Читать книгу: «Mettes Flucht in den Tod»

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Table of Contents

Das Buch

Verlag

Die Orte des Geschehens

Die Karte der Vogtei Scheeßel

Hauptpersonenregister

Glossar

Prolog

Kapitel 1 Die Jahre 1596 - 1623

Kapitel 2 Die Jahre 1624 - 1643

Kapitel 3 Die Jahre 1644 - 1661

Kapitel 4 Die Jahre 1662 - 1663

Kapitel 5 Das Schicksalsjahr 1664

Epilog „Für Mette“

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Das Buch

Über die dunkle und unrühmliche Geschichte des ehe-maligen Amtes Rotenburg und seiner „Hexenprozesse“ wurde schon viel geschrieben und veröffentlicht.

In meinen drei vorhergehenden, historischen Romanen habe ich dieses Thema bewusst aufgegriffen und über die tragischen Schicksale von Gretge Meinken, Mettes 17-jähriger Tochter, die als Hexe verurteilt und hingerichtet wurde, aber auch über das Schicksal von zwei weiteren Frauen berichtet, welche angeklagt und verurteilt wurden, weil Gretge sie der Hexerei beschuldigte.

Die schlimmen Erlebnisse und der grausame Freitod von Mette Meinken, einer geborenen Hoops, habe ich zum Anlass genommen, einen weiteren historischen Roman in dieser Reihe zu verfassen.

Er fußt auf wahren und folgenschweren Begebenheiten und beinhaltet überlieferte Tatsachen, enthält aber auch dem Roman geschuldete Zusammenhänge. Weiterhin enthält er neben authentischen auch frei erfundene Personen.


Die Orte sowie die Namen der in den historischen Texten erwähnten Personen wurden nicht verändert.

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen

Jürgen Hoops von Scheeßel

ibidem Verlag, Stuttgart

Die Orte des Geschehens


Karte der Vogtei Scheeßel 1



1 Abb. 1 Karte der Vogtei Scheeßel aus: Geschichte des Kirchspiel Scheeßel,

Meyer, 1955, Seite 517

Hauptpersonenregister
Mettes Familie in Höperhöfen

Mette Hoops verh. Meinken [1624 - 1664]

Joachim Hoops Mettes Vater

Gesche Hoops (geb. Stavenhitter) Mettes Mutter

Harmen Hoops, der Alte Mettes Großvater

Adelheid Hoops Harmens Ehefrau

Cordt Hoops Mettes 1. Bruder

Lucia (Tibke) Hoops geb. Mahnken Cordts Ehefrau

Johann Hoops Mettes 2. Bruder

Marie Hoops Johanns Ehefrau

Harm Hoops Mettes 3. Bruder

Tibecke Hoops Harms Ehefrau

Tipke Pape, geborene Hoops Mettes Schwester

Barthold Pape Tipkes Ehemann

Anmerkung:

Da der Vorname Tibke in den verschiedensten Schreibweisen im Kirchspiel Sottrum sehr beliebt und bei den hier beteiligten Personen mehrfach vertreten war, habe ich ihn vereinzelt zur Vermeidung von Verwirrungen für den Leser verändert, hier aber erwähnt. Der in einer runden Klammer gesetzte Vorname war der historisch richtige. Die Änderung ist dem Leser zur Übersichtlichkeit des Romans geschuldet.

Mettes Familie in Westeresch

Claus Meinken Mettes Ehemann

Margarethe Meinken, genannt Gretge Mettes 1. Tochter

Tietke Meinken Mettes einziger Sohn

Adelheid Meinken Mettes 2. Tochter

Maria Meinken Mettes 3. Tochter

Tietke Meinken, der Alte Claus’ Vater

Margarethe Meinken, die Alte Claus’ Mutter

Catharina Meinken, genannt Trine Gretges Cousine

Erwähnenswerte Personen aus dem Kirchspiel Scheeßel

Johann Holsten Claus Meinkens Nachbar

Tietke Holsten Johanns Vater

Dorothea Holsten, geborene Müller Johanns Frau

Berend Müller, der Scheeßeler Müller Dorotheas Vater

Harm Baden Meinkens Nachbar

Albert Dornemann Pastor bis 1654

Hinrich Meyer Pastor ab 1654

Johann Jordan Oberförster und stv.Vogt

Hinrich Köster Untervogt

Amtspersonen in Rotenburg

Thomas von Gerstenberg bis 1663 Drost

Jost Prott ab 1663 Drost und Oberinspektor

Peter Pabst Amtmann (2. Beamter)

Burghardt Schmidt 1. Amtsschreiber

Hans Zapf, auch Meister Hans Henker (Nachrichter)

Gerdt Schellermann Oberwächter, Schließer im Burggefängnis

Henning Schröder Probst und Pastor

Erwähnenswerte Personen aus dem Kirchspiel Sottrum

Harm Döhrnemann Bauer in Bötersen

Cordt Döhrnemann Harms Bruder

Beke Döhrnemann Cordts Ehefrau

Maria Hastedt geb. Döhrnemann Harms Tochter

Andere Personen

Herman Höborg Bürger in Buxtehude

Hier sind nur jene Personen aufgeführt, die am Geschehen wesentlich beteiligt sind. Dieses Register soll dem Leser zur Orientierung über die im Roman erwähnten Personen dienen.
Weitere, wichtige am Geschehen beteiligte Personen

Margaretha Sonnenberg, Rotenburg

Zillie Bassen, Wittkopsbostel

Cillia Meinken, Oldenhöfen

Anna Veersemann, Ostervesede

auch „Piepen Annken“ genannt

Catharina Heitmann, Abbendorf

auch Catharina „Budden“ genannt

Grete (Margarethe) Heitmann, Westeresch

Anna Hastede, geb. Dreyer, Hetzwege

N.N., eine Frau aus Westerholz

[siehe unten unter Hibbel Röhrs]

Anna Ratchen, Westervesede

Diese Frauen wurden von Gretge Meinken, Mettes Tochter, 1664 als Zauberinnen und Hexen beschuldigt. Über das Schicksal einiger dieser Frauen habe ich in meinen historischen Romanen bereits berichtet.

Hibbel Röhrs, geb. Holsten Tibke Hollmanns

Patin 1607

Gretges Hebamme 1646

Beschuldigte 1664

Glossar

Altenteiler Bauer, der die Führung seines Hofes an seinen Nachfolger übergeben hat

Bademutter ortsübliche Bezeichnung für Hebamme

Braukufe Braubottich

Flett Diele mit offener Feuerstelle im Niedersachsenhaus

Greinen greinende Kinder = wimmern

Hagestolz Junggeselle

Häusling Bewohner eines kleinen Hauses ohne Ackerland

Häuslingshaus kleines Haus, gehört zu einem Hof


Herrenmeier Erbpächter eines Amtshofes

Hester kleines Bäumchen

Holzklotschen geschnitzte Holzschuhe

Höllmannsloch überlieferte Bezeichnung eines Holzverschlages des Scheeßeler Untervogts,

in dem Menschen, vergleichbar einer Zelle bei der Polizei, eingesperrt wurden.

Kate kleines Haus mit wenig Ackerland

Kötner Bewohner einer Kate

Leibchen Mieder zum Schnüren

Magister Doktorand mit Studium, z. B. Jurist

Neptis Enkelin

Pollholz am Waldboden liegendes Astwerk

Prieche Empore in der Kirche

Rähm Funkenschutz über dem offenen Feuer

Schauer überdachter Unterstellplatz für Fuhrwerke

Schürken Zahnkrämpfe bei Kindern

snacken Plattdeutsch für „sich unterhalten“

Voller Hof ein ungeteilter Hof, Vollhof Hele Hoff

Wams Unterziehjacke

Das Flett 1



Das Zweiständerhaus in Niedersachsen2


1 Abb. 2 Grundriss eines Niedersachsenhauses mit Flett und Diele aus: Gerhard Eitzen, Bauernhausforschung in Deutschland, Seite 240 Abb. 15.2 Maßstab 1:200

2 Abb. 3 aus Fachwerkhaus aus Wilhelm Bomann, Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Niedersachsen, Seite 6.

Prolog

29. Juni 1664

Es war später Nachmittag. Die Apothekerfamilie Aldendorfer hatte sich vor ihrem Haus an der schmalen, kopfsteingepflasterten Straße versammelt, die parallel zur Vorstadt verlief. Georg Aldendorfer, das Familienoberhaupt, war in ein angeregtes Gespräch mit dem Rotenburger Küster vertieft, als sie die plötzliche Unruhe, die die Menschen auf der Straße ergriff, aufhorchen ließ. Aldendorfer und der Küster blickten gespannt auf.

Sie erkannten Meister Hans, den hiesigen Henker, der auf seinem kräftigen Rappen aus Richtung der Burg kommend, langsam auf sie zuritt. Hans schleifte einen großen, länglichen Gegenstand an einem Strick über das Steinpflaster.

Als er nur noch einen Steinwurf entfernt war, schnappte Aldendorfer nach Luft. Nun konnten er und die Umstehenden erkennen, was Hans so achtlos hinter sich herzog: Es war ein Mensch, am Hals angebunden, mit zerrissenen Kleidern, blutig geschunden. Schockiert und gleichsam neugierig versuchte Aldendorfer, das Geschehen genauer zu erfassen. Das Geschöpf war eine alte Frau, das erkannte er jetzt, Arme und Beine hingen schlaff am Körper. Die Frau war tot.

Regina, Aldendorfers Frau, ließ ein Wimmern ertönen, sie drehte sich zur Seite und erbrach sich. Sie hatte die Tote erkannt. Es war Mette Meinken.

Als der schauerliche Reiter vorbeigezogen war, sagte der Küster zu Georg: „Das muss die alte Meinken gewesen sein. Sie hat sich heute Morgen in der Zelle umgebracht. Ich weiß es von meinem Schwager.“

„Was ist eigentlich mit dem Fuhrmann und seiner Tochter?“, fragte er den Küster vorsichtig. Der zuckte kurz mit den Schultern, verabschiedete sich rasch und entfernte sich eilends. Auch ihm war übel geworden. Er wollte es sich nur nicht anmerken lassen.

Im Amt verbreitete sich die Kunde wie ein Lauffeuer:

„Die alte Hexe Mette ist tot!“


Das Niedersachsenhaus 1



1 Abb 4 ...aus Gerhard Eitzen, Bauernforschung in Deutschland, Seite 416, Abb.A, Zweiständerhaus mit Walmdach, erbaut 1650

Kapitel 1
Die Jahre 1596 - 1623

Es war ein bitterkalter Winterabend im Januar 1604. Seit Tagen hatte ein eisiger Wind über die geschlossene, kniehohe Schneedecke geweht, dabei bizarre Formen und Wehen um jedes noch so kleine Hindernis geformt. Die Sonne spiegelte sich dabei in der Verschmelzung der Eiskristalle, als lächle sie und habe dazu noch Freude am Treiben der Naturgewalten.

In diesen Tagen ging niemand auch nur einen Schritt nach draußen, wenn er es nicht wirklich musste.

Die Menschen in den umliegenden Dörfern hielten die Türen und Fenster fest verschlossen, ja sie verstopften sogar die Ritzen mit alten Lappen, da sonst die wenige lebensnotwendige Wärme nach draußen entwichen wäre. Türen wurden verrammelt und die geschlossenen Fensterläden ließen kein Licht in die Häuser. Da sich in den Dörfern kaum jemand Fensterglas leisten konnte, waren die Rahmen der kleinen Fensteröffnungen mit Tierhäuten bespannt, die auch an hellen Sommertagen wenig Licht in das Innere der großen Fachwerkhäuser ließen.

Harm Hoops, der Bauer und Familienvater, saß an diesem Abend mit seinen nunmehr 49 Jahren dick eingehüllt im Kreise seiner Familie am Flettfeuer, das die lebensspen-dende Wärme sicherte.

Harm sah seinen Sohn und Nachfolger Joachim dankbar und anerkennend an, denn dieser hatte ohne Anstoß von ihm bereits im Herbst die Löcher und Ritzen des Hauses durch den Großknecht Peter mit Lehm und Stroh zuschmieren lassen. Das Werk war zwar gut geraten, trotzdem bibberten sie alle im Hause fürchterlich vor Kälte und ihre Gesichter waren von dieser eisigen Frische gerötet. Die Bärte und Augenbrauen waren trotz Feuer und dicker Winterkleidung mit Eiskristallen überzogen, denn die Temperaturen lagen gleichwohl unter dem Gefrierpunkt.

Die Körperwärme der Menschen und der Tiere, die ja nicht nur in einem Haus, sondern auch in einem Raum lebten sowie das kleine offene Feuer waren die einzigen Wärmequellen in den ungedämmten Häusern jener Zeit.

