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Ein Lebenstraum
Roman
von
Julie Burow

Inhaltsverzeichnis
Erster Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechszehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Zweiter Teil.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Achtunddreißigstes Kapitel.
Neununddreißigstes Kapitel.
Vierzigstes Kapitel.
Einundvierzigstes Kapitel
Zweiundvierzigstes Kapitel.
Dreiundvierzigstes Kapitel
Vierundvierzigstes Kapitel.
Fünfundvierzigstes Kapitel.
Dritter Teil.
Sechsundvierzigstes Kapitel.
Siebenundvierzigstes Kapitel.
Achtundvierzigstes Kapitel.
Neunundvierzigstes Kapitel.
Fünfzigstes Kapitel.
Einundfünfzigstes Kapitel
Zweiundfünfzigstes Kapitel.
Dreiundfünfzigstes Kapitel.
Vierundfünfzigstes Kapitel.
Fünfundfünfzigstes Kapitel.
Sechsundfünfzigstes Kapitel
Impressum
Erster Teil.
Erstes Kapitel.
In Tilsit war großer Ball. Der glänzendste im Jahr. Der Pferdemarkt, dies Ereignis im Leben der ostpreußischen Landbesitzer, versammelt in der Mitte des November alle in der hübschen Kreisstadt.
Viele Polen und Russen finden oder fanden sich, zur Zeit, da unsere Erzählung beginnt, dann auch dort ein. Ein reges Leben herrscht auf wenige Tage in allen Straßen; der Schluss desselben ist eben jener Ball, zu welchem die Hallen des alten Schlosses am Niemen aufs Beste geschmückt waren, während aus der langen Reihe seiner gotischen Bogenfenster ein voller Lichtstrom dem Wagen entgegenstrahlte, der eben dumpf rollend über die Zugbrücke fuhr.
Die Insassen desselben waren ein Herr und zwei Damen, von denen die eine eben nicht besonders platziert war, da sie, rückwärts sitzend, vor dem niederrieselnden, eiskalten, mit Schnee gemischten Regen nur durch ihr Mäntelchen und ihre Kapuze geschützt wurde; denn der Wagen hatte nicht die Bequemlichkeit eines Hinterverdeckes. Da indes die Fahrt vor der erleuchteten Halle des Schlosses ein Ende hatte, so war die Sache zu ertragen, besonders für ein fünfzehnjähriges Kind, das zum ersten Mal im Leben die Herrlichkeit eines Balles schauen sollte. Wie ihr das Herz schlug, der Kleinen! Man hätte es gegen die rosenrote Schärpe klopfen sehen können, wenn irgendein Auge sich die Mühe genommen, unter das graue Mäntelchen zu schauen, das leicht über den einfachen Ballputz geworfen war.
»Zieh’ die Füße zurück, Lorchen«, sagte der Herr auf dem Vordersitz, indem er seine auffallend lange Gestalt aus verschiedenen winterlichen Hüllen herauswickelte, und während er den Kopf unter dem Verdeck hervorstreckte, bemerkte er, ebenso neu als geistreich:
»Es ist ein erbärmliches Wetter!«
Dagegen ließ sich nichts einwenden. Die Damen schwiegen also und ließen sich die Kavalierdienste ihres Begleiters gefallen, die mit ziemlicher Gewandtheit geleistet wurden. Dann reichte er mit einer echten Ehemanns-Gleichgültigkeit der einen den Arm, und Lorchen folgte dem Paare durch die hallenden Korridors über eine breite, hell beleuchtete, mit Tannenzweigen und Papierblumen geschmückte Treppe, bis zu einer Tür, über der mit großen gotischen Buchstaben geschrieben stand:
»Damengarderobe.«
Wer auch nur fünfzig Schritt durch eine nordische Novembernacht gefahren, muss, wenn er sich im Lichte zeigen will, zuvor seine Kleidung ordnen.
Die beiden Damen legten also ihre Hüllen ab und die Ältere rollte lange, rabendunkle Locken noch einmal über ihre schlanken Finger, und ließ sie dann auf eine Stirn niedersinken, die, weiß und leer wie ein Blatt Postpapier, ein Gesicht von seltener Regelmäßigkeit krönte. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr zu ihrer vollen Herzensbefriedigung, dass niemand ihr die achtundzwanzig Jahre ansehen konnte, die sie nun schon seit vier Wintern zählte und dass ihr neues Kleid von amaranthfarbigem Satin ihr vortrefflich stand. Auch Lorchen sah verstohlen in den Spiegel, und während sie mit einer auffallend kleinen bräunlichen Hand die aschfarbigen Haare glättete, wollen wir versuchen, das Bild zu beschreiben, das sie darin er blickte.
Es war das eines schlanken Mädchens, das kleiner erschien als es war, weil alle Glieder, im allervollkommensten Ebenmaße stehend und mit der leichtesten Anmut bewegt, den Eindruck des feinen Zierlichen auf den Beschauer hervorbrachten. Das Gesicht – ja schön war es nicht, dazu war die Stirn zu hoch, die Lippe zu schmal, die samtene Wange, welche der Scheitel so hübsch umschloss, zu bräunlich. Nur das Auge hätte der ärgste Tadler für schön, für wunderbar schön erklären müssen, dies Auge tief und dunkelblau, wie das Bild des Himmels, das uns aus den ruhenden Wellen des Meeres entgegenschaut. Eine eigene Zierde für das liebreizende Kind waren auch die prächtigen Flechten von der seltensten Färbung und die blendend weißen Zähnchen, die sich aber fast gänzlich hinter die feinen Lippen versteckten.
Es lag etwas in dem Gesichte des jungen Mädchens, das Teilnahme erweckte, das leise erzählte, wie diese schönen Augen sich schon im Weinen geübt, diese sanften Lippen schon im Schmerz gebebt hatten.
Jetzt freilich lächelten sie gar fröhlich, und in den Augen glänzte das Feuer der Erwartung. Ein Ball, ein großer glänzender Ball! Welche Vorstellungen verbindet die Phantasie eines jungen Mädchens mit diesem Worte, und Lorchen gehörte zu denjenigen, deren Phantasie einige Ähnlichkeit mit den Rossen am Wagen des weiland verstorbenen Ikarus haben.
»Seid Ihr fertig?« fragte der Begleiter, den Kopf in die Tür steckend, als Lorchen eben noch einen ganz fröhlichen Blick auf den Rosenknospenkranz heftete, der die ungewöhnliche Höhe ihrer Stirn etwas verminderte.
»Wir kommen!« antwortete seine Frau, und nach einer Minute stand Lorchen zum ersten Mal in einem hell erleuchteten Ballsaale.
Eine Flut von Licht, ein Meer von Feuer, strömten ihr blendend entgegen. Um die Säulen, welche die Decke trugen, drehten sich geschmückte Paare im einfachen deutschen Walzer. Die hellblauen Uniformen der Dragoner-Offiziere von der Besatzung kontrastierten seltsam mit den schwarzen Fracks der Zivilisten und den goldgestickten Krägen der Herren vom Landstande. Lorchen befand sich im Mittelpunkte einer märchenhaften Pracht, oder eigentlich befand sich der Mittelpunkt derselben in ihr, in ihrem frischen phantasiereichen, nach Glück und Genuss durstenden fünfzehnjährigen Herzen, und als sie nun gar in den Armen eines stattlichen jungen Mannes in Landstands-Uniform dahinflog, getragen von jener sanften Musik, deren ganzen Zauber nur der Deutsche kennt, da wogte in ihr ein Strom von Vergnügen, ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Das kleine Mädchen, das in einsamen Stunden so düster, so traurig aussehen konnte, war schön, nicht wie ein Engel oder Seraph, sondern wie ein reizendes Weib. Ein ältlicher rotwangiger Herr, dem man es am Schnitt seiner Weste ansehen konnte, dass er im Alltagsanzuge seine eigne, aus Stallgeruch, Tabaksdampf und den Dünsten des Maischbottichs zusammengesetzte Atmosphäre mit sich herumtrug, fasste seinen Nachbar, einen großen blassen Mann von ganz städtischer Tournüre am Rockknopf und fragte so laut, dass alle Umstehenden es hörten:
»Wer zum Teufel, Justizrat, ist das hübsche Mädchen, das dort eben mit dem Baron von Kandern walzt? Die dort rechts, mit dem Rosenkranz und dem Füßchen, das man wie einen jungen Vogel in der hohlen Hand halten könnte.«
»Freut mich, dass sie Ihnen gefällt, Herr Ober-Inspektor, es ist niemand anders als die Nichte meiner Frau, Leonore Arnold«, entgegnete der Gefragte mit einem eigentümlichen Lächeln.
»Was, was, na unmöglich, doch nicht die Tochter von Ihrer Frauen Schwester, die mit dem Schauspieler Arnold davonging? Na unmöglich! Mir ist, als wenn die Geschichte, die die ganze Welt halb toll machte, erst gestern geschehen wäre. Ah, ein Sakkermentskerl war der Arnold, und ihre Schwägerin war ein hübsches Ding zu ihrer Zeit.«
»Sie ist ihre Tochter«, entgegnete der Justizrat mit einigem Ernst, »und wir haben sie seit sechs Wochen zu uns genommen, weil sie in den Umgebungen, wo sie aufwuchs, wahrscheinlich zugrunde gegangen wäre. Die Mutter starb vor sechs Jahren. Damals schon wollten meine verstorbenen Schwiegereltern das Kind haben, aber der Vater verweigerte es ihnen! Jetzt hat er sich anders besonnen. Er schrieb selbst an uns und trug uns das Mädchen an. Er hat zum zweiten Mal geheiratet, die Stiefmutter ist auch Schauspielerin, Prima-Donna einer in der Mark irgendwo vagabundierenden Truppe, und mag die erwachsene Tochter als keine sehr angenehme Zugabe betrachtet haben. Wir nahmen sie natürlich, wir sind kinderlos, meiner Frau ist die Gesellschaft und gelegentliche Aushilfe des Mädchens bei häuslichen Arbeiten angenehm, und meiner Schwiegermutter letzter Wunsch geht in Erfüllung; denn sie starb, indem sie uns bat, das Kind ihrer ältesten Tochter nicht aus den Augen zu lassen.«
»Ich habe sie gekannt! Ich habe sie gekannt, die wackere alte Dame«, sagte der Ober-Inspektor mit trübem Kopfnicken. »Sie hat es nie vergessen können, dass ihre Älteste, ihr Stolz, ihres Herzens Liebling sich zu einem Gespött gemacht hatte. Und der Oberst, der ehrliche Haudegen! Wissen Sie, Justizrat, ich war noch halb und halb ein Junge, kaum zwanzig Jahre alt, als Anna von Korff den Teufelsstreich machte, aber Gott strafe mich, ich habe geweint, als ich den alten Soldaten sah, dem man sein Bestes, sein Kind, geraubt hatte.«
»Kannten Sie den Schauspieler Arnold, Herr Ober-Inspektor?«
»Hm ja! So halb und halb, hab’ ihn auf dem Theater gesehen, auch ein paarmal in der Weinstube drüben! Er spielte Heldenrollen und so die – wie nennt man sie – die Schändlichen, die in den Stücken vorkommen. Es war nichts Besonderes an dem Kerl zu sehen, er hatte nicht einmal eine rechte Figur, ich bin wenigstens gute zwei Zoll größer als er, aber reden konnte er wie ein Buch.«
»Vielleicht auch aus einem Buch«, sagte der Justizrat mit seinem gewöhnlichen Lächeln, das zwei Reihen blendender sehr großer Zähne entblößte.

Zweites Kapitel.
Das junge Mädchen, die Veranlassung dieses Gesprächs, stand während desselben am obern Ende des Saales neben ihrem stattlichen Tänzer.
»Sie sind zum ersten Mal in dieser Gesellschaft, mein Fräulein?« fragte derselbe, seinen hübschen Kopf zu ihr neigend.
»Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Ball.«
»Und doch eine so graziöse Tänzerin!«
»Ich weiß nicht, ob ich das bin, mein Herr, aber ich denke, das wäre kein besonderer Vorzug; tanzen mein’ ich, kann jeder, der Atem holt und noch vieles, was das nicht einmal tut; tanzen doch Ball und Kreisel und das Geldstück oder der Knopf, den Sie auf dem Tisch einmal drehen, und wie heißt’s in dem Liedchen:
›O – der unnennbaren Seligkeit
Unter der Hörner Getön
Traulich in süßer Umschlungenheit
Sich wie die Sphären zu dreh’n!‹«
Baron Kandern warf einen erstaunten Blick auf das glühende Angesicht seiner Tänzerin. Wo in aller Welt hatte das junge Geschöpf mit den Sternenaugen das anstößige Zitat her? Aber in diesen Augen lag nichts, nichts als vollständige Unschuld und eine leuchtende funkelnde Freude, die seltsamerweise für den Beobachter etwas Rührendes, fast Schmerzendes hatte.
»Sie sind in dieser Gegend nicht heimisch?« begann er von Neuem zu fragen, doch Leonore deutete mit dem Finger auf das ihnen vortanzende Paar, das sich eben zur neuen Tour anschickte; Kandern legte seinen Arm um ihre feine Taille und dahin flogen sie; mit ihrer Tour war auch der Tanz beendet, Leonore musste ihrem Tänzer die Antwort auf seine Frage schuldig bleiben. – – –
Eine Nacht des Vergnügens verfliegt wie Champagner-Schaum, auch Lorchens erste Ballnacht war vorüber, sie hatte jenen unruhigen, von Tanzmusik durchbrausten, von Träumen durchwebten Schlaf gehabt, der einer solchen zu folgen pflegt, und stand bleich und mit abgespannten Nerven am Fenster ihres kleinen Stübchens. Der Schnee wirbelte in dichten großen Flocken um die Giebel und Dächer der Häuser, die sie von dort sehen konnte. Es war ein Teil der Hinterfronte der Hauptstraße, und wie anders sah sie aus als ihre Vorderseite. Blinde Fenster ohne Gardinen, Hoftüren, aus der schlumpige Mägde den Kehricht gleich an die baufällige Treppe geworfen, um sich den Weg bis zur Düngergrube zu sparen, die wenige Schritte davon entfernt, jetzt vom Schnee mit einer zarten Decke überwebt wurde. Ställe, aus denen Vieh hervorbrüllte und rechts dicht neben ihr, der Hof eines Schlächters, in dem eine Blutlache noch rot durch den Schnee schimmerte und an Leinen und Stäben in hässlichen Girlanden, die Gedärme verschiedener Tiere aufgehängt waren. Es lief ein Grauen durch des jungen Mädchens Glieder bei diesem Anblick.
»O wie unangenehm«, dachte sie, »sieht doch das ganze Leben von seiner Kehrseite aus, und wie viel wahrer ist die eigentlich, als die vordere. Hier zeigen sich die Menschen, wie sie sind, dort, wie sie uns scheinen wollen. An jedem Hofe sieht man, was für Leute das Haus bewohnen. Pfui, wie garstig! So garstig wie – der Tag nach einem Ball.«
Sie setzte sich matt auf den Stuhl am Fenster und stützte den Kopf in die Hand.
Er war wüst und brannte.
»Kann man sich noch auf einen Ball freuen, wenn man weiß, wie hässlich einem den Tag darauf zumute ist? Gewiss, ich möchte niemals mehr tanzen, niemals! Wie ein Spuk kommt mir die gestrige Aufregung und Luft vor.«
Sie wandte sich vom Fenster ab. Auf der Kommode ihres Stübchens lag der Rosenknospenkranz, der ihr gestern so ausnehmend gefallen.
»Rotgefärbte Zeugläppchen und grünes Papier«, flüsterte sie vor sich hin, »die schlechtesten Lappen, die es gibt, kann man zu Blumen der Art verarbeiten. Ja! eine Rose, eine wirkliche Rose! Die ist schön, sie duftet, sie lebt, und eine Hand voll Veilchen! Ha, wer die jetzt hätte! Blauveilchen, Kinderaugen des lieben Waldes, wann werdet ihr euch wieder öffnen und mich anlächeln?«
In diesem Augenblick klopfte man an ihre Tür und auf ihr: »Herein!« erschien ein Diener in grauer silbergestickter Livree und fragte:
»Hab’ ich die Ehre, Fräulein Leonore Arnold vor mir zu sehen?«
»Ja«, entgegnete die Kleine ziemlich betreten.
»Eine Empfehlung an Sie, mein Fräulein, ich habe den Befehl, das hier abzuliefern.«
Er setzte dabei einen Zentifolienstock, dessen Knospen sich eben röteten, ein über und über blau blühendes Töpfchen Winterveilchen und eine Anthemis, deren Sternblumen von geschlagenem Golde zu sein schienen, an das Fenster und war verschwunden, ehe Lorchen auch nur hätte fragen können, wer ihn beauftragt und für wen diese schönen Blumen bestimmt? Sie standen vor ihr, in aller Pracht ihrer natürlichen Schönheit, als ob die Feen sie auf ihren Wunsch hergesandt. O die Veilchen! Die herzigen Veilchen! Lorchen hätte in lauten Jubel ausbrechen mögen über ihren Frühlingsduft und ihr Maigrün und das Blau ihrer Blütchen.
»Wie die Augen meiner sel’gen Mutter«, dachte sie, als sie sich wieder und wieder über ihre Lieblinge beugte und plötzlich fielen ein paar glänzende Tränenperlen auf die grünen Blätter, sie hingen daran wie Tautropfen, und Lorchen bemerkte jetzt erst, dass zwischen denselben ein Papierstreifen stak. Sie zog ihn hervor.
»Der Blume, die Blumen!« stand darauf geschrieben. –
Lorchen war das Kind eines Schauspielers, aber es war der Wille ihres Vaters gewesen, dass sie nie das Theater besucht. Ebenso entschieden hatte derselbe sie ferngehalten von gewöhnlicher Roman-Lektüre.
Er selbst hatte sie dagegen frühzeitig bekanntgemacht mit der klassischen Literatur Deutschlands, nicht im Zusammenhang, nicht in durchdachter Reihenfolge, sondern ruckweise, wie eine seltsam wechselnde Laune ihn antrieb. –
Das fünfzehnjährige Mädchen hatte viel und nur Gutes gelesen, und ihre Lektüre, mehr noch ihr früh schon bewegtes Leben, hatte sie zu eigenem Denken geführt! In ihr arbeiteten und wogten tausend verschiedene Kräfte. Wie das Innere jener Wundergrotte in Capris Felsen, war das ihrige ein unbekanntes, fast unzugängliches Prachtwerk der Natur. Himmel und Meer und die leuchtenden Brillanten von tausend und wieder tausend Gedanken lagen still und verschwiegen in ihr und niemand ahnte, dass die schroffe Felswand dieser noch unentwickelten Jungfräulichkeit einen solchen Schatz verberge.
»O wie schön! Wie schön!« musste sie wieder und wieder sagen, während Trän’ um Trän’ auf die Blumen, auf das Papierblättchen, auf den eignen jungen Busen fielen.
Es war neun Uhr morgens. Justizrat Delbruck, ihr Onkel, hatte sich schon vor einer halben Stunde in sein Geschäftslokal begeben, wohin Lorchen ein für alle Mal ihm selbst das Frühstück bringen musste. Er hatte das seit dem zweiten Tage ihrer Anwesenheit in seinem Hause so verlangt und Lorchen, mit jenem dem Weibe angeborenen Instinkt zu sorgen, zu schaffen, zu pflegen, fand Vergnügen daran, dem Onkel alles so hübsch und nett als möglich zu machen.
Justizrat Delbruck, der gesuchteste Rechts-Anwalt Tilsits war ein Gourmand. Sein Frühstück besonders war seine Lieblingsmahlzeit, er liebte es in der Einsamkeit eines Arbeitszimmers ein Täubchen, ein Hühnchen zu speisen und ein Glas Pontac dazu zu genießen. Mitten in der freudigen Rührung, die jene Blumen ihr verursachten, durchzuckte Lorchen der Gedanke an den Onkel.
Sie lief in die Küche. Das gebratene Vögelchen stand schon bereit und roch höchst appetitlich. Lorchen stellte alles, was zu dem kleinen leckeren Mahl gehörte, zierlich und sorglich auf ein Teebrett und ging damit die Treppe hinab ins Arbeitszimmer.
»Wie seltsam es ist«, dachte sie dabei, »dass alles in der Welt schön und hässlich aussehen kann, je nachdem man es stellt und anordnet. Wie hässlich könnten diese Speisen, diese Flasche mit dem Glase aussehen, wenn ich nun alles durcheinander würfe. Was mag’s nur eigentlich sein, das die Schönheit hervorbringt? O wie angenehm und wohltuend ist das, was man unter Schönheit versteht!«
Sie klopfte mit leichtem Finger an des Onkels Sanktuarium, das nie der Fuß einer Magd betreten durfte, da Wurmser, der Schreiber, das Amt hatte, das Zimmer zu reinigen. Delbruck öffnet mit eigener Hand. Sein gewöhnliches, gar nicht schönes Lächeln blitzte über sein Gesicht. Er beugte sich, sah dem jungen Mädchen ins Auge, legte ihr die Finger unters Kinn und fragte mit einem eigenen Ausdruck:
»Wie ist der Ball bekommen, Fräulein Lorchen, mein Püppchen?«
Ein seltsames Gefühl rann leise, aber rasch durch alle Glieder des Mädchens. Sie konnte nicht gleich antworten, weil sie sich erst besinnen musste, wie es nur zuginge, dass des Onkels Berührung ihr stets die nämliche unangenehme Empfindung erweckte. Es war, als ob eine Raupe sich auf ihre Hand niederließe – Lorchen liebte die Raupen gar nicht.
»Nun, Kleine?«
»Wahrhaftig, Onkelchen, ich weiß nicht, mir war heute recht hässlich zumute, so hässlich, dass ich dachte, ich wollte in meinem Leben nicht mehr tanzen, nicht dass ich unwohl oder müde wäre, behüte!– siehe nur, ich kann noch prächtig tanzen«, und dabei drehte sie sich, das Teebrett in der Hand haltend, graziös auf einem Fuße um und machte einen allerliebsten Menuetten-Knix,– »aber innerlich war mir’s gar nicht behaglich, ich hätte weinen können, über gar nichts, ja ich habe sogar geweint.«
»Das nennt man moralischen Katzenjammer, Liebchen«, sagte der Justizrat und führte dabei das Kind, ohne dass sie eigentlich wusste wie, nach dem kleinen Sofa, auf das er sie mit einer leichten Handbewegung niederdrückte.
»Nun iss mit mir, Leonore«, fügte er dann hinzu, »hier trink’ aus meinem Glase, der Wein, den so frische Mädchenlippen kredenzen, schmeckt noch einmal so gut.«
Lorchen nippte und Delbruck schlürfte den Rest, mit seinen Lippen genau die Stelle berührend, an der das Mädchen getrunken. Justizrat Delbruck war ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Er musste sehr hübsch gewesen sein. Figur, Haltung und Sprache hatten ein gewisses vornehmes sich Gehenlassen, das ihm vortrefflich stand. Sein Haar war noch voll und lockte sich leicht über eine Stirn, die jetzt wohl höher als vor zwanzig Jahren sein mochte. Sein Mund war hübsch, er mochte in jüngeren Jahren zu denen gehört haben, die man mit Kirschen zu vergleichen pflegt. Jetzt lag etwas Schlaffes um denselben und sein Lächeln war durchaus nicht schön, ja es hatte für Lorchen geradehin etwas Furchterweckendes, denn es zeigte die goldene Vernietung der falschen Zähne, vor denen der Kleinen ein wenig graute. Alle seine Züge waren regelmäßig, die Augen braun und länglich und sie pflegten sich, wenn er lächelte, zu schließen, so dass unter den bleichen, gesenkten Lidern der Blick wie ein Blitz aus Wolken, wie eine funkelnde Kohle aus einem tiefen Schlot hervorzuleuchten schien. Seine Gesichtsfarbe war bleich und schwammig, und seine Hand, die er eben in Lorchens weißen Nacken legte, feucht.
»Iss mit mir, Liebchen«, sagte er sehr leise und sich, als ob er ihr ein wichtiges Geheimnis anvertraue, an Lorchens Ohr neigend.
»Danke, Onkelchen, ich habe gar keinen Appetit.«
»Du siehst so nachdenkend aus, Leonore, was fehlt Dir, Mädchen?«
»Nichts, Onkel, ich dachte nur wirklich nach, ich dachte daran, weshalb Sie wohl in dieser Stube so sehr, sehr viel freundlicher gegen mich sind, als an jedem andern Orte, man möchte glauben, es läge in diesen vier Wänden ein Feenzauber.«
»Freut Dich meine Freundlichkeit, reizendes Geschöpfchen?«
»Aufrichtig gesagt, mein lieber Onkel, und darüber mache ich mir Gewissensbisse, Sie sind doch der Mann von meiner lieben sel’gen Mutter einziger Schwester, Sie sind mein Wohltäter und doch mag ich lieber, wenn Sie mich ganz und gar nicht ansehen, als wenn Sie mir so nahe rücken und mir die Hand aufs Kinn oder in den Nacken legen, ich denke eben nach, woher das kommen mag?«

