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Johannes Huber:

Das Gesetz des Ausgleichs

Alle Rechte vorbehalten

© 2020 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover und Gestaltung: Isabella Starowicz

ISBN Druckversion 978-3-99001-425-7

ISBN E-Book 978-3-99001-426-4

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

INHALT

TEIL 1 Wie wir bessere Menschen werden

TEIL 2 Gut sein lohnt sich

TEIL 3 Die Anatomie der Ethik

EPILOG Der Kardinal, der Kanzler und das ewige Leben

NACHWORT VON PETER SLOTERDIJK Von der Unwahrscheinlichkeit des Menschen

»Das Leben ist wie ein Fahrrad.

Man muss sich vorwärtsbewegen, um

das Gleichgewicht nicht zu verlieren.«

Albert Einstein am 5. Februar 1930

in einem Brief an seinen Sohn Eduard

Was Sie erwartet

Anfang der 2000er-Jahre, also vor bald zwei Jahrzehnten, griff mich ein Weihbischof der katholischen Kirche in einem Leserbrief an die österreichische Tageszeitung Die Presse an. Er verschwieg zwar meinen Namen, doch er sprach vom »Vorsitzenden einer Ethikkommission«, womit klar war, wen er meinte.

Ethikkommissionen kümmern sich darum, dass angewandte Forschungen am Menschen ethisch sauber sind. Die Kommission, die ich leitete, hatte das österreichische Bundeskanzleramt ins Leben gerufen. Sie hatte sich zu diesem Zeitpunkt mit einem brisanten und dementsprechend polarisierenden Thema zu befassen. Es ging um künstliche Befruchtung, die In-vitro-Fertilisation (IVF), die heute fast schon Routine in der Familienplanung beziehungsweise in der Reproduktionsmedizin ist, damals aber noch völlig neu war. 1978 war in England das erste Retortenkind zur Welt gekommen, 1982 dann das erste in Österreich. Die wichtigste ethische Frage, die dabei zu diskutieren war, hatte damit zu tun, dass bei der IVF jeweils mehrere Eizellen befruchtet werden, aber immer nur eine oder zwei davon in den Körper der Frau implantiert werden. Die übrigen starben damals meist von selbst ab. War das nach ethischen Gesichtspunkten vertretbar?

Eine Frage, mit der nicht nur wir uns befassten. Auf internationaler Ebene tat das zum Beispiel das renommierte Kennedy Institute of Ethics. Der dort in die Diskussion involvierte Professor John Harvey, Leibarzt der Kennedy-Familie, lud mich mehrmals nach Amerika ein. Auch hier kreisten alle Gespräche sehr ernsthaft um die zentrale Überlegung, wie dieser Aspekt der IVF ethisch und juristisch zu handhaben sei.

Ich befürwortete die IVF grundsätzlich. Als Reproduktionsmediziner kannte ich den sehnlichen und oft auf traurige Weise unerfüllten Wunsch von Frauen und Männern nach Kindern. Ich sah hier eine Chance, Leben zu schaffen und Familien zu gründen. Dafür nannte mich der Weihbischof einen »Abtreiber«, der »dem ewigen Gericht nicht entgehen« werde.

Mich traf das umso härter, als ich mich der katholischen Kirche, ihren ethischen und spirituellen Konzepten, ihren Traditionen und ihrem gesamten Apparat verbunden fühlte. Ich hatte als Schüler ein katholisches Internat besucht und mich dort gut aufgehoben gefühlt. Später studierte ich neben Medizin auch Theologie und war einige Jahre lang Sekretär des Wiener Kardinals König gewesen, eine Zeit, die mich als junger Mensch prägte wie keine andere.

Ich wollte den Angriff zunächst ignorieren, doch das ging nicht. Der Weihbischof hatte damit eine Welle der Aggression ausgelöst, und er schürte sie weiter.

Ich war irritiert und fand, dass sich ein Gericht mit dem Weihbischof befassen solle, und zwar nicht nur das von ihm ins Spiel gebrachte ewige, sondern zunächst einmal ein weltliches. Ich wandte mich an einen Anwalt, der für mich eine Klage gegen den Weihbischof samt Antrag auf Unterlassung sowie eine einstweilige Verfügung einbrachte.

Es folgte ein langwieriges juristisches Hin und Her. Die Materie war auch für die Gerichte neu und wurde teils recht emotional betrachtet. Zunächst entwickelte sich die Causa eher zu meinen Gunsten. Mit der Beharrlichkeit des Weihbischofs und seines Anwaltes dann wieder eher zu seinen, bis mir die letzte Instanz recht gab. Ich war kein Abtreiber, und weder der Weihbischof noch sonst jemand durfte mich als solchen bezeichnen. Das letzte Wort war gesprochen und mein Ruf war wiederhergestellt.

