Читать книгу: «Am laufenden Band»
Joseph Ponthus
Am laufenden Band
Aufzeichnungen aus der Fabrik
Aus dem Französischen von
Mira Lina Simon
in Zusammenarbeit mit
Claudia Hamm

DIESES BUCH
IST FÜR KRYSTEL UND VERDANKT IHR ALLES
ICH WIDME ES MEINEN BRÜDERN
DEN PROLETARIERN ALLER LÄNDER
DEN ANALPHABETEN UND DEN ZAHNLOSEN
MIT DENEN ICH SO VIEL
GELERNT GELACHT GELITTEN UND GEARBEITET HABE
CHARLES TRENET
OHNE DESSEN LIEDER
ICH NICHT DURCHGEHALTEN HÄTTE
M.D.G.
UND
MEINER MUTTER
Inhalt
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Teil 2
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Ich danke
Zitatnachweise
I
»Fantastisch, was sich alles ertragen lässt.«
GUILLAUME APOLLINAIRE
(Brief an Madeleine Pagès, 30. November 1915)
1.
Bevor ich in die Fabrik kam
Dachte ich natürlich an
Den Gestank
Die Kälte
Das Schleppen schwerer Kisten
Die Erschöpfung
Die Arbeitsbedingungen
Das Fließband
Moderne Sklaverei
Ich bin dort nicht für eine Reportage hin
Und schon gar nicht für die Revolution
Nein
Die Fabrik ist für die Kohle
Ein Brotjob
Wie man so sagt
Weil meine Frau es satt hat mich auf der Couch auf eine Stelle in
meiner Branche warten zu sehen
Also
Lebensmittelindustrie
LM
Wie man hier sagt
Eine bretonische Fisch- und Garnelenproduktions- und
-verarbeitungs- und -gar- und all das -fabrik
Ich geh dort nicht zum Schreiben hin
Sondern für die Kohle
In der Zeitarbeitsfirma werde ich gefragt wann ich anfangen kann
»Wenn morgens fahle Sonne frühe Gärten bleicht«
Antworte ich so schlicht wie Hugo
Beim Wort genommen fange ich am nächsten Morgen um sechs Uhr
an
Im Laufe der Stunden und Tage setzt sich das Bedürfnis das zu
beschreiben hartnäckig fest wie eine Gräte im Rachen
Nicht die Eintönigkeit der Fabrik
Sondern ihre paradoxe Schönheit
An meinem Förderband denke ich oft an eine Parabel von ich glaube
Claudel
Auf seinem Pilgerweg von Paris nach Chartres trifft ein Mann einen
Arbeiter beim Steineklopfen
Was machen Sie da
Meinen Job
Felsblöcke rollen
Scheiße
Mein Rücken ist hin
Sauerei
Müsste verboten sein
Zum Verrecken
Ein paar Kilometer weiter ein zweiter bei der gleichen Arbeit
Gleiche Frage
Ich schufte
Muss die Familie ernähren
Das ist hart
Aber ist halt so und ist immerhin Arbeit
Das ist das Wichtigste
Noch weiter
Kurz vor Chartres
Ein dritter Mann
Mit strahlendem Gesicht
Was machen Sie da
Ich baue eine Kathedrale
Mögen meine Garnelen und meine Fische meine Steine sein
Ich rieche den Gestank der Fabrik nicht mehr der mir zuerst in die
Nase stach
Die Kälte ist mit dickem Pullover Kapuzenpulli zwei Paar Socken und
langer Unterhose erträglich
Die schweren Kisten lassen mich Muskeln entdecken von denen ich
bislang nichts wusste
Die Knechtschaft ist freiwillig
Fast beglückend
Die Fabrik hat mich gekriegt
Ich sage nur noch
Meine Fabrik
Als sei ich kleiner Zeitarbeiter unter all den anderen irgendwie
beteiligt an der Fisch- und Garnelenproduktion oder den -maschinen
Bald
Produzieren wir auch Muscheln und Schalentiere
Krebse Hummer Seespinnen und Langusten
Ich hoffe bei dieser Revolution noch dabei zu sein
Und Scheren zu klauen obwohl ich jetzt schon weiß
Das wird nichts
Nicht mal die kleinste Krabbe dürfen wir uns angeln
Will man ein paar verdrücken muss man sich gut verstecken
Noch nicht unauffällig genug hat die alte Brigitte gesagt
»Ich hab nichts gesehen aber pass auf wenn die Chefs dich
drankriegen«
Seitdem pul ich sie klammheimlich unter der Schürze mit meinen
drei Paar Handschuhen die mich vor Feuchtigkeit Kälte und
allem anderen schützen und futtere an Naturalien was ich für das
Mindestmaß an Erkenntlichkeit halte
Ich schweife ab
Zurück zum Schreiben
»Ich schreibe wie ich spreche wenn der Feuerengel des Gesprächs
mich zum Propheten macht« schrieb in etwa ich weiß nicht mehr wo
Barbey d’Aurevilly
Ich schreibe wie ich denke an meinem Förderband schwirre alleine
unbeirrbar durch meine Gedanken
Ich schreibe wie ich arbeite
Am Fließband
Am laufenden Band
Die Schicht
Beginnt zwangsläufig am Anfang des endlosen weißen kalten Gangs
Bei den Stechuhren um die wir uns nachts drängen
Um vier
Um sechs
Um sieben Uhr dreißig morgens
Je nach Arbeitsauftrag
In der Entladung also beim Fischkistenleeren
In der Verarbeitung oder Enthäutung also beim Fischezerlegen
In der Garung also bei allem was mit Garnelen zu tun hat
Noch hatte ich zum Glück keine Nachmittags- oder Abendschicht
Beginn sechzehn Uhr Ende um Mitternacht
Hier
Sind sich alle einig
Und bis jetzt sehe ich das auch so
Je früher
Desto besser – auch wenn es nachts zwanzig Prozent mehr gibt –
Dann »haste deinen Nachmittag«
»Wenn schon früh
Dann richtig früh«
Ach was
Acht Stunden Arbeit
Sind acht Stunden Arbeit egal wann
Und dann
Geht man heim
Feierabend
Kommt nach Hause
Gammelt
Döst
