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Titelseite

Johannes Wally

Absprunghöhen

Erzählungen

Leykam

Widmung

Für Sandra

Zitat

Have you ever felt that you had a vocation?

(James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man)

Kultaseni

Kirsti brauchte eine Wohnung, und so gab ich eine Annonce in der Kronenzeitung auf: „Junge Unternehmensberaterin sucht Wohnung, 50-70 m2, gute Verkehrs­anbindung, gerne auch Balkon.“ Eigentlich war Kirsti keine Unternehmensberaterin. Sie arbeitete beim Bundesamt für Statistik in Wiesbaden und erstellte dort die Todesursachenstatistik. Aber das konnte man nicht in eine Annonce schreiben. Wer vermietete schon gerne eine Wohnung an jemanden, der über Todesursachen Buch führt? So fragte zumindest Kirsti, und mein Argument, sie müsse ja nicht sagen, wo oder worüber sie Statistiken führe, wischte sie mit einer Handbewegung weg. Entweder eine ganze Lüge oder keine. Also machten wir aus ihr eine Unternehmensberaterin. Der Rest stimmte allerdings. Besonders der Teil mit dem Balkon.

Die Annonce erschien an einem klirrend kalten Samstag im Jänner, an dem wir bereits um sieben Uhr früh auf den Beinen waren, denn wir hatten ein dichtes Programm vor uns: Termine für fünf Wohnungsbesichtigungen waren vereinbart und vielleicht meldete sich noch jemand auf die Annonce hin. Und tatsächlich, als wir unseren zweiten Besichtigungstermin absolviert hatten, läutete mein Handy. Eine Frauenstimme fragte: „Sie suchen eine Wohnung?“

„Ja. Also, eigentlich meine Freundin.“

„Das trifft sich gut!“ Die Frau am anderen Ende der Leitung schien sich zu freuen. „Ich suche nämlich einen Nachmieter oder eine Nachmieterin!“

„Sie haben die Annonce gelesen?“

„Ja. Es wird Ihnen gefallen. Die Wohnung ist 70 m2 groß, es gibt einen Balkon, und die U2 ist auch gleich in der Nähe.“

„Wie hoch ist die Monatsmiete?“

„600 €.“

„Wirklich!“ Ich zwinkerte Kirsti, die mich fragend ansah, zu. Ich hatte so meine Zweifel gehabt, ob die Annonce mehr als nur hinausgeworfenes Geld war, aber offensichtlich hatte ich mich getäuscht. „Wann können wir die Wohnung ansehen?“

„Ich habe den ganzen Tag Zeit. Wenn Sie wollen, gleich.“

Es war zehn Uhr Vormittag und der nächste Besichtigungstermin war erst für zwei Uhr nachmittags angesetzt. Wir hatten also Zeit. Die Frau gab mir die Adresse, und wir fuhren los.

Wir waren uns vor einem halben Jahr im Hotel Braunsbergerhof begegnet. Unser gemeinsames Hobby, das Aquarell-Malen, brachte uns zusammen. Der ehemalige Architekt und nun freischaffende Maler Ulli Breiten­furter hielt einen Workshop mit dem Titel „Malen und Wandern in Südtirol“. Ich war alleine, schon seit zwei Jahren, und ein Seminar schien mir eine gute Gelegenheit, jemanden kennenzulernen oder zumindest einen schönen Urlaub zu verbringen. Am ersten Abend fand auf der Hotelterrasse ein Sektempfang für die Seminarteilnehmer statt, und Kirsti fragte mich, wie spät es sei. Als ich nicht sofort antwortete, ergriff sie mein linkes Handgelenk, hob und drehte es gleichzeitig, sodass sie das Ziffernblatt meiner Uhr sehen konnte. Ihr Vater sei Finne, ihre Mutter Berlinerin. Deswegen ihre direkte Art, erklärte Kirsti, als sie meinen überraschten Blick bemerkte. Außerdem sei sie eine starke Frau, die gerne Grenzen überschreite. Deswegen brauche sie auch einen starken Mann, der ihr gelegentlich Grenzen ziehe. Sie sah mich herausfordernd an, lächelte dann bezaubernd und ließ mein Handgelenk wieder los. Sie liebte das Malen, weil es die dritte ihrer vier Sprachen war: Da gab es die Sprachen-Sprache wie Finnisch oder Deutsch. Es gab die Statistik-Sprache mit all den Formeln und Vorzeichen. Es gab die Farb-und-Pinsel-Sprache. Die Sprache der Freude, der Welterkundung. Und es gab die Numerologie. Die Sprache der Wahrheit. Kundig, wie Kirsti darin war, errechnete sie, kaum dass sie mein Geburtsdatum kannte, meine Persönlichkeit. Ich sei eine Ziffer sieben. Der klassische Beobachter und Analytiker, ein Einzelgänger. Aber trifft so jemand seinen wahren Widerpart, ist es für immer. Dabei zog sie die Augenbrauen hoch. Später, als sie mir von ihrem Beruf erzählte, fragte ich sie, ob sich aus den Statistiken, die sie erstellte, auch Botschaften abseits gesundheitspolitischer Aussagen herauslesen ließen. Ob sich aus dem Todesdatum ein Weg in ein Leben danach errechnen ließe, in einen Himmel oder in einen neuen Körper; oder ob generell Koeffizienten und Regressionsanalysen mehr als nur eine statistische Annäherung an eine materielle Wirklichkeit seien. „Sei nicht dumm“, erwiderte Kirsti, „das sind zwei Paar Schuhe.“ Dabei tippte sie mir scherzend auf die Nase.

Für ein halbes Jahr besuchten wir uns im wöchentlichen Abstand. Einmal fuhr ich nach Wiesbaden, einmal kam Kirsti nach Wien. Mir machten die Zugfahrten nichts aus. Am Freitag-, oder manchmal, wenn es sich einrichten ließ, schon am Donnerstagabend, stieg ich in den Zug und kam frühmorgens in Frankfurt an. Dann nahm ich die Schnellbahn und stieg 40 Minuten später in Wiesbaden aus. Dort erwartete mich Kirsti und richtete mir jedes Mal den Kragen meiner Jacke, denn dieser war vom Schlafen im Zug verdreht. Ich hätte auch nach Frankfurt fliegen können, manchmal wäre das sogar billiger gewesen, aber ich fuhr immer mit der Bahn. Im Liegewagen durch die Nacht zu fahren: unerkannt vorbei an Häusern, Bäumen und Menschen, die nicht wissen, dass du an ihnen vorbeigefahren bist, und die morgen noch immer in ihrem Leben, in ihren Häusern, neben ihren Bäumen und Menschen sein werden, während du bereits ganz woanders bist. Das war für mich Abenteuer. Das war für mich Freiheit. Als ich das Kirsti erzählte, malte sie mir ein Aquarell mit einem ungewöhnlichen Motiv: eine Detailansicht des Triebwerks einer Dampflokomotive. Hebel, Kurbeln, Exzenter. Messingfarbene Gelenke vor roten Rädern. Dampf steigt auf, die Räder sind im Begriff sich in Bewegung zu setzen. Das Bild ist gegensätzlich. Das Motiv wird durch die Maltechnik kontrastiert. Aber das passte zu Kirsti, und ich war sehr verliebt.

Und nun wollte Kirsti nach Wien ziehen. Ihr Job, so sicher er auch war, gefiel ihr nicht, und Wiesbaden war nicht die Stadt, in der sie alt werden wollte. Außerdem war eine Fernbeziehung auf Dauer nur schwer zu machen. Wir wollten beisammen sein, und Kirsti hatte mehr Gründe ihren Wohnort zu verlassen als zu bleiben. Zusammenziehen wollten wir aber doch nicht gleich. Schritt für Schritt. Das war ihre Devise, immerhin war sie ihres Vaters Tochter und der war ein strenggläubiger Lutheraner.

Die Wohnung lag in einem Jugendstilhaus, das trotz bzw. gerade wegen des vernachlässigten Stiegenhauses einen gewissen Charme hatte. Bei der Türnummer 11 klingelten wir. Eine attraktive, etwas überschminkte Frau in einem seidenen Morgenmantel öffnete uns die Tür. „Elisabeth Kainz“, stellte sie sich vor und streckte erst Kirsti, dann mir die Hand hin: „Kommen Sie weiter!“

Die Wohnung bestand aus Küche, Toilette und Badezimmer, zwei großen Wohnräumen und einem kleinen Schlafzimmer. Für einen Altbau im 2. Bezirk war die Wohnung überaus platzsparend konzipiert. Es gab keine großen Vorzimmer und keine Dienstbotengänge; auch waren die Zimmer nicht allesamt durch Türen verbunden. Frau Kainz führte uns in das Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Dort lag eine zusammengeknüllte Decke, und auf dem Tisch stand ein eben geleerter Aschenbecher so, dass er bequem von der Couch aus erreicht werden konnte. „Sie müssen entschuldigen“, sagte Frau Kainz, „aber ich schlafe seit einigen Wochen im Wohnzimmer. In das Schlafzimmer gehe ich nicht mehr. Wegen meines Freundes, wissen Sie. Aber sehen Sie sich ruhig um!“

Kirsti hatte auf ihre Einladung gar nicht erst gewartet und inspizierte bereits die Räume. Die Wohnung war geschmackvoll eingerichtet, modern, wobei alle Möbel demselben Design folgten und ausschließlich gerade Linien und harte Winkel aufwiesen. Die Kücheneinrichtung war ebenfalls neu, neben dem Kühlschrank standen zwei leere Weinflaschen, in der Spüle lagen zwei Weingläser, eines davon zerbrochen. Im Schlafzimmer hing ein kubistisches Bild einer Städtelandschaft und im Arbeitszimmer die gut einen Quadratmeter messende Frontalansicht einer mit Ölfarben gemalten Wespe. Es war ein eindrucksvolles Bild, mir machte es Angst, aber Kirsti war begeistert. Als wir schließlich am Balkon standen und in den Augarten sahen, stand ihre Entscheidung fest: Diese Wohnung musste es sein.

Wir setzten uns zu Frau Kainz. „Die Wohnung ist toll“, sagte Kirsti, „auch wie sie angelegt ist!“ Frau Kainz lächelte. Eigentlich sei diese Wohnung nur ein Teil einer viel größeren Altbauwohnung gewesen, aber in den Siebzigerjahren sei die Wohnung aufgeteilt worden. Sie selber lebe schon seit fünf Jahren hier, und immer habe sie sich wohl gefühlt. Aber jetzt würde sie nichts mehr hier halten. Sie schlafe ja auch nicht mehr im Schlafzimmer, sondern im Wohnzimmer. Sie zuckte mit den Schultern, lächelte traurig, dann sagte sie: „Seitdem das mit meinem Freund passiert ist, will ich weg. Mein Leben ändern. Und da habe ich heute die Zeitung aufgeschlagen und gedacht, vielleicht passiert heute etwas. Und tatsächlich: Da war Ihre Annonce. Ich habe sofort angerufen.“

Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. Kirsti schon: „Was ist denn mit Ihrem Freund?“

„Verunglückt ist er. Bungeejumping. Vor zwei Monaten.“

Jetzt schwiegen wir alle.

