Читать книгу: «Das Versteck im Uhrmacherhaus»

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Inhalt

1  Erster Teil 1 Das Flugblatt 2 Einfach Liese 3 Nachtwache 4 Ticktack 5 Ungelöste Fragen 6 Echte und falsche Freunde 7 Anna 8 Zu Besuch im Beje 9 Bekanntschaft mit dem Widerstand 10 Im Zentrum des Orkans 11 Ten Boom mit einem dicken Strich darunter 12 Überraschende Entdeckung 13 Auf dem Gepäckträger 14 Verfolgt 15 Ein böser Brief 16 Zur Untätigkeit verurteilt 17 Kläglich versagt

2  Zweiter Teil 19 Unbrauchbar 20 Traurige Neuigkeiten 21 Auf der Flucht 22 Erleichterung, Schuld und Reue 23 Tante Kees erzählt 24 Untergetaucht 25 Endlich frei 26 Auf der Siegerseite

3  Wie es weiterging

4  Möchtest du mehr wissen?

5  Worterklärungen

6  Querschnitt des Hauses der Familie ten Boom in der Barteljorisstraat 19

7  Stadtplan von Haarlem

Diese Geschichte handelt von Henk. Sie hätte in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in der Stadt Haarlem in den Niederlanden so oder so ähnlich passieren können.

Aber dieses Buch handelt auch von Familie ten Boom: von Corrie, Betsie und ihrem Vater. Sie haben wirklich gelebt, und was ich in diesem Buch über sie geschrieben habe, beruht auf Tatsachen. Danke, Beppie, für deine Inspiration.

Judith Janssen

Erster Teil

1 Das Flugblatt

Das Wasser war eiskalt. Einen Augenblick lang fühlte es sich an, als würde er sich nackt im Schnee wälzen. So, als würde seine Haut von kleinen Messern geritzt. Aber nach ein paar Kraulschlägen war die Kälte gewichen, und das Blut floss warm durch seinen Körper. Alle Muskeln waren angespannt. Es war ein herrliches Gefühl, die Arme mit kräftigen, rhythmischen Schlägen durchs Wasser zu ziehen und im Takt dazu locker mit den Füßen zu paddeln. Kurz den Kopf zur Seite zu drehen, Luft zu holen und dann mit geschlossenen Augen weiterzuschwimmen.

Die Welt um ihn herum existierte nicht mehr, er war allein mit dem Wasser. Keine Gedanken, keine Sorgen – einfach nur schwimmen, während das sprudelnde Wasser ihn wie eine schützende Hülle umgab. Hier konnte ihm nichts passieren, die Zeit stand still. Keine Träume, keine Albträume. Nur schwimmen: eins, zwei, drei, vier, Luft, eins, zwei, drei, vier, Luft.

Ein plötzlicher Aufschrei, gefolgt von einem enormen Plumps und einer hohen Welle, riss ihn aus seiner Konzentration.

Henk hob den Kopf und blinzelte durch seine nassen Wimpern hindurch übers Wasser. Na so was – Gerrit!

Ihm kam der Gedanke, schnell auf den Boden des Beckens hinabzutauchen, aber es war schon zu spät.

„Henk!“, ertönte es direkt neben ihm. Er drehte sich auf den Rücken und ließ sich treiben, den Blick an die Decke gerichtet.

„Bist du auch schwimmen gegangen?“, fragte Gerrit fröhlich.

„Ja, das siehst du doch, oder?“

„Schwimmen wir um die Wette?“

Henk drehte sich um und sah seinen Klassenkameraden an. Er schnaubte kurz. „Willst du das wirklich?“

„Klar, macht doch Spaß!“ Gerrits Kopf bewegte sich auf und ab, während er auf der Stelle strampelte.

„Na, ich frage ja nur – meiner Ansicht nach bist du kein guter Verlierer.“

Gerrit blinzelte. „Hochmut kommt vor dem Fall, das weißt du doch! Wie viele Bahnen?“

„Fangen wir mal mit zwei Bahnen an“, sagte Henk, der schon dabei war, zum Rand zu schwimmen. Jaap, sein Freund aus der Nachbarschaft, mit dem er sich verabredet hatte, war sowieso noch nicht da. „Vom Startblock aus“.

Er zog sich vorsichtig aus dem Wasser und prüfte dabei, ob seine Badehose noch gut saß. Sie war schon ziemlich alt, aber er hatte keine andere, und seine Mutter meinte, dass es nirgends mehr Gummiband zu kaufen gab. Er musste sich bis auf Weiteres mit ihr begnügen.

Die Jungen kletterten auf zwei benachbarte Startblöcke und schauten einander herausfordernd an.

„Also, ich zähle“, sagte Henk. „Drei, zwei, eins … los!“

Kopfüber schossen sie ins Wasser.

Henk konnte da weitermachen, wo er aufgehört hatte, als Gerrit ihn unterbrochen hatte. Aber jetzt hatte er ein Ziel, eine Herausforderung: Er wollte seinen Gegner besiegen. Mit dem würde er leicht fertig werden. Mit aller Kraft, die er besaß, schoss er durchs Wasser, wendete, so schnell er konnte, und war in null Komma nichts wieder am Startblock.

Keuchend tauchte er auf, um nach Gerrit Ausschau zu halten.

„Na, du bist ja ganz schön schnell“, sagte jemand über ihm.

„Was?“ Überrascht sah er auf. „Wie in aller Welt …?“ Er hielt inne und atmete erleichtert aus.

Es war Jaap, nicht Gerrit.

„Ja, Gerrit und ich sind um die Wette geschwommen, und ich glaube, ich hab’ gewonnen.“

Jaap grinste und nickte. „War ja auch kein ebenbürtiger Gegner.“

Mit viel Spritzen und Keuchen schlug Gerrit in diesem Moment am Beckenrand an. „Das ist … unfair, du konntest ja auch … viel länger … üben.“

Henk wollte gerade den Mund aufmachen, um zu antworten, dass er ihn schließlich gewarnt hätte, aber er verzichtete darauf, als er den Blick in Jaaps Augen sah. Es war wirklich beschämend, wenn man solch ein schlechter Verlierer war – am besten reagierte er überhaupt nicht darauf.

