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Ein Krimi aus Lippe
DAS ROTE SOFA
Jörg Armin Kranzhoff
Brüder schlagen dann, morden einander, wüst ist die Welt: Es ist Beilzeit, Schwertzeit, Windzeit, Wolfszeit, bis einstürzt die Welt. (Edda. Voluspa 45-46)
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
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Copyright 2019 by Lippe Verlag
Dr. Hans Jacobs, Hellweg 72, 32791 Lage
ISBN 978-3-89918-819-6
Das rote Sofa
Er näherte sich dem Nachbarhaus, schlich durch die Hintertür, huschte durch den Flur und stieß die Tür zur Schlafkammer auf. Der Alte schreckte in seinem Bett hoch und rief um Hilfe. Als er die Schelle auf dem Nachttisch betätigen wollte, riss ihm der Eindringling brutal die Schnur aus der Hand. Er stürzte sich auf ihn, packte ihn an der Gurgel und würgte ihn. Der Alte wehrte sich verzweifelt und schlug wild um sich. Er keuchte und stöhnte, bis er zunehmend erlahmte, in die Kissen zurücksank und die Besinnung verlor. Der Mann ließ nicht von ihm ab. Seine Hände umklammerten den Hals seines Opfers, bis es kein Lebenszeichen mehr von sich gab.
Der Mann verließ das Haus, bahnte sich den Weg durch das dichte Gebüsch, hielt kurz inne, warf einen Blick zurück, als ob er sichergehen wollte, dass die Luft rein war, schritt auf das Deelentor zu, fand es verschlossen, entdeckte ein offenstehendes Stallfenster und schwang sich ins Innere.
Ich hörte, wie er die Treppe hochkam und die Tür zu meiner Schlafkammer aufgestoßen wurde. Er warf sich auf mich, griff mir an die Kehle und würgte mich. Ich hatte ihn dicht vor mir. Ich spürte, wie sein Atem ging. Er grinste höhnisch, seine Augen blitzten teuflisch. Und dann sah ich, wie sich sein Körper mit dichter Behaarung überzog und sein Gesicht in eine Wolfsfratze verwandelte. Seine Augen funkelten feurig-gelb, seine Ohren wurden lang und spitz, an den Fingern wuchsen ihm Krallen und im Mund Fangzähne. Er heulte auf und fletschte sein Gebiss. Aus seinem Maul floß grüner Speichel.
Ich wollte schreien, bekam aber keinen Ton heraus. Ich wollte den Angreifer zurückstoßen, aber mein Arm war wie gelähmt. Ich wollte aufspringen und weglaufen, aber meine Füße waren schwer wie Blei. Ich fühlte, wie meine Sinne schwanden. Ich sah alles nur noch wie durch einen Schleier und griff mit meinen Händen ins Leere.
Dann löste sich der Spuk plötzlich in nichts auf. Als ich verstört hochschreckte, konnte ich Traum und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten und hatte mir unwillkürlich an den Hals gefasst. Ich fürchtete, der Fremde könne noch immer im Haus sein, und wagte mich nicht aus dem Zimmer. Die Bilder verfolgten mich. Ich wurde sie nicht los.
Was es mit dem Traum auf sich hatte, will erklärt werden. Angefangen hatte es damit, dass ich ein altes Bauernhaus im lippischen Dalborn erworben hatte. Es hatte lange leer gestanden und war in einem desolaten Zustand. Der windschiefe Bau machte den Eindruck, als könne er beim nächsten Sturm zusammenstürzen. Das Fachwerkgefüge hatte sich verzogen und abgesenkt. Die Ausmauerungen der Gefache waren brüchig oder bereits herausgefallen. Die Sparren und Dachlatten waren morsch und angefault. Die Stürme hatten einen Teil der Dachziegel weggefegt. Der verwahrloste Bau wirkte gespenstisch und bedrohlich, aber noch konnte ich nicht ahnen, was sich an grauenhaften Dingen hinter seinen Mauern getan hatte.
Der Vierständerbau aus dem Jahr sechzehneinundachtzig gehörte vormals einem sogenannten „Mittelkötter“, hatte aber beträchtliche Ausmaße und war trotz seines fortgeschrittenen Verfalls noch immer beeindruckend. Am Vordergiebel führte ein mächtiges Deelentor ins Innere. Zu beiden Seiten der zweigeschossigen Deele lagen die Ställe. Auf der Deele hatte man das Futter für die Tiere bereitet und das Getreide gedroschen. An den langen Winterabenden wurde der Flachs gehechelt, gesponnen und zu Leinen gewebt. An der Wand befanden sich noch immer die Scherpflöcke, die zur Herstellung der Kette benutzt wurden. Hier wurde auch gefeiert, wenn Hochzeiten und Kindstaufen anstanden, und der Leichnam aufgebahrt, wenn man des Verstorbenen gedachte.
Am Ende der Deele befanden sich die Waschnische und ein offener Herdraum mit einer Feuerbühne, von der der Rauch ins Freie zog. Dort wurde gewaschen, gekocht und gegessen. Neben der Feuerbühne gab es eine Luke, unter der eine schmale Stiege in ein Kellergewölbe führte. Es handelte sich um einen Kriechkeller mit niedriger Deckenhöhe und zwei winzigen Fensteröffnungen. Das Mauerwerk war stark durchfeuchtet und teilweise brüchig. Der Boden bestand aus einer verfestigten Schicht aus Lehm und Kalkmörtel. Von der Deele führte eine schmale hölzerne Stiege zu den Schlafkammern des Hausherrn und der Kinder. Dazwischen lag die Räucherkammer. Die Wursthaken steckten noch in dem kohlschwarz verräucherten Deckenbalken.
Die Leibzucht und den Schuppen hatte man irgendwann abgerissen. Der Garten war verwildert. Der Ziehbrunnen hatte die Zeiten überdauert. Wenn ich die Klappe hochhob, gähnte mir ein schwarzes Loch entgegen. An der Walze baumelte ein Blecheimer. Wenn ich ihn in die Tiefe ließ, dauerte es eine ganze Weile, bis er auf das Wasser traf. Ich hatte es abpumpen lassen, um den Schlamm zu entsorgen, der sich auf dem Grund angesammelt hatte. Dabei kamen ein Löffel, eine Bratpfanne und ein Haufen Tonscherben zum Vorschein.
Auf dem Obstkamp ragten nur noch einige verdorrte Baumstümpfe aus dem Boden. Von dem Backhaus, das unterhalb eines stark hängigen Wiesengeländes gestanden hatte, waren nur noch einige morsche Balken und ein Haufen Dachziegel übrig. In einer Senke floß ein Bach zu Tal, der zwei inzwischen verlandete Teiche gespeist hatte. In ihnen hatte angeblich der „Büllemock“ gehaust. Bei dem Wassergeist soll es sich um einen riesigen Frosch gehandelt haben. Die Mütter hatten die Kinder gewarnt, er zöge sie in die Tiefe, wenn sie beim Spielen in das Wasser plumpsten.
Das Gewässer war ein Tummelplatz der Wildvögel. Stockenten hatten sich dort häuslich eingerichtet. Unlängst hatten sich Nilgänse dazugesellt. Gelegentlich tauchten auch Graureiher und Rotmilane auf. Der Eisvogel ließ sich nur selten blicken. Er machte sich davon, sobald er sich bemerkt fühlte. Das Käuzchen hatte sein Revier in den angrenzenden Eichenbeständen. Der lautlose nächtliche Räuber hat es vornehmlich auf Mäuse abgesehen. Im Sommer schwirrten die Fledermäuse wie Schatten im Zickzack über die Wasserfläche. Sie waren auf Insekten aus. Sie hatten ihren Nistplatz in meinem Kotten, genau gesagt in einer Nische im Gebälk des Torbogens.
Keiner konnte verstehen, dass ich mich für ein derart heruntergekommenes Haus begeistern konnte. Nach den Vorstellungen der Stadtväter war es ein Schandfleck für den Ort und sollte abgerissen werden. Unter dem Titel „Das Ende mit Brettern vernagelt“ hatte es in der Presse geheißen: „Die Fenster sind herausgerissen, mit Brettern vernagelt oder mit ihren Resten ein Spiel des Windes: Man denkt unwillkürlich an Schiller: In den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen.“
Doch ich hatte mich spontan in das alte Gemäuer verliebt. Es hatte seinen Charme, etwas Unverwechselbares, das ein Neubau niemals bieten kann, und zugleich etwas Beständiges, das Schutz und Geborgenheit versprach. Man konnte sich in ihm verkriechen und den hektischen Alltag hinter sich lassen. Das war exakt das stille Nest, das ich gesucht hatte, nachdem sich Hilde von mir getrennt hatte.
Es war inzwischen Anfang November. Der Himmel war grau und es nieselte unaufhörlich. Dichte Nebelschwaden verhüllten die Sicht auf das umliegende Gelände. Die beiden alten Hoflinden hatten ihr Blattwerk abgeworfen. Stellenweise hatte es der Wind zu großen Haufen verweht. Das kahle Astwerk ragte gespenstisch in den Himmel. Vom Dach des Kottens rieselte das Wasser und verwandelte das Erdreich in einen Sumpf.
Es war feucht und zugig im Inneren und roch allenthalben nach Modder. Durch das halb geöffnete Deelentor, dessen Flügel schief in den klobigen Angeln hingen, drang nur wenig Licht herein. Mir fröstelte. Ich zog meinen Schal enger um den Hals. Mich beschlichen böse Ahnungen. Würde ich es in diesem finsteren Gemäuer aushalten? Hilde hatte mich gewarnt.
Ich ließ meine Blicke schweifen: An der Decke der Deele, an den Wänden und Fenstern hatte sich angestaubtes Spinnwerk angesammelt. Auf dem Boden lagen ausgediente landwirtschaftliche Gerätschaften, morsche Bretter und Strohreste herum. In einer Ecke stand ein abgenutzter Hauklotz. Daneben lehnte ein Wagenrad.
Offensichtlich waren Diebe eifrig am Werk gewesen, bevor ich das Haus übernahm. Türen und Fenster fehlten weitgehend. Selbst die Eichenbohlen an den Decken und Giebelwänden waren zum Teil herausgerissen. Von der Inneneinrichtung waren nur ein rotes Sofa und ein roh behauener Steintrog übrig geblieben. Der Wasserkump war offensichtlich zu schwer, um ihn abzutransportieren. Das Sofa hatten die Diebe vermutlich verschmäht, weil sich das altersschwache Möbel schwerlich noch zu Geld machen ließ.
Das Möbel stammte aus „Lüdershof“, einem nahe gelegenen Rittergut, und hatte zur Einrichtung eines Salons im Obergeschoß des Herrenhauses gehört. Cord Drake, der Vorbesitzer meines Hofes, hatte es erstanden, nachdem es mit dem Gut wirtschaftlich immer mehr bergab gegangen war.
Er war noch bis ins hohe Alter auf Freiersfüßen. Das Sofa sollte ein Hochzeitsgeschenk werden. Seine Zukünftige sollte es einmal besser haben und wie die feinen Damen auf einem herrschaftlichen Sitz thronen. Aber aus dem Heiraten war nie etwas geworden. Am Ende waren all seine Träume verflogen.
Das Sofa war mit roter Seide bespannt und von vergoldetem Holzwerk umrahmt. Rot ist die Farbe des Blutes und der flammenden Liebe. Rote Rosen sind Boten der Liebe. Rote Lippen soll man küssen. Wenn bei Capri die Sonne glutrot im Meer versinkt, schlagen Herzen höher. Roter Wein ist wie das Blut der Erde.
Davon verstand der alte Drake nichts. Rote Fingernägel kannte er nicht, er wusste nicht, was mit Rotlichtmilieu gemeint ist, und auf Capri war er nie. Aber er kannte den Klatschmohn am Feldrain und er wusste, dass man Tomaten ernten soll, wenn sie rot werden. Rote Wangen, hatte der Doktor gesagt, sind ein Zeichen für Gesundheit. Dass rote Blutkörperchen lebenswichtig sind und Infrarot eine heilende Wirkung hat, war den Medizinern noch nicht bekannt, und wenn Not am Mann war, war auch kein Rettungswagen vom Roten Kreuz zur Stelle.
Rot ist die Farbe des Reichtums und der Macht. Könige zieren ihre Kronen mit roten Edelsteinen. Kardinäle und Richter kleiden sich in rote Roben. Wenn Staatsoberhäupter aufkreuzen, wird der rote Teppich ausgerollt.
Rot ist auch die Farbe des Krieges, des Feuers und der Hölle. Auf dem roten Planeten ist der Kriegsgott Mars zu Hause. Donar, der Gott des Blitzes, hat rote Haare. Römische Feldherren trugen rote Umhänge. Wenn die Rothäute das Kriegsbeil ausgruben, bemalten sie sich mit roter Farbe.
Rot ist eine Signalfarbe, wenn Gefahr droht. Rote Ampeln gebieten Halt. Der Schiedsrichter zeigt die rote Karte. Wenn man in die roten Zahlen kommt, muss man den Rotstift ansetzen. Den roten Faden darf man nicht verlieren. Den Stier reizt man mit einem roten Lappen. Wenn Menschen etwas auf den Tod nicht leiden können, sprechen sie vom roten Tuch. Rote Listen verzeichnen Gefährder. Rote Socken gehören nicht ins Parlament. „Rotland“ heißen die Feinde der NATO. Im Ernstfall drückt man auf den roten Knopf.