Schließlich sagte Frau Kainz: „Also die Wohnung gefällt Ihnen?“ Wir nickten und Kirsti erwiderte: „Die beiden Bilder! Die sind großartig! Würden Sie mir die dalassen?“ Ich zuckte zusammen, so dreist kam mir die Frage vor. Frau Kainz schüttelte den Kopf. Dann aber neigte sie den Kopf abwägend von einer Schulter zur andern und hob schließlich zustimmend die Hände: „Mein Freund hat sie gemalt. Aber was soll ich noch damit … Nur: Schenken kann ich sie Ihnen nicht!“ Kirsti hob abwehrend die Hände. Frau Kainz nahm eine Zigarette und hielt uns das Päckchen hin. Wir lehnten dankend ab. Das Feuerzeug funktionierte nicht, und so stand Frau Kainz auf, um sich aus dem Arbeitszimmer ein neues Feuerzeug zu holen. Vor der Zimmertür blieb sie mit der Hand auf der Türklinke stehen. Ohne die Tür zu öffnen, verharrte sie für vielleicht zehn oder fünfzehn Sekunden, vielleicht auch länger, den Blick abwesend auf den Boden gerichtet. Dann erst trat sie ein. Als sie wiederkam und die Zigarette endlich angesteckt war, war jedoch von irgendeiner Irritation nichts zu merken. Kurz entschlossen sprach ich sie auf die Miete an: Ob sich diese im Falle einer Neuvermietung nicht erhöhen würde. Da machte Frau Kainz ein schlaues Gesicht: „Den Wohnungsbesitzer kenne ich gut. Überlassen Sie das nur mir.“ Wir vereinbarten, am Donnerstagabend wiederzukommen, um die Übergabemodalitäten zu klären. Dann, so Frau Kainz, könne sie uns auch schon mehr zur Miete sagen. Auch könnten wir dann besprechen, ob wir Möbel übernehmen wollten und wie hoch die Ablöse sei. Auch zum Kaufpreis der Bilder könne sie dann schon Näheres sagen.

Wir sahen uns noch die anderen Wohnungen an, aber für Kirsti stand es bereits fest: Die Wohnung von Frau Kainz musste es sein. „Schreckt dich die Geschichte vom Unglück ihres Freundes nicht ab?“ Kirsti zuckte mit den Achseln: „Statistisch gesehen ist der Tod ein einmaliges Ereignis in der Lebensspanne eines jeden Menschen!“ Nein, sie würde einfach eine Wohnung von einer Frau übernehmen, die diese Wohnung geliebt hatte und die nun einen Neuanfang suche. Das war doch etwas Schönes. Und überhaupt, sie glaube zwar an alles Mögliche, aber nicht an Gespenster. Dabei sah sie mich mit einer Mischung aus Triumph und Selbstironie an, und ich umarmte sie und wir tanzten ein paar Takte Walzer auf dem Gehsteig. Sie freute sich so und ich freute mich, sie so glücklich zu sehen. Mir gefiel die Wohnung auch gut, aber ich bin da nicht so heikel, und ich stellte mir vor, wie wir abends auf dem Balkon sitzen würden, ein Glas Wein in der Hand, während der Himmel dämmrig wird und das Dämmerlicht selbst die Flaktürme weich erscheinen lässt.

Als wir am Abend in meiner Garçonnière im Bett lagen und uns müde, aber zufrieden aneinanderschmiegten, hob Kirsti plötzlich ihr Gesicht und wurde nachdenklich. Hoffentlich würde nicht alles zu teuer werden. Ob sie genug Geld für die Ablöse, die Bilder und womöglich die Kaution hätte? Und was, wenn die Miete teurer als 600 € sein würde? Jetzt einen Kredit aufnehmen, wo sie doch kündigen wollte, würde schwierig werden. Sie müsse ja noch ihre Sachen von Wiesbaden nach Wien bringen. Auch das koste Geld. Sie schmiegte sich wieder an, und obwohl sie nichts mehr sagte, wusste ich, dass sie Angst hatte. Angst davor, dass etwas zu schön ist, um wahr zu sein. Angst davor, dass sich eine Möglichkeit als Verheißung tarnt und als Enttäuschung entpuppt. Ich legte meinen Arm fester um sie. Vor ein paar Jahren hatte ich in einen Immobilienfonds investiert, der nach wie vor ganz passable Renditen machte. Der Vertrag lief zwar noch über zwei Jahre, doch ich hatte schon einige Zeit mit dem Gedanken gespielt, meine Anteile zu verkaufen. Ich schlug Kirsti vor, ihr, wenn notwendig, Geld zu borgen. Sie könne es mir ja zurückzahlen, sobald sie einen Job hatte. Und beim Übersiedeln würde ich ihr sowieso helfen. Kirsti küsste mich auf die Wange. Dann murmelte sie jenen Kosenamen, mit dem sie ihr Vater gerufen hatte, als sie klein war, und den sie, hin und wieder, gemäß einem für mich nicht durchschaubaren Muster, auch für mich bereithielt. Kultaseni. Vier Mal hatte sie mich, seitdem wir uns kannten, so genannt. Mein kleines Gold.

Die nächsten Tage war ich nur Kultaseni. Kultaseni, komm her, Kultaseni, schau dir das an. Manchmal, z. B. als sie mich auf der Aussichtsterrasse am Leopoldsberg fotografierte, war ich auch einfach nur Gold. „Kulta“, rief Kirsti, „jetzt lächle doch einmal!“ Ich hatte mir eine Woche freigenommen, und wir unternahmen ausgedehnte Spaziergänge durch den verschneiten Wienerwald und wurden nicht müde uns zu erzählen, wie schön alles werden würde. Das Wetter war kalt, aber sonnig, und nach unseren Spaziergängen wärmten wir uns bei einer Leberknödelsuppe auf, und abends massierte ich Kirstis Fußsohlen und schlief an ihre Schulter geschmiegt und in den Schlaf gestreichelt ein. Es waren fünf Tage wie in einer anderen Welt. Als ob Kirstis Kosename die Welt verändert hätte. Ich habe unlängst, angesteckt von Kirstis Interesse, versucht, aus der Quersumme der Datumsangaben dieser fünf Tage einen Grund für die Besonderheit dieser Zeit herauszulesen. Warum alles so einfach, so intensiv und dennoch so unbeschwert war. Diese Frage müsste man eigentlich Kirsti stellen, damals aber dachte ich nicht daran, denn ich war glücklich und brauchte keine Erklärung.

Und dann kam der Donnerstag. Das Treffen mit Frau Kainz war für 18:30 Uhr ausgemacht. Kirsti war voller Vorfreude, aber auch Anspannung, und auch ich fühlte so etwas wie Reisefieber, ein bisschen so, wie ich mich immer kurz vor der Abfahrt des Zuges nach Frankfurt gefühlt hatte. In Erwartung, dass sich die Räder jeden Moment in Bewegung setzen würden.

Wir läuteten an der Wohnungstür, und ich war über die Schritte, die man hörte, als sich Frau Kainz der Tür näherte, überrascht. Ihr Gang war anders als in meiner Erinnerung. Die Schritte waren schwerer und die Schrittfrequenz geringer. Es war auch nicht Frau Kainz, die uns die Tür öffnete. Ein Mann, etwa Anfang fünfzig, stand vor uns. Er war barfuß, trug eine Jeans und ein offenes Hemd. Sein dünnes Haar hatte er mit Gel nach hinten gekämmt, er war kräftig gebaut und sah uns abweisend an: „Was wollt ihr?“

„Wir haben einen Termin mit Frau Kainz, wegen der Wohnung?“

„Wie bitte?“

„Wegen der Wohnungsübernahme.“

„Gibt’s nicht.“

„Doch. Wir haben am Samstagvormittag mit ihr gesprochen. Es war eigentlich alles abgemacht, wir wollten nur mehr die Details klären.“

„Gibt’s nicht.“

„Was heißt, gibt’s nicht?“, wiederholte ich ärgerlich, da packte mich der Mann am Schal und presste mich gegen den Türstock. Kirsti schrie laut auf und wollte den Mann hindern, doch er versetzte ihr mit der freien Hand einen Stoß, dass sie zurücktaumelte. Der Mann schien etwas sagen zu wollen, doch er wurde von Frau Kainz unterbrochen. Sie war inzwischen ins Vorzimmer gekommen, nicht dass ich das sehen konnte, denn ich war viel zu sehr damit beschäftigt, Luft zu kriegen, auch konnte ich nicht anders als den Mann anzustarren, doch ich hörte Frau Kainz schreien. Raus oder ich hole die Polizei. Raus oder ich hole die Polizei. Raus oder ich hole die Polizei. Sie war offensichtlich betrunken. Mit einem geübten Griff stieß mich der Mann in den Gang hinaus: „Kommt nie wieder.“ Er schloss die Tür und ein Klatschen war zu hören. Dann war Ruhe. Kirsti nahm mich bei der Hand: „Komm, gehen wir!“

Kirsti blieb noch eine Woche bei mir, aber es war nicht mehr dasselbe. Ich schlug ihr vor, noch weitere Wohnungen anzusehen, aber Kirsti hatte keine Lust. Schließlich meinte sie: „Eigentlich ist es noch zu früh, dass ich nach Wien komme. Wir müssen ja nichts überstürzen.“ „Warum?“, fragte ich sie. „Ist es wegen der Wohnung?“ Kirsti schüttelte den Kopf und sah an mir vorbei: „Na ja, schön war sie schon … Aber wir haben uns ja rauswerfen lassen!“

„Aber es ist doch nur eine Wohnung, Kultaseni !“

„Sag nicht Kultaseni zu mir!“

„Wieso?“

„Nur mein Vater darf mich so nennen!“

Ich verstand nicht, was sie meinte, und wie um ihrer Aussage die Schärfe zu nehmen, strich sie mir über die Hand. Eine Erklärung blieb sie mir jedoch schuldig, und ich fragte nicht weiter nach. Manchmal weiß man einfach, wann etwas keinen Sinn mehr hat. Beim Abschied am Westbahnhof waren wir beide bemüht, alles so zu machen wie immer. Als der Zug losfuhr, lief ich ein Stück neben ihrem Fenster her, und sie warf mir eine Kusshand zu. Doch irgendetwas war geschehen, und als Kirsti auch drei Tage nach ihrer Abfahrt nicht anrief, wusste ich: Das war es gewesen. Zwei Wochen später erhielt ich einen Brief, der mein Gefühl bestätigte.

Mehrere Wochen konnte ich nicht schlafen. In meinem Versuch, Gründe für das Platzen unseres Traumes zu finden, gelangte ich immer wieder zu Frau Kainz und diesem Mann, und Ende März, es war ein Montagmorgen, stieg ich in die U-Bahn und fuhr zu Frau Kainz’ Wohnung. Einen von den beiden, sie oder diesen Mann, würde ich zur Rede stellen. Mir war klar, dass ich gegen den Mann nichts ausrichten konnte, er hatte Übung in Gewalt, und so zog ich meine schweren Winterschuhe mit den Metallkappen an und packte den Briefbeschwerer ein. Für alle Fälle. Während der U-Bahn-Fahrt stellte ich mir vor, wie ich dem Mann mit dem Briefbeschwerer den Schädel einschlagen würde, und ich wurde dabei so wütend, dass ich einige Male unkontrolliert mit den Händen zuckte.

Bei der Türnummer 11 läutete ich mehrmals. Nichts war zu hören. Ich nahm den Briefbeschwerer und drosch gegen die Tür. Die Tür zitterte, gab jedoch nicht nach. Dafür öffnete sich die Nachbarstür für die Länge der Türkette. Es war eine alte Frau.

„Wo ist denn Frau Kainz?“, fragte ich. Durch den Spalt erwiderte sie: „Die habe ich schon einige Zeit nicht mehr gesehen.“

„Und ihr Freund?“

„Welcher Freund?“ Die Nachbarin schien hinter der Tür schien zu schmunzeln. „Frau Kainz hatte viele Freunde, wenn Sie das so nennen wollen. Manchmal an einem Tag. Tut mir Leid. Da kann ich Ihnen nicht helfen.“

Die Tür schloss sich wieder und ich war alleine im Stiegenhaus. Schließlich steckte ich den Briefbeschwerer in die Tasche und ging. Als ich wieder in der U-Bahn saß, läutete mein Handy. Es war mein Finanzberater. Er teilte mir mit, dass mein Immobilienfonds aufgrund der derzeitigen Situation für eine gewisse Zeit eingefroren würde, mindestens für drei Monate, maximal für ein Jahr. Während dieser Zeit könne weder eingekauft, noch verkauft werden. Nur so könnten eine objektive Neubewertung des Fonds bewerkstelligt und Panikverkäufe verhindert werden. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, schließlich hatte er den Fonds seinerzeit so gelobt, außerdem war die Verbindung schlecht.