Neben Harm und seiner Frau Adelheid saßen der ihnen als einziger gebliebene und inzwischen zwanzig Winter alte Sohn Joachim, der betagte Großknecht Peter und die 13-jährige Jungmagd Abelke. Sie saßen auf groben Holzbänken, die um das kleine Feuer gestellt waren, welches in diesen Tagen nicht ausgehen durfte.

Lediglich Harm und seine Frau saßen auf Stühlen, deren Sitzflächen mit einem Geflecht aus Weidenrinde versehen waren.

Das Brennholz, um die Feuerstelle auf diesem Hof auch über einen langen Winder zu versorgen, war vorhanden. Andere hatten keine so üppigen Holzvorräte und ertragreichen Höfe vorzuweisen wie Harm in Höperhöfen.

Sie heizten überwiegend mit Torf, Heide oder auch gar nicht mehr, weil nichts mehr zum Verbrennen vorrätig war. Der diesmal schon sehr früh hereingebrochene und lang andauernde, ungewohnt kalte Winter hatte bei manchem alles Brennbare aufgezehrt. Selbst Möbel, so berichtete man, hätten einige bereits der Not geopfert.

Dass es Harms Familie besser ging, schürte nicht nur Neid, es brachte auch Hass hervor, denn nicht Wenige waren in ihren Häusern bereits verhungert oder gar erfroren.

Harm hatte noch zwei weitere Jungknechte. Diese waren von Harm zur Wintersonnenwende zu ihren Familien entlassen worden und würden in wenigen Tagen zurückkehren.

Der heutige Abend aber war für die Familie auch ein besonders trauriger Tag.

Harms jüngster Sohn Warneke wäre heute 18 Jahre alt geworden, wenn er noch leben würde. Ihnen war nur Joachim geblieben. Die anderen Kinder von Harm und Adelheid waren schon früh an Masern oder Schürken verstorben. Adelheid war eine der wenigen Frauen im Kirchspiel Sottrum, die als Hebamme tätig war. Doch auch sie blieb von Schicksalsschlägen nicht verschont.

Abelke, die Jungmagd, wusste zwar aus Erzählungen durch den Großknecht, dass der jüngere Bruder von Joachim tot war, aber nicht warum.

Sie war nun schon beinahe seit einem Jahr auf dem Hof und es gefiel ihr hier, auch wenn die Arbeit schwer und die Tage lang waren. Sie hatte sich entschlossen, auch Hebamme zu werden und es bei der Bäuerin zu lernen.

So fragte sie Adelheid und sah sie dabei erwartungsvoll, zugleich aber auch zurückhaltend an.

„Was ist mit Joachims Bruder geschehen und wie ist er gestorben?“, wollte sie wissen.

Harm und Adelheid sahen sich an und Harm nickte nach einer Weile zustimmend. Adelheids Lippen wurden sehr schmal und ihre Augen schlossen sich, als ginge sie in sich. Harm spuckte seinen Priem hinter sich auf den Boden, sah nachdenklich in die Runde und begann in einem ruhigen, aber schwermütigen Ton zu erzählen.

„Heute wäre unser Warneke 18 Jahre alt geworden. Du weißt sicherlich, dass meine Frau als Bademutter überall gebraucht wird. Diese wichtige Aufgabe ist bei vielen aber leider mit einem Makel behaftet. Diese Vorurteile waren mir schon als junger Mann bekannt und die Reformation mit der Einführung hier bei uns in der Gegend, da war ich 15 Jahre alt, hat daran nichts verändert. Dennoch habe ich meine Adelheid geheiratet“.

Dabei zwinkerte er ihr liebevoll mit den Augen zu und seine Mundwinkel formten sich zu einem Lächeln.

Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, stopfte in aller Ruhe seine Pfeife und zündete sie mit einem Kienspan an, den er im offenen Flettfeuer entflammte. Er zog zwei, dreimal genüsslich an der Pfeife. Der blaue Rauch seiner „Piep“, wie er sie nannte, fiel im Flett des Hauses nicht mehr auf und auch nicht zur Last, denn das offene Feuer verbreitete schon genug Rauch, weswegen man die Häuser ja auch Rauchhäuser nannte.

Dann schaute Harm zu den über ihnen an der Decke im Rauch hängenden Vorräten an Würsten und Schinken, zog noch einmal freudig an der Pfeife und blies den Dunst langsam nach oben aus, als wollte er einen der Schinken mit seinem Pfeifenrauch umarmen. Die anderen um ihn herum wurden langsam ungeduldig, was Harm sichtlich und in seiner Ruhe genoss. Dann drehte er seinen Kopf und sah Abelke an, die während der ganzen Zeit still das Geschehen aufmerksam verfolgte und dem Rauch gebannt, aber auch nachdenklich nachgeschaut hatte.

Adelheid begann nun zu erzählen, da Harm offensichtlich mit seiner Zeremonie fertig war.

„Kind, du weißt ja auch, dass Hebammen viele Leiden lindern können und dazu den einen oder anderen Umschlag bereiten müssen und Sude kochen.“

„Ja, das weiß ich. Dabei habe ich auch schon mithelfen dürfen“, räumte sie mit Stolz in ihrer Stimme für alle hörbar ein und lächelte, trotz der eisigen Temperaturen auch noch dabei.

„Na, dann weißt du ja auch, dass es mit Zauberkunst und Hexerei nichts, aber auch gar nichts zu tun hat“, warf Harm in seiner väterlichen Art ein.

„Meine selige Mutter war auch Bademutter und hat Mittel hergestellt, um meinen Geschwistern und mir, wenn wir krank waren oder uns wehgetan hatten, zu heilen. Sie hat um die Kräuter und deren Heilkraft sehr gut Bescheid gewusst. Sie lebt leider nicht mehr“, seufzte Abelke und die Augen wurden ihr ein wenig feucht.

„Sie haben sie im letzten Jahr als Hexe in Ottersberg verbrannt und keiner konnte ihr helfen. Sie war keine Hexe und mein Vater hat ihr auch nicht helfen können“, fuhr sie fort und ihre feuchten Augen konnten die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Adelheid beugte sich zu ihr, strich ihr über das Haar und sprach: „Deine selige Mutter war eine ganz liebe und hilfsbereite Frau, die durch Verleumdung, Hass, Neid und Missgunst zu Unrecht auf den Scheiterhaufen gebracht wurde.

Ich kannte sie gut und du bist wie eine Tochter für mich. Leider sind meine eigenen beiden kleinen Mädchen schon im Himmel“, fügte sie wehmütig an.

Die Stimmung im Raum war getrübt und alle saßen nachdenklich in der kleinen Runde.

Dann sah Adelheid ihren Harm an und sagte: „Lass mich in Ruhe weitererzählen, dann geht es mir besser. Du hast sehr gut gesprochen“, lobte sie ihren Mann, der ihr dafür ein Lächeln, ja, fast ein Strahlen schenkte.

„Ich erzähle gerne weiter, ich kann mir dabei vieles von der Seele reden“, stellte sie mehr fest, als dass sie ihn fragte.

Harm pflichtete ihr bei, indem er seine Augen zustimmend verschloss und mit dem Haupt ein wenig nickte.

„Mein Junge hat sich am 15. Juni vor nunmehr fünfeinhalb Jahren das Leben genommen und dabei war er erst 12 Jahre alt. Er hat sich da hinten in der Scheune aufgehängt, weil er die Hänselei und das üble Geschrei „Hexenjunge“ und „Hexenbrut“ nicht mehr ertragen hat und wir ihm nicht die Kraft geben konnten, diese schweren Zeiten durchzustehen. Er war immer ein ganz Stiller und hat miterlebt, wie man mich, so wie deine Mutter auch, der Zauberei beschuldigte. Das war vor bald acht Jahren, zwei Jahre, bevor unser Warneke sich das Leben nahm.“

Adelheid machte eine längere Redepause, die der Knecht Peter nutzte, ein wenig Holz in die kärgliche Glut nachzuschieben. Im Sternfeuer verbrannte das Holz langsamer, hielt die Glut lange, aber die Scheite mussten immer zur Mitte hin nachgeschoben werden.

Jeder saß ganz nah dran, ansonsten wäre von der Wärme nichts zu spüren gewesen. Doch musste höllisch aufgepasst werden, um sich dabei nicht selbst zu entzünden, denn Brandwunden heilten im Winter besonders schlecht.

Peter, der schon unter Harms Vater Warneke gedient hatte, erhob sich zwischendurch, um noch ein wenig Holz zu holen und dabei auch einmal nach dem Vieh zu schauen.

Der Bauer besaß zwei Pferde, einen Ochsen, sechs Kühe und zwanzig Schafe, wobei die Letzteren wegen des nicht auszuhaltenden Gestanks üblicherweise in einem Nebengebäude, dem Schafstall, untergebracht waren. Deswegen musste Peter ab und an doch das Haus verlassen. Er fror dabei jedes Mal trotz Winterbekleidung sehr und wollte sich durch die Bewegung ein wenig aufwärmen.

Die Immen machten im Winter keine Arbeit. Sie durften in ihren Stöcken nur nicht erfrieren. Selbst die sonst immer laut gackernden Hühner saßen heute ruhig und verdächtig still in ihrem Verschlag, ganz eng aneinander gedrängt, um sich gegenseitig zu wärmen. Da war wohl zum üblichen, unrastigen Verhalten kein Antrieb mehr vorhanden.

Während Peter, dick eingepackt, durch die winterliche Eiseskälte vom Haus zum Stall durch den verharschten Schnee stampfte, sah er im Mondschein über die Felder und zu den Nachbarhäusern, die von der winterlichen Starre und vom Wetter ebenso gefangen schienen.

Adelheid fuhr aus ihren Gedanken hoch und mit ihrer Erzählung fort.

„Ich stamme aus Bötersen und bin eine geborene Stavenhitter. Wir wohnten neben Döhrnemanns Hofstelle. Als junges Mädchen hatte der Nachbarjunge ein Auge auf mich geworfen, aber ich wollte ihn nicht und bin meinen Eltern heute noch dankbar, dass sie mich Harm haben heiraten lassen.“

Sie nestelte ein wenig an ihrer Kleidung herum und zog das Kopftuch fester, damit ihr die Ohren nicht erfroren.

„Er nahm es mir so übel, dass ich seinem Werben nicht nachgegeben hatte, dass er mich beschimpfte und als Hure bezeichnete. Dafür hat ihm der Vogt eine saftige Geldbuße von zwei Talern auferlegt, aber das hat seinen Eifer noch mehr angestachelt. Selbst nachdem er verheiratet war und eigene Kinder hatte, nahmen seine Feindseligkeiten kein Ende. Harm und ich sind nun schon 20 Jahre Mann und Frau, aber das wollte er nicht akzeptieren. Mir tat seine Frau leid, die diese Eifersüchteleien und Beschimpfungen, aber auch das Gerede mitbekommen hat. Gott habe sie selig“, sagte Adelheid und schluckte dabei bedrückt.

„Es war vor ungefähr neun Jahren. Da war ich zu Besuch bei meinen Eltern. Ich war damals die einzige Bademutter im Kirchspiel, denn die alte Jette, bei der ich gelernt hatte, war zu klapprig geworden, um weiter als Hebamme arbeiten zu können. Dann schlug das Schicksal zu. Harm Döhrnemanns Frau Beke war soweit. Der Tag ihrer Niederkunft war gekommen und es gab Probleme, denn das Kind hatte sich nicht gedreht und die Nachbarinnen waren verzweifelt, weil sie nicht helfen konnten. Beke drohte mit dem Ungeborenen zusammen einen erbärmlichen Tod zu erleiden. Ich habe das schon mehrmals erlebt und es ist jedes Mal wieder grausam. Nur Gott weiß, warum.“

Peter war inzwischen zurückgekehrt und hatte sich wieder dazu gesetzt.

„Gegen den Willen von Harm Döhrnemann ließ Beke mich rufen, ihr zu helfen. Es war ein schwerer Gang in das Haus des Mannes zu gehen, der alles erdenklich Schlechte und jede Beleidigung, die man sich nur vorstellen kann, über mich erzählt hatte. Aber ich musste der Frau und dem ungeborenen Kind helfen. So ging ich mit und meine alte Mutter begleitete mich, denn mir war bang ums Herz“, beendete sie den Satz mit einem tiefen Seufzer und kniff die Lippen schmal zusammen.

„Dort angekommen, versicherte mir die Magd, dass der Bauer nicht im Hause sei“, fuhr sie fort.

„Als ich an Bekes Bett trat, blieb mir fast das Herz stehen, denn die Frauen hatte mich viel zu spät geholt. Beke litt bereits an einer schweren Vergiftung, denn das Kind war schon tot. Ihr Mann hatte sich zu lange geweigert, viel zu lange, als dass ich beiden das Leben hätte noch retten können. Ich holte das tote Kind mit einigen Mühen aus der sterbenskranken Mutter. Dann blieb ich drei Tage und drei Nächte bei ihr am Bett, kochte einen Sud nach dem anderen und der Herrgott hatte mit der Frau ein Erbarmen und ließ sie leben. Kinder konnte sie danach aber nicht mehr bekommen.“

Abelke hörte gespannt zu, denn sie musste Adelheid auch einmal bei einem solch tragischen Geschehen zur Hand gehen, wobei die Mutter und das ungeborene Kind einen qualvollen Tod starben. Sie hatte sich damals mehrmals übergeben müssen, aber auch viel dabei gelernt. Adelheid erinnerte Abelke während des Erzählens an ihre selige Mutter, die ihr sehr fehlte.

