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Jón Svensson
Nonnis Reise um die Welt

Band I

Von Frankreich über England nach Amerika

Saga

Teil I

Vorwort

Der Verfasser der vorliegenden Schrift, P. Jón Svensson, ist am 16. Oktober 1944 im Franziskushospital in Köln-Ehrenfeld gestorben. Die Schrift sollte nach Absicht P. Svenssons das letzte in der großen Reihe der von ihm verfaßten und vom Herderschen Verlag herausgegebenen „Nonnibücher“ sein, zu denen es seiner Natur und seinem Inhalt nach auch gehört, eine Darstellung der großen Reise um die Welt, die der 80jährige „Nonni“ von London aus über die Vereinigten Staaten, Japan, Shanghai, Hongkong, Singapore, Aden, den Suezkanal, das Mittelmeer, den Golf von Biskaya bis zurück nach London in den Jahren 1936—1938 ausgeführt hat.

Den 1. Band, der bis zur Abreise von San Francisco nach Japan reicht, konnte „Nonni“ noch selbst ganz zu Ende führen und für den Druck vorbereiten. Den 2. Band, der die Reise nach Japan, den einjährigen Aufenthalt daselbst und die Rückreise von dort nach London zum Gegenstand haben sollte, konnte er nicht mehr voll zu Ende führen. Denn im Juli 1942 wurde der 85jährige kranke Greis durch die nationalsozialistische Geheime Staatspolizei aus seinem friedlichen Wohnsitz in Valkenburg in Holland vertrieben und über die Grenze geschafft. Seine Bücher und Manuskripte wurden ihm zwar auf einflußreiche Verwendung hin zurückerstattet; aber dieser Schlag und die nachfolgende Bombenzeit trafen ihn doch so hart, daß anstrengende schriftstellerische Tätigkeit ihm nicht mehr möglich war. So ist er selber mit dem 2. Bande nur noch bis zum Kapitel 39 gekommen, das mit der Abreise von Tokio schließt. Damit aber das wertvolle Werk nicht unvollendet bleibe, hat „Nonnis“ alter Freund, P. Hermann Krose, es unternommen, den Abschluß der Japanreise und der Rückreise nach Europa in engem Anschluß an die von P. Svensson hinterlassenen genauen Tagebuchnotizen als Ergänzung hinzuzufügen. — In einer Schrift: „Jón Svensson. Ein Lebensbild“ hat P. Hermann Krose eine Gesamtwürdigung der Persönlichkeit und der Werke P. Svenssons gegeben.

Möge „Nonnis Reise um die Welt“ als die letzte Gabe Nonnis an seine zahlreichen Freunde und Verehrer die gleiche freundliche Aufnahme finden, die den früheren Nonnibüchern zuteil geworden ist!

Der Herausgeber

Das Reisen lag Nonni im Blut

Es ist ihm nie recht wohl gewesen daheim. Immer wieder lockte es ihn hinaus. Einmal waren es die Naturwunder der isländischen Heimat, wie er sie in dem Buche „Zwischen Eis und Feuer“ beschrieben hat. Dann lockte ihn die sagenumwobene „Feuerinsel im Nordmeer“. Ein andermal war es ein gefährlicher Nachmittagsritt „Auf Skipalón“, wo Nonni geboren ist. Dann macht er zusammen mit seinem Bruder Manni eine waghalsige Ferienreise in die zerklüfteten Berge und schildert diese Abenteuer in den „Sonnentagen“. Im „Nonni“ nimmt er als kleiner Junge Abschied von seiner Heimat und macht mutterseelenallein die abenteuerreiche Seereise nach Dänemark. Kaum recht gelandet, wird Kopenhagen kreuz und quer durchstreift, und schon bald begegnen wir ihm wieder auf dem offenen Kahn über den Öresund nach Schweden, in der „Stadt am Meer“. Von hier aus geht es dann weiter nach Frankreich, wo dem kleinen Nonni zwei große Wünsche in Erfüllung gehen: daß er den berühmten Reiseerzähler Jules Verne einmal sehen könne und daß die Mutter auch seinen kleinen Bruder Manni zu ihm schicken werde. Diese großen Ereignisse in seinem Leben hat Nonni erzählt in dem Buche „Wie Nonni das Glück fand“.

Das waren aber alles nur Vorbereitungen für die große Weltreise, nach der sich Nonni fast 80 Jahre lang sehnte. Er konnte nicht von dieser Erde scheiden, ohne einmal rundherum um den großen Ball gewandert zu sein und alles Schöne und Gute, was er birgt, der Jugend und dem Volke aller Länder gezeigt zu haben. Und als er mit 82 Jahren die Reise hinter sich hatte und die Erlebnisse in der Hauptsache niedergeschrieben waren, kam der Tod. Er hatte auch jetzt noch nicht das Gefühl, zum letzten Male ausgefahren zu sein. Ihm war — so hörte man aus seinen letzten Worten — als ob er sich wieder auf dem großen Meere befände und neuen Wundern entgegenfahre.

So war er, und so will er verstanden sein.

1. Kapitel
Die Erdkugel

Meine früheste Jugend verlebte ich auf dem trauten elterlichen Hofe Mödruvellir in Nordisland. Die blühende Wiese, die vor dem Hofe lag, war der bevorzugte Platz meiner kindlichen Spiele. Im Sommer trieb ich mich dort an sonnigen Tagen oft ganz allein im hohen Grase herum. Die Blumen waren meine liebsten Spielkameraden. Ich lief von der einen zur anderen und liebkoste sie in kindlicher Begeisterung.

An einem schönen Sommertag, als ich gerade draußen im Garten war, mitten unter den Blumen, wurde plötzlich ein Fenster an der Giebelseite des Hauses geöffnet. Ich schaute hin und gewahrte sofort meine Schwester Bogga in der Fensteröffnung. — Bogga spähte nach der Wiese aus und entdeckte mich bald.

„Nonni!“ rief sie mir freundlich zu, „komm doch schnell herein — da wirst du etwas Schönes zu sehen bekommen.“

„Was ist es denn, Bogga?“ rief ich zurück.

„Es ist etwas ganz Merkwürdiges. Mutter ist auch hier im Zimmer, sie wird es dir zeigen und erklären.“

Ich wurde neugierig. Und als Bogga das Fenster geschlossen hatte, lief ich, so schnell mich meine kurzen Beine tragen konnten, ins Haus hinein.

Als ich in die Stube kam, entdeckte ich auf dem Tisch nahe beim Fenster eine merkwürdige Kugel, ungefähr so groß wie der Kopf eines Menschen. Die Kugel war bläulich gefärbt und stand auf einem schwarzglänzenden, schönen Säulchen. Voll Erstaunen schaute ich mir das merkwürdige Ding einige Minuten an. Es war mir unmöglich zu erraten, was es eigentlich sein sollte. Ich warf einen Blick nach meiner Mutter. — Auch sie betrachtete mich und lächelte mir zu.

„Aber, liebe Mutter“, brach ich endlich aus, „was soll denn diese Kugel hier bedeuten?“

„Kannst du das nicht erraten, Nonni?“ entgegnete sie.

Ich dachte einen Augenblick nach, dann sagte ich zu meiner Mutter: „Ich glaube, es ist ein Spielzeug.“

„O nein, Nonni, das ist es nicht. Schau dir die Kugel doch etwas näher an.“

Ich schleppte einen Stuhl bis zum Tische hin und kletterte darauf, um die geheimnisvolle Kugel ganz aus der Nähe betrachten zu können. Jetzt sah ich deutlich verschiedene Zeichnungen, die wie große Flekken oder Wolken aussahen.

Was konnte das wohl sein? Auf einmal entdeckte ich auch noch Buchstaben und Wörter. Aber da ich es damals im Lesen noch nicht sehr weit gebracht hatte, so wurde es mir recht schwer, etwas davon zu verstehen.

„Liebe Mutter“, sagte ich schließlich, „komm doch und erkläre mir, was diese Zeichen und Buchstaben bedeuten sollen.“

„Versuche erst einmal selbst, mein kleiner Nonni, es herauszufinden. Dann komme ich zu dir und erkläre dir das Ganze.“

Jetzt schob ich mich ganz nah zur Kugel hin, wählte eines der kürzesten Wörter und versuchte es zu buchstabieren. Und wahrhaftig, es gelang mir. Denn bald hatte ich das Wort heraus. Es war England. Ich wußte, daß ein großes Land, nicht weit von uns entfernt, England hieß. Voll Freude rief ich: „Mutter! Hier steht England. Ich habe es ganz allein herausgefunden.“ Lächelnd erhob sich die Mutter und kam zu mir hin.

„Das muß ich loben, Nonni“, sagte sie, „daß du das ganz allein herausgefunden hast. — Ja, du hast recht, da steht wirklich England.“ Dann zeigte sie mir noch einen ganz kleinen Flecken, nicht weit von England entfernt. Dort stand auch ein Wort.

„Kannst du auch dieses Wort lesen?“ fragte sie mich. Ich fing gleich an zu buchstabieren, und nach kurzer Zeit rief ich wieder triumphierend aus: „Island! — Hier steht ja ‚Island‘, Mutter! Was soll denn das bedeuten?“

„Ja, was mag das wohl bedeuten!“ sagte die Mutter lächelnd. „Das kann wohl nur bedeuten, daß Island dort liegt. Kannst du denn das nicht begreifen, mein kleiner Nonni?“

„Nein, das kann ich nicht, liebe Mutter, denn Island liegt doch im Meer und nicht auf einer Kugel. Und so ist es auch mit England. England kann nicht auf einer Kugel liegen.“ Jetzt lachte die Mutter laut auf und strich mir liebkosend mit der Hand über die Haare.

„Du kleine Unschuld“, sagte sie dann, „dies ist etwas schwer für dich. Doch du hast recht, wenn du sagst, daß Island und England mitten im Meere liegen, denn das tun sie ja auch wirklich. Aber, wenn ich dir nun sagen würde, daß England und Island und das Meer noch dazu, ja alle Meere und Länder der Welt, das heißt die ganze Erde eine große Kugel bilden … was würdest du dann sagen, mein kleiner Nonni?“

Jetzt stand ich sprachlos da, denn ich verstand meine Mutter nicht im geringsten. England und Island und die ganze Erde und alle Meere und alles sollten eine große Kugel sein. Nein, das schien mir unmöglich.

Island war ja doch ein flaches Land mit Bergen darauf. Und auch das Meer war ja flach. Da brauchte man doch nur die Augen aufzumachen, um das zu sehen. Wie konnte die liebe Mutter so sprechen? Das war doch unbegreiflich.

Die Mutter merkte meine Ratlosigkeit. Sie war aber zu gut, um mir nicht gleich zu Hilfe zu kommen. Sie setzte sich auf einen Stuhl und winkte mich zu sich.

Ich lief zu ihr hin, stützte mich auf ihre Knie und sagte: „Aber, liebe Mutter, die Erde ist doch nicht eine Kugel. Sie ist ja ganz flach. Ich bin auf Skipalon gewesen und auch in Akureyri und habe es gesehen.“

„Mein kleiner Nonni, ich verstehe sehr gut, daß du das nicht begreifen kannst. Du bist noch zu klein, aber du kannst mir glauben: die ganze große Erde ist eine Kugel. — Und die Kugel dort auf dem Tisch ist ein richtiges Bild von der Erde.“

Jetzt war nichts mehr zu machen. Ich mußte das Unglaubliche annehmen, denn die Mutter hatte es ja ganz im Ernst gesagt. Aber ein Rätsel blieb es doch.

Auf einen Wink von der Mutter brachte jetzt Bogga die Erdkugel zu uns her. Die Mutter zeigte mir dann die verschiedenen Länder und Meere: Hier waren die Faröer. Dort war Dänemark, dort Schweden, dort Norwegen, auch England, Deutschland, Frankreich und Italien waren da, und das große Atlantische Meer. Alle diese Länder kannte ich schon vom Hörensagen. Dann kamen noch viele größere Länder und Meere, von denen ich noch nie gehört hatte.

Da war unter anderen ein ungeheuer großes Land. Es hieß Rußland. Dort wohnten Russen, sagte meine Mutter. Was für merkwürdige Menschen müssen dies wohl sein! dachte ich bei mir selbst.

Plötzlich drehte die Mutter die Erdkugel auf ihrer Achse herum. Da wurden nun neue Länder und neue Meere sichtbar. Da war das Indische und das Stille Meer. Und da waren geheimnisvolle Länder mit eigenartigen Namen: Afrika, Indien, China, Japan.

Welch merkwürdig klingende Namen! dachte ich in meinem stillen Sinn. Diese Länder waren auf der entgegengesetzten Seite der Kugel.

„Dort sind Menschen, die anders aussehen als wir“, sagte die Mutter, „einige sind schwarz, andere gelb, andere wieder sind braun.“

Guter Gott! Wie merkwürdig war doch das alles!

„Aber Mutter“, rief ich jetzt plötzlich aus, „diese gelben und schwarzen Menschen sind ja ganz unten an der Kugel. Wie können sie sich dort halten, ohne herunterzufallen?“ Auch diese Frage wurde von der Mutter gelöst und erklärt. Die Erklärung konnte ich aber nicht recht verstehen. Sie blieb für mich ein Geheimnis.

Aber von den großen Ländern auf der entgegengesetzten Seite der Erdkugel interessierten mich am meisten die mit den gelben und schwarzen Menschen: Indien, Arabien, China, Japan. Dieses zuletzt genannte Land konnte ich am besten behalten.

Und merkwürdig! So klein und so jung ich noch war, plötzlich wurde in meiner Seele ein leidenschaftlicher Wunsch — oder vielleicht richtiger gesagt, ein fester Vorsatz lebendig: nämlich dorthin zu fahren, wenn ich einmal groß genug sein würde.

Ja ich wollte unbedingt nach diesen geheimnisvollen Ländern reisen … Nach Arabien, Indien, China, Japan! Diese Länder und diese Menschen mußte ich unbedingt sehen … Wie herrlich müßte doch eine solche Reise sein!

Von diesem meinem Vorsatz sagte ich keinem etwas, aber er blieb von diesem Tage an in meiner Seele wohlbewahrt.

Öfters fragte ich meine Mutter über diese Länder und ihre merkwürdigen schwarzen und gelben Menschen aus. Dann erzählte sie mir auch allerlei Schönes und Interessantes darüber.

Ich merkte mir das alles mit größter Sorgfalt und wußte schließlich in vielem über diese Länder Bescheid, besonders über Indien, China und Japan.

Ich wußte, daß in Indien die Menschen meist braun oder schwarz waren. Ich wußte auch, daß das Wetter dort sehr warm war, viel wärmer als bei uns. Ich wußte ferner, daß ungeheuer große Tiere dort zu finden waren, die gewaltigen Elefanten nämlich. Die meisten der Einwohner Indiens waren Heiden, nur einige wenige Christen gab es unter ihnen. Ich erfuhr auch, daß zur Zeit, als die Indier fast alle noch Heiden waren, ein berühmter Mann von Europa dorthin gefahren war, um ihnen das Christentum zu predigen. Er hieß Franziskus Xaverius und hatte in Japan und in anderen asiatischen Ländern und Reichen viele Menschen zum Christentum bekehrt. Auch Wunder soll er gewirkt haben. So heilig war er.

Ich bekam große Achtung vor diesem Manne, und da meine Mutter mir erzählte, daß er für die Japaner und ihr Land eine große Vorliebe gehabt hatte, zog es auch mich dorthin.

Und so kam es denn, daß von allen Ländern an der andern Seite der Erdkugel Japan mir am besten gefiel, und daß ich fest entschlossen war, dorthin zu reisen, wenn ich einmal groß sein würde.

Mit dem Großwerden schien es mir freilich etwas zu langsam zu gehen. Das Wachsen braucht eine so merkwürdig lange Zeit.

Die Erdkugel aber bekam einen bestimmten Platz in der Stube. Ich ging oft dorthin und versuchte den Weg von Island nach Japan herauszufinden.

Zuerst wollte ich von Island aus mit dem Schiff über das große Atlantische Meer fahren. Dann kam ein Land, das noch viel größer zu sein schien als Island. Auf der Erdkugel sah es zwar nicht besonders groß aus, aber wenn ich es mit Island verglich, dann kam es einem sehr groß vor. Es hieß Amerika, und da mußte man quer durch.

Auf der andern Seite von Amerika kam wieder ein Meer. Das war noch größer als das Atlantische. Es hieß das Stille Meer und dehnte sich bis Indien, Japan und China aus.

Ja, diese Reise mußte ich unbedingt machen.

Doch die Zeit schritt voran. Es vergingen Wochen, Monate und Jahre.

Ich selber wurde größer und größer, und neue Pläne und neue Ereignisse kamen und warfen die ersten um, und so geschah es, daß die Japanreise noch immer nicht zustande kam.

Aber die Sehnsucht nach der Ferne blieb, und als ich zwölf Jahre alt geworden war, kam eine große Veränderung in mein Leben hinein: ich verließ mein Vaterland Island, um fortan in anderen Ländern zu leben.

Davon habe ich in den Nonni-Büchern erzählt. —

2. Kapitel
Ich mache einen Besuch bei Jules Verne

Wie schon gesagt, verließ ich, zwölf Jahre alt, mein Vaterland und reiste nach Dänemark, wo ich mich ein Jahr aufhielt. Was ich dort erlebte, das habe ich in dem Buche „Die Stadt am Meer“ erzählt.

Von Dänemark reiste ich dann nach Frankreich, in die nordfranzösische Stadt Amiens, um dort in dem großen Gymnasium Ecole libre de la Providence meine Gymnasialstudien zu beginnen.

Während ich in Amiens den Studien oblag, fiel mir eines Tages ein Buch in die Hände, dessen Titel mich sofort in größte Spanung versetzte.

Es war: „Die Reise um die Welt in achtzig Tagen“ („Le tour du monde en 80 jours“) — geschrieben von dem berühmten französischen Schriftsteller Jules Verne.

Ich las das Buch mit Begeisterung. Als ich damit fertig war, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß der Verfasser, Jules Verne, auch in Amiens wohne, also in derselben Stadt, wo ich mich damals aufhielt! Sofort nahm ich mir vor, diesen berühmten Mann zu besuchen.

Ich wollte ihn ausfragen über seine große Weltreise, denn ich nahm an, daß er sie selber gemacht habe und mir daher gute Ratschläge geben könne.

Von diesem beabsichtigten Besuch sagte ich vorläufig niemandem etwas, sondern wartete in aller Stille auf eine gute Gelegenheit. Endlich kam sie auch.

Eines Tages, als ich von dem Rektor des Kollegiums mit einigen Briefen in die Stadt geschickt wurde, machte ich einen kleinen Umweg und erreichte bald das Haus, wo Jules Verne wohnte.

Ich klingelte bei der Eingangstür und wartete. Bald hörte ich Schritte von innen her …

Die Tür wurde aufgemacht, und es erschien ein junges Mädchen.

Sie schaute mich fragend an …

„Ist der Herr Jules Verne zu Hause?“ fragte ich sie.

„Ich glaube wohl, daß der Herr da ist“, erwiderte sie, indem sie mich prüfend anschaute.

„Wollen Sie ihn bitte fragen, ob er mich nicht empfangen wolle. Ich wünsche ein paar Minuten mit ihm zu sprechen.“

„Dann möchte ich Sie bitten, mir Ihre Visitenkarte zu geben.“ —

„Leider habe ich keine“, erwiderte ich etwas verlegen, „ich bin Zögling im Collège de la Providence. Dort haben die Zöglinge keine Visitenkarten.“

„Das tut mir leid“, sagte das junge Mädchen. „Herr Verne ist sehr beschäftigt und empfängt keine Besucher, ohne ihre Visitenkarte vorher zu bekommen.“

Ich dachte einen Augenblick nach, dann sagte ich: „Ich will ein Blatt aus meinem Notizbuch herausreißen und meinen Namen darauf schreiben.“

„Gut“, sagte das junge Mädchen, „aber dann rate ich Ihnen, auch den Grund Ihres Besuches darauf anzugeben.“

„Das will ich tun.“

Ich riß ein Blatt aus meinem Notizbuch und schrieb folgende Worte darauf:


Ich übergab dann dem jungen Mädchen diese selbstgemachte Visitenkarte. Jetzt bat sie mich, einzutreten und im Gang auf sie zu warten. Das tat ich auch.

Das junge Mädchen aber eilte davon, mit der Karte in der Hand, und verschwand. Nach kurzer Zeit kam sie zurück und sagte:

„Seien Sie so gut und folgen Sie mir.“

Ich folgte ihr bis zu einer halbgeöffneten Tür. Dort blieb sie stehen und sagte: „Bitte, treten Sie ein.“

Ich trat ein und befand mich, wie ich annahm, im Arbeitszimmer des Herrn Jules Verne. Die Tür wurde von dem jungen Mädchen zugemacht.

Herr Verne, der an seinem Arbeitstisch saß, stand auf, wandte sich zu mir her und wartete …

Ich beeilte mich, eine Verbeugung zu machen, indem ich ihn mit den Worten grüßte:

„Guten Tag, mein Herr! Wollen Sie mir erlauben, ein paar Augenblicke mit Ihnen zu sprechen?“

„Aber sehr gern, mein Freund, bitte setze dich.“

Ich setzte mich auf einen Stuhl, der da in der Nähe stand.

Herr Verne nahm meine „Visitenkarte“ in die Hand und sagte:

„Du heißt Jón Svensson?“

„Ja, Herr Verne.“

„Das ist ein seltener Name.“

„O ja, hier in Frankreich ist er selten, aber in meinem Vaterlande ist er ganz gewöhnlich.“

„Du bist also ein Ausländer?“ sagte lächelnd Herr Verne.

„Ja, Herr Verne, ich bin aus Island.“

„Aus Island! Das ist ja das Land der Vulkane. Ein interessantes Land.“

„Ja, Herr Verne. Es ist auch ein schönes Land.“

„Ja, das will ich glauben“, sagte lächelnd der Herr Verne … „Und womit kann ich dir dienen?“

„Ich habe Ihr Buch ‚Tour du monde en 80 jours‘ gelesen und wollte Sie fragen, ob ich nicht auch so eine Reise machen könnte.“

Herr Verne schaute mich mit gütigen Augen an und sagte: „Ja gewiß, warum solltest du nicht eine solche Reise machen können?“

Es entstand eine Pause, während welcher Herr Verne mich freundlich lächelnd betrachtete … Schließlich sagte er: „Aber nach welchen Ländern möchtest du am liebsten reisen?“

„Ich möchte am liebsten so eine Reise machen, wie die, von der Sie in Ihrem Buche erzählen, nach Amerika, Japan, China …“

„Das hatte ich mir gedacht“, sagte Herr Verne, „also durch Amerika und Asien. — Das ließe sich auch ganz gut machen. — Aber ich möchte dir raten, noch etwas damit zu warten, mein junger Freund. Wenigstens müßtest du zuerst deine Studien fertig haben. Je mehr du weißt, um so mehr wirst du sehen! Das ist der wichtigste Rat, den ich dir jetzt geben kann. Also nach Vollendung deiner Studien kommst du wieder zu mir. Wir werden dann weiter über die Sache sprechen.“

Jetzt stand Herr Jules Verne auf und sagte sehr freundlich: „Ich danke dir für den Besuch. Und nun auf Wiedersehen nach Vollendung deiner Studien.“

Damit war mein Besuch bei dem Herrn Jules Verne zu Ende.

Ich nahm Abschied von dem berühmten Verfasser der „Reise um die Welt in 80 Tagen“ und ging eiligst nach dem Collège de la Providence zurück.

Später habe ich Herrn Jules Verne leider nicht mehr treffen können.

3. Kapitel
Meine Reise um die Welt wird beschlossen.

Mein Besuch bei dem großen Schriftsteller hat für meine großen Reisepläne keine weitere Bedeutung gehabt.

Mit einigen meiner französischen Schulkameraden sprach ich gelegentlich von meiner Begegnung mit Jules Verne und erzählte ihnen dann auch von meinen Plänen. Ich fand aber bei ihnen wenig Verständnis. Meine besten Freunde rieten mir sogar, alle diese Gedanken mir aus dem Kopfe zu schlagen.

Eine solche Reise sei aussichtlos, sagten sie, und es wäre das beste, überhaupt nicht mehr daran zu denken.

Aber diese wohlgemeinten Ratschläge machten wenig Eindruck auf mich. Ich war Normanne. Die meisten Normannen aber treibt es in die weite Welt. Das liegt ihnen im Blute.

Ich hielt daher an meinem Plan fest. Aber ich vermied von nun an, mit andern darüber zu reden.

Unterdessen ging aber wieder die Zeit vorwärts. Ja, viele Jahre vergingen. Ich selber wurde alt und älter … und jede Hoffnung, meinen alten Plan einer Weltreise noch ausführen zu können, schien zu schwinden.

Doch, ich verzweifelte nicht, denn ich kannte das Sprichwort, „Ist die Not am höchsten, so ist die Hilfe am nächsten“, und das Scheitern meines Lebensplanes hätte ich als ein Unglück und eine wahre Not betrachtet.

Und wahrhaftig, jetzt geschah das Unglaubliche: als ich daran war, das achtzigste Lebensjahr zu erreichen, da kam endlich der große Tag, an dem mein Lebenswunsch plötzlich in Erfüllung gehen sollte.…

Und wie ging das zu? Es kam so:

Während ich mich, im Jahre 1935, in dem großen Kollegium zu Valkenburg in Holland aufhielt, bekam ich eines Tages den Besuch eines bedeutenden Mannes, der eben von einer Reise nach Asien zurückgekehrt war.

Dieser Mann, der zu meinen besten Freunden gehörte, lud mich ein, in dem prachtvollen Park des Kollegiums einen kleinen Spaziergang mit ihm zu machen. Ich nahm selbstverständlich sofort an.

Während wir nun auf den lauschigen Wegen des Parkes umher wandelten, erzählte er mir verschiedene interessante Züge und Erlebnisse aus seiner Reise in den fernen asiatischen Ländern.

Mit wachsender Aufmerksamkeit hörte ich zu. Und nun erwachten in meinem Innern die alten Reisepläne, und das Verlangen nach der großen Weltreise wurde wieder lebendig.

Plötzlich blieb ich stehen und sagte zu meinem Freund: „Wie glücklich sind Sie doch, daß Sie die zauberhaften Länder Asiens sehen und bereisen konnten!“

Mein Freund lächelte, schaute mich an und sagte: „Möchten Sie vielleicht auch nach Asien reisen?“

„O ja“, erwiderte ich. „Das ist mein Wunsch gewesen mein Leben lang.“

„Aber dann ist es ja die höchste Zeit, daß Sie diesen Wunsch nun endlich auch verwirklichen“, erwiderte er.

„Das ist leichter gesagt als getan“, bemerkte ich. „Bis jetzt ist es mir noch nie möglich gewesen, mich für eine solche Reise frei zu machen. Ich bin durch Verpflichtungen verschiedener Art so sehr gebunden, daß eine derartige Reise kaum in Betracht kommen kann.“

Mein Freund dachte ein wenig nach. Dann sagte er: „Wenn diese große Reise Ihnen wirklich so sehr am Herzen liegt, biete ich Ihnen gern meine Dienste an, um alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen.“

Durch diese Worte wurde ich so ergriffen, daß ich zuerst nicht wußte, was ich sagen sollte.

