Du fragst nicht mehr?“
„Ist mir egal. Aber du kannst ja nicken, wenn ich recht habe. Schützendivision der Commando Brigade? Sondereinsatzkommando der Speznas? Nein?“ Er neigte den Kopf zur Seite, sah ihn von der Seite an und grinste leicht. „Ich lernte einige Schläger bei den Colpueras kennen. Du bist kein Amateur…“
„Was gibt es sonst? Das Übliche?“
Jonathan wankte zur Kaffeemaschine und sprach, während er zwei Tassen befüllte: „Wir haben viermal Ruhestörungen. Und die Leihbücherei vermisst ein Buch.“
„Ich übernehme das…“ Gideon nickte und erinnerte sich an etwas. „Ja, kannst dich drauf verlassen. Kannst du eine ID raussuchen?“ Jeder Bewohner der Station hatte einen eingepflanzten ID-Chip, eine Vorsichtsmaßnahme der Gesellschaft um eher die Leute an der Arbeit zu kontrollieren als aus sorgenvollen Gründen. Viele hatten nichts zu verbergen, oder es war ihnen einfach egal. Ganz Schlaue wickelten Alufolie in ihre Schals und versuchten so das Signal zu stören. „Der junge Mann nennt sich Marlon Goyer.“
Jonathan bewegte sich zum Terminal und tippte einen Befehl ein. „Was kommt jetzt? Nun, das wird dir wohl kaum gefallen“, entschied er und machte eine dramatische Pause. „Er ist bei dir.“
Gideon brauchte einen Moment, um zu verstehen. Dann stand er abrupt auf und verließ das Departement rasch.
„Willst du mir nicht sagen, was das soll“, rief ihm Jonathan hinterher.
Gideon brauchte keine zehn Minuten, bis er an die aufgebrochene Tür kam. Das zweistöckige Heim lag etwas von dem Boulevard entfernt und verfügte über ein Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und einen Hobbyraum. Nur ein Eingang, der von einer schweren Metalltür mit einem ID-Scanner zugänglich war. Bislang hatte er seine Bleibe als stiller Rückzugsort gesehen, als sein heiliges Refugium. Er starrte auf das demolierte Schloss und betrachtete den Schlamassel: mehrere Kratzer, der deutliche Schuhabdruck eines sehr unerfahrenen Einbrechers auf der Tür, der zudem gewalttätig werden konnte und für Heimlichkeit wenig Sinn hatte. Die Jalousien waren nicht heruntergelassen. Unzufrieden nahm Gideon das zur Kenntnis. Es bedeutete, dass Marlon entweder ein kompletter Idiot oder es ihm schlichtweg egal war, ob ihn jemand dabei beobachtete. Letzteres würde sich als heikel erweisen. Er betrachtete seine Unterkunft und entschied sich für eine vorsichtige Herangehensweise. Es gab keinen Grund, laut zu werden.
„Mister Nikolaeff“, meldete sich Mrs. Parker leise von ihrem offenen Fenster herüber und zeigte regte Anteilnahme: „Haben Sie schon gesehen, dass…“
Seine Nachbarin, eine rüstige alte Dame, beugte sich weit aus dem Fenster und starrte aufgeregt zu ihm herüber. Ihr Dutt unordentlich, der Morgenmantel weit offen gewährte sie Einblicke, auf die der Sheriff getrost verzichten konnte. Zumindest bewies sie sich wieder mal als aufmerksame Beobachterin.
„Ja, Mrs. Parker. Danke für die Mitteilung.“ Gideon holte seine Walther P99 hervor und kam zu ihr herüber. „Halten Sie das mal.“
Die Walther P99 war eine selbstladene Handfeuerwaffe mit 15 x 9mm Kugeln und einer Länge von 4 Zoll, dessen Stahlvisier mit Phosphor bestrichen war. Ausgestattet mit einem Schlagbolzenschloss und einem vorgespannten, weichgängigen Abzug war sie eine verlässliche Waffe, die in keinem Haushalt fehlen durfte. Gideon hatte sie in einigen Einsätzen schätzen gelernt da sie zur Standardausrüstung bei Soldaten wie auch bei Piloten einfach dazu gehörte. Aber auf der Station war sie nicht einmal zum Einsatz gekommen. „Ist er noch da drinnen?“
„Ja, Woher wissen Sie das?“ Mit spitzen Fingern nahm sie die Waffe und legte sie vor sich auf das Fensterbrett. „Ist das klug? Soll ich die Polizei rufen? Himmel, ich kann damit nicht umgehen…“
„Verwahren Sie sie nur. Es ist besser, wenn ich allein reingehe.“ Er setzte ein freundliches Lächeln auf und reichte ihr seine Karte. „Wenn ich in zehn Minuten nicht wiederkomme, rufen Sie diese Nummer an. Können Sie das für mich tun? Ich weiß, dass Sie eine ehrbare Bürgerin sind, Mrs. Parker. Und nicht damit auf den Briefträger zielen.“ Er grinste ihr schelmisch zu. Bloße Taktik, um sie aufmerksam und Teil seiner Ermittlung zu machen. „Sie sind jetzt meine Rückendeckung. Das klingt doch spannend, oder?“
Sie schluckte merklich und nickte tapfer. „Passen Sie auf sich auf.“
„Mache ich.“ Er wandte sich um und schritt ohne Eile auf sein Heim zu. An der Tür blieb er stehen, um zu lauschen. Von drinnen vernahm er ein Scheppern. Marlon war bestimmt entsprechend nervös, und es war nicht auszuschließen, dass er etwas dämliches anstellte. Vorsichtig schob er die Tür auf.
Als er durch den Eingang spähte, konnte er durch sein Heim bis zum gegenüberliegenden Panorama-Bullauge sehen: die Silhouetten der Möbel zeichneten sich deutlich gegen das schwache Licht ab und in der Ferne konnte man den gräulich-braunen Gasriesen sehen. Aber viel mehr erforderte seine Aufmerksamkeit die wild verstreuten Bücher, die überall auf dem Boden lagen, sowie die zerstörte Vase auf der Anrichte. Scherben und ein heilloses Durcheinander.
Gideon spürte Ärger aufkommen und hätte sich am liebsten sofort auf den Einbrecher gestürzt, doch er tat nichts dergleichen. Er betrat seine Küche und ließ sich am Frühstückstisch nieder.
Die Mikrowelle war aus der Anrichte herausgebrochen worden und stand auf dem Boden. Offenbar würde Marlon hier vorbeikommen und sie beim nächsten Hehler versuchen sie in klingende Münzen zu versetzen. Gideon hatte keine Eile.
Schließlich kam der Urheber der Misere persönlich und blieb wie angewurzelt an der Tür stehen.
Gideon lächelte entwaffnend und breitete jovial die Hände aus. „Ich bin unbewaffnet.“
Der Thermostat klickte leise, und die Klimaanlage ging an. Das Geräusch ließ Marlon zusammenzucken. Mit offenen Mund stand er da und hielt den schweren Plasmabildschirm in den Händen. Er schien auf vertrautem Fuß mit der Angst zu stehen und atmete schwer ein und aus. Jetzt hatte Gideon die Möglichkeit, sich den Jungen von Linda Goyer in Ruhe anzusehen: ein schlaksiger Bursche mit gräulicher Haut, die Pupillen geweitet und selbst aus der Entfernung roch Gideon Angst und eine leichte bittere Note, als würde er etwas Chemisches ausschwitzen. Trotz und Angst kämpften um die Vorherrschaft. Gideon wartete auf eine Reaktion.
Der Plasmabildschirm fiel klirrend zu Boden, als Marlon fahrig beide Hände frei zu bekommen versuchte, um in seiner Tasche etwas zu suchen. Ein Messer.
Gideon hob runzelnd die Augenbrauen.
„Wo ist das Geld, Mann“, brach Marlon leise hervor und wirkte, als wären die Teufel persönlich hinter ihm her. „Du alter Sack hast doch Geld! Ist hier ein Safe? Schnell, sonst steche ich dich ab.“
„Nur wir beide wissen davon, Marlon. Setz dich, lass uns reden. Ich habe irgendwo noch Kaffee…“
„Halts Maul, halt dein Maul!“
„Schöne Uhr hast du da“, bemerkte Gideon und lehnte sich zurück, als wäre ein alter Bekannter zum Essen hereingekommen. „Ich hatte auch mal so eine, aber die habe ich vor Jahren verloren. Im Urlaub auf den Kanaren. Warst du schon mal auf den Kanaren?“
„Bin ich nicht gewesen!“
„Weiß ich doch.“ Gideon zog umständlich seine Jacke im Sitzen aus und legte sie sich ordentlich über den Stuhl. „Lass uns reden. Wir sind zwei Erwachsene, die sich zufällig treffen. Du kannst mir alles sagen. Was du willst.“
Marlon wollte nicht reden. Das Friedensangebot nahm er vielleicht nicht mal wahr. Der Wahnsinn hatte das Haus durch jene Tür betreten, und zwar nur zu einem Zweck: um schnelles Geld zu finden, das er so sehnlichst brauchte. Momentan war er nicht drauf, aber er wünschte sich den liebgewonnen Zustand wieder herbei, und Gideon spürte, dass ruhiges Zuhören keine Option war. „Davon muss deine Mutter nichts erfahren.“
„Schläfst du mit ihr?“ fauchte er aufgebracht und kam drohend näher. „Dich habe ich schon öfters gesehen. Fickst du sie? Fickst du meine Mutter? Ich hab dich etwas gefragt…!“ Drohend kam er näher und reckte gefährlich sein Kinn vor. Aus seinen Augen sprühte Mordlust.
„Das fragt man einen Erwachsenen nicht“, erwiderte Gideon ruhig und stand auf. Nachdenklich legte er den Kopf schief, als würde er überlegen. „Sie ist eine gute Freundin. Wir reden viel. Vor allem über dich, Marlon. Momentan frage ich mich“, er stöhnte leise und knackte gefährlich mit seinem Nacken, „wie weit du gehen wirst. Wie weit geht der Junge von Goyer? Würde er wirklich für einen Schuss einen unbewaffneten Mann abstechen?“
Unruhig stand er da und hielt die Klinge vor sich, die bedenklich zu zittern anfing. „Wo ist das Geld?“
„Welches Geld“, fragte Gideon leise und bereitete sich mental vor. „Leg das Messer weg, Junge. Noch können wir reden…“
„Will nicht reden!“ Hastig fuhr er mit der Klinge durch die Luft. Viel zu weit entfernt. Hektisch wandte er den Kopf und schielte zum Ausgang.