„Komm, wir machen Arschbomben!“ Jaap streckte die Hand aus und zog Henk mit einem Ruck aus dem Wasser.

„Warte!“, rief Henk. Er schaffte es gerade noch, mit der anderen Hand seine Badehose festzuhalten.

Jaap zog mit dem Kamm einen akkuraten Scheitel in sein nasses, dunkelblondes Haar und brachte es mit ein paar Kammstrichen in Form. Henk beobachtete ihn aus dem Augenwinkel, während er seine Jacke zuknöpfte. Ja, vielleicht würde er sich auch solch eine Frisur zulegen – im Nacken ein bisschen kürzer und den Scheitel etwas mehr auf der Seite. In dem grellen Licht neben dem Spiegel sah er, dass Jaap schon ein paar Haare auf der Oberlippe hatte. Das würde bei ihm noch ein bisschen dauern, aber Jaap war ja auch über zwei Jahre älter als er. In zwei Jahren würde er selbst auch schon erwachsener aussehen und bestimmt auch größer sein als jetzt, auch wenn er Letzteres nicht mit Bestimmtheit sagen konnte. Sein Vater war nicht besonders groß und seine Mutter wirklich klein. Hoffentlich kam er mehr nach seinem Vater. Aber so groß wie Jaap würde er wahrscheinlich nicht werden.

Gerrit schlurfte heran. „Mensch, hab’ ich einen Hunger, Leute.“ Er begann in seiner Tasche herumzukramen und zog ein mit Papier umwickeltes Päckchen heraus.

„Ein richtiges Butterbrot mit Käse? Wo hast du das denn her?“ Henk spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief, während er unwillkürlich den Kopf zu dem Käsebrot hindrehte. Er konnte gar nichts dagegen tun – solch ein schönes, dickes Butterbrot hatte er ewig nicht mehr gesehen oder gerochen.

Gerrit setzte ein schiefes Grinsen auf. „Ähm … na ja, meine Mutter kennt halt Leute, die …“ Er beendete seinen Satz nicht.

Henk blickte zu Jaap, aber der war eifrig damit beschäftigt, seine Hosentaschen zu durchsuchen.

Gerrit brach ein Stück von seinem Butterbrot ab und reichte es Henk. „Willst du was abhaben?“

Henk dachte an das trockene, graue Brot, dass er zu Hause bekommen würde, und hielt die Hand auf. Das war viel besser als das Brot, das sie von der Regierung zugeteilt bekamen, und er wollte jetzt gar nicht wissen, wo Gerrits Mutter das herbekommen hatte. Er wollte es jetzt einfach nur genießen und den Geschmack von früher spüren. Er setzte sich auf die harte Holzbank der Eingangshalle und grub die Zähne in die dicke Scheibe.

„Hmmm“, murmelte er, „da ist ja sogar richtige Butter drauf!“

Gerrit sah sie stolz an, während er Jaap auch ein Stück Brot anbot.

„Nein, danke. He, Jungs, ich muss eben noch mal in die Umkleidekabine, ich hab’ was verloren.“ Jaap machte auf dem Absatz kehrt, während Gerrit und Henk ihm verwundert nachsahen.

„Was hat er denn?“, fragte Gerrit.

Ja, das fragte Henk sich auch. „Vielleicht hat er seine Badehose vergessen?“ Er nahm noch einen Bissen von dem weichen, frischen Brot und beobachtete dabei den Gang, in den Jaap verschwunden war.

Henk fiel ein kleines Stück Brot herunter, und er bückte sich, um es aufzuheben. Er wollte sich kein Krümelchen von diesem Leckerbissen entgehen lassen. In diesem Augenblick sah er etwas Weißes auf dem Boden liegen. Ein Stück Papier, das zu einem kleinen Viereck zusammengefaltet war. Es ragte ein Stückchen unter einer Tasche hervor, die auf dem Boden stand. Jaaps Tasche.

Henk sah zu Gerrit hinüber. Hatte er es auch gesehen?

Nein, Gerrit stand mit seinem Butterbrot vor der Tür und blickte nach draußen.

Mit schnellem Griff packte Henk das Papier und das Brotstückchen und kaute weiter.

„Gehen wir?“ Plötzlich stand Gerrit wieder direkt vor ihm.

Henk erschrak. „Nein, ich warte auf Jaap, wir gehen dann zusammen nach Hause.“

„Du kannst doch auch mit mir gehen. Wir müssen in dieselbe Richtung.“

Henk umklammerte krampfhaft das Zettelchen.

„Ich will auf jeden Fall auf Jaap warten. Ich haue jetzt nicht einfach ab.“ Er stand auf. „Vielleicht sollten wir ihm suchen helfen.“

Gerrit zuckte die Schultern. „Kannst du ja machen, wenn du willst.“

Gute Idee, schoss es Henk durch den Kopf. Schnell bog er in den Gang ein und lief über die nassen, grau-weißen Fliesen zur Umkleidekabine.

Als er sicher war, dass Gerrit ihn nicht mehr sehen konnte, blieb er stehen. Vorsichtshalber schaute er sich noch einmal um. Es war niemand zu sehen, die anderen Badegäste waren schon weg. Mit diesem Zettel stimmte irgendetwas nicht, das war klar. Er brannte förmlich in seiner Hand.

Er faltete das Papier vorsichtig in seiner Handfläche auseinander. Sein Hals und seine Wangen wurden heiß. Er hatte es sich doch gedacht – ein illegales Flugblatt! Eine schwarzweiße Spottschrift mit einem verrückten Bild von Hitler. Er drehte das Blatt herum und sah, dass in einer Ecke eine Nummer stand: 53, mit Bleistift geschrieben und unordentlich eingekreist. Weiter konnte er nichts Auffälliges entdecken, aber er wagte auch nicht länger hinzuschauen. Sein Herz klopfte so heftig, dass es jeder hören musste, der an ihm vorüberging.

Schnelle Schritte näherten sich auf den harten Fliesen.

Er stopfte sich den Zettel in die Hosentasche, und im nächsten Moment stand ein Bademeister vor ihm, der ihn mit strengem Blick musterte.