Es war mir nämlich klar, daß mein Freund, der ein sehr einflußreicher Mann war, dieses sein Versprechen sicher halten konnte.

Ich ergriff daher seine Hand und sagte: „Ich nehme Ihren Vorschlag mit Freuden an. Und sobald ich durch Ihre Hilfe von allen Hindernissen und Verpflichtungen frei geworden bin, werde ich unverzüglich meine Reise um die Welt antreten.“

Auf diese einfache Weise war meine Fahrt um die Erdkugel, nach der ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt hatte, eine abgemachte Sache geworden.

Doch sollte noch ein ganzes Jahr vergehen, bis es mir im Sommer 1936 durch die Hilfe meines Freundes gelang, alle Fesseln zu sprengen und mich frei zu machen.

Dann aber konnte endlich die große Reise ihren Anfang nehmen.

4. Kapitel
Bei Thomas Cook. — ln Lebensgefahr

Jetzt war also alles klipp und klar. Der wundervolle Traum meiner Kindheit und meines ganzen Lebens sollte nach einem Jahr zur Wirklichkeit werden.

Man wird begreifen, wie glücklich ich mich fühlte.

Wie viel Schönes, Neues und Ungewöhnliches sollte ich nicht auf dieser ungeheuer langen Fahrt zu sehen bekommen!

Danach hatte ich mich ja schon als Siebenjähriger so sehr gesehnt, und jetzt endlich wurde es mir in meinem achtzigsten Lebensjahre möglich gemacht.

Die unermeßlichen Weltmeere und neue — mir gänzlich unbekannte Länder sollte ich durchqueren! Auch mit schwarzen, braunen und gelben Menschen sollte ich Bekanntschaft machen! Ihre eigenartigen Sitten und Gebräuche sehen! Ihre mir wildfremden Sprachen sollte ich hören.…

Welch eine märchenhafte Reise würde das nicht sein!

Großer Gott! Welch ein eigenartiges Gefühl, wenn ich daran dachte, daß ich nach wenigen Monaten auf der entgegengesetzten Seite der Erdkugel sein würde!

Trotz meiner achtzig Jahre fühlte ich mich immer noch jung, und ich freute mich wie ein Kind auf alles, was da kommen sollte.

Ich hatte gut Zeit, meine Fahrt um die Welt vorzubereiten. Um aber Fehler in der Festlegung meiner Reiseroute zu vermeiden, riet mir ein guter Freund, mich in eines der großen Weltreisebureaus des Herrn Thomas Cook zu begeben, und dort um Rat zu fragen.

Sofort begab ich mich zu Cook — ich befand mich damals in Wien — und legte ihm meine Reisepläne auseinander.

„Sie wollen also eine Reise um die Erde machen?“ fragte Herr Cook.

„Ja, mein Herr, eine Reise, ungefähr wie die des Herrn Jules Verne. Aber sie soll nicht nur achtzig Tage dauern, sondern viel länger. Ich will mich nämlich in den verschiedenen Städten und Ländern, durch welche ich reisen werde, etwas umsehen.“

„Ich verstehe“, sagte Herr Cook. „Das wird sich alles sehr leicht machen lassen.“

Herr Cook schlug dann einen vorläufigen Reiseplan vor, der aber nach Belieben geändert werden konnte.

„Ich würde Ihnen raten“, fuhr Herr Cook fort, „die Reise von England aus anzufangen. Sie nehmen in Southampton einen der großen englischen Amerikadampfer und fahren über das Atlantische Meer bis New York. Von New York reisen Sie dann durch Kanada und die Vereinigten Staaten Nord-Amerikas bis nach Kalifornien. Von Kalifornien fahren prachtvolle japanische Dampfer über den Pazifik, das Stille Meer, nach Yokohama in Japan.

Die Rückreise können Sie dann am besten wieder mit einem der ausgezeichneten japanischen Dampfer machen, die den Dienst zwischen Asien und Europa besorgen. Die Fahrt geht an China vorbei, dann an Indien, Arabien, Afrika, Ägypten, Palästina, Griechenland etc.

Über alles das können wir noch gelegentlich sprechen und alle Einzelheiten einrichten, wie Sie es nur wünschen.“

Herr Cook fügte noch hinzu: „Wenn Sie auf der langen Reise Rat und Hilfe von mir wünschen sollten, brauchen Sie nur ein paar Worte an mich zu schreiben oder zu drahten. Ich werde Ihnen dann immer und überall, wo Sie sich auch befinden möchten, sehr gern zu Diensten sein.“

„Übrigens“, fuhr Herr Cook noch fort, „in den meisten Großstädten der verschiedenen Länder haben wir Kontore und Niederlassungen. — Sie werden dort immer willkommen sein.“

Zum Schluß gab er mir noch die lange Liste aller Geschäftshäuser von Cook in der ganzen Welt und lud mich noch einmal ein, mich jedesmal dorthin zu wenden, wenn ich in Not wäre.

So schien die zukünftige Reise immer sicherer, bequemer und angenehmer werden zu wollen. Sie war nun auch bald in jeder Beziehung vorbereitet. Ich selber aber war noch nicht ganz frei, denn die Liebhaber meiner Nonnibücher hatten mich dringend zu Vorträgen in verschiedenen europäischen Ländern eingeladen — und ich hatte mich schon vor langer Zeit verpflichtet, diesen Einladungen Folge zu leisten.

Fast ein Jahr lang mußte ich fortwährend herumreisen, um in unzähligen großen und kleinen Städten die versprochenen Vorträge zu halten. Oft in großen Sälen vor Tausenden von Zuhörern, oft in Internaten und Schulhäusern vor zappeligen Jungen und Mädchen, und zu meiner großen Freude manchesmal im Freien, wie bei der Bergpredigt, ja sogar ans Mikrophon hatte man mich gerufen, wo ich allerdings nie so recht warm wurde, weil ich lebendige Menschen und strahlende Gesichter um mich haben mußte, wenn ich erzählen sollte.

Da aber auf einmal geschah etwas Schreckliches! Es kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel!

Ich wurde nämlich von einem derartig schweren Schicksalsschlag getroffen, daß meine Weltreise und alle meine Pläne samt und sonders in Frage gestellt wurden …!

Und was war das?

Mitten in meiner anstrengenden Arbeit, während ich mich in der glänzenden Hauptstadt Österreichs aufhielt und in den dortigen zahlreichen Vereinen, Kollegien und Gymnasien täglich Vorträge hielt, wurde ich plötzlich in Folge von Überanstrengung von einer schweren Krankheit aufs Krankenlager geworfen.

Sofort wurde ein tüchtiger Arzt gerufen. — Nachdem er mich auf das sorgfältigste untersucht hatte, erklärte er, der Fall sei äußerst ernst! Ja, man müsse sogar jede Hoffnung auf Genesung fahren lassen …!

Ich war also in aller Form aufgegeben!

Statt der großen Reise um die Erde herum — stand mir nun also plötzlich eine ungleich größere Reise bevor, die Reise nämlich in die andere Welt.…

Von dem Urteil des Arztes wurde mir natürlich damals nichts gesagt. Erst später erfuhr ich, in welcher Gefahr ich geschwebt hatte. —

Doch, was geschah nun?

Nachdem ich mehrere Wochen schwerkrank und in ständiger Todesgefahr auf einem Krankenlager gelegen hatte, trat auf einmal unverhofft und gegen jede Voraussicht eine solche Besserung ein, daß von da an keine Rede mehr von Todesgefahr sein konnte. — Ich war gerettet, meine Weltreise auch … und meine große Reise in die Ewigkeit war auf unbestimmte Zeit verschoben.

5. Kapitel
Ein kleines nächtliches Abenteuer

Von meiner Krankheit erholte ich mich auffallend rasch und konnte daher bald wieder meine Vortragstätigkeit fortsetzen.

Da aber mehrere Vorträge, die ich in Wien hätte halten sollen, wegen meiner Krankheit ausgefallen waren, wurde dieser Ausfall auf eine geschickte Weise wettgemacht. Das geschah so:

Ein Herr aus dem großen Wiener Radiohaus kam zu mir und sagte: „Mehrere Ihrer versprochenen Vorträge sind ja infolge Ihrer Krankheit ausgefallen. Wäre es Ihnen nicht möglich, Ihren Aufenthalt in Wien um einige Wochen zu verlängern, damit Sie diese Vorträge nachholen könnten?“

„Leider ist es mir unmöglich“, erwiderte ich, „denn man wartet auf mich in verschiedenen anderen Gegenden. Nach kurzer Zeit, zum Beispiel, muß ich in der Riedenburg bei Bregenz sein, gleich darauf in Bregenz, dann in Feldkirch, und so weiter. Es tut mir unendlich leid, daß ich Ihren Vorschlag nicht annehmen kann.“

„Ich verstehe Ihre Schwierigkeit“, fuhr der Herr fort, „aber dann möchte ich mit einem anderen Vorschlag kommen, könnten Sie sich nicht heute abend zu uns in das Radiohaus begeben und dort ein paar Vorträge auf unsere Schallplatten sprechen? Diese Vorträge werden wir dann durch ganz Österreich und noch weiterhin verbreiten.“

„Dazu bin ich sehr gern bereit“, erwiderte ich. An demselben Abend fuhr ich nach dem Wiener Radiohaus und gab dort mehrere Erzählungen vor den dortigen Schallplatten zum besten. Diese Erzählungen wurden dann bald darauf nach allen Seiten hin verbreitet.

Kurz nachher verließ ich Wien, um meine Vortragstätigkeit in anderen Gegenden fortzusetzen. Da konnte ich dann zuweilen meine eigenen Erzählungen in den dortigen Radios mit anhören.

Einmal erlebte ich sogar folgenden sonderbaren Fall:

Ich war nach der bekannten Studien- und Erziehungsanstalt Riedenburg in Vorarlberg eingeladen worden.

Zwischen zehn und elf Uhr nachts sollte ich an der Eisenbahnstation Riedenburg absteigen und von dort zu Fuß nach der Anstalt gehen.

Es wurde programmäßig an der genannten Station gehalten. Als ich ausgestiegen war, fuhr der Zug sofort weiter und verschwand bald in der stockfinsteren Nacht.

Da die Gegend mir gänzlich unbekannt war, befand ich mich in der größten Verlegenheit.

An der kleinen Station war es ganz dunkel, und außerdem war kein Mensch dort zu sehen.

Ich stand also hilflos in der finsteren Nacht. Nirgendwo in der Dunkelheit war ein Weg zu entdecken. Von der Riedenburg war keine Hilfe zu hoffen, denn man kannte dort die genaue Zeit meiner Ankunft nicht. Nachdem ich etwa eine Viertelstunde so gestanden und gewartet hatte, entdeckte ich schließlich in der Ferne ein winziges kleines Licht.… Es war das Lämpchen eines Radfahrers, der auf der Landstraße daherfuhr.

Als er nahe genug herangekommen war, rief ich ihn mit lauter Stimme höflich an und bat ihn abzusteigen. Das tat er sofort.

Ich redete ihn mit den Worten an: „Ich bitte Sie um Entschuldigung, mein Herr, können Sie mir nicht sagen, wie ich von hier die Riedenburg erreichen kann?“

Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, da hörten wir auf einmal laute Stimmen, die aus der Finsternis bis zu uns drangen.…

Es waren Frauenstimmen.

Unter anderen konnten wir folgende Worte vernehmen: „Aber, Mutter, das ist ja der Nonni, der da gesprochen hat …! Komm doch mit.…“

„Du hast recht, es muß der Nonni sein“, hörten wir die Mutter antworten.

Gleich darauf bewegten sich zwei geheimnisvolle Schatten aus dem Dunkel auf uns zu.…

Voll Erstaunen schaute ich sie an: Es war eine ältere Frau mit ihrer erwachsenen Tochter.

Sie kamen näher zu uns her ins Licht der Fahrradlampe und grüßten uns mit echt österreichischer Höflichkeit.

Die Mutter wandte sich an mich und sagte:

„Es freut mich, Hochwürden, daß ich Sie hier treffe. Wir haben Sie sofort erkannt.“

Sprachlos stand ich da und betrachtete einige Augenblicke die beiden mir gänzlich unbekannten Gestalten.

Schließlich sagte ich: „Aber wie konnten Sie mich erkennen, bevor Sie mich sahen? Ich bin ganz fremd in dieser Gegend und kenne keinen Menschen hier.…“

Lächelnd antwortete die ältere Frau: „Wir brauchten Sie nicht zu sehen. Wir haben Sie an der Stimme erkannt.“

„Aber wie konnten Sie mich an der Stimme erkennen? Wir haben doch nie miteinander gesprochen.“

„Das ist richtig. Aber Sie haben Vorträge in einem Radiohaus gehalten und auch auf Schallplatten dort gesprochen. Das haben wir hier gehört, und deshalb haben wir Sie sofort erkannt, als Sie soeben den Radfahrer herbeiriefen und mit ihm sprachen. — Unser Haus ist hier in nächster Nähe, nur kann man es jetzt wegen der Dunkelheit nicht sehen.“

Nun war mir alles klar.

Wir sprachen noch ein wenig miteinander, und mit Hilfe dieser guten Menschen erreichte ich dann sehr bald die Riedenburg, wo ich mich bei lieben Freunden im besten Wohlergehen einige Tage aufhielt.

6. Kapitel
Ratschläge meiner Freunde

Im Sommer 1936 war ich endlich mit den wichtigsten Reisevorbereitungen fertig, und nun stand meine Abfahrt bevor.

Ich muß sagen, daß ich eigentlich nicht daran gedacht hatte, ein Buch über meine Erlebnisse auf dieser Reise zu schreiben. Denn ich war damals schon bedenklich nah an mein achtzigstes Lebensjahr herangekommen, und es schien mir, daß ich wegen meines Alters für eine solche Arbeit nicht mehr recht tauge.

Aber diese Rechnung hatte ich ohne die Leser der bisherigen Nonnibücher gemacht.

Kaum hatten sie nämlich von meiner bevorstehenden großen Reise gehört, da kamen auch schon von vielen Seiten her dringende Briefe an mich. Einige erreichten mich noch vor meiner Abreise, andere gingen mir nach bis ins Land der aufgehenden Sonne.

Ein junger Leser aus Italien stellte sich so eine Reise um die Welt sehr einfach vor und schrieb mir:

„Lieber Nonni!

Du mußt alles aufschreiben, was Du siehst. Und dann mußt Du ein Buch daraus machen. Ich warte schon darauf.“

Ein anderer aus Frankreich schrieb:

„Lieber Nonni!

Bist Du schon zurück von Deiner Weltreise? Ich suche in allen Schaufenstern nach Deinem Buch. Ich warte darauf. Jules Verne ging auch rund um die Erde und machte das in der kurzen Zeit von achtzig Tagen.“

Ein sehr geweckter kleiner Schuljunge aus der Schweiz schrieb mir ebenfalls einen Brief, während ich in Japan war. Als Adresse standen auf dem Umschlag folgende Worte:

„An Jón Svensson (Nonni)

der so schöne Bücher schreibt

Reykjavik Island“.

Eine so lustige Adresse hatte ich noch nie in meinem Leben bekommen.

Dieser freundliche Junge hatte offenbar auch schon etwas von dem tüchtigen Jules Verne gehört und gemeint, es ginge bei mir ebenso rasch wie bei diesem, und ich sei schon wieder von Japan nach Island zurückgekehrt. Aber die Post muß ich bewundern. Die isländische Post, die nicht wußte, wo ich war, sandte den Brief nach Norwegen.

Von Norwegen wurde er dann an meinen Verleger Herder in Freiburg im Breisgau geschickt. Von dort wanderte er nach Japan, wo ich ihn richtig erhielt.

Briefe dieser Art kamen oft dutzendweise in meine Hände. Ja es ging kaum ein Tag vorüber, ohne daß ich von meinen Freunden aus allen Ländern Briefe bekam, in welchen ich dringend gebeten wurde, alle meine Erlebnisse aufzuschreiben und sie in einem Reisebuch zu erzählen. Sollte hinter diesen Wünschen am Ende wiederum Jules Verne stecken? Er war inzwischen in Amiens gestorben. Aber seine Bücher lebten weiter. Das eine führte zum Mittelpunkt der Erde, ein anderes spielte 20 000 Meter unter dem Meer.

Das waren ja schöne Aussichten für mich. Die Jungen werden doch nicht so etwas von mir erwarten, dachte ich.

Nun schrieben sie mir auf das genaueste, wie das von mir erwartete Reisebuch ausschauen sollte:

„Vor allem, lieber Nonni, kein gelehrtes Buch, in dem so viele Zahlen und Namen sind und das so sehr nach Schule riecht. Auch keines, das nur von solchen Dingen berichtet, wie sie in der Zeitung stehen. Das würde nur den Politikern und den Professoren gefallen, nicht aber uns und den vielen anderen einfachen Leuten!“

Einer, der mich sicher schon einmal gesehen oder gehört hat bei den vielen Vorträgen, und der sich nun freuen wird, wenn er dieses Buch in die Hände bekommt, schrieb folgende überaus liebenswürdige Ermahnungen:

„Lieber Nonni, schreiben Sie bitte besonders die kleinen und kleinsten Einzelheiten, die Ihnen auf Ihrer Reise begegnen und die so schön sind. Ich weiß nicht warum. Ich weiß nur, daß es angenehm ist, zuzuhören, wenn Nonni erzählt, und daß ich mich wohl fühle, wenn ich in den Nonni-Büchern lese. Ich meine dann immer, ich sei bei ihm und reise selber mit ihm durch die Welt.“

Immerfort wiederholten meine Freunde — die kleinen und die großen — dieselbe Bitte.

Ich aber versprach, mich so gut wie möglich nach diesen Winken und Wünschen zu richten. Vor allem versicherte ich ihnen hoch und heilig, daß ich nicht den Versuch machen werde, sie langweilig zu belehren über die Geschichte und Geographie der Völker und Länder, die ich besuchen werde. „Das alles wird uns mehr als genug in der Schule beigebracht“, schloß der gleiche Junge seinen freundlichen Brief. Ich konnte es verstehen, und entschloß mich darum gern dazu, alle meine Freunde aus Nord und Süd, Ost und West im Geiste mit mir zu nehmen in die große weite Welt hinaus.

7. Kapitel
„Imperator“ — „Berengaria“

Wie schon mehrere Male angedeutet, nahm ich mir vor, direkt von Europa nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas zu fahren. Das sollte die erste Strecke meiner Weltreise sein.

Mit welchem Schiff aber sollte ich diese Überfahrt machen?

Als kleiner Junge hatte ich die Reise von Island nach Dänemark auf einem winzig kleinen Segelschiff gemacht.

Das war siebzig Jahre früher.

Und es war gut so. Denn sonst wäre alles ganz anders gekommen und mein Leben wäre um viele Abenteuer ärmer. Ich hätte nicht so vieles erlebt und hätte darum auch nichts Interessantes erzählen können. Und die Nonni-Bücher wären nicht entstanden. Mir selber würde es jedenfalls leid tun, wenn ich alle die Freuden, die ich jung und alt aller Länder mit meinen Erinnerungen an die abenteuerliche Fahrt mit dem Segler „ Valdemar von Rönne“ gemacht habe, nicht hätte machen dürfen.

Jetzt wollte ich es aber anders machen. Inzwischen hatte die Schiffahrt gewaltige Fortschritte gemacht. Statt eines kleinen Schiffes konnte ich jetzt eines der allergrößten Schiffe wählen.

Die größten Schiffe aber, dachte ich, wird man wohl im Inselreich England finden.

Ich schaute nach und entdeckte bald, daß die damals größten Schiffe der Welt die englische „Queen Mary“ und die französische „Normandie“ waren.

Diese beiden Riesenschiffe waren ganz neu und wurden auch überall als wahre Wunder der Technik angesehen. Hier mußte ich zugreifen, dachte ich.

Ich wandte mich deshalb gleich an die betreffenden Schiffsgesellschaften, die englische und die französische, und fragte, ob noch Platz für einen Reisenden nach Nordamerika zu finden sei.

Sofort erhielt ich die Antwort, daß auf diesen beiden Schiffen für die nächsten fünf Monate alle Plätze schon bestellt seien. Wie merkwürdig! dachte ich, so viele Reisenden nach Amerika.

Da also war guter Rat teuer.… Ich überlegte hin und her Es war aber nichts zu machen: ich mußte auf die beiden prachtvollen Riesenschiffe Englands und Frankreichts verzichten.

Ganz im stillen hatten sich manche meiner älteren Freunde über diese Absagen gefreut. Ich erkannte das aus den Zuschriften, die ich von ihnen erhielt. Diese guten Leute hatten Angst um mich, wegen meines hohen Alters. Daß man mit achtzig Jahren noch Wanderlust haben kann und eine Weltreise beginnen will, ganz allein, schien ihnen unbegreiflich. Aber sie konnten ja nicht wissen, wie es einem Manne zumute ist, der Normannenblut in seinen Adern hat!

Um diesen heimlichen Widerstand zu überwinden, machte ich den Vorschlag, man möge mir einen tapferen Jungen mitgeben, der mir behilflich sein könnte und aus dessen Fragen und Antworten ich wieder zu entnehmen vermöchte, was junge Menschen von heute besonders interessiert. Mit Begeisterung boten sich sofort mehrere Jungen aus der Herderschen Zöglingsfamilie als Begleiter an, wie damals Viktor, der mit mir ging zur Tausendjahrfeier des Things von Reykjavik und der dann kreuz und quer mit mir durch Island streifte. Allein die Eltern dieser Jungen hielten zurück, so daß mir nichts anderes übrig blieb, als die Reise um die Welt allein zu unternehmen. Ich selber hatte nicht die geringste Angst davor; ich fühlte mich ganz sicher in Gottes Hand. Nur davor war mir ein wenig bange, es könnte jemand aus übergroßer Sorge um mein Wohl meine Ordensobern veranlassen, mich selber von der Reise zurückzuhalten.

In aller Eile wandte ich mich daher an eine neue Schiffsgesellschaft in England (weil es inzwischen abgemacht worden war, daß ich von England aus meine Weltreise beginnen sollte) und bestellte eine Fahrkarte nach Newyork mit der „Berengaria“, einem riesengroßen Amerikafahrer, den ich schon etwas näher kannte.

Die „Berengaria“ war 1914 in Deutschland gebaut worden. Sie hatte ursprünglich den Namen „Imperator“ und war das damals größte Schiff der Welt. Mit diesem prachtvollen Schiff wollte ich also die erste Strecke meiner Reise machen, nämlich die Strecke von England nach Neuyork.

Ich hatte aber noch gute Zeit; denn von der „Berengaria“ erhielt ich den Bescheid, daß das Schiff erst nach drei Wochen die Reise von England nach Amerika antreten werde.

So standen mir also bis zur Abfahrt noch drei Wochen frei.

8. Kapitel
Anfang der Weltreise
Im Eisenbahnzuge von Holland nach Paris

Da ich sowohl in Paris als auch in London einige wichtige Geschäfte zu besorgen hatte, verließ ich bald Holland, wo ich mich inzwischen aufhielt, und reiste direkt nach Paris.

In dem Eisenbahnzug, der mich von Holland nach Frankreich brachte, erlebte ich ein kleines Abenteuer.

Es war das erste kleine Abenteuer auf meiner Weltreise, denn eben jetzt fing ja meine Weltreise an.

In meinem Abteil saß mir gegenüber ein sehr liebenswürdiger Herr, mit dem ich bald ins Gespräch kam.

Da er gerade nach Paris fuhr, fragte ich ihn, ob er vielleicht selber ein Pariser sei.

„Nein, mein Herr“, sagte er, „ich bin zwar ein Franzose, aber kein Pariser. Ich bin jetzt auf Reisen in den europäischen Ländern, wohne aber sehr weit von hier.“

Ich wurde neugierig, wollte ihn aber nicht gern ausfragen. Er schien aber meine Gedanken erraten zu haben, denn nach einer kurzen Pause sagte er lächelnd: „Sie möchten vielleicht gern wissen, wo ich wohne.“

„Gewiß. Das würde mich interessieren“, erwiderte ich.

„Raten Sie mal. — Ich wette aber“, sagte lächelnd der Franzose, „daß es Ihnen nicht leicht sein wird, meinen Wohnort zu finden.“

Meine Neugierde nahm zu. Ich fing also mit dem Raten an:

„Sie wohnen weit von hier, sagen Sie, wahrscheinlich in der Schweiz oder in Österreich?“

„O nein! Etwas weiter als das.“

„Dann vielleicht in Italien?“

„O nein, noch weiter.“

„Noch weiter …! Dann am Ende in Rußland?“

„Rußland! Das ist noch viel zu nah.“

„Noch viel weiter als Rußland …! Dann sagen wir mal in Amerika.“

„Ach nein … Amerika ist auch zu nah … Weiter, weiter … noch viel weiter.…“

„Weiter als Amerika …! Dann wohnen Sie am Ende in Indien.“

„Nein, nein, nein … Sie sind noch immer nicht weit genug. Aber Sie sind wenigstens auf dem richtigen Weg.“

„Dann bleibt schließlich nur noch China übrig.“

„China! Ach nein. Es bleibt noch ein herrliches Land übrig, eines der wundervollsten Länder der Welt.… Also, noch etwas weiter als China.“

Ich machte große Augen, denn jetzt wurde mir alles klar: es konnte nur mein Lieblingsland sein, das herrliche Land des japanischen Volkes —!

„Jetzt weiß ich es“, sagte ich dem freundlich heiteren Franzosen, „es ist Japan, Sie wohnen in Japan.“

„Ja, so ist es. Ich wohne in Japan. Ich bin französischer Beamter in Tokio.“

Man denke sich meine Überraschung. — Ich war ja gerade auf dem Wege nach Japan … und der erste Unbekannte, mit dem ich mich zufällig ins Gespräch einließ, war ein Bewohner dieses fernen Landes!

Der französische Herr merkte wohl, daß ich sehr überrascht und erstaunt war. Er konnte sich aber mein Staunen nicht recht erklären, denn er schaute mich fragend an und sagte schließlich nach einer kurzen Pause:

„Sie scheinen Interesse für Japan zu haben.“

„Ja, da haben Sie recht, mein Herr. Ich interessiere mich ganz besonders für dieses Land und für dieses Volk.“

„Aber aus welchem Grund tun Sie das?“

Ich schaute ihn lächelnd an und sagte: „Den Grund möchte ich Ihnen zum Raten geben, denn jetzt ist die Reihe an Ihnen.“

„Gut“, sagte lachend der Herr, „ich will es gern versuchen.“

Er dachte einige Augenblicke nach. Dann schaute er mich an und sagte: „Vielleicht machen Sie besondere Studien dort?“

„O nein, das gerade nicht, aber um es noch einmal zu sagen, ich kann nicht leugnen, daß ich für Japan ein starkes Interesse habe.“

Der geistreiche Franzose dachte wieder einige Augenblicke nach, dann auf einmal fuhr er auf und rief mir lebhaft zu: „Jetzt habe ich es, Sie haben mir auf die rechte Spur geholfen: Sie wollen sicher eine Reise nach Japan machen.“

„Ja, so ist es. Sie sind ein Meister im Raten, denn Sie haben es sofort getroffen.“

„Und wann fangen Sie die Reise an?“

„Ich habe sie schon angefangen … soeben, heute morgen. Dieser Tag ist mein erster Reisetag.“

„Und Sie fahren über Rußland?“

„Nein, mein Herr, ich fahre über die großen Weltmeere, denn ich liebe die Seereisen. Ich fahre jetzt über Paris nach London und dann von England aus über das Atlantische Meer nach Amerika. Dann über Amerika und das Stille Meer bis nach Japan. Und wenn ich in Japan sein werde, fahre ich sofort nach Tokio und werde dort längere Zeit wohnen.“

„Das freut mich aber sehr. Wo werden Sie aber in Tokio wohnen?“

„In der ‚Catholic University Jochi Daigaku‘.“

„In der University Jochi Daigaku! Aber die kenne ich sehr gut“, sagte mein freundlicher Mitreisender! „Die volle Adresse dieser Universität ist: Kojimachi Kioicho. Ich wohne nämlich selber in Tokio, nicht weit von der Universität Jochi Daigaku. Ich gehöre dort zu einer französischen Mission.“

Dann gab er mir seine volle Adresse und bat mich dringend, ihn zu besuchen, wenn ich in Tokio sein würde.