Als Harms Frau mit der Geschichte fortfuhr, wurde Abelke wieder aus ihren Gedanken gerissen.

„Für den Tod des Kindes und der Tatsache, dass seine Frau niemals mehr Kindern das Leben würde schenken können, machte mich dieser Mann, der die alleinige Schuld daran trug, verantwortlich. Dass er damit von seinen Fehlern ablenken wollte, entschuldigt nichts. Er zeigte mich beim Amtmann an, eine Zauberin und Hexe zu sein, die Schuld am Tod des Kindes und allerlei anderer Miss-geschehen und Unglücke sei, die er selbst zu verantworten hatte, aber nun einen Sündenbock in mir gefunden zu haben glaubte. Mit meinem Tod als Hexe auf dem Scheiterhaufen wollte er sich an mir, aber auch an Harm rächen, der ihm in seinen Augen, die Frau, seine Frau weggenommen hatte.“

Sie schaute Abelke prüfend an, ob sie den Rest der Geschichte auch noch verkraften würde, denn der Prozess gegen ihre Mutter hatte ein halbes Jahr gedauert und sie hatten sie bei lebendigem Leib im Nachbaramt Ottersberg verbrannt. Die Schreie der Sterbenden hatte Adelheid nicht aus den Ohren bekommen und Abelke musste als Kind mit ansehen, wie man die Mutter in den Flammen förmlich geröstet hatte. Danach nahm sie das Mädchen in ihre Obhut, schließlich waren sie über viele Ecken miteinander verwandt. Sicherlich, sie war auch mit Döhrnemanns verwandt, aber das hatte alles nichts geholfen, es eher noch verschlimmert. Adelheid war in ihre Gedanken versunken und bemerkte gar nicht, dass die anderen auf die Fortsetzung der Erzählung warteten, bis Harm seine Hand sanft auf die ihre legte und sie mit einem Stirnrunzeln erwartungs- und liebevoll anschaute.

„Entschuldigung“, sagte Adelheid leise und fuhr fort.

„Harm Döhrnemann hatte nicht nur mich beschuldigt, sondern auch noch meine Familie in Bötersen und in Höperhöfen als „Zaubersche“ und „Hexen“ beschimpft. Hinzu kam sicherlich noch, dass er seinen Hof nicht so ertragreich wie mein Harm bewirtschaftete und dem Brandwein sehr zugetan war. Ich wurde verhaftet und mehrmals verhört, wie auch meine ganze Verwandtschaft. Da Döhrnemann aber keinen Beweis für seine Anschuldigungen vorlegen konnte, die Nachbarin, die mich zur Geburtshilfe in sein Haus geholt hatte, unter Eid aussagte, was wahr war, wurde er vor vier Jahren, nach vier ganzen Jahren Prozessdauer, des Landes verwiesen.

Diese Anschuldigungen und Anfeindungen hat unser Warneke nicht verkraftet, dazu kam, dass er in einem Alter war, ein Mann zu werden. Die schiere Verzweiflung trieb ihn zu diesem Selbstmord. Er hatte wenigstens einen schnellen Tod, da er sich das Genick dabei brach. Mein ist die Rache, sprach der Herr, predigt unser Schwattkittel immer von der Kanzel und da hatte er recht behalten.“

„Wieso?“, fragte Abelke erstaunt dreinblickend.

Harm übernahm nun die Fortsetzung der Geschichte, denn er bemerkte, dass das Erzählen seiner Adelheid immer schwerer fiel und sie den Tränen näher war als alle zusam-men dem Sommer.

„Nach vier Jahren Prozess, vielen Vernehmungen und Prozesstagen, wurde dieser gemeine Denunziant verdientermaßen des Landes verwiesen. Sie haben ihn damals an die Grenze zum Amt Rethem geführt. Er musste die „Urfehde“ schwören und versprechen, nie wieder ins Amt Rotenburg zurückzukehren“, sagte Harm und zog ein wenig an seiner Pfeife, als genösse er diesen Moment besonders. Nachdem er den Rauch ebenso genüsslich ausgehaucht hatte, fuhr er fort.

„Einige Tage später hörte ich in der Rotenburger Mühle, dass er bei Kirchwalsede tot am Ast eines Baumes baumelnd aufgefunden wurde und sich selbst gerichtet haben soll. Wie Adelheid schon sagte, der Herr lässt Gerechtigkeit walten.“

Abelke wollte etwas fragen, weil es spannend war und es ihr zu viele Erzählpausen gab, aber der strafende Blick von Harm hielt sie davon ab.

„Bei einem Krug Bier erzählte unser damaliger Amtsvogt, wie es sich seiner Meinung nach abgespielt haben könnte, denn so, wie er ihn vorgefunden hatte, muss der Teufel seine Hände im Spiel gehabt haben. Er hing mit seinem Hals in einer Seilschlinge, oder was von ihm noch übrig war, an einem dicken Ast. Da muss er wohl hinaufgeklettert sein und sich dann fallen gelassen haben.

Der Vogt beschrieb in allen Einzelheiten, wie so ein Genick brechen kann, wenn man es nur richtig macht. Ich hätte mir gewünscht, er wäre jämmerlich röchelnd an Luftnot erstickt, wie der Dieb im letzten Jahr, bei dem der Henker keine gute Arbeit ablieferte.“

Da hielt Harm mit dem Erzählen inne, denn er hatte nicht bedacht, dass Abelkes Mutter kurz danach auf dem Scheiterhaufen starb und das Mädchen ein wenig blass um die Nase geworden war.

Adelheid hatte die Situation sofort erfasst, lächelte das Mädchen an und sagte mit liebevoller Stimme: „Ich glaube, ich erzähle doch weiter“, und tat es auch.

„Mir tat zwar Beke, also Döhrnemanns Witwe, leid, aber ich hätte ihm auch ein langes und sehr qualvolles Ende gewünscht, schließlich hat er meinen Jungen in den Tod getrieben. Dass Beke sich darauf in den Hausbrunnen zu Tode stürzte, traf mich schon. Eigentlich taten mir nur die Kinder leid“, fügte sie leise an.

„Seit dem hat Cordt, der Hinkefuß, Harms jüngerer Bruder, dessen Rolle, mich schlecht zu machen, übernommen. Er verbreitet überall Gerüchte und führt üble Reden über mich. Er hatte auch behauptet, der Teufel, mit dem ich angeblich im Bunde stünde, hätte sich an seinem Bruder in meinem Namen gerächt.

Damit will ich es nun für heute gut sein lassen und du weißt jetzt, was geschehen ist. Sein Selbstmord hat erneut bewiesen, dass ich unschuldig bin.“

Abelke nickte und war froh, dass die Geschichte nicht von Harm weiter erzählt wurde, denn er erzählte Geschichten immer so lebhaft und voller Spannung, dass es ihr dann immer ganz flau im Magen war. Abelke stellte es sich sehr bildhaft vor und es grauste ihr dabei. Zugleich aber verspürte sie das Verlangen, die Geschichte bis zum Ende zu hören.

Sie konnte nachts nicht gut schlafen, weil sie immer noch die Schreie ihrer Mutter hörte, obwohl der Vater ihr damals die Ohren zugehalten hatte. Sie hatte sie dennoch deutlich vernommen. Erst seit sie bei Adelheid in Obhut und nun in Stellung war, ging es ihr immer besser und die Albträume wurde allmählich weniger.


1607

Es war das Jahr, in dem Anna Dreyer in Bötersen geboren wurde, die später Diedrich Hastede aus Hetzwege ehelichte. Im selben Jahr ließ Maria Hastedt aus Bötersen ihre Tochter Tibke taufen, die man später als „Tibke von Bartelsdorf“ benennen würde.

Marias Onkel, Cordt Döhrnemann, den alle nur den Hinkefuß nannten, konnte es einfach nicht sein lassen und sprach unentwegt und bei jeder Gelegenheit von seinem seligen Bruder Harm. Er saß während der Taufe von Tibke nur zwei Bänke hinter Harm und Adelheid Hoops.

Während der anschließenden bescheidenen Tauffeier erzählte er mit Häme von Adelheid und bezeichnete sie als „seine Hexe“, die wohl nur so getan hätte, als habe sie ihn nicht bemerkt. Er sagte für alle hörbar: „Dabei ist doch die alte Hexe Adelheid schuld am Tod meines Bruders Harm und meiner Schwägerin Beke.“

Als Maria davon hörte, war es ihr sehr peinlich und es verdarb ihr ein wenig die Mutterfreuden. Dass ihre Eltern ums Leben kamen, wollte sie der „Zauberschen“ aus Höperhöfen nicht verzeihen, aber heute war Tibkes Taufe und keine Hexenjagd.

Sie litt sehr darunter, denn viele ließen sie spüren, dass der selige Vater wohl eine große Dummheit gemacht hatte, sich mit einem im Vergleich zu anderen wohlhabenden Bauern angelegt zu haben.

Dass durch das Unglück großes Ungemach über die ganze Familie gekommen war, erlebte sie jeden Tag aufs Neue.

In Höperhöfen auf dem Hof von Harm und Adelheid ging das Leben weiter und der Alltag ging seinen Weg. Harm Döhrnemann war lange tot und die Sticheleien seines Bruders Cordt ärgerten zwar, wurden aber überwiegend ignoriert.

Adelheid war als Hebamme und Kräuterfrau weiter im ganzen Kirchspiel unterwegs, mied aber den Kontakt zu Döhrnemanns, den Nachbarn ihrer Eltern.

1610

Hibbel Holsten war die 20-jährige Tochter von Claus, dem Mann, der vor zehn Jahren seine Nachbarin Beke Döhrnemann zum Freitod in den Brunnen stürzen sah. Er war aber auch der Nachbar der Familie Stavenhitter, deren Tochter Adelheid nach Höperhöfen in den Hoopshof eingeheiratet hatte.

Hibbels Eltern hatten entschieden, sie als Magd auf den Hof nach Höperhöfen zu Adelheid Hoops, die als Bademutter bei den Frauen einen nachhaltig guten Ruf wie auch in der Kräuter- und Heilkunde genoss zu geben. Hibbel liebte Kinder über alles und sollte nach dem Willen der Eltern auch Hebamme werden, was dem Wunsch der Tochter entsprach. Diese Entscheidung brachte Hibbels Eltern mit der Nachbarin Maria Hastede heftigen Streit ein, weil deren Vater ja einst gegen Adelheid geklagt und verloren hatte und der sich vor zehn Jahren, nach der Landesverweisung aus dem Amt, bekanntermaßen das Leben genommen hatte. Diese alte, tragische Geschichte erzählte man sich noch immer in den Dörfern und die Gerüchte verstummten einfach nicht. Sie stand wie eine unüberwindbare Mauer des Hasses zwischen den Menschen in dem Dorf.

Adelheid war zwar erst 45 Jahre alt, wurde aber schon als die „alte Hoops“ bezeichnet, denn sie wirkte zehn Jahre älter als sie biologisch gesehen war. Die Jahre der Anfeindungen hatten tiefe Spuren hinterlassen.

Sie wusste und hörte es immer wieder, sagte es auch allen Frauen, denen sie vertraute und das Handwerk beibrachte: „Pass aber gut auf dich auf, denn Bademütter leben gefährlich. Weil sie sich aufs Warzen besprechen, die Geburtshilfe, Kräuter und allerlei Arzneien verstehen, hat sie jeder Henker stets im Auge und gedenkt durch sie seinen Geldbeutel merklich zu füllen.“

1611

Hibbel war nun schon seit einem Jahr auf dem Hof und hatte eine ganze Menge erlebt und gelernt. Als Magd war sie mit den Hochzeitsvorbereitungen für Adelheids Sohn Joachim beschäftigt, der seine Gesche übermorgen heiraten sollte.

Ihr fiel die Aufgabe zu, für die Hochzeitssuppe die Hühner zu holen, denen der Knecht Armin eben erst den Hals umgedreht und abgeschlagen hatte. Bevor er sie nun schlachten konnte, mussten sie gerupft werden. Das war Hibbels Aufgabe.

Sie saß auf der Bank neben der kleinen Seitentür und hatte das erste Huhn in ihren Händen, als eine Amsel ihre Aufmerksamkeit erregte.

Dabei wanderte ihr Blick über den Hof, der ihr sehr vertraut geworden war und wo sie sich zu Hause fühlte.

