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Julia Neuberger

Antisemitismus

Wo er herkommt,

was er ist –

und was nicht

Aus dem Englischen von

Anne Emmert


Gewidmet dem Andenken an George Weidenfeld (1919–2016) und Anna Schwab (1887–1963)

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Einführung

Kapitel 1

Wo kommt Antisemitismus her?

Kapitel 2

Was ist Antisemitismus – und was nicht?

Kapitel 3

Wie fühlt sich Antisemitismus an?

Dank

Ausgewählte Literatur

Anmerkungen

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Dass mein Buch nun auch auf Deutsch erscheint, macht mich überglücklich. Im Jahr 2019 wurde ich in Deutschland eingebürgert, mit doppelter Staatsbürgerschaft. Angefangen hatte alles mit meiner Verärgerung über die Brexit-Entscheidung in Großbritannien, schon bald jedoch stellte sich eine völlig andere Regung ein: ein Gefühl der Zugehörigkeit zu Deutschland. Dabei hatten doch Deutsche meiner Mutter nach ihrer Flucht 1937 die Staatsbürgerschaft entzogen und viele Mitglieder meiner Familie auf beiden Seiten ermordet. Aber meine Großeltern wurden alle in Deutschland geboren. Unsere Wurzeln reichen väterlicherseits in Frankfurt und Umgebung und mütterlicherseits in Heilbronn am Neckar und Umgebung Jahrhunderte zurück. Meine Mutter stammt aus einer Familie von Heilbronner Winzern und kleinen Weinhändlern, die keine besonders frommen Juden waren. Väterlicherseits waren die Familienoberhäupter in der eher strenggläubigen und traditionellen Welt des Frankfurter Judentums abwechselnd Bankiers und Rabbis: Eine Generation verdiente gutes Geld, die nächste Generation gab es wieder aus.

Sie alle begegneten natürlich Antisemitismus, besonders nachdem Wilhelm Marr und seine Anhänger in den 1870er Jahren ihre Ansichten verbreiteten. Meine Großeltern väterlicherseits siedelten allerdings nicht wegen antisemitischer Vorfälle nach London über, sondern wegen Streitigkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinde von Frankfurt, denn sie stammten aus der sehr orthodoxen Austrittsgemeinde beziehungsweise der größeren Einheitsgemeinde, die völlig zerstritten waren. So kam mein Großvater nach London, um bei seinem Onkel in der Bank der Familie zu arbeiten. Mein Vater und seine Brüder wurden in London geboren und zu englischen Gentlemen erzogen, sprachen aber ein tadelloses Hochdeutsch, an das meine Mutter, die als Heilbronnerin schwäbelte, nicht heranreichte.

Meine Urgroßmutter väterlicherseits floh 1939 nach Amsterdam, wurde jedoch aus Westerbork deportiert und in Sobibor ermordet. Viele weitere Familienmitglieder auf beiden Seiten kamen zu Tode. Die meisten wurden umgebracht, einige begingen Selbstmord, andere verhungerten. Das ist erschütternd. Trotzdem hat in meinen Augen Deutschland sein Bestes getan – Ausnahmen wie der Historikerstreit der 1980er Jahre bestätigen die Regel –, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, uns wieder willkommen zu heißen, sich der Schrecken von Rassismus und Antisemitismus bewusst zu sein und Abbitte und Wiedergutmachung zu leisten, wo immer es möglich ist. Deutschland hat sich nicht davor gedrückt, seine Verantwortung und Schuld anzuerkennen, anders als viele andere Länder, die in die Vernichtung der Juden durch den Nationalsozialismus verstrickt waren. Das weiß ich zu schätzen. Ich weiß es zu schätzen, dass in Deutschland Schulkinder über alte jüdische Friedhöfe geführt werden oder das Leben von Menschen erforschen, an die mit Stolpersteinen erinnert wird – eine hervorragende Initiative, die das Gedenken an jene, die einst in Deutschland lebten, arbeiteten und sich entfalteten, in das Pflaster der Straßen einbettet.

Da ich eine enge Beziehung zu Heilbronn pflege und mehrmals dort war, fühle ich mich mittlerweile als Teil dieses Landes. Ich fühle mich zugehörig, obwohl mein Deutsch nicht besonders gut ist. Deutsche Kleider passen mir, die deutsche Küche schmeckt mir. In einer Pension in Stuttgart lernte ich, den Kartoffelsalat nach Art meiner Großmutter zuzubereiten. Ich freue mich, Britin zu sein, und bin Großbritannien auf ewig dankbar, dass es meine Mutter und so viele andere verzweifelte jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufnahm. Ich bin sehr britisch und habe sogar einen Sitz im House of Lords, dem Oberhaus des britischen Parlaments. Jetzt bin ich auch aus vollem Herzen Deutsche, und man könnte sagen, ich fühle mich hier ebenfalls zu Hause. Allerdings gibt es dazu einen Warnhinweis, und der kommt in Gestalt dieses Buches.

Denn mein Buch befasst sich zwar zu einem erheblichen Teil mit aktuellen Ereignissen in Großbritannien, geht aber auch auf Deutschland, andere europäische Länder und die USA ein. Viele Jüdinnen und Juden sind entsetzt über die AfD in Deutschland und den hemdsärmeligen Antisemitismus in der Partei, auch wenn sie sich nicht als antisemitisch versteht. In Deutschland sind die Vorläufer des modernen Antisemitismus allgegenwärtig, in der evangelischen Kirche mit Martin Luther, der ein glühender Antisemit war, mit der »Judensau« an der Stadtkirche zu Wittenberg oder mit der Erinnerung an die sogenannten Hep-Hep-Unruhen im Jahr 1819 zu Beginn der jüdischen Emanzipation. Hier entwickelte auch Wilhelm Marr seine rassistischen Theorien, ein Denken, das sich unter dem Deckmantel der Anthropologie bald überall ausbreitete. Und dieses Denken ist bis heute nicht verschwunden. Der Hass ist gegenwärtig. Lange nach dem Schrecken des Holocaust, für den der deutsche Staat die Verantwortung übernommen hat, musste der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet erst noch klarstellen, dass Antisemitismus zwar in der äußersten Rechten und unter muslimischen Migranten in Deutschland gleichermaßen zunimmt, die größere Gefahr jedoch von Rechtsextremisten ausgeht. Und genau da hat sie auch ihren Ursprung. Der rechtspopulistischen AfD wird vorgeworfen, Hass gegen Flüchtlinge, Muslime und Juden zu schüren, und Alexander Gauland beschrieb den Holocaust als »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte. Zahlen belegen, dass die allermeisten Gewalttaten gegen Juden in Deutschland von Rechtsextremen begangen werden. Militante Extremisten rufen mittlerweile offen zur Entweihung jüdischer Einrichtungen und zu Gewaltakten gegen Jüdinnen und Juden auf, berichtet die Linken-Bundestagsabgeordnete und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Petra Pau, die auch feststellt, dass immer mehr Menschen den Holocaust leugnen und antisemitische Agitation betreiben.

Erst 2018 war die Stadt Chemnitz das Epizentrum heftiger Zusammenstöße, als migrantenfeindliche Proteste und Gegendemonstrationen eskalierten. Nach dem Mord an einem Deutsch-Kubaner und der Festnahme eines Irakers und eines Syrers marschierten Tausende durch die Straßen. Zwar richteten sich die Proteste überwiegend gegen Angela Merkel und ihre Reaktion auf die Migrantenkrise 2015, doch auch Außenminister Heiko Maas hielt es für notwendig, sich mit einem Verweis auf die deutsche Geschichte mit den Gegendemonstranten zu solidarisieren. Deutschland hat also immer noch Probleme, obwohl es der Jugend auf so eindrucksvolle und bewegende Weise nahebringt, was damals geschah. All die Anstrengungen können nicht verhindern, dass Rechtsextreme mit ihrem Hass und Antisemitismus unter jungen Leuten Zulauf finden.

Erst 2019, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, versuchte ein Attentäter, der 28-jährige Stephan Balliet, in Halle (Saale) die Synagoge zu stürmen. Die Tür war verbarrikadiert, und es gelang ihm nicht – weder mit Schüssen noch mit Molotowcocktails und Handgranaten –, in die Synagoge zu gelangen, sodass dort niemand verletzt wurde. Dann aber richtete er seine Waffe vermutlich aus Frustration auf eine Passantin und tötete sie, bevor er zu einem nahe gelegenen Dönerladen fuhr, Sprengsätze hineinwarf und einen 20-jährigen Mann erschoss.