„Was suchst du hier, junger Mann?“ Seine tiefe Stimme hallte durch den leeren Gang. Henk zitterte, aber er lächelte ihn freundlich an. „Eine Stecknadel im Heuhaufen!“

Obwohl er spürte, wie ihm der Schweiß über den Rücken lief, war er ein bisschen stolz auf seine schlagfertige Antwort. Schließlich hatten sie sich heute Morgen im Unterricht mit Sprichwörtern und Redewendungen beschäftigt. Am Montag würde er sich bei Herrn van Soest dafür bedanken.

Der Bademeister runzelte die Stirn und kniff gleich darauf missbilligend die Augen zusammen. „Raus mit dir, du frecher Schlingel, wir machen zu.“

Henk war es nur allzu recht, diesem Mann zu entkommen, aber wo war Jaap? Er konnte doch nicht ohne seinen Freund gehen. Er musste das Risiko eingehen. Während er sich langsam umdrehte, fragte er so lässig wie möglich: „Sie haben nicht zufällig meinen Freund Jaap gesehen? Eigentlich suche ich nämlich ihn.“

„Hau ab! Hier drin ist niemand mehr!“

Als Henk und Gerrit sich auf den Heimweg machten, begann es schon zu dämmern, und es war kaum jemand auf der Straße. Der Himmel war grau und wolkenverhangen. Hier und da waren Leute damit beschäftigt, die schwarze Verdunkelung vor den Fenstern anzubringen. Sie musste absolut dicht sein – es durfte kein Lichtstrahl nach außen dringen. Wenn die Fenster nicht ordnungsgemäß verdunkelt waren, konnte man eine schwere Geldstrafe bekommen, vielleicht sogar Schlimmeres. Aber wie gefährlich war es, eine Spottschrift in der Tasche zu haben, fragte sich Henk. Wo hatte Jaap die bloß her?

Gerrit ging ein paar Schritte vor ihm und redete über irgendetwas, aber Henk hörte ihm nicht zu. Er musste die ganze Zeit an das Flugblatt denken und an Jaap, der aufgeregt seine Sachen durchsucht hatte und dann plötzlich weggelaufen war. Wohin war er denn nur verschwunden, und was konnte die Zahl 53 bedeuten? Diese Fragen ließen ihn nicht los.

„Sollen wir nicht auf Jaap warten?“, hatte er gefragt, als er mit Gerrit draußen vorm Schwimmbad stand. Er blinzelte an dem Schild „Für Juden verboten“ vorbei durchs Fenster, um zu sehen, ob noch jemand im Gebäude war, aber er sah nur den Bademeister herumlaufen, der gerade dabei war, eine Lampe nach der anderen auszuknipsen.

„Der ist doch bestimmt längst weg“, antwortete Gerrit und zog sich die Mütze über die nassen Haare. „Komm, wir müssen los, es ist gleich Sperrstunde.“

Henk sah auf die Uhr. Gerrit übertrieb. Sie hatten noch jede Menge Zeit. Aber vielleicht war es besser, nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf Jaaps merkwürdiges Benehmen zu lenken. Außerdem hatte er seiner Schwester Liese versprochen, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, damit sie noch ein bisschen miteinander spielen konnten.

Er konnte ja gleich noch mal bei Jaap vorbeigehen. Vielleicht war er einfach nach Hause gegangen, und dann konnte Henk ihm zeigen, was er in der Eingangshalle des Schwimmbads gefunden hatte. Es war offensichtlich, dass Jaap dieses Flugblatt gesucht hatte. Das war bestimmt nichts, was man einfach so herumliegen ließ!

„Na, dann sehen wir uns am Montag in der Schule.“ Gerrit ging jetzt neben ihm und sah ihn erwartungsvoll an. „Sollen wir nächste Woche wieder zusammen schwimmen gehen? Aber lieber ohne Jaap, das find’ ich besser.“

Es dauerte einen Moment, bis Henk begriff, was Gerrit gesagt hatte. „Wieder zusammen schwimmen gehen?“, wiederholte er.

Sie blieben vor Gerrits Haus stehen. „Aber ich hatte mich heute auch schon mit Jaap verabredet. Darum …“

„Na, dann eben wieder zu dritt. Sofern der Bademeister Jaap nicht geschnappt und in den Zug gesetzt hat.“

Gerrit lachte, aber er hörte sofort auf, als Henk ihn ansah.

„Ich meine …“

Henk wollte den Rest nicht mehr hören und sah zu, dass er wegkam. „Ekelhaft“, murmelte er. Mit dem Kerl stimmte irgendwas nicht.

Sein Magen begann zu knurren, und er legte einen Schritt zu. Vielleicht ging er doch lieber direkt nach Hause. Aber nicht nur, weil er Hunger hatte. Auch Jaaps komisches Verhalten machte ihm zu schaffen. Was war nur passiert, und wo war sein Freund jetzt? Sollte er doch noch mal zurückgehen zum Schwimmbad? Hinter ihm klapperte ein Fahrrad heran, eins, das keine Schläuche mehr hatte, wie das von Henk. Das Geklapper machte einen ziemlichen Lärm in der ruhigen Straße. Henk blickte sich um, und ehe er sich versah, sauste der Radfahrer in voller Fahrt an ihm vorbei.

„Hey, Henk, schönen Abend noch! Und grüß Liese von mir.“

„Was?“, rief Henk. Das konnte doch nicht wahr sein – das war Jaap!

„Hey!“ Etwas Sinnvolleres brachte er nicht heraus. Er sah gerade noch, wie Jaap sich kurz umdrehte, bevor er in ihre Straße einbog, und die Hand hob. Er war aus dem Nichts aufgetaucht und ebenso schnell verschwunden, wie er gekommen war.

Henk warf die Arme hoch. „Ich glaub’, ich spinne!“

2 Einfach Liese

„Kommst du zum Essen, Henk?“, hörte Henk seine Mutter von der Treppe her rufen, und er sprang erschrocken von seinem Bett herunter. Schnell das Flugblatt verstecken, bevor sie in dem Zimmer stand, das er mit Liese teilte. Er hatte sie schon oft gebeten zu klopfen, bevor sie hereinkam, aber das machte sie immer noch nicht.

