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SAOMAI

Erotikthriller

June A. Miller


Das Knarren der schweren Eingangstür ließ Annan Thanom aufatmen. Wie immer, wenn seine Tochter von ihrem Spätdienst im Krankenhaus heimkam, hatte er besorgt ihre Rückkehr erwartet. Ein leises Schleifen über Steinfliesen ließ ihn noch einmal in Richtung Flur horchen. Wieso ging sie denn in den Keller? Ihr erster Weg führte normalerweise in die Wohnstube, wo sie Annan meist lesend auf der Couch vorfand. Jetzt ächzte die Tür zum Vorratsraum. Die Geräusche im Haus verwunderten ihn. Zumal eines fehlte: das Klackern ihrer Absätze. Seine Tochter liebte hohe Schuhe und zog sie nicht einmal im Haus aus. Heute jedoch schlich sie umher, als sollte er sie nicht hören.

Über die Schulter rief er ihren Namen. Keine Antwort. Wahrscheinlich hatte sie diese Knöpfe im Ohr, aus denen pausenlos Musik tönte. Annan seufzte und nahm den ziegeldicken Medizinschmöker zur Hand, den er eben beiseite gelegt hatte. Er hob das Buch auf seinen Schoß und schlug es im hinteren Drittel auf. Ungeduldig blätterte er zurück. Ein Zettel ragte lose zwischen den Buchseiten hervor. Mit spitzen Fingern zog er daran und betrachtete ihn voller Unbehagen. Drei Worte waren mit flüchtiger Hand auf das Papier geworfen. Für Annan Thanom bedeuteten sie sein Leben.

Zum wohl zwanzigsten Mal an diesem Abend verglich er die kantigen Buchstaben mit der Unterschrift eines Schriftstücks, das neben ihm auf dem Sofa lag. Ein dunkler Schatten glitt über sein gutmütiges Gesicht.

Erst der sonore Gong einer antiken Pendeluhr riss ihn aus seinen Grübeleien. Halb zwölf schon! Annan ließ das Buch zuklappen. Wo sie nur blieb? Sie hatte ihm noch immer nicht ‚Guten Abend‘ gesagt.

Ein Scheppern im Flur ließ ihn zusammenfahren. War sie etwa gegen die große Bodenvase gestoßen? Die stand ja nun schon ewig da!

Er stutzte, als er mit einem Mal begriff: Da draußen im Flur, das war nicht seine Tochter! Sein Kopf ruckte hoch, seine Sinnesorgane spannten ihre Membranen und jedes einzelne Härchen seines Körpers meldete wie ein Seismograph Gefahr.

Annan lauschte. Doch über dem Rauschen in seinen Ohren vernahm er kein weiteres Geräusch. Hastig legte er Brief und Zettel in das Buch zurück und bedeckte es unter einem Sofakissen. Er blickte sich im Zimmer um, als betrachte er es zum letzten Mal. Dann stemmte er sich aus dem tiefen Ledersofa hoch, bereit sich dem zu stellen, was ihn erwartete. Ein Luftzug streifte Annans Rücken.

Im selben Augenblick schoss ihm ein Brennen in die Seite, als würde ihm kochendes Wasser injiziert. Er jaulte auf und presste eine Hand auf die schmerzende Stelle in seinem Rücken. Sie fühlte sich warm und feucht an und seltsam klebrig. Seine Chirurgenhände ertasteten ein Loch, wo unversehrtes Fleisch hätte sein sollen. Wie durch Watte vernahm er ein Pfeifen, das er zunächst nicht deuten konnte. Doch zusammen mit der Wunde in seinem Rücken machte es Sinn.

Er war angeschossen worden!

Zitternd griff Annan nach der Sofalehne, stützte sich keuchend darauf, während sein Verstand fieberhaft nach einem Ausweg suchte. Zu seinen Füßen breitete sich eine glänzende Lache aus und ihm dämmerte mit eisigem Entsetzen, dass es Blut war. Sein Blut.

Die Götter stehen mir bei, betete er.

Ein zweiter Schlag katapultierte ihn nach vorn und ließ ihn wie einen gefällten Baum in den hölzernen Couchtisch krachen. Das Brennen weitete sich auf seine Brust aus, das seltsame Pfeifen gellte zum zweiten Mal in seinen Ohren. Bevor ihn tiefschwarze Finsternis umfing, galt Annan Thanoms letzter Gedanke seiner Tochter. Saomai.

****

Ein Dutzend Männerköpfe flog hoch, als sie aus dem kuppelförmigen Eingangsportal der „Sky Bar“ ins Freie trat. Die darunter liegende Terrasse war zum Bersten voll mit gestylten Menschen. Saomai verharrte kurz, um in der Menge nach dem einen bekannten Gesicht zu suchen. Die Herren musterten sie wie Freiwild und sie bereute, das knappe Etuikleid gewählt zu haben. Von da unten konnten sie ihr vermutlich bis aufs Höschen sehen. In der Ferne hob sich eine kleine Damenhand. Strassbesetzte Armreifen sprühten Funken, ein wilder Rotschopf reckte sich in die Höhe. Chandra. Saomai rüstete sich für den Abstieg auf der zum Catwalk erleuchteten Freitreppe. Unsicher setzte sie einen Fuß vor den anderen. Die Finger ihrer linken Hand tasteten nach einem Handlauf, fanden jedoch nur raues Mauerwerk. In leiser Verzweiflung hob sie den Blick. Und verstand, warum Chandra diese Bar gewählt hatte! Es war, als spielten einem hier oben, dreiundsechzig Stockwerke über dem nächtlichen Bangkok, die Sinne einen Streich. Als schritte man auf einem Lichtstrahl hinunter auf die Stadt. Nur dass Saomai nicht das Gefühl hatte, zu schreiten. Ihr vernarbter Fuß schmerzte in dem viel zu hohen Pump und sie spürte, wie sich die Blicke der Männer darauf hefteten. Schon wandten sich einige der Herren ab. Es interessierte sie nicht.

Unten angekommen, kämpfte sich Saomai durch die Cocktails schlürfende Menge, die träge zu den Rhythmen schwerer Club Beats wogte. Endlich erreichte sie ihre Freundin und ließ sich ihr gegenüber in einen Loungesessel fallen.

„Hallo meine Liebe.“

„Hallo“, antwortete Saomai schwach.

Ihr Tisch lag an der äußersten Ecke der Dachterrasse, flankiert von einem gläsernen Geländer, dahinter der Abgrund. In diesem Teil der Bar war es ruhiger, die Musik drang gedämpft herüber. Chandras kreisrundes Thaigesicht mit den stoppelkurzen Haaren tanzte vor Saomai wie ein roter Vollmond über nachtdunklem Meer.

Muss an den Schmerztabletten liegen, dachte sie und schloss die Augen.

„Dir geht es nicht gut, was?“

Chandra klang besorgt.

„Doch, doch, es geht schon“, wehrte Saomai ab. „Es ist nur das erste Mal, dass ich ausgehe, seit…“

Sie ließ den Satz unvollendet.

Die beiden Frauen schwiegen betreten.

Schließlich räusperte sich Chandra und sagte: „Saomai, wir haben uns seit dem schrecklichen Tod deines Vaters nicht mehr gesehen. Es gibt keine Worte, die ausdrücken könnten, wie leid mir das tut!“

„Danke. Ist schon in Ordnung.“

„Nein, das ist es nicht. Lass uns nicht so tun, als könnten wir das heute Abend ausgrenzen“, insistierte sie.

„Ja, du hast vermutlich Recht.“

„Warum hast du nie zurückgerufen?“ fragte ihre Freundin eindringlich. „Ich wollte dir damals doch helfen.“

„Ich weiß“, antwortete Saomai leise. Die schmalen Schultern hoben und senkten sich. „Es ist nur so, dass mir niemand helfen konnte.“

„Das glaube ich nicht! Zumindest braucht man doch jemanden zum Reden, jemanden, der sich um einen kümmert. Du warst plötzlich ganz allein, hast keine Familie mehr. Ich wäre gern für dich da gewesen!“

Saomai sah zu Boden.

„Ja, jemand zum Reden tut schon gut.“ Gerade war es ihr aufgefallen.

„Dann lass uns jetzt reden“, sagte Chandra sanft. „Willst du mir erzählen, was damals passiert ist?“

Saomai seufzte. Sie hatte die Geschichte so oft erzählt. Der Polizei, dem Staatsanwalt, sogar der Presse. Damals, vor fast einem Jahr. Es hatte nichts genützt.

Ein Kellner nahm ihre Bestellung auf. Als er sich abwandte, legte Saomai die Stirn in Falten.

„Es war ein Dienstag“, begann sie zaghaft. „Ich hatte Spätschicht auf meiner Station und eigentlich längst Feierabend. Aber weil mich daheim um die Zeit nichts Besonderes erwartete, sah ich noch bei einem frisch operierten Patienten vorbei. Ich duschte im Krankenhaus, dann erst ging ich heim.“

Sie starrte in die Flamme der Kerze auf dem Tisch vor sich und hatte Mühe, weiter zu sprechen. Als sie es tat, war ihre Stimme brüchig.

„Ich habe mir richtig Zeit gelassen, verstehst du? Wäre ich eine halbe Stunde früher zu Hause gewesen, wäre mein Vater vielleicht noch am Leben!“

Chandra hatte ihre Hand genommen, streichelte mit dem Daumen darüber.

„Als ich fast da war, sah ich zwei Männer aus unserem Haus kommen. Dunkle Kleidung, den Blick gesenkt, als ob sie niemand erkennen sollte. Der hintere steckte sich irgendetwas in den Hosenbund. Erst später habe ich begriffen, dass es eine Pistole war. Die Situation kam mir so unheimlich vor, dass ich blind vor Sorge loslief. Im selben Augenblick sprangen sie in ein Auto. So ein schwerer Geländewagen. Der Motor muss die ganze Zeit gelaufen sein, sonst hätten sie nicht so schnell losfahren können“, sie schluckte schwer, „und ich wäre nicht in das Auto gerannt.“

Bei der Erinnerung an den Aufprall fröstelte sie trotz der tropischen Nachthitze. Die feine Narbe über ihrem linken Auge zuckte.

„Mein rechter Fuß kam unter den Reifen und mit dem Gesicht schlug ich gegen die Fahrertür.“

Chandra sah sie entsetzt an.

„Und dann?“, fragte sie behutsam, weil sie spürte, dass Saomai die Geschichte trotz aller Qual zu Ende erzählen musste.

Der Kellner brachte ihre Getränke. Saomai nahm einen Schluck Martini, bevor sie weitersprach.

„Ich war wohl bewusstlos. Jedenfalls standen Menschen um mich herum, als ich zu mir kam. Ich zeigte auf unser Haus und rief: „Mein Vater! Mein Vater!“, aber die Leute verstanden nicht, was ich meinte. Sie dachten wohl, ich hätte einen Schock. Ich wollte aufstehen, aber mein Fuß... Die Schmerzen habe ich gar nicht gespürt. Ich konnte nur einfach nicht stehen. Eine Frau hielt mich schließlich am Boden fest und sagte, der Krankenwagen sei unterwegs. Erst als meine Kollegen eintrafen, hat mir endlich jemand zugehört.“

„Oh Gott, wie furchtbar!“, rief Chandra voller Mitgefühl.

„Ja, zumal das wichtige Minuten waren.“

Saomais Stimme verebbte zu einem Flüstern. „Mein Vater ist nicht an den Schüssen in seinen Rücken gestorben. Er ist daran verblutet!“

Tränen rannen über ihr schönes Gesicht. Auch Chandra konnte ihre nicht zurückhalten. Schweigend saßen sie da und hielten einander an den Händen.

„Ist“, Chandra korrigierte sich, „sind die Täter gefasst worden?

„Nein.“

„Hast du die Männer denn nicht beschreiben können? Es gab doch bestimmt Verdächtige, eine Gegenüberstellung?“

„Ich hab‘ der Polizei sehr konkrete Hinweise gegeben“, sagte Saomai und ihre schwarzen Augen blitzten, „sie haben sie ignoriert.“

„Wieso ignoriert?“ Chandra konnte nicht glauben, was sie da hörte.

„Mein Vater hatte Morddrohungen erhalten und es war klar, von wem die kamen. Ein Immobilienhai, der sich schon das halbe Altstadtviertel unter den Nagel gerissen hatte, und dem nur noch das Krankenhaus fehlte, setzte uns zu.“

Chandra sah sie fragend an.

„Mein Pa war Direktor des Memorial Hospitals, in dem ich die Kinderstation leite. Die städtische Verwaltung gab viel auf seine Meinung. Er sprach sich gegen den Verkauf, und damit den Abriss des Krankenhauses aus, und sie folgten seinem Rat.“

„Wie mutig von deinem Vater. Ich meine, eine Morddrohung ignoriert man ja nicht einfach!“

„Wir waren natürlich besorgt deshalb. Trotzdem waren wir uns einig, nicht nachzugeben. Du kennst das Viertel – es ist noch so ursprünglich. Das darf nicht einfach platt gemacht werden! In unsere Klinik kommen viele Arme, die woanders nicht behandelt werden. Daraus wollen die eine Wellness-Farm machen!“

Saomai hatte sich in Rage geredet. Etwas ruhiger fuhr sie fort: „Das ganze Bauprojekt hing wohl an dem Krankenhaus. Und damit am Widerstand meines Vaters.“

Chandra sah sie eindringlich an. „Wenn es diese Drohungen gab, ist die Polizei denen doch bestimmt nachgegangen?“

Saomai wurde starr und drückte den Rücken durch.

„Lass uns von etwas anderem sprechen, o.k.?“

„Ja“, antwortete Chandra überrascht, „natürlich.“

„Erzähl mir von deinem Massage-Salon“, bat Saomai. „Wie läuft das Geschäft?“

Ihre Studienfreundin hatte sich vor eineinhalb Jahren aus der Medizin verabschiedet, um endlich Geld zu verdienen, wie sie spaßeshalber sagte.

„Sehr gut“, begann Chandra zögernd. Dann ließ sie sich auf den Themenwechsel ein. „Die Miete ist zwar horrend, aber das ist nun mal so im Business District. Dafür gibt es dort ein zahlungswilliges Klientel.“

Sie rieb Zeigefinger und Daumen der rechten Hand aneinander und grinste.

„Seit der Eröffnung vom ‚Delight Massage Club‘ habe ich 20 neue Thai-Masseurinnen eingestellt und schon dreimal neue Räume hinzugemietet.“

„Dann musst du gar nicht mehr selbst ran?“, fragte Saomai lachend.

Sie hatte ihre Freundin anfangs damit geneckt, dass Männer in einem Club mit diesem Namen wohl mehr erwarteten, als ‚nur‘ eine Massage.

„Nein“, Chandra lachte ebenfalls, „ich manage nur noch. Und was das angeht, gibt es eine klare Regel bei uns: no happy ending!“

„Das ist gut“, gab Saomai zurück. Sie behandelte fast täglich Thaimädchen und -jungen, oft noch Kinder, die von Freiern missbraucht wurden, und war froh zu hören, dass Chandra so etwas nicht duldete.

„Ich habe übrigens ziemlich prominentes Publikum“, erklärte ihre Freundin stolz.

„Echt? Erzähl!“

„Den Innenminister zum Beispiel und ein paar Abkömmlinge der Königsfamilie.“

„Wow!“ Saomai war ehrlich beeindruckt. Sie überlegte kurz. „Deine Klientel tummelt sich bestimmt auch in Nobelclubs wie diesem, oder?“

Chandra sah sich suchend auf der Dachterrasse um und nickte.

„Siehst du da hinten das indische Paar?“ Sie deutete mit dem Kinn nach links. „Er ist Schauspieler und in Indien eine Berühmtheit. Kommt fast jede Woche zur Massage.“

Saomai reckte den Hals.

„Oder die zwei Männer an dem Tisch vor der Bar.“

Chandra zeigte in die entgegengesetzte Richtung.

„Der Linke, das ist Neill Ferguson, stinkreich. Ihm gehört das Penthouse über meinem Club. Hat jeden Dienstag und Donnerstag einen festen Termin.“

Saomai hatte aufgehorcht, als der Name fiel. Neill Ferguson war der größte Baulöwe der Stadt. Und, wie sie aus der Presse wusste, ein Geschäftspartner des Mannes, den sie für den Mörder ihres Vaters hielt. Sie machte Ferguson an einem der Tische vor der illuminierten Bar aus. Neugierig musterte Saomai ihn. Das kantige Kinn ließ auf Amerikaner tippen. Dabei war er Norweger, wie sie gelesen hatte. Sein Haar trug er leicht nach hinten gegelt. Wohl um die Locken zu bändigen, die ihm dennoch zurück in die Stirn fielen. Besonders auffallend waren seine breiten Schultern. Vielleicht war er Schwimmer. Oder Rugby-Spieler? Er wirkte zurückhaltend, sprach ohne übertriebene Geste mit seinem Gegenüber. Mehr konnte Saomai von ihrem Platz aus nicht erkennen. Es war merkwürdig, Ferguson in natura zu sehen. Saomai hatte in den letzten Monaten jeden Zeitungsbericht über ihn und seinen Partner verschlungen, ausgeschnitten, abgeheftet.

Die Erinnerung an die Geschehnisse vor einem Jahr krampfte ihr den Magen zusammen. Sie schlang fröstelnd die Arme um ihren Körper.

„Saomai, ist alles in Ordnung?“

„Ja, geht schon“, wehrte sie ab.

Dann kam ihr ein Gedanke, der sie kerzengerade werden ließ.

„Du kennst nicht zufällig einen Lamom Benjawan?“

****

„Chandra? Hi, hier ist Saomai.“

„Hallo meine Liebe. Schön, dass du anrufst! Bist du gut nach Haus gekommen?“

„Ja, danke. Alles bestens“, log Saomai.

Tatsächlich fühlte sie sich elend. Sie hatte den Cocktail aus Martinis und Schmerztabletten nicht vertragen und sich zweimal übergeben. Als Ärztin hätte sie es besser wissen müssen! Die schlaflose Nacht hatte aber auch ein Gutes gehabt.

„… so schön, dich zu sehen. Das machen wir ganz bald wieder“ flötete ihre Freundin ins Telefon.

Saomai hörte kaum hin. Ihr Herz pochte bei dem Gedanken daran, was sie Chandra fragen wollte.

„Weißt du was, gerade habe ich mir eine Tasche gekauft, die ich neulich schon in der Hand…“

„Kann ich dich etwas fragen, Chandra?“, unterbrach Saomai den Wortschwall ihrer Freundin.

„Äh, ja. Was denn?“

„Kannst du mich mit Neill Ferguson bekannt machen?“

Saomai hatte die Frage herausgepresst. Jetzt hörte sie, wie Chandra am anderen Ende der Leitung die Luft einsog. Sie selbst wagte keinen weiteren Atemzug.

„Warum?“, fragte Chandra.

„Er hat mir gefallen. Er ist gutaussehend, vermögend,…“

„Blödsinn!“, widersprach ihre Freundin heftig.

„Hm?“

„Das ist Blödsinn, sagte ich. Dich interessiert doch nicht sein Portemonnaie! Dich interessiert Lamom Benjawan, stimmt’s?“

Damit hatte Saomai nicht gerechnet.

„Wie kommst du denn darauf?“

„Saomai, verkauf mich nicht für dumm!“ Chandra klang jetzt ungehalten. „Gestern Abend fragst du mich ganz nebenbei nach diesem Lamom und heute willst du Neill Ferguson kennenlernen, der zufällig dessen Partner ist?“

Das Wort ‚zufällig‘ betonte sie voller Ironie.

„Woher weißt du das?“

„Ich habe ihn gegoogelt, ganz einfach!“

Das kam unerwartet. Offensichtlich konnte sie ihrer Freundin nichts vormachen. Gut, dann eben nicht. Dann würde sie die Wahrheit sagen und hoffen, dass Chandra ihr trotzdem half.

„Du hast recht“, sagte sie reumütig. Dann wurde ihre Stimme fest. „Und du musst das verstehen! Ich habe alles versucht, um zu beweisen, dass dieser Dreckskerl meinen Vater umgebracht hat. Aber er hat Freunde bei der Polizei, die ihn decken und gar nicht erst gegen ihn ermitteln. Seit Monaten frage ich mich, wie ich an ihn herankomme. Als du mir gestern Neill Ferguson gezeigt hast, war das wie ein Wink des Schicksals.“

„Spinnst du?“, fuhr Chandra aufgebracht dazwischen. „Wenn dieser Lamom tatsächlich deinen Vater ermordet hat, ist das lebensgefährlich!“

„Vielleicht“, gab Saomai matt zurück, „aber es ist die einzige Hoffnung, die ich habe.“

Chandra musste ihr einfach helfen! Sie appellierte an ihr Gewissen.

„Wenn es dein Vater wäre, würdest du das auch wagen, oder?“

Chandra stöhnte auf. Familienbande waren in Thailand heilig.

„Also gut“, gab sie schließlich nach. „Es gibt aber ein Problem.“

„Welches?“, fragte Saomai bange.