Die meisten Deutschen waren entsetzt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reiste am Tag darauf nach Halle, um die Opfer zu würdigen, und sagte: »Wir müssen jüdisches Leben schützen.«1 Und es wird viel getan, auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Dennoch breiten sich in der bislang selbstbewussten jüdischen Gemeinde in Deutschland echte Sorgen und Ängste immer mehr aus. Nur wenige Länder sind vor dem zunehmenden Antisemitismus gefeit, aber mit Blick auf die Geschichte des Landes ist dieser Stimmungsumschwung unter einigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Deutschland sehr beunruhigend.

In Großbritannien ist Jeremy Corbyn, der als Vorsitzender der Labour Party die Ausbreitung von Antisemitismus in seiner Partei zuließ, unterdessen abgetreten. Sir Keir Starmer, der ihm folgte, stellte unter Beweis, dass er Antisemitismus nicht duldet, als er Rebecca Long-Bailey aus seinem Schattenkabinett entließ, nachdem sie einen antisemitischen Retweet nicht hatte löschen wollen. In der Twitter-Sphäre wimmelt es nur so von linken wie rechten antisemitischen Verschwörungstheorien, und die Denkweise, dass Meinungen wichtiger seien als Fakten, gewinnt an Boden. Die Labour Party wartet, da ich dies schreibe, auf den Bericht der britischen Equality and Human Rights Commission, die antisemitische Tendenzen in der Partei untersucht. Die Lage hat sich entspannt, doch es ist noch viel zu tun. Dasselbe gilt in Frankreich, Italien, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Antisemitismus hat einen sehr leichten Schlaf. Nun ist er wieder erwacht und findet bei den verschiedensten Gruppierungen und Ideologien einen fruchtbaren Nährboden, sei es, dass unbegründete Kritik an Israel grassiert (und oftmals ist Kritik an der israelischen Regierung absolut gerechtfertigt) oder dass alte Ammenmärchen über reiche und arglistige Juden kolportiert und aus überkommenen Klischees, nach denen Juden die Medien und die Hebel der Macht »kontrollieren«, neue antisemitische Ressentiments gestrickt werden. Die uralten Verschwörungstheorien sind wieder en vogue, obwohl die Protokolle der Weisen von Zion, auf die sie zurückgehen, schon vor hundert Jahren als Fälschung entlarvt wurden.

Wir müssen also weiter wachsam sein, vor allem aber müssen wir verstehen, was Antisemitismus ist, wo er begann, wie er sich verändert und warum er eine Rolle spielt. Das zu erklären versuche ich in diesem Buch. Wenn ich auch nur einen Menschen dazu bewege, seine Meinung zu ändern, sei es in Deutschland oder in Großbritannien, bin ich schon zufrieden. Sind es mehrere, bin ich begeistert. Und wenn wir dieses Buch in zehn Jahren wegwerfen können, weil es nicht mehr gebraucht wird, werde ich völlig aus dem Häuschen sein.

Einführung

In meiner Kindheit, die ich im Londoner Norden verbrachte, war Antisemitismus kein Thema. Falls er doch einmal zur Sprache kam, dann eher als Scherz: Wenn mein Vater uns in unserem alten Ford Popular durch die Stadt fuhr, beschimpfte er die Ampeln, die eine nach der anderen rot wurden, gern als antisemitisch. Aber damit hatte es sich auch.

Die Großmutter meines Vaters, Caroline Ellern, die in Amsterdam Zuflucht vor dem Nationalsozialismus gesucht hatte, war von dort nach Westerbork und weiter nach Sobibor deportiert worden, wo sie 1943 ermordet wurde. Die meisten meiner Angehörigen mütterlicherseits waren ermordet worden. Trotzdem bezogen wir zehn oder fünfzehn Jahre später den Begriff Antisemitismus scherzhaft auf Ampeln. Falls sich im Großbritannien der 1950er und 1960er Jahre Juden von Antisemitismus bedroht fühlten, so bekamen wir das jedenfalls nicht mit. Die grauenhaften Bilder von den Konzentrations- und Vernichtungslagern, die unmittelbar nach dem Krieg in den Wochenschauen gezeigt worden waren, hatten Menschen mit antisemitischen Ansichten zum Umdenken oder wenigstens zum Schweigen gebracht.

Über den Holocaust wurde in meiner Kindheit kaum gesprochen. Ich wuchs mit Menschen auf, die mit deutschem Akzent sprachen, meine Mutter eingeschlossen (obwohl mir das erst viel später bewusst wurde, wenn ich ihre Nachrichten auf dem Anrufbeantworter abhörte). Neben meiner Mutter waren auch viele Cousinen und Cousins, Onkel, Tanten, Freundinnen und Freunde aus Hitler-Deutschland geflohen. Doch in England, in Großbritannien fühlten wir uns sicher. Wir waren stolz, Briten zu sein, stolz, Juden zu sein, und wir spürten keinerlei Bedrohung.

In der Schule, wo ein Drittel der Klasse jüdisch war, fingen die Lehrer an hohen jüdischen Feiertagen im Unterricht kein neues Thema an. Das hätte auch keinen Sinn gehabt, weil zu viele von uns fehlten. Für die gemeinsame Andacht, in der wir einmal in der Woche alle zusammen englische Kirchenlieder sangen – ich liebe sie noch heute –, suchten wir mit Bedacht Lieder aus, die für alle geeignet waren. Im Zweifel fragten die zuständigen Lehrerinnen unsere Eltern oder jüdische Kollegen um Rat. Man war sensibel, aufgeschlossen und tolerant: Uns bereitete unser Judentum nie Probleme.

Ich werde nie erfahren, inwieweit ich dieses Gefühl der Geborgenheit meinen Eltern zu verdanken hatte, die meine Cousinen und Cousins und mich vor den Geschehnissen der Vergangenheit abschirmten. Meine Mutter hatte keine Ausbildung machen können. Ende der 1950er und in den 1960er Jahren standen meine Eltern mit dem deutschen Staat in Verhandlungen über Wiedergutmachungszahlungen, ohne dass ich davon viel mitbekam. Meine Großeltern, die praktisch mit leeren Händen geflohen waren, bauten die Entschädigungsforderung für ihr Haus Anfang der 1960er Jahre zu einer fast schon zwanghaften Vollzeitbeschäftigung aus. Doch wir Kinder waren ahnungslos und geborgen. Wir konnten unser Judentum frei praktizieren, am Purimfest in der bunten Tracht auf die Straße gehen, zu Chanukka die Glitzerschuhe tragen. Wir zündeten die Chanukka-Kerzen an und stellten sie ins Fenster. Niemand hatte daran etwas auszusetzen.

Auch als mir viel später in meiner Studienzeit und danach Antisemitismus in eher kleinen Dosen begegnete – meist entsprang er reinem Unverstand –, als Rechtsextreme prominenten Juden beleidigende Postkarten schickten, empfanden wir das nicht als gravierend. Der Runnymede Trust, der sich für die Gleichstellung gesellschaftlicher Minderheiten einsetzt, beschloss 1994, als Probelauf für eine Studie zur damals viel schwerwiegender erscheinenden Islamophobie die Häufigkeit antisemitischer Vorfälle zu untersuchen. Wir, die Kommission, glaubten damals nicht, dass viel dabei herauskommen, das Ergebnis sonderlich beunruhigend ausfallen würde. Unser Bericht mit dem vorausschauenden Titel »A Very Light Sleeper« (Ein sehr leichter Schlaf) verzeichnete frühe Fälle von Holocaustleugnung und besagte beleidigende Briefe und Postkarten. Er schilderte einige recht unschöne Beispiele und bot Anlass zur Besorgnis, doch insgesamt war der Antisemitismus damals nicht so ernst zu nehmen wie das wachsende Phänomen der Islamophobie.2

Warum lohnt sich dann ein genauerer Blick? Die schlichte Antwort lautet: Weil sich die Lage verändert hat.

Dass Antisemitismus in Europa seit rund fünfzehn Jahren zunimmt und mancherorts mit Gewalt gegen Juden einhergeht, beunruhigt mich zutiefst. Auch antisemitische Verbalattacken häufen sich, und in manchen Kreisen sind mittlerweile Sprüche salonfähig, die früher als unerhört antisemitisch gegeißelt worden wären.

