Читать книгу: «Die Feuerinsel im Nordmeer»
Jón Svensson
Die Feuerinsel im Nordmeer
Nonnis Fahrt zum Althing
Saga
1. Ich werde eingeladen, nach Island zu reisen.
Man denke sich die freudige Überraschung, als ich eines schönen Tages — es war im Monat Februar 1930 — von der isländischen Regierung die Einladung erhielt, nach meinem Vaterland, dem fernen Island, zu kommen.
Also eine Islandreise! Die zweite seit sechzig Jahren!
Ich sollte Gast des Landes sein. Und damit ich dieser Einladung auch bestimmt folgen könne, hat mir das isländische Parlament, das altehrwürdige tausendjährige „Althing“, ein schönes Reisegeld geschickt.
Zwei Gründe waren es, die das Althing bewogen haben, mich nach Island einzuladen: Zuerst wollten meine Landsleute mir ihre Dankbarkeit erweisen wegen der sogenannten „Nonnibücher“, die ich über meine Jugenderlebnisse geschrieben habe. Man sagte mir, dass meine Erzählungen dazu beigetragen hätten, mein Vaterland draussen in der Welt bekannt zu machen. Dann aber wollte mein Heimatland haben, dass ich an der Tausendjahrfeier des isländischen Parlaments teilnehme, die im Sommer 1930 begangen werden sollte.
So unglaublich es auch klingen mag, das Parlament oder Althing des kleinen isländischen Volkes ist das älteste Parlament der Welt. Es ist vor tausend Jahren von normannischen Edlen gegründet worden. Diese ehrenvolle Tatsache wollte man nun mit allem Glanze feiern. Und an diesem seltenen Fest sollte auch ich teilnehmen.
Für die Tausendjahrfeier waren der 26., 27. und 28. Juni 1930 bestimmt.
Tausende von Menschen waren eingeladen — Vertreter der Regierungen Europas und Amerikas, Gelehrte, Dichter und Künstler und eine Menge andere Gäste. Ich würde also in guter Gesellschaft sein.
Aber zunächst kam die Reise selbst, auf die ich mich natürlich sehr freute: die Fahrt über den Ozean vom europäischen Festland bis nach Island. Und dann die Fahrten und Ausflüge auf der schönen Feuerinsel im Nordmeer!
Seit sechsunddreissig Jahren hatte ich meine liebe Heimat nicht mehr gesehen. Im Jahre 1894 war ich zum letzten Mal dort gewesen — aber nur ein paar Monate lang.
Ein zwölfjähriger Kopenhagener Junge, „der kleine Frederik“, Sohn des bekannten dänischen Geschichtschreibers Professor Troels Lund, war damals mit mir gereist.
Diese Reise verlief prächtig. Die Seefahrt von Kopenhagen nach Island hin und zurück war wundervoll. Und noch schöner war unser siebzehntägiger Ritt auf den allerliebsten kleinen isländischen Pferden quer durch die herrliche Insel.
Gleich nach der Rückkehr schrieb ich ein Buch, in welchem ich unsere Reiseabenteuer erzählte.
Das Buch hatte den Titel „Zwischen Eis und Feuer — Ein Ritt durch Island“.
Dies war also meine erste Rückkehr nach Island gewesen. Denn im Jahre 1870 hatte ich als zwölfjähriger Junge — jetzt vor zweiundsechzig Jahren — die Insel verlassen auf dem kleinen Segler „Valdemar von Rönne“, um in Frankreich meine Ausbildung zu erhalten.
Meine damalige Reise habe ich erzählt in dem Buche „Nonni — Erlebnisse eines jungen Isländers, von ihm selbst erzählt“.
Und jetzt sollte ich wiederum nach Island kommen! ... Welch ein Glück!
2. Viele frisch-fröhliche Jungen wollen mit.
Ich hatte aber noch lange Zeit bis zum Aufbruch, im ganzen noch ungefähr vier Monate.
Ich befand mich damals in Wien, wohin ich eingeladen worden war, um jungen und alten Leuten Geschichten zu erzählen.
Von Wien aus sollte ich meine Vortragsreise ausdehnen nach Deutschland, Frankreich und der Schweiz.
In Gesprächen und auch in meinen Vorträgen erwähnte ich zuweilen meine bevorstehende Fahrt nach Island.
Da war es nun ganz eigenartig zu beobachten, welches Interesse meine Zuhörer überall für diese Reise bekundeten — besonders die jüngeren.
Eine Menge zwölf- bis dreizehnjährige Knaben waren eifrig bemüht, von ihren Eltern die Erlaubnis zu erlangen, mit mir nach Island zu fahren.
Ja sogar ein neunjähriger kleiner Wiener, kräftig und gesund, verriet mir im Vertrauen, dass seine Mutter dafür sei, sein Vater aber habe Angst.
„Was fürchtet dein Vater?“ fragte ich ihn.
„Er meint, ich sei zu jung, um die Strapazen auszuhalten.“
Ich suchte ihn zu trösten und fügte dann hinzu: „Etwas jung bist du schon, mein kleiner Freund!“
„Wie, jung!“ erwiderte der frische kleine Wiener eifrig. „Aber schauen Sie mich doch an! ... Bin ich denn so jung? Ich bin ja schon neun Jahre alt!“
Schliesslich aber siegten die Bedenken des Vaters, und der mutige kleine Wiener musste zu Hause bleiben.
Auch kräftige Schweizer Jungen, Luzerner und Züricher, Berner und Basler, wollten mit. Gerne hätte ich sie mitgenommen, aber immer kam etwas in den Weg — und warf alle Pläne über den Haufen.
Als ich von der Schweiz nach Paris kam, um dort meine Vorträge fortzusetzen, meldeten sich sofort zur Islandreise mehrere feurige kleine Franzosen.
„Monsieur“, sagte einer zu mir, „ich möchte so gern mit Ihnen nach Island. Meine Mama aber meint, ich könnte von den Eisbären aufgefressen werden.“
„Das wäre ja schrecklich, kleiner Freund. Ich glaube nun aber doch, dass du in dieser Beziehung deine Mama beruhigen kannst, denn im Sommer gibt es, Gott sei Dank, keine Eisbären in Island. Nur im Winter kommen zuweilen Bären auf den schwimmenden Eisbergen dorthin, aber bloss als Gäste und für kurze Zeit.“
„Das werde ich meiner Mutter sagen.“ — Trotz der Beruhigung wegen der Eisbärengefahr musste aber auch der unternehmungslustige kleine Pariser zu Hause bleiben.
Nach meinem Aufenthalt in Paris fuhr ich nach Süddeutschland, um mich eine Zeit lang in der reizenden Stadt Freiburg im Breisgau aufzuhalten.
Ich wohnte dort als Gast im Hause des weltberühmten Verlegers Hermann Herder.
Während meines Aufenthaltes in Freiburg meldeten sich wieder mehrere junge Bewerber für die bevorstehende Islandreise.
Diesmal achtete ich weniger darauf. — Weil die vielen vorhergehenden Versuche alle umsonst gewesen waren, sagte ich mir, dass bei den süddeutschen Jungen wohl auch nicht mehr herauskommen würde.
Doch darin habe ich mich gründlich getäuscht, denn gerade in Freiburg erhielt ich völlig unerwartet einen prächtigen süddeutschen Jungen als treuen und in jeder Beziehung angenehmen Gefährten für meine Islandreise.
3. Der sechzehnjährige Viktor wird auserwählt.
Ich will kurz erzählen, wie das geschah.
Schon mehr als einmal war ich bei früheren Gelegenheiten eingeladen worden, im Hause Herder vor den Angestellten der grossen Verlagsanstalt Vorträge zu halten. Eine solche Versammlung konnte dann leicht fünf- bis sechshundert Zuhörer zählen.
Da war es mir wiederholt aufgefallen, dass ausser den Erwachsenen eine kleine Zahl, etwa zwölf bis vierzehn, uniformierte Knaben anwesend waren. Da sie jedesmal durch ihre äussere Erscheinung und ihre vorzügliche Haltung einen ungewöhnlich guten Eindruck auf mich machten, erkundigte ich mich, was das für Jungen seien.
Es wurde mir gesagt, es seien talentvolle Knaben, die für das Geschäftshaus erzogen und ausgebildet würden.
Nun sollte mir eine grosse Überraschung gerade aus den Reihen dieser Zöglinge zuteil werden.
An einem der ersten Tage meines Aufenthaltes in seinem Hause kam Herr Herder, der Inhaber der Firma, zu mir und sagte:
„Werden Sie diesmal allein nach Island fahren, oder nehmen Sie, wie bei Ihrer letzten Islandreise, einen Begleiter mit?“
„Ich werde diesmal die Reise allein machen müssen“, erwiderte ich ihm, „denn obwohl mehrere junge Leute mitfahren wollten, ist es keinem von ihnen geglückt, diesen Wunsch zu verwirklichen.“
„Dann hätte ich Ihnen einen Vorschlag zu machen: Ich bin bereit, einen der Jungen, die hier im Verlage erzogen und ausgebildet werden, mit Ihnen reisen zu lassen. Wollen Sie einen solchen Begleiter haben?“
Ich war so erstaunt über dieses grosszügige Anerbieten, dass ich zuerst nicht recht wusste, was ich antworten sollte.
Herr Herder merkte es und fuhr fort: „Von unserer Seite ist die Sache leicht. Es hängt nur von Ihnen ab, ob der Plan zur Wirklichkeit wird oder nicht.“
„Es ist ja ein ausserordentlich liebenswürdiges Angebot von Ihnen“, antwortete ich. „Es kommt mir aber so unerwartet, dass ich für den Augenblick nicht weiss, ob ich ja oder nein sagen soll. Ich muss jedenfalls etwas darüber nachdenken, bevor ich eine bestimmte Antwort geben kann.“
„Gut“, sagte Herr Herder, „dann können wir ja nach ein paar Tagen darauf zurückkommen. — Ich habe Ihnen diesen Vorschlag gemacht, weil ich meine, dass es für Sie angenehm sein würde, einen geweckten, frischen jungen Gesellschafter bei sich zu haben, einen kräftigen Jungen, der Ihnen auf der Reise auch in vielen Fällen zu Diensten sein könnte.“
Nach einer kleinen Pause zog er seine Uhr und sagte:
„Gerade jetzt sind alle Zöglinge beim Studium in ihrem Heim versammelt. Wenn Sie wollen, können wir beide dorthin gehen zu einem kleinen Besuch.“
Eine halbe Stunde später waren wir in dem Zöglingsheim. Alle Jungen waren da, die grossen und die kleinen — eine prächtige Schar.
Nachdem Herr Herder mich ihnen vorgestellt hatte, plauderten wir zwanglos eine kleine Weile mit den munteren Jungen.
„Ich reise bald nach Island. Möchte einer von euch mit?“ fragte ich sie auf einmal alle zusammen wie zum Scherz.
Da hätte man die leuchtenden Augen sehen sollen! Alle wollten mit, und ich bedauerte es, dass man nicht allen die Freude einer Islandreise gestatten konnte.
Auf dem Heimweg griff Herr Herder wieder auf die Frage der Reisebegleitung zurück:
„Um nun auf Ihren zukünftigen Reisebegleiter zurückzukommen, möchte ich Ihnen folgenden Vorschlag machen: Ich selber werde einen der Zöglinge auswählen und ihn zu Ihrer Verfügung stellen, solange Sie mein Gast sind. Er wird Sie begleiten und sonst zu Diensten sein, so oft Sie ausgehen. Sie werden dann selber sehen, ob er Ihnen auch auf Ihrer Islandreise als Begleiter passen würde. Wenn nicht, so könnten wir es mit einem andern versuchen.“
Es schien mir unbescheiden zu sein, so etwas anzunehmen. Doch meine Einwände halfen mir nichts. Und so musste ich diese liebenswürdige Aufmerksamkeit meines Gastgebers über mich ergehen lassen.
Ich hatte nun die Freude, solange ich mich im Hause Herder aufhielt, einen gut erzogenen, geweckten, intelligenten und liebenswürdigen kleinen Adjutanten bei meinen Ausgängen mitnehmen zu dürfen.
Dieser Junge hiess Viktor und war aus Horb, einem idyllischen Städtchen in Schwaben — also ein echter süddeutscher Junge. Er war gerade 16 Jahre alt geworden.
Wir kamen während meines Freiburger Aufenthaltes so gut miteinander aus, dass ich mir kaum einen geeigneteren Begleiter auf meiner Islandreise denken konnte.
Ich meldete also bald meinem Gastgeber, dass ich mit Viktor als zukünftigem Reisegefährten sehr zufrieden sein würde.
So wurde bestimmt, dass Viktor mich auf meiner grossen Reise nach Island begleiten sollte, wenn er selber nichts dagegen habe.
Als er dann kurz darauf in aller Form von Herrn Herder gefragt wurde, ob er mit dieser Abmachung einverstanden sei, konnte er seine überschäumende Freude kaum verbergen.
Auch Viktors Eltern gaben freudig ihre Zustimmung.
So war nun alles in Ordnung, die Fahrt Viktors in die nordische Zauberwelt war eine abgemachte Sache.
Die Begeisterung des Jungen wird man leicht verstehen: er war noch nie ausserhalb seines engeren Vaterlandes gewesen, und nun wird ihm auf einmal eine Reise angeboten, die man fast eine Weltreise nennen könnte.
4. Die Reise wird mit Viktor besprochen.
Viktor suchte mich bald in meinem Zimmer auf und bat mich, ihm den Verlauf der Reise in grossen Zügen auseinandersetzen zu wollen.
„Zuerst“, sagte ich ihm, „wirst du allein, ohne mich, dein eigenes Vaterland, das grosse Deutschland, durchqueren müssen, vom äussersten Süden bis hinauf zum äussersten Norden. Das allein schon wird für dich eine bedeutende und interessante Reise werden. Sie wird ungefähr zwei Tage in Anspruch nehmen. Am ersten Abend wirst du am besten in Köln übernachten, und am folgenden Tag fährst du von Köln weiter nach Norden bis zur holländischen Grenze. Dort werde ich auf dich warten.“
„Wo soll ich aussteigen, wenn ich zur holländischen Grenze komme?“
„In Emmerich, am Niederrhein. — Wir fahren dann im Auto nach dem nahen holländischen Städtchen ’s Heerenberg. Dort bleiben wir ein paar Tage zusammen, und von dort aus beginnt dann die eigentliche Reise.