„Ich werde dich nicht gehen lassen“, bemerkte Gideon trocken und setzte alles auf eine Karte. „In dem Zustand wirst du noch jemanden verletzen. Du bist doch ein netter Junge. Das ist doch nicht Marlon, der als Kind seiner Mutter so viel Freude gemacht hat! Das bist doch nicht du! Setz dich, und leg das Messer weg.“
„Nein!“ schnappte Marlon über und wilder Zorn verdunkelte seine Sicht der Dinge. „Gib mir alles Geld, das du hast! Sofort! Du nimmst mich nicht ernst! Warum nimmt mich keiner ernst!?“
„Jetzt ist aber gut! Messer weg, sofort!“
„Nein! Ich steche dich ab, du…!“
Mehr Aufmunterung brauchte Gideon nicht. Er spürte, wie etwas Altbekanntes von ihm Besitz ergriff, die Entfernung abschätzte und seinen Gegner taxierte. Mit einer Waffe in der Hand hätte die Sache schnell und sauber gelöst werden können, dafür aber tödlich und gewiss nicht professionell genug, um sich dafür später bei Linda entschuldigen zu können. Aus Respekt vor ihr wählte Gideon die sanfte Tour, die auch, zugegeben, ihm perfiden Spaß machte. Auch der Sheriff war nicht frei von Fehlern.
Marlon hatte unterdessen sich entschlossen, zum Mörder zu werden. Ein Ausfallschritt und die Klinge weit erhoben, stürzte er sich auf das vermeintlich wehrlose Opfer.
Dumm, dachte Gideon bei sich und hätte fast dabei gelächelt. Es passierte alles so langsam vor seinen Augen. Wie auf einem Skizzenblatt konnte er klar vor sich die Schneise sehen, die genau auf seine Kehle zielte.
Mit der Linken konterte er den Schlag, indem er seinen Zeigefinger und Mittelfinger auf die ungeschützte Innenseite des rechten Arms schlug und dabei einen bestimmten Nerv traf. Marlon ächzte getroffen auf und sah hilflos zu, wie das Messer kraftlos aus seinen Fingern glitt. Er verstand nicht, dass Gideon nicht viel Kraft brauchte um ihn am Kragen zu packen und gegen die Anrichte zu schleudern, so dass die Teller und Tassen scheppernd zu protestieren anfingen.
Mit dem Fuß beförderte er die Klinge aus seiner Reichweite und versetzte Marlon eine schallende Backpfeife, die ihn zurücktaumeln ließ. Der Junge stieß krächzend etwas aus, was sich wie ein Fluch anhörte und ging sofort zum Angriff über: mit einem wilden Aufschrei umpackte er Gideons Hals und stemmte sich gegen ihn. Ganz nahe konnte er den stinkenden Atem und vor allem, den Wahnsinn in den Augen sehen. Hinter der Hirnrinde schienen kleine Dämonen um die Vorherrschaft zu kämpfen, und alle wurden Erste.
Gideon hatte endgültig genug, schlug ihm in den ungeschützten Bauch und packte mit der anderen Hand seinen Kopf, um ihn gegen den Türrahmen zu schlagen. Hier und da ein weiterer Tritt, ein Schlag mit dem Ellenbogen und schon landete Marlon getroffen zu Boden. Der Wahnsinn flackerte noch kurz auf, dann schlossen sich die Augen des kraftlosen Burschen für eine lange Zeit.
Der Sieger des ungleichen Kampfes blickte auf den zusammengekrümmten Körper und atmete stöhnend auf. Was war jetzt zu tun?
Mit Handschellen fesselte er ihn an die Heizung, telefonierte mit der Zentrale und begann dann erst die Taschen zu durchsuchen. Ein paar Credits, eine zusammengeknüllte Zigarettenschachtel und ein Inhalator.
Seltsam.
Der Inhalator war aus Plastik, doch in der gläsernen Patrone schwappte eine rötliche Flüssigkeit, die wie Liquid an dem Glas zu perlen begann. Gideon schnüffelte kurz an dem zerbissenen Mundstück und verstand schnell, mit was er es hier zu tun hatte. Der Grund, warum sich Goyers Junge so feindselig verhalten hatte.
Das Department war verhältnismäßig voll, und Gideon spürte Kopfschmerzen aufkommen. Der Apotheker stand in seinem Jackett, das in seiner Schäbigkeit bestens zu den Schuppen auf seinem Kragen passte, und besah sich den Inhalator in seiner behandschuhten Hand an. Jonathan, Fernandez und Oswald standen um Gideon herum und bestürmten ihn mit Fragen, während sie aufgeregt rauchten. Er schauderte und stieß ein Schnauben aus. Die schlechte Luft zermürbte ihn und der Kopfschmerz nahm zu. „Also, was haben wir hier, Doc?“ Gideon konnte den jungen Apotheker nicht ausstehen; er sah oft aus, als wäre er eben gerade aus einer Mülltonne gekrochen. Außerdem haftete ihm etwas penetrant Selbstgefälliges an, weshalb Gideon ihn im Verdacht hatte, dass er sich im Kreise seiner Familie ziemlich aufspielte.
„Ein einfacher Inhalator“, erklärte der Apotheker und rückte seine Brille zurecht. „Das ist definitiv RedStar, eine synthetische Droge, von der ich schon gehört habe. Ein tiefer Zug, und man ist drauf, salopp gesagt. Viele leicht zugängliche und alltägliche Produkte enthalten Lösungsmittel, Gase oder andere flüchtige Stoffe, die eine berauschende Wirkung haben können, wenn man sie inhaliert. Auch auf der Erde und auf dem Mars machen manche Kinder und Jugendliche frühe Drogenerfahrungen mit solchen Schnüffelstoffen, die oft in Gruppenritualen konsumiert werden. Vor allem der langfristige Gebrauch von Schnüffelstoffen ist mit erheblichen körperlichen, psychischen und sozialen Risiken und Folgeschäden verbunden.“
„Siehe Beweisstück A“, meinte Jonathan abfällig und deutete auf die einzige Zelle hinter sich. Marlon plärrte und beschwerte sich, so dass die Anwesenden sich gezwungen sahen, die Tür zum Bereich geschlossen zu halten. Es war kein schöner Anblick.
„Kann er vom Stoff entwöhnt werden?“
„Nicht bei RedStar“, verneinte der Apotheker und setzte eine mitleidige Miene auf, die derartig gespielt war, dass Gideon nur kurz Hass empfand. „Ähnlich wie bei Crack. Der Körper braucht jetzt diesen Stoff und vergiftet sich selbst. Es wirkt wie Fettentferner oder Tipp-Ex: Butan, Pentan, chlorierte Kohlenwasserstoffe oder auch Feuerlöschflüssigkeit, wie Halone. Der Körper nimmt Crack über die Lunge wesentlich schneller als geschnupftes Kokain über die Nasenschleimhäute auf. Nach ca. 10 Sekunden erreichen die Kokainmoleküle die Nervenzellen des Gehirns. Schwerwiegend sind zudem oft die psychischen Begleiterscheinungen: Charakterveränderung. Der Konsument fühlt sich einsam und er wird häufig von der Umwelt als aggressiv wahrgenommen. Wahnvorstellungen, Psychosen, Dermatozoenwahn, Soziale Vereinsamung. Ich denke, dass euer Junge in eine geschlossene Abteilung der Medizin verlegt werden sollte. Natürlich braucht ihr eine gerichtliche Verfügung.“
Jonathan langte zum Hörer. „Das erledige ich.“
Fernandez stieß einen Pfiff aus und warf Oswald einen Blick zu. „Wir sind so weit draußen. Habe echt gedacht, dass erreicht uns nicht.“
„Verdammte Schande, das.“ Oswald nickte weise und klopfte Gideon auf der Schulter. „Das wirst du wohl der lieben Mama selbst beibringen müssen.“
Gideon schauderte und stieß erneut ein Schnauben aus. Er wollte jetzt nicht an Linda denken. Wie würde sie darauf reagieren? „Das sollte besser unser Boss machen, nicht wahr Jonathan?“
„Verzichte. Das machst du. Du kennst sie länger.“
„Ach, komm schon!“
„Nichts da“, stellte sein Boss klar. „Er ist dein Problem. Er ist bei dir eingestiegen, und du hast ihn festgenommen. Jetzt machst du den ganzen Abwasch. Keine Diskussion.“
Die Logik dahinter wollte Gideon nicht einleuchtend, aber er wusste, ab wann es klug war einfach zu gehorchen. „Wie kam das Zeug hierher? Wer dealt mit Drogen? Hat jemand eine Idee?“
Fernandez und Oswald schüttelten die Köpfe, und auch Jonathan sah ratlos aus.
Mit nichts anderem hatte Gideon gerechnet. Besah man sich die drei Kollegen, hätte man annehmen können, dass sie außer ihre Uniform nur ihre Bäuche und ihr Sitzfleisch ausreichend pflegten. Oswald hatte deutliche Gewichtsprobleme, und Fernandez selbst klagte über Plattfüße und fuhr die meisten Wege mit einem Buggy. Und Jonathan verließ so gut wie nie seinen Platz im Departement. Dagegen wirkte Gideon wie ein Fitnesslehrer. Auf solche Krisen waren sie nicht vorbereitet. „Keine Idee? Wir müssen dagegen vorgehen, Leute.“
„Ich halte dich nicht auf, Gideon“, bemerkte Jonathan auf eine seltsame Art, die ihm nicht gefiel. „Das ist jetzt dein Fall. Ich werde einen Bericht zur Zentrale und eine Anfrage an das Drogendezernat schicken. Dr. Kelputsch kommt gleich und schaut sich den Patienten an. Wir werden ihre Meinung zusammen mit unserem Verdacht protokollieren und uns an das Verfahren halten. Du weißt, was du zu tun hast?“
Gideon starrte seinen Freund an und schnaubte zum wiederholten Male. „Wie weit darf ich gehen?“
Alle sahen ihn verdutzt an, nur Jonathan schien kein bisschen verunsichert. „Wie weit möchtest du denn gehen? Ich will den Dreck hier nicht haben. Klopf mal auf den Busch und schaue nach, was dabei herumkommt, aber wenn die Profis von der Drogenbehörde auftauchen, bist du raus. Dann überlassen wir es ihnen. Kapiert?“
„Ist das alles?“ wollte der Apotheker wissen, während er seine Handschuhe auszog. „Darf es sonst noch etwas sein?“
Gideon versuchte zu schlafen und starrte Linda von seiner Seite des Bettes aus an, die geruhsam den Schlaf gefunden hatte. Zuerst hatte sie geweint, er hatte sie gehalten und war den ganzen Abend bei ihr geblieben. Aus dem Trösten war ein Streicheln geworden und dann… na, sie hatte schon viel zu lange die Nähe eines Mannes nicht mehr gespürt. Darauf war Gideon nicht stolz.