Im Jahr 2017 führten der Community Security Trust und das Institute for Jewish Policy Research in London eine gemeinsame Studie zum Antisemitismus im Vereinigten Königreich durch. Der Bericht bezifferte den sogenannten »harten Kern« von Antisemiten auf 5 Prozent der Bevölkerung, verwies jedoch auf einen Anteil von weiteren 25 Prozent, »die ein negatives Bild von Juden haben und ein oder zwei Ansichten vertreten, die Juden meist als antisemitisch einordnen würden. Dazu gehören traditionelle judenfeindliche Erzählmuster wie übermäßiger Einfluss, gespaltene Loyalität und unrechtmäßig erworbener Reichtum«.3 Die extreme Rechte ist nach wie vor die Bevölkerungsgruppe, in der die antisemitische Haltung am stärksten ausgeprägt ist, doch die extreme Linke zog, bedingt durch ihre numerische Überlegenheit und ihren neuen Einfluss auf die britische Politik, in Sachen antijüdischer Gesinnung mit den Reaktionären in etwa gleich. Diese Zahlen sind alarmierend. Zwar haben die genannten Gruppierungen durchaus Einfluss, doch das beunruhigendste Ergebnis der Studie ist, dass Antisemitismus – oder Hinweise darauf in Bevölkerungsgruppen, in denen er früher keine Rolle spielte – in der britischen Gesellschaft inzwischen recht weit verbreitet ist.

Wie der im Bergwerk singende Kanarienvogel möchte ich auf die aktuellen antisemitischen Tendenzen aufmerksam machen, nicht weil gewalttätige Übergriffe im Spiel wären – in Großbritannien ist das überwiegend nicht der Fall –, sondern weil unflätige Beschimpfungen leicht in Gewalt übergehen: in Gewalt gegen Menschen und in Gewalt gegen Gebäude, die auf die Entweihung des Heiligen, des Sakrosankten abzielt und Angst schüren soll. Ein klassisches Beispiel ist, da ich dieses Buch schreibe, der entsetzliche Mordanschlag auf die Pittsburgher Etz-Chaim-Synagoge an einem Sabbat, begangen von einem Mann, der Juden für die Zuwanderung von Muslimen in die USA verantwortlich machte und brüllte: »Alle Juden müssen sterben.«

Ich schreibe dieses Buch auch aus einem zweiten Grund: Bei vielen Menschen herrscht echte Ratlosigkeit, was unter Antisemitismus eigentlich zu verstehen ist, und besonders, ob Kritik am Staat Israel für sich genommen antisemitisch ist. Dabei gibt es eine wenn auch nicht perfekte, so doch allgemein anerkannte internationale Definition, die in der Öffentlichkeit allerdings nicht sonderlich bekannt ist. Deshalb lohnt es sich darzustellen, was Antisemitismus ist und was nicht, zumal große Teile der jüdischen Gemeinde in Großbritannien unter dem wachsenden Antisemitismus und der unruhigen Stimmung leiden und den, wie sie es sehen, Vertrauensbruch des Staates gegenüber seiner jüdischen Bevölkerung mit Sorge betrachten. Immerhin hatte sich diese jüdische Gemeinde lange Zeit glücklich geschätzt, willkommen zu sein, kann sie doch, anders als die Juden in weiten Teilen Kontinentaleuropas, stolz auf eine kontinuierliche, 350 Jahre währende Geschichte in diesem Lande zurückblicken.

Ich möchte darstellen, wie sich die Haltung zu Juden verändert hat. Das will ich tun, weil auch ich es verstehen will. Und verstehen will ich es, weil mich interessiert, wie sich diese Haltung nicht nur auf meine Generation auswirkt, sondern vor allem auf die nächste jüdische Generation und die übernächste. Welche Zukunft haben Jüdinnen und Juden in Großbritannien und in Europa, wenn verbale und körperliche Gewalt gegen Juden auf dem Vormarsch ist und gleichzeitig in ganz Europa rechtsextreme Nationalisten immer mehr Intoleranz, Antisemitismus und Islamophobie an den Tag legen? Und was bedeutet das, nicht nur für Juden, sondern für die Gesellschaft insgesamt?

Kapitel 1
Wo kommt Antisemitismus her?

Für eine differenzierte Darstellung dessen, was unter Antisemitismus zu verstehen ist und was nicht, gilt es zunächst zu erkunden, wo er eigentlich herkommt. Dafür müssen wir ziemlich weit in die Geschichte zurückgehen. Nicht umsonst bezeichnete Robert Wistrich den Antisemitismus als den »längsten Hass«.1 Seine Wurzeln liegen unter anderem im religiösen Antijudaismus, in Stammeskriegen und in Ressentiments gegen Juden, die allen Widrigkeiten zum Trotz überlebten. Religiöser Hass verband sich mit der Auffassung, dass Juden keine vollwertigen Menschen sind, Neid mit der Ansicht, dass sich Juden ihren jeweiligen Erfolg nicht verdient haben können. Es hieß, sie seien Lügner, Wucherer, arglistige Betrüger. In der Geschichte finden wir die Ursprünge dieser Vorurteile.

Die Antike

Das ägyptische Alexandria war im 3. Jahrhundert v. u. Z. Heimat der weltweit größten jüdischen Diaspora. Dort entstand die Septuaginta, die griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel. Wir wissen, dass der ägyptische Priester und Historiker Manetho damals beleidigend über die Juden herzog. Seine Anwürfe wurden nach ihm endlos wiederholt, auch in der römischen Epoche. Im Seleukidenreich, das sich von Anatolien bis in die Levante, nach Mesopotamien und in Teile des modernen Pakistans erstreckte, verkündete Antiochos IV. Epiphanes um 170 bis 167 v. u. Z. eines der frühesten Edikte gegen Juden und löste so einen Aufstand der Makkabäer in Judäa aus. Antiochos beendete damit die alte Sitte, die Juden Judäas ihre religiösen Traditionen pflegen zu lassen: Solange sie ihre Steuern zahlten, hatten sich ihre ausländischen Herrscher nicht eingemischt. Der mehrere Jahre andauernde Aufstand, der in den Makkabäerbüchern der Apokryphen geschildert wird, bot Stoff für Opern und Oratorien und ist auch der Ursprung des jüdischen Lichterfestes Chanukka im Winter.

In den jüdischen Überlieferungen, die sich um Chanukka ranken, ist Antiochos der größte Bösewicht und Feind, etwa in den Makkabäerbüchern und der »Megillat Antiochos«, die den Aufstand der Makkabäer als nationalen Widerstand gegen politische und kulturelle Unterdrückung von außen schildert. Die Rabbiner nannten Antiochos nur den »Niederträchtigen«. Ob Antiochos das Judentum als Kultur und Religion ausrotten wollte, ist nicht klar, doch sicher war er ein Judenfeind oder Antisemit der Antike.

Christlicher Antisemitismus: Die frühchristliche Kirche

Viel später, im 2. Jahrhundert, begannen die frühen Christen das Ansehen der Juden zu diskreditieren. Sie beklagten, die Juden hätten nicht den rechten Glauben, seien in Ungnade gefallen und weigerten sich starrsinnig, Jesus als Messias anzuerkennen. Obwohl Jesu Lehren stark vom jüdischen Denken beeinflusst waren, bestritt die frühchristliche Kirche, dass er das Judentum gelehrt hatte. Sie vertrat einen neuen Glauben, der die Juden hinter sich lassen und sich in die Länder der bekannten Welt ausbreiten sollte. Die Juden galten als Gescheiterte, die für Vernunft nicht zugänglich waren.

Anders als das Judentum lehrte die neue Religion, dass der Messias in Gestalt Jesu Christi gekommen sei und das neue Zeitalter unmittelbar bevorstehe. Die Grundsätze der neuen Religion durften nur Schüler der Apostel lehren. Jeder Apostel benannte einen Schüler, der ihm nachfolgen sollte, und die Angehörigen und Verfechter der apostolischen Sukzession bekämpften jede andere Gruppierung, die für sich in Anspruch nahm, das Neue Israel zu sein.

Apologeten rechtfertigten und verteidigten die Doktrin der frühchristlichen Kirche oft, indem sie Juden verunglimpften. Wenn das Christentum das Neue Israel werden sollte, galt es, die Sünden des Alten Israel, des gefallenen Israel, des falschen und verräterischen Israel offenzulegen.