Zunächst fahren wir nach Rotterdam, quer durch ganz Holland.“
„Und von Rotterdam?“
„Von Rotterdam geht es weiter bis Hoek van Holland.“
„Das liegt doch schon am Meer?“
„Ganz richtig.“
„Da werde ich also zum ersten Mal in meinem Leben das Meer sehen! ... Wird das ein Erlebnis sein!“
„In Hoek van Holland gehen wir an Bord eines englischen Dampfers und fahren über den Kanal nach Harwich an der englischen Küste.“
„Die erste Seereise in meinem Leben!“
„Von Harwich geht es dann mit der Eisenbahn nach London.“
„Ich soll auch London sehen!“ rief Viktor jubelnd aus. ... „Wie lange bleiben wir in London?“
„Jetzt auf der Hinreise nur ein paar Tage. Wenn wir aber von Island zurückkehren, können wir uns noch einmal in London aufhalten, wohl länger als jetzt. Von London aus können wir dann Ausflüge machen, nach Oxford, Cambridge, und wohin wir sonst noch wollen.“
„Wohin fahren wir auf der Hinreise von London aus?“
„Wir fahren mit dem sogenannten ‚Flying Scotchman‘, das heisst, dem ‚Fliegenden Schottländer‘, einem englischen Blitzzug, nach Edinburg.“
„Edinburg! Das soll sehr schön sein!“
„Das will ich meinen! Ich bin schon zweimal dort gewesen und war jedesmal voll Bewunderung über die Schönheit dieser Stadt. Wir bleiben nur einen Tag in Edinburg. Dort besteigen wir einen hochmodernen isländischen Dampfer, der uns direkt nach Island bringen wird!“
„Wir fahren also hinaus auf den Atlantischen Ozean? — Dann aber kommen wohl die Beschwerden und Strapazen?“
„O nein, Viktor, nicht die Spur! Unser Dampfer heisst ‚Brúarfoss‘. Er ist bequem und pickfein in jeder Beziehung eingerichtet. Wir werden es während der Überfahrt von England nach Island sehr wahrscheinlich ebenso bequem und ruhig haben wie hier in diesem Zimmer.“
„Und die Stürme? Oder gibt es keine auf dem Atlantischen Meere zwischen England und Island?“
„Es kann dort furchtbare Stürme geben. Das hängt aber von der Jahreszeit ab. Unsere Seereise findet im Juni statt. Während dieser Jahreszeit ist das Meer dort gewöhnlich ruhig und blank wie ein Spiegel.“
„Wie wird es aber werden, wenn wir im Herbst zurückkehren?“
„Wenn wir im Herbst von Island zurückkehren, können wir allerdings möglicherweise starke Stürme erleben....“
„Und wie wickelt sich die Reise nun weiter ab?“
„Wir fahren also nach Island. Die Überfahrt wird etwa vier oder fünf Tage dauern. Wir legen dann zuerst in einigen der isländischen Fjorde an und besuchen auf kurze Zeit einige isländische Küstenstädte — jedesmal nur einige Stunden — und kommen schliesslich nach Reykjavik, der Hauptstadt der Insel.“
„Und dann?“
„Dann wird es so Vieles und Schönes geben, dass wir unmöglich jetzt alles voraussehen können. Wir werden wohl in diesem Wunderlande der Eddas und der Sagas, des Feuers und des Eises, zwei bis drei Monate bleiben. ... Und was werden wir dort nicht alles erleben in dieser Zeit! Zunächst die Althings-Jahrtausendfestlichkeiten, die mehrere Tage dauern werden. Nachher zahllose hochinteressante Fahrten und Ausflüge durch die feuergeborene Wunderinsel mit ihren rauchenden Vulkanen und lustig springenden kochenden Quellen, durch herrliche, grosszügige, wegen ihrer Schönheit weltberühmte Landschaften, bald zu Pferd, bald mit Auto, bald im Flugzeug....“
Viktor freute sich nach all dem Gehörten unbändig auf die wundervolle Reise....
Und in der Tat, welche goldene, bezaubernde Aussichten für einen 16jährigen Jungen!
Wir sassen noch eine gute Weile auf meinem Zimmer im Hause Herder und plauderten über die bevorstehenden Abenteuer der Fahrt nach der „Ultima Thule“, der geheimnisvollen Sagainsel im hohen Norden.
5. Jeremiah Ahern und seine Einladung.
Ich genoss noch einige Tage weiter die vornehme Gastfreundschaft des Herrn Herder.
Dann verliess ich Freiburg, um mich nach Bad Nauheim bei Frankfurt am Main zu begeben. Ich wollte dort die wenigen Wochen vor meiner Abreise nach Island verbringen.
In Nauheim lernte ich einen liebenswürdigen irischen Geistlichen kennen. Er hiess Jeremiah Ahern.
Wir wurden bald so gute Freunde, dass er mich dringend bat, ihn auf meiner Rückreise von Island in seinem schönen Vaterlande zu besuchen.
Da ich mit dem Versprechen etwas zögerte, wurde er eifrig.
„Sind Sie schon einmal in Irland gewesen?“ fragte er.
„Nein, noch nie.“
„Ja, aber dann müssen Sie doch unbedingt hingehen, denn von allen Ländern Europas ist Irland eins der schönsten. Die ‚Grüne Erin‘ müssen Sie unbedingt sehen.“
Da ich trotz dieses Lobes mich immer noch nicht entschliessen konnte, ein bestimmtes Versprechen zu geben, fuhr mein neuer Freund fort:
„Sie kommen und wohnen bei mir, und ich werde dafür sorgen, dass Sie Ihren Besuch in Irland nicht bereuen werden.“
„In welchem Teil des Landes wohnen Sie?“ fragte ich ihn.
„Nicht weit von Cork, in der schönen Gegend von Ballinspittel, nahe bei Kinsale, wo die berühmte Schlacht zwischen Engländern und Irländern stattfand.“
Und dann fügte er noch hinzu: „Das alles werden Sie sehen. Und dann führe ich Sie im Auto herum und zeige Ihnen die schönsten Gegenden des Landes.“
Es war schwer, diesem keltisch-feurigen Drängen zu widerstehen.
Der freundliche Ire setzte mir so kräftig zu, dass ich ihm schliesslich versprach, ihn auf der Rückreise von Island zu besuchen, wenn die Umstände es erlauben würden.
Bald darauf verliess ich Bad Nauheim und fuhr über Emmerich nach Holland, wo ich in ’s Heerenberg die letzten Vorbereitungen zur Islandreise treffen wollte.
Dieses nette holländische Städtchen liegt unfern Emmerich in unmittelbarer Nähe der deutsch-holländischen Grenze, wie schon bemerkt. Von dort aus wollten wir unsere Nordlandfahrt antreten.
Einige Tage später kam mein Reisegefährte denn auch zur festgesetzten Zeit an. Er war selbstverständlich immer noch in begeisterter Stimmung.
6. Aufbruch. — Mit Viktor in dunkler Nacht quer durch Holland.
Ein paar Tage blieben wir noch in ’s Heerenberg. Am 14. Juni aber brachen wir auf.
Spät am Abend stiegen wir in Emmerich in einen prächtigen deutschen Zug ein, der uns während der Nacht quer durch ganz Holland führen sollte.
Es gelang uns, nach einigem Suchen in der langen Wagenreihe ein unbesetztes Abteil für uns allein zu erhaschen. „Ein gutes Zeichen für einen angenehmen Verlauf der Reise!“ meinte Viktor.
Gleich darauf wurde dem frischen Jungen zu seiner grossen Freude eine Überraschung zuteil, welche er als ein noch besseres glückverheissendes Zeichen ansehen wollte. Als wir nämlich in dem engen, aber prächtig ausgestatteten Raum Platz genommen hatten, schaute sich Viktor in der kleinen Behausung ein wenig um. Da wurde er zuerst auf einige schöne, grosse Photographien aufmerksam, welche an den Wänden zu sehen waren.
„O, sind das schöne Bilder“, bemerkte er, „die da an den Wänden hängen! Die muss ich mir ansehen!“
Er stand auf und wollte anfangen, die Unterschriften der Bilder zu lesen. Kaum aber hatte er sich dem Bilde zugewandt, das gerade seinem Platz gegenüber angebracht war, da stiess er einen Freudenschrei aus und starrte mit einer Miene, die starke innere Erregung erkennen liess, auf das Bild hin.
Ich schaute ihn verwundert an. „Aber was ist denn los, Viktor?“ rief ich ihm endlich zu.
Als Antwort streckte er den Arm nach dem Bilde aus und sagte mir nur das eine Wort: „Horb!“
„Wie! Horb? Ist es Horb?“ rief auch ich nun aus, indem ich aufsprang. „Vielleicht hast du dich getäuscht.“
Nun sah aber auch ich die Unterschrift des Bildes. Da stand wirklich deutlich gedruckt das Wort: „Horb am Neckar“, das süddeutsche Heimatstädtchen des jungen Viktor!
Wir betrachteten nun beide das reizende Bild: ein niedliches süddeutsches Städtchen an einem Berg hinauf gebaut.
„Ja, das ist Horb ...“, belehrte mich Viktor, „da wohne ich. Und hier ist unser Haus. ... Sie können es sehen. Da steht es....“
Ich betrachtete das Bild eine gute Weile genau.
„Wir wollen hoffen, dass auch das ein glückverheissendes Vorzeichen ist“, erwiderte ich.
Allmählich kam Viktor wieder zur Ruhe.
Unterdessen sauste der lange D-Zug mit unheimlicher Schnelligkeit durch die holländische Landschaft, die, obwohl flach wie eine Tischplatte, doch in ihren grossen Linien und mit ihrer Staffage eigenartig schön aussah. Saftiggrüne Wiesen, von zahllosen Kanälen durchschnitten, — und darauf bewegten sich wie dunkle Schatten unzählige Kühe von dem berühmten holländischen Schlage und belebten die Landschaft, andere hatten sich gelegt und ruhten aus von den Anstrengungen des Tages.
Doch es wurde nach und nach so dunkel, dass man sich kein klares Bild mehr von der Landschaft machen konnte, die sich vor unsern gespannten Blicken wie ein Riesenteppich aufrollte. Es dauerte nicht lange, da hatten sich die undurchdringlichen Schatten der Nacht über die ganze Natur herabgesenkt, und wenn wir durch die Fenster schauten, sahen wir nichts als die dunkle geheimnisvolle Nacht....
Der Zug aber raste wie ein langgestrecktes leuchtendes Ungeheuer unermüdlich und sicher durch die Finsternis — seinem fernen Ziele zu.
So ging es mehrere Stunden lang. Endlich, kurz vor Mitternacht, bemerkten wir einen schwachen goldenen Schein, der von aussen durch die Fenster zu uns hereindrang.
Ich stand auf, öffnete ein Fenster und schaute nach vorn.
Der ganze Horizont vor uns erschien hell erleuchtet.
Ich hörte Schritte im Wagengang. Es war ein Schaffner, der sich durch den Gang bewegte.
„Was ist das für ein Schein dort vorne?“ rief ich ihn an.
„Rotterdam ...“, erwiderte er mit einer kräftigen Bassstimme, indem er weiterschritt.
Der Schein wurde immer heller. Wir kamen seinem Ursprung immer näher.
Auf einmal flutete blendend weisses Licht durch alle Fenster. ... Unser Zug rollte schnaubend in den taghell beleuchteten Bahnhof von Rotterdam.
Doch der Aufenthalt hier war sehr kurz. Wieder setzten sich die Wagen in Bewegung, und wieder ging es in die dunkle Nacht hinaus.
Bald rasten und sausten wir vorwärts wie vorher ..., aber diesmal nur eine kurze Zeit, denn Hoek van Holland war nicht weit entfernt. Dort aber war die Küste, und draussen das grosse Meer. ... Und am Kai wartete ein gewaltiger englischer Dampfer auf die Ankömmlinge.
Unser Zug war stark besetzt, und alle die vielen Menschen, die drinnen waren, wollten nach England.
Viktor war ein wenig schlaftrunken, freute sich aber doch mächtig und war voller Spannung auf die Dinge, die jetzt kommen würden.
Das Meer, der grosse Dampfer, die nächtliche Fahrt auf den schaukelnden Wellen, die Trennung vom Festland und die baldige Ankunft in England: alles das beschäftigte seine Phantasie.
Wir wussten, dass wir nach sechs Stunden, also am folgenden Morgen um 6 Uhr herum, die englische Küste erreicht haben würden.
Wieder ein goldener Schimmer im Ausblick vor uns.
Wir machen uns zum Aussteigen bereit, holen unsere Koffer vom Netz herunter und suchen in den Gang hinauszukommen, der schon mit Reisenden angefüllt ist.
Plötzlich ein schriller Pfiff der Lokomotive. ... Wir sind in Hoek van Holland.
7. Durch den Ärmelkanal nach England.
Wir bewegen uns am Bahnhof mit dem Menschenstrom nach vorwärts. ... Der Weg ist genau bestimmt. Wir müssen durch verschiedene Gänge, Räume, amtliche Geschäftszimmer hindurch.
Es werden uns schweigend Zettel und Kärtchen in die Hand gedrückt. Die sollen wir wohl im Schiff abgeben, denn die Nummer unserer Kabine steht darauf.
Es wird hier überhaupt wenig gesprochen — und die wenigen Worte, die man hört, sind englisch.
Nun zum Bahnhof hinaus in die dunkle Nacht. ... Doch nein! Blendende elektrische Lichter machen die Nacht zum Tag.
In kurzem Abstand von uns sehen wir Masten hoch in die Luft aufragen. ... Wir sind also schon am Kai. ... Eine ungeheure dunkle Masse liegt gerade vor uns. Es ist das englische Schiff, das uns erwartet. Mehrere parallele Reihen von strahlenden runden Fensterchen laufen der Schiffseite entlang. Da werden wir unsere Kabine finden, denken wir.
Noch einige Schritte, und wir betreten die Landungsbrücke. Nach einigen Augenblicken stehen wir auf dem Deck des englischen Dampfers. Viktor zum ersten Mal im Leben auf einem Seedampfer!