Ich rechnete nicht damit, dass der Weihbischof sich nun entschuldigte. Am ehesten rechnete ich damit, einfach nichts mehr von ihm zu hören. Doch stattdessen erhielt mein Anwalt von seinem einen Bittbrief. Sein Klient sei ein mittelloser Kirchenmann, hieß es darin sinngemäß, er könne sich die Kosten für einen Widerruf in der genannten Tageszeitung sowie die Rechtskosten, die bereits für mich angefallen waren und die er nun zu übernehmen hätte, einfach nicht leisten. Er fragte an, ob es mir möglich wäre, ihm beides zu erlassen.

Ich verzichtete auf den Kostenersatz sowie auf den Widerruf und begnügte mich mit einem neuerlichen, für den Weihbischof kostenlosen, Leserbrief in der Zeitung. Dabei handelte ich eigentlich nicht aus Großzügigkeit. Ich hatte bereits davor die Leitung der klinischen Abteilung für gynäkologische Endokrinologie am größten österreichischen Krankenhaus, dem Allgemeinen Krankenhaus in Wien, übernommen, und wollte mich darauf konzentrieren.

Zehn Jahre später besuchte ich mit einem befreundeten Arzt, Markus Metka, bei einem Ärztekongress in Rom ein Orgelkonzert in der Kirche Santa Maria dell’Anima. Als der letzte Ton der wunderbaren Musik verklungen war und das Publikum bereits aus der Kirche strömte, blieben Metka und ich noch sitzen, um das Gehörte auf uns wirken zu lassen.

Genau da bemerkte ich den Weihbischof. Wir erhoben uns, um nun ebenfalls zu gehen und ihm die für ihn vielleicht unangenehme Begegnung zu ersparen, doch er kam auf mich zu. Ich sah, dass er gezeichnet war. Er wirkte gesundheitlich angeschlagen, geschwächt und sich seiner selbst unsicher. »Du auch hier?«, sagte er überaus herzlich, während er mich zur Begrüßung nahezu in die Arme nahm.

Offensichtlich wusste er noch, dass wir uns kennen, hatte aber anscheinend vergessen, woher und was uns verband. Die Sache mit dem Leserbrief und dessen juristisches Nachspiel schien seinem Geist entfallen zu sein, doch ich war mir nicht sicher.

Nachdem wir einige ebenso freundliche wie belanglose Worte gewechselt hatten, verließen Metka und ich die Santa Maria dell’Anima, und noch heute macht mich die Sache manchmal nachdenklich.

Eigentlich war ich froh, auf den bezahlten Widerruf und auf meine Anwaltskosten verzichtet zu haben. Ich fühlte mich einfach wohler, als ich den Weihbischof wieder traf und hatte das Gefühl, das von ihm seinerzeit bemühte ewige Gericht habe nun wirklich für mich entschieden.

Dieser Moment in der Kirche schien damals zu vermitteln, dass es tatsächlich so etwas wie einen inneren Ausgleich gibt, wie ihn nicht nur Mozart in seinen Opern, die Freimaurer und die christlichen Kirchen, sondern viele spirituellen Traditionen in den Raum gestellt haben.

Vom Ausgleich, den es nach dem Tod gibt, ist schon lange die Rede. Bereits vor Jahrtausenden gingen ägyptische Denker davon aus, dass unserer Seele beim Tod abgewogen und wir nach unseren Taten beurteilt werden. Ein Gedanke, der offenbar bisher jede Evolution des menschlichen Geistes überstanden hat.

Aber selbst, wenn die Angst vor diesem letzten Gericht langsam schwindet: Bleibt ein Leben in Rücksichtslosigkeit, Unbeherrschtheit, Übermaß, Gier, Hochmut und allen möglichen anderen Sünden trotzdem unbestraft? Oder gibt es so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit auch schon im Diesseits? Und wenn ja, warum und wodurch?

Kann es sein, fragte ich mich, dass das »ewige Gericht« von der ewigen Verfassung der Natur, der wir alle unterworfen sind, stattfindet? Dass uns also böse Taten physisch, psychisch oder materiell letztendlich selbst schaden, uns schwächen? Kann es sein, dass das Bibelzitat »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan«1 so etwas wie einer medizinischen Logik folgt? Und dass für gute Taten das Umgekehrte gilt? Dass sie am Ende uns selbst nützen und uns stärken?

Es sind wohl Fragen, die sich viele Menschen so oder so ähnlich stellen, besonders dann, wenn ihnen gerade andere übel mitspielen, und das passiert uns allen manchmal im Leben. Viele Menschen spüren, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit geben könnte, auch wenn sie es vielleicht nicht richtig zu hoffen und schon gar nicht laut auszusprechen wagen. Vielleicht hat sich deshalb ein Zitat des Konfuzius auch in Europa im Volksmund verbreitet: »Setze dich an einen Fluss und warte, bis die Leiche deines Feindes vorbeischwimmt.« Was intendiert, dass das, der oder die Böse einer irdischen Strafe zugeführt wird, und letztlich auch, dass das, der oder die Gute irdischen Lohn empfängt.