Und denkt schon an den Wecker
Egal wann er klingelt
Er klingelt immer zu früh
Nach dem Tiefschlaf
Den Kippen und dem heruntergekippten Wachmachkaffee
Gehts in der Fabrik
Knallhart los
Als hätte es kein Aufwachen gegeben
Gleitet man wieder in einen Traum
Oder Albtraum
Das Neonlicht
Die mechanischen Griffe
Die im Halbschlaf umherschweifenden Gedanken
Das Ziehen Schleppen Sortieren Heben Wiegen Räumen
Wie beim Einschlafen
Versteht man nicht wie diese Griffe und Gedanken ineinanderfließen
Am laufenden Band
Wundert man sich immer wieder dass Tag ist wenn man Pause
machen rausgehen rauchen und einen Kaffee trinken kann
Ich kenne nur wenige Orte mit einer so
Kompromisslosen existenziellen radikalen Wirkung wie
Griechische Heiligtümer
Gefängnisse
Inseln
Und die Fabrik
Kommt man heraus
Weiß man nicht kehrt man zurück in die echte Welt oder verlässt
man sie
Obwohl man ja weiß eine echte Welt gibts nicht
Aber egal
Apoll hat Delphi nicht zufällig zum Zentrum der Welt gewählt
Athene hat die Agora zwangsläufig zum Geburtsort einer
Weltvorstellung gewählt
Das Gefängnis hat das Gefängnis gewählt das Foucault gewählt hat
Licht Regen und Wind haben die Inseln gewählt
Marx und die Proletarier haben die Fabrik gewählt
Geschlossene Welten
In die man willentlich hineingeht
Entschlossen
Und aus denen man nicht mehr herauskommt
Oder wie soll ich sagen
Ein Heiligtum verlässt man nicht unversehrt
Ein Gefängnis verlässt man nie wirklich
Eine Insel verlässt man nicht ohne zu seufzen
Eine Fabrik verlässt man nicht ohne in den Himmel zu schauen
Feierabend
Was für ein schönes Wort
Das man kaum noch benutzt und wenn dann nicht wörtlich
Denn abends
Ist man körperlich
Nicht in der Lage zu feiern
Will nur noch loslassen loswerden duschen die Fischschuppen
abwaschen doch wenn man endlich im Garten sitzt ist es zu mühsam
zum Duschen aufzustehen nach acht Stunden Fließband
Der nächste Tag
Ist für einen Zeitarbeiter
Nie garantiert
Die Verträge laufen zwei Tage höchstens eine Woche
Man könnte meinen wir sind bei Zola
Schreiben das 19. Jahrhundert die Epoche der Arbeiterhelden
Doch wir sind im 21.
Ich hoffe auf Arbeit
Ich warte auf Feierabend
Ich warte auf Arbeit
Ich hoffe
Warten und Hoffen
Fällt mir ein sind die letzten Worte im Graf von Monte Christo
Mein guter Dumas
»Mein Freund, hat der Graf uns nicht gesagt, die ganze menschliche
Weisheit bestehe in diesen beiden Worten: Warten und Hoffen!«
2.
Für wen produzieren wir täglich die vierzig Tonnen Garnelen deren
Haltbarkeitsdatum jeden Tag wieder in einem Monat abläuft
Sechzig Millionen Franzosen müssten also täglich vierzig Tonnen
Garnelen essen
Mit Verlusten würde die Fabrik nicht laufen
Vor vier Jahren wurde die Fabrik zerstört und in
dreihundertvierundsechzig Tagen wiederaufgebaut ganz im Rahmen
der gesetzlichen Versicherungsfrist
Ein Chef hat sie zweimal absichtlich angesteckt munkelt man
Wie fackelt man eine Fabrik ab deren Höchsttemperatur acht Grad
Celsius beträgt
Muss man erstmal schaffen
Muss man wirklich wollen
An was denken meine Kollegen Produktionsmitarbeiter beim
Sortieren ihrer Garnelen welche Ohrwürmer besetzen ihre Köpfe oder
summen ihre Münder vor sich hin
Durch Ohrstöpsel und Fabriklärm hindurch hör ich manchmal
Balavoine und Christophe Maé der sich fragt wo das Glück ist und
Véronique Sanson
Leute die jeder kennt
Unsere gigantischen Förderbandmaschinen
Metallbäuche in denen die Garnelen
Aufgetaut
Sortiert
Gegart
Wiedertiefgefroren
Wiedersortiert
Verpackt
Etikettiert
Und wiederwiedersortiert werden heißen
Coaxial
Ishida
Multivac
Arbor
Bizerba
Jede hat ihre eigene Funktion
Solche riesigen Maschinen muss man erstmal produzieren nur wer
macht das und wo
Sind es weitere Maschinen die die Maschinen herstellen
Und wenn ja welche Fabriken stellen die Maschinen für unsere
Fabrik her
Und in welchen Fabriken stellen dann Maschinen die Maschinen her
die die Maschinen für unsere Fabrik herstellen
Ich spreche nicht von Menschen an den Maschinen sondern vom
Paradigma der Maschine die eine andere Maschine herstellt
Angeblich beschäftigt die Fabrik zwei Drittel Zeitarbeiter und ein
Drittel Festangestellte
Angesichts der Gehälter fragt man sich warum
Das wissen nur die Chefs
Allein
Warum grüßt der graumelierte Chef nie irgendwen während andere
in dieser Maschinenwelt doch recht menschlich sind
Welchen Teil der Maschine verkörpern wir unbewusst selbst
Alle Garnelen kommen tiefgefroren aus Madagaskar Peru Indien
Nigeria Guatemala Ecuador
Exotischen tropischen Reisezielen
Vielleicht Billigflaggen
Bestimmt Handelshäfen
Alle Garnelen kommen ungepult außer die besonders dicken
»Aperitif-Garnelen« die in einem Plastikrund mit einem Gewicht von
einhundertfünfundzwanzig Gramm zu einem Supermarktpreis von