Auch jetzt trat sie einfach ein. „Sind die Fenster gut verdunkelt?“

„Würdest du bitte klopfen, ehe du reinkommst, Mutter?“ Während seine Mutter zum Fenster ging, um die Verdunklung zu überprüfen, schob Henk mit dem Oberschenkel seine Nachttischschublade zu. Das war kein gutes Versteck, aber im Moment ging es. Er würde es Jaap sowieso zurückgeben.

„Wieso soll ich denn klopfen, es ist doch auch Lieses Zimmer! Kommst du runter? Ich hab’ Bohnensuppe gekocht, und Liese ist müde.“

Mutter seufzte und Henk sah in ihr blasses Gesichts. Seit Vater weg war, hatte sie eine tiefe Falte zwischen den Augen.

„Danke, dass ich heute mal wieder schwimmen gehen durfte, Mutter.“

Sie nickte und fuhr ihm mit der Hand durchs Haar. „Dann brauchst du heute Abend auch nicht mehr zu baden, ist doch praktisch. Komm.“

In dem kleinen Wohnzimmer war es warm und gemütlich. Liese saß in dem großen Sessel am Ofen und hielt ihre Puppe an sich gedrückt. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen glänzten fiebrig. Er sah seine Mutter fragend an. War Liese krank?

Obwohl seine Schwester fast elf war, nur ein Jahr jünger als er selbst, war sie noch wie ein kleines Kind. So würde sie auch immer bleiben.

Henk erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem ihm klar wurde, dass seine Schwester nicht so war wie andere Mädchen. Er war sieben und hatte mit Liese draußen gespielt. Eine Mutter mit zwei Kindern war vorbeigekommen, und den Kindern waren beinah die Augen aus dem Kopf getreten, als sie Liese anstarrten.

„Was glotzt ihr denn so?“, hatte Henk gerufen.

Die Mutter hatte ihre Töchter an den Händen gepackt. „Kommt, das Kind ist nicht in Ordnung, sie kann nichts dafür.“

„Nicht in Ordnung? Du bist selber nicht in Ordnung!“ Henk war auf die Frau zugelaufen und hatte ihr frech die Zunge herausgestreckt. Eines der Mädchen sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an und schoss wie ein Blitz nach vorn. Sie stieß ihn mit aller Kraft an die Schulter, und er fiel zu Boden. Aber die Wut, die in ihm aufflammte, sorgte dafür, dass er keinen Schmerz spürte. Er sprang wieder auf, aber sein Knöchel knickte um.

In diesem Moment spürte er etwas Weiches an seinem Arm. „Heng!“ Er hörte eine leise, heisere Stimme neben sich. Es war Liese. Es war Liese!

Verwirrt blickte er in ihr strahlendes Gesicht und hatte die Mutter und ihre Kinder im selben Augenblick vergessen. Es war Liese, und sie sagte seinen Namen! Sie hatte noch nie ein verständliches Wort gesagt, aber das, das war ganz eindeutig sein Name.

„Ja, ich heiße Henk. Gut gemacht, Liese, du kannst meinen Namen sagen!“

Er nahm ihre Hände und wollte herumhüpfen, aber dann spürte er wieder seinen Knöchel.

„Komm, wir gehen schnell zu Mama.“ Humpelnd zog er sie mit sich nach Hause und fragte sie dabei die ganze Zeit: „Wer bin ich?“ Liese antwortete jedes Mal: „Heng“, und Henk lachte schallend vor Begeisterung.

„Was ist denn los?“, fragte Mutter, als sie herauskam.

„Sie hat meinen Namen gesagt, Mama.“ Henk blickte zu seiner Mutter hoch, die Liese auf den Arm nahm.

„Heng“, murmelte Liese, und damit zauberte sie auch auf Mutters Gesicht ein strahlendes Lächeln.

Kurz darauf saß Liese auf ihrem Stuhl. Sie hatte zwei Finger in den Mund gesteckt und starrte verträumt vor sich hin.

Henk saß mit seiner Mutter am Tisch und versuchte zu berichten, was geschehen war. Aber ihr Gesicht wurde immer trauriger, und darum kam er so schnell wie möglich zum besten Teil der Geschichte.

Dann war es still geblieben.

Er hatte einen Schluck von seiner Milch getrunken und tief Luft geholt.

„Warum hat die Frau das gesagt, Mama?“ Er musste es von ihr hören. Was er eigentlich schon die ganze Zeit gewusst hatte, war erst wirklich wahr, wenn seine Mutter es sagte.

Sie blickte zu Liese hinüber, die nichts zu hören schien und in ihre eigene Welt versunken war. Mutters Stimme klang wie ein leiser Wind, als sie langsam sagte: „Nein, Liese ist nicht so wie andere Kinder. Sie wird immer ein kleines Mädchen bleiben.“

Wie das möglich war, hatte Henk nie begriffen. Wie konnte man immer klein bleiben? Und wieso war das schlimm? Und warum war Liese so? Er begriff nichts von alldem, und dennoch, Liese war immer Liese gewesen. Für ihn war sie eigentlich ganz normal. Nur nicht für andere Leute, für Kinder, denen die Augen aus dem Kopf traten. Das war doch auch nicht normal, oder?

Mutter hatte ein Pflaster auf sein blutendes Knie geklebt und ihn auf die Wange geküsst. Draußen rief Jaap, ob er spielen käme. Mutter nickte lächelnd. „Geh ruhig“, sagte sie.

Liese war einfach seine kleine Schwester, aber manchmal war sie etwas Besonderes, zum Beispiel, wenn sie krank war. Dann lief Mutter unruhig im Zimmer auf und ab. Henk musste sich dann ganz brav und still verhalten, und manchmal musste er zwei Mal am Tag zu Doktor Levi laufen. Widerspruch war zwecklos und hätte nur dazu geführt, dass sein Vater einen Wutausbruch bekam, wenn er von der Arbeit nach Hause kam.

Nun sah Henk zu, wie seine Mutter eine Hand auf Lieses Stirn legte. Was war, wenn sie richtig krank war? Doktor Levi wusste immer sofort, was mit Liese los war und wie er mit ihr umgehen musste.