Wir sprachen noch lange über unsere Pläne in Japan und trennten uns schließlich, als der Zug in einem der großen Pariser Bahnhöfe hielt. In Paris blieb ich eine Woche, um dort einige bestellte Vorträge zu halten.

Meine eigenartige Begegnung mit dem französischen Herrn sah ich als ein gutes „Omen“ an.

Ich empfand es jedenfalls immer mehr und mehr merkwürdig, daß der erste Mensch, mit dem ich am Anfang meiner Reise in Berührung kam, ein Bewohner jenes Landes und jener Stadt war, wo auch ich meine Wohnung aufschlagen sollte!

Natürlich war ich fest entschlossen, mein Versprechen zu halten und meinen neuen französischen Bekannten in Tokio zu besuchen.

Das habe ich auch öfters getan, als ich später in Tokio wohnte, und immer wurde ich von ihm auf das freundlichste empfangen.

So konnte ich mir nur dazu Glück wünschen, daß ich diesen heiteren und liebenswürdigen Herrn am ersten Tag meiner Reise im Pariser Zug getroffen habe.

9. Kapitel
Begegnung mit Pariser Jungen

In Paris hielt ich mich nur einige wenige Tage auf, um, wie schon oben bemerkt, ein paar Vorträge zu halten.

Den einen dieser Vorträge sollte ich am ersten Tag nach meiner Ankunft in einem Saal in der Rue Lafayette halten.

Eine halbe Stunde bevor der Vortrag beginnen sollte, kam ich dort an. Es war am Nachmittag.

Neben dem Versammlungsgebäude war ein geräumiger Hof, wo einige muntere Pariser Gymnasiasten spielten.

Ich trat in den Hof hinein und schaute dem Spiel und dem lebhaften Treiben zu.

Bald kamen einige der fröhlichen kleinen Jungen zu mir her und grüßten mich höflich.

Freundlich erwiderte ich ihren Gruß und fragte sie, wie es ihnen ginge und was sie da täten.

„Wir sind hierher gekommen, um im Saale dort nebenan einen Vortrag zu hören.“

Ohne ihnen zu sagen, wer ich sei, fragte ich die Jungen:

„Wann soll der Vortrag beginnen?“

„Erst nach einer halben Stunde“, erwiderten sie, „deshalb spielen wir hier draußen, bis der Vortrag beginnt, statt in den Saal hineinzugehen und dort zu warten.“

Ich merkte bald, daß keiner von ihnen eine Ahnung davon hatte, daß ich der Vortragende sei.

Zum Spaß fragte ich weiter: „Wer wird aber diesen Vortrag halten?“

Die Jungen schauten zuerst einander an. Dann erwiderte einer der Größeren:

„Es ist der Nonni, der die „Récits islandais“ geschrieben hat.“

„Und wer ist denn dieser Nonni?“ fragte ich weiter.

„Es ist ein isländischer Junge.“

„Ein Junge! Kann denn ein Junge so einen Vortrag halten?“

Wieder schauten sich die Jungen gegenseitig an. Sie schienen nicht recht zu wissen, was sie auf diese Fragen antworten sollten. — Dann aber sagte wieder einer der Größeren: „Er muß es wohl können, denn er hat ja das Buch selber geschrieben, und sein Name steht auf den Flugzetteln, die heute verteilt worden sind.“

Ich hatte Spaß an diesem kleinen unschuldigen „Qui pro quo“, wie die Franzosen so eine verworrene Verwechslung nennen.

„Aber wie alt mag wohl dieser Nonni sein?“

„Er wird wohl etwas über 12 Jahre alt sein“, erwiderten sie.

Es wurde immer schwieriger. Ich dachte schon daran, mich nun doch endlich den guten Jungen bekannt zu machen. Um das aber einzuleiten, sagte ich: „Aber sollte dieser Nonni nun doch am Ende jetzt nicht etwas älter geworden sein …?“

„Nein, nein!“ protestierten die Kinder. „Er ist nur zwölf Jahre alt. Es steht im Buch, und wir haben es gelesen.“

Jetzt wurde geläutet … Ich schaute auf meine Uhr. Es war Zeit. Ich mußte in den Saal

Ohne mich zu verraten, nahm ich Abschied von den Kindern und begab mich in den Vortragssaal, um meinen Vortrag zu halten.

Eine gute Stunde später, als ich mit dem Vortrag fertig war und nach Haus zurückfahren wollte, fiel ich auf der Hauptstraße vor dem Vortragssaal wieder in die Hände meiner kleinen Freunde von vorher.

Sie erkannten mich sogleich und riefen einander zu: „Kommt schnell, der Nonni ist wieder da.“

In einem Nu war ich umringt von denselben Jungen und von vielen anderen, die hinzugekommen waren.

Es gelang mir, mit der ganz kleinen Bande aus der Volksmenge der großen Straße in ein Nebengäßchen hineinzuschlüpfen.

Hier umringten mich die lustigen kleinen Pariser wieder. Und nun regnete es nur so Fragen und Ausrufe aller Art.

„Sie sind der Nonni selber. Wir haben Sie gleich erkannt. — Besonders als Sie auf der Bühne zu sprechen anfingen, da haben wir Sie alle wieder erkannt.“

Ich wollte zu Wort kommen, es war aber vorläufig unmöglich.

Alle sprachen und riefen durcheinander und zu gleicher Zeit.

Schließlich gelang es mir doch, die bewegliche und feurige kleine Schar durch Gesten ein wenig zu beruhigen. Und als ich zu Worte kommen konnte, sagte ich:

„Aber Kinder, was soll ich nun da machen? Ihr habt mir ja vorher auf dem Hof gesagt, daß der Nonni ein kleiner zwölfjähriger Junge sei. Dann müßte ich ja selber zu zweifeln anfangen, wer ich eigentlich bin. — Ich bin jetzt achtzig Jahre alt. Der Nonni aber soll zwölf Jahre alt sein! Was soll das aber bedeuten? Und was sollen wir darüber sagen? Und wie ist denn das zu verstehen?“

Jetzt wären die Jungen wahrhaftig bald an mir irre geworden. Die Kleinen standen ratlos da und wußten nicht, was sie sagen sollten.

Da löste auf einmal einer der Großen den schwierigen Knoten.

Er sagte: „Der Nonni hat sehr wahrscheinlich die ganze Geschichte der ‚Récits islandais‘ früher erlebt. Nachher ist er denn älter geworden und schließlich so alt, wie er jetzt ist.“

Jetzt ging allen ein Licht auf, den Kleinen wie den Großen, und endlich wurden alle davon überzeugt, daß der Nonni der „Récits islandais“ viel jünger war als der jetzige Nonni.

Diese Ansicht versuchte auch ich geltend zu machen.

Und so gelang es schließlich, die ganze Schwierigkeit zu lösen.

10. Kapitel
Eine liebliche Erinnerung aus Palermo

Ein ähnliches Erlebnis wie das im vorigen Kapitel hatte ich schon einmal einige Jahre vorher in Italien.

Während ich in diesem Zauberlande herumreiste, kam ich auch eines Tages nach Sizilien.

Ich zog gleich nach der Hauptstadt, dem wunderschönen Palermo, und hielt mich da einige Tage auf.

Ich wohnte dort bei Freunden in einem sehr schönen Gymnasium mitten in der Stadt.

Am zweiten Tag meines dortigen Aufenthaltes kam der Vorsteher der Anstalt auf mein Zimmer und sagte: „Unten im Sprechzimmer ist ein Besuch für Sie.“

„Und wer ist der Besucher?“ fragte ich.

„Es ist ein kleiner zwölfjähriger Junge aus der Stadt. Er und seine Eltern und Geschwister haben Ihre Bücher gelesen und wünschen nun den Nonni zu sehen.“

Der Vorsteher führte mich die Treppe hinunter in einen Gang und zeigte mir dort die Tür des Sprechzimmers, indem er sagte: „Bitte klopfen Sie dort an.“ Dann verließ er mich.

Ich ging hin und klopfte.

Eine Knabenstimme lud mich ein, einzutreten.

Ich öffnete die Tür und trat ein.

Auf einem Stuhl, nah beim Tisch, saß der junge Besucher. — Ich grüßte ihn.

Er stand auf und erwiderte höflich meinen Gruß.

Dann setzte er sich wieder und tat, wie wenn er nichts mit mir zu tun habe.

Ich wunderte mich nicht wenig über seine Teilnahmslosigkeit.

Dann schob ich einen Stuhl zum Tische hin und nahm auch selber dort stillschweigend Platz.

Der junge Besucher verblieb stumm und tat, wie wenn ich nicht da wäre.

Nach einigen Augenblicken redete ich ihn freundlich an, indem ich ihm auf französisch sagte: „Kleiner Freund, ich bin hierher gekommen, weil man mir gesagt hat, du hättest nach mir verlangt und wolltest mit mir sprechen.“

Der Kleine schaute mich verwundert an und sagte: „Mein Herr, das muß ein Mißverständnis sein. Ich habe nach dem Nonni verlangt. Nur mit ihm wollte ich sprechen.“

Jetzt mußte ich aber lächeln, denn da war auch wirklich irgendein eigenartiges Mißverständnis vorhanden … Ich wandte mich wieder zu dem Jungen und sagte: „Aber wer ist dieser Nonni, nach dem du verlangt hast?“

„Das ist der Junge aus Island, der die Geschichte von ‚Nonni und Manni‘ geschrieben hat. Ich habe gehört, daß er nach Palermo gekommen sei und hier im Kolleg wohne.“

„Ja das habe ich auch gehört, und ich weiß, daß es wahr ist. Der Nonni ist wirklich nach Palermo gekommen, und er wohnt hier im Hause … Und du möchtest ihn sehen?“

„Ja, mein Herr, das wünsche ich sehr.“

„Wenn du ihn aber sehen würdest, glaubst du, daß du ihn dann leicht auch erkennen könntest?“

„O ja, denn sein Bild steht in dem Buch ‚Nonni und Manni‘.“

Der kleine Italiener meinte also augenscheinlich, daß die italienische Übersetzung meines Buches „Nonni und Manni “ ein neues Buch sei und daß Nonni als kleiner zwölfjähriger Junge, dessen Bild im Buche zu sehen war, es geschrieben habe.

Nach seiner Auffassung mußte Nonni jetzt also ein kleiner etwa zwölfjähriger Junge sein.

Von dieser irrigen Überzeugung mußte ich ihn nun zu befreien suchen.

Zu diesem Zweck stellte ich ihm die Frage: „Wann ist aber die Geschichte von ‚Nonni und Manni‘ passiert?“

„Ich weiß es nicht genau“, erwiderte der kleine Italiener, „aber ich glaube, daß sie vor kurzer Zeit passiert ist.“

„Dann wäre ja der Nonni noch ein kleiner Junge.“

„Ja, mein Herr, das habe ich auch immer angenommen, und das muß er auch sicher sein.“

Jetzt sagte ich ihm: „Mein lieber Freund, wenn ich dir nun aber sagen würde, daß die Geschichte von ‚Nonni und Manni vor mehr als fünfzig Jahren stattgefunden hat, was würdest du nun sagen?“

Der Junge machte große Augen. Er dachte einige Augenblicke nach. Dann sagte er:

„Aber, mein Herr, es ist unmöglich, daß das Buch so alt ist, denn es ist in diesem Jahre herausgekommen. Es ist also ganz neu, und das Bild von Nonni steht da drin. Und dort sieht er aus wie ein Junge“.

„Kleiner Freund“, erwiderte ich ihm, „das italienische Buch ‚Nonni und Manni‘, wovon du sprichst, ist nur eine Übersetzung des Buches, welches Nonni vor, vielen Jahren geschrieben hat. — Und jetzt will ich dir noch etwas anderes sagen: nicht der junge Nonni, sondern der alte Nonni ist jetzt hier in diesem Hause. Ja, du hast ihn sogar schon gesehen und auch mit ihm gesprochen.“

Jetzt konnte das Staunen des kleinen Jungen keine Grenzen mehr … Er wußte nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

Er schaute mich eine kleine Weile mit weitgeöffneten Augen an …

Dann endlich sagte er: „Und wo ist der Nonni jetzt?“

Ich schaute den kleinen Italiener freundlich an und sagte dann, indem ich jedes Wort deutlich und langsam aussprach:

„Er ist jetzt hier … in diesem Zimmer … Und er sitzt jetzt neben dir auf einem Stuhl … Ja, mein guter kleiner Freund … der alte Mann, der jetzt mit dir spricht, das ist der Nonni selber.“

Jetzt saß mein kleiner Freund sprachlos und ganz überwältigt da.

Es war mir nicht schwer, mich in seinen Seelenzustand hineinzudenken. —

Den jungen Nonni, den er in sein Herz eingeschlossen, dessen Jugendbild er in seiner Phantasie lange aufbewahrt, und an welches er sich gewöhnt hatte, den konnte ich, der alte, wirkliche Nonni, nicht mehr so leicht ersetzen …

Doch bald erholte sich der gute kleine Junge von seiner gewaltigen Überraschung und tiefen Bewegung.

Und es kam bald ein ungezwungenes, herzliches Zwiegespräch zwischen uns in Gang.

Zum Schluß sagte er mir noch: „Da ich Sie nun schließlich gefunden und erkannt habe, so müssen Sie mir noch versprechen, einen Besuch bei uns zu machen, denn sowohl ‚mamma mia‘ wie auch ‚sorella mia‘ haben beide die Geschichte von ‚Nonni und Manni‘ gelesen, und beide würden eine sehr große Freude haben, den Nonni selber kennen zu lernen.“

Der gewünschte Besuch bei der „Mamma“ und der „Sorella“ wurde mit Freuden versprochen, und nachdem wir noch eine kleine Weile miteinander geplaudert hatten, schieden wir als gute Freunde.

11. Kapitel
Vorbereitung meiner Luftreise von Paris nach London

Nach diesem kleinen italienischen Abstecher, den wir übrigens nur im Geiste gemacht haben, wollen wir wieder zu meiner Weltreise zurückkehren.

Meine Tage in Paris waren jetzt bald gezählt. Die nächste Strecke war Paris—London. Es gibt nun aber viele Wege, die von Paris nach London führen.

Mir kam es aber darauf an, einen schönen, interessanten und wenn möglich einen etwas ungewöhnlichen Weg zu wählen. Denn ich gehe nicht gern ausgetretene Pfade.

Mein Absteigequartier in Paris war in der Rue de Vaugirard neben der Place de la Convention. Dort hatte ich lauter gute und liebe Freunde. Es waren dort eine große Schule und ein bedeutendes Internat, wo viele frische und fröhliche Pariser Schüler und Schülerinnen erzogen und unterrichtet wurden.

Den jungen Studierenden des Hauses mußte ich zuweilen Vorträge halten und ihnen allerlei Interessantes erzählen.

Eines Tages, kurz vor meiner Abreise, nachdem ich den Schülern eine Geschichte erzählt hatte, blieb ich noch eine Weile mit ihnen zusammen, um über meine Weltreise mit ihnen zu plaudern.

Wir saßen alle in einem schönen, geräumigen Versammlungssaal des Hauses. Mitten im Gespräche fragte ich meine jungen Zuhörer, wie ich wohl am besten und einfachsten von Paris nach London fahren könne.

Sie dachten einige Augenblicke nach. Dann schlug einer der Jungen vor: „Am besten fahren Sie mit der Eisenbahn von Paris nach Calais. Von Calais mit einem Schiff über den Kanal nach England. Dann wieder in einem englischen Zug nach London.“

„Und wie lange dauert wohl so eine Reise?“ fragte ich.

„Sie dauert ungefähr einen Tag“, meinten die Jungen.

„Gibt es aber nicht einen kürzeren Weg, so daß man diese Reise etwas schneller machen könnte?“ fragte ich die Kinder.

Ein kleiner Junge erwiderte: „Doch, man kann die Strecke Paris—London viel schneller und viel einfacher machen.“

„Und wie das?“ fragte ich.

„Auf dem Luftweg!“ riefen alle Kinder auf einmal.

„Wie muß man aber diese Luftreise machen?“ fragte ich weiter.

Einer der Großen, der sehr auf dem laufenden zu sein schien, sagte: „Man fährt mit einem Auto von hier bis nach dem Zentrum von Paris. Dort hält man in der Rue des Italiens. Dann besteigt man einen Autobus, der bis zu dem großen Pariser Flugplatz Le Bourget fährt. Von dem Flugplatz Le Bourget fliegen oftmals im Tag Flugzeuge nach London und umgekehrt.“

„Das wäre ja gerade meine Sache“, sagte ich. „Und wie lange dauert diese Fahrt durch die Lüfte von Paris bis London?“

„Ungefähr zwei Stunden.“

Der Junge, der diese Auskünfte gab, schien sehr gut Bescheid zu wissen.

Jetzt aber meldete sich ein anderer Schüler und sagte: „Die Reise durch die Luft ist zwar schön, kurz und interessant, aber sie ist teurer als die Reise über Land und Wasser.“

„Das sieht nur so aus“, fuhr der erste Junge fort, „in Wirklichkeit ist sie nicht teurer.“

Alles wurde still im Saal. Alle waren gespannt. Auch ich war gefesselt. Denn es schien mir, daß diese jungen Pariser Schüler ihre Ansichten mit ungewöhnlicher Tüchtigkeit vorbrachten und zu verteidigen verstanden.

Jetzt stand einer auf und richtete an den, der zuletzt gesprochen hatte, die Frage: „Kannst du das, was du eben behauptet hast, beweisen, daß nämlich die Reise von hier nach London durch die Luft nicht teurer ist als die Reise mit der Eisenbahn und Dampfer?“

„Ja, das kann ich“, erwiderte rasch der junge Gegner. Und dann fuhr er fort: „Wenn man auf die gewöhnliche Weise diese Fahrt macht, mit Eisenbahn und mit Dampfer, dann kosten die Fahrkarten zwar weniger als die Fahrkarte mit dem Flugzeug, aber es kommen mehrere andere Ausgaben hinzu, von welchen man im Flugzeug befreit ist. Im Flugzeug hat man nichts anderes zu bezahlen als nur die Fahrkarte. Auf der anderen Reise ist es ganz anders, da muß man zwei Mahlzeiten einnehmen. Das ist eine Extraausgabe. Dann verliert man dazu noch den ganzen Tag, und diese verlorene Zeit hat ja doch auch einen Wert. Bei der Luftreise dagegen verliert man nur zwei gute Stunden und braucht keine Mahlzeiten einzunehmen.“

„Wenn es so ist“, sagte ich, „dann wähle ich doch am liebsten den Luftweg.“

Jetzt bat einer der Kleineren um das Wort. Er erhob sich und sagte: „Es ist wahr, daß der Luftweg viel schneller und schließlich auch billiger ist als der andere, aber man darf dabei nicht vergessen, daß er eine große Schattenseite hat: er ist nämlich gefährlich, ja sehr gefährlich, viel gefährlicher als der gewöhnliche Landweg. — Es ist viel sicherer auf der Erde zu bleiben, auch wenn es langsamer geht und vielleicht etwas teurer sein sollte, als mit Lebensgefahr hinauf zu den Wolken zu steigen.“

Die Jungen wußten zuerst nicht, was sie auf diese Einwände erwidern sollten.

Es entstand also eine Pause …

Da erhob sich aber einer der großen Jungen und sagte: „Mein Vater, der bei der Luftfahrt angestellt ist, hat mir gesagt, daß die Reisen im Flugzeug nur im Anfang gefährlich waren. Jetzt sei es aber nicht mehr der Fall. Er sagt, es sei sogar bewiesen worden, daß jetzt bei den Luftreisen weniger Gefahr ist als bei den gewöhnlichen Reisen mit Eisenbahnen und Dampfschiffen.“

Hiermit wurden unsere Beratungen geschlossen.

Mein Entschluß aber stand fest, nämlich mit einem Flugzeug von Paris nach London zu fliegen.

Das war das Ergebnis der kleinen „parlamentarischen Sitzung“ in dem Pariser Internat der Rue de Vaugirard.

12. Kapitel
Ein eigenartiges Erlebnis in Paris

Um keine Zeit zu verlieren und um meine Luftreise nach London in Sicherheit zu bringen, nahm ich mir vor, noch an demselben Tage, mich nach der Rue des Italiens zu begeben, um dort über die Luftreisebedingungen zwischen Paris und London etwas Sicheres zu erfahren.

Bei dieser Gelegenheit erlebte ich wiederum ein recht eigenartiges und geheimnisvolles Abenteuer.

Als ich nämlich das Haus in der Rue de Vaugirard verlassen hatte und auf die Straße hinausgekommen war, schaute ich nach allen Seiten um, ein Auto zu entdecken.

Da kam plötzlich ein vornehm aussehender Herr in einem niedlichen kleinen Auto auf mich zugefahren, grüßte mich und sagte: „Mein Herr, Sie suchen ein Auto. Es ist aber keins hier zu finden. Könnte ich Ihnen vielleicht behilflich sein?“

„Sie sind sehr liebenswürdig, mein Herr“, entgegnete ich, „gewiß würde ich Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir helfen könnten.“

„Wo wollen Sie hinfahren?“ fragte der Herr.

„Nach der Rue des Italiens.“

„Das freut mich aber sehr, denn ich muß nämlich selber gerade nach dieser Richtung fahren … Steigen Sie bitte hier bei mir ein.“

Ich nahm sofort das liebenswürdige Angebot an und wollte nun auf dem Rücksitz Platz nehmen. Der Herr bat aber, mich vorne neben ihn zu setzen, denn er saß selber am Steuer.

Unterwegs fingen wir an miteinander zu plaudern.

„Sie sind ja wohl ein Ausländer?“ fragte der Herr.

„Ja, mein Herr, ich bin aus Island.“

„Aus Island! So, das interessiert mich sehr. — Sie sind nämlich der zweite Isländer, den ich kennen gelernt habe.“

Nun wurde auch ich recht interessiert und hätte gern wissen wollen, wer der erste isländische Bekannte des französischen Herrn sei.

Ich fragte ihn daher: „Ist dieser Isländer, von dem Sie sprachen, auch hier in Paris?“

„‚Ich muß bekennen“, erwiderte er, „daß ich nicht weiß, wo er sich eben jetzt aufhält. Übrigens“, fügte er hinzu, „kenne ich ihn nicht persönlich. Ich habe ihn nie gesehen, nur einige seiner Bücher habe ich gelesen. Er ist nämlich Schriftsteller.“

Jetzt fuhr ich zusammen, und meine Neugierde nahm stark zu.

„Kennen Sie vielleicht seinen Namen?“ fragte ich gespannt.

„Gewiß, mein Herr. Er heißt Jón Svensson und nennt sich auch Nonni. Nonni soll sein Kindername sein.“

Es entstand jetzt eine Verlegenheitspause, denn ich wußte nicht recht, was ich tun sollte. Der Herr fuhr indessen bald fort und fragte: „Sie müssen ihn wohl kennen, denn er ist ja Ihr Landsmann.“

„Gewiß, mein Herr, kenne ich ihn, und zwar ganz gut … Aber wo könnte er jetzt sein?“

„Ich weiß es, wie gesagt, nicht. Ich weiß nur, daß er sich oft in Frankreich aufhält. Er ist auch häufig hier in Paris gewesen. Er hält öfters Vorträge hier und in der Umgebung.“

Wieder stockte das Gespräch … Auf einmal aber fuhr der Herr fort, indem er mich scharf ansah:

„Dürfte ich nach Ihrem eigenen geehrten Namen fragen?“

„Gewiß, mein Herr“, erwiderte ich. „Meinen Namen kennen Sie übrigens schon. Ich heiße nämlich genau so wie der Isländer, von dem Sie soeben sprachen.“

Der Herr schaute erstaunt … Ich fuhr aber fort und sagte: „Jón Svensson ist mein eigentlicher Name, und Nonni ist mein Kindername.“

Sprachlos schaute mich noch immer der Herr an. Schließlich aber sagte er: „Ist das nun aber doch nicht merkwürdig? Als ich Sie ganz gegen meine Gewohnheit einlud, in meinen Wagen einzusteigen, wußte ich selber nicht, warum ich es eigentlich tat … Durch unsere Unterhaltung aber wurde es mir immer klarer, daß Sie irgendwie zu meinen Bekannten, ja vielleicht sogar zu meinen Freunden gehörten … Wie das zu erklären ist, weiß ich nicht.“

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Etwas Unbekanntes, Geheimnisvolles trieb und zwang mich dazu, metnen Wagen anzuhalten und Sie zum Mitfahren einzuladen.“

Diese Worte des sehr gebildeten Herrn machten einen geheimnisvollen Eindruck auf mich. Denn auch mir war es, wie wenn dieser mir gänzlich unbekannte Herr doch auf eine merkwürdige, unerklärliche Weise ein alter Bekannter von mir sei.

Unterdessen hatten wir die Rue des Italiens erreicht. Wir stiegen ab und gingen sofort in die Luftreise-Bureaus hinein.

Hier half mir der freundliche Herr, ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, meine Luftreise von Paris nach London in bester Weise vorzubereiten.

Und nachdem ich über alle Einzelheiten dieser hochinteressanten Reise durch meinen neuen Freund unterrichtet worden war, ließ er es sich nicht nehmen, mich nach meiner Wohnung in der Rue de Vaugirard wieder persönlich zurückzuführen.

13. Kapitel
Mit einem englischen Jungen von Paris nach London

Jetzt war alles für meine Luftreise von Frankreich nach England vorbereitet.

Ich hatte nur noch eine Nacht in Paris zu bleiben.

Am folgenden Tag, früh am Nachmittag, verließ ich meine Freunde in der Rue de Vaugirard und fuhr in einem Auto mit meinen Koffern nach der Rue des Italiens.

Dort bestellte ich meinen Fahrschein. Und nachdem ich, wie es bei allen Luftreisen üblich ist, zusammen mit meinen Koffern auf einer Waage gewogen war, wurde mir mein Fahrschein übergeben.

„Wann werden wir von hier nach dem Flugplatz Le Bourget abfahren?“ fragte ich einen der dortigen Beamten.

Er schaute auf die Uhr und sagte: „Nach einer halben Stunde kommt der Autobus, der Sie von hier nach dem Flugplatz bringen wird. Er wird hier vor der Ausgangstür halten. Dort müssen Sie einsteigen.“

Ich blieb also in dem großen Bureau, setzte mich auf eine Bank und wartete.

Kurz darauf, kaum 5 Minuten später, kam eine Dame mit ihrem etwa zwölfjährigen Sohn herein und kaufte eine Fahrkarte nach London für den kleinen Jungen.