rund fünf Euro als »Kränze« verkauft werden
Oft produzieren wir mehr als zehntausend Aperitif-Garnelen-
Kränze pro Tag mit gut zwanzig Mini-Garnelen pro Kranz
Welche Produktionsmitarbeiter aus welchem Land haben
vor uns so viel gepult
Welche Arbeiter
Für welches Geld
Welche Kinder
Wie sehen die Gesichter der Produktionsmitarbeiter aus
Wie ihr Leben hinter den persönlichen Schutzausrüstungen
Unter den Masken
Hinter den mechanischen Griffen der gegenseitigen Hilfe der
automatischen Freundlichkeit von denen die klaglos schuften
Nicht übers Leben zu reden scheint stillschweigend abgemacht
Die Fabrik geht vor genau wie der Lohn
So viele Garnelen
So viele Fragen
Morgen
»Oh meine Danaidenfässer«
Wie Apollinaire gesagt hat
Oh bodenlose Fässer der vierzig Tonnen Garnelen pro Tag
Nehm ich meine Fabrik wieder auf
Geh ich zu meinen Garnelen zurück
Zur Plackerei derer die nur
Ihre Hände zu verkaufen
Ihre Fürze abzulassen haben
Ihre obszönen Witze um sechs Uhr früh
Was sie auch singen
Welche Fragen sie auch stellen
Beim Sortieren der Garnelen
Existenzielle oder nicht
Ich bin einer von euch
Ein Fabrikarbeiter
Ein Fragenabarbeiter zum Großen Ganzen zu nichts Wichtigem zur
Literatur zu allem anderen zu den Garnelen
Was im Grunde aufs Gleiche hinausläuft
Acht Stunden pro Nacht pro Tag an den Maschinen
Das Wort Garnele fällt mir ein liest man zum ersten Mal bei Rabelais
Das gefällt mir und passt zum sauren Gestank der Fabrik
Die Fabrik verlassen Sonne Wärme tanken falls vorhanden
Rauchen
Heimkommen
Trinken
Vögeln
Weinen
Lachen
Sein Leben woanders leben als bei den Garnelen
Schlafen
Den Wecker stellen
Schlafen wie ein Stein
Morgen zurück zu den Garnelen
3.
Am Montag fange ich um vier Uhr morgens an
Nicht bei den Garnelen sondern beim Frischfisch
Um vier Uhr morgens wenn die Fischer von Guilvinic Douarnenez
der Île-d’Houat oder anderswo aufs Meer rausfahren
Darauf bin ich ein bisschen stolz
Frischfisch des Tages ist bestimmt ne Riesenlieferung Sardinen
Beim letzten Mal waren zehn Tonnen zu sortieren und mit dem
Etikett »Pavillon Frankreich« zu versehen und in Styroporkisten
voller Eis zu stapeln
Es ist Sommer also werden es weit mehr sein als die zehn Tonnen
vom letzten Mal
Schließlich ist Grillzeit
Ich werde beim Sortieren gut aufpassen und die Makrelen und Stinte
herausfischen
Um vier Uhr morgens heißt zwei Stunden früher aufstehen schon am
Vortag starken Kaffee machen das Fahrrad nehmen eine halbe Stunde
in die Pedale treten
Ich werde unterwegs sicher an Vatel denken der sich unter
Ludwig XIV. wegen einer verspäteten Fischlieferung das Leben nahm
Bin ich zu spät und ist es kurz nach vier Uhr morgens sieht meine
Zukunft nicht rosiger aus als die von Genosse Vatel
Am Montag
Um vier Uhr morgens
Beim Frischfisch
4.
Anfang der Woche kam ein neuer Zeitarbeiter der wiegt eine Ladung
Sardinen auf
Er ist nicht nur Drückeberger
Kippenschnorrer
Mitfahrgelegenheitswegschnapper
Nein er ist vor allem genauso kälteempfindlich wie
verständnisresistent
»Ist echt arschkalt in der Fabrik«
»Ist ne Frischfischfabrik da ists besser wenns kalt ist«
»Aber ich trag drei Paar Handschuhe und die Hände sind eisig«
»…«
»Denkst du ich kann den Chef fragen ob wir warmes Wasser in die
Fischkisten mit Eis kippen können das wär zum Arbeiten besser«
Der Gute hat als Kind zu heiß gebadet scheints
Und Arbeiten ist auch nicht so sein Ding
5.
Die Sortierer
Ähneln den Büchermachern in der Gewerkschaft
Sie arbeiten allein
Im stillen Kämmerlein
Und haben echte Vorteile
Im Vergleich zu den anderen Fabrikarbeitern
Sie können sich fünf Minuten Verspätung erlauben
Um vier Uhr morgens bei Schichtbeginn
Ist die Raumtemperatur von acht Grad Celsius recht mild
Sie haben Anspruch auf zwei gesetzlich geregelte Pausen statt auf
eine die der Chef zuteilt
Kurze Zehn-Minuten-Kippe-Kaffee-Pause um sechs
Dreißig Minuten Kaffee-Kippen-Pause um halb neun
Die Arbeit ist nicht ganz so anstrengend
Und eintönig
Fünfundzwanzigkilokisten Fisch leeren und andere
Fünfundzwanzigkilokisten füllen
Klar denkt man da an die Shadoks
Aber ist halt Fabrikarbeit
Und macht Muskeln
Die Maschine geht niemals kaputt
Und die Fischarten wechseln
Seelachse Merlane schwarze Seelachse gelbe Seelachse Haarschwänze
Schellfische Seeteufel und vor allem und noch viel mehr Seelachse
aller Art
Soll ja nicht langweilig werden
Heute haben die Sortierer gestreikt
Alle anderen Arbeiter nicht
Ein Beweis für die errungenen Vorteile
Umso besser die Vorteile haben sie hart erkämpft
Bei Schichtbeginn waren wir nur zu zweit
Nach der ersten Pause kam Verstärkung
Wir haben Kisten um Kisten mit Haarschwänzen und Merlanen
sortiert
Wir haben die Arbeit geschafft
Und während ich das schreibe
Sortiere ich weiter
Nur diesmal Wortarten
6.