Aber er wohnte nicht mehr in der Stadt, sein Haus stand leer. Eines Tages war der Arzt verschwunden, niemand wusste, wohin. Henk hoffte, dass er an einem sicheren Ort untergetaucht war. Eigentlich hatte Doktor Levi in den Monaten vor seinem Verschwinden nicht mehr als Arzt arbeiten dürfen, aber wenn Henk bei ihm klingelte, nahm er immer sofort seinen Mantel und die schwarze Arzttasche und kam ohne zu zögern mit.

„Hier ist es auch ziemlich warm, Mutter.“ Henk blickte zum Ofen hinüber.

„Ja, es liegt wahrscheinlich daran. Komm, lass uns essen.“

Gute Idee, fand Henk. Sein Magen verlangte sehnsüchtig nach einem leckeren Teller Bohnensuppe. Oder eigentlich einfach nach etwas zu essen – was auch immer es war.

3 Nachtwache

„Henk!“ Irgendjemand rief aus der Ferne seinen Namen. Dann noch einmal: „Henk!“

Langsam kam er in die Gegenwart zurück. Er kannte diese Stimme. Es war die Stimme von … Herrn van Soest, seinem Lehrer! Blitzschnell schoss Henk hoch. Hatte er wirklich auf seinem Pult gelegen und geschlafen? Ihm wurde plötzlich siedend heiß, und er wusste, dass er die Lachsalve, die seine Klassenkameraden auf ihn losließen, verdient hatte.

Vor seinem Pult erschien ein dunkler Schatten, und Henk wagte nicht aufzublicken. „Tut mir leid, Herr Lehrer“, murmelte er so leise, dass der ihn gerade noch verstand.

„Ist schon in Ordnung. Schließlich ist Montagmorgen, und es war eine unruhige Nacht mit all diesen Flugzeugen. Da konntest du bestimmt nicht richtig schlafen.“ Henk sah auf. Er wusste ja, dass Herr van Soest ein netter Lehrer war, aber er war trotzdem überrascht. Er konnte nur dankbar nicken, obwohl er es selbst besser wusste. Es waren nicht die Flugzeuge, die ihn letzte Nacht um den Schlaf gebracht hatten.

„Schlaf gut, Junge“, hatte Mutter ihm gestern Abend zugeflüstert. „Vielleicht bekommen wir ja morgen Nachricht von Vater.“ Henk hatte geantwortet, dass er das auch hoffe, und hatte sich noch ein bisschen tiefer unter die Decke verkrochen. Es kam ihm vor, als hätte er überhaupt noch nicht geschlafen, als er plötzlich ein Poltern hörte.

„Mutter?“ Er rieb sich die Augen. War sie immer noch da? Im Zimmer war es stockfinster. „Mutter?“ Keine Reaktion, nur Liese stöhnte leise im Schlaf.

Hatte er das Geräusch nur geträumt? Er spitzte die Ohren, schob langsam die Decke zur Seite und kletterte aus dem Bett.

„Klick“, machte es irgendwo. Henk hielt sofort inne.

Wie spät war es, und woher kamen diese Geräusche? Auf dem kalten Boden setzte er einen Fuß vor den anderen und tastete sich zu dem verdunkelten Fenster vor. Einbrecher vielleicht? Aber die müssten dann ziemlich dumm sein, denn hier gab es nichts zu holen. Er zitterte. Es war kalt im Zimmer, und sein Schlafanzug war dünn.

Vorsichtig schob er in einer Fensterecke das schwarze Tuch zur Seite. Er drückte sein Gesicht ans Fenster, um besser sehen zu können. Schwarze Giebel, graue Wolken und ein fahler Mond. Bis jetzt nichts Besonderes.

Er kniff die Augen zusammen. Irgendetwas war los, er hatte das nicht geträumt. „Na bitte!“ Er grinste zufrieden. „Ich wusste doch, dass ich nicht spinne.“

Draußen lief jemand herum, das hatte er genau gehört. Nun sah er eindeutig einen geheimnisvollen Schatten, der anscheinend aus Jaaps Haus gekommen war. Aufmerksam verfolgte Henk die Gestalt und spürte, wie er vor Aufregung zu zittern begann. Nicht zu glauben – es war Jaap selbst! Jetzt begriff er es. Die Treppe und die Eingangstür von Jaaps Haus lagen direkt neben seinem Zimmer. Daher waren die Geräusche gekommen!

Was wollte Jaap denn da machen, mitten in der Nacht? Das war zumindest einmal ziemlich eigenartig. „Was hast du vor, Freundchen?“, flüsterte Henk, während sein Nachbarjunge hinter einer Häuserreihe verschwand.

Es wurde höchste Zeit, dass er Jaap wieder einmal unter vier Augen sprach. Vorausgesetzt, dass er ihn zu fassen bekam. Nach dem Schwimmbadbesuch am vergangenen Samstag hatte Henk noch zwei Mal vergeblich bei ihm geklingelt. Seine Mutter hatte jedes Mal behauptet, er wäre gerade weggegangen. Das war an sich nicht so merkwürdig, aber nun wusste er es genau: Jaap führte etwas im Schilde, und möglicherweise hatte es etwas mit dem Widerstand zu tun. Das würde mal wieder zu ihm passen. Aber er würde dahinterkommen, so wahr er Henk Overveen hieß! Diese Nacht würde er wach bleiben, bis sein Nachbarjunge wieder nach Hause kam. Ja, das würde er tun. Und morgen früh würde er bei Jaap vor der Tür stehen und ihm ordentlich einheizen.

Er zog sich einen Sessel ans Fenster und legte zwei Kissen darauf. So konnte er gut sehen. Dann schnappte er sich eine Decke von seinem Bett und kuschelte sich zufrieden in den Sessel. So ließ es sich aushalten. Er legte den Kopf an die kühle Fensterscheibe und starrte unablässig nach draußen. Ab und zu kam der Mond zwischen den Wolken hervor. Aber das war dann auch das Interessanteste, was er beobachten konnte. Es schienen Stunden zu verstreichen, ohne dass das Geringste geschah.