In seinem Kopf ging es zu wie in einem lebhaften Miethaus – überall Streitereien, und ein Stück weiter den Flur hinunter kam es sogar zu einer Schlägerei. Er fühlte sich leer und ausgehöhlt, und vor dem Schlafengehen hatte er noch Wein mit ihr getrunken. Die Dunkelheit rückte ihm zu dicht auf die Pelle, weshalb er aufstand, das Licht im Badezimmer anschaltete und sich wieder anzog. Es war fünf Uhr in der Früh. „Wo gehst du hin“, hörte er sie sagen.
„Ich gehe um die Zeit immer Joggen“, meinte er leise und wandte sich zu ihr um. „Kann ich dich alleine lassen?“
Sie stöhnte als Antwort und streichelte ihm über das Gesicht. „Du bist so anders als die anderen. Immer korrekt, immer so ruhig und gefasst. Wie ein Abziehbild eines Playgirls.“ Sie lächelte traurig und küsste seine schwielige Hand. „Ich möchte dich mit niemanden teilen. Du tust mir gut.“
„Danke für die Blumen.“
Über ihre nächste Bemerkung war er aber erschrocken: „Du passt nicht hierhin.“
„Wie meinst du das?“
„Alles geht den Bach runter“, erklärte sie leise und führte seine Hand zu ihrer Brust. „Das Kino hat letzten Monat zugemacht, und ich hörte, dass die Millers von nebenan umziehen wollen. Die Station ist verflucht. Zuerst mein Mann, und jetzt Marlon.“ Sie wandte sich plötzlich ab und weinte leise.
Er verstand nur zu gut. „Darum bin ich hierher, Linda. Das ist ein totes Gleis, aber auch ich habe meine Gründe, warum ich hier bin.“ Er streichelte ihre Schulter und hauchte ihr einen Kuss auf ihren Kopf. „Ich schnappe mir die Typen, die deinem Sohn das Zeug verkauft haben.“
Er blieb noch eine Weile bei ihr sitzen, bis sie wieder eingeschlafen war.
Zuhause angekommen, räumte er auf, fegte die Scherben beiseite und war nach einer Stunde fertig. Er schickte eine Anfrage an den Schlosser und war erfreut zu lesen, dass er schon in zwei Stunden das Schloss austauschen und die Tür reparieren konnte. Kurzerhand zog er seinen Jogginganzug an, setzte sein Headset auf und hörte beim Laufen Musik.
Es war wie immer seltsam auf dem Außenring der Station zu Joggen, und er begegnete die ganze Zeit nicht einer Menschenseele. Zur Rechten begrüßte ihn hinter dem Panoramaglas der lebensfeindliche Weltraum, während er sich im wohltemperierten Bereich der riesigen Anlage verausgabte. Das All war ewig und die Station nur ein Körnchen in dem riesigen Vakuum des Raums. Das All kümmerte nicht das Problem, mit dem er konfrontiert worden war und ließ ihn damit allein.
Pünktlich kam er vom Joggen zurück als der Schlosser schon auf ihn wartete. Die Tür wurde schnell repariert und er ging rasch duschen. Sein nackter Körper war mit kleinen und großen Narben versehen und über seinen Rücken prangte in kyrillischer Schrift das Motto seiner alten Einheit: Ehre und Ruhm der Sewastopol! Nur mit einem Handtuch bekleidet wandte er sich zum Flur und blickte zur Rechten: das im Dunkel liegende Schlafzimmer lockte mit seinem weichem Bett, der warmen Daunendecke und der Aufsicht auf einen erholsamen Schlaf. Sehnsüchtig blickte er nach vorne – ein Frühstück im Fernsehsessel war auch nicht zu verachten. Beides ließ sich leicht kombinieren.
So saß er da und schaute sich die Nachrichten an, genoss seinen Tee und spürte wie er ruhiger und ruhiger wurde. Nach einer Weile war er eingeschlafen.
Vor zehn Jahren:
Der Mustang röhrte die Auffahrt des Bureau of Khorgisien in die Seitenstraße hoch und gesellte sich zu der Wagenkolonne der Einsatzgruppe, die aus einem zerbeulten Undercover-Lieferwagen und zwei schwarzen Vans bestand. Der junge Mann wuchtete die Tasche mit seiner Ausrüstung aus dem Mustang und hastete zum Führungsfahrzeug hinüber, einem schmutzig weißen, geschlossenen Lieferwagen, der an den Seiten die Aufschrift eines bekannten Feinkostladens trug. Die Farbe war über die Jahre mehrfach erneuert worden, die Einschusslöcher hingegen blieben.
Durch die geöffneten Hecktüren beobachteten drei Männer den Auftritt. „Da kommt der neue Kommissar“, knurrte Offizier Artjom Penkusch. „Kanns kaum erwarten, sich seine ersten Lorbeeren zu schießen.“
Der Special Agent, für den Einsatz verantwortlich, erstickte jede Diskussion im Keim. „Er kommt mit besten Empfehlungen der Partei“, sagte Gideon Nikolaeff. „Ohne die Erlaubnis des Großen Bruders geht ja heutzutage nichts mehr. Seid freundlich.“
„Das ist ja noch ein Kind“, grummelte jemand hinter ihm.
„Lob und Preis Khorgisiens“, begrüßte der Kommissar und kam näher. „Ich darf Ihnen sagen, dass der Oberste Anführer persönlich den Haftbefehl unterzeichnet hat. Es ist aufregend, nicht wahr?“ Er grinste begeistert und stellte seine Tasche ab. Und blickte in verhärmte Gesichter, die seinem Enthusiasmus nicht unbedingt teilten. Gideon maß ihm mit forschen Blick und nahm die Unterlagen entgegen. „Wir sollten reingehen.“
Der alte Lieferwagen verströmte diesen Ziegenstallgeruch aus Angst und Schweiß, dem mit keiner Putzaktion mehr beizukommen war. Er hatte über Jahre hinweg unzählige Firmenaufdrücke über sich ergehen lassen müssen und war Teil der Säuberungsaktion. Einer Säuberung der unliebsamen Subjekte, die gegen das Gesetz verstießen. Und in Zeiten der neuen khorgiesischen Regierung wurde das Maß sehr weit gefasst.
Die Rückfenster funktionierten gut getarnt wie Einwegspiegel.
Der Kommissar konnte die großen schwarzen Vans, die ihnen folgten, gut sehen. Immer dann, wenn er sein Gesicht dem Fenster zuwandte, musterten seine männlichen Kollegen ihn mit verstohlenem Blick. Ausnahmslos alle Beamte trugen Kampfanzüge.
Gideon griff sich seinen Klemmblock vom Beifahrersitz. „Wir haben drei Ziele im Auge, Herr Kommissar“, erläuterte er beiläufig. „Team Zwei und Team Drei sind schon auf dem Weg. Team Eins – das sind wir – werden uns „Mama“ schnappen. Könnte ich den Haftbefehl sehen?“
Der Kommissar reichte ihm die Papiere, die der Specialagent nur überflog. Stempel und Unterschrift waren gültig. Er atmete leise aus und drehte sich zu ihm um, während der Kommissar mit freudiger Erwartung an seinem Pistolenhalfter herumnestelte. „Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?“
„Zweiundzwanzig. Aber im Kunstschießen war ich Bester. Das Politbüro hat seinen Segen gegeben.“
Gideon war nicht beeindruckt. Er wusste, dass der Oberste Sekretär vor der Partei punkten und sich als Mann der harten Hand profilieren wollte. Darum schickte er seinen ältesten Sohn mit. Der Kommissar wirkte wie ein Abziehbild eines Propagandaposters. „Wir nehmen heute nicht irgendwelche Menschenrechtler oder Politaktivisten hoch, Herr Kommissar. Das wissen Sie.“
„Natürlich.“
„Dann verstehen Sie sicher, dass Sie im Auto bleiben.“
Der Kommissar war damit nicht einverstanden. „Sie wissen, wer mein Vater ist?“
Der Agent drehte sich zu den drei Männern und der einzigen Frau um. Die Einsatztruppe bestand aus ehemaligen Söldnern oder Polizisten, die wegen ihres harten Vorgehens in die Rolle genau passten. Ihre Knüppel und Kampfanzüge waren voller Kerben und Flecken, die von einem Leben der Gewalt erzählten. Dazwischen wirkte der aufstrebende Kommissar wie eine frische Bergblume, die aus einem Haufen Geröll emporwuchs.
Gideon versuchte die Taktik zu ändern: „Was wissen Sie über Mama?“
Die Rede wirkte wie einstudiert: „Gina „Mama“ Colfex hat Maschinenbau an der Staatlichen Universität studiert und ist Teil der Colfex-Clique. Gesucht wegen Drogenhandel, Menschenraub und Mord. Ein Familienunternehmen, dass ihr Vater schon vor Jahren aufgebaut hat. Knapp vierundvierzig Mitglieder.“ Er holte kurz Luft und hielt trotzig den Blickkontakt. „Sie leidet unter periodischen Anfällen von Angst und Depression. Fehlende Empathie wurde bescheinigt und sie gilt als extrem gewalttätig.“
Gideon nickte ernst. „Die Clique kocht heute. Das Methamphetamin ist Sache der Polizei. Wir sind einzig und allein an der Familie interessiert. Der Haftbefehl führt halbautomatische Waffen und einige MAC 10s auf, und wer weiß, was sie noch hat. Die Frau ist brandgefährlich. Witwe von Russel Cjungo, dem Schlächter. Ich habe bereits zweimal wegen Verdachts des Menschenhandels gegen sie ermittelt. Das letzte Mal kam sie mit einer 9-Millimeter und drei Magazinen an. Als ob das nicht gereicht hätte, hatte sie Tränengas dabei. Keine Ahnung, mit was sie heute aufwartet.“ Er warf einen Blick zu seinen älteren Kollegen. „Sie hat Boris und Natascha auf den Gewissen.“
Die Männer nickten ernst. Artjom Penkusch spuckte geräuschvoll aus. Heute würde Blut fließen. Vorsorglich stopften sie sich noch Extramagazine in ihre Taschen.