Drittes Kapitel.
Justizrat Delbruck biss sich in die Lippen und ein roter Fleck zeigte sich auf seiner Wange.
»Du wirst Dich an meine Freundlichkeit gewöhnen, Engelchen, und ich denke, die Zeit soll kommen, wo Du sie voll und ganz erwidern wirst. Das Glück ist ein bunter Vogel, der über uns schwebt. Seine glänzenden Federn tragen ihn gerade in eine solche Höhe, dass wir ihn sehen können; um ihn zu greifen, müssen zwei nach ihm jagen: einer, der sich noch mit Leichtigkeit in die Wolken erhebt, und ein anderer, der festen Fußes auf dem Erdboden steht und den gejagten Flüchtling mit sicherer Hand zu packen versteht; weißt Du, Lorchen, dass wir gerade so ein Paar wären?«
Er beugte sich und küsste ihren Nacken. Sie stand oder sprang vielmehr auf. Es war eine ganz unwillkürliche Bewegung und sie würde genau dieselbe gewesen sein, wenn ein Frosch die ungewöhnliche Dreistigkeit gehabt hätte, auf ihren Hals zu hüpfen. Er fasste die kleine Hand und flüsterte, ihr in die Augen sehend:
»Fürchtest Du mich, Mädchen?«
Sie nahm sich zusammen:
»Nein, lieber Onkel, Sie haben mir nur Freundliches und Gutes erwiesen, wie sollt’ ich Sie fürchten, aber ich glaub’, ich hab’ einen natürlichen Widerwillen, mich anfassen zu lassen. Es ist recht dumm von mir; aber wenn Sie es lieber sein lassen wollten, Onkelchen, es wäre so freundlich von Ihnen; sagten Sie doch neulich, als wir von Fröschen, Spinnen, Raupen und Mäusen redeten, solche Gefühle könne man nicht durch Verstandesanstrengung überwinden, sie lägen eben nur in den Nerven.«
»In der Tat sehr schmeichelhaft!« sagte Delbruck nun auch aufstehend, und ein finsterer grollender Blick fiel auf das arme Kind und durchzuckte sie bis ins tiefste Herz. Plötzlich aber und rasch sich überwindend, lächelte der Justizrat, fuhr mit dem Tuch über die bleiche Stirn und sagte freundlicher als je:
»Fort, kleines Mädchen, an Deine Stickerei jetzt, damit die Tante nicht schelte!« und als Lorchen zur Tür hinausgeschlüpft, setzte er Achselzuckend hinzu:
»Ich glaube, ich verfalle in schülerhafte Dummheiten dieser heillosen Naivetät gegenüber. Pah! Rom ist nicht in einem Tage gebaut.«
Oben in Lorchens Stübchen stand Tante Selma und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Großer Gott! Wie war das Kind ihrer Schwester, das arme Komödiantenkind, in der Erziehung vernachlässigt! Da hing noch an der Zimmertür das weiße Gazekleidchen vom gestrigen Ball, da auf dem Stuhle lagen die Atlasschuhe, der Blumenkranz war ohne alle Sorgsamkeit auf den Tisch geworfen. In der Tat, des Zimmerchen gemalt, hätte ein hübsches Seitenstück zu dem berühmten Kupferstich »Studentenwirtschaft« abgeben und füglich die Unterschrift:
»Mädchenwirtschaft«, tragen können. Die blühenden Blumen am Fenster, der Ballputz aller Orten, ein mächtiger, mit einem weißen Tuch etwas nachlässig bedeckter Stickrahmen in der Ecke, und an der hintersten Wand das Bettchen, noch ungeordnet, so weiß aber und so umweht von einem Hauche jungfräulicher Reinheit. Die Morgen-Schuhchen vor demselben von grünem Maroquin, klein und schmal gleich Philinens berüchtigten Pantoffelchen, und auf dem kleinen Tisch am Kopfende die Bibel, in der die Bergpredigt aufgeschlagen und das schöne Wort Christi:
»Selig sind, die reinen Herzens sind«, mit einem Rotstift angezeichnet war; alles dies bildete ein Ganzes, zwar von entzückender Eigentümlichkeit, doch keineswegs geeignet, das Herz einer ordentlichen Hausfrau zu erfreuen. Die Justizrätin war aber eine solche und zwar mit allen Eigenheiten einer kinderlosen Dame, die in der Welt keine andere Sorge und Rücksicht kennt, als die für ihre Möbel und Kleider.
»Lorchen! Mädchen! Um Gottes willen, Kind! Kind! Was soll daraus werden?« sagte sie zu der Eintretenden im Tone eines wahren Seelenschmerzes.
»Ich kann gar nicht anders, ich muss Dich sehr schelten, obgleich Du das Kind meiner einzigen verstorbenen Schwester bist, wenn Du nicht anders, ordentlicher, viel ordentlicher wirst.«
Die Tochter des Schauspielers blickte mit höchster Verwunderung um sich, sie wusste ganz und gar nicht, wie sie es machen sollte, ordentlicher zu sein.
Mit vieler Geduld zeigte Tante Selma ihr nun, in welcher Weise sie ihr Ballkleidchen falten und in ein feines bläuliches Tuch eingeschlagen, in ein Gefach des Schrankes legen müsse, sie bog die Zweige des Rosenknospenkranzes zurecht und tat ihn in den dazu passenden Karton, stäubte die Schuhe aus und hüllte sie ebenfalls in Papier, und sie tat dies alles mit dem Geschick und der Zierlichkeit einer Pariser Kammerjungfer. Lorchen sah zu und wenn sie überhaupt mit einem Gedanken an die ganze Prozedur dachte, so war es der, welchen das französische Sprichwort ausdrückt:
»Tant de bruit pour une omelette!«
Wie klein und wie kleinlich erschien ihr der Eifer und das Bestreben der Tante, diesen Sachen Dauer zu geben. Es schien ihr, als ob alles um sie her keine andere Bestimmung habe, als dem Augenblick und seiner Eingebung zu dienen. Eine Freude, die nicht gleichsam aus den Wolken auf sie nieder taute, war ihr keine Freude, und die Vorbereitungen für das tägliche Leben kamen ihr wie etwas zweckloses vor, weil dies alles sich ja durchaus finden müsse, weil es ja das Unerlässliche, das sich von selbst Verstehende sei. Als die Justizrätin fertig war, klopfte sie völlig zufriedengestellt dem jungen Mädchen auf das Köpfchen und sagte ganz erheitert:
»So musst Du es machen, Lorchen, gerade so wie jetzt; dann werden sich Deine Sachen lange erhalten. Wer seine Kleider ehrt, den ehren sie wieder. Immer wohlgekleidet sein, ist ein großer Vorzug an einem Mädchen, eine Tugend, eine wahre Kunst sogar. Weißt Du, dass ich mein gestriges amaranthfarbiges Kleid schon so lange habe, als ich verheiratet bin? Es war anfangs rosa, ein schöner, schwerer Stoff; als ich’s müde und matt getragen, ließ ich’s färben und moirieren und nun – aber Kind, wo hast Du die Blumen her?«
Lorchen erzählte und die Tante schüttelte den Kopf.
»Die kann kein anderer Mensch als Kandern geschickt haben, Herr von Kandern, weißt Du, mit dem Du den zweiten Walzer tanztest. Ich erzählte ihm, dass Du – hm! Lorchen, besser ist’s am Ende doch, wenn wir ihm die Blumen abschicken.«
»O nein, Tante Selma, bitte, nein! nein! Die Blumen sind so himmlisch schön, bitte, gestatte mir, sie zu behalten. Es ist, als wenn mit ihnen der ganze Frühling eingezogen wäre, als wenn der Schnee draußen nur zum Spaß fiele und der Sommer mir hier im Herzen wohne.« –
»Frau Justizrätin, der Fleischer«, sagte die Köchin, den Kopf durch die Tür steckend. Tante Selma schlüpfte hinaus, ihre häuslichen Geschäfte zu besorgen. Die Blumen waren von ihr vergessen!

Viertes Kapitel.
Vierzehn Tage später saß Lorchen am Fenster der Wohnstube. Vor ihr stand der Stickrahmen, aber sie hatte sich nur über denselben gebeugt und betrachtete das Blumengewinde, das ihre Hand in der Tat mit Geschmack und Geschick auf dem dunkeln Grunde hervorgerufen hatte. Wie wenig glich es dem, was sie hatte arbeiten wollen. Wie ein Blütenstrauß aus Edensgarten hatte ihr die Zeichnung vorgeschwebt, als sie sie mit wenigen Kreidestrichen auf das Tuch geworfen. Jetzt sah sie Wollfäden grob und bunt, nur wenn sie weit zurücktrat, fand sie in dem vollendeten Werk einen Schimmer von dem, was sie zu schaffen sich vorgesetzt hatte. Sie seufzte leise.
»Ist es mit allem so, was man im Leben auszuführen versucht? Wie oft von meiner frühsten Kindheit an, ist mir’s wie heute gegangen?« –
Lorchen war eine geschickte und geniale Zeichnerin, und Stickereien von ihr in bunter Wolle und Seide waren vor Jahren schon in einer Kunstausstellung gewesen, mit einem daran gehefteten Zettel:
»Angefertigt von der zehnjährigen Leonore Arnold, Tochter des Schauspielers Arnold in Breslau.«
Sie gedachte jener Tage und das Bild ihres Vaters trat plötzlich mit einem Glanz vor ihre Seele, der ihr geistiges Auge blendete.
Sie hatte ihm lange, lange nicht geschrieben, seit dem Tage vor dem Balle nicht, sein letzter Brief lag noch unbeantwortet in ihrer Brieftasche. – Zwar kannte sie ihn auswendig, aber dennoch las sie ihn wieder, und jedes Wort regte von neuem das leise Bangen in ihr auf, das in ihrem Herzen blühte, aber wie die Orchis und die Viole seinen Duft nur in Nacht und Einsamkeit verstreute. Sie las:
»Leonore! – Wie mir das seltsam, fast schaurig ist, Deinen lieben Namen hier auf das Papier zu schreiben, und mir und Dir zu versichern, dass diese Zeilen für Dich bestimmt sind. Mein Kind! Geliebtes Herz, das noch vor so kurzer Zeit neben mir stündlich ein neues Blatt einer Gold- und Purpurblüte entfaltete, wo weilst Du nun? O dass die Erinnerung an mich Dir keine Trauer verursachte, dass Du glücklich und zufrieden in Verhältnissen lebtest, die Deiner Lebens-Entwickelung zuträglicher und natürlicher sind, als die an der Seite Deines Vaters. Ich stelle mir das Haus Deines Onkels dem sehr ähnlich vor, in welchem Deine Mutter einst erblühte, und Deine Tante Selma war damals, als eine tiefe glühende Leidenschaft Deine Eltern vereinigte, ihrer schlichten, freundlichen Mutter so ähnlich, als ein sechszehnjährig Mädchen einer fünfzigjährigen Matrone nur sein kann, und die Frau ist’s ja, die dem Hause seinen Geist, seine Färbung gibt.
Möchtest Du, mein süßes Kind, eine wahre Tochter sein. Lerne von ihr die Seligkeiten und Pflichten der Tochter einer wackern Bürgerfamilie. Deine Mutter verstand und übte sie auch und es war ihr heiligster Wunsch, sie Dich zu lehren.
Deine Mutter. Still’ Erinnerung, lerne schweigen, bebendes Herz! Deine Mutter war eines jener engelhaften Wesen, die nur durch eine einzige Schwäche ihre irdische Abkunft dokumentieren, durch ihre Schwäche gegen den Mann, den sie mit ihrer Liebe beglücken. O meine Leonore, nie genug kannst Du das Andenken an Deine Mutter ehren, nie genug es in Deinem Herzen befestigen. Wenn Du dort, in dem Kreise, wo Du jetzt lebt, ein hartes und liebloses Urteil über sie hört, so möge es Dich eine Wahrheit lehren, die das junge Herz sich nie früh genug zu eigen machen kann, die Wahrheit nämlich: dass im Kreise der Gewöhnlichkeit kein ungewöhnlich erhabener Charakter seine Anerkennung findet. Im Hause Deiner Großeltern existierte einst ein wohlgetroffenes Bild Deiner Mutter, frage danach und suche es Dir zu verschaffen, Du hast wohl ein Recht auf das heilige Andenken.
Leonore! Könnte ich Dir nur eins und das Eine fest einprägen, so fest, dass es in Deinen jetzigen Umgebungen durch keine Formen und Rücksichten verdunkelt und übertüncht würde. Die Liebe ist des Weibes höchste Vollendung, ihre einzige Lebensbestimmung, der Inbegriff aller ihrer Tugenden. Halte an diesem Grundsatze fest in allen Lebensverhältnissen, lass’ Dich nicht blenden durch sophistische Reden von Pflichten, die das Herz nicht begreift. Sei immer wahr gegen Dich selbst, und Du wirst den Mut haben, auch wahr gegen die Welt zu sein. Die Menschen der Alltagswelt sind mit ihren Aktionen und Reden von Tugend und Trefflichkeit viel mehr Schauspieler, als wir, die wir die Bühne zum traurigen Lebensberuf gewählt haben. –
Aber was will ich nur, mein Kind, welchen Predigerton nehme ich gegen Dich an? Sei unerfahren glücklich, gläubig froh, das ist die beste, die einzige Weisheit Deiner Jahre und Deines Geschlechts. Wenn Du Dich nach mir bangen solltest, so denke, dass, ob ich Dir auch fern bin, Dein Vater doch lebt und Dich liebt.
Arnold.«
Die Kleine faltete den Brief zusammen und legte ihn in ihr Kästchen.
»Armer, lieber Vater«, dachte sie, »von einem Leben, von seiner Gesundheit schreibt er kein Wort. Ich denke aber, nun wird Tante Selma auch endlich erlauben, dass ich ihm antworte. – Das Bild meiner armen Mutter findet sich nicht! Wo es nur ein mag? – ›Die Liebe soll des Weibes höchste Vollendung sein‹ – was meint er nur damit? Was ist Liebe überhaupt?«
Die Justizrätin war ins Zimmer gekommen und besah ernsthaft Lorchens Stickerei.
Das junge Mädchen hob das Köpfchen zu der Schwester ihrer Mutter empor und fragte, dem Strom ihrer Gedanken Worte gebend:
»Tante Selma, was ist Liebe?«
»Gott steh’ mir bei!« entgegnete die wackere Frau, »hat man jemals im Leben so etwas von einem fünfzehnjährigen Mädchen gehört!«
»Aber Tantchen, mein Vater schreibt doch –«
»Ich wollte, Dein Vater schriebe lieber gar nichts, als solchen Unsinn. Es ist eine Sünde und Schande.«
»Aber Tantchen, Du kannst mir doch wenigstens sagen, was Liebe ist, und wäre sie auch das Schrecklichste auf der Welt. Ich weiß doch, was Stehlen ist und Morden, und in der letzten Woche beim Konfirmations-Unterricht hat uns der Herr Superintendent auch erklärt, uns Mädchen allein und den Knaben wieder allein, was Ehebrechen ist, warum soll ich denn nun nicht wissen, was lieben ist?«
Die Justizrätin nahm mit zwei Fingern einige Staubkörnchen und Wollfädchen von der vollendeten Stickerei und sagte:
»Ach lieben! Lieben ist dummes Zeug. Arme Mädchen überhaupt müssen gar nicht von lieben reden, es schickt sich nicht, und daraus kommen dann solche Romanengeschichten, wie die mit Deiner sel’gen Mutter. Wenn einmal ein anständiger Mann nach Dir kommt, Lorchen, ein Mann, der sein Brot hat, der es ehrlich meint und zu Deinem Stande passt, den kannst Du dann lieben in Gottes Namen, ich liebe meinen guten Justizrat auch, bei einer verheirateten Frau ist das Pflicht und Schuldigkeit. Junge Mädchen denken nicht an solche Dinge. Geh’ in Onkels Zimmer und stäube die Möbel ab, Onkel will, dass Du das tust und nicht der Schreiber.«
»Kann ich nicht warten, Tantchen, bis der Onkel im Geschäftslokal ist?«
»Häusliche Arbeiten müssen immer zur rechten Zeit getan werden. Punkt zehn Uhr muss Onkels Zimmer ganz aufgeräumt sein, ein Viertel auf elf beginnt eine Empfangszeit!«
Die Kleine nahm die verschiedenen Wischtücher und Federbesen, welche bei der Justizrätin zum Abstäuben gebraucht wurden und ging mit jenem leisen Grauen, das sie durchaus nicht überwinden konnte, wenn sie gezwungen war, mit dem Onkel allein zu sein, an ihr Geschäft.

Fünftes Kapitel.
Den 17. Februar war Leonorens Geburtstag, der erste, den sie fern vom Vater erlebte, der ihn stets zu einem Festtage für sein Kind gemacht. Bis zum vorigen hatte sie die Schule besucht und eine Schar lustiger Altersgenossen hatte mit ihr an dem fröhlichen Tage gespielt und sie beschenkt. Im Hause des Onkels wusste niemand davon. Die Tante war auf kurze Zeit verreist, sie machte einen Besuch bei einer der reichen adeligen Familien, deren Mandatarius Justizrat Delbruck war. Lorchen hatte ihr den ganzen Schmuck einpacken müssen. Die vielbewunderte Uhr mit dem Emailgehäuse und der Erbsenkette, auch die Brosche, die wie eine gelbe Weintraube mit goldenem Blatt aussah und das Johannisbeeren-Ohrgehänge. Die Kleine hatte alle diese Herrlichkeiten beim Packen zum ersten Mal in den Händen gehabt und mit aufrichtigem Entzücken bewundert. Der Onkel, der dabei gestanden, hatte sie leise flüsternd gefragt, ob sie auch so schöne Ohrringe haben wolle?
»Ich habe ja keine Ohrlöcher, Onkelchen«, antwortete sie lachend, »und zudem in meinen eigenen Ohren könnte ich die reizenden Dingerchen gar nicht sehen und ich sehe sie sehr gern. Sie gefallen mir über alles, denn sie erinnern mich an die Zeit, da meine sel’ge Mutter lebte und ich noch ganz, ganz klein war. Da hing ich mir auch bald Kirschen, bald Johannisbeeren so um die Ohren, dass sie unter dem Ohrläppchen gerade wie solche reizende Bommelchen aussahen.«
Der Onkel hatte bei diesen Worten sein allerhässlichstes Gesicht gemacht, das Gesicht, bei dem es Lorchen immer ganz kalt über die Haut lief.
Am Geburtstagsmorgen stand sie vor dem Spiegel und betrachtete ihr eigenes Gesichtchen. Es sah so traurig aus, dass sie selbst darüber hätte weinen können. Sie war so allein auf der Welt! Wie weit entfernt war sie vom Vater! dem einzigen Menschen, der sie recht lieb hatte, und die Mutter! O wie lange, wie lange schon schlief die den ewigen Schlaf! Sechszehn Jahre war sie alt. Ein ganz, ganz erwachsenes Mädchen. Was kannten und verstanden andere schon in dem Alter? – Kochen und Glätten, und Französisch und Oberhemden nähen. Lorchen kannte nichts als bunt sticken und Tante Selma sagte ihr jeden Tag, dass das für ein Mädchen gar nicht notwendig sei. Auch zeichnen kannte Lorchen allerdings, sie porträtierte mit bunter Kreide recht gut und hatte besonders das merkwürdige Glück, jedes Gesicht so zu treffen, dass man es auf der Stelle erkannte, und sie bossierte auch in Wachs und Ton. Seit sie aber fünf Monate bei Tante Selma war, wusste Lorchen recht gut, dass das alles gar nichts sei, und ein ordentlich genähtes Hemde viel mehr für den Wert und die gute Erziehung eines Mädchens spreche.
Sie ging ans Fenster, ein eisiger Regen schlug gegen dasselbe und die Tropfen blieben in Form kleiner Dolche und Nadeln auf den Scheiben kleben. Ein garstiger Südwestwind fegte die Straße hinauf und ließ die vom Schneewasser gebildeten Pfützen ordentlich Wellen schlagen. Wo der Schnee noch nicht zerschmolzen war, sah er wie schmutziger Sand aus, tausend Füße hatten ihn zerstampft und zertreten, und wie die Erde, so trug auch der Himmel sein hässlichstes mistfarbigstes Kleid. O einen Sonnenblick, einen einzigen Sonnenblick, Lorchen hätte für einen lachenden Sonnenstrahl einen Strahl ihres Blutes geben mögen. Sie lehnte die Stirn an die Scheiben und weinte, das Herz erzitterte in ihrer jungen Brust unter den Tränen, wie eine knospende junge Birke erzittert unter dem Schauer eines Gewitterregens. Sie setzte sich, um recht ausweinen zu können, auf den Lehnstuhl der Tante, der am Fenster stand, und drückte die heiße Stirn in seine weichen Kissen, und da geschah ihr, was Kindern oft zu geschehen pflegt, sie weinte sich in den Schlaf.
Die schweren Flechten sanken allmählich tiefer und tiefer in ihre Stirn und zogen die Nadeln mit sich. Das lange Haar löste sich auf, rieselte in weichen Wellen um Schläfe und Schulter und lag in üppigen Ringeln ihr im Schoße. Die kleinen Händchen ruhten geöffnet auf der Seitenlehne des Stuhles, unter den geschlossenen Lidern drangen noch einzelne Tränenperlchen hervor und rollten langsam über die Pfirsichwange. Lorchen schlief fest und träumte süß, obgleich sie weinte. Ihr war’s, als ob die Wolken am Himmel verschwänden und die Sonne in aller Klarheit auf die niederlächle. Aber ihr Strahl hatte nichts Blendendes; mit offenen Augen konnte sie ins göttliche Sonnenantlitz schauen und da sie recht hineinblickte, war’s gar nicht die Sonne, sondern ein liebes, schönes Menschengesicht, das mit dem Ausdruck liebevoller Teilnahme sich über sie beugte. Augen, sanft und kühn, tauchten ihren leuchtenden Strahl in die ihrigen und frische Lippen näherten sich ihrer Stirn wie zu einem Kusse. Sie wollte sich verschämt abwenden, aber wie sie im Schlafe sich mühte, den Kopf zu bewegen, zerriss sie seine bleierne Fessel und sah hell erwacht in ein bekanntes schönes Menschengesicht. Baron Sigmund von Kandern beugte sich über die Stuhllehne und der Ausdruck seiner samtschwarzen Augen war ganz so liebreich, als er Lorchen im Traum erschienen. Sie erschrak auch eigentlich gar nicht, und nur als Kandern sichtlich errötend von ihr wegtrat, fühlte sie in ihrem Herzen einen leisen süßen Schauer, ob aber vor Freude oder Schreck, das hatte sie nicht entscheiden können und wenn ihr Leben davon abgehangen.
»Ist der Justizrat Delbruck zu sprechen?« sagte nach einer Pause von mindestens zehn Minuten Herr von Kandern endlich.
Lorchen antwortete kein Wörtchen, sondern klingelte und trug der eintretenden Christiane auf, den Herrn hinaufzurufen. Einige Minuten später stand dieser im Zimmer und sah auf die beiden Anwesenden mit einem Blick, unter dessen Eisspitze Kandern seine Ruhe und Sicherheit wiederfand und Lorchen in ein angstvolles Starren verfiel.
»Das Fräulein ist wahrscheinlich unwohl, Herr Justizrat«, sagte Kandern, »ich fand sie auf diesem Stuhle mit aufgelöstem Haare eingeschlafen und leise im Schlafe weinend.«
»Was fehlt Dir, Leonore?« fragte der Hausherr mit einem neuen Dolchblick auf das Mädchen.
»Ach Onkelchen, mir fehlt nichts, eigentlich nichts, ich weinte nur weil – weil ich heute sechszehn bin und – und keine Mutter mehr habe, und der Vater nicht geschrieben hat – und ich – –«
Hier brach von neuem ein Strom von Tränen gewaltsam aus ihrer Brust hervor, sie schlug die Hände vor die Augen und ließ sich in den Stuhl niedersinken, ohne das Schluchzen bemeistern zu können.
»Ach Dein Geburtstag ist heute, Mädchen«, sagte der Justizrat es versuchend, ihre Hand von den Augen zu entfernen. »Sieh! Sieh! Und den wird man ja wohl zelebrieren müssen.«
Kandern hatte anfangs diesen kleinen Umstand überhört, ein unsägliches Mitleid mit dem verwaisten jungen Mädchen, das ihm neben dem übel berüchtigten Onkel wie ein Vögelchen neben einer Klapperschlange erschien, erfüllte seine Brust, und er wusste es dem Justizrat Dank, dass er des Geburtstages erwähnte. Sein Geschäft mit Delbruck währte nur kurze Zeit und er flog eiligst in seinem Gig durch die schmutzigen Straßen von Laden zu Laden, etwas recht Schönes für Leonoren auszusuchen, hundertmal die Ärmlichkeit und Erbärmlichkeit des kleinen Nestes verwünschend.
Lorchen aber setzte sich nieder, als sie allein war, und schrieb an den Vater:
»Ich habe so lange und so sehr geweint, mein Vater, bis ich einschlief, weil ich heute an meinem Geburtstage keinen Brief von Dir erhalten. – Ach, ich bin traurig, ich fürchte, Du bist krank, denn vergessen hast Du Dein Kind nicht, Deine Leonore, die Tochter Deiner Anna.
Ich darf Dir nicht oft schreiben, mein Vater, Du weißt das ja schon. Man hasst und schilt Dich hier und möchte mich glauben machen, es sei gut für mich, wenn ich Dich verleugne. Sie haben ja keine Kinder, Onkel Delbruck und Tante Selma; können sie da wissen, wie Vater und Kind mit Herz und Leben ineinander gewachsen?
Man sagt, ich würde hier gut erzogen. Tante Selma ist eine ganz musterhafte Frau und sie zeigt mir alles und lehrt mich, was sie selbst kann. Ich bin nur etwas ungeschickt und unachtsam und die Tante ist nicht so sehr geduldig. Ich habe schon sieben Oberhemden genäht, die Tante selbst meint, für eine Anfängerin mache ich es ganz gut und bei der Wäsche verstehe ich schon alles. – Es ist ausnehmend schön im Hause der Tante, alles hat sie am Schnürchen, und in der Putzstube, die im Winter aber gar nicht geheizt wird, sind Palisander-Möbel mit Perlmutter ausgelegt und Vorhänge von Tüll und Seidendamast. Ich denke aber manchmal an unsere kleinen Zimmerchen mit gemieteten Sachen und wie Du immer zu sagen pflegtest: Lorchen, Du hat das Talent Deiner Mutter geerbt, jeden Raum wohnlich und gemütlich zu machen. – Im Winter sitzt Tantchen, wenn nicht Gesellschaft sich angemeldet hat, in einem ganz kleinen Stübchen und da wird auch gespeist. Sie liebt keine Zimmerblumen, hat kein Vögelchen, keinen Hund – ach Väterchen, was macht nur unser lieber guter Allard? – Ich träumte einmal, er sei tot und konnte mich lange, lange nicht beruhigen. Du hast nun wieder eine Frau, mein Vater, pflegt sie Dich auch gut, wenn Dein Herzkrampf eintritt? Grüß sie von mir, sie ist gewiss gut, weil sie Dich lieb hat.
Ich bin eine schlechte Briefschreiberin, mein Vater, mein Herz ist so voll, so voll, ich hätte Dir ganze Geschichten, nein, Bücher zu erzählen und in der Feder da friert’s ein. Manchmal find’ ich Gedichte in Onkels Bibliothek, von denen mir’s vorkommt, als hättest Du die für mich oder ich für Dich gemacht, Gedichte so voll Sehnsucht nach dem entfernten Geliebten, dass ich nur ›Vater‹ zu dem Worte beizudenken habe, um es ganz und gar passen zu lassen. O Du lieber, Du teurer Vater, schreibe mir nur bald, damit ich Deiner Gesundheit wegen mich nicht ängstigen darf. Gott segne Dich! Ich küsse jeden Finger Deiner schönen bleichen Hand und jede Locke Deines lieben Hauptes, ach, wer mag Dir jetzt schmeicheln, da Dir so fern, so fern ist Deine Leonore.«
Sie war eben fertig geworden, als der Onkel eintrat. Christiane folgte ihm mit Kuchen und Kaffeegerät. Alles sah festlich aus und Lorchen fühlte wohl die große Freundlichkeit, die darin lag, dass er, der Geschäftsmann, der sich fast nie die Zeit nahm, mit der Tante Kaffee zu trinken, jetzt ihr, dem Kinde, eine seiner kostbaren Stunden schenken wollte; aber wirklich, sie hätte ihm das Opfer gern erlassen, sie war im Grunde nicht so ungern allein, der Onkel war viel zu klug für sie und zudem hatte sie die törichte, aber unüberwindliche Furcht, dass er ihr die Hand aufs Knie, auf den Nacken, unters Kinn legen würde.
Sie saßen noch nicht fünf Minuten zusammen, als Baron Kandern gemeldet wurde.