„Er ist zwar Kunde im Delight Club, aber wir gehen ja nicht zusammen aus, oder sowas. Wie soll ich euch also miteinander bekannt machen?“

„Ach“, sagte Saomai, „da hätte ich eine Idee!“

****

Saomai huschte in das Halbdunkel des Massageraums, schloss leise die Schiebetür hinter sich und lehnte mit dem Rücken gegen das kühle Tropenholz. Auf der Massagebank wartete ihr Kunde. Ihr einziger Kunde. Er war nackt.

„Namasté, Mr. Ferguson“, sagte sie und straffte die Schultern. Sie hatte den thailändischen Gruß verführerisch klingen lassen wollen. Heraus gekommen war ein heiseres Krächzen. Neill Ferguson hob den Kopf. Er scannte Saomai flüchtig, ließ die Stirn zurück auf das Laken sinken und brummte: „Du bist zu spät.“

„Zwei Minuten!“, protestierte sie, entrüstet darüber, dass ihm dies als Verspätung galt.

Fergusons Kopf ruckte erneut hoch. Dieses Mal musterte er sie ausführlicher, blieb länger als notwendig an ihrem Fußgelenk hängen und starrte ihr schließlich ins Gesicht.

„Zwei Minuten meiner Zeit solltest du dir nicht leisten.“

Sein überheblicher Ton ließ Saomais Nasenflügel erbeben. Unter Aufbietung aller Willenskraft hielt sie eine scharfe Erwiderung zurück.

Das läuft gar nicht gut, dachte sie alarmiert.

Das flaue Gefühl, das ihr seit Stunden den Magen zuzog, kroch höher und schnürte an ihrer Kehle. Saomai kämpfte den Impuls nieder, einfach zu gehen. Doch sie musste bleiben, musste einen guten Eindruck auf diesen Mann machen!

Reiß‘ dich zusammen, ermahnte sie sich und entgegen allem, was sie empfand, sagte sie unterwürfig: „Dann werde ich sofort beginnen, Mr. Ferguson.“

Ein Handy ertönte und sie zuckte zusammen.

Lass es nicht meins sein, dachte sie erschrocken, dann fliegst du noch in dieser Sekunde raus! Da hörte sie Ferguson in sein Mobiltelefon sprechen.

Unschlüssig, ob sie wie angekündigt mit der Massage beginnen sollte, stand Saomai im Raum.

„Was ist jetzt?“, ätzte er in ihre Richtung. „Fängst du endlich an, oder was?“

„Ja, natürlich. Entschuldigung“, stammelte sie und setzte sich in Bewegung. Sie nahm ein seidenes Tuch aus einem Sideboard und bedeckte den entblößten Hintern ihres Kunden. Dann ging sie zum unteren Ende der Massagebank und begann mit zittrigen Fingern, seine Waden zu massieren.

Das Telefonat schien sich plötzlich um sie zu drehen.

„Ach, ich habe schon wieder eine neue Thai. Die dritte in acht Wochen.“

Saomai konnte nicht verstehen, was der Gesprächspartner sagte, Fergusons Antwort jedoch war eine Frechheit.

„Nein, sicher nicht. Das ist so ein dürres Ding. Der fehlt so ziemlich alles, um gut zu sein. Wie die schon an meinen Waden rumfingert!“

Sie stoppte mitten in der Bewegung. Das Ganze war ein Fiasko! Dabei hatte sie es sich so einfach vorgestellt, Ferguson für sich zu gewinnen. Sie kannte ihre Wirkung auf Männer. Ein Lächeln, eine Massage, an die er sich noch lange erinnern würde, die unausgesprochene Aussicht auf mehr, hätten genügen sollen. Und nun gelangen ihr nicht einmal die einfachsten Handgriffe!

„Ich meld‘ mich nachher nochmal.“

Ferguson hatte aufgelegt. Mit einem Ruck drehte er sich um und richtete sich auf. Dass dabei das Tuch zu Boden glitt, schien ihn nicht zu stören. Im Gegenteil. Er blickte an sich hinunter, dann zu Saomai und fragte genervt: „Kannst du wenigstens gut blasen?“

****

Die Frage war heraus, bevor Neill darüber nachdenken konnte. Noch im selben Augenblick tat es ihm leid, zumal das Mädchen bis unter die Haarwurzeln errötete. Sie hob die Hände und machte zwei Schritte rückwärts, fort von ihm. Ein weiterer Schritt und sie stieß an die Wand hinter sich. Aus glühenden Mandelaugen blickte sie ihn an, während es hinter ihrer Stirn zu arbeiten schien. Offensichtlich war sie noch nie in einer solchen Situation gewesen. Aber war das nicht der Alltag einer Thaimasseurin in Bangkok, fragte er sich. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er sogar: Sie wirkt gar nicht wie eine. Etwas in ihrem Blick, in der Haltung, die sie plötzlich angenommen hatte, ließ ihn zu dem Schluss kommen, dass sie es vielmehr gewohnt war, zu führen.

Ihr Gesichtsausdruck changierte. Eben noch peinlich berührt, legte sie jetzt die Stirn in Falten, als würde sie sein Angebot überdenken. Neill meinte, ein spöttisches Lächeln über ihre Lippen huschen zu sehen. Ein äußerst reizvolles Lächeln.

Doch schon im nächsten Moment wechselte ihr Ausdruck erneut. Eine steile Furche zwischen den Augenbrauen verzerrte ihr eigentlich hübsches Gesicht. Neill setzte gerade an, etwas zu sagen, als sie die nächste Wandlung durchmachte. Ein Ruck ging durch ihren Körper, sie reckte das Kinn vor und sagte: „Sie sollten sich schämen, Mister Ferguson. Dies ist ein ehrenwerter Club.“

Mit erhobenem Kopf schritt sie zur Tür. Von dort maß sie ihn mit einem letzten, geringschätzenden Blick. Dann war sie in Richtung der Aufzüge verschwunden.

In seinem Apartment blieb Neill vor den Panoramafenstern des Wohnzimmers stehen und blickte nachdenklich hinaus.

Was war da gerade passiert? fragte er sich. Er war an sich ein zurückhaltender Typ. Was also hatte ihn zu dieser unmöglichen Frage gegenüber seiner neuen Masseurin veranlasst?

Es hatte eine eigenartige Spannung in der Luft gelegen, von dem Moment an, als sie den Raum betreten hatte. Sie war hereingehuscht und hatte sich an die Tür gelehnt, als müsse sie sich gegen ihn wappnen. Ihr Blick hatte etwas Berechnendes gehabt, gleichzeitig war sie total verunsichert. Neill war sauer gewesen, wie stümperhaft die junge Frau ihn bedient hatte. Aber das rechtfertigte nicht, dass er sie so brüskierte! Ihre Antwort hatte ihm jedenfalls imponiert. Und überhaupt hatte diese Thai etwas in ihm angerührt. Er spürte wie es in seinen Lenden zu Pochen begann, als er sich die Situation noch einmal ins Gedächtnis rief. Ihre Augen, in denen eine gewisse Traurigkeit lag – und so viel Feuer! Und dann ihre seltsame Reaktion auf seine Frage! Einen Augenblick lang war Neill sicher gewesen, sie würde es tun. War es nur Stolz gewesen, der sie davon abgehalten hatte?

Chandra, die Clubchefin, hatte schließlich die Massage durchgeführt. Er kannte sie, seit es ihren Club gab.

„Was war da gerade los, Neill?“, hatte sie ohne Umschweife gefragt.

„Seit wann stellst du solche Anfängerinnen ein?“, hatte er anstelle einer Antwort entgegnet.

„Anfänger worin?“, fragte sie unverständig. „Saomai ist eine Meisterin der Thai-Massage! Und nicht nur darin.“

Neill wurde das Gefühl nicht los, dass Chandra ihm diese Saomai aufschwatzen wollte.

„Du solltest sie wiedersehen!“, hatte sie beim Hinausgehen gesagt, war stehengeblieben und hatte ihn mit ihrem Blick durchbohrt.

Vielleicht mache ich das, dachte er nun und lächelte.

****

Saomais Mobiltelefon vibrierte in der Tasche ihres Arztkittels, als sie gerade mit einem Kollegen die Behandlung einer Patientin besprach. Normalerweise nahm sie im Dienst keine privaten Anrufe entgegen, doch als im Display Chandras Name aufleuchtete, sah sie Dr. Nadee entschuldigend an und stellte sich einige Schritte abseits.

„Hallo Chandra“, sagte sie, erleichtert über den Anruf der Freundin.

Sie musste unbedingt mit ihr über den verpatzten Termin mit Neill Ferguson sprechen. Vielleicht konnten sie sich am Abend treffen.

„Hallo Saomai. Störe ich?“

„Nein, nein, es geht schon. Gut, dass du zurückrufst. Ich habe dich die ganzen Tage nicht erreicht und dachte, du bist sauer auf mich?“

„Ach, ich hatte mein Handy verlegt und heute fiel mir endlich ein, wo. Beim Shoppen, stell dir vor! Sowas Blödes!“, lachte Chandra. Dann kam sie auf Saomais Frage zurück. „Worüber sollte ich denn sauer sein, Liebes?“

„Na, weil ich mich bei Neill Ferguson so dämlich angestellt habe! Ich hoffe, ich habe ihn nicht verprellt? Er ist dein Stammkunde und ich habe mich total unprofessionell verhalten!“

Saomai war ganz außer sich. Der Frust über ihren verpfuschten Auftritt im Delight Club nagte seit Tagen an ihr. Das hatte sie gründlich versaut!

Noch eine Gelegenheit würde sich kaum bieten, Lamoms Partner kennenzulernen. Chandra konnte sie jedenfalls nicht noch einmal um Unterstützung bitten. Umso verblüffter war sie über deren Antwort.

„Deshalb rufe ich eigentlich an. Stell dir vor: Gerade habe ich meine Mailbox abgehört und da war eine Nachricht von Neill drauf.“

„Was denn für eine Nachricht?“, fragte Saomai mit klopfendem Herzen und umklammerte ihr Mobiltelefon mit beiden Händen.

„Er will dich sehen. Heute Abend. In seinem Penthouse.“

„Was sagst du da?“, rief Soamai laut und winkte entschuldigend, als sie Nadees alarmierten Blick bemerkte.

„Ja, kein Scherz! Er hat was von einem Missverständnis gesagt, und dass ich dich heute nach Dienstschluss zu ihm schicken soll.“

„Das ist ja“, flüsterte Saomai atemlos, „das ist großartig! Danke Chandra!“

Sie legte auf und starrte an die gegenüberliegende Wand. Neill Ferguson lud sie in sein Penthouse. Plötzlich wurden ihr die Beine weich.

Drei Stunden später kündigte ein leises Summen die Ankunft des Fahrstuhls in Neills Apartment an. Ein Blick in die Überwachungskamera verriet ihm, dass es die Thai war. Üblicherweise konnte er seine Besucher dabei beobachten, wie sie sich im Fahrstuhlspiegel herrichteten, manche bleckten die Zähne, andere – vor allem Frauen – kontrollierten ihr Make-Up. Die meisten wirkten nervös. Nicht so diese. Sie stand aufrecht in der Mitte des Aufzugs und blickte geradeaus auf die Tür. Zu seiner eigenen Verwunderung überprüfte nun Neill sein Aussehen in dem spiegelnden Monitor auf seinem Schreibtisch. Gut soweit, dachte er. Die braunen Locken waren einigermaßen unter Kontrolle. Krawatte und Sakko des Tages hatte er gegen ein lässiges Shirt und eine graue Stoffhose eingetauscht. Die nackten Füße steckten in wildledernen Mokassins. Er fühlte sich leicht erregt bei dem Gedanken daran, was der Abend mit sich bringen könnte.

Die Fahrstuhltür öffnete sich und Saomai betrat die Suite.

Sie ist keine Masseurin, schoss es Neill schon zum zweiten Mal durch den Kopf. Selbstsicher schritt sie auf ihn zu. Aus einem knallengen Ledermini ragten lange, schlanke Beine, die in geschnürten High-Heels endeten. Unter ihrem Massagekittel hätte Neill im Leben nicht so etwas erwartet und auch ihre Haare trug sie heute offen. Pechschwarz und seidenglänzend flossen sie über ihre linke Schulter nach vorn. Die ebenso schwarzen Augen blickten ihn herausfordernd an. Einen Augenblick lang war Neill unsicher, ob sein Plan aufgehen würde. Da lächelte ihr verführerisch rot gemalter Mund und er wusste, dass es noch viel besser kommen würde.

„Namasté, Mr. Ferguson“, sagte Saomai, legte die Handflächen vor der Brust aneinander und neigte leicht den Kopf. Ihre Stimme hatte einen angenehm dunklen Ton, nicht das Krächzen von neulich, das ihn so genervt hatte. Neill kannte die Facetten des thailändischen Grußes. Dieser verriet ihm, dass sie sich nicht unterlegen fühlte. Schade, dachte er, das wäre noch reizvoller.

„Namasté“, erwiderte er ihren Gruß auf dieselbe Weise.

Es funktioniert, dachte Saomai erleichtert. Er ist überrascht. Und was noch wichtiger war: Neill Ferguson war interessiert.

Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß. Doch anders als ein paar Tage zuvor tat er es nun mit offensichtlichem Genuss. Seine Augen erforschten ihr Gesicht, registrierten die durchscheinende Narbe über ihrer linken Braue und ihre vollen Lippen, blieben an ihrem schlanken Hals haften und wanderten von dort zum Ausschnitt ihres schwarzen Tops. Sein Blick glitt weiter die schmale Taille entlang und schließlich ihre Beine hinab bis zu den Fesseln. Einen Augenblick lang fühlte Saomai sich unbehaglich. Ihr kaputtes Fußgelenk konnte ihm bei dieser eingehenden Musterung kaum entgehen. Da halfen auch die Satinschnüre nicht, die sich ihre zierlichen Fesseln hinaufschlangen, um die Vernarbungen zu verdecken.

Doch Saomai ließ ihn gewähren. Auch sie musterte Neill neugierig. Aus der Zeitung kannte sie ihn nur im Anzug. Als er vor ihr im Massageraum gelegen hatte, war sie zu aufgeregt gewesen, um ihn sich genauer anzusehen. Nun war Zeit dafür. Das enge T-Shirt betonte die breiten Schultern, die ihr schon in der Sky Bar aufgefallen waren. Seine Taille war schmal wie die eines Schwimmers. Kein Bauchansatz, keine Hüftringe. Wenn dieser Körper hielt, was er angezogen versprach, hatte er trotz seiner 43 Jahre ein Sixpack! Sie schluckte trocken und setzte ihre Beobachtung fort. Ferguson war größer, als sie erwartet hatte. Das gefiel ihr, denn mit einem Meter fünfundsiebzig überragte Saomai die meisten Männer.

Die Begutachtung dauerte schon weit über eine Minute. Ferguson schien das Schweigen nicht zu stören und Saomai wollte nicht diejenige sein, die es brach. Zu gespannt war sie auf das, was er ihr zu sagen hatte.

Was er von ihr wollte!

Als Chandra ihr ausgerichtet hatte, dass er sie sehen wollte, hatte sich Saomai vor Überraschung setzen müssen. Nadee war herbeigeeilt und hatte sich über sie gebeugt. Dummerweise war in diesem Moment Direktor Wong auf der Kinderstation aufgetaucht. Er hatte die Situation völlig missverstanden.

„Dr. Saomai“, hatte er gezischt, „Sie können sich hier nicht so gehen lassen! Unsere Patienten erwarten Ärzte mit Disziplin und Würde.“

Saomai war erschrocken aufgesprungen.

„Sie sehen fürchterlich aus. Gehen Sie nach Hause!“

Sie konnte den feisten Chinesen nicht ausstehen. Von den Schlitzaugen bis zu den schmierigen Koteletten, die ihn wie eine asiatische Karikatur von Elvis-Presley aussehen ließen, wirkte alles an ihm korrupt. So korrupt, wie seine Amtseinführung. Im ganzen Ärztekolleg hatte niemand je von ihm gehört, bis er nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters als neu ernannter Krankenhausdirektor hereinspaziert war. Saomai wurde das Gefühl nicht los, dass Wong auf eine günstige Gelegenheit lauerte, sie, die Tochter des alten Direktors, loszuwerden. Heute jedenfalls hatte er sie wieder einmal abgestraft.

Doch sie hatte auf einen Einspruch verzichtet und auch Nadee mit einem mahnenden Blick davon abgehalten, Partei zu ergreifen. Zu dringend musste sie nachdenken und kam Wongs Aufforderung nur allzu gern nach. Sie fuhr zum Königspalast, einem beliebten Ausflugsziel für Touristen. In der renommierten Universität von Wat Pho hatte sie studiert. Sie kannte jeden Winkel der alten Gemäuer und entkam daher schnell den Touristenscharen. Hinter einer Gruppe goldener Chedis, glockenförmiger Bauten zur Verehrung Buddhas, bog sie nach rechts und gelangte in einen schmalen Gang zwischen zwei hohen Mauern. Nach wenigen Metern fand sie ein unscheinbares Holztor und schlüpfte hindurch. Vor ihr lag ein quadratischer Innenhof, üppig bewachsen und mit einem sanft plätschernden Teich in seiner Mitte. Saomai liebte diesen geheimen Garten inmitten des pulsierenden Bangkoks.

Sie hatte sich im Lotussitz auf eine alte Steinbank gekauert und zu dem Buddha am gegenüberliegenden Teichufer gesprochen.

In ihrem Kopf tobte ein Sturm. Was sollte sie jetzt tun? Ihr spontaner Plan, Fergusons Masseurin zu werden und so an Lamom Benjawan heranzukommen, war nach dem Frust der vergangenen Monate ein kleiner Hoffnungsschimmer gewesen. Doch das hatte nicht funktioniert. War vielleicht auch zu simpel gewesen.

Auf keinen Fall hatte sie in Erwägung gezogen, mit ihm zu schlafen. Oder ihm einen zu blasen! Und dann war es das Erste, was er von ihr verlangt hatte! Was fiel diesem Menschen überhaupt ein! Schon wieder kochte Wut in ihr hoch. Saomai ermahnte sich zur Vernunft. Denn wenn sie ehrlich war: was blieb ihr anderes übrig, als die Einladung in sein Penthouse anzunehmen?

Sie beendete ihr Zwiegespräch mit dem unbestimmten Gefühl, zu wissen, was sie erwartete. Es gab vermutlich nur einen Grund, warum Neill Ferguson sie zu sich bat, nur eines, wie sie ihn für sich interessieren konnte. Nun, wenn sie dadurch an Lamom Benjawan herankam, war sie bereit, es ihm zu geben.

Saomai dankte Buddha, indem sie ihm Yasminblüten in den Schoß legte. Sie fuhr in ihr Apartment, duschte und zog sich um.

Nun stand sie vor Neill Ferguson und wartete geduldig, was er ihr anzubieten hatte.

Darüber schien er noch nachzudenken.

„Wir hatten keinen so guten Start, nicht wahr?“, sagte er endlich.

„Nein“, gab sie zurück und hoffte, dass ihn der leise Vorwurf in ihrer Stimme nicht verärgerte.

„Dann schlage ich vor, dass wir noch einmal von vorn anfangen. Kommen Sie!“

Mit diesen Worten führte er Saomai aus dem opulenten Flur, der von einem modernen Kristalllüster überdacht wurde. Das angrenzende Zimmer, ein Salon in den Ausmaßen eines Tennisplatzes, wurde zur Hälfte von einer einladenden Sofagruppe eingenommen. Erdtöne gaben dem Raum eine Gemütlichkeit, die Saomai einem Geschäftsmann wie Ferguson nicht zugeschrieben hätte. Doch wirklich überwältigend war die bodentiefe Fensterfront, die einen Hundertachtzig-Grad-Blick über das abendliche Bangkok preisgab. Von hier oben blickte man auf ein Lichtermeer, das bis an den Horizont flutete.

Neill beobachtete Saomai. Er kannte die Wirkung dieses Ausblicks auf seine Besucher. Er war ja selbst jeden Tag aufs Neue davon fasziniert.

Sie ist sexy, dachte er, und seine Phantasie spielte ihm vor, wie sie sich vor der nächtlichen Kulisse auszog und für ihn tanzte. Der Gedanke erregte ihn unerwartet heftig. Rasch drehte er sich in Richtung der Bar, die an die Sofagruppe grenzte.

„Was denken Sie gerade, Mr. Ferguson?“

Saomai hatte sich vom Fenster abgewandt und blickte ihn an, als wüsste sie es nur zu genau. Neill ließ sich Zeit mit seiner Antwort. In aller Ruhe gab er Eiswürfel in einen silbernen Shaker, fügte eine klare Flüssigkeit hinzu und verrührte beides mit einem Barlöffel. Er nahm zwei Martinischalen, gab Oliven hinein und seihte die Drinks ab. Dann wandte er sich um und kehrte, in jeder Hand ein Glas, zu Saomai zurück.

„Was ist mit ihrem Fuß passiert?“, fragte er unverhofft.

Saomai zuckte zusammen. So direkt hatte das noch niemand gefragt.

„Darüber möchte ich nicht sprechen“, erwiderte sie eine Spur zu schroff.

Etwas versöhnlicher fragte sie deshalb: „Weshalb haben Sie mich hergebeten, Mr. Ferguson?“

Er lächelte.