„Ich war drei Jahre in Folge Champion im Pistolenschießen bei den Mutterland-Meisterschaften“, erwiderte der Kommissar trotzig. Ihn ärgerten die Blicke der Männer, trotzdem registrierte er, dass niemand wagte, etwas zu sagen. Es war nicht klug den Großen Bruder zu verärgern.
Gideon runzelte die Stirn. „Schön. Sie wollen dabei sein. Von mir aus. Aber ich höre mir hinterher keine Klagen an, kapiert? Sie bleiben hinter mir. Wir benutzen zuerst Betäubungsgranaten, dann wird scharf geschossen.“ Gekonnt wechselte er das Thema. „Wir wissen, dass ihre Cousins John und Vic in einer Fleischerhalle gerade beschäftigt sind. Team zwei wird sich darum kümmern. Team Drei nimmt sich ihr Zuhause vor. Laut unseres Informanten sitzt die Familie gerade am Tisch zu Abend. Wir schlagen alle gleichzeitig zu. Ihre Schwester Michelle und ihr Sohn Trevor werden da sein. Schnell und sauber. Wenn die Granaten nicht versagen, bekommen wir sie alle lebend.“
Alle nickten grimmig. Die verhärmten Gesichter ließen den Schluss zu, dass sie lieber ihre ganzen Magazine verballern würden, als die Kriminellen lebend zu fangen. Bei Erfolg mussten sie verhört, versorgt und nach der Verurteilung zum Flugplatz gebracht werden, wo eine Militärmaschine sie nach Nordsibirien brachte. Und hoch im Norden, in der Weite der Tundra, wartete ein ganzes Gefängnis voller Kriminelle auf sie. Selbst bei einer Flucht wartete die Tundra auf sie; mehrere hundert Quadratkilometer Wildnis. Der Gulag war eine Einbahnstraße.
„X minus zehn Minuten“, meldete sich der Fahrer.
„Dort, hinter dem LKW“, entgegnete Gideon und wandte sich wieder nach vorne. „Bei x minus drei steigen wir aus und beziehen Position.“
Der Fahrer fuhr routiniert weiter und sagte, ohne die Mundwinkel zu verziehen: „Es sieht ganz so aus, als wollten heute nicht gerade viele Leute Fisch kaufen. Wir sind da.“
Die einzige Frau im Bunde schaltete den Computer ein und schickte ein 3D-Bild von der Umgebung in die Mitte des Vans. Das Modell war gestochen scharf und zeigte in verschiedenen Farben, was relevant für die Truppe war. Auf dem Bürgersteig reihten sich unter einer Leinenmarkise Tische und Verkaufsstände mit feucht schimmerndem Fisch. Der Computer markierte die Zivilisten grün und zeigte gerade einen Mann, der mit einem geschwungenen Messer einen Marko-Hai aufschlitzte und den riesigen Fisch mit einer Spritzpistole abspritzte. Da jeder Mensch eine ID in seinem Nacken verpflanzt bekommen hatte, war es für den Computer ein Leichtes die Guten von den Bösen zu unterscheiden. Die ID des Mannes war sauber – seine und die der anderen Zivilisten, die sich in kleinen Grüppchen um die Tische drängten. Es handelte sich überwiegend um Hausfrauen, die zu ihrem allabendlichen Gang über den Markt eintrudelten, die Ware beäugten und an ihr schnupperten.
In der Halle dahinter sah es anders aus.
Zehn grün schimmernde Individuen saßen dichtgedrängt an einem Tisch und blickten vertieft in ihre Arbeit, während vier rotmarkierte Personen um sie herumstanden. Gestochen scharf konnte jeder im Van die feinen Gerätschaften ausmachten, die man brauchte, um erstklassige Drogen zu produzieren. Und der Computer meldete einen Treffer.
Gina „Mama“ Colfex.
Die ID log nicht.
„Da ist sie ja“, raunte jemand leise.
Das Labor grenzte ebenerdig an der Lagerhalle des Fischmarktes an und hatte nur einen Eingang. Die ganze Gegend bestand aus einer Reihe von Geschäften und Warenhäusern an den Flussufern, die zu dieser Zeit nur wenig von Zivilisten besucht wurde. Langsam rollte der Van mit ausgeschalteten Lichtern hinter einem Lkw und blieb schließlich stehen. Er blickte in die Gasse hinunter und winkte jemanden in Zivil zu, der sich ihm schnell näherte.
„Wer ist das?“
Gideon wandte sich dem Kommissar zu. „Mamas Frühwarnsystem hat in der Vergangenheit gut funktioniert. Es ist bis jetzt ihr jedes Mal gelungen zu flüchten und sich mit einem Auto aus dem Staub zu machen. Lorenzo ist ein alter Freund von mir.“ Er stieg aus und unterhielt sich leise mit dem Mann mit den schmächtigen Schultern, der sein Gesicht unter einer Kapuze verborgen hielt. Aus den verspiegelten Fenstern beobachtete der Kommissar, wie der Beamte ihm ein Geldbündel zusteckte. Sofort verschwand der Mann wieder in der Dunkelheit.
„Jedes Auto im ganzen Block liegt lahm. Wir können“, raunte der Agent leise zum Van und holte seine Kopfhörer vom Sitz. Dabei sprach er in sein Kehlkopfmikro. „X minus drei. Team Zwei und Team Drei, bitte kommen.“ Er nickte knapp und sprach weiter leise ohne dass der Kommissar etwas davon verstand. Die anderen Männer bereiteten sich vor und entsicherten ihre Waffen.
Schließlich öffnete Gideon die Hecktüren und überreichte dem Jüngeren eine Waffe. „Nehmen Sie diese.“
Der Kommissar nahm sie entgegen und hielt sie vor sich auf eine Art, wie sie Gangster in amerikanischen Filmen hielten. Gideon bemerkte den gefährlichen Glanz in seinen Augen, sagte aber nichts dazu. „Sie bleiben hinter mir. Boris, du gehst zur Rückseite und wirfst die erste Granate durchs Fenster. Vanja deckt den Nordteil und schaltet die Wache dort aus. Ana wird die Vorderseite nehmen und sie mit Avon eindecken.“ Avon war eine großkalibrige Schrotflinte, die im Nahkampf einen ganzen Raum leerfegen konnte. Extrem gefährlich und endgültig. Die Person namens Ana grinste den Kommissar zu und tätschelte das verchromte Monstrum. „Leute, das haben wir schon oft gemacht – nur heute vor Publikum. Immer lächelnd in die Kamera.“
Sein ganzes Team wirkte wie ein Rudel hungriger Wölfe, und er sah, dass es gut war.
Alle nickten stumm, und langsam begann die Gruppe sich zu bewegen.
Er ging voraus und zog seine Waffe, wohlwissend dass der Gast es versäumt hatte, sein Magazin zu kontrollieren. Tragische Erfahrungen hatten den Wert einer fehlerfreien Rückendeckung nachdrücklich vorgeführt, so dass der Mann dem Kommissar wohlweislich eine Schusswaffe mit einem leeren Magazin gegeben hatte. Sich mit einem Team, das man nicht kennt und dessen Leute über unterschiedliche Trainingsniveaus verfügen, bei einem Übergriff gewaltsam irgendwo Zutritt zu verschaffen ist ein gefährliches Unterfangen. Wie schnell hat einem eine Kugel die Wirbelsäule zerschmettert, wenn man einer Gruppe vorangeht, die unerfahren und von Angst getrieben agiert.
Das Team zerstreute sich und bezog in voller Kampfmontur Position – schnell und effizient. Der Zufall wollte es, dass kein einzelner Zivilist auf die Beamten aufmerksam wurde, bis sie in Stellung waren. Der Agent blickte auf seine Uhr und registrierte, dass sie gut in der Zeit lagen. Mit einem Flüstern gab er seinen Mann an der Rückseite das Zeichen.
Die Betäubungsgranate zerschlug ein Fenster, segelte durch die Luft und explodierte so laut, dass der Kommissar hinter Gideon vor Schreck zusammenzuckte. Dabei drückte er versehentlich ab, und erstarrte als nur der Schlagbolzen auf nichts traf. Gideon wandte sich kurz um und blickte genau in den Lauf. Habe ich es nicht gesagt?
Doch er wartete keine Reaktion ab, sondern stürmte vor und trat die erste Tür ein. Der nächste Knall war ohrenbetäubend und Gideon wusste, dass Ana mit ihrer Avon den Raum für sich beanspruchte hatte. Schmerzensschreie und mehrere Schüsse folgten. „Alles runter auf den Boden. Ich sagte, runter auf den Boden!“
Und jetzt ging alles sehr schnell. Der Trupp sicherte den Raum, bellte Befehle und überwältigte die Personen in dem Raum. Auch einige Zivilisten lagen tot auf dem Boden, doch für die hatte der Agent keinen Blick übrig. Kollateralschaden war vorgesehen.
Schüsse hinter dem Agenten. Zwischen zwei Pfeilern tauchte, Nofretete gleich, Gina „Mama“ Colfex auf und zielte mit ihrer Schrotflinte auf ihn. Wie von einer eisernen Faust getroffen, trieb es den Agenten nach vorne. Sämtliche Luft entwich ihm aus der Lunge. Mündungsfeuer und Pulverdampf aus verschiedenen Waffen. Kugeln pfiffen durch die Luft. Der Agent berührte kurz seine Kevlar-Weste, die ein qualmendes Loch aufwies. Das Gewicht der Weste fiel durch eine zusätzliche Weste Keramikplatte am Rücken deutlich höher aus. Wie im Zeitraffer nahm er alles auf: wie der Kommissar zur Rechten umfiel und hart auf dem Boden landete, wie „Mama“ mit wilden Augen voll mit tödlichem Versprechen auf ihn anlegte und wie Artjom von der Seite einen Schuss auf sie abgab. Sie segelte davon und blieb reglos liegen, mit seltsam verdrehten Beinen nach vorne gebeugt auf den Beinen.
Artjom, Ana und Boris übernahmen die Kontrolle. Der Einsatz war vorbei.
Das Einsatzfahrzeug der hiesigen Polizei sowie ein Leichenwagen waren vorgefahren, während der Agent ein kurzes Resümee zog: drei Kriminelle waren tot, sowie alle zehn Zivilisten. Artjoms schnelle Reaktion war es zu verdanken, dass Gina „Mama“ Colfex nur betäubt wurde. Er hatte zuvor drei Schüsse scharfer Munition verschossen und gedankenschnell auf Betäubungsschuss umgeschaltet. Guter, alter Artjom.
