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Jörg M. Pönnighaus

Bei abnehmendem Mond

Aufzeichnungen aus dem Lugala-Krankenhaus in Tansania

ATHENA

edition exemplum

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E-Book-Ausgabe 2014

Copyright der Printausgabe © 2013 by ATHENA-Verlag,

Copyright der E-Book-Ausgabe © 2014 by ATHENA-Verlag,

Mellinghofer Straße 126, 46047 Oberhausen

www.athena-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (Print) 978-3-89896-540-8

ISBN (ePUB) 978-3-89896-862-1

Erklärungen

RMA: rural medical assistant. Zweijährige medizinische Ausbildung nach sieben Jahren Volksschule

CO: clinical officer. Dreijährige medizinische Ausbildung nach vier Jahren Oberschule

AMO: assistant medical officer. Zweijährige Zusatzausbildung nach CO Ausbildung

MO: medical officer. Sechsjähriges ärztliches Studium an einer Universität

NO: nursing officer. Schwester, Hebamme oder Pfleger mit (meist) zweijähriger zusätzlicher Ausbildung

TSH: tansanische Schillinge

TUGHE: Trade Union of Government and Health Services Employees, die Gewerkschaft der Regierungs- und Gesundheitswesenangestellten

Gesundheitsposten: es sollten ein clinical officer, eine Hebamme und eine Hilfsschwester dort arbeiten (Engl: dispensary)

Gesundheitszentrum: sollte so ausgestattet sein, dass Kaiserschnitte gemacht werden können (Engl: health centre)

Personenverzeichnis

Moses Mwemi: AMO

Ignaz Mollel: Buchhalter, Verwalter (bis Ende 2005)

Mathew Matimbwi: Ingenieur

Henry Nyangi: CO (2006 nach Ifakara zur Weiterbildung zum AMO)

Stanslaus Makassy: CO

Lusekelo Mponi: CO

Elias Lyabonga: CO

Josephat Ngumbuke: RMA (einjährige Zusatzausbildung im Zähne ziehen)

Elesia Nyemele: Krankenschwester (Oberschwester bis Ende 2006)

Mama Chogo: NO (stellvertretende, dann leitende Oberschwester)

David Tindwa: NO

Hilda Raspitsos: NO

Yusta Kidasi: NO

Daud Lothi: NO (einjährige Zusatzausbildung in Anästhesie)

Samueli: NO

Fabiola: NO

Josephat Mtandi: Pfleger (einjährige Zusatzausbildung in Anästhesie)

Lenna Matimbwi: Hebamme (einjährige Zusatzausbildung in Anästhesie, ab 2007 stellvertretende Oberschwester)

Prisca Ngozi: Hebamme (Frau von Lothi)

Mwahija: Hebamme

Betty: Hebamme

Shemdoe: Hebamme

Prisca Swale: Hebamme

Vumi(lia): Hebamme

Serapia: Hebamme (später mit Nyangi verheiratet)

Asha: Hebamme (später mit Lusekelo verheiratet)

Violet: Hebamme

Upendo: Hebamme

Boniface Kilangali: Pfleger

Bahati: Hilfsschwester

Jessica: Hilfsschwester

Edda: Hilfsschwester

Mduda: Hilfspfleger

Ndali: Hilfspfleger

Likingeme: Hilfspfleger

Mafunde: Kassierer

Sendikali: Reinemacher

Mwachiko: Laborassistent (zweijährige Ausbildung)

Emmanuel Mwamdeta: Laborassistent

Issa: Laborassistent

Doris: Mikroskopistin (einjährige Ausbildung)

Bumija: MTA (dreijährige Ausbildung)

Esekiel Kaberege: MTA (dreijährige Ausbildung)

Kuandika: Automechaniker

Makali: Fahrer

Dr. Marcel: schweizer Arzt in Ifakara, leitet dort ein HIV-Projekt

Jutta: meine Frau

Lottchen: Tochter, 2000 geboren

Klärchen: Tochter, 2002 geboren

Volksstämme

Mbena: ein Bena

Wabena: mehrere Bena, die Bena; Ackerbauern um Lugala herum und nach Westen hin

Wandamba: ursprünglich vor allem Fischer

Wasukuma (WaSukuma): Aus dem Nordwesten von Tansania eingewandert; vor allem Viehhalter

Wamassai (Massai): Ebenfalls eingewandert, vor allem Viehhalter

Waporogoro: Wohnen von Mtimbira ostwärts

Mzungu: ein ›Weißer‹ (einer, der erstaunliche Sachen macht)

Wazungu: mehrere ›Weiße‹

Stumm

[3. August 2006]

Halb vier ist keine gute Zeit. Moses ist schon lange verschwunden. Ich bin erschöpft. Nur Mwahija war noch da. Auch Tindwa und Shemdoe waren schon leise und unauffällig gegangen. Aber vielleicht weil es ein Kind war, raffte ich mich noch einmal auf. Die zwei Klötze – richtige Sukuma –, die es brachten, waren vermutlich ihre Brüder, oder ihre Halbbrüder oder vielleicht auch nur ihre Vettern. Diese Unterschiede spielen hier ja keine Rolle. Das Kind, das Mädchen, mochte so um die zehn Jahre alt sein.

Bauchschmerzen habe es.

Ich sagte, es solle sich auf die Untersuchungsliege legen.

Währenddessen sah ich mir schnell noch einen Patienten an, der mit der Frage geschickt worden war, ob vielleicht sein Finger gebrochen sei. Das war schnell gemacht unterm Bildverstärker. Der Finger war nicht gebrochen.

Zurück zu dem Mädchen.

Es lag inzwischen auf der Liege neben dem Ultraschallgerät, war aber noch nicht ausgezogen.

Es muss sich ausziehen, sagte ich zu den Klötzen.

Sie erklärten es dem Mädchen in KiSukuma.

Der Bauch von dem Mädchen war angeschwollen, die Ärmchen und die Beine waren ganz dünn.

»Seit wann ist der Bauch so angeschwollen?«

»Noch keinen Monat.«

Ich tastete den Bauch ab. Es hatte einen harten Tumor im Bauch. Der zog sich quer durch den Bauch bis in den rechten Unterbauch. Ging er von der Milz aus? War es eine riesig vergrößerte Milz? Möglich, wir hatten in den letzten zwei oder drei Monaten schon zwei solche Kinder gehabt. Nein, der Tumor schien sich von der Milz abgrenzen zu lassen. Oder doch nicht? Ich nahm den Schallkopf vom Ultraschallgerät zur Hand. Da war die Milz und in der Milz war irgendwie ein großer Rundherd – ein Abszess? – und dann war da eben der Tumor, der sich quer durch den Bauch zog. Es sah so aus, als sei es eine vergrößerte Milz, eine riesig vergrößerte Milz.

Ich bat Mwahija, mir eine Spritze zu geben. Ich wollte den Abszess (?) anpunktieren. Wenn es ein Abszess war, dann hatte ich ja immerhin so etwas wie eine Diagnose. Es konnte auch eine TB sein.

Das Mädchen hielt still.

Es hatte überhaupt noch kein einziges Wort gesagt, fiel mir auf.

Es ließ sich nichts aspirieren, jedenfalls kein Eiter.

Ich überlegte.

Die beiden Klötze mit ihren schwarzen Umhängen sahen mich erwartungsvoll an.

»Das Mädchen hat einen großen Tumor im Bauch«, sagte ich schließlich.

»Einen großen Tumor?«

»Ja, einen großen Tumor.«

»Einen großen Tumor«, nickten die beiden.

Ich sagte, dass das Mädchen wieder aufstehen und sich wieder anziehen könne.

»Ich weiß nicht, ob ich helfen kann.«

»Es hat einen großen Tumor im Bauch?«

»Ja, ich kann versuchen es zu operieren, aber ich kann nicht versprechen, dass ich ihm damit helfen kann.«

»Den Tumor operieren?«

»Ja, aber ich kann nicht versprechen, dass ich ihm helfen kann.«

Die beiden Klötze dachten nach.

»Einen großen Tumor im Bauch?«

Mwahija sah zart und zerbrechlich aus neben den beiden.

Vielleicht dachten die beiden an die Kühe, an den Brautpreis, die der Familie entgehen würden, wenn das Mädchen starb.

»Und Sie können es operieren?«

»Ja, aber ich kann nicht versprechen, dass ich dem Mädchen mit einer Operation helfen kann.«

»Es hat einen großen Tumor im Bauch«, nickten die beiden.

»Ja.«

Die beiden schwiegen eine Weile. Mwahija wiederholte, dass ich versuchen wolle, dem Mädchen zu helfen, aber dass ich nichts versprechen könne.

»Einen großen Tumor im Bauch? Nein, das können wir nicht entscheiden. Das muss die Familie entscheiden. Da müssen wir erst wieder nach Hause gehen mit dem Mädchen.«

»Kommen Sie zurück, wenn Sie sich für eine Operation entschieden haben. Die Operation kostet zwanzigtausend TSH.«

Die beiden Sukuma wandten sich zum Gehen. Das Mädchen hatte immer noch kein Wort gesagt. Vielleicht gehörte sich das nicht, dass sie etwas sagte, während ihre Brüder dabei waren.

Aber wahrscheinlich sprach sie einfach kein Wort Kiswahili.

»Wer reitet …«

[5. August 2006]

Irgendwie mache ich nicht so sonderlich gerne Visite auf der Frauen- und Kinderstation. Ich meine, inzwischen liegen die meisten Frauen bei uns wegen AIDS, und die Kinder haben fast alle Durchfall oder Malaria oder eine Lungenentzündung oder zwei von den dreien oder alles drei. Und was soll ich da groß zu sagen? Die Behandlungen sind standardisiert, es geht alles seinen Gang. Natürlich bemerke ich fast bei jeder Visite zwei oder drei übersehene Diagnosen oder falsche Diagnosen. Aber trotzdem.