Das Gespräch war bald beendet.

Eine Märchenlandschaft

Eines Morgens hatte Leitner den längst vergessen geglaubten Schweißgeruch an sich entdeckt, und ein wenig ratlos war er aufgestanden und hatte sich mit derselben Sorgfalt rasiert, die ihn bereits als Kind an seinem Vater verwundert hatte. Auch heute war er besonders gründlich rasiert und die irritierte Haut seiner Wangen schmerzte an der kalten Luft. Dennoch hatte er einen Umweg gemacht.

Auf dem Rückweg vom A&O war er den Kirchberg hinunter, vorbei beim Gasthof Gruber aus dem Dorf hinaus in den Wald gegangen, in jeder Hand eine Einkaufstasche, die mit Brot, Käse, Mandarinen, ganzen Erdnüssen und Mineralwasserflaschen gefüllt waren. Die abgegriffenen Taschen waren schwer, und die Henkel schienen trotz der Wollhandschuhe die Haut seiner Handflächen zu furchen. Der Frost war auch in diesem Jahr pünktlich zu Allerseelen gekommen und hatte die Landschaft verglast.

Zügig ging Leitner am Rand der Bundesstraße und unter seinen Schritten klirrte der Boden und seine Atemzüge standen ihm wie Rauchwolken vor dem Gesicht. Ein Auto kam ihm entgegen, der Fahrer ließ grüßend das Fernlicht aufblitzen, und Leitner erwiderte den Gruß mit einem Nicken. Vor vierzehn Jahren hatte er die Dorfbücherei ins Leben gerufen, vor allem, damit ihm die Pension nicht allzu langweilig wurde. So kannten ihn die Leute der Umgebung. Donnerstags am Abend, von fünf bis sieben Uhr, und sonntags am Vormittag, von neun bis halb zwölf: Da war die Bücherei geöffnet. Und die Leute kamen, ließen sich Bücher empfehlen und tratschten: über ihren Sohn, der nicht das Gymnasium fertig machen, sondern wie die Freunde verdienen gehen wollte, über die Tochter, die Samstag abends nicht mehr nach Hause kam, über Probleme beim Einschlafen, die der Hausarzt nicht behandeln konnte, über den bevorstehenden EU-Beitritt, von dem man nicht wusste, was man von ihm halten sollte. Leitner hörte mit viel Geduld und Ruhe zu, und die Leute mochten ihn, ohne sich für ihn zu interessieren. Das war ihm nicht unrecht. Er hatte kein Bedürfnis von sich zu sprechen.

Nachdem er etwa eine Viertelstunde gegangen war, kam er an den Feldweg, der die Verbindung zwischen der Siedlung am östlichen Rand des Dorfes und der Bundesstraße darstellte. Obwohl die Statistiken eine Abwanderung der Bevölkerung aus dem Bezirk um Gmünd verzeichneten, wuchs die Siedlung ständig und wurde im Verlauf eines Jahres oft um zwei bis drei Rohbauten erweitert.

Sie bauten alle viel zu groß. Sie bauten, als hätten sie einen Lottogewinn oder eine Erbschaft gemacht. Sie bauten für ein ewiges Dasein, für ihre Pension, ihre Kinder, ihre Kindeskinder und die Generationen danach. Doch die Kinder suchten ihr Glück in den umliegenden Städten und alleine blieben die Eltern in riesigen Häusern zurück, bewohnten vielleicht drei oder vier der vielen Zimmer und benutzten die restlichen Räume als Gerümpelkammern, in denen sie Ersatzteile, Schaufeln, Gießkannen und Kinderspielzeug lagerten. An manchen Sonntagen öffneten die Männer morgens die unbewohnten Zimmer und starrten auf das Durcheinander, ohne die Schwelle zu übertreten. Unrasiert und beide Hände tief in die Hosentaschen vergraben standen sie einfach da und sagten kein einziges Wort. Die wenigsten zahlten ihren Kredit vor der Pension zurück.

Die Häuslbauer kamen nicht gut miteinander aus. Sie begegneten einander mit Vorsicht und in Angst vor einer bösen Nachrede. Selten wechselten sie mehr als die üblichen Grußworte, und zwang sie ein Umstand dennoch zu einer Unterhaltung, dann sprachen sie stockend und brachen das Gespräch mitten im Satz ab. Freundschaften gab es nur unter den Kindern und verloren sich, sobald diese mit dem Schulaustritt jeder Gemeinsamkeit verlustig gingen. So verließen die Leute ihre Häuser nur, um zur Arbeit, zum Friedhof oder zum Wirten zu gehen. Außer der einen Städterfamilie, die jetzt nur mehr selten ihre Wochenenden am Land verbrachte, kannte Leitner niemand von hier.

Er erreichte die Mariensäule, die den Schnittpunkt von Ortskern und Siedlung markierte. Dort hielt Leitner an und stellte die Einkaufstasche ab. Er streckte sich und blickte auf die mater dolorosa. Leitner war klein mit flinken braunen Augen, die hinter eckigen Brillen in Deckung lagen. Er nahm den Hut ab und fuhr sich über das Haar. Es war der Hut seines Vaters. Dieser hatte sich die mit einer Hahnenfeder geschmückte Kopfbedeckung zum sechzigsten Geburtstag gewünscht und war dann, ohne sie jemals getragen zu haben, verstorben. Heute war sein Todestag.

„In den Mantel helfen dürft ihr mir erst nach dem ersten Schlaganfall“, hatte der Vater nach jeder Familienfeier gescherzt, und selbst wenn die vielen Krügerln und Vierteln aus dem Anlegen des Mantels ein schier unausführbares Kunststück gemacht hatten und der Vater mit seinen nach hinten gestreckten und in den Einschlupflöchern der Ärmel verfangenen Hände wie ein riesiger Schmetterling um den Mittelpunkt eines konzentrisch anwachsenden Kreises tanzte, duldete er nicht die geringste Hilfestellung. „Schleich dich“, fauchte er dann jeden an, und einmal ließ er mit einem Fluch den Mantel einfach auf den Boden fallen und ging im Sakko nach Hause. Drei Wochen nach seinem sechzigsten Geburtstags starb er. Eines Morgens lag er im Bett und stand einfach nicht mehr auf, und wie Leitner später Jochen erzählte, sei er einfach dagelegen, als wäre das Sterben das Natürlichste im Leben.

„Meine Mama sagt, wenn man stirbt und im Leben auf den lieben Gott gehört hat, dann kommt man in den Himmel“, hatte Jochen geantwortet. Und dann hatte er zu Leitner gesagt: „Darf ich zu dir Opa sagen?“ Und als Leitner erstaunt fragte, was denn Jochens Opa dazu sagen würde, hatte Jochen geantwortet: „Den stört das nicht, der ist schon im Himmel.“ Da hatte Leitner gelächelt und eingewilligt.

Leitner zog die Handschuhe aus, bückte sich und holte aus einer Einkaufstasche das Säckchen mit den Erdnüssen heraus. Er öffnete es, nahm eine Handvoll und steckte sie in seine Manteltasche, die übrigen Nüsse verstaute er wieder in der Einkaufstasche. Er nahm eine Erdnuss und brach die Schale auf. Feiner Staub tanzte zu Boden. Er schob die Erdnuß in den Mund. Die Braunau würde nun bald ganz mit Eis überwachsen sein. Als sie Jochen aus dem Fluss zogen, war er so steif gefroren gewesen, dass sie ihm beim Versuch das Stück Holz herauszulösen, das er in den Händen hielt, die Finger brachen. Leitner fixierte die mater dolorosa. Die Witterung hatte ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit erodiert. An einem Donnerstagabend im Oktober war Jochen in die Bücherei gekommen – klein, feingliedrig, mit porzellanblauen Kinderaugen – und fragte, ob er sich etwas zum Lesen ausborgen könne. Zufällig war Leitner alleine in der Bücherei, und neugierig musterte er den Buben. „Grüß dich. Wer bist denn du?“, fragte er Jochen, und Jochen nannte seinen Namen im reinsten Hochdeutsch. Mit unverhohlener Neugierde stand er eineinhalb Meter von Leitners Schreibtisch entfernt und betrachtete die vielen nach Themenbereichen geordneten Bücher.

„Was interessiert dich denn?“, fragte Leitner.

„Naja ... ich muss jetzt gehen“, erwiderte Jochen mit einiger Verzögerung, dafür umso hastiger, „kann ich morgen wiederkommen?“

„Morgen bin ich nicht da, aber wenn du am Sonntag kommst, bin ich wieder hier. Wenn du dann ein Buch findest, dann schreibe ich dir einfach eine Karteikarte mit einer Karteinummer, und dann kannst du dir das Buch mitnehmen, und pro Woche, die du es ausgeborgt hast, zahlst du zwei Schilling.“ Jochen nickte eifrig, dann war er verschwunden gewesen.

Leitner nahm noch eine Erdnuss. Eine kurznackige Frau kam mit einem zusammengefalteten Tischtuch aus dem Haus. Sie blickte misstrauisch zu Leitner hinüber, beutelte das Tischtuch aus und ging wieder ins Haus. Am Rand der Siedlung ließ jemand einen Dieselmotor an, und das plötzliche Geräusch überlagerte das Klingen in Leitners Ohren. Dann war es wieder so ruhig, als gäbe es in einer gläsernen Welt kein Geräusch.

Brünhild, hatte Leitner erzählt, lebe im ewigen Eis, doch ihre Burg war von einem Ring aus Feuerzungen umgeben, den nur ein wahrer Held durchdringen konnte. Sie war so schön, wie sie dunkel war, eine große Dunkelheit mit den kühlen Augen einer Herrenfrau. Jochen unterbrach Leitner mit der Frage, ob Brünhild größer als ein Meter achtzig gewesen sei, und irritiert erwiderte Leitner, dass er das nicht wisse, als er aber Jochens Enttäuschung sah, beeilte er sich, die Walküre noch einmal um fünf Zentimeter wachsen zu lassen. Jochen wollte alles genau wissen, wahrscheinlich war er der aufmerksamste Zuhörer, den Leitner jemals gehabt hatte.

Er zog seine Handschuhe wieder an, hob die Taschen vom Boden auf und machte sich weiter auf den Weg. Seine rechte Schulter schmerzte, es waren die Gelenksschmerzen; auch die kamen jedes Jahr um diese Zeit wieder. Als Jochen am Sonntag nach jenem Donnerstag die Bibliothek betrat, hatte Leitner ein Buch bereitgelegt. Eine illustrierte Nacherzählung des Nibelungenlieds, deren Einband Siegfrieds Kampf mit dem Drachen zeigte. Jochen trat zielstrebig ein, blieb aber abwartend in einiger Entfernung stehen. Leitner winkte ihn zu sich und hielt dem Buben das Buch hin. Ob er das schon kenne. Jochen schüttelte den Kopf. Das müsse er unbedingt lesen. Es werde ihm gut gefallen. Jochen erwiderte, dass er aber erst in zwei Wochen wiederkommen könne, da er nach Wien fahre. „Nimm das Buch mit, aber bring es mir wieder. Ich habe es extra für dich vorbereitet.“

Die Straße war alt und der Asphalt stellenweise von knapp unter der Erdoberfläche liegenden Baumwurzeln gesprengt. In Gedanken verloren stolperte Leitner über eine Unebenheit und konnte sich nur mühsam auffangen. Vom Schreck pochte sein Herz so stark, dass sein Brustkorb schmerzte. Vor seinen Augen tanzten schwarze Flecken. Als sich sein Blick wieder scharfgestellt hatte, bemerkte er, dass er nur wenige Meter von der Stelle entfernt stand, an der sie Jochen aus der Braunau gezogen hatten. Jochen musste an einer nur von dünnem Eis überwachsenen Stelle weiter flussaufwärts eingebrochen und dann starr von Schreck und Kälte ins Wasser gerutscht sein. Dann hatte ihn wohl die Strömung erfasst und hierher gespült. Auf den farbigen Fleck unter der dünnen Eisschicht unweit von der Brücke aufmerksam geworden, verständigte ein Spaziergänger die Polizei. Diese hatte bereits vor einigen Stunden eine Verlustnachricht der Eltern erhalten und als großstädtische Nervosität abgetan. Nun aber befürchtete man das Schlimmste und rückte gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr aus. Zur Seelenmesse hatte sich Leitner unter die zehnte Kreuzwegstation gesetzt. „Ich bin immer gottgläubig gewesen“, begann er zu beten. Über diesen Anfang war er nicht hinausgekommen.