An ihrer Sprache hörte ich, daß sie eine Engländerin sein mußte.

Als sie die Fahrkarte erhalten hatte, nahm sie nicht weit von mir mit ihrem Sohn auf der Bank Platz.

Dort sprachen die beiden einige Minuten leise miteinander. Dann stand die Dame auf und kam zu mir her. Ich verstand sofort, daß sie mir etwas zu sagen hatte.

Ich erhob mich daher und grüßte sie. Sie erwiderte meinen Gruß und sagte: „Sind Sie nicht der Verfasser der Nonnibücher, mein Herr?“

„Doch, Madame“, antwortete ich, indem ich ihr meine Visitenkarte reichte.

„Ich besitze Ihre Photographie und habe Sie gleich erkannt“, fuhr die Dame fort.

„Sie fliegen wohl jetzt nach London?“

„Jawohl, Madame“, erwiderte ich.

„Dürfte ich Sie dann um einen kleinen Dienst bitten, mein Herr?“

„Mit Freuden werde ich Ihnen jeden Dienst leisten, den Sie von mir wünschen, wenn es mir irgendwie möglich ist.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, mein Herr. Es handelt sich um meinen kleinen Jungen. Ich bin gezwungen, ihn diesmal ganz allein von hier nach London reisen zu lassen. Eigentlich ist er vernünftig genug, um allein diese kleine Reise sogar im Flugzeug machen zu können. Ich würde aber doch ruhiger sein, wenn ich ihn während dieses kurzen Flugs unter Aufsicht eines Erwachsenen wüßte.

„Aber, Madame, mit Freude werde ich mich seiner annehmen und über ihn wachen, bis er in London in Sicherheit sein wird. Bitte, seien Sie ohne Sorge.“

„Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Herr, und danke Ihnen für Ihre Güte. — An der Luftstation in London wird jemand da sein, um ihn in Empfang zu nehmen.“

„Dann ist ja alles in Ordnung, Madame, Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde, wie gesagt, während des Flugs über ihn wachen und ihn nicht verlassen, bis er in London von Ihren Freunden in Empfang genommen wird.“

Die englische Dame wußte nicht, wie sie mir danken sollte.

Dann stellte sie mir den kleinen Jungen vor. Sie nannte ihn James. Den Familiennamen brauchte ich nicht zu wissen.

Wenn ich nicht irre, hieß er Appleton oder ähnlich.

Der kleine James war sehr höflich.

Ich reichte ihm die Hand und grüßte ihn auf französisch. Er antwortete höflich in seiner Muttersprache und sagte mir, er freue sich, die Reise mit mir zu machen.

So war also in kürzester Zeit die Bekanntschaft zwischen uns gemacht und alles bezüglich der Reise gut geregelt.

„Now, Mother“, sagte er in seiner Muttersprache, „all is settled“ (Mutter, jetzt ist alles geregelt).

Er legte ihr nahe, sie brauche sich jetzt nicht bis zum Flugplatz zu bemühen. Er sei jetzt in guter Hut und könne diese Strecke ohne Gefahr mit mir allein machen.

„Gut, lieber James, ich will also jetzt nach Hause fahren, und dich nun in den Händen deines neuen Beschützers lassen.“

Gleich darauf kam der große englische Autobus, der die Reisenden nach Le Bourget, dem Pariser Flugplatz, bringen sollte.

Der kleine James nahm also herzlich Abschied von seiner Mutter und stieg mit mir in den Autobus ein.

„Ich wünsche Ihnen beiden eine glückliche Fahrt“, sagte die Dame, als der Autobus sich in Bewegung setzte.

Und nun rollte der große, schöne Wagen über die Pariser Straßen auf Le Bourget zu.

Der freundliche junge Engländer zeigte sich gleich von Anfang an als ein munterer und angenehmer Gesellschafter, der sich für alles interessierte.

Er verstand mich zwar sehr gut, wenn ich französisch sprach, zog es aber vor, selber sich in seiner Muttersprache auszudrücken.

Auf einmal fragte er mich, während wir da im großen Autobus nebeneinander saßen: „Ist es Ihnen nicht unangenehm, mein Herr, während der Überfahrt auf so einen Jungen aufpassen zu müssen? Ich könnte mir denken, daß Sie es vorgezogen hätten, die kleine Reise nach London frei und ungestört zu machen.“

„Aber, mein guter, kleiner Freund“, antwortete ich, „was sagst du da! Es ist mir im Gegenteil angenehm, so einen freundlichen kleinen Gesellschafter mit zu haben. Du darfst nicht denken, daß du mich störst oder mir zur Last fällst.“

„Das freut mich“, sagte der Kleine, „dann bin ich ohne Sorgen. Ich dachte nur, es könnte Ihnen vielleicht doch etwas unangenehm sein, nicht Ihre volle Freiheit und Ruhe zu haben.“

Die Fahrt von der Rue des Italiens bis zum Flugplatz ist ziemlich lang. Sie dauert weit über eine halbe Stunde.

So hatten wir Zeit genug, über Verschiedenes zu plaudern, während wir über die Pariser Straßen und Boulevards dahin rollten.

Mein neuer Reisegefährte machte auf mich den besten Eindruck.

Ich sollte ihm behilflich sein. — Ich merkte aber bald, daß ich mehr von ihm hatte, als ich ihm zu geben vermochte, so praktisch und vernünftig war er.

14. Kapitel
Im Flugzeug hoch über den Wolken

Als wir nach einer schnellen Fahrt den berühmten Flugplatz Le Bourget erreichten, stiegen wir aus und begaben uns mit unserem Gepäck nach dem Flugzeug.

Es trug den schönen Namen „Golden Ray“ auf englisch, auf französisch „Rayon d’or“, und lag noch unbeweglich, aber flugbereit draußen auf der Flugbahn.

Eine Treppe führte hinauf zur Eingangstür des Flugzeuges. Ich bat meinen kleinen Reisegefährten, vor mir hinaufzusteigen. Dann schloß ich mich ihm an.

Oben kamen wir in einen schmalen Gang. An beiden Seiten waren kleine, aber sehr schön eingerichtete Kabinen. In jeder Kabine stand ein schmaler Tisch aus glänzend poliertem, rot-braunem Mahagoniholz. Und daneben zwei Lehnstühle mit schweren, dunkelroten Sammetkissen.

Alles sehr eng, aber überaus bequem eingerichtet. In jeder Kabine war ein Fenster an der Außenwand des Flugzeuges, so daß jeder Reisende von seinem Sitz hinaussehen konnte.

Man hatte einen überraschend freien Blick nach allen Seiten und ganz besonders auch hinunter zur Erde oder zum Meere, was die Reisenden wohl am meisten schätzten.

Wir besetzten sofort eine dieser Seitenkabinen und warteten nun in größter Spannung auf das Zeichen zur Abfahrt!

Es dauerte nicht sehr lange, da auf einmal fing der gewaltige Riesenvogel zu zittern an.… Das Zittern ging bald über in ein mächtiges Schütteln … Die großen Luftschrauben links und rechts kamen immer stärker in Bewegung.

Das Summen und Zittern wurde immer gewaltiger …, ja so gewaltig, daß kein Gespräch mehr möglich war. Wollte man einander etwas sagen, mußte man aus Leibeskräften schreien.

Nun kam ein Augenblick, wo das Geräusch und die Bewegung ganz plötzlich anschwollen. Ein Getöse, ein Gepolter, ein Dröhnen sondergleichen …

Das Zittern des ganzen Flugzeuges wurde geradezu schauerlich … Ein heftiger Ruck, und polternd humpelte der Riesenvogel über den Boden dahin. Die Stöße und Erschütterungen folgten so rasch aufeinander und wurden so heftig, daß man sich auf den Sitzen festhalten mußte. Gleich darauf fing er an, sich von der Erde zu lösen, stieß aber doch noch das eine oder das andere Mal unsanft gegen den Boden, bis es ihm schließlich gelang, sich endgültig in die Lüfte zu erheben.

Dort aber hörten nun sofort alle Stöße und Erschütterungen auf, denn jetzt schwebten wir frei in der klaren Luft — der eigentliche Flug hatte begonnen.

Durch das Fenster sahen wir deutlich, wie rasch wir vorankamen und an Höhe gewannen.

Die Erde trat immer weiter zurück, die Berge wurden kleiner und die Täler enger.

Von Erdbewohnern wurden wir jetzt plötzlich zu Bewohnern der Lüfte. Der unermeßliche Himmelsraum wurde jetzt unser Element … Dort schwammen wir wie der Fisch im Wasser.

Alles, was unten auf der Erde war, wurde von Sekunde zu Sekunde winziger und unbedeutender. Selbst das weit ausgedehnte Häusermeer von Paris entzog sich allmählich unseren Blicken. Schließlich sahen alle die herrlichen Paläste und Großbauten der Riesenstadt aus wie ein großer Baukasten.

Der Flug war nun im vollen Gang.

Bald verschwand die französische Hauptstadt in der Ferne.

Mit Blitzeseile flogen wir hoch droben über dem französischen Lande dahin. Es wurde still um uns. Hier oben herrschte erhabene Ruhe. Keine Stöße, keine harten Laute mehr, — nur gleichmäßiges starkes Summen, so stark und so laut, daß man seine eigene Stimme nicht hören konnte — auch wenn man mit voller Kraft rief.

Ein Gespräch war unmöglich.

Wir schauten oft zur Erde hinunter: da lag das französische Land unter uns.

Wir sahen das offene, flache Land, die weitausgedehnten fruchtbaren Ebenen, die großen Wälder. Auch Flüsse, Städte, auch große und kleine Dörfer.

Aber es war ganz anders, als wir es uns gedacht hatten. Das flache Land der fruchtbaren französischen Ebenen zeigte sich uns, wie wenn es in kleine längliche oder viereckige Flächen zerstückelt wäre. Es waren aber die riesengroßen Felder der französischen Großbauern. Dazwischen zeigten sich uns auch große, bedeutende Wälder, aber von dieser Höhe her gesehen konnte man meinen, es wären lauter kleine Baumgruppen.

Bedeutende Kanäle und Flüsse erschienen wie dünne Silberstreifen. Und überall herum sahen wir winzig kleine Striche und Linien wie Schnüre oder Bänder ausgespannt von einem Punkt zum anderen. Das waren die breiten Wege, die Landstraßen und Chausseen Nordfrankreichs …! Menschen, Pferde, Wagen waren kaum erkennbar; sie schwanden ein zu dunklen Pünktchen …

So saßen wir denn da und betrachteten das seltsame Panorama unter uns. Der uniformierte Diener des Flugzeuges kam ab und zu mit Speisekarten und bot uns Erfrischungen an. — Wir bestellten eine Tasse Milch für jeden und genossen diese Kleinigkeit, während wir mit rasender Geschwindigkeit durch die Lüfte eilten.

Auf einmal aber geschah etwas Neues und Überraschendes: Bis jetzt hatten wir strahlenden Sonnenschein gehabt, warme Luft und, wie es uns schien, vollständige Windstille.

Auf einmal wurde es kühler und weniger hell.

Ich streckte mich nach dem Fensterchen hin, untersuchte den Himmelsraum um uns herum und entdeckte in einer größeren Entfernung vor uns etwas ganz Merkwürdiges: es sah aus wie eine ungeheuer große, dunkle, ja fast schwarze Wand …!

Diese geheimnisvolle Wand reichte nach unten bis zur Erde hin. Sie erstreckte sich aber auch nach oben bis hoch hinauf in den Himmelsraum. Links und rechts schien sie sich auch sehr weit auszudehnen.

Ich rief den kleinen Engländer.

„James, was kann wohl diese merkwürdige Wand bedeuten?“

James kam an das Fenster, beobachtete die eigentümliche Erscheinung und sagte: „It’s Rain, Storm, bad weather and nothing else, Sir.“ (Es ist Regen, Sturm, schlechtes Wetter, sonst nichts, mein Herr.)

Der kleine Engländer war ganz anders an das Fliegen gewöhnt als ich.

Unterdessen kamen wir der dunklen Wand immer näher. Schon erreichten wir sie … Da aber geschah etwas Erstaunliches.

Plötzlich, in der Zeit von wenigen Sekunden, wurden wir von einer finsteren Macht gepackt und aus Wärme und Sonnenschein mitten in eine Welt von Nacht, Sturm und Regen hineingeschleudert.

Das Flugzeug, welches bis dahin so ruhig durch die linden Lüfte geschwebt hatte, wurde jetzt so stark vom Sturm ergriffen und geschüttelt, daß es anfing, sich höchst bedenklich bald nach links, bald nach rechts zu neigen, und zwar so sehr, daß wir uns in unserer Kabine nicht mehr im Gleichgewicht halten konnten.

Wir mußten uns an den Tisch festklammern, um nicht umgeworfen zu werden!

Ja, der Sturm war so gewaltig, daß die Lenker unseres Flugzeuges es nicht wagten, weiter in dieses unheimliche Unwetter hineinzudringen. Sie verließen den bisherigen Kurs und kehrten in einem großen Bogen um, damit wir schleunigst aus der gefährlichen Gewitterwolke wieder herauskommen könnten.

Es dauerte nicht lange, da schoß unser fliegendes Fahrzeug auf einmal wieder aus dem Platzregen und der Finsternis heraus, um seinen Flug in der stillen, sonnigen und warmen Luft von vorher fortzusetzen.

Wir bewunderten dieses Manöver, das uns aus der dunklen Wolke, die aus lauter Unwetter bestand, befreit hatte.

Jetzt machten wir zwar einen großen Umweg um die Wolke herum, dafür blieben wir aber im goldenen Sonnenschein und in der warmen Luft und konnten unsere Reise bis zum Ende im schönsten Sommerwetter durchführen.

Gern hätte ich mit meinem kleinen Reisegefährten während unseres abenteuerlichen Fluges geplaudert. Aber die Motoren hatten es so schwer, gegen den Sturm aufzukommen, und mußte derart stöhnen, daß wir uns nur durch Zeichen verständigen konnten.

Nun, da es wieder ruhiger geworden war, schauten wir aus dem Fenster, um die nordfranzösische Landschaft zu betrachten.

Aber wie wurden wir überrascht! Die französische Landschaft war spurlos verschwunden. Da war überhaupt kein Land mehr zu sehen. Statt dessen nur die grünblaue Meeresfläche.

Wir befanden uns über dem sogenannten Ärmelkanal, den die Franzosen „La Manche“ nennen.

Die Wasserfläche glänzte im herrlichen Sonnenschein wie Gold und Silber.

Zahlreiche große und kleine Dampfschiffe kreuzten im Kanal. Wir beobachteten dieses herrliche Spiel dort drunten und ahnten nicht, welch merkwürdige Veränderung sich unterdessen um uns hier oben vollzog.

15. Kapitel
Eine wundervolle Erscheinung im Himmelsraum

Nachdem wir die Sturmwolke verlassen hatten, war plötzlich alles anders. Die gefährlichen Schwankungen, die uns im Flugzeug hin und her warfen, hörten auf, und der ohrenbetäubende Lärm der auf Volltouren arbeitenden Propeller hatte wesentlich nachgelassen.

Diese „Stille“ kam uns fast unheimlich vor. Aber wir hatten uns bald wieder daran gewöhnt und freuten uns darüber, unsere Unterhaltung fortsetzen zu können, ohne — wie vorher — so laut schreien zu müssen.

„Nun werden wir bald England erreichen“, rief der kleine James mir freudig zu.

Die französische Küste konnten wir tatsächlich nicht mehr sehen. Sie lag schon ziemlich weit hinter uns. Dafür gingen wir einer anderen Überraschung entgegen: wir hatten England vor uns. Sehen konnten wir es noch nicht.

James saß mir gegenüber und schaute zum Fenster hinaus nach diesem wilden Schaukelspiel in der schwarzen Wolkenbank. Das kam mir ein wenig verdächtig vor.

Ich rief darum meinem kleinen Reisekameraden sehr vorsichtig zu: „Wie geht es dir, James?“

„Very well, Sir“, rief er munter zurück.

„Bist du aber nicht etwas luftkrank geworden, als wir soeben in der Sturmwolke waren?“ erforschte ich ein wenig tiefer sein Gewissen.

„O nein! Ich bin überhaupt noch nie luftkrank gewesen, auch noch nie seekrank“, kam die Antwort klar und überzeugend heraus.

„Das freut mich aber sehr“, entgegnete ich, „denn von mir könnte ich nicht dasselbe sagen; ich bin schon oft seekrank gewesen.“

Während wir so plauderten, hatte der kleine James immer häufiger durch das Fenster geschaut. Er zeigte zwar keine Spur von Weichheit — so sehr konnte sich dieser kleine Engländer beherrschen —, aber er wollte offenbar doch den Augenblick nicht versäumen, da sein Heimatland zu sichten wäre. Statt dessen kam aber zunächst etwas ganz anderes.

„O God! What’s that?“ (Guter Gott, was ist denn das?) fuhr er plötzlich zusammen. Dann schaute er mich mit großen Augen an und fuhr fort:

„So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen!“

Nun war mein kleiner Freund James erst elf Jahre alt. Es konnte also schon Dinge geben, die er bisher noch nie gesehen hatte. Aber er war doch schon mehrere Male über den Kanal geflogen, und es war — wie gesagt — nicht seine Art, das Herz auf die Zunge zu legen und alles, was ihn bewegte, gleich auszuplaudern. Er mußte also schon etwas außerordentlich Merkwürdiges gesehen haben. Ja das Neue, das sich ihm zeigte, nahm offenbar von Sekunde zu Sekunde noch an Schönheit zu.

„Bitte kommen Sie schnell“, rief er schließlich ganz bestürzt, „Sie werden staunen!“

Ich stand nun, so schnell ich konnte, von meinem Sessel auf und schaute.

„Aber du guter Gott! Was kann denn das sein!“ rief ich nun auch selber in größter Aufregung aus. So etwas Merkwürdiges hatte auch ich in meinem langen Leben noch nie gesehen …

Das Meer, das kurz zuvor noch in den herrlichsten Farben schillerte, war spurlos verschwunden! Die vielen Schiffe, die soeben noch hin und her fuhren und den bunten Teppich woben, ebenso!

An die Stelle der unabsehbaren blauen Fluten mit ihrem Heer von Schiffen war etwas ganz Neues getreten, eine mir bisher ganz unbekannte Welt.

„James! Qu’est-ce que cela peut-être?“ (James, was mag dieses doch sein?) rief ich in französischer Sprache aus.

„I don’t know, Sir“ (Ich weiß es nicht, mein Herr), rief James voll Staunen zurück.

„Moi non plus“ (ich auch nicht), mußte ich bekennen.

„Dort unten ist doch wohl immer noch das Meer mit den vielen Schiffen.“

„Ja, gewiß müssen sie noch da sein.“

„Aber was hat sich denn hier dazwischengeschoben?“

Es war derart neu und ungewöhnlich und so über alle Maßen schön, daß uns zunächst gar nicht der Gedanke kam, es mit irgend etwas Natürlichem zu vergleichen.

James war ebenso ratlos wie ich.

Auf einmal sagte er: „Es sieht ja aus wie blendend weiße Wolle.“

„Oder wie blendend weiße Schneeballen“, korrigierte er sich rasch. „Und welche ungeheure Menge!“

Es dehnte sich nach allen Seiten so unendlich weit, weit hinaus …

Eine himmlische Landschaft, übersät mit Millionen von Perlen und Diamanten, alles überirdisch zart und schimmernd, nichts Hartes oder Kantiges wie im Hochgebirge, nicht zerklüftet oder abgründig, sondern mit sanften Erhebungen und Vertiefungen und immer in Bewegung — hier leicht anschwellend, dort langsam untertauchend, manchmal wild durcheinanderwirbelnd wie spielende Kinder.

Und wir stürmten vorwärts in unmittelbarer Nähe dieser geheimnisvollen Herrlichkeit …

Allmählich hatte sich unser Auge beruhigt, und wir erkannten, daß es Wolken waren. Dieselben Wolken, in denen wir kurz zuvor noch drinnen staken und die uns so viel Angst und Schrecken brachten.

Unterdessen war auch der junge Flugzeugdiener, dem wir in unserer Aufregung geklingelt hatten, in unsere Kabine eingetreten. Wir nahmen an, daß er solche Naturschauspiele kennen mußte, und wir wußten, daß er nicht nur gefällig, sondern auch recht intelligent war.

„Haben Sie einige Augenblicke Zeit?“ fragte ich ihn.

„Gewiß, mein Herr. Ich stehe zu Ihren Diensten.“

„Können Sie mir zuerst sagen, wo wir uns befinden?“

„Wir haben bereits den Ärmelkanal überquert“, antwortete er, „und fliegen jetzt über England auf London zu.“

„Das hatte ich mir schon gedacht. — Jetzt aber noch etwas: Haben Sie die prachtvolle Lufterscheinung gesehen — ich meine diese herrliche strahlende Fläche, über welche wir soeben geflogen sind?“

Er lächelte und sagte ganz ruhig und sachlich: „Mein Herr, Sie sind heute der neunte, der mich danach fragt. Aber es ist diesmal auch besonders schön! Es ist auch jedesmal anders, muß ich sagen, und eigentlich auch mir immer neu. Aber es sind Regenwolken, nichts anderes, nur mit dem Unterschied, daß wir sie hier von oben, von der Sonne her sehen, und nicht mehr von der Erde her, oder gar drinnen stecken, wie eben noch!“

Jetzt ergriff der kleine James das Wort. Er war noch nicht ganz zur Ruhe gekommen ob der märchenhaften Dinge, die er gesehen hatte, und fragte: „Aber wie können diese Regenwolken so schön glänzen und blendend weiß aussehen?“

„Ganz einfach deswegen, weil die Sonne sie direkt bescheint. Unten, auf der Kehrseite sehen sie dunkel aus, weil dort Schatten ist. Je dichter die Wolken sind, um so dunkler der Schatten.“

Wir dankten dem braven Kellner für seine kurzen und lehrreichen Erklärungen.

Das war also die nüchterne Deutung einer wundervollen atmosphärischen Erscheinung.

Die von der Sonne mit magischem Licht überflutete Oberfläche der mächtigen englischen Regenwolken fuhr — trotz aller Prosa — fort, uns zu erfreuen und zu begeistern …

Diese englische Regenwolke hat uns beiden, James und mir, mehr als jede Predigt auch gezeigt, wie verschieden die Dinge doch sein können, je nachdem wir sie von unten oder von oben sehen oder gar von ihnen gefangen genommen sind. Der junge James hat sich darüber noch keine Gedanken gemacht; es genügte ihm, das zu wissen. Mir selber aber kam bei dieser Gelegenheit ein Kanon in den Sinn, mit dem mich die Freiburger Jugend einmal begrüßte, als ich bei ihr war und ihr erzählte. Dieser Kanon gefiel mir so gut, daß ich ihn mir gemerkt habe. Er lautet:

„Wenn kein’ Nacht nimmer käm’, könnt’ kein’ Tag nit bestehn, wenn’s kein’ Regen nit hätt’, wär’ die Sonn’ auch nit schön, und das Leid ist wohl da, daß wir d’Freud recht verstehn!“

Wir flogen noch eine gute Weile weiter, unter dem Einfluß der unvergleichlichen Poesie der von der Sonne beleuchteten englischen Wolken, bis wir schließlich London erreichten, die mächtige Metropole des britischen Weltreiches.

Die Landung ging glatt vor sich auf dem großen Londoner Flugplatz. Von dort brachte uns ein mächtiger englischer Autobus mitten in das unbeschreibliche Gewühl Londons hinein.

Als wir dort ausstiegen, fiel James, mein kleiner Reisegefährte, munter und gesund in die Hände seiner Verwandten, die auf ihn warteten.

Der kleine Junge stellte mich seiner Familie vor und behauptete, daß wir während der Fahrt gute Freunde geworden seien.

Seine Familie dankte mir vielmals für die Mühe, die ich mit James gehabt, wogegen ich natürlich protestieren mußte, da ich ja im Gegenteil nur Freude mit ihm gehabt hatte.

Dann nahm ich schließlich herzlichen Abschied von meinem kleinen Mitreisenden, wobei ich noch versprechen mußte, vor meiner Abreise aus London einen kleinen Besuch bei ihm zu machen.

Als James mit seinen Verwandten im Menschengewühl Londons verschwunden war, fuhr ich in einem Auto zu englischen Bekannten, die auf mich warteten im Southwell House in der Endsleigh Street.

Dort sollte ich wohnen bis zu meiner Abreise von England nach Newyork.

16. Kapitel
In London

Nun war ich also nach London gekommen. London war die zweite Haltestelle auf meiner Weltreise.

Paris war die erste gewesen. Paris, die glänzende Hauptstadt Frankreichs — welche gewöhnlich als eine der allerglänzendsten und elegantesten Städte der Welt angesehen wird. Habe viele Jahre meines Lebens in Paris zugebracht und muß sagen: das ist wahr! Aber London ist größer. London ist eine Welt für sich, eine Welt von Größe und Macht, wie kaum eine andere Stadt auf Erden.

Ich habe London früher mehrere Male besucht und einige der dortigen Sehenswürdigkeiten angeschaut.

Zum ersten Male war ich in London vor fünfzig Jahren, also vor einem halben Jahrhundert. Schon damals machte die Großartigkeit dieser wundervollen Weltmetropole einen unvergeßlichen Eindruck auf mich. Ich wohnte bei Freunden in Mountstreet neben dem Hydepark.

Am ersten Tag meines Aufenthaltes hatte ich ein sonderbares kleines Erlebnis.

Ich will es hier kurz und nur zum Spaß erzählen:

Ich war an diesem Tage frei und wollte zum erstenmal einen kleinen Gang in die Stadt machen. Daher wandte ich mich an einen meiner englischen Freunde dort im Hause und sagte zu ihm:

„Ich will heute nachmittag in die Stadt hinausgehen. Bitte, geben Sie mir einen Rat: Was soll ich mir da ansehen?“

Mein Freund, ein heiterer Mann, der gerne Späße machte, antwortete mir:

„Da Sie noch nichts in London gesehen haben, möchte ich Ihnen raten: Gehen Sie hin und schauen Sie sich mal den Zentralpostkasten von London an. Er ist nicht sehr weit von hier …“

„Den Zentralpostkasten!? … Einen Postkasten!? — Habe ich Sie richtig verstanden …?“

Ich war nämlich überzeugt, daß mein Freund einen Spaß, einen schlechten Witz machen wollte.

Ihm war es aber bitter ernst.

Ja, ja, —den Zentralpostkasten von London“, wiederholte mein Freund mit echter englischer Ruhe und Gelassenheit. „Gehen Sie nur hin. Sie werden sich wundern.“

Ich meinte aber immer noch, er wolle nur einen Spaß machen, und erwiderte: „Ich habe wenigstens bis jetzt noch nie ein besonderes Interesse für Postkästen gehabt. Dazu kommt, daß ich schon oft verschiedene solche Kästen gesehen haben in vielen anderen Städten, wo ich gewesen bin. Gibt es nicht hier in London noch andere Sehenswürdigkeiten, die vielleicht noch interessanter wären als dieser Postkasten?“

„Gewiß gibt es noch andere. Aber da wir nun einmal bei dem Postkasten sind, rate ich Ihnen als guter Freund, daß wir dabei bleiben. Ich bin sicher, daß Sie mir dafür dankbar sein werden, wenn Sie ihn einmal gesehen haben. Die anderen Sehenswürdigkeiten werden Sie dann um so besser begreifen.“

Da war also nichts zu machen. Ich mußte nachgeben.