Sechstes Kapitel.
Leonorens Herz schlug hoch auf vor Freude bei dem Gedanken, nicht mit dem Onkel allein sein zu dürfen. Sie besorgte eiligst Tasse und Löffelchen und schenkte dem Gaste, der sich eben niedergelassen, mit dem lieblichsten Lächeln ein.
Das Wetter hatte sich indes geändert und der Abend war mit klarem Froste eingetreten. Lorchen ging, um die Rouleaus niederzulassen und Nacht und Frost auszusperren von dem hellen und warmen Zimmer, ans Fenster. Eine tiefblaue, sternenklare Nacht blickte ihr entgegen, und dort über dem Dache des Festhauses standen die drei lieben leuchtenden Sterne von Orions Gürtel, die sie im vorigen Winter so oft betrachtet am Fenster ihres kleinen Zimmers in Grünberg, vom Arme des Vaters umschlungen. – Die Tränen traten ihr in die Augen, sie nickte den Sternen zu und es machte ihr ordentlich Schmerz, den dunkeln Vorhang zwischen diesen vertrauten Strahlen in ihren Augen niederzulassen.
Als sie wieder an den Tisch trat, lag vom Licht der Lampe überglänzt eine kleine Christbescherung auf demselben. Herr von Kandern und Onkel Delbruck hatten aufgebaut. Rosa Tarlatan zu einem Ballkleide und weißen Taffet zum Unterkleide dazu. Schuhchen von weißem Taffet und von schwarzem Moiré, verschiedenfarbige Glace-Handschuhe und einen Apfel, in dem zwei blanke Goldstücke staken. Alles hatte der Onkel bedacht und besorgt, wie war er so liebevoll gegen die Waise, die man ihm anvertraut. Leonore küsste seine Hand.
»Onkelchen«, sagte sie mit feuchten, Freude glänzenden Augen: »Meine Mutter im Himmel wird es Gott sagen, wie gut Du es mit ihrem Kinde meinst.«
Warum zuckte er nur und zog seine Hand zurück und schlug sein Auge unwillkürlich zu Boden vor dem unschuldsvollen Blick des jungen Mädchens?
Auf Kanderns Gaben hatte Lorchen noch nicht zu sehen gewagt. Ihr Herz schlug ängstlich und sie schämte sich, in seiner Gegenwart von ihrem Geburtstage gesprochen zu haben, während sie sich doch so unsäglich über die Freundlichkeit freute, mit der er gestrebt, ihr Freude zu bereiten. Endlich gestattete sie sich, ihre Augen auf die Gaben des neuen Freundes zu heften. Es waren Bücher und Blumen, schöne Blumen, die ihre reizenden Köpfchen im hellen Lampenlicht wiegten. Je mehr sie dieselben betrachtete, desto höher schlug ihr Herz in heller seliger Freude. Draußen Frost und Winter, drinnen der blühende Frühling.
Sie kannte die Prachtblumen nicht einmal, denn sie hatte noch wenig Treibhauspflanzen zu sehen Gelegenheit gehabt, aber wunderschön waren sie, stolz und prächtig wie die Rosen, aber ohne deren weiche Zartheit und süßen Duft. Die Zweig- und auch die Blumenblätter wie aus Wachs gedrückt, fest, glänzend und beinahe durchsichtig. Dann wieder andere Stöcke, wo weiße oder rote Blüten wie Schmetterlinge zwischen den schmalen Blättern saßen. Leonore konnte schon nicht anders, sie sprang auf und küsste die schönen Blumen und glänzende Tränentropfen fielen auf ihre glänzenden Blätter.
»Tränen?« sagte Kandern leise, »warum betauen Sie die armen Blumen mit so kostbaren Perlen, Fräulein Leonore?«
»Weil sie so schön sind«, sagte das junge Mädchen, »Blumen im tiefen Winter machen mir immer das Herz so weh, lachen Sie mich darum nicht aus, Onkel Delbruck, ich kann mir doch nicht helfen, eine Blume im Zimmer, wenn draußen der Winterwind heult und der Schnee an die Fenster schlägt, kömmt mir immer und immer vor, wie ein verwaistes Kind, denn Sonnenschein und Frühlingsluft sind der lieben Blumen Vater und Mutter.«
Und die Tränen des jungen Mädchens flossen rascher und heißer, sie fühlte ihr blühendes Leben ohne der Frühlingsluft des Heimatsglückes.
»Armes Kind, arme Waise!« tönte es in ihrem Herzen, während sie von den Blumen sprach, empfand sie schmerzlich ihr eigenes Weh. Der Justizrat hatte indes eines der Bücher genommen und schlug das Titelblatt auf. Es waren Brandes Briefe an eine Dame, eine astronomische Schrift von Ruf und so populär gehalten, dass sie für Frauen eine Wissenschaft zugänglich macht, die man ohne mathematische Vorkenntnisse für unerfassbar hält. Das zweite, eine hübsche Flora Norddeutschlands mit schönen Kupfern, und das dritte eine Länder- und Völkerkunde.
»Der Tausend«, sagte er mit sarkastischem Lächeln, »eine junge, eben aus dem Pensionat kommende Miss könnte von Mylord, ihrem Papa, keine reineren und kühleren, und wie ich mir zu denken erlaube, keine unnützeren Bücher erhalten, als Sie, Baron, meiner kleinen Nichte zu Füßen legen.«
»Ich gab dieselben im vorigen Jahre meiner Schwester«, sagte Kandern ruhig, »und sie meint, nie größeren und dauernderen Genuss durch andere gefunden zu haben.«
»Hm!« entgegnete der Justizrat und dann mit den stechenden Augen zwinkernd und in seiner hässlichen Weise lächelnd, setzte er hinzu, »Ihre Schwester ist wohl eine Freundin von hübschen Einbänden und besieht sich dergleichen gern?«
Kandern achtete nicht darauf, als aber Leonore nach den Büchern griff, errötete sie und ein süßes Lächeln flog über ihre lieblichen Züge. Jedes dieser Bücher war ein Erinnerungszeichen an das erste Gespräch mit dem neuen Freunde, ein Erinnerungszeichen zugleich an ihre Kindheit, – in ihres Vaters Händen hatte sie diese Bücher gesehen und bisweilen hatte er ihr Einzelnes aus denselben mitgeteilt, und das junge Mädchen besaß einen kleinen Schatz von Naturkenntnissen, zwar nur fragmentarisch gesammelt, ohne System und Zusammenhang, aber darum vielleicht gerade umso mehr ihre Teilnahme und Wissbegierde aufregend. Der Blick, den sie auf den Geber dieses seltsam scheinenden Geschenkes richtete, war ein reicher Dank für ihn, es lag darin eine tiefe Anerkennung seiner Güte und eine Bestätigung gegenseitigen Verständnisses.
»Nun, Du wirst Dich also auf Astronomie legen, Lorchen, vielleicht auch auf Geologie, wirst Botanik treiben? Der Tausend, das wird schön sein«, sagte der Justizrat spottend. »Die Tante wird sich darüber sehr freuen, sie ist eine große Freundin von Gelehrsamkeit und liebt alle Wissenschaften.«
»Meine sel’ge Mutter, ihre Schwester, liebte sie auch«, sagte Lorchen harmlos, »mein Vater hat mir oft und oft erzählt, welche schöne Stunden sie in den ersten Jahren ihrer Ehe oft abends gehabt hätten, wenn sie zusammen spazieren gegangen wären, von den Wundern des Himmels und der Pracht der Erde sprechend. Er sprach auch oft mit mir darüber und sagte am Abende meines Konfirmations-Tages: obgleich die Astronomie dem positiven Glauben die Decke über dem Haupt, und die Geologie ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, so wären doch beide und überhaupt alle Naturwissenschaften die Wege, zum Wissen von Gott zu gelangen. Er sagte, Gott lebe für uns sichtbar in seinen Werken und führte mir den schönen Spruch des Apostels an: Denn dass man weiß, dass Gott sei, ist ihnen offenbart, denn Gott hat es ihnen offenbart, damit des Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen an seinen Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt.«
Die kleine Hand des Mädchens lag bei diesen Worten auf den Büchern, und ihre sanften Augen hingen mit dem Ausdruck stillen Entzückens an den Blumen.
Sie sah so fromm und so mild aus, so kindlich einfach und doch so geistig erregt, ein Heiligenschein hätte zu diesem holdseligen Gesicht keinen Widerspruch gebildet, und doch war das blaue Auge nicht das der ewig Heiligen Jungfrau, es war das einer jugendlichen Magdalene, die noch schuldlos in die Welt blickt, neugierig, hoffend und fromm zugleich. Der Justizrat blickte auf sie und sein Spott schwieg, er musste seine Augen senken vor den reinen, treuherzigen des Kindes und das sinnliche Wohlgefallen, das er für das reizende unschuldige Geschöpf fühlte, verwandelte sich in ein seltsam peinigendes brennendes Gefühl, dem vielleicht ähnlich, das Mephisto beim Anblick der seligen Engelknaben ausspricht, er wandte sich von ihr und sagte flüsternd:
»Nichts Liebenswürdigeres am Weibe als die Einfalt.«
Dann aber setzte er hinzu:
»Wenn es Dir Spaß macht, Leonore, Dich mit solchen gelehrten Dingen zu beschäftigen; so rate ich Dir, lass’ es die Tante nicht merken, sie ist der Meinung, dass einem Mädchen jedes Wissen, was den Kreis des ihrigen übersteigt, sehr schädlich sei, und stimmt sehr ernsthaft in die Behauptung Deines seligen Großvaters, der die Sucht seiner ältesten Tochter Anna, sich Kenntnisse zu erwerben, für den Grund ihres späteren Unglückes hielt, und am Ende mag er nicht so Unrecht gehabt haben, der ehrliche Alte. Kenntnis und Erkenntnis mögen Euch Weibern wenig nützen, wie schon die Geschichte Evas beweist. Meine Frau ist die beste Hausfrau von der Welt, sie hält Zimmer und Kammer wie geleckt, und kocht mit Christianens Hilfe und nach meiner Anweisung sehr gut; noch gilt sie dafür im Nähen, Flicken und Plätten nicht ihres Gleichen zu haben; ich fürchte, Lorchen, Du trittst nicht in ihre Fußstapfen, wenn Du Dich auf Astronomie und Botanik einlassest.«
»Ich denke doch, Onkelchen«, entgegnete das kleine Mädchen ganz heiter. »Tante Selma ist mit mir zufrieden, und wenn Du nur wüsstest, wie viel Zeit wir übrig haben, sie und ich, Du würdest Dich gar nicht mehr wundern, dass sie so gern Patience legt und ich mich so sehr über Bücher und Blumen freue. – Ach, wenn ich nur ein Vögelchen, einen kleinen Hund halten könnte, wie wäre das so schön! Blumen, die man pflegt, sind nur halb lebendig, sie danken uns, indem es ihnen wohl ist und die blühen und schön aussehen – aber ein Hund, ein Haustier, o die können auch schmeicheln!« –

Siebentes Kapitel.
Der nordische Winter war vergangen und hatte mit dem nordischen Sommer gewechselt; denn der Frühling dieser Gegenden besteht nur in den Träumen ihrer Dichter.
Baron Sigmund von Kandern war Ende Februar, nachdem er Leonoren noch ein Paket Bücher geschickt, ohne das Mädchen wieder zu sehen, nach Paris gereist und hatte sich bei dem Justizrat und dessen Gattin per Karte empfohlen. Es war für Lorchen ein rechter Kummer gewesen, als sie von der Abreise des Mannes hörte, den sie für ihren Freund gehalten; sie hatte darüber in der Stille und aus Herzensgrunde geweint. Guter Gott, außer dem fernen Vater, der so selten schrieb und dessen Briefe immer kürzer und kürzer wurden, hatte sie auf der ganzen Erde keinen einzigen Menschen, den sie wirklich und wahrhaftig lieb hatte. Tante Selmas Liebe war ihr zweifelhaft, weil die Tante, obgleich sonst eine gute Frau, doch gegen sie ganz besonders streng war und oft über Kleinigkeiten Stunden lang reden, ja geradehin schelten konnte; und in der Nähe des Onkels, der in Gegenwart anderer sie gar nicht ansah, obgleich er freundlich genug gegen sie war, wenn sie mit ihm allein, beschlich sie immer ein innerliches Grauen. Sie fürchtete den Justizrat nicht, weit ehe fürchtete sie die hübsche und so sanft redende Tante, aber – sie ekelte sich vor ihm. Seine eingesetzten Zähne, seine langen, blassen Hände, sein falsches Lächeln, sein oft so sonderbarer Blick mit dem Augenzwinkern, erregten ihren Widerwillen; und dann spottete er, so oft sich nur eine Gelegenheit fand, über Kandern, den Lorchen aus tiefstem Herzen lieb hatte, der ihr wie ein teurer älterer Bruder erschien und unter dessen Bilde sie sich alles Gute und Große, alles Männliche und Rechtliche vorzustellen gewöhnt hatte.
Tante Selma hatte die Absicht, die Johanniszeit auf dem Lande zuzubringen und wollte Lorchen zur Familie des Oberamtmanns Herbusch mitnehmen, mit welcher schon der alte Oberst von Korff auf freundschaftlichem Fuße gestanden; auch war Delbruck damit anfangs einverstanden, und alle Vorbereitungen zur Abreise waren bereits gemacht. Aber den Tag vor derselben meldete sich ein Rheuma so bedeutend und so zur Unzeit, dass die Tante schon nach Kaimehlen abschreiben wollte.
»Es wird nicht anders gehen, liebe Selma«, sagte der Leidende, »so leid mir’s auch um Dich und Deine gestörte Sommerfreude tut, aber allein mit Christiane und Wurmser kann ich unmöglich bleiben.«
Die Justizrätin seufzte und versicherte, dass es ja gar nichts auf sich habe, dass sie recht gerne bleibe, dass es ja auch nur ihre Pflicht sei, die ihr übrigens auch in Kaimehlen keine Ruhe lassen würde. Freilich wenn Leonore ein bisschen verständiger wäre, wenn man das träumende, leichtfertige Ding zu etwas brauchen könnte, da – mit sechszehn Jahren war sie selbst, die wackere Tante Selma, viel verständiger und viel, viel praktischer gewesen.
Man müsste es versuchen! warf Delbruck gleichgültig hin – mit Wurmser und Christianens Beistand sei das Mädchen am Ende doch zu brauchen. Er wolle doch gern seiner Frau die Reise und den ländlichen Aufenthalt gönnen, der ihrer Gesundheit und Schönheit stets so zuträglich. Tante Selma lächelte, sie hatte es sehr gern, wenn ihr Mann von ihrer Schönheit sprach. Man komplimentierte noch ein wenig miteinander und endlich war man einig, und Lorchen erhielt den Befehl, ihre Sachen auszupacken und sich zur Pflege des kranken Onkels vorzubereiten. Sie betrübte sich deswegen recht innerlich. Wieviel Freude hatte sie sich von der Reise versprochen!
Fahren, Meilen weit fahren durch den Sommersonnenschein; die wogenden Kornfelder sehen, zwischen deren schlanken Halmen rote Mohnköpfe hervor funkeln, und blaue Kornblumen wie Freundesaugen zu ihr hinüberschauen. Sich versenken in die dunklen Schatten des lieben Waldes, den silberhellen Strom vorübergleiten sehen und dem Segel des Schiffs mit den Augen folgen: das alles ging ihr nun verloren, sie blieb in der heißen, dumpfigen Stadt und allein neben dem Onkel. Wie peinlich war ihr die Vorstellung von den langen, langen Stunden, die sie ihm gegenüber würde zubringen müssen.
Die Tante reiste indes!
Lorchen sah mit feuchten Augen dem hübschen Wagen nach, der morgens vier Uhr mit der Glücklichen durch die stille Straße rollte.
Es war kühl und morgenfrisch. Auf den Eisenketten vor der Haustüre hingen Tauperlen, und der Kastanienbaum, gerade über vor dem Posthause, hatte alle Blätter voll Tröpfchen. Ein Stückchen blauen Himmels, an dem weiße Wolkenschäfchen sich sammelten, hing über der schlafenden Stadt. Der Nachtwächter ging vorüber und sagte freundlich:
»Guten Morgen, Fräulein Lorchen.«
Wie schön erschien ihr das alles.
»Ich will die Morgenstunde recht genießen, so sehr ich nur immer kann«, dachte sie, nahm oben einen Teil von Brandes Briefen, öffnete das Fenster des besten Zimmers und setzte sich lesend an dasselbe. Es kamen einzelne Stellen, die ihr, obgleich sie die Kupfertafeln aufschlug, unverständlich blieben und sie versuchte nun, sich über dieselben aufzuklären, in dem sie auf einer Schiefertafel Zeichnungen entwarf. Das war hübsch und die Zeit flog ihr dabei unter den Händen hin. Es schien ihr, indem sie mehr und mehr zum Verständnis der Größe, Regelmäßigkeit und Einfachheit des Naturganzen kam, als ob leise eine Hülle nach der andern von einer himmlisch schönen Natur, einem von ihr geahnten Götterbilde niedersänke. Das Köpfchen in die Rechte gestützt, den Zeigefinger der Linken als Zeichen in dem auf dem Schoße ruhenden Buche, betete sie in ihrem Herzen die Worte des Psalmisten:
»Herr, wie sind Deine Werke so groß und viel, Du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll Deiner Güte!«
Ihre Gedanken trugen sie auf Seraphsflügeln weit weg von der Erde, und mit ganzer Seele bei dem erhabenen Gegenstande, der sie beschäftigte, weilend, beschlich den ermüdeten kindlichen Körper der Schlaf. Sie fühlte ein Sichlosringen von etwas sie Hinderndem, Fesselndem. Sie sah sich selbst, schlafend am Fenster der Tante, den Kopf müde und träumerisch an die Wand gelehnt, während sie sich doch deutlich bewusst war, dass sie langsam, getragen von mächtigen Schwingen, ohne Furcht, ohne Schwindel, ohne ein Gefühl der Verwunderung emporschwebte in der unermessenen Bläue des Äthers.
Eine weiße Wolke zog vor ihr her, die schien ihr ein weißes, fliegendes Gewand zu sein, das ein Etwas verhüllte, das ihr unendlich teuer, dessen Dasein ihr Herz mit Freude erfüllte und stillen Trost auf die Stellen ihres Ichs goss, die sie ohne Aufhören schmerzen fühlte. Ohne die Hand auszustrecken, fühlte sie, dass sie sich festhielt an jenem flutenden Gewande, dass es ihr half, sich empor zu heben, und wie sie so da hinzog durch unendliche Räume, blickte sie nieder – unter ihr schwamm die Erdkugel, sie war ihr so fern, dass sie sie überblicken konnte. Das Meer deckte den schönen Stern, wie ein Gewand von Silberlohe, von dem das grüne, blühende Land wie von einer prachtvollen Stickerei verziert. Die Eisspitzen der Gletscher lagen darauf als blitzende Brillanten, der Sand der Wüste bildete einen goldenen funkelnden Gürtel darum, und die ziehenden Wolken umwebten alles mit einem zarten Schleier. Es war ein unbeschreiblich schönes Ganzes, was sich den entzückten Augen des jungen Mädchens zeigte und ihr Herz schlug hoch auf in unaussprechlicher Wonne. – Und wie sie umherblickte, da erkannte sie, dass ein Wesen neben ihr war, das Blicke unendlicher Liebe auf sie heftete, und eine Stimme, mild wie das Säuseln des Waldes, flüsterte ihr zu:
»Sieh, Leonore, wie klein die Erde wird mit allem, was sie enthält, wenn die Erkenntnis Dich über sie erhebt, und vergiss nicht, wie groß das Kleinste dem Herzen wird, wenn die Liebe Dich hineinversenkt. Ein Tropfen Wasser ist eine von Leben wimmelnde Welt, und der Stern, den Du Welt zu nennen gewöhnt bist, kaum ein Tröpfchen im Ozean des Alls. Lerne ––«
Ein heftiges, dröhnendes, widerwärtiges Lachen übertäubte die weiteren Worte, Leonore konnte sie nicht verstehen, sie fühlte, dass eine Hand sich kalt und schwer auf ihre Schulter legte und erwachte von einem eisigen Schauder überrieselt.