Von Wortsymbolik mochte Cord Drake keine Ahnung haben, aber Blut gehörte zum Alltag. Beim Schlachten fiel zwangsläufig die Blutwurst an. In seiner Kindheit hatte ihm die Mutter die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf vorgelesen. Auch vor dem Fliegenpilz sollte er sich hüten. Er hat eine hübsche rote Kappe, hatte sie gewarnt, ist aber giftig.
Und der Alte wusste auch, dass der Teufel und die Hexen rothaarig sind und man Menschen mit roten Haaren nicht trauen soll. Wenn er abends am Herdfeuer saß und die Flammen loderten, musste er auf der Hut sein, dass am Ende nicht der rote Hahn auf dem Dach hockte. „Wer auf Gott vertraut, der hat wohl gebaut, im Himmel und auf Erden“, hatte der Pastor gesagt. Ansonsten drohte die Glut des Höllenfeuers.
Das Sofa hatte anfänglich, unter einem vergilbten Laken verborgen, in einer Nische neben der Kellerluke gestanden. Ich hatte es in die Nähe des Deelentors gerückt. Es war die einzige Sitzgelegenheit im ganzen Haus.
Mir gefiel das alte Stück auf Anhieb, seinen vormaligen Glanz konnte man allerdings nur noch erahnen. Der Stoff war verblichen. Ein paar Nähte waren lose und die goldene Farbe an den Lehnen und Füßen war brüchig und abgeblättert.
An der Unterseite des Sofas hatte ich eine Flickstelle entdeckt. Ich klappte den Stoff zur Seite und stellte fest, dass sich dort eine Aushöhlung befand. Vielleicht war darin etwas versteckt. Ich wollte nicht ausschließen, dass es sich um Wertgegenstände handeln könnte. Ich fühlte vorsichtig mit der Hand nach. Natürlich fand ich nichts. Vielleicht hatten sich Mäuse dort eingenistet, dachte ich.
Ich hatte den Anstrich des Holzwerks erneuern und das Polster reinigen lassen. Nach der Reinigung waren einige Flecken auf dem Bezug geblieben. Sie störten mich nicht sonderlich, denn auf dem dunkelroten Stoff fielen sie kaum auf.
Mir war aufgefallen, dass mein Hund auffällig an ihnen geschnüffelt hatte. Mich beschlich der Verdacht, dass es sich um Blutflecken handeln könnte. Ich fragte mich, wie sie entstanden sein mochten. Hatte es im Haus einen Unfall gegeben? Hatte sich einer verletzt? Oder steckte mehr dahinter? Könnten die Flecken auf einen Mord hindeuten? Das sind Hirngespinste, sagte ich mir. Vielleicht stammen die Flecken von den Schwalben, die im Frühjahr in der Deele aus und ein fliegen.
Die Wasserleiche
Ich hatte mich fürs Erste in der „Ortmühle“ einquartiert. In dem Gasthof des Nachbarortes wurde ich leidlich gut versorgt. Auf der Speisekarte standen Schlachteplatte, Bauernkotelett, Schnitzel, mal mit Zigeunersoße, mal mit geschmorten Champignons. Nebenbei erfuhr ich von dem Wirt das eine oder andere über das Umfeld.
Über Dalborn wusste ich bislang nur wenig. In der Urzeit hatte eine dicke Eisschicht die Gegend bedeckt. Vermutlich hatten sich die ersten Bewohner in finsteren Höhlen verkrochen. Später mochte es ein paar winzige Hütten gegeben haben, in denen Sammler und Jäger hausten. Es war mit Sicherheit ein unheimliches und gefährliches Terrain, durch das sich raublustige Wölfe und Bären schlichen. Die ersten Gehöfte des Dorfes waren im ausgehenden Mittelalter entstanden. Aus dieser Zeit hatte sich reichlich viel irdenes Geschirr erhalten. Die Scherben auf dem Grund meines Ziehbrunnens sprachen Bände.
Die winzige Ortschaft schmiegte sich in eine von mehreren Bachläufen durchflossene Talmulde. Rund ein Dutzend Höfe lagen links und rechts der Dorfstraße, einige von ihnen etwas abseits und versteckt hinter alten Baumbeständen. Die hausnahen Feldfluren grenzten beiderseits in langen, schmalen Hufen an die Hofanlagen. Ringsum erhoben sich dichtbewaldete Hügel.
Im Laufe der Zeit erfuhr ich, wer zu den Alteingesessenen gehörte, welches Ansehen einer hatte, wie er seinen Lebensunterhalt verdiente, wo er seine Frau kennengelernt hatte und wie viel Kinder er hatte. Wirtschaftlich sah es auf den Höfen nicht rosig aus. Die meisten Bauern hatten bereits aufgegeben und ihr Land verpachtet. Der Rest der Dorfbewohner war irgendwann zugezogen, die meisten während der Flüchtlingswelle nach dem Krieg. Ich hatte mich noch nicht mit allen vertraut gemacht. Die jungen Leute waren tagsüber beruflich unterwegs. Die Älteren bekam ich kaum zu Gesicht. Sie waren selten außer Haus.
Die rund achtzig Einwohner stammten fast alle aus dem Dorf. Jeder kannte jeden. Ich war neu. „Was will der hier?“, tuschelte man. „Warum hat er den alten Kasten gekauft? Es dürfte eine Menge Geld kosten, bis er ihn wieder in Schuss gebracht hat. Woher will er das Geld nehmen? Er soll Reporter bei der Zeitung sein. Dort wird man nicht reich! Er lebt allein mit seinem Hund. Hat er keine Frau?“
Dalborn war malerisch gelegen, aber nach wie vor ein abgelegener Ort, in dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten. Angeblich hatte er seit jeher einen schlechten Ruf. Dort solle man besser nicht hinziehen, hatte man mich gewarnt. Alle hatten von einer „Schnapsidee“ gesprochen: „Was willst du in diesem gottverlassenen Kaff? Willst du künftig unter ein paar Dutzend verschrobenen Bauern leben, die misstrauisch fragen: Wo kommst de wech, aber ansonsten den Mund nicht aufkriegen?“
Was die Mentalität der Lipper betrifft, kenne ich mich einigermaßen aus. Die Menschen sind stolz auf ihre Vorfahren. Sie sind bodenständig und hängen am Gewohnten. Gewiss, sie sind aus derbem Holz geschnitzt, sie wirken verschlossen und geben sich zuweilen störrisch, aber wenn man mit ihnen einen Sack Salz gegessen hat, zeigen sie Herz. Ich wusste immerhin, womit man bei ihnen rechnen muss, und das versprach zumindest eine gewisse Verlässlichkeit.
Wenn es um innerdörflichen Zwist ging, hatte man sich meist friedlich geeinigt. „Worümme Storm, wenn et mie Piusten auk geuht“ – Warum soll man einen Sturm entfachen, wenn es auch mit Pusten geht? Man war eine eingeschworene Gemeinschaft und hatte sich seit jeher gegen Ausbeutung und Willkür zur Wehr gesetzt. „Wider den Hochmut der Oberen“, hieß es, wenn die Schützenbrüder den gestopften Adler samt Reichsinsignien von der Stange schossen. Sie hatten sich genommen, was dem Hagenherrn und dem Fürsten nicht zustand. Sie hatten Abgaben, Spann- und Jagddienste verweigert und als das Amt ihnen eine fremde Hebamme aufzwingen wollte, hatten sie sich wegen Widersetzlichkeit lieber ins Gefängnis werfen lassen, als klein bei zu geben. Als die Werber des Preußenkönigs durchs Dorf zogen und die Bauernsöhne in die Armee zwingen wollten, wurde einer der Soldaten erschossen. Das galt als Notwehr.
Als Napoleons Horden über Lippe herfielen, hatte man entschlossen zur Waffe gegriffen. Man hatte feurige Kugeln am Himmel gesichtet, Wolken wie rollende, einander jagende und sich überstürzende Blutwellen und einen Stern, der wie ein Schwert aussah und in die Tiefe stürzte.
Eine Alte hatte gen Himmel geblickt und geseufzt: „Das wird Gott der Herr nicht zugeben, dass dieses gottlose Volk uns unterkriegt.“
„Ach was, ein Preuße schlägt drei Franzosen tot!“, hatte ihr Enkel sie beruhigt. Und dann war angeblich ein Bärtiger am Himmel aufgetaucht. Sechs Adler hatten ihn im Schlepp. Aus seinem Schwert zuckten grelle Blitze. Alles, was sich ihm entgegenstellte, zerfiel zu Asche. Es war, als wäre der Cherusker zurückgekehrt, um seinem Volk beizustehen.
Als die Welschen achtzehnsiebzig erneut einfielen, hatte der Dorflehrer den Kindern die Kampf- und Trutzlieder der „Hullahnen“ und „Drajuhners“ vorgesungen und als man es den fremden Vögeln bei Sedan heimgezahlt hatte, hatte der Pastor die Siegesmeldung von der Kanzel verlesen und sein Dankgebet mit den beschwörenden Worten geschlossen: „Gott sei gepriesen für die glorreiche Waffentat!“
„Wir haben sie beigerodet und ihnen den Urteilsspruch um den Hals gehängt“, hatte der „Rote Herm“ gerufen und stolz sein Eisernes Kreuz gezeigt.
Man soll alte Geschichten nicht aufwärmen, doch wenn sich die jungen Burschen aus Dalborn und Kleinenmarpe mit den Städtern aus Blomberg rauften, ging es nicht gerade zimperlich zu. „Marpe oben, Blomberg durchs Kellerloch!“, war die Parole.
Und auch im Dorf hatte es mitunter Vorfälle gegeben, die aufhorchen ließen. Bei einer Rauferei wurde ein junger Dalborner von einem Fleischergesellen aus Blomberg erstochen. Ein altersschwacher Kleinkötter wurde tot in einem Bewässerungsgraben gefunden. Ob es sich um einen Selbstmord handelte oder ein Verbrechen dahintersteckte, blieb offen. Ein Wilderer hatte es auf den Jagdaufseher abgesehen, aber versehentlich eine junge Fau tödlich getroffen. Alle im Dorf waren schockiert, aber man hielt sich zugute, dass der Täter nicht aus Dalborn stammte.
Eine Frau, von der es hieß, ihr Kind stamme aus einer unehelichen Beziehung, hatte sich ertränkt. Sie hatte in einem Haus auf dem „Knick“ gelebt, einer abgelegenen, bewaldeten Anhöhe oberhalb des Dorfes. Sie hatte gelegentlich den Bauern beim Heuen geholfen. Ihr Mann arbeitete im Sommer als Ziegler in der Fremde. Im Winter zog er von Haus zu Haus und schlachtete und wurstete.
Als einer aus dem Dorf im Wald unterwegs war, um Bickbeeren zu sammeln, hörte er eine Kinderstimme flehen: „Oh Mutter, nein, Mutter, nein, nein, nein!“ Dann ertönte ein fast übermenschlicher Schrei aus Kindermund. Am anderen Tag fand man in einem Teich zwei Leichen. Die Frau hatte ihr Kind mit einem Strick fest an sich gebunden. Das sind Gräueltaten aus längst vergangener Zeit, sagte ich mir. Wer weiß, ob das Überlieferte stimmt.
Ich hatte mir von meinem Leben in Dalborn Ruhe und Geborgenheit versprochen. Ich konnte nicht ahnen, dass ich mich auf ein riskantes Spiel eingelassen hatte. Im Dorf kursierten Gerüchte, dass es beim Verkauf des Nachbarhofes nicht mit rechten Dingen zugegangen war, und man fragte sich auch, ob der vormalige Eigentümer eines natürlichen Todes gestorben war.
Der Hof Drake lag in einer Senke abseits der Dorfstraße. Unterhalb der Hofgebäude floß ein kleiner Bach zu Tal, der zwei weitgehend verlandete Teiche speiste. Auf dem verwilderten und von Brombeergesträuch zugewucherten Obstkamp ragten nur noch ein paar kahle Stümpfe aus dem Boden. Dazwischen hatten sich zahllose Eschen wild gesät.
In der Hausinschrift ist von dem Herrn die Rede, der dich nährt mit deiner Hände Arbeit. Aber von dem Fleiß der Ahnherren war nicht mehr viel zu sehen. Das Wohnhaus war reichlich heruntergekommen. Auf dem Dach hatte sich dichtes Moos angesiedelt. Bei Regen tropfte das Wasser aus den brüchigen Dachrinnen. Auf dem Dachfirst drehte sich eine uralte Wetterfahne mit einem springenden Pferd von Zeit zu Zeit kreischend in den Angeln. Inzwischen gab es auf dem Hof keine Pferde mehr und auch die Kuhställe standen leer.
Die Scheune hatte man abgerissen. Die Leibzucht war baufällig. Das Backhaus hatte die besten Zeiten hinter sich. Das Lehmstakenwerk war stark in Mitleidenschaft gezogen und die Lehmkuppel fingerdick mit Ruß überzogen. Vormals hatte man sich die Glieder an der heißen Luft gewärmt. Die alte Gerstekorn litt an der Gicht. Sie fröstelte ständig. „De Naut es graut!“ – Die Nacht ist grau! – soll sie geseufzt haben. Wenn sie zu Bett ging, nahm sie die Wärmflasche mit und wickelte sich einen Schal um den Hals. Ihr Mann konnte den Arm nicht bewegen. Kluckhan wollte den Doktor holen. Drake wollte davon nichts wissen und hatte gespottet: „Den möt jui schwärmen!“, was so viel wie „dünsten“ hieß.