Eine grosse Schar von Matrosen, Kellnern und dienenden Schiffsfräuleins oder Stewardessen stehen zum Empfang der Reisenden schweigend auf dem Schiffsdeck — alle in Uniform.
Eine Stewardess nimmt uns, immer schweigend, unsere Karten ab, wirft rasch einen Blick auf die Nummer und macht uns dann ein Zeichen, mitzukommen.
Wir folgen. ... Sie führt uns nach einer steil abfallenden Treppe.
Sie geht voraus, wendet sich auf der ersten Stufe um und sagt zu uns: „Down, please!“ („Hier herunter, bitte!“)
Also gehen wir hinter ihr die Treppe hinunter.
Unten wendet sich unsere Führerin wieder um, macht uns wieder ein Zeichen, ihr zu folgen, und sagt noch einmal: „Down!“
Gleichzeitig steigt sie eine zweite Treppe hinunter — wir ihr nach.
Wir wundern uns beide, dass wir so tief unten im Schiff die Nacht zubringen sollen.
Doch da ist nichts zu machen: wir steigen tapfer — unserer Führerin nach — in die Tiefe.
„Jetzt sind wir schon ein gutes Stück unter dem Wasserspiegel des Meeres“, bemerkte ich da zu Viktor. „Wie werden wir hier Luft bekommen?“
„Das interessiert mich auch“, sagte mein Begleiter.
Doch unsere Verwunderung sollte noch grösser werden....
Als wir mit der zweiten Treppe fertig waren, befanden wir uns in einem hellbeleuchteten, mit Teppichen belegten Gang. Eine endlose Reihe weisser Türen waren zu beiden Seiten des Ganges zu sehen. Also waren hier eine grosse Anzahl Passagierkabinen.
„Hier wird wohl auch unsere Kabine sein“, meinte Viktor.
„Das glaube ich auch“, antwortete ich.
Wie staunten wir aber, als das Fräulein nach einer dritten Treppe ging, sich wieder auf der ersten Stufe zu mir umdrehte mit der alten Weisung: „Please, Gentlemen, here down!“ („Seien Sie so gut, meine Herren, hier herunter!“)
Ohne ein Wort zu sagen, ergaben wir uns in unser Schicksal und stiegen hinter dem Fräulein in die geheimnisvolle Unterwelt hinunter.
Wieder kamen wir in einen hellbeleuchteten Gang mit Türen an beiden Seiten.
„Hier werden wir ja ersticken“, meinte Viktor, „denn in diese Tiefe kann doch unmöglich frische Luft dringen....“
„Ich weiss auch nicht, wie das gehen wird“, entgegnete ich.
Unterdessen führte das Fräulein uns durch den Gang nach einer Tür, machte sie auf, forderte uns mit einem höflichen „Please, Gentlemen!“ auf, einzutreten, und verabschiedete sich dann. Die Kabine war geräumig und schön ausgestattet. Zwei Betten waren dort übereinander angebracht.
Dort also — tief unter dem Wasserspiegel — sollten wir bis 6 Uhr des folgenden Tages schlafen.
Und die Luft hier unten?
Ja, in dieser Hinsicht wurde uns eine angenehme Überraschung zuteil.
Als ich mich nämlich näher in unserem Schlafgemach umsah, entdeckte ich oben an der einen Seitenwand, wenig über unsern Köpfen, ein rundes Loch, so gross, dass man bequem die Faust hineinstecken konnte, und aus dem Loch strömte reine, frische Luft zu uns herein.
Wir mussten bekennen, dass nur wegen unserer Unkenntnis der neueren Schiffsbautechnik unsere Befürchtungen möglich gewesen waren.
„Jetzt hast du zum ersten Mal in deinem Leben das Meer gesehen“, sagte ich zu Viktor.
„Das Meer?“ rief er ablehnend aus, „ich habe auch nicht die Spur vom Meer gesehen. Es war ja stockfinster, als wir an Bord gingen, und die Lichter auf dem Deck haben mich nur geblendet“
„Es ist richtig, Viktor, ich dachte nicht daran. — Wenn du es aber jetzt nicht sehen kannst, so wirst du sehr bald zu fühlen bekommen, dass wir darauf sind, denn die Matrosen sind schon daran, unser Schiff freizumachen. Wenn sie damit fertig sind, fahren wir sofort ab trotz der stockfinstern Nacht. Sobald wir uns ein wenig von der Küste entfernt haben, werden die Meereswellen anfangen, uns zu schaukeln.“
„Das wird aber ein Spass sein“, erwiderte er. „Wenn es nur ordentlich Wellen gibt!“
„Ordentliche Wellen werden schon bald da sein“, sagte ich ihm entgegenkommend, „denn gewöhnlich ist das Meer zwischen dem Kontinent und England etwas unruhig. Und zudem ist es jetzt windig, wenn auch nicht stark.“
„Ja, richtig, man merkt schon, dass es droben ein wenig windig ist. — Aber, was wollen wir nun jetzt tun? Wir gehen doch nicht gleich zu Bett?“
„Das brauchen wir natürlich nicht. Doch wenn ich nicht irre, bist du vorher im Zug allmählich sehr schläfrig gewesen.“
„Ja, im Zug! Aber jetzt bin ich weder müde noch schläfrig. Ans Schlafen kann ich jetzt nicht denken. Im Gegenteil, ich muss unbedingt hinauf, um mir das Schiff ein wenig anzusehen, und das Manövrieren bei der Abfahrt. Das ist etwas Neues für mich!“
Ich gab Viktor recht und freute mich an dem lebhaften Interesse, das er für all das Neue bekundete, was uns umgab. Und so gingen wir denn beide die drei hohen Treppen hinauf.
Die Landungsbrücke war schon eingezogen, und die Matrosen waren mit dem Losmachen des grossen Schiffes beschäftigt.
Auf dem Schiff selbst war es blendend hell. Wenn wir aber weiterschauen wollten, sahen wir nur die undurchdringliche, pechschwarze Nacht.
Wir lehnten uns über die Schiffsbrüstung, um das Meer zu entdecken — aber vergebens.
An den Kommandorufen des Kapitäns merkte ich, dass das Schiff schon vom Kai losgelöst war und nun anfing, den Vordersteven, das heisst die Spitze oder den Vorderteil des Schiffskörpers, langsam nach dem hohen Meer zu wenden.
Als es sich endlich in der richtigen Lage befand, fingen die Schiffsmaschinen an, kräftiger und mit stärkerem Geräusch zu arbeiten.
Das ganze Schiff zitterte und bebte; ein unheimliches Krachen wurde von überallher vernehmbar — und nun setzte sich endlich der Koloss in Bewegung, vorwärts nach dem hohen Meere hin, in die unheimliche Nacht hinaus...
Unsere Seereise hatte begonnen.
Die Vorwärtsbewegung des Schiffes wurde immer schneller, die Lichter am Kai kleiner und schwächer. Endlich entschwanden sie ganz unsern Blicken, und gleichzeitig fühlten wir deutlich, dass das Schiff sich nicht nur vorwärts bewegte, sondern auch bald anfing, uns sanft in die Höhe zu heben, um uns gleich danach ebenso sanft in die Tiefe zu ziehen.
Und nicht genug damit: wir wurden auch immer mehr und mehr nach den Seiten hin geschaukelt, bald nach links, bald nach rechts.
Es war ein richtiges, immer zunehmendes Schlingern, ein Aufundab- und Seitwärtsschwanken des Schiffes mit einer Unruhe, die uns für den Rest der Nacht fast bange werden liess.
Es war zudem alles so neu und so ungewohnt und daher auch so spannend und fesselnd, besonders für meinen jungen Gefährten, dass wir beide noch lange oben auf Deck verblieben....
Auf einmal neigte sich das Schiff so stark nach der einen Seite, dass wir uns an einem Geländer festhalten mussten, um nicht umzufallen.
„Fabelhaft!“ rief Viktor begeistert aus. „Jetzt bin ich keine Landratte mehr ...!“
„Und von Seekrankheit merkst du nichts?“
„Nicht das Geringste. ... Ich möchte nur, dass wir ein wenig Sturm bekämen.“
„Ich möchte dir ein kleines Abenteuer gönnen! Du bist ja ‚seestark‘, wie die Seeleute sagen.“ —
Wir schauten zurück nach der Küste. Aber von der Küste oder vom Lande überhaupt war nichts mehr zu sehen.
Auf dem Meere dagegen, das uns immer noch pechschwarz zu sein schien, entdeckten wir rund um uns wunderschöne, buntleuchtende Lichtlein: rot, grün und golden.
Es waren Schiffe, grosse und kleine, die ja immer in der Finsternis ein jedes mit drei verschiedenen Lichtern in den genannten Farben versehen sein müssen.
So standen wir da oben auf dem Deck des rasch voranstürmenden Schiffes und genossen noch eine Zeit lang den eigenartigen, stimmungsvollen Zauber der nächtlichen Meeresfahrt.
Doch je weiter wir aufs Meer hinauskamen, desto grösser und unruhiger wurden die Wellen, und desto nachdrücklicher wurde das Schlingern und Schwanken des Schiffes. Das Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf meldete sich bei uns immer dringender.
„Jetzt gehe ich schlafen“, sagte ich da endlich zu Viktor, indem ich ihm gute Nacht wünschte.
„Ich bleibe noch etwas auf und komme später hinunter“, erwiderte er.
So trennten wir uns, und kurz darauf lag ich wohlversorgt in meiner Koje.
Ich schlief gleich ein und merkte fortan nichts mehr, weder von Wind und Wellen, noch von den Bewegungen des Schiffes, noch von Viktor, als er etwas später hinunterkam und sich zur Ruhe legte.
Wir erfreuten uns dann beide ungestört eines tiefen, gesunden Schlafes, bis gegen 6 Uhr morgens ein lautes Geräusch vom Deck her und das schwere Ächzen und schrille Kreischen der Schiffsmaschine plötzlich uns aus unserer Ruhe herausrissen....
8. Landung in England. — Von Harwich nach London.
Der Dampfer war eben in Harwich an der englischen Küste angelangt und wurde nun an der Landungsstelle festgelegt.
Hier wartete ein Extrazug auf die Reisenden, die nach London wollten.
Rasch machten wir uns in unserer Kabine fertig — schlaftrunken, wie wir noch waren, und gingen auf Deck.
Da war grosse Bewegung. Die zahlreichen Reisenden drängten sich mit ihren Koffern und Päcken nach der Landungsbrücke, denn es galt jetzt, schnellstens durch die Zollrevision hindurchzukommen, um sich dann einen guten Platz in dem wartenden Londoner Zuge zu verschaffen.
Viktor und ich mischten uns in den Menschenstrom, der nach der Zollhalle flutete.
Vermutlich haben unsere ehrlichen Gesichter den Zollbeamten Vertrauen eingeflösst, denn sie liessen uns durch, ohne den Inhalt unserer Reisekoffer anzuschauen.
Kurz darauf sassen wir beide in einem freien Abteil des langen Londoner Zuges. Eine einfach gekleidete junge Engländerin kam noch zu uns herein und nahm uns gegenüber Platz. Das war unsere ganze Reisegesellschaft.
Der Zug setzte sich bald in Bewegung, und nach einigen Minuten sausten wir in interessanter Fahrt auf London zu.
Ich machte Viktor auf die schönen blühenden Weiden und Wiesen, auf die Äcker und Felder, die Blumen und Obstbäume aufmerksam.
Doch das alles zog ihn nicht sonderlich an.
„Es ist im Schwabenland doch schöner“, meinte er, „und die Natur viel üppiger. Allerdings sind wir dort auch viel südlicher.“
Nach einer Weile wandte sich das junge englische Fräulein an mich und fragte in überraschend gutem Deutsch:
„Wissen Sie, mein Herr, um wieviel Uhr unser Zug in London eintrifft?“
„Ich werde es Ihnen gleich sagen können, Fräulein“, erwiderte ich, indem ich in meinem Fahrplan nachschaute.
Sie dankte nach erhaltener Auskunft und fügte dann gleich die Frage hinzu: „Sie sind wohl beide Deutsche?“
„Der Junge ist aus Süddeutschland, ich aber bin Isländer.“
„Isländer! Sie sprechen aber Deutsch, gerade wie wenn Sie ein geborener Deutscher wären.“
„O, so gut nun gerade nicht. — Ihnen dagegen kann ich ohne Übertreibung dasselbe Lob spenden wie Sie mir, denn Sie sprechen ein tadelloses Deutsch, gerade wie wenn Sie eine Deutsche wären. Sie sind aber eine Engländerin, nicht wahr?“
„O nein, ich bin keine Engländerin. Ich bin aus Hamburg.“
„Da muss ich Sie um Verzeihung bitten. Ich habe Sie bestimmt für eine Engländerin gehalten. —Wahrscheinlich wohnen Sie aber in England?“
„Ja, ich bin in einem englischen Institut in London zu meiner Ausbildung.“
„So, so. Und Sie kommen gut mit den Engländern aus?“
„O ja, sehr gut. Ich fühle mich ungemein wohl und glücklich in England. Die englische Lebensweise gefällt mir. Und dazu kommt, dass die Engländer uns Deutsche ausserordentlich gern haben. Das hat schon zur Folge gehabt, dass ausser mir noch mehrere andere Hamburger junge Mädchen in dasselbe Institut gekommen sind. Wir sind jetzt ein halbes Dutzend deutsche Mädchen dort. Und alle fühlen sich sehr wohl bei den Engländern.“
Wir unterhielten uns über diese erfreuliche deutsch-englische Freundschaft, bis der Zug in der Londoner Liverpool-Station hielt. Dann ging die kleine Reisegesellschaft auseinander.
9. Drei Tage in London.
Viktor und ich begaben uns nun eiligst nach unserem Absteigequartier in Mount-Street, in nächster Nähe des berühmten Hydeparks.
Wir wurden daselbst von guten englischen Freunden herzlich empfangen und richteten uns dort für ein paar Tage ein.
Da ich schon öfters in London gewesen war und vieles dort gesehen hatte, und da ich ausserdem einige private Sachen besorgen musste, zog ich es vor, während unseres Aufenthalts in London zu Hause zu bleiben, statt Ausflüge durch die Stadt zu machen.
Anders aber verhielt es sich mit meinem jungen Freund. Er war natürlich sehr darauf gespannt, möglichst viel von der Riesenstadt zu sehen.