Im Jahr 145 verfasste Justin der Märtyrer eine Apologie, in der er einen Dialog mit dem Juden Trypho führte. Mittels Bibelbelegen – auch im Judentum das traditionelle Mittel der Beweisführung – wies Justin der Märtyrer nach, dass Gott die Juden ursprünglich gerade wegen ihres unspirituellen Wesens erwählt hatte.2 Justin warf den Juden vor, sie hätten Jesus verschmäht und getötet und den Menschen die Erlösung vorenthalten. Die Zerstörung des Tempels sei die gerechte Strafe für ihre Niedertracht. Justins Schriften hatten großen Einfluss auf das frühchristliche Denken, viele Forscher sehen in ihnen den Ursprung des christlichen Antisemitismus.3

Doch Justin der Märtyrer war durchaus nicht allein. Die Kirchenväter bezichtigten Juden und Judentum der Ketzerei und erklärten, das Volk Israel sei extra Deum, »außerhalb Gottes«. Simon Petrus bezichtigte Christen, die keine religiösen Bilder anbeten wollten, einer »jüdischen Geisteshaltung«.4 Anfang des 2. Jahrhunderts erklärte der einflussreiche Häretiker Marcion von Sinope, der jüdische Gott sei dem christlichen untergeordnet, und lehnte die jüdischen Schriften als Produkte einer unbedeutenden Gottheit ab.5

Nach dem Verständnis der meisten christlichen Autoritäten war das Judentum eine unvollständige und dem Christentum unterlegene Religion. Trotzdem verteidigten sie die jüdischen Schriften, die Hebräische Bibel also, als kanonisch. Origenes von Alexandria (ca. 185–ca. 254) kannte sich mit dem Judentum besser aus als jeder andere Kirchenvater, denn er hatte Hebräisch gelernt, kannte Rabbi Hillel den Jüngeren, beriet und besprach sich mit jüdischen Gelehrten und war von den allegorischen Interpretationen des Philon von Alexandria beeinflusst. Er hielt den Juden der Vergangenheit zugute, dass Gott sie wegen ihrer Verdienste erwählt hatte, warf aber seinen jüdischen Zeitgenossen vor, sie verstünden ihr eigenes Gesetz nicht. Christen seien das »wahre Israel«, und Juden trügen die Schuld am Tod Christi.6

Einer der wichtigsten Kirchenväter, Johannes Chrysostomos (344–407), erklärte gar: »Die Synagoge ist […] ein Bordell; sie ist eine Räuberhöhle und ein Versteck für wilde Tiere.«7 Und vergessen wir nicht den berühmtesten Kirchenvater, den heiligen Augustinus (ca. 354–430), der im zwölften Buch (12.14) seiner Bekenntnisse schrieb:

Ich verabscheue ihre [der Schrift] Feinde in rechtem Ernst. O wenn du sie [die Juden] mit dem zweischneidigen Schwerte tötest, dass sie nicht mehr ihre Feinde wären! Denn ich wünsche, dass sie sich sterben, damit sie dir leben.8

Man findet auch die eine oder andere wohlwollende Bemerkung eines Kirchenvaters über die Juden, doch bis ins 10. und 11. Jahrhundert verhärteten und vereinheitlichten sich die abfälligen Lehren über die Juden und waren in der gesamten christlichen Welt bestens bekannt. Es entstand eine antijüdische Mixtur, zu der die starke Ausbreitung des Christentums in Nordeuropa ebenso beitrug wie die muslimischen Eroberungswellen, die den militärischen und geistlichen Eifer christlicher Kreuzzüge entfachten und von deren Sog auch die Juden Europas erfasst wurden. All das schuf die Voraussetzungen dafür, dass Juden in Europa fast überall, wo sie lebten, verfolgt wurden.

Im Mittelalter war das Judentum die einzige Minderheitenreligion, die sich auf dem mittlerweile vollständig christianisierten europäischen Kontinent erhalten hatte, nachdem Juden und Muslime aus Spanien vertrieben und heidnische Traditionen ausgelöscht worden waren. Zwar hieß von Zeit zu Zeit der eine oder andere Stadtstaat Juden auch willkommen, doch da im Mittelalter der Glaube die Selbstidentität prägte, waren sie weitgehend als Außenseiter isoliert.9

Christlicher Antisemitismus: Das Hochmittelalter

Im Matthäus-Evangelium heißt es, als Pilatus die Schuld an Jesu Tod von sich weist: »Da antwortete alles Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«10 Besonders im Mittelalter verfestigte sich diese Interpretation: Das gesamte jüdische Volk sei schuld an Jesu Tod. Nicht nur die Juden, die bei der Kreuzigung zugegen waren, nein, alle Juden aller Zeiten hätten kollektiv die Sünde des Gottesmordes auf sich geladen.

Im mittelalterlichen Europa war vor allem die Osterwoche für Juden eine gefährliche Zeit, in der es oft zu Übergriffen kam. Einem Kirchenerlass folgend, mussten sie einen speziellen Hut oder ein Abzeichen tragen, damit sie auf Anhieb zu erkennen waren. Der gelbe Stern der Nationalsozialisten war durchaus keine neue Erfindung.

In 1900 Jahren christlich-jüdischer Geschichte zog in Europa und in aller Welt der Vorwurf des Gottesmordes Hass und bisweilen tödliche Gewalt gegen Juden nach sich.11 Die Anschuldigung wurde erst 1965 endlich zurückgenommen, als die katholische Kirche unter Papst Paul VI. im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils die Erklärung Nostra aetate verabschiedete. Trotzdem herrscht in einigen christlichen Gruppierungen bis heute der Glaube, dass die Juden Christi Mörder sind.

Christlicher Antisemitismus: Ritualmordlegende und Judensau

Als 1144 der Junge William von Norwich mit Stichwunden tot im Wald aufgefunden wurde, beschuldigte man die Juden der Stadt. Es hieß, ein internationaler Judenrat wähle ein Land aus, in dem in der Osterwoche ein Kind getötet werden solle, um mit deren Blut ungesäuertes Brot für das Passahfest herzustellen, das meist mit Ostern zusammenfällt. Grundlage für diese haarsträubende Geschichte war eine frei erfundene jüdische Prophezeiung, nach der die Ermordung eines christlichen Kindes einmal im Jahr angeblich gewährleistet, dass die Juden ins Heilige Land zurückkehren können: die Ritualmordlegende. Die Wahl sei 1144 auf England gefallen, hieß es, und die Führung der jüdischen Gemeinde habe die Aufgabe an die Juden von Norwich delegiert.

Dass dies himmelschreiender Unsinn war, verhinderte nicht, dass in anderen Gemeinden und Städten ähnliche Anklagen erhoben wurden. Im Jahr 1189 ereignete sich ein Übergriff auf die jüdische Abordnung, die zur Krönung von Richard Löwenherz gekommen war, und bald folgten Judenpogrome in London und York. Nach dem Tod eines weiteren Kindes, Hugh von Lincoln (1255), wurden Juden vor Gericht gestellt und hingerichtet. Einige Jahre später, im Jahr 1290, wurden sämtliche Juden aus England verbannt. Erst 1656 durften Juden wieder ins Land.

Zwischen dem 12. und Mitte des 19. Jahrhunderts geschah es in ganz Europa immer wieder, dass Christen einigen (oder allen) Juden magische Kräfte nachsagten, die, wie manche glaubten, einem Pakt mit dem Teufel zu verdanken waren. Die Vorstellung, dass Juden Hörner oder Schwänze hätten, war weit verbreitet. Auf dem alten Brückenturm in der Nähe des Frankfurter Ghettos, in dem wohl meine Vorfahren väterlicherseits lebten, prangte ein großes Wandbild mit der sogenannten »Judensau«, ein Motiv, das im Mittelalter entstand und häufig von antisemitischen Äußerungen begleitet wurde.

In Wittenberg befindet sich an der Fassade der Stadtkirche, an der der Reformator Martin Luther predigte, bis heute eine solche »Judensau« aus dem Jahr 1305. Die Skulptur zeigt einen Rabbi, der einer Sau unter den Schwanz schaut, während andere Juden aus ihren Zitzen trinken. Es ist eines der letzten erhaltenen Zeugnisse der »Judenhetze« in Deutschland. Luther beschrieb die Skulptur mit den Worten, der Rabbiner »bückt (sich) und guckt mit großem Fleiß der Sau unter den Bürzel in den Talmud hinein, als wolle er etwas Scharfes und Sonderliches lesen und ersehen«.12

Luther war als glühender Antisemit bekannt; er zeterte: »Was sollen wir Christen nun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden tun? Zu ertragen ist es uns nicht, seitdem sie bei uns sind und wir solch Lügen, Lästern und Fluchen von ihnen wissen, damit wir uns nicht aller ihrer Lügen, Flüche und Lästerungen teilhaftig machen.«13 Ungeschminkt erklärte er in einem Pamphlet, was seiner Meinung nach mit den Juden geschehen solle: Man setze die Synagogen in Brand, riet er, »zerbreche und zerstöre« jüdische Häuser, nehme ihnen Gebetsbücher und Talmud weg, verbiete Rabbinern unter Androhung des Todes die Lehre und hebe ihre Reiseprivilegien auf, damit »ihr und wir alle der unleidlichen, teuflischen Lift der Juden entladen werden«.14