Ich fuhr am Nachmittag, und zwar mit meinem Freund, der mir Gesellschaft leisten wollte, und um sicher zu sein, daß ich mein Ziel erreiche. Ich wunderte mich nicht wenig über diese seine eigenartige Sorge bezüglich der Besichtigung des Londoner Postkastens.

In meinem stillen Sinn vermutete ich, daß dieser Postkasten möglicherweise ein berühmter Prachtbau sei, dem man vielleicht diesen sonderbaren Namen gegeben habe.

Doch nein, so erstaunlich es auch lauten mag, der Postkasten, den mein englischer Freund immer im Sinne hatte, sei schlecht und recht ein wirklicher Postkasten, so versicherte er mir wiederholt.

Das Merkwürdige aber an diesem Postkasten sei zunächst seine Größe.

Mein Freund sagte mir, daß täglich viele Wagen voll von Briefen und Paketen hineingeworfen würden.

Aber jetzt kommt das Allermerkwürdigste:

Dieser Postkasten sei bewohnt! Es wohnten Menschen drinnen …! Und nicht nur ein Mensch oder zwei, sondern eine ganze Menge Menschen …!

Das alles erzählte mir mein Freund auf dem Wege.

Endlich kamen wir an. Der Wagen hielt, wir stiegen aus.

Als mein Freund den Kutscher abgefertigt hatte, sagte er zu mir:

„Wir sind jetzt am Ziele. Ich überlasse es Ihnen, den Postkasten zu finden.“ Damit ging er fort.

Ich schaute nach allen Seiten hin, sah aber nichts, was mit einem Postkasten irgendeine Ähnlichkeit haben könnte.

Schließlich fragte ich einen Passanten: „I beg your pardon, wo ist der Zentralpostkasten?“

Der Mann deutete mit der Hand nach einer bestimmten Richtung hin, ohne was zu sagen, wie die Engländer meist tun.

Ich dankte und ging nach der angegebenen Stelle hin.

Da war aber kein Postkasten zu sehen!

Ich fragte dann noch einmal einen beliebigen Passanten auf der Straße.

„Dort ist er“, sagte der Mann, und zeigte wie der erste nach beinahe derselben Richtung.

Ich ging hin, entdeckte aber nur eine sehr dicke und breite Mauer, eine schön gebaute steinerne Wand.

An dieser Mauer waren ganze Reihen von eigentümlichen breiten Löchern und Öffnungen angebracht.

Dann auf einmal wurde ich aufmerksam auf eine Menge Leute, die zur steinernen Mauer kamen und dann wieder gingen.

Ich schaute genauer zu und entdeckte nun, daß diese Leute Briefe und Pakete in den Händen trugen. Sobald sie nun an die große steinerne Wand gekommen waren, warfen sie die Briefe und Pakete durch die entsprechenden Öffnungen hindurch.

Jetzt erst fing ich an, die Lage zu verstehen. Und nun näherte auch ich mich der merkwürdigen Mauer.

Ich blieb neben einer der geheimnisvollen Öffnungen stehen und warf einen neugierigen Blick hinein …

Und was sah ich da?

Ich sah einen großen unterirdischen Raum, der sehr tief unten lag, also einen sehr großen und sehr schön eingerichteten Kellerraum …

Ich mußte denken an die wundervollen Märchen von „Tausendundeine Nacht“, die ich in meiner Jugend auf Island gelesen hatte, und an die zauberhaften unterirdischen Grotten, voll von Gold und Silber und Perlen und Edelsteinen, welche arabische Prinzen und Glücksmenschen zuweilen in den Bergen Arabiens fanden.

In dem großen unterirdischen Kellerraum waren zwar keine Perlen, noch Diamanten, noch Gold und Silber zu sehen. Aber was entdeckte ich dort? Ich sah viele Menschen, die hin und her gingen. Es war alles in Bewegung. Eine Menge Männer und Frauen nahmen die Briefe und Pakete, die unablässig durch die Öffnungen in der Zauberwand droben an der Straße geworfen wurden und in diesen gewaltig großen Kellerraum nur so hineinregneten, zur Hand und behandelten sie nach allen Regeln der Kunst. Da sah ich lange, solide Tische, wo unablässig Briefe gestempelt wurden von Männern, die diese Arbeit mit akrobatischer Schnelligkeit besorgten. Das war also der „Zentralpostkasten von London“. Ich habe ihn wie ein Zaubermärchen bewundert.

Und was noch mehr ist: Ich mußte zugeben, daß dieser Kasten mit vollem Recht als eine wirkliche und echte Sehenswürdigkeit der Riesenstadt London gelten konnte.

Dies war vor fünfzig Jahren.

In diesem letzten halben Jahrhundert hat sich vieles in London geändert — und zwar meistens zum Besseren.

Den Zentralriesenpostkasten habe ich diesmal nicht mehr gesehen. Ich weiß daher nicht, was daraus geworden ist.

Die wundervolle Stadt London habe ich bei meinem neuen Besuch wieder, so viel wie ich konnte, angesehen.

Dabei ist mir eines stark aufgefallen: das äußere Stadtbild ist viel schöner geworden in diesen letzten fünfzig Jahren.

Ja, London ist innerhalb dieses Zeitraumes in jeder Beziehung viel schöner und vornehmer geworden, als es damals war. Überall herrscht heute in London die größte Sauberkeit in den Straßen, auf den Plätzen und in den unzähligen öffentlichen Parks und kleineren idyllischen Gärten und Rasenplätzen. Überall, wo es nur irgend möglich ist, werden Blumenbeete angelegt und mit größter Sorgfalt in Ordnung gehalten.

Auch Wagen, Autos und Omnibusse sind peinlichst rein und sauber. Die Polizisten sind fast alle groß und kräftig und vor allem auch den Fremden gegenüber höflich und korrekt.

17. Kapitel
Das Recht, in Amerika zu landen, muß ich in London kaufen. — Abschied von meinen Freunden in Endsleigh Street

Meine Besichtigung des „Londoner Zentralpostkastens“ geschah, wie schon gesagt, vor einem halben Jahrhundert.

Bei meinem jetzigen Aufenthalt in London hatte ich ganz andere Geschäfte zu besorgen.

Von London aus wollte ich ja über das Atlantische Meer direkt bis nach Neuyork fahren.

Das war eine lange Strecke, ein wichtiger Teil meiner Reise rund um die Erdkugel.

Da aber entstand plötzlich eine große Schwierigkeit.

Über den Atlantik zu kommen, war an sich eine leichte Sache. Ich brauchte nur einen Fahrschein für die Fahrt mit dem großen Dampfer „Berengaria“ von England nach Neuyork zu bezahlen.

Aber dann kam die Landung in den Vereinigten Staaten Nordamerikas! Dies war mir nicht gestattet ohne besondere Erlaubnis der nordamerikanischen Regierung. Und diese Erlaubnis mußte ich mir in London bei dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten Nordamerikas verschaffen.

Für diese Erlaubnis mußte ich aber eine bedeutende Summe Geld bezahlen. Das war mir neu. Ich hätte es mir auch nie denken können.

Da war nun leider nichts zu machen. Es mußte geschehen.

Ich fuhr also zu dem Generalkonsul der Vereinigten Staaten, der seinen Sitz in London hatte.

Als ich nach seiner Amtswohnung kam, fand ich dort eine große Menge von Leuten, die das gleiche Anliegen wie ich hatten und genau nach Amerika reisen wollten. Alle mußten zuvor Geld bezahlen und verschiedene Erklärungen unterschreiben.

Der eine nach dem anderen wurde vom Generalkonsul oder von seinem Stellvertreter empfangen.

Als die Reihe an mich kam, wurde auch ich zu diesem hohen Herrn geleitet.

Ich begrüßte ihn und wurde sehr höflich von ihm empfangen.

„Sie wünschen nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu reisen?“ fragte mich der Herr Generalkonsul.

„Jawohl, mein Herr.“

„Dürfte ich Sie nach dem Zweck Ihrer Reise fragen?“

„Der Zweck meiner Reise ist sehr einfach: ich möchte den amerikanischen Kontinent kennen lernen und einige Freunde dort besuchen.“

„Und warum wollen Sie das?“

„Weil ich gern wissen möchte, wie es in Amerika aussieht. Ich bin nämlich nie dort gewesen.“

„Aber warum wollen Sie das wissen?“

„Weil es mich interessiert.“

Es entstand jetzt eine Pause. Der Herr schien nicht mehr recht zu wissen, was für Fragen er jetzt noch stellen sollte.

Um ihm zu Hilfe zu kommen, sagte ich zu ihm: „Ich habe auch vor, über meine Beobachtungen in Amerika zu schreiben.“

„Gut“, sagte daraufhin der Herr, „dann werde ich Ihnen erlauben, etwa sechzig Tage in Amerika zu bleiben.“

„Ich danke Ihnen sehr. Aber ich fürchte, daß sechzig Tage mir nicht genügen werden. Ich habe mir vorgenommen, etwas länger dort zu bleiben.“

„Wie lange ungefähr möchten Sie in Amerika bleiben?“

„Das kann ich unmöglich jetzt so genau sagen. Ich hatte mir vorgenommen, dort zu bleiben, bis ich fertig sein würde mit meinen Beobachtungen und meinen Besuchen.“

„Sollen wir dann vier Monate sagen?“

„Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich lieber sechs sagen. Ich werde vielleicht nicht so lange Zeit brauchen. Aber zur Sicherheit möchte ich lieber um sechs Monate bitten.“

„Gut“, sagte der sehr höfliche und freundliche Herr, „dann sagen wir also sechs Monate. — Haben Sie aber Geld genug, um sechs Monate in den Vereinigten Staaten zu bleiben?“

„Ich hoffe es.“

„Das muß aber ganz sicher sein.“

„Gut, es ist sicher.“

Da kam noch etwas sehr Merkwürdiges. Der Herr sagte: „Kommen Sie bitte bald wieder hierher und bringen Sie eine schriftliche Erklärung mit, daß alles, was Sie mir gesagt haben, richtig ist. Diese Erklärung muß unterzeichnet werden von einer bekannten Persönlichkeit hier in London.“

Damit war diese erste Sitzung zu Ende.

Ich ging nun zu meinen Freunden in Mountstreet und fragte sie, warum die Amerikaner den Reisenden gegenüber so zurückhaltend sind.

Sie sagten mir, es käme daher, weil in den Vereinigten Staaten so viele Arbeitslose und folglich so viele Arme seien. Die dortige Regierung wollte vernünftigerweise die Zahl dieser Armen nicht vermehren.

Natürlich erhielt ich gerne von einem meiner Londoner Freunde die von dem amerikanischen Herrn gewünschte Erklärung.

Diese brachte ich dem Herrn Konsul, der damit zufrieden war.

Daraufhin bezahlte ich die gewünschte Geldsumme und bekam dann schließlich die Erlaubnis, nach Amerika zu reisen und dort sechs Monate zu bleiben.

Jetzt stand mir der Weg offen. Alle Schwierigkeiten waren weggeräumt. Kurz darauf schlug dann die Stunde der Abfahrt. Am letzten Tag meines Aufenthaltes bei meinen Freunden in Endsleigh Street, die mir übrigens eine rührende Gastfreundschaft geschenkt hatten, kam der Hausvater zu mir und sagte:

„Ich höre, daß Sie uns schon morgen verlassen wollen. Ist das wahr?“

„Ja, leider ist es wahr. Ich muß morgen nach Southampton. Dort liegt mein Schiff, die ‚Berengaria‘, und gerade morgen wird sie von England nach Neuyork fahren.“

„Nun gut“, sagte der Hausvater, „dann müssen wir aber Ihre Abreise feiern, so gut wir können.“

Ich verstand gleich, was er vorhatte: er wollte anläßlich meiner Abreise irgend etwas Schönes veranstalten, um mir Freude zu machen. Ich bat ihn aber, davon abzustehen, denn er hatte schon so viel für mich getan während meines Aufenthaltes in seinem Haus.

Da half aber kein Bitten und Protestieren.

Er sagte: „Ich lade Sie ein für heute nachmittag zu einem kleinen Abschiedsmahl.“

Ich mußte es annehmen.

Das „kleine Abschiedsmahl“ gestaltete sich aber zu einem erstklassigen Festmahl.

Da erwiesen mir nun meine liebenswürdigen englischen Freunde und Gastgeber in der Endsleigh Street die rührendste Aufmerksamkeit, für die ich ihnen nie genug dankbar sein kann.

18. Kapitel
Von London nach Southampton. — Ich steige an Bord des Riesendampfers „Berengaria“

Am 28. August 1936 verließ ich also das gastfreundliche Haus in der Endsleigh Street, London, begleitet von den Segenswünschen meiner dortigen Freunde für meine Weltreise.

Mit einem Londoner Zug, der voll besetzt war mit Amerikareisenden, erreichte ich an demselben Tag gegen Abend Southampton, wo der große Dampfer „Berengaria“ auf die Amerikafahrer wartete.

Man wird begreifen, wie sehr ich darauf gespannt war, zum erstenmal diesen mächtigen, riesengroßen Dampfer zu sehen und zu betreten, der mich über das Atlantische Meer nach Neuyork bringen sollte.

Als unser Zug die Stadt Southampton erreicht hatte, fuhr er langsam zwischen vielen Häusern hindurch bis zum Meeresufer.

Ich schaute durch das Fenster meines Wagenabteils, um zu sehen, ob ich nicht unseren Riesendampfer „Berengaria“ irgendwo entdecken könnte. Dasselbe taten auch alle Mitreisenden. Doch, es war umsonst, das Riesenschiff zeigte sich nirgendwo.

Auf einmal merkten wir, daß unser Zug schon am Kai, dicht am Meeresufer angelangt war.

„Hier irgendwo muß aber doch die ‚Berengaria‘ liegen!“ rief eine Stimme in unser Abteil …

Es war aber immer noch nichts von der „Berengaria“ zu sehen.

An der einen Seite des Zuges waren hohe Häuser. An der anderen Seite aber stark gebaute Bollwerke gerade am Meere.

Mit größter Langsamkeit schleppte sich unser Zug noch immer vorwärts …

Plötzlich aber wurde es merkwürdig dunkel in dem Zuge …, und gleichzeitig sahen wir eine mächtige, turmhohe Wand, die uns fast das ganze Tageslicht wegnahm ..

„Was ist denn dies für ein pechschwarzes Ungeheuer?“ rief einer in die Dunkelheit hinein.

„Das muß wohl ein Riesenbau sein, sehr wahrscheinlich eine große Fabrik …“ erwiderte ein anderer.

„Ja, was könnte denn diese rabenschwarze Wand sein?“ fragte auch ich mich selber …

Während wir noch am Spekulieren waren, hielt der lange Eisenbahnzug. Sofort machte man die Türen auf, und die Reisenden strömten aus den Wagen heraus …

Ich wandte mich nach der geheimnisvollen Wand, welche unmittelbar vor uns in die Luft hinaufragte und alles, was in der Nähe war, überschattete …

Und was entdeckte ich da?

Zu meinem übergroßen Erstaunen kam es heraus:

Es war weder eine Fabrik noch eine Riesenmauer …, sondern es war, was wir am allerwenigsten denken konnten …, es war wirklich und wahrhaftig der Riesendampfer „Berengaria“, der geduldig auf uns wartete und uns nach Amerika bringen sollte. Es war der berühmte frühere deutsche „Imperator“ und jetzt die stolze englische „Berengaria“ …! Ich war erstaunt und überwältigt … So groß hatte ich mir diesen Koloß doch nicht gedacht …

Ich betrachtete mir nun das wunderschöne Schiff etwas näher.

Die hohe und enorm lange, pechschwarze Wand, die wir bei der Hinfahrt zum Hafen entdeckt hatten, war die eine Seite dieses Giganten …, der da im Wasser am Bollwerk unbeweglich lag … Alles rundherum sah gedrückt und winzig klein aus. Es war, wie wenn nichts anderes da wäre als nur die „Berengaria“ allein.

Mehrere Linien liefen wie malerische Verzierungen von vorne nach hinten an der erstaunlich langen schwarzglänzenden Schiffseite entlang. Es waren die unzähligen kleinen, runden Fensterchen, welche von den Seeleuten Ochsenaugen genannt werden.

Hoch oben über der Schiffswand konnte man, wenn man scharfe Augen hatte, eine Menge winzig kleiner Menschenköpfe entdecken.

Das waren die vor uns angekommenen Passagiere, die sich bereits auf dem Schiff eingerichtet hatten, und die uns — die zuletzt Angekommenen — neugierig betrachteten.

Während ich das große Schiff bestaunte, hatten alle meine Mitreisenden den Londoner Zug verlassen.

Sie standen auf dem Kai neben dem Zug, miteinander plaudernd und von ihren Freunden Abschied nehmend …, eine große Menschenmenge …

Auch ich stand da, einsam und allein, und studierte, was um mich herum geschah.

Da auf einmal wieder etwas ganz Neues: Als ich einen aufmerksamen Blick auf die geheimnisvolle, schwarzglänzende Schiffseite warf, entdeckte ich plötzlich an der Schiffswand zwei schneeweiße bewegliche Linien, die sich auf eine ganz merkwürdige Weise von oben nach unten bewegten.

Es war mir mit dem bloßen Auge nicht möglich, zu erkennen, was es eigentlich sei. Die Entfernung von dem Eisenbahnzuge aus war noch zu groß dazu.

Glücklicherweise hatte ich ein Fernglas bei mir.

Ich setzte es an und richtete es auf die merkwürdig weißen „Bänder“ an der Schiffswand … und erkannte nun, was es war …

Es war eine große Anzahl Männer, alle in schneeweißen Kleidern. Auf zierlichen Treppen, die von den Seeleuten „Fallreep“ genannt werden, stiegen diese Männer an der schwarzglänzenden Riesenwand des Schiffes rasch herunter, einer hinter dem andern.

Ich fragte einen Nachbarn, was für Menschen das wohl seien, und was sie wohl vorhätten.

Er antwortete: „Das sind die Schiffsdiener, die uns mit unseren Koffern auf das Schiff hinaufhelfen wollen.“

„Wie viele solche Schiffsdiener und Matrosen gibt es wohl im ganzen auf der ‚Berengaria‘?“ fragte ich jetzt neugierig.

„Ungefähr achthundertundfünfzig im ganzen.“

Unterdessen hatten sich die weißen Matrosen unter uns gemischt.

Nun setzte sich alles in Bewegung, um auf den Fallreepstreppen mit Hilfe der vielen weißen Diener das mächtige Schiff zu besteigen. Männer und Frauen, Koffer und Kisten und alles, was dazu gehörte, waren bald oben auf dem riesig großen Schiff in Sicherheit.

Es interessierte mich nun doch auch, wie viele Menschen auf diesem Schiff sein werden. Ich fragte einen der Diener, und er antwortete:

„Wir sind alles in allem rund zweitausendfünfhundert Insassen.“

Diese Zahl konnte ich kurz darauf noch mit eigenen Augen feststellen.

Nun waren wir alle an Bord …, eine wogende Menschenmenge oben auf dem Schiffsdeck.

Eine schwere Arbeit stand jetzt aber bevor: Jeder Passagier mußte kontrolliert werden, das heißt, die Pässe und anderen Papiere mußten bei jedem einzelnen untersucht werden.

Erst dann konnte jeder seine Kabine erhalten. Vorerst standen wir noch alle miteinander da wie eine große Herde, von allen Seiten bewacht.

Etwas weiter vor uns war ein enger Durchgang, ebenfalls umgeben von weißgekleideten Dienstleuten. Diese Gasse mußten wir passieren und dort unsere Papiere vorzeigen.

Ich merkte bald, daß diese höchst wichtige Kontrollarbeit schon angefangen hatte und nun im Gange war.

Ich stellte mich also in die lange Reihe der vielen wartenden Passagiere, um sobald wie möglich geprüft und als vollgültiger Amerikafahrer anerkannt zu werden.

19. Kapitel
Eine große Überraschung: James R. Garfield!

Während ich in der langen Reihe der neuen Passagiere stand, deren Papiere kontrolliert werden sollten, wurde es mir bald klar, daß die meisten dieser Reisenden Engländer oder Amerikaner waren.

Das konnte ich merken sowohl an ihrem Aussehen als auch an ihrer Sprache und ihrem Benehmen, denn sie sprachen fast alle Englisch — die einen mit der echten englischen Aussprache und Betonung, die anderen mit der Aussprache und der Betonung, die in den Vereinigten Staaten Nordamerikas üblich ist.

Ich befand mich also in einer überwiegend anglo-amerikanischen Gesellschaft.

Hier mußten wir alle eine ordentliche Geduldsprobe bestehen.

Denn wir standen da alle zusammen, Junge und Alte, Männer und Frauen, in einer unendlich langen Reihe, eine Person hinter der anderen, und wir bewegten uns vorwärts mit der Hoffnung, schließlich doch einmal nach dem schmalen Eingang zu gelangen, wo die kontrollierenden Herren auf unsere Papiere warteten.

Viele dieser wartenden Menschen hatten den Vorteil, miteinander bekannt zu sein. Es waren kleine Gruppen und Reisegesellschaften da, die zusammengehörten und so miteinander plaudern konnten.

Diesen Trost hatte ich nicht. Ich kannte niemanden hier, und niemand kannte mich.

Es war mir deshalb nicht leicht, mit meinen mir gänzlich unbekannten Nachbarn irgendwelche Gespräche anzufangen.

Kaum war mir dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, da hörte ich hinter mir rufen:

„Are you not a foreigner, Sir?“ (Sind Sie nicht ein Ausländer, mein Herr?)

„Yes, Sir, I am.“ (Ja, mein Herr, das bin ich.)

Der Mann, der mir diese Frage gestellt hatte, war ein vornehm aussehender Herr. Er war in den mittleren Jahren und stand gerade hinter mir.

Nun fuhr er fort:

„Ist es das erstemal, daß Sie nach Amerika reisen?“

„Ja, mein Herr.“

„Und Sie reisen allein?“

„Ja, ganz allein.“

„Da möchte ich Sie um die Erlaubnis bitten, Ihnen während der Reise behilflich sein zu dürfen.“

Ich vermochte kaum meinen Ohren zu trauen, als ich das hörte. Noch nie in meinem Leben war es mir passiert, daß ein mir wildfremder Herr sich ohne weiteres anbot, mir in einer derartigen Lage zu Diensten zu sein; denn wir standen erst am Anfang einer Reise, die noch mehrere Tage dauern sollte. Ja, ich war über einen solchen Edelmut höchst erstaunt und sagte zu ihm: „Mein Herr, es ist aber viel zu liebenswürdig von Ihnen, mir ein solches Angebot zu machen.“

„O nein, es würde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen während der Reise irgendwelche Dienste leisten dürfte.“

„Nun gut, mein Herr. Ich kann nur das eine sagen: ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre außerordentliche Freundlichkeit. — Sie haben wohl diese Reise zwischen Europa und Amerika öfters gemacht?“

„O ja, schon sehr oft.“

„Dann wird mir ja Ihre Hilfe um so wertvoller sein.“

„Gewiß. Ich kenne mich gut aus.“

So fuhren wir nun fort, miteinander zu plaudern, und jetzt war es mir, wie wenn die Zeit viel schneller vorüberginge als vorher, denn mein neuer Freund erwies sich als ein sehr angenehmer Plauderer. Er hatte bald herausgefühlt, was mich am meisten interessierte, und lenkte darum die Unterhaltung immer wieder auf solche Dinge. Nie drängte er sich mit seinen eigenen Anliegen vor.

Es dauerte nicht lange, da erreichten wir die schmale Pforte, wo die Pässe und andere Papiere von den Schiffsbehörden kontrolliert wurden.

Als die Kontrolle fertig war, mußten wir uns für kurze Zeit trennen, um unsere Kabinen in Besitz zu nehmen.

Merkwürdigerweise hatten wir uns gegenseitig noch nicht vorgestellt, ja nicht einmal unsere Namen genannt. Und doch hatte ich ein großes Verlangen, wenigstens den Namen meines neuen Freundes kennen zu lernen.

Als ich mich in meiner Kabine notdürftig eingerichtet hatte, ging ich auf das weitausgedehnte Deck hinaus, mitten in die wogende Menschenmenge hinein, die sich auf dem prachtvollen Schiff bald zurechtgefunden hatte und nun spaßend, plaudernd und lachend hin und her ging.

Gelegentlich wechselte ich einige Worte mit dem einen oder andern Mitreisenden. Alle waren freundlich, zufrieden und munter.

Es war schon spät am Nachmittag, ein herrliches, schönes, warmes Wetter.

Ich fragte einen Herrn, dem ich gerade begegnete: „Wann werden wir wohl von hier abfahren?“

„Erst morgen vormittag, Sir. Wir bleiben noch diese Nacht hier in Southampton.“

Nachdem ich eine Zeitlang mitten in dieser fröhlichen Menschenmenge herumgegangen war, suchte ich mir schließlich eine ruhige Ecke auf dem Deck, von wo aus man eine schöne Aussicht hatte, setzte mich dort auf einen Stuhl und betrachtete die Stadt Southampton, sowie die dahinter liegende englische Landschaft und das herrliche spiegelblanke Meer.

Über den weiten Raum des Decks bewegten sich heitere Menschen. Ich freute mich herzlich über die gute Laune und die Munterkeit der anscheinend glücklichen Leute, die rund um mich herum so vergnügt plauderten. So sehr hatte mich das bunte Leben auf dem Deck der „Berengaria“ gefesselt, daß ich gar nicht bemerkte, wie ein Herr auf mich zusteuerte.

Als er ganz in meiner Nähe angekommen war, blieb er stehen, holte sich rasch einen Stuhl und setzte sich neben mich.

Nachdem wir uns gegenseitig begrüßt hatten, fragte mich der Neuangekommene:

„Sie reisen nach Neuyork, mein Herr?“

„Gewiß, mein Herr. Ich mache zwar eine etwas längere Reise, aber meine erste Station in Amerika wird Neuyork sein.“

„Und Sie machen Ihre Reise zusammen mit einem vornehmen Gefährten?“

Mir kam diese Frage fast detektivisch vor. Woher er das nur wissen konnte? Ich wurde ein wenig scheu und antwortete ausweichend: „Bis jetzt habe ich meine Reise ganz allein gemacht. Nur von Paris nach London mußte ich einen kleinen englischen Jungen mit mir nehmen. Der ist der einzige Gefährte, den ich bis jetzt auf meiner Reise mit mir gehabt habe.“

„Dann muß ich Sie aber um Entschuldigung bitten. Ich meinte, Sie hätten einen Reisegefährten, denn vor etwa einer Stunde habe ich Sie mit einem sehr vornehmen Herrn zusammen gehen sehen. Ich dachte, Sie seien Freunde und machten die Reise zusammen.“ Ich gewann Vertrauen zu diesem Manne und ging ein wenig näher auf seine Rede ein: „Diese Sache verhält sich so: Vor etwa einer Stunde, wie Sie ganz richtig sagen, habe ich mit einem mir gänzlich unbekannten Herrn gesprochen, der wie ich nach Neuyork fährt. Er war sehr freundlich und liebenswürdig. Aber ich bin so wenig mit ihm bekannt, daß ich bis jetzt seinen Namen nicht einmal kenne.“

„Ah …, so liegt die Sache! … Seinen Namen kennen Sie nicht? Dann möchte ich Ihnen doch seinen Namen sagen: Dieser Herr heißt James R. Garfield!“

„Wie heißt er? … Garfield!“

„Ja, er heißt Garfield, und er wohnt in Cleveland …“

„Garfield …! Aber das ist doch der Name eines der Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika …! Der Präsident Garfield wurde ja im Jahre 1881 von einem wütenden Fanatiker ermordet! Dieses Verbrechen machte damals einen ungeheuer großen Eindruck. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft daran. Ich war damals noch ein junger Mann. Ich wohnte in Löwen, wo ich Philosophie studierte … Alle Welt sprach damals mit Entsetzen von diesem abscheulichen Verbrechen Und Sie sagen, daß der Herr, der vor einer Stunde mit mir sprach, gerade diesen Namen trägt?“

„Ja, gewiß. Es war Herr Garfield, der mit Ihnen sprach.“

„Aber dieser Herr Garfield, der vor einer Stunde mit mir sprach, ist doch sicher nicht mit dem ermordeten Präsidenten der Vereinigten Staaten verwandt …?“

Der Herr schaute mich erstaunt an …, und es entstand eine kurze Pause ..