„Ich möchte am liebsten“, sagte er, „den ganzen Tag draussen sein und in der Stadt herumwandern und herumfahren.“
Da ich diesen Wunsch vernünftig und berechtigt fand, so entschloss ich mich sehr bald, auf das ruhige Zuhausebleiben zu verzichten und ihn selber durch die Stadt zu führen.
Auf einmal aber fand diese Frage unerwartet eine andere glückliche Lösung.
Kurz nach unserer Ankunft in Mount-Street, während ich in meinem Zimmer sass, wird plötzlich kräftig an die Türe geklopft.
Auf mein „Herein“ stürmt ein jüngerer Herr ins Zimmer. Ein freundlicher Deutscher, den ich sofort erkannte, obwohl ich ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Er hiess Bruno Bitter und war vor mehr als 20 Jahren unter meinen Schülern gewesen im dänischen St. Andreas-Gymnasium bei Kopenhagen, wo ich damals als Gymnasiallehrer tätig war.
„Aber, mein lieber Bruno!“ rief ich nach der ersten herzlichen Begrüssung aus, „wie kommt es, dass wir uns hier treffen?“
„Und wie kommt es, dass mein lieber alter Lehrer plötzlich nach London gekommen ist?“
Wir setzten uns und gaben einander gegenseitig die notwendigen Aufschlüsse. Als Bruno hörte, wie es mit meinem jungen Reisebegleiter stand, bot er sich gleich mit der grössten Freude an, ihn in seine Hut zu nehmen und während der zwei zur Verfügung stehenden Tage kreuz und quer durch ganz London herumzuführen.
Viktor, den ich auf der Stelle rufen liess, befreundete sich sofort mit seinem Landsmann und nahm mit Begeisterung den Vorschlag an.
Dann flogen die beiden nur so durch die mächtige Weltstadt, und Viktor bekam so viel Grossartiges und Schönes zu sehen, dass er am Abend kaum Zeit genug fand, um mir auch nur einen kleinen Teil vom Gesehenen und Erlebten zu erzählen.
Am dritten Tage mussten wir London wieder verlassen, um eilends Edinburg zu erreichen.
Beim Abschied baten uns unsere Freunde in Mount-Street dringend, auf der Rückreise von Island wieder nach London zu kommen und dann länger bei ihnen zu bleiben.
Mit grosser Freude nahmen wir die edelmütige Einladung an, dankten herzlich für die so angenehme Gastfreundschaft und fuhren dann mit unserem deutschen Freund Bruno Bitter nach Kingscross-Station.
10. Mit dem „Flying Scotchman“ von London nach Edinburg.
In Kingscross-Station bestiegen wir den prachtvollen Edinburger Zug, der von den Engländern „The Flying Scotchman“ (der Fliegende Schottländer) genannt wird.
Wieder bewunderte ich es hier, mit welcher Einfachheit und Sicherheit die Engländer die gewöhnlichen Reiseangelegenheiten besorgen.
Ein Schaffner nahm uns beim Einsteigen, ohne ein Wort zu sagen, unsere grösseren Koffer ab und stellte sie in den Gepäckwagen hinein — und zwar ohne jede Formalität. Da wird nichts eingeschrieben. Von Zetteln, Scheinen, Papieren irgend welcher Art ist hierbei keine Rede. Am Ende der Reise bekommt jeder Fahrgast mit aller Sicherheit sein Reisegepäck zurück.
Mit grösster Schnelligkeit brachte uns der „Fliegende Schottländer“ in acht Stunden von London nach Edinburg.
Die Fahrt war sehr angenehm. Von 10 Uhr vormittags bis 6 Uhr nachmittags konnten wir von unserem Wagen aus die englische Landschaft in wechselnder Schönheit kennenlernen.
Wiesen, Felder und Wälder, grosse und kleine Bauernhöfe, Gärten und grosse Parke, Städtchen und Städte, alles eilte in nicht endenwollender Reihenfolge an unsern Blicken vorüber.
Stellenweise flog der „Fliegende Schottländer“ zur Abwechslung der Küste entlang. Da erfreute uns dann eine Zeit lang der Blick auf die spiegelglatte Meeresfläche, auf der unzählige Schiffe, grosse und kleine, herumfuhren — ein lebensvolles, ungewohntes Schauspiel.
Gegen Ende unserer Fahrt bekam die Landschaft ein neues Gepräge. Die Wiesen sahen anders aus, das Gras war nicht so hoch, schien aber viel dichter und saftiger zu sein, und die grüne Farbe war viel schärfer und schöner.
Links und rechts zeigten sich immer häufiger Hügel und Felsen. Und allmählich wurde die ganze Gegend eine Berglandschaft.
Ich machte Viktor eigens darauf aufmerksam. Einer der Mitreisenden, der meine Bemerkung gehört und, wie es schien, verstanden hatte, sagte zu mir auf englisch:
„Hier fangen die Berge an, denn hier sind wir nicht mehr in England, sondern in dem Lande der Pikten und Schotten.“
Wir waren also schon bis Schottland vorgedrungen.
Der Herr, der uns aufgeklärt hatte, machte einen freundlich-gemütlichen Eindruck und schien gern mit uns ein wenig plaudern zu wollen.
„You are foreigners, I suppose?“ („Sie sind Fremde? vermute ich“), sagte er.
„Ja. Wir sind erst vor ein paar Tagen vom Kontinent herübergekommen.“
„Darf ich fragen, welcher Nationalität Sie sind?“
„Ich bin aus Island. Der Junge aber ist ein Süddeutscher.“
„Sie sind von Island! Das interessiert mich sehr. Ich habe mich nämlich viel mit den isländischen Sagas befasst.“
„Dann haben Sie vielleicht die isländische Sprache gelernt?“
„Ich habe es versucht, aber bald damit wieder aufgehört. Sie war mir zu schwer.“
„Das begreife ich. Dann haben Sie wohl die Sagas in englischer Übersetzung gelesen?“
„Ja, einige davon.“
„Und welche von den isländischen Sagas gefallen Ihnen am besten?“
„Die Saga von Grettir dem Starken sowie die vom weisen Niál, von Gunnlaug Schlangenzunge und von Kjartan und Bolli. Diese habe ich sogar mehr als einmal gelesen. Sie sind meine Lieblingssagas.“
Nun fragte ich ihn, woher er sei.
„Ich bin Engländer“, sagte er, „und wohne in London. Wenn Sie einmal nach London kommen sollten, bitte ich Sie, mich zu besuchen.“ — „Hier ist meine Adresse“, fügte er noch hinzu, indem er mir seine Karte überreichte.
Während ich dem freundlichen Engländer für seine Einladung dankte, fing unsere Lokomotive an, durch langgezogenes, schrilles Pfeifen Signale zu geben.
11. Die Herrlichkeiten Edinburgs. — Lauriston-Street. Die Blumenuhr.
„Edinburg!“ sagte unser neuer Freund, indem er aufstand und uns zum Abschied die Hand drückte.
Ein paar Minuten später hielt der Zug in dem stattlichen Edinburger Hauptbahnhof.
Wir stiegen aus und holten zunächst unsere Koffer am Gepäckwagen.
Unzählige Autos standen in nächster Nähe des Bahnsteiges bereit. Wir gaben einem der Chauffeure einen Wink. Augenblicklich sprang er zu uns heran und brachte die Koffer in seinem Wagen unter.
„Wohin?“ fragte er, sobald wir im Wagen Platz genommen hatten.
„Lauriston-Street“, erwiderte ich.
Im Nu verliess unser Wagen den Bahnhof und rollte in schneller Fahrt durch die weltberühmte Princes-Street unserem Ziele zu.
Viktor machte grosse Augen, als er diese prachtvolle Strasse sah, die von den Edinburgern — und übrigens auch von vielen andern — als die schönste Strasse der Welt angesehen wird.
Sie ist aber auch wirklich wunderbar schön. An der einen Seite erhebt sich eine ununterbrochene Reihe von prächtigen Monumentalbauten, an der andern dagegen ist merkwürdigerweise kein Haus zu sehen, sondern statt dessen eine Folge von immer tiefer und tiefer abfallenden Riesenterrassen mit den reichsten und schönsten Blumenanlagen.
Eine Strasse dieser Art habe ich bis jetzt noch nirgendwo in der Welt gesehen.
Während wir so durch die Princes-Street fuhren, wurde es mir plötzlich klar, dass die Fahrt ein Umweg sei. Ich kannte Edinburg genügend, um zu wissen, dass Lauriston-Street nicht vor uns, sondern hinter uns lag. Ich gab deshalb dem Chauffeur ein Zeichen und erinnerte ihn daran, dass wir nach der Lauriston-Street wollten.
„All right, Sir!“ rief er mir zu. „Der Umweg ist nicht gross. Die Princes-Street ist aber die schönste Strasse von Edinburg. Die müssen Sie sehen.“
Ich liess ihn gewähren und nahm ihm den Umweg nicht übel, da er es ja so gut mit uns meinte.
Warum aber fuhr ich gerade nach der Lauriston-Street? Der Grund war dieser:
Wie ich in meinem vor vielen Jahren geschriebenen Buch „Zwischen Eis und Feuer — Ein Ritt durch Island“ erzähle, kam ich auf meiner ersten Islandreise im Jahre l894 von Dänemark aus auch nach Edinburg. Damals wohnte ich zwei Tage lang bei sehr liebenswürdigen englischen Freunden in Lauriston-Street.
Beim Abschied luden sie mich freundlichst ein, wieder zu kommen, und wenn ich wirklich noch einmal Edinburg besuchen würde, bei ihnen zu wohnen. Ich versprach es feierlich.
Es waren nun allerdings sechsunddreissig Jahre seit meinem damaligen Besuch verflossen. Trotz der langen Zwischenzeit aber meinte ich mein gegebenes Wort halten zu sollen.
Als wir unser vorgesehenes Absteigequartier in der Lauriston-Street erreichten, musste ich eine unangenehme Überraschung erleben.
Wir sprangen aus dem Wagen und bezahlten dem Chauffeur, was wir schuldeten. Dann wollte ich nach der Tür des mir wohlbekannten Hauses gehen — blieb aber erstaunt stehen, denn es war unmöglich, sie wieder zu finden. Das frühere Haus war nicht mehr da, und seine Stelle nahm ein neues, schöneres und grösseres ein.
Trotzdem klingelte ich an der Tür. Ein paar Minuten nachher öffnete ein junger Diener.
Ich grüsste und fragte, ob eine Karte angekommen sei, die ich von London aus abgesandt hatte, um meine Ankunft für heute anzumelden.
„Yes, Sir“, antwortete der junge Engländer. „Die Karte ist angekommen. Aber die Herrschaft hat nicht herausfinden können, wer Sie sind.“
„Verzeihen Sie, wer wohnt denn hier im Hause?“
Der junge Mann sagte mir mehrere Namen, die mir alle fremd waren.
Ich nannte nun die Namen meiner früheren Gastgeber: White, Bader, Stephenson und mehrere andere, und fragte den Diener, ob nicht einige von ihnen noch hier wohnten.
Er schaute mich verwundert an und sagte: „Diese Namen habe ich noch nie gehört.“
Ich erklärte ihm nun kurz, dass ich vor sechsunddreissig Jahren hier bei Freunden gewohnt hatte, die aber offenbar alle anderswohin verzogen, wenn nicht gestorben seien.
Darauf sagte der Diener: „Treten Sie, bitte, ein; ich werde Sie zum Hausherrn führen. Er wird Ihnen die nötigen Aufschlüsse geben.“
Er führte uns in ein Sprechzimmer und holte den Hausherrn. Dieser kam bald und empfing uns mit grosser Höflichkeit.
Ich setzte ihm die Lage auseinander, und nun klärte sich alles auf.
Das Haus, wo ich früher aufgenommen worden war, war schon seit vielen Jahren niedergerissen und durch ein neues ersetzt. Und meine früheren Gastgeber waren gestorben!
Ich fing nun an, mich zu entschuldigen, dass ich mich und meinen Begleiter bei ganz unbekannten Menschen angemeldet hatte, und fügte bei, dass wir selbstverständlich uns für die Nacht Unterkunft in einem Hotel verschaffen wollten.
„Damit bin ich aber nicht einverstanden“, sagte der Herr. „Die Vorsehung hat Sie nun einmal in mein Haus geführt. Machen Sie mir doch die Freude, Sie diese Nacht beherbergen zu dürfen.“
Jeder Widerstand von meiner Seite war ohne Erfolg. Und so nahm ich denn die gastfreundliche Einladung des Herrn an.
Es möge genügen, kurz zu bemerken, dass wir hier im Schosse einer sehr vornehmen und liebenswürdigen englischen Familie die denkbar angenehmste Aufnahme und Behandlung fanden.
Ebenso wie in London erbot sich auch hier ein junger Herr, Guill mit Namen, um Viktor noch am selben Abend in Edinburg herumzuführen.
So gründlich wurde diese Besichtigung der Stadt vorgenommen, dass mein Reisebegleiter erst gegen 10 Uhr abends wieder zurückkam.
Am folgenden Tag machten wir beide zusammen während der Vormittagsstunden noch einen langen Spaziergang durch die interessante Stadt.
Als wir durch die Princes-Street gingen, blieb Viktor plötzlich stehen, wandte sich mit einem geheimnisvollen Ausdruck im Gesicht zu mir und sagte: „Hier in der Nähe ist etwas, was mir gestern gezeigt wurde, und was auch Sie sicher interessieren wird.“
„Und was ist es?“
„Eine grosse Uhr aus lauter Blumen.“
„Aus Blumen! Eine Uhr aus Blumen?“
„Ja, und sie liegt mitten in einer grossen Blumenanlage, da unten auf einer der tieferen Terrassen. Und das Merkwürdige dabei ist, dass sie geht.“
Ich erinnerte mich, dass ich schon einmal irgendwo von dieser Merkwürdigkeit hatte sprechen hören. Aber gesehen hatte ich eine solche Uhr noch nie.
Ich gab also Viktors Einladung mit Freuden nach, und so stiegen wir denn beide zusammen in die herrlichen Terrassen-Anlagen der Princes-Street hinunter.
Viktor fand sofort die Stelle, und so standen wir vor der kunstvollen Blumenuhr.