Und die Angriffe auf die Juden setzten sich fort. Im Jahr 1819, als in Teilen Deutschlands und Europas die Emanzipation der Juden bereits eingesetzt hatte, kam es zu den sogenannten »Hep-Hep-Unruhen«. (»Hep hep« leitet sich vermutlich vom Ruf der Hirten an ihre Schafherde ab, könnte aber auch für Hierosolyma est perdita stehen, »Jerusalem ist verloren«.) Die Juden wurden als »Emporkömmlinge« dargestellt, die sich der Wirtschaft, besonders des Finanzsektors, bemächtigen wollten. In der deutschen Presse waren antisemitische Veröffentlichungen an der Tagesordnung. Der Journalist und Autor Amos Elon schreibt über diese Epoche:

Mancherorts versuchte man, ihnen wieder den mittelalterlichen Status aufzuzwingen. In Frankfurt erinnerte man sich der Judenstättigkeit von 1616. Nun durften pro Jahr wieder nur zwölf jüdische Ehen geschlossen werden. […] Im Rheinland, das nun wieder unter preußischer Herrschaft stand, verloren die Juden die Bürgerrechte, die ihnen unter den Franzosen verliehen worden waren, und sie durften bestimmte Berufe nicht mehr ausüben. Die wenigen, die vor dem Krieg in den Staatsdienst aufgenommen worden waren – unter ihnen Ludwig Börne –, wurden kurzerhand entlassen.15

Daneben kam es zu Gewaltakten, Plünderungen und Zerstörung jüdischen Eigentums. Die NS-Erfindung der »Kristallnacht« hatte hier einen Vorläufer.

In Deutschland und anderswo brachten extreme Antisemiten auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch die Ritualmordlegende auf, und in den sozialen Medien unserer Tage kommt sie erstaunlich häufig vor.

Manche Mythen sind unverwüstlich und werden auch heute verbreitet, obwohl die meisten Kirchen entsetzt wären über den Vorwurf, dass sie Antisemitismus schürten oder auch nur tolerierten. Viele bekämpfen Antisemitismus mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, zeigen sich Juden gegenüber freundlich und großzügig und haben für spezielle Gottesdienste sogar die Liturgie geändert, damit auch Juden unbelastet daran teilnehmen können. Doch nicht alle haben damit Erfolg.

Denn in einigen Kirchen halten sich Reste des »religiösen« Antisemitismus, etwa, wenn noch immer dafür gebetet wird, dass die Juden konvertieren mögen, oder wenn behauptet wird, dass das Judentum ohne Christentum unvollständig sei. Viele Christen halten das Judentum für die Religion des Alten Testaments (der Hebräischen Bibel), weil sie nichts über das Rabbinische Judentum wissen, dessen Entwicklung begann, als auch die christliche Kirche Gestalt annahm. In Großbritannien versuchen Organisationen wie der Council of Christians and Jews oder das Woolf Institute das gegenseitige Verständnis von Christen und Juden zu fördern, was ein hartes Stück Arbeit ist angesichts der Unwissenheit über das Judentum, seiner großen Ähnlichkeiten mit dem Christentum, aber auch der enormen Unterschiede zwischen beiden. Und aus Unwissenheit erwachsen leicht Vorurteile und sogar Verachtung.

Islamischer Antisemitismus bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

In der Forschung herrscht darüber zwar keine Einigkeit, aber die meisten Islamforscher gehen davon aus, dass sich die Diskriminierung von Nichtmuslimen nicht spezifisch gegen Juden richtete, sondern gegen alle Nichtgläubigen. Bernard Lewis, ein hervorragender Kenner des Islam in Mittelalter und Moderne, geht sogar so weit, dass Muslime zwar Juden über weite Teile der islamischen Geschichte negative Stereotypen zugeschrieben haben mögen, jedoch – anders als der europäische Antisemitismus – nicht aus Angst, sondern um sie zu verspotten. Lewis zufolge assoziierten die Muslime Juden nicht mit dem »kosmischen Bösen«, und erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Islam antisemitische Bewegungen, die mit denen Europas vergleichbar sind.16

Auch unter Juden, die in muslimischen Ländern geboren wurden, herrscht große Uneinigkeit darüber, wie weit Antisemitismus historisch verbreitet war. So geriet Edwin Shuker, Vizepräsident des Board of Deputies of British Jews, der die Juden in Großbritannien vertritt, unter Beschuss, als er Anfang November 2018 erklärte, historisch betrachtet hätten arabische Juden und Muslime stets in Frieden miteinander gelebt, »diese Harmonie wurde erstmals in den 1940er Jahren gestört«.17 Andere widersprachen ihm vehement und verwiesen auf antisemitische Vorfälle aus früheren Zeiten.18

In der Forschung wird oft darauf hingewiesen, dass der moderne islamische Antisemitismus durch die Übernahme christlicher Vorbilder in Europa entstand und dass er nun, verstärkt durch die Wut über die Existenz des Staates Israel, in der arabischen Welt eine einflussreiche Kraft ist. Doch das war nicht immer so. Zu Beginn ihrer gemeinsamen Geschichte war die Beziehung zwischen Juden und Muslimen nicht einmal so schlecht. Die frühesten Verse das Koran, so Bernard Lewis, zeugen von Sympathie für die Juden. Mohammed bewunderte sie als Vertreter eines Monotheismus und betrachtete sie als natürliche Anhänger des neuen Glaubens. Jüdische Traditionen dienten als Vorbild für die Entwicklung religiöser Praktiken im Islam, etwa das Mittagsgebet, das Freitagsgebet, das Fasten im Ramadan (das sich am jüdischen Jom-Kippur-Fest am zehnten Tag des Monats Tischri orientiert) und insbesondere der bis 623 praktizierte Brauch, in Richtung Jerusalem zu beten und nicht etwa in Richtung Mekka.19

Im Auftrag des Propheten Mohammed wurde 622 kurz nach seiner Ankunft in Medina (damals bekannt unter dem Namen Yathrib) die »Gemeindeordnung von Medina« erstellt, um die neun dort lebenden Stämme für das Verhalten ihrer jeweiligen Mitglieder gemeinsam in die Verantwortung zu nehmen. Acht jüdische Gruppen wurden, religiös getrennt von den Muslimen, als Teil der Gemeinde Yathrib anerkannt. Die Gemeindeordnung benannte Mohammed als verantwortlichen Mittler zwischen den Gruppen und untersagte, ohne seine Genehmigung Krieg zu führen. Sie bildete somit die Grundlage für einen multireligiösen islamischen Staat in Medina. Der Vertrag sicherte allen »Gläubigen und den Muslimen von Quraisch und Yathrib, und denen, die ihnen folgen«, Freiheit der Religion und Religionsausübung zu. Mohammed hielt am friedlichen Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen fest, die nach seinem Verständnis unter seinen Bedingungen die umma bildeten, die Gemeinschaft der Stadt: »Die Juden, die uns folgen, bekommen Hilfe und Beistand; es geschieht ihnen kein Unrecht und ihre Feinde werden nicht unterstützt.«20

Der Koran spricht die Juden vom christlichen Vorwurf des Gottesmordes frei,21 zeichnet aber auch ein negatives Bild von ihnen: »Und sie wurden mit Schimpf und Elend geschlagen und zogen sich Allahs Zorn zu, weil sie Allahs Botschaft leugneten und die Propheten widerrechtlich töteten, weil sie rebellierten und Gesetzesbrecher waren.«22 Doch insgesamt gesteht der Koran dem Judentum eigene Geltung zu: »Siehe, die da glauben, auch die Juden und die Christen und die Sabäer – wer immer an Allah glaubt und an den Jüngsten Tag und des Rechte tut, die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn. Keine Furcht kommt über sie, und sie werden nicht traurig sein.«23

Im Lauf der Zeit änderte sich allerdings die Haltung zu Juden und Judentum. Es existieren verschiedene Versionen eines Hadith (spätere Aufzeichnungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed), der oft zitiert wird und auch in die Charta der sunnitisch-fundamentalistischen Hamas einging, die den Gazastreifen kontrolliert:

Die Stunde (der Auferstehung) wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden kämpfen. Die Muslime werden sie töten, bis sich der Jude hinter Stein und Baum verbirgt, und Stein und Baum dann sagen: »Muslim, oh Diener Gottes! Da ist ein Jude hinter mir. Komm und töte ihn!« Außer der Gharqad-Baum, denn er ist ein Baum der Juden.24

Zum Gharqad-Baum gibt es verschiedene Interpretationen. Einer Deutung zufolge handelt es sich um einen echten Baum, den Israelis etwa in ihren Siedlungen im Westjordanland und im Gazastreifen pflanzen. Eine andere besagt, dass der Baum in der Natur nicht zu finden ist, sondern als Symbol auf all die Kräfte in der Welt verweist, die sich angeblich mit den Juden gegen die Muslime verschworen haben.25

Moderner muslimischer Antisemitismus

Im Islam geht unter dem wachsenden Einfluss islamistischer Gesinnung die Toleranz seit einigen Jahrzehnten zurück. Schon 1964 schrieb der islamische Denker und Vordenker der Muslimbrüder Sayyid Qutb in seinem Buch Zeichen auf dem Weg, die Absicht des »Welt-Judentums« sei es, »alle Grenzen, insbesondere die Grenzen, die durch den Glauben und die Religion auferlegt worden sind, zu eliminieren, so dass die Juden in den Körper der Politik der ganzen Welt eindringen und dann frei sein können, um ihre schlechten Absichten aufrechtzuerhalten.«26 Was so auch aus den Protokollen der Weisen von Zion stammen könnte.