Ich hatte das Privileg, diese von viel emotionalem, religiösem und esoterischem Wirrwarr überschatteten Fragen lang zu betrachten und aufgrund vieler Informationen zu beleuchten. Ich tat es als Arzt und mithilfe jeweils aktueller naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse.

Gerade in den vergangenen Jahren, in denen sich die Medizin mit neuen Disziplinen wie der Epigenetik oder der Psychoneuroendokrinologie über die Grenzen des mechanistischen Menschenbildes hinauszuwagen begann, fand ich bei der Lektüre neuer Fachbeiträge sowie bei der eigenen ärztlichen Tätigkeit Hinweise auf mögliche Antworten, die sich allmählich zu einem Gesamtbild formten. Von diesem Gesamtbild handelt dieses Buch.

Kurz gesagt werden Sie darin lesen, warum es sich auszahlt, ein guter Mensch zu sein. Sie werden dies mit einer gewissen Befriedigung und vielleicht auch mit einem gewissen Effekt der Entspannung lesen, denn es enthebt Sie dem vermeintlichen Zwang, auf Aggression mit Aggression oder womöglich auf Böses mit Bösem zu reagieren.

Ihr Leben wird schöner davon werden, wenn Sie aus pragmatischen, naturwissenschaftlich unterlegbaren Gründen auf die genannte Verfassung der Natur zu vertrauen lernen, und darauf, dass sie das Gute auf Dauer unterstützt und dem Bösen auf Dauer den Boden entzieht. Vielleicht werden Sie jene, die Ihnen bewusst übel mitspielen, die Sie bewusst unfair und ungerecht behandeln, in Zukunft sogar ein wenig bedauern. Weil sie nicht wissen, was sie sich damit selbst antun.

Und vielleicht werden Sie sich auch Sorgen machen. Weil Sie sich fragen müssen: Bin ich selbst wirklich gut? Oder fällt mir eines Tages auch unerwartet etwas auf den Kopf, weil ich irgendwann einmal leichtfertig und gedankenlos »böse« war? Wer kann schon von sich sagen, immer und in jeder Situation ein »guter« Mensch zu sein? Wer kann von sich sagen, dass er sich in seinem Gutsein niemals von »bösen« Emotionen wie Zorn, Aggression und vielleicht auch Hochmut kompromittieren lässt? Und ist es nicht schon ein Akt des Hochmutes, wenn wir die Grenze zwischen Gut und Böse so ziehen, dass wir eindeutig bei den Guten sind? Weil es im Grunde jeden Tag eine Herausforderung ist, zu den Guten in einem tieferen, von der Stimme unseres Gewissens bestimmten Sinn zu gehören?

Damit Sie sich diese Sorgen beim Lesen nicht machen müssen, zeigt das Folgende, wie wir gute Menschen sein können. Ich beziehe mich dabei auch auf den großen Psychoanalytiker, Philosophen und Sozialpsychologen Erich Fromm, mit dem ich in jungen Jahren im Rahmen eines Buchprojektes zusammenarbeiten durfte. Fromm sagte, das Sein müsse anstelle des Habens in den Vordergrund unseres Lebens treten, wenn wir dessen Sinn gerecht werden wollen.

»Sein« bedeutet allerdings nicht, im Sinne der modern gewordenen Work-Life-Balance mehr zu »chillen« und mit möglichst geringem Aufwand ein möglichst bequemes Leben zu führen. »Sein« kann, wenn wir unser Leben aus philosophischer Perspektive betrachten, nur bedeuten, dass wir diesen Planeten als das anerkennen, was er ist: einer der Askese, einer der Übung also. Er ist dazu da, uns weiterzuentwickeln, auf eine höhere Ebene zu gelangen, uns also darin zu üben, bessere Menschen zu werden.

Doch wie tun wir das? Das soll dieses Buch zeigen. Ich kann vorausschicken, dass es weniger komplex ist, als es jetzt scheinen mag. Denn genau wie wir Trainingsprogramme für den Körper und für den Geist erstellen können, können wir auch welche für die Seele erstellen, bloß haben wir es nie getan, weil wir viel eher an einem fitten Körper und an einem fitten Geist gemessen werden als an einer fitten Seele.

Doch das könnte sich bald ändern. Denn die Corona-Krise und der Klimawandel zeigen, dass wir die großen Aufgaben, die vor uns liegen, als Menschheit nur lösen können, wenn wir »gut« sind, gut zu unseren Mitmenschen, gut zu den anderen Wesen, die diesen Planeten bevölkern und gut zum Planeten selbst. Weshalb im genannten tieferen Sinn gut zu sein vielleicht künftig auch einen höheren sozialen Stellenwert erhalten wird. Womit der Verfassung der Natur wieder die Bedeutung zukäme, die ihr zusteht. Zusätzlich können wir die Vorteile, die uns das Gutsein selbst bringt, am ehesten dann lukrieren, wenn wir unser Gutsein regelmäßig trainieren.