Imponierend standen viele alte und sehr große Eichen auf dem ganzen Hofplatz. Sie boten Schutz vor Wind und Schnee, nahmen aber auch viel Licht. Die Hofschweine fraßen im Herbst die vielen Eicheln auf, mit denen sie auch gemästet wurden.

Abelke dachte noch an die Zeit von vor einem Jahr zurück, als sie hier ankam und sehr herzlich aufgenommen wurde.

Es gab keinen Tag, an dem der Viehbestand nicht seine Hege und Pflege einforderte, wobei das die Aufgabe der Knechte war. Die Männer kümmerten sich um die Pferde, die Immenvölker, die Kälber und Kühe. Für die Mägde blieben die Schweine, die Ferkel und die Hühner übrig. Für die 60 Schafe gab es sogar einen Schäfer auf dem Hof.

„Kind, schlaf nicht, oder willst du dem Vieh auch noch die Haut rupfen“, schubste sie Armin laut lachend an.

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf und sagte mit unsicherer Stimme: „Ich habe wohl mit offenen Augen geträumt.“

Angelockt von diesem Treiben sah der Großknecht Hein vom Schauer herüber, und neugierig wie immer lugte die Großmagd Gesine aus dem Haus, als könnte sie etwas verpassen.

„Hibbel, bist du bald fertig? Sieh zu, dass du mit den Hühnern herkommst“, rief sie lauthals in den Hof und zog den Kopf wieder ins Haus zurück.

***

Harm Hoops ging mit seinem Sohn und Nachfolger Joachim über den Hof. Sie sprachen sehr innig miteinander, denn der Vater übergab mit der Hochzeit auch die Hofführung an seinen Sohn.

„Joachim, du kennst dich zwar auf dem Hof aus, dennoch möchte ich als dein Vater mit dir noch einmal einiges durchsprechen und abstimmen, damit ich als Altenteiler nicht mit dir über Kreuz komme und wir miteinander in Streit geraten, wie es mir mit meinem seligen Vater Warneke ergangen war“, begann er das Gespräch.

„Mein Sohn, ich freue mich, dass du mit Gesche eine fleißige Frau gefunden hast und ich beruhigt auf mein Altenteil gehen kann. Sei gewiss, dass ich mich nicht in deine Wirtschaft einmischen werde. Der Altenteilervertrag regelt die Verhältnisse zwischen uns bis ins Detail. Ich habe dir alles beigebracht, was du wissen musst und ich bin mir sicher, dass du ein guter Bauer bist“, sagte er und legte seine Hand liebevoll und anerkennend zugleich auf die Schulter seines ältesten Sohnes.

Sie standen vor dem Backhaus und sahen im Rundblick den Speicher und die zwei Scheunen, die halbkreisförmig um das Haupthaus standen und sich in einem guten baulichen Zustand befanden, obwohl alle Gebäude schon weit über 100 Jahre alt waren.

Dann schauten sie sich noch so einiges an, was dem Vater wichtig war und schritten den Hof, aber auch die Äcker und Wiesen ab, ohne unnötig viele Worte zu wechseln. Sie verstanden sich auch so. Das wiederum verstand Gesche, Joachims Braut, gar nicht. Sie redete viel und gerne über alles. „Männer“, war ihr einziger Kommentar zu dieser Art des schweigenden Verstehens.

„Du hast dir eine prächtige und ganz liebe Frau ausgesucht. Sie passt hier her und wird eine großartige Schwiegertochter abgeben, auch wenn sie gerne ein wenig viel schwätzt. Darin sind deine Mutter und ich uns einig“, sagte der Vater mit einem Lächeln, während sie auf den Feldern unterwegs waren.

Als sie nach Hause zurückkehrten, schweifte der Blick der Männer von der Hofeinfahrt in die Hofmitte über das massive, im Jahre 1478 erbaute Vierständerhaus. „In dem auf dem Hof stehenden Häuslingshaus werde ich als Altenteiler mit Adelheid bis zu unserem Tode leben“, schweifte Harm in Gedanken.

Dort lebte auch seine ledige Schwester Gesine seit vielen Jahren und so stand es auch im Vertrag, der die Zeit nach der Hofübergabe regelte.

Als habe Joachim die Gedanken seines Vaters erahnt, fragte er ihn: „Gesine hat nie geheiratet. Warum eigentlich nicht?“

„Es war nie der Richtige dabei, für den sie sich entscheiden wollte und so blieb sie bei mir als Hausmagd auf dem Hof“, antwortete sein Vater.

„Sie genießt offensichtlich ihre gute Stellung, hat ihr Auskommen und schaut wohlgenährt aus. Sie ist immer gut gelaunt und stets freundlich, was ich sehr an ihr schätze“, schloss Harm seine Gedanken.

„Gesine, du bist eine Seele von Mensch“, pflegte Harm seine Schwester häufig zu loben, was ihr sichtlich gut tat.

Nun aber rief Harm über den Hof, denn er hatte seine Schwester aus dem Haus schauen sehen, neugierig, wie sie nun mal eben war.

„Gesine! Ist alles gut vorbereitet?“, hörte sie ihren Bruder fragend rufen. Sie winkte ab, ließ sich nicht weiter ablenken und verschwand vollends im Haus.

„Junge, deine Mutter wird als Bademutter viel unterwegs sein und ich werde sie, wenn notwendig fahren, solange ich es vermag. Du kannst den Knecht dann anders einsetzen und ich habe eine sinnvolle Aufgabe.“

„Vadder, das kommt überraschend. Darüber freue ich mich sehr“, entgegnete Joachim strahlend.

„So wie ich Gesche verstanden habe, wird sie von deiner Mutter als Nachfolgerin in der Kräuterkunde und als Bademutter eingewiesen werden. Pass gut auf sie auf, denn die Leute reden gerne und sehr viel, meistens aber nichts Gutes“, fügte Harm nach einer ganzen Weile an.

Der Tag der Hochzeit war nun für das Brautpaar gekom-men und die Zeit der Verlobung damit zu Ende.

Es war eine für die Zeit und die Umstände angemessen ausgestattete Feier, die sich für einen Außenstehenden aber durchaus als bescheiden darstellte.

Adelheid hatte darauf bestanden und gesagt: „Die Leute sollten keinen Grund haben, um Gerüchte und üble Reden über die Ausgestaltung der Feier zu verbreiten. Sie reden sowieso, aber wir müssen vorsichtig sein, denn das Geschwätz von Döhrnemann bedroht die Familie noch immer unterschwellig.“

Es war eine wunderschöne Feier bei herrlich trockenem Wetter an einem sonnigen Oktobertag.

„Wir können sehr zufrieden sein“, sagte Harm stolz zu Adelheid. „Die Ernte war gut, die Vorratskammern sind aufgefüllt, der Hof befindet sich in einem guten Zustand, der Junge ist gesund und er hat eine gute Frau gefunden. Hinzu kommt, dass wir noch bei guter Gesundheit sind, woran auch deine Kräuter und Tees nicht ganz unbeteiligt sind“, meinte er mit Schalk in den Augen und Adelheid stimmte ihm wortlos lächelnd zu, aber nicht ohne dabei auch ein Glänzen in die Augen zu bekommen.

Ein Jahr später verließ Hibbel den Hof. Adelheid hatte ihr alles beigebracht, was sie wissen musste und war sehr stolz auf sie. Sie hatte Hibbel ins Herz geschlossen und sie ließ sie ungerne ziehen, aber drei Bademütter auf einem Hof waren einfach zu viel des Guten.

1613

Als in den Dörfern des Kirchspiels Sottrum und darüber hinaus wieder einmal die Blattern wüteten, wodurch zwei Dutzend Kinder und viele Erwachsene innerhalb kürzester Zeit dahingerafft wurden und unter den Opfern sogar der Pastor Johann Baptista Schmied war, kannten die Angstmacher und Gerüchtestreuer keine Anstandsgrenzen mehr.

Cordt Döhrnemanns Nichte verlor innerhalb weniger Tage drei ihrer Kinder.

Das war die Gelegenheit, auf die er seit Jahren sehnsüchtig gewartet hatte. Er fachte erneut das schwelende Feuer der Verleumdungen und üblen Gerüchte gegen Adelheid Hoops in Höperhöfen an.

Viele glaubten, dass es nur die mit dem Teufel im Bunde stehenden Wesen und Hexen gewesen sein konnten, die dafür verantwortlich waren. Dass er damit Adelheid meinte, wusste jeder, ohne dass der Name ausgesprochen werden musste.

Eine Anklage wurde trotz seiner Anzeige nicht erhoben, verlor sie doch selbst zwei Kinder durch die Seuche.

1614

Gesche wurde nach Hibbels Weggang von ihrer Schwiegermutter als Hebamme sowie in der Kräuter- und Heilkunde ausgebildet. Sie musste mehrfach erfahren, welche harten Prüfungen das Leben dabei für sie bereit-hielt.

Schmerzen konnte Adelheid mit selbst gebrauten Kräutertees lindern. Auf ihren gemeinsamen Wegen zu den besonderen Stellen, an denen die Pflanzen in den Wäldern, auf den Wiesen und in den Mooren wuchsen, kamen sich die beiden Frauen auch menschlich immer näher.

Adelheid hatte einst selbst gelernt, die richtigen Pflanzen am rechten Platz und zu bestimmten Zeiten zu finden. Für die Ernte und die richtige Verarbeitung war ein sehr umfassendes Wissen notwendig, aber auch die Gabe, das richtige Mittel zielgerichtet zur Anwendung zu bringen.

Einen Medikus konnte sich kaum jemand leisten und deswegen suchten viele die Kräuterfrauen auf, wobei die Meisten die Hausrezepte „für alle Fälle“ selbst kannten, die von den Müttern an die Töchter weitergegeben wurden.

Häufig nahm man die Salben und den gebrauten Sud auch, um die wertvollen Haus- und Hoftiere zu behandeln. Für manchen Zeitgenossen war diese Kunst des Heilens aber Hexenkunst und Teufelswerk.

Gesche lernte sehr schnell, denn Adelheid war eine sehr erfahrene Kräuterfrau und liebte ihre Schwiegertochter. Sie zeigte ihr jedes Kraut und jedes Blatt, beschrieb es genau und erklärte dessen Wirkung sehr eingehend und geduldig. Dabei vergaß sie nicht, die Gefahren einer falschen Dosierung oder Anwendung anzusprechen.

Sie hatten keine Bücher und auch keine Möglichkeit, sich Aufzeichnungen zu machen, auch wenn sie ein wenig Lesen und Schreiben gelernt hatten.

Das gesamte Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Dass die Mönche und Nonnen in den katholischen Klöstern, die noch vor wenigen Jahrzehnten hier existierten, dieses seit alters her zu nutzen wussten und vor allem durften, war bekannt.

Adelheid sagte immer wieder: „Sei mit dieser Gabe vorsichtig! Gehe mit dem Wissen behutsam um und wende die Mittel nur offen an, wenn es sich nicht vermeiden lässt, denn Kräuterfrauen und Hebammen leben, wie du weißt, gefährlich. Denk an die Mutter von Abelke.“

1615

Im folgenden Jahr suchte erneut eine Seuche ihre Opfer in den Dörfern und Gehöften des Amtes Rotenburg. Die alte Adelheid Hoops aus Höperhöfen starb nach zehntägiger Bettlägrigkeit am Nervenfieber, auch Typhus genannt.

Harm saß tagelang an ihrem Bett und stand ihr in den letzten Stunden bei, so gut er es vermochte.

Gesche sagte einmal zu ihm: „Sie ist ja viel in den Dörfern herumgekommen und muss sich dabei angesteckt haben.“

„60 Jahre ist kein Alter zum Sterben“, entgegnete Harm. „Wir wollten auf unsere alten Tage doch noch so manches erleben und deine Kinder, unsere Enkelkinder, gemeinsam aufwachsen sehen“, fügte er mit einem verzweifelten Unterton in seiner sonst festen und warmen Stimme noch an.

Die Trauerfeier wurde knapp gehalten, denn das Amt hatte erneut angeordnet, die Seuchenopfer noch am Tag ihres Todes in die Erde zu bringen.

Als Cordt Döhrnemann in Bötersen davon erfuhr, dass seine Erzfeindin dahingerafft war, konnte er sich nicht mehr zurückhalten und stieß einen lauten, markerschütternden Schrei aus, dass die Nachbarn meinten, er hätte sich beim Holzhacken, den Daumen abgeschlagen.

Zu Maria gewandt, die ihren Onkel erschrocken ansah, sagte er mit einem teuflischen Grinsen und leuchtenden Augen: „Ich mache kein Hehl daraus, dass ich mich freue, dass die alte Hexe endlich tot ist, auch wenn sie angeblich nur an Typhus gestorben sein soll.“

Maria verstand den Gefühlsausbruch ihres Oheims, glaubte sie doch auch an die Schuld von Adelheid am Tod ihrer Eltern.