Dann sagte er:

„Gut, dann will ich es Ihnen verraten: Der Herr, mit dem Sie vor einer Stunde plauderten, hat nicht nur etwas mit dem ermordeten Präsidenten Garfield zu tun, sondern er ist sein Sohn …“

Ich fuhr zusammen, als ich das hörte …, und schaute den Herrn schweigend an …

Es war mir noch nicht möglich, seinen Worten zu glauben …

Wie konnte er auch so etwas sagen …!

Die Sache ließ mir keine Ruhe, und so fragte ich noch einmal:

„Aber, mein Herr, ich habe Sie wohl nicht richtig verstanden … Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, daß der vornehme amerikanische Herr, mit dem ich vor einer Stunde sprach, der Sohn des Präsidenten Garfield sei?“

„Doch, doch! Das gerade habe ich gesagt — und das ist die Wahrheit. Herr James R. Garfield, mit dem Sie sprachen, ist wirklich der Sohn des ermordeten Präsidenten Garfield Als der Präsident Garfield ermordet wurde, war sein Sohn, der jetzt hier auf dem Schiffe ist, ein Junge von 16 Jahren. — Seit dem Tode seines Vaters sind jetzt 55 Jahre verflossen. Der Herr Garfield, Ihr neuer Freund, ist somit jetzt 71 Jahre alt.“

„Und was ist er jetzt?“

„Er ist ein Rechtsgelehrter und wohnt, wie ich vorher sagte, in Cleveland im Staate Ohio.“

Da war also nichts zu machen. Ich mußte dem Manne glauben. Ich war durch einen Zufall in die Hände eines berühmten Mannes gefallen.

Und dieser Mann hatte mich gebeten, ihm zu erlauben, mir auf meiner Reise bis nach Neuyork mit Rat und Tat beizustehen.

Ich konnte es nicht leugnen; es war dies ein großes Glück für mich …

Ich blieb noch eine Zeitlang im Gespräch mit meinem neuesten Bekannten.

Da plötzlich ertönt ein kräftiges Läuten …

„It is dinner-time“ (Es ist Zeit zum Mittagessen), bemerkte der Herr.

Die vielen Reisenden rundherum erhoben sich und begaben sich von allen Seiten her nach dem „dining-room“ (Speisesaal).

Ich nahm Abschied von dem freundlichen Herrn, der mir so interessante Mitteilungen gemacht hatte, und schloß mich den vielen Mitreisenden an. Auf dem Wege zum „dining-room“ kam Herr Garfield mir entgegen.

„Gott sei Dank“, rief er mir munter zu, „daß ich Sie hier finde. Ich habe nach Ihnen gesucht.“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar und überlasse mich jetzt Ihrer Führung.“

„Das freut mich sehr“, erwiderte er, „und ich bitte Sie, sich mir anzuvertrauen, bis wir in Neuyork sind.“

„O ja, ich werde mich ganz in mein Schicksal ergeben.“

„Das ist es gerade, was ich wünsche“, sagte Herr Garfield.

Und nun nahm er mich mit und führte mich nach dem großen „dining room“.

„Haben Sie Freunde oder Bekannte hier auf dem Schiff?“ fragte er auf dem Wege.

„Nein, mein Herr, ich kenne keinen Menschen hier.“

„Dann will ich einen kleinen Tisch aussuchen, wo wir in aller Ruhe speisen können.“

Das geschah.

Ich brauchte von nun an an nichts zu denken, Herr Garfield sorgte für alles.

Und er tat das mit einem Takt und einer Freundlichkeit, die nicht zu beschreiben sind.

20. Kapitel
Der erste Abend an Bord der „Berengaria“

Nach dem „Dinner“ begab ich mich mit Herrn Garfield auf Deck und blieb dort lange mit ihm zusammen. Es war eine Freude, mit ihm zu plaudern, denn Herr Garfield war ein überaus angenehmer Gesellschafter. Er war hochgebildet und hatte eine sehr große Lebenserfahrung. Dabei war er auch noch überaus liebenswürdig und taktvoll.

Wir gingen auf und ab auf Deck, plauderten und betrachteten das emsige Leben auf dem Schiff und um dasselbe herum.

„Hier geht es ja zu wie in einem Ameisenhaufen …“, bemerkte einer der Passagiere im Vorbeigehen so vor sich hin.

Er hatte recht, denn es dauerte wirklich sehr lange, bis die vielen Amerikafahrer endlich ihre Plätze gefunden und ihre Sachen beieinander hatten.

Einige hatten im Zuge oder auf dem Schiffe oder am Kai einen Teil ihrer Koffer verlegt. — Danach mußte dann eifrig gesucht werden. Aber es war keine Angst dabei. Denn wir waren auf der „Berengaria“ wie auf einer Insel. Es konnte ja keiner etwas wegnehmen und damit weggehen. Das Schiff war zwar riesengroß, und man hatte gar nicht den Eindruck, irgendwie abgeschlossen wie auf einer Insel zu sein. Allein es hatte alles seinen Ort. Und da kam es nur darauf an, diesen Ort zu finden und sich an ihn zu halten.

Am schwierigsten war es natürlich dort, wo viele Kinder waren.

Ach diese armen kleinen Kinder! Einige von ihnen waren unwohl oder auch ernstlich krank geworden.

Es war schwer, Ordnung in die Kinderwelt hineinzubringen. Ja, es kostete viel Mühe, und es gab auch Tränen, Wehklagen und Geschrei.

Mein lieber Helfer und Freund, Herr Garfield, zog sich bald in seine Kabine zurück. Ich begleitete ihn bis dahin. Dann aber begab ich mich wieder auf das Deck hinaus.

Dort fand ich einen ruhigen Platz. Ich wurde hier nicht gestört und konnte alles gut beobachten.

Es wurde immer stiller auf Deck, und schließlich saß ich ganz allein dort oben.…

Diese Ruhe gefiel mir. Ich konnte mich nämlich hier ganz meinen Gedanken und Träumereien hingeben.

Meine Gedanken kreisten mit Vorliebe um die bevorstehende Reise, die ich schon am folgenden Tag als Passagier auf dem schwimmenden Palast über das gewaltige Atlantische Meer machen sollte.

Und diese Fahrt von England nach Amerika, was war das schon im Vergleich mit dem, was nachher noch kommen sollte! Das war ja nur ein ganz kleines Stück gegenüber der ungeheuer langen Weltreise, die mir bevorstand. Es hätte einem fast ein wenig grauen können vor dieser Reise. Aber als erfahrener Weltwanderer unterließ ich es, mir das Ganze mit allen Schwierigkeiten vorzustellen; dagegen entschloß ich mich, vorläufig nur an diesen ersten Teil meiner Fahrt zu denken: die Überquerung des großen Atlantischen Meeres. Das war zunächst Sache genug. Ich erwartete viel von dieser Fahrt und versuchte, mir auszumalen, was es dabei etwa zu sehen und zu erleben geben könnte.

Da kam mir aber plötzlich die Erinnerung an eine andere Reise, die ich vor fast siebzig Jahren gemacht hatte …, und zwar als ich nur zwölf Jahre alt war …, die Reise von Island nach Dänemark auf dem kleinen „Valdemar von Rönne“.

In meinem Buch „Nonni“ habe ich versucht, diese Reise zu schildern.…

Ich fing an, diese beiden Reisen miteinander zu vergleichen, die damalige und die jetzige.

Damals war ich der einzige Passagier auf dem Schiff „Valdemar“ — hier aber waren wir ein paar tausend …!

Auf dem „Valdemar von Rönne“ waren im ganzen drei Matrosen — hier waren 850 Matrosen und Dienstleute.

Mein damaliges Schiff war so klein, daß man es fast mit einem Kahn hätte vergleichen können.

Die „Berengaria“ aber war eines der größten Schiffe der Welt …!

Damals dauerte meine Fahrt von Island bis nach Dänemark fünf Wochen …

Jetzt sollte unsere Fahrt auf der vielmal so langen Strecke von England nach Amerika nur fünf Tage dauern …!

Damals auf dem kleinen „Valdemar von Rönne“ hatte ich es zwar gut, aber von Luxus und Bequemlichkeit war keine Rede.

Hier aber auf der königlichen „Berengaria“ entfaltete sich in jeder Beziehung ein Reichtum und eine Bequemlichkeit — fast wie im Schlaraffenland.

So saß ich da, ganz allein, umweht von den lauen Lüften der schönen Sommernacht.

Ich versank immer tiefer ins Reich der Erinnerung und der Träume. Die Weltreise mit der „Berengaria“ und die einstigen Abenteuer auf dem kleinen „Valdemar von Rönne“ kamen immer näher zusammen und waren bald — ich weiß nicht wie! — miteinander verschmolzen.

Auf einmal — es mußte etwas mit mir geschehen sein! — fuhr ich zusammen. Es kam jemand die nahe Treppe herauf … Dann hörte ich ganz nahe Schritte … Sie klangen wie in großen Räumen und hatten einen leisen Widerhall.

Vom flachen Deck her, das unabsehbar tief war, bewegte sich eine hohe Gestalt auf mich zu. Ich blieb sitzen und rührte mich nicht. Die Gestalt kam näher und war nur noch wenige Fuß von mir entfernt. Der Nachtwandler kam bis zu mir her und schaute mich an.

Ich war bestürzt und erstaunt, aber mein Erstaunen dauerte nicht lange, denn ich erkannte bald die vermeintliche Spukgestalt … Es war mein Freund Garfield …

„Wie!“ sagte er, indem er mich freundlich grüßte, „Sie wollen wohl die ganze Nacht hier oben bleiben …?“

„Das gerade nicht“, gab ich zur Antwort. „Ich sitze nur hier, um mich ein wenig auszuruhen Dieser Sommerabend ist so schön. Ich muß ihn noch ein wenig genießen“.

„Sie haben recht“ antwortete Herr Garfield.

„Wollen Sie nicht auch einige Augenblicke hier Platz nehmen, Herr Garfield?“

„Gerne, wenn ich Sie nicht störe“, sagte der gute Herr, indem er sich mir gegenüber auf einen Stuhl setzte.

Und jetzt fing zwischen uns ein eigenartiges nächtliches Gespräch an.

Ich weiß nicht mehr genau, was wir sprachen. Ich weiß nur, daß es sich um die beiden Reisen handelte: um die erste, die ich mit zwölf Jahren machte, und um die jetzige, die ich als Achtzigjähriger vor mir habe, und die mich rund um die Erde führen sollte.

Plötzlich stand Herr Garfield auf und sagte: „Ich glaube, daß es nun an der Zeit ist, uns zur Ruhe zu begeben. Es ist bald Mitternacht.“

Herr Garfield zog seine Uhr aus der Tasche und zeigte sie mir …

Ich wollte mich nun von meinem Sitz erheben ..

Da aber — wie merkwürdig! — es ging nicht. Es war mir unmöglich, aufzustehen … Ja, ich konnte nicht einmal die geringste Bewegung machen, so sehr ich mich auch anstrengen mochte.

„Ich will Ihnen helfen“, sagte Herr Garfield. Er faßte mich an den beiden Händen und versuchte mich in die Höhe zu ziehen. Es ging wieder nicht. Nun ließ Herr Garfield meine Hände los; ich fiel .. und öffnete die Augen …

Herr Garfield war spurlos verschwunden …! Statt seiner aber standen zwei kräftige englische Matrosen da …!

Ganz verwirrt und mit wunderndem Blick schaute ich sie an …

Auch sie verloren mich nicht aus den Augen …

In meiner Verwirrung und Hilflosigkeit rief ich wiederholt: „Herr Garfield! Herr Garfield’ Wo sind Sie denn, Herr Garfield?“

Die Matrosen lächelten, als ob sie das, was hier geschah, erwartet hätten.

Dann fragte der eine:

„Wer ist Herr Garfield?“

„Das ist der Herr, der soeben noch hier bei mir war.“

„Sie irren, mein Herr! Kein Mensch ist hier bei Ihnen gewesen, außer uns“, erwiderte der eine Matrose.

„Er saß doch soeben noch dort, mir gegenüber, auf diesem Stuhl Und wir haben bis jetzt miteinander geplaudert … Dann hat er mir helfen wollen, aufzustehen.“

„Das ist — wie gesagt — ein Irrtum, mein Herr. Es ist ganz unmöglich, mein Herr. Nur wir sind hier gewesen, schon seit langer Zeit … Und während dieser ganzen Zeit saßen Sie da auf diesem Stuhl und .. schliefen.“

„Wie! Habe ich hier schon lange gesessen und geschlafen?“

„Gewiß, schon sehr lange. Es ist schon drei Uhr.“

„Du guter Gott!“ sagte ich zu mir selbst. „Dann ist ja das Ganze ein Traum gewesen!“

„Schon seit mehreren Stunden. Sie schliefen aber schon, als wir kamen. Während Sie schliefen, haben Sie öfters laut gesprochen.“

Da war also nichts zu machen. Mein ganzes Gespräch mit Herrn Garfield war nur ein Traum gewesen …!

„Aber, warum habt Ihr mich nicht geweckt?“ fragte ich die beiden Matrosen schließlich.

„Sollten wir denn Ihren Traum zerstören, Herr?“

Ich dankte den Matrosen dafür, daß sie mich so lange auf Deck ließen in der guten Abendluft. Auf dem Schiffe schliefen alle schon lange — mit Ausnahme der wachthabenden Schiffsleute.

Ich ging jetzt hinunter in meine Kabine und verbrachte den Rest dieser ersten Nacht auf der „Berengaria“ in gesundem Schlaf.

21. Kapitel
Ein kleines Abenteuer in der Kinderstube

Ich schlief nun in einem Zuge, die ganze Nacht hindurch.

Am folgenden Morgen wurde ich plötzlich wach: Ein starkes Geräusch und ein heftiges Zittern des Schiffskörpers hatten mich geweckt.

Ich blieb zunächst ganz still im Bette liegen und horchte …

Unmittelbar über mir wurde heftig getrampelt und herumgelaufen.

Dazu drangen auch laute Kommandorufe bis zu mir herunter … Was konnte das doch sein?

Ein sehr starkes Brummen und Dröhnen übertönte ab und zu die übrigen Geräusche.

Das war doch zu eigenartig … Ich mußte hinauf, um mit eigenen Augen zu sehen, was da los war …

Bevor ich aus dem Bette sprang, sammelte ich mich schnell und verrichtete ein kurzes Morgengebet.

Das war ja etwas, das ich im Jahre 1870 vor meiner Abreise aus Island nach Dänemark meiner guten Mutter versprochen hatte. Es war mir noch nie eingefallen, diesem Versprechen untreu zu werden. Es war ein Bedürfnis für mich geworden, jeden Morgen, beim Erwachen, ein kurzes, inniges Gebet zu verrichten.

Als ich mit dieser Morgenandacht fertig war, schaute ich auf die Uhr: es war schon sehr spät am Tage geworden. Ich war ja auch sehr spät in der Nacht zu Bett gegangen.

Die anderen Leute auf dem Schiff mußten schon lange aufgestanden sein. Ich war wohl der letzte von allen.

Ich sprang also rasch aus dem Bette, wusch mich und kleidete mich an.

Dann verließ ich meine kleine Kabine und trat hinaus in den unteren Gang, der sich links und rechts an den vielen Kabinentüren vorbei hinstreckte.

Etwa zwanzig Schritt von mir entfernt sah ich die Treppe, welche zum oberen Deck hinaufführte. Sofort ging ich weiter auf die Treppe zu.

Als ich aber ein paar Schritte gemacht hatte, begegnete ich einem Matrosen.

„Verzeihen Sie“, sagte ich zu ihm, „was ist denn das für ein Lärm droben auf dem Deck?“

„Es ist der Aufbruch, mein Herr, wir fahren jetzt ab von England nach Frankreich“, antwortete hastig der Matrose und eilte weiter.

Auch ich setzte meinen Weg fort nach der Treppe hin.

Bevor ich aber die Treppe erreicht hatte, sah ich eine halbgeöffnete Tür, die vom Gang in ein Zimmer führte.

Im Vorbeigehen warf ich einen flüchtigen Blick hinein. Da sah ich, daß es eine niedliche Kinderstube war.

In der Mitte des Zimmers stand ein schöner, runder und rotpolierter Tisch. Um diesen Tisch saßen drei kleine Knaben. Alle drei schwiegen. Sie konnten etwa drei bis vier Jahre alt sein.

Mit gekreuzten Armen vor der Brust lehnten sie sich — der eine genau wie der andere — gegen die Tischplatte und schauten einander im tiefsten Ernst an.

Durch mein Eintreten in das Zimmer ließen sie sich nicht im geringsten stören. Ja sie schauten mich nicht einmal an, sondern blieben unbeweglich immer in derselben Haltung sitzen, die Blicke unentwegt aufeinander gerichtet.

Diese kleine Gesellschaft sah unsäglich putzig aus … aber auch etwas seltsam, ja fast unnatürlich, wie mir schien, für Kinder in diesem Alter.

Ich wunderte mich auch, daß niemand bei ihnen war, um auf sie aufzupassen. Das kam mir alles so rätselhaft vor …

Ihre Ruhe, Gleichgültigkeit und Teilnahmlosigkeit regte mich auf, und ihr Mangel an der gewöhnlichen kindlichen Lebhaftigkeit und Zappelhaftigkeit war mir gänzlich unverständlich.

Nachdem ich sie ein paar Minuten lang betrachtet hatte, verließ ich das Zimmer und ging rasch nach der Treppe, um sobald wie möglich auf das Deck hinaufzukommen.

Als ich die Treppe erreicht hatte, blieb ich auf dem Boden stehen und schaute hinauf.

Einige Stufen höher entdeckte ich einen ganz kleinen Jungen, der genau so aussah wie die drei, die ich soeben in der Kinderstube beobachtet hatte.

Der muß wohl zu jenen gehören, dachte ich. Und wahrscheinlich hat er Reißaus genommen, um auf eigene Faust einen Ausflug zu machen.

Aber was tat er da, auf der Treppe?

Er war eifrig damit beschäftigt, äußerst eigenartige gymnastische Übungen zu machen.

Diese Übungen waren sehr einfach: sie bestanden darin, daß er — immerfort sitzend — auf das eifrigste sich bemühte, die Treppenstufen hinunterzurutschen.

Das ging aber sehr schwer, denn der arme Kleine war noch weit davon entfernt, ein besonders tüchtiger Sportsmann zu sein.

Doch mit größtem Eifer schob er sich von Stufe zu Stufe nach unten …

Leider tat er es aber so ungeschickt, daß er beständig in Gefahr war, umzukippen.

Ich fürchtete daher ernstlich, daß der kleine Junge das Gleichgewicht verlieren und die etwas steile Treppe hinunterfallen könne.

Das wäre lebensgefährlich gewesen.

Ich blieb deshalb einige Stufen tiefer vor ihm stehen, um ihn sofort aufzufangen, für den Fall, daß er das Gleichgewicht plötzlich verlieren sollte. Lange brauchte ich nicht zu warten, denn gerade jetzt geschah das Unglück …

Während er sich aus allen Kräften bemühte, weiterzurutschen, kippte er plötzlich um und rollte wie eine kleine Kugel, die glücklicherweise aus einem Bündel weicher Kleidungsstücke bestand, die Treppe hinunter bis zum Boden …

Dort blieb er zunächst liegen, und zwar ohne einen Laut von sich zu geben. Das war für mich ein Beweis, daß er beim Herunterfallen wenigstens keinen gefährlichen Stoß bekommen hatte.

Da ich mich ja in der Nähe befand, sprang ich in einem Satz zu ihm hin. — Er lag da, ganz still, wie ein Häufchen Elend.

In aller Eile hob ich ihn auf, und in der Hoffnung, daß seine Mutter möglicherweise bald kommen würde, wartete ich dort unten noch einige Augenblicke. — Da aber niemand kam, fragte ich den Kleinen: „Where is your mother?“ (Wo ist deine Mutter?)

Da ich auf diese Frage keine Antwort bekam, versuchte ich es mit anderen Fragen. — Doch alles vergebens …

Es war mir nicht möglich, auch nur einen Laut aus dem Kleinen herauszulocken.

Statt zu antworten, schaute er mich unentwegt und in aller Ruhe mit seinen großen und klaren Kinderaugen an.

Schließlich fragte ich ihn so freundlich, wie ich konnte: „Mama? Where is mama?“ — Diesmal hatte ich Erfolg:

„Mama, mama!“ wiederholte er einige Male. — Mama gehört ja zur allgemeinen Kindersprache. — Jetzt verstanden wir uns.

Nun mußte ich aber auf die Suche nach der lieben Mama gehen …

Den Kleinen trug ich aber zuerst einige Schritte weit durch den unteren Gang in die schon bekannte Kinderstube, wo ich soeben gewesen war.

Die drei Knaben saßen noch immer dort und schauten einander an — genau wie vorher … — Das aber paßte mir sehr gut.

Ich nahm ein viertes kleines Kindersesselchen, schob es an den Tisch heran und setzte meinen kleinen Schützling darauf. Er machte keinen Widerstand, sondern kreuzte die Arme vor der Brust und lehnte die Ellenbogen auf die Tischplatte …

Jetzt war die niedliche kleine Tafelrunde um ein Mitglied größer geworden. Sie hielten sich wieder alle ruhig und betrachteten einander grabesernst und unbeweglich. Auch mein kleiner Schützling tat genau wie die anderen und schien sich sehr wohl in dieser Gesellschaft zu fühlen.

Jetzt verließ ich meine kleinen Freunde in der Kinderstube und eilte wieder nach der Treppe hin. Ich lief rasch die Stufen hinauf. Als ich endlich das Deck erreichte, sah ich dort einige englische und amerikanische junge Damen, welche beisammenstanden und miteinander plauderten.

Ich näherte mich der Gruppe, grüßte und berichtete ihnen mein Abenteuer mit dem kleinen Jungen auf der Treppe …

„Oh …! It was my little boy! Poor little Eddie …!“ (Es war mein kleiner Junge …! Armer kleiner Edward …!) rief die eine Dame aus … —

„I am very thankful to you, Sir!“ (Ich bin Ihnen sehr dankbar, mein Herr), fügte sie hinzu, indem sie sich an mich wandte.

Dann bat sie mich, mit ihr in die Kinderstube zu gehen.

Natürlich nahm ich die Einladung an.

Ich ging also zusammen mit der Mutter meines kleinen Freundes Eddie nach der Kinderstube.

Als wir hineintraten, fanden wir die ganze kleine Gesellschaft ruhig an ihren Plätzen rund um den Tisch.

Die Mutter umarmte zärtlich ihren kleinen Sohn, machte ihm aber auch mütterliche Vorwürfe wegen seines Ausfluges nach der Treppe, denn er hatte ihr vorher versprochen, ruhig mit seinen kleinen Kameraden in der Kinderstube zu bleiben.

Jetzt vergewisserte sie sich auch, ob ihm nach seinem Unfall nichts fehlte.

Dann setzte sie den Kleinen wieder auf seinen Stuhl, indem sie ihm sagte, er solle nur noch eine kurze Zeit dort bleiben. Sie müsse ihn nur einen kleinen Augenblick allein lassen, sehr bald werde sie ihn dann holen und auf das Deck bringen …

Nun aber geschah etwas für mich ganz Unbegreifliches … Es kam ganz unerwartet …

Während ich nämlich dort in der Kinderstube mit der jungen Mutter noch ein paar Worte wechselte, erhob sich plötzlich der Nachbar unseres kleinen Eddie, wandte sich gegen ihn und gab ihm mit seiner kleinen geballten Faust mit voller Kraft — die aber glücklicherweise nicht bedeutend war — einen Schlag mitten ins Gesicht …!

Ein ohrenbetäubendes Geheul war begreiflicherweise die Folge. — Der arme kleine Eddie schrie und weinte ganz verzweifelt …

Blitzschnell — aber doch zu spät — kam die Mutter ihm zu Hilfe.

Sie hob ihn auf, drückte ihn an ihr Herz und suchte, wie nur eine Mutter es kann, ihren Liebling zu trösten.

Inzwischen saß der kleine Übeltäter und ungerechte Angreifer wieder ganz ruhig auf seinem Stuhl und betrachtete genau wie vorher alles, was da um ihn herum vor sich ging.

Endlich hörte das verzweifelte, laute Weinen des kleinen Eddie auf Die Mutter wandte sich dann an den kleinen Angreifer und fragte ihn, warum er ihren Eddie so geschlagen habe …

Er aber blieb stumm und tat, wie wenn nichts geschehen wäre. Es war nichts aus ihm herauszubringen.

Dann jedoch nahm die Mutter ihren kleinen Eddie mit sich und brachte ihn nach ihrer eigenen Kabine.

Auch die anderen Kinder wurden bald von ihren Müttern geholt.

So endete schließlich dieses erste kleine Kinder-Trauerspiel an Bord der „Berengaria‘.

22. Kapitel
Ich verlasse England und fahre auf das Atlantische Meer hinaus. — Frankreich, Cherbourg

Ich begab mich nun bald wieder auf Deck, von wo aus ich die Abfahrt des Schiffes erleben wollte.

Das ging nämlich recht eigenartig vor sich.

Als ich oben auf Deck ankam, begegnete ich meinem guten Freund. Herrn Garfield, wieder.

„Jetzt fahren wir ab“, sagte er.

„Ja“, erwiderte ich, „das wollte ich mir gerade ansehen.“

Wir gingen beide zusammen auf das höchste Vorderdeck hinauf, denn von dort aus konnten wir am besten alles beobachten, was da vor sich ging.

Alle Einzelheiten wurden mir von Herrn Garfield auf das beste erklärt. Er kannte ja alles genau

Es handle sich da zunächst nur um dieses Eine, sagte mir Herr Garfield, nämlich das riesengroße Schiff in eine solche Lage zu bringen, daß es aus eigener Kraft den Hafen verlassen könne.

Das Schiff lag nämlich mit der einen Seite dicht gegen das Bollwerk des langgestreckten Hafenufers vertäut.

Bevor es sich bewegen konnte, war es notwendig, den Vorderteil des Schiffes vom Lande so weit loszulösen, bis er genau nach dem freien Meere hin gerichtet sei.