Wiederauflage der »Protokolle der Weisen von Zion«

Wer in den sozialen Medien nur einen kurzen Blick auf muslimische, ultralinke und ultrarechte Seiten wirft, muss verzweifeln angesichts dessen, was dort alles verbreitet wird. IsraHell für Israel ist ein gängiger Ausdruck, und besonders deprimierend ist die Fülle der Bezüge auf die Protokolle der Weisen von Zion.

Die Protokolle der Weisen von Zion ist ein antisemitischer Text, der erstmals 1903 in Russland erschien und vorgeblich einen jüdischen Plan für die Erlangung der Weltherrschaft beschreibt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde er, in zahlreiche Sprachen übersetzt, weltweit zum Bestseller. Der namhafte ultrarechte Antisemit Henry Ford finanzierte den Druck von 500.000 Exemplaren, die in den 1920er Jahren überall in den USA verbreitet wurden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verordneten einige Lehrer den Text ihren Schulkindern als Pflichtlektüre. Die Protokolle, die der renommierte Historiker Norman Cohn als »Vollmacht zum Völkermord« bezeichnete,27 wurden vom NS-Staat für seine judenfeindliche Propaganda genutzt, obwohl die Times in London sie bereits 1921 als Fälschung entlarvt hatte.

Erdacht wurden die Protokolle 1903 von Sergej Nilus, einem ultra-orthodoxen Christen und Mitglied der Geheimpolizei Zar Nikolaus’ II. Steven Leonard Jacobs und Mark Weitzman untersuchen in ihrem Buch Dismantling the Big Lie: The Protocols of the Elders of Zion die verheerenden Auswirkungen der Protokolle und stellen fest, dass es »von allen judenfeindlichen Tiraden besonders die Protokolle der Weisen von Zion sind, die Antisemiten ermutigen und stärken. Andere antisemitische Werke mögen intellektuell besser fundiert sein, doch die konspirative Bildsprache der Protokolle hat die Fantasie befeuert und den Hass auf Juden und Judentum geschürt, vom Industriellen Henry Ford bis hin zu den jugendlichen Selbstmordattentätern der Hamas.«28

Heute tauchen die Protokolle sowohl im Rechtsextremismus und im Islamismus wieder gehäuft auf und werden im Internet auch von der linksextremen Szene in bösartigen Vorwürfen angeblicher jüdischer Verschwörungen immer wieder zitiert. Der Rückgriff auf die Protokolle, der dem gefälschten Werk Glaubwürdigkeit zugesteht, ist für sich schon antisemitisch.

Antisemitismus in der modernen muslimischen Welt

Erst mit dem Scheitern des arabischen Nationalismus Ende der 1970er Jahre nahm der islamische Antisemitismus tatsächlich an Fahrt auf. Die Hamas bezog sich in ihrer Gründungscharta auf die Protokolle, und der Führer der iranischen Revolution von 1979 Ajatollah Chomeini schrieb in seinem 1970 erschienenen Buch Der islamische Staat, dass »die Juden und ihre ausländischen Helfershelfer sich grundsätzlich gegen den Islam stellen. Sie wollen einen jüdischen Weltstaat errichten«.29 Chomeinis Nachfolger Ajatollah Chamenei leugnet gern den Holocaust und spricht wie andere Männer in der iranischen Führung von der globalen Weltherrschaft »jüdischer« und »zionistischer« Kräfte, wobei diese beiden Begriffe synonym verwendet werden.

Im Libanon hat sich die Hisbollah, ein schiitischer Ableger der Iranischen Republik, ebenfalls der Holocaustleugnung verschrieben und hält daher unter anderem das Tagebuch der Anne Frank aus libanesischen Schulen fern. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah ist für seine antisemitischen Äußerungen und die Leugnung des Holocaust bekannt; berüchtigt ist seine Aussage, wenn sich alle Juden in Israel versammelten, müsse die Hisbollah sie wenigstens nicht mehr rund um die Welt verfolgen – mutmaßlich, um sie zu vernichten.30

Expliziter Antisemitismus ist heute im politischen Diskurs des Nahen Ostens an der Tagesordnung. Und vieles davon wird nach Europa reimportiert. Hier, wo der Judenhass seinen Anfang nahm, nistet er sich nun leider in einigen von Armut und Unzufriedenheit geprägten muslimischen Einwanderergemeinden wieder ein.31

Für seinen TV-Dokumentarfilm Blaming the Jews traf sich der Journalist David Aaronovitch 2003 mit dem damaligen Hamas-Führer Abdel Asis Rantisi. Er fragte ihn, warum in Artikel 32 der Hamas-Charta auf die Protokolle der Weisen von Zion Bezug genommen werde und warum die Hamas in diesem Text behaupte, »die Zionisten« wollten ein Israel, das von Kairo bis Basra und über die ganze Welt reiche. Auf die Frage, warum er an einem Text festhalte, der anerkanntermaßen eine Fälschung sei, antwortete Rantisi: »Ich wollte es erst nicht glauben, aber dann sah ich, was in Palästina geschah, und ich verstand, dass es stimmte.« So lautete seine Antwort. So ähnlich lautete auch Hitlers Antwort. In Mein Kampf räumte der künftige Führer ein, viele hielten die Protokolle für eine Fälschung; er sei dennoch sicher, dass sie der Wahrheit entsprächen. »Die beste Kritik an ihnen jedoch bildet die Wirklichkeit«, schrieb er.32

Aaronovitch verweist auf die Vielzahl antisemitischer Äußerungen in Büchern und Fernsehsendungen der arabischen Länder. Seit sein Film 2003 herauskam, haben die sozialen Medien die Aufgabe übernommen, den Hass zu verbreiten. Er ist unzweifelhaft da. Doch besonders eigenartig ist, dass Aaronovitch zufolge Journalisten und Politiker in Teilen des Nahen Ostens in den »politischen Kloaken des alten Europas nach Argumenten« fischen. »Was um Himmels willen«, fragt er, »hat die Ritualmordlegende in einer Kolumne des ägyptischen Massenblattes Al-Ahram, in einem Buch des syrischen Verteidigungsministers und in Fernsehandachten palästinensischer Moscheen zu suchen?«

Wie Aaronovitch aufzeigt, greift der moderne muslimische Antisemitismus alte christliche Erzählmuster politisch wieder auf. Im 19. Jahrhundert habe sich der religiöse Antisemitismus der christlichen Welt in einen »rassischen« Antisemitismus verwandelt – sofern, wie wir uns später noch ansehen werden, Juden überhaupt als »Rasse« bezeichnet werden können. In muslimischen Ländern fabrizieren einige Politiker und Journalisten daraus eine politische und rassistische Weltsicht – und das, obwohl sich Muslime und Juden in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich sind.

Es gibt somit eine relativ moderne Form des Antisemitismus, die sich in einigen muslimischen Gruppierungen, weit häufiger aber in islamistischen Kreisen findet. In Organisationen wie der Hamas und der Hisbollah ist er besonders stark vertreten. Die Frage, inwieweit dieser Antisemitismus »politisch« oder »religiös« sei, stellt einen falschen Gegensatz her. Man könnte die israelische Politik und die Präsenz Israels im Nahen Osten ja auch ablehnen, ohne antisemitische Versatzstücke christlichen Ursprungs aus den Protokollen der Weisen von Zion und anderen entsetzlichen judenfeindlichen Texten heranzuziehen.