„Sie ist gestern auf dem Friedhof zusammen mit den drei Toten aus unserem Dorf und anderen eingekuhlt worden.“

„Es ist unglaublich, dass man eine Zauberin in geweihte Erde legt und deinen Eltern diese Ehre verweigert hatte. Sie hätten sie auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe verbrennen sollen. Das dazu erforderliche Holz hätte ich schon gestiftet“, wütete er und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch, dass das darauf befindliche Geschirr nur so wackelte.

Er schnellte hoch und humpelte schnurstracks aus dem Haus. „Bleib nicht so lange fort und wüte nicht wieder“, rief Maria ihm noch flehend nach. Sie wusste nicht, ob er sie überhaupt noch gehört hatte. Immer, wenn er wütend war, verschwand er für Stunden und niemand wusste wohin.

Einmal hatte er Maria erzählt, dass er die alten Götter um Hilfe gebeten habe, als er mal wieder verschwunden war.

„Altvater wird helfen“, sagte er immer wieder, und dass die Pastoren, die er abwertend als „Schwattkittel“ und „Pfaffengesindel“ bezeichnete, nur ihr eigenes Seelenheil und ihre Völlerei im Sinn hätten.

Nach dem Tod von Adelheid hatte ihre Schwiegertochter Gesche die Aufgabe als Bademutter übernommen.

Bei ihren Besuchen in den Dörfern hörte sie hier und da immer wieder von ihr zugetanen Menschen, dass Cordt Döhrnemann nun auch über sie schlecht sprach und sie als Zauberin und Hexe denunzierte.

Gesche, aber auch andere Kräuterfrauen, versuchten mit dem erlernten Wissen, den durch die Seuche erkrankten Menschen zu helfen. Es war eine vergebliche Mühe, die Gesche im Nachhinein betrachtet eher geschadet hatte.

Harm zog Gesche einmal zur Seite und sagte: „Kind, gib acht, denn in der Trauer geben dir am Ende die Leute noch die Schuld am unabwendbaren Tod ihrer Lieben und sie bezeichnen dich als Kräuterhexe und Todesbotin. Döhrnemann wird keine Ruhe geben, solange er lebt.“

Kapitel 2
Die Jahre 1624 - 1643

1624

Harm sollte recht behalten, denn die Gerüchte gegen seine selige Frau und seine Schwiegertochter ebbten nie ab. Es schmerzte ihn sehr, dass man seine Adelheid noch immer als „die alte Zaubersche aus Höperhöfen“ bezeichnete. Am liebsten hätte er Döhrnemann mit der Forke gepiesackt, bis dieser vor aller Welt seine Lügengeschichten zurücknahm. Er hatte dazu nie eine Gelegenheit bekommen und fürchtete, dass er damit seinen Kindern und Enkeln noch mehr Schaden als Nutzen zufügen würde.

Gesche hatte nun schon zwei gesunden Knaben das Leben geschenkt und jedes Mal hatte Hibbel ihr dabei geholfen. Die Verbindung zu ihr war nie abgerissen, auch nicht, nachdem sie Jacob Röhrs aus Westerholz das Jawort gegeben hatte.

Heute sollte sie ihr wieder helfen und Gesche hatte ein gutes Gefühl. Schon früh am Morgen bemerkte sie, dass es soweit war.

„Joachim, schicke einen der Knechte aus, Hibbel zu holen. Du wirst heute wieder Vater werden“, sagte sie zu ihrem Mann mit Stolz in der Stimme.

„Ja, das werde ich sofort tun“, versprach er freudestrahlend und eilte aus dem Haus. Nach einer Weile kehrte er zurück, setzte sich zu Gesche, nahm ihre Hand und legte sie in die Seine. Dann drückte er die Hand seiner Frau und sprach: „Hibbel wird geholt. Sie hat es nicht leicht, oder? Alle ihre eigenen Kinder sind bisher tot zur Welt gekommen, sagt man, als läge ein Fluch auf ihr.“

„Sie ist mir immer eine liebe Freundin, mehr wie eine Schwester und hat mir all das, was ich bei deiner seligen Mutter nicht mehr lernen konnte, beigebracht. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.“

Plötzlich schlug die kleine Seitentür auf und ihre zwei Kinder rannten in das Haus, tobten in der Diele herum, als sei der Hahn hinter ihnen her.

„Spielt ihr schon wieder Kriegen?“, wollte die Mutter aus der Kammer rufend wissen und lachte dabei liebenswürdig.

Der ältere der beiden Kinder hielt inne und ging zu seiner Mutter in die Kammer.

„Modder, Harm hat schon wieder die Hühner geärgert und das soll er ja nicht“, log Cordt. Dabei schaute er frech zu seinem kleinen Bruder und streckte ihm die Zunge her-aus.

„Seid beide friedlich!“ mahnte der Vater seine Söhne mit erhobener Stimme. „Eure Mutter braucht Ruhe! Heute werdet ihr ein Brüderchen oder ein Schwesterchen bekommen. Geht zur Magd, sie soll sich um euch kümmern oder geht zum Großvater“, forderte er seine Söhne mit Nachdruck auf.

Cordt drehte sich folgsam um und nahm den kleinen Harm an die Hand. Dann rannten beide Lausbuben aus der offen stehenden Groot Döör in den Hof, als sei der Blitz hinter ihnen eingeschlagen.

„Lass sie“, sagte Gesche mit einem Schmunzeln sanftmütig und sah Joachim dabei in die Augen.

Gegen Mittag trat Hibbel in das Haus der Freundin ein. Sie ging unaufgefordert und mit sicheren Schritten über die Diele in die kleine Kammer, in der Gesche lag und sie bereits freudestrahlend erwartete.

„Es ist wieder einmal soweit“, entgegnete Hibbel ihr als Begrüßung und Gesche nickte.

„Wie geht es dir und deiner Familie?“, wollte Hibbel von ihr wissen.

Gesche atmete tief durch, richtete sich im Bett ein wenig auf, so, dass sie halb sitzend im Bett thronte, als wollte sie eine amtliche Bekanntmachung von sich geben.

„Du weißt ja selbst, was die Leute so reden und hältst ja auch Ohren und Augen stets offen“, sagte sie zu ihr mit ruhiger Stimme, die ein wenig von Traurigkeit getragen war.

„Heute ist kein Tag für Wehmut“, entgegnete Hibbel ihr. „Dein Kind soll spüren, dass wir es hier mit Liebe empfangen und die Mutter sich freut. Also zerstreu deine üblen Gedanken, auch wenn es dir schwerfällt“, forderte Hibbel eindringlich.

„Ja, du hast ja recht. Adelheid hatte es immer schon gesagt, dass der Hass der Menschen schlimm ist und die Opfer meist den Kürzeren zieh`n.“

„Ich gehe nun und bereite alles vor, damit es heute ein Fest zu feiern gibt“, sagte Hibbel, stand auf und verließ die Kammer.

Gesche sollte recht behalten. Am frühen Abend dieses lauen Herbsttages war es dann wirklich soweit.

Die Geburt verlief vollkommen ohne Komplikationen, barg aber sprichwörtlich eine kleine Überraschung in sich.

Sie hatte nicht nur ihre erste Tochter geboren, es waren gleich zwei. Hibbel hatte ihre Arbeit gut gemacht und es war alles zum Besten erledigt.

„So, wo ihr beiden gewaschen und angezogen seid, gebe ich euch in die Obhut eurer Mutter.“ Sie lagen nun in den Armen der glücklichen Mutter.

Ganz sanft und zärtlich berührte Gesche dabei erstmals beide Mädchen. Gesine war Hibbel die ganze Zeit zur Hand gegangen und freute sich über ihre kleinen Nichten.

„Nun kann ich die Männer ja mal reinlassen, bevor sie sich in der Diele an dem Fusel zu schaffen machen“, frotzelte Gesine und ging, ihre Verwandten zu holen.

Der alte Harm gab seinem Sohn, als Vater der Kinder, den Vortritt und trat nach ihm in die Kammer ein.

Die kleinen Fenster waren offen und ließen frische Luft und Licht in die kleine Kammer, in der vor Kurzem ein Erdenbürger das Licht der Welt erblickt hatte, dachten die Männer noch, bis sie sahen, was die Frauen für eine Überraschung für sie bereithielten.

„Es sind zwei Töchter und sie sind gesund. Es ist alles dran, was dran sein muss und nun macht den Mund wieder zu, sonst zieht es noch“, sagte Hibbel grinsend den erstaunt dreinschauenden Männern ins Gesicht.

Dann drehte sich Gesine um und machte sich auf, die beiden Jungs von Gesche zu holen. Sie fand sie bei den Hühnern - wo sonst! Hier spielten sie am liebsten, das wusste ihre Tante nur zu gut.

Cordt hatte eines der Hühner auf dem Arm und der kleine Harm saß auf seinem Hosenboden mitten zwischen dem Federvieh. Er genoss es richtig, dass sie um ihn herum pickten und scharrten.

Aus dieser Idylle holte sie die beiden: „Ihr habt jeder ein Schwesterchen bekommen. Kommt mit, ich zeige sie euch. Ihr müsst aber brav sein“, meinte sie noch. Dann fasste sie beide an den Händen und tänzelte vor Freude mit ihnen ins Haus.

„Das kenne ich schon“, prahlte Cordt zu seinem kleinen Bruder. „Da musste ich schon einmal mitgehen, als ich noch klein war. Da hatten sie dich gebracht“, meinte er altklug, folgte daher brav seiner Tante.

In der Kammer angekommen besahen sie sich die neuen Familienmitglieder ganz genau, soweit es eben etwas zu sehen gab.

„Das sind ja zwei. Kann ich mir eine aussuchen?“, fragte Cordt und die Alten lachten herzhaft. Selbst der alte Harm klopfte sich vor Freude auf seine Schenkel.

Cordt trat ganz nah an seine Schwestern heran und musterte sie sehr gründlich. Dann schaute er von einer zu anderen, wendete sich der Mutter zu, ließ den Finger aber an der Stirn eines der Mädchen und fragte: „Wer hat denn meinen Schwestern den Fleck da hingemalt?“

Hibbel trat für die Mutter ein und sagte gewandt: „Deine Schwestern sind jede mit einem Muttermal gesegnet worden. Der liebe Gott hat das so gewollt.“

Claus war es gar nicht aufgefallen und er schaute nun selbst genau nach. Beide Mädchen hatten an der Stirn, wo das Haar seinen Ansatz hat, identische, aber deutlich sichtbare Muttermale, als habe eine Kröte einen Fußab-druck im nassen Ufersand des Baches hinterlassen.

Bevor er etwas anmerken konnte, hatte sein ältester Sohn bereits eine weitere Frage gestellt.

„Wie heißen denn unsere Schwestern?“, wollte Cordt noch wissen.

Gesche sah ihren Mann fragend an und sprach: „Ich würde sie gerne nach meiner Mutter und meiner Großmutter taufen lassen, wenn du einverstanden bist?“

Joachim hatte nie den Hauch einer Chance, aber auch keinen Anlass, seiner Frau diesen Wunsch abzuschlagen.

Eigentlich hätte das ältere der Mädchen auf den Namen seiner Mutter „Adelheid“ getauft werden müssen, aber Joachim wusste, warum ihn seine Frau darum gebeten hatte.

Ihre Mutter und ihre Großmutter waren bei einem Unglück zusammen gestorben. Damals brannte das Haus auf dem Hof, wo sie zusammenlebten, lichterloh nieder. Gesches Mutter wollte ihre bettlägrige Mutter aus dem strohgedeckten Haus retten, aber es ist über ihnen zusammengestürzt, und Gesche hatte es als kleines Mädchen mit ansehen müssen.

Die Männer waren damals nicht auf dem Hof, sondern auf dem Acker gewesen. So konnten sie nicht wirklich helfen. Die Rauchschwaden alarmierten sie viel zu spät, und als sie eintrafen, fanden sie das Haupthaus zusammengebrochen und bereits lichterloh brennend vor. Die Flammen waren schon auf eines der Nachbargebäude übergesprungen. Gesche war zuvor von der Mutter mit ihren beiden Geschwistern an der Hofmauer mit der Auflage zurückgelassen worden, auf keinen Fall hier wegzugehen, bevor sie selbst ins Haus zurückrannte, um die Großmutter zu retten. Joachims Frau wurde jedes Mal wehmütig, wenn sie daran dachte, denn sie vermisste beide sehr.

„Das ist ein sehr guter Vorschlag. Vater, was meinst du dazu?“, fragte er, nachdem er sich zum Angesprochenen gewandt hatte. Er sah ihn dabei bittend, ja flehend an, zuzustimmen.

„Es ist mir Recht“, gab er als Antwort zurück, denn er kannte die tragische Geschichte der Familie seiner Schwiegertochter. Gesche fiel eine schwere Last wie ein Stein vom Herzen.

„Danke“, sagte sie und schaute den alten Harm dankbar in die Augen. Dann nahm sie zuerst das kleine Bündel von ihrer rechten Seite und reichte es dem Großvater:

„Mette, dat is dien Großvadder“.