Achtes Kapitel.
Onkel Delbruck stand neben ihr und lachte, lachte so sehr und so laut, wie Lorchen es noch nie von ihm gehört hatte.
Als er sich endlich zu fassen begann, sagte er, auf das Buch zeigend, das noch immer dem Mädchen im Schoße lag:
»Nun, das gestehe ich, Leonore, Du studierst Deine Bücher mit lobenswerter Aufmerksamkeit, ich werde nicht verfehlen, Deinem Verehrer Kandern dies Resultat Deiner Beschäftigungen mitzuteilen. O Gott, ehre das weibliche Geschlecht, das sich gleich bleibt in allen Lebensaltern und Verhältnissen! Nein, nein, mein Schätzchen, die Wissenschaft ist nichts für euch, euer Feld ist die Liebe; über einem hübschen Roman wäre schön Lorchen nicht eingeschlafen,– gelt? –«
Das junge Mädchen antwortete nicht, ihr war zu Mute, als wäre sie sehr unsanft plötzlich aus den Wolken zu Boden gefallen, sie heftete einen fragenden, scheuen Blick auf das Gesicht des Justizrates: gehörte dasselbe noch zu ihrem Traum? Hatte ein böser Dämon seine Wohnung aufgeschlagen in dieser Gestalt, die ihr immer und immer so ängstigend erschien?
»Kennst Du mich nicht, Leonore? Ich glaube wahrhaftig, das Mädchen träumt noch fort mit offenen Augen«, sagte Delbruck, seine Hand noch einmal auf ihren weißen Nacken legend.
Sie fuhr zusammen wie vor der Berührung einer Schlange und große Tränen stürzten ihr über die Wangen.
»O Du hast mich erschreckt, Onkelchen!« flüsterte sie. »Ich träumte so süß.«
»Nun Dein Erwachen soll auch kein allzu trauriges sein, Kleine, höre mir zu und wische den Schlaf aus den Augen. Ich bin weit wohler als noch gestern und zweifle nicht, dass mein Anfall vorüber sein wird. Da ich nun in der Gegend von Kaimehlen Geschäfte habe, so werde ich übermorgen der Tante nachfahren und Dich mitnehmen. Freilich reisen wir ein wenig Kreuz und Quer, da ich unterwegs vielerlei Verrichtungen habe, umso vergnüglicher aber wird die Fahrt für uns beide werden, und Du wirst allerlei hübsche Leute kennenlernen.«
Warum konnte sich nur Lorchen nicht freuen? Warum schlug ihr Herz so seltsam bänglich, wenn sie an die Fahrt dachte? Mit dem Onkel in einem Wagen viele Stunden lang – o das war zu peinlich, ebenso gerne wäre sie neben einer Kröte, ja neben einem Krokodil allein gewesen.
»Packe Deine Sachen, Kind«, sagte der Justizrat, »und richte Dich so ein, dass wir zwei bis drei Nächte unterwegs sein werden, es lässt sich nicht anders machen.«
Wie schnell der Onkel genesen war! –
Lorchen war zu jung, zu unschuldig und ahnungslos, um an irgendeine Heuchelei oder an irgendetwas Absichtliches im Betragen ihres Verwandten auch zu denken.
Sie packte und ordnete, nahm Abschied von Christianen und saß zur festgesetzten Stunde neben Delbruck in einem eleganten Wagen. Der Kutscher, ein Stocklitauer, fuhr vom Sattelpferde aus, die Equipage war elegant, hatte Vorder- und Hinterverdeck, und man fuhr mit sechs polnischen Pferden.
»Ja«, sagte der Justizrat, als er die Wagentür zuschlug und das Fuhrwerk über das Pflaster donnerte, »das wird gehen wie auf Fausts Mantel. Oberinspektor Rauscher aus Wilkowischken hat mir sein Gespann und Fahrzeug geschickt, und dort bleiben wir die Nacht.«
Es war nachmittags zwei Uhr, und ein glühender Sommertag lag über der nordischen Sommerlandschaft. Ruhig floss der Memelstrom zwischen seinen grünen Uferhügeln dahin.
Anfangs folgte der Weg den Ufern des Flusses, bis er hinter einem litauischen Dörfchen in jenen göttlichen Tannenwald einbog, der unter dem Namen des Trakehner Forstes bekannt ist.
Es war sechs Uhr abends. Die Sonne stand schon niedrig genug am Horizont, um ihre langen schrägen Strahlen, zwischen den hohen Stämmen hindurch, auf den grünen Moosboden zu werfen. Der Wald gleicht hier den erhabenen Hallen eines gotischen Domes. Die Stämme steigen, schlanke, gerade Pfeiler der edlen Kronen tragend, kerzengerade empor und erst in ansehnlicher Höhe breiten sich die Zweige aus, bedeckt mit jenem dunkeln fast schwarzen Grün, das sich in zarter maigrüner Spitze endigt. Lange schlanke, fast rosigrote junge Tannzäpfen hängen von allen Zweigen nieder und ein tiefblauer Himmel spannt sein Zelt über die sommerstille Waldlandschaft.
Hier fuhr der Wagen langsam. Delbruck hatte dem Kutscher ein litauisches Wort zugerufen und dieser die Eile der Pferde gemäßigt. Die Luft war rein und durchwürzt von jenem eigentümlich schönen Duft, den nur der Tannenwald im Sommer aushaucht. Ein leiser Windhauch rauschte in den Zweigen, es schien, als ob die Baumriesen sich nur zueinander neigten um untereinander zu flüstern.
Leonore schaute aus dem geöffneten Wagenfenster und trank die reine milde Luft und den Waldesduft in vollen Zügen.
Sie hatte alles wieder vergessen über die Schönheit der sie umgebenden Natur. Selbst des Onkels Nähe erregte nicht mehr jenes Gefühl der Furcht und des Widerwillens. Sie war nicht allein mit ihm. Der Geist Gottes war bei ihr und machte ihr seine Gegenwart kund im Hauch und Flüstern des Waldes.
Tiefer und tiefer sank die Sonne, ihre goldnen Lichter tanzten auf dem Waldrasen. Das Herz des jungen Mädchens schlug rascher im entzückenden Genuss der Schönheit des Abends. Der laue Wind spielte um ihre Schläfen und wehrte die leichte Hülle zurück, die Hals und Nacken deckte. Mit einer raschen Bewegung bückte sich Delbruck und drückte einen heißen Kuss auf des Mädchens Nacken.
Leonore zuckte zusammen, zog aber nur das Mäntelchen fester um sich und sah mit einem etwas erschreckten Blick ihren Reisegefährten an.
»Gib mir die Weinflasche, Lorchen, die neben Dir in der Wagentasche steckt und den kleinen silbernen Becher.«
Sie tat, was er verlangte.
»Trinke mir zu, mein Liebchen, der Wein schmeckt noch eins so erfrischend, wenn schöne Lippen ihn kredenzen.«
»Ich danke, Onkel, ich kann keinen Wein trinken, der Abend ist drückend warm und ich bekomme Kopfweh.«
Der Justizrat leerte mehrere Becher hintereinander und sah dann, sich tief niederneigend, unter des Mädchens Hut. Der Ausdruck sanfter Unschuld lag auf dem jugendlichen Gesichtchen und ein gewisses Etwas, das der gewiegte Frauenkenner nie zu enträtseln vermochte, das ihn aber unendlich anzog und reizte. Leonore war keine Schönheit, sie war nur jung, einfach und lieblich. Tausend und abertausend Mädchen, die Delbruck gekannt hatte, waren schöner als sie, aber der tiefe Blick ihrer Augen, der eigentümliche Zug um den sehr feinen Mund, die Reinheit dieser hohen, klaren Stirn, die an die Madonnenbilder Raphaels erinnerte, bildeten ein Ganzes einzig in seiner Art und für Delbruck von unwiderstehlichem Reize. Er hätte einen Finger darum gegeben, das Auge leuchten zu sehen im Feuer der Leidenschaft, diese Wange erglühen zu fühlen von der Glut, die durch seine eigenen Adern rieselte.
»Du bist reizend, Mädchen!« sagte er und schlang den Arm um ihre feine Taille.
Lorchen errötete. Ihr Herz schlug plötzlich nieder in der Angst vor dem Onkel, und aller Widerwille, den sie je gegen ihn gefühlt, erwachte und ließ ein Zittern durch ihre Nerven rinnen.
»Fürchtest Du Dich, Mädchen?« flüsterte er, ihr näher und näher rückend, »nein, Du fürchtest mich nicht, kannst mich nicht fürchten, Du wärest kein Weib, wenn Du nicht längst gewusst, gefühlt, dass ich Dich liebe. Sprich, sprich, Leonore, Du weißt, was in mir glüht, Du wirst es teilen.«
Leonore fühlte all’ ihr Blut zum Herzen rinnen und dann plötzlich wie eine Springflut in ihre Adern zurückströmen. Sie wusste nicht, was der Onkel wollte, sie ahnte nicht, in welcher Gefahr sie schwebte, aber Furcht und Scham schlossen ihr den Mund, schweigend wandte sie sich ab und duldete bebend, dass Delbruck ihren Nacken mit wilden Küssen bedeckte, dass er sie näher und näher zu sich zog, mit seinen Lippen die ihren suchend. Sie befand sich in einem ähnlichen Zustand als dem des Alpdrückens; obgleich vollständig wachend, lähmte doch das Entsetzen alle ihre Nerven; wenn Delbruck einen Dolch gezogen und ihn auf ihre jungfräuliche Brust gesetzt hätte, die entsetzliche wahnsinnige Angst würde nachgelassen haben, ihr natürlicher Mut wäre zurück gekehrt, sie hätte einen Kampf mit etwas Wirklichem, ihr Bekanntem vor sich gesehen; jetzt erschien ihr der Mann in einer grauenhaften Leidenschaft ein furchtbares Gespenst, die Verkörperung des namenlos Grässlichen, das im Dunkeln lauert.
Sie konnte nicht sprechen, der Atem stockte ihr, sie fühlte sich schwach werden und konnte seiner rasenden Liebkosungen sich nicht erwehren. Sie krümmte sich in sich zusammen, beugte zitternd das erbleichende Gesicht auf die Brust und schlug krampfhaft die Arme ineinander.
So glich sie dem Vögelchen, das in der Todesangst das Köpfchen unter die Flügel steckt, aber Delbruck verstand die rührende Gebärde des Kindes nicht. Er glaubte, die Flamme der Sinnlichkeit in ihr durch seine Küsse, seine Blicke erwecken zu können und strebte nur nach der Möglichkeit, seine Lippen auf die ihren zu drücken, seine Augen in die ihren strahlen zu lassen. Er ergriff ihre bebenden Hände, bog sie mit Gewalt auseinander und versuchte sie um seinen Nacken zu legen, während er im Wagen vor ihr kniend, Worte wilder, zügelloser Leidenschaft ausstieß. Endlich war es ihm gelungen, ihren Kopf zu erheben und den ersten rasenden Kuss auf den sanften Kindermund zu drücken.
Aber in demselben Moment stieß der Wagen an einen im Wege liegenden Stein und die Tür an Leonorens Seite sprang weit auf. Wie ein Blitz durchzuckte diese Wahrnehmung die Seele des jungen Mädchens; mit einer heftigen und dem vor ihr Knienden ganz unerwarteten Anstrengung riss sie sich aus seinen Armen los, sprang, ohne den Tritt zu berühren, aus dem Wagen und floh wie ein gejagtes Reh waldeinwärts.
Einen Augenblick war der Justizrat völlig betäubt. Er hatte einen heftigen Stoß an die Schläfe bekommen, mit der er gegen den Eisenbeschlag der Wagentür gefallen, und dieser und das Plötzliche von Leonorens Handlung und die Täuschung seines wilden Verlangens wirkten gemeinschaftlich, ihn in einen Zustand der Besinnungslosigkeit zu versetzen. Als er zu sich kam, war das junge Mädchen nirgend mehr zu erblicken. Der Wagen fuhr langsam durch den herrlichen Wald und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne bemalten die braunen Stämme der Tannen mit einem Bronze-Streifen.

Neuntes Kapitel.
Leonore flog mehr als sie ging über den feinen grünen Waldrasen. Alle ihre Nerven waren aufs Äußerste gespannt und sie fühlte in sich eine Kraft, die es ihr möglich zu machen schien, in ihrem Lauf bis ans Ende der Erde zu verharren. Sie hatte keine Ahnung, nach welcher Richtung ihre Flucht sie führen könne, auch war ihr diese ganz gleichgültig. Jeder Schritt entfernte sie weiter von dem entsetzlichen Mann, an den zu denken ihr schon Todesschauer einflößte, und das war genug.
Anfangs leuchtete das helle Sonnenlicht freundlich und ermutigend dem jungen einsamen Flüchtling, die Bäume und die Rasen erglänzten in seinen trauten Strahlen, aber allmählich verbleichten dieselben, die Sommernacht breitete ihren duftigen Mantel über den Wald, Johanniswürmchen leuchteten im Moose, die Mondsichel blickte zwischen den Baumkronen hindurch auf das arme verirrte Kind, und nun – Stunden waren verflossen, seitdem sie sich von dem Entsetzlichen losgerissen und in eilendem Lauf alle ihre Kraft aufgeboten hatte, – nun begann diese zu versiegen. Sie fühlte sich ermatten, fühlte sich einsam in der Einsamkeit des Waldes, die Schauer der Nacht kamen über ihre Seele, sie schwankte, zitterte und sank endlich bis zum Tode erschöpft neben dem Stamm einer riesigen Tanne nieder. Das Grauen der Finsternis stierte mit tausend schwarzen Augen aus jedem Busch, von jedem rauschenden Zweige sie an. Kein bekannter befreundeter Laut ließ sich hören, nicht das Gebell eines Hundes, nicht das Rollen eines Wagens, kein Ton einer menschlichen Stimme, nur der Nachtwind rauschte und flüsterte in den Bäumen, und von Zeit zu Zeit huschte eine Nachtschwalbe unter den Tannenkronen hindurch und verschwand mit leisen Schwirren in der Ferne.
Sie lehnte das müde Haupt an den Baumstamm und ließ den Tränen, die dem Innersten ihres Herzens entströmten, freien Lauf. Sie fielen wie Tau auf das Moos am Boden und erleichterten allmählich ihr Herz.
Was war geschehen? – Sie hatte für das Grässliche, das ihr begegnet, keinen Namen, sie fühlte nur, dass die Scheu und Angst, die sie vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft mit dem Gatten ihrer Tante vor demselben gehabt hatte, vollkommen gerechtfertigt sei. Ihm jemals wieder unter die Augen zu treten, jemals wieder seine Blicke auf sich ruhen zu fühlen, hielt sie für eine Unmöglichkeit.
Wo aber war für sie auf dem weiten Erdenrund ein Zufluchtsort, da das Haus ihrer Verwandten ihr verschlossen? Ihr Vater war fern, ach so fern, und eine Stimme in ihrem von Weh überfüllten Herzen sagte ihr außerdem auch noch, dass sie ihm jetzt, wo eine Fremde an die Stelle ihrer Mutter getreten, bei seiner geringen Einnahme und seinen stets verwickelten Geldverhältnissen leicht eine Last sein könnte.
»O dass ich ein Vogel wäre, der unterducken kann im warmen Nest bei seinem Mütterchen, dass ich ein Reh wäre und im Walde meine Heimat hätte«, seufzte das verlassene Mädchen, während von neuem ein Strom von Tränen über ihre Wangen floss. Sie hatte kein Mäntelchen, keine warme Hülle bei sich, die Nacht begann kühl zu werden und Frostschauer gesellten sich zu dem Gefühl des Kummers, der Verlassenheit und des Grauens. Das blasse Mondlicht webte seltsame gespensterhafte Schatten auf dem Boden, die Baumstämme schienen mächtige Riesen, die Wurzeln wanden sich am Boden wie Molche und Schlangen, der leiseste Laut, den der Wind in den Zweigen erregte, ließ sie zusammenschrecken, und die Stille erfüllte sie mit Grausen. Seltsame Bilder aus der Kinderzeit traten vor ihre Seele, Märchen-Bilder von Wurzelmännchen und Moosfräulein.
Im Walde wohnten all’ diese Geister, die den verlassenen Menschen bald freundlich, bald feindlich in ihren Revier aufnehmen. War es doch, als ob sie in Leben und Wirklichkeit ihr winkend an ihr vorüberhuschten, und plötzlich trat ein Kindermärchen lebhaft bis zur Sinnentäuschung vor ihre Erinnerung, das Märchen von dem verwaisten Mädchen, das aus dem Stamm der Weide sich alles holt, dessen sie bedarf. Leonore musste mitten in ihrer Angst und unter ihren Tränen lächeln in innerer Freude; ach die Mutter hatte ihr das oft und oft erzählt, als sie schon kränklich war und ihr dann gesagt:
»Glaub’ mir, mein Kind, Mutterliebe dauert stets übers Grab hinaus, und der Geist einer Mutter umschwebt die Waise immer und überall. Vergiss dies nie, wenn Du in künftigen Tagen leidest, denk’ an die Mutter, rufe sie, wenn Du verlassen bist, sie wird bei Dir sein.«
»Mutter, meine, meine Mutter«, sagte sie, die gefalteten Hände zum Himmel emporhebend, »ich bin verlassen, bin verraten von denen, die mir Gutes tun wollten, ich bin allein, allein in der Welt, allein mit der Erinnerung an Dich –«
»Mit Gott!« tönte es in ihr, so deutlich und vernehmbar, dass Leonore sich umschaute, weil ihr war, als hätte eine milde, sanfte Stimme neben ihr die Worte geflüstert.
»Mit Gott«, sagte sie noch einmal laut, »Mutter, meine Mutter, der Gedanke an den Allgütigen, Allgegenwärtigen, Allmächtigen kam von Dir.«
Sie hatte lange, lange nicht gebetet, obgleich sie noch nie vergessen, ihr Morgen- und Abendgebet zu sprechen.
Bei der Trennung vom Vater hatte sie zuletzt das Gebet empfunden; denn ein gedachtes Gebet ist keines, wie ein Notenblatt keine Musik ist. Erst wenn alle Fibern des Herzens erbeben, in dem Gefühl, dass die höchste Liebe uns nahe ist, wenn je der Nerv sich spannt, beugt oder erhebt, im Schauer vor der Gegenwart der höchsten Macht, erst wenn unsere eigenen Hoffnungen, Wünsche, Überzeugungen zerschmelzen wie der Schnee am Sonnenlicht vor dem Hauche der uns nahen höchsten Weisheit: erst dann haben wir gebetet, – und Leonore betete! Nacht und Einsamkeit durchleuchteten das Licht, das aus dem Gebet strömt, das Licht Gottes! Die Verzweiflung fiel von ihrer Seele, der Zorn erstarb, das Grauen zerfloss.
Im wilden Walde von der Mitternacht umhüllt, von Frost durchschauert, fand das junge Mädchen sich kräftig, gefasst und hoffnungsvoll. Als die höchste Erhebung des Gebets allmählich andern, geringeren Gefühlen Platz machte, als der Gedanke an ihre seltsame Lage wieder vor ihre Seele trat, hatte er alles Grässliche verloren.
»Der Gatte meiner Tante ist ein Nichtswürdiger!« sagte sie sich, »und ich bin jetzt bei Nacht allein im Forst, aber ich kenne ihn und kann mich nun vor ihm hüten, und die weiteste Ausdehnung dieses Waldes ist, wie man mir gesagt hat, wenig über eine Meile. Ich muss, wenn ich nur irgendeinen Pfad finden kann, durchaus nach wenigen Stunden zu Menschen kommen. Wölfe gibt es hier höchstens im tiefen Winter, und das schlimmste Tier, das mir begegnen kann, ist eine Kröte. Allnächtlich durchstreifen Forstbeamte die einzelnen Waldreviere, und begegnete ich selbst einem Holz- oder Wilddiebe, er würde eher Mitleid mit mir haben, als mich beleidigen. Ich will ein Weilchen zu ruhen versuchen, der Tag muss bald anbrechen, und will dem Morgenrot entgegengehen, sobald ich’s durch die Bäume schimmern sehe.«
Sie zog nun ihr Kleid über den Kopf, stützte diesen an den Baum stamm, sprach leise ihr Abendgebet:
»Müde bin ich, geh’ zur Ruh
Schließe meine Augen zu,
Vater, lass’ die Engelein
Liebend meine Wächter sein«,
und schloss die Augen, in denen noch vor kurzem Verzweiflungstränen gebrannt hatten.
»Kommen wohl Engel, die verlassenen Müden zu bewachen?« dachte sie und beantwortete die zweifelnde Frage mit einem mutigen: »Gewiss! Streut doch jede Nacht den Tau auf Pflanzen und Blumen, leuchtet doch der Mond dem verirrten Wanderer und sind doch die Sterne treue Wegweiser selbst den Irrenden auf dem treulosen Ozean.«
Sie öffnete noch einmal die Augen und schaute hinauf zum Nachthimmel. Hoch über ihr, ein wenig rechts vom Zenit stand der Polarstern. Ihr Vater hatte sie gelehrt, ihn, den ewig Ersten, zu finden.
»Grüße ihn von seinem Kinde, das in Gottes Hut steht und seiner gedenkt«, flüsterte sie, den Blick nach dem Stern gerichtet und allmählich sanken die übermüdeten Augen zu und Nacht und Einsamkeit vergessend, entschlief das junge Mädchen tief und fest.