„Ich möchte herausfinden, was Sie draufhaben, Saomai“, sagte Neill, während er ihr den Martini reichte. „Denn, wenn Sie so gut sind, wie Chandra behauptet“, er trat so nah an sie heran, dass sein Atem ihr Ohr streifte, „könnte ich mir vorstellen, Sie zu engagieren.“

Er lehnte den Oberkörper zurück und hob sein Glas.

Doch anstatt seinen Toast zu erwidern, fragte Saomai ungerührt: „Was genau verstehen Sie darunter?“

„Ich möchte, dass Sie meine ganz persönliche Masseurin werden. Dass Sie mir jeden Abend zur Verfügung stehen. Hier in meinem Apartment. Mit allem, was dazu gehört.“

Er hatte deutlich gemacht, was der Job inkludierte: sexuelle Verfügbarkeit.

Als wäre es ein vollkommen seriöses Angebot erwartete er ihre Reaktion.

Überraschung blitzte in Saomais Augen auf, gefolgt von einer Regung, die Neill nicht ganz deuten konnte. War das Triumph? Wenn ja, würde ihr sein nächster Vorschlag gefallen.

„Lassen Sie sich auf ein Experiment ein, bevor Sie zustimmen“, seine grau-blauen Augen drangen in sie, „oder ablehnen!“

Saomai drehte ihr Martiniglas in den Händen.

„Was für ein Experiment?“

Neill betrachtete sie noch einmal in aller Ruhe von Kopf bis Fuß.

Sie ist eine echte Schönheit, dachte er, verwundert darüber, dass es ihm nicht neulich schon aufgefallen war.

„Überlassen Sie sich heute Nacht mir. Wenn ihnen gefällt, was ich mit Ihnen mache, nehmen Sie mein Angebot an. Wenn nicht“, er hob entwaffnend die Hände, „werde ich mich großzügig bei Ihnen entschuldigen.“

„Ich bin keine…“, beeilte sich Saomai klarzustellen, ließ den Satz jedoch unvollendet.

Neill verstand auch so.

„Vollkommen klar“, antwortete er höflich. „Ich bezahle Sie gut. Als Masseurin. Was darüber hinausgeht, ist“, er suchte nach dem passenden Wort, „Privatsache.“

Konnte sie das?

Saomai dachte an die schmerzvollen Erfahrungen des letzten Jahres. Die Trauer um ihren Vater und die hilflose Wut, mit der sie hatte hinnehmen müssen, dass sich Polizei und Staatsanwaltschaft weigerten, einen Mord aufzuklären. Sie dachte an Lamom Benjawan, der einfach weitermachen konnte, weil sich ihm niemand in den Weg stellte.

Mit trotzigem Blick sah sie auf und Neill Ferguson direkt in die Augen. Er war ein attraktiver Mann und vielleicht ihre Chance auf Gerechtigkeit. Sollte er sich nehmen, was er von ihr wollte. Sie würde dasselbe tun.

Wie schon bei ihrer ersten Begegnung reckte Saomai das Kinn vor und straffte die Schultern. Sie lächelte spröde, doch ihre Stimme klang entschlossen, als sie sagte: „Also gut.“

„Trinken Sie Ihren Martini aus“, sagte Neill, als hätte er eine andere Antwort niemals in Betracht gezogen.

Saomai prostete ihm zu und leerte ihr Glas in einem Zug. Neill tat es ihr gleich, nahm beide Gläser und stellte sie achtlos auf die Sofakante. Im nächsten Moment hielt er einen schwarzen Seidenschal in der Hand.

„Dreh dich um“, befahl er mit rauer Stimme.

Saomai wandte sich zögernd der Glasfront zu, atmete tief durch und schloss die Augen. Ein Schaudern durchfuhr sie, als Neill von hinten an sie herantrat. Mit gekonnten Bewegungen verband er ihre Augen.

„Jetzt zieh dich aus!“, zischte er in ihr Ohr.

Er fasste ihre Schultern und drehte sie zu sich herum.

Auf was habe ich mich da eingelassen?

Saomais Gedanken fuhren Achterbahn. Sie spürte, dass sie Neill Ferguson vertrauen konnte; er würde ihr keinen Schaden zufügen. Aber noch nie hatte sie sich einem Mann hingegeben, den sie nicht kannte! Und jetzt würde sie hh

Sex mit einem Unbekannten haben, ohne zu wissen, ohne zu SEHEN, was er mit ihr tat! Sie fühlte sich ausgeliefert. Und zu ihrer Überraschung machte es sie an. Mit unsicheren Fingern ertastete sie den Verschluss ihres miedernen Oberteils. Dann ging alles ganz einfach. Sie zog an dem zierlichen Reißverschluss. Zentimeter um Zentimeter, wie in Zeitlupe, entblößte sie sich vor diesem Fremden. Sie spürte seine heißen Blicke auf ihrem Körper, hörte ihn die Luft einsaugen, als sie das Top genüsslich erst von der linken, dann von der rechten Schulter streifte.

Nicht so schnell, ermahnte sie sich und musste lächeln.

„Weiter!“, drängte Neills Reibeisenstimme.

Sie gab ihm, was er begehrte und gab ihren Busen frei, der von einem durchscheinenden BH gehalten wurde. Sie mochte ihre Brüste. Sie waren nicht zu üppig und hatten die volle, runde Wölbung knackiger Äpfel. Der BH, den sie gewählt hatte, ließ ihre Brustwarzen durchschimmern, klein und dunkel. Der erwartete Effekt blieb nicht aus. Neill seufzte. Saomai gewährte ihm einen wohl dosierten Moment, ihren Körper zu betrachten. Sie sah ihn vor sich, wie sein Blick über ihren Busen wanderte, wie er sich ausmalte, ihn in der Hand zu wiegen und an ihren Knospen zu lecken. Jetzt weidete er sich vermutlich an ihrem flachen Bauch und folgte der Linie ihrer schmalen Hüftknochen abwärts. Langsam drehte Saomai ihm den Rücken zu und öffnete den Reißverschluss ihres Rocks. Am Ansatz ihres Höschens hielt sie inne, strich sich mit beiden Händen über die Flanken und ließ den Po kreisen. Ihre Finger fanden zurück zu dem Verschluss und zogen ihn vollständig auf. Ihr Ledermini glitt zu Boden. Damit offenbarte sie Neill einen schwarzen String auf ihrer makellosen Haut. Sie war sich ihrer sexy Wirkung bewusst und genoss den Moment. Nur noch mit Unterwäsche und High-Heels bekleidet stieg sie über den am Boden liegenden Stoff. Aufreizend langsam beugte sich Saomai vornüber, streckte Neill ihren Hintern entgegen. Sie schüttelte ihre schwarze Mähne, warf den Kopf in den Nacken und bog den Rücken durch, als sie sich wieder aufrichtete. Sie fühlte sich schön, begehrenswert und fand Gefallen an dem Spiel, selbst nichts zu sehen und dabei von einem Mann angestarrt zu werden.

„Du hast einen tollen Körper!“, hörte sie Neill sagen.

Dass Saomai ihm das Kompliment mit einem Lächeln dankte, konnte er nicht sehen, da er hinter sie trat, um die Häkchen ihres BHs zu öffnen. Er streifte die Träger von ihren Schultern. Dabei ließ er seine Hände über ihre olivfarbene Haut gleiten, strich Saomais Hals hinunter zu ihrem Dekolleté. Seine Fingerspitzen zogen weite Kreise um ihren Busen. Allmählich ließ er sie enger werden. Ganz zart nur waren seine Berührungen und doch hinterließen sie eine brennend heiße Spur auf ihrer Haut. Nun war es Saomai, die seufzte. Ihr Busen streckte sich Neills Händen entgegen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Doch die wanderten bereits weiter, umfassten ihre Taille und glitten abwärts zu ihrem String. In einer einzigen Bewegung zogen sie ihn einfach mit nach unten. Saomai hielt die Luft an in der Erwartung, dass er sie berühren würde. Nichts geschah. Stattdessen wich Neill zurück. Das Rascheln seiner Kleidung verriet Saomai, dass er sich auf ein bis zwei Meter entfernt hatte. Betrachtete er sie von dort?

Nur noch mit ihren Pumps bekleidet, fühlte sie Schamgefühl aufkommen. Was tat sie nur? Doch das Pulsieren in ihrem Unterleib sprach eine andere Sprache – ihr gefiel, was hier passierte. Dann war Neill wieder an ihrer Seite.

„Komm mit“, gab er Anweisung und führte sie durch den Salon, eine Hand an ihrem Ellenbogen, die andere nur Millimeter über ihrem Poansatz.

Saomai fühlte sich schwindelig. Sie konnte nicht sagen, ob sie noch im selben Raum waren, als er sie hieß anzuhalten. Ein Luftzug liebkoste ihre erhitzte Haut, gedämpft vernahm sie das Rumoren der nächtlichen Metropole. Waren sie auf einem Balkon?

„Leg dich auf den Bauch!“, kam der nächste Befehl.

Saomai tastete nach einem Möbelstück. Doch da war nichts.

„Wohin?“, fragte sie irritiert.

„Auf den Boden.“

Neills Stimme klang amüsiert. Wollte er sie tatsächlich auf einem harten Fußboden nehmen? Das war alles? Enttäuscht über diese Wendung gehorchte Saomai dennoch. Zögernd ging sie in die Hocke und ertastete den Untergrund. Steinplatten, kühl und glatt. Sehr glatt. Saomai fröstelte. Sie ließ sich nach vorn sinken, bis sie bäuchlings auf dem kalten Boden lag, die Stirn auf ihre Hände gebettet. Neill spürte sie über sich, jedoch berührte er sie nicht. Ihre Ungeduld wuchs, als er sich abermals entfernte und sie allein zurück ließ. Überrascht bemerkte Saomai, dass Feuchtigkeit aus ihrer Mitte rann. Sie wünschte sich, Neill möge augenblicklich zurückkehren. Doch Neill ließ sich Zeit.

Als er endlich kam, gab er den nächsten Befehl.

„Spreiz die Beine!“

Und Saomai tat es.

Eine Flüssigkeit rann warm zwischen ihre Pobacken. Sogleich machten sich Neills Hände daran, das Öl zu verteilen. Saomai seufzte. Wie lange war es her, dass ein Mann sie berührt hatte? Ein Jahr? Länger?

Neill kniete hinter ihr. Ausgiebig massierte er ihren Hintern. Dann berührte er ihre Schamlippen, ihren Kitzler, ihre Vagina. Er liebkoste alles gleichzeitig, wie es ihr schien. Mit den Fingern glitt er in sie hinein und ebenso virtuos wieder hinaus.

Ahnte er auch nur im Ansatz, wie gut das tat?

Ein Stöhnen entrann Saomais Mund. Sie öffnete die Beine noch weiter. Die Monate der Entbehrung hatten sie ausgehungert. Wohl deshalb hatte sich ihr Verstand längst verabschiedet und ihren Körper Neill Fergusons wissenden Händen überlassen. Ohne ihr Zutun bäumte sich ihr Unterleib auf, kam seinen Bewegungen entgegen und versuchte, sie zu verstärken, sobald er den Druck verringerte. Bald schon stöhnte und winselte Saomai hemmungslos und verlor mit jeder Bewegung, die Neill ausführte, mehr und mehr die Kontrolle über ihren Körper, ihre Sinne. Neill schien das Spiel mit ihrem Feuer zu gefallen. Immer wieder entzog er sich ihr und ließ ihren Unterleib hungrig zurück. Sicher weidete er sich daran, wie sie sich vor ihm auf dem Boden wand. Ihre Scham pulsierte, doch er hinderte sie ein ums andere Mal daran, zu kommen, indem er im letzten Moment einfach innehielt. Dabei lachte er rau. Saomai kam auf die Knie und hielt ihm ihren Hintern entgegen. Ihre Öffnung war so nass, wie sie es noch nie erlebt hatte. Sie wollte ihn in sich spüren, nicht länger warten. Doch Neill drückte sie auf den Boden zurück und wies sie streng zurecht: „Nicht so ungeduldig.“

Das war zuviel. Sie hatte das Gefühl, ihren Höhepunkt keine Sekunde länger hinauszögern zu können!

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, beugte sich Neill vor und raunte in ihr Ohr: „Du willst schon kommen, ja?“

„Ja!“

Saomai schrie es beinahe heraus. Fast hätte sie noch „Bitte“ hinterhergewinselt.

Sie hörte, wie Neill an seiner Hose nestelte. Er hatte sich noch nicht einmal ausgezogen? Ein Knistern verriet ihr, dass er ein Kondom überstreifte.

Mit einem einzigen tiefen Stoß glitt er in sie, umfasste ihre Hüften, kontrollierte den Rhythmus und gab ihr, was sie brauchte. Nach vier, fünf kräftigen Stößen glaubte Saomai, es zerreiße ihre Mitte. Sie keuchte, Speichel troff aus ihrem Mund. Da spürte sie Neill noch härter werden und ihren eigenen Orgasmus herannahen wie einen Tornado. Ihr Atem ging stoßweise, und während Neill sie mit einer Serie hämmernder Stöße nahm, zog er ihr den Seidenschal vom Gesicht.

Saomai schrie um ihr Leben. Sie lag auf dem gläsernen Boden eines Balkons, siebzig Stockwerke über dem nachtgrellen Bangkok. Und während sie glaubte, im freien Fall auf die Stadt herabzustürzen, erlag sie dem Orgasmus ihres Lebens.

„Kann ich davon ausgehen, dass du zustimmst?“, fragte Neill später mit unverschämter Zuversicht.

Er hatte Saomai auf die Couch im Salon gebettet und ihr eine Kaschmirdecke übergelegt, in die sie sich schmiegte. Da sie noch immer zitterte und aus übergroßen Augen auf die Skyline starrte, tätschelte er sanft ihre Schulter. Saomai räusperte sich.

„Kann ich das morgen entscheiden?“, fragte sie leise.

Sie wirkte völlig mitgenommen und Neill fühlte sich für einen kurzen Augenblick schlecht, weil er dafür verantwortlich war.

Andererseits, dachte er, war das eine unglaubliche Nummer gewesen!

„Natürlich“, gab er zurück. „Heute Nacht lasse ich dich aber nicht mehr gehen. Dazu bist du viel zu durcheinander.“

Er mixte zwei Martini. Saomai nahm ihren dankbar entgegen, nippte daran und genoss die Wärme, die sie kurz darauf durchflutete. Minuten später endlich entspannte sich ihr Körper. Der Kopf hörte auf, immer und immer wieder Bilder vom Sturz in die Tiefe abzuspulen, ihr Herz verlangsamte sein Tempo, bis es einem gemächlichen Trab gleichkam und allmählich verebbte auch das Zittern ihrer Glieder.

„Ich habe ein Gästezimmer“, hörte sie Neill sagen, „sehr gemütlich, mit eigenem Bad und allem, was man braucht. Es steht dir zur Verfügung.“

„Hmm“, murmelte Saomai und kuschelte sich tiefer in die Couch. „Klingt gut.“

Dann gab sie der Schwere nach, die sich wie ein weiches Tuch über ihr ausbreitete. Neill, der ihr gegenüber Platz genommen hatte, sah vergnügt zu, wie sie einschlief.

****

Sie erwachte aus einem erholsamen Schlaf und zum ersten Mal seit vielen Monaten galt ihr erster Gedanke nicht Lamom Benjawan. Stattdessen dachte sie an Neill Ferguson und errötete bei der Erinnerung daran, was er mit ihr getrieben hatte. Es war unglaublich gewesen! Trotz des Schocks, den sie am Ende erlitten hatte. Oder gerade deswegen? Saomai wollte sich den Abend noch einmal in Erinnerung rufen, da fiel ihr Blick auf eine silberne Standuhr neben dem Bett. Oh je, schon so spät?

Sie würde es nicht rechtzeitig ins Krankenhaus schaffen! Andererseits, dachte sie und ließ sich zurück in die Kissen sinken, mache ich Überstunden wie verrückt! Da durfte sie sich auch einmal eine Verspätung gönnen.

Saomai konnte sich nicht erinnern, jemals in einem so prächtigen Bett aufgewacht zu sein. Es war in jedem Sinne ausladend und schien alles dafür zu geben, dass sie noch liegen blieb. Doch als die Uhr Viertel vor Sieben anzeigte, gab es kein Entkommen mehr. Seufzend schwang sie die Beine aus dem Bett und machte sich auf den Weg ins Bad. Dabei sah sie sich neugierig um. Wie hatte Neill gesagt? Ich habe ein sehr gemütliches Gästezimmer. Er hatte nicht übertrieben. Ein hochfloriger Teppich ließ sie durch das Zimmer schweben, das in warmen Beigetönen gehalten war. Es gab ein Schminktischchen mit lederbezogenem Hocker und einen Schreibtisch aus massivem Tropenholz. Eine Chaiselongue am Fenster fing den spektakulären Blick über die Stadt ein! Den scheint hier jedes Zimmer zu haben, dachte Saomai und erinnerte sich, dass die Penthouse-Suite das gesamte Stockwerk einnahm. Staunend betrat sie das Bad. Es war dreimal so groß wie ihr eigenes und mit dunklem Marmor ausgelegt. Von der Zahnbürste bis zum Shampoo in Miniaturausgabe stand alles bereit. …mit allem, was man braucht. Saomai lächelte, als sie verstand, was Neills gemeint hatte. Am Spiegel steckte ein Zettel.

Ich würde mich freuen, dich heute Abend zu sehen.

20 Uhr, wenn es für dich passt?

Neill

Er wollte sie also wiedersehen! Sehr gut.

Saomai betrachtete sich in dem wandgroßen Spiegel. Heute Abend würde sie sich beweisen müssen, soviel war klar. Doch die Vorstellung, sich mit dem Partner des Mörders ihres Vaters einzulassen, trieb ihr kalte Schauer über den Körper. Was wusste sie schon von Ferguson? Vielleicht steckte er mit Lamom Benjawan unter einer Decke, war genauso skrupellos wie er?

Nun, sie würde es herausfinden.

Rasch duschte sie, schlüpfte in ihre Kleider vom Vorabend, die sie zusammengefaltet auf der Chaiselongue fand, und beeilte sich, das Apartment zu verlassen, bevor sie Neill begegnete. Sollte er ruhig im Ungewissen darüber bleiben, ob sie kommen würde! Unten auf der Straße winkte Saomai ein Taxi heran. Sie ließ sich in ihre Wohnung bringen, sprang in ihre Ärztekleidung und nahm die wenigen Straßen zum Krankenhaus zu Fuß.

Der Tag zog wie in Trance an ihr vorüber. Sie war unkonzentriert und antwortete auf Fragen von Patienten und Kollegen nur mit Verzögerung. Zum Glück stand heute keine Operation an! Und auch Direktor Wong ließ sich nicht blicken. Nur Nadee bedachte sie mit Befremden im Blick, wann immer sich ihre Wege kreuzten. Ein paar Mal setzte er zu einer Frage an, doch Saomai eilte ihm stets davon. Was sollte sie ihm erzählen?

Um Punkt sechs Uhr verließ Saomai zur Überraschung der diensthabenden Schwester Tuk die Station und hastete nach Hause. Sie packte ein paar Kleidungsstücke, wählte mit Bedacht Schuhe, die sexy wirkten, ohne ihrem Fuß zu sehr zuzusetzen und sprang in das nächste Taxi. Um halb Acht betrat sie das Gebäude, in dem Neills Apartment lag, ließ den Fahrstuhl kommen und drückte auf den Knopf für das fünfzigste Stockwerk. Als die Fahrstuhltüren auseinander glitten, fand sich Saomai im wohlduftenden Empfangsbereich des „Delight Clubs“ wieder. Chandra persönlich stand hinter dem teakhölzernen Tresen.

„Saomai, Liebes!“, rief sie überrascht und eilte ihr entgegen, so schnell es ihre glitzernden Plateauschuhe zuließen. Die beiden Freundinnen fielen sich in die Arme. Doch schon im nächsten Augenblick schob Chandra Saomai von sich und hielt sie am ausgestreckten Arm auf Abstand.

„Du hast dich den ganzen Tag nicht gemeldet!“, schimpfte sie vorwurfsvoll. „Dabei platze ich vor Neugier! Wie ist es gelaufen?“

„Gut“, Saomai grinste. „Ich denke, ich bin jetzt seine persönliche Masseuse.“

Die letzten Worte setzte sie in Anführungszeichen, indem sie Zeige- und Ringfinger beider Hände krümmte.

„Was heißt das denn?“

„Dass ich dein bestes Massageöl brauche!“, lachte Saomai.

„Na, du machst mir Spaß“, gab Chandra lakonisch zurück. „Ich brauche mehr Details! Was ist da gestern passiert?“

„Das erzähle ich dir ein andermal, in Ruhe“, wehrte Saomai ab.

Sie wollte pünktlich bei Neill auftauchen. Wenn er schon nicht sicher sein konnte, ob sie überhaupt kam.

Chandra versorgte sie mürrisch mit allem, was sie brauchte.

„So einfach kommst du mir nicht davon“, nörgelte sie, als Saomai ihr zum Dank einen Kuss auf die Wange drückte. „Ich will alles ganz genau wissen. A-L-L-E-S, hörst du?“, rief sie Saomai hinterher, die längst im Fahrstuhl verschwunden war.