Auch ist dieses Phänomen nicht auf den Nahen Osten beschränkt. Ein typisches Beispiel ist der malaysische Premierminister Mahatir bin Mohamad. In einem Interview der Associated Press sagte er: »Es gibt eine Rasse, an der keine Kritik erlaubt ist. Wer antisemitisch ist, der ist schon fast kriminell […] Der Begriff antisemitisch wurde erfunden, um zu verhindern, dass man Juden für ihr Fehlverhalten kritisieren kann.«33

In seinem Blog schrieb Mahatir 2012, dass »Juden diese Welt über Stellvertreter regieren«. Und auf dem Gipfeltreffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in Kuala Lumpur schien er 2003 auf die Vernichtung aller Juden zu drängen:

Es muss einen Weg geben. Und wir finden nur einen Weg, wenn wir aufhören zu denken, unsere Schwächen und Stärken zu bewerten, zu planen, Strategien zu entwerfen und Gegenangriffe zu starten. […] In Wahrheit sind wir sehr stark. 1,3 Milliarden Menschen lassen sich nicht einfach auslöschen. Die Europäer haben 6 von 12 Millionen Juden umgebracht.34

Der malaysische Staatschef verbreitet nicht nur klassische antisemitische Versatzstücke, sondern lehnt auch die Existenz Israels rundweg ab. So entschied Malaysia, israelische Sportler von den Paralympischen Schwimmweltmeisterschaften 2019 auszuschließen, woraufhin dem Land die Ausrichtung der WM entzogen wurde.35

In einigen Teilen der muslimischen Welt hat somit eine neue Form des Antisemitismus Fuß gefasst. Ihre Verwurzelung in antisemitischen Erzählmustern des christlichen Mittelalters ist zutiefst beunruhigend. Es muss doch möglich sein, dass muslimische Politiker und andere die israelische Politik oder Regierung kritisieren, ohne in solche Schmähungen, in solch himmelschreienden Antisemitismus abzugleiten.

Doch alle Muslime in Bausch und Bogen als antisemitisch zu stigmatisieren, wäre weder zutreffend noch hilfreich, denn obwohl in einigen muslimischen Gruppierungen die antisemitische und antiisraelische Gesinnung zunimmt, lehnt ein maßgeblicher Teil der Muslime solche Vorurteile ab. In Großbritannien etwa ist in der Gruppe nichtreligiöser Muslime der Antisemitismus nicht stärker verbreitet als in der Bevölkerung insgesamt. Auch vertreten viele Muslime und muslimische Organisationen eine völlig andere Haltung, verwenden eine andere Sprache und zeigen sich im Falle antisemitischer Übergriffe ebenso solidarisch mit Juden wie diese umgekehrt mit Muslimen. Dennoch hat der britische Journalist und Autor Mehdi Hasan zu diesem Thema Trauriges zu berichten:

Wenn ich morgen, was Gott verhüten möge, mit dem Auto den Tod eines unschuldigen Mannes verursachte, Minuten, nachdem ich auf meinem Handy diverse Texte abgesetzt hätte, würden mich den Rest meines Lebens Schuldgefühle plagen. Was ich sicher nicht tun würde, wäre, die Schuld für meine zwölfwöchige Haftstrafe öffentlich im Fernsehen den … Achtung, jetzt kommt’s … Juden in die Schuhe zu schieben. Doch genau das hat Nazir Ahmed, der für Labour im House of Lords sitzt, getan. [Ahmed] ist kein moderner Goebbels. Aber genau da liegt das Problem. Es gibt Tausende von Lord Ahmeds, sanftmütige und gut integrierte britische Muslime, die dennoch zutiefst antisemitische Ansichten hegen […]. Der anhaltende israelisch-palästinensische Konflikt ist auch keine Hilfe. Aber hier geht es nicht nur um den Nahen Osten […]. Es ist schiere Heuchelei, wenn Muslime in Großbritannien allenthalben über Islamophobie in der britischen Öffentlichkeit klagen und die Presse der Muslimhetze beschuldigen, gleichzeitig aber den ungezügelten Antisemitismus im eigenen Hinterhof geflissentlich übersehen. Wir können Islamophobie nicht glaubhaft bekämpfen, wenn wir gleichzeitig Judeophobie entschuldigen. […] Wir sind nicht alle Antisemiten. Aber als Gesellschaft haben wir ein echtes »jüdisches Problem«.36

Moderner Antisemitismus in Europa: Das 19. Jahrhundert

Der moderne Antisemitismus, der als politische Kraft über den früheren religiösen Hass hinausging, gewann 1879 an Fahrt, als der deutsche Journalist Wilhelm Marr sein Pamphlet Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum: Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet veröffentlichte. Darin verwendete er die Begriffe »Semitismus« und »Judentum« synonym für die Juden als Kollektiv und für »das Jüdischsein«.

Marr heiratete dreimal; seine ersten beiden Frauen waren Jüdinnen, seine dritte Frau die Tochter eines christlichjüdischen Ehepaars. Er dürfte also Juden gekannt und unter ihnen gelebt haben. Trotzdem war er ein fanatischer Antisemit. Als Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft hatte Marr den gewählten liberalen Bürgerschaftspräsidenten, den jüdischen Rechtsanwalt Isaac Wolffson, heftig angegriffen. Er und andere Juden, so Marr, hätten die demokratische Bewegung verraten und die jüdische Emanzipation – die Aufhebung rechtlicher Beschränkungen, denen Juden vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert unterlegen hatten – missbraucht, um sich Zugang zur Hamburger Kaufmannschaft zu verschaffen. Nach massiven öffentlichen Protesten wurde Marr nicht wiedergewählt.

Marr vertrat die Ansicht, dass die Assimilation den Juden nicht half, »richtige« Deutsche zu werden. Vielmehr hätten sich Deutsche und Juden in einem langwierigen Konflikt verhakt, dessen Ursachen Marr in ethnischen Unterschieden sah. Die Juden gingen aus diesem Konflikt siegreich hervor, so Marr, denn dank der Emanzipation rissen sie sich das deutsche Finanzwesen und die Industrie unter den Nagel – eine Anschuldigung, die noch heute allzu oft in den sozialen Medien geäußert wird. Da der Konflikt aus den »Gegensätzen zwischen dem Judenthum und dem Germanenthum« hervorgehe, könne nicht einmal die vollständige Assimilation der jüdischen Bevölkerung oder gar ihre Bekehrung zum Christentum diesen Konflikt lösen, sondern nur der Sieg des einen und der letztliche Tod des anderen.37 Wie vorausschauend.

Marr gründete die Antisemitenliga, die sich als erste deutsche Organisation dem Kampf gegen die angebliche Bedrohung Deutschlands und der deutschen Kultur durch die Juden und ihren Einfluss verschrieb und ihre Vertreibung aus dem Lande propagierte. Seine Ideen gewannen an Popularität, wurden veröffentlicht und verbreitet und von einflussreichen Politikern und Professoren übernommen.

Der preußisch-nationalistische Historiker Heinrich von Treitschke unterstützte als einer von wenigen bedeutenden Persönlichkeiten die antisemitischen Übergriffe, die sich ab 1879 häuften. Er war sich mit Marr in vielen Punkten einig. Wie Marr glaubte er, dass Juden grundsätzlich anders seien; er warf ihnen vor, sich nicht in die deutsche Kultur und Gesellschaft einfügen zu wollen, und bestritt, dass sie überhaupt von Nutzen seien. Seine Ansichten illustrieren, was Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus absetzt, nämlich die Vorstellung, dass Juden an allem schuld sind und dass sie gleichzeitig fremd, nutzlos und zu mächtig sind. Das erinnert verdächtig an eine Verschwörungstheorie. Von Treitschke prägte auch den Satz »Die Juden sind unser Unglück«, der Jahrzehnte später von der NS-Propaganda aufgegriffen wurde.38

Ende des 19. Jahrhunderts kam der Begriff »Antisemitismus« auf. Zuerst dokumentiert ist das Wort »antisemitisch« 1880, als der österreichisch-jüdische Orientalist Moritz Steinschneider der Behauptung des französischen Philosophen Ernest Renan widersprach, »semitische Rassen« seien den »arischen Rassen« unterlegen.

Bis dahin hatte das Wort »semitisch« die entsprechende Sprachfamilie bezeichnet: Arabisch, Hebräisch, Akkadisch, Assyrisch, Aramäisch und so weiter. Der Begriff Antisemitismus bezog sich dagegen von Anfang an nicht auf die Sprecher semitischer Sprachen, sondern ausschließlich auf Vorurteile gegen Juden, die damals, Ende des 19. Jahrhunderts, in der Mehrheit Hebräisch gebetet haben mögen, es aber sicherlich nicht sprachen.