Zehntes Kapitel.
Als der Justizrat sich von der Flucht seiner Nichte überzeugt hatte, überfiel ihn eine nicht geringe Furcht vor den Folgen eines nichtswürdigen Versuches. Er hatte gedacht, gerade die völlige Unwissenheit Leonorens müsse sie zu seiner Beute machen, und selbst wenn sie ihn zurückgewiesen, glaubte er doch noch Mittel genug in Händen zu haben, sich das Schweigen des so jungen, gänzlich in seine Hände gegebenen Mädchens zu erkaufen. Was aber sollte er jetzt tun? – Wo war die Entflohene bei nahender Nacht zu finden und welchen Grund sollte er angeben, um ihre Flucht zu motivieren, ohne sich selbst bloßzustellen?
Der litauische Kutscher hatte dieselbe gar nicht bemerkt, das Lied singend vom Mond, der die Sonnentochter gefreit, fuhr er in langsamem Schritt durch den grünen, lustigen Wald, und hörte erst auf Delbrucks donnerndes: »Halt! Halt!« als dieser es ihm in seiner Sprache zurief. –
»Donaleitis, hast Du gesehen, nach welcher Richtung die Jungfrau, die mit mir war, in den Wald gegangen?« fragte er denn ebenfalls litauisch.
Donaleitis verneinte verwundert und meinte dann, die jungen Mädchen, die er zu fahren gewöhnt sei, hätten alle eine so gewaltige Lust, Erdbeeren zu sammeln, dass er sich nicht wundere, wenn auch das städtische Fräulein darauf verfiele. Für Delbruck war dies ein Fingerzeig. Leonore war nach Erdbeeren gegangen und hatte sich unvorsichtig zu weit vom Wagen entfernt und verirrt, so wollte er in Wilkowischken sagen, wenn er dort Leute aufbieten musste, um das Mädchen zu suchen. –
Er sah indes nach seiner Uhr, es war halb neun vorüber, und die Sonnenscheibe berührte bereits den Horizont.
»Wie weit ist’s noch bis zum Ober-Inspektor nach Wilkowischken?« fragte er den Fuhrmann.
»Von hier bis zur Scheschuppe ein Hundebleff, sind wir erst überm Wasser, noch eine kleine halbe Meile.«
Delbruck kannte die kleinen halben Meilen der Litauer, er wusste jetzt, dass er mindestens, das Übersetzen eingerechnet, noch zwei Stunden unterwegs sein müsste, ehe er ins nächste Dorf käme – indes war’s tiefe Nacht, und was ward aus Leonore? –
»Wir müssen die Jungfrau suchen«, sagte er und der gehorsame Litauer knüpfte die Pferde an den Stamm einer Tanne, machte sich auf den Weg und wanderte etwa in einem Umkreise von tausend Schritten umher, von Zeit zu Zeit durch seine zusammengehaltenen Hände:
»Fräulein! Fräulein!« rufend.
Nur der Widerhall antwortete ihm!
»Wenn sie nur der Waldmann nicht mitgenommen hat«, sagte er beim Zurückkommen, »der Waldmann hat hübsche junge Fräulein gar gern.«
»Narr!« murmelte Delbruck, der indes in höchster Aufregung hin und her gelaufen war.
»Pons (Herr) Richter sich sehr gestoßen«, meinte der Litauer, mit dem Schaft seiner Peitsche auf Delbrucks Stirn zeigend.
Er zog seine Taschenbürste hinaus und sah die garstige, blau und grün schillernde Breusche, die er sich geschlagen, als Lorchen sich aus seinen Armen losriss.
»Satansmädchen«, murrte er und verschluckte den Fluch, der ihm sonst noch zwischen den Zähnen saß. »Fahr zu, Donaleitis, was die Pferde laufen wollen, wir müssen zu Menschen, um die Dirne suchen zu lassen.«
Der Wagen donnerte über den holprigen Waldweg, Delbruck drückte sich in die Ecke und legte Leonorens Mäntelchen neben sich. Ihm war sehr unheimlich zu Mute.
Alle Zeichen von der kürzlichen Anwesenheit des jungen Mädchens und ihrer jähen Flucht schienen als Ankläger gegen ihn aufzutreten. –
Es wurde dunkel, ehe man den Strom erreichte, der, vom Johanniswasser geschwellt, breiter und reißender als gewöhnlich war.
Wenn sie in der Dunkelheit umherirrend an dies wilde Wasser käme und ein Fehltritt sie hinunterstürzte, dachte Delbruck und es überrieselte ihn eiskalt. Er teilte den Fahrleuten mit, dass seine Nichte sich im Walde verirrt, und bot Geld, wenn sich Leute fänden, die sogleich sie aufzusuchen eilten. Die Litauer versprachen, das Möglichste zu tun, und als der Justizrat endlich in tiefster Aufregung bei dem alten Rauscher anlangte, waren Anstalten zur Aufsuchung des armen Mädchens mit höchstem Eifer getroffen.
Der Oberinspektor Rauscher selbst ließ sein Pferd satteln, nahm eine Laterne und sprengte hinaus, das verirrte Enkelkind seines alten Freundes Korff aufzusuchen, und Delbruck setzte sich an die Spitze eines Zuges von Litauern, die zu dem nämlichen Zweck auszogen. -
Jenseits der Scheschuppe im Walde teilte man sich in drei Parteien, Donaleitis führte die eine, Delbruck die andere und Rauscher die dritte, und so begann man den Forst in weidmännischer Weise abzusuchen.
Die Nacht wurde rau, ein starker Tau fiel gegen Morgen, Delbruck zitterte wie Laub teils vor Frost, teils vor Furcht, während er durch das feuchte Moos schritt. Niemand hatte eine Spur von der Verirrten entdeckt, als endlich die Partei des Kutschers und des Herrn sich auf einer Lichtung zusammenfand, und, außer sich, warf Delbruck sich auf den feuchten Waldrasen und bedeckte das Gesicht mit den Händen, tausend grässliche Möglichkeiten bedenkend, die Leonoren ins Verderben geführt haben könnten. Eine Stunde später langte auch Rauscher unverrichteter Sache dort an, und schweigend und in der düstersten Stimmung begab sich der Zug ohne die Gesuchte nach Wilkowischken zurück, als bereits die Sonne ziemlich Mittag verkündete.

Elftes Kapitel.
Leonore hatte sanft geschlafen und erwachte über einem Ruf der Verwunderung, der ganz in ihrer Nähe ausgestoßen wurde. Sie schlug die Augen auf und sah sich einer jungen Dame von so großer Schönheit gegenüber, dass sie sich wohl versucht fühlen konnte, sie für die Waldfee zu halten. –
Die blendende Erscheinung trug einen Überwurf von blassrotem, leichtem Stoffe, der hoch an den Hals hinaufgehend, um die Taille mit einer Gürtelschnur zusammengehalten war. Weite Ärmel verdeckten die Arme und ließen die Hände frei, an denen sie Halbhandschuhe von Gemsleder trug. Braune, volle Locken quollen unter einem runden Strohhut hervor, den nichts als ein grüner Schleier und eine gleichfarbige einfache Schleife verzierten. Das Kleid war aufgeschürzt und ließ Füßchen von der höchsten Eleganz sehen, die vor dem Tau und den Dornen des Weges durch feste, aber sehr feine Lederschuhe geschützt waren, und in der Hand trug sie einen Korb von litauischer Arbeit halb mit duftigen Erdbeeren gefüllt, die auf grünen Blättern lagen, und die andere Hand hielt einen Strauß von zitternden Grasblüten und wilden, eben erblühten Rosen. Beide Mädchen betrachteten einander mit gleich erstaunten, ja erschrockenen Blicken, bis endlich die Erdbeerensammlerin in sehr gutem Deutsch, aber mit etwas fremdem Akzent fragte:
»Sind Sie, liebliches junges Geschöpf, das Moosweibchen oder eine Verirrte, die unglücklicher Weise trotz der Nähe unserer Wohnung ihr Nachtlager im Walde hat nehmen müssen?«
Leonore richtete sich mutig empor, bezwang das Gefühl des Elends und der Verlassenheit, das im Augenblick, als sie erwachend völlig zur Besinnung kam, ihr Herz überkrochen und sagte:
»Wer Sie auch sein mögen, ich bin verirrt, obdachlos und verlassen, ich bin ganz, ganz allein in der Welt und bitte um Gottes willen, erbarmen Sie Sich über mich, bringen Sie mich unter Menschen, die sich meiner annehmen und ein verwaistes Mädchen vor Verzweiflung schützen.«
»Das ist sonderbar, höchst sonderbar«, meinte die junge Dame, »aber folgen Sie mir in Gottes Namen, ich werde Sie unter Menschen bringen und mögen Sie älteren und erfahreneren Personen mitteilen, auf welche Weise Sie in diese seltsame Lage geraten sind, ich kann nur Mitleid mit Ihnen haben. Ja, wären Sie auch ein böser Geist, oder ein schlechtes Weib, ich würde Ihnen dennoch Obdach geben, denn für einen so zarten Körper als der Ihrige, ist eine Nacht im Tau gewiss nicht zuträglich.«
Als Leonore sich emporrichtete, fühlte sie, dass alle ihre Glieder schmerzten und wie zerschlagen waren. Ihre Kleider lagen feucht an ihrem Körper und ihr Haar war vollständig durchnässt. Ihr einfaches Strohhütchen lag neben ihr auf dem Rasen, aber sie hatte weder Tuch noch Handschuhe und folgte der Fremden mit wankenden Füßen.
Sie waren noch nicht weit gegangen, als der Wald sich lichtete und sie eine prächtige Allee von Buchen betraten, die in gerader Richtung nach einem hübschen Landsitz führte.
»Zu wem bringen Sie mich, gnädiges Fräulein?« fragte Leonore mit zitternder Stimme, denn der Gedanke, ihre Flucht und deren Veranlassung irgendjemandem erzählen zu sollen, ließ plötzlich wieder ihr armes Herz erstarren.
»Ich führe Sie zu meiner Tante«, entgegnete die junge Dame, »in deren Hause ich selbst nur ein Gast bin.«
Sie betraten in diesem Augenblick den hübschen Hofraum, und Lorchen sah sich vor dem Portal eines palastartigen Gebäudes mit einer Auffahrt an der Fronte, die ebenfalls prächtige Buchen beschatteten.
Ein paar Pfauen, Perlhühner und anderes Geflügel hüpfte und flatterte lustig umher. Lange, stattliche Häuser mit Bogenfenstern schlossen den Hof ein, überall sah man Verzierungen von Gusseisen und Bronze. Ein Taubenhaus von zierlicher Bauart stand mitten im Hofe, und dicht vor der Auffahrt im Schatten einer mächtigen Buche sprudelte ein Springbrunnen sein kristallhelles Wasser in eine Röhre von Sandstein. Hinter den Gebäuden sah man Baumgruppen vom verschiedenartigsten Grün, die auf einen Park von großem Umfang schließen ließen, und ein paar Diener in grau und silberner Livree liefen geschäftig hin und her.
An der Haustür stand ein großer, dünner Mann in schwarzer Kleidung und von jenem eigentümlichen Aussehen, das den protestantischen Geistlichen charakterisiert. Er verbeugte sich tief vor der jungen Dame und warf einen forschenden Blick auf Lorchen, die errötend vor dem ersten Mann, der ihr seit jenem schrecklichen Moment entgegentrat, die Augen niederschlug.
»Ist meine Tante schon zu sprechen, Herr Doktor?« fragte die junge Dame, und der Angeredete, sich tief verbeugend, antwortete:
»Sie wartet mit dem Frühstück auf Sie, Fräulein Thekla.«
»Treten Sie hier ein«, sagte diese nun zu Lorchen, die Tür eines sehr eleganten Zimmers öffnend, und kaum fühlte das junge Mädchen sich allein, als sie wie gebrochen in einen Stuhl sank, ihr Gesicht mit den Händen bedeckte und weinte. Sie schluchzte so heftig und war so ganz in ihren Kummer versunken, dass sie den Eintritt einer Dame nicht eher bemerkte, als bis diese mit einer sehr wohlklingenden Stimme sagte:
»Wer sind Sie, mein Kind, und was fehlt Ihnen?«
Leonore erhob die Augen und blickte in das Gesicht einer ältlichen Frau von beinahe nonnenhaftem Aussehen. Sie trug ein ganz einfaches Häubchen von weißem Mull, das ihr fast ergrautes Haar beinahe ganz verdeckte und unter dem Kinn mit Mullstreifen zugebunden war. Ihr Kleid von grauem Seidenzeug ging hoch hinauf bis an den Hals, wo es mit einer kleinen, weißen Krause verziert war, ebensolche Kräuschen deckten auch die Hände; sonst sah man an der ganzen Gestalt keine Spur eines Schmuckes oder einer Verschönerung durch die Kleidung. Die Dame hatte in der Hand ein kleines broschürtes Buch, in das sie die Finger gelegt und Leonore las unwillkürlich auf dem Titelblatt:
»Vom Leiden des Lammes, als Trost in den Trübsalen der Welt.«
Das Gesicht der Dame war stolz und traurig, jedoch wohl geeignet, Vertrauen zu erwecken; und Leonore blickte auch vertrauensvoll in die braunen Augen der Matrone, die sich auf das Sofa gesetzt und dem jungen Mädchen einen Wink gegeben hatte, zu ihr zu kommen.
»Ich bin Leonore Arnold, die Nichte des – der Justizrätin Delbruck«, entgegnete sie mit bebender Stimme.
»Wer, wer sind Sie?« fragte die Dame mit einem so erstaunten Blick, dass er Leonore erschreckte, die leise und zitternd ihren Namen wiederholte.
»Und wie kommen Sie hierher, gerade hier her und zu Fuße, welch’ ein Verhängnis hat Sie die Nacht im Walde zubringen lassen, wie geht es zu, dass Sie gerade mein Haus, dies Haus sich zur Zufluchtsstätte erwählen?«
Diese Fragen wurden mit erbleichenden Lippen und bebender Stimme ausgesprochen und Leonore wusste nicht, was sie antworten sollte, denn ein Schamgefühl, dessen sie nicht Herr werden konnte, schloss ihr über die Vorfälle des letzten Abends den Mund.
Sie faltete die Hände und sah mit flehenden Blicken auf die Fragende, deren Gesicht sich verdüstert hatte und um deren Mund jetzt Schmerz und Angst lagerten.
»Gott hat mich hierher geführt, gnädige Frau, ein Engel in Gestalt einer schönen jungen Dame«, sagte sie von neuem in Tränen ausbrechend, »haben Sie Erbarmen mit mir; nehmen Sie Sich meiner an, ich bin allein und verlassen, so sehr, sehr verlassen.«
Sie schluchzte heftig und musste zu sprechen aufhören.
»Soviel ich weiß, lebt aber Ihr Vater noch?«
»Er lebt, ja, aber er hat sich zum zweiten Mal verheiratet und – und –«
»Und Sie können Sich nicht mit der Stiefmutter vertragen, ein sehr gewöhnlicher Fall – aber der Justizrat Delbruck ist ein wohlhabender, kinderloser Mann, die Justizrätin eine höchst achtbare Frau. Beide haben sich Ihrer mit vieler Güte angenommen; es spricht nicht für Sie, liebes Kind, dass Sie diesen wackern Menschen entlaufen sind; denn auf ein förmliches Entlaufen muss ich aus Ihrem verstörten Aussehen, aus Ihrem Aufenthalt im Walde ohne Obdach schließen. Eine Reise würden die Ihrigen Sie nicht ohne die nötigen Kleidungsstücke und Geldmittel haben antreten lassen.«
Leonore hätte tausenderlei auf das antworten können. Zuerst war die Voraussetzung, dass sie sich mit ihrer Stiefmutter nicht vertragen hätte, ganz ungegründet. Sie kannte die Gattin ihres Vaters gar nicht und hatte sich nur, den dringenden Aufforderungen ihrer Verwandten nachgebend, von dem Teuren getrennt, der freilich – das fühlte sie wohl – einen ihr unbekannten Grund gehabt hatte, in diese für beide Teile so schmerzliche Trennung zu willigen. Und was ihre Verwandten betraf – o, nur Gott und ihr selbst waren die Schrecknisse bekannt, die sie fort und in Nacht und Wildnis hinaus getrieben hatten, und konnte sie dieselben denn aussprechen? Musste sie nicht erröten vor dem Lufthauch, der den Schall ihrer Worte weitertrug, vor dem Sonnenstrahle, der ihren Augen leuchtete, wenn sie nur den Versuch machte auszusagen, wie schmachvoll ihr begegnet worden? Sie schlug die Augen nieder und sagte mit bebender tonloser Stimme:
»Ich fuhr mit meinem Onkel durch den Wald, wir wollten zur Nacht nach Wilkowischken und übermorgen, nachdem wir wieder eine Nacht bei der Frau Baronin von Kandern zugebracht, nach Kaimehlen, wo die Tante jetzt ist –«
»Nun und?« fragte die Dame als Leonore stockte und die Farbe wechselte.
»Der Onkel war böse gegen mich«, hauchte das junge Mädchen, »und ich sprang aus dem Wagen, und lief, so weit meine Füße mich trugen und –« ihre Kräfte verließen sie, sprachlos warf sie sich der Fremden zu Füßen, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und sagte:
»Erbarmen Sie Sich meiner, Sie haben vielleicht auch eine Tochter, beschützen Sie eine Waise, die keine Mutter mehr hat. –«
»Das ist seltsam – mehr als seltsam«, sagte die Matrone eher zu sich selbst, als zu dem in Tränen aufgelösten Mädchen, »indes, mein Kind, will ich Sie umso lieber als vorläufigen Gast bei mir sehen, da Sie es heute Abend doch geworden waren. Ich bin Frau von Kandern. Verschweigen kann ich es Ihnen indes nicht, dass alles, was Sie erzählen, auf Sie kein besonders gutes Licht wirft, Sie müssen hartnäckig und sehr empfindlich, dabei von einem fast unbegreiflichen Leichtsinn sein. Ich hatte übrigens schon durch meinen Sohn Sigmund von Kandern manches mir ziemlich Missfällige von Ihnen gehört.«

Zwölftes Kapitel.
Die arme Leonore zuckte zusammen, als ob ein Schlag sie getroffen hätte. Kandern, der Mann, den sie so fest und gewiss für ihren Freund gehalten, dessen Andenken sie so treulich in ihrem Herzen bewahrt hatte, sprach nachteilig von ihr. O, das traf sie schmerzlich! – und sie kniete vor seiner Mutter, auf diesem Schoß hatte auch sein Haupt wohl oft geruht, an dieser edlen und stolzen Brust hatte er als Kind gelegen. Seine Mutter! Wie teuer, wie heilig erschien sie Leonoren!
Was er auch über sie Tadelndes gesagt haben mochte, – er hatte gewiss Recht gehabt und es nicht böse gemeint! War sie doch ein noch unerzogenes, einfältiges Mädchen, das oft und nicht unverdient getadelt wurde, und er so gut, so klug!
Sie erhob das Köpfchen, blickte mit ihren sanften Augen ins Gesicht der Matrone und sah nun, dass der ferne Sohn der Mutter sehr, sehr ähnlich sei, nur heiterer sah er aus, wohlwollender und vielleicht, ja vielleicht auch noch klüger.
»Stehen Sie auf, liebes Kind«, sagte die Baronin. »Ihr ganzes Wesen hat einen etwas theatralischen Anstrich, der einer Frau, welche der Welt Eitelkeiten entsagt hat, nicht wohlgefallen kann. Stehen Sie auf, ich werde Ihnen Kleider von meiner Tochter bringen lassen, die mit Ihnen wohl in einer Größe sein mag, schlafen Sie ein bisschen, wenn Sie wollen und abends, wenn Ihr Onkel kommt, werde ich mit ihm über Sie sprechen.«
Leonore erhob sich, die Eiseskälte der vornehmen Dame hatte ihr junges Herz durchfröstelt, sie war wie ein Reif auf die Knospen ihres Lebens gefallen.
Eine Stunde später saß sie in einfacher, aber sauberer Kleidung am Fenster eines hübschen, kleinen Zimmerchens, das sie Tante Dorchens Zimmer hatte nennen hören. Sie war allein und es schien nicht, dass die Damen der Familie die Absicht hatten, sie in ihre Gesellschaft zu ziehen, denn ein hübsches Dienstmädchen hatte ihr Frühstück gebracht.
In dem Stübchen, wo sie weilte, stand ein altmodisches Himmelbett mit Gardinen von weißem Musselin und roter Seide. Ein Bücherschrank von altem Mahagoni, gefüllt mit vielen sauber gebundenen Büchern, eine Kommode und über derselben eine Konsole mit einer Stutzuhr, einige schwerfällige Lehnstühle, ein Waschtisch, ein Toilettentisch mit einem Spiegel in geschnitztem Rahmen, darüber am Fenster ein Nähtischchen, in dessen Schiebladen wie in den Türen des Bücherschrankes die Schlüssel steckten, ein Ecktischchen, auf welchem ein Himmelsglobus seinen Platz gefunden, mit dem in der gegenüber befindlichen Zimmerecke ein Spinnrädchen von Ebenholz und Elfenbein, um dessen Flachspuppe ein rotes Band von der Farbe der Gardinen gebunden war, sehr hübsch kontrastierte. Unter dem Fenster, das in den Garten ging, standen einige Topfgewächse von großer Schönheit, und ein goldgelbes Kanarienvögelchen flog im Zimmer umher, auch gelegentlich zum offenen Fenster hinaus und zwitscherte und jubelte im hellen Sonnenschein. Sein kleines Bauer von blankem Messingdraht war mit allen Leckerbissen eines Kanarienvogel-Gourmands reichlich versehen, auch befand sich darin ein besonderer Bade-Apparat für den Bewohner, Stängelchen von Rohr und ein messingener Ring.
Leonore, die das alles aufmerksam betrachtete, merkte wohl, dass der kleine Sänger der erklärte Liebling der Bewohnerin dieses stillen, gemütlichen Raumes sein müsse.
Die Zeit verging ihr unter ängstlichen und schmerzlichen Gedanken, die aber durch den Anblick ihrer augenblicklichen Umgebung nicht eigentlich zerstreut, sondern auf eine besondere Weise gemildert wurden.
Ihr war wohl in diesem Stübchen, es war, als ob alles darin und der Anblick des lachenden Parkes, von dem sie aus dem Fenster einen ziemlichen Teil übersehen konnte, ihr Frieden predige und sie zu Arbeit, zu nützlicher geräuschloser Tätigkeit auffordere.
Sie ging an den Bücherschrank und betrachtete die auf den eleganten Rücken gedruckten Titel. Herders sämtliche Werke, Lessings sämtliche Werke standen, sehr in die Augen fallend, Hippels Werke schlossen sich ihnen an, dann folgten Goethe, Schiller, Zimmermann. Dann eine Reihe in schwarzen Einbänden: Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus, das Leben der Fürstin von Galitzin, Vincent de Paula, Thomas von Kempis von der Nachfolge Christi, die Bibel, Stunden der Andacht, und dicht darunter Littrows Wunder des Himmels, Brandes Briefe, Ritters Geographie, Okens Naturgeschichte, Buffons Naturgeschichte, und eine Menge anderer Bücher wissenschaftlichen Inhaltes.
Im untersten Fache aber lagen viele in Quart-Format mit einem geschriebenen Titel, und als Lorchen recht hinsah, las sie die Aufschrift:
»Tagebuch.«
Das junge Mädchen betrachtete das alles mit einem Gefühl des höchsten Interesses für die Bewohnerin.
»Wie glücklich die Dame ist, die sie hier Tante Dorchen nennen, wie gern möchte ich sie nur kennen«, dachte sie und fast in demselben Augenblick öffnete sich eine Tapetentür, und ein Geschöpf trat ins Zimmer, vor dem sie unwillkürlich zurücktrat, denn nie in ihrem Leben hatte sie noch eine ähnliche Missgestalt gesehen.
Der Körper in seltsamster Weise verkrümmt und verwachsen, war in ein mantelartiges Kleidungsstück von einem dünnen, dunkelgrauen Stoff gehüllt, und trug einen unförmlichen, großen Kopf mit eisgrauen Haaren. Das Gesicht war von tiefen Narben so bedeckt, dass auf demselben auch nicht ein Finger breit ohne solche zu finden war und nur die großen samtschwarzen Augen und eine auffallend breite weiße Stirn ließen die Spuren eines edlen, aber verstümmelten Menschenantlitzes erkennen. Die unglückliche Erscheinung hatte lange Arme, die ebenfalls in dunkelgrauer Hülle steckten, aus welcher aber, seltsam genug, blendend weiße, feine, schön gestaltete Hände hervorsahen, die zu dem verkrüppelten Körper, zu dem entstellten Angesicht gar nicht zu gehören schienen.
Die großen schwarzen Augen, welche einen Moment lang wie edler Granat einen rötlichen Schimmer annahmen, ruhten auf Leonorens erstauntem Gesichte, und eine Stimme, die, obgleich aus dem entstellten Munde dringend, dennoch von unsäglicher Lieblichkeit war, fragte:
»Wie kommen Sie hierher, liebes Kind?«
»Man wies mich in das Zimmer, um mich umzukleiden«, antwortete Lorchen nicht ohne Verlegenheit.
»Gut! Gut!« sagte die Eingetretene sanft:
»Seien Sie mir herzlich willkommen. Sie sind wohl das junge verirrte Mädchen, das Fräulein Thekla von Dobezutka im Walde gefunden?«
Lorchen bejahte mit gesenkten Augen.
»Und Sie heißen?« fragte die Verwachsene weiter.
»Leonore Arnold.«
»Wie, Sie sind – hm, Sie kennen meinen Neffen Siegmund, nicht wahr? Ja, ja, Sie passen ganz zu der Beschreibung, die er mir von Ihnen gemacht, nun da seien Sie mir doppelt willkommen, man nennt Sie Lorchen, nicht wahr?«
»So nannten mich meine Eltern, Tante Delbruck wollte mich Laura rufen, gewöhnte sich aber hernach an den einfachen Namen.«
»Ich, mein liebes Kind, heiße Dorothea Baronin von Kandern, war auch einst ein junges, hübsches Mädchen, aber das ist schon lange her und bin nun im ganzen Hause, im ganzen kleinen Kreise meiner Bekanntschaft, Tante Dorchen; sobald man sich an meine äußere Erscheinung gewöhnt hat, pflegt man mich recht gern zu haben. Meine beiden Nichten, Thekla und Siegmunds Schwester Emma lieben mich wenigstens von ganzem Herzen und Siegmund selbst hält mich fast ebenso hoch als seine Mutter. Sie sind ein junges und sehr liebliches Kind und alles, was mein Neffe von Ihnen sagte, hat mir großes Interesse für Sie eingeflößt.«
Lorchen errötete vor Freuden und hätte gern die weißen, feinen Hände der Dame, die sich eben damit beschäftigte, einen Korb mit allerhand Dingen vollzupacken, die sie aus einem Schrank nahm, an ihre Lippen drücken mögen, aber sie wagte es nicht, doch fiel es von ihrem Herzen wie eine Last, und sie fühlte sich beinahe froh durch das kurze Gespräch.
»Ich habe noch einen Gang zu gehen«, sagte das alte Fräulein von Kandern, nachdem sie den Korb, der mit Kaffee, Tee, Zucker, Wein und Eingemachtem fast bis unter den Bügel gefüllt war, noch mit einem weißen Tuche bedeckt und über ihren langen dürren Arm gestreift hatte, »bleiben Sie indes ruhig hier oder gehen Sie auch in das Nebenzimmer, beschäftigen Sie Sich mit den Büchern, die Sie zu interessieren scheinen, oder stricken Sie, spinnen Sie – wenn Sie’s verstehen – lassen Sie sich überhaupt nur nicht die Zeit lang werden, liebes Kind, und sind Sie müde von der hässlichen Nacht im Walde, so legen Sie Sich hier im Nebenzimmer aufs Sofa und träumen von besseren Zeiten. Gott befohlen, Kleine!«
Sie reichte dabei Leonoren die Hand, die diese unwillkürlich an die Lippen zog und ging rasch hinaus, und wie Lorchen hören konnte, auch aus der Haustür. Höchst erfreut machte sie von der ihr gegebenen Erlaubnis Gebrauch, öffnete den Bücherschrank, langte einen Teil von Goethes Werken hervor und schlug aufs Geratewohl ein Blatt auf. Es war Faust, und das junge Mädchen las mit einem Entzücken, das sich mit Staunen mischte, das göttliche Fragment eines Menschenlebens bis zu jener Zeile, in der die Engelstimme das gefallene Gretchen für gerettet erklärt. Alle Saiten ihres Herzens erbebten und tönten bei dieser Lektüre.
Sie hatte bei Fausts Monolog begonnen, und als sie fertig war, schlug sie noch einmal den Anfang auf und las nun den Prolog im Himmel und jede Zeile dieser Wunderworte prägte sich ihrem Gedächtnis unverlöschlich ein. Träumend saß sie da, den Kopf in die Hand gestützt, das Buch auf den Knien und wiederholte sich Gretchens Geschick, das eher glücklich als beklagenswert erschien. – Gretchen hatte eine Mutter, einen Bruder, Gefährtinnen, mit denen sie plauderte und arbeitete und fand dann noch einen Mann, einen solchen Mann, der sie liebte. Seit gestern verstand sie, wie Gretchen sich verfehlt, aber die Stimme des eigenen Herzens, die noch unverbildet in ihrer natürlichen Reinheit und Wahrheit sprach, sagte ihr auch, dass Gretchens Fehltritt ach wie sehr zu entschuldigen sei und über den Tod des Kindes und der Mutter des armen Gretchens blieb sie in einem unlösbaren Zweifel. Ihre Mutter hatte Gretchen nicht töten wollen – armes, armes Gretchen! Und ihr Kind hatte sie in Verzweiflung und Todesangst ertränkt. So sehr aber auch Gretchens Geschick Leonorens Seele beschäftigte, es blieb ihr ein Tröpfchen im Ozean der Gedanken, welche ihr den Lobgesang der Engel erweckten:
»Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang«,
flüsterte sie vor sich hin und dann wieder:
»Und schnell und unbegreiflich schnelle
Dreht sich umher der Erde Pracht.«
Ihr war zu Mute, als ob die Worte des großen Dichters ihr erst das Geheimnis der Schöpfung anschaulich gemacht hätten, und mit wahrem Entzücken öffnete sie ein mächtig großes Buch mit Kupfern und Karten, um von den Wundern des Himmels zu lesen. In diesem Augenblicke fuhr aber der Reisewagen des Onkels in den Hof und Leonorens Herz stand still in unsäglichem Entsetzen bei der Gewissheit, ihm jetzt entgegentreten zu müssen. Auch Dorothea von Kandern war heimgekehrt und blickte teilnehmend auf ihren jungen tödlich erbleichten Gast.
»Was ist Ihnen, mein Kind?« fragte sie sanft, als Lorchen heftig zitternd von ihrem Stuhle sprang, indem sie sah, dass eben der Justizrat Delbruck ausstieg und auf das Haus zuschritt.
»Schützen Sie mich, o gnädiges Fräulein, um des barmherzigen Gottes willen, schützen Sie mich!« schrie sie mit so herzbrechendem Tone, dass Dorotheen die Tränen in die Augen traten.
Mit sanfter Hand zog sie das bebende Kind zu sich, indem sie selbst sich niedersetzte, und fragte mit milder Herzlichkeit:
»Was ist Ihnen begegnet, armes Mädchen, wogegen soll ich Sie schützen?«
Der schreckliche Mann, an den sie überliefert werden sollte, war nahe, die Fragerin voll Güte.
Wie das gehetzte Reh mit bebenden Flanken ins Wasser springt vor der verfolgenden Meute, so Leonore. Die größere Scham überwand die geringere, und auf den Knien liegend, die Augen mit der Hand verdeckt, erzählte sie von der entsetzlichen Ursache ihrer Flucht. Tante Lorchen sagte nichts, sie blickte nur zum Himmel empor, als das Mädchen unter Schluchzen geendet hatte, und legte dann ihre Hand auf Lorchens Haupt.
»Schützen Sie mich, o Fräulein, schützen Sie mich bei dem Andenken an Ihre Mutter, bei den Häuptern der schönen jungen, Ihnen so nahe verwandten Damen flehe ich Sie an, schützen Sie mich.«
»Beruhigen Sie sich, arme Kleine, komme was mag, ich werde Sie nicht verlassen«, entgegnete das Fräulein, und eine Minute darauf trat ein Diener ins Zimmer und bat im Namen seiner Gebieterin Fräulein Arnold, herunter zu kommen.
»Sagen Sie meiner Schwägerin, Joseph, die junge Dame sei unwohl und lege sich eben in mein Bett, ich aber ließe den Herrn Justizrat ergebenst bitten, sich zu mir herauf zu bemühen, ich hätte notwendig mit ihm zu sprechen.«
Joseph verbeugte und entfernte sich, und Tante Dorchen nahm die Decke von ihrem Bette, lockerte die seidenen Kissen auf und half Leonoren, die sich mit fliegenden Händen entkleidete und niederlegte.
Tante Lorchen zog die Gardine vor, legte noch rasch ein Buch auf Leonorens Lager und ging in ihr Wohnzimmer.