Bis unlängst hatte Cord Drake mit zwei ebenfalls unverheirateten Schwestern auf dem Hof gelebt. Da die jüngere aufgrund ihrer Dickleibigkeit „nie richtig anpacken“ konnte, hatte die ältere die Hausarbeit übernehmen müssen. Nach dem Tod ihrer Schwester wurde auch sie zunehmend gebrechlich. Als sie eines Abends in den Keller steigen wollte, war sie auf der schmalen Stiege ins Stolpern geraten und gestürzt. Niemand hatte es bemerkt. Am nächsten Morgen fand man sie leblos auf dem Boden.
Seitdem Cord Drake allein auf dem Hof lebte, war es mit dem Hauswesen laufend bergab gegangen. Man munkelte, der Alte sei hoch verschuldet, man sprach aber auch davon, er habe an geheimer Stelle einen Schatz gehortet. Im Siebenjährigen Krieg, wollte man wissen, hatte man unweit seines Hofs einen Feuereimer mit Gold vergraben. Als einer der Drakes spät abends dort vorbeikam, soll er ein Goldfeuer gesehen, zu seiner Pfeife gegriffen und ein Stück Kohle hineingesteckt haben. Am anderen Morgen soll er ein blankes Goldstück herausgeklopft haben.
Das waren Hirngespinste, aber als verbürgt galt, dass ein Vorfahr von einem französischen Offizier, der im Jahr achtzehndreizehn auf der Flucht vor den Preußen war, einen Beutel mit Silbertalern erhalten hatte. Das soll der Lohn dafür gewesen sein, dass er ihm auf seinem Hof Zuflucht gewährt hatte.
Auch Cord Drakes Großvater war unerwartet zu einem Vermögen gekommen. Er war um das Jahr achtzehnfünfzig als Goldschürfer nach Kalifornien aufgebrochen und soll mit einem Goldschatz zurückgekehrt sein. Ich wollte nicht ausschließen, dass man ihn in dem roten Sofa versteckt hatte.
Cord Drake galt als verschrobener Eigenbrötler. Wenn sich ein Fremder dem Haus näherte, war er umgehend zur Stelle und äugte misstrauisch zu dem Ankömmling hinüber, und wenn er ihn nicht kannte, rief er: „Wech hier vom Hoff! Ich hab nichts, ich brauch nichts, ich hab nichts zu verschenken!“
Auch Kinder hatten auf seinem Hof nichts zu suchen: „Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen!“ Wenn sich die Kleinen beim Versteckspiel in der baufälligen Leibzucht verkrochen, warnten die Mütter: „Bleibt da weg! Opa Drake will nicht, dass ihr dort spielt.“
Der Alte war inzwischen krank und hinfällig. „Wird Zeit, dass der Herrgott mich zu sich nimmt!“, soll er gemeint haben. Sein Nachbar Gerstekorn sah gelegentlich nach ihm. Da Drake keinen „Kürkasten“ besaß, wie man den Fernsprecher vormals nannte, hatte man eine Schnur zum Nachbarhaus verlegt, die im Notfall eine Schelle läuten ließ. Einmal hatte man den Arzt rufen müssen. „Der macht es nicht mehr lange“, hatte der Doktor gemeint. „Eigentlich kann er nicht länger ohne Aufsicht bleiben.“
Cord Drake hatte beschlossen, seinen Hof noch zu Lebzeiten einem weitläufigen Verwandten zu überschreiben. Philipp Drake war ein Nachkomme seines Onkels Karl Adolph Wilhelm, dessen Sohn im Jahr achtzehneinundachtzig in die Staaten ausgewandert war. Von Beruf war Philipp Drake Landprediger. Viel mehr war über ihn nicht bekannt.
Bevor der Erbe angereist war, hatte sich Cord Drakes Gesundheitszustand weiter verschlechtert. Gerstekorn hatte ihn nur noch selten gesehen. Als er einmal nach ihm schauen wollte, hatte er ihn beim Frühstücken angetroffen. Es war merklich kühl in der Stube. Der Alte war in Mantel und Schal gehüllt. Er hatte es wieder einmal versäumt, rechtzeitig den Ofen anzuzünden. Auf dem mit einer schmierigen Wachsdecke überzogenen Tisch standen wahllos eine Reihe von Gerätschaften herum: ein Teller mit einer klobig geschnittenen Brotscheibe, ein Messer, ein Buttergefäß, ein Marmeladenglas, ein Becher, eine Kaffeekanne und mehrere, zum Teil bereits geleerte Bierflaschen nebst einer Reihe von Utensilien, die vermutlich in Griffnähe liegen sollten, darunter eine Brille und diverse Medikamente. Auf der Anrichte türmte sich ein Stapel Papiere. Gerstekorn vermutete, dass es sich um Urkunden handelte, die für die geplante Überschreibung des Besitzes benötigt wurden.
Tage später fand man Cord Drake tot am Ufer des Hausteichs auf. Er lag mit dem Gesicht nach unten im flachen Wasser. Die Arme waren weit ausgestreckt, als ob er an den Ufergewächsen nach Halt gesucht hätte. Als man die Leiche aus dem Wasser zog und umdrehte, stierten seine Augen ins Weite und sein geöffneter Mund machte den Eindruck, als habe er verzweifelt um Hilfe rufen wollen.
Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch das Dorf. Alle rätselten, wie der Alte zu Tode gekommen war. War es ein Unfall? Hatte er einen Schwächeanfall bekommen? Etwas lebensmüde habe er durchaus gewirkt, hatte man eingeräumt, aber an einen Selbstmord wollte niemand so recht glauben und an einen Mord noch weniger. Doch man hielt sich bedeckt. „Sach bloß!“, meinte man vielsagend. Wie sollte man auch wissen, was an der Sache dran war. „Mui salt nich angohn, wat de Nobar deut!“ – man soll sich nicht darum scheren, was der Nachbar tut -, hieß es vormals.
Ich hatte einen Bericht verfasst. Unter dem Titel „Altbauer in Dalborn tot aufgefunden“ war von einem ruhigen Nest die Rede, in dem sich niemand hatte vorstellen können, dass es mit einem Anwohner ein so schreckliches Ende nehmen würde. Ich sprach von Spekulationen, dass es bei seinem Tod nicht mit rechten Dingen zugegangen war, aber auch davon, dass es bislang keinen gesicherten Hinweis auf ein Fremdverschulden gebe.
Im Dorf reagierte man mit Unmut: Ich brächte den Ort unnötig in die Schlagzeilen, hieß es. Mein Chef war begeistert: „Eine nicht gerade alltägliche Geschichte. Machen Sie etwas daraus und halten Sie die Leser auf dem Laufenden!“
Kriminalkommissar Hermann Dunkelmann hatte Ermittlungen eingeleitet. Er stammte aus Berlin, war aber seit langem in Lippe ansässig. Inzwischen stand er kurz vor seiner Pensionierung. Ein letzter, durchschlagender Erfolg würde seine Karriere positiv abrunden. Er war nicht mehr der Jüngste und alles andere als eine imponierende Erscheinung. Aber er galt als erfahren. Er kannte seine Pappenheimer. Er war Hans Dampf in allen Gassen und hatte seine Nase überall. Im Milieu sprachen sie von einem „Schnüffler“.
Wenn er seinen Namen nannte, horchte man gewöhnlich auf. Dunkelmann, das klingt nach Hölle oder Unterwelt. Er gab nichts darauf: Seine Vorfahren hießen schon immer so. Warum hatte niemanden interessiert. Im Grunde aber passte sein Name gewissermaßen zu seinem Beruf. Er hatte es laufend mit Unholden und Bösewichten zu tun. Ich fand, dass er dem Käuzchen glich, das sich tagsüber verkroch und erst nächtlich aus der Ulenflucht meines Kottens huschte. Der Räuber ist scheu. Man sieht ihn nie. Er geht erst nachts auf Jagd. Er kann nahezu lautlos gleiten und seine Beute auch im Dunkeln aufspüren.
Dunkelmann war klein und gedrungen, hatte Vollglatze und einen kaum zu übersehenden Bauchansatz. Er hatte einen watschelnden Gang und beim Laufen kam er rasch ins Schwitzen und Keuchen. „Humpelmann!“ hatte ihm einmal ein frecher Bengel nachgerufen. Dunkelmann war Brillenträger seit langer Zeit, aber hinter den schweren Gläsern verbargen sich zwei listige Augen. Wenn er seine Brille wieder einmal nicht greifbar hatte, schrieb er seine Notizen auf gut Glück. Seine Mitarbeiter wunderten sich, dass er das Gekrakel später noch lesen konnte.
Hinter vorgehaltener Hand nannte man ihn „Pinguin“. Das mochte daran liegen, dass er stets eine schlabbrige, schwarze Cordhose und einen Wollpulover von undefinierter, heller Farbe trug. Das erinnerte an den „Frack“ des Pinguins, der dem Vogel als Tarnung dient. Von unten gesehen, hebt sich der weiße Bauch kaum vom hellen Himmel ab. Von oben betrachtet, verliert sich der schwarze Rücken im Dunkel des Meeres. Der Vogel hat einen massigen Körperbau. Er ist ein geschickter Taucher, er kann aufrecht gehen, aber mit dem Laufen hapert es und fliegen kann er überhaupt nicht. Er gilt als furchtlos und neugierig, ist aber an Land kurzsichtig. Der „Brillenpinguin“ scheint eine Sehhilfe zu haben. In Wirklichkeit handelt es sich um einen kreisförmigen, nackten Hautfleck, der das Blut abkühlt und dem Schwitzen vorbeugt. Dunkelmann nahm es gelassen: Der Pinguin ist flugunfähig, aber wer nicht fliegen kann, kann auch nicht abstürzen!“
Was ihn besonders auszeichnete, war seine Zähigkeit. Er war äußerst penibel und ließ nie locker, auch dann nicht, wenn andere längst aufgeben wollten. „Halbe Sachen“ konnte er auf den Tod nicht leiden. „Nicht hieb- und stichfest, alles Kokolores!“, wetterte er und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, duldete er keine Widerworte. „Kommt nicht in die Tüte!“, wehrte er mit wegwerfender Handbewegung ab.
„Es kommt immer auf den richtigen Riecher an!“, pflegte er zu sagen. „Fährte aufnehmen, abwarten und auf der Lauer bleiben. Irgendwann macht jeder einen Fehler, dann zuschnappen!“ Wenn er den Fall am Ende gelöst hatte, klatschte er zufrieden in die Hände und meinte: „Abgehakt!“ Er war nicht unbedingt gottesfürchtig, aber es fehlte selten der Spruch: „Der Herr sprach, es werde Licht, und es ward Licht!“
Auf Spekulationen ließ er sich ungern ein. Für ihn zählten nur „nackte Tatsachen“. Ihm reichte es, wenn der Täter überführt war. Die Motive der Täter zählten durchaus und für Menschliches hatte er volles Verständnis, aber weiterführende Fragen stellte er nicht. Politisches und Gesellschaftliches blieb bei ihm außen vor. „Das geht mich nichts an!“, meinte er. „Davon verstehe ich nichts. Darum sollen sich andere kümmern!“
Er war noch von der alten Schule. Er hatte stets Notizblock, Kugelschreiber, eine Taschenlampe, eine Lupe und eine Sofortkamera in der Tasche. Als das Mobiltelefon aufkam, sprach er von einer „tollen Sache“, aber an den PC konnte er sich nicht so recht gewöhnen: „Ein Sammelkasten, ganz nützlich, mehr nicht!“ Dort kam alles rein, was anfiel, mit Aktenzeichen, Verteilerschlüssel und so weiter einschließlich der Abschlussberichte. Er haßte den „Papierkram“: „Ist lästig, muss aber sein!“
Dass er von moderner Technik zuweilen nicht viel hielt, zeigte sich auch an anderen Dingen. Privat fuhr er einen betagten „VW-Käfer“, Modell „Standard“, Baujahr zweiundsechzig, dunkelgrün wie alle Polizeifahrzeuge damals. Es war sein erster Wagen, gleich nach dem Eintritt in den Polizeidienst angeschafft, von der Behörde ausrangiert und für wenig Geld übernommen. „Der ist noch immer gut in Schuss“, meinte Dunkelmann, „und läuft wie verrückt!“
Mit seinem Dienstwagen konnte es der Oldtimer nicht aufnehmen. Der war blau-silbrig lackiert und mit allem „Pipapo“ ausgestattet. Am Steuer saß immer ein Mitarbeiter. Seit es mit dem Sehen immer schlechter wurde, nahm Dunkelmann nur noch selten den Wagen. Urlaubsreisen kannte er ohnehin nicht und wenn er etwas zu besorgen hatte, nahm er lieber das Taxi oder den Stadtbus.