Mitten in einer prachtvollen Anlage, wo unzählige Blumen von den seltensten Farben prangten, war ein mächtiges rundes Blumenbeet zu schauen. Die Zusammenstellung der Blumen war ausserordentlich geschickt ausgeführt. Mitten in diesem Blumenbeet aber war die Uhr.
Die ganze Uhrscheibe war aus lauter Blumen gemacht Sie konnte wohl ungefähr zwei Meter im Durchmesser haben. Die Scheibe war blendend weiss, von Rändern in Rot, Blau und Gold umrahmt.
Auf dem weissen Grunde waren zwei grosse Zeiger, wie bei einer gewöhnlichen Uhr. Sie waren ebenfalls aus Blumen gemacht, aus niedlichen, kleinen Blumen, deren Farbe sich scharf von dem weissen Untergrund abhob.
Die zwölf Stundenzahlen hatten wieder eine andere Farbe, so dass sie sehr deutlich zu sehen waren. Auch die Minuten, zwischen den Stundenzahlen, waren durch andersgeartete kleine Blümlein bezeichnet.
Und damit des Wundersamen noch nicht genug: Wenn man die Uhr eine Zeit lang fixierte, konnte man sehr deutlich die stete Vorwärtsbewegung des grossen Zeigers beobachten!
Viktor schaute mich an und sagte: „Ist das nicht fabelhaft?“
„Gewiss. Und ich bin dir dankbar dafür, dass du mir die Uhr gezeigt hast.“
Nachdem wir eine gute Weile die Blumenuhr uns angeschaut hatten, machten wir einen Rundgang durch die herrlichen Blumenanlagen von Terrasse zu Terrasse, um dann unsern Spaziergang durch die Princes-Street fortzusetzen.
Wir sahen uns „the Castle“, die berühmte befestigte Burg der schottischen Hauptstadt, an, dann bewunderten wir das unvergleichliche Monument Walter Scotts und noch viele andere Sehenswürdigkeiten, und als wir damit fertig waren, kehrten wir zu unsern neuen Freunden in der Lauriston-Street zurück, denn es war Mittag geworden, und im Laufe des Nachmittags sollte unser Islanddampfer, die „Brúarfoss“, Schottland verlassen.
Unsere Gastgeber empfingen uns wieder mit der grössten Liebenswürdigkeit und luden uns zum Mittagessen ein.
„Ob wir aber dann zeitig das Schiff erreichen?“ fragte ich den Hausherrn.
„Sie brauchen keine Sorge zu haben“, erwiderte er, — „die ‚Brúarfoss‘ fährt erst zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags ab. Wir können also ganz ruhig zu Mittag speisen. Nach dem Essen lasse ich Sie dann im Auto nach Leith zur Abfahrtstelle der Islanddampfer bringen.“
Leith ist die Hafenstadt von Edinburg.
Mit Dank nahmen wir jetzt die Einladung an, und nach der Mahlzeit konnten wir noch eine gute Stunde mit der Familie im Salon beim Kaffee zusammensitzen.
Auf meine Frage, wie oft es Fahrgelegenheit von Leith nach Island gebe, antwortete uns das Familienhaupt:
„Jede Woche gehen Dampfer von Leith nach Island ab. Ebensooft kommen Schiffe von Island hier an. Und mit jedem Jahre werden die Verbindungen mit der Insel häufiger.“
„Reisen auch Schotten und Engländer öfters dorthin?“ fragte ich weiter.
„Gewiss. In den Sommermonaten ist übrigens die Überfahrt von hier nach Island ausserordentlich gesund und angenehm. Das Meer ist in dieser Zeit meistens glatt wie ein Spiegel, und die Luft aussergewöhnlich rein und erfrischend.“
„Werden denn die Islandreisen zur Erhaltung der Gesundheit gemacht?“
„Ich glaube, dass die meisten Islandreisenden die Tour als Erholungs- und Vergnügungsreise machen. Die übrigen sind in der Mehrzahl Geschäftsreisende.“
Der Herr erzählte weiter, dass sein Sohn schon fünf Reisen nach Island gemacht habe, er selber aber schon neun. Und jedesmal seien beide gesünder und kräftiger nach Hause zurückgekehrt.
„Die Hauptsache übrigens“, fügte er hinzu, „sind die Ritte und Fahrten auf der Insel selbst. Island ist ohne Zweifel eines der schönsten, interessantesten und angenehmsten Touristenländer der Welt. Das Klima ist — im Sommer wenigstens — ausgezeichnet. Nirgendwo in Europa gibt es eine so reine, gesunde und kräftigende Luft wie in Island. Es haben Ärzte und Gelehrte eigene Abhandlungen geschrieben über die isländische Luft. Und was die Naturschönheiten der Insel betrifft, so sind sie von einer geradezu unbeschreiblichen Grossartigkeit und Mannigfaltigkeit. ... Mir wenigstens entleidet es nie, die grosszügigen isländischen Landschaften auf den ausgezeichneten einheimischen Pferden zu durchstreifen. Und dann noch eins: die gastfreundliche isländische Bevölkerung! Nirgends in der Welt habe ich eine solche Gastfreundschaft genossen wie in Island.“
„Ich sehe“, bemerkte ich, „dass Sie ein grosser Islandfreund sind. Und ich freue mich, dass ein glücklicher Zufall mich gerade zu Ihnen geführt hat.“
„Sie haben recht“, sagte er, „ich bin ein begeisterter Islandfreund. Es gibt aber in England unzählige solche Islandfreunde.“
12. Von Edinburg nach der Hafenstadt Leith. Der Islanddampfer „Brúarfoss“.
Auf einmal wurden wir in unserem Gespräch durch ein tiefes, lautes Tuten von der Strasse her unterbrochen.
„Es ist der Wagen, den ich für Sie bestellt habe“, sagte unser Gastgeber. „Er wird Sie nach Leith zu Ihrem isländischen Dampfer bringen.“
Wir verabschiedeten uns von der ganzen Familie und dankten herzlich für die ungemein angenehmen Stunden, die wir bei ihr zugebracht hatten.
Der Hausherr meinte: „Wenn Sie nach Island kommen, werden Sie noch besser empfangen und behandelt werden als hier bei uns.“
„Besser als bei Ihnen!“ erwiderte ich, — „das muss ich erst sehen, bevor ich es glaube.“
„Glückliche Fahrt!“ riefen die liebenswürdigen Menschen uns nach, als der Wagen davonrollte....
Unser Auto sauste in rascher Fahrt durch breite Strassen dahin, an Gärten, Plätzen und Blumenanlagen vorbei.
Viktor und ich sassen zuerst eine Weile schweigend nebeneinander und betrachteten das Stadtbild, die Häuser, die Wagen und die vielen Menschen, an denen wir vorbeifuhren.
Überall sahen wir lange Reihen von Arbeitern, die unbeweglich längs der Häuserreihen hockten und miteinander plauderten....
Es waren die Arbeitslosen ...! Davon sollten Millionen in England sein! So berichteten die Zeitungen. Und der englische Staat musste täglich alle diese Millionen, die keine Arbeit leisten konnten, weil keine da war, unterhalten und ernähren. Täglich musste die Regierung Geld an sie verteilen.
Welch ungeheure Summen flossen da unablässig aus der englischen Staatskasse an diese Millionen!
Wie konnte die Regierung diese ungeheuren Geldsummen beschaffen?
Diese Gedanken beschäftigten mich sehr und drückten mich um Englands willen. Ich dachte nicht daran, dass um ein Jahr später Deutschland, das Vaterland meines jungen Reisegefährten, in noch viel grösserem Masse unter diesem Missgeschick zu leiden haben würde!
Der englische Staat ist reich, unermesslich reich, sagten viele.
Andere meinten, dass das englische Weltreich zu Grunde gehen würde an den Arbeitslosen, die wir da in endlosen Reihen und unzähligen Gruppen vor uns sahen....
Ich warf einen Blick auf Viktor, der immer schweigend neben mir sass, aber bei seiner Jugend wohl nicht von dem gleichen Gedanken beunruhigt wurde.
„Hast du die Arbeitslosen gesehen?“ fragte ich ihn.
„Die Arbeitslosen! Nein, ich habe keine gesehen. Wo sind sie denn?“
„Schau nur einen Augenblick durch das Fenster.“
„Ah so ... die Leute da, die auf dem Trottoir beisammen stehen ...?“
„Ganz richtig! Das sind die englischen Arbeitslosen, die das reiche England vielleicht ruinieren werden....“
„Nun ja ... ich muss gestehen, ich hatte sie nicht bemerkt. ... Ich war in andern Gedanken.“
„Wahrscheinlich hast du an die ‚Brúarfoss‘ gedacht, welche uns jetzt gleich auf den grossen Atlantischen Ozean hinausbringen wird....“
„Ja, auch an die habe ich gedacht. Ich habe überhaupt an den Verlauf unserer Reise gedacht....“
Und jetzt fing Viktor an, seine frisch-fröhlichen Jungengedanken mir auseinanderzusetzen.
„Denken Sie“, sagte er, „nun sind wir kaum vier Tage auf der Reise — und haben schon so vieles gesehen ...!
Zuerst Holland bei Nacht: wie stimmungsvoll war doch die nächtliche Fahrt quer durch ganz Holland von Emmerich bis Rotterdam!
Und dann der gewaltige englische Dampfer, auf dem wir ebenfalls in dunkler Nacht vom Festland nach Harwich gefahren sind ...!
Dann aber das Wunderbarste von allem Bisherigen: unser Aufenthalt in London! Da bin ich kreuz und quer in der Riesenstadt herumgefahren, und was ich da gesehen habe, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
Nach London kam dann der ‚Flying Scotchman‘ ..., was für eine herrliche Reise durch ganz England!
Und zuletzt die Erlebnisse hier in Edinburg! Die Princes-Street, die Blumenuhr und die wirklich erstaunliche Liebenswürdigkeit der schottischen Familie in der Lauriston-Street!
Hätte wohl der Anfang unserer Reise schöner sein können?
Ich kann nur das eine Wort sagen: ‚Fabelhaft! fabelhaft! ja dreimal fabelhaft!‘“
Ja, Viktor war begeistert. Und ich freute mich über seine Begeisterung.
Ich wollte ihm etwas antworten. Er liess mich aber in seiner Erregung nicht zu Worte kommen, sondern fuhr fort:
„Und jetzt muss ich noch sagen ... ja, ich meine, ich stelle mir vor, dass das, was nun kommen wird, noch viel schöner und grossartiger sein wird als selbst dieser herrliche Anfang unserer Reise. ... Ich meine die grosse Seereise ... die lange Fahrt, Tag und Nacht, draussen auf dem unermesslichen Meer, wo die Wellen mich schaukeln werden, wie Sie von ihnen geschaukelt wurden, als Sie vor 60 Jahren, zwölf Jahre alt, Island verliessen, um auf dem kleinen ‚Valdemar von Rönne‘ in die weite Welt hinauszufahren, und wo Sie fünf Wochen lang segeln mussten, bis Sie Kopenhagen erreichten. Und das war gerade auf demselben Meer, auf welches wir jetzt im Begriffe sind hinauszufahren....
Fabelhaft ...! Jetzt gehen wir gleich an Bord auf die ‚Brúarfoss‘, die so schön sein soll! ... Ist das alles nicht fabelhaft? Meinen Sie das nicht auch ...?“
„Viktor! Ich bin ganz deiner Meinung. Unsere Reise konnte bis jetzt kaum schöner sein. Und doch glaube ich wie du, dass das Schönste erst kommen wird.“
Unaufhörlich rollte unser Wagen weiter.
„Aber“, rief Viktor plötzlich aus, „ich glaube, der Mann weiss nicht, wo die ‚Brúarfoss‘ liegt. Wir sollten ganz sicher schon lange in Leith sein. Wohin führt er uns denn?“
Der kräftige, lebhafte Junge riss das Wagenfenster auf, lehnte sich hinaus und rief dem Chauffeur in deutscher Sprache zu:
„Aber wissen Sie auch, wo die ‚Brúarfoss‘ liegt? Sie sollen uns ja nach der ‚Brúarfoss‘ fahren....“
Der Mann brachte den Wagen zum Stehen und rief: „Please, Sir, what do you want?“ („Bitte, mein Herr, was wünschen Sie?“)
Ich rief ihm auf englisch zu: „Der Junge meint, dass Sie vielleicht nicht wissen, wo die ‚Brúarfoss‘ liegt. Sie kennen doch wohl die ‚Brúarfoss‘ und wissen, wo sie liegt?“
„The Brúarfoss!“ rief uns der Schottländer zu, „ich sollte meinen, dass ich sie kenne. Die ‚Brúarfoss‘ ist das feinste Schiff im Hafen. ... Seien Sie ohne Sorge. Wir sind bald da ...“
Ich übersetzte Viktor die Antwort unseres Kutschers — und so waren wir beide beruhigt.
„Er findet schon den richtigen Weg, und er scheint die ‚Brúarfoss‘ sogar gut zu kennen“, sagte ich. „Dass sie aber das feinste Schiff im Hafen sein soll, das würde mich doch ein wenig wundern.“
„Nun ja, da hat er wohl etwas übertrieben“, meinte Viktor. „Ich bin aber doch darauf gespannt, wie unser Dampfer aussieht. ... Übrigens“, fuhr er fort, „was ist denn das? Ich sehe ja einen ganzen Wald von Masten. Wir müssen schon im Hafen sein.“
Ich warf einen Blick aus dem Fenster und entdeckte nun auch eine Menge von Schiffsmasten gerade vor uns. Wir waren also schon am Kai angelangt.
„O, da sehe ich nicht nur Masten, sondern auch die Schiffe ... und eine ganze Menge ...!“ rief Viktor kurz darauf aus. ... „Gross sind sie schon, aber schön kann ich sie gerade nicht finden.“
Er hatte recht. Die Schiffe sahen alle vernachlässigt und ziemlich schmutzig aus.
Wir versuchten vom Wagen aus unter den schwimmenden Kolossen die „Brúarfoss“ herauszufinden, aber umsonst.
Auf einmal hielt der Wagen an. Der Chauffeur drehte sich auf seinem Sitz und wandte sich zu uns zurück. Er zeigte mit der Hand nach vorne und rief uns lächelnd zu:
„Can you see the Brúarfoss? There she is!“ („Können Sie die ‚Brúarfoss‘ sehen? Dort ist sie.“)
Wir sprangen beide auf und lehnten uns aus dem Fenster hinaus. In einem Abstand von etwa 200 bis 300 Meter sahen wir einen schneeweissen Dampfer mit blauen Verzierungen. Keine andere Farben, mit Ausnahme der äussern Schiffsseiten. Nur Weiss und Blau, die Farben Islands.