Welche Vorteile das genau sind, beziehungsweise auch, welche Nachteile Sie sich im Diesseits einhandeln, wenn Sie sich auf den Deal mit der Strafe erst im Jenseits einlassen, lesen Sie im zweiten Teil. Darin erfahren Sie, was Sie durch Gutsein alles für sich gewinnen und welche scheinbar schicksalhaften Unbilden im Leben Sie vermeiden können, wenn Sie sich an den Fünf-Punkte-Trainingsplan für Ihre Seele halten.

Der dritte Teil überlegt mit Ihnen, dass Sie mit Ihrem Versuch, gut zu sein, keineswegs nur pragmatische Vorteile lukrieren. Er versucht aufzuzeigen, warum Sie sich damit zum Teil eines größeren Ganzen machen, zum Teil jenes Himmel und Erde umspannenden komplexen Systems, das uns als holistische Wesen in der Form, die wir gerade einnehmen, hervorgebracht hat, und in dem wir eines Tages in neuer Form wieder aufgehen könnten. Dieser abschließende dritte Teil soll auch beschreiben, was Ethik eigentlich ist, woher sie kommt, wieso wir Menschen als einzige Wesen auf diesem Planeten Zugang dazu haben, und wozu wir sie weit über die Organisation unseres irdischen persönlichen Lebens und unseres irdischen Miteinanders hinaus vielleicht eines Tages brauchen.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre!

Johannes Huber, September 2020

TEIL 1
WIE WIR BESSERE MENSCHEN WERDEN

Die amerikanische Forscherin Laurie Santos begeisterte Millionen Menschen mit ihrem Online-Kurs über das Wesen des Wohlbehagens. Der Psychologieprofessorin der Yale University in Connecticut war aufgefallen, dass Studenten immer häufiger Angstzustände und Depressionen mit in den Hörsaal brachten. Bleiche Gesichter, fahrige Blicke, nervöse Hände. Es herrschte eine innere Unruhe, ein Gefühl der Unrast. Viele konnten sich kaum konzentrieren, waren nicht motiviert und schnell überfordert.

Vor zwei Jahren stellte Santos das Seminar Die Wissenschaft des Wohlbefindens ins Vorlesungsverzeichnis und wurde von Studierenden auf der Suche nach Zufriedenheit und Glück elektronisch überrannt. Knapp 26 Millionen Mal riefen sie den Kurs auf. Die Geheimnisse des Innenlebens und vor allem der Weg zu innerer Ausgeglichenheit weckten mehr Neugier als jede andere Vorlesung am Campus. »Wir haben hier Handlungsbedarf«, resümierte Laurie Santos.2

Die Wissenschaftlerin erfand das Rad nicht neu, sie riet zu relativ einfachen Dingen. In den Mittelpunkt stellte sie allerdings etwas, das auf den ersten Blick so gar nicht in unsere Zeit zu passen scheint, in der Ellbogenmentalität, Selbstdarstellung und Egozentrik auf allen Ebenen dominieren: Wer etwas Gutes für andere tut, fühlt sich auch selbst besser. Wir kennen das von den Pfadfindern. Jeden Tag eine gute Tat, und die Seele jubelt.

Das Ganze hat einen relativ einfachen menschheitsgeschichtlichen Hintergrund. Die Evolution belohnt Verhaltensweisen, die das Überleben der Spezies sichern, zum Beispiel mit Ausschüttungen des Glückshormons Dopamin. Füreinander da zu sein, gehört zu diesen Verhaltensweisen, weil der vergleichsweise schwache Mensch Herausforderungen wie Säbelzahntiger oder andere Unbilden der Urzeit nur gemeinsam meistern konnte.

Füreinander da zu sein, wiegt uns deshalb in einem Gefühl von Schutz, Geborgenheit und Sicherheit. Es lässt uns besser schlafen und senkt zum Beispiel den Spiegel des Stresshormons Cortisol in unserem Blut, mit allen damit verbundenen positiven Folgen für unsere Gesundheit. Egoisten hingegen suchen mit ihrer Scheuklappenmentalität das Glück eher, als dass sie es finden.