Das Stechen in der Brust ließ nach, ohne ganz zu verschwinden. Leitner war alt geworden und würde an seinem Alter sterben, dabei hatte er viel Schlimmeres überlebt als Gelenksschmerzen, Stechen in der Brust oder Sehschwächen. Vor beinahe fünfundvierzig Jahren, nachdem er aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, hatte er seinen Beruf als Volksschullehrer wieder aufgenommen. Einmal im Jahr, meistens im Mai, hatte er die umliegenden Schulen der Umgebung besucht und den Kindern die Geschichte vom Drachentöter und seiner Liebe, von König Etzel, vom schwachen König Gunther, von Albrecht und dem Schatz der Nibelungen erzählt. Vor allem aber von Hagens Treue. Bedingungslose Treue. Oft war er dabei ins Schwärmen gekommen.

Auf die Frage, ob er sein eigenes Schwert, seinen eigenen Balmung besäße, hatte Jochen den Kopf geschüttelt. Er dürfe keine Spielzeugwaffen besitzen, das wollten die Eltern nicht. „Ein Ritter braucht ein Schwert“, hatte Leitner erwidert, „und du bist ja ein Ritter. Und ein Schwert ist kein Spielzeug.“ Er lud Jochen ein, ihn am Nachmittag zu Hause zu besuchen.

Kurz nach drei Uhr klingelte Jochen. Leitners Frau war nicht zuhause, und so öffnete Leiter selbst die Tür. Er gab Jochen die Hand und führte ihn durch das Haus in den Hinterhof, wo sich ein kleiner Schuppen befand. Dort hatte sich Leitner eine kleine Werkstatt eingerichtet. Leitner machte Licht, schloss die Tür und wies Jochen an stillzustehen, damit er Maß nehmen könne. Dann ging er in die Hocke, umfasste mit losem Griff Jochens Knöchel und fuhr das Bein mit einer kaum spürbaren Bewegung hinauf bis zu den Hüften. Dort löste er den Griff und schlug Jochen sanft mit der Handkante gegen das Hüftgelenk. Er lächelte ihn an und sagte, „so lange“, und er schlug Jochen noch einmal gegen die Hüfte, „so lange muss ein Schwert sein, damit es etwas taugt. Von hier“, dabei berührte er den Knöchel des Buben, „bis hier“, und er ließ seine Hand voll an Jochens Hüfte ruhen. Dabei blickte er Jochen ins Gesicht. Dann nickte er einige Male schweigend. Endlich ließ er Jochen los und stand auf. „Komm, wir schmieden dir ein Schwert.“ Er griff nach einer etwa zehn Zentimeter breiten und einen Zentimeter dicken Latte aus Eichenholz und lehnte sie sanft gegen Jochen. Dann nickte er und pfiff vor sich hin. Er bat Jochen, ihm das Lineal zu geben, bekam es und zeichnete die Umrisse eines Schwertes auf das Holz. Die Klinge war lang und schlank und der Knauf kurz und bullig. „Gefällt es dir?“ Jochens Augen blitzen. „Bemalen und verzieren freilich musst es du. Das kann ich gar nicht. Es ist dein Schwert, du musst es nach deinem Gutdünken und deiner Vorstellung verzieren. Nicht zu viel verzieren, ein Schwert ist kein Schmuckstück. Es ist eine Waffe, deine Waffe. Verstehst du mich?“ Jochen nickte mit funkelnden Augen und kaute verträumt an seiner Unterlippe. „Ich weiß, dass du mich verstehst“, lächelte Leitner und strich Jochen über den runden Hinterkopf.

Er fixierte die Latte und begann präzise und mit kleinen runden Sägebewegungen die gezeichnete Vorlage aus dem Holz herauszuschneiden. Jochen stand in einiger Entfernung und beobachtete alles mit großer Aufmerksamkeit. Sägespäne tänzelten zu Boden. Nachdem Leitner seine Arbeit beendet hatte, hielt er das Schwert hoch und betrachtete es eingehend. Dann nickte er, rundete die Spitze der Klinge mit Sandpapier und überreichte es Jochen. Ehrfurchtsvoll nahm es der Bub entgegen. „Es ist freilich noch nicht fertig“, erklärte Leitner. „Du musst ihm den Feinschliff geben, die Ecken abfeilen und den Griff abrunden, damit es dir und nur dir gut in der Hand liegt.“ Und er gab Jochen das Sandpapier und zeigte ihm, wie es zu handhaben war. Dann setzte er sich auf den Stuhl, zündete sich eine Zigarette an und betrachte den am Boden kauernden und in seine Arbeit versunkenen Buben. Jochen war geschickt und feilte emsig und mit großem Ernst an dem Stück Holz. Manchmal murmelte er halblaut vor sich hin oder gab Geräusche von sich, die wie Geysire Zeugnis von Vorgängen einer ansonsten hermetisch abgeschlossenen Welt gaben. Schweigend wartete Leitner, bis Jochen seine Arbeit beendet hatte. Es dauerte beinahe eine Stunde, dann war Jochen fertig. „Schau!“ Er hielt Leitner das Schwert hin, und Leitner nahm es und prüfte mit der Hand die Glätte des Holzes, tat, als versichere er sich der Schärfe der Klinge, simulierte einige Fechtbewegungen und nickte dann ernsthaft.

„Knie dich hin“, befahl er Jochen, und Jochen tat wie ihm geheißen. „Ein Ritter ist seinem König treu, bedingungslos treu. Gehorsam ist sein Panzer, Ehrlichkeit sein Helm, Tapferkeit sein Schwert und der Glaube an das Heil seine einzige Zierde. All diese Tugenden sind dir zueigen und ich weiß: Du wirst mein Urteil nie enttäuschen. Und deshalb frage ich dich, willst du ein Ritter des Sonnenrads werden, dann sage jetzt laut und deutlich: Ich gelobe.“ Und Jochen antwortete laut und deutlich: „Ich gelobe.“ Und Leitner fuhr fort: „Gelobst du der Sonne, der ewigen und allmächtigen, zu dienen in Treue und Bereitschaft?“ Und Jochen nickte heftig und Leitner sprach ihm leise vor und Jochen wiederholte laut: „Ich gelobe.“ Jetzt bekam Leitner einen heftigen Hustenanfall, der den Weiheakt unterbrach, doch nichts von der Feierlichkeit in seiner Stimme nehmen konnte, als er fortfuhr: „Gelobst du über alles, was du hier gesehen und erfahren hast, zu schweigen, niemandem etwas zu erzählen und das Geheimnis deiner Ritterschaft immer tief in deinem Herzen zu tragen?“ Er blickte Jochen scharf an, und der Bub nickte ein wenig unsicher, dann aber umso heftiger, und sprach mit kindlicher Sorgfalt: „Ich gelobe.“ Und Leitner sagte, „so schlage ich dich zum Ritter des Sonnenrads“, und sanft legte er die Holzklinge auf die rechte, dann auf die linke und wieder auf die rechte Schulter. Dann sagte er: „Erhebet Euch, Ritter Jochen.“ Und Jochen erhob sich. Leitner gab Jochen das Holzschwert in die Hand, das dem Buben, als er es mit der Spitze auf den Boden stellte, bis zur Hüfte ging. „Willst du es nicht verzieren“, fragte Leitner, aber Jochen schüttelte den Kopf und meinte: „Es hat schon alles. Da der rote Stein am Griff und die Klinge aus Damaszenerstahl. Ich will es so haben.“ Dann hielt er kurz inne und fragte: „Was ist ein Sonnenrad?“ Leitner lächelte und streichelte Jochen über die blonden Bubenhaare. „Ein altes, gutes Zeichen“, erwiderte er nach kurzem Zögern, „ein altes, gutes Zeichen.“

„Kann ich jetzt ein bisschen hinausgehen“, fragte Jochen und Leitner nickte, schärfte ihm aber ein, bald wieder zurückzukommen und in der Nähe zu bleiben. Dieser Schuppen sei jetzt seine Rüstkammer, in der Schwerter aufbewahrt würden, wenn er zurückkomme, könne er sein Schwert hierlassen. Leitner passe darauf auf, und Jochen könne es jederzeit verwenden. Dann schärfte er Jochen noch einmal ein, bald wieder zurück zu sein.

Aber Jochen war nicht bald zurück gewesen, und Leitner hatte ihn von Vorahnungen geplagt zu suchen begonnen. Er war im nahen Wald herumgegangen, hatte Jochens Namen gerufen; dann wieder quer durchs Dorf, durch die Siedlung, wieder zurück. Zur Bergung war er gerade rechtzeitig gekommen.

Leitner erreichte sein Haus. Im Vorhaus zog er sich die Schuhe und den Mantel aus und trug die Einkaufs­taschen in die Küche. Dann ging er ins Schlafzimmer, um seine Frau zu begrüßen. Sie war bettlägerig und schien gedöst zu haben, aber sobald Leitner eintrat, öffnete sie die Augen. Er beugte sich zu ihr hin und küsste sie auf beide Wangen. Sie sah ihn an. „Du siehst bedrückt aus. Denkst du noch immer an ihn?“ Leitner gab keine Antwort, richtete sich wieder auf. „Du solltest den Hut nicht tragen, wenn dich die Erinnerung so bedrückt, er …“, sie unterbrach sich erschöpft. Sie schloss ihre im Alter ganz hellblau gewordenen Augen und bedeckte ihre Stirn mit einer kraftlosen Bewegung. Leitner bemerkte, dass er vergessen hatte, den Hut abzunehmen. Gedankenverloren strich er über die Hahnenfeder, nickte nur. „Ich mache uns einen Tee.“ Er ging an der Kleiderablage vorbei und hängte den Hut daran, sah sich kurz in den Spiegel, fuhr sich durch das schüttere weiße Haar und ging in die Küche. Er setzte Wasser auf und blickte aus dem Küchenfenster. In der Ferne fuhr ein Zug durch eine gläserne Märchenlandschaft. Leitner wandte sich vom Fenster ab. Vom Teekessel stiegen Dampfwolken auf. Müdigkeit verhängte den Blick.

Gliese 581c oder
Der Traum meines Freundes Tariq

Für Sylvia und Essam

Schließlich ergänzte Iba die Erzählung Tariqs. Denn er, der so gute Ideen hatte und stundenlang über Politik oder Religion monologisieren konnte, schwieg und hatte ihrem vorwurfsvollen Blick nicht mehr entgegenzusetzen als Achselzucken und hilfloses Lachen.