Er war ein Eigenbrötler. Er gab nichts darauf, was andere meinten, und von Teamwork hielt er auch nichts: „Einer muß das Kommando geben!“ Es war wie bei den Wölfen. Einer hat im Rudel das Sagen und rennt bei der Jagd immer laut bellend vorweg. Dass Dunkelmann mit seinen Kommandos schnell bei der Hand war, aber mit seinen Vermutungen lange hinter dem Berg hielt, nervte seine Mitarbeiter. Ein Einpeitscher war er indes nicht: „Immer mit der Ruhe!“, mahnte er, und nachdem er seine Truppe eingewiesen hatte, meinte er lässig: „Denn mal los, Jungs!“
Nach außen hatte er eine raue Schale, hinter der sich jedoch ein weicher Kern verbarg. Er war äußerst schweigsam und konnte geduldig zuhören, aber wenn er den Mund auftat, redete er, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Er wirkte oft grob, mürrisch und verdrossen, galt aber als hilfsbereit und beflissen, wenn Not am Mann war. Gelegentlich konnte er sogar liebenswürdig sein.
Er hatte seine Schrullen und Kanten, aber eigentlich keine Laster bis auf das Rauchen. Die Pfeife ging ihm selten aus, auch nicht im Dienst, Vorschrift hin, Vorschrift her. „Rauchen ist nützlich!“, pflegte er zu sagen, „es vertreibt die Mücken und schärft die Sinne!“ Wenn er über einen verzwickten Fall grübelte, schien es, als paffte er die Rauchwölkchen prüfend erst in die eine und anschließend in die andere Richtung. Mich störte der Pfeifenrauch nicht. Ich war selbst Raucher. Aber für empfindliche Nasen war seine ungehemmte Qualmerei eine Zumutung. Mag sein, dass er das als persönliches Privileg betrachtete. Er war ein eingefleischter Junggeselle. Ihm konnte niemand reinreden. Frauen waren ihm grundsätzlich suspekt: „Zu emotional, zu kompliziert, für den Dienst eher ungeeignet.“
Dunkelmann gegenüber hatte ich gelegentlich Andeutungen über meine verkorkste Beziehung gemacht. Er machte keinen Hehl aus seiner Einschätzung: „Nichts für ungut, das geht mich nichts an, aber die Frau ist nicht gerade mein Fall. Sie ist reichlich kompliziert und von sich eingenommen. Es muss ziemlich stressig mit ihr gewesen sein. Ich wundere mich, dass Sie es so lange bei ihr ausgehalten haben!“
Dass Hilde auf Dunkelmann nicht gut zu sprechen war, war zu erwarten. Sie hatte kein Blatt vor den Mund genommen: „Der Alte ist ein Provinzler und Kleingeist. Er hat keine Ahnung von der heutigen Welt. Das zeigt sich schon daran, wie abfällig er über Frauen spricht. Du scheinst dich recht gut mit ihm zu verstehen, aber ich würde nicht darauf setzen, dass er in der Lage ist, Licht in die dubiosen Vorgänge in Dalborn zu bringen.“
Außenstehenden gegenüber gab sich Dunkelmann äußerst reserviert, privat wie beruflich. Das galt besonders für die „Zeitungsfritzen“. „Maul halten!“, pflegte er seinen Mitarbeitern einzuschärfen, wenn Leute von der Presse auftauchten. „Kein Wort ohne meine Erlaubnis!“ Wenn nicht, drohte eine „Abreibung“.
Anfangs war er auch mir gegenüber ausgesprochen zugeknöpft. Im Laufe der Zeit lernten wir uns näher kennen und ich erfuhr das eine oder andere aus seinem Leben. Gelegentlich konnte ich sogar einen tieferen Blick in seine Seele werfen. Ausgesprochene Freunde wurden wir nicht, das wäre zu viel gesagt, aber doch Vertraute insofern, als er mich zunehmend in seine Arbeit einbezog.
Ursprünglich hatte er Steuerberater werden wollen. Dann hatte er umgesattelt und war zur Polizei gegangen. Das hatte nichts mit den Vorteilen zu tun, die man als Beamter genießt. Das hatte private Gründe. Seine Verlobte war bei einem Raubüberfall zu Tode gekommen. Die Ladeninhaberin hatte es gemacht, wie man es auch bei einer Wolfsattacke halten soll. Sie hatte laut geschrien und mit den Armen gefuchtelt. Der Maskierte hatte dennoch geschossen. Als sich Dunkelmanns Verlobte schützend vor die Ladeninhaberin stellte, hatte sie eine Kugel tödlich getroffen. Seitdem war er davon besessen, Bösewichte zu jagen und ihnen das Handwerk zu legen. „Das ist mein Leben!“, hieß es. Alles andere war Nebensache.
Bei der Polizei hatte er von der Pike auf gelernt und sich hochgearbeitet. Bis ganz oben war er nicht gekommen. Im Chefsessel saßen die „Studierten“. Er nahm es gelassen. Er war ohnehin lieber „vor Ort“. Sein Vorgesetzter wusste immer alles besser. In Dunkelmanns Augen war er ein „Sesselpupser“, aber mit ihm war nicht zu spaßen. Er war auf dem neuesten Stand und hatte seine Prinzipien: „Verstärkt die modernen technischen Hilfsmittel einsetzen! Keine Eigenmächtigkeiten! Alles vorher absprechen!“ Er war ständig besorgt, dass etwas schiefgehen könnte oder dass ihm nachträglich die Gerichte einen Strich durch die Rechnung machen könnten: „Immer ausreichend absichern, sonst kommen wir in die Bredouille!“ Der Ausdruck ist verballhorntes Französisch und heißt so viel wie „ohne Beute von der Jagd zurückkehren“. Er ist in Berlin geläufig. Dunkelmanns Vorgesetzter kam von dort. Er war zudem passionierter Jäger.
Nach dem Tod seiner Verlobten hatte Dunkelmann allein gelebt. Man sah ihm den Junggesellen an. Seine Mahlzeiten brutzelte er sich irgendwie zusammen. Er liebte Deftiges. Die Kalorienfrage stellte sich nicht. Im Dienst aber gönnte er sich kaum eine Pause. Ein paar Kekse und eine Tüte mit Obst reichten notfalls aus. Die Papiertüte war in seinen Augen eine geniale Erfindung: „Man nimmt ein Stück Packpapier und rollt es schräg zusammen. Fertig ist die Laube!“ Er sprach wiederholt davon, wie gut die Marktfrau den Dreh heraushatte und wie flugs sie das Obst in der Tüte verstaute, aber nicht ohne zu spötteln: „Die Frau, die die Tüte erfand, war ein Riese an Verstand!“
Ich war noch nicht in Dalborn, als es mit dem alten Drake ein so schreckliches Ende nahm, und Dunkelmann lernte ich erst kennen, als er erneut vor Ort war. Er kam auf einen Sprung zu mir herüber. Er wollte von mir wissen, ob mir irgendetwas Sachdienliches aufgefallen war und welchen Eindruck ich von den Leuten im Ort hatte.
Als er sah, wie heruntergekommen das alte Gemäuer war, zog er seine Augenbrauen hoch. Er setzte seine Brille auf, schaute sich interessiert in der Deele um und nahm das eine oder andere genauer unter die Lupe. Sein besonderes Augenmerk galt dem Sofa.
„Interessantes Stück!“, meinte er vielsagend. „Aber wie es aussieht, hat es inzwischen ausgedient!“
Ich sprach davon, dass es dem verstorbenen Vorbesitzer gehört hatte und ein Hochzeitsgeschenk hatte sein sollen.
„Es paßt nicht so recht in die Umgebung“, räumte ich ein, „aber ich will es behalten. Es gehört hierher.“
„Verstehe“, meinte Dunkelmann.
Ich wartete ab, ob er sich zu den Flecken auf dem Bezug äußern würde.
Dunkelmann schwieg. Ich verzichtete darauf nachzufragen, ob es sich um Blutspuren handeln könnte und ob sie auf einen Mord hindeuten könnten. Mit dem Tod von Cord Drake zumindest konnten sie kaum etwas zu tun haben. Bei seinem Tod wurde kein Blut vergossen.
Nachdem Dunkelmann sich einige Notizen gemacht hatte, kam er auf den Stand der Ermittlungen zu sprechen. Er steckte sich seine Pfeife an und ließ den Rauch kreiseln.
„So viel läßt sich immerhin sagen“, meinte er. „Man hat Cord Drakes Leiche am späten Abend am Ufer des Hausteichs entdeckt. Sie lag mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Was wollte der Alte dort zu so später Stunde? Er war hochbetagt und gebrechlich. War er überhaupt noch in der Lage, allein bis zum Teich zu gelangen? Wie auch immer, es könnte sich um einen Unfall gehandelt haben. Denkbar wäre, dass er einen Schwächeanfall bekommen hatte, in das Wasser gestürzt war und sich nicht mehr aus eigener Kraft hatte retten können.
An einen Selbstmord kann ich nicht so recht glauben. Er war einsam und möglicherweise etwas wirr im Kopf. Da macht man schon mal einen Schlussstrich. Aber warum sollte er seinem Leben zu diesem Zeitpunkt ein Ende setzen? Er hatte doch vor, seinen Besitz noch zu Lebzeiten einem Nachfahren aus den Staaten zu überschreiben. Und warum wollte er sich ausgerechnet ertränken? Das scheint keine besonders geeignete Art zu sein, um sich um die Ecke zu bringen, und dass sie in einem flachen Gewässer funktioniert, ist kaum vorstellbar.“
Dunkelmann hatte Erkundigungen im Dorf eingezogen. Angeblich hatte niemand außer Drakes Nachbar Gerstekorn in letzter Zeit Kontakt mit dem Alten. Er hatte die Leiche entdeckt und die Polizei verständigt.
Die Gerstekorns waren im Dorf hoch angesehen. Der Bauer galt als tüchtig, redlich und zuverlässig, war zur Zeit Dorfvorsteher und Mitglied der Jagdgenossenschaft, aktiv bei der freiwilligen Feuerwehr und im Kirchenvorstand. Inzwischen war er, mit Ausnahme der Kluckhans, der letzte noch aktive Landwirt. Auf dem Mist krähte frech der Hahn und im Stall grunzten vergnügt die Schweine. Von der Weide hinter dem Hof konnte man das sanfte Muhen der Kühe hören.
Gerstekorns Frau kümmerte sich um den Haushalt, die Kinder, den Garten und das Federvieh. Sie trug das Kirchenblättchen aus und kümmerte sich um die Bedürftigen. Gerstekorns seit Jahren verwitwete Mutter lebte in der Leibzucht. „Oma Gerstekorn“, wie man sie im Dorf nannte, war schon sehr gebrechlich und konnte ohne fremde Hilfe nicht mehr aus dem Haus. Ihre alten Knochen wollten nicht mehr. Sie hatte vermutlich Arthrose. Ihre bewährten Hausmittelchen zeigten kaum noch Wirkung. Aber sie klagte nie: „Muß irgendwie gehen, Unkraut vergeht nicht!
„Nach dem Doktor“ ging sie nur unwillig: „Was soll der schon helfen? Der redet viel, von dem man nichts versteht, spricht von verschobenen Wirbeln und blockierten Nervensträngen und will einen in die Röntgenröhre schicken, und wenn man von dem Gedöns nichts wissen will, verordnet er eben Massagen.“
Auf die „Fachfrau für das Knochenrichten“ war sie nicht gut zu sprechen: „Man muß regelmäßig hinlaufen. Kostet ne Menge Geld und Zeit! Und dann soll man zu Hause Übungen machen: nach links recken, nach rechts, Pause machen, tief einatmen, wiederholen. Mumpitz! Bin doch kein Äffchen und turne in meinem Alter sinnlos in der Bude rum!“
Sie war stolz darauf, dass sie noch gebraucht wurde, als Aufsicht für den Enkel, für das Kochen in der Erntezeit, als Doktorersatz bei kleinen Wehwehchen, für das Flicken der Arbeitskleidung, das Zupfen von Unkraut und das Dörren und Einmachen von Gemüse und Obst. Gelegentlich ließ sie mir ein Gläschen Marmelade schicken. Sie wusste noch um die althergebrachten Hausrezepte. Ihre Spezialität war lippischer Pickert mit Leberwurst und Pflaumenmus. Wenn ich mittags mal bei ihr hereinschaute, brutzelte und dampfte es auf ihrer gusseisernen Küchenmaschine. Ich durfte immer probieren.
Sie war eine überaus fromme Frau. „Gott der Herr wird uns erhalten“, meinte sie, „und am Ende sind alle wieder auf Kösters Kamp vereint“, womit sie zum Ausdruck bringen wollte, dass der Mensch auf dem Friedhof seine ewige Ruhe finden werde. Wenn Sonntag war, bestand sie darauf, dass man sie zum Gottesdienst mitnahm. Wenn sie anschließend bei den „jungen Leuten“ am Mittagstisch den Ehrenplatz eingenommen hatte, übernahm sie das Dankgebet.
Was man grundsätzlich zu tun oder zu lassen hatte, bestimmte der Pastor. Was er von der Kanzel predigte, galt schon immer als unumstößliche Wahrheit. Ein Vorfahr der Gerstekorns hatte ein Heftchen für häusliche Andachten angelegt. Darin war fein säuberlich notiert, was man beachten müsse, um nicht irgendeinem Irrglauben zu verfallen. Insgeheim aber muckte man gelegentlich dagegen auf, dass man nichts mitzureden hatte, und hinter vorgehaltener Hand hieß es: „Der Pasteoer üppen Kanßel hät geot kürn, Heu draff schellen, öber keuner draff anweorn!“ – Der Pastor hat auf der Kanzel gut reden, er darf den Mund auftun, aber keiner darf antworten! Und was das Wirtschaftliche betraf, ließ man sich auch nichts vormachen. Er müsse sich rund um die Uhr abrackern, hatte einer gemeint, während der Pastor nur schöne Reden halte. Er verglich den Geistlichen mit einem Hund, der sein Brot mit Bellen verdient. Aus seinem Mund klang das so: „De Papen un de Hunne verdeunt dat Braut Metten Munde!“ – Der Pastor und die Hunde verdienen ihr Brot mit dem Munde!