Laurie Santos’ Ruf nach mehr Mitmenschlichkeit als Mittel zur seelischen und letztlich auch zur körperlichen Selbsttherapie war über Kontinente hinweg zu hören, wohl auch im asiatischen Staat Bhutan. Denn bereits im Jahr 1979 ging in Bhutan aus einer 200 Jahre alten Vorgeschichte der Begriff Bruttonationalglück hervor, international bekannt als Gross National Happiness. Bhutan definierte damit den Lebensstandard in breiter, humanistischer und psychologischer Weise und stellt dem herkömmlichen Bruttonationaleinkommen, in dem es nur um Geldflüsse geht, einen ganzheitlichen Wert gegenüber.3

Eine Staatskommission ermittelt diesen Wert regelmäßig. Wie geht es der Bevölkerung? Was bewegt die Menschen? Was beschäftigt sie? Was erfreut sie. Was macht sie trübselig? Was geht ihnen zu Herzen oder auf die Nerven?

So ein Barometer der inneren Ausgeglichenheit wäre überall auf der Welt wünschenswert. Nicht nur, um das individuelle Glück der Menschen zu mehren. In einer Welt, in der Glück einen politischen Stellenwert hat, wird aus den genannten einfachen evolutionsgeschichtlichen Gründen auch das Füreinander-da-Sein als Voraussetzung dafür unverzichtbar.

Anders ausgedrückt: Ein Staat, der seine Bürger glücklich machen will, zeigt ihnen, dass sie besser gute Menschen sind. Wenn in einem Staat viele Menschen füreinander da sind, löst das fundamentale gesellschaftliche Probleme, die mit dem Narzissmus und der Vereinzelung einhergehen.

Der Ruf nach Glück, Anstand und Moral war auch schon vor Laurie Santos’ erstaunlich erfolgreicher Initiative massentauglich, doch nicht immer ist er wie bei ihr von Wahrhaftigkeit getragen. Haltung, Ethik, Menschlichkeit. Die Schlagwörter tauchen heute in Gesprächen schnell einmal auf, doch das Gutsein in einem tiefen, evolutionären und spirituellen Sinn musste dabei vielfach dem »Gutmensch-Sein« weichen, das politisch meist linke Gruppen zu einem Dogma erhoben. Mit Verhaltensvorgaben, die teilweise nicht als wesentlich erlebbar sind, aber dennoch durch den digitalen Pranger geahndet werden, was zu einer Art modernem Tugendterror führte.

Gut zu sein, darauf sollten wir uns an dieser Stelle einigen, darf kein Trend sein, mit dem sich bestimmte Gruppen schmücken. Es muss aus uns selbst kommen. Als Entscheidung. Aus Überzeugung.

»Moralische Vollendung ist nicht länger das Privileg einiger weniger Asketen und Altruisten«, beklagte in diesem Zusammenhang der deutsche Publizist und Philosoph Alexander Grau. »Moralischer Kitsch macht Moral zum Massengut. Jeder kann hochmoralisch sein, zu jeder Zeit. Es reicht aus, einfach die richtigen Phrasen abzusondern. Man muss nur für Frieden sein, für Toleranz und natürlich Haltung zeigen. Das alles kostet nichts, gibt aber ein gutes Gefühl und entlastet von Reflexion.«

Grau fand mit leiser Ironie, dass wir aufpassen sollten, keinen moralischen Kitsch zu erzeugen, nur um vor uns selbst oder in einer Blase Gleichgesinnter gut dazustehen. Rechtschaffenheit ist kein Gütesiegel, das sich jemand anheftet wie ein Autokennzeichen oder ein Namensschild. Sie ist vielmehr ein Gut, das wachsen und in uns reifen muss und so etwas wie Seelen-Selbst-Erforschung voraussetzt, für die wir uns bewusst entscheiden müssen. Denn nur Erkenntnisse machen uns weiser und bilden eine Richtschnur, die uns auch besser macht.4

Der österreichische Schriftsteller und Journalist Robert Misik konterte Alexander Grau mit einem philosophischen Gedanken, der Hoffnung macht. »Der Mensch ist ein veränderbares Tier«, lautet er. Menschen ändern sich wie die Figuren in einem Videospiel, die neue Kräfte bekommen oder Lebenspunkte verlieren, wenn sie falsch agieren, und ihr Tun wirkt immer auf sie und auf die Welt zurück.

Wir können etwas ändern, wenn wir wollen, und unser Wirken nach einem moralischen Kompass ausrichten. Allerdings reicht es dabei nicht, Worthülsen wiederzugeben, Sprachregelungen zu befolgen und Empörungsreflexe zu zeigen, die vom modernen Gutmenschen-Dogma bestimmt sind. Wir fühlen es selbst: Das wäre zu einfach.5

Wenn wir wirklich bessere Menschen werden wollen, mit allen Vorteilen, die das zum Beispiel in Laurie Santos’ Sinne haben, müssen wir in uns gehen und es so machen wie die Wiener Philharmoniker, die ihren festen Sitz im unweit von meiner Wiener Ordination gelegenen Goldenen Saal des Musikvereins haben: Wir müssen üben, üben, üben.