Gideons Rücken schmerzte, aber das würden eine Flasche Wodka und ein paar Schmerztabletten schon hinbekommen. Er wankte leicht zu seinem Freund und ließ sich einen Bericht geben. „Wie stehen wir da?“
„Vierzehn Kilogramm Methamphetamin, alle Zivilisten tot und Mama lebend.“ Artjom deutete auf sein Headset. „Team zwei und Drei haben ein ganz schönes Blutbad angerichtet. Vier Mitglieder sind noch am Leben, unsere eigenen Verluste belaufen sich auf null.“
Der Agent nickte leicht und schaute auf den Kommissar, der mit einem Verband um seinen Kopf auf dem Rinnstein saß. „Und was ist mit unserem Jungspund?“ wollte er wissen.
Artjom Penkusch runzelte die Stirn. „Ist gegen einen Pfeiler gelaufen. Hat alles verpasst.“
Gideon nickte knapp und spürte, wie sich seine anfängliche Anspannung löste. „Gib mir deine Waffe“, sagte er knapp.
„Warum?“ Er reichte sie ihm.
„Runden wir den Abend noch etwas ab. Keine Sorge, ich schreibe den Bericht“, sagte er leise und überprüfte das Magazin. Die scharfe Munition tauschte er gegen ein volles Magazin aus. Die modernen Handfeuerwaffen der Polizei verfügten über ein zweites Magazin, das Betäubungsmagazin enthielt. Mit sicherer Hand sah er, dass nur eine Kugel fehlte.
Langsam schlenderte er auf den Jüngeren zu, der ihn aus verständnislosen Augen anstarrte.
„An was können Sie sich erinnern?“ fragte er den Kommissar und setzte zum ersten Mal ein gutgemeintes Lächeln auf.
„Meine…meine Waffe“, stotterte der kalkweiße Mann leise und starrte betroffen vor sich auf den Rinnstein. Er wischte sich wie ein kleines Kind die Tränen mit dem Handrücken aus den Augen. „Sie war nicht geladen.“
„Hier ist sie doch, Herr Kommissar“, erwiderte Gideon freundlich und reichte sie ihm. Er kniete sich neben ihm. „Sie haben den finalen Schuss abgegeben. Glückwunsch.“
Pure Unverständnis blickten ihn aus den großen Augen entgegen. „Was...?“
„Sie haben Gina „Mama“ Colfex betäubt. Ihr Vater kann stolz auf sie sein. Der Einsatz war ein voller Erfolg. Ich hoffe, Sie sind jetzt zufrieden“, bemerkte er knapp, stand auf und wartete nicht mehr ab, was der Kommissar zu sagen hatte. Das Politbüro würde seinen Bericht absegnen, dafür klang die Geschichte einfach zu gut. Die Familie Colfex würde schon morgen Abend in Nordsibirien landen und damit nicht mehr sein Problem sein. Khorgisien konnte dann aufatmen.
Blieb noch eine Sache.
Drei Polizisten umringten die einzige Gefangene, die mit Fußfesseln und Handschellen nirgendwo mehr hingehen würde. „Mama“s Blick wirkte benebelt, aber sie war definitiv wach. Aus einem Mundwinkel rann Speichel und eines ihrer Augen zierte ein Veilchen. Jemand hatte ihr vorsorglich einen Schlag verpasst. Gideon konnte es niemanden übelnehmen. Er setzte sich ihr gegenüber und grinste frech, während er sich eine Zigarette anzündete. „Mama, du wirst mich dafür hassen, aber du wirst bald für eine sehr lange Zeit nicht mehr unter uns weilen. Du machst eine Reise. Der Gulag wartet schon.“ Er paffte ihr eine Qualmwolke ins Gesicht. „Du und deine Familie könnt schon mal mit dem Packen anfangen. Wie alt ist dein Sohn? Trevor? Müsste jetzt vierzehn sein. Für ihn gibt es kein Date, kein Fernsehen und keine Disco mehr. Kein Fastfood, und kein Internet. Das hast du erreicht, Mama. Du hast deine eigene Familie verbannt“, er lächelte grausam. „nicht, dass sie es nicht verdient hätte.“
Er hatte vieles erwartet. Gezänk, Geschrei oder einfaches Flehen, wie es schon viele vor ihr im Angesicht der Justiz getan hatten. Tränenreiche Reden über Besserung, über Milde und Gnade – aber davon kam nichts über ihre Lippen.
Gina „Mama“ Colfex blickte ihn aufmerksam an. Ihre Augen wurden lebendig und zeugten von einer Kälte, die der Agent nicht so schnell vergessen würde. Mit krächzender Grabesstimme raunte sie bloß: „Der Gulag ist nicht das Schlimmste, Bulle. Wir werden sehen.“
Er stutzte kurz und lachte kehlig auf: „Du kapierst es nicht, Schlampe, oder? Die Haftanstalten dort sind die Hölle. Und ihr seid die Schafe, die wir zur Schlachtbank führen. Du und deine Familie werdet keine ruhige Minute mehr haben. Das sind Schwerverbrecher aus allen Winkeln Russlands. Killer, Psychopathen und vielleicht sogar Kannibalen. Du bist nur eine kleine Nummer dort. Nur eine unbedeutende Zahl.“
Sie grinste wild und entblößte makellose Zähne. „Dann muss ich wohl härter werden, was?“ Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und provozierte ihn mit maßloser Verachtung. In ihren Augen glomm der Wahnsinn. „Ich bin der Wolf, den ihr zu den Schafen führt, Bulle.“
Der Mann erwiderte ihr Lächeln, stand auf und blickte sie geradeaus an. Langsam und voller Absicht schnippte er die Asche auf ihren Kopf. „Was auch immer, Mama. Was immer du sagst.“
„Genosse Nikolaeff? Kann ich Sie mal sprechen?“
Er erstarrte und glaubte seine Ohren nicht zu trauen. Diese weinerliche Stimme. Hatte der Kommissar ihn gerade mit Nachnamen angesprochen?
Mama grinste nur und blickte ihm nach. Unbeirrbar. Tödlich. „Nikolaeff“, wiederholte sie leise und suchte seinen Blick. „Ein guter Name. Ich werde ihn mir merken.“
Zu allem entschlossen.
Sie kennt meinen Namen.
2.Kapitel
Um zehn vor zehn wachte er schweißgebadet auf und sah, wie sich die Silhouette des Kopfkissens neben ihm gegen das aus dem Bad fallende Licht abhob. Und es war Marlon Goyer, der schmerzverzerrt, zerschunden und wahnsinnig neben ihm lag, die Augen weit aufgerissen und ein Messer bereit zum Stich haltend. Er war nicht in der Lage, seinen Kopf herumzudrehen, um ihn anzusehen. Sein Gehirn jaulte wie ein Feueralarm, bis er endlich seine Hand austreckte und trockenen Bezugsstoff ertastete.
Dies verschaffte ihm unverzügliche Erleichterung. Er stand mit klopfendem Herzen auf und zog sich an, kochte sich einen Kaffee und starrte zur Uhr. Er hatte noch drei Stunden, bis seine Schicht begann.
Er mochte die Abgeschiedenheit der Station. Linda hatte wie alle eine pessimistische Meinung, doch genau das gefiel ihm so an Falberg. Alles war geordnet und schön übersichtlich, ganz anders als auf den anderen Stationen, die im Zentrum der Gesellschaft laufend bereist und beliefert wurden. Manche Stationen wie Neu-Tokyo, Salem oder Meteor waren riesige Metropolen im All, die durchaus über einen eigenen Stadtstaat und sogar über eine eigene Souveränität verfügten. Er hatte seine Gründe, hier zu sein. Er spürte, dass er reagieren musste, wenn er noch ein paar Jahre die Unschuld Falbergs erhalten wollte.
Nicht auszudenken, wenn das RedStar hier ankommt.
Vor seinen Augen würden die Kriminalität ansteigen, die Zahl der Drogentoten würde ihnen Kopfschmerzen bereiten und langsam einfallende Mafiastrukturen das Leben als Ordnungshüter schwer bis unerträglich machen. Jonathan und der Rest der Kollegen konnten oder wollten sich nicht kümmern. Sein Boss übergab das Problem an seine Vorgesetzten, die zu weit entfernt lebten und sporadische Anregungen geben würden. Vielleicht würde sich das FBI oder Interpol darum kümmern,…
Vielleicht aber auch nicht.
Gideon stellte die Tasse Kaffee ab und nickte sich selbst bekräftigend zu.
Nein, es war Zeit selbst aktiv zu werden.
Zeit, den Riesen um Rat zu fragen.
Die kleine und einzige funktionierende Bar an der dichtbesiedelten Straße, hinter dessen Tresen aus Panzerglas und carbonbeschichtete Fläche sein Bekannter Bruce Thomas arbeitete, war ein Laden voller aufgegebener Träume und stummer Resignation. Gideon Nikolaeff öffnete die Tür und stand im Vorraum, wo schon lange kein Kaffee mit Gebäck mehr ausgeschenkt wurde. Das Spins war eine gemütliche Taverne für bezahlende Kundschaft, die nach Feierabend noch was trinken und dabei vielleicht ein wenig relaxen wollten. Dunkle Holzvertäfelung, warme Beleuchtung, runde Tische und billige Stühle, ein Dartspiel und sogar ein Billardtisch wirkten auf die Besucher wie abgenutzte Relikte aus einer Zeit, in der jahrelang Trucker Fahrer und Biker auf den staubigen Highways zuhause gewesen waren. Rechts von ihm hing ein Kondomautomat– zumindest dieses Objekt wurde regelmäßig genutzt.
Er wandte den Kopf und sah, wie eine zwei Meter große, lebende Dampfwalze in Motorradkluft hinter dem Tresen hervortrat und in seine Richtung rollte. Bruce war ein breiter Amerikaner mit feuerrotem Bart und einem Gemüt wie einem Vulkan. Bruce erkannte ihn von weitem und rollte mit den Augen.
„Immer, wenn ich komme, ist der Kaffee schon alle.“ Er nahm die Glaskanne und schob sie über die Theke.