Oma Gerstekorn kannte sich auch im weltlichen Bereich bestens aus. Sie wusste, wer neu im Dorf war, wie es um die Ernte stand, wer in Geldnöten war, wo es Ehestreit gegeben hatte, wer an was erkrankt war und was der Doktor gemeint hatte, wen man zur ewigen Ruhe getragen hatte und was am Grab gesagt wurde. Niemandem solle man etwas Schlechtes nachsagen, meinte sie. In der Regel sprach sie bei dem Verstorbenen von einem lieben Menschen, der es im Leben oft schwer gehabt habe, und wenn es etwas an ihm auszusetzen gab, dass ihm der Herrgott verzeihen möge.
Bei den Gerstekorns hielt man auf Tradition. Ihr Hof war der älteste im Dorf, alles belegt durch alte Hofurkunden auf vergilbtem Pergament und mit Siegel. Oma Gerstekorn kramte voller Stolz ein steinzeitliches Beil aus. Man hatte es vor Zeiten auf dem hauseigenen Acker gefunden, als man noch mit dem Pferd pflügte und die Furche genau im Auge hatte. Das sollte man besser ins Archiv geben, riet ich, obwohl da auch manches unter die Räder gerät.
In ihrer Kommode hatte sie Fotos, Briefe, Tauf-, Sterbe-, Konfirmations- und Heiratsurkunden verwahrt. Wenn sie die Fotoalben durchblätterte, wies sie mit ihrem verkrümmten Zeigefinger auf die Fotos von ihrem Vater. Er war als Säugling bei der Taufe abgelichtet, bei der Einschulung, anlässlich der Konfirmation, als junger Rekrut, auf der Hochzeitsfeier mit Ehefrau und Anverwandten, aber auch bei der Feldarbeit mit Pferd und Wagen oder nach Feierabend mit der Familie in der Gartenlaube.
Dann waren die Mutter und die Geschwister an der Reihe. Paul war der Älteste, Friederike, August, Heinrich, Wilhelmine und Emilie kamen später zur Welt. Gelegentlich waren die Nachbarn abgelichtet. Einer von ihnen hatte eine Tochter der Gerstekorns geheiratet, ein anderer deren Schwester. Man war nahezu mit dem halben Dorf verschwägert, denn vormals wurde „über den Mist geheiratet“, damit die Höfe zusammenkamen. Ich kam zunehmend nicht mehr nach mit all den Namen.
Was die Familienidylle trübte, war zum einen das schwere Los der Tochter. Sie war mit ihrem Jungen ins Elternhaus zurückgekehrt, nachdem ihr Mann tödlich verunglückt war. Zum anderen machte man sich Sorgen wegen der Zukunft des Hofs. Der künftige Hoferbe war noch unbeweibt und lebte weiterhin bei den Eltern.
Er machte sich nichts vor: „Kleine Höfe haben keine Perspektive! Neues muß her!“ Er erwog die Umstellung auf einen Biobetrieb mit Hofladen. Das war ein langer Prozess und ging nicht mal so eben. Man hätte Ferienwohnungen für Sommergäste anbieten können, einen Streichelzoo für die Kinder und ein Tierheim mit Rundumpflege, während Herrchen Urlaub macht. Die ganze Familie könnte mitmachen. Aber dafür wären erhebliche Investitionen erforderlich. Der Vater war skeptisch: „Junge, übernimm dich nicht! Du wärst nicht der Erste, der den Hof mit Schulden überhäuft.“
Dunkelmann wollte herausfinden, ob Gerstekorn am Tag, als der alte Drake starb, etwas bemerkt hatte. Gerstekorn gab an, dass ihm nach der Rückkehr von der Feldarbeit gegen achtzehn Uhr seine Tochter mitgeteilt hatte, dass Drake gegen Mittag die Schelle hatte läuten lassen. Vermutlich das Übliche, hatte sie gedacht: Kein Brot im Haus oder Brille oder Medikament verlegt. Sie hoffte, dass es sich nicht um Ernsteres handelte. Der Alte mochte wieder einmal einen Schwächeanfall mit Atemnot gehabt haben. Die alte Geschichte: Er hatte es schon lange an der Lunge. Aber da sie sich allein nicht auf Drakes Hof getraut hatte, hatte sie gewartet, bis der Vater vom Feld zurück war. Als Gerstekorn nach dem Alten sehen wollte, war dessen Bett leer. Die Kissen waren auffällig durchwühlt. Man hatte das ganze Haus durchsucht. Am Ende fand man die Leiche im Teich.
Dann aber fiel Gerstekorn etwas ein, das Dunkelmann aufhorchen ließ: Als sich die Tochter nach dem Essen im Garten zu schaffen machte, hatte sie gesehen, dass zwei Männer aus der Einfahrt zu Drakes Hof kamen. Ihr schien, dass sie es eilig hatten. Ganz sicher sei sie sich nicht gewesen, hatte sie eingeräumt, aber es könnte sich um Kluckhan und seinen Sohn gehandelt haben.
Dunkelmann hatte sich umgehört: Zwischen den Kluckhans und den Drakes hatte es seit Menschengedenken Streit gegeben. Mal ging es um den Grenzverlauf der Feldfluren, mal um Zufahrtsrechte. Ich hatte mit den Leuten bislang noch keine Bekanntschaft gemacht, aber was ich über den verstorbenen Altbauern in Erfahrung gebracht hatte, gehörte nicht zu den Dingen, über die man offen sprach. Oma Gerstekorn hatte es noch miterlebt. Ich musste ihr versprechen, die Angelegenheit für mich zu behalten.
Kluckhan galt frühzeitig als „linientreu“ und wurde umgehend Ortsbürgermeister mit all den Folgen, die das nach sich zog. Nach Kriegsausbruch hatte er dafür gesorgt, dass die Frauen Päckchen an die Frontkämpfer schickten, und als die ersten „Ostarbeiter“ eintrafen, hatte er die Verteilung auf die einzelnen Höfe organisiert. Als es mit dem Siegen nicht mehr so weit her war, wurde auch er einberufen. Er kam an die Ostfront. In Russland sei alles primitiver als in Lippe, soll er gesagt haben, sogar in den Städten, ganz zu schweigen von den verdreckten und verlausten Gettos. Genaues hatte er nie erzählt, außer dass es fürchterlich gewesen sei und es am Ende „miese Verräter und windige Wendehälse“ gegeben habe. Nach Kriegsende war er für Jahre in sowjetischer Gefangenschaft. In dem Lager hatten ihm die „verdammten Bolschewisten“ übel mitgespielt. Dann aber war man „wieder auf die Beine gekommen“.
Alle waren froh, dass der Spuk vorbei war, aber für seinen Sohn war der „Alte“ ein Vorbild. Der Vater hatte ihm den Vornamen „Wotan“ gegeben. Der Pastor hatte von einem „heidnischen Zaubernamen“ gesprochen und gespöttelt: Er buchstabiere sich wie „Wotan-Odin-Thor-Adolf-Nazi“. Obwohl man sich grundsätzlich mit dem Vornamen anredete, war Wotan für alle „der Kluckhan“.
Er war aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sein Vater. Er wirkte griesgrämig und galt als streitsüchtig. Er kannte nur zwei Tonlagen: Entweder meckerte er oder er kommandierte. Wenn ihm etwas nicht passte, ließ er seinem Zorn freien Lauf und wenn sein Kontrahent nicht kleinbeigeben wollte, stieß er mit seiner Forke heftig auf den Boden, als ob er ihm den Garaus machen wollte.
Kluckhan war Hans Dampf in allen Gassen. Er war bei der Feuerwehr, im Sportverein, in der Jagdgenossenschaft und auch bei den Kameradschaften aktiv. Er hatte dafür gesorgt, dass auf dem Friedhof den „heldenhaft Gefallenen“ ein würdiges Denkmal gesetzt wurde. Er wäre gern als Ortsvorsteher in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Dagegen gab es aber erheblichen Widerstand.
Dass man ihm lieber aus dem Wege ging, war nicht zu übersehen. Die anderen taten sich in der Ernte zusammen. Er machte seinen Kram stets allein. Nach der Jagd regelte er die Verteilung der Strecke. Die anderen nahmen sich, was ihnen zustand. Wenn er etwas übrighatte, konnte er sehen, wie er es loswurde.
Kluckhans ganzer Stolz war sein Hund. „Wolfi“ nannte er die Schäferhündin. Angeblich stammte sie vom germanischen Urhund ab. Wenn sie sich besonders brav gab, soll er zuweilen auch „Blondi“ zu ihr gesagt haben. Nachts wurde sie in einen Zwinger gesperrt. Tagsüber lag sie an der Kette. Wenn sich ein Fremder dem Hof näherte, war der Teufel los. Sie sprang dann wütend auf, rannte mit rasselnder, nachgeschleppter Kette auf den Ankömmling zu und fletschte die Zähne. So ähnlich stellt man sich eine Wolfsattacke vor. Die wilden Biester gelten als ausgerottet und kommen nur noch im Märchen vor. Sie sollen aber wieder im Vormarsch sein. Sie hinterlassen inzwischen ihre Spuren auch in Lippe.
Kluckhan war ein Ewiggestriger. Für ihn war das Dritte Reich keine Diktatur: „Hitler wurde frei gewählt!“ Das „Reich“ war nie untergegangen. Deutschland war noch immer im Kriegszustand. Nicht nur auf seinem Hof, auch an seinem Traktor hing die Nationalflagge, notgedrungen in den neuen Farben. Er sprach immer verächtlich von dem „Lappen Schwarz-rot-Senf“.
Dass nichts mehr so war wie früher und „Verräter und Wendehälse“ das Sagen hatten, hatte ihn zum Wutbürger werden lassen. Wiederholt hatte er mit der Obrigkeit im Streit gelegen. Er hatte amtliche Bescheide ignoriert und dem Gerichtsvollzieher einen von einer Reichsbürgerbewegung ausgestellten Fantasie-Pass vor die Nase gehalten. Als sich der Amtsvertreter nicht abwimmeln ließ, hatte er ihn gewaltsam festgehalten. Das hatte ihm ein Bußgeld wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Freiheitsberaubung eingetragen. Man hatte anschließend sein Haus nach Waffen durchsucht. Man stellte sein Jagdgewehr sicher, musste es ihm aber wieder aushändigen, nachdem er vor Gericht Einspruch erhoben hatte.
Kluckhan war ständig auf Schatzsuche. Er träumte davon, germanische Lanzen und Messer, römische Schwerter, Feldzeichen und Goldmünzen zu finden. Er hatte auf den örtlichen Feldfluren gegraben. Ich wollte nicht ausschließen, dass er sich auch auf meinem Hof umgesehen hatte, und fragte mich, ob er den Schatz entdeckt hatte, der möglicherweise in dem roten Sofa versteckt gewesen war.
Er hatte es besonders auf Hinterlassenschaften des Dritten Reiches abgesehen. „Sofort sicherstellen!“, hatte es geheißen. „Das ist Reichsbesitz. Das gehört nicht dem jetzigen Staat!“ Er besaß eine umfangreiche Sammlung von Wehrpässen, Soldbüchern, Uniformen und Orden. Ob zu den Funden auch Waffen und Wertgegenstände gehörten, ließ sich nicht sagen.
Kluckhan verfolgte im Fernsehen die Beiträge über sogenannte „Megaprojekte“ des Dritten Reiches. Von Bunkersystemen und unterirdischen Fabrikanlagen war die Rede, in denen die sogenannten „Vergeltungswaffen“ gebaut wurden. Angeblich handelte es sich um strahlgetriebene Flugzeuge und unbemannte Fernlenkwaffen. Am Ende hatte man sie weitgehend aus Holz gefertigt. Auch in Lippe sollten sie gebaut werden.
„Wer hätte gedacht, dass die heimischen Stuhlfabriken einmal so groß rauskommen würden!“, meinte Kluckhan voller Stolz. „Not macht eben erfinderisch! Und wenn man am Ende nicht schlappgemacht hätte, hätte man den Krieg gewinnen können!“
Kluckhan war überzeugt, dass die Superwaffen auch späterhin zum Einsatz kamen. Als die Amerikaner zum Mond flogen, meinte er: „Alles von den Deutschen geklaut!“ Zu den Superwaffen sollen auch eine „Flugscheibe“ und eine „Strahlenkanone“ namens „Midgardschlange“ gehört haben. Laut Kluckhan wurde das Raumschiff „Challenger“ von der Strahlenkanone abgefackelt und die Flugscheiben waren in das World Trade Center und in das Pentagon gerast.
Kluckhan vermutete, dass man die Superwaffen in unterirdischen Depots versteckt und bei Kriegsende in Höhlensysteme auf den Kanaren verlagert hatte: „Für alle Fälle und wenn es wieder einmal soweit sein sollte!“ Angeblich hatte man auch Gold und Devisenbestände in Sicherheit gebracht. Selbsternannte Experten hatten auf den Kanaren immer wieder gesucht, aber nur Reste von deutschen Uniformen gefunden. Kluckhan hatte mehrfach angekündigt, dass er sich dort umsehen wolle.