Lenna, die Stationsschwester mag ich natürlich gern. Sie ist tüchtig und eine wirklich liebe. Zu mir jedenfalls. Ansonsten hat sie ordentlich Haare auf den Zähnen, und es kommt vor, dass Mama Chogo, die Oberschwester, mich bittet, ich solle etwas mit Lenna bereden. Ihr, Mama Chogos, Blutdruck steige zu sehr an, wenn Lenna ihr Widerworte gebe. Wenn Lenna mir gegenüber widerborstig werden will, können wir doch meist darüber lachen. Oder ich lasse Lenna einfach, bis sie von sich aus einlenkt. Oder ich gebe ihr eine Streicheleinheit, bis sie wieder schnurrt.

Im Laufe der letzten Jahre habe ich irgendwie einen Blick dafür bekommen, ob Kinder auf dem Weg der Besserung sind oder ob etwas nicht stimmt. Und ich höre es auch dem »nzuri«‹ der Mütter an, ob alles in Ordnung ist, wenn ich frage, wie es den Kindern geht. Das »nzuri«‹, das gut, kann viele Schattierungen haben: von gut, ich möchte entlassen werden, bis zum gut, dem Kind geht es schlecht. Anfangs hatte ich natürlich gedacht, eine Mutter spinnt, wenn sie antwortete, ihrem Kind ginge es gut, wenn das Kind offensichtlich aus dem letzten Loch pfiff.

Es kommt vor, dass ein Vater sich um ein krankes Kind kümmert. Aber das ist selten. Eigentlich sehe ich das nur, wenn ein Kind eine Verbrennung hat oder eine Fraktur. Es liegen immer ein, zwei oder auch drei Kinder mit Verbrennungen auf der Station. Die sehe ich mir selbstverständlich regelmäßig an, um bei tiefen Verbrennungen zu entscheiden, wann es Zeit ist für eine Hautverpflanzung. Ich bin froh, dass ich Hautverpflanzungen aus dem ff beherrsche, und finde es ein wenig schade, dass Moses sich so gar nicht dafür interessiert. Wenn ich gehe, werden Kinder wieder durch Keloidnarben verkrüppelt werden. Oder sterben.

Egal.

Dem Kind in dem Bett am Fenster im zweiten Zimmer ging es nicht gut. So wie es in den Armen seiner Mutter lag, stimmte etwas nicht. Ich las mir die Geschichte durch. Vor ein paar Tagen war das Kind mit Durchfall gekommen. Es ging ihm dann scheint’s besser und es sollte schon entlassen werden. Aber dann ging es ihm plötzlich schlechter und es war eine Behandlung mit Ampicillin und Gentamicin begonnen worden. Also mit einer Behandlung für eine Lungenentzündung. Befunde waren nicht aufgeschrieben worden, und vermutlich waren auch keine erhoben worden; sondern waren die beiden Antibiotika einfach so verordnet worden. Nicht einmal die Atemfrequenz war bei dem Kind notiert worden. Nichts.

Ich nahm mein Stethoskop. Hörte das Kind ab. Mit den Lungen war ganz sicher nichts, aber das Kind hatte Fieber, hohes Fieber. Mindestens 40 Grad. Ich sah in der Kurve nach. Am Morgen waren 37 Grad gemessen worden. Na ja, aufgeschrieben worden.

»Wer hat denn Nachtdienst?«

»Mduda«, sagte Lenna.

Ach ja. Das werde ich wohl auch nie erreichen, dass vor allem bei Kindern Fieber wirklich sorgfältig gemessen wird. Es konnte mir ja keiner erzählen, dass dieses Kind am Morgen noch eine normale Temperatur gehabt hatte.

»Messen Sie mal nach«, sagte ich zu Jessica.

Es waren 40,2 Grad. Ich bewegte den Kopf, der Nacken war steif. Das Kind hatte Meningitis. Kein Zweifel.

»Fangen Sie jetzt sofort mit Ceftriaxon an«, sagte ich zu Lenna, »und nach der Visite machen Sie als erstes eine Lumbalpunktion. Als erstes. Mit dem Ampicillin und dem Gentamicin können wir natürlich aufhören. Das hat die Meningitis nur kaschiert.«

Lenna antwortete nichts.

Es gereichte ihr ja auch nicht zur Ehre, dass wieder einmal eine Meningitis übersehen worden war.

Jessica ging, um Ceftriaxon zu holen.

Ich sah ihr nach. »Die halbe Station ist schwanger«, meinte ich.

Lenna lachte. Jessica muss acht Monate schwanger sein, und Lenna ist vielleicht im vierten Monat schwanger.

Ich ging zum nächsten Bett.

Ich fragte Lenna später nach dem Ergebnis.

»Ich habe es nicht geschafft, eine Lumbalpunktion zu machen; aber ich werde jetzt Lothi bitten, mir zu helfen.«

Bei der Morgenvisite konnte Ngumbuke nur berichten, dass das Kind um Mitternacht gestorben war. Der Liquor war trübe gewesen …

»in ihren Armen das Kind war tot.«

Ninashukuru

[5. August 2006]

Es ist seltsam, so um halb drei gerufen zu werden. Bei zunehmendem Mond ist es um die Zeit ganz dunkel, du siehst nur die Lichter vom Krankenhaus rechts vor dir. Die Hähne krähen noch nicht, kein Hund bellt, es ist ganz still. Vielleicht siehst du hinauf zum Kreuz des Südens. Und irgendwie hast du eine große Distanz zu dir selbst und du redest dich mit du an statt mit ich.

Natürlich hoffst du, dass du nur für eine Lappalie gerufen wurdest. Aber du weißt schon, das ist unwahrscheinlich. Wenn du für eine Frau gerufen wurdest, wird es eine Tubenschwangerschaft sein. Und wenn du für einen Mann gerufen wurdest, wird es eine eingeklemmte Hernie sein oder ein akuter Bauch. Und wenn du zur Entbindungsstation musst, dann wird es einen Kaiserschnitt geben. Die Hebammen rufen freilich meist schon das ganze OP-Team und nicht nur den Arzt.

Du leuchtest mit deiner kleinen Taschenlampe auf den Weg vor dir. Du bist ihn schon mehr als tausend Mal gegangen, aber du könntest trotzdem noch über einen Stein stolpern oder in Gedanken die Abzweigung zum Krankenhaus verpassen.

Und du fragst dich, was du hier in diesem entlegenen Teil der Welt eigentlich zu suchen hast.

Es ist seltsam, so um halb drei zum Krankenhaus gerufen zu werden. Zu einer Zeit, wenn sich die Welt irgendwie langsamer dreht. Zu einer Stunde, wenn eigentlich nur Hexen unterwegs sind. Und selbst die scheinen zu schlafen, denn kein Hund bellt, kein Hund jault im Dorf.

Die Frau war eben erst gebracht worden. Eine junge Frau. Mit Bauchschmerzen. Unterbauchschmerzen. Puls 100. Es würde wohl eine rupturierte Tubenschwangerschaft sein. Was sonst? Die Frau hatte ungefähr fünfzig Perlenschnüre um den Bauch. Die musstest du nach oben schieben, um die Frau untersuchen zu können. Sundi Kulwa hieß sie. Die Perlenschnüre sollen den Männern gefallen beim Bumsen. Außerdem befestigen die Frauen natürlich auch ein Tuch an diesen Schnüren, wenn sie ihre Tage haben.

Und dann wollte dir Mduda auch noch eine Frau zeigen, die schon am Nachmittag gekommen war. Auch mit Bauchschmerzen. Sie hatten vergessen, sie dir noch am Nachmittag zu zeigen.

Du schicktest sie beide zum Ultraschall.

Die junge Frau hatte offensichtlich Blut im Bauch. Du aspirierst ein wenig, einfach um ganz sicher zu sein. Sagst, sie sollen das OP-Team rufen.

Die etwas ältere hat nur eine Blinddarmentzündung.

Du wartest auf das OP-Team. Legst dich im Dunkeln auf eine Liege. Wartest. Es ist wieder still draußen. Du hast das Gefühl, du schwebst. So leicht kommst du dir vor. Dann eine Tür. Schritte. Die erste vom OP-Team ist gekommen. Mwahija. Du stehst auf, gehst auch zu den Umkleideräumen.

»Habari ja usiku.«

»Nzuri.«

Du ziehst dich auch um. Lothi kommt, kurz darauf auch Edda. Mduda bringt die Patientin. Lothi leitet die Anästhesie ein. Zügig. Er fackelt nicht lange, vor allem nicht nachts. Kein Getue.

Längsschnitt. Vielleicht einen Liter Blut abgesaugt. Die Schwangerschaft ist erst pflaumengroß in der rechten Tube. Es ist ganz einfach, sie zu exzidieren. Noch den Bauch ausgewaschen.

Du sagst, dass sie die nächste Patientin, die mit dem Blinddarm, bringen können.

Irgendwann kommt Mwachiko mit einer Blutkonserve.

Es ist alles irgendwie weit weg zu dieser Stunde.

Die Frau mit dem Blinddarm.

Halb sechs wieder nach Hause. Es ist immer noch dunkel. Aber die Stimmung hat sich irgendwie verändert. Vielleicht dadurch, dass im Dorf jetzt die Hähne krähen. Aber auch die Dunkelheit selbst scheint anders zu sein. Die Welt hat angefangen sich wieder schneller zu drehen.

Es ist zu spät noch einmal ins Bett zu gehen. Du bittest Jutta, Kaffee zu kochen. Lottchen kommt vom Klo. Kuschelt sich noch schlaftrunken an dich. Noch ganz warm.

Später siehst du noch einmal nach den Operierten. Die mit der Tubenschwangerschaft, Sundi, jammert, dass ihr der Bauch wehtue.

»Das ist so, wenn man operiert wurde«, sagst du.

Vielleicht hattest du auf ein ›Danke‹ gehofft. Aber die Leute bedanken sich hier nicht. Fast nie. Das ist einfach so.

Es kommt vielleicht einmal im Jahr vor, dass ein Patient oder eine Patientin »ich danke, ninashukuru« sagt.

Unser täglich Brot gib uns heute

[6. August 2006]

»Sie dürfen nicht aufgeben«, sagte ich zu der jungen Frau. Kristina hieß sie. Sie war vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt. Sie lag im Bett am Fenster links im letzten Zimmer der Kinder- und Frauenstation. »Wir haben jetzt mit der Behandlung angefangen, und nun kann alles gut werden. Die Medikamente werden Ihnen gewiss helfen. Langsam wird es wieder bergauf gehen. Sie dürfen nur nicht aufgeben.«

Ich pausierte nach jedem Satz, um das Echo meiner Worte in meinem Kopf verklingen zu lassen. Das Echo kam wohl daher, dass ich all dies schon so oft zu AIDS-Patienten gesagt hatte.