Hinten am Schiff wehte die isländische Flagge, blau, weiss und rot.
„Hurra!“ riefen wir beide gleichzeitig aus. Denn hier war kein Zweifel möglich: es war unser Dampfer, die „Brúarfoss“.
„How do you like her?“ („Wie gefällt sie Ihnen?“) rief uns der Kutscher zu.
„Oh, very well! Magnificent! beautyful!“ rief Viktor, indem er einige der schönsten englischen Worte, die er kannte, zusammensuchte.
Unser Wagenlenker hatte recht: die „Brúarfoss“ war wirklich das weitaus feinste Schiff, das wir bis jetzt im Hafen gesehen hatten.
Es imponierte weniger durch seine Grösse als durch die peinliche Sauberkeit, die sich von aussen schon kundgab.
Als wir aus dem Wagen stiegen, bemerkte Viktor:
„Wir können auf unser Schiff stolz sein. Es ist zweifellos das sauberste und netteste im ganzen Hafen.“
Während wir den Chauffeur bezahlten, liefen zwei junge Matrosen aus dem Schiff über die Landungsbrücke zu uns her, grüssten mich, indem sie mir den isländischen Titel „Síra Jón“ gaben, fassten unsere Koffer und trugen sie auf das Schiff.
Nachdem wir noch einige Augenblicke die schöne „Brúarfoss“ von aussen betrachtet hatten, gingen auch wir an Bord.
Sobald wir das Deck betreten hatten, empfing uns ein isländisches Schiffsfräulein und bat uns, mit ihr hinabzusteigen.
Wir folgten ihr und wurden nun in ein blitzsauberes Zimmerchen geführt. Da sollten wir während der Überfahrt wohnen.
Dieselbe wohltuende Reinlichkeit und Sauberkeit wie oben.
„Sollte Ihnen etwas fehlen, oder sollten Sie irgend einen Wunsch haben, bitte sagen Sie es mir“, sagte nun in isländischer Sprache das junge Mädchen, indem es sich entfernte. —
Wir schauten uns die Einrichtung unserer Kabine etwas genauer an. Alles war in bester Ordnung. Auch unser Gepäck war bereits hier untergebracht.
Vergnügt, mit fröhlichem Gesicht, liess sich Viktor auf das eine Bett fallen und rieb sich die Hände.
„Jetzt aber geht’s hinaus ... auf das Atlantische Meer! — Wann fahren wir ab?“
„Nach einer Stunde. So steht es auf dem Fahrplan.“
„Gott sei Dank, dass alles bis jetzt so gut gegangen ist. Und nun haben wir das herrliche Schiff! Ich hätte es nicht im Traume gedacht, dass wir auf einem so schönen Schiff nach Island fahren würden. ... Es ist ja pickfein. Sollten wir nicht einen Rundgang machen und uns alles etwas näher ansehen?“
„Gewiss, das können wir ja tun!“
Mit einem Sprung war Viktor an der Kabinentür. Zunächst gingen wir durch den langen, mit schönen Teppichen belegten Gang, der sich nach beiden Seiten vor unserer Kabine hinzog und eine lange Reihe von Türen aufwies.
Auch hier war alles blendend weiss angestrichen, und durch zahlreiche Fenster oben an der Decke flutete helles Licht und goldener Sonnenschein in den Gang hinein.
Wir gingen an allen Türen vorbei bis zum Ende des Ganges. Hier wendete sich Viktor, der den Führer machte, nach rechts, um in einen zweiten Gang an der andern Seite des Schiffes zu kommen.
So machten wir einen Rundgang, bis wir zu unserem Ausgangspunkt zurückgekehrt waren.
Es schien also klar: hier waren alle Passagiere des Schiffes untergebracht.
Wir gingen dann nach der grossen Schiffstreppe und stiegen wieder auf das Deck hinauf.
Auch hier schauten wir uns die Einrichtungen des Dampfers mit grossem Interesse an.
13. Unsere Mitreisenden. — Viktor und die munteren dänisch-isländischen Kinder an Bord.
Hier oben wimmelte es von Menschen: Herren, Damen und Kindern. Es waren aber nicht nur die Passagiere, unsere Mitreisenden auf der Fahrt nach Island, sondern auch eine Menge Freunde und Verwandte, welche von den Islandfahrern Abschied nehmen wollten. Denn noch lag ja das Schiff im Hafen.
Das Gedränge machte es uns schwer, herumzugehen.
Die Matrosen liefen hin und her. Sie waren eifrig mit den letzten Vorbereitungen zur Abfahrt beschäftigt.
Man hörte sie kurze, abgebrochene Sätze einander zurufen.
„Was ist das für eine Sprache, die sie sprechen?“ fragte mich Viktor.
Ich horchte. ... Zu meiner Freude hörte ich, dass sie alle isländisch redeten, meine liebe Muttersprache, die schöne, ehrwürdige, altnordische Sprache! Die Sprache der Edda, der Sagas und der Skalden.
Ich sagte es Viktor. Das interessierte ihn, und er horchte nun auch mit grösster Aufmerksamkeit hin, um einige dieser seltsamen Laute sich zu merken.
Wir näherten uns einigen der Seeleute, die mit dicken Schiffstauen zu tun hatten, um einige ihrer Worte aufzufangen.
Wir brauchten nicht lange zu warten, da rief einer einem andern zu: „Komdu hingað, Árni!“
Der andere rief zurück: „Jeg gét ekki. Jeg hef annað að gera!“
„Was haben sie da gesagt?“ fragte mich Viktor.
„Komdu hingað, Árni“, antwortete ich, „bedeutet: ‚Komm hierher, Árni!‘“
„Und was hat der Árni geantwortet?“
„Er sagte: ‚Jeg gét ekki‘, das heisst: ‚Ich kann nicht!‘ ‚Jeg hef annað að gera!‘ (‚Ich habe anderes zu tun.‘)“.
Viktor wiederholte die fremden Worte so lange, bis er sie gut auswendig konnte.
Und nicht genug damit, fing er mit Hilfe dieses etwas beschränkten Wortschatzes sogleich an, mit mir isländisch zu sprechen.
Wenn er mir etwas zu sagen hatte, rief er mir zuerst zu: „Komdu hingað, Síra Jón!“ „Síra“ ist der Titel, den man in der altnordischen Sprache den Priestern gibt.
Und wenn ich ihn zu mir rief, erwiderte er lachend: „Jeg gét ekki. Jeg hef annað að gera!“
Aber nicht nur fing er sofort an, sich mit mir in der isländischen Sprache zu üben, sondern auch mit den Kindern, die wir bei unserer Ankunft auf dem Schiffe vorfanden.
Es war nämlich eine Schar Kinder an Bord, sowohl isländische als auch dänische. Lauter muntere Knaben und Mädchen. Sie kamen teils von Dänemark, teils von England und wollten alle nach Island reisen.
Als Viktor mir zum ersten Mal einen isländischen Satz zurief, lief aus der Kinderschar ein kleiner isländischer Junge zu ihm hin und fragte ihn: „Ertu Íslendingur?“ („Bist du ein Isländer?“)
Da stockte nun das Gespräch. Doch von da an wurde Viktor in die Kindergesellschaft aufgenommen, und zu meinem Erstaunen machte er rasch, ja sogar in den ersten Stunden, solche Sprachfortschritte, dass er sich mit den Kindern ohne zu grosse Schwierigkeit verständigen konnte — und zwar nicht nur in der isländischen, sondern auch in der dänischen Sprache, die doch von der isländischen sehr verschieden ist.
Diese spielende, ungewöhnliche Leichtigkeit, fremde Sprachen zu erlernen, kam mir fast wie ein Wunder vor.
Es waren noch nicht alle Passagiere angelangt. Man wartete daher auf sie, und die Abfahrt des Schiffes wurde etwas verzögert.
Während dieser Wartezeit hatte Viktor sich vollständig auf dem Dampfer eingelebt und verkehrte heiter und ungezwungen ausschliesslich mit den Kindern.
Ich liess ihn ungestört mit ihnen plaudern und spielen und ging meine eigenen Wege mitten unter den vielen Menschen, die sich auf dem Deck bewegten.
Es wurden drei Sprachen um mich herum gesprochen: Isländisch, Dänisch und Englisch.
Die meisten Passagiere waren Isländer. Doch waren auch Dänen, Engländer und Amerikaner da.
Die Amerikaner waren aber fast alle isländischer Herkunft und konnten neben ihrer englischen Muttersprache auch gut isländisch sprechen.
Ich wurde gleich mit mehreren dieser Herren bekannt und hatte grosse Freude daran, mit ihnen zu plaudern.
Sie waren ausnahmslos ausserordentlich liebenswürdig und heitern Sinnes.
So lernte ich einen netten jungen amerikanischen Arzt kennen. Wir stellten uns gegenseitig einander vor und sprachen eine Weile zusammen, und zwar in isländischer Sprache.
Er gab mir seine Karte. Darauf stand: Dr. med. Lárus Sigurdsson, Winnipeg. Manitoba. Kanada.
„Sie sind wohl in Island geboren?“ fragte ich ihn, als ich ihn so korrekt isländisch sprechen hörte.
„Nein“, sagte er. „Ich bin in Amerika geboren und habe Island noch nie gesehen. Dies ist meine erste Reise dahin.“
„Dann haben sie immer in Kanada gelebt?“ fragte ich ihn.
„Nein. Ich habe meine medizinischen Studien an der Universität von San Francisco in Kalifornien gemacht. Von Kalifornien bin ich dann nach Winnipeg in Kanada gezogen, und habe dort meine Praxis.“
„Sie freuen sich wohl sehr und sind nicht wenig gespannt darauf, die alte Saga-Insel, das Vaterland Ihrer Eltern, zum ersten Male zu sehen?“
„O ja! Ich freue mich riesig und bin gewaltig darauf gespannt“, antwortete mir der junge Amerikaner.
„Island soll in den letzten zwanzig bis dreissig Jahren enorme Fortschritte gemacht haben, in jeder Beziehung. Es soll ja jetzt schon vollständig in den Strudel der modernen Zivilisation hineingeraten sein.“
„Gewiss. Es wird behauptet, dass das isländische Volk weit grössere und durchgreifendere Fortschritte in den letzten dreissig Jahren gemacht habe als vorher in Jahrhunderten.“
„Ja, ja. Das ist eine Tatsache. Die Umwandlung ist geradezu ungeheuer. Ich war das letzte Mal in Island vor sechsunddreissig Jahren. Meine Freunde sagen mir, dass ich jetzt weder Land noch Leute wieder erkennen werde.“
Wir sprachen noch eine Weile miteinander, aber die Bewegung und das Durcheinander auf dem mit Menschen überfüllten Deck waren so gross, dass wir bald auseinandergedrängt wurden.
Man konnte überhaupt nur ganz kurze Gespräche führen wegen der Unruhe überall ringsum.
Auf einmal ertönt ein lautes Tuten vom Kamin des Schiffes her. Es wird stärker und stärker und verwandelt sich schliesslich in ein alles übertönendes Heulen: es ist das vorletzte Zeichen zur Abfahrt.
Ein Auto rollt heran. Ein Herr und eine Dame sitzen darin, auf die man anscheinend bis dahin noch gewartet hat.
Die Unruhe auf dem Deck nimmt zu. Die Gespräche werden eifriger. Man nimmt Abschied voneinander. Viele drängen sich nach den Landungsbrücken und verlassen das Schiff, um sich dann in Gruppen an dem Kai aufzustellen.
Auf dem Verdeck bleiben verhältnismässig wenige Leute zurück, etwa 50 bis 60 Herren, dazu Damen und Kinder: das sind die Passagiere, die nach Island fahren.
Matrosen und Hafenangestellte lösen die letzten dicken Taue und Ketten, mit denen der Dampfer festgebunden war. Schwarzer Rauch und Dampfwolken entströmen immer dichter den Schornsteinen.
Der Kapitän mit einem Steuermann stehen schon oben auf der Kommandobrücke, um die Abfahrt zu leiten.
Viktor und die lebhaften dänisch-isländischen Kinder haben jetzt mehr Platz. Sie laufen und tollen lachend auf dem Deck umher.
Mit grossem Interesse schaue ich mir die Vorbereitungen zur Abfahrt an.
Plötzlich aber kommt Viktor an der Spitze der Kinderschar herangestürmt, und ich befinde mich auf einmal mitten unter ihnen.
„Hjerna! hjerna!“ („Hier! hier!“), ruft Viktor den Kindern zu.
„Die Kinder wollen Sie sprechen“, meldet er mir, „sie kennen schon Ihren Namen.“
Die Kinder grüssen mich und geben mir die Hand.
„Geht ihr alle nach Island?“ frage ich sie auf dänisch.
„Ja, ja, alle.“
„Und ihr seid nicht bange vor einer so langen Reise?“
„Bange!!!“ rufen die Kinder und lachen alle laut auf. „Wovor sollten wir bange sein?“
„Ja, die Stürme und die hohen Wellen! Davor ist euch nicht bange?“
„O nein! Das ist ja gerade der grösste Spass!“
„Aber die Seekrankheit?“
„O, die fürchten wir nicht. Die geht bald vorüber.“
„Es freut mich, Kinder, dass ihr so tapfer seid.“
Ein geweckter kleiner isländischer Junge, 8 bis 9 Jahre alt, kommt näher zu mir heran und sagt:
„Ist es wahr, dass du der ‚Nonni‘ bist?“
„Es gibt so viele Nonnis. Welchen Nonni meinst du?“
„Ich meine den Nonni, der die Nonnibücher geschrieben hat.“
„Ah, wenn du den meinst, dann muss ich es bekennen: der Nonni bin ich.“
Jetzt kommen sie alle näher und drängen sich ganz dicht an mich heran.
„Ist es wirklich wahr, dass du der Nonni bist?“ fragen jetzt auf einmal mehrere der andern Kinder.
„Ja, ja, ganz sicher.“
Alle schauen mich jetzt eine Weile stillschweigend an.