Zwischen ein paar Tonnen Seelachsen Haar- und Rattenschwänzen
Hab ich heut dreihundert Kilo Chimären sortiert
Bis heute Morgen wusste ich nicht mal dass ein Fisch dieses Namens
existiert
Meine Chimären kamen nach der Pause
Lustige Fische mit zwei schönen Bauchflossen wie Flügel
Vielleicht heißen sie deshalb so
Vielleicht aber auch nicht
Damit war der Vormittag gerettet
Dass ich mir sagen konnte
Ich hab meine Chimären sortiert
Heut ist der 31. am Nachmittag geh ich zur Zeitarbeitsfirma meinen
Vorschuss holen denn vertragsgemäß werden wir erst am 11. des
Folgemonats bezahlt
Der Vorschuss beträgt maximal fünfundsiebzig Prozent der
geleisteten Arbeitszeit
Die Personalabteilung der Fabrik hat meine Stunden der letzten
Woche noch nicht bestätigt
Heißt ich bekomme nur fünfzig Prozent von dem was ich dachte
Noch eine Chimäre
7.
In der Fabrik
Sortiere ich heut haufenweise Grenadierfische
In der Fabrik
Wünschen sich einige Kollegen selbst Grenadiere zu sein
Im militärischen Sinn des Worts
Seit dem Terroranschlag in Nizza am 14. Juli bei dem ein Lastwagen
in die feiernde Menge raste
Wünscht sich der eine sein Jagdschein hätte eine Sonderzulassung
für »Kakaken«
Die Mischung aus Kameltreiber und Makaken
Wünscht sich die andere man setze alle in ein Boot in den Atlantik
und schwupp unsere Fische hätten gut zu fressen
Verständigen sich viele auf Bürgerwehren wenn die Bullen schon
nichts taugen
Fabrice Le Noxaïc
Der für seinen Jagdschein die Sonderzulassung »Kakaken« will
Versieht mit einem schwarzen Filzstift seine Schutzausrüstung
Stiefel Kittel Hosen Handschuhe systematisch mit seinen Initialen
aber mit dem Nachnamen zuerst also LNF
Die Vorstellung wie es ihm auf den Sack gehen muss FLN zu
schreiben bringt mich zum Lachen
Vielleicht hieße er auch lieber Olivier-Antoine Schultz
8.
Für einen Monat hab ich einen Job in meiner alten Branche
Und zum ersten Mal in meinem Leben
Werde ich Chef sein
Oder na ja
So wie es nicht mehr »Arbeiter« heißt sondern
»Produktionsmitarbeiter«
Werd ich nicht »Chef« sein sondern »Leitender Begleiter«
In diesem Fall bei einem Dutzend Ferienfreizeiten für »Menschen mit
Behinderung«
»Behinderte« sagt man nicht mehr und »Mongis« schon gar nicht
Im Norden Frankreichs zwischen Belgien und Paris
Dienstwagen Hotels und Spesen wenn alles gut läuft
Eine endlose Strecke wenn es sechshundert Kilometer von mir
entfernt Probleme gibt
Aber darum gehts jetzt nicht
Heut hatte ich im Kaff von Ker Breizh dem Zentrum vom Arsch der
Welt der Bretagne eine Schulung um meine Cheffitüde zu trainieren
und meine Teams in spe zu treffen die Teamer und Begleiter
Von heut auf morgen vom Rhythmus der Fabrik zu dem der
Sozialarbeit zu wechseln
Ist als wechselte man von einem Arbeitsbegriff zu einem anderen
und zwar im marxistischsten Sinn des Wortes
Kaffee Kippe Pause Kaffee Kippe Pause »Austausch unter Kollegen«
Kippe Kaffee und so weiter Pause
Garnelen Wellhornschnecken Garnelen Garnelen Kisten und weitere
Kisten und wieder diese Scheißgarnelen und auf die Pause warten die
der Chef zuteilt und wieder Garnelen Wellhornschnecken Garnelen
Garnelen
Hier wie dort Unterordnung und Verkauf meiner Arbeitskraft
Unter der Woche untergeordneter Arbeiter
Diesen Samstag frischgebackener Chef
Eine meiner zukünftigen »Mitarbeiterinnen« in Hippielook wie frisch
vom Festival Vieilles Charrues die Haare in Dreadlocks wie
selbstgedrehte Kippen will mich kurz unter vier Augen sprechen
»Also du bist hier mein Leitender Begleiter«
»Ja«
»Na ja also ich glaub ja unsere Freizeitteilnehmer sollten echt ne gute
Freizeit haben weil ist halt ihre Freizeit«
»…«
»Weil schau uns selbst an wenn man keine gute Freizeit hat ist es halt
auch keine echte Freizeit«
An manchen Samstagen bedauert man seine Arbeitskraft nicht an die
Garnelen und Wellhornschnecken verkauft zu haben die zumindest
nicht ganz so viel reden
9.