»Wenn Sie sich erst einmal erholt haben, können Sie so lange leben wie jeder andere auch. Wenn Sie später Ihre Medikamente fleißig nehmen. Die müssen Sie freilich Ihr Leben lang nehmen. Aber das müssen Menschen mit Diabetes auch. Und Leute mit Hochdruck. Sie dürfen nur nicht aufgeben. Sie dürfen sich nur nicht gehen lassen. Dann wird alles wieder gut werden.«

Kristina hörte mir schweigend zu. Sie wog nur noch knapp 20 kg. Ihre alte Mutter stand neben ihrem Bett. Ich wusste nicht, ob meine Worte Kristina erreichten. Vielleicht, vielleicht auch nicht. In ihren tief eingesunkenen Augen konnte ich keine Antwort lesen.

Kristina kam aus Makugira. Makugira ist ein Dorf gerade am Rand von Malinyi zur rechten Hand der Straße nach Ifakara hin. Zwischen der Straße und dem Furua. Das Land um Makugira herum ist fruchtbar. Der Reis wächst dort hüfthoch, und selbst wenn es nicht genug regnet, reicht es dort am Fluss doch jedes Jahr für eine gute Ernte. Der lehmige Boden hält das Wasser und der Grundwasserspiegel ist hoch.

Die Hütten stehen dicht gedrängt in Makugira. Um sie herum Mangobäume und Ölpalmen. Und am Rand von Makugira, wo die Reisfelder anfangen, stehen sogar ein Wasserturm und eine Pumpstation. In besseren Zeiten, die nun freilich schon lange her sind, wurden von hier aus Makugira und Malinyi mit fließend Wasser versorgt. Inzwischen sind die Wasserleitungen natürlich längst geklaut worden, und nur an einer Straßenseite in Malinyi sieht man noch Reste von der Wasserversorgung. Diese besseren Zeiten werden wohl auch nie wiederkommen.

Ich bin schon mehrmals durch Makugira geradelt, wenn ich zur anderen Seite vom Furua wollte. In der Trockenzeit kann man dort durch den Fluss waten, in der Regenzeit lässt man sich von einem Fährmann mit einem großen Einbaum übersetzen.

»Sie haben ja schon wieder an Gewicht verloren«, sagte ich zu Kristina. »Sie müssen mehr essen. Auch wenn es Ihnen vielleicht nicht schmeckt. Haben Sie Durchfall? Das müssen Sie uns sagen, wir haben jetzt auch Medikamente gegen Durchfall!

Oder haben Sie Schmerzen beim Schlucken? Dann müssen Sie uns das auch sagen. Wir können Ihnen helfen. Sie dürfen nur nicht aufgeben. Sie können noch lange leben! Haben Sie Kinder?«

Kristina schwieg.

Ich wusste, sie hatte ein Kind.

»Ihr Kind braucht Sie doch noch. Die Medikamente werden Ihnen bestimmt helfen, Sie müssen nur auch leben wollen!

Ihre Mutter sagte so wenig wie Kristina: Nichts.

»Versuchen Sie doch einmal mit ihr zu reden«, sagte ich zu Lenna, »sie muss doch nicht sterben. Auch wenn sie nur noch 24 CD4 Zellen hat.«

Auf der anderen Seite vom Furua gehen die Reisfelder noch ein Stück weiter, bis Brachystegiawald anfängt. Dort in den Reisfeldern haben die Leute Pfahlhütten gebaut, wo sie die Woche über schlafen, damit sie nicht jeden Abend nach der Arbeit ins Dorf zurückwandern müssen. Das Übersetzen kostet ja jeden Tag 100 TSH, und außerdem müssen die Leute ihren Reis bewachen, damit er nicht geklaut wird, wenn er reif wird. Das ist so.

Der Brachystegiawald ist zunächst natürlich sehr kümmerlich, weitgehend abgeholzt. Aber nach ein, zwei Kilometern findet man die ersten richtigen Bäume, und werden die Pfade immer schmaler, bis eigentlich nur noch einer übrig bleibt, der sich in die Hügel hoch windet und von dem es heißt, dass er der alte Weg nach Mahenge ist. Aber auch der Pfad endet irgendwo, und wenn es wirklich der alte Weg nach Mahenge war, dann benutzt ihn jedenfalls keiner mehr.

»Sie dürfen nicht aufgeben. Sie müssen mal aufstehen und rumgehen und nicht immer nur im Bett liegen. Das ist nicht gut. Ich sehe Sie nie draußen. So wird das nichts. Wenn Sie nichts essen und immer weiter an Gewicht verlieren, können Ihnen die Medikamente allein auch nicht helfen.

Damit es Ihnen wieder gut geht, müssen Sie auch fleißig essen!«

Ich wartete, bis das Echo meiner Worte in meinem Kopf wieder verklang.

Ich hatte das Gefühl, dass wir Kristina verlieren würden, wie schon so manche Patientin und so manchen Patienten vor ihr. Dass ich mir meine Worte sparen konnte. Warum gaben diese Patienten einfach auf?

Kristina sah mich aus ihren tief liegenden Augen an.

»Meine Verwandten«, sagte sie schließlich, »haben aufgehört, mir Essen zu bringen.«

Hilflos

[8. August 2006]

Die Frau kam mit einem Hämoglobin von 6,4. Das ist natürlich etwas dürftig für eine Schwangere im 6. Monat. Salima hieß sie. Es war ihre dritte Schwangerschaft. Die ersten beiden Babys waren jeweils noch im Uterus gestorben und während der Schwangerschaften habe sie auch eine Anämie gehabt, hieß es. Das klang nicht gut. Aber wir machten zunächst einmal, was wir halt so machen: wir untersuchten den Stuhl auf Wurmeier und schauten nach, ob Salima HIV infiziert war. Aber Salima hatte weder Hakenwürmer noch war sie HIV infiziert. Wir gaben ihr Folsäuretabletten. Wir hatten ja noch Zeit, Salima war ja erst im 6. oder 7. Monat schwanger.

Salima hatte nur ein Auge. Ihr linkes Auge war ganz vernarbt und stand hervor. Vermutlich war es irgendwann durch eine Infektion zerstört worden. Ich fragte Salima aber nie, wann und wie das passiert war. Vielleicht war es auch eine Verletzung gewesen. Schön war Salima also nicht gerade, dabei hatte sie ein freundliches Gesicht und war nie eine von denen, die mir durch Nörgeln auf den Wecker fällt. Ich meine, wir bemühen uns doch um alle Patienten nach Kräften. Da hat es doch keinen Sinn, wenn jemand nörgelt – was auch nicht oft vorkommt.

Der Hämoglobinwert sank auf 5,9, und er sank weiter auf 4,4 und 4,1.

Salima kam aus Sofi Majiji. Früher führte die Straße nach Ifakara über Sofi Majiji, aber sie war wohl so oft unpassierbar, dass sie irgendwann den Umweg über Sofi Mission gebaut haben und den alten Weg über Sofi Majiji haben verfallen lassen. Das soll in den siebziger Jahren gewesen sein. Auf den Karten führt die Straße immer noch über Sofi Majiji. Aber wen interessiert das schon. Ich bin diesem alten Weg nur einmal mit dem Fahrrad gefolgt. Die Brücken stehen noch, aber aus der ›Straße‹ ist ein schmaler holpriger Pfad geworden. Ich habe nichts Besonderes in Sofi Majiji finden können.

Wir gaben zwei Bluttransfusionen, der Hämoglobinwert sank auf 3,9.

Salima lag in dem ersten Bett rechts in unserem Seitenzimmer, im ehemaligen TUGHE Büro. Ich sah sie immer weniger draußen mit den anderen Frauen sitzen.

Ich überlegte mir, dass Salima eine hämolytische Anämie haben müsse und begann eine Behandlung mit Prednisolon. Das ist laut Büchern die Standardbehandlung für eine hämolytische Anämie. Die Alternative ist, die Milz zu entfernen. Ich hatte dieses Jahr schon zwei Kinder, zwei Jugendliche erfolgreich mit Prednisolon behandelt, und insofern war ich immer noch guter Dinge. Prednisolon soll nach etwa drei Wochen wirken (und so war es auch bei den beiden Kindern gewesen) – und wir hatten ja noch Zeit.

Der Hämoglobinwert sank auf 3,0. Wir gaben noch eine Bluttransfusion, obwohl das natürlich sinnlos war, die roten Blutkörperchen wurden ja wohl so schnell zerstört, wie sie einliefen.

Wir hatten keine Zeit mehr.

Der Hämoglobinwert sank auf 2,4. Salima konnte nicht mehr aufstehen, sie hatte keine Kraft mehr. Irgendetwas mussten wir unternehmen, wir konnten ja nicht einfach zuschauen, wie Salima einfach so verwelkte. Ich sagte zu Mama Chogo, sie solle jetzt innerhalb von 48 Stunden wenigstens sechs Blutspender organisieren. Und dann würde ich einen Kaiserschnitt machen, während rechts und links Blut einlief. Das müsste gehen. Salima sagte nichts mehr, sie lag nur noch still in ihrem Bett mit ihrem Glubschauge. Hatten wir noch zwei Tage Zeit?

Die Verwandten kamen schon am nächsten Tag aus Sofi Majiji herbeigeströmt und bildeten eine lange Schlange vorm Labor. Ich war beeindruckt. Ließ Salima zum OP schieben. Inzwischen war sie grau. Das Baby würde natürlich sterben, es war noch zu klein. Aber das wusste Salima, und die Angehörigen hatten auch darum gebeten, dass ich gleichzeitig eine Tubenligatur machte.

Lothi und Lenna gaben die Narkose. Salima überlebte, und das Kind schrie auch. Es wog 1200 Gramm.

Salima kümmerte sich ganz liebevoll um ihr Baby. Ich sah das Baby kaum, denn Salima hielt es immerzu an ihren großen Brüsten warm, so wie ich ihr das gezeigt hatte. Fütterte es über einen Magenschlauch. Saß immer da, gegen die Wand gelehnt, und schaute auf ihr kleines Baby.