Ein kleines Mädchen bricht aber bald das Stillschweigen und fragt:
„Was ist aus dem Manni geworden?“
„Ach, der Manni ist schon lange gestorben.“
„Das steht ja gedruckt in dem Buch ‚Nonni und Manni‘“ ruft tadelnd ein geweckter kleiner Junge dem Mädchen zu.
„Ach ja, jetzt erinnere ich mich“, sagt dieses.
„Und die Bogga?“ fragt eines der kleinen Mädchen.
„Auch gestorben.“
„Wie schade!“ sagen mehrere der Kinder.
„Dann sind Sie ja ganz allein zurückgeblieben und haben keine Geschwister mehr?“ fragt ein kleiner Junge.
„Ich habe noch einen Bruder.“
„Wie heisst er?“
„Fridrik.“
„Wo wohnt er?“
„In Amerika.“
Da sie mit den Fragen fertig zu sein schienen, fragte ich meinerseits die Nächststehenden:
„Aber wie habt ihr meinen Namen kennengelernt?“
„Den haben wir aus den Nonnibüchern gelernt.“
„Habt ihr denn die Nonnibücher gelesen?“
„Ja!“ kam es von allen zusammen im Chore.
„Welche Nonnibücher habt ihr gelesen?“
„Wir haben sie alle gelesen.“
„Das ist doch nicht möglich.“
„Doch! Alle!“ versichern sie energisch.
Um zu sehen, ob es auch wahr sei, fragte ich eines der grösseren Mädchen:
„Welche Nonnibücher hast du gelesen?“
„Den ‚Nonni‘, ‚Die Stadt am Meer‘, ‚Die Sonnentage‘, ‚Die Abenteuer auf den Inseln‘, ‚Auf Skipalón‘, ‚Nonni und Manni‘, ‚Aus Island‘ und dann ‚Ein Ritt durch Island‘. — Dies letzte Buch habe ich auf dänisch gelesen — die andern aber auf isländisch.“
„Ist es möglich? Das alles habt ihr gelesen! Dann kennt ihr also den Owe?“
„O ja! Das war ja der Schiffsjunge auf dem ‚Valdemar von Rönne‘.“
„Und wer kennt den Karl?“
„Ich ... ich ... ich“, kam es von allen Seiten zurück.
„Wer war denn der Karl?“
„Das war der böse Junge in Kopenhagen, mit dem Sie in der Marmorkirche gekämpft haben.“
„Ganz richtig. — Und den Emil, kennt ihr auch den?“
„Den kennen wir auch. Das war der kleine Dieb.“
„Und den Harald? Wer kennt den?“
„Der Harald! Das war der gute Junge im Neuhafen. Er hat Ihnen einen Napoleonskuchen gegeben.“
„Ich bin erstaunt, Kinder, dass ihr alles das so genau behalten habt.“
Hier wurden wir aber plötzlich unterbrochen durch ein neues Heulen der Dampfpfeife. Die Mädchen hielten sich die Ohren zu.
Als das Getöne vorüber war, bat ich die Kinder, mit ihrem Spiel fortzufahren, und so trennten wir uns denn vorläufig.
Als sie fortliefen, riefen sie mir zu: „Auf Wiedersehen, Nonni! Jetzt fahren wir aufs Meer hinaus ...“
14. Aufs Atlantische Meer hinaus. Mächtige Grundwellen.
Die grosse Dampfmaschine des Schiffes hatte ihre schwere Arbeit angefangen. Ächzend drehten sich unten im Maschinenraum die gewaltigen Räder. Der ganze Schiffskörper zitterte und bebte, indem er sich langsam vom Kai entfernte.
Ich schaute nach diesem hin. Da war alles voll von Menschen, welche mit Hüten und Taschentüchern zu uns herüber winkten.
„Gute Reise! Auf Wiedersehen! Bleiben Sie gesund!“ hörte man in verschiedenen Sprachen vom Lande her rufen.
Langsam und vorsichtig bahnte sich die „Brúarfoss“ ihren Weg aus dem Hafen hinaus, mitten durch die vielen Schiffe hindurch, die da vor Anker lagen.
Es dauerte eine geraume Zeit, bis wir aus dem Knäuel der vielen Schiffe herauskamen. Endlich aber hatten wir so viel freien Raum, dass wir etwas schneller fahren konnten. Und als zuletzt alle Hindernisse verschwunden waren, da ertönte von der Kommandobrücke her der Befehl: „Volldampf!“
Sofort setzte sich die Schiffsmaschine in volle Tätigkeit. Mit mächtiger Kraft und rasender Schnelligkeit drehten sich die grossen, stählernen Räder im Kreis. Gewaltige Hebel und Kurbeln und Kolben gingen auf und nieder und hin und her. Die Maschine raste und hämmerte wie ein wütender Titan. Es war ein ohrenbetäubendes Sausen und Knirschen.
Wie ein Spielzeug wurde das Schiff vorangetrieben, immer schneller und schneller, und vorn am Bug spritzte der schneeweisse Schaum hoch in die Luft.
„Es schneit! Es schneit!“ riefen die Kinder, indem sie nach vorne deuteten. Und sofort stürmten sie alle vorwärts in das „Schneegestöber“ hinein. Denn der hochgeschleuderte Schaum fiel Schneeflocken gleich unaufhörlich auf das Deck nieder.
Unsere grosse Meerfahrt hatte begonnen.
Nach geraumer Zeit drehte ich mich um und warf einen Blick zurück, auf Edinburg zu.
Von der Stadt war nicht mehr viel zu sehen. Und auch die Küste schien allmählich unter den Horizont hinuntertauchen zu wollen.
Vor uns war nur der Himmel zu schauen und das grosse, gewaltige Meer.
Kein Lüftchen regte sich, und die Meeresoberfläche erschien ganz glatt. Man merkte aber doch, dass das Schiff sich in regelmässigen Zwischenräumen ruhig und sanft in die Höhe hob, um dann ebenso ruhig und sanft in ein Wellental niederzusinken.
„Ob diese Ruhe wohl noch lange dauern wird?“ fragte ich einen isländischen Matrosen, der an mir vorüberging.
Er blieb einige Augenblicke stehen, warf einen forschenden Blick in die Ferne und erwiderte: „Das ist schwer zu sagen. — Übrigens ist es jetzt nicht so ganz ruhig, wie es den Anschein hat. Wir fahren über eine bewegte und unruhige Hügellandschaft.“ Dann ging er weiter.
Jetzt warf auch ich einen forschenden Blick auf das Meer und beobachtete aufmerksam die Oberfläche.
Der Matrose hatte recht. Trotz der spiegelglatten Meeresoberfläche glitten wir sozusagen über eine unruhige, wellenförmige, hügelige Landschaft dahin. Unter der Oberfläche wurde das Meer durch gewaltige, breite Grundwellen bewegt.
Unser Dampfer fuhr sehr rasch und hielt sich fortwährend gerade, ohne sich nach den Seiten zu neigen. Es war kein Schlingern da. Aber immerfort hob und senkte er sich in der Richtung der Fahrt.
Je weiter wir aufs hohe Meer hinauskamen, desto höher wurden die Wellenhügel und desto tiefer wurden die dazwischen liegenden Wellentäler.
Nachdem ich noch eine Weile auf dem Deck gestanden und das grosse, herrliche Meer betrachtet hatte, ging ich die Treppe hinunter, welche nach meiner Kabine führte. Ich wollte mich ein wenig ausruhen.
Als ich die Türe der Kabine aufmachen wollte, kam gerade das isländische Schiffsfräulein dort vorbei.
Weil ich ein paar Aufschlüsse, unter anderem über die Tagesordnung auf der „Brúarfoss“, wünschte, benützte ich die Gelegenheit, mir dieselben gleich bei dem Fräulein zu verschaffen, und redete es an.
„Wenn Sie Zeit haben, möchte ich ein paar Fragen an Sie stellen.“
„Gerne. Ich habe gut Zeit“, antwortete sie.
„Können Sie mir sagen, wo ich die Tagesordnung auf dem Schiff finden kann?“
„Sie ist leicht zu finden“, erwiderte sie; „sie hängt an der Wand gerade am Eingang zum Speisesaal.
Eigentlich gibt es aber keine andere Tagesordnung hier als nur die Ordnung für die verschiedenen Mahlzeiten. Und das ist leicht zu behalten. Es sind fünf Mahlzeiten täglich: morgens von 8 bis 10 Uhr das erste Frühstück. Um 11½ Uhr Lunch. Um 4 Uhr nachmittags Kaffee. Um 5½ Uhr Diner und um 8½ Uhr Tee.
Bei den Mahlzeiten, mit Ausnahme des Lunches und des Diners“, fügte sie hinzu, „kann jeder Reisende bestellen, was er zu haben wünscht, ohne dass der Preis erhöht wird. Nur Getränke werden extra bezahlt.“
„Fünf Mahlzeiten täglich!“ sagte ich. „Da wird aber reichlich für uns gesorgt.“
„Es ist nicht zu reichlich“, meinte sie, „denn hier im Norden zehrt die Seeluft stärker als im Süden.“
„Ist die ganze Schiffsbesatzung isländisch?“ fragte ich weiter.
„Ja, wir sind alle von Island, mit Ausnahme des Oberkellners und des ersten Maschinisten. Diese beiden sind Dänen.“
„Und wie heisst der Kapitän?“
„Julius Juliusson, und was Sie vielleicht noch mehr interessieren wird: er ist wie Sie von Akureyri.“
„Das interessiert mich allerdings sehr“, sagte ich zu ihr. „Aber woher wissen Sie, dass auch ich von Akureyri bin?“
„Das weiss doch jedermann. Es steht ja in Ihren Büchern.“
„Ich wusste nicht, dass Sie meine Bücher gelesen haben.“
„Oh, wenn man aus Island ist, kennt man Ihre Bücher!“
Ich dankte dem Schiffsfräulein für ihre Aufschlüsse und freute mich über die Verbreitung meiner Bücher auf meiner Heimatinsel.
Bevor sie mich verliess, machte sie mich noch darauf aufmerksam, dass das erste Zeichen zum Diner schon gegeben worden sei. Nach einer Viertelstunde würden alle Reisenden sich im Speisesaal einfinden.
Ich machte mich also in meiner Kabine für das Diner bereit und ging dann wieder auf Deck.
Ich warf wieder einen Blick über die Meeresfläche. Land war nirgends mehr zu sehen, mit Ausnahme der Küste Schottlands, die in weiter Ferne als schmaler dunkler Streifen eben noch über dem Meeresspiegel zu unterscheiden war.
Unermüdlich und in schneller Fahrt durchpflügte unser Dampfer die salzigen Fluten.
Während ich da stand und das Meer betrachtete, kam auf einmal die fröhliche Kinderschar vom Schiffsheck her wie ein Sturmwind herangesaust, mit Viktor an der Spitze, der sich ihnen zugesellt hatte. In einem Nu waren sie aber vorübergestürmt und vorn am Deck hinter den Rettungsbooten wieder verschwunden.
15. Ein überraschendes Wiedersehen
Ich blieb noch einige Minuten da stehen, bis das letzte Zeichen zum Diner gegeben wurde. Dann ging ich nach vorn und machte Viktor darauf aufmerksam, dass wir jetzt in den Speisesaal gehen müssten.
„Wenn wir bei Tisch zusammensitzen wollen“, sagte ich ihm, „dann ist es gut, dass wir zu gleicher Zeit in den Speisesaal eintreten.“
„Ganz recht“, sagte Viktor. „Warten Sie, bitte, ein wenig, ich will mich schnell ein bisschen in Ordnung bringen.“ Er sprang rasch die Treppe hinunter nach unserer Kabine und kam nach ein paar Minuten zurück, gewaschen, gekämmt und gebürstet.
Dann traten wir beide in den schon vollbesetzten Speisesaal hinein. Sofort kam in höflichster Weise der dänische Oberkellner auf uns zu.
„Verzeihung, Sie sind Herr Jón Svensson?“ fragte er mich.
„Ja.“
„Dann seien Sie so gut und nehmen Sie Platz dort oben neben dem Herrn Kapitän. Der Herr Kapitän hat es so bestimmt.“
Da war nichts zu machen. Ich folgte dem Oberkellner bis ans obere Tischende, wo der Kapitän mit einigen isländischen und dänischen Herren zusammensass.
Ich machte eine Verbeugung vor dem Schiffsführer. Dieser stand sofort auf, grüsste mich sehr freundlich und bat mich, neben ihm Platz zu nehmen.
Meinem jungen Reisegefährten wurde neben mir Platz angewiesen.
„Ich weiss, Sie sind Pater Jón Svensson“, redete mich freundlich lächelnd der Kapitän an. „Ich heisse Sie willkommen auf meinem Schiff und freue mich, dass Sie endlich unsere Heimatinsel besuchen wollen, nachdem man Sie so oft vergebens dorthin eingeladen hat. Ich freue mich auch ganz besonders, dass Sie gerade mit meinem Schiff hinfahren, denn wir sind engere Landsleute. Sie sind ja aus Akureyri — und dorther bin ich auch.“
Ich dankte meinem Landsmann für seine Freundlichkeit und fügte dann hinzu:
„Es ist richtig, Herr Kapitän, ich habe in Akureyri gewohnt. Ich war drei Jahre dort. Von 1867 bis 1870. Ich bin aber nicht dort geboren. Meine Geburtsstätte ist Mödruvellir. Dort habe ich die ersten neun Jahre meines Lebens zugebracht.“
„Ich weiss es“, sagte der Kapitän, „aber Mödruvellir liegt so nah bei Akureyri, dass wir uns doch als engere Landsleute betrachten können.“
„Gewiss können wir das“, stimmte ich dem freundlichen Herrn bei.
Jetzt musste ich auch Viktor vorstellen; denn, indem er ihn anschaute, fragte der Kapitän:
„Dieser Junge ist wohl Ihr Reisebegleiter? Woher ist er?“
„Er ist ein Deutscher, Herr Kapitän, aber kein Norddeutscher, sondern ein echter Süddeutscher. Er ist aus dem sonnigen Süden, und zwar aus dem wunderschönen und fruchtbaren Lande der Schwaben, wo auch ein guter Wein wächst, wo die Menschen viel lebhafter und heiterer sind als in unsern nördlichen Gegenden.“
„Es freut mich“, sagte der Kapitän, „dass Sie einen so liebenswürdigen Reisebegleiter bei sich haben, und ich hoffe, dass, obwohl er aus dem sonnigen Süden ist, der hohe Norden ihm doch nicht missfallen wird.“
Hiernach stellte uns der Kapitän den Herren vor, welche uns am nächsten sassen.