Dann reichte sie das andere kleine Bündel ihrem Mann mit den Worten:

„Tipke, dat is dien Vadder.“

Hibbel sah Gesche an und nickte ihr zu.

„Die Zwillingsschwestern sehen wie aus einem einzigen Ei gepellt aus“, meinte Gesine zu ihrem Bruder, dem alten Harm, und klopfte ihm dabei lachend auf seine Schulter.

Er drückte nun das Kind seiner Schwester in den Arm, denn es drängte ihn mehr in die Diele zum Schnaps, als sich weiter das „Gesäusel“ und das „Weibergeschwätz“ anzuhören, wie hübsch und lieblich die Kinder anzusehen waren.

1626

Die Zwillinge waren knapp ein Jahr alt und die Bedrohung durch den seit acht Jahren währenden Krieges kam immer näher.

Die Kriegssteuern der Bauern waren erhöht worden und inzwischen immens hoch. Das Amt Rotenburg war bislang von den Kriegshandlungen verschont geblieben. Das änderte sich aber, denn die Gerüchte und Parolen gingen um, dass das katholische Heer unter Tilly nicht mehr weit von Rotenburg entfernt stand. Wenn nicht ein Wunder geschehen würde, so sagte der Pastor von der Kanzel, dann stünde hier bald wieder ein Priester.

Die Menschen fürchteten aber mehr das Leid und die Grausamkeiten, von denen sie gehört hatten und welche die eigenen Soldaten sich so erzählten, als den Priester, der den Pastor ablösen würde.

Letzteres war ihre geringste Sorge, denn Steuern erhoben beide und die Lasten der Abgaben und Frondienste würden bleiben. Seit einigen Wochen waren die Männer zur Befestigung der Rotenburger Burg abgeordnet worden und mussten damit ihre Arbeit auf dem Hof den Frauen und Alten überlassen. Junge Männer wurden auch gegen ihren Willen in die Milizen aufgenommen.

Alle erwarteten, ja fürchteten, dass der Krieg nun auch ins Amt Rotenburg Einzug halten würde.

Der Name, der selbst von den schwedischen Soldaten mit Respekt, Achtung und Furcht ausgesprochen wurde, lautete „Tilly“.

Den Führer der kaiserlichen Truppen fürchteten auch die Menschen in den Dörfern durch die Erzählungen der sich zurückziehenden eigenen Truppen.

„Wir sollten Vorräte und Vieh in den Mooren verstecken“, schlug der alte Harm seinem Sohn vor, denn er rechnete erneut mit Einquartierungen und Plünderungen.

Joachim tat, wie es der Vater vorschlug. Er kannte im „Kurzen Moor“, das nicht weit entfernt war, einen Weg ins Moor hinein, den nur wenige Alte wussten und ihm sein Vater am Tage von Joachims Hochzeit gezeigt hatte, als sie damals über den Hof und die Felder gingen.

Harm half ihm dabei, soweit er es in seinem Alter noch vermochte.

Drei Tage später zogen die Schweden ab und es war eine ungewohnte Leere und bedrohliche Ruhe in die Dörfer und Häuser eingekehrt. Jeder wusste, nun kommt Tilly und mit ihm eine ungewisse Zukunft und die Priester.

Harm nahm seine Schwiegertochter beiseite und sprach: „Gesche, sei bitte noch vorsichtiger, denn die Katholischen werden nicht zögern, einen Scheiterhaufen anzuzünden, um ihre Macht zu zeigen.“

In den Dörfern des ganzen Nordens, wie auch in Höper-höfen wurden nun die fremden Heere angsterfüllt erwar-tet. Gesche war mit den drei Kindern im Hause, als eine Abordnung der neuen Herren auf den Hof geritten kam. Sie forderten den Bauern auf, ihm seinen Hof zu zeigen und gingen mit ihm durch alle Gebäude. Dann ritten sie wieder fort, nicht ohne sich reichlich mit Lebensmittel eingedeckt zu haben.

Als Joachim ins Haus kam, schaute ihn Gesche fragend an. „Wir haben 30 Fußsoldaten Quartier zu geben und sie mit allem zu versorgen. Tun wir es nicht oder schlecht, zünden sie den Hof an“, fing er bedrückt an zu berichten.

„Wir dürfen mit den drei Kindern in unserer Kammer blei-ben. Vater und meine Tante Gesine ziehen mit ein und die Knechte und Mägde dürfen in ihren Koben bleiben“, fuhr er fort.

Dann schaute er seine Frau besorgt an. „Gesine wird sich mit Vater um die Soldaten kümmern und du dich um die Kinder. Ich werde achtgeben, dass sie nicht schon in der ersten Woche alle unsere Vorräte auffressen.“

Gesche nickte sorgenvoll. „Es hätte auch schlimmer kommen können. Stellen wir die Soldaten zufrieden, dann werden sie uns nichts tun“, sagte sie hoffnungsvoll.

„Es wird sehr eng werden. Ich bitte dich, es schnell herzurichten. Der Leutnant wird in der anderen Kammer wohnen und ich kümmere mich um die Ernte und den Hof.“ Ohne weitere Erklärungen drehte sich Joachim auf dem Absatz um und verließ das Haus.

Wenige Stunden später kamen, wie angekündigt, die fremden Soldaten auf den Hof. Sie sahen nicht besser oder viel anders aus als die Schweden, die ja erst vor Kurzem fortgezogen waren.

Joachim ging dem Leutnant schnurstracks entgegen, als der seine Truppe halten ließ und sprach, den Blick nach unten gesenkt: „Herr, es ist alles so vorbereitet und gerichtet, wie Ihr es verlangt habt.“

Claus kannte sich in den Rängen des Militärs nicht aus und dem Leutnant war es in diesem Augenblick egal.

Seine Truppe war abgekämpft und müde. Sie wollten eine warme Mahlzeit, einen Krug Bier und dann eine trockene Schlafstatt.

Auf dem Hof änderte sich das Leben für die bisherigen Bewohner erneut einschneidend. Es war alles sehr eng geworden, enger als mit den Schweden. Jeder Schritt wurde beobachtet. Die Soldaten waren misstrauisch, hungrig und durstig. Sie gingen mit den abtrünnigen Evangelischen nicht gerade zimperlich um. Schließlich gaben sie ihnen die Schuld an dem ganzen Krieg. Der Leutnant hatte seine Truppe aber im Griff. Nach wenigen Wochen zog die Truppe weiter, aber es kamen immer wieder andere.

„Der alte Sottrumer Pastor hat recht behalten“, meinte Gesche eines Abends leise zu ihrem Mann. Ihn haben sie des Landes verwiesen, weil er nicht katholisch werden wollte, und nun steht ein Priester an seiner Stelle am Altar und auf der Kanzel, die ja noch aus katholischen Zeiten stammen.

„Solange wir gesund bleiben, soll es uns gleich sein, denn den hohen Herren, welche es auch immer sind, ist unser Schicksal egal“, sagte er nicht ohne Zorn und fuhr fort: „Wir müssen nur achtgeben, dass uns die Soldaten nicht wehtun und dass uns etwas zum Überleben bleibt.“

„Ein wenig Zubrot bringt ja auch meine Arbeit als Bademutter ein. Es wird schon reichen“, meinte Gesche.

***

Timotheus war einer der Mönche, der Tillys Truppen in den Reihen der Priester folgte. Er verblieb in Sottrum zur Unterstützung des dort eingesetzten Priesters, damit die Messe nach den Regeln der katholischen Kirche gelesen werden konnte.

Er vernahm mehr durch Zufall die Gerüchte und die Geschichte um diesen Mann aus Bötersen und berichtete sie dem Gottesmann.

„Mein lieber Timotheus, Euer Name - der Ehrfürchtige – spricht schon für Euch. Haltet die Augen und Ohren auf, sammelt Beweise für Zauberei und Gotteslästerung, dann gehen wir der Angelegenheit nach“, versprach ihm der Priester.

„Ihr seid mir auch dafür verantwortlich, Ministranten auszusuchen. Die Kirchengeschworenen werden jedenfalls von mir bestimmt und diese sogenannten Juraten aus ihrer Verpflichtung entlassen. Schlage mir dazu drei gottesfürchtige Männer vor. Und noch etwas, prüfe die Kasse stets peinlich genau!“, befahl er seinem Helfer.

„Es bleibt eine schwere Aufgabe, den Irrglauben aus diesen Menschen herauszubekommen und auszurotten. Mit Gottes Hilfe aber werden wir es schaffen. Nehme alles Heidnische und Lutherische aus dem Gotteshaus und helfe mir, es wieder zu dem zu machen, was es einst gewesen war. Ich werde es durch meine Worte und Predigten wieder zu einer gesegneten Stätte machen.“

Der Mönch verneigte sich schweigend in Demut und tat, was ihm sein Priester aufgetragen hatte.

Er entfernte überall alles, was nicht der katholischen Lehre entsprach und hängte Kruzifixe auf. Der aus dem Amt entlassene und ausgewiesene Pastor hatte bereits einen Großteil seiner sakralen Gerätschaften und Gewänder aus dem Chorraum mitgenommen, der nun wieder zu einer Sakristei wurde. Timotheus stattete dann seine Sakristei wieder mit allen notwendigen Gegenständen und Insignien aus, die er auf dem Wagen mitgeführt hatte. Mit viel Sorgfalt entfaltete er die Gewänder für den Priester und die Ministranten, holte die heiligen Bücher, Kelche, Hostien, Kerzen und allerlei andere Gegenstände, aber auch den Messwein aus den bereitstehenden Kisten heraus und gab allem mit stoischer Hingabe den festen und vorgegebenen Platz, den sie vor der Reformation innehatten. Dann widmete er sich mit gleicher Leidenschaft dem Beichtstuhl, der seiner Meinung nach auch von den verhassten Lutheranern noch genutzt wurde.

Mit Tillys Abzug packte der Mönch Timotheus, wenngleich auch dann mit Wehmut, alles wieder mit großer Sorgfalt zusammen, verstaute es sicher und folgte seinem Priester, der den Heerzug geleitete, in eine neue Aufgabe, wo immer dies auch sein würde.

Zum Abschied sagte er zu einem Mitbruder: „Ich glaube, dass wir in den wenigen Jahren nicht eine einzige dieser in vier Generationen durch Luthers falschen Glauben reformierten Seelen zum wahren Glauben haben bekehren können.“

1633

„Der Hinkefuß ist tot“, sagte Gesche zu ihrem Mann, als sie von einer Geburt eines Kindes aus einem der Nachbardörfer auf den Hof zurückkam. In ihrer Stimme schwang eine gewisse Erleichterung mit, die Joachim sogleich aufgefallen war.

„Dann kann ja nun endlich Ruhe bei uns einkehren“, kommentierte der alte Harm mit Erleichterung.

Drei Tage später wurde mit Cordt der letzte Döhrnemann des Kirchspiels zu Grabe getragen und mit ihm auch die „Hexenjagd“, wie man auf dem Hof in Höperhöfen hoffte.

Dass dieser Wunsch ein Irrtum blieb, erlebten Joachim und Gesche nicht mehr.

1639

Den alten Harm fand seine Schwester Gesine eines Morgens leblos, kalt und bretthart in seinem Bett liegend.

„Nun bist du endlich bei deiner Adelheid“, sagte sie liebevoll und strich mit der Hand über die erkalteten weißlichen Finger ihres toten Bruders.

Sie folgte ihm noch vor dem Weihnachtsfest des gleichen Jahres. Aber sie starb nicht an Altersschwäche wie der Bruder. Durch die kalten und feuchten Dezembertage war sie an Schwindsucht erkrankt und schon nach wenigen Tagen an den Folgen gestorben.

Als sie zu Grabe getragen wurde, war Mette sehr traurig, denn bei der Tante hatte sie vieles gelernt und sie hatte sie sehr gemocht.

„Sie war eine herzensgute Frau“, sagte sie zu ihrer Zwillingsschwester Tipke, die zustimmend nickte.

Nach dem Erdbegräbnis gingen beide Schwestern noch gemeinsam in Richtung Moor.

Die Eltern wussten, sie würden später nachkommen und bräuchten sich keine Sorgen zu machen.

An einem kleinen Bachlauf standen etliche alte, sehr hohe Pappeln. Am Ufer, in einer langen Kurve des Wasserlaufs, lag ein graubrauner Felsstein, auf dem drei Menschen bequem liegen konnten. Dieses war ihr Lieblingsplatz, den die Zwillinge immer dann aufsuchten, wenn sie alleine über etwas reden wollten und wenn sie Sorgen hatten.

Der heutige Tag war ein trockener, kalter Wintertag. Es lag noch kein Schnee auf den Feldern, doch konnte man ihn bereits in der Luft spüren. „Heute Nacht wird es schneien und Tante Gesines Grab erhält eine weiße Decke“, sagte Tipke zu ihrer 20 Minuten älteren, ebenfalls 14-jährigen Schwester Mette.