Am Tag nach der Operation war Salimas Hämoglobin 9,3.

Dann 6,9.

Dann 6,4.

Dann 5,9.

Dann 5,1.

Dann 4,9.

Mein Mut sank zusammen mit dem Hämoglobinwert. Wollte denn das Prednisolon immer noch nicht wirken?

Wir gaben eine Bluttransfusion.

Der Hämoglobinwert sank auf 4.

Und heute klang Salima zum ersten Mal resigniert: »Ich füttere und füttere das Kind, aber es will einfach nicht an Gewicht zunehmen!«

Ich zuckte hilflos mit den Schultern. Wenn wenigstens sie überleben würde.

Gott hat alle Kinder lieb

[13. August 2006]

Diese Geschichte ist kurz, nur achtundvierzig Stunden lang. Sie brachten das Mädchen gegen acht Uhr abends, aus Ihowanja. Es war vielleicht zwölf Jahre alt. Zwölf Jahre ist ein seltsames Alter: Wenn die Brüste anfangen zu wachsen, ein Mädchen aber noch ganz Kind ist.

Kiua hieß das Mädchen, Kiua, kleine Blume. Ein ungewöhnlicher Name, ich hatte ihn vorher nicht gehört und ich bin ihm auch seither nicht begegnet.

Kiua lag ganz still in ihrem Bett, ganz still. Sie jammerte nicht, sie weinte nicht, dabei war ihr Bauch bretthart, und sie hatte ganz sicher eine Peritonitis, eine Bauchfellentzündung. Woher? Vermutlich von einem perforierten Blinddarm her. Was freilich zunächst einmal keine Rolle spielte. Ich musste den Bauch aufmachen. Lenna hatte Dienst und Tindwa und Ndali.

Ich wartete darauf, dass sie kamen. Das Kind tat mir leid, irgendwie rührte es mich, so wie es so still, so still in seinem Bett gelegen hatte. Und mich einfach nur angeschaut hatte.

Wie ein dunkler Engel.

Ihowanja, das ist vielleicht 25 Kilometer von Lugala entfernt. Es ist das letzte Dorf vor Kilosa kwa mpepo. Ich war mit Yoryos und Donn vor drei Jahren einmal dort gewesen und seitdem nicht wieder. Es gab einen Fahrradreparaturfritzen in Ihowanja. Am zweiten Tag auf dem Rückweg hatten wir einen Platten gehabt, und noch etwas war an meinem Fahrrad kaputt gewesen. Ja, das Pedal. Egal.

Kiua jammerte auch nicht, als Lenna ihr eine Infusion anlegte. Dann schlief sie, nachdem Lenna ihr Ketamin gespritzt hatte.

Es war ein böser Anblick, die Därme schwammen in Eiter, der ganze Bauch war voller Eiter. Ein perforierter Blinddarm. Warum war das so schnell gegangen? Meist bildet sich doch ein Abszess um einen erst entzündeten und dann perforierten Blinddarm herum, und in manchen Büchern steht, dass man in dem Stadium nicht mehr operieren sollte, um nicht beim Eröffnen der Abszesshöhle die Infektion in den Bauchraum zu verschleppen. Freilich, der Rat kam mir immer ein bisschen akademisch vor: Woher soll man wissen, dass sich ein Abszess mit einer festen Wand gebildet hat. Wenn ich so einen Abszess bei einer Laparotomie finde, lege ich einfach einen Drainageschlauch und schließe den Bauch rasch wieder.

Wir versenkten den Blinddarmstumpf und wuschen und wuschen den Bauch wieder und wieder mit Kochsalzlösung. Ob Kiua eine Chance hatte?

Später, daheim, betete ich für Kiua. Ich bat Gott, eine Ausnahme zu machen und ausnahmsweise einmal einzugreifen. Und sei es um meinetwegen.

Natürlich war das töricht. Ist Gott vielleicht jemand, der sich erweichen lässt? Ist Gott vielleicht jemand, der die Geschicke der Welt im Zickzackkurs lenkt? Je nach dem von welcher Seite die meisten Gebete wehen?

Es wurde vor nicht langer Zeit eine Studie veröffentlich, in der gezeigt wurde, dass in den an der Studie beteiligten amerikanischen Krankenhäusern sich Patienten, für die gebetet wurde, schneller erholten als Patienten, für die nicht gebetet wurde. Dass die Überlebensrate z. B. nach Operationen von solchen Patienten, für die irgendjemand betete, höher war als für Patienten, für die niemand betete.

Es folgte dann ein, ich nehme an, ironischer Leserbrief, in dem der Schreiber forderte, es müsse nun eine zweite Studie durchgeführt werden, um die Dosis Wirkung Beziehung herauszufinden. Half viel beten viel, und wenig beten wenig? Was war die minimale Bet-Dosis unterhalb derer sich Gott nicht rührte?

Freilich, ich habe immer wieder Menschen getroffen, die fest davon überzeugt waren, dass ihre Gebete halfen, dass ihre Gebete den Lauf der Dinge änderten. Peter Garland z. B. und Antje Gerlach. Peter Garland glaubte fest, dass es sogar regnen würde, wenn er nur dafür betete. Und es regnete tatsächlich einmal einen halben Tag nachdem er zusammen mit Chief Kyungu (im Karonga Distrikt, in Malawi) für Regen gebetet hatte.

Tja.

Am Morgen ging es Kiua ein klein wenig besser, der Bauch war nicht mehr ganz so hart, das Fieber war heruntergekommen. Die Mutter saß an Kiuas Bett. Auf dem Weg zu meinem Büro bat ich Gott noch einmal dringend, eine Ausnahme für Kiua zu machen. Ich hielt es für möglich, dass er das konnte.

Ob er es auch wollte?

Am Abend hatte das Fieber wieder angefangen. Der Effekt vom Auswaschen des Bauches war wohl vorüber, und all die Antibiotika, die wir gaben, halfen wohl nur begrenzt. Kiua sah mich stumm und müde an.

Und am nächsten Morgen war das Ende abzusehen. Kiua hatte wieder 40 Fieber, der Puls raste, die kleine Blume war am Verwelken, der dunkle Engel war dabei wieder fortzufliegen.

Später sagte ich zur Mutter, wie Leid es mir tue, aber wir hätten alles getan, was wir hätten tun können.

»Es war Gottes Wille«, sagte sie leise.

Und vergib uns unsere Schuld

[13. August 2006]

Sie brachten ihn um Mitternacht. Er hatte einen Leistenbruch, der sich nicht mehr reponieren ließ, so sehr ich mich auch bemühte, eine eingeklemmte Hernie. Augustin hieß er.

»Und wie lange haben Sie diese Schwellung schon?«

»Seit drei Tagen.«

»Und warum sind Sie nicht sofort gekommen.«

»Ich habe erst Geld finden müssen für den Bus und für hier.«

»Aber jeder weiß doch, dass wir Notfälle behandeln, ohne erst nach Geld zu fragen!«

Ich operierte Augustin sofort. Mtandi gab die Narkose, Lenna assistierte mir. Der eingeklemmte Darm sah nicht gut aus, stellenweise war er schwärzlich. Sollte ich eine Laparotomie machen und das eingeklemmte Stück resezieren? Und eine End-zu-End Anastomosen machen? Es ist nicht so einfach, um Mitternacht die richtige Entscheidung zu treffen. Es fehlt der Enthusiasmus für eine große Operation. Vielleicht würde sich der Darm ja erholen, auch wenn er nicht gut aussah. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, bis zum Morgen mit der Operation zu warten. Drei Tage oder drei Tage und acht Stunden, wo wäre der Unterschied gewesen? Aber die Gedanken mahlen langsam um Mitternacht, man handelt, ohne Alternativen richtig durchdenken zu können. Ich jedenfalls. Und ich verschloss die Leiste wieder, nachdem ich den Darm zurück in den Bauch verlagert hatte. Vielleicht würde er sich ja erholen.

Augustin kam aus Itete. Itete liegt am Rande vom Einzugsgebiet vom Lugala Krankenhaus auf dem Weg nach Ifakara. Es ist ein großes Dorf. Bruder Samuel wohnt dort. Er war einst clinical officer und gründete dann einen kleinen Franziskaner Orden in Itete. Und begann ein Waisenhaus zu betreiben für die Kinder verstorbener AIDS-Patienten. SolidarMed, diese schweizer Hilfsorganisation, die jetzt auch uns die Behandlung von AIDS-Patienten ermöglicht, liebt ihn. Was immer er beantragt, sie schieben es ihm vorne und hinten rein, Erweiterungsbauten für sein Waisenhaus, einen Schweinestall, eine Solarpumpe, Computer, einen Aufenthalt in der Schweiz.

Ein Kind in Itete soll gesagt haben, wenn doch nur seine Eltern auch bald stürben, damit es auch in dieses Waisenhaus ziehen könne!

»Ich habe Bruder Samuel nur einmal besucht, aber ich teile diese Begeisterung von SolidarMed für Bruder Samuel einfach nicht«, sagte ich neulich zu Thomas Gass von SolidarMed, als der mich kürzlich für drei Tage besuchte.

»Ich auch nicht. Aber wenn die vom Vorstand den Bruder Samuel besucht haben, sind sie immer ganz hin und weg. Als scheine ihm die Sonne aus dem Arsch. Bruder Samuel ist halt ein Politiker, wie er im Buche steht und weiß, wie man Leuten Honig um den Bart schmiert. Aber ich muss da jetzt einfach mal auf die Bremse treten. Ich habe dieses Mal bemerkt, dass er da nebenbei ohne jede Genehmigung einen Gesundheitsposten betreibt. In dem den ganzen Tag nur ein Laienbruder sitzt. Wenn das auffällt, wird auch SolidarMed damit hineingezogen werden, denn wir unterstützen ihn ja. Und die Gesetze sind da eindeutig. Das geht nicht so weiter. Diesen illegalen Gesundheitsposten muss er schließen und zwar sofort.«

»Hm.«

»Und Tom und Petra (das Architektenehepaar aus Ifakara), haben mir erzählt, dass die Waisenkinder mit den Brüdern in einem Bett schlafen müssen, weil nicht genug Betten da seien. Das finde ich auch nicht so gut.«

Na ja, am nächsten Tag ging es Augustin leidlich.