Bei dieser Vorstellung sollte mir eine ausserordentlich angenehme Überraschung zuteil werden.
Es sass nämlich mir gegenüber ein netter und sehr sympathisch aussehender isländischer Herr.
Gerade bevor er mir vorgestellt werden sollte, redete er mich selber an:
„Herr Jón Svensson“, sagte er, „wir haben uns schon einmal gesehen. Können Sie sich vielleicht noch erinnern, wo und wann das war?“
Ich schaute den stattlichen Herrn aufmerksam an, konnte mich aber trotz des besten Willens nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben.
Er bemerkte meine Verlegenheit und sagte lächelnd:
„Ich kann sehr gut begreifen, dass Sie sich nicht mehr an unsere Begegnung erinnern. Es ist nämlich recht lange her, dass wir uns sahen; auch war ich damals nicht ganz so gross wie jetzt“, fügte er lächelnd hinzu.
„Wie lange ist es her?“ fragte ich.
„O, es mögen ungefähr siebenunddreissig Jahre sein“, erwiderte er.
„Also zur Zeit meiner letzten Islandreise im Jahre 1894“, bemerkte ich.
„Ja, gerade damals“, sagte er. Und nun erzählte er den ganzen Vorgang.
„Mein Name ist Rafnar. Mein Vater war Pfarrer auf dem Pfarrhof Hrafnagil, in dem Eyjafjördur, südlich von Akureyri. Als ich noch ein kleiner Junge war, kaum neun Jahre alt, ritt ich eines Tages, im Sommer 1894, mit meinem Vater von Hrafnagil nach Akureyri. Auf dem Wege begegneten wir Ihnen. Sie ritten südwärts mit einem dänischen Jungen, dem kleinen Frederik, Sohn des Professors Troels Lund aus Kopenhagen. Ihr Reiseführer war Ihr alter Freund Gunnar Einarsson. Als wir uns begegneten, machten wir alle einen kurzen Halt und sprachen einige Worte miteinander.“
„Ah, jetzt kann ich mich sehr gut erinnern“, unterbrach ich Herrn Rafnar. „Ich sehe Sie noch klar und genau vor mir, wie Sie damals zu Pferd sassen, neben ihrem Herrn Vater. Sie hatten lange, weisse Strümpfe an, die über den Beinkleidern bis über die Kniee hinaufgezogen waren. Dann erinnere ich mich noch ganz gut, dass ausser Ihnen ein zweiter Junge dabei war. Er war ungefähr so gross wie Sie und ganz gleich angezogen ...“
„Sie müssen doch ein ausgezeichnetes Gedächtnis haben“, versetzte Herr Rafnar, „denn alles, was Sie sagen, passt genau. Der andere Junge war mein Bruder, der jetzt Oberarzt im Sanatorium von Kristnes im Eyjafjördur ist.“
Die übrigen Tischgenossen wunderten sich über diese eigentümliche Begegnung und das beiderseitige Wiedererkennen auf dem isländischen Dampfer „Brúarfoss“.
Das Tischgespräch wurde immer gemütlicher und heiterer. Herr Rafnar musste mir noch einiges aus seinem Leben weitererzählen.
Er hatte seine Ausbildung in Island und Dänemark erhalten und war jetzt Direktor einer bedeutenden isländischen Handelsgesellschaft — mit Wohnsitz in Kopenhagen.
Endlich verabschiedete ich mich von den freundlichen Herren der Tischgesellschaft, um mir nun auch die Gelegenheit zu verschaffen, meinen eigenen Gedanken und Eindrücken nachzugehen und ein wenig allein mit mir selber zu sein. Viktor hatte sich schon längst wieder in die Gesellschaft der Kinder begeben.
16. Herrliche Meerfahrt. Ein Gespräch über die Fortschritte Islands.
Nach einer Weile bekam ich Lust, die Einrichtungen des Schiffes mir noch einmal anzusehen. Ich machte daher einen Rundgang durch die unteren Räume.
Der Speisesaal, die kleinen Salons und die Gesellschaftsräume, die Gänge, die Kabinen, der Maschinenraum ... alles war vollkommen modern eingerichtet. Ja es war alles so modern, dass darüber eigentlich gar nichts Besonderes zu berichten ist. Alles bequem, zweckmässig und elegant — genau so, wie es heute auf allen Dampfern dieser Art üblich ist. Von einer speziell isländischen Eigenart war nirgendwo auch nur das Geringste zu sehen.
Ich war wenig darüber erstaunt. Denn ich wusste, dass die alte Sagainsel, das Wunderland am Polarkreis, gerade jetzt daran war, ganz modern zu werden.
Ich verliess die unteren Räume und begab mich nach oben auf Deck.
Es war ein herrliches Wetter, alles in hellem, lindem, warmem Sonnenschein gebadet.
Ich stellte mich an die Reling, das Schiffsgeländer, und liess wieder meine Blicke über die unermessliche Meeresfläche schweifen.
Das Land war jetzt vollständig verschwunden. Es war nichts anderes mehr zu sehen als nur das Meer und der azurblaue Himmel, der sich darüber wölbte. Das und das Schiff sollte nun für eine geraume Zeit unsere Welt sein.
Wie klein fühlt sich der Mensch inmitten so grosser Umgebung!
Auf der unendlichen Wasserfläche waren da und dort dunkle sowie auch helle Punkte sichtbar. Es waren Schiffe, die wie wir auf der Fahrt waren, irgendwohin nach fernen Städten und Landen.
Die dunklen Punkte waren Dampfer. Über ihnen schwebten in leichten Linien dunkle Rauchwolken, wie sie auch aus den beiden blau-weissen Schornsteinen der „Brúarfoss“ unaufhörlich hoch in die Luft hinaufqualmten.
Die hellen Punkte aber sahen viel schöner aus — ähnlich wie Möwen, die hart über den Meeresfluten dahinschweben. Das waren Segler, grosse und kleine. Diese nahmen meine Aufmerksamkeit noch viel mehr gefangen als die andern, denn sie erinnerten mich lebhaft an die herrlichen Fahrten, die ich gerade mit solchen Segelschiffen in meiner Jugend gemacht hatte, und zwar in eben diesen Gewässern und auf dieser Strecke, auf der wir uns jetzt befanden.
Auf einmal, während ich in Betrachtung vertieft so dastand, legte sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter.
Ich wandte mich rasch um.
Hinter mir stand ein junger Herr, mit dem ich zwar noch nicht gesprochen, den ich aber doch unten im Speisesaal während des Mittagsmahles an einem der etwas entfernteren Tische gesehen hatte.
Er schaute mich mit einem vertraulichen Lächeln an und sagte:
„Verzeihen Sie, wenn ich Sie störe. Ich wollte mich Ihnen nur vorstellen als einen eifrigen und sehr interessierten Leser Ihres Buches ‚Nonni‘!“
„Nonni!“ rief ich überrascht aus. „Sie haben mein Buch ‚Nonni‘ gelesen?“
„Ja, gewiss, ich habe es vor kurzem gelesen — und zwar gerade wegen meiner bevorstehenden Islandreise. — In dem Buch wird erzählt, dass Nonni als zwölfjähriger Junge diese Reise gemacht hat. Und nun habe ich soeben gehört, dass der Nonni selber hier an Bord sei, und dass Sie es sind. Da bekam ich Lust, mit Ihnen einige Augenblicke zu sprechen und mich über die Reise zu informieren. Es ist nämlich das erste Mal, dass ich nach Island reise.“
„Ich fürchte, mein Herr, dass Sie aus meiner damaligen Reise nur sehr wenig für Ihre jetzige Islandfahrt lernen können. Denn es ist lange her, dass ich die Reise gemacht habe, die ich in dem Buch beschreibe. Damals waren aber die Umstände und alle Reisebedingungen ganz anders als jetzt.“
„Ich habe aber doch schon vieles aus Ihrem Buch für diese Reise gelernt.“
„Nun, es freut mich, wenn das der Fall ist. Aber, wie gesagt, unsere jetzige Islandreise geht ganz anders vor sich als die meinige damals. Damals zum Beispiel, um nur eines zu nennen, brauchte ich fünf Wochen, um von Island nach Dänemark zu gelangen. Wir aber werden kaum fünf Tage gebrauchen, um von Schottland aus Island zu erreichen.
Und wie verschieden waren die Schiffe damals, und wie ganz anders war die Verpflegung!
Damals machte ich die Reise auf einem winzig kleinen Segelschiff und war während der Stürme in der Kajüte des Kapitäns eingesperrt. Hier aber auf der vielmals grösseren ‚Brúarfoss‘ haben wir alle Bequemlichkeiten, die wir uns nur wünschen können.
Damals war ich während der ganzen Reise von der übrigen Welt vollständig abgeschlossen. Hier aber auf der ‚Brúarfoss‘ erfahren wir täglich durch drahtlose Telegraphie das Neue aus der ganzen Welt.
Damals gerieten wir auf dem kleinen ‚Valdemar von Rönne‘ plötzlich und unvorbereitet in die fürchterlichsten Stürme hinein. Hier aber auf der ‚Brúarfoss‘ wissen wir durch telegraphische Nachrichten ganz genau, was für Wetter zu erwarten ist rund um uns herum, und können zeitig alle nötigen Massnahmen treffen.“
„Sie haben recht“, sagte der junge Herr. „Ihre damalige Reise kann mit der heutigen nicht verglichen werden. Aber die Verhältnisse auf der Insel Island sind wohl einigermassen dieselben wie damals?“
„Die Verhältnisse auf der Insel Island!“ rief ich aus. — „Was das angeht, so ist es ganz natürlich, dass Sie meinen, auf Island sei jetzt noch alles ungefähr wie vor sechzig Jahren. Das meinen fast alle Fremden, die nach Island kommen. Die Wahrheit aber ist, dass sich auf Island in den letzten zwanzig bis dreissig Jahren alles vollständig geändert hat. Eine geradezu erstaunliche Umwälzung sozusagen aller Verhältnisse ist dort in kürzester Zeit vor sich gegangen. Ja, diese Umwälzung ist so gross, dass man sie kaum begreifen kann. Ich will ihnen nur ein paar Punkte anführen:
Als ich noch in Island lebte, gab es kein anderes Beförderungsmittel als das Pferd. Alle Reisen wurden zu Pferd gemacht. Es gab keine Wagen, alle Waren wurden auf dem Pferderücken transportiert. Fahrwege, Landstrassen waren unbekannte Dinge. Nicht eine Elle Fahrweg gab es damals auf ganz Island, — nur schmale Pfade, auf denen die Pferde liefen....
Und jetzt? Ein paar tausend Kilometer Autostrassen sind in den letzten Jahren gebaut worden. Und auf diesen Strassen sausen Tausende von erstklassigen Autos kreuz und quer über die ganze Insel.
Damals war das ganze Volk arm. Handel und Industrie gab es kaum. Im Meer um die Insel herum wimmelt es von Fischen. Es ist dort das reichste Fischgebiet der Welt. Da die Isländer aber keine Schiffe besassen, konnten sie keine Hochseefischerei treiben. Nur Fremde, hauptsächlich Franzosen, holten sich jedes Jahr Fische im Werte von vielen Millionen aus dem isländischen Meergebiet heraus.
In den letzten Jahren hat das sich total geändert. Die Isländer haben sich eine vortreffliche moderne Fischereiflotte verschafft, grosse Dampfschiffe, und fischen nun selber so eifrig und geschickt, dass sie jährlich ungefähr 100 Millionen Mark durch die Fischerei allein verdienen.
Und so könnte man fortfahren ins Unendliche.“
„Dann ist das Land also gänzlich modernisiert?“
„Ja, das kann man wohl sagen, — oder wenigstens steht es mittendrin, es zu werden.“
„Dann wird es besonders für Sie, der die früheren Zustände auf der Insel so gut kannte, höchst interessant sein, die grossen Veränderungen und die Umwandlung aller Verhältnisse nun mit eigenen Augen zu sehen.“
„Darin haben Sie recht, mein Herr, und ich bin sehr gespannt auf all das Neue, das ich bald auf meiner Heimatinsel zu sehen bekommen werde.
Übrigens, wie schon gesagt, ist die Modernisierung des Volkes und des Landes noch lange nicht fertig, — und gerade das ist das Eigenartige dabei. Was wir dort sehen werden, ist eine höchst eigentümliche Gärung. Überall wird man das Alte neben dem Neuen sehen. Uralte Bauernhöfe neben stattlichen, ganz modernen ‚Farmen‘, kleine Hütten und Häuschen neben grossen, schönen, modernen Bauten; Bauersleute, Männer, Frauen und Kinder, in uralten normannischen Trachten, neben Leuten, die sich nach der neuesten Pariser Mode kleiden. Die alte und die neue Zeit sieht man da nebeneinander, Seite an Seite.“
„Alles das wird sicher höchst interessant sein. Sie werden wohl die Städte und Orte besuchen, wo Sie früher als Kind lebten, und die ich nun auch aus Ihrem Buche einigermassen kenne, wie z. B. die Hafenstadt Akureyri, Mödruvellir, den Eyjafjördur und so vieles andere.“
„Gewiss werde ich das. Ich werde vor allem einen Besuch machen auf dem Hofe Mödruvellir, wo ich geboren bin, dann auf Skipalón, wohin ich oft, namentlich zu Weihnachten, als Kind eingeladen wurde, und an vielen andern Stätten, die mir aus meiner Kindheit bekannt und teuer sind. Oh, ich werde mich dort an meinen herrlichen, sonnigen Iugenderinnerungen erfreuen und förmlich darin schwelgen!“
„Und dann auch wieder jung werden“, fügte der freundliche Herr lächelnd hinzu.
„Ja, das hoffe ich“, erwiderte ich ihm. „Ich glaube, dass ich nach dieser Reise bedeutend jünger und frischer sein werde, als ich vorher war.“
Wir fuhren noch eine Weile mit unserem Gespräch fort, bis schliesslich ein kräftiges Läuten zum Tee unserer Unterredung ein Ende machte.
Бесплатный фрагмент закончился.