So sei er nun einmal, sagte er schließlich leise, worauf Iba in Wut geriet und ihn auf Arabisch zur Rede stellte. Ihre Angst war ehrlich und groß wie ihre Wut, und ebenso groß war ihre Stimme, die beinahe brach. Auch wenn ich kein Arabisch verstehe, konnte ich mir denken, was sie ihm vorwarf: Er dürfe nicht immer nur an andere denken, er habe auch eine Familie und was solle sie tun, wenn er nicht mehr sei? Tariq zuckte weiterhin nur mit den Achseln, Iba sah ihn kopfschüttelnd an, und ich saß dort, wo ich oft sitze: zwischen zwei Menschen, zwischen zwei Stühlen, in einem Streit, der nicht meiner ist. Und im Versuch die Spannung zu lösen, machte ich den Vorschlag, der zwar dumm war, aber keine Konsequenzen hatte, indem ich Tariq anstieß und sagte: „Komm, wir kaufen uns die neue Welt!“

Wie Tariq erzählt hatte, war er um sieben Uhr morgens losgefahren. Der Wecker läutete um halb sechs, Iba drehte sich noch einmal um, und Tariq stand auf, kochte sich einen grünen Tee, aß das Frühstück, das ihm Iba am Vorabend hergerichtet hatte, und stellte sich unter die Dusche. Dann zog er die beige Kargohose und das ebenso beige, kurzärmelige Hemd an, packte seinen Notizblock in den Rucksack und verließ die Wohnung.

Auf dem Weg in den Keller traf er Elias. Elias kam gerade von einer Party, zu der seine Freundin geladen hatte, und vielleicht, sagte Tariq, vielleicht sollte ein Vater seinen Sohn zur Rede stellen, wenn dieser mit siebzehn Jahren um sechs Uhr morgens von einer Party nachhause kommt. Er tat es jedoch nicht, denn er war dankbar, dass Elias Freunde hatte, ja sogar eine Freundin, deren Vater ein bekannter Rechtsanwalt war. Das war nicht selbstverständlich. Lange genug war Elias von seinen Schulkollegen geschnitten worden. Tariq hielt seinem Sohn die rechte Hand hin, damit dieser mit einer lässigen Gebärde nach der Art seiner Kumpels einschlagen konnte. „Sei leise“, mahnte er, „die Mama schläft noch.“

Im Keller packte er die Dose mit den Ködern, den Behälter für gefangene Fische und die Angelrute, ordentlich zusammengelegt, in den Rucksack, fixierte den Klappstuhl auf dem Gepäckträger und trug sein Fahrrad auf den Gehsteig. Es war ein altes KTM-Fahrrad, das wir gemeinsam auf eBay ersteigert hatten. Mit seinen Sechsundzwanzig-Zoll-Reifen war es Tariq etwas zu hoch, und wenn er stehenblieb, musste er vom Sattel auf die Lenkstange rutschen und das Fahrrad schräg stellen. Sonst hätte er mit den Füßen nicht den Boden erreicht. Aber er war nicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Die mochte er nicht, dort wurde er beobachtet. Noch lag kein Dunst über dem dritten Bezirk. Tariq atmete tief durch und wartete, bis sich sein Puls, der vom Tragen des Fahrrads in die Höhe geschnellt war, beruhigt hatte. Dann fuhr er los.

Er nahm den Weg, den er immer nahm, wenn er fischen ging. Er überquerte den Donaukanal bei der Franzensbrücke und fuhr zum Praterstern, wo er der Lassallestraße bis zur Reichsbrücke folgte. Dort nahm er die Abfahrt zur Donauinsel. Ziemlich weit nördlich warf er die Angel aus.

Warum Fischen so ein besonderer Sport sein soll, habe ich nie verstanden. Besonders langweilig. Das ja. Aber beim Angeln waren Tariq immer die besten Ideen gekommen. Die Idee zu seinem bekanntesten Theaterstück, in dem ein Affe, ein Esel und ein Hund zwischen Pyramiden, arabischen Reitern oder britischen Besatzern die verschiedenen Epochen seines Herkunftslandes durchwandern, war ihm auf einem kleinen Boot in der Bucht von Abu Qir gekommen. Ebenfalls beim Angeln. Das Mittelmeer. Die Sonne. Die Ruhe. Die Kunst, rechtzeitig Schnur zu geben und wieder einzuholen. Als ob Angler und Fisch ein Team seien. Die neue Donau war natürlich nicht gerade das Mittelmeer. Aber besser als nichts.

Tariq und Iba hatten mich zum Abendessen eingeladen. Sie aßen immer sehr früh, und so läutete ich am späten Nachmittag an ihrer Wohnungstür in der Dianagasse. Der Zeitpunkt des Abendessens war durch die Arbeitswoche vorgegeben. Iba arbeitete halbtags und kümmerte sich am Nachmittag um den Haushalt. Wenn Tariq gegen sechs Uhr abends von der Bibliothek kam, in der er den Bücherbestand der letzten drei Jahrhunderte katalogisierte, war er hungrig und wollte essen. Sein Hungergefühl stellte sich auch am Wochenende zur selben Zeit ein. Es war die einzige Mahlzeit, die sie am Tag gemeinsam einnahmen, und dieses Ritual war ihnen wichtig. Genauso wie es ihnen wichtig war, dass ich, wenn ich zu Besuch war, mitaß. Lehnte ich ab, wurde meine Ablehnung als Schüchternheit aufgefasst. Erkannte Iba, dass ich wirklich keinen Hunger hatte, fühlte sie sich zurückgewiesen. Details wie diese bestätigten mir, dass unsere Freundschaft über eine kulturelle Grenze gebaut war. Elias aß übrigens nie mit seinen Eltern, er aß irgendwann, hatte jede Freiheit. An diesem Abend war er nicht zuhause.

Tariq öffnete und reichte mir die Hand. Iba war noch in der Küche beschäftigt und würde gleich zu uns kommen. Wir setzten uns in die Polstersessel im Wohnzimmer und sprachen über irgendwelche Belanglosigkeiten.

Wir hatten lange gebraucht, bis Belangloses Gegenstand unserer Gespräche wurde. Nicht einmal bei unserer ersten Begegnung war Zeit für Smalltalk. Ich erinnere mich gut daran. Ich hatte Elias Nachhilfeunterricht gegeben, und als ich durch das Wohnzimmer in Richtung Vorzimmer ging, wo ich meine Schuhe abgestellt hatte, bat mich Iba Platz zu nehmen. Es war Mitte August und sehr heiß. Die Fenster waren verdunkelt, der Fernseher lief. Neben der Couch surrte ein Ventilator. Tariq saß in seinem Polstersessel und rauchte. Ich setzte mich neben ihn und wartete. Tariq rauchte wortlos weiter, Iba drehte den Fernseher ab. In Stille vergingen Minuten. Schließlich sagte Tariq nicht ohne theatralisches Geschick: „I had a dream.“ Dann lauter und energischer: „I have a dream.“

Wovon träumte Tariq?

Seinem Sprechen nach zu urteilen, litt er an seinem Traum. Bei unserer ersten Begegnung sprach er nur Englisch, mit der Zeit wechselte er immer öfter ins Deutsche. Dass er gezwungen war, sich in einer ihm noch fremden Sprache auszudrücken, hemmte ihn, doch es schmälerte nicht die Faszination, die von ihm ausging. Er war ein brillanter Rhetoriker, der, um zur vollen Kraft seiner Gedanken zu gelangen, Publikum brauchte; jemand, der ihm zuhörte und gelegentlich nickte, eine Frage stellte oder nachdenklich einen Punkt in weiter Ferne fixierte; jemand, der in seinen Intonationskurven und exakten Stimmmodulationen die Richtigkeit seiner Anschuldigungen und dahinter die Größe seines Traumes erkannte. Was auch immer dieser war. Denn direkt sprach er nie von ihm. Vielmehr verbiss er sich in allem, was dessen Umsetzung behindert hatte und auch in Zukunft behindern würde. Und das Hindernis, wie ich nicht bei unserer ersten Begegnung, aber nach vielen Monologen begriff, war nichts weniger als diese Welt.

Tariq war polemisch und schien mir in seinen Schlussfolgerungen oft erschreckend banal: Sie nehmen alles. Dieser Satz strukturierte wie ein Refrain seine Analysen und Anschuldigungen. Fragen, wer sie seien oder was alles bedeute, irritierten ihn. Machten ihn geradezu wütend, und ich dachte, er sei wütend, weil ich so begriffsstützig sei. Schließlich aber erkannte ich, dass er wütend wurde, da er jede Differenzierung als Relativierung seiner Weltsicht und somit als Resultat kapitalistischer Propaganda begriff. Sie wollen, dass wir so denken. Die Wirklichkeit sei anders. Manager, Universitätsprofessorinnen, Straßenkehrer, Büroangestellte. Alles ein und dasselbe. Sie sind Arbeiter. Sie machen für wenig Lohn alles. Und alles, was sie machen, nehmen sie: Es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, dass mit sie nicht unbedingt konkrete Personen gemeint waren. Natürlich hatte er auch konkrete Personen im Visier: Wer Zeitungen aufmerksam lese, wisse, um wen es sich handle. Doch mehr als diese Personen klagte er mit seiner Kampfansage unser Denken an, das uns zu Akteuren des Marktes und eines absurden Wachstumsgebots machte; eines Marktes, den es infolge internationaler Konzernverflechtungen ohnehin nur mehr als Schein gebe. Sie nehmen alles: Auftakt und Abgesang jeder seiner Analysen. Als ob sich, indem man immer zum selben Schluss kommt, die eigene Fremdheit mindern ließe.

Dabei konnte er auch anders. Ließ er in seiner Verzweiflung und Wut nach, erwies er sich als feinfühliger und kluger Menschenkenner. Später, als wir bereits über den Altersunterschied von fünfundzwanzig Jahren, über zwei Kulturen und zwei Vergangenheiten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, eine Brücke gebaut hatten, erzählte auch ich ihm von persönlichen Schwierigkeiten: Sinnkrisen, Beruf, Ehe, was eben anstand. Und er hörte zu und fragte nach. Schwieg. Gab keine Ex-cathedra-Ratschläge. Seufzte hilflos: „Menschen sind sehr kompliziert!“ Aber es dauerte, bis wir dahin kamen. Doch über die Jahre wurde er mein Freund. Ein väterlicher Freund, ohne sich bei all seiner Sturheit jemals eine wie auch immer geartete väterliche Autorität anzumaßen. Er mochte keine Autoritäten.

„Was macht Elsbeth?“, fragte Tariq, und ich nickte. Meiner Frau ging es gut.

Über die Gründe, die ihn zur Flucht gezwungen hatten, erfuhr ich nichts Konkretes. Als ich ihn unlängst darauf ansprach, wich er aus. Das sei nun schon nicht mehr wahr. Seit sechzehn Jahren lebe er mit seiner Familie in Österreich. Mittlerweile hätten sie ja sogar die österreichische Staatsbürgerschaft. Einmal nur sagte er, da waren wir betrunken, fast unhörbar und die Augen geschlossen: „Sie haben mich geschlagen. Schlimm geschlagen.“

Iba war Koptin, er Moslem. Ich weiß, dass er Architekt gewesen war und Schriftsteller. Er hatte für den Rundfunk und für das Theater geschrieben und mit Hörspielen gutes Geld verdient. Trotzdem kam er in Österreich bettelarm an, da sein Kapital in diversen Projekten gebunden war und ihm keiner seiner Geschäftspartner so plötzlich seinen Anteil auszahlen konnte. Die Flucht war ja eine Nacht- und Nebelaktion. Zumindest entnehme ich das seinen Andeutungen. Auf Religion war er nicht gut zu sprechen. Wir kannten uns etwa ein halbes Jahr, da drehte sich unser Gespräch um die Frage, ob es einen Gott gäbe. Es war das erste Mal, dass wir miteinander sprachen und er nicht monologisierte und ich zuhörte. Ich führte die alten Beweise an: die Geschichte mit der letzten Ursache, in der alle Ursachen wurzeln; das Bild von losen Bestandteilen einer Uhr in einer Plastiktüte und den damit einhergehenden Analogieschluss, dass auch ein Universum einen Uhrmacher brauche; oder die Überlegung, dass Gott perfekt ist und folglich existieren muss, da ein Gott, der perfekt ist, aber nicht existiert, eben nicht perfekt ist. Tariq hatte damals hintergründig gelächelt: „Weißt du, die Sache ist so einfach. Wenn von sieben Milliarden Menschen sechs Milliarden an Gott glauben, gibt es Gott.“

Iba kam aus der Küche. Sie trug einen dunkelblauen Ghalabea, der ihre bernsteinfarbene Kette betonte. Sie reichte mir die Hand und lächelte: „Hast du Hunger?“ Tariq rief irgendetwas auf Arabisch, und ich sagte: „Jetzt hast du gesagt: Wir verhungern schon!“

In der Küche war das Essen bereits aufgetragen: Eierspeise, Linsensuppe, Schafskäse vermengt mit Knoblauch und Olivenöl, dazu Gebäck und Tomatensalat. Als Nachspeise gab es Zuckermelonen. Während des Abendessens sprachen wir nur wenig. Das hatte vor allem damit zu tun, dass Tariq vom Essen gänzlich in Bann geschlagen wurde. Nach dem Essen nahm er die Medikamente, dann lehnte er sich zurück und bedankte sich bei Iba. Er war zufrieden.