Und am übernächsten Morgen ging es Augustin immer noch leidlich. Vielleicht war es ja doch richtig gewesen, den Darm einfach nur zu reponieren. Und nicht gleich eine Resektion zu machen.

Am dritten Tag nachmittags bemerkte ich, dass Augustin eine Peritonitis entwickelt hatte. Scheiße. Ich ließ ihn zum OP schieben. Wieder gab Mtandi die Narkose, wieder assistierte mir Lenna. Ich machte einen Längsschnitt. Das eingeklemmte Darmstück war fleckförmig vollständig schwarz. Und auch wenn sich eine längere Strecke erholt hatte, musste ich doch den ganzen Abschnitt resezieren, um die End-zu-End Anastomose an wirklich gesundem Darm anlegen zu können. Aber es war noch kein Eiter im Bauch, es würde noch alles gut gehen. Denn ich bin gut darin, End-zu-End Anastomosen anzulegen. Eine Reihe Einzelknopfnähte, eine fortlaufende Naht. In welcher Reihenfolge spielt keine Rolle. Mal mache ich es so, mal so. Unser PDS Nahtmaterial eignet sich vorzüglich dafür. Und wir haben es in allen Stärken.

Ich ging zufrieden nach Hause, die Naht sah bestens aus, in einer Woche würde der Patient wieder zurück nach Itete gehen können.

Kaum daheim angekommen, wurde ich wieder zum Krankenhaus gerufen. Augustin war tot, auf dem Weg vom OP zur Station hatte er einen Herzstillstand gehabt. Und Mtandi weiß in solchen Situationen ja einfach nicht, was er machen sollte. Er eiert dann einfach nur rum. Wie oft habe ich ihm schon erklärt, dass es keinen Sinn macht, jemanden zu beatmen, der einen Herzstillstand hat. Das man da vordringlich Herzmassage machen muss, um den Kreislauf aufrecht zu erhalten und um das Herz wieder anzuwerfen. Und ihn nebenbei beatmen muss. Aber das begreift er einfach nicht mehr.

Auch dieses Mal war Mtandi immer noch dabei, den längst toten Augustin zu beatmen.

Ich kam zu spät.

Polyphem

[14. August 2006]

Ich ging noch auf der Entbindungsabteilung vorbei, einfach so, um zu sehen, ob alles ruhig war oder ob ich gerufen werden würde. Es war später Nachmittag. Serapia und Asha hatten Dienst. Es gab eine Neuaufnahme, die ich noch nicht gesehen hatte. Fatuma hieß die Frau. Aus Nawigo. Nawigo, das kleine Dorf zwischen Lugala und Malinyi, so man den direkten Pfad durch die Felder geht.

Es war Fatumas erste Schwangerschaft. Ein Meter dreiundfünfzig groß. Kindliche Herzfrequenz 134. Keine Wehen. Sie habe zuhause mal für eine kurze Zeit Wehen gehabt. Sie war gekommen, weil sie im rechten Oberbauch Schmerzen hatte. Nichts Besonderes, schien mir, aber ich wollte trotzdem einen Blick auf sie werfen.

Mir fiel auf, dass der Bauch sich an einer Stelle vorwölbte und ich die Füße oder irgendetwas Kindliches jedenfalls durch die Bauchdecke tasten konnte. Als wäre der Uterus geplatzt. Aber wie konnte das sein, wenn Fatuma noch keine richtigen Wehen gehabt hatte? Und außerdem reißt ein Uterus im unteren Segment ein und nicht am oberen Ende!

»Ich schaue wohl besser im Ultraschall nach, was da los ist.«

Asha brachte mir die Frau zum Ultraschallzimmer. Sie hatte Fatuma aufgenommen. Und war der Uterus nun geplatzt oder war er nicht geplatzt? Sicher war die Gebärmutter an einer Stelle ganz ganz dünn; aber ob sie geplatzt war? Ich konnte mich nicht entscheiden. Und wo war das Herz? Ich fand es nicht. Ich suchte und suchte und suchte, aber ich fand einfach kein schlagendes Herz.

»Wo haben Sie es gehört?«

»Dort«, Asha zeigte mir eine Stelle links neben dem Nabel.

Ich suchte noch einmal, ich fand kein schlagendes Herz.

»Bewegt sich Ihr Kind?«

»Ja.«

»Hm.« Während der Untersuchung hatte es sich jedenfalls kein bisschen bewegt. Der Kopfdurchmesser war 90 mm.

Ich sagte zu Asha, sie solle Fatuma wieder mit zurück auf die Station nehmen und mir dort zeigen, wo sie die Herztöne gehört hatte.

Ich folgte ihr.

Asha bemühte sich, die Herztöne zu finden.

Serapia bemühte sich die Herztöne zu finden.

Vergeblich.

Na ja, wenn es tot war, war vielleicht doch der Uterus geplatzt?

»Bewegt sich Ihr Kind wirklich noch?«

»Vor zwei Tagen hat es sich bestimmt noch bewegt.«

Ich konnte mir keinen Reim aus den Befunden machen. Hatte Asha wirklich Herztöne gehört? Und wieso waren die nun einfach nicht mehr aufzufinden? »Rufen Sie das OP-Team.«

»Kann der Uterus wirklich geplatzt sein, wenn die Frau gar keine Wehen hat«, fragte mich Lenna, die die Narkose gab.

»Eigentlich nicht; aber im Ultraschall sieht es wirklich so aus, als könnte er geplatzt sein. Und das Kind scheint tot zu sein. Aber klar ist mir das alles auch nicht!«

Längsschnitt.

Bevor ich die Gebärmutter aufschnitt, tastete ich sie ab. Ja, an einer Stelle wölbte sich die Uteruswand vor und schien sie ganz dünn zu sein. Aber geplatzt war sie nicht. Na gut, dann war es eben eine Fehlentscheidung gewesen, einen Kaiserschnitt zu machen. Das kam halt vor. Oder vielleicht war es auch keine Fehlentscheidung, denn sicher wäre der Uterus an eben der Stelle gerissen, sobald Fatuma richtige Wehen bekommen hätte. Und ein geplatzter Uterus gestaltet sich sehr sehr schnell zu einem Wettlauf mit dem Sensenmann!

Querschnitt durchs untere Segment. Fruchtwasser spritzte im Strahl durch den Saal, durchnässte das Hemd von Ndali. Wir lachten. Na ja, bei so viel Fruchtwasser würde mit dem Kind irgendetwas nicht stimmen, dachte ich. Mit der rechten Hand holte ich den Kopf aus dem unteren Segment. Das Kind lebte noch! Aber es hatte nur ein Auge. Ein Kyklop! Scheiße, es lebte noch. Ein Mädchen. Es öffnete sein eines Auge. Schrie. Sehr schrill.

Tindwa durchtrennte die Nabelschnur, ich gab das Kind Serapia.

Schweigend nähte ich den Uterus wieder zu.

Schweigend ging ich später zum Entbindungszimmer.

»Lebt das Kind noch?«

»Es atmet noch«, antwortete Serapia.

Ich ging zu dem Kind hin und legte ihm eine Decke über den Kopf.

»Es ist tot«, sagte ich.

»Wir haben bei der Morgenbesprechung gehört«, sagte Claudia (die Medizinstudentin) am nächsten Morgen, »dass gestern ein Kind mit nur einem Auge geboren wurde. Stimmt das?«

»Ja«, sagte ich. Ich hatte die Morgenbesprechung wegen eines weiteren Kaiserschnittes verpasst.

»Ich dachte, so etwas gibt es nur in Büchern!«

»Was geschah dir für Leid, Polyphemos, dass du so brülltest

Durch die ambrosische Nacht, und uns vom Schlummer erwecktest?

Raubt der Sterblichen einer dir deine Ziegen und Schafe?

Oder würgt man dich selbst, arglistig oder gewaltsam?«

Der Mann, der neun Fahrräder hatte

[16. August 2006]

Es war schon ein merkwürdiger Anblick: über dem rechten Ohr schaute eine Speerspitze aus dem Kopf und über dem linken Ohr der dort abgebrochene Schaft. Ich weiß nicht, wieso der Mann noch lebte. Sie brachten ihn auf einer Trage aus ein paar kleinen Ästen. Er war natürlich bewusstlos. Er hatte nichts mehr zu sagen, er würde nie wieder etwas zu sagen haben.

Moses kannte ihn – wen kennt Moses nicht? Und Mama Chogo kannte ihn auch. Er war aus Kipingo, ihrem Dorf. Er wohnte nur ein paar Häuser weit von ihrem Anwesen entfernt. Magnus hieß er.

Sie hatten ihn erwischt, als er Reis stehlen wollte. Und der Besitzer von dem Reis hatte ihm diesen Speer durch den Kopf gerammt.

Ich erinnere mich an zwei Patienten, die auch mal wegen einer gespaltenen Rübe gebracht worden waren.

Der eine war betrunken gewesen und hatte sich irgendwo unter ein Vordach schlafen legen wollen. Da hatte der Besitzer gedacht, da komme ein Dieb und hatte ihm voll mit dem Buschmesser vor die Stirn gehauen.

Der andere: Ich glaube, den hatte ein Ehemann mit seiner Frau erwischt und das nicht lustig gefunden. Das Buschmesser war von der Nasenwurzel bis durch den Gaumen gefahren. Und wenn man den Gesichtserker vorklappte, konnte man die Mandeln sehen. Ich hatte den Oberkiefer verdrahtet und das Gesicht schichtweise wieder verschlossen. Es blieb nur eine relativ unauffällige Narbe. Die Operation hatte Spaß gemacht.

Aber dem Mann mit dem Speer durch den Kopf konnte ich natürlich nicht helfen. Da konnten wir nur warten, bis er starb.