****

„Chandra hat nicht übertrieben“, stöhnte Neill.

Saomai kniete auf seinem Rücken und traktierte die Muskulatur seiner unteren Lendenwirbel.

„Womit?“ Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

„Sie sagt, du bist eine Meisterin der Thaimassage!“

„Das hat sie gesagt, ja?“, freute sich Saomai.

„Ja. Man hätte fast meinen können, sie wollte dich mir aufdrängen.“

Er lachte.

Saomai schickte ihrer Freundin ein stummes Dankgebet und wechselte das Thema.

„Nun ja, ich habe in einer der besten Massage-Schulen Thailands gelernt.“

Genau genommen hatte sie dort studiert, die traditionelle thailändische Massage war Teil ihres Medizinstudiums gewesen. Doch Neill ließ sie besser in dem Glauben, eine einfache Masseurin zu sein.

„Ach und wo ist diese Schule?“, fragte er.

„Hier in Bangkok. Kennst du den alten Königspalast?“

„Wat Pho? Da bin ich vor Jahren mal gewesen. Wie alle Touristen, schätze ich“, antwortete Neill.

„Ja, aber was die wenigsten Touristen wissen, ist, dass der Palast eine renommierte Universität beherbergt. Und eben die Massage-Schule. Das medizinische Wissen von dreitausend Jahren wird dort gelehrt.“

„Und da bringen sie euch bei, so hart zuzupacken, ja?“, stöhnte Neill erneut auf, als sie eine besonders verspannte Muskelpartie bearbeitete.

„Wenn du dich nicht so verkrampfen würdest, könntest du es sogar genießen“, entgegnete Saomai amüsiert.

Sie war froh über die ungezwungene Art, mit der Neill sie vorhin empfangen hatte. Immerhin, nach gestern Nacht! Dennoch fühlte sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Ihr war nur allzu klar, was er heute von ihr erwartete und noch immer war sie nicht sicher, ob sie diese Rolle tatsächlich spielen konnte. Auf Befehl einem Mann zur Verfügung stehen – das taten doch nur ‚leichte‘ Mädchen!

Rasch schob sie den Gedanken beiseite. Eine Weile arbeitete Saomai schweigend vor sich hin. Gekonnt turnte sie auf Neill herum, um ihn zu kneten, zu dehnen und in die tiefliegenden Muskelschichten vorzudringen. Dabei studierte sie ausgiebig seine Anatomie. Arme und Beine waren muskulös, das breite Kreuz verschmälerte sich zur Taille hin zu einem fast perfekten V. Er fühlte sich samtig und gepflegt an. Nicht unattraktiv für sein Alter, musste sie zugeben. Im Vergleich zu ihren olivbraunen Händen war er nur furchtbar blass. Europäer halt.

Wann immer sich Neill bewegte, traten die Muskeln kraftvoll unter der glatten Haut hervor. Eigentlich ist er sogar ganz schön sexy, dachte Saomai und ein Kribbeln entflammte in ihrer Mitte. Bilder vom Abend zuvor drängten in ihr Bewusstsein. Sie versuchte, sich abzulenken, indem sie das Gespräch wieder aufnahm.

„Wie bist du nach Bangkok gekommen?“

Neill drehte den Kopf, um besser sprechen zu können.

„Ich hab‘Architekur studiert und ging nach dem Studium nach Singapur“, begann er. Als müsste er das näher erklären, setzte er nach: „Die Architektur dort war damals ziemlich neu und beeindruckend. Ist sie eigentlich immer noch.“

„Ja“, gab ihm Saomai zu verstehen, dass sie wusste, wovon er sprach.

Sie war oft mit ihrem Vater dort gewesen.

„Dort verliebte ich mich dann in eine Thailänderin. Sie war die Tochter eines sehr erfolgreichen Architekten hier in Bangkok und überredete mich, für ihren Vater zu arbeiten. Also zog ich nach Bangkok.“

Er machte eine Pause und Saomai dachte bereits, er hätte seine Geschichte beendet, als er mit Wehmut in der Stimme fortfuhr: „Bei Arun habe ich alles gelernt, was ich über das Bauen weiß.“

„Und was ist dann passiert?“

„Die Kurzform? Seine Tochter hat mich betrogen, ich verließ die Firma und gründete meine eigene.“

„Hm“, machte Saomai. „War es sehr hart?“

Ihre Frage ließ offen, ob sie die Trennung oder die Gründung seines Unternehmens meinte. Neill wählte letzteres.

„Ich hatte Glück und startete durch, als hier der große Bauboom losging. Ein paar thailändische Freunde verhalfen mir zu den ersten Grundstücken, die ich ziemlich lukrativ verkaufen konnte. Was ich in Singapur gesehen hatte, entwickelte ich mit thailändischem Einschlag weiter und machte mir mit diesem Baustil schnell einen Namen.“

„Ein Norweger, der die Architektur Singapurs ins Thailändische übersetzt. Alle Achtung!“, scherzte Saomai.

„Du weißt, dass ich Norweger bin?“, fragte Neill überrascht.

Saomai hielt in ihrer Bewegung inne. Ich muss aufpassen, was ich sage! Sie konnte kaum zugeben, dass sie alles über ihn wusste, was in Zeitungen und Internet zu finden war. Daher antwortete sie das Nächstbeste, das ihr einfiel und setzte die Massage mit noch mehr Druck fort.

„Chandra hat es mir erzählt.“

„Aha“, presste Neill gequält hervor, schien sich mit der Antwort jedoch zufrieden zu geben.

„Hast du Angestellte?“, fragte Saomai weiter in dem Ansinnen, das Gespräch irgendwie auf Lamom zu lenken.

„Ja, ein ganzes Gebäude voll. Zwei Blocks weiter. Ich bin aber nur gelegentlich drüben, arbeite lieber von hier“, gab Neill Auskunft.

Also doch introvertiert, dachte Saomai, zufrieden mit der Diagnose, die sie ihm in der Sky Bar ausgestellt hatte.

„Solltest du über Nacht bleiben“, Neill wählte seine Worte offenbar mit Bedacht, denn er zögerte kurz, „wirst du Howard kennenlernen. Meinen Privatsekretär. Er ist meine rechte Hand, denkt an alles, plant meinen Tag…“

„Ok.“

Mehr schien Neill über Howard nicht sagen zu wollen und so nahm Saomai den Gesprächsfaden von vorhin wieder auf. „Wie ist das Immobiliengeschäft heute?“

„Was meinst du?“

„Na, wie kommst du zum Beispiel an Baugrund?“

„Dafür habe ich Partner.“

„Und wo nehmen die ihn her?“

„Die sind gut vernetzt, kennen Leute, die wieder Leute kennen…“, gab Neill wage zur Antwort.

…und bringen auch mal jemanden um, der nicht freiwillig verkauft!, vollendete Saomai in Gedanken seinen Satz.

Bedrückt widmete sie sich einer Muskelverklebung in seiner Schulter. Es entstand eine Pause.

„Das tut so gut“, raunte er kurz darauf wohlig.

Diese Stimme!

Saomai ballte ihre Hände zu Fäusten und strich mit den Knöcheln von Neills Schultern bis zu seinem Hintern. Dort angekommen, ließ sie die Handgelenke rotieren, um die Muskelschicht entlang der Hüftbeuger zu stimulieren. Diesen Vorgang wiederholte sie dreimal. Dann arbeitete sie sich Millimeter um Millimeter seinen Rücken hinauf.

„Was machst du da nur?“

Sein Tonfall war Leiden und Genuss zugleich und ließ Saomais Phantasie Pirouetten drehen. Dennoch schaffte sie es, ihm mit sachlicher Stimme zu erklären: „Ich lockere mit den Ellenbogen deine Rippen und biege sie auseinander. So komme ich an die Muskeln, die dich quälen.“

Beeindruckt hob Neill das Gesicht aus seinem Kissen.

„Du hast in deinen Ellenbogen mehr Gefühl, als die meisten Masseure in ihren zehn Fingern, weißt du das?“

Schlagartig setzte das Kribbeln wieder ein. Vielleicht fällt mir die Rolle doch gar nicht so schwer, dachte Saomai. Sie beugte sich vor, brachte ihren Mund an Neills Ohr und flüsterte: „Stell dir nur mal vor, was meine Finger dann erst können!“

„Uh“, machte Neill und rutschte unruhig auf der Massagebank hin und her.

Wissend, welche Wirkung ihre Bemerkung gehabt haben musste, gab Saomai die Anweisung: „Umdrehen!“

Neills Kopf, den er gerade wieder abgelegt hatte, fuhr hoch. Er drehte den Oberkörper, bis er sie ansehen konnte und sagte mit gespielter Entrüstung: „Aber ich bin nackt!“

Saomai fand langsam Gefallen an diesem Spiel. Sie lächelte süß, entgegnete aber im strengen Tonfall einer Krankenschwester: „Keine Ausreden!“

Wie ein paar Tage zuvor richtete sich Neill auf, sah langsam an sich herab und zeigte ihr ein breites Grinsen.

„Oh nein!“, wies Saomai sein Ansinnen zurück, obwohl der Anblick seiner Blöße ihre Glut weiter anfachte. „Eine Thaimassage wird bis zum Ende durchgeführt. Sonst“, sie nickte ernst in Richtung seiner Lenden, „geraten die Lebenssäfte durcheinander.“

„Oh, das wollen wir natürlich nicht“, antwortete Neill und legte sich folgsam auf den Rücken.

Saomai bedeckte seine Mitte mit einem Tuch, wobei ein Zelt entstand, dessen tragende Säule Neills steil aufragendes Glied war.

Während sie ihre Massage fortsetzte, beobachtete Neill sie aus halb geöffneten Lidern. Der konzentrierte Ausdruck in ihrem Gesicht faszinierte ihn. Er bemerkte eine feine Stirnfalte, die sich immer dann glättete, wenn Saomai eine Muskelverspannung aufgelöst hatte. Bis sie die nächste aufspürte. Wie zufällig fuhren ihre Hände immer wieder unter das Tuch, das über seinen Hüften spannte, und berührten ihn dort für den Bruchteil einer Sekunde. Dann blickte sie ihn an, tat überrascht, um ihm gleich darauf ein honigsüßes Lächeln ihrer schön geschwungenen Lippen zu schenken. Ihre Blicke trafen sich immer öfter, wurden intensiver, verschlangen einander irgendwann. Die Zeit schien sich zu dehnen, bis Saomai endlich mit beiden Händen über Neills Brust, an seiner Mitte vorbei bis hinunter zu den Füßen strich. Das Tuch, das seine Lenden bedeckte, glitt dabei zu Boden. Der Anstand gebot ihr, den Blick abzuwenden, doch Saomai konnte nicht. Mit vor Lust geweiteten Augen besah sie Neills prachtvolles Glied. Sie biss sich auf die Unterlippe, als in ihrem Inneren tausend kleine Champagnerperlen explodierten und wohlige Schauer durch ihren Körper rasten.

So schlimm ist der Job wirklich nicht!

Schließlich wandte sie die Augen ab und blickte ihn an. Ein süffisantes Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Ich bin fertig. Du müsstest jetzt geschmeidig sein wie Currybutter.“

„Nicht überall!“, protestierte Neill.

Sein Penis zuckte.

„Stimmt“, korrigierte sich Saomai und ließ den Blick wieder an ihm herabgleiten. „Den habe ich wohl übersehen.“

Genussvoll betrachtete sie Neills Schaft. Dann nahm sie ihn in beide Hände und fuhr mit wohl dosiertem Druck daran hinab.

Atemlos kam er auf die Ellenbogen. Sein Blick verriet ihr den Grad seiner Erregung.

„Wenn du auch für ihn noch etwas tun könntest“, sagte er mit belegter Stimme, „wäre ich sehr glücklich.“

Er sah sie an. Nicht fordernd. Auch nicht bittend. Aber mit einer entwaffnend attraktiven Offenheit.

„Hmm, da kenne ich eine ganz spezielle Technik“, raunte Saomai und beugte sich über ihn.

****

„Ja?“

„Kannst du reden?“

„Bin im Termin. Ist es dringend?“

„Ich bin nicht sicher. Ferguson wird langsam ungeduldig. Er will wissen, wann es mit dem Bauprojekt am Fluss losgeht.“

Das Geräusch einer zuschlagenden Tür. Dann, im Flüsterton: „Das ist noch zu heiß. Wir müssen warten, bis Gras über die Sache mit dem Alten gewachsen ist.“

„Das wird ihm nicht gefallen.“

„Was soll das heißen? Herrje, drucks nicht immer so rum!“

„Na ja. Er fragt sich, ob er auf den Richtigen setzt.“

„Glaubst du, er will abspringen?“

„Schwer zu sagen. Auf jeden Fall will er, dass etwas vorangeht, nachdem er so viel Geld investiert hat.“

Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann noch leiser: „Ich bin gerade beim Senator. Der ist mir noch was schuldig. Halt Ferguson irgendwie hin, bis ich mich wieder melde.“

„Ich versuche es. Aber da wäre noch etwas.“

„Was denn noch?“

„Die Kleine ist bei ihm aufgetaucht.“

„Welche Kleine?“

„Na, die Tochter von dem Direktor. Saomai…“

„WAS?“

„Ja, ich dachte, das solltest du wissen. Kann ja kein Zufall sein!“

„Was heißt, sie ist bei ihm ‚aufgetaucht‘?“

„Nun ja, offiziell ist sie wohl seine Masseurin, aber inoffiziell verbringt sie jede Nacht bei ihm. Heute Morgen habe ich sie hier getroffen.“

„Sie schläft mit ihm?“

„Davon gehe ich aus.“

„Ok, finde heraus, was sie von ihm will!“

„Wie das denn?“

Kurzes Überlegen.

„Lass ihn abhören.“

„Bitte?“

„Ich kann nicht so laut reden. Lass ihn abhören, sagte ich.“

„In seiner Wohnung?“

„Wo denn sonst. Da ist er doch die meiste Zeit. Und wenn sie mit ihm schläft, werden sie sich wohl auch unterhalten. Ich muss wissen, worüber die reden!“

„Dafür müsste ich jedes Zimmer verwanzen!“

„Dann tu das.“

„Also… das ist… nicht meine Art. Ich denke nicht, dass ich das kann.“

„Du denkst nicht, dass du das kannst? Ich hör‘ wohl nicht richtig! Muss ich dich wirklich daran erinnern, zu was DU fähig bist?“

Ein resigniertes Seufzen. „Nein, Lamom.“

„Gut, dann weißt du, was du zu tun hast.“

****

Saomai hatte nicht vorgehabt, Neills Gästezimmer in Anspruch zu nehmen. Auch wenn ein dunkler Teil in ihr mit heftigem Begehren auf Neill reagierte, kostete es sie doch Überwindung, allabendlich in seinem Apartment zu erscheinen. Wenn sie dann spät nachts ihr Spiegelbild im Gästebad betrachtete, die Haare zerzaust, die Orgasmusröte noch im Gesicht und weder Willens noch in der körperlichen Verfassung, zu dieser späten Stunde in ihre eigene Wohnung zurückzukehren, schlug sie beschämt die Augen nieder. Dann musste sie an ihren Vater denken, der sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter doch zu einer anständigen Frau erzogen hatte. Nie hätte er sich für Saomai vorgestellt, dass sie sich wie eine Eskortdame benahm. Der Gedanke an ihren Vater war es allerdings auch, der sie stets wieder von ihrem Skrupel befreite und daran erinnerte, wofür sie es tat. Dann blickte sie auf, sah ihrem Spiegelbild fest in die Augen und flüsterte: „Dafür wirst du büßen, Lamom.“

Woche um Woche verging und mit jedem Tag erschien Saomai ihr Tun weniger verwerflich. Im Gegenteil: Ihr Körper verzehrte sich schon während des Tages nach den Spielen, die Neill mit ihr trieb. Und sie mit ihm.

„Ich habe uns was zu Essen mitgebracht“, rief Saomai, als sie eines Abends aus dem Aufzug trat. Sie fand Neill in der Küche, wo er, ein Glas Rotwein in der Hand, in einem Magazin blätterte. Er sah auf, erblickte die beiden Pappschachteln, die Saomai hochhielt, und verzog das Gesicht.

„Ich vertrage das Zeug von der Straße nicht“, sagte er, fasste sich an den Magen und hob bedauernd die Schultern.

„Das hier schon. Es stammt aus der besten Garküche Bangkoks. Die ist sauber“, fügte Saomai augenzwinkernd hinzu.

Schon drückte sie ihm eine Schachtel in die rechte, Essstäbchen in die linke Hand.

„Komm, probier‘ wenigstens“, bat sie ihn, kickte ihre Pumps fort und schwang sich auf die Küchenanrichte, an der er lehnte.

„Ist das sehr scharf?“, fragte Neill skeptisch.

„Kommt drauf an, was du scharf findest“, antwortete Saomai.

Sie strich mit dem Zeigefinger ihr Dekolleté hinab.

Neill, der sie dabei beobachtete, hatte die Schachtel geöffnet und schnupperte an dessen Inhalt.

„Riecht gut! Aber ich kann nicht mit Stäbchen essen.“

„Warum nicht?“

„Weil ich dabei verhungern würde“, entgegnete er mit einem entwaffnenden Grinsen.

Schon demonstrierte er seine Unfähigkeit, die beiden Holzstäbe so in einer Hand zu halten, dass sie eine Zange bildeten. Immer wieder rutschten sie übereinander oder fielen ihm aus der Hand. Saomai prustete vor Lachen.

„Pass auf, ich zeig’s dir!“

Sie nahm Neills rechte Hand.

„Schau, den Mittelfinger leicht anwinkeln und darauf legst du die Stäbe. Den Zeigefinger benutzt du, um die Zange auf und zu zu machen und der Daumen hält das Ganze fest. Ganz locker… genau so“.

Neill manövrierte erfolgreich einen Bissen Wokgemüse mit Hühnchen zum Mund. Der Triumpf in seinem Blick hielt nicht lange an. Er riss die Augen auf und schnappte nach Luft.

„Shit, ist das scharf!“

Saomai kostete von ihrem Essen.

„Lecker“, sagte sie mit halbvollem Mund und grinste Neill an, der das Brennen mit Wein ablöschte.

Schon versuchte er sich erneut an den Stäbchen, verlor seine ‚Ladung‘ jedoch auf halber Strecke.

„Ich weiß ein Spiel, wie du das ganz schnell lernst.“

Saomais Gesicht bekam einen Glanz, den Neill mittlerweile nur allzu gut kannte.

„Wie denn?“

„Für jeden Bissen, den du heil zum Mund führst, ziehe ich ein Kleidungsstück aus. Und wenn ich nackt bin, kriegst du mich zum Nachtisch.“

Neills Augen weiteten sich begeistert.

„Okay“, sagte er. „Aber ich bestimme, welches Kleidungsstück!“

Saomai lächelte und räkelte sich zum Einverständnis auf dem Küchentresen. Neill konzentrierte sich auf die Stäbchen in seiner Hand. Er tat, wie Saomai es ihm erklärt hatte und fischte einen besonders großen Happen aus der Pappschachtel. Das Fleischstück lag mehr oben auf, als dass er es im Griff hatte. Vorsichtig jonglierte er es Richtung Mund. Als es bedrohlich ins Wanken geriet, schnappte er danach und verhinderte gerade noch einen Absturz. Mit einem breiten Grinsen gab er Saomai zu verstehen, dass sie sich bereithalten solle. Doch bevor er sprechen konnte, griff er hastig nach seinem Glas und trank es zur Hälfte leer. Mit krächzender Stimme wiederholte er, wie scharf das Essen sei. Dann widmete er sich dem nächsten Bissen und murmelte nebenbei: „Bluse.“

„Was?“, fragte Saomai irritiert.

„Bluse, hab‘ ich gesagt.“

Deutlich souveräner landeten ein weiteres Stück Fleisch sowie einige Reiskörner, wo sie hin sollten.

„Jetzt der BH.“

Neill blickte auf.

„Hey, du hast ja noch nicht mal die Bluse ausgezogen! Jetzt aber los! Ich bin schneller beim Nachtisch, als du glaubst!“

Saomai tat empört, knöpfte aber gehorsam ihre Bluse auf und ließ sie hinter sich auf einen Barhocker fallen. Mittlerweile liebte sie diese Erotikspielchen mit Neill und war noch immer überrascht, was ihnen seit Wochen alles einfiel, um sich gegenseitig anzuheizen. Mit beiden Händen griff sie an ihren Busen und hakte den weißen Spitzen-BH auf. Sie hielt die Körbchen in der Hand, bis sie Neills volle Aufmerksamkeit hatte.

„Oh, der geht ja vorn auf!“, murmelte er anerkennend und schluckte genussvoll sein Essen herunter, während er gebannt darauf wartete, dass Saomai ihre Brüste entblößte.

Als sie es endlich tat, lächelte Neill so zufrieden, als hätte er eine Trophäe geschossen.