Natürlich schlief er dann doch ein, den Kopf ans Fenster gelehnt. Er schlief, bis in der Ferne Flugzeugmotoren zu hören waren und Liese dadurch erwachte. Sie hatte Angst vor diesem Geräusch, und es schien, als könnte sie die Flugzeuge schon hören, wenn sie eben erst in England aufgestiegen waren. Dann wollte sie zu Henk ins Bett. Zu zweit war es da ziemlich eng, sodass an Schlafen erst einmal nicht zu denken war.

„Heng, bist du?“, hörte er Lieses ängstliches Stimmchen.

Er seufzte und streckte die Hand nach seiner Schwester aus, die neben seinem leeren Bett stand. „Hier, Liese, ich sitze hier am Fenster. Leg dich schon mal in mein Bett und mach dir’s gemütlich.“ Es war einen Versuch wert. Liese war so wunderbar einfach. Sie stellte keine lästigen Fragen, und das war jetzt wirklich praktisch. Sie tat, was Henk sagte, und so konnte er weiterhin Wache halten. Es konnte natürlich sein, dass Jaap inzwischen nach Hause gekommen war, aber nach seinem Gefühl war er vorhin nur ganz kurz eingenickt.

„Heng, Liese kalt.“

„Was sagst du?“

„Liese kalt.“ Henk hörte, wie sie mit den Zähnen klapperte, und verstand. Sie hatte keine Decke.

„Hol dir einfach deine eigene Decke von deinem Bett.“ Er wollte jetzt an seinem Platz bleiben, Liese kam schon zurecht.

Sie brabbelte irgendetwas vor sich hin. Draußen flogen die ersten Flugzeuge mit Kurs auf Deutschland vorbei, und die grellen Scheinwerfer flackerten durch die dunkle Nacht. Liese jammerte.

„Es passiert schon nichts, Kleines“, versuchte Henk seine Schwester zu beruhigen, aber nun begann sie doch richtig zu weinen.

Henk blickte noch einmal auf die Straße hinaus. Nichts. Er seufzte. „Na gut, Liese, dann leg dich halt ohne Decke in mein Bett. Ich komme gleich nach.“ Im Stillen hoffte er, dass sie einfach einschlafen würde, auch wenn die Chancen dafür ziemlich schlecht standen.

„Heng, Hilfe!“ Henk hörte ihrer Stimme an, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie völlig aus der Fassung war. Mutter würde darüber nicht gerade erfreut sein. Und er selbst natürlich auch nicht.

Er sprang aus seinem Sessel. „Na, komm schon her.“ Er schnappte sich die Decke von Lieses Bett und schubste sein Schwesterchen mitsamt der Decke auf sein Bett. In diesem Moment ertönte wieder das Geräusch einer Tür, die zugezogen wurde.

Zu spät! Als er das schwarze Tuch noch einmal zur Seite schob, war nichts mehr zu sehen. Die Straße sah genauso verlassen aus wie vor einer Minute.

„Nicht zu glauben“, schimpfte Henk leise. Nun hatte er die ganze Nacht dort gesessen, ohne dass irgendetwas passiert war, und gerade in dem Augenblick, als er kurz weg war, kam Jaap zurück. Nun ja, es konnte auch jemand anders gewesen sein – aber das schien ihm doch ziemlich unwahrscheinlich. Es war natürlich möglich, dass Jaap jemanden mitgebracht hatte. Oder dass eine ganze Gruppe von Leuten ins Nachbarhaus gekommen war, oder … Nun ja, so schnell fiel ihm nichts anderes ein, aber was auch immer passiert war: Er hatte es verpasst.

„Heng, komm!“ Liese schlief immer noch nicht.

Er holte tief Luft. „Ja, ich komme.“ Das Verdunklungstuch befestigte er jetzt nicht noch einmal neu, darum konnte er sich morgen kümmern.

Durchs Fenster fiel ein Lichtstrahl ins Zimmer. Henk sah auf den Wecker. Halb drei. Lieses Atem wurde langsam ruhiger. Noch ein paar Stunden, dann würde er bei Jaap vor der Tür stehen. So früh wie möglich!

„So, Kinder, die Stunde ist fast herum“, sagte der Lehrer. „Wir singen zum Abschluss noch ein Lied, und dann sehen wir uns morgen wieder.“

Der Lehrer legte einen Finger an die Lippen, und die ganze Klasse wusste, was sie singen würden: die englische Nationalhymne. Nun, da regelmäßig Gerüchte über die bevorstehende Invasion die Runde machten, konnten sie ruhig schon mal damit anfangen, die Nationalhymne der Befreier zu üben, meinte Herr van Soest. „Dann können wir sie damit begrüßen, wenn sie demnächst durch Haarlem fahren“, hatte er gesagt.

Henk sah sich vorsichtig in der Klasse um. Das war vielleicht nicht so klug von seinem Lehrer. Was, wenn es unter den Kindern einen Verräter gab, der das weitererzählte? Mutter sagte immer wieder, dass man heutzutage niemandem mehr vertrauen konnte. Aber er sah nur strahlende Gesichter um sich herum, als sie gemeinsam „God save our gracious king“ anstimmten.

Gott behüte unseren gnädigen König. Natürlich ging es um den englischen König, aber alle dachten jetzt auch an ihre eigene Königin, die in England im Exil war. Und nicht zu vergessen: die Prinzessinnen, die weit weg in Kanada waren.

Es war schön, solch ein Lied zu singen, selbst wenn es nur leise war. Henk versuchte, sich vorzustellen, dass ein Tag kommen würde, an dem Königin Wilhelmina wieder zurückkam und alles wieder so war wie früher. Aber es gelang ihm kaum. Es war schon so lange Krieg, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte, wie es davor gewesen war. Auf jeden Fall würde Vater dann wieder da sein, und schon das würde alles besser machen.