Dreizehntes Kapitel.
Der Justizrat stand dort bereits, den Hut in der Hand, ein gewöhnliches Lächeln auf den Lippen, die allerdings um einen Ton bleicher als sonst sein mochten.
»Sie haben befohlen, mein Fräulein!«
Tante Dorchen hatte trotz ihres verkrüppelten Äußeren, wenn sie es für notwendig hielt, ganz das Wesen einer vornehmen Dame und sie deutete auf einen Stuhl, indem sie selbst auf dem Sofa Platz nahm.
»Ich höre, dass meine kleine leichtfüßige Nichte sich hier unter Ihrem gütigen Schutz befindet.«
»Wollen Sie die Gewogenheit haben, Herr Justizrat, mir mitzuteilen, durch welch’ einen seltsamen Zufall das junge Mädchen in die eigentümlich bedrängte Lage gekommen ist, in der meine Nichte Thekla sie heute früh fand?«
Die nachtschwarzen Augen des schrecklich hässlichen Gesichtes ruhten bei dieser Frage mit einem Ausdruck auf Delbruck, vor dem er die eigenen niederschlagen musste.
»Ich war eingeschlafen, gnädiges Fräulein, es war drückend schwül, der Wagen fuhr langsam und der junge Kobold, der keine Ruhe an einem Orte hat, sprang hinaus, um Erdbeeren zu sammeln. Mein Litauer merkte nichts und fuhr bis zur Scheschuppe, wo ich im Abendgrauen erwachte und erschreckt, ja entsetzt Nachsuchungen anstellte, die aber erfolglos blieben, weil sich das all’ zu rasche Ding fast zwei Meilen weit von der Straße verlaufen hatte. Nun, ich danke nach dieser angstvollen Nacht dem Himmel, dass sie in Sicherheit ist, und freue mich, sie in so trefflichen Händen zu sehen; die Nacht unter freiem Himmel und ein wenig Erkältung und Angst werden sie vorsichtiger machen.«
»Gut, Herr Justizrat, ich glaube, Ihre Nichte wird nicht anstehen, diese Geschichte zu bekräftigen, sie ist jedoch jetzt gänzlich außerstande, Sie zu begleiten und wird auf unbestimmte Zeit bei mir bleiben. Sie kennen mich und können mir das junge Mädchen anvertrauen. Sollte sie so sehr zu mir passen und sich bei mir gefallen, dass wir für immer oder wenigstens für längere Zeit zusammenbleiben wollten, so werde ich mich in Korrespondenz mit Leonorens Vater setzen, den ich, wie Sie vielleicht wissen, noch aus meiner Jugend her kenne; übrigens wünscht mein Schützling vor der Hand keine Zusammenkunft mit Ihnen.«
»Mein Fräulein –«
»Herr Justizrat –«
»Sie setzen mich in Erstaunen –«
»Ich dächte nicht, mein Herr, es ist nichts Erstaunliches, einen Menschen zu finden, der ein von Hunden gehetztes Reh, ein vom Wolf verfolgtes Lamm bei sich aufnimmt, warum sollte ich weniger freundlich gegen ein schuldloses Mädchen sein?«
»Aber meine Frau –«
»Werde ich beruhigen, Herr Justizrat, ich werde sie mit Ihrer Nichte in Kaimehlen besuchen, sobald Sie von dort entfernt sind, und ich schwöre Ihnen, dass Lorchens Erdbeer-Abenteuer für sie nichts Unglaubliches haben soll; auch ist es natürlich genug und ich habe mehr und mehr Achtung vor Ihrer juridischen Gewandtheit.«
»Und Frau von Kandern –«
»Überlassen Sie das alles mir, mein Herr, ich bin im Kreise der Meinen sehr wohl bekannt und weiß, wie weit ich gehen kann. Leonore hat meiner Schwägerin die Geschichte ihrer Flucht, aber etwas anders als Sie, erzählt; sie sagte, es habe ein kleines Renkontre zwischen ihr und dem Oheim stattgefunden, Sie wären – böse, glaube ich, war der Ausdruck, dessen das junge Mädchen sich bediente,– gegen sie gewesen, das ist ja doch wohl keine Lüge, dächte ich –«
»In der Tat ja – ich schalt, sie hatte etwas vergessen, ich mag ein wenig gereizt – –«
»Bitte, Herr Justizrat, lassen wir alle unangenehmen Einzelnheiten, genug, wenn mein hübscher Schützling die Wahrheit gesagt und Sie mir die Freude machen, in das Hierbleiben des jungen Mädchens zu willigen. Ich habe die Ehre–«
Sie stand auf, Delbruck biss sich auf die Lippen, verbeugte sich und ging die Treppe hinab, wütend wie eine Hyäne, die man an der Kette von einem Raub gezerrt. –
Dorothea von Kandern aber trat lächelnd an Lorchens Bett, setzte sich zu ihr und nahm ihre Hand.
»Sie bleiben bei mir, liebes Kind, Herr Delbruck hat eingewilligt, ich muss Ihnen aber jetzt gleich noch manches sagen, das Sie erst ins Klare setzt über die Stellung, die Sie hier im Hause einnehmen werden. Ich darf Sie nicht darauf aufmerksam machen, dass auch gute und achtbare Menschen ihre Schwächen haben. Meine Schwägerin, die Baronin von Kandern, ist eine sehr gute und achtbare Frau, ihre Schwäche aber ist ein ungeheurer Adelsstolz, der mit jedem Jahre ihres Lebens eher zu- als abzunehmen scheint. Sie hat ein trauriges Lebenslos gehabt; denn ihr Gatte, den sie leidenschaftlich liebte, erschoss sich in ihrer Gegenwart wegen eines bürgerlichen Mädchens, das er von seiner Jugend an geliebt. Friede mit dem Armen, es war mein einziger Bruder. – Sie erzog ihre beiden Kinder selbst, stolz und streng, und lehrte sie sich für Wesen anderer und besserer Art halten, als alle, welche den Vorzug einer hohen Geburt nicht besitzen. Ihre Tochter Emma, die ganz unter ihren Händen blieb, hat sich auch ihre Ansichten und Grundsätze angeeignet, während Siegmund, ihr einziger Sohn, den Ahnenstolz seiner Mutter als eine ihrer Schwächen erkennt und respektiert, aber durchaus nicht teilt. Er kam als fünfzehnjähriger Knabe zur Vollendung einer Studien aus dem Hause und hat, unter anderen Menschen lebend, ganz andere Ansichten angenommen, doch ehrt und achtet er seine Mutter viel zu sehr, um nicht in allen bedeutenden Fällen nach ihren Wünschen zu handeln. – Einer ihrer Hauptwünsche ist nun seine Verheiratung mit Thekla von Dobezutka, und Sie müssen daher meinen Neffen gewissermaßen als den Verlobten dieser Dame betrachten. – Sie selbst, meine Liebe, sollen in meiner Gesellschaft und um meine Person sein und bleiben, bis sich Ihre Verhältnisse ändern lassen; die Familie meiner Schwägerin aber können Sie nur als Ihnen ganz fremd und fern stehende Menschen betrachten, denn ich kann Sie nur hier behalten, indem ich Ihnen ein dienendes Verhältnis neben mir einräume. Ich kann mir ein Kammermädchen halten, in diesem Hause einen Gast einladen kann ich nicht, denn ich selbst bin hier nur Gast, da diese Besitzungen meiner Schwägerin und deren Kindern, nicht aber mir gehören. Wenn Sie nun lieber Jungfer bei dem alten Fräulein von Kandern sein, als mit Ihrem Onkel nach Tilsit zurückkehren wollen, so werden Sie an mir eine treue Beschützerin, eine mütterliche Freundin finden, etwas anderes kann ich Ihnen vor der Hand nicht bieten.«
Durch Leonorens Seele waren während dieser Worte die seltsamsten Gefühle gezogen. Die Tochter des Künstlers hatte von der Verschiedenheit der Stände, von dem, was man in der kleinen Menschenwelt Verhältnisse nennt, keine Ahnung gehabt. Sie hatte sich allen älteren und verständigeren Personen untergeordnet, das schien ihr natürlich. Neben Kandern aber hatte sie nie daran gedacht, dass er ein vornehmer junger Mann, sie ein armes Mädchen niedrigeren Standes sei. Wie die weiße, am Bachesrand blühende Winde nicht darnach fragt, ob der Baum, um den sie leise über Nacht ihre weichen Ranken schlingt, ein wackrer Waldbaum der Heimat, oder ein exotisches, durch tausendfache Pflege in die Höhe gebrachtes Geschöpf sei, so auch Leonore, und zweimal hatten seit wenigen Stunden raue Hände es versucht, das seidene Gespinst ihres jungen Herzens, das sich instinktmäßig um den kräftigen Stamm jenes Männerherzens gelegt, loszureißen. Sie fühlte das und zuckte zusammen. Schmerz rann durch ihre ganze Seele, und während der natürliche jungfräuliche Stolz sich gegen die bloße Vermutung einer zu innigen Zuneigung an den fremden Mann empörte, fühlte sie doch ihr Blut gerinnen und ihr Herz weinen, weil diese Hinneigung ihr nicht gestattet wurde. – Es war ihr zu Mute, als ob das letzte Band, das sie an Glück und Hoffnung knüpfte, fühlbar in ihrer Seele zerrisse. Und doch musste sie sich sagen, dass Dorothea von Kandern ihr eine große Wohltat erwies, indem sie sie bei sich behielt. Sie konnte neben Delbruck nicht mehr leben! Ihn täglich, stündlich sehen, oft sogar mit ihm allein sein und ihm die dem nahen Verwandten, dem Familienhaupt gebührende Achtung beweisen, lag außer dem Kreise der Möglichkeit für das arme Kind. Die Gesellschaft eines Krokodils wäre für Leonore nicht grässlicher gewesen als die ihres Onkels. So küsste sie resigniert die Hand des Fräuleins und sagte mit leise bebender Stimme:
»Ich danke Ihnen und werde mich in alle Ihre Anordnungen zu fügen suchen.«
Dorothea streichelte mit sanfter Hand den seidigen Scheitel des Mädchens.
»Lesen oder schlafen Sie jetzt ein Stündchen, mein Kind!« meinte sie freundlich, »ich gehe zu meiner Familie und werde dort meinen Entschluss mitteilen, Sie hier zu behalten.«
Lorchen öffnete das Buch, als das Fräulein hinweggegangen, aber sie las nicht, tausend Gedanken zogen durch ihre Seele, schmerzlich und demütigend, aber mitten im Strom derselben – o Glück der Jugend und Unschuld – überschlich sie der Schlummer und sie schlief fest und träumte süß, als ein altes Mütterchen mit silberweißen Haare ins Zimmer trat, geräuschlos ein Tischchen deckte und ein schmackhaftes Abendbrot darauf servierte.

Vierzehntes Kapitel.
»Stehen Sie auf, liebes Kind«, sagte die Alte, Leonoren die Hand auf die Stirn legend, und diese schrak empor und blickte verwundert in das fremde Gesicht.
»Es ist mir immer leid, ein so junges, müdes Ding zu wecken, aber es geht schon nicht anders. Sie können im Bette des Fräuleins nicht die Nacht über bleiben und zudem wird Speise Ihnen guttun. Ziehen Sie sich rasch etwas über, dort steht Ihr Kofferchen, das der Herr Justizrat hier gelassen, eilen Sie, Herzchen, ich muss des Fräuleins Zimmer und Bett für die Nacht einrichten.«
Das waren die ersten Worte, die der schlaftrunkenen Leonore in die Ohren tönten und sie zum Bewusstsein ihres Kummers und ihrer Verlassenheit zurückriefen. Aber wie traurig das junge Mädchen auch sein mochte, es war nichts desto weniger unleugbar, dass sie einen recht tüchtigen Hunger verspürte, denn das späte Mittagsbrot der vornehmen Familie hatte sie verschlafen. Die Alte sah ihr beim Essen mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt zu und sagte endlich:
»Ja, ja, in den Jahren schmeckt’s; wenn Sie aber satt sind, so kommen Sie gleich mit mir, ich zeige Ihnen Ihr Stübchen, Ich bin hier Beschließerin, mein liebes Kind, und sorge seit zweiundfünfzig Jahren für das Haus. Ich war so jung wie Sie, als ich hierher kam, und wie ich Sie so da liegen sah, so jung, hübsch und unschuldig, da ist mir der Gedanke durch den Kopf gegangen, der Himmel, der mir eine Tochter versagt, hätte Sie zu meiner Nachfolgerin bestimmt. – Nun, wenn Sie satt sind, kommen Sie hübsch mit mir.«
»Darf ich mich nicht dem Fräulein empfehlen?«
»Nicht doch, das Fräulein ist noch unten in der Gesellschaft, doch muss sie, wenn sie heraufkommt, alles in Ordnung finden, sie bleibt selten, bis alles vorüber, manchmal ist sie keine fünf Minuten unten und den ganzen übrigen Tag schreibt sie entweder, oder liest, oder geht zu Kranken und Armen. Sie ist grausam gelehrt und schrecklich gut, liebes Kind, und macht sich mit jedermann gemein, Stolz kennt sie gar nicht, sie ist eine echte Kandern, wie der gnädige Herr, Gott hab’ ihn selig, und unser Sohn Siegmund. Die Familie der gnädigen Frau ist ganz anders, die halten viel auf den Stand. – Nun, sie können es auch. Der Vater unserer Gnädigen – wir nannten ihn unter uns ›die alte Exzellenz‹ – war General-Lieutenant und Graf, und sein Vater ist Minister gewesen und seine Mutter Oberhofmeisterin, die Lollhardts sind eine grausam vornehme Familie. Und nun kommen Sie, Herzchen, Fräulein Dorothea hat befohlen, dass Sie morgen früh wieder bei ihr sind.«
Sie zündete trotz der Helle des Zimmers eine Ampel an, die an der Decke hing, und ging dann raschen Schrittes voraus durch lange hallende Gänge und eine Menge glänzender Zimmer. Das letzte derselben war ein Saal von riesigen Dimensionen. Die Wände waren buchstäblich bedeckt mit Bildern, die alle nur Personen teils männlichen, teils weiblichen Geschlechtes vorstellten. Die Kleidung war verschieden und gehörte sichtlich auch verschiedenen Zeitepochen an, die Gesichter aber hatten meistens Ähnlichkeit miteinander und besonders wiederholten sich die großen nachtschwarzen Augen. – Leonore war unter den Ahnenbildern Siegmunds. Mit klopfendem Herzen schritt sie zwischen ihnen dahin und heftete ihre Augen bald auf dieses, bald auf jenes ihr besonders auffallende Gesicht.
»Das sind alles Lollhardts«, sagte die Beschließerin, mit der Hand auf die Bilder deutend, »sie sind verwandt mit den Kanderns, schon von Uralters her, sonst hätte der selige Herr schwerlich die reiche Erbin bekommen; denn sehen Sie, Kindchen, obwohl von erbärmlich vornehmer Familie, war er doch nur ein armer Husaren-Lieutenant und ihm gehörte nichts als das Gütchen in Wilkowischken, das jetzt mein Ältester bewirtschaftet. Das ist ein kapitaler Landwirt, er hält die ganze Geschichte hier zusammen; denn unser Sohn Siegmund, müssen Sie wissen, wenn er auch gerade nicht dem Vater nachschlägt, der sich aus der Wirtschaft wenig machte, ist doch noch jung und viel auf Reisen, und dann ist er auch mörderlich gelehrt, und die Gelehrsamkeit will sich mit der Wirtschaft bei Mann und Weib nimmer mehr vertragen.«
Unter diesem Geplauder waren die beiden eine Treppe hinabgeschritten und befanden sich in einer tiefen Parterre-Region des stattlichen Gebäudes. Hier reihte sich Zimmer an Zimmer, und in eines derselben führte Frau Rauscher Leonoren.
»Na, hierher soll ich Sie bringen, hat das Fräulein befohlen. Es ist noch immer eher ein Gast- als ein Domestiken-Zimmer. Die Predigerstöchter aus Schirwindt haben hier vor Jahren oft logiert. – Ja, das ist nun lange her!«
Die Alte seufzte, sah mit einem eigenen Blick in dem Stübchen umher, in dem es bereits zu dunkeln begann, zündete eine auf der Kommode stehende Kerze an, sagte:
»Gute Nacht, mein Kind«, und ließ Lorchen allein mit ihren Träumen und Gedanken.
Es war ein freundliches, einfach möbliertes Stübchen, dessen Einrichtung das hierher verschlagene junge Mädchen sich nun betrachtete. Das Gerät von Eichenholz, spiegelblank gebohnt, gehörte einer Mode längst vergangener Zeit an. Ein weiß überdecktes Bett stand an der einen Wand, an der außerdem noch ein großer, altmodischer Kleiderschrank Platz fand. Die Fenster, welche nach dem Park hinaus sahen, hatten Gardinen von weißgrundigem Kattun, auf den blaue Kronen gedruckt waren. Wie altmodisch das Muster auch sein mochte, sah es doch sauber und ganz hübsch aus. An einer zweiten Wand befand sich eine Kommode, die man auch, da sie einen mit Tuch beschlagenen Auszug hatte, als Schreibtisch benützen konnte. Ein Waschtisch mit einfacher Einrichtung stand hinter dem großen, braunen Ofen. Ein kleines Schränkchen, etwa zu Büchern und dergleichen, fand sich auch noch im Zimmer, dessen Möblement durch sechs schwere eichene Stühle mit Einlagekissen, die mit Moor überzogen waren, vervollständigt wurde.
Leonore fühlte sich wohl und behaglich in diesem Raume. Sie konnte sich selbst kaum sagen, woran es lag, dass ein Geist des Friedens und der Gemütlichkeit über sie kam. Sie packte ihren Koffer aus, den ein junges, ländlich aussehendes Mädchen ihr gebracht hatte, räumte ihre wenigen Sachen in die riesigen Behälter, öffnete dann ein Fenster und setzte sich daran nieder, die Landabendluft zu genießen, die von Blumenduft durchwürzt zu ihr herein wehte.
So saß sie lange. Der Mond ging auf und ergoss sein silbernes Licht durch den blühenden Park, die Schwarzwälder Uhr an der Wand schlug Mitternacht und das ganze Haus schien in tiefer Ruhe zu liegen, ehe Leonore sich auskleidete und mit dem Nachtgebet auf den Lippen entschlief.