Alle in Kipingo wussten, dass Magnus ein Dieb war. Man hatte ihn nur nie so recht erwischen können. Kipingo ist ein großes Dorf vielleicht drei Kilometer von Lugala entfernt. Ich weiß nicht, wo genau es in Njassa auf der einen Seite und Nawigo auf der anderen Seite übergeht. In Kipingo hat mal das Krankenhaus gestanden, als es noch ein Krankenhäuschen war. Irgendwo dort, bis es in einer besonders heftigen Regenzeit praktisch weggeschwemmt wurde. Anfang der fünfziger Jahre war das. Und dann wurde es eben in Lugala wieder neu gebaut. Ein kleiner Gedenkstein soll dort stehen. Man sieht es dem Dorf sofort an, dass es ein altes Dorf ist: Überall hohe Mangobäume und alte Ölpalmen. Und man sieht auch, dass es ein reiches Dorf ist: Die meisten Häuser sind aus Ziegelsteinen. Kipingo hat eine Oberschule und natürlich eine Grundschule. Ursprünglich hatte auch ›unser‹ Bischof dort seinen Sitz, bis die Diözese ihren Sitz nach Ifakara verlegte. Die große Kirche zeugt noch davon.

Dort in Kipingo wohnte Magnus also in einem recht großen Ziegelsteinhaus mit Wellblechdach. Verheiratet war er auch, aber seine Frau war nicht mitgekommen, als sie ihn jetzt mit einem Speer durch den Kopf gebracht hatten.

Wir standen rum. Es war eben ein sehr merkwürdiger Anblick.

In Ifakara hatten sie neulich einem jungen Mann der versuchte hatte, Reis zu stehlen, beide Augen ausgestochen und den Penis abgeschnitten und ihm in den Mund gestopft. Da war ein Speer durch den Kopf ja noch geradezu vorteilhaft!

Irgendwann kam die Polizei. Mit ihrem neuen weißen Landrover. Sie sahen sich Magnus kurz an.

»Den kennen wir«, sagte der dickere von den beiden Polizisten, »das geschieht dem recht so.«

Dann gingen sie wieder.

In dem Hause von Magnus wurden später neun Fahrräder gefunden. Seine Frau hatte das Weite gesucht.

Dunkelblau

[24. August 2006]

Ich hatte es eilig. Es war schon nach drei Uhr. Ich hatte mir fünf Stunden lang Patienten angeschaut und mir für jeden Zeit genommen, hatte jeden ausführlich befragt, hatte jeden untersucht und hatte mit jedem besprochen, was zu tun war. Auch wenn mir manche Beschwerden einfach unsinnig vorgekommen waren (Bauchschmerzen, die den Rücken hochsteigen und dann von hinten in die Brust gehen). Denn viele kamen von weit weither. Auf steinigen Pfaden. Und nun war ich müde. Ich wusste, in Taveta würden noch einmal Patienten auf mich warten. Der Pater dort, Pater Liume, hatte mich gebeten, noch Zeit auch für seine Patienten zu haben. Und da konnte ich ja nicht nein sagen. Aber Pastor Swales Kirche musste ich mir noch schnell anschauen. Da kam ich nicht dran vorbei. Sie war ja mit Pastor Schmidts (Kirchenkreis Elbe-Fläming) Hilfe gebaut worden und dem musste ich nun endlich wieder einmal berichten, wie weit die Kirche gediehen war.

Ich fuhr mit dem Motorrad bis zum Fuß von dem kleinen Hügel, auf dem sie steht. Sie war fertig. Auch innen war sie nun gestrichen. Sie war freilich noch leer. Nur vorne stand ein Tisch mit einem Kreuz darauf. Na schön. Die Bänke für die Besucher waren in Arbeit, ich hatte Pastor Swale ja 1,2 Millionen TSH dafür gegeben. Vor einem Monat. Gut gut. Ich verabschiedete mich von Pastor Swale, ich hatte es ja eilig. Ging zurück zum Motorrad, zur Honda 125 S. Kuandika, der Mechaniker, und ich waren gestern bis Taveta mit zwei Motorrädern gefahren. Heute Morgen dann aber nur noch mit einem weiter bis Tanganjika Masagati. Ich hatte (ganz unnötigerweise) gedacht, wir müssten vorsichtig sein mit dem Benzin, weil wir nur einen 5 Liter Reservekanister mitgenommen hatten. Und von Taveta bis Masagati sind es ja nur 15 Kilometer. Und Kuandika sieht ja eher aus wie ein Floh und stört nicht weiter auf dem Rücksitz. Er nimmt so gut wie keinen Platz weg. Und sein Gewicht kann man vergessen.

Ich war ein gutes Jahr nicht in Masagati gewesen. Zuletzt war ich im Mai 2005 oder so hier gewesen. Damals hatte ich für die 97 Kilometer von Lugala bis Taveta 8 Stunden gebraucht. Gestern hatten wir ›nur‹ 6 Stunden gebraucht. Der Weg war immer noch fürchterlich gewesen, aber wir hatten die Motorräder nicht mehr durch tiefen Schlamm schieben müssen.

Ich fuhr los. Der Motor der Honda brummte sanft und Vertrauen erweckend. An der Schule vorbei und ein paar Häusern. Dann nach links über die Brücke aus oben gegabelten Baumstämmen und Bambus. Der Weg war breit genug für ein Auto. Auf dem Weg entlang schlängelte sich dann ein Pfad, der von Fahrrädern benutzt wurde und glatt gefahren war. Autos kamen hier ja praktisch nie her. Und diesem Pfad auf dem Weg folgte ich natürlich auch mit dem Motorrad.

Die lange Steigung, die ich nur im ersten Gang schaffen konnte. Auf der anderen Seite der steile Abhang, auf dem die Honda, wenn ich von Taveta kam, immer aufgab. Jedenfalls wenn wir zu zweit auf einem Motorrad saßen. Dann das lange Tal entlang. Ich überholte einen Mann mit seiner Frau auf dem Fahrrad. Sie war, ja weshalb eigentlich, bei mir gewesen. Sie waren aus Ipinde, 25 km von Masagati. Es waren zu viele Patienten gewesen, ich konnte mich schon nicht mehr daran erinnern, was sie alle hatten. Bei zwei Patienten hatte ich den Verdacht gehabt, sie könnten HIV positiv sein. Und sie waren es auch. Ich hatte ihnen raten können, nach Lugala zu kommen, um die CD4 Zellen zu zählen und um mit einer Behandlung anzufangen, so das schon sinnvoll war.

Auf der anderen Seite vom Tal Hügel mit abgeholzten kahlen Flecken. Aber es war noch alles grün, und irgendwie sah es nicht so schlimm aus wie vor einem Jahr.

Gelegentlich eine Hütte, gelegentlich ein Hund, der uns bellend ein Stück folgte. Ein Quertal von rechts. Der Pfad schlängelte sich durch abgeerntete Reisfelder. Die Reisernte sei dieses Jahr so gut gewesen wie seit Jahren nicht, hatte Pater Liume erzählt. Doch nun wüssten die Leute nicht, wohin mit dem Reis. Keine Händler, die ihn aufkauften. Die Straße bis Taveta war so schlecht, dass keiner sich traute, seinen Lastwagen auf diese achsenbrechende Strecke zu schicken. Nur ein paar junge Männer, die Reis auf Fahrrädern nach Mlimba schafften. Zur Bahnstation dort. Und mit den berühmten süßen Apfelsinen wüssten sie dieses Jahr auch nicht, wohin damit. Sie würden auf den Bäumen verfaulen, weil niemand komme, um sie aufzukaufen.

Hinter einer holprigen kleinen Brücke wollte ich irgendetwas zu Kuandika sagen. Er war nicht da. Ich saß allein auf dem Motorrad. Ich war völlig verdutzt. Traute fast meinen Augen nicht. War er gar nicht aufgestiegen? War ich ohne ihn losgefahren, weil ich es so eilig gehabt hatte? War er unterwegs vom Motorrad gefallen? Aber das konnte doch nicht sein. Und wenn doch, hatte er sich womöglich beim Sturz etwas gebrochen? Ich wendete und fuhr zurück.

Das lange Tal entlang. Durch das Quertal. Das lange Tal entlang, immer auf dem Pfad, der sich auf dem Weg entlang schlängelte. Fast bis zum Fuß von dem steilen Anstieg. Da hüpfte Kuandika mir entgegen. Lachte. Ja, er war hinten rüber vom Motorrad gefallen. Beim langen Anstieg, als ich über einen Hubbel fuhr. Nein, ihm war nichts passiert, er hatte sich nicht verletzt. Ja, es war wirklich alles in Ordnung. Ich schüttelte den Kopf. Ich wendete wieder, ließ Kuandika wieder aufsteigen, fuhr wieder los.

Immer wieder lange Täler entlang.

Durch Quertäler.

Über die große Brücke.

Ich hatte es eilig.

Rechts schon der Mnyera. Ein schönes Land: noch bewaldete Hügel, sanfte Täler, Apfelsinenbäume entlang dem Weg, in denen die »Goldorangen glühten«.

Schade, dass ich es so eilig hatte.

Taveta. Hoch zur großen Kirche und zum ehemaligen Kloster, in dem jetzt nur noch Pater Liume wohnte. Die schweizer Mönche waren in den fünfziger Jahren fort gegangen. Nur ihre Bücher hatten sie zurückgelassen. »Wie Gott Mensch wurde«.

Die Patienten saßen draußen auf Bänken. Nicht ganz so viele, wie ich befürchtet hatte. Manche waren wohl auch nach Masagati gekommen, um mich dort zu sehen. Ich bat Kuandika mir zu helfen. Den Gesundheitsposten hatte Pater Liume schließen müssen. Der clinical officer, den ihm die Regierung (der Distrikt Medical Officer) geschickt hatte, hatte gesagt, er müsse erst einmal seine Eltern besuchen. Und die Krankenschwester war nach Ifakara gegangen, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Hatte sie gesagt.

»Hier will einfach niemand arbeiten …«

Der erste Patient: Eltern, die ihr Kind brachten. Es lahmte auf dem linken Bein. Ja, es hatte eine intramuskuläre Spritze bekommen. Hier im Gesundheitsposten. Im Mai. Und seitdem lahmte es.

Ich erklärte, dass ein Nerv durch die Spritze beschädigt worden sei. Dass es keine Behandlung dafür gebe. Aber dass sich der Nerv vielleicht erholen würde. Mit ein bisschen Glück.