Der Lehrer beendete den Morgen mit einem Gebet, dessen Inhalt jedoch an Henk vorbeirauschte. Seine Gedanken waren wieder bei den geheimnisvollen Geschehnissen der vergangenen Nacht. Er hatte es heute Morgen nicht geschafft, zu Jaap zu gehen, denn er hatte verschlafen. Das ärgerte ihn – aber vielleicht sah er ihn heute Nachmittag …

Während er aus dem Klassenraum ging, warf er noch einen Blick auf die Tafel. Oh je, das hatte er auch verpasst, als er eingenickt war: Sie hatten Rechen-Hausaufgaben, und zwar ganz schön viele. Er musste auch noch Kohlen holen und mit Liese spazieren gehen. Sonst kam sie zu wenig an die frische Luft, und das war ungesund, meinte seine Mutter. Er hatte gedacht, dass er jetzt mehr Zeit haben würde, weil er nur noch morgens zur Schule musste. Aber das stimmte leider nicht. Mutter hatte immer noch irgendwelche Extra-Aufträge für ihn. Und sie waren meist nicht besonders angenehm. Aber heute Nachmittag musste er wirklich zu Jaap. Dann musste der Spaziergang mit Liese eben etwas kürzer ausfallen.

4 Ticktack

Früher war mehr los in der Stadt, das wusste Henk noch. Da gab es samstags auf dem Großen Markt Kasperletheater. Vater war oft mit ihm dorthin gegangen, und manchmal aßen sie hinterher noch Pfannkuchen an dem Stand vor der Sankt-Bavo-Kirche. Das musste aber ein Geheimnis bleiben, sagte Vater dann mit einem breiten Grinsen – also durfte Henk es Mutter nicht verraten. Trotzdem kam Mutter jedes Mal wieder dahinter. Henk hatte keine Ahnung, woran das lag, und dann mussten sie alle drei lachen. Inzwischen wusste er, dass er hinterher immer ganz weiß im Gesicht war von dem Puderzucker und dass Mutter gar nicht solch eine Hellseherin war, wie er befürchtet hatte.

Aber der Pfannkuchenstand war verschwunden, denn die Zutaten waren nicht mehr erhältlich. Der Mann mit dem Kasperletheater wagte nicht mehr aufzutreten, weil er Angst hatte, dass Kasper und Gretel den Führer beleidigen könnten.

Liese hatte sich bei Henk eingehakt und schien sich keine Gedanken darüber zu machen, dass es kein Kasperletheater und keinen Pfannkuchenverkäufer mehr gab. Es machte ihr auch nichts aus, dass die Schaufenster leer und viele Fenster zugenagelt waren. Sie lief einfach langsam neben ihm her und genoss die warmen Sonnenstrahlen, die auf ihr Gesicht fielen. Ein bisschen zu langsam nach Henks Geschmack. Er hatte noch mehr Pläne für heute Nachmittag. Er konnte die ganze Zeit über nur an eines denken: an seinen raffinierten Freund Jaap, der irgendetwas im Schilde führte.

„Komm, Liese, wir gehen heute hier entlang.“ Henk zeigte auf die kleine Gasse auf der linken Seite.

„Nee, nich da.“ Ihre Zöpfe schaukelten wild vor ihrem Gesicht herum, während sie mit aller Entschiedenheit den Kopf schüttelte.

„Aber das ist auch eine hübsche Straße, und ich glaube, da gibt’s sogar ’nen Bäcker.“

Liese blickte mit ihren großen braunen Augen zu ihm auf. „Ticktack?“

Bei ihren Spaziergängen kamen sie oft an einem großen Uhrengeschäft vorbei und sahen sich dann die Uhren im Schaufenster an. Wenn es auf der Straße sehr ruhig war, konnte man durch das Schaufenster hindurch hören, wie sie tickten.

„Nein, jetzt gehen wir nicht zum Uhrengeschäft. Wir gehen heute mal in diese Richtung.“

Wieder flogen die Zöpfe hin und her. „Ticktack.“

„Ich will heute nicht so weit laufen, Liese.“ Henk schaute seine Schwester an und sah an ihrem Blick, dass er diesen Kampf verlieren würde.

„Ticktack?“, wiederholte sie leise.

„Na gut, gehen wir.“

Liese legte die Hand auf Henks Brust und lächelte. „Lieb“, murmelte sie. Henk zupfte sie sanft an einem Zopf und nahm ihre Hand. „Liese ist auch lieb.“

Gerade, als sie in die Barteljorisstraat einbiegen wollten, hörte er Motorengebrumm. Er kannte das Geräusch der deutschen LKWs inzwischen nur allzu gut. Liese hatte den Schauer gespürt, der ihm über den Rücken lief, und schob sich noch ein bisschen näher an ihn heran.

Die Lastwagen brausten in hohem Tempo durch eine kleine Seitenstraße heran.

„Komm, Liese.“ Henk zog sein Schwesterchen auf die Seite und fand einen Eingang, in dem sie sich in Sicherheit bringen konnten. Sie waren nicht die einzigen, die auf diese Idee gekommen waren.

Eng aneinandergedrückt starrten die Schutz suchenden Leute auf die Fahrzeugkolonne. Henk wollte eigentlich nicht hinschauen, die LKWs einfach ignorieren, aber sein Blick wanderte unwillkürlich zum Führerhaus eines Lastwagens. Er sah den entschlossenen Blick in den Gesichtern der Soldaten und wusste, dass das für viele Menschen nichts Gutes heißen würde. Manchmal gelang es ihm, nicht weiter darüber nachzudenken und einfach mit dem weiterzumachen, was er gerade tat. Aber in Momenten wie diesem ging das nicht. Er hatte ein flaues Gefühl im Magen, wollte sich jedoch nichts anmerken lassen, denn Liese war bei ihm, und es standen lauter Fremde um ihn herum.

Er fragte sich, ob es den anderen ebenso ging wie ihm. Sie schwiegen, genau wie er selbst. Die dunklen Wagen fuhren polternd an ihnen vorbei wie ein Heer großer, schwarzer Käfer und verschwanden kurz darauf aus ihrem Blickfeld. Langsam ebbte das Motorengeheul ab. Die kleine, dichtgedrängte Gruppe von Passanten löste sich wieder auf. Für sie war die Bedrohung vorbei, sie konnten wieder weiter.

„Die armen Menschen“, hörte Henk einen alten Mann flüstern.

„Ja, wen werden sie wohl diesmal holen? Ob sie weitermachen, bis es keine Juden mehr gibt?“ Eine etwa fünfzigjährige Frau streckte die Hand aus, um dem Mann aus dem Eingang zu helfen.