Fünfzehntes Kapitel.
Dorothea von Kandern war, als Leonore aus ihrem Zimmer geführt wurde, sehr bald in dasselbe zurückgekehrt und ging wohl eine Stunde lang in sichtbarer Aufregung auf und ab, dann öffnete sie ihr Schreibepult, stützte eine lange Weile noch den Kopf in die Hand und begann zu schreiben. Der Brief war an Leonorens Vater bestimmt und lautete, wie folgt:
»Mein lieber Arnold!
Wenn Sie meine Schriftzüge vergessen haben in der langen Reihe von Jahren, da Sie sie nicht gesehen, so sage ich Ihnen hier gleich in den ersten Zeilen, es ist Dorothea von Kandern, Ihre alte Freundin, welche Ihnen schreibt. Was Sie auch erlebt haben mögen, in Glück oder Leid, vergessen haben Sie mich doch wohl nicht ganz, man vergisst nicht diejenigen, die die wichtigsten Lebenskatastrophen mit uns durchmachten.
Es sind jetzt siebzehn Jahre, dass wir nichts voneinander gehört haben, meine Teilnahme für Sie ist aber noch ebenso groß, als sie war, da ich Ihnen die Hand zum Abschiede reichte und Ihnen versprach, das Möglichste zu tun, um Sie mit Ihrer Familie auszusöhnen. Ich habe nichts für Sie tun können, seltsamer Weise aber setzt das Geschick mich in den Stand, Ihrem Kinde die Liebe und Teilnahme zu betätigen, die ich für Sie empfand.
Leonore, Ihre Leonore ist seit vierundzwanzig Stunden bei mir.
Ich weiß nicht, was Sie bewegen konnte, sich von dem Mädchen zu trennen. Ist es Armut? Sind Sie so bedeutend krank, dass Sie Ihren Tod erwarten, Ihr Kind noch vor demselben den Verwandten zum Schutze übergeben wollten?
In den Händen des Justizrates Delbruck, Ihres Schwagers, ist Leonore sehr übel geborgen. Delbruck ist ein herz- und gewissenloser Mensch, ein alternder Wüstling – damit ist alles gesagt. Ihre sechszehnjährige Tochter hat sich vor einer Nichtswürdigkeit flüchten müssen, der Zufall wollte, dass Dobezutkas Tochter sie im Walde fand. Jetzt ist Leonore bei mir und soll bei mir bleiben, bis Sie über Ihr Kind verfügen. Dass ich Leonore im Hause meiner Schwägerin nicht wie das Kind eines Freundes behandeln kann, darf ich Ihnen nicht auseinandersetzen. Sie bleibt daher hier als meine Kammerjungfer, Gesellschafterin, kurz als zu meiner Bedienung und Bequemlichkeit gehörig.
Meine Schwägerin hat ohnedies einigen Grund, das junge Mädchen nicht in ihrer nächsten Umgebung dulden zu wollen. Sie gefällt nämlich durch ihre jugendliche Einfachheit dem einzigen Sohne meines Bruders; nun können Sie aber denken, dass seine Mutter nichts mehr fürchtet, als die Möglichkeit, dass Siegmund die Wege seines Vaters gehen möchte.
Lassen wir die Vergangenheit, sie war für uns alle schmerzlich, wohl uns, wenn Schmerz und Liebe, wenn Glück und Entsagung zu unserer Ausbildung, zu unserer Veredlung beigetragen, wenn das Leben das Götterbild des eigenen Ichs bei jedem von uns zur Vollendung entwickelte.
Aber das ist es nicht, lieber Arnold, was ich Ihnen schreiben wollte, sondern einzig und allein die Frage, was soll aus Ihrer Leonore werden? Zurückkehren in Delbrucks Haus kann sie unter keiner Bedingung. Wird sie es tragen können, hier in einer untergeordneten Stellung zu weilen? Werden Sie dies wünschen, werden Sie es nur zulassen? – Sie wohnt jetzt in dem kleinen Fremdenzimmer, das Ihre Schwester vor ihr so oft und gern bewohnte, in dem auch Anna von Korff mehr als einmal geweilt in Tagen – die vergangen.
Welch’ ein liebliches Kind sie ist; alles an ihr einfache Wahrheit und Natur. Sie gleicht Ihrer Schwester, doch steht mir das Bild derselben nur in voller Entwicklung weiblicher Schönheit vor Augen; Ihre Leonore ist noch trotz ihrer sechszehn Jahre fast ein Kind.
Antworten Sie mir umgehend, lieber Arnold, auch Leonore erwartet einen Brief von Ihnen mit Sehnsucht. Sie deutete mir an, dass man dem Briefwechsel zwischen Vater und Tochter im Hause des Justizrates Hindernisse in den Weg gelegt. O diese Pharisäer!
Aber – ich will nicht richten, jede böse Tat, ja jeder unlautere Gedanke, den wir hegen, ist ein Samenkorn, das früher oder später aufgeht und dessen Früchte wir auch genießen müssen, aber ebenso ist’s mit dem Guten, welches wir taten oder dachten. –
Ich reiche Ihnen in der Ferne die Hand, lieber Arnold und sage Ihnen vom ganzen Herzen:
Gott mit Ihnen!
Dorothea von Kandern.«
Es war längst Mitternacht vorüber, als dieser Brief gesiegelt und adressiert auf dem Schreibtische der Dame lag, während sie selbst noch immer ruhelos im Zimmer auf und ab ging, und das anscheinend so ruhige Haus barg in seinen Mauern außer ihr noch mehr als ein unruhiges, von Schmerz und Sorge bewegtes Herz. Frau von Kandern, Dorotheas Schwägerin, saß in ihrem mit klösterlicher Einfachheit eingerichteten Zimmer vor ihrem Schreibtische, dessen geheimste Schiebfächer weit offen standen.
»Hier ist es«, sagte sie ganz laut, obgleich außer ihr kein Mensch im Zimmer war, »hier, großer Gott, wie ähnlich.«
Sie hatte ein Pack hervorgezogen, das augenscheinlich aus alten Briefen bestand, die mit einem schwarzen Band zusammengebunden waren. Diese Briefe hatte sie auseinandergebunden und auf den Tisch verstreut, bis sie zwischen ihnen ein Medaillon in altmodischer Goldfassung fand, das ein schönes, weibliches Portrait enthielt. Das Bild glich unbedingt der jungen Leonore, doch war das Gesicht zarter, regelmäßiger und von einer Farbenschönheit, die man nur im Busen der eben erschlossenen Rose und in manchen jugendlichen Gesichtern nordischer Mädchen findet. Die gemalte Kleidung gehörte der Mode einer längst vergangenen Zeit, und der Goldrand des Bildes und die hintere emaillierte Seite desselben war von großen dunklen Rostflecken verunstaltet, welche Frau von Kandern mit Schauder betrachtete. –
»Was soll ich tun, o mein Gott, was soll ich tun?« sagte sie, das Bild aus den Händen legend und die bleiche Stirn trocknend. »O Gott, Gott! Wie hart prüfst und versuchst Du die Deinen!«
In diesem Augenblick ließ sich ein leises Klopfen an einer Tapetentür vernehmen. Die Dame stand auf, und ohne das Bild zu verbergen, noch die Papiere zusammenzuschieben, öffnete sie den Riegel und ließ den protestantischen Geistlichen ein, welchem Leonore bei ihrem Eintritt in das Haus begegnet war.
»Raten Sie mir, mein verehrter Freund«, sagte Frau von Kandern dem bleichen, trüb blickenden Mann die gefalteten Hände flehend entgegenstreckend:
»Raten Sie mir, was soll ich tun? Ist es meine Pflicht nach dem, was Dorothea uns andeutete, das Mädchen, das – o mein Gott – das Bild einer grässlichen Vergangenheit, in meinem Hause, unter meinem eigenen Dache zu behalten und kann das Gott von mir verlangen? Und noch dazu jetzt, wo Siegmund in kurzem heimkehrt, der nach einem Zusammensein mit ihr, das kaum Stunden dauerte, hingerissen war von ihrer Schönheit, Gelehrigkeit und Einfachheit? Soll ein Wesen aus dem Blute derjenigen, die meine Jugend in Galle tauchte, jetzt vielleicht bestimmt sein, mein Alter zu vergiften, alle meine Pläne zu durchkreuzen und mir das Herz meines einzigen Sohnes zu rauben?«
»Fräulein Dorothea«, sagte der Befragte, »fordert den Aufenthalt des jungen Mädchens nur für einige Zeit, nur bis über sie von Seiten ihres Vaters bestimmt werden kann. Dies zu verweigern, wäre unchristlich, gnädige Frau. Zudem bleibt sie in untergeordneter Stellung, eine Kammerjungfer seiner alten Tante dürfte Ihrem Sohne, Frau Baronin, wohl keine Leidenschaft, oder nur höchstens eine vorübergehende einflößen, auch dürfen wir, wie Ihnen wohl bewusst ist, in Fräulein Dorothea den schlafenden Löwen nicht wecken. Dem, was sie einmal entschieden will, geradezu widersprechen, können wir nicht, aber die Umstände leiten, mit sanfter Hand einen wünschenswerten Ausgang herbeiführen, das ist uns erlaubt, und ich selbst, ich wüsste jetzt schon einen solchen, meine verehrte Freundin. In Ihrem Hause, unter Ihrer Leitung müsste die Blutsverwandte Ihrer Todfeindin sich glücklich und ihren Verhältnissen gemäß verheiraten, dann könnten Sie, Ihrer natürlichen und christlichen Großmut folgend, feurige Kohlen sammeln auf die Häupter Ihrer Widersacher, und das Kind, das Gott Ihnen zuführte, ausstatten mit barmherziger Hand. Ihr Herr Sohn kommt in den ersten Tagen, ja in den ersten Wochen noch nicht heim; bis er kommt, kann manches geschehen. Legen Sie diese traurigen Erinnerungszeichen an eine traurige Vergangenheit nur wieder hinweg. Es wird alles gut und nach Wunsche gehen, wenn wir Gott vertrauen und das Unsrige tun. Und nun, meine teure Freundin, ermahne ich Sie zu Gebet und Buße und gebe Ihnen meinen Segen, denn es ist spät und Ihnen ganz besonders die Ruhe Not. –«
Er stand auf, verbeugte sich und verschwand so geräuschlos als er gekommen, Ludmilla von Kandern aber saß noch lange, lange und betrachtete beim Schein ihrer herabbrennenden Kerze die schönen Züge des Bildes und die Blutflecke auf seiner Einfassung. Eine Vergangenheit flog an ihrem Herzen vorüber, so überfüllt von Schmerz, Zorn und Groll, dass der Gewitterregen, der rauschend an ihre Fenster zu schlagen begann, dass der Sturm, der die Zweige im Park beugte und der rollende Donner nur ein passendes Accompagnement zu ihren Gedanken bildeten.

Sechszehntes Kapitel.
Justizrat Delbruck war in dieser Gewitternacht draußen. –
Er hatte beabsichtigt, Kaimehlen mit dem dunkelnden Abend zu erreichen, aber die angeschwollenen Fluten der beiden kleinen Flüsschen Scheschuppe und Schwantowit, die vom Ural die trüben Johanniswasser in ungewöhnlicher Menge empfangen, hatten ihn aufgehalten.
Eingehüllt in seinen Regenmantel, die Kappe über die Ohren gezogen, saß er in der Ecke seines geräumigen Wagens. Nur wenn ein besonders greller Blitz die Gegend beleuchtete, blickte er empor und es rann wie ein Schauder durch seine Glieder.
Der Weg zieht sich zwischen dem Judenstädtchen Zudargen und der alten Herrschaft Kaimehlen längs des Memelstromes hin. Weit und breit war hier zur Zeit keine menschliche Wohnung sichtbar, und die Memelufer teils mit Unterholz-Beständen, teils mit jenen kleinen, moosigen Hügeln bedeckt, die der Landmann jener Gegend, der sie Palwe nennt, so sehr hasst und fürchtet, weil sie aller Kultur Trotz zu bieten scheinen. – Die rüstigen litauischen Pferdchen rannten trotz Blitz und Sturm, und der alte Donaleitis lenkte sie furchtlos und geschickt. Wenn aber ein Blitz eben niedergefahren, erschien die Dunkelheit der Nacht fast greifbar. Der Weg ist dort nichts weniger als Kunststraße, und plötzlich stieß eines der Hinterräder an einen Stein, der Wagen schlug um und der Justizrat sah sich genötigt, allerhand ihm gar nicht geläufige Seiltänzerkunststückchen zu machen, um seinem verschütteten Herkulanum entsteigend, an dem für den Augenblick gen Himmel ragenden Fußtritt das Hinabklettern zu bewerkstelligen.
Das Rad war rettungslos zerbrochen und die Situation des Reisenden, um Mitternacht auf einsamem Landwege und bei einem echt ostpreußischen Gewitterschauer, keinesweges comfortable.
»Pons Richter, wie nu?« fragte der Litauer kleinlaut.
Die Frage war offenbar leichter als die Antwort. –
»Wohinaus liegt hier das nächste Dorf, oder die nächste Schenke?« gegenfragte Delbruck.
»Nirgend geheuer hier, Pons Richter! Kornmutter, Waldmann, Nix, alles hier spuken«, sagte der eine pudelnasse Litauer kläglich, worauf ihm Delbruck gar nichts antwortete; denn das Wort:
»Rindvieh«, das er zwischen den Zähnen murmelte, dürfte nicht eigentlich als eine Antwort gelten, es war nur eine Herzenserleichterung.
»Keine tausend Schritt von hier«, sagte er endlich nach einer ziemlichen Weile, während der Regen ihm von Kappe und Mantel niederströmte, »muss man auf den Weg nach Kanderischken kommen, das wir, wenn wir die rechte Richtung treffen, in einer Viertelstunde von hier aus erreichen können.«
»Geht nicht, Pons Richter, geht gar nichts. Elfen-Palwe zwischen uns und dem Wege, Waldmann uns packen, am Heidefeuer verbrennen.«
Delbruck schritt, ohne auf des Litauers Einwurf zu achten, bis möglichst nahe an das Stromufer, stellte sich dann so, dass er das brausende Wasser im Rücken hatte, und suchte mit Anstrengung all’ seiner Nervenkraft mit seinem Blick das dichte Dunkel vor sich zu durchdringen.
Ein plötzlich leuchtender Blitz zeigte ihm eines der ihm bekannten Wegzeichen, eine alte, halb abgestorbene Weide, die mitten auf dem Palweboden an einer feuchten Stelle ihr kärgliches Leben fristete.
»Bleibe bei Wagen und Pferden Donaleitis«, sagte er nun, schon etwas beruhigter, »ich will Menschen aufsuchen.«
Der Litauer kauerte resigniert sich neben dem zerbrochenen Wagen zusammen und ließ die Wässer des Himmels über sich wegströmen. Delbruck aber schritt rüstig zu, bis er jene Weide erreicht und erfasst hatte. Dann wandte er sich rechts und erreichte bald einen mit Weiden, Kornelkirschen und anderem Unterholz bedeckten Hügel, wo die nassen Zweige ihm, während er ihn überkletterte, unartig ins Gesicht schlugen. An der andern Seite hinabsteigend, übersprang er dann einen Graben, dessen Ränder Erlbüsche umsäumten, und sah sich in kurzem in einem kleinen Gehölz von Birken, Kiefern und niederem Pappelnaufschuss, das er zu durchschreiten begann, als das Aufblitzen eines Lichtes ziemlich in seiner Nähe ihn mehr noch in Verwunderung als Schreck versetzte. Wollte er indes seine Richtung behalten, musste er der unerwarteten Erscheinung entgegenschreiten, und so sah er sich nach einigen Minuten einer Gruppe bärtiger Männer gegenüber, die um ein niederbrennendes Feuer gelagert, zwischen sich und dem strömenden Himmel kein Schutzdach hatten als einige träufelnde Zweige. Ihre leinenen Kittel, ihre runden Hüte, der Gurt, den sie umgeschnallt hatten, und die schlechte Geige, die an demselben hing, ließen Delbruck sogleich erkennen, dass er sich einer Gruppe polnischer Leibeignen gegenüber befand. – Diese Menschen, meistens aus Wolhyniens und Podolien stammend, kommen im ersten Frühling auf flachen Fahrzeugen, die man je nach ihrer Bauart, Gallert oder Villinnen nennt, zum Teil den Bug und Narva hinunter, nach den Weichselstädten Elbing und Danzig, zum Teil auf der Wasserstraße, die das Gebiet des Memelstromes bildet, nach Tilsit und dann durch den Friedrichsgraben nach Königsberg, oder durch die Wasserverbindung der Russe und Gilge nach Memel und bringen Holz, Getreide, Hanf und Talg nach den Ostseehäfen. Dort werden ihre ganz ohne Eisen gebaute Fahrzeuge als Bau- oder Brennholz verkauft, und die Leute gehen dem Lauf der Ströme folgend, in ihre Heimat zurück, sich unterwegs gegen geringen Tagelohn bald als Mäher, Schnitter oder Drescher verdingend, bald auch wie die Slowaken in Siebenbürgen das Geschäft der Scherenschleifer oder Kesselflicker treibend. – Immer aber hält sich auf ihren Marktzügen eine Partie Nachbarn und Gefreundeter zusammen, die sich freiwillig unter die Autorität eines Anführers stellt, der auf einer schlechten Geige die Tänze ihrer Heimat: Mazurka, Polonaise und Krakowienne spielend und die Töne mit seinem Gesange begleitend, in welchen von Zeit zu Zeit der Chor einfällt, dem Zuge vorangeht. Es gibt wenig Wesen aus der großen Menschenfamilie, die in Einfachheit, Harmlosigkeit, Dankbarkeit und Genügsamkeit diesen armen Naturkindern gleich stünden. –
Die, welche Delbruck hier traf, waren wie er im Laufe der Nacht vom Wetter überfallen, doch hatte sie dasselbe in ihrem Nachtquartier unter den Zweigen einer alten mächtigen Linde, ihn nur auf dem Wege zu demselben getroffen. Dem Justizrat lief der Regen trotz des wasserdichten Mantels über die Haut. Die Tropfen hatten sich bei der Halsbinde Bahn gebrochen und rieselten in gemessenen Absätzen eisig seinen Rücken entlang, ihm ein höchst unbehagliches Gefühl erregend. Die Polen waren nass wie Dachtraufen und jeder hätte da, wo er sich hinstellte, aus seinen Kleidern einen aparten kleinen Gussregen schütteln können. Sie standen aber nicht, sondern lagen ruhig auf dem nassen Boden, und einer, der durch die Geige an seinem Gurt sich als der Zugführer erkennen ließ, warf von Zeit zu Zeit dürre Äste und Moos auf das Feuer, das dann, nach einigem qualmenden Rauch von neuem aufflammte. – Delbruck grüßte, und die Leute erhoben sich um in ihrem »padam do nóg« sich ihm zu Füßen zu werfen.
»Wo geht der Weg nach Kanderischken?« fragte er nun in ihrem eigentümlichen Dialekt, und der Anführer begann, ihm auseinanderzusetzen, dass zwischen ihrem Lager und dem Schloss noch ein breiter Bach zu überschreiten sei, der in dem Regen gewiss die Passage hindern würde. Es war ein großer, schöner Greis, dem der Silberbart und die langen silbernen Locken etwas Patriarchalisches gaben. Delbruck musste das Gesicht immer wieder betrachten, es kam ihm unsäglich bekannt vor, und da er einsah, dass jede Möglichkeit, unter Dach zu kommen, ihm bis zum Anbruch des Tages, der indes nicht zu fern sein konnte, genommen sei, so hielt er es für das Beste, bei Menschen und in der Nähe eines Feuers zu bleiben und lagerte sich mitten unter die Czinokys neben dem Alten, der ihm ehrfurchtsvoll den Platz einräumte, den sein eigner Leib auf dem Moosrasen trocken erhalten.
»Habe ich Dich schon irgendwo gesehen, Alter?« fragte Delbruck seinen Nachbar, als ein greller Feuerschein ihm wieder den bekannten Ausdruck dieser Züge zeigte, und nicht wenig war er erstaunt und überrascht, als der Pole in gutem Deutsch mit dem echten breiten Dialekt des Ostpreußen antwortete:
»Ja doch, Herr Refendarius, ich bin ja Kropowitzky, der Kutscher bei altem seligen Herrn Baron auf Kanderischken.« -
Ein trauriger, schrecklicher Moment aus Delbrucks früherem Leben trat bei den Worten des Mannes lebhaft vor eine Seele. Damals, vor langen Jahren, als er diesen Mann, mit dem Blut und Hirn eines Herrn bespritzt, den Ausdruck des höchsten Jammers in allen seinen Zügen, vor sich stehen sah, war er ein Jüngling, ein eben von der Universität heimgekommener Auskultator, Kropowitz - Kropowitzky, ein kräftiger Mann gewesen. Das nahe Schloss Kanderischken war der Schauplatz, jenes grässlichen Vorfalls, fast seit jenem Tage stand es öde, und das damals so glänzend erbaute, kaum beendete Wohnhaus, dem der Stolz der Bewohner den Titel Schloss gab, zerfiel schnell.
»Lebt die gnädige Frau noch?« fragte der Alte.
»Sie lebt noch, ich habe sie vor wenigen Stunden getroffen.«
»Auch Tante Dorothea, die junge Baronesse?«
»Auch die, Kropowitzky.«
»Und der hübsche Siegmund und die kleine Emma?«
»Sie leben alle, Alter.«
»Gottes Dank! Und Eleonore Arnold, Herr?«
»Wer, Alter? Nach wem fragst Du?«
»Nach der Predigerstochter, Gott, Gott, sie mag auch wohl noch leben, die arme Seele. Herr Refendarius, die haben Sie wohl gar nicht gekannt?«
Delbruck erinnerte sich, dass eine Tante Leonorens, ein Mädchen von großer Schönheit, die Tochter eines Landgeistlichen, diesen Namen auch geführt hatte. Sie war verschollen, niemand wusste, wo die Schwester des vagierenden Schauspielers sich aufhielt. Die Familie des früheren Pfarrers Arnold war eine von denen, welche das alte Lied so treffend und traurig bezeichnet:
»Sie sind gestorben, verdorben.« –
»Möchte die gnädige Frau einmal noch sehen, ein einzig Mal noch«, sagte der Pole, »es möchte vielleicht doch für sie ein Trost sein. Möchte heute, wenn’s Tag wird, nach Kanderischken gehen.«
»Die gnädige Frau wohnt nicht in Kanderischken, sondern auf ihrem eigenen Gut. –«
»Glaub’s schon, hier ist’s nirgend geheuer«, meinte der Pole und warf einen langen Blick in die weite Gegend umher, die jetzt im ersten Schimmer eines trüben Morgens sichtbar wurde.
Der Wind pfiff über die Ebene und jagte die Wolken, die grau in tausend abenteuerlichen Gebilden über das Himmelsfeld flogen. Der Regen hatte aufgehört und im Osten legte sich um den grauen, falbigen Wolkenmantel ein blutroter Saum, der allmählich im goldenen Lichte zu erschimmern begann. Lerchen schwangen sich trillernd vom Boden auf, in der Ferne krähten Hähne und antworteten einander. Die Polen standen von ihrem feuchten Lager auf, bekreuzten sich, schlugen Stirn und Brust und beteten ein Ave. Delbruck gab seinen Gefährten ein Silberstück, beauftragte sie, seinen Kutscher und den Wagen aufzusuchen und nach Kanderischken zu schaffen, trank aus der Flasche, die der alte Kropowitzky ihm gastlich reichte, einen Schluck Branntwein und ging eilig, um sich zu erwärmen, auf dem Wege nach Kanderischken vorwärts.