Kluckhans Frau war fleißig und bedürfnislos. Man sah sie nur selten und wenn man sie zu Gesicht bekam, verzog sie sich so schnell wie möglich. Es hatte immer den Anschein, als hätte sie etwas zu verbergen. Sie war für die Hausarbeit, das Kleinvieh und die Gartenarbeit zuständig, musste regelmäßig den Hühnerstall und den Hundezwinger ausmisten und den Hofraum kehren. Aber man hörte sie nie klagen, auch nicht, wenn er sie wieder einmal verprügelt hatte.
Auch vormals hatten die Frauen in Lippe nicht viel zu melden. In Männergeschäfte hatten sie sich nicht einzumischen. Sie gehörten an den Kochtopf. „Wuiwer belehrn und Water in eun Sieb schütten, dat kümmt Up dat sülbe heriut!“, sagte man, was heißen sollte, Frauen zu belehren, sei wie Wasser in ein Sieb schütten und käme auf das Gleiche hinaus. Und falls sich die Frau widersetzen sollte, galt der Spruch: „Wuiwer un Brennettel mott’n hart anpoeken, wenn seu nich steken sölt, und eun Puckel vull Schläge gift nüjje Leufde“ – Weiber und Brennnesseln muß man hart anpacken, damit sie einen nicht stechen, und ein paar Schläge geben der Liebe neuen Auftrieb.
Oma Gerstekorn wusste von einem Bauern, der es vormals konsequent so gehalten haben soll. Angeblich hatte ihn ein Ungeheuer angesprungen, als er mit einem Sack Mehl von der Mühle zurückkehrte. Er hatte es nur mit letzter Kraft abschütteln können. Es hatte sich unter seinen Schlägen auf dem Boden gewunden, bis am Ende der „Zaubergürtel“, der die Macht hat, einen Menschen in eine Tiergestalt zu verwandeln, entzweisprang. Der Bauer habe „einen im Giebel“ gehabt, meinte die alte Gerstekorn, und die Schläge hätten seiner Frau gegolten.
Kluckhans Frau suchte ihr Heil im Glauben. Sie war überzeugt, dass die Welt vom Satan beherrscht wird. Den Auserwählten jedoch ist Gewalt gegeben, gegen Ungläubige, Verräter und alle, die sich nicht an Gottes Wort halten. Am Ende der Tage wird der König Jesus das Böse besiegen und das Neue Reich erstehen.
Angeblich spukte es im Haus. Mal waren es himmlische Lichtgestalten, mal böse Geister. Zuweilen wollte sie „Erscheinungen“ gehabt haben. Ihre Mutter hatte an ihrem Bett gesessen. Dann war es wie in der Kindheit: Die Mutter hatte sie in den Arm genommen und liebevoll hin und her gewiegt.
Oma Gerstekorn machte sich Sorgen: „Die Frau ist vom Leben gezeichnet. Das hat ihr Mann auf dem Gewissen! Schrecklich, dass es so weit gekommen ist!“
Sie empfand Mitleid, hielt jedoch entschieden dagegen: „Wer auf Hirngespinste setzt, ist verloren. Möge der Herrgott die Irregeleiteten wieder auf den rechten Pfad zurückbringen!“
Kluckhans Sohn hatte es schwer mit dem Vater. „Der Kleine“, wie es mitleidig hieß, stand völlig unter dessen Fuchtel. Hart wie Kruppstahl, flink wie ein Wiesel, zäh wie Leder sollte der Junge sein. Der Vater hatte ihn „Adolf“ genannt. Im Dorf nannten sie ihn „Kluckie“.
Er war jedoch nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sein Vater. Mit ihm konnte man reden. Er war noch Junggeselle und lebte nach wie vor auf dem elterlichen Hof. Studieren kam für den Vater nicht in Frage: „Mein Sohn soll kein Sesselpupser werden! Auf die eigene Scholle ist Verlaß!“ Er sprach immer vom „Nährstand“: „Er ist der Grundpfeiler der Volksgemeinschaft und muß besonders gehegt werden!“ Dass sein Sohn den Hof einmal übernehmen sollte, war keine Frage, „aber erst, wenn ich meine Augen zumache!“ Auch für Nachwuchs mußte gesorgt werden, hatte aber keine Eile: „Kommt Zeit, kommt Rat! Es ist nicht leicht, eine passende Frau zu finden!“ Er sprach angeblich aus Erfahrung.
Man sah Kluckie nur selten. Wann immer er konnte, verkroch er sich hinter den Bildschirm. In der virtuellen Welt war er „King“. Vormals hatten die Superhelden aus Hollywood die „Nazischweine“ erledigt. Inzwischen legten sie im Krieg der Sterne außerirdischen Killermonstern das Handwerk. Ein Mausklick, und die Bösewichte waren abgeknallt!
In jüngster Zeit war der Zwist zwischen dem alten Drake und den Kluckhans erneut aufgeflammt. Kluckhan wollte Drakes Ländereien übernehmen: „Was will der Alte damit? Er kann sie nicht mehr bewirtschaften. Einen leiblichen Hoferben gibt es auch nicht.“
Cord Drake hatte brüsk abgelehnt: „An dich verpachte ich nichts und einen Verkauf kannst du dir erst recht aus dem Kopf schlagen!“ Sie hatten sich anschließend nicht mehr gegrüßt. Nicht einmal am Portal der Kirche gönnten sie sich einen Blick.
Dunkelmann zündete sich die Pfeife an und ließ den Rauch kreisen. „Als ich die Kluckhans ins Verhör nahm“, sagte er, „gaben sie sich überrascht: Mit dem Tod des Alten hätten sie nichts zu tun! Ich ließ sie wissen, dass man sie am Tag, als er zu Tode gekommen war, am Hofeingang gesehen haben wollte. Sie stutzten. Damit hatten sie offenkundig nicht gerechnet. Ich war gespannt, was sie zu sagen hatten. Kluckhan musterte mich eindringlich: Ja, sie seien gegen Mittag bei Drake gewesen, räumte er ein. Man habe noch einmal über den Verkauf des Hofs reden wollen. Der Alte war sichtlich nicht gut zurecht, hatte noch im Bett gelegen und entsprechend mürrisch reagiert. Kluckhans Sohn hatte mit Engelszungen geredet, aber Drake war nicht umzustimmen. Am Ende wollte er die ungebetenen Besucher aus dem Haus werfen.
Mir kam ein Verdacht: Kluckhan könnte die Nerven verloren haben. Die Würgespuren am Hals der Leiche deuteten darauf hin, dass er Drake an den Kragen gegangen war. Sein Sohn wirkte irritiert, als ich von diesem Verdacht sprach, räumte aber zu meinem Erstaunen ein, dass der Vater gemeint habe, es würde Zeit, dass der Alte abkratze, und auch, dass sein Vater handgreiflich wurde. Er wies jedoch empört zurück, dass er ihn umgebracht habe. Angeblich waren sie umgehend nach Hause zurückgekehrt und hatten den Rest des Tages auf dem Hof verbracht. Aber dafür gibt es außer Kluckhans Frau keine Zeugen und die würde es nie wagen, ihren Mann zu verpfeifen!“
Er ging alle Eventualitäten durch: „Lebte der Alte noch, als die Kluckhans den Hof wieder verließen? Das bleibt vorerst offen, denn die Gerichtsmediziner können nicht sagen, ob der Tod des alten Drake eine Folge der Würgeattacke seitens Kluckhan war oder erst durch ein Ertrinken eingetreten ist. Kann sein, dass der Alte die Würgeattacke überlebt hat, aber mit Sicherheit fühlte er sich schlecht. Er hatte die Schelle betätigt, um Hilfe anzufordern, aber es hatte sich niemand gemeldet. Er hätte sich zum Hof der Nachbarn aufmachen können. In der Tat gab es Fußspuren. Sie führten vom Hinterausgang des Hauses in Richtung Teich. Von dort aus hätte er über einen Trampelpfad zum Haus der Gerstekorns gelangen können. Aber die Spuren endeten am Teich! Sie konnten indes nicht von dem Alten stammen, denn sie passten nicht zu seiner Schuhgröße! Außerdem führten sie auch wieder zurück ins Haus. Hatte Kluckhan den Alten doch erwürgt? Hatte man die Leiche zum Teich geschleppt? Wollte man einen Unfall vortäuschen? Das läge nahe, aber die Fußspuren passten auch nicht zu den Kluckhans. Denkbar ist, dass sie einen Helfershelfer hatten. Aber eine dritte Person wollte Gerstekorns Tochter nicht bemerkt haben. Und wer sollte sich dazu hergeben? Mit den Kluckhans wollte doch niemand im Dorf etwas zu tun haben!
Dann aber stellte sich heraus, dass sich an der Leiche auch Spuren befanden, die nicht von den Kluckhans stammten. Die Frage ist, ob sich nach den Kluckhans noch eine weitere Person auf dem Hof aufgehalten hatte. Niemand wollte etwas bemerkt haben. Theoretisch könnte der Mann, der Drakes Hof erben sollte, dort aufgekreuzt sein. Aber einem Geistlichen kann man kaum einen Mord unterstellen. Und warum auch sollte er den Alten aus dem Weg räumen? Ihm war das Erbe doch sicher. Außerdem konnte er zur Tatzeit noch nicht vor Ort gewesen sein. Er hatte noch im Flieger gesessen. Die Airline konnte das bestätigen.“
Er klopfte die Asche aus der Pfeife: „So, das wär’s! Alles in allem eine verworrene Geschichte!“
Der Schattenmann
Ich hatte Philipp Drake über den Makler kennengelernt, der mir den Kotten vermittelt hatte. Um seine Erbansprüche zu belegen, hatte Drake Papiere vorgelegt, wonach seine Vorfahren mit dem Erblasser verwandt waren. Geboren neunzehnsechzig in Los Alamos/Kalifornien, hieß es in den Personalien, Konfession freikirchlich, in New Ulm/Minnesota ansässig, verheiratet, von Beruf Prediger.
Drake sprach seinen Namen nach amerikanischer Manier aus. Das hörte sich wie „Dreeckie“ an. Das klang nicht unbedingt vertrauenerweckend und ließ eher an einen denken, der Dreck am Stecken hat. „Sagen Sie Phil zu mir!“, meinte er salopp.
Ich hatte keinen Mann im Talar erwartet. Auch hierzulande laufen die Geistlichen nicht mehr ständig im Ornat herum und in den Staaten, besonders auf dem platten Land, soll es diesbezüglich noch weltlicher zugehen. Er gab sich bibeltreu, ließ an den etablierten Kirchen kein gutes Haar, berief sich auf das reine Wort der Heiligen Schrift und war nie um ein passendes Zitat aus der Bibel verlegen, schien aber dem Irdischen keineswegs abgeneigt zu sein. Er hatte ständig den Glimmstängel im Mund und eine Bierflasche zur Hand. Wenn es spät wurde, kam meist noch ein Whisky hinzu.
Ich war überrascht, wie modisch er gekleidet war. Er trug eine dunkel getönte Brille und lief stets in einer Lumberjack-Jacke und eng geschnittenen Jeans herum. Die Sachen sahen aus, als stammten sie aus einem Laden für sportliches Outfit. Meist hatte er eine schwarze Baseball-Kappe auf. Er hatte eine Narbe auf seiner linken Backe. Er musste beim Spielen mal gehörig einen Schlag abbekommen haben.
Bis die Erbangelegenheiten geregelt waren, hatte sich Phil vorübergehend auf dem Nachbarhof einquartiert. Dass man sich gelegentlich traf, ergab sich von selbst. Dann saßen wir in der kleinen, niedrigen ehemaligen Stube und plauderten über Gott und die Welt.
Als ich ihn wieder einmal aufsuchte, hatte ich meinen Hund mitgenommen. Faida kuschelte sich neben meinen Stuhl und wirkte verängstigt. Phil beobachtete sie misstrauisch. Er mochte offensichtlich keine Hunde.
„Sie ist absolut friedlich“, beruhigte ich. „Sie tut keiner Menschenseele etwas zuleide.“
Ich streichelte sie und gab ihr außer der Reihe ein Leckerchen. Sie richtete sich auf und hob wie immer erwartungsvoll die Pfote.
Phil war beeindruckt: „Sieht aus wie der Hitlergruß!“
Ich überging geflissentlich die Bemerkung.
Ich reichte Phil ein Stückchen: „Versuchen Sie es auch mal! Das schafft Zutrauen!“
Er streckte zögerlich seine Hand aus. Faida hob die Pfote nicht, sondern begann leise zu knurren.
„Zwischen uns wird es hoffentlich leichter klappen“, meinte Phil scherzhaft.
Anschließend kam er, wie so oft, auf den Tod des alten Drake zu sprechen.
„Der arme Kerl tut mir so leid!“, sagte er. „Er war bereits sehr hinfällig, hatte keine Kinder und lebte ganz allein auf dem Hof. Er muss ein herzensguter Mensch gewesen sein. Er war so glücklich, dass sein Besitz noch zu Lebzeiten in die Hände eines Nachkommen gelangen sollte. Wie traurig, dass er das nicht mehr erlebt hat!“
Und dann folgten eine Reihe salbungsvoller Sprüche dahingehend, dass der Herrgott die Seinen nie verlässt und im Jenseits für alle Unbill des Erdenlebens entschädigt.