Die Cheffitüde bei den Mongis
Ist vorbei
Drei Wochen »work ’n’ travel«
Wie junge Leute sagen
Fünfzehn Tage Workation
Ich habe viel am Steuer gesessen
Sehr viel
Habe an Le Conscrit des cent villages von Aragon gedacht
Das Defilee von Glockentürmen und klingenden Ortschaftsnamen
Von der Normandie über die Region Nord-Pas-de-Calais
Die ich wohl nie Hauts-de-France nennen werde
Bis nach Belgien
Habe mehr Käffer und Straßen gesehen
Als Leute
Dunkerque Saint-Valéry-en-Caux Fécamp Berck-sur-Mer
La Roche-Guyon Étampes Trouville Verviers Westrozebeke und
Ostende und bei den belgischen Vettern Vétheuil Vernon
Verneuil-sur-Avre Beuvron-en-Auge
Ein Frankreich der Unterpräfekturen
Der Marktplätze mit Kopfsteinpflaster und Fachwerkhäusern
Der flämischen Glockentürme
Und Erinnerungen an die Kriege
Dem von 1914
Passendale die Somme Péronne der Wettlauf zum Meer Ypern wo
ich das tägliche Gedenkläuten abends um acht für die Gefallenen
verpasst und die englischen kanadischen sogar indischen und
maorischen Friedhöfe nur aus der Ferne gesehen habe because ich
saß am Steuer
Dem von 1939 in der Normandie
Also eher von 1944
Am Steuer sitzen
Ist fast so eintönig
Wie Fische Kisten Garnelen sortieren
Aber natürlich anders
Chef sein von Leuten die Freizeitteilnehmer mit Behinderung
begleiten
Dagegen kann man nichts sagen
Man sitzt am Steuer
Sonst nichts
Die geplanten Besichtigungen
Waren schneller gemacht als ein Blitzkrieg
Étretat
Giverny
Honfleur
Postkartenidyllen von denen
Die Blumen in Monets Garten
Übrig bleiben
Und die Satiehäuser
Eines der schönsten Museen der Welt von dem man mir oft schon
vorgeschwärmt hat
Zu Recht
Eine fliegende Birne
Ein Zimmer in Montmartre
Ein elektrisches Klavier
Ein Tretkarussell das einen riesigen Regenschirm öffnet
Zurück auf der Straße
Auf der Autobahn
Streifte das Abendlicht in der Ferne den Mont-Saint-Michel
Ich fuhr an Villedieu-les-Poêles vorbei einem Dorf mit Messingwaren
und Gehörlosen von dem schon Rabelais im Gargantua spricht weil
von dort das Metall fürs Besteck seines Helden stammt
Dann quer durch die Bretagne und heim
Es war die Nacht der Sternschnuppen der Laurentiustränen
Zurück in Lorient die letzten Dudelsackklänge vom interkeltischen
Festival
In der Ferne ein Feuerwerk
Ich schaute zum Himmel und wünschte mir was
Heut Morgen
Habe ich in der Zeitarbeitsfirma meinen Scheck vom letzten Monat
und einen neuen Vertrag abgeholt
Bingo
Vier Wochen Nachtschicht in einer neuen Fabrik von zwanzig Uhr
dreißig bis fünf Uhr dreißig
Das wars mit den Fischen und Garnelen
Aber nicht mit Kisten Wannen und Maschinen
Ich freu mich auf die Arbeit auch wenn eine neue Fabrik Stress heißt
und ich meinen Fischen und Garnelen nachtrauere
Was werde ich wohl produzieren
Mit meinen behinderten Freizeitteilnehmern habe ich nichts
produziert
Sie hatten frei und produzieren den Rest des Jahres in
Behindertenwerkstätten
Für so wenig Geld wie Freizeit und sind dennoch zufrieden und stolz
Manche erzählen mir von Holzarbeiten und dem ständigen Hobeln
an Möbeln von Grünflächen wo sie je nach Jahreszeit Laub
einsammeln oder Blumen gießen von kleinen Schrauben die sie in
ich weiß nicht welche Teile stecken
Wenn ich das hör versteh ich sie genau aber trau mich nicht zu sagen
ich bin einer von euch
Chefposten ist Chefposten
Meine Freizeitteilnehmer mit Behinderung würden das sicher
verstehen
Meine untergeordneten Teamer und Begleiter verstehen es nicht
Montagabend um zwanzig Uhr dreißig
Stehe ich als Produktionsmitarbeiter wieder unter den Chefs am
Förderband am Fließband an der Produktionsstraße
Denke ich in der Fabrik bestimmt genauso an diese französischen
Städte und Dörfer wie ich auf der Straße an die Fabrik dachte
Bin ich wohl der Soldat Aragons
»Oh ihr Dämonen denn ihr seid Dämonen
Gebt mir Wörter über Wörter«
10.
Zurück von der Nachtschicht
Wird es im Osten in der Ferne langsam hell
Sechs Uhr morgens und acht Stunden in der Panierfischfabrik die
Form verlieren liegen hinter mir
Nicht meine
Sondern Gussformen wie Kuchenformen wie große
Sechserplastiklegosteine aber weich und in Fünfzigerstapeln die
man abstapelt und auf ein Förderband legt das nie stillsteht
Dann füllt eine Maschine die Formen mit einer dicken Soße
Was dann kommt seh ich nicht mehr
Für meinen Organismus ist der Rhythmus meiner acht
Nachtstunden nicht einfach zu handeln
Wann soll ich aufstehen zu Bett gehen mich ausruhen essen Kaffee
trinken oder Wein
Ich dachte ich verschiebe einfach alles um zwölf Stunden
Ich fang um neun Uhr abends an als wär es neun Uhr morgens der
Rest folgt der Verschiebung
Und hör um fünf Uhr also siebzehn auf
Haste gedacht
Mein Organismus ist genauso orientierungslos wie ich in dieser
neuen Fabrik
Klar ich bin erst seit zwei Tagen hier der Automatismus ist noch nicht
da aber in der Nacht verdammt
»Allein in der Nacht liege ich wach und denk an dich sacht ich bin ein
Soldat steh wie alle parat«
Sang Johnny Hallyday in Deutschland für seine Sylvie
In der Nacht fühle ich mich wie ein Fabriksoldat
Wenn ich von meiner Frau träume
Die so nah und doch so fern von mir schläft
Tausend weiche Plastikformen entfernt
Mit Panierfisch
Fühlt sich die Arbeit nicht mehr so edel an wie mit echtem Fisch
Hier gibts nur Paniermehl Kräuter Tiefgefrorenes
Geschmack- und Reizloses
Egal
Es ist sieben
Es wird hell
Es ist Schlafenszeit
Ich weiß nicht soll ich einen Kaffee oder Rotwein trinken
Auf jeden Fall werd ich eine Ballade von Johnny summen wenn ich
mich an meine schlafende Frau schmiege die ich nicht aufwecken
will
»Ich bin ein Soldat der der Dinge hier harrt«
11.
Seit sieben Monaten ist er beim Panierfisch
Er ist zwanzig
Er hat die Schnauze voll
Von der brutalen Mutprobe die man ihm aufgezwungen hat der
beschissenen Atmosphäre den eintönigen Nachtstunden in denen
man schuftet und schuftet und dem Gefrierpanierfisch ohne Ende
Inmitten der Nacht lässt der Maschinenlärm etwas nach
Er fragt mich warum ich hier bin
Ich sage ihm wie allen anderen die einfache schöne Wahrheit
Dass ich weg bin von allem für die die ich liebe
Dass wir geheiratet haben
Dass ich glücklich bin hier zu sein
Und die Fabrik na ja irgendwas muss man ja tun
Und bald ein Baby fragt er sofort
Hoffen wir so sehr wie wir dran arbeiten
Auch er heiratet bald
Es gibt noch viel zu tun
Er hat ein bisschen Angst aber sie kommen voran
Ein paar Gesprächsfetzen später erfahre ich
Ich wohne ganz in der Nähe von der Arbeit seines Freundes
Ein paar Tage später helfe ich einem anderen Team
Einer erzählt mir von der Hochzeit des Ersten
Sie wollten ihre Partnerschaft eintragen lassen aber durch das neue
Gesetz können sie auch heiraten und damit auch leichter adoptieren
Ich lächle gerührt
Und denke fest an Ministerin Taubira die zu Recht dafür gesorgt hat
dass ein kleiner schwuler Arbeiter sich in der Fabrik outen kann
Bei seinen Eltern war das womöglich schwieriger
Dass er das Recht auf seiner Seite hat
Und selbst wenn er gelitten hat und die Mutprobe hart war
Heiraten wird
Am Ende meiner Nacht hol ich mir aus dem Getränkeautomaten
eine Dose Perrier
Champagner
12.