Siebzehntes Kapitel.
Ein Wald von Eichen und Buchen trennte den Wanderer noch von dem ehemals glänzenden Sitz der Barone von Kandern. Ein Heckenzaun, der nirgends sehr sichtbar, jetzt aber an vielen Stellen verfallen war, schied Park und Wald. Delbruck sprang, um nicht erst das Pförtchen zu suchen, an einer dieser verfallenen Stellen über und ging auf das Schloss zu, das hie und da zwischen den alten Bäumen hindurchschimmerte. –
Mit wie vieler Einsicht, mit wie großem Geschmack war hier alles angelegt und geordnet. Ein Arm der Schwantowit fließt fast mitten durch den Park. Man muss bergab klettern, um zu dem Fluss hinzugelangen und sieht sich dann in einem schmalen Tale, das mit Linden in regelmäßigen Reihen bepflanzt ist. Einst hatte man alle diese Bäume kuppelförmig geschnitten und sorgsam unter der Schere gehalten, jetzt streckten sie die wuchernden, prächtig grünen Äste mit Blüten beladen in alle Himmelsgegenden und beschütteten den zwischen ihnen hineilenden Delbruck mit einem Regenschauer.
Eine Brücke von Birkenstämmen, einst auf das Zierlichste gearbeitet, führt unter diesen Linden über den Fluss, der sich fünfzig Schritte hinter demselben zu einem mächtigen See erweitert, dessen klaren Spiegel eine grüne Insel schmückt. Das Dach einer Rotunde ragt hier zwischen üppig grünen Baumzweigen hervor. Ein moosiger, gebrechlich aussehender Kahn schwankte, an einen Pfahl gebunden, in einem Dickicht von Rohr, das seine feuchten Blütenfedern im Morgenwinde wehen ließ. Einst hatten Schwäne diesen See belebt, man sah das Häuschen noch, das zu ihrem Schutze erbaut war. –
Weiter den Park durchschreitend, ging Delbruck über einen Platz, auf dem Schaukeln aller Art, Karussell und Wiegeschaukel, Kreuzschwinge und russische Schaukel einst dem Vergnügen der Besitzer gedient hatten. Jetzt sahen die Gerüste morsch und verfallen aus und es würde niemand so leicht gewagt haben, sich ihnen anzuvertrauen. Auf dem Wiesenplan, wo sie standen, wucherten Nesseln und Brombeerranken, man sah, dass lange, lange kein Fuß ihn des Vergnügens wegen beschritten hatte. –
Unter Bäumen, die ihre Äste dicht ineinander verschränkten, stand eine Mooshütte, deren Tür aus den Angeln gefallen, im Innern die rohe Statue des Perkunos, Pikullos und Potrimpos enthielt, dieses dreiköpfige Symbol der alten Letten, das wie der Brama, Wischnu und Schiven der Hindu, das Entstehen, Wachsen und Vergehen bezeichnet. Das Götzenbild war in dieser Stelle in der Erde gefunden worden und stand hier nun schon – Delbruck wusste nicht genau, wie viel Jahre, aber er wusste, dass er an diesem einsamen, dunkeln und unheimlichen Platz manches Stelldichein mit hübschen Zofen gehabt hatte, und er sah mit seinem eigentümlichen Lächeln die kleine Moosbank an, die unter einer Buche jetzt verlassen und verwittert dastand. –
Als er aus dem Dickicht hervortrat und einen Blick auf die von hier vollkommen sichtbare Fronte des Schlosses warf, fiel dieser auf die behäbige Gestalt des Oberinspektors Rauscher, der neben einem andern Herrn auf dem Rasenplatz stand und ganz gemütlich in den kühlen Morgen seine Pfeifchen dampfte. Auch der Oberinspektor wurde des übernächtigen, verregneten Gastes gewahr, der so unverhofft und auf einem ganz ungewöhnlichen Wege sich an einem Orte einfand, der sonst von Gästen nicht eben besucht wurde.
»Alle guten Geister!« sagte der Dicke, dem Justizrat entgegeneilend, »gehen Sie spuken, Delbruck? Was führt Sie denn beim Morgengrauen, wo Stadtleute noch im ersten Schlaf liegen, her in das Eulennest – Gott verzeih’ mir die Sünde!«
Delbruck erzählte die Abenteuer der Nacht, und Rauscher winkte nun seinem Gefährten.
»Komm her, immer her, Michel, der Justizrat, mein Bruder, Assessor Rauscher.«
Der jüngste Sohn, das Nesthäkchen der würdigen Beschließerin, war ein Mann von etwa zweiunddreißig Jahren, groß, schlank und von hübschem Aussehen. Er kam aus der Residenz, wo er eine kleine, sehr kleine Anstellung hatte, jedoch hoffte er bald auf eine bedeutendere in seiner Heimat. Die Herren kannten sich schon, wenigstens erinnerte sich Delbruck Rauschers, der bei seinen früheren Besuchen auf Ragunen, beim General Lollhardt als ein kleiner Junge auf dem Parkrasen gespielt hatte, und da sie beide Juristen, so wurde das Gespräch bald genug lebhaft.
Man ging in das Schloss, das mit geschlossenen Fensterladen und niedergelassenen Gardinen und im ersten Stadium des Verfalls an den blinden, bettelnden Belisar erinnerte. Guten, trefflichen Kaffee aber fand man in dem leeren Gebäude und der Kuh-Pächter von Kanderischken trug auf, was nur Küche und Keller vermochten.
Nach einer Stunde erschien dann auch der zerbrochene Wagen, die müden Pferde, Donaleitis, Kropowitzky und die sämtlichen Czinokys, und Inspektor Rauscher sorgte, dass es von allen Lebendigen des Zuges wie in der Bibel heißen konnte:
»Und sie aßen und tranken und wurden alle satt.« –
Anfangs hatte der Justizrat beabsichtigt, nach Kaimehlen aufzubrechen, sobald nur der Schaden am Wagen vom Dorfschmied notdürftig gebessert. Die Brüder Rauscher überredeten ihn indessen, bis zum folgenden Morgen, wo auch sie dorthin wollten, in Kanderischken zu bleiben; so erschien denn das verödete Schloss auf einige Stunden wieder bewohnt. Delbruck schlief in einem der hallenden Staatszimmer auf einem Sofa mit verschlissenem Atlas-Überzuge, und nachdem er so die versäumte Nachtruhe ersetzt hatte, nahm er sehr gern Platz auf dem Perron im Schatten einer mächtigen Eiche, die der vorvorige Baron von Kandern, der Erbauer des Gebäudes und Gründer des Parkes, mit Weisheit beim Bau geschont hatte und die dem Platz nun zur höchsten Zierde gereichte und ihm zugleich ein altertümliches Aussehen sicherte. Die drei Männer plauderten und lachten bei einer Flasche vortrefflichen Weines, bis der Wagen des Justizrats, diesmal mit zwei zum Gute gehörigen stattlichen Schimmeln bespannt, vom Schmied zurückkehrend, vor dem Perron hielt. Eine helle Abendsonne vergoldete den Platz vor der Tür und goss ihren Schimmer über alle Gegenstände des stattlichen Gehöftes. –
Kropowitzky stand die Pferde haltend neben dem Fahrzeug, einem hübschen, aber etwas altmodischen Verdeckwagen, die Luft war sommerstill und nach dem Gewitter der Nacht von einer köstlichen Frische. Was war es denn, das den Dreien beim Anblick des Wagens, des Kutschers und der Schimmel so plötzlich das Wort im Munde erstarren machte, das gespenstig vor aller Augen aufzutauchen schien, das dem Wein seine Blume, der heiteren Luft ihre Frische, der Gegend ihren sommerlichen Glanz verdarb?
»Großer Gott«, sagte der Oberinspektor und setzte das Glas, das er eben zum Munde führen wollte, auf den Tisch.
Der Justizrat flüsterte mit bleich werdender Lippe:
»Das ist eine seltsame Ähnlichkeit«, und der jüngste der Männer sprang von seinem Stuhle auf und schrie:
»Haben wir heute nicht den dreißigsten Juni?«
Das Wort hatte den Bann gebrochen, der sich über sie gelagert.
»Wahrhaftig!« sagte der Justizrat gefasst, »Augenblicke wie der gegenwärtige könnten einen gebildeten und aufgeklärten Menschen an Spuk und Gespenster glauben lassen.«
»Na, Justizrat, Gott straf’ mich, wenn ich nicht fest überzeugt bin, hier spukt es. Warum wird uns allen so grauslich jetzt am hellen lichten Tage, warum zittern wir Männer beim Anblick eines Wagens und zweier weißen Pferde im schönsten Sonnenschein? Ich sage Ihnen, das Gespenst Florians geht hier um, und kann denn auch seine Seele Ruhe haben nach solch’ grausamer Tat?«
»Es ist die Erinnerung, lieber Rauscher, die uns alle so elektrisiert, und wahrhaftig mein Wagen sieht genau aus wie jener, der vor – wie lange mag’s nun sein?«
»Zweiundzwanzig Jahre«, entgegnete der Ober-Inspektor. »Die kleine Emma war noch nicht geboren, sie kam erst zur Welt sieben Monate nach dem grausigen Ende ihres Vaters.«
»Aber«, sagte der Assessor, »ist es denn gar nicht möglich, dass der fürchterliche Tod Florians von Kandern von einem unglücklichen Zufall herbeigeführt wurde? Ich kam aus dem Garten gelaufen, als ich den Schuss fallen hörte und sah nur die geschehene Tat. Steht mir doch der Moment vor Augen, als wäre keine Stunde seitdem verflossen. – So, gerade so wie jetzt, stand der vorgefahrene Familien-Wagen aus Ragunen. So hielt der Kutscher die beiden prächtigen Schimmel, und so wie jetzt schien die Sonne.«
»Ja«, sagte der ältere Bruder, »es war grässlich, Du warst ein kleiner Junge und konntest all’ das Elend nicht so übersehen wie ich, der ich schon halb und halb ein Mann und durch die Mutter in manche Familienverhältnisse eingeweiht war.«
»Ich weiß von allem damit Zusammenhängenden nichts«, meinte der Justizrat; »ein Zufall hatte mir, dem ganz jungen Referendarius aus der Residenz, ein Kommissorium hier in der Gegend gegeben, und der Baron hatte mich für einige Tage zu sich gebeten. Ich stand mit der Billard-Queue in der Hand, als die Familie aus Ragunen anlangte und sah nichts, hörte nur den Knall der Pistole und den grellen Aufschrei einer Frauenstimme. Da lief ich eiligst hinaus! Den Anblick aber vergess’ ich, weiß Gott, nie und würd’ ich hundert Jahre alt. Da, dicht vor dem Wagenschlag stand der alte Baron, eine stattliche Kavaliers-Figur im Frack mit seidenen Strümpfen, Schnallenschuhen und Kniehosen, den Hut unterm Arm; er hatte seiner Schwiegertochter aus dem Wagen helfen wollen. Vor ihm auf dem Rasen lag zusammengebrochen die Leiche seines Sohnes. Das Gesicht war grässlich zerstört und der Kopf sozusagen auseinandergesprungen, Blut und Hirn hatten die Kleider des Vaters und des Kutschers befleckt und lagen auf dem Wagentritt, und auf dem Knie Siegmunds, der, damals vielleicht ein fünfjähriger Knabe, totenbleich auf dem Rücksitze des Wagens kauerte. Die Baronin lag mit gefaltenen Händen im Wagen auf den Knien; sie war starr und wie tot, und Dorothea hielt sie mit ihren Armen umschlungen.«
»Weiß Gott, die hat was erfahren, die Arme«, sagte der Ober-Inspektor tief aufatmend. »Tante Dorchen ist eine goldene Seele und ihres Gleichen gibt’s so bald nicht, aber hören Sie, vom Schicksal zurecht geschlagen und gehämmert, ist sie auch wahrhaftig.«
Delbruck zuckte zusammen.
»Schwerer geprüft scheint mir in diesem Fall doch die Gattin als die Schwester.«
»Eine wie die andere. Bei der Frau kann man sagen, dass Reichtum, Schönheit, vornehmer Stand, Klugheit und alles miteinander nicht so ein bisschen Glück geben, nicht so viel wie ein ordentlicher Bettler oder Leibeigener an einem Abend hat, wenn er nach der Fidel auf dem Rasen tanzt. Die Frau, die reichste Erbin in Ost- und Westpreußen und eine Schönheit, so eine Schönheit zu ihrer Zeit, und was hat sie vom Leben gehabt? Die Tochter ist ewig krank und elend, der Mann hat sich erschossen, der Sohn hält sich bloß so ehrenhalber zu ihr, denn er macht sich nichts aus der Mutter. Du großer Gott, was hilft ihr all’ ihr Gut und Geld, ihre Schlösser und Parks und Wälder und Wiesen. Sie ist auch fromm geworden, der Prediger aus Königsberg, der von nichts als der ewigen Vergeltung spricht und vom Gotteslamm, das ist ihr Faktotum, na wenn sie nur ihren gehörigen Verstand behält, eine dumme Frau ist sie ganz und gar nicht.«

Achtzehntes Kapitel.
»Aber um alles in der Welt, bester Freund«, sagte Delbruck, als der Oberinspektor schwieg, »was kann nur den unglücklichen Mann, ich meine den Baron Florian, zum Selbstmorde und zu einem solchen Selbstmorde bewogen haben?«
Rauscher tat einen langen Zug aus seiner Pfeife, sah eine Weile vor sich nieder und zuckte die Achseln.
»Liebesgeschichten, sagte man! – Gott mag’s wissen, es schwebt darüber so ein apartes Dunkel. Sehen Sie, die Familien-Verhältnisse waren seltsam. Der alte Baron – ich meine Florians Vater – war kein reicher Mann. Er hatte das Gütchen, das ich jetzt in Pacht habe; das war sein Erbteil. Nun aber lagen hier herum ungeheure Landstrecken unbebaut, unbewohnt und auch unbewohnbar, weil aller Kultur anscheinend unfähig. – Da kam in den neunziger Jahren oder auch meinetwegen noch früher, zur Zeit der Französischen Revolution ein Mann her, der sich Arnoldi nannte. Ein Grundgelehrter muss er gewesen sein, denn sie sagten von ihm, er könne Gold machen. – Meine Mutter hat mir das erzählt, wissen Sie, die es von ihrer Schwiegermutter gehört, meiner seligen Großmutter, die dazumalen Beschließerin auf Ragunen war. Also dieser Arnold wohnte und lebte bei dem Baron, es war ein alter Mann mit weißem Haar, manche sollen ihn für ganz verrückt gehalten haben, weil er von nichts als verborgenen Kräften in der Natur und von der Elektrizität und so allerlei gesprochen. Andere meinten nun, er sei ein Hexenmeister und dergleichen. Dem widersprach er aber sehr eifrig; er hatte einen Sohn, der ward Theolog und Prediger in Schirwindt, heiratete dort und hatte zwei Kinder. Der Prediger aber war ein Kumpan wie sein Vater, und all’ sein Geld gab er aus für Bücher und Luftpumpen und Elektrisiermaschinen. Der alte Arnoldi teilte dem Baron von Kandern einige Geheimnisse mit über künstliche Düngung und wie man vermittelst gewisser Abzugsgräben, ohne große Kosten, den Palwe-Sumpf hier herum entwässern könne. Mein alter Baron war klug genug, Lehre anzunehmen, so kaufte er für ein Butterbrot den Boden hier und noch den Wald dazu, der zur Zeit auch keinen großen Wert hatte, und machte seine Experimente und erzielte einen ungeheuren Erfolg, ein wahres Heidengeld. – Wie das denn so geht. ›Gut macht Mut, und Mut macht Übermut‹ sagt das Sprichwort, der Baron fing an zu bauen, den Wald zum Park zu machen. Alles glückte ihm. Der alte Arnoldi starb und ward begraben, und nun war sein Sohn, der Prediger, das Faktotum des Gutsherrn. – Der aber hatte seine Gedanken nicht auf das, was Geld bringt. Ich hab’ ihn noch gekannt, den wunderlichen Mann. Er predigte nur von Gottes Größe in der Natur, und hatte auf der Welt keine anderen Ideen, als dass alles schön und erhaben und ganz exzellent sein sollte. Zwar Kinder hatte er, eine ältere Tochter und einen Sohn. Die Tochter war gewiss ein Engel in Menschengestalt. Der Sohn hat nicht viel getaugt – und Sie wissen ja, Justizrat, er ging unter die Komödianten und war hernach, als der Vater schon lange tot und all’ die Geschichten vorbei waren, in Tilsit, und nahm sich die Schwester Ihrer Frau, die hübsche Anna von Korff mit. Ja, apropos, wo haben Sie, Justizrat, denn das kleine Ding, Ihre Nichte, gelassen? Ist sie noch bei den Herrschaften in Ragunen? Sehen Sie, sie ähnelte merkwürdig der Tochter des Predigers Arnold, aber die war noch hübscher, eigentlich darum fiel mir auch im Winter das Gesichtchen so auf.«
»Aber Sie wollten uns, denk’ ich, den Grund von Florians Selbstmord auseinandersetzen«, unterbrach der Justizrat.
»Ja, so, ach so, na Florian hatte noch einen ältern Bruder Victor, und der Baron, der Vater, stiftete ein Majorat, und der älteste wurde zum Gutsherrn erzogen und der jüngere kam unter die Garde-Husaren. – Er war ein Bild von einem Mann, die Kanderns waren und sind alle verteufelt hübsche Leute, den Victor ausgenommen, der krank und elend, nicht so recht aufwachsen wollte. – Nun soll die hübsche Predigerstochter in Königsberg, im Hause eines Verwandten, erzogen worden sein, und dort soll sich schon eine Liebschaft zwischen ihr und dem Husaren-Offizier gemacht haben. – Der alte Baron hatte sich, was man so sagt, verbautet und fing an, Geld zu brauchen. Geld und nur Geld. – So richtet er denn sein Augenmerk auf die reichen Mädchen in der Gegend, und da kommt er auf die gute Idee, für einen Majoratsherrn um das einzige Kind der alten steinreichen Exzellenz Lollhardt zu werben. – Nun merken Sie wohl auf. Ludmilla Lollhardt, Dorothea von Kandern, und die Leonore Arnold, waren Schul- und Spielgenossinnen gewesen, und so wusste es die Dorothea, dass die reiche Erbin ihren schönen Bruder gern habe. Der Majoratsherr bekam einen Korb, Dorothea verriet aber dem Vater, dass der junge Lieutenant glücklicher sein würde. So wirbt also der Baron ohne weiters für seinen zweiten Sohn und bekommt auch von dem Mädchen ein vergnügtes: ›Ja‹ und von der alten Exzellenz Zusicherungen über große Geldsummen. – Nun geschah aber etwas Seltsames und höchst Schreckliches. Dorothea nämlich war in Schirwindt beim Prediger auf Besuch. Sie war zur Zeit ein schönes, junges Mädchen. Da erkrankte sie plötzlich. Kein Arzt durfte zu ihr, niemand durfte sie sehen, und als sie wieder zum Vorschein kam, war sie, wie man sie jetzt sieht, das Gesicht voll Narben und Beulen, der Leib verschoben und verkrümmt. – Was hat man da geredet und gemunkelt, kein Mensch aber weiß bis auf diesen Tag, wie das Unglück sie betroffen. – Florian war mit Ludmilla verheiratet, und nun kamen Dinge zum Vorschein, gar nicht schöne, kann ich Ihnen sagen. Er besuchte die Predigerstochter ganz öffentlich und vernachlässigte seine Frau. Ja, er und Dorothea, brachten die Geliebte als eine gemeinschaftliche Freundin ins Haus, wo sie ein eigen Stübchen hatte. – Plötzlich aber war sie verschwunden, kein Mensch erfuhr und ahnte, wo sie geblieben. Florian beschuldigte Frau und Vater, sie fortgeschafft zu haben, und ein fürchterliches Zerwürfnis war in der Familie. Baron Victor war indes gestorben und Florian einziger Erbe. – Der alte Baron hatte nur einen Götzen in der Welt, den Anstand, und dass niemand von ihm was Böses zu reden wüsste. Ehre und Anstand waren bei ihm das dritte Wort. Florian aber wollte leben und glücklich sein. Das mochte wohl mit der Frau, die ihm zuteil geworden, nicht so recht gehen. Er hasste den Vater, er hasste seine Frau, das war gewiss. Der Alte wollte das verlöschen und vermänteln, er war immer der Feine, der Liebenswürdige. Selbst da die Katastrophe kam, und der Sohn mit zerschossenem Kopf vor ihm am Boden lag, hat er nicht sein Kavalierwesen aus den Augen gesetzt. Gott der Gerechte! Ich sehe ihn noch, wie er die arme Frau aus dem Wagen hob und zu den Umstehenden sagte: ›mein unglücklicher Sohn hat in einem Anfall von Wahnsinn, an dem er zuweilen litt, seinem Leben‹ – weiter konnte er nicht reden, die Stimme blieb ihm im Halse stecken, aber die Tochter im Arme haltend, ging er mit aufgerichtetem Haupt in das Haus, das er gebaut, sozusagen geschaffen hatte, und der polnische Kutscher trug den kleinen Siegmund nach, und die verkrüppelte Schwester schlich hinter ihnen her, wie ein gräuliches Gespenst.«
Der Inspektor sah sich bei diesen Worten mit einem Blick um, der das unheimliche Gefühl, das ihn durchschauerte, besser als jede Rede ausdrückte.
»Nein! Und sollte ich die Schätze aller Kandern und aller Lollhardts von Ewigkeit her mein eigen nennen, ich möchte in diesem gottverfluchten Hause nicht wohnen. Sie will mir’s verpachten, die Baronin, aber der Herr bewahre mich, solche Erinnerungen machen das prächtigste Haus zu einem Kirchhof. Begreife auch nicht, wie der alte Baron es hier hat noch Jahre lang aushalten können, bis er starb.«
»Ich hab’ ihm manchmal zugesehen«, sagte ein jüngerer Bruder, »ein Junge, wie ich damals, kann unbeachtet überall hinlaufen. Die Leute, die noch den alten Arnoldi gekannt, meinten, Baron Kandern habe seine Seele dem Teufel gegeben, der die Gestalt jenes Mannes angenommen und ihm dafür diese Besitzung zu erwerben und das Schloss zu bauen gestattet habe. – Der Park, das Schloss und der kleine Siegmund, das war sein Alles. Mit dem Kinde an der Hand ging er im Park umher und zeigte ihm jeden Baum und redete ihm vor von der Schönheit des Besitztums und von der Mühe, die alles gemacht, und dass er als der Erbe es in Ehren halten und verschönern und vermehren möge. – Ich kann schwören, dass ich mehr als einmal hinter einer alten Eiche verborgen, oder da im Mooshause meine heißen Tränen geweint habe, wenn ich den alten Mann zu dem Kinde reden hörte. Und wie er dann aussah, die kerzengerade Figur und das silberne Haar und die feinen Spitzen, Manschetten und der Mund, um den es so sonderbar zuckte, wenn er das Kind: ›Mein Sohn‹ nannte.«
»Wissen Sie«, sagte Delbruck, »dass ich gestern nachts den Kutscher traf, der an jenem grässlichen zwanzigsten Juni die Familie hierher fuhr und von dem alten Baron sogleich entlassen wurde?«
»Damals war der Mensch nicht zu bändigen«, entgegnete der Oberinspektor, »er wollte durchaus die Baronin sehen und sprechen, die aus einem Krampf in den andern fiel, so eine zähe Polacken-Natur hab’ ich bald nicht gesehen – er war gar nicht abzuweisen. Er ist jetzt hier, und hielt die Pferde, als die täuschende Ähnlichkeit der Szene uns auf diese vergangenen Schaudergeschichten brachte.«
»Sonderbar«, meinte der Assessor, »ist’s doch, als wenn solche Dinge zu Zeiten mit aller Gewalt sich wieder in Erinnerung brächten, Luft und Licht, Menschen und Gegenstände, alles macht die Vergangenheit dann lebendig, und ich sage auch, solche Erinnerungen sind die eigentlichen Gespenster. Es gibt keinen ärgeren Spuk, als unsere eigenen traurigen Gedanken.« –

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