Der zweite Patient: Ein Vater, der sein Kind brachte. Es lahmte auf dem rechten Bein. Ja, es hatte eine Spritze in den Popo bekommen. Hier im Gesundheitsposten. Im April. Und seitdem lahmte es.

Ich erklärte, dass ein Nerv durch die Spritze beschädigt worden sei. Dass es keine Behandlung dafür gebe. Aber dass sich der Nerv vielleicht erholen würde. Mit ein bisschen Glück.

Der dritte Patient: Ein Vater, der sein Kind brachte. Es lahmte auf dem linken Bein und hatte eine Fissur an der Ferse. Ja, es hatte eine Spritze bekommen. Ins Gesäß. Hier im Gesundheitsposten. Im Oktober letzten Jahres. Und seitdem lahmte es.

Ich erklärte, dass ein Nerv durch die Spritze beschädigt worden sei. Dass es keine Behandlung dafür gebe. Aber dass sich der Nerv vielleicht erholen würde. Mit viel Glück. Denn eigentlich habe sich der Nerv inzwischen schon erholen müssen. Und die Fußsohlen sollten sie nach dem Baden dünn mit Vaseline einreiben.

Ich dachte, ich wäre im falschen Film.

Der vierte Patient. Eine Frau knapp dreißig mit ihrem Kind auf dem Arm. Sie zeigte mir ihre hypopigmentierten Hautflecken. Ihr sei eine Salbe verschrieben worden. Ja, hier im Gesundheitsposten. Aber die habe sie nirgends bekommen können. Auch nicht in Mlimba.

Lepra. Multibazilläre Lepra. Ganz offensichtlich. Schon zwei verdickte Nerven. Aber noch keine offensichtlichen Nervenschäden.

»Wenn Sie jetzt sofort nach Lugala kommen, können wir Ihnen noch helfen. Wenn wir jetzt sofort mit der Behandlung anfangen, können wir Sie noch heilen, ohne dass Sie zu Schaden kommen! Warten Sie nicht. Kommen Sie. So weit ist Lugala auch nicht. Es lohnt sich!«

Ich war plötzlich froh. Der Tag, die Mühe hatten sich gelohnt (wenn die Frau kam). Meine Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen.

Der Himmel war plötzlich ganz blau.

Kinderwunsch

[26. August 2006]

Ob Gynäkologen in Deutschland auch dauernd von Patientinnen aufgesucht werden, die entweder einen unerfüllten Kinderwunsch haben oder Schmerzen beim Bumsen oder sowohl als auch? Dann bin ich nur froh, dass ich kein Gynäkologe geworden bin. Moses und ich müssen uns jedenfalls mindestens einmal jede Woche mit einer solchen Patientin befassen. Und wir können uns dann nicht hinter einem Wall aus Laborergebnissen verschanzen. Wir können nur die Spermien beim Mann zählen und, so wir Urografin haben, nachschauen, ob die Tuben bei der Frau durchlässig sind. Na ja, wir können auch eine Spekulumuntersuchung machen und einen Schallkopf auf den Bauch halten. Aber dabei findet sich ja nur höchst selten etwas Pathologisches. Das ist praktisch reine Zeitverschwendung. Und Urografin haben wir mal wieder nicht. Gab es nicht in Dar es Salaam, als ich im Juni dort war.

Und wenn die Tuben nun nicht durchlässig sind? Moses operiert dann gerne, und vor Jahren soll mal eine Frau nach einer solchen Operation schwanger geworden sein. Ich mache diese Versuche, die Tuben operativ zu öffnen, nicht mehr. Ich empfinde diese Operationen als Betrug. Ich habe mal einen Gynäkologen, der für eine Woche nach Lugala kam, gefragt, wie hoch die Erfolgsrate von Tubenoperationen in seinen Händen sei. Null, antwortete er mir, aber die Frauen haben nach einer solchen Operation für zwei drei Jahre wieder Freude und Hoffnung; und das ist auch viel wert.

Das ist natürlich ein Argument. Und vielleicht wirklich ein Grund, Frauen mit verschlossenen Tuben zu operieren. Aber wie gesagt, ich mache es nicht mehr.

Gestern hatte ich auch wieder eine solche Frau mit Kinderwunsch und Schmerzen beim Bumsen. Margreth hieß sie. Knapp dreißig war sie und seit sieben Jahren verheiratet.

»Und wie lange haben Sie denn schon Schmerzen beim Bumsen?«

»Seit meiner Heirat.«

Ich sah vor mich hin. Bei der Spekulumuntersuchung war mir die Vagina sehr trocken vorgekommen.

»Fragen Sie die Frau doch mal, ob Sie sich vielleicht die Vagina dauernd mit Seife auswäscht«, sagte ich zu Mwahija, die mir gestern bei der endlosen Zahl von Patienten half.

Die Frau bestand darauf, dass sie sich zwar unten rum mit Seife wusch, dass sie sich die Vagina aber nicht mit Seife auswusch (wie manche Frauen das hier tun).

»Hm.«

Mwahija ist aus Tukuyu. Eine schlanke, hoch gewachsene Nkhonde. Sie ist Muslimin und entsprechend ist ihr Name auch ein moslemischer Name und kein Nkhonde Name. Ich mag sie, auch wenn sie manchmal ein wenig langsam ist. Ihre Rehaugen sind das schönste an ihr. Bisweilen scheint ein wenig Trauer in ihnen verborgen zu liegen. Sie hat seit Jahren einen Freund, der inzwischen wohl auf die Polizeischule in Dar es Salaam geht. Wenn er fertig ist, wird Mwahija Lugala vermutlich so schnell wie möglich den Rücken kehren.

»Vielleicht sollte unsere Patientin mal mit einem Nachbarn bumsen, um auszuprobieren, ob es mit dem auch weh tut.«

Mwahija fragte Margreth, ob das Bumsen mit ihrem Freund auch wehtue.

Margreth stritt energisch ab, dass sie einen Freund habe. Sie schlafe nur mit ihrem Mann.

»Hm. Vielleicht sollte sie mal mit einem anderen Mann ausprobieren, ob es mit dem auch weh tut.«

Mwahija schlug Margreth vor, es doch mal mit einem anderen zu probieren. Dann wisse sie, ob sie die Schmerzen wegen ihrem Mann habe oder ob es an ihr liege. Vielleicht sei das Ding von ihrem Mann ja besonders groß und sie habe deshalb Schmerzen beim Bumsen. Das komme ja vor. Oder das Ding von ihrem Mann sei besonders dick.

Ich grinste in mich hinein.

Aber Margreth meinte, das Ding von ihrem Mann sei weder besonders lang noch besonders dick. Daran könne es nicht liegen.

Sei sie sich sicher? Sei sie sich sicher, dass das Ding von ihrem Mann nicht besonders groß sei?

Ganz sicher!

Aber es sei doch trotzdem sinnvoll, es mal mit einem anderen Mann auszuprobieren. Das sei doch ein guter Vorschlag von mir. Wenn es mit einem anderen nicht wehtue, dann müsse es eben doch an ihrem Mann liegen. Dann sei dessen Ding vielleicht doch zu groß. Ob sie es sich mal genau angeschaut habe?

Margreth überlegte.

Sie war etwas rot geworden unter ihrer schwarzen Haut; aber der Vorschlag schien auch ihr Sinn zu machen.

Ich ging, um zu schauen, ob eine Patientin von der Entbindungsabteilung so weit war, dass ich bei ihr eine Sekundärnaht machen konnte. Außerdem überließ ich die weitere Diskussion ja am besten Mwahija und der Patientin. Frauen besprachen das ja wohl besser unter sich.

Bei der Patientin von der Entbindungsabteilung war die Dammschnittnaht aufgegangen, und es war alles ganz bös infiziert. Die Hebammen, aber auch die clinical officers, können Dammschnitte und Dammrisse einfach nicht sauber nähen. Es ist ein Kreuz. Wie viel Zeit ich damit verbringen muss, Sekundärnähte zu machen. Die Frau lag auf dem Tisch.

Als ich zu Margreth und Mwahija zurückkam, waren die beiden fertig mit der Diskussion. Margreth ging.

Vielleicht würde ein anderer sie vielleicht sogar schwanger machen können? Obwohl, das war unwahrscheinlich, denn sie hatte erzählt, ihr Mann habe schon sechs Kinder mit einer anderen Frau. Da stimmte bei ihm wohl alles. Aber da war der Druck natürlich auch entsprechend groß, dass sie nun endlich auch schwanger wurde.

Tja, Leben ohne Kinder.

Das taugt hier eben einfach nichts.

Ich habe freilich das Gefühl, die Leute finden es ist nicht gar so schlimm, wenn ihre Kinder sterben. Nur schwanger muss die Frau werden können. Darum scheint es zu gehen.

Ob er noch lebt?

[27. August 2006]

Es gibt hier viele Patienten mit Verbrennungen. Vor allem Kinder. Es liegt fast immer wenigstens ein Kind mit Verbrennungen auf Station I. Wenn Kinder sich mit heißem Wasser verbrannt haben, ist es meist nicht so schlimm und heilt die Verbrühung unter entsprechender Behandlung in zwei drei Wochen folgenlos wieder ab. Verbrennungen mit heißem Uji, Maisbrei, gehen oft sehr viel tiefer. Und wenn ein Kind ein Tuch um hatte und das an der Kochstelle Feuer fing, dann ist es immer schlimm. Dann wird immer eine Hautverpflanzung erforderlich.

Die Behandlung für Patienten mit Verbrennungen habe ich selbst gestrickt: Zunächst wird eine feuchte Wundbehandlung mit Kaliumpermanganat gemacht und dann, wenn das tote Gewebe weitgehend abgestoßen wurde, folgt die Spalthautverpflanzung. Wahrscheinlich wäre es besser, die Hautverpflanzung früher zu machen. Aber ich fürchte, bei Kindern jedenfalls, den Blutverlust, der mit einer scharfen Trennung von totem und lebendem Gewebe einhergehen würde. Wir müssen eh meist eine Bluttransfusion machen, und wenn ich dann noch das nekrotische Gewebe mit dem Skalpell entfernen würde …

Erwachsene mit Verbrennungen sind sehr viel seltener. Es sind dann fast immer Patienten mit einer Epilepsie, die während eines Anfalls in ein Feuer fielen. Das gibt entsprechend grässliche Verbrennungen, wenn der Patient bewusstlos war, und niemand zugegen war, der ihn sofort hätte aus der Glut ziehen können.