Nach dem Untergang des Römischen Reiches war das Üben als massentaugliche menschliche Erfolgsstrategie 1.500 Jahre lang weitgehend vergessen. Erst um 1900 entdeckten wir es wieder, dank des Pädagogen und Sportfunktionärs Pierre de Coubertin, der Muskelübungen empfahl.6 Körperliche Übungen und deren sinnvolle Effekte sind selbstverständlich für uns. Im Jahr 2019 waren rund 11,7 Millionen Menschen in einem der fast 10.000 deutschen Fitnessklubs aktiv.7 In Österreich gibt es mehr als 1.200 Studios mit mehr als einer Million Mitglieder.8

Dass sich auch unser Gutsein, also unser Charakter, durch Übung stärken lässt, hat sich weit weniger gut durchgesetzt. Dies, obwohl prominente Akteure der deutschen Geistesgeschichte das regelmäßig betonten. Rudolf Steiner oder etwa Friedrich Nietzsche taten es mit ganz ähnlicher Intention. Wir müssen den Menschen dazu bringen, gut zu sein, denn nur so kann er über sich hinauswachsen, glaubten sie.

Mario Schönhart, Herausgeber des Buches Spiel mit der Wirklichkeit: Zum Erfahrungsbegriff in den Naturwissenschaften bezeichnete eine dementsprechende Initiative des Philosophen Peter Sloterdijk als »alternative Athletik«, die an die Stelle eines »Sklavenaufstandes in der Moral« trete.

Diesen Gedanken, der sich auch innerlich schon viel eher nachvollziehen lässt als das Gutmenschen-Dogma mit dem Tugendterror, ist allerdings kein globaler. Er ist vor allem ein europäischer, vielleicht auch einer der westlichen Welt, dem allerdings die Version Chinas zum Gutsein gegenübersteht.

Der Zwang zum Gutsein

Uns Europäern gesteht unser Weltbild die einmalige Chance zu, Emotionen zügeln zu lernen, weniger durch äußeren Zwang als aus innerer Überzeugung. Wir können sozusagen aus freien Stücken von Henkern zu Denkern wachsen. Wir können uns, ausgehend von dem, was wir bei unserer Geburt und unserer Sozialisierung mitbekommen haben, selbst weiter sozialisieren und damit unseren Charakter individuell bilden.

In China funktioniert das anders. China hat ein System geschaffen, das den äußeren Zwang kultiviert. Sei es durch den Staatsapparat, sei es durch die Unerbittlichkeit des Internets und der digitalen Überwachungsmöglichkeiten.9

So läuft, während ich das hier schreibe, seit zwei Wochen in China die sogenannte Leerer-Teller-Kampagne, und wir Europäer können nur staunen, wie rasch es ihr offenbar gelingt, neue Verhaltensstandards zu setzen. Staatschef Xi Jinping hatte die Lebensmittelverschwendung im Lande (sicher nicht zu Unrecht) als schockierend bezeichnet und einen sparsameren Umgang mit dem Essen angemahnt. »Sorgt für ein gesellschaftliches Klima, in dem Verschwendung als beschämend gilt und Sparsamkeit als lobenswert«, sagte er.

In vielen Restaurants, in denen es bis dahin als Zeichen der Gastfreundschaft und der Großzügigkeit galt, viel mehr zu bestellen, als die Eingeladenen essen können, ist jetzt die »N-1«-Regel in Kraft. Für sechs Gäste dürfen höchstens fünf Gerichte bestellt werden. Eine Kellnerin wird als »Essensverschwendungsaufseherin« abgestellt, die sicherstellt, dass an keinem Tisch etwas übrig bleibt.

Manche Gaststätten beurteilen ihr Bedienungspersonal schon danach, ob sie es schaffen, Gästen von zu großen Bestellungen abzuraten. Andere bestrafen gleich die Gäste selbst, wenn sie nicht aufgegessen haben. Einen besonders innovativen Ansatz entwickelte dabei ein Restaurant in Changsha, das seine Kunden ermunterte, sich vor der Essensbestellung zu wiegen. Das Gewicht wurde in eine spezielle App eingespeist, die den Kunden dann eine individuell angepasste Bestellempfehlung aussprach. Nach einem Shitstorm sah sich das Restaurant allerdings veranlasst, die Waagen wieder beiseitezuschaffen.

Das Servicepersonal der Hochgeschwindigkeitszüge gibt inzwischen kleinere Portionen aus, zum selben Preis allerdings. Sogenannte »Mukbang«-Videos, eine aus Südkorea importierte, rätselhaft populäre Mode, die einsame Esser beim Vertilgen unfassbarer Fleischmengen zeigen, wurden verboten. Stattdessen sind jetzt einige der Protagonisten solcher Videos dabei zu beobachten, wie sie sich mit betont bescheidenen Menüs begnügen.

Die Kampagne schuf auch einen neuen Online-Trend bei Essens-Postings. Die Fotos zeigen nicht nur wie bisher das Essen selbst, sondern auch die leeren Teller danach.