Iba hingegen wirkte angespannt. Sie hatte immer Sorgen. Und immer Arbeit. Wie eine Sklavin. So scherzte sie manchmal bitter. Diesmal aber schien sie bedrückter als sonst. Ich vermutete, dass es mit ihrem Job zu tun hatte. Sie arbeitete bei der Take Off GmbH, die im Auftrag der Landesregierungen Beratungsleistungen für jugendliche Langzeitarbeitslose erbrachte. Iba war als einfache Bürohilfskraft eingestellt worden. Sie erledigte Postwege, stellte die Versorgung der Belegschaft mit Büromaterial sicher, kopierte Unterlagen, kuvertierte Briefe, ordnete Akten, spielte die Empfangsdame für Klienten und erledigte Telefondienste. Hinsichtlich des Familieneinkommens war die Arbeit, so gering die Bezahlung auch war, ein Segen. In jeder anderen Hinsicht ein Fluch. Einerseits lag es an ihrem Gesundheitszustand, der ihr die Erledigung vieler Arbeiten, wie etwa den Transport eines mit Briefsendungen gefüllten Handwagens vom Büro zum nächsten Postamt, an manchen Tagen unmöglich machte. Andererseits litt sie unter der Einfachheit ihrer Tätigkeit. Iba hatte Recht studiert, dann allerdings als Journalistin gearbeitet. Tariq hatte erzählt, dass sie für ihre Artikel gefürchtet gewesen war und sie deswegen oft in Angst gelebt hatte. Doch das Leben in einem fremden Land mit einer fremden Sprache machte sie, die Intellektuelle, zu einer Analphabetin, zu einer Sprachbehinderten. Das einfachste Gespräch konnte ihr zu einem Spiegellabyrinth werden, indem sie ständig gegen ein unerwartetes Hindernis prallte. Dabei sprach sie nicht schlecht Deutsch. Doch bei der Take Off GmbH wollte sich niemand auf sie einhören. Ihr Chef demütigte Iba vor ihren Kolleginnen, die nur allzu dankbar waren, die eigene Unfähigkeit mit dem Verweis auf die oberflächlichen Mängel einer anderen übertüncht zu wissen. Wie Volksschüler einander bei der Lehrerin anschwärzen, fanden sie an Iba immer etwas auszusetzen. Einmal hatte sie eine schwere Darmgrippe gehabt und hatte ein paar Tage gefehlt. Da fixierte ihre Kollegin eine Notiz auf der Büropinnwand. „Iba“ stand darauf und daneben, in roten Großbuchstaben: krank.

„Was macht dein Beruf?“, fragte ich Iba und reichte ihr das Geschirr, das sie in den Spüler einräumte. Sie fasste die Teller und Schalen mit großer Vorsicht an, denn sie war am rechten Auge operiert worden. Iba lachte bitter: „Mein Chef sagt zu mir, wenn ich den Postwagen nicht ziehen kann, hat er keine Arbeit für mich!“ Tariq, der Tee gekocht hatte, schaltete sich in unser Gespräch ein. „Dieser Mensch ist …“

Er wurde von Iba unterbrochen: „Inferiority complexes ! Dieser Mensch hat – wie sagt man …“

„Minderwertigkeitskomplexe“, half ich ihr.

„Wir sind nur Frauen in der Arbeit. Neun Frauen, ein Mann. Aber der Chef … He wants to be admired. All the time!“ Iba schüttelte den Kopf: „Was sie an mir hassen, ist mein Stolz!“ Sie schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es sich jedoch anders: „Komm, trinken wir Tee!“ Wir nahmen unsere Tassen und setzten uns in die Polstersessel im Wohnzimmer.

Wir hatten uns kaum gesetzt, als mein Handy klingelte. Es war Elsbeth. Ich ging in die Küche, um in Ruhe telefonieren zu können. Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, las Tariq den ORF-Teletext. Er saß nach vorne geneigt und hatte die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Erst jetzt bemerkte ich, dass er seine alte Brille trug. Ich kam jedoch nicht dazu, ihn nach dem Grund zu fragen. Bevor ich mich noch gesetzt hatte, legte er seine Hand auf meinen Oberarm und wies mit dem Kopf auf den Bildschirm: „Sie haben eine neue Welt entdeckt!“ Seine Augen leuchteten.

Der Grund für seine ungewöhnliche Begeisterung war Gliese 581c. Folgendes war auf dem ORF Telext zu lesen:

Astronomen haben nach eigenen Angaben den ersten bewohnbaren Planeten, Gliese 581c, außerhalb unseres Sonnensystems entdeckt. Obwohl der Planet seinen Stern, Gliese 581, vierzehn Mal dichter umkreist als unsere Erde die Sonne, liegt er in der „Goldilocks Zone“. Das ist jener Bereich um einen Stern, innerhalb dessen Wasser an der Oberfläche eines Planeten flüssig anzutreffen ist und Leben sich entwickeln kann.

„… und Leben sich entwickeln kann“, wiederholte Tariq. „Das ist gut.“ Er lachte, schüttelte den Kopf und zog die linke Augenbraue hoch.

Eine neue Welt.

Sein Traum.

Er streichelte Iba, die neben ihm saß, über den Hinterkopf. „Wenn sie uns hier nicht mehr wollen, können wir dorthin gehen.“ Er lachte. „Sicher haben sie dort keinen Chef!“

Iba nickte und lächelte ein wenig gequält, aber Tariq ließ sich in seinem Enthusiasmus nicht beirren. „Der Stern, um den sich dieser Planet dreht“, fuhr er fort, „ist ein roter Zwerg. Das heißt, dieser Stern ist nicht so heiß, und Leben kann viel näher an so einem Stern existieren als bei unserer Sonne.“ Er nahm einen Schluck Tee: „Die neue Welt hat eine rote Sonne, und es ist nicht zu kalt und nicht zu heiß. 0-40 Grad Celsius, sagen sie. In der Sahara ist es heißer und in Wien im Winter kälter. Ich finde, wir sollten eine Expedition zu diesem Gliese 581c machen. Ich möchte in dieser Welt leben. Mit angenehmen Temperaturen und einer roten Sonne. Sicherlich kann man dort auch fischen!“

Inzwischen hatte ich auch die zweite Seite der Teletextnachricht gelesen und konnte mit Information kontern: „Du vergisst, dass die neue Welt etwa 200 Billionen Kilometer von unserer Erde entfernt ist. So leicht kommen wir da nicht hin!“ Mein Argument wurde weggewischt.

„Egal. Wir schaffen das!“

Tariq blätterte weiter im Teletext, und als er konzentriert auf den Bildschirm blickte, fand ich Gelegenheit, nach seiner Brille zu fragen. „Warum trägst du nicht deine neue Brille?“

Tariq sah mich an, als ob er soeben aus einem Traum geweckt worden war. Er machte eine wegwerfende Handbewegung: „Ich habe sie verloren!“

„Wirklich! Wann?“

„Heute.“

„Wieso?“

„Ist doch egal.“

„Nein, ist nicht egal.“ Ibas Stimme war entschieden. „Es waren trifokale Gläser. Die Brille hat mehr als fünfhundert Euro gekostet. Es ist nicht egal. Erzähle, was dir heute passiert ist!“

Unwillig sah Tariq seine Frau an. Dann erzählte er, wie er in der Früh zur neuen Donau gefahren war, um dort zu fischen. Dummerweise hatte er dabei seine Brille verloren. Das sei es auch schon. Mehr gäbe es dazu nicht zu sagen.

Aber Iba war mit seiner Erzählung nicht zufrieden: „Das ist nicht alles!“

„Lass es gut sein. Eine dumme Sache.“

Und er wandte sich wieder Gliese 581c zu.

Also begann Iba zu erzählen.

Nachdem er die Angel ausgeworfen und am Boden fixiert hatte, setzte sich Tariq in seinen Klappstuhl und schloss die Augen. Es war kurz vor acht Uhr morgens und außer einigen Joggern und anderen Anglern war die Donauinsel menschenleer. Es hatte bereits über zwanzig Grad und eine leichte Brise wehte. Iba erzählte, dass sie sich gesorgt habe, Tariq hole sich einen Sonnenstich. Er vergaß immer seinen Hut aufzusetzen. Doch heute hatte Tariq daran gedacht. Im Nachhinein betrachtet war es freilich der falsche Tag, um ausnahmsweise einmal nicht vergesslich zu sein. Den Hut verlor er ebenfalls.

Woran dachte Tariq, als er mit geschlossenen Augen in seinem Klappstuhl saß? Das konnte Iba natürlich nicht erzählen. Aber mich interessiert es. Die Idee zu seinem berühmtesten Theaterstück ist ihm ja beim Fischen gekommen. Eine Szene aus dem Theaterstück hat mich besonders beeindruckt: Ein Engländer möchte den Esel reiten, und als dieser sich weigert, befiehlt er dem Hund, den Esel zu beißen. Was dieser tut, dafür bekommt er auch einen Knochen. Der Affe sieht sich die Szene an und zitiert während der Bestrafung des Esels Michail Bakunin: „Macht, dass alle Bedürfnisse wirklich solidarisch werden!“ Keine Frage: Tariq hatte immer Ideen. Doch uns war beiden klar, dass er davon keine mehr realisieren würde. Seine Zeit als Schriftsteller war vorbei. Zu sehr ermüdete ihn die Arbeit als Bibliothekar, und sein Gesundheitszustand hatte sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert und zwang ihn, schonend mit sich umzugehen.

Woran Tariq im Klappstuhl dachte, bleibt also ungewiss. Gewiss ist, dass er nicht lange nachdachte. Er schlief ein. Er hatte für zwei Stunden geschlafen, da weckten ihn Schreie. Es war eine Frau, die ganz in seiner Nähe um Hilfe rief. Dass sie um Hilfe rief, war nur aus der Situation zu erkennen: Sie schrie in höchster Angst, unartikuliert und schrill. Tariq blickte auf, jäh munter, und sah unmittelbar vor sich ein vielleicht sechsjähriges Mädchen, das verzweifelt Schwimmbewegungen machte, sich aber nicht mehr über Wasser halten konnte. Wie er war, mit Brille und Sonnenhut, warf er sich in die neue Donau und tauchte mit kräftigen Stößen dorthin, wo soeben das Mädchen noch um sich geschlagen hatte. Er bekam es zu fassen und zog es an die Oberfläche, wo es ihm jedoch wieder entglitt, sodass er noch einmal zupacken musste, um das hustende und strampelnde Bündel vor einem erneuten Absinken zu bewahren. Auf dem Rücken schwimmend brachte er das Mädchen zum Ufer. Das Wasser ist an dieser Stelle nicht allzu tief, Tariq hätte seine Rettungsaktion auch stehend durchführen können, wenn die Strömung auch ziemlich stark ist. Doch gewisse Situationen erzwingen gewisse Vorgehensweisen: Bei Feuer springen Menschen fast immer aus dem Fenster, selbst wenn der nächste Fluchtweg durch die Wohnungs- oder Zimmertür verläuft, und einen Ertrinkenden rettet man nun einmal, indem man schwimmt oder taucht und nicht indem man durchs Wasser watet. Dass er das Mädchen zu fassen bekam, ist allerdings ein kleines Wunder, denn bei seiner Herzkrankheit war es nicht selbstverständlich, dass sein Kreislauf die plötzliche Abkühlung tolerieren würde. Zwei Männer halfen ihm aus dem Wasser und die Mutter, verweint und außer sich, entriss ihm ihre Tochter, umarmte und liebkoste sie und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige: Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dir Schwimmflügel anzuziehen hast. Über diese Erziehungsmaßnahme vergaß sie, sich bei Tariq zu bedanken. Dieser musste sich hinsetzen, nun kippten ihm die Beine weg. Die beiden Männer fragten, ob alles in Ordnung sei, und Tariq winkte ab. Ja. Kein Problem.