„Gott wird über sie richten. Wir wollen froh sein, dass wir das nicht machen müssen.“

Die Frau blieb stehen. „Was meinst du damit, Vater?“

„Diese armen Soldaten. Sie helfen mit, das geliebte Volk Gottes zu vernichten. Lass uns dafür beten, dass Gott ihnen gnädig ist.“

„Also weißt du, Vater …“

Henk verstand das nicht. Der alte Mann schien tatsächlich Mitleid mit den deutschen Soldaten zu haben.

Liese zog ihn am Arm. „Ticktack“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

„Ja, wir gehen gleich hin“, raunte Henk ihr zu.

Noch einmal flüsterte sie „Ticktack“ – in einem Ton, den er nicht begriff. Er schaute sie an und sah, dass ihr Blick auf den alten Mann gerichtet war.

„Was meinst du denn?“

„Is Ticktack!“ Liese strahlte, als hätte sie soeben ein großes Geheimnis entdeckt.

Henk schaute den alten Mann an, der sich bei der Frau eingehakt hatte. Mit seinem langen grauen Bart und der runden Brille erinnerte er ein bisschen an einen Opa aus einem Märchenbuch oder an den Propheten aus der biblischen Geschichte, die Lehrer van Soest kürzlich erzählt hatte.

„Ticktack!“, rief Liese, und die beiden Leute drehten sich zu ihnen um.

„Liese!“ Was hatte sie denn nur? Henk wollte seine Schwester wegziehen, aber es war schon zu spät.

Auf dem Gesicht der Frau erschien ein breites Lächeln, und sie kam direkt auf Liese zu.

Was sollte das nun wieder bedeuten?

„Hallo, hübsches Mädchen!“, sagte die Frau und nahm Lieses Hände. Henk fand das seltsam. Hübsches Mädchen – das sagte niemand über Liese. Man sah ihr schließlich an, dass sie behindert war. Kannte diese Frau sie? Das konnte kaum sein.

„Du bist doch das Mädchen, das immer mit seinem Bruder vorbeikommt, um dir unsere Uhren anzuschauen, stimmt’s?“

Liese nickte begeistert. Da begann Henk ein Licht aufzugehen. Das meinte sie also. Das waren die Leute vom Uhrengeschäft, und Liese hatte sie erkannt.

„Deine Schwester kann nicht so gut sprechen, oder?“ Die Frau sah ihn an. Ihm wurde warm. Sie schienen in Ordnung zu sein, diese Leute, aber die Sache war ihm doch ein bisschen unangenehm. Was ging sie das an?

„Du brauchst keine Angst vor uns zu haben“, sagte die Frau freundlich und tätschelte seinen Arm.

„Nein, das …“ Er wusste nicht, was er sagen sollte. Irgendwie peinlich, dass er sich so hilflos fühlte. Er ärgerte sich über sich selbst.

Die Frau wandte sich wieder an Liese. „Du kannst gern mal zu uns reinkommen und Opas Uhren angucken. Er hat so viele Wanduhren und Standuhren und Armbanduhren. Sie ticken alle anders, jede auf ihre Art. Und meine Schwester Betsie hat immer irgendwas Leckeres da, was sie unseren Gästen anbieten kann.“

Der Opa nickte zustimmend und setzte hinzu: „Vielleicht möchte die Kleine auch mal sonntags zu deinem Kindergottesdienst kommen, Corrie.“

Henk nahm seine Schwester energisch an der Hand. „Ich glaube, wir müssen jetzt weiter.“ Aber Liese ließ sich nicht vom Fleck bewegen.

„Das wäre sehr schön, aber es geht nur, wenn ihre Eltern damit einverstanden sind.“ Wieder sah die Frau ihn an. „Du kannst sie ja mal fragen. Wie heißt du eigentlich?“

„Henk“, sagte er. Warum nannte er der Frau einfach so seinen Namen?

„Also, Henk, am Sonntagnachmittag haben wir immer so eine Art Gottesdienst für Behinderte. Dann singen wir miteinander, und ich erzähle eine Geschichte aus der Bibel. Vielleicht gefällt das deiner Schwester?“

Obwohl Henk eine christliche Schule besuchte, gingen sie nicht oft zur Kirche. Seit Vater zur Zwangsarbeit nach Deutschland eingezogen worden war, wollte Mutter überhaupt nicht mehr hingehen. Als Henk sie nach dem Grund gefragt hatte, hatte sie ihm keine Antwort gegeben, und er hatte sie nicht mehr darauf angesprochen. Er blieb sonntagmorgens auch gern ein bisschen länger im Bett liegen.

Er hatte keine Ahnung, was Mutter von dieser Idee halten würde. Er sah Liese an, aber er konnte nicht erkennen, ob sie begriff, worum es ging. Er zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht.“

„Na, du kannst deine Mutter ja einfach mal fragen. Du weißt ja, wo wir wohnen. Ihr müsst wirklich mal herkommen, um Betsies Plätzchen zu probieren! Kommt doch morgen Nachmittag einfach mal vorbei.“

„Pätzen!“, rief Liese fröhlich. Das hatte sie auf jeden Fall begriffen. Sie mussten lachen, weil die Kleine so begeistert war.

„Ja, die finden wir alle lecker. Gut, dann sehe ich dich vielleicht morgen, Liese? Deinen großen Bruder bringst du dann auch mit, ja?“

Das werden wir noch sehen, dachte Henk. Es kam ihm klüger vor, darauf jetzt nicht zu antworten. Man konnte sich doch nicht einfach mit einer wildfremden Person verabreden?

Die Frau ließ Lieses Hand los und klopfte dem alten Mann auf den Rücken.

„Sollen wir uns jetzt wieder auf den Heimweg machen, Vater?“ Der Mann tippte zum Abschied kurz an seinen Hut. „Vielleicht bis bald, Kinder. Möge der Herr euch segnen.“

„Das hast du schön gesagt, Vater“, nickte die Frau, und dann gingen die beiden langsam weiter.

Liese war anscheinend ebenso verblüfft wie Henk, denn sie vergaß völlig, dass sie noch keine Ticktacks gesehen hatte, als er ihre Hand nahm und mit ihr nach Hause ging.

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Дата выхода на Литрес:
25 июня 2025
Объем:
172 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783761562475
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