„Jetzt bist du dran“, sagte er, nahm ein großes Stück Kartoffel aus der Schachtel und schob sich zwischen Saomais Beine. Sie öffnete den Mund in der Erwartung, dass er sie füttern würde. Doch kurz vorher schwenkte er um und bestrich ihre rechte Brust mit Gemüsesud. Die Kartoffel verschlang er selbst. Die scharfe Soße brannte auf der Haut. Saomai sog erschrocken die Luft ein. Neill betrachtete gierig die feuchte Brustwarze. Mit den Stäbchen umkreiste er sie, als wollte er sie zwicken. Doch erst einmal griff er mit der freien Hand erneut zu seinem Glas. Dann legte einen Arm um Saomai und zog sie zu sich heran. Sie bog den Rücken durch und bot Neill ihren Busen an. Mit einem beglückten Seufzen vergrub er seine Lippen in ihrem Fleisch und leckte schmatzend die Soße von ihrer Brustwarze.

„Hmmm, feurig“, raunte er, als er sie wieder freigab, und blickte zu ihr auf.

Ihr Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Sie sah nicht mehr verspielt und neckend aus, wie noch vor wenigen Sekunden. Ihr schönes Gesicht war vor Erregung gerötet, ihre ohnehin schwarzen Augen waren noch eine Spur dunkler geworden.

„Zieh die Hose aus“, raunte Neill und wurde hart.

Am liebsten hätte er Saomai sofort auf dem Küchentresen genommen. Doch noch mehr Genuss bereitete ihm der Sex mit ihr, wenn sie es hinausgezögerten. Also ließ er wieder von ihr ab, nahm erneut die Pappschachtel zur Hand und holte den nächsten Bissen heraus. Dabei ließ er sie nicht aus den Augen, weidete sich an ihrem Anblick, während Saomai gehorchte und sich weiter auszog. Neill war überrascht, wie leicht ihm mittlerweile der Umgang mit den Stäbchen gelang. Tolles Spiel!

Dieses Mal hatte er Reis und einiges Gemüse zutage gefördert. Er schob es Saomai in den Mund und deutete mit den Stäben auf ihr weißes Spitzenhöschen.

„Und jetzt das.“

Saomai protestierte nicht. Sie stützte sich rücklings ab, hob die Hüfte an und nestelte an ihrem Slip. Kaum hatte sie ihn zu Boden fallen lassen, spreizte sie die Beine und lehnte sich zurück.

„Du lernst schnell, Neill Ferguson“, raunte sie und schloss die Augen. „Zur Belohnung darfst du mich jetzt vernaschen.“

„Moment mal, ich bin immer noch beim Hauptgang!“, scherzte Neill und langte noch einmal in seine Schachtel.

Saomais Kopf schnellte hoch. Entrüstet blickte sie in das schelmische Grinsen, das Neill ihr entgegen hielt. Dann wurde er ernst, betrachtete abwechselnd das Essen auf seinen Stäbchen und ihre vor ihm liegende Scham.

„Oh nein“, sagte Saomai, als ihr klar wurde, was er vorhatte, und dehnte dabei jedes Wort. „Tu das nicht!“

Unbeirrt reckte Neill den Arm vor und bestrich ihre Vagina mit dem scharfen Sud. Zwei-, dreimal rieb er darüber, bevor er sich das Gemüse genussvoll in den Mund schob. Die Schärfe trieb Saomai Tränen in die Augen. Ihre Lippen formten einen stummen Protest. Doch dann lehnte sie sich ergeben zurück. In aller Ruhe trank Neill den letzten Schluck Wein. Dann senkte er den Kopf und im selben Augenblick, in dem er Saomai leckte, schob er die hölzernen Stäbe in sie hinein. Gerade tief genug, um mit einer geschickten Drehung den kleinen Punkt zu erreichen, mit dem er ihr soviel Lust bereiten konnte. Saomai stöhnte auf und vergrub eine Hand in seinem dichten Haar. Immer wieder leckte Neill vom schlüpfrigen Fleisch ihrer Vagina bis zu ihrer Klitoris und ließ dabei die Stäbe in ihrem feuchten Inneren tanzen. Saomai stemmte beide Füße auf die Küchenplatte und presste Neill ihren Unterleib entgegen. Sie schnappte nach Luft – so sehr brannte seine vom scharfen Essen befeuerte Zunge. Dann kam sie mit einem wollüstigen Schrei.

Als sie später an diesem Abend bei einem Drink saßen und auf die funkelnden Lichter der Stadt blickten, sagte Neill: „Ich liebe Bangkok.“

„Dabei kennst du es eigentlich kaum“, entfuhr es Saomai.

Neill hatte ihr erzählt, dass er sein Apartment nur selten verließ. Als Architekt, so fand sie jedoch, hatte er die Pflicht, sich ein Bild von der Gegend zu machen, die er bebaute. Von den Menschen, für die er baute. Deshalb hatte sie sich insgeheim vorgenommen, ihm die Stadt zu zeigen. Wenn sich in den letzten Wochen schon keine Gelegenheit ergeben hatte, auf Lamom zu treffen, wollte Saomai die Zeit wenigstens dafür nutzen.

„Was meinst du?“, fragte Neill überrascht.

„Na, du wohnst hier oben in all deinem Luxus. Von dem echten Leben da unten bekommst du gar nichts mit!“

Saomai spürte, wie die Stimmung kippte. Natürlich wollte ein Mann wie Neill so etwas nicht von seiner Masseuse hören. Deshalb beeilte sie sich, ihren Worten die Schärfe zu nehmen.

„Jetzt, wo du die Kunst der Essstäbchen so hervorragend beherrschst, kannst du dich doch mal in die Straßen Bangkoks wagen. Da unten passiert das Leben, Neill, und es macht Spaß, Teil davon zu sein. Glaub mir!“

Trotz der Dunkelheit bemerkte Saomai Neills durchdringenden Blick. Ahnte er die wahren Absichten hinter ihrem Vorschlag?

„Was hast du vor?“, fragte er.

Sie war verunsichert. Seine Stimme hatte hart geklungen. Argwöhnisch.

Mit aller Unschuld, die sie aufbringen konnte, entgegnete Saomai: „Ich würde dir gern etwas von Bangkok zeigen. Das Viertel, in dem ich groß geworden bin zum Beispiel. Es würde dir gefallen.“

Damit hatte sie sich weit aus dem Fenster gelehnt, das wusste sie. Ausflüge gehörten nicht zu ihrer Vereinbarung. Saomai hatte keine Ahnung, wie Neill diesen Vorschlag auffassen würde. Sie konnte gerade noch die Konturen seines Gesichts erkennen, jedoch keine Regung darin ausmachen. Als Neill nicht antwortete, dachte Saomai schon, er würde ihre Frage unbeantwortet lassen. Doch dann wandte er ihr sein Gesicht zu und sie erkannte am Aufblitzen seiner Zähne, dass er lächelte.

„Und du denkst also, dass mir die Stäbchennummer da draußen von Nutzen sein könnte, ja?“

Erleichtert fiel Saomai in sein Lachen ein.

„Du würdest zumindest nicht verhungern!“

****

Mit einem wütenden Klacken schaltete er das Tonband ab. Das durfte einfach nicht wahr sein! Seit Wochen bearbeitete Saomai Ferguson auf diese unterschwellige Art. Befragte ihn zu seinen Partnern, heuchelte Interesse über seine Bauvorhaben. Und er gab ihr über alles bereitwillig Auskunft!

Dass sie ihm jetzt das Viertel am Fluss zeigen wollte, konnte nur bedeuten, dass sie Ferguson Flöhe über den Bebauungsplan ins Ohr setzen wollte. Oder ihm erzählte, mit welchen Methoden die Hausverkäufe zustande gekommen waren. Lamom würde durchdrehen, wenn er das hörte. Seit Saomai bei Neill aufgekreuzt war, war der Thailänder unberechenbar geworden. Bestimmt würde er seine Laune über die neueste Nachricht wieder an ihm auslassen. Wenn er nur an Lamoms eisgrauen Augen dachte, fror es ihn bis ins Mark. Auf jämmerliche Weise bedauerte er sich selbst. Wie hatte er seine Seele nur an diesen Teufel verkaufen können? Er verfluchte einmal mehr den Tag, der ihm so zum Verhängnis geworden war. Hätte er geahnt, dass ihn die Nummer mit den Ladyboys in die Fänge von Lamoms Mafia treiben würde, er hätte sich gar nicht erst anquatschen lassen. Er wusste selbst nicht, was an diesem Abend mit ihm los gewesen war, dass er sich darauf eingelassen hatte. Er hatte einen Drink in einer Bar genommen. Danach war er wie angetörnt gewesen. Und dann standen diese drei Grazien vor ihm. Bildschöne Mädchen mit großen, unschuldigen Augen und heißen Figuren. Als sie sich später als Boys entpuppten, war er schon so aufgeheizt, dass ihn eine homosexuelle Erfahrung nicht abschreckte.

Was soll’s, hatte er gedacht. Hier im Sündenpfuhl Bangkok interessierte das doch niemanden.

Wie er sich getäuscht hatte!

Aber wie dämlich konnte man auch sein, diese verlumpten Kinder einen Ort vorschlagen zu lassen, wo man sich mit ihnen vergnügen konnte? Die hatten ihn gefilmt!

Der blanke Horror kroch in ihm hoch, als er an den Tag zurück dachte, an dem Lamom vor seiner Tür gestanden hatte. Ohne ein Wort zu verlieren hatte er sich in seine Wohnung gezwängt, seinen Laptop auf dem Küchentisch aufgeklappt und ihn gezwungen, den Film anzusehen, in dem am Ende… Er jaulte auf und krümmte sich vor innerer Pein. In dem einer der drei Jungen leblos zu Boden ging, als er von ihm abließ.

Jetzt weinte er hemmungslos. Um das Kind und um sein eigenes verpfuschtes Leben, das er an Lamom Benjawan verwirkt hatte.

Sein verschwommener Blick fiel auf das Abspielgerät in seinen Händen und brachte ihn in das Hier und Jetzt zurück. Wenn er Lamom erzählte, was diese Saomai plante, würde er es ausbaden müssen. Es sei denn…

Er starrte angestrengt aus dem Fenster.

Ja genau, das war die Lösung! Er würde das Problem aus der Welt schaffen, ohne dass Lamom davon erfuhr. Nichts einfacher, als den Stadtbummel der beiden durch ein paar Kleinkriminelle stören zu lassen. So sehr stören, dass Ferguson das Weite suchen und sich eine neue Masseuse nehmen würde. Gute Idee! Dann konnte er sich damit vor Lamom brüsten und endlich einmal Lob statt Prügel kassieren!

Mit flinken Fingern wählte er eine Nummer in den Slums. Nach etlichen Minuten keuchte eine Männerstimme unwirsch in den Hörer.

„Den Bauvorsteher“, forderte er streng und wartete ungeduldig. Die Jungs vom Bauabschnitt 38 waren genau die richtigen für den Job. Skrupellose Dreckskerle, die vor nichts zurückschreckten, wenn man sie dafür bezahlte. Wenn es sein musste, auch nicht vor einer Frau.

****

Saomai lief wie ein eingesperrtes Tier in ihrer Wohnung auf und ab. Am Nachmittag war sie mit Neill verabredet. Sie würden sich am Memorial Hospital treffen. Ein guter Ausgangspunkt für ihren geplanten Streifzug. Dort konnte Neill sein teures Auto unbehelligt parken. Die Uhrzeit hatte sie mit Bedacht gewählt. Um fünfzehn Uhr war der Schichtwechsel im Krankenhaus vollzogen und die Gefahr gering, auf Ärztekollegen und Schwestern zu treffen. Ihre innere Unruhe wuchs, je näher die Zeiger der Uhr auf die Drei zugingen. Bot sich heute etwa die Gelegenheit, Neill in seinem Bauvorhaben umzustimmen? Ihr Viertel zu retten? Konnte sie doch noch verhindern, dass hier ein Bürohochhaus neben dem anderen hochgezogen wurde! Dass die Klinik einer Schönheitsfarm zum Opfer fiel? Ihr wurde ganz schwindelig.

Als Saomai am Krankenhaus eintraf, erwartete Neill sie bereits. Lässig lehnte er an seinem Sportwagen. Er trug eine schwarze Anzughose. Das weiße Hemd klebte an seinem Körper, trotzdem er die oberen Knöpfe geöffnet hatte. Er erblickte sie und stieß sich vom Kotflügel ab, um ihr entgegenzugehen.

Der Mann sieht so unverschämt gut aus, dachte sie. Und dieses Lächeln! Eine Mischung aus jungenhafter Euphorie und Abenteuerlust, ließ Neill deutlich jünger aussehen, als er war.

„Hallo“, sagte er schlicht, als sie voreinander hielten.

Er zog Saomai an sich und küsste sie leidenschaftlich auf den Mund.

Dann musterte er sie von Kopf bis Fuß und pfiff durch die Zähne.

„So sportlich habe ich dich ja noch nie gesehen.“

Saomai trug ein olivfarbenes Top, ihre Beine steckten in weißen Shorts, die nackten Füße in hellen Leinenschuhen. Ihr Haar hatte sie im Nacken zu einem dicken Knoten gebunden.

„Wir haben ja auch ein bisschen Wegstrecke vor uns“, antwortete sie.

Neckend deutete sie auf Neills schwarze Hose.

„Du bist nicht ganz so gut vorbereitet, was?“

„Leider nein. Ich hatte noch einen Termin und nun schwitze ich wie ein Affe in diesem Anzug“, stöhnte er.

„Ich weiß da was“, rief Saomai und zog ihn mit sich in Richtung Krankenhaus.

„Willst du mir ein OP-Hemd besorgen, oder was?“

„Nein, im Erdgeschoss gibt es einen Laden. Da bekommst du zumindest ein T-Shirt.“

Neill ließ sich nur widerwillig mitzerren. Das Letzte, was er brauchte, war in der Kostümierung eines Krankenhaus-Shops neben dieser Traumfrau herzutrotten. Doch zu seiner Überraschung führte das Geschäft gute Marken. Er behielt die beigefarbene Leinenhose und das blaugestreifte Polo, das er auswählte, gleich an, tauschte seine Anzugschuhe gegen sportliche Sneakers und verstaute seine eigenen Klamotten im Wagen. Nun fühlte er sich deutlich wohler. Der ungewohnte Freizeitdress erinnerte ihn an früher, an die Zeit, als er neu in Bangkok gewesen war und mit seiner damaligen Freundin die Stadt erkundet hatte.

Ewig her, dachte er. Dann sah er Saomai an und ein lang vermisstes Hochgefühl weitete ihm die Brust.

Sie erwiderte lächelnd seinen Blick, hakte sie sich unter und sagte: „Na dann, los!“

„Uh, was ist das denn?“, fragte Neill, als sie einen Schlund passierten, der sich am Westflügel des Krankenhauses in das Erdreich bohrte.

„Ach, da geht’s zum ehemaligen Leichenkeller“, antwortete Saomai und ärgerte sich, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Sie wollte Neill die schönen Ecken zeigen, nicht die Schandflecken.

„Du machst Scherze!“

„Nein.“

Neills zweifelnder Blick ließ ihr keine andere Wahl, als ihm widerwillig eine Erklärung zu liefern.

„Früher wurden hier die Toten angeliefert und aufbewahrt. Dann wurde der neue Trakt gebaut und dieser hier sich selbst überlassen. Die Einfahrt ist dann irgendwann mal eingestürtzt. Aber jetzt lass uns von etwas anderem reden!“

Als sich kurz darauf ein Boulevard vor ihnen auftat, den zu beiden Seiten Villen im Kolonialstil säumten, blieb Neill überrascht stehen. Das Zwitschern exotischer Vögel erfüllte die Luft. Nur vereinzelt passierten Autos und Motorräder.

„Na, das ist doch deutlich schöner!“ Er lachte. „Nein, im Ernst, Saomai, ich hatte keine Ahnung, dass es mitten in der Stadt so idyllisch sein kann!“

Saomai stimmte ihm zu und begann zu erzählen.

„Früher war die Gegend hier am Fluss sehr wohlhabend. Wegen der Nähe zum Königspalast zogen Konsule, Politiker und Diplomaten aus aller Welt hierher. Die wiederum zogen thailändische Kaufleute, Rechtsanwälte, Steuerberater und Ärzte an. Soviel ich weiß, muss das mal eine sehr noble Gesellschaft gewesen sein. Diese Häuser“, sie wies auf die Villen, „haben Feste gesehen, die heute vermutlich Skandale auslösen würden.“

Neill lachte.

„Hey, du bist ja eine richtige Stadtführerin! Woher weißt du das?“

Saomai zuckte die Schultern. Ihr Vater hatte ihr davon erzählt. ‚Goldene Zeiten‘ hatte er sie immer genannt und sich gegrämt, weil die Gegend in den letzten Jahren mehr und mehr verkam.

Neill und Saomai wichen einem alten Mann aus, der mit seinem wackligen Korbstuhl den schmalen Bürgersteig vereinnahmte. Seine Augen leuchteten auf, als er Saomai erkannte. Er verneigte sich ehrfürchtig, murmelte ein paar Worte, die in Neills Ohren wie ein Segensspruch klangen, und lächelte sie voller Herzenswärme an.

Saomai antwortete ebenfalls auf Thailändisch und neigte leicht den Kopf.

„Was hat der Mann gesagt?“, fragte Neill neugierig.

„Er hat uns einen schönen Tag gewünscht.“

„Und dabei verbeugt er sich so tief vor dir?“

„Er ist eben besonders freundlich.“

Sie steuerten auf eine Tempelanlage zu, die halb zerfallen vor ihnen auftauchte. Trotz der eingestürzten und von Schlingpflanzen überwucherten Fassade, zerbrochener Statuen und über das ganze Gelände verstreuter Ruinen war erkennbar, dass dies einmal eine prachtvolle Heiligenstätte gewesen sein musste. Saomai blieb am steinernen Geländer stehen, das die Anlage zur Straße hin abgrenzte.

„Hier wollte ich starten“, sagte sie aufgeregt, „und dir erzählen, wie diese Gegend einmal ausgehen hat. Es wirkt etwas heruntergekommen, aber hier liegt soviel verborgene Schönheit, findest du nicht?“

Neill sah sich um.

„Ja, aus der Gegend könnte man was machen.“

Hoffnung keimte in Saomai auf. War sie etwa schon auf dem richtigen Weg?

„Was würde dem großen Architekten Neill Ferguson denn dazu einfallen?“, fragte sie keck.

Er überlegte kurz.

„Naja, ich würde vieles von dem bewahren, was vorhanden ist, was hierher gehört.“

Neill deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

„Die Kolonialvillen zum Beispiel würde ich im Originalzustand belassen und restaurieren. Und auch die vielen kleinen Holzhäuser erhalten, die verstreut dazwischen liegen. Der Kontrast hat einen unglaublichen Charme.“

Saomai nickte eifrig.

„Dieser Tempel sollte wieder ein Tempel sein!“, sann Neill weiter. „Wenn ich mir vorstelle, was das mit dem ganzen Viertel macht! Mit der Seele der Menschen, die hier leben. Die ganze Nachbarschaft liegt vermutlich nur danieder, weil ihr religiöses Zentrum vermodert. Wenn man den Tempel zu neuem Leben erweckt, wird er auf das Viertel abstrahlen. Er würde die Menschen zusammenbringen, das kulturelle Leben befeuern. So ist es doch mit euren Gotteshäusern, oder nicht?“

„Ja, so ist das mit unseren Gotteshäusern“, wiederholte Saomai nachdenklich.

Wieso war ihr nur nie aufgefallen, dass die ganze Gegend daran krankte, dass der Tempel zusammengefallen war? Eine Häusersprengung in unmittelbarer Nähe hatte vor Jahren den Boden abgesenkt und das Gebäude einstürzen lassen. Wenn sie jetzt darüber nachdachte, war das der Anfang vom Niedergang gewesen. Ohne Tempel fehlte den Menschen offensichtlich eine Stätte der Begegnung. Vom Segen der Götter ganz zu Schweigen.

Saomai ließ den Blick über die vom Dschungel verschlungene Ruine schweifen und Bilder vergangener Tage wurden in ihr wach.

„Als Kind habe ich hier oft gespielt“, erklärte sie Neill. „Es gab nichts Aufregenderes, als auf dem bronzenen Buddha herumzuturnen, der unter einer geschwungenen Pagode da hinten im Garten thronte.“

Ihre Hand deutete in die Ferne, wo ein zerfallener Pavillon stummer Zeuge ihrer Erzählung war.

„Meine Mutter hatte es zwar verboten, doch immer wenn ich glaubte, allein zu sein, kletterte ich an ihm hoch. Wie ein Äffchen“, sie lachte. „Das waren immerhin gute zweieinhalb Meter! Ich stellte mich in seine Armbeuge, schlang die Arme um seinen Hals und brachte mein Gesicht ganz nah an seins. Ich glaube, dass Buddha nichts Schlimmes daran fand. Er sah mich dann aus halb geschlossenen Lidern an und lächelte, während ich ihm plappernd berichtete, was so los war.“

„Erzähl weiter“, bat Neill, als Saomai innehielt.

„Einmal hat meine Mutter mich erwischt“ erinnerte sie sich. „Vor Schreck bin ich abgerutscht und hielt mich an den überlangen Ohrläppchen Buddhas fest. Das hat ganz schön Ärger gegeben!“

Sie schmunzelte bei der Erinnerung an die kleine Episode mit ihrer geliebten Mum.