Angefangen hat das so
Verlangt hatte ich ja nie was aber
Als mich ein Chef bei Schichtbeginn fragt ob ich schon mal Tofu
abgetropft hab
Als ich die Anzahl der Paletten und Paletten und Paletten seh die
ich allein abtropfen soll und ich gleich weiß damit bin ich die ganze
Nacht beschäftigt
Tofu abtropfen
Sag ich mir immer wieder ohne recht daran zu glauben
Heute Nacht werde ich Tofu abtropfen
Heute werde ich die ganze Nacht Tofuabtropfer sein
Ich werde eine Parallelerfahrung machen sag ich mir
In dieser bereits parallelen Welt Fabrik
Ich beschreib mal die Szene
Es ist vierzehn Uhr dreißig
Ich wache auf nach einer Nacht die um acht Uhr morgens begann
Ich soll um zwanzig Uhr dreißig anfangen um fünf hab ich Schluss
Die Zeitarbeitsfirma ruft an Dienstplanänderung
Von neunzehn Uhr bis vier Uhr dreißig macht mit der üblichen
halben Stunde Pause gut neun Stunden Arbeit
Soll ich nicht zum Panierfisch sondern zu den Fertiggerichten die
meine Fabrik ebenfalls herstellt
Ich mach mich an die Arbeit
Ich tropfe Tofu ab
Ich sag mir diesen Satz auf
Wie ein Mantra
Fast
Wie ein Zauberspruch
Ein Segen
Ein Passwort
Eine Art Resümee der Sinnlosigkeit des Lebens der Arbeit der ganzen
Welt der Fabrik
Ich lach mich schlapp
Ich träller im Kopf Y a d’ la joie vom guten Trenet um mich in Gang zu
kriegen
Ich denk an den berühmten Shakespeare-Vers in dem die Welt eine
Bühne ist und wir nur schlechte Schauspieler
Ich wär bestimmt ein guter Kandidat für die TV-Show Kamoulox
»Ich träller Trenet und tropfe Tofu ab«
»Lei-der falsch drei Pa-nier-fi-sche zu-rück«
Ich finde Tofu widerlich und gäb es keine Vegetarier gäbs auch nicht
dieses Tofutrallala
Denk ich mir eben Reime aus die schön zu klingen scheinen
Tofuabtropfer
Bohnenquarkopfer
Die Griffe werden langsam mechanisch
Mit dem Cutter aufschneiden
Den Karton mit zwanzig Kilo Tofu öffnen
Die Dreikilobeutel auf die Arbeitsfläche packen
Mit dem Cutter aufschneiden
Die Beutel öffnen
Den Tofu senkrecht auf ein waagerechtes Stahlsieb packen durch das
die brackige Flüssigkeit abtropft
Den Tofu eine Zeit lang abtropfen lassen
Eine Zeit lang
Wie Fernand Raynaud gesagt hätte
Hätte man ihn gefragt wie lange ein Kanonenrohr braucht um
abzukühlen
Wer erinnert sich noch an Fernand Raynaud und seine Sketche die
heute so altmodisch wirken
Beim Tofuabtropfen versuche ich mich an die Sketche von Fernand
Raynaud zu erinnern
Le 22 à Asnières
La Chemise lilas
Pourquoi tu tousses
Le Fût du canon
Ich erinnere mich wie gern meine Oma sie mir im Fernsehen gezeigt
hat als ich klein war
Ich denk an sie sie fehlt mir
Ich erinnere mich an
Ich erinnere mich von Georges Perec
Klar
Ich tropfe Tofu ab
Ist der Tofu einmal abgetropft
Füll ich ihn in einen Bottich mach Folie drauf stell den Bottich in
eine Ecke wo er drauf wartet irgendeinem Fertiggericht beigegeben
zu werden
Was nicht mehr meine Aufgabe ist
Von Zeit zu Zeit
Fahr ich die großen Säcke in die ich meinen Papp- und Plastikmüll
sortiere
Mit einem Gabelstapler zu den Mülleimern nach draußen
Das tut gut
Zum Müll fahren
Ist mal was anderes
In meiner alten Fabrik
War ich kürzlich noch
Chimärensortierer
Das machte irgendwie mehr her
Tofuabtropfer
Wer nicht selbst mal nachts neun Stunden lang Tofu abgetropft hat
kann das nicht verstehen
Oh Mann
Ich Klugscheißer weiß es und du nicht
Dabei gibts hier rein gar nichts woraus man Stolz beziehen könnte
Oder Verachtung für die Nichtarbeiter
Die Verachtung
Ich denke an Godards Meisterwerk versuche mich an George Delerues
Leitmotiv für Camille zu erinnern eine Musik die glaube ich gut zu
dieser Atmosphäre passen würde
Die sehr gut passen würde
Aber ich erinnere mich nicht
Silenzio
Die Stunden vergehen und vergehen nicht ich bin verloren
Ich bin in einer paradoxen Ekstase halbschlafend halbwach fast wie
beim Eindämmern wenn die Gedanken durch die Aktivität des
Unterbewusstseins umherschweifen
Aber ich träume nicht
Ich albträume nicht
Ich schlafe nicht ein
Ich arbeite
Ich tropfe Tofu ab
Ich sage mir den Satz auf
Wie ein Mantra
Ich versuche mich an meinen Reim von vorhin zu erinnern aber ich
erinnere mich nicht
Ich sage mir man muss schon ganz schön fest an seine Kohle glauben
und dass die auch noch kommt die Liebe zum Absurden oder die
Literatur
Um weiterzumachen
Ich muss weitermachen
Tofu abtropfen
Von Zeit zu Zeit
Zum Müll fahren
Morgens um ein Uhr zehn ist Pause
Sie dauert bis ein Uhr vierzig
Ich weiß nicht ob eine Pause nach über sechs Stunden Arbeit legal ist
Aber ich scheiß drauf
Noch drei Stunden Tofu abtropfen
Kippe
Kaffee
Kippe
Snickers
Kippe
SMS von meiner Frau die um dreiundzwanzig Uhr an mich gedacht
hat
Ich lächele
Wenn sie wüsste
Aber die Zeit ist um
Ein letzter Kippenzug zum Zeichen des Widerstands
Haste gesehen Fabrik haste gesehen Tofu meine letzte Kippe kriegste
nicht
Schön wärs
Ich drück sie schnell aus
Schnell zur Umkleide
Kittel
Stechuhr
Weiter gehts
Ich tropfe Tofu ab
Noch drei Stunden
Nur noch drei Stunden
Ich muss weitermachen
Ich tropfe Tofu ab
Ich werde weitermachen
Die Nacht hört nicht auf
Ich tropfe Tofu ab
Die Nacht hört nicht mehr auf
Ich tropfe Tofu ab
Ich tropfe Tofu ab
13.