„Was sagst du dazu, dass wir beide nun zum ersten Mal getrennt sein werden?“, fragte Mette, die mit ihren Gedanken ganz woanders war.

Tipke schaute ihre Schwester nachdenklich an. „Ich finde es nicht so schlimm, dass wir als Mägde auf verschiedenen Höfen in Sottrum dienen sollen. Die sind ja nicht weit auseinander und da können wir uns abends ja immer gegenseitig besuchen“, antwortete sie recht blauäugig.

„Ja, das sollten wir tun. Tante Gesine und unsere Modder haben uns ja alles beigebracht, was man so wissen muss“, sagte Mette stolz und stieß Tipke den Ellenbogen sachte mit einem verschmitzten Lächeln in die Seite. „Nur die Sache mit den Männern wollte uns Tante Gesine nicht verraten, aber das finde ich schon noch heraus“, fuhr sie schmunzelnd fort.

Sie plauderten noch eine ganze Weile, bevor sie sich auf den Weg nach Hause machten.

1640-1643

Mette verabschiedete sich von ihren Eltern und den Geschwistern, denn heute war der Tag, an dem sie in Sottrum beim Untervogt ihren Dienst als Jungmagd antreten sollte.

Ihre Schwester war bereits am Tag zuvor losgezogen, ihre Stelle anzutreten.

Die beiden jungen Mädchen hatten sich zwar vorgenommen, sich abends zu besuchen, aber von der Realität eingeholt war es ihnen nicht möglich. Die Pflichten hielten sie auf den Höfen fest. So trafen sie sich regelmäßig an den Sonntagnachmittagen beim Stein oder gingen gemeinsam zu den Eltern.

Beide wechselten jeweils nach einem Jahr die Stellungen, um auf verschiedenen Höfen möglichst viel zu lernen.

Dabei konnten sie sich nicht mehr so regelmäßig sehen, weil sie nun in verschiedenen Dörfern lebten. Mette fiel diese Trennung schwerer als ihrem Zwilling Tipke.

Tipke war in Bülste bei einem Bauern in Diensten, der stolzer Vater eines Sohnes war. Dieser hatte sogleich ein Auge auf die neue Magd geworfen. Dass sie auch von einem Halbhof stammte, machte eine standesgemäße Heirat durchaus möglich, wenn da nicht diese üblen Gerüchte um deren Mutter und Großmutter gewesen wären.

Bülste war ein ganz kleiner Ort im Amt Ottersberg, wohingegen Tipke ja aus Höperhöfen, dem Nachbaramt Rotenburg stammte.

Burghardt, so hieß der junge Mann, zerstreute die Bedenken des Vaters, denn er wollte diese Frau heiraten und mit ihr Kinder haben. Da sie fleißig und redlich ihrer Arbeit nachging, gab der Vater sein Einverständnis.

Kapitel 3
Die Jahre 1644 - 1661

1644 - 1645

Während Tipke einem frühen Eheglück entgegen steuerte, trat die nunmehr 19-jährige Mette ihre vierte Stellung als Magd an. Die Familie Meinken in Jeersdorf hatte einen großen Hof, den sie mit Erfolg bewirtschafteten und der die Zeit des großen Krieges ohne merkliche, wirtschaftliche Einbußen überstanden hatte. Mette war zum ersten Mal im Kirchspiel Scheeßel tätig und es gefiel ihr sehr auf dem Hof, welcher in der Nähe der Scheeßeler Mühle lag. In der Mühle trafen sich immer viele Leute, die miteinander über fast alles redeten. Wer etwas Aktuelles erfahren wollte, ging auf ein Schwätzchen zum Müller.

Mette diente nun schon seit über einem halben Jahr bei Peets Johann, wie man ihren Bauern im Dorf üblicherweise nannte. Zu Mettes Aufgaben gehörte es auch, sich um die jüngsten der sechs Kinder der Familie zu kümmern.

Es waren insgesamt drei Jungs und ebenso viele Mädchen. Jacob war der Älteste und drei Jahre älter als Mette. Bei ihm musste sie immer aufpassen, dass er ihr nicht nachstellte. Das jüngste Kind war erst vier Jahre alt und hieß Anna. Mette lebte sich sehr schnell in die Familie und in ihre Aufgaben ein. Dass sie zuvor schon in andern Anstellungen Erfahrungen gesammelt hatte, machte es ihr hier einfacher. Sie war trotz ihrer Jugend im Arbeitsleben eben schon sehr erfahren.

Der Bauer würde bald stolze 50 Jahre alt werden. Deswegen wurde eine größere Familienfeier geplant, die drei Tage der Vorbereitung bedurfte.

Es wurde eine Vielzahl an Broten vorgebacken, eine Sau geschlachtet, Würste daraus gemacht und noch allerlei andere leckere Sachen.

In der Nähe des abgelegenen Schafstalls brannte Jacob, der älteste Sohn des Bauern, heimlich Schnaps, damit die Feier nicht so trocken verlief.

Nun war der große Tag gekommen. Gegen Mittag waren die zahlreiche Schar der Gäste, die Nachbarn sowie die Familie eingetroffen, wie es die Bäuerin vorausgesagt hatte.

Mette fiel die Rolle des Kindermädchens zu und Anna freute sich, dass sich jemand um die Kleinen kümmerte.

Ein junger Mann, der zur Feier erschien, fiel Mette sogleich auf. Er war ein Vetter von Jacob und Anna.

Er hieß Claus und er stiefelte geradewegs auf seine kleine Cousine Anna zu, die neben Mette stand, sie zu begrüßen.

Als er vor ihnen zu stehen kam, lächelte er beide an. Mette blieb fast das Herz stehen.

„Hallo Claus“, brach es freudestrahlend aus der kleinen Anna heraus. Sie ließ Mettes Hand los und breitete die Arme aus, damit sie Claus hochheben und ganz hoch halten konnte. Das mochte sie am liebsten, konnte sie doch so alles überblicken, was sie sonst nicht sehen konnte.

„Das ist Mette“, sagte sie zu ihm und zeigte mit dem Zeigefinger auf sie.

„Ich bin Claus“, sagte er ein wenig zurückhaltend und reichte ihr seine linke freie Hand, denn den rechten Arm beanspruchte die kleine Anna.

„So haben wir uns kennengelernt“, würde sie noch Jahre später zu ihm sagen.

Eigentlich war die kleine Anna hier die Ehestifterin, denn sie wollte, dass Claus neben ihr sitzen sollte. Da Mette auf Anna aufpassen musste, setzte sich Anna demonstrativ zwischen die beiden.

Bereits im Herbst des folgenden Jahres heirateten die inzwischen verlobten und Anna durfte, nun fast fünf Jahre alt, das Blumenmädchen sein.

Da Mette bis zur Hochzeit in Jeersdorf lebte und als Magd diente, war sie insgesamt nur zweimal in Westeresch zu Besuch gewesen.

Die Blicke der Nachbarn hatte sie gar nicht bemerkt und das Gerede kam ihr nicht zu Ohren. „Warum heiratet der Bursche kein Mädchen aus dem Dorf oder zumindest aus dem Kirchspiel?“, wurde hinter vorgehaltener Hand gefragt.

„Woher kommt sie? Aus Höperhöfen? Gab es da nicht eine Zaubersche? Ist sie möglicherweise die Tochter der verschrienen alten Hexe?“, waren weitere Fragen und Gerüchte, die sich bereits vor der Heirat wie ein Lauffeuer verbreiteten.

Waren damit die Saat und die Rache von Cordt Döhrnemann aufgegangen?

„Hast du das Hexenmal gesehen“, meinte eine Nachbarin rein zufällig gegenüber einer anderen anzumerken, als sie neben ihr des Weges zum Kirchgang ging, an dem Mette ihren Claus heiraten sollte.

„Was für ein Hexenmal?“, fragte sie neugierig zurück.

„Na, den Krötenfuß an der Stirn meine ich, den sie immer mit dem Kopftuch so geschickt verdeckt“, antwortete die Frau mit betonter Stimme.

„Das ist ein Hexenmal! Ihre Mutter soll auch so eines gehabt haben, hörte ich die Leute in Sottrum reden, als ich bei einer Cousine zu Besuch war. Dort haben es die Frauen erzählt, als wir darüber sprachen, dass Mette in unser Dorf einheiratet. Ich wollte ja wissen, was da für eine Nachbarin kommt“, gab sie scheinheilig vor.

„Ich werde einmal darauf Acht geben“, erwiderte die neugierig Gewordene.

Es war eine schlichte und einfache Hochzeit, die die beiden geschwätzigen Nachbarinnen in der Kirche miterlebten. Trotz der Armut gab es eine Feier mit allen Nachbarn im Dorf.

Die neugierig gewordene Frau mit Namen Adelheid Holsten schaute unentwegt, ob sie das besagte Stigma, das Hexenmal, entdecken konnte.

Was die meisten im Dorf noch mehr verwirrte war, dass es die Braut gleich zweimal gab. Sie wussten bis dahin ja nicht, dass Tipke Mettes Zwillingsschwester war und manch einer vermutete anfangs, den üblen Gerüchten folgend, es müsste etwas Wahres dran sein. Selbst nachdem es sich für alle nacheinander aufklärte, blieb ein wenig vom bitteren Nachgeschmack hängen.

Tipke hatte das gleiche Muttermal, wie ihre Zwillingsschwester, aber deswegen hatten sie bisher keinerlei Probleme gehabt - wie gesagt - bisher.

Mette fühlte diese seltsame Stimmungslage, war aber zu abgelenkt, um ihr nachzugehen. Sie war nun die Bäuerin und ihre Schwiegereltern, Tietke und Magarethe Meinken, nahmen sie herzlich auf. Das war es, was heute zählte. Durch die Heirat übernahm ihr Mann von seinem Vater den Hof und war nun selbst Bauer.

„Dein Vater zieht sein Bein nach. Ich wollte ihn nicht fragen. Sag, hatte er einen Unfall?“, fragte Mette Claus eines Abends.

„Er tut es, seit die katholischen Truppen im Dorf waren. Ich war noch ein Kind und Vater war Bauernvogt im Dorf“, begann Claus seine Erzählung.

Mette schaute interessiert und wartete, dass ihr Mann fortfuhr.

„Wir hatten eine Menge fremder Soldaten auf dem Hof. Die sprachen ähnlich wie wir, aber schon einen sehr komischen Dialekt und sagten Kruzifix, wenn sie fluchten.“

„Ich musste mit ansehen, wie sie ihn mit einem Knüppel die Füße blutig geschlagen haben. Er konnte danach monatelang nicht laufen und arbeiten. Wir Kinder hatten damals fürchterliche Angst vor den Soldaten.“

Nach einer Weile sagte Claus: „Wir hatten seinerzeit nicht einmal mehr Pferde. Vater hat mich immer auf unsere Lisa gesetzt. Die haben sie auch mitgenommen. Alle Rinderpferche waren nach Abzug der Soldaten leer. Die Schweine hatten sie abgestochen und geschlachtet. Ich habe es zu der Zeit nicht verstanden, warum sie alle meine Tiere, mit denen ich als Junge aufgewachsen war, umgebracht hatten.“

Er holte tief Luft und sah Mette dabei an. „Vater hatte dem Offizier etwas gesagt. Dieser beschimpfte ihn und dann hat er ihn nur ausgelacht. Mutter dachte, dass sie Vater totschlagen würden. Sie weinte fürchterlich. Am nächsten Tag kamen andere Soldaten. Einer gab mir einen Kanten Brot ab. Sie brachten uns dann auch etwas zu essen mit, und so sind wir über den nächsten Winter gekommen.“

„Der große Krieg ist noch immer nicht vorbei, aber sie verhandeln darüber, hatte der Pastor letzten Sonntag von der Kanzel gesagt“, meinte Mette noch anzufügen.

„Womit Vater wirklich sehr schwer zu kämpfen hatte, war die Tatsache, dass er den Hof nicht mehr führen konnte. Das Amt hat meines Vaters Bruder Johann als Interimswirt eingesetzt und unser Großknecht Lewerenz bekam mehr Aufgaben. Onkel Johann, mein Oheim, starb aber schon vor drei Jahren.“

Dann nahm er Mette in den Arm und drückte sie liebevoll.

1646

Seitdem Mette in Jeersdorf als Magd in Stellung war, ging sie nach Scheeßel zum Gottesdienst. Als Ehefrau des Vollhöfners Meinken hatte sie nunmehr einen festen Platz in den Bänken, die dem Bauern und seiner Familie vorbehalten waren, wie die anderen Familien auch ihre festen Plätze hatten. Dadurch gab es zwar keinen Streit, wer wo sitzen würde, aber es schürte schon Neid, wer vorne und wer weiter hinten in dem Gotteshaus saß.

Nach einem der Gottesdienste standen die Kirchgänger noch auf dem Kirchenvorplatz um die alte Gerichtslinde und hielten, wie immer, noch ein Schwätzchen.