„Lebt deine Familie noch hier?“, fragte Neill in ihre Gedanken hinein.

Mit einem Kopfschütteln wischte Saomai die Bilder beiseite.

„Nein“, sagte sie, bemüht die Trauer abzuwehren, die Neills harmlose Frage in ihr weckte. „Meine Eltern sind beide tot.“

Er streichelte ihren Arm. „Das tut mir leid.“

Sie sah ihn an.

„Ist schon gut.“

Ist es nicht, dachte Neill, und bekam erstmals eine Ahnung, woher die Traurigkeit in Saomais Augen rührte. Doch offensichtlich wollte sie nicht mit ihm darüber sprechen.

„Wenn du von dieser Tempelanlage erzählst, kann ich mir wirklich vorstellen, wie es hier gewesen sein muss“, sagte er daher. „Und wie es wäre, wenn man das wieder aufbaute.“

„Ja, das ist mein großer Traum“, entgegnete Saomai mit einem tiefen Seufzer.

Sie fragte sich, ob Neill bewusst war, dass sie sich auf Bauland befanden, das er und Lamom bereits gekauft hatten. Auf jeden Fall konnte es nicht schaden, ihn weitere Ideen entwickeln zu lassen. Er legte ein überraschend feines Gespür für die Bewohner an den Tag.

Sie setzten ihren Weg fort und bogen nach wenigen Hundert Metern in eine belebtere Straße ein.

Fast ein Jahr lang hatte Saomai diese Ecke gemieden. Doch mit Neill ins Gespräch vertieft, hatten sie ihre Füße von ganz allein in die Nähe ihres Elternhauses geführt. Von allen Seiten wurden sie begrüßt, bis eine Traube von Menschen sie umringte. Alle plauderten fröhlich durcheinander. Neill verstand mit seinem wenigen Thailändisch doch immer wieder das eine Wort.

„Warum nennen sie dich Doktor?“, fragte er Saomai über die Köpfe der kleinen Thais hinweg.

„Das hat nichts zu bedeuten“, antwortete sie und war froh, dass jemand an ihrem Ärmel zupfte und auf die eiternde Wunde am Knie eines kleinen Jungen wies. Nachdem Saomai sie mit prüfendem Blick gemustert und der Frau in ihrer Landessprache geraten hatte, welche Kräuter sie besorgen und vermischen solle, wandte sie sich wieder Neill zu, der ehrfurchtsvoll beäugt wurde. Langsam und von tiefen Verbeugungen begleitet, bahnten sie sich ihren Weg durch die Menge, bis diese schließlich zurück blieb.

„Ich werde irgendwie das Gefühl nicht los, dass die Leute dich verehren“, sagte er und blickte sich noch einmal um. Dabei fielen ihm fünf Männer auf, die sich rüde durch die kleine Anhäufung von Menschen drängelten.

„Ach weißt du“, entgegnete Saomai, „ich habe eigentlich jedem hier schon mal geholfen. Rückenschmerzen gelindert, Medikamente besorgt und sowas. Die einfachen Leute denken dann gleich, man sei Arzt.“

Sie zuckte die Achseln und hoffte, dass das Thema für Neill damit erklärt sei.

Neill blickte noch einmal zurück. Die Männer waren verschwunden.

„Hmm“, murmelte er in Gedanken.

„Wußtest du, dass es in dieser Gegend noch richtigen Dschungel gibt?

„Wirklich?“ Neills Aufmerksamkeit galt nun wieder Saomai. „Mitten in Bangkok?“

„Ja wirklich. Noch bis vor etwa zehn, fünfzehn Jahren war die ganze Stadt davon durchzogen. Wurde ein Grundstück nicht mehr bewirtschaftet, weil die Leute alt waren oder es keine Erben gab, holte es sich der Dschungel zurück. So wie bei der Tempelanlage. Das ist wichtig für die wildlebenden Tiere.“

„Was denn für wildlebende Tiere?“, fragte Neill irritiert.

„Na, Warane, Schlangen, Affen…“

„Warane?“

„Ja. Hast du noch nie einen gesehen?“

Saomai konnte kaum glauben, dass Neill den Kopf schüttelte.

Dann lass uns zum Fluss runtergehen!“, schlug sie vor, „Da kann ich dir bestimmt welche zeigen!“

Sie übernahm die Führung und lotste Neill zielstrebig zwischen kleinen, auf Holzpfählen thronenden Häusern und Baracken entlang. Nach dreihundert Metern bog sie auf einen Plattenweg ab, der so von Dickicht überwuchert war, dass er Neill gar nicht aufgefallen wäre. Leichtfüßig sprang sie über Baumwurzeln, die die alte Pflasterung hier und da aufwarfen.

„Achtung, tritt nicht auf die Natter“, sagte sie und machte einen Ausfallschritt nach rechts.

„Eine Natter?“, rief Neill ungläubig und erstarrte, als er zwei Fußbreit vor sich ein leises Zischen vernahm. Der platte Kopf einer Schwarzschwanznatter reckte sich in die Höhe und erst jetzt sah er den zusammengerollten Schlangenkörper, der sich farblich kaum vom dunklen Untergrund abhob.

„Die tut nichts“, beruhigte ihn Saomai und ergriff seine Hand, um ihn um das Reptil herumzuführen.

Der Weg wurde nun abschüssig, die moosigen Steinplatten zu unebenen Treppenstufen. Neill achtete sorgsam auf jeden Schritt, den er tat. Noch eine Schlange wollte er nicht übersehen. Als Saomai unverhofft stehenblieb, lief er fast in sie hinein und gab einen überraschten Laut von sich.

„Pssst“, machte sie und legte den Zeigefinger an die Lippen. „Da ist einer, siehst du?“

„Was ist da?“, flüsterte Neill zurück.

„Na, ein Waran.“

„Nein, ich seh‘ keinen. Wo denn?“

Neill schmiegte die Wange an Saomais Haar. Sein Blick folgte der Hand, mit der sie ihm die Richtung wies. Sie duftete nach Lavendel.

„Da auf der untersten Steinplatte. Jetzt hebt er gerade den Kopf.“

Nun hatte auch Neill die Echse entdeckt.

„Die ist ja riesig“, rief er. „Bestimmt zwei Meter!“

„Naja, höchstens eineinhalb Meter“, lachte Saomai und wandte sich zu ihm um.

Seine unverhoffte körperliche Nähe ließ sie erschauern und den nächsten Satz nur stockend zu Ende bringen: „Kein Grund… zur Sorge. Warane sind scheu und… gleiten sofort ins Wasser, wenn man ihnen zu nah kommt.“

„Und was passiert, wenn man dir zu nahe komme?“, fragte Neill und hob Saomais Kinn, so dass sie ihn ansehen musste.

Saomai hielt seinem Blick nicht stand. Sie entzog ihm ihr Kinn und trat einen Schritt zurück. Ihre Gedanken fuhren Achterbahn. War Neill gerade dabei, ihr seine Gefühle zu offenbaren? Das konnte nicht sein! Und wenn doch, durfte sie das zulassen, wenn doch alles, was sie tat, pure Berechnung war? Nein, das wäre nicht richtig!

„Was ist mit dir?“, fragte Neill sanft.

Sie musste eine Entscheidung fällen! Ja, genau. Sie würde Neill sagen, warum sie ihn hierher gebracht hatte. Würde ihm sagen, dass sie über die Bebauungspläne Bescheid wusste und ihn umstimmen wollte. Sollte er entscheiden, wie es dann mit ihnen weiterging!

„Neill, ich muss dir etwas gestehen“, begann sie zaghaft. „Ich habe dich nicht einfach nur so hierher geführt. In dieses Viertel.“

Sie stockte und Neill nickte ihr aufmunternd zu, damit sie fortfuhr.

„Ich hatte gehofft, wenn du es kennenlernst, wenn du es mit meinen Augen sehen könntest, würdest du dich vielleicht darin verlieben.“

Unsicher sah Saomai zu ihm auf. Ein Tränenschleier nahm ihr die Sicht. Gleich würde ihr Traum zerplatzen. Doch statt sich gekränkt zurückzuziehen, trat Neill auf sie zu, legte zärtlich die Arme um ihre Schultern und lehnte seine Stirn gegen ihre.

„Das habe ich doch längst“, sagte er leise.

„Was denn?“, fragte Saomai verwirrt.

„Mich verliebt.“

Sie glaubte, sich verhört zu haben. Hatte Neill das wirklich gesagt? In ihrem Inneren jubilierte etwas und zugleich forderte ihr Gewissen die vollständige Aufklärung. Doch was konnte sie schon ausrichten gegen diese sinnlichen Lippen, die sich jetzt auf ihre legten. Gegen seine weiche Zunge, die die ihre suchte. Gegen ihr schwaches Fleisch, das nur allzu bereit war, sich diesem Mann hinzugeben?

Nichts, dachte sie und schloss die Augen.

Im nächsten Augenblick riss sie sie wieder auf. Im Niedersenken der Lider hatte sie gesehen, dass der Waran die Flucht ergriff. Instinktiv wandte sie den Kopf in die Richtung, aus der er eine Bedrohung gewittert haben musste. Keine zwei Meter von ihnen entfernt stand ein gedrungener Mann oberhalb der Böschung und grinste durch eine lückenhafte Zahnreihe auf sie herunter. In seiner rechten Hand blitzte ein Messer. Neill, dessen Lippen gerade Saomais Hals hinunter glitten, spürte, wie sie sich versteifte. Er hob den Kopf und folgte ihrem Blick. Im nächsten Augenblick spannte sich jeder Muskel seines Körpers. Beschützend schob er sich zwischen Saomai und den Fremden. Plötzlich schrie sie hinter ihm auf. Jemand hatte sie an den Haaren herumgerissen, ihre Tasche ergriffen und sie im Davonlaufen einige Schritte mit sich geschleift. Saomai strauchelte und landete unsanft im Dreck, während der Dieb durch das Dickicht die Böschung hinauf hechtete, und sich zu seinem Kumpan gesellte. Die beiden lachten in ihre Richtung und grinsten Neill herausfordernd an, bevor sie den schmalen Weg hinaufstürmten und zwischen den Hütten einer ungeteerten Stichstraße verschwanden. Neill blickte ihnen eine Sekunde lang nach. Dann war er bei Saomai und half ihr auf.

„Bist du in Ordnung?“, fragte er besorgt.

Er strich ihr über die Haare, die Arme, den Rücken, als müsste er sich überzeugen, dass sie nicht zerbrochen war.

„Ja, alles ok. Ist nur der Schreck“, sagte sie. Dann kam der Zorn. „Die Mistkerle haben meine Tasche geklaut!“

„Die hole ich mir“, schnaufte Neill. „Kann ich dich hier allein lassen?“

„Ja, nein“, antwortete Saomai perplex.

Bis sie begriff, was Neill vorhatte, setzte er bereits den Männern nach.

„Warte!“, rief Saomai und folgte ihm so schnell ihr rechter Fuß es zuließ.

Dann fiel ihr ein, dass sie Neill unbedingt warnen musste.

„Der eine hat ein Messer!“

Als sie keuchend den Sandweg erreichte, der sich zwischen Holzbaracken und verwahrlosten Häusern wand, hatte Neill bereits Boden wettgemacht. Doch Saomai stockte der Atem, als hinter ihm zwei weitere Gestalten auftauchten, die ihrerseits Neill verfolgten. Die Typen waren vom selben Schlag wie ihre Kumpel und Saomai begriff mit Entsetzen, dass Neill in einen Hinterhalt lief. Aus Leibeskräften schrie sie seinen Namen. Doch ihre Lungen kollabierten fast von der ungewohnten Anstrengung des Laufens. Ihre Stimme überschlug sich schrill. Neill hatte sie nicht gehört, er drehte sich nicht um.

Im Gebüsch neben ihr raschelte es. Alarmiert fuhr Saomai herum. Die Kontur eines korpulenten Inders löste sich aus dem tarnenden Dickicht und hielt torkelnd auf sie zu. Der Mann glotzte Saomai aus gelbunterlaufenen Augen an und grapschte nach ihr. Sein Atem stank nach Fäule und Alkohol. Angeekelt wich Saomai zurück. Die schwarze Pranke verfehlte nur knapp ihren Arm. Saomai sah sich gehetzt um. Es gab nur zwei Wege zur Flucht: links dem Sandweg folgen, auf dem Neill verschwunden war. Oder ein kleines Stück weiter rechts die Straße hinauf, die dort auf die belebtere Hauptstraße stieß. Weit würde sie es mit ihrem Fuß nicht schaffen, das war ihr klar. Deshalb entschied sie sich für letzteres. Betrunken, wie der Mann war, hatte sie eine kleine Chance, das kurze Stück die Straße hinauf zu entkommen. Auf der langen Gerade zwischen den Baracken würde er sie jedoch bald einholen und ob ihr dort jemand zu Hilfe kommen würde, war ungewiss. Der Inder hatte sie wieder ins Visier genommen und kam mit gierig ausgestreckter Hand auf sie zu. Dabei lallte er unverständliche Worte. Schaum troff ihm aus dem Mund, lief über sein schmuddeliges Shirt und spritzte auf Saomais Hand. Sie duckte sich unter ihm weg und ließ den Blick hin und her fliegen, um sich zu orientieren. Im Bruchteil einer Sekunde entschied sie sich, vollführte eine Drehung und drückte sich mit ihrem gesunden Fuß vom Boden ab. Das Manöver gelang und sie sprintete in die entgegengesetzte Richtung als ihr Angreifer erwartet hatte. Während er nach links torkelte, stob sie rechts an ihm vorbei. Doch schon nach wenigen Schritten bremste ein Stechen im Sprunggelenk ihren Lauf. Saomai fiel der Länge nach hin. Ihre Handballen platzten auf, als sie versuchte, den Sturz abzufangen. Vor Wut und Verzweiflung schrie sie auf. Auf allen Vieren vorwärts kriechend, wagte sie einen Blick zurück. Der Widerling hatte erst durch ihren Schrei bemerkt, dass sie zu entwischen drohte. Jetzt wankte er nach rechts. Dass sie am Boden lag, schien ihn zu beglücken, denn er lachte und leckte sich die wulstigen Lippen. Die Aussicht, von diesem Kerl begrapscht zu werden – oder Schlimmeres! – verlieh Saomai noch einmal Kraft. Sie wappnete sich gegen den Schmerz in ihrem Fuß, sagte sich, dass er nichts war im Vergleich zu dem, was ihr widerfahren würde, wenn sie liegen blieb. Als er sie fast erreicht hatte, stemmte sie sich hoch und schrie „Verschwinde!“

Von der Wut ihrer Stimme überrascht, blieb der Mann stehen. Er schwankte bedrohlich. Saomai überwand allen Ekel und gab dem Koloss einen kräftigen Stoß vor die Brust. Ohne das Ergebnis abzuwarten, fuhr sie herum und hechtete los. Den kaputten Fuß schleifte sie hinter sich her wie ein verwundetes Tier. Sie brachte vier oder fünf Meter zwischen sich und ihren Verfolger, bevor dieser grunzend auf die Beine kam. An seinem röchelnden Atem, in den sich unsägliche Geräusche mischten, erkannte Saomai, dass er aufholte. Die Verzweiflung trieb ihr Tränen in die Augen. Schweiß rann ihr über das Gesicht. Saomai konnte kaum noch den Weg erkennen. Wo blieb denn diese elende Straße, fragte sie sich panisch.

Wildes Hupen ließ sie wieder einen klaren Kopf bekommen. Vor ihr kam kreischend ein knallgelber Daihatsu zum Stehen. Saomai warf die Arme auf die Motorhaube, als wollte sie das Auto gefangen nehmen. Rettung, dachte sie erschöpft. Dann sah sie auf und erkannte hinter der Windschutzscheibe die schreckgeweiteten Augen von Tuk, der Krankenschwester aus dem Memorial Hospital. Außer ihrem Wagen konnte Saomai entlang der Straße niemanden erkennen. Das durfte nicht wahr sein! Was konnte die kleine Tuk schon ausrichten? Das herannahende Grunzen des Unholds holte Saomai aus der Schreckstarre. Er war nur noch wenige Meter entfernt und würde sie packen, wenn sie versuchte, die Beifahrertür zu öffnen. Also sprang Saomai nach rechts und brachte das Auto zwischen sich und den Inder. Im selben Augenblick schrie sie Tuk an: „Rutsch rüber!“ und riss die Fahrertür des Daihatsu auf. Noch ehe Tuk reagieren konnte, warf sich Saomai über die kleine Thailänderin und hieb die Verriegelung der Beifahrerseite nach unten. Keine Sekunde zu früh, denn ihr Angreifer packte eben den Türgriff und zerrte daran. Seine unterlaufenen Augen starrten dümmlich durch die Seitenscheibe.

„Rutsch!“, brüllte Saomai noch einmal aus Leibeskräften und schob sich gleichzeitig ins Wageninnere.

Endlich kam Bewegung in die nicht mehr ganz junge Frau und sie schlupfte auf den Nebensitz. Die Beine zog sie ungelenk über den Schalthebel. Mit dem Kopf stieß sie gegen die Scheibe, an die von außen das sabbernde Gesicht des Inders drückte.

Tuk schrie angewidert auf.

„Fahr! Fahr!“, rief nun sie in ihrer Panik.

„Ich kann nicht!“

Panik hatte auch Saomai ergriffen. Sie hatte den Wagen zweimal abgewürgt. Als er schließlich ansprang, brachte ihr geschundener Fuß nicht die Kraft auf, das Gaspedal zu bedienen.

„Mein Fuß“, stöhnte sie und schlug wütend auf das Lenkrad.

Mit einem höhnischen Lachen begann ihr Peiniger, den kleinen Wagen durchzuschütteln. Auch das noch! Doch nun übernahm Tuk geistesgegenwärtig die Führung. Sie quetschte sich am Schaltknüppel vorbei und landete auf Saomais Schoß.

„Füße weg!“, rief sie und legte den ersten Gang ein.

Mit einem Sprung ruckelte der Wagen einen guten Meter vorwärts, blieb den Bruchteil einer Sekunde stehen und schoss plötzlich nach vorn. Tuk, die mit dem Bauch am Lenkrad klebte, war nicht in der Lage, es zu bedienen. Deshalb griff Saomai um sie herum.

„Ich lenke, du gibst Gas“, sagte sie mit bebender Stimme und lenkte das Auto schlingernd in die Straße.

Noch einmal zuckten beide zusammen, als eine Faust auf das Autodach krachte, dann brausten sie in Richtung der Geschäfte davon. In Richtung Zivilisation, wie es Saomai erschien.

Als sie die erste Kreuzung passiert hatten, nahm Tuk den Fuß vom Gas und ließ den Wagen ausrollen.

„Dr. Saomai“, fragte sie atemlos, „was ist mit Ihnen? Wer war der Mann?“

Noch immer klemmte sie zwischen Saomai und dem Steuer, das Gesicht nur Zentimeter von der kleinen Windschutzscheibe entfernt. Leute blieben lachend vor dem Auto stehen und zeigten auf das ulkige Bild, das die beiden abgaben. Saomai fasste Tuk an der Hüfte und schob sich unter ihr hindurch auf den Beifahrersitz. Sie lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze und rieb sich mit beiden Händen über die Augen.

Was ist mit Neill, fragte sie sich fieberhaft. Wohin hatten ihn die Angreifer getrieben? Und was mochten sie in diesem Moment mit ihm anstellen?

Saomai kämpfte die Panik nieder, die in ihr aufstieg und versuchte, sich den Verlauf der Straßen in dieser Gegend aufzurufen.

„Tuk, wohin führt die kleine Sandstraße, die unten am Fluß zwischen den Baracken verläuft?“

Tuk sah sie fragend an.

„Tuk, bitte“, flehte Saomai, packte die Schulter ihrer Kollegin und rüttelte daran. „Das ist wichtig!“

„Zum alten Tempel“, kam die überraschend klare Antwort.

Ja natürlich! Von dort war sie ja vorhin mit Neill in einer Parallelstraße gekommen. Kälte kroch in Saomai hoch, als ihr dämmerte, was vier muskelbepackte Raufbolde an diesem verlassenen Ort mit einem wehrlosen Mann anstellen würden.

„Wir müssen dahin“, sagte sie tonlos.

„Was?“

„Jemand ist in großer Gefahr, Tuk. Fahr los!“

Saomai kannte Tuk als hilfsbereite und gewissenhafte Krankenschwester, doch dass die kleine, rundliche Person nun ohne weiteres den Wagen startete und sich mit Vollgas in den Verkehr einfädelte, ließ ihr vor Verblüffung den Mund offen stehen. Und nicht nur das. Tuk war jetzt in ihrem Element.

„Auf dem Rücksitz liegt meine Tasche, darin ist mein Handy. Geben Sie es mir!“

Kaum hielt sie es in Händen, flogen ihre stummelkurzen Finger über die Tastatur, während sie den Wagen mit einer Hand um die Kurve manövrierte.