Um aber den großen Schiffskörper in die richtige Lage bringen zu können, befestigte man ungewöhnlich dicke Taue vorn am Schiff. Die anderen Enden der Taue wurden an mehrere schwere Schleppdampfer festgemacht. Diese letzteren sollten nun versuchen, den Vorderteil der „Berengaria“ durch kräftiges Ziehen vom Bollwerk zu entfernen.

Diese schweren, ungemein stark gebauten Hafendampfer sahen wie wahre Ungeheuer aus.

Herr Garfield sagte mir, man nenne sie in der englischen Sprache „tuggers“ oder „tug-boats“. — Das heißt „Zieher“ oder „Zieh-Boote“. Ihre Maschinen sind von ungewöhnlicher Stärke.

Diese sogenannten „tuggers“ — es waren mehrere, die gleichzeitig zogen — arbeiteten eine Zeitlang alle zusammen, schienen aber zuerst nichts ausrichten zu können.

Trotz allem Ziehen blieb das gewaltige Schiff an der langen Ufermauer liegen.

Nach einiger Zeit aber fing doch schließlich der enorm große Koloß an, langsam nachzugeben.

Die kleinen „tuggers“ keuchten und strengten sich mit aller Kraft an. Nach härtester Arbeit brachten es die kleinen Ungeheuer fertig, den Widerstand des starken Riesen endgültig zu brechen …

Das mächtige Schiff ließ sich in die richtige Lage bringen. Der Vorderteil wandte sich schließlich genau nach dem offenen Meere hin. Jetzt verließen die kleinen, aber starken Zieh-Boote das große Schiff, und gleich darauf fingen die mitten im Schiffskörper liegenden riesigen Schiffsmaschinen ihre Arbeit an.

Das ganze Schiff zitterte und bebte eine Zeitlang, dann aber glitt es ruhig dahin und zog hinaus auf das freie Meer.

Unsere Reise von Europa nach Amerika durch die endlose Wasserfläche des Atlantischen Meeres hatte begonnen, und bald lagen England und die Stadt Southampton in der Ferne hinter uns.

Nur einmal sollten wir auf dieser Fahrt einen kurzen Halt machen, nämlich bei der französischen Stadt Cherbourg. Denn dort sollten mehrere hundert neue französische Passagiere und auch eine Menge Waren und Frachtgüter für Amerika aufgenommen werden.

„Wissen Sie, ob wir lange in Cherbourg bleiben werden?“ fragte ich Herrn Garfield.

„In Cherbourg“, erwiderte er, „werden wir nur einige Stunden bleiben.“

„Dort werden wohl die neuen französischen Passagiere aufgenommen werden?“

„Nein, die französischen Passagiere werden uns auf zwei Dampfern entgegengebracht werden. Sie werden auf offenem Meer von der „Berengaria“ an Bord genommen.“

„Werden uns auch die Waren und Frachtgüter auf offenem Meer draußen entgegengebracht?“

„Nein. Wenn die französischen Passagiere aufgenommen sind, dann fahren wir in den Hafen hinein und nehmen Frachtgut entgegen für Amerika.“

„Ist das alles, was wir in Cherbourg zu tun haben?“

„Ja, das ist alles. Wenn wir die Waren aufgenommen haben, setzen wir unsere Reise nach Amerika fort.“

Jetzt wußte ich Bescheid.

Wir blieben noch eine gute Weile oben auf dem hohen Deck, um weiter miteinander zu plaudern.

Er teilte mir viele nützliche und interessante Einzelheiten über Leben und Gebräuche in Nordamerika mit, wo ich mich nun jetzt einige Monate aufhalten wollte.

Dann machte mich auch Herr Garfield auf die Tagesordnung der „Berengaria“ aufmerksam und lud mich ein, alle meine Mahlzeiten zusammen mit ihm einzunehmen. Das nahm ich gern an, denn einen angenehmeren und edleren Reisegefährten hätte ich nicht leicht finden können.

Er wählte dann für uns beide in dem großen „Dining-room“ der „Berengaria“ einen kleinen Tisch aus.

Dort nahmen wir dann immer unsere Mahlzeiten ein. Und er sorgte die ganze Reise hindurch dafür, daß mir nie etwas fehlte.

Unterdessen schwamm unser Schiff mit großer Schnelligkeit vorwärts, auf Frankreich zu.

Bald machte mich Herr Garfield darauf aufmerksam, daß die zwei französischen Dampfer mit den Passagieren aus Frankreich nun erscheinen würden.

Jetzt war aber die Küste Frankreichs schon sichtbar geworden. — Von den vorgeschobenen Felsenfestungen der Stadt wurden einige kräftige Kanonenschüsse abgefeuert, und kurz darnach erschienen zwei Dampfer mit französischen Amerikafahrern.

Sofort hielt unser Schiff, und die zwei mit Passagieren gefüllten Dampfer legten sich an unsere Seite.

Durch geschicktes Manöverieren gelang es in kürzester Zeit, die französischen Reisenden auf bequeme Weise in unser Schiff aufzunehmen. Hernach fuhr die „Berengaria“ in den Cherbourger Hafen hinein. Hier legte sie sich dicht an eines der vielen Hafenbollwerke.

Dort entdeckte ich bald einen ganzen Berg von Frachtgütern, welche wir nach Amerika bringen sollten.

Das Einladen dieser Güter in die „Berengaria“ begann sofort.

Flinke französische Arbeiter, worunter viele junge Leute waren, brachten die zahlreichen Kisten, Kasten und Säcke herbei. Alles wurde dann mit Hilfe von mächtigen Maschinen in die weiten Lasträume des Schiffes befördert. Bald war der Berg am Kai von den enorm großen Lasträumen der „Berengaria“ verschlungen.

Als Dank für die sorgfältige Arbeit warfen einige englische und amerikanische Passagiere den flinken Arbeitern glänzende Münzen aller Art zum Kai hinunter.

Ein wahrer Goldregen ergoß sich über die braven Leute …

Die Jüngeren unter ihnen fingen sie mit Geschick auf und steckten sie in ihre Taschen.

Das Zeichen zur Abfahrt wurde gegeben, die mächtigen Schiffsmaschinen liefen an, das große Schiff bebte und zitterte wieder unter der Wucht des Antriebs, dann glitt die „Berengaria“ sanft und ruhig aus dem Hafen hinaus.

Als sie das offene Meer erreicht hatte, wurde vom Kapitän der Befehl gegeben: „Mit voller Kraft“, und nun eilte unser schwimmender Palast mit erstaunlicher Schnelligkeit majestätisch durch die Wassermassen des Atlantischen Meeres auf die „Neue Welt“ zu — diese wundervolle Neue Welt, welche um das Jahr 1000 von Leif Eiriksson — dessen Standbild in Boston zu sehen ist — zum erstenmal entdeckt wurde und den Namen „Markland“ erhielt — welche dann aber wieder verloren ging und vier Jahrhunderte später von Christoph Kolumbus zum zweitenmal entdeckt wurde und den endgültigen Namen Amerika erhielt.

In diese neue Zauberwelt sollte ich nach fünf Tagen einziehen!

23. Kapitel
Auf der Fahrt durch das Atlantische Meer. Kleinigkeiten aus dem täglichen Leben an Bord

Jetzt erst fühlte ich im Ernst, daß meine große Reise um die Erdkugel nicht nur angefangen hatte, sondern schon voll im Gange war.

Denn jetzt befand ich mich nicht nur auf einem gewöhnlichen Dampfer, der mich — wie schon so oft bis dahin — von einem europäischen Lande zu einem anderen führte … Nein, jetzt war es ganz anders: Ich hatte soeben eine Langfahrt angefangen, die mich von einem Weltteil nach einem andern bringen sollte, von dem alten Europa nach einer jungen Welt, dem amerikanischen Kontinent …!

Diese herrliche Vorstellung wirkte erhebend und bezaubernd auf mein Gemüt und meine Phantasie.

Ich wollte diese Hochgefühle ein wenig genießen und suchte und fand bald einen einsamen Platz oben auf dem Deck.

Dort setzte ich mich auf eine Bank und überließ mich meiner poetischen Stimmung. Diese Träumerei dauerte aber nicht lange, denn bald wurde ich durch Schritte aufgeschreckt.

Das wird wohl mein Freund Garfield sein, dachte ich. — Doch diesmal hatte ich mich getäuscht. Die Schritte kamen näher, und auf einmal erschien gerade vor mir ein kleiner Englisch sprechender Junge, den ich schon mehrere Male während der zwei letzten Tage mitten in der Menschenmenge gesehen hatte.

Er konnte ungefähr zwölf Jahre alt sein.

Jedesmal, wenn er mir zu Gesicht kam, machte er einen guten Eindruck auf mich, denn er war höflich, gut erzogen, dazu auch heiter und gesprächig.

Als er in meine unmittelbare Nähe gekommen war, schaute er mich einen Augenblick an, grüßte mich, indem er seine Mütze abnahm, und sagte: „Good day, Sir!“ (Guten Tag, mein Herr!)

Ich erwiderte ganz kurz seinen Gruß, weil ich meinte, daß er gleich weitergehen würde. Das tat er aber nicht, sondern blieb stehen und sprach mich sehr höflich an: „Mein Herr, darf ich Sie fragen, wieviel Uhr es ist?“

Ich nahm meine Uhr aus der Tasche und zeigte ihm, wieviel Uhr es war.

Er dankte.

Dann fragte auch ich ihn: „Du bist wohl ein Engländer?“

„Nein, mein Herr, ich bin ein Amerikaner.“

So, so. Du bist ein Amerikaner … Aber du hast gefragt, wieviel Uhr es sei. Ich dachte, daß alle amerikanischen Jungen eine Uhr hätten.“

„Das haben sie auch, mein Herr. Auch ich habe eine Uhr, nur ist sie stehengeblieben. Ich habe vergessen, sie aufzuziehen.“

„Dann ziehe sie jetzt auf und stelle sie nach meiner Uhr. Die geht nämlich ganz richtig.“

Das tat der kleine Amerikaner sofort.

Während er noch damit beschäftigt war, fragte ich ihn: „Bist du aus den Vereinigten Staaten?“

„Ja, mein Herr.“

„Aus welcher Stadt?“

„Aus Neuyork“, erwiderte er. Dann aber fragte er mich: „Sie fahren wohl auch nach Neuyork, mein Herr?“

„Ja, gewiß. Und ich werde in Neuyork eine Zeitlang wohnen.“

„Das freut mich. Neuyork wird Ihnen sicher gefallen, mein Herr.“

„Das denke ich auch. Aber wieviel Einwohner hat Neuyork?“

„Zehn Millionen, mein Herr. Sie ist die größte Stadt, nicht nur Amerikas, sondern auch der ganzen Welt.“

Ich lächelte, denn ich hatte oft sagen hören, daß die Amerikaner diese Redewendung gern gebrauchen.

Dem freundlichen kleinen Jungen erwiderte ich: „Welch eine gewaltige Menge Einwohner! Dann wäre die Stadt Neuyork noch größer als London.“

„O ja, das ist sie auch, mein Herr. London kommt erst an zweiter Stelle.“

„Ich will dir gern glauben, mein kleiner Freund, obwohl die Londoner gewöhnlich sagen, daß ihre Stadt die größte sei.“

„Ja, das sagen sie. Aber Neuyork ist schneller gewachsen als London.“

„Ja, das ist wahr. — Aber hat Neuyork ebenso viele Prachtbauten wie London?“

„Ja, ich glaube, mein Herr. Wenigstens sind die großen Häuser in Neuyork viel höher als die in London.“

„Ja, davon habe ich auch gehört. Wie hoch sind wohl die höchsten Häuser in Neuyork?“

„Das höchste Haus in Neuyork heißt ‚The Empire State Building.‘ Es hat 102 Stockwerke.“

„Das ist eine sehr große Höhe. Solche Häuser gibt es nirgendwo in Europa, auch nirgendwo in der ganzen Welt. — Bist du schon einmal droben gewesen auf diesem ungeheuer hohen Haus?“

„Ja, mein Herr, schon mehrere Male. Ich war auch schon einmal auf dem Eiffelturm in Paris. Dieser ist 300 Meter hoch. Er ist aber nicht ganz so hoch wie ‚The Empire State Building‘. Auch London hat keine so hohen Häuser wie Neuyork.“

„Ja, da hast du recht, kleiner Freund. Die Amerikaner können stolz sein auf ihre hohen Häuser, wie die Engländer auf ihre großen Schiffe.“

„Ja“, sagte billigend der kleine Amerikaner, „wir haben kaum so große und so schöne Schiffe wie zum Beispiel die ‚Berengaria‘, aber mit der Zeit werden wir die Europäer auch darin überflügeln.“

Ich wunderte mich über die schöne Vaterlandsliebe, das Selbstvertrauen und die Selbstsicherheit des kleinen amerikanischen Knaben.

Jetzt wurde er aber plötzlich vom unteren Deck her gerufen …

Er entschuldigte sich höflich bei mir, daß er nun gehen müsse.

Er nahm Abschied von mir mit den Worten: „I will see you again, Sir, if you will allow me.“ (Ich werde wieder zu Ihnen kommen, wenn Sie es mir erlauben wollen.)

„Du bist immer willkommen, kleiner Freund“, entgegnete ich ihm.

Dann verbeugte er sich und lief die Treppe hinunter, welche zum nächsten Deck führte, und wo seine Angehörigen auf ihn warteten …

Unterdessen glitt das große Schiff mit ungeheurer Schnelligkeit vorwärts.

Große Scharen von schneeweißen Möwen umschwärmten das stetig gleichmäßig voraneilende Schiff.

Viele von den Passagieren hatten sich mit Brot versehen. Sie warfen häufig Brotkrumen in die Luft hinauf. Sofort schnappten die flinken schneeweißen Vögel danach und verschlangen sie gierig droben in der Luft. Dann setzten sie ihre Flugkünste fort, indem sie ab und zu beim Vorbeifliegen die Passagiere auf dem Deck mit ihren Flügeln sanft berührten.

Der kleine Amerikaner, mit dem ich das soeben erwähnte Gespräch gehabt hatte, kam zuweilen an mir vorbei, grüßte freundlich oder blieb gelegentlich auch bei mir sitzen und sprach auf kindliche Weise von seinem großen Vaterland, auf das er stolz war.

Einmal machte er mich auf die Möwen aufmerksam: „Jetzt folgen die Möwen noch unserem Schiff, aber nach zwei Tagen werden sie uns verlassen.“

„Wo fliegen sie dann hin?“ fragte ich ihn.

„Sie fliegen dann nach der englischen Küste zurück.“

„Und warum tun sie das?“ fragte ich weiter.

„Weil sie nicht gerne so weit aufs Meer hinaus ziehen. Sie haben damit offenbar schlechte Erfahrungen gemacht. Es scheint, daß sie an den Küsten mehr Futter finden, und daß sie sich dort sicherer fühlen. Auch lieben sie es, ab und zu auf festem Boden auszuruhen.“

„Wenn die Möwen aber fort sind, werden dann keine Vögel mehr ans Schiff kommen?“

„O doch“, erwiderte der kleine Amerikaner, „wenn die Möwen uns verlassen haben, dann kommen andere Vögel und schließen sich uns an, gerade wie die Möwen es bis jetzt getan haben. “

„Und was sind das für Vögel?“ fragte ich.

„Das sind schwarze Vögel, etwas kleiner als die Möwen. Man nennt sie Wasserhühner.“

Ich muß sagen, daß ich mich wunderte über die Kenntnisse des kleinen Amerikaners. Er hat mir manche angenehme Unterhaltung verschafft.

Es gab auch sonst sehr viel Abwechslung auf der „Berengaria“.

Am zweiten Tag unserer Fahrt zum Beispiel ging ich durch einen langen Gang unten im Schiff. Auf einmal hörte ich viele Menschenstimmen, viel Lachen und Spaßen …

Ich näherte mich langsam dem Orte, woher die Laute zu kommen schienen. Schließlich kam ich in die Nähe einer eisenbeschlagenen Tür. Ich blieb einige Augenblicke stehen und merkte bald, daß dort irgend etwas Ungewöhnliches vor sich ging …

Nach einiger Überlegung machte ich die Tür langsam auf und blieb staunend in der Türöffnung stehen.

Denn …, was sah ich da?

Eine prachtvoll eingerichtete Schwimmhalle …

Das schöne weite Bassin war gefüllt mit reinstem Wasser.

Ein Mann, der in der Nähe des Bassins stand, fragte mich, ob ich ein Seebad nehmen wolle.

„Ein Seebad …!?“ rief ich erstaunt aus … „Wo ist denn das Seewasser?“

Da deutete er auf das große Bassin hin und sagte: „Dies Wasser ist reinstes, lauwarmes Seewasser. — Hierin kann man jeden Tag baden.“

„Das freut mich sehr“, erwiderte ich. „Ich werde gleich ein Bad nehmen. Aber zuerst möchte ich mir die Badehalle ein wenig ansehen.“

Ich betrachtete eine Zeitlang die prachtvoll eingerichtete Badehalle: rund um das große Bassin liefen schöne Galerien mit eleganten Säulengängen.

Diese Säulengänge befanden sich mehrere Meter hoch über dem Wasser. In dem großen Raum waren augenblicklich viele Männer in Badeanzügen. Einige schwammen in dem geräumigen Wasserbehälter herum, andere liefen durch zierliche Wendeltreppen in die Galerien hinauf, um dann von dort aus kopfüber in das tiefe Schwimmbassin hinunter zu springen.

Dann aber schwammen sie in dem kristallklaren Meereswasser nach Herzenslust …

Natürlich ließ ich mir eine solche Gelegenheit, ein kräftigendes Seebad zu nehmen, nicht entgehen.

An demselben Tage hatte ich ebenfalls ein interessantes Erlebnis: Alle männlichen Passagiere wurden auf Deck kommandiert. Auch ich mußte mit.

Als wir uns dort oben versammelt hatten, kamen auch Matrosen, von Offizieren geführt, dorthin und gesellten sich zu uns.

Es hing dort in der Nähe eine Menge Rettungsapparate, Rettungsgürtel, auch eine Art Tornister aus dicken, schweren Korkplatten und vieles andere. Es wurden dann verschiedene Sachen unter uns verteilt: Die Korkplatten wurden uns gegen Brust und Rücken angebracht und festgebunden. Dann kamen die Rettungsgürtel an die Reihe: diese mußten wir um den Leib festmachen.

In solcher Ausstaffierung mußten wir dann in die Rettungsboote hineinsteigen. Jetzt sollten wir mit den Rettungsbooten eigentlich an der Außenseite des Schiffes hinuntergelassen werden bis aufs Wasser. Diese Übung wurde uns aber geschenkt.

Zum Schluß wurde uns eindringlich nahegelegt, doch genau diese Stelle auf dem Schiff sowie auch die Rettungsboote zu merken, damit wir im Falle einer Gefahr unsere Plätze rasch finden könnten.

24. Kapitel
Im Wettlauf mit der Sonne. — Die „Berengaria“ gibt eine tägliche Zeitung heraus. — Eine bewegte Versammlung

Das tägliche Leben an Bord des Luxusdampfers „Berengaria“ ging nun seinen gewöhnlichen Gang.

Unaufhörlich eilte das prachtvolle Schiff mit erstaunlicher Schnelligkeit vorwärts.

Nicht nur von Wind und Welle getragen, sondern von gewaltigen Kräften rastlos vorangetrieben, durchschnitt das riesengroße Fahrzeug die mächtigen Wassermassen des Atlantischen Meeres und eilte mit unheimlicher Hast von Europa auf Nordamerika zu.

Und so sollte es nun gehen fünf Tage und fünf Nächte hindurch. —

Keine besonders aufregenden Begebenheiten störten den Frieden unter den Reisenden an Bord. Doch brachte der Alltag so viele kleine Überraschungen, daß es nie langweilig wurde auf der „Berengaria“. Es ist auch alles anders auf einem derartigen Schiff als sonst in der Welt. Dafür nur folgendes Beispiel:

Bevor ich diese wundervolle Reise um die Erdkugel begann, hatte ich dafür gesorgt, mich mit einer guten Taschenuhr zu versehen. Die ersten Tage meiner Reise, als ich mich noch in Paris und London befand, ging sie auch tadellos — immer genau — auf die Minute.

Dasselbe tat sie auch auf der „Berengaria“ — aber nur am ersten Tag. Dann aber bekam sie auf einmal ganz merkwürdige Grillen …!

Als wir nämlich England und Frankreich verlassen hatten und auf das Atlantische Meer hinauskamen, da auf einmal war es mit ihrer Genauigkeit und Zuverlässigkeit aus.

Am zweiten Abend meines Aufenthaltes an Bord sagte mir Herr Garfield: „Jeden Morgen ist das Frühstück um halb neun Uhr. Ich erwarte Sie also morgen um halb neun Uhr im ‚Dining-room‘ (dem Speisesaal) an unserem reservierten kleinen Tische.“

Ich versprach Herrn Garfield, pünktlich zu sein.

„Sie können sich darauf verlassen, daß ich mich morgen um halb neun Uhr an unserem Tische einfinden werde“, versicherte ich ihm.

Der Morgen kam, und meine Uhr zeigte auf halb neun. Ich trat in den „Dining-room“ hinein.

Doch zu meinem Erstaunen war noch kein Mensch da, und die vielen kleinen Tische waren noch nicht einmal gedeckt! Ich begab mich nach unserem kleinen reservierten Tisch, setzte mich dort auf einen Stuhl und wartete.

Als ich eine Zeitlang gewartet hatte — und zwar immer ganz allein — fing ich an, mich über die Unpünktlichkeit meiner Mitreisenden und über die Unpünktlichkeit des Dienstes an Bord zu wundern.

So saß ich da und wartete …!

Es war schon neun Uhr geworden, und um halb neun hätte das Frühstück beginnen sollen …!

Auf einmal höre ich Schritte im Gange draußen. Dann wird die Tür aufgemacht … ein Kellner tritt herein …

Als er mich an meinem Tisch sitzen sah, kam er zu mir her und sagte:

„Mein Herr, Sie sind etwas zu früh zum Frühstück gekommen. Es ist jetzt erst acht Uhr … Das Frühstück fängt um halb neun Uhr an.“

„Daß das Frühstück um halb neun Uhr beginnt, das wußte ich wohl“, erwiderte ich ihm, „aber meine Uhr, die sonst immer ganz richtig geht, zeigt jetzt schon neun Uhr! Wie kommt denn das?“

Der Kellner lächelte und sagte: „Sehr einfach, mein Herr, dann haben Sie gestern abend nicht daran gedacht, Ihre Uhr um eine Stunde zurückzustellen. Das muß man jeden Abend tun, bis wir in Neuyork sind.“

Ich machte große Augen, denn das war mir neu. — Ich war nicht auf diese Sache aufmerksam gemacht worden.

Der Kellner merkte meine Verlegenheit und sagte lächelnd: „Mein Herr, Sie sind nicht der erste, der diese Regel vergessen hat, oder der nichts davon wußte.“

„Das will ich glauben“, erwiderte ich. „Aber ich danke Ihnen, daß Sie mich nunmehr darauf aufmerksam gemacht haben.“

Dann nahm ich meine Uhr und stellte sie um eine Stunde zurück, wie der Kellner mir gesagt hatte.

Natürlich war mir diese Sache ganz klar: Wir fuhren zwar mit großer Geschwindigkeit von Osten nach Westen; die Sonne aber auch. Infolgedessen verzögerte sich für uns der Sonnenuntergang und erst recht der Sonnenaufgang; denn die Erde ist eine Kugel. Diese Verzögerung betrug jeden Tag eine Stunde. Deshalb mußten wir einmal im Tag unsere Uhren um eine Stunde zurückstellen. —

Bald war alles für das Frühstück vorbereitet. Die Passagiere kamen nach und nach und füllten rasch den „Dining-room“.

Auch Herr Garfield war bald da und sorgte für mich wie immer.

Nach dem Frühstück ging ich mit Herrn Garfield hinaus aufs Deck.

Dort setzten wir uns und plauderten, während das Schiff umschwärmt war von den schwarzgrauen kleinen Meereshühnchen, welche auf die Möwen gefolgt waren.

„Sie sind, wie ich glaube, etwas zu früh zum Frühstück gekommen“, sagte Herr Garfield zu mir, sobald er Platz genommen hatte.

„Ja“, erwiderte ich, „eine ganze Stunde zu früh. — Das hat aber wenig zu sagen.“

„Es tut mir aber doch leid, daß ich gestern vergessen habe, Sie darauf aufmerksam zu machen. — Auf der Fahrt nach Amerika muß man jeden Abend seine Uhr um eine Stunde zurückstellen.“

„Ja, das hat man mir auch gesagt.“

„Jetzt aber eine andere Frage“, sagte Herr Garfield, indem er eine Zeitung aus der Tasche zog. „Haben Sie die neuesten Nachrichten bekommen?“

„Wie! Gibt es hier draußen mitten auf dem Atlantisdien Meere eine neue Zeitung?“

„Ja, gewiß“, sagte Herr Garfield. „Hier an Bord wird jeden Tag eine Zeitung gedruckt. Sie heißt ‚Ocean Times‘ und bringt durch Radio die neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt.“

„Das ist ja höchst interessant!“ antwortete ich. „Ich habe diese Zeitung bis jetzt noch nicht gesehen.“

Herr Garfield klingelte sofort. Ein Kellner eilte herbei.

„Bitte“, sagte Herr Garfield zu ihm, „bringen Sie uns doch die neueste Zeitung.“

Der Kellner verschwand. Nach ein paar Minuten kam er zurück mit der Zeitung „Ocean Times“ und übergab sie Herrn Garfield.

Wir durchflogen sie. Ich war erstaunt, wie reichhaltig sie war.

Da konnte man sich informieren über die neuesten Begebenheiten in der ganzen Welt.

Als wir mit der Zeitung fertig waren, sagte Herr Garfield zu mir:

„Heute abend wird im großen Saal mittschiffs ein schöner historischer Film gezeigt. Es würde mir eine Freude sein, Sie dorthin mitnehmen zu dürfen.“

Gerne nahm ich das freundliche Angebot an. Und so fanden wir uns beide dort bei der Vorstellung an demselben Abend ein.

Bei dem sehr interessanten und schönen Film hatten wir beide viel Vergnügen.

Aber ohne einen Unfall sollte er nun doch nicht zu Ende gehen. Und der Unglückliche, den der Unfall treffen sollte, war ich selber.

Die Stühle im Zuschauerraum waren nicht alle erstklassig. Und gerade der Stuhl, auf den ich zu sitzen kam, schien mir von Anfang an ein wenig wackelig zu sein.

Ich fragte mich, ob er wohl zuverlässig sei …

Doch ich schämte mich dieser kleinmütigen Gedanken und wies sie von mir ab. Es war ja sonst alles so erstklassig und solid, warum sollte mein Stuhl eine Ausnahme machen!

Ich setzte mich mutig und voll Vertrauen.

Anfangs ging alles gut.

Als aber mitten im Stück ein aufregender Auftritt vorkam, da geriet naturgemäß auch die Zuhörerschaft in Bewegung …

Infolgedessen bekam mein unglückseliger Stuhl plötzlich einen solchen Schwächeanfall, daß er auf einmal ganz aus den Fugen ging und mit einem großen Krach total zusammenbrach …!

Ich fiel mit dem Stuhl auf den Boden und saß nur noch auf einem Trümmerhaufen …!