Er griff zu einer Whiskyflasche. „Original amerikanisch! Kein Vergleich mit dem laschen Zeug aus Schottland und Irland!“, meinte er, als er mein Glas füllte.
„Aha!“, sagte ich. „Mit Whisky kenne ich mich nicht aus.“
Dass er sich als Whiskykenner ausgibt, mag angehen, dachte ich, aber dass er derart nationale Töne anschlägt, klingt doch reichlich überheblich und will nicht recht zu einem Gottesdiener passen.
Beim Bier bevorzuge er Lokales, meinte er. „Detmolder Landbier“ sei sein Favorit: „Schmeckt wie bei uns in New Ulm!“
Und dann verwies er darauf, dass die traditionsreiche August-Schell-Brauerei in New Ulm ihren Gerstensaft nach wie vor nach dem deutschen Reinheitsgebot herstelle.
Ich nutzte die Gelegenheit, um mich in der Stube umzuschauen. Zu Zeiten des alten Drake herrschte dort großes Durcheinander. Inzwischen war alles aufgeräumt und blitzsauber.
„Es wird Zeit, dass jemand das Haus wieder auf Vordermann bringt!“, sagte ich anerkennend. „Aber bis alles wiederhergerichtet ist, dürfte es noch eine Weile dauern.“
Er nickte zustimmend. „Ich kann Unordnung nicht ausstehen!“, meinte er. „Das ist wie bei der menschlichen Seele: Das Gewissen sollte immer rein sein.“
Auf dem Boden stand ein Koffer. Der Deckel war ein stückweit geöffnet. Mir schien, dass es Phil nicht behagte, dass ich Einblick gewann. Auf den ersten Blick befanden sich in dem Koffer die üblichen Reiseutensilien und allerlei Krimskrams. Bei genauerem Hinsehen fiel mir ein Baseball-Schläger ins Auge. Ich wunderte mich, dass er schwarz-weiß-rot lackiert war. Ich hatte eher die amerikanischen Farben erwartet.
„Den Schläger hat mir unlängst ein Mitglied einer hiesigen Kirchengemeinde geschenkt“, sagte Phil. „Er ist ein Baseball-Fan. Hierzulande kennt man die Sportart leider kaum. Er ist ein netter Kerl. Wir treffen uns gelegentlich.“
Phil zündete sich eine Zigarette an. Als er das Feuerzeug zückte, fiel mir auf, dass auf beiden Seiten etwas eingeprägt war.
„Darf ich mal sehen?“, sagte ich.
Als ich das Feuerzeug genauer in Augenschein nahm, entdeckte ich auf der einen Seite die Initialen „J“ und „H“. Merkwürdig, dachte ich. Sie passen nicht zu Phils Namen. Auf der anderen Seite befand sich ein Zeichen. Es war etwas mit kleinen, spitzen Haken. Auf den ersten Blick sah es nach einem Anker aus. Dann aber fiel mir ein, dass es sich um eine Wolfsrune handeln könnte.
Das war ein Zeichen, das die Germanen nach der sogenannten Wolfskralle geformt hatten, einem Jagdgerät zum Fangen von Wölfen, das mit Widerhaken und einem Köder versehen war und in Bäumen aufgehängt wurde.
Die Wolfsrune galt als Ausdruck der Wehrhaftigkeit. Der Heidedichter Hermann Löns ließ sie in seinen Grabstein meißeln. Hitlers schwarze Schergen und „Werwölfe“ hefteten sie an ihre Uniformen. Man hat sie wieder aus der Mottenkiste gekramt. Sie leuchtet auf den T-Shirts von rechten Schlägern und wenn sie sagen, „die Wölfe sind zurück!“, meinen sie nicht die vierbeinigen, sondern Ausländer.
Der Wolf nimmt sich, was er braucht. Das ist sein Trieb. Das ist das Gesetz der Arterhaltung. Aber er ist der Fressfeind des Menschen. Der Mensch muss ihn jagen. Doch es gilt auch die Sentenz: „Homo homini lupus“, der Mensch ist des Menschen schlimmster Feind. Der Sieger nimmt sich, was er braucht.
„Die Polen sind erst zu Menschen gemacht worden, nachdem sie von den Preußen gewaschen wurden“, soll Bismarck gemeint haben, „und man kann, wenn man bestehen will, nicht anders tun, als sie ausrotten. Der Wolf kann auch nicht dafür, dass er von Gott geschaffen ist, wie er ist, und man schießt ihn doch dafür tot, wenn man kann.“ Wolf und Marder seien nun mal Diebe, ließ Hermann Löns seinen „Werwolf“ sagen, und man müsse Tatern und anderes fremdes Volk mit der Peitsche begrüßen und die Hundsfötter totschießen wie tolle Hunde, weil sie keine richtigen Menschen seien und nicht blieben, wo sie hingehörten.
Die Juden seien raubgierige Wölfe, hatte der Reichspropagandaminister gewettert. Da mochte es kein Zufall sein, dass der Führer seine Vernichtungsbefehle aus der „Wolfsschanze“ erteilte. Vielleicht sollte der Name an einen Wolfsbau erinnern, in den sich der Räuber mit seinem Rudel verkriecht. Doch am Ende sah es mehr nach einer Fallgrube aus, in der man ihn zur Strecke bringen wollte. Es sollte in der Tat kein gutes Ende mit ihm nehmen. Der Jäger wurde zum Gejagten. Schon die Germanen glaubten, dass am Ende der Tage der „Fenriswolf“ auftauchen und den Allvater verschlingen würde.
Eine frustrierende Bilanz, dachte ich. Herrscht unter den Menschen das Gesetz der Wölfe? Soll das ewig so weitergehen? Auf dem Papier steht: Alle Menschen sind gleich. Alle haben die gleichen Rechte. Wo bleibt die Brüderlichkeit, die Empathie, die Solidarität?
Ich hatte den Eindruck, dass Phil misstrauisch zugeschaut hatte, als ich das Feuerzeug von allen Seiten aufmerksam studierte.
„Interessantes Stück!“, meinte ich anerkennend, als ich es ihm wieder zurückreichte. Ich hätte erwartet, dass er sich zu dem Zeichen geäußert hätte. Er schwieg jedoch und schien sichtlich bemüht, das Thema zu wechseln.
Angeblich war er ein Wiedergeborener. In seinem ersten Leben war es fürchterlich zugegangen. Er war ein uneheliches Kind. Seine Mutter hatte ihn ausgesetzt. Er war umhergestreunt und zum „Wolfskind“ geworden. Er hatte jahrelang mit den Tieren gelebt und manche ihrer Gewohnheiten angenommen. Dann hatte man Jagd auf seine Freunde gemacht und sie gnadenlos abgeschossen. Er hatte um sein Überleben gekämpft, aber am Ende war er verhungert. Als man seine Leiche fand, hatte man sie in einem namenlosen Grab beigesetzt.
Es sei ein regenverhangener Tag gewesen, wollte er sich erinnern. An seinem Grab hatten sich nur ein Amtsvertreter, ein Geistlicher und ein paar alte Leutchen eingefunden. Der Seelsorger hatte von einem traurigen Schicksal eines jungen Menschen gesprochen, der nicht mehr in die Gesellschaft der Menschen zurückgefunden habe. Es sei Gottes Wille gewesen. Der Herr möge der Seele des Verstorbenen gnädig sein. Als man den Sarg in die Gruft hinabließ, hatte in der Ferne ein Wolf klagend aufgeheult.
In seinem zweiten Leben habe er es kaum besser gehabt, meinte er. Sein Vater sei ein Grobian, Säufer und Weiberheld gewesen. Nicht nur seine Mutter, auch er habe sehr darunter gelitten. Und auch er sei in seiner Jugend alles andere als ein Lämmchen gewesen und habe sich schon mal geprügelt, wenn es nicht anders ging. Seine Vorbilder seien die Revolverhelden in den Wildwestfilmen gewesen: Immer den Colt griffbereit! Immer auf der Seite der Rechtschaffenen! Auch die Hollywood-Streifen, in denen Eliteeinheiten die „verdammten Japse“ und die „miesen Vietcongs“ jagten, hätten ihn zutiefst beeindruckt. Bei den Kämpfen sei es grausam zugegangen, aber wenn es um das Vaterland gehe, sei jedes Mittel recht.
Von seinen Eltern habe er keine Hilfe erwarten können. Er habe sehen müssen, wie er allein zurechtkam. Studieren kam nicht in Frage. Sein Vater hatte weder die Mittel noch die nötigen Beziehungen. Er wollte zur Army. Dort brauchten sie handfeste Typen.
Er sei im Golfkrieg dabei gewesen, als man die Iraker aus Kuwait vertrieben habe, sagte er. Man habe ordentlich mit den Halunken aufgeräumt. „Highway of Death“ habe man das Schlachtfeld genannt und man werde nicht aufhören, den aufmüpfigen Moslems das Handwerk zu legen, immer nach dem Motto: „Das parasitäre Gesindel eliminieren! Jagd auf den König des Abgrunds machen!“
Am Ende hatte ihn ein Heckenschütze erwischt und am Kopf getroffen. Er hatte zwischen Leben und Tod geschwebt. Er hatte überlebt, aber für den Dienst an der Front war er nicht mehr tauglich. Die Army hatte für ihn gesorgt und ihm eine Stellung als Sicherheitsbegleiter einer Fluggesellschaft verschafft.
„Ich war weiterhin im Dienst der Nation für Sicherheit tätig“, fuhr er fort. „Es war nicht so spektakulär wie an der Front, aber auch nicht ohne Risiko. Ich hatte immer den Revolver dabei. Notfalls kurzen Prozess machen, lautete mein Auftrag. Meist aber handelte es sich um Lappalien. Mal hatte einer zu viel getrunken und seinen Nebenmann belästigt, mal hatte einer das Bordpersonal angepöbelt. Es ging nicht immer ohne Blessuren ab, daher die Narbe auf der Backe. Unter den Passagieren waren auffällig viele Leute aus dem Nahen Osten. Der Verdacht lag nahe, dass unter ihnen Terroristen sein könnten. Einmal konnte ich einen Anschlag verhindern. Bei einem Passagier war das Handgepäck in Flammen aufgegangen. Der Mann hatte brennbares Material an Bord geschmuggelt! Es war eine schöne Zeit. Dann aber wurde mir gekündigt. Ich hatte angeblich eine Waffe aus dem Sicherheitsbereich geschmuggelt. Daran war kein Wort wahr! Ein anderer war scharf auf meinen Posten.“
Anschließend war er Prediger geworden. „Ich war ein Spätberufener“, meinte er vielsagend. „Ich hatte sozusagen etwas gutzumachen. Im Dienst des Herrn hatte ich eine ähnliche Mission wie zuvor. Ich wollte Gottes Wort verkünden, Menschen auf den richtigen Weg bringen und ihnen in ihrer Not beistehen. Doch das Kreuz hat die Menschheit nicht erlöst. Das Böse treibt nach wie vor sein Unwesen. Man darf nicht viel Federlesen machen! Gottes Wort muss mit Feuer und Schwert verbreitet werden! Der Herr kennt selbst bei den Seinen keine Gnade. Wen er liebt, den züchtigt er.“
Der Wechsel vom Landser zum Prediger erschien mir merkwürdig, hätte aber auch passen können, denn glaubensmäßig kam er augenscheinlich aus der fundamentalistischen Ecke. Dort soll es durchaus Leute geben, die nicht zimperlich sind!
Als Prediger sei er voll im Einsatz, sagte er. Er sei ständig auf Tour und habe wenig Zeit für anderes, auch nicht für die Familie. Ich hätte erwartet, dass er mir Fotos gezeigt hätte, von seiner Frau, von seinen Kindern, seinem Haus, seinem Wohnort oder seinem Gemeindehaus. Aber es schien, als sei das für ihn nicht sonderlich wichtig.
Ich hatte den Eindruck, dass er auffällig oft außer Haus war. Auf Nachfrage gab er zu verstehen, dass er seine „Mission“ auch in Lippe nicht vernachlässigen wolle.
Ich wollte wissen, warum er kein Auto, sondern ein Motorrad benutzte.
„Damit kommt man besser vom Fleck“, meinte er. „Die schönsten Ecken in Lippe lernt man erst kennen, wenn man auf zwei Rädern unterwegs ist.“
Angeblich war er auch in den Staaten immer mit dem Motorrad unterwegs. Die Gemeinde war weit verstreut. Die Gemeindemitglieder waren ärmliche Leute. Er lebte von Spenden. Ein Auto konnte er sich nicht leisten.
Ich war von Anfang an überrascht, dass er, wenngleich mit deutlichem Akzent, der deutschen Sprache weitgehend mächtig war. Eine fundierte Kenntnis der deutschen Geschichte schien er nicht zu besitzen, aber mir fiel auf, dass er sich bezüglich des Dritten Reiches erstaunlich gut auskannte. Selbst die unterschiedlichen SS-Ränge konnte er mühelos herunterspulen!