Das der Kampagne zugrunde liegende Problem ist real. Die chinesische Sektion des WWF schätzt, dass in China 17 bis 18 Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich weggeworfen werden. 38 Prozent des in Restaurants bestellten Essens wird entsorgt. Trotzdem macht die kollektive Erinnerung an die Zeiten Mao Zedongs, als Sparsamkeitskampagnen häufig waren und oft mit Hungersnöten einhergingen, manche Chinesen auch misstrauisch. Andere sehen die Kampagne im Zusammenhang mit Staatschef Xi Jinpings Programm, China inmitten von Handelskrieg, Corona und Flutkatastrophen autarker zu machen. Selbst beim »leeren Teller«, schrieb die Parteizeitung Renmin Ribao, gehe es letztlich um die Staatssicherheit.10

Das ist eben der große kulturelle Unterschied zwischen beiden Kontinenten: In Europa können wir unser individuelles moralisches Korsett entwickeln und freiwillig gute Menschen sein (und damit in Steiners und Nietzsches Sinn über uns hinauswachsen), die Chinesen müssen bloß staatliche Regeln befolgen, um als gut zu gelten. Für kleinste Fehler wie das Überschreiten einer Straße bei Rot bekommen sie soziale Strafpunkte, die sie klassifizieren. Wer keine oder wenige Strafpunkte hat, steht in der sozialen Hierarchie weit oben und gewinnt. Wer viele hat, stürzt ab und verliert.11

Die chinesische Variante von Amazon heißt Alibaba und zählt zu den zehn erfolgreichsten Unternehmen der Welt. Alibaba verkauft nicht nur Güter, sondern übt auch einen unsichtbaren Zwang aus, der dem Staat helfen soll, die Menschen zu erziehen. Es ist wie bei der Dressur eines Hundes.

Die entscheidenden Projekte dabei heißen Himmelsnetz und Adleraugen. Die schönen Worte bezeichnen ein lückenloses Überwachungssystem durch sechshundert Millionen intelligente Kameras. Diese Augen spähen 24 Stunden durch die Straßen und Gassen, sie erkennen Gesichter und errechnen Wege, speichern Gewohnheiten und melden Verfehlungen aller Art. Die Chinesen müssen sich benehmen, und es ist keine Frage ihres freien Willens, gut zu sein oder besser zu werden. Der Staat regelt das mit elektronischer Präzision und kompromissloser Härte.

Alibaba hat dabei in Kooperation mit der Regierung einen smarten Dienst in die Welt gesetzt: Sesame Credit. Der Handelsriese verleiht Geld und das System überwacht, wie verlässlich die Kreditnehmer eingegangenen Verpflichtungen nachkommen. Wieder gibt es Gut-oder Schlechtpunkte und gleichzeitig prüft Sesame Credit im Hintergrund die Vertrauenswürdigkeit aller Kunden. Wohnt sie oder er allein oder mit Familie? Wie oft wechselt jemand die Adresse? Aus solchen Daten generiert Sesame Credit dann Urteile darüber, ob jemand vertrauenswürdig oder etwa unstet ist.

Dazu kommen Detailfragen und Analysen. Was kauft jemand? Windeln? Hervorragend, ein Hausmann oder eine Hausfrau. Gut. Videospiele? Verdächtig. Schlecht. Alkohol? Alles klar. Tabletten in der Online-Apotheke? Welche denn? Kauft er Bücher? Romane oder politische Bücher? Streamt er amerikanische Serien? Ist jemand Romantiker? Kauft er oder sie Blumen, Parfüms, Gutscheine oder Schmuck? Schaut er oder sie Pornos? Inwieweit sind über jemanden ausreichend Daten vorhanden, und wenn nicht, warum nicht? Was hat er oder sie zu verbergen? Nimmt dieser Mensch die Annehmlichkeiten der Digitalisierung an oder weigert er sich, elektronisch zu kooperieren? Was macht er beruflich? Schreibt er einen Blog? Ist er öffentlich präsent? Übt er womöglich Systemkritik? Oder treibt jemand aus seiner Familie oder aus seinem Freundeskreis etwas, das verdächtig sein könnte?

Ob damit gute Menschen oder nur gehorsame erzeugt werden, ist allerdings fraglich. Denn Gewalttaten sind in China, wie neueste Zahlen zeigen, keine Seltenheit. So etwa ist dort Gewalt gegen Ärzte ein verbreitetes Problem, für das es sogar einen eigenen Begriff gibt: Yinao. Zu den Ursachen zählen mangelndes Vertrauen in das Gesundheitssystem, die Annahme, ein verstorbener Angehöriger sei nicht gut genug versorgt worden, aber teils auch der Versuch, Entschädigungszahlungen zu erpressen.12

Das ist der zentrale ethische Unterschied zwischen Europa und China. Gut sein gemäß einer eigenen besseren Vision von sich selbst und durch eigene Erkenntnis versus gut sein nach einem staatlichen Muster mit staatlichem Zwang.