„Wir haben nicht nur mit den Rohren Probleme“, dröhnte ihm die Bassstimme direkt ins Ohr, dass sein Trommelfell schmerzte. „Darum trinke ich meinen Bourbon ohne Eis. Was willst du hier? Ist noch zu früh, um mir auf den Sack zu gehen!“
Gideon blickte zu der drallen Frau am anderen Ende des Raums. „Hi, Süße.“
Esmeralda stellte ihr Tablett beiseite und grinste, während sie mit der Hand über Gideons Bizeps strich. Sie war eine hochgewachsene Frau mit üppigen Brüsten und war vor langen Jahren einmal schön gewesen. Sie war Serviererin und Köchin in einer Person und nichts davon konnte sie gut. Blonde, hochtoupierte Haare, verschmierter Lippenstift und dunkle Augenringe – ganz zu schweigen von ihrem verlebten Körper. Zuviel Makeup, höchstens Eins sechzig groß und zwanzig Pfund Übergewicht. Dass das meiste davon vorne war, war der Grund, warum viele Männer auf sie standen. Einst hatte sie recht nett ausgesehen. Sie hatte in ihrem Dorf immer Verabredungen mit Jungen. Doch niemand hatte sie für besonders schlau gehalten. Da sie nicht mit genügend Grips gesegnet war, um die beständigen Niederschläge trivialer alltäglicher Enttäuschungen zu begreifen, war ihre natürliche Heiterkeit von einer bitteren Erkenntnis zerfressen worden, dass das Leben nicht besser werden würde, als es immer gewesen war – d.h. ziemlich enttäuschend. Über die Jahre hatte sie sich mit Männern eingelassen, die ihr schnelles Geld und Glück auf Erden versprochen hatten. Das Resultat ging einher mit ihrer aufkommenden Reizbarkeit, dem Dahinschmelzen ihres angenehmen Äußeren und dem Weichen des fröhlichen Lächelns zu einem Mund, der nun hart und brutal wirkte. Doch Gideon Nikolaeff fehlte noch in ihrem Beuteschema. Süß gurrte sie: „Du mich auch. Lieb gesagt. Wie nett du sein kannst.“ Dabei schmiegten sich ihre Brüste an seinem Arm.
„Was hat dein Bruder?“ fragte der Sheriff lächelnd. „Klingt, als hätte er Hämorriden.“
Sie grinste breiter und warf Bruce einen flüchtigen Blick zu. „Als könne er Gedanken lesen.“
Tatsächlich watschelte Bruce ungelenk hinter dem Tresen, und, als er spürte, das er zum Thema geworden war, wedelte er schon mit seinen Händen: „Du sollst nicht meine Probleme offen herumtratschen! Und du lässt mich lieber in Ruhe! Ich habe heute keinen Sinn für Späße!“ Trotzdem kam er näher und wischte mit einem verdreckten Lappen den Platz vor Gideon sauber. „Was willst du?“ Der Riese betrachtete ihn mit grimmig emporgezogenen Augenbrauen.
„Heute brauche ich mal deine Augen. Du kennst doch jeden und alles hier.“
„Du solltest mal zu meiner Therapiesitzung jeden Donnerstag. Ich stelle dich meinen Leuten vor.“
„Also eine Gruppe Erwachsene, die sich an die Händchen halten und über ihre Probleme quatschen? Das klingt sehr nach Sekte.“
„Käme dir echt gelegen, Mann. Niemand macht mir mehr Angst als du.“ Bruce warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Du mit deinem Kontrollwahn. Weiß doch jeder, dass du ein brodelnder Vulkan bist.“
„Momente wie diese schweißen eine Freundschaft so echt zusammen. Gib mir einen Lorry.“
„Um die Zeit? Was habe ich gerade gesagt?“
„Irgendwas mit Hämorriden oder so“, stichelte Gideon und zwinkerte Esmeralda zu.
„Vorsicht! Ich bin der einzige Barkeeper hier.“
„Hab dich lieb, alter Brummbär. Jesus ist der Weg.“
„Ich habe einen Navy, was interessiert mich der Weg? Wo das Ziel ist, wäre ganz cool zu wissen.“ Bruce stellte das Bestellte vor sich auf die Theke. Doppelter GlenMorren mit Eis. „Warum bist du hier und gehst mir auf die Eier?“
Schlagartig wurde Gideon ernst. „Lindas Sohn hat mir gestern versucht einen Scheitel zu ziehen.“
„Ich wusste, er taugt nichts. Wäre er mal zu mir gekommen“, verkündete Bruce in einer Lautstärke, als gelte es, sämtliche Stationen in der Galaxie darüber zu informieren. „Aber das er Drogen nimmt, weißt du schon, wie ? Oh, ich kann es in deinem Gesicht sehen.“
„Was weiß du über RedStar?“
Bruce schwieg kurz und nagte an seiner Unterlippe. „Nur das, was in den Medien kursiert. Designerdroge, leicht zu fälschen, aber wehe das kriegen die Zoepunder mit. Hector tötet nicht nur dich, sondern auch deine Familie. Auf Meteor ist seit einem Jahr eine Szene am Werk, die ich hier nicht haben will. Es gibt nur zwei Drogen: Nikotin und mein Bier. Und dabei soll es auch bleiben!“ Er beobachtete Gideon, der mit einem Stift auf einen Bierdeckel drei Worte schrieb: Zoepunder, Meteor, Hector. Als er geendet hatte, nickte er grimmig und beugte sich weiter vor: „Wenn du mir den Tag versüßen willst, dann frag doch mal Joe in Boulevard fourteen B. Das hast du nicht von mir.“
Gideon pfiff leise durch die Zähne und lächelte breit. „Warum hilfst du mir?“
„Um zu sehen, wie du mal richtig was auf die Mütze kriegst.“
„Im Ernst, Alter.“
Bruce Thomas war nicht nur Barkeeper, sondern auch Hehler, Vermittler, Bandenchef, Schmuggler und ein notorischer Lügner vor dem Herrn. Die Grundlagen seiner lockeren Geschäftsmoral hatten ihn schon oft gegen Gideon anrennen lassen, doch die beiden verband eine Art kameradschaftliche Hassliebe, die von gegenseitigem Respekt getragen wurde. Es war kompliziert. In einer anderen Welt hätten sich die beiden unterschiedlichen Menschen bis aufs Blut gekämpft, bis einer in Handschellen oder der andere tot im Straßengraben geendet hätte. Doch hier auf Falberg – wo wirklich der Hund begraben lag! – gab es wenig Grund für einen Kampf mit der Justiz oder lukrative Geschäfte für Bruce. Ein gestrandeter Wal. „Joe wollte den Laden mieten. Ich habe es in letzter Sekunde gecheckt, was er hier abziehen wollte. Jetzt mache es sauber. Aber nicht mit mir in Verbindung bringen, klar?“ Der Barkeeper zwinkerte kurz und klopfte hinter sich auf ein eingerahmtes Bild, das einen traumhaften Strand zeigte. „Irgendwann haben meine Schwester und ich genug, um auf Bora Bora einen Laden aufzumachen. Und dann kann uns diese Station mal kreuzweise. Kilometerweiter weißer Strand, ein einziges Paradies.“ Er lächelte versonnen. „Da stört eine Drogenszene nur. Das macht ein Viertel nur kaputt. Lieber schnell genug den Hahn zudrehen.“
Gideon steckte den Bierdeckel ein und legte einen Fünfzig-Credit-Schein vor sich hin. „Irgendwann wird es schon klappen.“
„Ja, man wird wohl noch träumen dürfen.“
„Grüße an deine Mutter, du Vollhonk.“
„Fick dich, und mach es gut. Sonst brauchst du dich hier nicht wieder blicken zu lassen.“
Gideon trank aus und klatschte Esmeralda beim Hinausgehen auf den Hintern. „Dein Bruder ist charmant wie immer.“
„Nerv ihn nicht. Und du schuldest mir noch ein Date.“
„Das Beste zum Schluss. Ich gehe mal rüber Hallo sagen.“
Mit einem sehnsüchtigen Blick starrte sie ihm nach.
Boulevard fourteen B.
Die Wohnungen in der besagten Straße waren Massenbauweise mit Nasszellen, von denen die meisten leer standen. Als Gideon vor dem Komplex stand, bemerkte er sein Problem: es waren knapp einhundert Wohnungen für Einzelpersonen. Der sogenannte „Joe“ (falls das wirklich sein Name war!) konnte hier wohnen oder auch nicht – problematischerweise wusste er nichts von dem Gesuchten, so dass er auch an ihm vorbeilaufen konnte, ohne ihm gewahr zu werden. Gideon betrachtete den Umstand als kaum durchführbar, aber er war nicht der Typ, der einfach aufgab.
Zuerst umrundete er das Gebäude ohne etwas Auffälliges zu bemerken – abgesehen vom Müll, der augenscheinlich aus den Fenstern von den Bewohnern geschmissen worden war, als wären sie auf der Erde in einem Kaff zuhause, und nicht auf einer Raumstation. Dann stattete er dem Hausmeister einen Besuch ab, zeigte seine Marke und erklärte ihm sein Anliegen. Tatsächlich konnte der Mann ihm helfen: sechs „Joes“ waren eingetragen und mit einer Liste in den Händen machte er sich auf den Weg. Der Erste war ein Familienvater, der beim Spielen mit seinen Kinder gestört wurde und kaum den Anschein erweckte, als würde er mit Drogen dealen. Gideon entschuldigte sich und besuchte den Zweiten, der sich auch als Niete erwies: sein Lebensgefährte berichtete, dass besagter Joe seit drei Wochen auf einem Spitalflug zu einem der größeren Stationen unterwegs war und nicht vor einem Monat zurück zu erwarten sein würde. Gideon strich den Namen durch und suchte weiter. Der Dritte war zwar anwesend, aber saß in einen Rollstuhl. Jene Auffälligkeit wäre Bruce, dem Riesen bestimmt aufgefallen, entschied Gideon für sich und versuchte es mit Nummer Vier.
Nach mehrmaligen Klingeln gab er es auf, holte eine alte Kreditkarte hervor und öffnete die Tür mit Gewalt. Die Wohnung war klein, schlecht gelüftet aber erwies sich als Volltreffer: unter dem einzigen Tisch standen mehrere Taschen voll mit Ampullen. Jene Ampullenart, die Gideon auch schon in den Händen gehalten hatte. Sechs Taschen mit je achtzig Ampullen. Genug Stoff, um die ganze Station süchtig zu machen.
Etwas perplex, aber zufrieden mit sich lächelte Gideon und steckte die Karte wieder ein.
Die Tür schloss sich hinter ihm. Lautes Klicken wurde vernehmbar. „Wegen des Kabelfernsehens bist du nicht hier, oder?“
Gideon drehte sich um und starrte in das Gesicht eines älteren Mannes mit Pockennarben im Gesicht, dessen Augen kalt und hart waren. Für einen Moment zeigte der Lauf seiner Waffe nicht auf Gideon, als der Mann ohne den Blick abzuwenden einen Schalldämpfer hervorholte und aufsetzte. Wertvolle Sekunden.