In seiner Familie habe man die deutschen Traditionen stets hochgehalten und auch die Muttersprache an die Nachkommen weitergegeben, meinte er. Und dann sprach er davon, dass er Hochachtung empfinde vor der Zähigkeit und dem Mut, mit dem sich seine Vorfahren eine neue Existenz im Land der Freiheit geschaffen hätten, und über die Gründe, warum sie ihre Heimat verlassen hatten, schilderte, wie beschwerlich die Reise seinerzeit gewesen sei und wie sie sich anfangs als Tagelöhner hätten durchschlagen müssen, bevor sie es nach Jahren voller Entbehrung geschafft hätten, ein Stück Land zu erwerben und eine Familie zu gründen. Er bediente sich dabei gelegentlich der Redeweise der Ausgewanderten, indem er Deutsch und Englisch mischte und von „place finden“ und „home gründen“ sprach.
Einer seiner Ahnen habe sich zu Fuß nach Kalifornien aufgemacht, um dort Gold zu schürfen, flocht er ein. Am Ende sei er mit einem Goldschatz zurückgekehrt. Im Dorf hätten ihn alle den „Kalifornier“ genannt.
Ich wurde hellhörig. War der Schatz in meinem Kotten versteckt? Hatte er sich in dem roten Sofa befunden? Hatte Phil ihn an sich genommen? Mir kamen erneut die Flecken in den Sinn. War vielleicht noch ein anderer hinter dem Schatz her? Hatte es eine gewaltsame Auseinandersetzung gegeben? War dabei Blut geflossen? Ich verwies den Gedanken aber nach wie vor in das Reich der Fantasie und behielt meine Vermutung für mich, zumal Phil das Gespräch umgehend wieder an sich riss.
Später hätten sich seine Vorfahren in New Ulm niedergelassen, sagte er. Anfangs hätten sie große Probleme mit den Indianern gehabt. Die Rothäute seien immer wieder über ihre Siedlungen hergefallen. New Ulm sei mehrfach von ihnen zerstört worden. Nach dem Wiederaufbau der Stadt habe man, in Würdigung der tapferen deutschen Kämpfer, nach heimischem Vorbild das „Hermannsdenkmal“ errichtet. Anlässlich der Einweihung habe es ein Volksfest gegeben, bei dessen Ausrichtung der Orden „Hermanns Söhne“ federführend gewesen sei. Auch eine Delegation aus der Heimat des Cheruskers habe an den Feierlichkeiten teilgenommen.
„Ihr Lipper haltet die Tradition hoch“, meinte Phil anerkennend. Und dann sprach er davon, dass die Drakes vom gleichen deutschen Geist beseelt gewesen seien und sich auch in ihrer neuen Heimat als echte Patrioten erwiesen hätten. Im Bürgerkrieg hätten sie aus tiefster Überzeugung heraus gegen die gottlosen Nordstaaten gekämpft, während die Husemanns, ihre vormaligen Nachbarn in Dalborn, nichts Eiligeres zu tun gehabt hätten, als den wackeren Südstaatlern in den Rücken zu fallen, vermutlich weil man ihnen nach dem Sieg billiges Land versprochen habe. Nach der Schlacht bei Guntown aber habe sich das Blatt gottlob zugunsten der Rechtschaffenen gewendet. Man habe die Husemanns geschnappt und die Verräter hätten den verdienten Denkzettel bekommen. Einer der beiden habe ein Leben lang unter Durchfall gelitten und der andere ohne Zehen am linken Fuß herumlaufen müssen.
Ich hatte nicht erwartet, dass er derart abfällig über die ehemaligen Nachbarn der Drakes sprechen würde. Die Husemanns waren meines Wissens ehrenhafte und gottesfürchtige Leute. Sie hatte die gleiche Armut und die Suche nach einem besseren Auskommen in die Fremde getrieben wie die Drakes. Sie hatten reichlich Pech im Leben und ihren Hof an die Drakes verkaufen müssen, um die Überfahrt zu finanzieren. Damals hatte es geheißen, die Drakes hätten sie beim Verkauf des Hofs über den Tisch gezogen. Aber dann hätten nicht die Drakes einen Grund zum Groll gehabt, sondern die Husemanns.
Phil schien zu spüren, dass mir etwas durch den Kopf ging, und vermied auffällig den Blickkontakt. Er wandte sich um und nahm ein Bündel vergilbter Schreiben zur Hand, in denen die Ausgewanderten über ihr Schicksal berichtet hatten. Er habe die Briefe in einer Kommode aufgestöbert, sagte er. Sie seien eine echte Bereicherung gewesen.
Das klang vielsagend. War in den Briefen von dem Goldschatz die Rede, mit dem einer der Drakes aus Kalifornien zurückgekehrt sein soll?
Als Phil die Blätter durchging, hatte er die Brille nicht auf, obwohl es nicht gerade einfach war, die Krakeleien zu entziffern. Mir kam ein Verdacht: War er vielleicht überhaupt kein Brillenträger?
Bislang hatte die dunkel getönte Brille die Farbe seiner Augen nicht erkennen lassen. Jetzt aber fiel mir auf, dass seine Augen braun waren. Merkwürdig, dachte ich, denn seine Haare sind blond! Vielleicht hatte er sie gefärbt. Aber wozu? Aus Eitelkeit? Oder steckte mehr dahinter?
Es schien, als ob er Gedanken lesen könnte. Er griff hastig zu den Gläsern und murmelte: „Jetzt brauche ich doch die Brille! Ich habe mich noch immer nicht an sie gewöhnt.“
Dann hatte er offensichtlich gefunden, wonach er gesucht hatte. „Aufgegeben in Junction City/Kansas am achten April achtzehnvierundsiebzig“, kommentierte er. Aus dem Schreiben ging hervor, dass einer der Drakes dort bei einer Eisenbahngesellschaft tätig war, die die Strecke weiter westwärts trieb. Er habe stets eine Flinte bei sich, hieß es, weil er auf der Hut sein müsse, dass ihm das Ersparte nicht gestohlen wurde. Besonders die Rothäute seien für ihre räuberischen Überfälle berüchtigt.
Phil zitierte: „Ich denke, es kann keine grässlicheren Gestalten geben als die Indianer. Sie stinken wie Aas, haben nur Pferdedecken um den Leib, gehen barfuß, schlafen Sommer und Winter im Freien auf dem Boden. Sie können uns Weiße nicht ausstehen und denken, sie würden zu sehr unterdrückt und ihr Heimatrecht ginge fort. Aber das ist nicht so. Dennoch machen sie sich einen Spaß daraus, einen Reisenden totzuschießen und den Leichnam bei heller Flamme brennen zu sehen.“
Ich horchte auf: Ich hätte eine kritische Anmerkung erwartet, aber er machte keinerlei Anstalten, sondern verwies stattdessen darauf, dass auch die „Schwarzen“ nicht den besten Ruf hätten. Damals, meinte er, habe sein Urahn aus Chicago berichtet, ihm gefalle die Stadt nicht, weil die meisten Einwohner „Neger“ seien.
Anschließend ließ er sich ausgiebig darüber aus, dass in den Staaten allein der weiße Mann das Sagen habe, während die Schwarzen eine schwache Rasse seien und Sklavenblut in ihren Adern hätten. Sie könnten froh sein, wenn man ihnen Brot und Arbeit gebe. Die Indianer seien im Grunde ein wehrhaftes Volk, aber wegen ihrer technischen Rückständigkeit zwangsläufig untergegangen. Inzwischen wimmele es in den Staaten nur so von Menschen aus aller Herren Länder. Die Nordeuropäer seien tüchtig und fleißig. Bei den Latinos dagegen sehe es diesbezüglich schlecht aus und den Chinesen und den Arabern sei nicht zu trauen. Leider faselten heute viele von Gleichheit, aber so hätten es die weißen Siedler nie gemeint. Die Freiheitsstatue sei keinesfalls als „Einladung für irgendwelche Hergelaufenen“ zu verstehen.
Er verwies auf das uralte Recht der Siedler, eine Waffe bei sich zu führen. Man habe sich die Freiheit erkämpft und lasse sie sich nie wieder nehmen. Der Baum der Freiheit müsse jedoch von Zeit zu Zeit mit Blut aufgefrischt werden. Das habe schon Jefferson gesagt. Man berufe sich auf die in der Verfassung garantierten Rechte, bekämpfe aber den säkularen Staat, denn über allem stünden die Gesetze Gottes mit der Maßgabe, dass man der Evolutionstheorie widerspreche, die Reinhaltung des Blutes fordere und vorehelichen Geschlechtsverkehr, Abtreibung, Scheidung und gleichgeschlechtliche Partnerschaften verurteile.
„Sie müssen das verstehen“, meinte er, als ob er ahnte, dass sich das aus dem Mund eines Geistlichen nicht gerade passend anhörte. „Die Mitglieder meiner Gemeinde sind arme Schlucker und nicht gerade vom Leben verwöhnt. In ihrer Not neigen sie dazu, sich von anderen zu holen, was ihnen nicht vergönnt ist. Das birgt eine Menge Gefahren und bringt die göttliche Ordnung durcheinander. Die Leute sind ungebildet und sehr einfach gestrickt. Sie brauchen etwas, woran sie sich festhalten können. Und das ist allein Gottes Wort!“
Er füllte sein Whiskyglas nach, zündete sich eine weitere Zigarette an, blies den Rauch ungeniert in meine Richtung und beugte sich etwas vor. Ich hatte das Gefühl, dass ihm an einer Klarstellung gelegen war.
„Ihr Deutschen wißt nicht“, meinte er, „was es heißt, mit Menschen zusammenzuleben, die nicht dem eigenen kulturellen Erbe entsprechen und auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe stehen. Ihr hattet dafür ein Problem mit den Juden!“
Ich zögerte mit einer Antwort. War das ein Totschlagargument, um mich zum Schweigen zu bringen? Auf jeden Fall war es ein heißes Eisen, das ich im Moment lieber ruhen lassen wollte.
„Nun ja“, sagte ich stattdessen, „inzwischen machen wir neue Erfahrungen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen. Es ist zu befürchten, dass immer mehr Migranten ins Land strömen. Das dürfte zu erheblichen Konflikten führen. Ich hoffe, man wird eine friedliche und humanitäre Lösung finden.“
Phil zog die Augenbrauen ungläubig hoch und blickte mich durchdringend an: „Das bezweifle ich“, meinte er. „Ich nehme an, dass die Menschen auf die Straße gehen und rebellieren werden. Deutschland darf kein Auffangbecken für Hungerleider aus aller Welt werden! Aber noch gefährlicher sind die Moslems. Sie sind die modernen Barbaren. Sie wollen sich gewaltsam ausbreiten und die westliche Kultur zerstören.“
Ich konnte das nicht so stehen lassen: „Das sollte man nicht pauschal unterstellen!“
„Aber es gibt genug unbelehrbare Fanatiker“, ereiferte er sich. „Mit ihnen muß man kurzen Prozess machen. Man muß mit Wut und Feuer gegen sie vorgehen!“
„Das bedeutet Krieg!“, wandte ich nachdrücklich ein. „Wollen wir das? Verpflichten uns nicht unsere eigenen Werte, einen anderen Weg einzuschlagen?“
“Ich weiß, die Deutschen mögen keinen Krieg“, meinte er augenzwinkernd. „Sie haben ihn zu oft verloren!“
Im Krieg habe sein Großvater seiner Pflicht gehorchen müssen, fuhr er fort, aber mit Rücksicht auf seine Abstammung habe man ihn gottlob nicht in Europa, sondern in Fernost eingesetzt. Er sei als Bomberpilot über Tokio dabei gewesen: „Der reinste Feuerzauber!“ Am Ende hätten zwei Atomblitze genügt, um den Krieg zu beenden. Seitdem gelte der Spruch „America First!“
Er schenkte sich einen weiteren Whisky ein: „Auf die deutsch-amerikanische Freundschaft! Lassen wir die Vergangenheit ruhen!“
Es war spät geworden. Ich rüstete zum Aufbruch. Als ich zur Tür schritt, kam ich an einer Anrichte vorbei, auf der eine Bibel lag. Es schien ein besonders kostbares Exemplar zu sein. Es war in Leder gebundenen und mit Goldschnitt versehen.
„Ein schönes Stück!“, sagte ich.
Er nahm das Buch liebevoll zur Hand: „Altes Erbstück!“, meinte er. „Es begleitet mich ständig. Gottes Wort gibt in allen Dingen die Richtung vor.“
Ich bat darum, einen Blick in das Buch werfen zu dürfen. Er zögerte einen Augenblick, ehe er es mir reichte. Ich wunderte mich. Wieso sollte ich mir das Buch nicht anschauen? Und dann wurde ich stutzig: Er hatte von einem alten Erbstück gesprochen, doch das Buch wirkte nahezu neuwertig und unbenutzt. Als ich es aufschlug, fiel mir eine handschriftliche Widmung ins Auge. Sie lautete: „To Jonny Houseman“. Das passte auffällig zu den Initialen auf dem Feuerzeug.
Phil schien bemerkt zu haben, dass ich misstrauisch geworden war. Ich hatte den Eindruck, dass er unwillkürlich zusammenzuckte, als ich nachfragte, wer dieser Houseman sei, sich aber rasch wieder gefasst hatte.
„John Houseman ist mein Nachbar in New Ulm“, sagte er. „Er ist ein Nachfahre der Husemanns, die sich in den Staaten Houseman nannten, weil das englischer klang und leichter auszusprechen war. Houseman hat mir das Buch geschenkt. Es war gut gemeint. Er wollte mir eine Freude machen. Er selbst war leider nicht gerade ein gottesfürchtiger Mensch!“
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