Ich habs satt aber in der Fabrik sagt man nichts
Es ist Wochenende
Ich kann nicht schlafen
Um diese Uhrzeit müsste ich am Band stehen
Noch zwei Stunden arbeiten
Noch zwei Stunden malochen
In der Fabrik
Am laufenden Band
Es ist Wochenende
Zeit die Arbeitskraft zu regenerieren
Also
Ausruhen
Schlafen
Leben
Und zwar nicht in der Fabrik
Aber sie frisst mich auf
Die Schlampe
Zu Hause habe ich draußen beim Rauchen
Die gleichen Reflexe wie in der Pause
Schnell ziehen und an der Kippe eine Kippe anzünden
Übermorgen muss ich zurück in die Fabrik
Doch mir kommts vor als wärs schon
Morgen
Schon den Schlafrhythmus anpassen
Den Lebensrhythmus
Den die Fabrik diktiert
Ich muss zurück
Ich muss schlafen
Ich muss
Ich habe die Fabrik so satt
Den Scheißrhythmus
Das sinnlose Tun jede Nacht
Nichts sagen
Schreiben
Die Muskeln tun weh
Die Pause tut weh die ich jetzt haben müsste aber nicht habe
Während ich zu Hause meine Kippe rauche
Bin ich immer noch in der Fabrik
Wer könnte mich morgen oder übermorgen mit dem Auto
mitnehmen
Arbeite ich nachts verlier ich die Lust am Tag
Das ist hart
Nimmt mich niemand mit habe ich keinen Job mehr
Das wäre das Ende
Das wäre scheiße
Muss ich wohl mit den Kollegen regeln
Doch dafür müsste man mal sprechen
Trotz der Ohrstöpsel hämmern die Maschinen in der Pause weiter auf
unser Schweigen ein
Warum was sagen und was überhaupt
Dass man es satt hat
Dass man am Wochenende kaum schläft
Aber so tut
Als ob
Alles gut läuft
Man einen Job hat
Auch wenns ein Scheißjob ist
Auch wenn man sich nicht ausruht
Verdient man was
Die Fabrik wird uns fressen
Frisst uns jetzt schon
Doch keiner sagt was
Denn in der Fabrik
Ists wie bei Brel
»Keiner sagt was
mein Herr
Keiner sagt was«
14.
Die sollte man mal sehen
Unsere kaputten Gesichter
In der Pause
Die verhärteten Züge
Die verlorenen Blicke im Zigarettenrauch
Unsere entstellten Gesichter
Wie die der Gueules cassées im Ersten Weltkrieg
Wir
Das Fußvolk der Fabrik
Oder besser
Söldner
Nicht junge Rekruten der Marie-Louise-Armee
Sondern
Halbwegs Freiwillige in einem Krieg gegen die Maschine
Der schon im Voraus verloren ist
Klar
Aber zumindest einen Monatssold einbringt
Warten auf die Rückkehr an die Front
Die Pause
Diese verdammte Pause
Seit Schichtbeginn erhofft erträumt erwartet
Und auch wenn sie so oder so zu kurz sein wird
Kommt sie zu früh
Noch Stunden schuften
Kommt sie zu spät
Nicht mehr können nicht mehr können
Sie wird kommen
Der siegreiche Kapitalismus hat nur zu gut verstanden dass er den
Arbeiter am besten ausbeutet
Wenn er ihn verwöhnt
Und sei es nur ein bisschen
Man tut was man kann
Ruh dich ein halbes Stündchen aus
Kleine Zitrone
Da ist noch Saft drin den ich auspressen will
Ein halbes Stündchen
Das sagt schon alles
Natürlich kommt die Stechuhr vor oder nach der Umkleide
Je nachdem ob man kommt oder geht
Das heißt
Mindestens vier verlorene Minuten
Schneller umziehen geht nicht
Die Zeit für einen Kaffee im Pausenraum
Endlose Gänge Treppen
Die verlorene Zeit
Lieber Marcel ich hab gefunden wonach du gesucht hast
Komm zur Fabrik ich zeig sie dir sofort
Die verlorene Zeit
Dann musst du keine Wälzer mehr darüber schreiben
Endlich frische Luft
Endlich draußen
Kippe
Blick aufs Handy
Sagen wir zwanzig Minuten
Der dröhnende Fabriklärm wiegt mich fast in den Schlaf
Manche ziehen sich in ihr Auto zurück
Manche essen
Weiter weg werden Joints geraucht wenn ich das richtig rieche
Ich sitz auf einer Bank und steck mir an der Kippe meiner Kippe
eine Kippe an die ich aus dunklem Tabak selbst gedreht hab
Blick aufs Handy
All die Zeit die vergeht
Lässt sich kaum nachholen
Noch eine Kippe
Noch ein Viertelstündchen
Wie lange brauche ich fürs Hochgehn
Umziehn
Pinkeln
Natürlich erlaubt der Chef nicht wenn du in der Stunde vor oder nach
der Pause aufs Klo willst
Musste halt warten
Hättste halt vorher dran denken müssen
Also weiß ich nicht
Aber schätz ich mal
Die Kippenzüge werden zittriger
Die Blicke aufs Handy häufiger
Und hektischer
Je mehr Zeit vergeht und
Sich kaum nachholen lässt
Na los
Wir müssen los
Versuchen draußen noch dreißig Sekunden frische Luft zu schnappen
obwohl man drinnen in den Gängen auf den Treppen in der Umkleide
dann noch mehr Gas geben muss
Letzter Kippenzug
Letzter Blick aufs Handy
Wir müssen hoch
In diesem Moment denke ich immer an Kamerad Apollinaire
Und seh ihn mit der Pfeife
In seinem Schützengraben
Kurz vorm Kommando
Denkt er an Lou
Und ich an meine Frau
»Die Augen auf die Uhr geheftet seh ich die Minute des Sturmangriffs
nahen«
15.