Sie bellte in ihr Telefon: „Komm zum alten Tempel. Und bring alle mit, die in der Nähe sind. Sofort!“

Als sie aufgelegt hatte, erschien ein Lächeln auf ihrem gutmütigen Thaigesicht.

„Meine Brüder“, sagte sie und warf Saomai einen zuversichtlichen Blick zu.

Lass sie rechtzeitig da sein, betete Saomai stumm und schloss die Augen.

Im nächsten Moment brachte Tuk den Daihatsu mit einer Vollbremsung zum Stehen. Sie hatten den Tempel erreicht und parkten mitten auf der Straße. Saomai sprang heraus und lief suchend auf das verwilderte Gelände zu. Dass sie ihren schmerzenden Fuß mehr mit sich zog, als dass er sie trug, bemerkte sie kaum. Zu groß war ihre Sorge um Neill. Wenn ihm etwas zugestoßen war, würde sie nicht mehr froh werden, das wusste sie. Wieso habe ich ihn nur hierher gebracht, fragte sie sich vorwurfsvoll. Er hat doch diesen Kerlen nichts entgegenzusetzen! Tränen rannen über ihre Wangen, als sie die Hände zu einem Trichter formte und seinen Namen schrie. Immer und immer wieder. „Neill, Neill. Bist du hier?“

Sie unterdrückte ein Schluchzen, um erneut nach ihm zu rufen.

Da sah sie ihn. Er kauerte auf der untersten Steintreppe des ehemaligen Tempels. Mit dem Rücken lehnte er gegen eine schrägstehende Säule, die zwischen eingestürzten Mauern klemmte. Seine Arme hingen schlaff herab, die Augen waren geschlossen. Saomais Atem stockte, da sie nicht erkennen konnte, ob er noch lebte. Eine kalte Hand griff nach ihrem Herzen, als sie noch einmal mit zittriger Stimme Neills Namen rief. Erst geschah nichts. Aus dieser Entfernung musste er sie doch gehört haben! Dann öffnete er die Augen, blinzelte und hob müde den Kopf.

Er lebt, dachte Saomai. Er lebt!

So schnell sie konnte, humpelte sie auf den Tempel zu. Beim Näherkommen entdeckte sie blutige Striemen in Neills Gesicht, seine Leinenhose war dunkel vor Dreck und rostbraune Blutflecken tränkten sein Shirt. Aber egal. Er lebte! Saomai schleppte sich die letzten Meter zu ihm und warf sich in Neills Schoß. Sie zitterte am ganzen Leib und brachte keinen Ton hervor. Sie hielt Neill umklammert und dankte den Göttern, dass sie ihn verschont hatten. Nach einer Weile hob sie den Kopf und sah unsicher zu ihm auf. Neill hatte sich kaum geregt und sagte nichts. Jetzt bemerkte sie, dass sein Blick ins Leere ging.

„Neill, ist alles in Ordnung?“, fragte Saomai ängstlich.

Vielleicht war er doch verletzt, hatte innere Blutungen. Die Ärztin in ihr erwachte und begann mit fahrigen Händen, seinen Brustkorb abzutasten.

„Tut das weh?“, fragte sie, als sie die Bauchdecke abklopfte.

„Nein.“

Neill nahm ihre Hände und hielt sie kraftlos in seinen.

„Ich bin ok“, sagte er mit schleppender Stimme. „Ist nicht so schlimm.“

Von seiner linken Hand troff Blut. Saomai drehte sie um. Ein tiefer Schnitt zog sich vom Zeigefinger bis zum Handgelenk. Erst jetzt bemerkte Saomai den großen feuchtschimmernden Fleck auf dem Steinquader neben ihm. Deshalb war er so lethagisch.

Ich muss den Blutfluss stoppen, dachte sie.

Verzweifelt sah sie an sich herunter, suchte etwas, das sich zum Abbinden der klaffenden Wunde eignete. Ihre verdreckte Shorts würde sich kaum zerreißen lassen. Also musste ihr T-Shirt herhalten. Sie sprang auf, um es sich über den Kopf zu ziehen, als Tuk mit fünf jungen Männern im Schlepptau auftauchte.

„Ist er verletzt?“, rief die Krankenschwester schon von weitem.

„Ja.“ Und als sie näher kamen: „Ich brauche einen Druckverband.“

Tuk wühlte in dem großen Lederbeutel, der an ihrer Schulter hing und zog Sekunden später eine Mullbinde hervor. Triumphierend hielt sie sie Saomai entgegen, griff erneut in ihre Handtasche und kramte eine weitere hervor.

„Taataa“, sagte sie stolz, „alles da für einen perfekten Druckverband!“

Sie lachte. Ein Lächeln machte sich auch in Saomais erschöpftem Gesicht breit. Dann fiel ihr etwas ein.

„Wo sind denn diese Typen eigentlich hin?“, fragte sie in die Runde.

Ein hübscher Kerl von etwa fünfundzwanzig Jahren trat hervor. Schüchtern sah er Saomai an. Tuk musste erzählt haben, dass sie Ärztin war, sonst hätte er vor seinen Freunden sicher ein anderes Auftreten an den Tag gelegt, das sah Saomai in seinen stolzen Augen.

„Wir kamen zufällig den Weg vom Fluß entlang und haben gesehen, wie ein Mann verfolgt wurde. Das war kurz bevor Tuk angerufen hat.“

Mit einem anerkennenden Blick auf Neill fuhr er fort: „Er hat sich ganz gut selbst verteidigt. Für einen aus dem Business District.“

Die Menschen hier sahen sofort, woher einer kam, das war Soamai klar. Neills Kleidung, seine Haltung, allein sein Haarschnitt verrieten jedem Thailänder, in welchem Viertel Bangkoks er lebte. Aber was hatte der Junge gesagt? Neill hatte sich selbst verteidigt? Ungläubig sah sie ihn an, während sie geschickt seine Hand verband. Neill schien das Geschehen nur noch benommen wahrzunehmen.

„Tuk“, fragte Saomai, als sie fertig war, „können wir ihn in deinem Auto zum Krankenhaus bringen?“

In Saomai nagte ein Verdacht. Kaum, dass Neill versorgt und in einen heilsamen Schlaf gefallen war, rief sie Tuk zu sich.

„Dr. Saomai, Sie müssen sich jetzt auch untersuchen lassen“, begann die Krankenschwester mit einem besorgten Blick auf Saomais Blessuren an Händen und Knien. „Besonders Ihren schlimmen Fuß!“, setzte sie nach.

Auf dem kurzen Weg vom Tempel zum Auto hatte sie Saomai gestützt, die bei jedem Schritt vor Schmerzen gestöhnt hatte.

„Später, Tuk“, sagte Saomai ungeduldig. „Vorher muss ich noch einmal mit deinen Brüdern sprechen.“

„Warum denn das?“, fragte die kleine Thai überrascht.

„Es hat mit diesen Männern zu tun. Ich möchte wissen, ob deinen Brüdern etwas an ihnen aufgefallen ist.“

„Gut, dann lasse ich sie herkommen. Aber in der Zwischenzeit gehen Sie zu Dr. Nadee!“, beharrte Tuk. „Er hat darauf bestanden, sie persönlich zu verarzten.“

****

Neill wand sich in einem apokalyptischen Traum. Die gespaltene Zunge einer Riesenechse schnellte ihm aus dem Dschungeldickicht entgegen, durch das er und Saomai sich barfuß kämpften. Das Tier hatte sie gewittert, gab ein furchterregendes Brüllen von sich und richtete sich auf baumstammdicken Beinen fast mannshoch auf. Wie ein ledriges Kettenhemd hing die Haut an dem grauen Steinzeitgiganten.

„Die fressen nur Aas“, sagte Neill beschwichtigend zu Saomai, blieb jedoch unschlüssig stehen, als sich der Waran vollends aus dem Gebüsch schob. Mit nur einem Schritt seiner seltsam angewinkelten Vorderläufe war das Tier bereits bedrohlich nähergekommen. Neill fasste hinter sich, doch Saomai war nicht da. Dann sah er sie mit verschränkten Armen einige Meter oberhalb der Böschung stehen. Ihre geheimnisvollen Augen musterten ihn kalt. Wie ein Zuschauer, der auf der Tribüne ein sich anbahnendes Duell verfolgte, und dem es egal war, wer als Sieger daraus hervorging. Die Kreatur vor ihm scharrte mit den Krallen im Untergrund, senkte den Kopf und stampfte mit ungelenken Bewegungen auf Neill zu. Dabei riss sie das krokodilähnliche Maul zu einem gigantischen Schlund auf. Verwesungsgeruch stach Neill entgegen und ließ ihn fast ohnmächtig werden. Neben sich hörte er Saomai lachen. Noch bevor er sich darüber wundern konnte, war die Echse über ihm. Im Angesicht des Todes kam endlich Bewegung in Neill. Er erinnerte sich der jahrelang einstudierten Techniken des Jiu Jitsu und rollte wie ein Ball über die linke Schulter ab. Der Luftzug des zuschnappenden Mauls streifte seinen Arm und erneut glaubte Neill, dem bestialischen Gestank, der herausströmte, erliegen zu müssen. Dann brachte ihn sein Schwung neben der massigen Schulter seines Gegners wieder zum Stehen. Saomai klatschte kreischend vor Begeisterung in die Hände. Was war nur mit ihr los? Das hier war doch kein Spiel!

Neill überlegte fieberhaft, welcher Körperteil dieses gepanzerten Brockens am empfindlichsten sein mochte. An die Augen war kein Herankommen. Zu groß war die Gefahr eines tödlichen Bisses. Wo sind wir besonders verwundbar, fragte er sich und kannte im selben Augenblick die Antwort: Der Hals. Seine Position war günstig, auch weil das Vieh sich gerade anschickte, eine behäbige Drehung um die eigene Achse vorzunehmen. Mit aller Kraft riss Neill den linken Arm nach oben, um dem Biest seine Handkante in die Luftröhre zu schlagen. Die klauenartigen Krallen der Echse schossen zeitgleich nach vorn. Als sie seine Hand fast durchtrennten, wurde ihm schwarz vor Augen.

Er erwachte, weil jemand seinen Namen rief. Es klang kilometerweit entfernt. War das Saomai? Dann war es wieder leise und Neill drohte in die Dunkelheit zurückgleiten, die eisig nach ihm griff. Da hörte er es erneut.

„Neill! Neill! Bist du hier?“

Dieses Mal näher. Jetzt erkannte er sie ganz deutlich, auch wenn Panik ihre Stimme verzerrte. Ja, das war Saomai!

Augenblicklich begann die Kälte zu weichen. Bewegen konnte er sich dennoch nicht. Ein Gefühl, als wären ihm die Gliedmaßen eingeschlafen, hielt ihn gefangen. Träge öffnete er die Augen und blinzelte in die gleißende Sonne. Wo war er? Ein verwittertes Trümmerfeld lag vor ihm, durch das er schemenhaft Saomai auf sich zukommen sah. Wieso lief sie denn so komisch? Sie kniete nieder und schlang die Arme um ihn. Murmelte unverständliche Worte. Beim Klang ihrer Stimme fiel Neill der Kampf gegen die Echse wieder ein. Und Saomais seltsames Verhalten! Er musste sie später danach fragen. Nicht vergessen, nahm er sich vor, dann wurde es wieder dunkel um ihn.

Als er zum zweiten Mal aufwachte, war es Nacht. Wieder hatte ihn ein Traum gepeinigt. Er hatte Saomai geküsst, mitten in einer Menschentraube kleiner Thailänder, die sie auf dem Bürgersteig umringten. Doch sie hatte sich weggedreht. Wie aus dem Nichts standen plötzlich fünf Männer um sie herum und Saomai hatte gelacht, als sie Neill durch die Straßen trieben. Aber das waren nur vier gewesen. Was war mit dem fünften? Er kam einfach nicht drauf. Doch die Frage bohrte sich in sein Gehirn. Auch jetzt, als er langsam zu sich kam und begriff, dass das piepende Geräusch neben ihm kein Vogelgezwitscher war, sondern ein EKG-Gerät, das seine Herzfrequenz maß. Flashbacks fluteten seinen Kopf. Erst vereinzelt, dann zusammenhängender. Er erinnerte sich an die Männer, die er beim Zurückblicken aus dem Augenwinkel bemerkt hatte. Fünf waren es gewesen, da war er sich sicher. Ein dunkelhäutiger Koloss hatte eine Flasche mit Alkohol an die Lippen gesetzt und in sich hineinlaufen lassen. Er war der einzige gewesen, der ihn später nicht verfolgt hatte. Die anderen Vier hatten ihn kurz vor dem alten Tempel in die Mangel genommen. Jetzt kam auch diese Erinnerung wieder. Der Kampf mit dem Waran war nur ein Traum gewesen! In Wirklichkeit hatte er sich gegen die Typen verteidigt. Bis der eine ein Messer zog und ihn an der Hand erwischte.

Dann waren da plötzlich andere Männer gewesen, junge Thais, und er hatte sich blutend davongeschlichen. Erschöpft schloss Neill die Augen und glitt in einen unruhigen Schlaf zurück. Wieder quälte ihn Saomais Rolle bei dem, was geschehen war. Er hörte sie sagen: „Neill, ich muss dir etwas gestehen. Ich habe dich nicht einfach nur so hierher geführt. In dieses Viertel.“ Dann lachte sie hämisch und verband seine Hand. In seinem Delirium verschwammen die Grenzen zwischen Traum und Wahrheit, zwischen dem, was war und dem, was ihm sein Unterbewusstsein vorgaukelte. Als er schweißgebadet zu sich kam, stand Howard an seinem Bett.

****

Eine Woche war vergangen, seit sich Neill selbst aus dem Krankenhaus entlassen hatte und noch immer war er zu schwach, um aufzustehen.

Tagsüber kauerte er auf dem Sofa im Salon und starrte auf die Skyline. Der Anblick hatte jeden Reiz verloren, wirkte so grau, trist und kahl wie sein eigenes Inneres. Am Abend schleppte er sich müde in sein Schlafzimmer. Unfähig einzuschlafen vor innerem Aufruhr, doch zu ermattet, um die wirren Gedanken und Träume ordnen zu können, die ihn verfolgten. Howard, der ihn aus dem Krankenhaus geholt und einen Privatarzt hatte kommen lassen, sorgte sich sehr um ihn. Neills Wohlergehen schien ihm über Gebühr am Herzen zu liegen. Mit kummervollen Augen blickte er auf seinen Chef, wann immer er ihm einen seiner englischen Spezialtees servierte. Howard hatte sogar eine Krankenschwester engagiert, die in Saomais Zimmer einzog, um sich Tag und Nacht um Neill zu kümmern.

Dass ihre Beine in viel zu knappen Hotpants steckten und ihre drallen Brüste fast aus dem Ausschnitt fielen, wenn sie sich zu ihm herunterbeugte, war Neill erst nach einigen Tagen aufgefallen. Er war zu schwach, um sich darüber zu wundern. Hatte auch keine Energie, die Notwendigkeit der Krankenschwester in Frage zu stellen. Die meiste Zeit des Tages dachte er sowieso an Saomai. Er erinnerte sich, dass sie ihm etwas gestehen wollte, just in dem Augenblick, als die Schläger aufgetaucht waren. Hatte sie denn gewusst, dass die kommen würden? Hatte sie ihn an den Fluss gelockt, wo niemand beobachten würde, was geschah? Immer noch konnte Neill die seltsamen Wachträume nicht von den tatsächlichen Geschehnissen unterscheiden. Doch tief in seinem Inneren spürte er, dass mit Saomai etwas nicht stimmte.

„Wünschen Sie einen Tee, Mr. Ferguson?“

Howards Stimme ließ ihn hochschrecken. Wieder dieser schuldvolle Dackelblick. Mit Howard war doch auch etwas nicht in Ordnung. Wieso gab er sich seit dem Vorfall so devot. Oder bildete sich Neill das nur ein?

„Danke Howard“, murmelte er nachdenklich. „Sagen Sie, hat sich Saomai gemeldet?“

Howards Hände zitterten, als er die duftende Flüssigkeit in eine zierliche Tasse goss, clotted cream und Kandis dazugab und sie Neill überreichte.

„Bedaure, Mr. Ferguson.“

Seltsam, dachte Neill. Dass sie seit einer Woche nicht angerufen hatte, um sich nach ihm zu erkundigen, konnte er einfach nicht begreifen. Es fraß an ihm. Schließlich hatte er sich gerade erst eingestanden, wie sehr er sie mochte. Andererseits passte es ins Bild, wenn sie tatsächlich etwas mit den Schlägertypen zu tun hatte. Nur warum sollte sie ihn verprügeln lassen? Oder gar umbringen, denn dazu waren die Angreifer bereit gewesen.

Wieder grätschte Howard in seine Gedanken hinein.

„Ich mache ein paar Besorgungen für Sie, Mr. Ferguson. In einer guten Stunde sollte ich zurück sein. Aranya wird sich so lange um Sie kümmern.“

Er betonte den Namen der Krankenschwester als ließe er Raum für Spekulationen.

„Ist gut“, bemerkte Neill nebenher. Er war gedanklich schon wieder bei Saomai, versuchte sich zu erinnern, was sie gemacht hatte, nachdem er losgesprintet war, um ihre Handtasche zurückzuholen. Die Handtasche! Natürlich! Sicher war da ihr Handy drin und war nun gestohlen. Deshalb rief sie nicht an. Andererseits konnte sie einfach seine Büronummer wählen – oder herkommen! Nein, es ergab keinen Sinn, dass sich Saomai nicht meldete.

Vom Flur drangen aufgebrachte Stimmen an sein Ohr. Neill öffnete die Augen und blickte in ein weit aufklaffendes Dekolleté. Er blinzelte, bis die Orientierung zurückkam und er Aranya erkannte, die ihm mit einem Tuch die Stirn tupfte. Ihre Nähe war ihm unangenehm und er fuchtelte mit den Händen, um sie abzuwehren. Dabei schoss ein unerträglicher Schmerz durch seine linke Hand. Stöhnend verzog Neill das Gesicht.

„Sehen Sie Mr. Ferguson, das haben Sie jetzt davon“, schalt ihn die Krankenschwester. Ihre prallen Lippen verzogen sich zu etwas, das wohl ein Lächeln sein sollte. Wieder beugte sie sich über ihn und betupfte sein Gesicht. Neill glaubte, in ihrer Oberweite ersticken zu müssen. Mit der unverletzten Hand kämpfte er sich endlich frei und schob sie auf Armlänge von sich. Keine Sekunde später flog die Tür auf und Saomai stand im Türrahmen, hinter ihr der zeternde Howard. Als sie die beiden auf dem Sofa entdeckte, zuckte Saomai zusammen und blickte unsicher zwischen Neill und Aranya hin und her. Er sah ihr an, dass sie sich keinen Reim auf die Szene machen konnte, die sich ihr bot. Einen Augenblick lang dachte Neill, sie würde wortlos kehrtmachen und davonstürmen. Doch dann kam sie langsam näher. Ihm fiel auf, dass sich Saomai auf eine Krücke stützte, um ihren rechten Fuß zu entlasten. Ihren kaputten Fuß. Am Sofa angekommen, heftete sich ihr Blick auf Neill. Traurigkeit war alles, was er darin sah.

„Hallo Neill“, sagte sie leise und ihre Stimme unterstrich ihre Traurigkeit. „Es war wohl keine gute Idee, herzukommen.“

Ehe Neill antworten konnte, rief Howard aufgebracht dazwischen: „Mr. Ferguson, ich konnte sie nicht davon abhalten! Mrs. Saomai hat sich einfach in den Fahrstuhl gedrängt, als ich zurückkam.“

Neills Kopf dröhnte. Was sollte das bedeuten?

Wütend drehte sich Saomai zu Howard um und hieb mit der Krücke in seine Richtung.

„Sie“, zischte sie, „halten den Mund!“

Wie sprach sie denn mit seinem Sekretär? Und was meinte Howard damit, dass er sie nicht daran hindern konnte, sich in den Fahrstuhl zu drängeln? Die wirren Gedanken ließen ihn schwindelig werden. Oder lag es an den vielen Leuten im Raum, die jetzt alle auf einmal redeten?

Mit matter Stimme rief Neill: „Raus! Alle raus hier!“

Drei Augenpaare blickten ihn überrascht an. Aber wenigstens war jetzt Ruhe.

„Alle raus, außer Saomai“, widerholte Neill nun bestimmter.

Howard hob empört zu einer Widerrede an, doch Neill brachte ihn mit seinem Blick zum Schweigen.

„Raus!“, sagte er noch einmal und dieses Mal war seine Stimme ein schneidendes Schwert.

Erschrocken erhob sich nun auch Aranya von der Sofakante. Sie richtete ihr Top, warf die langen Haare in den Nacken und stolzierte auf ihren viel zu hohen Stöckelschuhen zur Tür, wobei sie Saomai verächtlich musterte. Howard trottete hinter ihr her wie ein Hund, der den Schwanz einzog.

Was für ein seltsames Gespann, schoss es Neill durch den Kopf. Dann war er mit Saomai allein. Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt. Nun drehte sie sich um und sah ihm in die Augen. Diese Traurigkeit! Einen Augenblick lang schwiegen sie, dann sprachen beide gleichzeitig.