Es ist ein merkwürdiger Begriff, wenn man bedenkt, dass es zwar semitische Sprachen gibt, aber keinen »Semitismus«. Er wurde mal mit, mal ohne Bindestrich geschrieben, wobei sich die Variante ohne Bindestrich durchgesetzt hat; sie macht immerhin deutlich, dass niemand »anti-semitisch« sein kann, weil es den dazugehörigen Semitismus gar nicht gibt.

Viele Gelehrte waren damals vom Missbrauch der Begriffe »Semit« und »semitisch« dermaßen entsetzt, dass sie einen neuen Begriff erfanden, »Judophobie«. Zugeschrieben wird die Wortschöpfung Leon (Jehuda Leib) Pinsker in seinem 1882 anonym veröffentlichten Pamphlet Autoemancipation! Mahnruf an seine Stammesgenossen von einem russischen Juden. Pinsker stellte Judophobie als irrationale Furcht dar, als einen ererbten Hass: »Resumiren wir das Gesagte, so ist der Jude für die Lebenden ein Todter, für die Eingeborenen ein Fremder, […] für alle Classen ein verhasster Concurrent.«39

Trotz seiner und anderer Leute Bemühungen konnte sich das Wort Antisemitismus jedoch durchsetzen, und antisemitische Vorstellungen griffen weiter um sich.

Die jüdische »Rasse«

Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Rassentheorie und Eugenik groß in Mode. Anthropologen lehrten in ihrer relativ neuen Wissenschaft, »Rasse« sei ein ausschließlich biologisches Phänomen und präge das Verhalten und die Identität einer Person grundlegend. Dieser sogenannte »rassische Essentialismus« ging in die »Rassenkunde« oder »Rassentheorie« ein. Theoretiker wie Georges Vacher de Lapouge (1854–1936), Begründer der Sozialanthropologie, genossen Ansehen und Einfluss. Vacher de Lapouge veröffentlichte 1899 sein Buch Der Arier und seine Bedeutung für die Gemeinschaft (unter diesem Titel ist es 1939 auf Deutsch erschienen), in dem er auf der Grundlage von Schädelmaßen die Menschheit in hierarchisch gestufte Rassen einteilt. Aus den »kurzen Schädeln« der Juden schloss er, dass sie dafür bestimmt seien, von stärkeren Rassen beherrscht zu werden. Er sprach ihnen zwar Ähnlichkeiten mit den Ariern zu, doch genau das mache sie gefährlich: Die Juden seien die einzige Gruppe, welche die arische Aristokratie ersetzen könne.

Vacher de Lapouges Werk war später eine der wichtigsten Quellen für Antisemitismus und Rassenideologie des Nationalsozialismus. Er und andere hüllten mit ihren Arbeiten antijüdische Vorurteile in ein »wissenschaftliches« Gewand: Sie verbreiteten nicht einfach eine Meinung, sondern vermeintliche Fakten. Juden wurden stigmatisiert. Angeblich trete bei ihnen männliche Menstruation, pathologische Hysterie und Nymphomanie auf. Das klingt heute absurd, doch damals griffen diese Theorien dermaßen um sich, dass sie nach und nach sogar Juden überzeugten. Anerkannte jüdische Forscher wie Joseph Jacobs und Samuel Weißenberg machten sich die pseudowissenschaftlichen Theorien zu eigen und waren überzeugt, dass Juden eine eigene Rasse bildeten.40

Infolge der nationalsozialistischen »Rassenhygiene« fiel der rassische Essentialismus natürlich in Ungnade. Nach dem Zweiten Weltkrieg erklärten im Westen Anthropologen und Biologen »Rasse« als genetische und biologische Kategorie des Menschen für hinfällig. Obwohl einige wenige Anthropologen immer noch anhand distinktiver Merkmale kategorisieren, ist man sich in der Wissenschaft heute weitgehend einig, dass die Rasse beim Menschen keine taxonomische Bedeutung hat. Alle heute lebenden Menschen gehören derselben Art an, Homo sapiens. Also können Juden, unabhängig davon, wie wir uns sonst definieren, jedenfalls keine eigene Rasse bilden.

An dieser Stelle lohnt es sich, kurz darüber nachzudenken, was Juden denn sind, wenn schon keine Rasse.

Juden sind gewissermaßen ein »Volk«, wenn auch keine Nation im Sinne eines Staates. Juden können einer gemeinsamen Ethnie angehören oder auch nicht. So haben aschkenasische Juden mehr genetische Merkmale mit Menschen ihrer Gruppe gemein als mit sephardischen Juden und umgekehrt. Juden verbindet der jüdische Glaube, doch keinesfalls sind alle Juden gläubig oder üben ihre Religion aus. Und Juden kommen, unabhängig vom Glauben, häufig aus einer jüdischen oder teilweise jüdischen Familie. Juden können auch zum Judentum konvertiert sein und somit nicht die ererbten historischen Beziehungen derer haben, die aus einer jüdischen Familie stammen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts definieren viele Antisemiten, der widerlegten »Rassentheorie« folgend, Juden nicht nach ihrer Religion, sondern danach, ob ihre Vorfahren Juden waren, auch wenn das die meisten Juden ablehnen. Danach wäre man sogar Jude, wenn die Urgroßeltern vor langer Zeit zum Christentum konvertierten. Im Judentum wiederum ist traditionell die jüdische Mutter ausschlaggebend, nicht der Vater. Das hat sich allerdings in Teilen der Judentums geändert, wo heute Kinder mit mindestens einem jüdischen Elternteil, egal, ob Mutter oder Vater, als jüdisch gelten.

Beinahe allen Juden gemein ist das Gefühl, einem Volk anzugehören. Das entsprechende hebräische Wort lautet Am – Am Israel Chai, »Das Volk Israel lebt«, wobei »Israel« eher eine Gruppe bezeichnet als den Staat. Ein enger Verwandter dieser Bezeichnung ist das arabische umma für »Volk« oder »Gemeinschaft« (am und umma haben beide Bedeutungen), mit dem die Muslime das Gemeinschaftsgefühl der Muslime beschreiben; im Einzelnen unterscheidet sich die Haltung zum »Volk« im Judentum und im Islam allerdings erheblich.

Wir dürfen uns also einem Volk zugehörig fühlen. Im Lauf der Geschichte waren es allerdings oft andere, die sich berufen fühlten, Juden und damit auch Antisemitismus zu definieren. Dafür hat es immer neue Ansätze gegeben, vom christlichen Antijudaismus des Mittelalters über die pseudowissenschaftlichen Rassenstereotypen des 19. Jahrhunderts bis hin zur rückhaltlosen Übernahme dieser Pseudowissenschaft und der Kombination mit fanatischem Hass durch die Nationalsozialisten.

In jüngster Zeit hört man oft, dass es zumindest bis zu einem gewissen Grad die Opfer des Rassismus sein sollten, die seine Ausprägung und Merkmale beschreiben: Diejenigen, die ihm ausgesetzt sind, müssten ihn auch definieren. In Großbritannien leitet sich diese Ansicht aus dem sogenannten Macpherson-Bericht über den rassistisch motivierten Mord an dem schwarzen Studenten Stephen Lawrence in London ab; darin wird ein rassistischer Übergriff definiert als ein »Vorfall, der vom Opfer oder einer anderen Person als rassistisch wahrgenommen wird«.41

Führte man diese Vorgabe zu ihrem logischen Schluss, könnten nur Opfer rassistischer Übergriffe entscheiden, ob ein Vorfall rassistisch motiviert war oder nicht. Das bringt uns natürlich nicht weiter, und im Macpherson-Bericht ist davon auch keine Rede. Dort heißt es vielmehr, die angegriffene Person oder das Opfer eines Übergriffs könne aus der eigenen Wahrnehmung heraus am besten entscheiden, ob ein spezifischer Vorfall rassistisch war. Das heißt aber nicht, dass nur Schwarze Rassismus gegen Schwarze, nur Muslime Islamophobie oder nur Juden Antisemitismus definieren können. Im Falle von Stephen Lawrence und dem Macpherson-Bericht war die Definition eines rassistischen Übergriffs nicht aus semantischen, sondern aus praktischen Erwägungen notwendig geworden. Mithilfe einer entsprechenden Einordnung ließ sich nämlich der Umgang der Polizei mit einem solchen Vorfall besser beurteilen. Da bis dahin kaum mit der Sicht der Opfer, dafür aber ausgiebig die Sicht möglicherweise voreingenommener und ignoranter Polizeibeamter berücksichtigt worden war, hatte die Polizei den Anstieg rassistisch motivierter Übergriffe systematisch ignorieren können. Mit der Zunahme antisemitischer Vorfälle in Großbritannien wuchs der Bedarf an einer praxistauglichen Definition des Antisemitismus, die zu Beginn dieses Jahrtausends dann auch erarbeitet wurde.

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