Es gibt Nächte in denen es läuft
Es läuft wie unsere neuen Gabelstapler Made in Sweden
Mit denen ich sofort zu parken schaffe obwohl das mit den alten
nicht so einfach war
So gut dass die Kollegen von vorher auf meiner Straße anderthalb
Stunden Vorsprung rausschlagen konnten
So kann ich ab und zu kurz in den Gängen der Fabrik rumschlendern
Kann etwas länger draußen bei den Mülleimern bleiben mich sogar
dreißig Sekunden setzen und verschnaufen
Kann auf mein Handy schauen
Kann Kollegen helfen die nicht so viel Glück hatten wie ich
Die Nacht vergeht friedlich
Die Stunden sind ruhig
Ich denk an einen Vers der nicht von Ronsard ist wie ich dachte
sondern von Desportes
»Die unbeschwerte Zeit verfliegt und ich bemerk es nicht«
Es flutscht
Wie der Fisch aus der Hand
Wie der Papa in die Mama
Ich spüre deutlich mein In-der-Welt-sein
Eine fast spinozaische Einheit mit meiner Umwelt
Mit der All-Einheit der Fabrik
Ich bin die Fabrik sie ist ich sie ist sie und ich bin ich
Heute Nacht
Sind wir am Werk
16.
Mohamad ruft um siebzehn Uhr an
Die Zeitarbeitsfirma hat gerade seinen Dienstplan geändert
Er fängt nicht mehr mit mir um neunzehn Uhr an sondern mit
anderen Kollegen um neun
Das wars mit dem Mitnehmen
Es tut ihm leid aber »vor der Fabrik warten oder hin und her fahren
ist leider nicht drin verstehst du doch oder«
Klar versteh ich das
Ich verstehe dass
Prekäre Arbeit
Eben auch das ist
Dass der Personaler nach Belieben die Zeitarbeitsfirma anruft die
die ganze proletarische Organisation von Fahrgemeinschaften
ruiniert oder Ähnliches
Und zwar so richtig nach- und hinterhältig
Ich mach mal ein Beispiel
Du arbeitest nachts oder schläfst nach der Arbeit
Die Zeitarbeitsfirma ruft an
Das Handy ist aus
Nach dem Aufwachen die Nachricht
»Du fängst zwei Stunden früher an als sonst«
Rufst du die Zeitarbeitsfirma zurück um zu sagen du kannst nicht
hat sie zu
Zu spät
Du hättest schon an deinem Platz stehen sollen
Also macht morgen ein anderer den Job
Zurück zum Panierfisch
Es ist siebzehn Uhr in zwei Stunden fang ich an und auch ich wach
gerade erst auf und hab das Gespräch mit Mohamad gerade erst
beendet
Die Fabrik ist gut fünfzehn Kilometer entfernt
Der Puls rast so schnell wie der Schweiß von den Achseln rinnt
Taxi
Was anderes seh ich nicht
Als sich blitzschnell anziehen und
Zu einem Taxistand in die Stadt flitzen um nicht auch noch den
Abholzuschlag zu zahlen
Name der Fabrik
Ja klar kennt er
Im Radio läuft auf RTL eine Debatte der Konservativen zu den
Präsidentschaftsvorwahlen die Herren Kandidaten wollen den
randalierenden Demonstranten die Sozialhilfe streichen ja was denn
schon wieder Leute die vom System profitieren und nicht arbeiten
wollen und sich auch noch in die Ordnungskräfte und Schaufenster
schmeißen
Natürlich beziehen diese Leute Sozialhilfe
Natürlich
Ich beiß mir auf die Lippen um nicht loszuschreien
Der Fahrer fragt ob ich Chef bin dass ich mit dem Taxi zur Fabrik fahr
Ich antworte ich bin der Sohn von Agnès Saal aber sieht nicht aus als
verstünde er den Witz
Gleich da
Ich schäm mich
Ich komm mit dem Taxi die Kollegen sollen das nicht mitkriegen
Warum weiß ich auch nicht
Schließlich wissen sie dass ich sonst bei Mohamad mitfahr aber
So fühlt es sich an als stellte ich einen Reichtum zur Schau
Obwohl mein Dispo die Fahrt bezahlt
Die versteckte Scham
Der Unterworfenen
Nicht sagen zu wollen
Ähm ja ich komm mit der Taxe weil meine Mitfahrgelegenheit mich
versetzt hat und ich den Job nicht verlieren will
Ich sag dem Fahrer er solle mich fünfhundert Meter vor dem
Parkplatz absetzen
Und hoffe dabei nicht gesehen zu werden
Gleicher Schweiß wie zuvor
Ich bezahle die Fahrt was soviel sein müsste wie der Lohn für eine
halbe Arbeitsnacht
Bezahlen um bezahlt zu werden
Bezahlen um nicht von einer Panierfischfabrik gefeuert zu werden
Um von der Zeitarbeitsfirma nicht gedisst zu werden
Aber keiner kriegt es mit
Keiner hat mich aussteigen sehen
Oder es haben welche gesehen aber lassen sich nichts anmerken
So wie ich mir nichts anmerken lasse
Бесплатный фрагмент закончился.