Mette fühlte die Blicke auf sich und hatte das Gefühl, dass die Leute nur über sie sprachen.

Ihre Familie stand stets mit der Nachbarsfamilie Ratchen zusammen. Doch an diesem Tag fasste Mette Mut. Sie hatte Tibke Hollmann gesehen, die aus Bötersen stammte, wie Mettes selige Großmutter Adelheid, und nun in Bartelsdorf lebte. Sie ging auf sie zu und sprach sie an: „Tibke, wusstest du eigentlich, dass wir miteinander verwandt sind? Unsere Urgroßmütter waren Halbschwestern“, sagte Mette zu der sie erstaunt ansehende Frau.

„Also sind wir Cousinen“, schob Mette noch nach.

Tibkes Augen stierten sie entsetzt an und es verschlug ihr die Sprache. Sie drehte sich schlagartig um und ließ Mette wortlos stehen, was wiederum Mette verblüffte.

Enttäuscht ging sie zu ihrer Familie zurück.

Der Weihnachtstag 1646 begann für Mettes Ehemann Claus sehr angespannt. Heute sollte das Ehepaar zu einer richtigen Familie anwachsen.

Er stand in der Groot Döör, deren unterer Flügel geschlossen war, sodass er, die Unterarme aufgestützt, herausschauen konnte.

Die milde Frische des Wintertages schlich an ihm vorbei in das Haus, ließ zugleich die muffige Luft der Ausdünstungen des Viehs und der Menschen, aber auch die wohlige Wärme hinaus. Er atmete tief durch und sah seinen Vater nachdenklich an, der plötzlich neben ihm stand. Ihm ging vieles durch den Kopf, während die Männer schweigsam aus dem Haus schauten.

Er war nun seit zwei Jahren verheiratet. Auch als Bauer war es eine schwere Arbeit, bei der ihm seine Eltern nach Kräften unterstützten. Die Ehe mit seiner Frau verlief anfangs so, wie er es sich vorgestellt hatte, denn Mette versorgte den Haushalt und übernahm die Aufgaben, die einst seine Mutter ausführte, welche weiterhin mithalf, wo und wie sie eben konnte.

Auf einem Hof mussten eben alle mit anpacken, wollten sie etwas zu essen haben, um den Winter zu überstehen.

Sein älterer Bruder Joachim war noch auf dem Hof geblieben und diente ihm als Knecht. Sie kamen gut miteinander aus, was bei anderen eher selten der Fall war.

Allerdings bemerkte er bei den Nachbarn im Verhalten ihm gegenüber eine merkwürdige Veränderung, die er sich aber nicht erklären konnte.

Claus war mit der Bewirtschaftung des Hofes derart beschäftigt, dass er daran ansonsten auch wenig Gedanken verschwendete.

Er sprach öfters mit seinem Nachbarn Henrich Ratchen darüber, der auch einen vollen Hof wie Claus führte, und erinnerte sich gerade jetzt an das tiefgründige Gespräch mit dem einzigen Freund, der ihm geblieben war.

„Henrich, sag, was ist im Dorf los?“

„Sie haben was gegen deine Frau“, antwortete er.

„Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen“, drängte Claus.

„Die Weiber fragen sich, warum du kein Mädchen aus dem Dorf geheiratet hast. Es gibt da zwei Mütter, die hatten ihre Töchter bereits auf deinem großen Hof gesehen“, sagte ihm Hein mit gedämpfter Stimme.

„Ist das alles?“, bohrte Claus nach.

Hein windete sich mit der Antwort und sprach: „Nein, ist es nicht. Sie tuscheln, dass Mettes Mutter die Tochter der Zauberschen aus Höperhöfen sei und auch deren Schwiegermutter als Hexe verschrien war.“

„Ich kenne diese Gerüchte, habe aber nichts darauf gegeben“, warf Claus ein und seine Lippen wurden schmaler.

„Was tratschen sie noch?“, wollte er wissen und Hein antwortete ihm geradeheraus: „Es ist das Mal, das sie an der Stirn hat. Die Weiber meinen, es sei ein Hexenmal und sie haben Angst vor ihr, sie könnte sie verhexen“, ergänzte er sichtlich verschämt.

„Meine Frau Anna und ich glauben nicht an diesen Hokuspokus“, sagte er knapp. Er war mit diesem Gesprächsverlauf sichtlich unzufrieden.

„Danke, Hein“, sagte Claus, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, drehte sich um und ging.

Dieses Männergespräch stand ihm deutlich vor Augen, als sei es eben erst geführt worden.

Dann wechselten seine Gedanken aus der Erinnerung wieder in das Heute, denn er würde Vater werden.

Damit lebte dann eine neue Generation auf dem Hof und er konnte ihnen irgendwann den Hof anvertrauen, wie es seine Väter seit Generationen getan hatten.

Die beiden Männer standen eine ganze Weile in der Tür, auch wenn es ein bitterkalter und trockener Wintertag war.

Ihr Blick glitt über die geschlossene Schneedecke, die das ganze Dorf umfangen hielt. Dann sahen sie, wie der Knecht mit der Bademutter Hibbel Röhrs auf dem Wagen in den Hof einfuhr.

„Lewerenz ist doch schneller zurück, als ich dachte“, murmelte der alte Tietke vor sich hin.

Beide Männer richteten sich auf, schlossen die Groot Döör und gingen zum Flett. Claus schürte die Glut zum Feuer auf und ließ die Frauen machen, was zu tun war. Sie hörten sie, wie sie in der Kammer bei Mette schwatzten, und als ein Kinderschrei ertönte, legte Tietke seinem Sohn die Hand auf die Schulter, anerkennend und stolz zugleich.

„Es sind ja nun genug Frauen auf dem Hof“, meinte Tietke, der diese Zusammenrottung mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen hatte. Außer der Bademutter und seiner Frau Margarethe half auch die Magd mit.

„Frauen eben“, dachte er laut und setzte sich im Flett auf seinen Stuhl. Eigentlich war er froh, dass alle so gut auf dem Hof miteinander auskamen und sich gegenseitig halfen. Er hatte wohl bemerkt, dass sich viele seiner Nachbarn von seiner Familie abgewandt hatten, seit seine Schwiegertochter auf dem Hof war.

Alles, was heute für ihn zählte, war, dass er Großvater werden würde. Der alte Tietke zog genüsslich an seiner Pfeife, schaute seinen Sohn Claus an, dann ins offene Spiel der Flammen im Flettfeuer, wie es sich um den eisernen Wasserkessel rankte und atmete tief ein und aus.

Dann dachte er an seine Frau Margarethe, die im Gegensatz zu ihm noch gut beieinander war. Sie hatte bereits alles für die Arbeit der Bademutter mit der Dienstmagd Anne vorbereitet.

„Deine Mutter ist eine fleißige Frau“, sagte er in den Raum zu seinem Sohn, der den Zusammenhang zwar nicht verstand, aber zustimmend mit dem Kopf nickte.

Hibbel war recht müde und verfroren, als sie ins Haus trat. Dennoch ging sie ohne zu zögern direkt zur werdenden Mutter in die ungeheizte Kammer.

Nach einer Weile kam sie wieder heraus, um sich am Feuer zu wärmen.

„Es ist alles in Ordnung“, sagte sie zu den Männern am wärmenden Feuer.

„Es wird noch zwei bis drei Stunden dauern“, ergänzte sie und stellte sich ganz nah an die wärmenden Flammen.

Anne reichte ihr einen Teller mit einer heißen Kohlsuppe, die Hibbel dankbar nahm und es sich sichtlich schmecken ließ. Gestärkt stand sie auf und ging zu Mette zurück.

In der Kammer waren nun drei Frauen um das Wohl der werdenden Mutter und des Ungeborenen bemüht.

Die alte Margarethe sah ihre Magd an: „Anne, auch wenn du erst 15 Jahre alt bist, wirst du hier heute helfen, aufpassen und lernen“, waren die gestrengen Worte der alten Bäuerin.

Anne nickte nur, senkte ihren Kopf ein wenig, tat aber alles, was ihr aufgetragen wurde, rasch und ohne jegliche Beanstandung.

Mit kleinen Kindern umzugehen war sie von daheim gewohnt, denn sie hatte noch zehn Geschwister. Weil ihre Mutter eine Nichte des alten Tietke war, hatte sie hier ihre erste Stellung als Magd erhalten.

Sie schaute der Bademutter Hibbel aufmerksam zu und sputete sich, das Verlangte rasch herbeizuschaffen. Sie hatte schon vor Hibbels Eintreffen einen Kessel voller Wasser aufkochen lassen. Dazu hatte sie einige der vom Strohdach herunterhängende Eiszapfen abgebrochen, als seien es Blumen. Das Wasser im Brunnen war gefroren.

„Lewerenz, du bist schon hier?“, meinte der alte Tietke zum Großknecht, als dieser in die Diele ans Feuer trat.

„Ich wäre schon früher zurückgewesen, aber ich hatte Hibbel nicht bei ihr zu Hause angetroffen. Ich musste sie erst von Abbendorf holen.“

Im Bett liegend fasste Mette Hibbels Hand und zog die Bademutter ganz dicht zu sich herunter.

„Ich bin ein wenig bange“, sagte sie ihr mit leiser Stimme, als die alte Margarethe und Anne für einen Moment nicht im Raum waren.

„Eine meiner Schwestern ist vor zwei Jahren, ohne das Kind herauszubringen, gestorben. Wir waren ganze drei Tage und Nächte bei ihr, bevor es vorbei war. Es war grausam und deswegen habe ich Angst, dass es mir auch so ergehen könnte.“

Hibbel hatte davon gehört. Die Menschen redeten aber auch von einer Strafe Gottes gegen die Hexenbrut und gegen die Hexentöchter. Mettes flehender Händedruck riss sie aus den Gedanken und sie antwortete ihr mit einer beruhigenden Stimme: „Du musst nicht bange sein, dein Kind hat sich schon gedreht und du wirst heute noch Mutter werden.“

Ihre Worte und das Verhalten von Hibbel blieben nicht ohne Wirkung auf die werdende Mutter. Sie entspannte sich und erlöste Hibbels Hand von ihrem festen Griff.

So wurde an diesem Weihnachtsabend des Jahres 1646 Mette eine gesunde Tochter geboren.

Sie hatte ein ähnliches Mal wie ihre Mutter. Es ragte aber nicht so weit unter dem Haaransatz in die Stirn wie bei ihrer Mutter und war somit für den Betrachter eigentlich nicht zu sehen.

Hibbel war mit sich, aber auch mit der Jungmagd Anne sehr zufrieden. Es war alles glatt gelaufen und mit ein wenig Stolz im Herzen ließ sie sich vom Großknecht zurückfahren, denn heute hatte sie zwei Müttern geholfen, gesunde Kinder auf die Welt zu bringen.

Auf der Rückfahrt erinnerte sie sich an Mettes Großmutter zurück, bei der sie das Handwerk der Bademutter erlernt hatte. Der Schatten an diesem Tag war die Erinnerung, dass ihr lieber Mann früh gestorben war und ihr selbst keine eigenen überlebenden Kinder geblieben waren. So würde sie diesen Heiligen Abend im Hause des ungeliebten Neffen verbringen müssen.

Die glückliche Mutter hingegen lag dick eingehüllt in der kalten Kammer, das kleine Mädchen stolz in den Armen haltend. Sie wurden beide von Mettes Schwiegermutter mit Hingabe umsorgt.

Mette war dieser alten Frau überaus dankbar, denn sie fühlte sich bei ihr angenommen und wohl behütet. Sie schaute ihre schlafende kleine Tochter liebevoll und zugleich nachdenklich an. Den kleinen Körper hatte die Großmutter mit Leinen gegen die Kälte geschützt und so eingewickelt, dass nur die Augen herausschauten.

Mette sah ihre Schwiegermutter an, lächelte dankbar und sagte: „Ich möchte, dass sie auf den Namen Margarethe, so wie ihre Großmutter, getauft wird.“

Dann nahm sie das kleine Bündel Mensch und reichte es der alten Margarethe, der ein wenig Röte ins Gesicht gestiegen war. Sie nahm die Enkeltochter liebevoll in die Arme. Das Kind schlug die kleinen Augen auf und strahlte ihre Großmutter mit großen Augen an. Die alte Frau strich ihr zärtlich über das verdeckte Haupt und sagte mit feuchten Augen: „Gretge“.

Damit hatte das Kind nicht nur ihren Tauf-, sondern zugleich ihren Kosenamen erhalten.

Margarethe stand mit dem Kind in den Armen auf und ging zu den Männern, denen man die Folgen der kreisenden Schnapsflasche bereits sehr deutlich ansehen konnte. Es gab heute niemanden, der dieses rügte, denn der Pastor war nicht anwesend.

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22 декабря 2023
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244 стр. 8 иллюстраций
ISBN:
9783838262291
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