Mein Freund, Herr Garfield, half mir sofort wieder, und einer mitleidigen Seele gelang es auch, mir eine neue Sitzgelegenheit zu verschaffen …

Ich behielt als Andenken an dieses Vergnügen einige Beulen, denke dafür aber um so lebhafter an den historischen Film auf der „Berengaria“.

25. Kapitel
Vorträge. — Bezaubernde Sommernacht

Am folgenden Tag lud mich Herr Garfield zu einer äußerst interessanten Gesellschaft ein. Diese Gesellschaft bestand aus nur vierzehn Personen. Es waren dies vierzehn Amerikaner: eine Dame und dreizehn Herren. Sie hatten eine Reise von Amerika nach Rußland gemacht, um dieses große Reich, das man durch Bücher und Karten nie ganz verstehen kann, durch persönliche Anschauung kennen zu lernen.

Ich empfand gleich Zuneigung zu diesen Menschen, denn sie hatten die gleiche Reiselust wie ich, und sie waren wie ich selber der Meinung, daß man fremde Länder und fremde Menschen nur begreifen könne, wenn man zu ihnen hingehe. Sie hatten auch alle die gleiche Liebe zur fremden Welt wie ich; sie hatten aber auch die gleiche Liebe zur Heimat wie ich.

Jetzt waren sie auf der Heimreise nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas.

Auf dem Schiff wurde viel von ihrem Unternehmen gesprochen. Man fand es interessant und lud sie deshalb ein, etwas von ihren Eindrücken zu erzählen.

Sie taten es gern.

Wir kamen in einem der vielen kleinen Salons des Schiffes zusammen und hörten nun mit größtem Interesse zu, was diese kleine Reisegesellschaft aus Rußland zu berichten wußte.

Alles, was uns da vorgetragen wurde, war fesselnd und lehrreich. Ich selber war froh über diesen Gewinn. Denn je mehr Länder und Menschen man kennen lernt, um so besser kann man das einzelne Land und den einzelnen Menschen, ja sogar sich selber und die eigene Heimat verstehen.

Das ist mir in meinem langen Leben und bei meinen vielen Reisen durch die Welt klar geworden. Deswegen bin ich immer wieder auf Wanderschaft gegangen, und deswegen habe ich auch überall, wo ich konnte, gern von meiner Heimat Island erzählt.

Herr Garfield, der etwas müde geworden war, verließ bald den Saal, um sich zur Ruhe zu begeben.

Da ich mich sehr wohl fühlte, blieb ich vorläufig noch an meinem Platz sitzen. Nach und nach kamen auch andere Amerikaner in den Saal herein — und ließen sich dort nieder.

Kurz darauf geschah etwas sehr Seltsames und für mich sehr Angenehmes:

Einer der eben hinzugekommenen Herren hatte neben mir Platz genommen. Er grüßte mich freundlich und ungezwungen und sagte: „Sie reisen nach meinem Vaterland Amerika? — Darf ich Sie fragen, woher Sie sind?“

„Gewiß dürfen Sie das, mein Herr: Ich bin geboren in einem Lande, das bei weitem nicht so groß ist wie Ihr Vaterland. Es ist eine Insel, die genau zwischen Amerika und Europa liegt …“

Als er das hörte, schaute er mich mit großen Augen an und sagte dann sehr interessiert: „Sollte es am Ende die Insel Island sein?“

„Mein Herr, Sie haben es sofort erraten. Es ist die Insel Island.“

„Wie …! Sind Sie wirklich ein Isländer?“

„Ja, mein Herr, ich bin ein echter Isländer.“

Daraufhin schaute mich dieser einige Augenblicke aufmerksam an. Dann aber gab er mir die Hand und sagte: „Es freut mich sehr, einen wirklichen Isländer hier zu treffen, denn ich habe großes Interesse für Island und das isländische Volk.“

Ich muß es zugeben: ich staunte über dieses ungewöhnliche Interesse eines Amerikaners für mein kleines Vaterland, zumal ich nicht daran gewöhnt bin, bei Ausländern ein Besonderes an meiner Heimat Island zu finden.

Man weiß im allgemeinen nicht viel von der kleinen Insel im Nordmeer und noch viel weniger vom isländischen Menschen. Nur die Jugend und das einfache Volk kennen und lieben uns: Die Jugend und das Volk aller Länder, die ich bisher besucht habe; jene Menschen also, die ein anderes Land und ein anderes Volk nicht nur danach beurteilen, welchen Nutzen sie von ihm haben. Ich denke jetzt an die Jugend Frankreichs, unter der ich aufgewachsen bin; ich denke an die Jugend Deutschlands, die mich begeistert aufnahm und die es ermöglichte, daß die das Lob meiner Heimat singenden und sagenden Nonni-Bücher in fast alle Kultursprachen übersetzt werden konnten. Ich denke aber auch an die Jugend Englands, Österreichs, der Schweiz, an die Jugend Luxemburgs und der Niederlande, und ich habe den gleichen Glauben an die Jugend des amerikanischen Volkes, das ich nun besuchen werde, und an die Jugend Japans, die auf mich wartet.

Für die sogenannte große Welt, in der Politik gemacht wird, liegt Island ganz am Rande. Um so erstaunter war ich, zu sehen, welches außerordentliche Interesse dieser Amerikaner für meine Heimatinsel hatte. Es kam dann über mein kleines Vaterland und über das winzig kleine Volk droben am Polarkreis bald ein Gespräch in Gang, das so voll von Lob, Sympathie und Anerkennung für meine lieben Landsleute war, daß ich kaum mehr aus dem Staunen herauskommen konnte.

Zunächst mußte ich — so wünschte es der Amerikaner — einen regelrechten Vortrag über Island und die altnordische Kultur und Literatur halten, über die Edda, die Sagas und die Skaldengedichte, die fast alle aus Island stammen. Denn in dieser altisländischen Literatur findet man die Wahrheit über das tägliche Leben der alten Germanen von der Geburt bis zum Tode viel klarer und vollständiger als bei Tacitus.

Es hatten sich inzwischen weitere Mitreisende angesammelt. Ich mußte ihnen einiges erzählen über die alten skandinavischen Seehelden, die Wikingerfahrten, die Länderentdekkungen der Normannen und ihre Eroberungen in der Welt herum, die Entdeckung Amerikas von Island her, einige hundert Jahre vor Kolumbus, und anderes mehr.

Über die Entdeckung Amerikas durch die Isländer wußten meine amerikanischen Zuhörer merkwürdig gut Bescheid.

Einer von ihnen unterbrach mich, indem er sagte: „In mehreren amerikanischen Städten sind gewaltig große Statuen von diesen ersten Entdeckern Amerikas errichtet worden.“

Ein anderer, der amerikanische Herr nämlich, den ich anfangs nannte, und der für Island ein besonderes Interesse zeigte, sagte zu mir: „Ich bin erstaunt, wie hoch die literarische Bildung und die Künste bei dem kleinen isländischen Volk stehen.“

Und dann fügte er hinzu: „Ich kenne persönlich den isländischen Bildhauer Einar Jonsson, der in Reykjavik wohnt. Er wird ja überall als einer der allergrößten jetzt lebenden Bildhauer angesehen. — Ich bin öfters mit ihm in Berührung gekommen und habe ihn sehr schätzen gelernt.“

„Dann sind Sie wohl selber in Island gewesen?“ fragte ich.

„Nein, mein Herr“, erwiderte er, „ich habe Herrn Einar Jonsson in Amerika kennen gelernt, als er vor mehreren Jahren von der amerikanischen Regierung berufen worden war, um in Philadelphia ein Kolossal-Standbild von dem isländischen Seefahrer Thorfinn Karlsefni zu machen. — Thorfinn Karlsefni soll ja der erste weiße Mann sein, der sich in Amerika für beständig niedergelassen hat.“

„Ja, das sagen alle die alten isländischen Berichte auch.“

„Und das ist auch anerkannt als eine sichere historische Tatsache“, fügte der Herr hinzu.

„Wie gefällt Ihnen aber dieses Standbild des Thorfinn Karlsefni, das Einar Jonsson gemacht hat?“ fragte ich.

„Dieses Standbild“, antwortete er, „gefällt mir außerordentlich; es ist nach dem allgemeinen Urteil der Kenner ein erstklassiges Meisterwerk. Es wurde in Philadelphia in dem dortigen sogenannten ‚Fairmont Park‘ aufgestellt.“

„Und was sagen Sie von seinem Werk ‚Die Königin Victoria als Kaiserin von Indien‘?“ fragte ich weiter.

„Das kenne ich ebenfalls gut. Es ist ein wundervolles, monumentales Meisterwerk, das über alles Lob erhaben ist.“

Man wird verstehen, daß ich mich herzlich über das hohe Lob freute, das meinem Landsmann auch hier von fremden Menschen, weit draußen auf dem Atlantischen Ozean, so reichlich zuteil wurde. Und das um so mehr, weil ich den großen Bilhauer nicht nur meinen Landsmann, sondern auch meinen lieben Freund nennen durfte.

Nein, wahrhaftig! Ich war nicht daran gewöhnt, so viel Verständnis für das kleine isländische Volk zu finden, wie hier bei diesem mir wildfremden amerikanischen Manne.

„Haben Sie den Herrn Einar Jonsson schon lange gekannt?“ fragte mich jetzt der amerikanische Herr.

„O ja“, antwortete ich. „Ich habe ihn schon in Kopenhagen kennen gelernt, als er noch ein ganz junger Mann war.“

„War er schon damals als Künstler bekannt?“

„O nein, damals war er noch gänzlich unbekannt. Er war soeben von Island nach Dänemark gekommen, ganz jung und blutarm. — Er besaß damals nichts als einen festen Glauben an sein Talent und an sein Können und siedelte sich in Kopenhagen an.“

„Und was nahm er sich in Kopenhagen vor?“

„Es gelang ihm, sich ein ganz kleines Atelier zu verschaffen. Dort fing er sofort an, an seinem Erstlingswerk zu arbeiten.“

„Und was für ein Werk war das?“

„Es war ‚Der Geächtete‘, eine prachtvolle Gruppe, welche, als sie vollendet worden war, von einem vornehmen und reichen italienischen Adelsmann gekauft und sehr gut bezahlt wurde.“

„Das wichtigste aber war, daß es den jungen Künstler mit einem Schlag in die Reihe der ersten Bildhauer rückte.“

„Das große Kunstwerk, den ‚Geächteten‘, kenne ich auch sehr gut“, unterbrach mich der amerikanische Herr.

„Dann aber bitte ich Sie“, erwiderte ich ihm, „uns Ihr Urteil über dieses Kunstwerk mitteilen zu wollen.“

„Das will ich gern tun“, antwortete er. „Diese überaus schöne Gruppe ist berühmt geworden. Sie besteht aus einem Geächteten, der mit einer doppelten Bürde beladen ist, nämlich mit der Leiche seiner soeben gestorbenen jungen Frau und mit seinem kleinen Kind. Die Leiche seiner Frau will er in geweihter Erde begraben. Das hatte er ihr vor ihrem Tod versprechen müssen.

Neben dem Geächteten geht sein Hund. Beide, der Mann und der Hund, spähen bekümmert, aber auch fest entschlossen nach allen Seiten hin. Denn der Geächtete konnte sein Vorhaben nur unter der größten Lebensgefahr ausführen. Er wußte, daß jeder, der ihn erkennen würde, ihn ungestraft totschlagen durfte.

Die Gruppe ist wundervoll dramatisch dargestellt, genau nach einem alten isländischen Geschehnis, und fand überall ungeteilten Beifall.“

„Bald darauf“, fuhr ich nun fort, „bekam Einar Jonsson mehrere ehrenvolle und auch sehr aussichtsreiche Aufträge und Bestellungen und wurde dadurch nicht nur berühmt, sondern auch ein gänzlich unabhängiger Mann. Sein dankbares Vaterland baute für ihn in Reykjavik ein großes und würdiges Museum. Dort lebt er jetzt noch, mitten unter seinen zahlreichen Werken, die er fortwährend durch neue vermehrt.“

Der islandfreundliche amerikanische Herr gab mir die Hand und sagte: „Wir alle müssen Ihnen Glück wünschen zu Ihrem großen Landsmann. — Das isländische Volk ist zwar klein, es besitzt aber unverhältnismäßig viele bedeutende Männer auf dem Gebiete der Literatur und der Kunst. — Und da sei es mir auch noch erlaubt, einen Namen zu nennen, der auf Island einen unvergleichlichen Glanz wirft: Ich meine den unsterblichen Bertel Thorvaldsen. Auch er war ein echter Isländer.“

Kaum waren diese Worte gesprochen, da rief jemand aus dem Kreise: „War Thorvaldsen ein Isländer? Ich habe ihn immer für einen Dänen gehalten.“

„Thorvaldsen war ein echter Isländer“, antwortete der amerikanische Herr. „Er ist der Sohn eines isländischen Holzschnitzers, wohnte aber bald in Rom, bald in Dänemark, wo er 1768 geboren und 1844 gestorben ist, und so ist es gekommen, daß viele ihn für einen Dänen halten.“

„Er selber aber trat immer als Isländer auf“, fuhr der Herr fort. „Einmal zum Beispiel schenkte er seinen Landsleuten von Rom aus eines seiner Werke. Es war dies ein prachtvolles Taufbecken aus weißem Marmor, von einem Engel gehalten.“

„Die Widmung, welche Thorvaldsen selber verfaßte und welche er in dem Marmor einmeißelte, lautet:

‚Opus hoc Romae fecit, et Islandiae, terrae sibi gentilitiae, pietatis causa donavit Albertus Thorvaldsen, anno MDCCCXXVII.‘ (Bertel Thorvaldsen hat diese Arbeit in Rom ausgeführt und sie als Zeichen seiner Liebe Island geschenkt im Jahre 1827).

Dieses kostbare Taufbecken ist vor dem Hochaltar der Domkirche zu Reykjavik aufgestellt.“

Jetzt aber war es Zeit für uns alle, uns zur Ruhe zu begeben, denn es war spät geworden, und draußen mußte wohl schon lange stockfinstere Nacht sein.

Die kleine Gesellschaft löste sich auf, und die allermeisten begaben sich auf den Weg nach ihren Kabinen, um sich zur Ruhe zu legen.

Ihrem Beispiel konnte ich diesmal nicht gut folgen, denn als ich ins Freie hinausschaute, merkte ich, daß die Nacht nicht stockfinster, sondern ungewöhnlich hell und glänzend war. Ich stieg daher auf das Deck hinauf, um diese Herrlichkeit noch besser genießen zu können. Als ich auf das höchste Deck hinaufgekommen war, blieb ich zuerst von Bewunderung sprachlos stehen, denn das Schauspiel, das sich mir hier oben darbot, übertraf bei weitem alles, was ich mir vorgestellt hatte …!

Eine unbeschreibliche Ruhe hatte sich über das riesengroße schnell vorwärtseilende Schiff niedergesenkt, sowie auch über das unermeßliche spiegelblanke Meer, das sich nach allen Seiten unendlich weit hinausdehnte.

Auch das wolkenlose Himmelsgewölbe war von einer überirdischen Pracht. Der Zauber dieser unvergleichlichen Sommernacht war so groß, daß ich mich vorläufig nicht entschließen konnte, das Deck zu verlassen, um hinunterzugehen nach meiner Kabine.

Ich nahm daher Platz auf einem Stuhl und betrachtete in staunender Bewunderung bald die Herrlichkeit der unzähligen Sterne, die am nächtlichen Himmel mit einem unbeschreiblichen Glanz funkelten, bald die unendliche Fläche des Atlantischen Meeres, welche die ganze Pracht des Himmels auf wundervolle Weise spiegelte, um sie dann in den unendlichen Himmelsraum wieder hinauszustrahlen.

So saß ich dort noch lange — ganz allein — und überließ mich den entzückenden Gefühlen, welche dieses überwältigende Schauspiel in meiner Seele wachrief.

Jetzt erst konnte ich voll verstehen, wie Gott am sechsten Tage nach vollbrachter Schöpfung sagen konnte, daß alles, was er gemacht hatte, gut sei.

Schließlich mußte ich mich doch von den Wundern dieser einzig schönen Sommernacht trennen und von den wonnigen Genüssen, welche sie mir verschafft hatte.

Ich stand also auf und begab mich hinunter in die tiefer liegenden Schiffsräume nach meiner Kabine.

Das Erlebnis auf Deck hatte mich in die Knie gezwungen. Ich ließ mich darum an meinem Bette einige Minuten nieder und betete mein Abendgebet, genau so, wie ich es getan hatte auf dem kleinen „Valdemar von Rönne“ — 70 Jahre früher …

Ich hatte ja meiner lieben Mutter versprochen, es tun zu wollen mein ganzes Leben lang.

Die zauberhafte Stimmung, die mich droben auf Deck ergriffen hatte, hielt mich noch eine gute Weile wach.

Schließlich aber glitt ich sanft und unmerklich in das Reich der Träume hinüber …

26. Kapitel
Amerika in Sicht

Da ich wegen meines langen Aufenthaltes in der herrlichen Sommernacht droben auf dem Deck sehr spät zur Ruhe gekommen war, schlief ich in einem Zug nicht nur den kurzen Rest der Nacht hindurch, sondern auch weit in den folgenden Morgen hinein.

Schließlich aber wurde ich durch ein ungewöhnliches Geräusch draußen auf dem Gange unmittelbar vor meiner Kabine aus meinem tiefen Schlummer geweckt.

Ich rieb mir die Augen und richtete mich in meinem Bette auf …

Was kann denn da los sein? fragte ich mich selbst …

Ich lauschte und blieb im Bette sitzen, um besser hören zu können.

Draußen, nah vor meiner Tür, war ein lautes Gespräch im Gang …

„Wo könnte er denn sein?“ fragte eine hohe Knabenstimme.

„Das weiß ich nicht“, erwiderte eine tiefe Baßstimme.

„Haben Sie ihn heute morgen noch nicht gesehen?“

„Nein, bis jetzt nicht.“

Es war mir klar: der Fragende mußte, nach der Stimme zu urteilen, ein lebhafter Junge sein.

Die Antworten aber kamen offenbar von einem Erwachsenen.

Ich horchte weiter …

„Wo ist seine Kabine?“ fragte eifrig die jugendliche Stimme.

„Die ist hier ganz in der Nähe“, erwiderte der Erwachsene.

Jetzt entstand eine Pause. — Es kamen aber gleich darauf eilige Schritte auf meine Türe zu.

„Darf ich nicht aüfmachen?“ fragte der Junge.

„Nein, das ist hier nicht Brauch“, gab der Erwachsene zur Antwort.

Es war mir klar: jemand war da, der nach mir suchte.

Wer das aber war, und was er wollte, davon hatte ich noch keine Ahnung …

Jetzt sprang ich aber von meinem Lager herunter und kleidete mich rasch an.

Und nachdem ich mich in aller Eile etwas in Ordnung gemacht hatte, wartete ich, was nun weiter geschehen werde.

Es wurde noch eine Zeitlang nach mir gefragt und von dem Erwachsenen ausweichende Antworten gegeben.

Nachdem aber das laute Sprechen aufgehört hatte, machte ich die Türe auf und verließ die Kabine.

Kaum war ich auf den Gang hinausgekommen, da sah ich einen der diensttuenden Matrosen im Gange stehen und neben ihm den kleinen amerikanischen Jungen, den ich ein paar Tage vorher kennen gelernt hatte.

Der Matrose und er sprachen wieder laut miteinander.

Sobald der Junge mich gesehen hatte, kam er auf mich zugesprungen …

„Ah! Sind Sie da!“ rief er freudig aus. „Ich habe Sie schon lange überall gesucht …!“

„So, so, kleiner Freund, du hast mich gesudit! Dann hast du mir wohl sicher etwas ganz besonders Wichtiges zu sagen …“

„Ja, das habe ich auch … Heute nacht haben wir die amerikanischen Gewässer erreicht. Heute morgen, als ich aufgestanden war, konnte man mit einem Fernrohr die Küste sehen. Aber noch aus weiter Ferne.“

„Das ist aber eine große Neuigkeit! Und es ist schön von dir, daß du mich darauf aufmerksam machst. Ich danke dir vielmals dafür.“

„Aber das ist nicht alles“, fügte der kleine Amerikaner hinzu, „nach kurzer Zeit werden wir Neuyork sehen!“

„Nein …! Ist das möglich! Sind wir schon so nah bei Neuyork!“

„Ja, und da werden wir wohl schon heute mitten in die Stadt hinein fahren …“

„In die Stadt Neuyork hinein! Und das heute schon! In deine Vaterstadt …! Die größte Stadt der Welt …! Wie herrlich!“

„Ja, und dann möchte ich Ihnen die Stadt zeigen und Ihnen alles erklären, was wir da vom Schiffe aus zu sehen bekommen, denn da kenne ich mich ganz gut aus.“

Ich war höchst überrascht über die Freundlichkeit und die rührende Aufmerksamkeit des lieben kleinen Jungen …

„Hast du aber auch Zeit dazu, kleiner Freund?“

„O ja, das habe ich. Und meine Eltern haben auch nichts dagegen.“

Da war also alles in Ordnung. Ich mußte diesen Freundesdienst von dem liebenswürdigen kleinen Amerikaner annehmen.

„Wielange wird es aber ungefähr dauern, bis wir in den Hafen von Neuyork einlaufen werden?“

„Es wird noch mehrere Stunden dauern“, erwiderte er.

„Gut, dann werde ich mich parat machen, um mit dir zuerst die Küste Amerikas zu sehen. Später werde ich dann mit dir Neuyork, die wundervolle Hauptstadt Amerikas, betrachten.“

Da ich noch einiges zu besorgen hatte, bat ich den Jungen, nach etwa einer guten Stunde wiederzukommen.

Jetzt war also alles abgemacht. Ich drückte dem guten Jungen die Hand mit den Worten: „Also auf Wiedersehen bis dahin.“

„Good by, Sir“, sagte der Kleine, indem er mir die Hand gab. Dann lief er rasch wieder aufs Deck hinauf.

Ich aber trat in meine Kabine hinein, um mich instand zu setzen. Ich hatte noch verschiedenes zu besorgen.

Nachdem ich in meiner Kabine mit allem fertig geworden war, ging ich rasch zum Frühstück.

Dort traf ich Herrn Garfield zusammen mit einigen vornehmen englischen, amerikanischen und japanischen Herren.

Herr Garfield hatte die Freundlichkeit, uns gegenseitig vorzustellen. Bei der Gelegenheit hatte ich die Ehre, mit dem Herrn H. G. Summerford, Admiral der englischen Marine, Bekanntschaft zu machen, sowie auch mit dem Herrn Professor Phillips Bradley vom Amherst College, Massachusetts.

Als Professor Bradley erfuhr, daß ich ein Isländer sei, gab er mir einen Brief an einen Landsmann von mir, Mr. Leifur Magnusson, International Labour Office in Washington.

Kurz darauf führte mich Herr Garfield auch noch zu einem außerordentlich liebenswürdigen Herrn; es war dies Lord Addington, einer der führenden Männer in dem englischen Oxford Movement.

Herr Garfield hatte noch die Liebenswürdigkeit, mich einem vornehmen japanischen Herrn aus Tokio vorzustellen.

Dieser Herr lud mich aufs freundschaftlichste ein, ihn und seine Familie zu besuchen, wenn ich in Tokio sein würde.

Nachdem ich einige Zeit mit diesen liebenswürdigen Herren zusammen gewesen war, kam plötzlich mein kleiner amerikanischer Freund, um mich mitzunehmen. Denn jetzt sollte ich unter seiner Leitung zum ersten Mal in meinem Leben sowohl die amerikanische Küste sehen, als auch anläßlich unserer Einfahrt in den Neuyorker Hafen einige der Herrlichkeiten dieser allergrößten Stadt der Welt betrachten.

Der junge Amerikaner nahm mich also mit, die vielen Treppen hinauf, welche bis zum höchsten Deck der „Berengaria“ führten.

Auf dem Wege dorthin begegneten wir plötzlich den Müttern der vier kleinen Knaben von der Kinderstube, von denen ich oben erzählt habe. Diesmal saßen die Kleinen nicht mehr um einen runden Tisch wie damals, sondern ruhten wohlbehalten in den Armen ihrer Mütter.

Jetzt erkannten sie mich wieder, streckten ihre kleinen Händchen nach mir aus und lächelten mir freundlich zu.

Dem, der mir am nächsten war, reichte ich die Hand. Sofort faßte er meinen Zeigefinger und hielt mich so fest, daß es mich große Mühe kostete, mich wieder frei zu bekommen.

Der kleine Übeltäter, der damals seinen Kameraden geschlagen hatte, war auch da in den Armen seiner Mutter.

Ich fragte diese, ob er sich wieder mit seinem Kameraden versöhnt habe.

„O ja“, erwiderte sie, „sie sind alle wieder gute Freunde. Der Grund aber, warum er sich diesen Angriff damals erlaubte, bleibt noch immer sein Geheimnis.“

Jetzt nahm ich Abschied von den Damen und setzte meine Wanderung fort unter der Leitung meines jungen Führers.

Als wir endlich das höchste Deck erreicht hatten, fanden wir dort viele Passagiere vor.

Mehrere von ihnen hatten — gerade wie ich — Amerika noch nie gesehen. Das konnte man leicht merken, denn es herrschte unter ihnen eine gewisse ernste und feierliche Stimmung.

Mein kleiner Führer, der wie die meisten Amerikaner praktisch und geschickt war, verstand es, bald einen guten und angenehmen Platz zu finden, von wo aus wir die allerbeste Aussicht nach vorne hatten. Dort setzten wir uns auf eine Bank.

Nun bat mich mein junger Freund, geradeaus nach vorne zu schauen … Ich tat es und entdeckte in weiter Ferne, tief unten am Horizont, eine jetzt schon ziemlich deutliche dunkle Linie … einen eigentümlichen Streifen, der aus dem Meere herauszukommen schien.

„Da sehe ich eine dunkle Linie“, sagte ich zu dem Kleinen. — „Sie schlängelt sich nach links und nach rechts auf dem Wasser und scheint an dem oberen Teile einige eigentümliche Krümmungen und Höcker zu haben … Was mag denn das wohl sein …?“

„Das ist Amerika!“ sagte langsam der kleine Junge …

Wir schauten beide dorthin … und es enstand eine feierliche Pause … Auf die Beschaffenheit dieser geheimnisvollen Neuen Welt konnte ich natürlich aus diesem ersten Anblicke einer kaum sichtbaren Linie am fernen Horizont noch keine Schlüsse ziehen.

Aber die Tatsache, daß ich jetzt mit eigenen Augen etwas ganz Bedeutungsvolles oder vielleicht besser gesagt, den winzig kleinen Anfang von etwas ganz Großem und Bedeutungsvollem gesehen hatte, ergriff mich mächtig …

Ja, jetzt konnte ich in aller Wahrheit sagen, daß ich nun endlich — in dem kleinen kaum sichtbaren Streifen drüben am Horizont den unermeßlichen amerikanischen Kontinent gesehen hatte …

Jetzt fühlte ich, daß Europa in weiter Ferne hinter uns lag, und daß sich vor unserem staunenden Blick eine neue geheimnisvolle Welt erhob. Majestätisch stieg sie aus den Meeresfluten empor … Und jetzt fühlte ich es auch sehr deutlich, daß ich nun ein großes Stück Weges in die weite Welt hinaus vorangekommen war.

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
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521 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9788711445754
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Bookwire
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