Gideon machte einen Ausfallschritt – keine Sekunde zu früh – und spürte einen scharfen Luftzug, als die Kugel schon an seinem Gesicht vorbeiflog. Schnell brachte er sich aus der Schussbahn, griff zur Stehlampe und schlug in einem perfekten Streich nach hinten. Der Killer wich geübt aus, ließ sich fallen und feuerte zweimal auf Gideon der das andere Ende der Lampe als Gegengewicht nutzte. Eine Kugel blieb im Fuß der Lampe stecken, die Zweite schlug ohne Konsequenz im Boden auf. Der Fuß der Lampe landete mit einem Knirschen im Gesicht des Gegners, der schreiend seinen Kopf hielt, ausrutschte und nach hinten fiel. Sofort war Gideon über ihm, entriss ihm die Waffe und packte ihn am Kragen. Mit dem Lauf an der blutverschmierten Nase hatte sich das Blatt gewendet. „DU musst Joe sein“, stellte Gideon klar und schlug mit dem Knauf zu. Jaulend ging der Killer zu Boden.
Nachdem sich die Gemüter etwas beruhigt hatten, setzte sich der Killer im Schneidersitz hin während Gideon auf einen Stühle Platz nahm. „Sag schon, wer ist dein Auftraggeber! Woher beziehst du den Stoff? Wie viele seid ihr?“
Der Killer lächelte kühl und betupfte sich die Nase. „Ohne Durchsuchungsbefehl kannst du mir garnichts. Es wird nicht mal zur Anzeige kommen. Ich werde sagen, dass sich jemand Zugang zu meiner Wohnung verschafft hat und ich mich schützen wollte. Tja, Pech für dich, Bulle.“
„Du weißt also, wer ich bin. War klar, dass ihr erst Erkundigungen einholt.“
„Wir sind eben schlau.“
„Ich bin nicht davon überzeugt. War ein Klacks, dich zu finden. Gib mir deine Brieftasche.“
Der Killer schmollte, aber gehorchte. Gideon schaute auf den Ausweis. „Ist der etwa gefälscht? Schäm dich was! Kommst hierher in meine saubere Station und verteilst Drogen. Tsss. Tsss. Tsss.“
„Kommt jetzt der Teil, wo der Einzelgänger-Cop mich über meine Rechte aufklärt und mir die Handschellen verpasst?“
„Scheinst dich auszukennen.“
„Bildungsfernsehen.“ Er zuckte die Schultern. „Das Ganze führt zu nichts. Gegen Abend bin ich wieder draußen. Ich fahre zurück, und nächste Woche kommt der Nächste. Und diesmal stattet er vielleicht dir und deiner Familie einen Besuch vorher ab. Man kann ja nie wissen.“
Gideon überhörte die Drohung geflissentlich. „Aber ruft vorher an. Dienstags lasse ich den Laminat bohnern. Aber du hast recht. Das bringt eigentlich nichts. Lassen wir den Teil also aus.“ Er stand auf und legte an. „Sag mir alles, was ich wissen will. Und dafür bekommst du eine Kugel in den Kopf.“
„Und wenn nicht?“
Der Lauf wanderte langsam runter zum Bauch.
Der Killer nickte verstehend. „Ja, das könnte schmerzhaft sein.“
„Und das ganze Blut überall! Ich werde der Reinigungsfachkraft ein dickes Trinkgeld geben müssen.“
Der Killer lachte. Schallend und gelöst. „Bei allem Respekt, aber das hier erlebe ich jeden Tag in meiner Heimat.“
„Auf Meteor landet doch jeder Zweite in einer Tortillakiste, oder? Deine Heimat hat mein Mitgefühl.“
Der Mann lächelte noch immer. „Also, so langsam verstehe ich das. So ein Cop bist du. Du suchst den direkten Stress. Aber du weißt nicht, mit wem du dich anlegst. Wir haben unsere Augen und Ohren überall. Uns gehören die Cops, und wir sehen dich schon von Weitem. Ich bettle nicht um mein Leben, Idiot. Egal, was du jetzt tust: es wird das Letzte sein.“
„Wo hast du das RedStar her? Wer ist der Mittelsmann?“
„Frag mich doch gleich nach meiner IBAN-Nummer! Soll ich dir vielleicht noch mein Sakko schenken? Jetzt verschwinde, und bete, dass ich Hector nichts davon erzähle! Oder bist du blöd?“ Er grinste böse und deutete auf die Brieftasche in Gideons Hand. „Nimm dir ein paar Scheine und mach dir ein paar schöne Tage. Das ist mein Angebot, und vielleicht vergesse ich ja, dass du mir die Nase gebrochen hast. Aber versprechen kann ich nichts.“
Gideon nickte, lächelte geistesabwesend und steckte sich ein paar Scheine ein. „Tja, ganz unrecht hast du ja nicht. Aber erstens bin ich kein Cop, sondern privater Sicherheitsdienst. Zweitens, danke für das Geld. Das lilafarbene Top in der Damenbekleidung lacht mich schon seit Wochen im Schaufenster an.“
„Witziges Arschloch.“
„Willst du wissen, wo ich meinen Job gelernt habe?“
Der Mann winkte gelangweilt ab. „Klar, immer raus damit.“
Gideon sagte es ihm, zog seine Jacke und sein Hemd aus und präsentierte sein Tattoo.
Der Killer schluckte trocken und begann sich zu winden.
Ab dem Zeitpunkt war die Verständigung kaum noch ein Problem.
Nach fünf Minuten schloss Gideon die Tür hinter sich ab, um die Schultern die schweren Taschen, die insgesamt unhandlich zu transportieren waren. Damit machte er sich auf zur Müllpresse. Kein Grund, die überlasteten Behörden damit zu behelligen.
Während die Müllpresse stumm und gehorsam ihre Arbeit verrichtete, setzte Gideon das Puzzle zusammen:
Zoepunder. Eine Gang, augenscheinlich. Groß genug, um Drogen in Labs herzustellen und über Versorgungssysteme an Stationen zu verteilen. Wer in solchen Mengen liefern konnte, musste auch über geheime Kanäle verfügen. Sowas transportierte man nicht in den Shuttles über das einfache Handgepäck.
Meteor. Die größte Station in der Galaxis. Sie war eine massive Station, fast achtzig Kilometer breit und diente als Freihafen und kommerzieller Außenposten im Sektor Zeta Aftali. Mit dem San Dyner Medical Facility, der Browns Synthetics Produktionsstätte und dem Towerlink Kontrollzentrum beherbergte sie fast viertausend Menschen. Ein neues Spielfeld, neue Regeln.
Hector. Der große Unbekannte hinter Zoepunder und auch hinter RedStar. Ihn zu treffen schien unmöglich. Aber Gideon rechnete sich gute Chancen aus, zumindest seine Aufmerksamkeit zu erwecken.
Sam Roves. Der Ex-Wich hinter „Joe“, der in Meteor zu finden war. Der zweite Kontakt, der Menge und Routen und wahrscheinlich den Bienenstock der Zoepunder kannte. Gideon würde auch ihm Hallo sagen.
Pünktlich zu seiner Schicht erschien Gideon im Departement und sah Jonathan, wie er sich mit zwei Bundesagenten unterhielt. Es mussten Bundesagenten sein, denn niemand auf Falberg kam auf die Idee sich wie Bestattungsunternehmer zu kleiden und dazu Headsets und schwarze Sonnenbrillen zu tragen. Der Ältere fuchtelte mit einem Schreiben herum und machte dabei einen Radau, als müsse er einem Begriffsstutzigen den Inhalt klar und deutlich vermitteln. Ein offiziell wirkender junger Schnösel mit makellosem Haarschnitt wandte den Kopf und kam herüber. „Sie müssen Nikolaeff sein. Agent Smith, freut mich. Ihr Büro oder ihre Agentur, oder wie ich es nennen soll, hat sich natürlich mit uns in Verbindung gesetzt. Wir ermitteln in dem Fall. Wir haben schon mit ihren Kollegen gesprochen. Falls ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie uns bitte an“, schnarrte er wie einstudiert und reichte Gideon seine Karte. „Ich muss ihnen nicht sagen, dass das Zurückhalten von Informationen einem Bundesverbrechen gleichkommt und hart bestraft wird. Halten Sie sich für etwaige Befragungen ständig in Bereitschaft.“
Gideon nickte tapfer. „Ich bin froh, dass Sie sich ab jetzt kümmern. Danke, dass Sie so rasch reagiert haben.“
„Natürlich. Das ist unser Job.“
„Wäre es möglich, Sir, wenn ich mir Urlaub nehmen könnte? Ich bin noch ganz fertig von dem Überfall, Sie verstehen.“
Der Agent nickte knapp. „Klar. Machen Sie nur.“
„Danke, Sir.“
„Unterschreiben Sie dies hier, dass Sie nichts gesehen oder bemerkt haben, was wichtig für unsere Ermittlungen sein könnte.“ Er reichte aus einer Kladde einen Wulst an Papieren, die Gideon nicht erst überflog. Gideon nahm einen Stift und setzte sein Kürzel drunter.
„Was soll der Mist?“ Jonathan wurde übellaunig und rückte näher an seine Plexiglasscheibe heran, als könne er nicht glauben was er soeben gehört hatte. „Du willst Urlaub!? Jetzt? Muss das jetzt sein?“
Gideon versank in die Betrachtung des Druckknopfes seines Kugelschreibers. „Du hast es gehört, Boss. Jetzt sind die Profis sind am Werk. Da stören wir nur. Ich wünsche ihnen beiden Erfolg. Zeit, diese Banditen ins Kittchen zu befördern, was?“
Beide Agenten warfen sich kurz einen Blick zu. „Klar, was auch immer.“
„Konnten Sie schon mit Marlon sprechen?“
„Der weiß nichts“, warf der Schnösel ein und wirkte, als hätte er sich schon viel zu lange hier aufgehalten. „Sagen Sie, gibt es hier ein Restaurant oder ein sehr gutes Hotel? Es war ein anstrengender Tag.“
„Das Spins gehört einem Freund von mir.“ Er beschrieb ihnen den Weg und sah ihnen nach, während sie verschwanden. „Tja, das war das. Die werden wir nicht so schnell wiedersehen.“
„Was redest du denn? Das FBI kümmert sich jetzt.“ Unruhig geworden starrte Jonathan auf die Lagen Papier, die er unterschreiben musste. „Moment, die Zentrale des Federal Bureau of Investigation ist doch in Langley, oder? Und nicht in Leland, Illinois.“
„Spielt keine Rolle, ob gekauft oder unecht“, entschied Gideon für sich und stellte sich ganz nahe ans Plexiglas. „Die wollen, das wir uns raushalten und das machen wir. Sie haben uns nicht nach Marlon gefragt, oder nach Hinweisen oder Spuren. Sie wollten uns nur mundtot machen. Das bedeutet, dass die Sache groß ist. Ziemlich groß. Hier kommen wir nicht weiter.“
Jonathan sah ihn misstrauisch an. „Du hast eine Spur, was?“
„Ich will nur Urlaub machen“, sagte Gideon und zückte seinen Kugelschreiber. „Reich mir mal das Antragsformular. Der Urlaub beginnt jetzt. Meteor soll schön sein um die Jahreszeit.“
Nach einem siebzehnstündigen Flug verließ Gideon mit leichtem Gepäck den Ausgangsbereich der Shuttlerampe und machte sich zu Fuß zu seinem Hotel. Wenn er dabei auf ein Taxi verzichtete, lag es daran, dass er sein Geld zusammenhalten wollte – und ein Gefühl für Meteor bekommen wollte. Die Station war riesig, sie glich zwar in der Struktur wie der Falberg, aber besaß größere Gebäude, größere Namen und vor allem viel mehr Neonreklamen.