Das Nachhausekommen war jedoch ein Problem, denn ohne Brille war Tariq praktisch blind. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er zu seinem Angelplatz zurückgefunden hatte. Von dort schob er sein Rad zurück in die Dianagasse, eigentlich ein Wunder, wie Iba ihre Erzählung schloss, dass Tariq heute Abend schon wieder fit sei. Denn wie er nach Hause gekommen sei, habe sie ihn geradezu ins Bett hieven müssen. Sie liebe ihn und überallhin sei sie ihm gefolgt und habe ihn unterstützt. Doch jetzt sei es genug. Er dürfe sein Leben nicht mehr so leichtsinnig aufs Spiel setzen. Don’t do this again. Aber Tariq zuckte nur mit den Achseln, eher aus Erschöpfung als aus mangelnder Einsicht, wie ich denke. Jedenfalls wurde Iba wütend.

Nachdem ich Tariq vorgeschlagen hatte, die neue Welt zu kaufen, holte ich meinen Laptop und stieg ins Internet ein. Es war unsinnig, eine Hilflosigkeit meinerseits, was hätte ich auch tun sollen, Geld für eine neue Brille hätte Tariq nicht genommen. Während er sich umständlich eine Zigarette anzündete, gab ich in einem Anzeigenportal eine Anfrage auf: „Kaufe Gliese 581c. Preis verhandelbar.“ „Wenn wir die neue Welt erst einmal haben, können wir endlich sein, wer wir sein wollen!“, zwinkerte ich Tariq zu, der einen tiefen Zug nahm und seufzte: „Ja, dann können wir sein, wer wir sein wollen.“ Aus den Augenwinkeln beobachtete ich Iba, ob sie meine Suchanfrage erheitert hätte, eigentlich war sie für solche Dummheiten zu haben. Doch Iba starrte auf den Teletext, ihre Augen wie hinter Panzerglas. Und wie sie so dasaß, erinnerte sie mich an das Portrait, das im Vorzimmer ihrer Wohnung hängt. Ihr Vater hatte es zu ihrem zwanzigsten Geburtstag anfertigen lassen. Das Portrait zeigt eine Schönheit. Ein ovales Gesicht, das von dichten, schwarzen Haaren umrahmt ist, eine gerade Nase und leicht geöffnete, sinnlich geschwungene Lippen. Den Blick ihrer dunkelbraunen und von einem starken Lidstrich in die Waagrechte gezogenen Augen hat der Maler gemäß den Erwartungen des Auftraggebers geformt: Die Schönheit blickt nach oben, verträumt irgendeinem Stern entgegen, und dieser wirft in der Nuancierung der Ölfarben sein Licht auf Ibas Anmut. Wie zur Korrektur hat Iba die Fotografie, die dem Maler als Vorlage diente, in den Bilderrahmen gesteckt. Auch die Fotografie zeigt eine Schönheit. Doch ihre Lippen sind nicht geöffnet und ihr Blick ist klar und nicht einem Stern zugewandt. Direkt blickt sie in die Kamera. Skeptisch und ohne Illusion.

Natürlich erhielt ich auf meine Anfrage keine sinnvolle Antwort. Doch die Idee einer neuen Welt, die wie warmes Wachs formbar ist und einen umhüllt wie ein gut sitzender Anzug, ließ mich nicht los. Ich beschloss, eine Erhebung durchzuführen. Wenige Tage nach dem Abendessen versandte ich eine Anfrage an meine Facebook-Freunde: „Stell dir vor, du hast dir eine neue Welt gekauft und kannst sie formen, wie du willst. Welchen drei Prinzipien würdest du alles Handeln unterordnen?“

Wie bei meiner letzten Suchanfrage fiel auch hier die Ausbeute an Antworten mager aus. Offensichtlich stand ich mit meinem Interesse an philosophischen Spekulationen ziemlich alleine da. Elsbeth feixte, als ich ihr morgens im Bad meine Frage stellte, hielt im Zähneputzen inne und antwortete, den Mundwinkel mit der Zahnbürste in die Waagrechte ziehend: „Wein, Weib und Gesang.“ In ihrem Fall eben Wein, Mann und Gesang. Nicht, dass mich die geringe Rücklaufquote bedrückt hätte. Aber das Desinteresse, mit dem meiner Frage begegnet wurde, erinnerte mich an eine Schulstunde, keine sehr gelungene, die ich hielt. Wir nahmen Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe durch, und mit Erstaunen stellte ich fest, dass ich der Einzige war, den der Text berührte. Die Schüler, junge Erwachsene, die ihr Mangel an Erfahrung gerne harte Urteile fällen ließ, hatten zu der Geschichte nichts zu sagen. Der Text schien ihnen absurd, ein kurioses Dokument aus einem Paralleluniversum. Als ob es bei uns selbstverständlich wäre, dass man sein Schicksal selbst wählt.

Nachdem ich an jenem Abend meine Kaufanfrage von Gliese 581c deponiert hatte, saßen wir eine Zeit lang schweigend in den Polstersesseln. Irgendwann verließ Iba das Wohnzimmer, und ich fragte Tariq, wie sein Theaterstück, das ihm in der Bucht von Abu Qir eingefallen war, endete. Ich kannte das Ende schon, aber ich hörte die Geschichte immer wieder gerne von ihm. Es war eindrucksvoll, wie er erzählte, mit seiner kraftvollen Stimme und der ausdruckstarken Mimik, die er jedem seiner Charaktere verlieh.

„Eine einfache Szene“, sagte Tariq und hob den rechten Zeigefinger. Nur wenig Text. Nachdem sie auf ihrer Zeitreise verschiedene Epochen durchwandert und verschiedenen Herrschern gedient haben, stehen Hund, Esel und Affe vor einem goldenen Käfig. Der Esel zuckt mit den Ohren, der Hund knurrt und der Affe, der Intellektuelle, rückt seine Brille zurecht. Was tun? Da sagt eine angenehme Frauenstimme:

Please, enter the cage.

Entrez dans la cage, s’il vous plait.

Entre en la jaula, por favor.

Bitte, betreten Sie den Käfig.

Und Hund, Esel und Affe betreten den Käfig.

Liebesgeschichte

Sie stand an der Tür und kochte vor Wut. Der behäbige Schatten war bereits in der Seitengasse verschwunden, da hatte sie ihre linke Hand noch zur Faust geballt, und erst als sie die Theke wieder wie ein Verteidigungswall umgab, entspannte sich ihr Gesicht. Die Gespräche waren verstummt, nur aus der Anlage dröhnte ungerührt der stupide Viervierteltakt von La Passion. Früher hätte sie das Problem gelöst, indem sie den Kellner von der Pizzeria nebenan geholt hätte. Der hätte den Betrunkenen hinausgeworfen, und um zu verhindern, dass er wiederkam und Probleme machte, hätte sie die Eingangstür einfach für eine Weile versperrt. Aber heute hatte sie keine Hilfe geholt, und als der Betrunkene sein Hemd auszuziehen versuchte, dabei alle Frauen „Nutten“ hieß und schließlich auf die Bar spuckte, ging sie zu ihm hin, sah ihm in die starren Pupillen und sagte nur: „Hinaus, du Schwein.“ Und er ging.

Sie nahm einen Schluck Frucade, und Leben kam wieder in die Gäste. Sie prosteten ihr zu und ließen sie hochleben. Wie sie den so einfach hinausgeworfen hätte, ohne irgendetwas, das sei schon sehr beeindruckend gewesen. Peter, der an diesem Abend, wie er sich ausdrückte, den zweiten Jahrestag seiner Scheidung beging, rief, er hoffe, seine Tochter werde nicht wie ihre Mutter, sondern wie Claudia. Dabei schüttelte er den Kopf, als könnten Worte gar nicht beschreiben, wie sehr ihm dieser Rauswurf imponiert hätte bzw. wie sehr er sich wünschte, dass seine Tochter wie Claudia werde. „Freilich“, warf Harry ein, „eine Frau, die schön ist, ist schon an und für sich gefährlich, aber eine Frau, die schön ist und stark, da müssen wir aufpassen.“ Alle lachten. Claudia erwiderte, dass sie weder besonders schön noch besonders stark sei, sondern in diesem Moment nur besonders verärgert, worauf Peter einwarf, wie es denn mit einem Beruhigungsschnaps wäre. „Geht auf mich!“ – „Nein, nein“, meinte Claudia, „der geht auf mich.“ Und sie schenkte allen einen doppelten Tequila ein, teilte Zitronenspalten aus, dann riefen alle „Prost“ und schluckten. Später teilte Harry „Wursti“ aus, dünne Scheiben einer deftigen Paprikawurst, die er bei seinen Geschäftsreisen in Ungarn kaufte und deren Verzehr durch einen rituellen Ablauf geregelt war. Jeder, der eine Scheibe bekam, musste die spezielle Gewürzmischung der Salami loben und im Besonderen auf den herb-süßen Abgang des ungarischen Paprikas hinweisen; tat er es nicht, gehörte er nicht dazu und bekam auch keine Wurst mehr. Gegen ihre Gewohnheit nahm Claudia auch eine Scheibe. Kurz vor zwei, als endlich auch Kaye, der Niederländer, gegangen war, sperrte sie das Lokal zu, putzte Tische und Theke ab und bestellte ein Taxi. Zwei jungen Männern, die offensichtlich noch Lust auf ein letzes Bier hatten, deutete sie, dass sie bereits zugesperrt habe, und drehte das Licht ab. In der Dunkelheit wartete sie auf das Taxi.

Mehr als sieben Jahre arbeitete sie schon im Baíha. Früher war es ein Irish Pub gewesen und hatte Galway Bay geheißen, aber Mike, der neue Besitzer, der sie angestellt hatte, erklärte, dass er die für ein Irish Pub typische Klientel nicht bräuchte. Angesoffene Sechzehnjährige, die ihren ersten Vollrausch in seinem Lokal durch Kotzen dokumentierten, könnten ihm gestohlen bleiben. Er hätte selbst lange genug in so ziemlich allen Lokalen, die es im Bermudadreieck gäbe, gekellnert; und Kotze aufwischen und gebrauchte Kondome vom Klo wegräumen hätte er in dieser Zeit eher gelernt als Bier ausschenken. Nein, nein, die Jungspritzer brauche er nicht, außerdem konsumierten sie zu wenig, er sei Lokalbesitzer und kein Jugendseelsorger. Seine Theorie war es, das Baíha zu einem zweiten Wohnzimmer für eine hoffentlich wachsende Stammkundschaft zu machen, ein Lokal, wohin man nach der Arbeit geht, ein, zwei Bier trinkt, vielleicht einmal auch einen Rosé oder einen Rioja und plaudert. Wer wolle, könne Dart spielen, Würfelpoker gäbe es auch, und Schnapskarten habe er sowieso immer parat. Claudia solle sich ein bisschen herrichten für die Gäste, sie sehe ja blendend aus, eine attraktive Frau, die man gerne anschaut – und schließlich waren die Gäste fast ausschließlich Männer.