Vor ein paar Wochen wurde uns so ein Patient gebracht. Ein alter, freilich noch sehr rüstiger Mann. Er war allein auf seinem Reisfeld gewesen, hatte abends einen epileptischen Anfall bekommen und dann lange in dem kleinen Feuer gelegen, in das er gefallen war. Der linke Arm war hin, und die Verbrennungen auf Brust und Bauch gingen ganz sicher auch bis in die Muskulatur.

Der Mann klagte nicht, vermutlich gingen die Nekrosen so tief, dass alle Nerven zerstört waren. Seine Frau war bei ihm und ein Sohn.

Ich erklärte ihnen, dass ich den Arm würde amputieren müssen. Dass der nicht zu retten war.

Ich amputierte den Arm am nächsten Tag dicht unterhalb vom Schultergelenk. Vorher schaute ich noch einmal nach, ob der Arm wirklich nicht zu retten war. Er war es nicht, die Muskeln waren weiß wie die eines gekochten Huhns, und alle Blutgefäße waren tot. Nur ganz am Knochen gab es noch ein wenig rosigen Muskel, aber auch der blutete nicht mehr. Es ist immer noch ein seltsames Gefühl, einen Knochen durchsägen zu müssen.

Fast jeden Tag ging ich dann bei dem alten Mann vorbei, wunderte mich ein wenig, dass es ihm so relativ gut ging. Sein Verband war fast immer feucht, so wie es sein sollte. Und wenn ich zur Essenszeit kam, hatten seine Verwandten ihm fast immer wirklich gutes Essen gebracht. Nicht einfach nur ein bisschen Reis und ein paar gekochte Blätter sondern des Öfteren Fisch oder ein Hühnerbein. Er war aus Njassa, ein halbes Dutzend Kilometer von Lugala entfernt. Auf dem Weg nach Biro.

Irgendwann war es dann so weit, dass ich die Hauttransplantation machen konnte. Wir gaben dem alten Mann vorher noch eine Bluttransfusion. Es stand sofort ein Spender bereit.

Ich löste die Nekrosen bis fast zu den Rippen und bis tief ins Fettgewebe der Bauchwand. Hier und dort musste ich mit dem Skalpell nachhelfen. Ganz hatte sich das tote Gewebe noch nicht demarkiert. Aber der Blutverlust hielt sich in Grenzen. Es war ja kein Kind. Spalthaut entnommen, gemesht, aufgelegt. Ohne das Dermatom und ohne das Meshgraftgerät, die mir weitgehend vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission (DIFAEM) und Kurts Freunden in Kehl spendiert worden waren, hätte ich nur zusehen können, wie der Mann entweder gestorben wäre oder furchtbare Keloidnarben entwickelt hätte. Wie man sie hier manchmal nach unbehandelten Verbrennungen sieht. Wenn dann die Eltern mit ihren verkrüppelten Kindern kommen. Wenn es zu spät ist. Rechtzeitig zu kommen, gleich nach der Verbrennung, war ihnen das Kind nicht wert. Schichtweiser Verband, und nun musste der alte Mann einfach eine Woche ruhig im Bett liegen, damit die Spalthaut anwachsen konnte.

Ich war ein wenig erstaunt, dass er keine Lungenentzündung bekam. Ich meine, er war wirklich ein alter Mann.

Verbandswechsel nach einer Woche, die Haut war weitestgehend eingeheilt. Noch einmal einen Verband, aber der alte Mann würde nun bald gehen können. Ich sagte zu ihm, dass es Zeit werde, wieder eine Hacke in die Hand zu nehmen.

»In nur eine Hand« fragte er.

Ich schwieg.

Tja, jetzt war der alte Mann ein Krüppel. Mir wurde das erst jetzt so richtig bewusst. Vorher hatte ich mich einfach nur um sein Überleben bemüht. Was konnte er noch mit nur einem Arm machen, auch wenn es der rechte war?

Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, seine Frau und sein Sohn würden ihn nun nicht einfach verhungern lassen. Nun, da der alte Mann nutzlos geworden war. Sie würden ihm sein Gnadenbrot geben, dachte ich – für eine Weile jedenfalls. Vielleicht war er ein guter Mann gewesen.

Lasst uns Gott danken

[28. August 2006]

Tanga ist ein Dorf knapp 20 Kilometer von Lugala entfernt. Es liegt auf einer kleinen Bodenwelle, und von dem Weg hinauf hat man einen weiten Blick über die Niederung, die man durchquert hat, über unendliche Reisfelder und auf die Mahenge Berge im Hintergrund. Wir sind schon mehrmals mit Besuchern mit Fahrrädern nach Tanga gefahren. Es gibt noch einen zweiten Weg, der nach Tanga führt, über Biro und Mbalinyi, aber den nimmt man eher selten. Tanga hat eine richtige kleine Geschäftsstraße: na ja, die Straße ist natürlich ein staubiger Weg und die Geschäfte sind auch nur Buden. Aber trotzdem. Man kann dort Tee trinken, warmen, süßen Tee und »maandazi« (Berliner) essen. Das nächste Dorf hinter Tanga ist dann Ngoheranga, dort ist eine große katholische Missionsstation. Aber auch Tanga hat eine Grundschule und einen staatlichen Gesundheitsposten. Den Gesundheitsposten habe ich noch nie besucht. Ich habe auch kein Bedürfnis ihn zu besuchen. Im Laufe der viereinhalb Jahre, die ich jetzt schon in Lugala bin, sind sicher ein halbes Dutzend Kinder aus Tanga mit Meningitis zu uns gekommen, die erst einmal tagelang gegen Malaria behandelt worden waren. Als sie schließlich zu uns kamen, starben sie jeweils innerhalb weniger Stunden. Was mich angeht, gehört der ganze Verein dort standrechtlich erschossen. Andererseits sind sie wahrscheinlich auch nicht schlechter als die katholischen Gesundheitsposten in Mtimbira und Itete, von denen wir unsere geburtshilflichen Katastrophen bekommen. Und alle kann man ja schlecht an die Wand stellen. In abgelegenen Gebieten einen Gesundheitsdienst zu unterhalten, der der Rede wert ist, ist im Grunde wohl eine unlösbare Aufgabe.

Vor vierzehn Tagen, ja es ist gerade erst 14 Tage her, brachten Eltern morgens ihr sechsjähriges Mädchen aus Tanga. Es war dort drei Tage mit Spritzen behandelt worden. Brettharter, angeschwollener Bauch.

Deogratias hieß das Mädchen.

Was sich hinter dem brettharten Bauch verbarg, war natürlich nicht offensichtlich. Dass es nichts war, das man mit Penicillinspritzen behandelte, sollte aber selbst einem Blinden mit Krückstock klar sein. Hämoglobinwert 4,5.

Wir schoben sie zum OP.

Ich bat Lenna, dem Mtandi bei der Anästhesie zu helfen. Eine Intubationsnarkose bei einem Kind in schlechtem Allgemeinzustand traue ich Mtandi nicht mehr so ganz zu. Er wird einfach alt.

Längsschnitt.

Mir quoll schwarzer aufgeblähter Darm entgegen. Scheiße. Ein Volvulus, eine Darmverdrehung. Wäre das Kind vor drei oder zwei Tagen gekommen, hätte ich den Darm einfach zurückdrehen und den Bauch wieder zunähen können. Jetzt war der Darm hin. Ich zog ihn vorsichtig aus dem Bauch heraus. Wenigstens schien er noch nirgends perforiert zu sein. Es war noch kein Eiter im Bauch. Es blieb mir nichts anderes übrig als den schwarzen Abschnitt zu resezieren. Ich bat Tindwa, mir zusätzlich zu Mwahija zu assistieren. Damit es schneller ging. Der Narkose wegen. Ich klemmte den noch gesunden Darm auf beiden Seiten von dem nekrotischen Abschnitt mit Darmklemmen ab. Schnitt das schwarze Stück heraus. Es füllte fast eine Waschschüssel. Ob das Kind mit dem restlichen Darm würde leben können? Der tote Darm war voll Blut, dahin war das Blut also gelaufen, daher der Hämoglobinwert von 4,5.

Mwachiko brachte eine Blutkonserve.

Für die End-zu-End Anastomose der gesunden Darmenden setzte ich mich. Das war Feinarbeit. Der Dünndarm einer Sechsjährigen ist halt nicht sehr dick, und man muss schon sehr aufpassen, dass man keine Stenose verursacht. Wenigstens hatten wir geeignetes Nahtmaterial mit feinen Nadeln.

Ich nähte den Bauch wieder zu.

Das Mädchen war plötzlich ganz dünn. Ganz klein und mager. Noch dünner als Lottchen. Armes Ding. Wenn die Eltern ein bisschen heller wären, hätten sie sich ja auch nicht mit diesen Spritzen in Tanga zufrieden geben müssen. Hätten sie sich doch von selbst schon vor zwei Tagen auf den Weg machen können!

Als ich nach Hause ging, schaute ich noch bei dem Mädchen vorbei. Es war aufgewacht, aber noch ein wenig benommen. Immerhin hatte es die Anästhesie und die Operation überlebt.

Am zweiten Tagen ließ ich Deogratias süßen Tee trinken.

Am dritten Tag ließ ich sie Uji essen.

Vierter Tag: kein Fieber, der Bauch weich. Sie hatte Stuhlgang gehabt. Deogratias lächelte mich an. Ganz lieb. Und fast tat mir mein Herz weh, so lieb lächelte sie mich an. Bei so einem Kinderlächeln kann einem schon komisch werden. Normale Darmgeräusche.

Fünfter Tag. »Nun musst du aber mal endlich aufstehen. Du hast jetzt lange genug gefaulenzt. Nächste Woche musst du wieder in die Schule!«

Siebter Tag. Entlassung.

Nachtrag: Irgendeine Beziehung zwischen meinen chirurgischen Kenntnissen und dem OP-Ergebnis bei Deogratias sehe ich nicht. Ein Zusammenhang wäre rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

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220 стр.
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9783898968621
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