Die Luft war sauberer und es gab weniger Müll. Aber dafür bemerkte er Obdachlose, die mit Pappschildern um Arbeit baten. Jugendliche, die sich in Gruppen um ausgeschlachtete Autos versammelten und ihn scheel beäugten. Er kam an eine Schule vorbei, deren Fenster eingeschmissen waren, eine KiTa, die in einem ähnlichen Zustand war. Dafür Wachleute. Jede Menge, sogar. Seltsam.
Der lange Fußweg erwies sich als äußerst anstrengend und seine schmerzenden Füße erinnerten ihn daran, schnell sein Hotel aufzusuchen. Auf seinem Weg wurde er ungefähr ein dutzend Mal um Credits oder Arbeit angebettelt, was seine Meinung über Meteor nur noch verstärkte.
Nach einer Stunde erreichte er sein Hotel, das Abu Simbel. Genau vor dem Eingang erlebte er eine kleine Überraschung: eine tätowierte junge Frau mit blau gefärbten Haaren - die Kleidung war abgetragen und passte so gar nicht zu dem Etablissement hinter ihr- verteilte Karten und Broschüren. Oder besser: sie versuchte es und redete zwecklos auf die ankommenden und gehenden Besucher des Hotels ein. Gideon wollte schon stoppen und später wiederkommen, als sie ihn erblickte. „Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass etwas bei uns nicht stimmt? Wir brauchen dringend ihre Hilfe.“
„Kann ich nur bestätigen“, pflichtete er ihr bei und suchte bereits nach einem Fluchtweg.
„Es ist doch so wichtig, bedeutendes zu leisten“, verkündete sie und drückte ihm ein Prospekt in die Hand. „Meteor hat nichts mit bürgerlichen Stolz zu tun. Die Schulen sind geschlossen, die Jugend rebelliert und unsere Kriminalität ist erdrückend. Gehen Sie ruhig in ihr angenehmes Hotel! Das Verbrechen hat seinen Ursprung in der Armut, die von Menschen gemacht ist. Hier hat das Darknet seinen Ursprung, RedStar ist hier geboren worden…“
„Ach, suchen Sie sich eine Kiste, stellen Sie sich darauf und halten Sie ihre Volksreden“, maulte Gideon, entließ die Frau mit einer geringschätzigen Geste und wollte weitergehen. Seine Füße schmerzten sehr und er wollte wenigstens etwas ruhen.
„Weshalb schließen Sie sich diesem Verein an?“
Er wandte sich um. „Welchen Verein?“ Ihm ging ein Licht auf. „Oh, das ist zwar ein Vier-Sterne Hotel, aber ich bin nur eine einfache Sicherheitskraft auf Urlaub. Rabattaktion, Sie verstehen. Ich gehöre nicht zu den Reichen und bin daher nicht ihr Ansprechpartner.“
Streitlustig hielt sie ihn zurück. „Ich richte mich nicht nur an die Reichen. Jeder kann dazu beitragen. Man muss nicht reich und mächtig sein, um etwas zu bewirken.“
„Glauben Sie, was Sie gesagt haben… das es die Armut ist, die das Verbrechen verursacht?“
„Sie trägt sicherlich dazu bei“, erwiderte sie. „Aber kein vernünftiger Mensch wird glauben, dass sie der alleinige Auslöser ist.“
„Es könnte sein, dass es eine bestimmte Art von Menschen sind.“
Erstaunlicherweise reagierte die Frau mit einem strahlenden Lächeln. „So ist es! Und obwohl wir die Antwort kennen, unternehmen wir nichts in diese Richtung.“
„Wer, genau...?“
„Kinder“, sagte die Frau. „Ich meine nicht, dass Kinder die meisten Verbrechen begehen – obgleich die Zahl der von Jugendlichen und Kindern begangenen Verbrechen sicherlich steigt – ich meine, dass die Misshandlungen von Kindern der Hauptgrund für ein späteres kriminelles Verhalten ist.“
Unsicher starrte Gideon sie und die Broschüre abwechselnd an. Er gab es nicht gerne zu, aber sie sprach etwas an, von dem er keine Ahnung hatte. Es hatte ihn nie gekümmert. Jetzt… keimte langsam Interesse auf.
Das schien sie zu spüren. „Ich spreche von Kindesmissbrauch. Ich bin Sozialarbeiterin beim Amt für Kinderfürsorge.“ Sie reichte ihm die Hand, die er verblüfft schüttelte. „Das heißt, ich war es. Das Amt ist vor zwei Monaten geschlossen worden.“
„Warum?“
„Die Verwaltung meinte, dass die Kinder für die meisten Verbrechen verantwortlich wären oder zumindest auf dem Weg dorthin wären. Also könnte man gleich den Laden schließen.“ Ihre Miene verdunkelte sich. „So spart man Geld, das woanders gebraucht wird. Die Kinder sind jetzt alleingelassen, und ohne ihre Hilfe schaffe ich es nicht. Wir müssen wieder zurück! Hunderte von Kindern werden unterdrückt, misshandelt und sogar getötet. Jede Sekunde, die wir warten, leidet eine Seele unendliche Qualen!“
Verblüfft starrte er in ihre Augen. Er hatte diesen Ausdruck schon früher gesehen – diesen tiefen, unendlichen Schmerz. Er schluckte trocken. „Das heißt… sie sind arbeitslos und verteilen die Prospekte?“ Er nickte anerkennend. „Das ist Einsatz.“
Sie lächelte nicht. „Wenn nicht ich… wer dann?“ Sie starrte plötzlich auf ihre Uhr und wandte sich um. „Ich muss gehen. Eine gerichtliche Verfügung erlaubt es mir nicht länger als zehn Minuten vor einem öffentlichen Gebäude zu stehen, Hotels eingeschlossen. Ich muss los. Tun Sie das Richtige.“
Gideon starrte ihr nach und war unsicher, ob er richtig verstanden hatte. „Und… jetzt? Wo gehen Sie jetzt hin?“
Sie wandte sich um lächelte traurig. „Zum nächsten Hotel. Es gibt elf Hotels, vier Einkaufspassagen, drei Altenheime, zwei Krankenhäuser und der Rotary-Club. Obwohl sie beim letzten Mal die Hunde auf mich losgelassen haben. Ich muss noch zu einigen Gebäuden des Kultur- und des Bildungswesens, Sport- und Freizeitstätten, Einrichtungen des Gesundheitswesens, Büro-, Verwaltungs- und Gerichtsgebäude, Verkaufs- und Gaststätten, Stellplätze, Garagen und Toilettenanlagen. Besser als fernsehen, finden Sie nicht?“ Sie wartete nicht ab, sondern lief weiter.
Gideon sah ihr stirnrunzelnd nach. Hatte sie ihm gerade einen Bären aufgebunden oder aber die Wahrheit gesagt? Ein Ehrenamt dieser Größe kam ihm sinnlos vor aber ihr Einsatz machte ihn dennoch verlegen. Das hatte was. Gideon kam sich plötzlich klein und unbedeutend vor.
Er betrat wenig zuversichtlich das herrschaftlich eingerichtete Foyer. Ein Vier-Sterne-Hotel, von denen es dutzende es auf Meteor gab. Genau wie das Admiral, das Hilton und das Astoria verströmte dieses die vornehmlich-kühle Atmosphäre. Sie waren Pforten zu einer unwirklichen Welt, die gewöhnliche Sterbliche normalerweise verschlossen war. Der Portier in seiner sauberer Uniform begegnete ihm mit einem distinguiert-herablassenden Blick, bis er seine Reservierung zeigte und sich die Schlüsselkarte geben ließ. Der blasierte Zug in seinem Gesicht machte einer unterwürfigen Miene Platz.
„Wurde ein Päckchen für mich abgegeben?“ Der Portier nickte und reichte es ihm. Zusammen mit seinem Gepäck und dem Päckchen in der anderen Hand machte er sich auf den Weg und stand wenige Minuten später in einem flotten Zimmer.
Nach einer Dusche fühlte er sich erfrischt und öffnete das Päckchen, das als Beweis galt, dass wenigstens die Post ihr Geschäft gut verstand: Gideon hatte sich selbst das Päckchen zugeschickt um unnötige Fragen am Zoll zu entgehen: ein scharfes Allzweckmesser, seine Walther P99 und eine Rolle Frische-Minze-Drops. Davon steckte er sich gleich eine in den Mund und legte sich schlafen.
Die Sozialarbeiterin hatte ihn beeindruckt- keine Frage. Sie war jetzt arbeitslos und arbeitete so hart für irgendwelche Kinder, die sie nicht mal persönlich kannte. Ohne Einkommen. Ohne Verdienst. Ein ganz neues Konzept für ihn.
Nun, arbeitslos war er auch mal gewesen…
Nach dem Einsatz in Khorgisien hatte Gideon Nikolaeff als junger Mann erwogen, seine Dienste als Speznas-Agent aufzugeben, um seine Eltern in Oimjakon zu schützen. Er konnte es nicht ertragen, dass Gina „Mama“ Colfex irgendwie es schaffte, freizukommen und sich schrecklich an ihm rächen würde – sein Name war bekannt, aber wenn er kündigte und als Söldner anfing, verlor sich die Spur möglicherweise für „Mama“. So dachte er damals zumindest…
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