„Neill, ich habe mir solche Sorgen gemacht! Warum…“

„Wo bist du die ganze Zeit gewesen?“

Sie verstummten, verblüfft über das, was der jeweils andere gesagt hatte.

„Aber…“, begann Saomai, wurde jedoch von Neill unterbrochen, der sie anfuhr: „Du hast dir Sorgen gemacht? Das soll ich glauben?“

In Saomai brach sich der Frust der ganzen Woche Bahn. Im Stundentakt hatte sie angerufen, nur um von Howard abgeschmettert zu werden. Und jetzt zweifelte Neill an ihrer Anteilnahme?

„Was hat dir Howard erzählt?“, fragte sie scharf.

„Was meinst du? Was hätte er mir denn erzählen sollen?“

„Dass ich täglich zwanzig Mal angerufen habe und er mich nicht zu dir durchstellen wollte, zum Beispiel! Dass der Code für den Fahrstuhl geändert wurde und mich Howard nicht heraufgelassen hat, bis ich ihn heute einfach überrumpelt habe. Dass ich ihn angefleht habe, mit dir sprechen zu dürfen, um zu erfahren, was mit dir ist. Hast du eine Ahnung, wie es mir ging, als du einfach aus dem Krankenhaus verschwunden bist und ich seitdem keine Nachricht, keinen Anruf, einfach nichts von dir gehört habe?“

Saomai wusste nicht, ob die Tränen, die ihr über das Gesicht liefen, von der Wut auf Howard herrührten, oder von der Enttäuschung, dass sich Neill nicht die Mühe gemacht hatte, sie anzurufen.

Neill hob überrascht die Augenbrauen.

„Ich wusste nicht, dass du mich sprechen wolltest“, sagte er langsam.

„Wie, das wusstest du nicht? Hat dir Howard denn gar nichts ausgerichtet?“

Ungläubig starrte Saomai ihn an. So etwas würde Neills Sekretär doch nicht einfach tun! Er musste die Anweisung erhalten haben, dass Neill sie nicht sehen wollte. Nur warum, das hatte sie nicht verstanden. Erst als sie eben die vollbusige Schönheit in seinem Arm gesehen hatte, war es ihr klargeworden.

„Nein, das hat er nicht“, antwortete Neill nachdenklich.

Wer spielte hier eigentlich sein seltsames Spiel mit ihm, fragte er sich. Saomai? Oder Howard? Beides machte keinen Sinn für ihn. Neill entschied sich, in die Offensive zu gehen. Saomai endlich wieder vor sich zu haben und nicht zu wissen, woran er war, versetzte ihm einen bitteren Stich. Sein Körper sehnte sich nach ihrem, seine Hände wollten sich nach ihr ausstrecken. Sogar in diesem erbärmlich geschwächten Zustand erregte sie seine Begierde.

„Warum bist du hier, Saomai“, fragte er.

Sie sah ihn seltsam verletzt an.

„Warum ich hier bin? Fragst du dich das wirklich nachdem, was vor einer Woche unten am Fluss war?“

„Erklär mir doch mal, was da unten am Fluss war! Warum wir überhaupt runter an den Fluss gegangen sind, wo diese Typen so leichtes Spiel mit mir hatten!“

Saomais Augen weiteten sich, als sie verstand, worauf Neill hinaus wollte.

„Was willst du damit sagen?“

„Ich versuche, herauszufinden, was an diesem Tag passiert ist, denn an alles kann ich mich nicht erinnern. Was haben wir da unten am Fluss gewollt, Saomai? War es wirklich Zufall, dass da diese Schläger aufgetaucht sind? Ich habe die doch schon vorher gesehen. Die sind uns vom Krankenhaus gefolgt und dann lotst du mich in diesen Hinterhalt… Irgendetwas wolltest du mir da gestehen. Nur was? Dass du mich überfallen lässt? Verprügeln? Ist das das echte Leben, das ich kennenlernen sollte, ja? Vielen Dank, darauf verzichte ich.“

Er brach erschöpft ab.

„Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass ich etwas damit zu tun habe!“, rief Saomai aufgebracht. „Warum um alles in der Welt sollte ich denn wollen, dass dir etwas zustößt?“

Leiser fügte sie hinzu: „Kannst du dich denn nicht erinnern, dass wir einen wundervollen Nachmittag verbracht haben, Neill? Dass du mir gesagt hast, was du für mich empfindest?“

Neill wandte den Blick ab. Natürlich erinnerte er sich. Und wie sehr wünschte er, Saomai wieder in seine Arme zu schließen.

„Neill“, sagte sie eindringlich, „sieh mich an!“

Er schloss die Augen, horchte einige Sekunden in sich hinein. Als er sie wieder öffnete, sah er in ihre großen, nachtschwarzen Augen und wusste, dass sie trotz aller Geheimnisse, die sie in sich trug, die Wahrheit sprach. Er nickte.

„Komm her“, sagte er sanft und breitete die Arme aus.

Aus Saomais schönem Gesicht wich die Anspannung der vergangenen Tage. Zögernd machte sie einen Schritt auf Neill zu, nahm auf der Sofakante Platz und legte die Krücke ab.

„Was ist mit deinem Fuß?“

„Nichts Schlimmes“, sagte sie und erzählte Neill von ihrer Begegnung mit dem Inder.

„In ein paar Wochen ist das vergessen“, endete sie.

Sie hatte sich neben Neill ausgestreckt und ihren Kopf auf seiner Brust gebettet. Nun fielen ihr vor Erschöpfung die Lider zu.

Da also hatte der fünfte Halunke gesteckt! Neill lief ein kalter Schauer über den Rücken, als er sich ausmalte, was der Kerl mit Saomai angestellt hätte, wenn sie ihm nicht entkommen wäre. Sie hat Glück gehabt, dachte er dankbar und hielt sie fest umschlungen. Und Gott sei Dank hat sie nichts mit diesem Überfall zu tun.

Aber wer dann?

****

Er kauerte vornübergebeugt auf dem Betonboden eines leerstehenden Rohbaukellers. Kieselsteine bohrten wie Glassplitter in seine Schienbeine, die graue Stoffhose und der seidene Slip hingen schlaff in seinen Kniekehlen, entblößten den fahlen Hintern. Er wagte nicht, den Blick zu heben. Wagte nicht, Lamom anzusehen, der breitbeinig auf einem Schemel vor ihm hockte und voll Abscheu auf ihn herabsah.

„Du bist ein Idiot“, zischte Lamom. „Hast geglaubt, du nimmst die Dinge selbst in die Hand, ja?“

Er wartete die Antwort nicht ab.

„Wie kommt man bloß auf so einen Schwachsinn?“, schrie er. „Wie kommst DU dazu, Ferguson überfallen zu lassen? Von MEINEN Bautrupps!“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, winselte der Brite. „Ich hab‘ damit nichts zu tun!“

Der Thailänder reckte das Kinn vor und gab einem Hünen, der im Hintergrund wartete, ein Zeichen. Ein erstickter Schrei gellte durch den Keller, als die lederne Reitpeitsche niederfuhr und einen brennenden Abdruck auf dem Gesäß des Engländers hinterließ.

„Lüg mich nicht an!“

„Wirklich, ich weiß nicht, was du meinst!“

Lamom nickte erneut. Klatschend traf das Leder dieselbe Stelle, gefolgt von einem schmerzerfüllten Quieken.

„Hör auf zu jammern“, schnaubte Lamom verächtlich. „Wenn du dich nicht bald erinnerst, packt Sulak noch ganz andere Spielzeuge aus.“

Er lachte böse.

„Bitte nicht!“, winselte der Mann und zerrte an dem im Boden verankerten Eisenring, der seine Fesseln hielt.

„Bitte nicht“, bettelte er noch einmal. Dann ließ ihn die Angst vor der Bestrafung einknicken.

„Ich war’s“, gestand er mit heiserem Krächzen. „Ich war’s ja.“

Hemmungsloses Schluchzen schüttelte seinen behäbigen Körper. Geifer und Tränen liefen ihm über Gesicht und Hals, sammelten sich im Ausschnitt seines schweißnassen Hemdes.

„Was warst du?“

Lamoms Stimme war ein unheilvolles Flüstern im Nacken seines Opfers.

„Ich hab Ferguson und Miss Saomai überfallen lassen“, stammelte der Engländer und holte eilig Luft, um eine Erklärung folgen zu lassen. „Ich dachte, dann hat er genug von ihr.“

Die Peitsche surrte ein drittes Mal auf ihn herab, ließ die Haut aufplatzen.

„A-a-a-a-h-h-h!“

„Du bist so erbärmlich“, fauchte Lamom ungerührt. „Und ebenso dämlich! Hast geglaubt, das ist clever, hm? WAR ES ABER NICHT!“

Seine Wutschreie hallten an den nackten Wänden wider.

„Ferguson glaubt nämlich, dass er einen der Typen erkannt hat. Von der Großbaustelle im Westend!“

Die Luft erzitterte, als Sulak noch einmal zuschlug. Das schmale Leder traf zum vierten Mal sein Ziel, gefolgt von einem unmenschlichen Wimmern.

Lamom war noch immer in Rage.

„Aber das ist ja noch nicht alles! Du musstest ja auch noch den Strategen spielen und die kleine Thaischlampe nicht mehr zu ihm lassen. Dass er dich dafür nicht rausgeschmissen hat, grenzt an ein Wunder!“

„Das habe ich Miss Saomai zu verdanken.“

Die Worte waren kaum zu hören gewesen.

„Ach wie rührselig“, äffte Lamom mit fiepsiger Stimme nach, um im nächsten Moment loszubrüllen: „Wenn er dich gefeuert hätte, wärst du nutzlos für mich. Kapierst du das? Weißt du, was ich mit deinem kleinen Video mache, wenn du nutzlos für mich wirst? Das geht dann an meine Freunde bei der Polizei und du wanderst ins Bang-Kwang-Gefängnis, wo dein schlaffer Arsch die nächsten zehn Jahre von Drogendealern und Massenmördern durchgevögelt wird!“

Heulend wand sich der Mann vor ihm.

„Howard, Howard“, sagte Lamom mit gespieltem Bedauern, „Ich fürchte, ich muss dir eine Lektion erteilen.“

Er wurde ernst.

„Ich lasse dich jetzt mit Sulak allein. Er weiß, wie man Gehorsam beibringt. Damit das nicht noch mal passiert!“

Mit mitleidlosem Lachen erhob sich Lamom und blieb vor dem am Boden knienden Engländer stehen, dessen rotverweintes Gesicht seinen Schritt berührte.

Der winselte und stöhnte und wand sich.

„Hör auf zu jammern und zeig ein wenig Dankbarkeit gegenüber deinem Herrn!“

Howard nickte wie eine willenlose Marionette, deren Fäden der über ihm stehende Lamom in Händen hielt. Seine Stirn rieb dabei gegen dessen Genitalien. Als er um Gnade bittend zu ihm aufsah, gab Lamom dem Hünen ein Zeichen. Sulak öffnete einen silbernen Koffer und begann sein sadistisches Spiel.

****

Im Umkleideraum des Memorial Hospital genoss Saomai die heiße Dusche nach einem anstrengenden Tag. Langsam machte ihr unsteter Lebenswandel ihr zu schaffen. Seit sie mit Neill liiert war, stand sie jeden Morgen um sechs Uhr auf. Um sechs Uhr vierzig nahm sie den Bus, der sie aus dem Bankenviertel, in dem sein Apartment lag, in den Westen der Stadt brachte. In der Silom Road stieg sie um bis nach Chinatown. Von dort war es noch ein kurzer Abstecher per Expressboot bis zum Krankenhaus. Es lag etwas abseits der von Touristen überlaufenen Altstadt. Kurz vor halb acht kam sie hier an, fuhr hinauf in die Kinderabteilung im zehnten Stock und schlüpfte in ihren weißen Kittel und Gesundheitsschuhe. Sie nahm ihr Stethoskop und das unverzichtbare Diktiergerät aus ihrem Spind und wappnete sich für eine anstrengende Zwölf-Stunden-Schicht. An einem normalen Tag versorgte sie vierzig bis fünfzig ihrer kleinen Patienten. Heute waren es deutlich mehr gewesen. Hinzu kam die Operation von Nang, einem vietnamesischen Mädchen, das mit Verdacht auf Nierenversagen eingeliefert worden war. Wie viele ausländische Patienten war auch Nang nicht krankenversichert. Ihre Eltern waren Einwanderer, die Familie hauste vermutlich in einem der Slums am Stadtrand von Bangkok. Eine Versicherung zählte nicht zu den Dingen, die sie sich leisten konnten. Deshalb stand Nang keine Niere aus dem Pool der staatlichen Spenderorgane zu. Saomai hatte heftig mit Direktor Wong gestritten, weil er darauf bestand, dass sie die Formalien einhielt. Lieber ließ er ein kleines Mädchen sterben! Am Ende hatte Saomai zwei Tage lang mit sämtlichen Medizinern telefoniert, die sie aus ihrem Studium und von internationalen Ärztekongressen kannte. Sogar einen Freund ihres verstorbenen Vaters in New York hatte sie angerufen. Gestern Abend war endlich die passende Niere eingetroffen. Der Eingriff, den sie gleich heute früh mit zwei Ärztekollegen durchgeführt hatte, war gut verlaufen. Seitdem war Nang stabil gewesen, befand sich aber in einem Dämmerzustand, der Saomai beunruhigte. Sie wollte noch einmal nach der Kleinen sehen.

Als sie sich gerade die Haare trocken rieb, betrat Tuk den Umkleideraum. Seit dem Vorfall vor sechs Wochen wich ihr die Krankenschwester kaum von der Seite, wenn sie dieselbe Schicht teilten. Sorgsam achtete sie darauf, dass Saomai ihrem verheilenden Fuß genügend Pausen gönnte. Saomai war dem kleinen Energiebündel dankbar für ihre Fürsorge und lächelte sie herzlich an.

„Was gibt es denn, Tuk?“

Spitzbübisch hielt Tuk ein kleines Fläschchen in die Höhe.

„Ich glaube, Sie haben das hier stehenlassen, Dr. Saomai!“

„Ach, der Schlangenwein von Nangs Mutter!“, erwiderte Saomai schmunzelnd. „Den darf ich natürlich nicht vergessen! Stell ihn doch bitte zu meinen Sachen!

Tuk sah ihr forschend ins Gesicht. Dann setzte sie das Fläschchen ab, lächelte Saomai zu und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um.

„Dann geht es Ihrem Freund also besser?“, fragte sie neugierig.

„Wie meinst du das, Tuk?“

„Na, wenn Sie doch den Schlangenwein brauchen!“

„Ach so. Ja, also weißt du“, murmelte Saomai ausweichend.

Sie konnte Tuk unmöglich erzählen, wie sie zu Neill stand. Da war ja nichts – außer, dass sie jede Nacht miteinander schliefen. Aber er war nicht ihr Freund. Oder zumindest kein Mann, von dem sie in diesem Sinne hätte sprechen können. Ihr Verhältnis war nach wie vor eine Vereinbarung.

Während sie noch nach einer Antwort suchte, hatte Tuk den Raum längst verlassen. Nachdenklich ließ sich Saomai auf die Bank vor ihrem Spind nieder. Was war Neill eigentlich für sie?

In erster Linie der Mensch, der sie zu Lamom Benjawan führen sollte. Sie musste sich allerdings eingestehen, dass das längst nicht mehr der Grund war, warum sie jeden Abend zu ihm fuhr. Rache war seit dem Mord an ihrem Vater ihr Antrieb gewesen. Doch in den letzten Monaten hatte sie das oft genug einfach vergessen. Sie genoss Neills Gesellschaft. Der Sex mit ihm war fantastisch. Eigentlich war es das Beste, was sie je erlebt hatte. Immer noch überraschte er sie jeden Abend mit Liebesspielen, die unglaublich zärtlich waren – und zugleich unendlich verrucht. Wenn sie nur daran dachte, wie er sie letzte Nacht… Aber das allein war es nicht! Er war scharfsinnig und amüsant. Neben ihrem Vater war er der erste wirklich interessante Mann in ihrem Leben. Sie bedauerte sehr, dass sie ihm einen wesentlichen Teil ihrer Geschichte vorenthalten musste. Dass sie ihn vielmehr belog. Aber wie sollte sie ihm jetzt noch gestehen, dass sie eigentlich Ärztin war und keine Masseurin?

Nach dem Überfall hätte sie es ihm beichten müssen, das wusste sie. Doch wieder hatte sie die Gelegenheit verstreichen lassen. Die Lüge lastete schwer auf ihr und ihr fiel nichts ein, wie sie sich Neill jetzt noch offenbaren konnte, ohne zu riskieren, dass er sie als Schwindlerin hinauswarf. Und das, wo sich noch immer keine Gelegenheit geboten hatte, Lamom Benjawan zu begegnen! Saomai fragte sich, wie Neill mit diesem Fiesling Geschäfte machen konnte. Er musste doch spüren, dass sein Partner über Leichen ging. Das sah man dessen eiskaltem Blick ja förmlich an! Ahnte Neill wirklich nichts? Oder wollte sie das nur glauben?

Betrübt über den Zweifel, der wie ein Funke in ihr züngelte, aber auch darüber, dass sie Neill nicht von der glücklichen Rettung der kleinen Nang würde berichten können, begann Saomai, sich anzuziehen. Ihr Blick fiel auf das kleine Fläschchen. Schlangenwein. Nangs Eltern hatten die Operation natürlich nicht bezahlen können. Doch wie die meisten mittellosen Menschen gaben sie, was sie besaßen. Schlangenwein galt vielen Asiaten als Aphrodisiakum – eine Kostbarkeit. Was hatte Nangs Mutter noch gesagt, als sie es ihr übergab?

„Du machen deine Mann davon trinken. Dann haben viele, viele Freude!“

Dabei hatte sie fröhlich gekichert.

Saomai hatte protestiert und behauptet, dass sie gar keine Verwendung hätte. Doch Mutter Nang sah ihr wissend in die Augen und flüsterte: „Macht gute Sex noch besser.“

Also hatte Saomai das Fläschchen angenommen. Sie hatte keine Ahnung, wo sie es im Laufe des Tages stehen gelassen hatte, aber nachdem es ihr Tuk nun nachgetragen hatte, sollte es wohl zum Einsatz kommen. Nicht, dass sie als Ärztin an die erregende Wirkung von in Wein eingelegten Schlangen glaubte! Aber bei dem Gedanken, es Neill heimlich in den Drink zu geben und abzuwarten, was passierte, spürte sie ein wohliges Kribbeln. Schnell zog sie sich an, verschloss ihre Instrumente, warf Arztkittel, Socken und die weiße Hose in einen Schacht, der in der Reinigung mündete und hastete über den Flur.

Nangs EKG-Gerät ließ gleichmäßige Herztöne vernehmen und auch die Anzeigen auf dem Monitor über ihrem Bett gaben keinen Grund zur Besorgnis. Saomai strich dem schlafenden Mädchen über die Wange, fühlte die Temperatur ihrer Stirn. Dann verließ sie beruhigt das kleine Zimmer. Erst im Hinausgehen bemerkte sie Nangs Mutter, die im Halbdunkel auf einem Besucherstuhl kauerte. Sie nickte ihr freundlich zu, flüsterte „Gute Nacht“ und erhielt zur Antwort ein dankbares, zahnloses Lächeln.

Auf dem Heimweg döste Saomai immer wieder ein. Draußen war es bereits dunkel und sie war hundemüde. Doch je näher sie dem Bankenviertel kam, umso mehr regte sich ihre Phantasie. Sie würde Neill einen Drink mixen und sich dann in ihr Zimmer zurückziehen. Dort würde sie abwarten, wie lange es dauerte, bis er es nicht mehr aushielt. Bei der Vorstellung, ihn mit hart geschwollenem Glied vor ihrer Tür aufzulesen, in ihr Zimmer zu ziehen und sich von ihm nehmen zu lassen, wurde sie fast fiebrig. Endlich stoppte der Bus und sie stieg aus. Noch fünfzig Schritte bis zum Eingang des gläsernen Wolkenkratzers, dreiunddreißig Sekunden, bis der Fahrstuhl sie ins siebzigste Stockwerk katapultierte und weitere zwanzig Sekunden, bis sie Tasche, Schuhe und ihr Halstuch im Garderobenschrank verstaut hatte. Dann endlich betrat sie das Wohnzimmer. Neill saß auf dem Sofa und blickte hinunter auf die beleuchtete Stadt. Er wandte den Kopf, sah sie an und lächelte.

„Schön, dass du da bist“, sagte er mit einer Stimme, die verriet, dass er es genau so meinte.

Er stand auf.

„Gerade wollte ich mir einen Drink machen. Möchtest du auch einen?“

Saomai dankte den Göttern und antwortete hastig: „Bleib sitzen, ich mache das schnell.“

„Aber du siehst müde aus. Setz dich her, ich übernehme das.“

Schon kam er auf sie zu. Saomai lief ihm entgegen, drückte ihn sanft zurück auf das Sofa und beharrte darauf, dass er blieb, wo er war. Neill nahm ihre Hand und hielt sie für einen Moment in seiner. Bevor er sie freigab, streifte er mit den Lippen die Innenseite ihres Handgelenks.

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