Sie mochte das Baíha. Es war kein Traumjob, aber mit den Jahren hatte sich tatsächlich eine Stammkundschaft herausgebildet. Sie kannte beinahe alle, und manche Gäste wurden sogar Freunde, mit denen sie sich hie und da auch privat traf. Dann ging sie allerdings nie ins Baíha, sie verstand jene Kellner und Kellnerinnen nicht, die in ihrer Freizeit nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, als ausnahmsweise auf der anderen Seite ihres Arbeitsplatzes zu stehen und sich mit den Leuten, die sie ohnehin jeden Abend sahen, zu betrinken. Sie hatte mehrere Semester Psychologie studiert, immer nebenbei gekellnert, denn egal, wie viel ihre Eltern zuschossen, es schien nie zu reichen. Schließlich blieb sie beim Kellnern. Ein halbes Jahr arbeitete sie auf einem Luxusdampfer und kam so nach Hongkong und Australien. Sie überlegte lange nach Sydney auszuwandern, ließ es dann aber bleiben, ohne so recht zu wissen warum.

Oft fand sie keine Gründe für ihr Handeln. Als sie sich von Christoph trennte, mit dem sie beinahe ein Jahrzehnt zusammengelebt hatte, verspürte sie einen spitzen Schmerz, der mit der Zeit stumpf wurde, aber nicht verschwand. Im Trennungsgespräch unterbrachen sie das Schweigen und Achselzucken mit Floskeln, die man aus Talkshows und Bargesprächen kennt: Dass man sich auseinandergelebt habe, einander selbstverständlich geworden wäre, und im Grunde die Liebe in eine Freundschaft umgeschlagen sei; dass man nur ein Leben habe und noch nicht so alt sei, dass es einfach nicht mehr passe usw. Am Tag, an dem er auszog – er nahm sich das Recht heraus, die Räume ihrer Liebe zu verlassen –, packte sie, während er auf der Bank war, voll Zärtlichkeit seine Koffer, als könne sie ihn mit dem Zusammenlegen seiner Hemden und Unterhosen noch ein letztes Mal liebkosen, ihm etwas von der Geborgenheit auf den Weg mitgeben, in die sie so lange eingebettet waren, und die nun nur mehr in der Erinnerung existieren würde. Später suchte sie nach einer Erklärung, warum sie sich getrennt hatten und was sie am meisten gestört hatte. Aber das Einzige, was ihr einfiel, war die Art bzw. Unart, wie er jeden Morgen Kaffee machte. Trotz aller Hinweise schaffte er es nicht, den gemahlenen Kaffee in den Filter zu beuteln, ohne Kaffeepulver rund um die Kaffeemaschine zu streuen. Die Arbeitsfläche war jedes Mal beinahe flächendeckend mit schwarzem Pulver übersät, und da er es offenbar nicht sah bzw. das, was er sah, ihn nicht störte, wischte sie den Kaffee jeden Morgen wieder weg. Acht Jahre ärgerte sie sich, ohne dass es sie ernsthaft aufregte. Und dann plötzlich machte sie der Anblick des verstreuten Kaffeepulvers so wütend, dass es sie würgte. Eine echte Erklärung war das freilich nicht, aber immerhin besser als gar keine. Manchmal hoffte sie, dass all das Leid, das einem im Laufe des Lebens widerfuhr, irgendwann einen Sinn erhielte; etwa weil es einen weiser und geduldiger machte oder weil man seine Erfahrung mit jemandem teilen könne, um sie durch Mahnen und Warnen demjenigen zu ersparen. Seit einiger Zeit kam ein junger Mann immer wieder ins Baíha. Manchmal mit Freunden, manchmal alleine. Er gefiel ihr, hatte blaue Augen und ein nettes Lachen. Gelegentlich sprach sie mit ihm, dann war sie versucht, ihm etwas auf den Weg mitzugeben. Sie unterließ es aber, da sie Diskretion schätzte und nicht den Eindruck hatte, der junge Mann sei sonderlich an ihren Ratschlägen interessiert.

Sie erzählte wenig von sich. Das kam ihr bei dieser Arbeit zugute, denn die Männer, die allabendlich kamen, alleine an der Bar standen und, so sie nicht Dart spielten, mit ihr redeten, wollten vor allem eines: gewürdigt werden. Sie wollten erzählen, sich darstellen, Meinungen äußern, verstanden, vielleicht bewundert werden, und sich irgendwie dafür entschuldigen, dass sie hier standen und nicht bei ihren Familien waren. So sie eine hatten. Nach dem dritten Viertel erzählte Karl regelmäßig, dass er als Postbeamter vom Nichtstun so müde gewesen sei, dass er zu Hause nichts mehr hätte tun können. Die Müdigkeit habe ihn natürlich auch gehindert, sich entsprechend um seine Frau zu kümmern. Und als er eines Tages müde nach Hause gekommen sei, hätte er nur einen Brief gefunden, in dem sie ihm knapp mitteilte, dass sie es satt habe und sich einen richtigen Mann suchen werde. Die Wäsche hing noch genauso am Wäscheständer, wie sie seine Frau in der Früh aufgehängt hatte. Mittagessen hätte er aber ins Schnitzelhaus gehen müssen.

Als sie im Taxi saß, musste sie noch einmal an den heutigen Rausschmiss denken. Es wunderte sie nicht, dass niemand der Gäste ernstlich versucht hatte, ihr zu helfen. Die Männer kamen ins Baíha, um ein- bzw. unterzutauchen. Nicht umsonst der Name des Lokals. Hilfe zu leisten hätte bedeutet sich hervorzutun, gleichsam in See zu stechen, und das versuchen Männer nur, wenn sie verliebt sind – egal in wen oder in was.

Zu Hause machte sie sich noch ein Käsebrot mit Pfeffer und ging dann zu Bett. Plötzlich, sie war bereits im Halbschlaf, musste sie an die Wut denken, die sie wegen des Betrunkenen verspürt hatte, und genauso plötzlich wusste sie, woher sie die Unbändigkeit des Zorns kannte: Die Mimik, mit der der Betrunkene voll Ekel auf den Tresen spuckte, hatte sie an eine Gewohnheit ihres Vaters erinnert, der, so streng er auf ihre Tischmanieren achtete, sich selbst beim Essen gehen ließ. Schmeckte ihm etwas nicht, und es war nicht abschätzbar, was ihm an diesem oder jenem Tag schmecken würde, spuckte er den halbzerkauten Bissen einfach auf den Teller und fuhr dann ihre Mutter an, ob sie ihn vergiften wolle. Ihre Mutter entschuldigte sich dann mit gesenktem Kopf oder verließ mit feuchten Augen den Mittagstisch. Claudia beschloss am nächsten Tag ihren Vater anzurufen.

Das letzte Mal hatte sie ihren Vater auf dem Zentralfriedhof beim Begräbnis der Mutter gesehen. Auch davor waren ihre Besuche spärlich gewesen. Ihr Vater mochte Christoph nicht: Ein Jazzmusiker, noch dazu ein Saxophonist, sei nichts für seine Tochter, selbst wenn – so vermutete Claudia sein Urteil – bei ihr alles schief gelaufen sei, was in einem Leben nur schief laufen könne. Ihr Vater war Universitätsprofessor am Institut für Geschichte gewesen, ein anerkannter Wissenschaftler, der gegen Ende seiner Karriere ein mehrfach ausgezeichnetes Jugendsachbuch über die Geschichte Österreichs geschrieben hatte. Seine kluge, aber kindgerechte Darstellung komplexer Zusammenhänge wurde im Feuilleton gelobt. Im Vorwort schrieb er, dass die Geschichte Österreichs eine Geschichte der Veränderung, der Zu- und Abwanderung sei. Aus vielen Völkern setze sich die heutige österreichische Nation zusammen. Das Zusammenleben vieler Kulturen hätte den besonderen österreichischen Charakter geprägt, der tolerant und kompromissbereit sei, was anhand des einzigartigen Models der Sozialpartnerschaft oder der niedrigen Streikquoten bewiesen werden könne. Der Wohlstand des Landes sei das Verdienst der Besonderheiten dieses Nationalcharakters. Am Stefanitag hatte ihm Christoph einmal heftig widersprochen und ihn darauf hingewiesen, dass es nicht der österreichische Charakter sei, der für Toleranz – übrigens: dieser Begriff sei häufig durch den der Bequemlichkeit zu ersetzen – und Wohlstand verantwortlich gemacht werden könne, sondern schlicht und einfach die besondere politische Situation der zweiten Republik, die dem Land Wohlstand gebracht habe und ihn zumindest noch für einige Zeit sichere. Der soziale Friede sei eine Konsequenz des Wohlstandes. „Alle Menschen überall auf der Welt sind kompromissbereit und tolerant, wenn sie genug zu fressen und zu saufen haben.“ Abgesehen davon glaube er ihm das nicht so ganz mit der Toleranz und der Kompromissbereitschaft, man müsse ja nicht allzu viele Jahrzehnte zurückgehen, um eine klare Gegenthese aufstellen zu können. Darauf nannte der Vater Christoph einen Linken übelster Ausprägung und Christoph den Vater einen beamteten Staatsintellektuellen. Dann warf der Vater Christoph hinaus und mit ihm ging Claudia. Von einem Jazzmusiker müsse er sich überhaupt nichts sagen lassen, er, der jahrelang Geschichte studiert und gelehrt habe, rief er ihnen nach. Als er erfuhr, dass sich Claudia von Christoph getrennt hatte, rief er sie an, das hatte er noch nie gemacht, und versuchte ihr Trost zu spenden, den sie jedoch nicht annehmen konnte, da sie hinter jedem noch so guten Wort einen nur mühsam unterdrückten Triumph vermutete. Das Telefonat verhinderte eine Kontaktaufnahme auf weitere Jahre.

In einem Monat wurde sie dreiundvierzig und konnte sich nicht erinnern, ihrem Vater jemals direkt widersprochen zu haben. Dass sich Christoph weder vom Ruf noch vom Jähzorn ihres Vaters beeindrucken ließ, hatte sie bewundert, obwohl – irgendetwas in ihr verübelte Christoph den damaligen Widerspruch. Immerhin – das war ihr Vater. Und die ganze Angelegenheit ziemlich kompliziert.

Sie war zwölf und noch sehr kindlich, als sie in Ungnade fiel. Als einziges Kind aus zweiter Ehe genoss sie seine ganze Liebe, richtig närrisch war der Vater nach ihren braunen Augen, den langen Wimpern und dem runden Fleisch ihrer Wangen, die er so gerne vor dem Zubettgehen streichelte. Besonders gerne roch er an seiner kleinen Tochter, fuhr mit der Nasenspitze ihren Körper entlang, Kopf, Schultern, Arme, Bauchnabel, Beine – eine zarte, kaum wahrnehmbare Berührung. „Benasen“ nannten sie dieses Ritual, das immer mit dem Riechen an ihren Fußsohlen endete. „Um Gottes Willen, wie das stinkt“, rief dann der Vater, roch noch einmal, sein Atem kitzelte, sie kicherte und kreischte vor Vergnügen, wenn der Vater schließlich mit verdrehten Augen eine Ohnmacht vortäuschend zu Boden sank. Im Gegensatz zur Mutter schlug er sie nie, nie richtete er auch nur ein einziges scharfes Wort an sie. An ihrem ersten Schultag nahm er sich frei, brachte sie zur Schule und wartete dann vor der Eingangstür, wo er sie mit einer riesigen, hellblauen Schultüte empfing, in der ihr, unter vielen Süßigkeiten und Buntstiften, ein weicher Teddybär mit riesigen Tatzen treuherzig entgegenlächelte. Das sei der „Plüschpapiteddybussibär“. Über dieses Wort musste sie so lachen, dass ihr die Tränen kamen, und sie nahm seine Hand und ging hüpfend neben ihm nach Hause.

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9783701179947
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