Was funktioniert besser? Was lässt mehr Menschen über sich hinauswachsen? Was macht die Individuen und den Staat, den sie bilden, stärker? Was davon führt im besten Fall zu nachhaltiger Stärke und was nur zu hohler Dominanz? Wir werden alle noch erleben, wie sich der Wettbewerb zwischen dem europäischen und dem chinesischen Weltbild weiterentwickeln wird.

Der dringende Bedarf an besseren Menschen

Europa war immer überzeugt, dass der Mensch aus freien Stücken ein Athlet im Gutsein werden kann. »Du musst dein Leben ändern«, das war bereits vor Jahrzehnten das ethische Postulat des bereits genannten Philosophen Peter Sloterdijk, der damit den Schlussvers des 1908 in Paris entstandenen Sonetts Rainer Maria Rilkes Archaischer Torso Apollos zitierte.13 Die Übung darin brauchen wir heute wahrscheinlich mehr denn je. Wir müssen uns im Füreinander-da-Sein üben, im Zusammenhalten, im Kooperieren, in der Loyalität und Treue und in der Bescheidenheit, und all das nicht nur in Bezug auf alle anderen Menschen auf diesem Planeten, sondern auch in Bezug auf die Umwelt. Sonst werden unsere Ökosysteme, die Kultur und unserer gesamten Erde kollabieren und danach wird nichts mehr so sein, wie es bisher war. Der Klimawandel und die COVID-19-Pandemie sind Alarmsirenen, die an Lautstärke nicht mehr zu überbieten sind. Peter Sloterdijk fasste das so zusammen: »Es geht hier um eine Entwicklung, für die ich vor einigen Jahren einmal den Ausdruck »Ko-Immunität« vorgeschlagen habe. Auch wenn wir also keine geborenen Naturschützer sind, so sollten wir doch so klug sein, uns noch für eine Weile als Überlebensanwärter auf diesem durch das Weltall rasenden Planeten zu sehen.«14

Dennoch verschließen wir die Ohren. Wir üben uns in allem, nur nicht in uns selbst. Doch genau darauf käme es an. Wir kommen auch so, wie wir sind, durchs Leben, denken wir. Diesen Stress brauchen wir nicht auch noch, bei allem anderen, was wir so zu tun haben. Wir mögen es nicht, dieses Üben unseres Charakters. Es klingt ein wenig nach Bibelstunde und anderen Dingen, die uns auf freudlose Weise gefangen halten.

Der amerikanischen Forscherin Laurie Santos ist es geglückt, zu demonstrieren, wie falsch diese Einschätzung ist. Es ist ihr gelungen, zu zeigen, dass wir gerade damit der Knechtschaft der Einsamkeit, des Unglücks, der Depression oder einfach des in unserer ganzen Welt um sich greifenden Hohlgefühls entkommen können. Es ist ihr auch gelungen, zu zeigen, dass wir genau damit zurückfinden zu Glück, Freude, Gemeinschaft, Kraft und Motivation. Charakterfitness ist der goldene Schlüssel für ein gutes Leben und darüber hinaus, wie dieses Buch noch zeigen wird, auch so etwas wie ein goldener Schlüssel zur Ewigkeit.

Wenn Millionen Menschen täglich auf Laufbändern rennen und Gewichte stemmen, um ihren Körper zu trainieren, müsste so etwas doch auch für den Geist möglich sein. Klimmzüge für eine bessere Gesinnung sozusagen. Liegestütze für den Frohsinn und ein Ergometer für die inneren Werte. Warum gibt es das nicht, ein Trainingsprogramm für den Charakter, das womöglich auch noch Spaß macht und aufregend ist, wenn die Effekte davon unser Leben und vielleicht auch alles, was nach dem Leben kommt, so viel besser macht?

Es ist nicht so, dass es ein solches Trainingsprogramm ganz und gar fehlt. Uralte spirituelle Traditionen kennen einige derartige »Fitnessgeräte«, und die Naturwissenschaften kennen zumindest einige Bestandteile solcher Geräte, die wir nur zusammenbauen müssen.

Bei den spirituellen Traditionen wären sowohl christliche Kirchen wie auch Freimaurer hervorzuheben, die immer überzeugt waren, dass die ständige Arbeit an uns selbst zu Selbsterkenntnis und einem menschlicheren Verhalten führt. Für Letztere geht es deshalb darum, ihre fünf Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität im Alltag praktisch einzuüben.

Bei den Naturwissenschaften wären die Epigenetik, oder die Endokrinologie, die Wissenschaft von den Hormondrüsen, hervorzuheben, die gezeigt haben, dass wir kraft unseres Willens, bessere Menschen zu werden, sogar unsere Bio- und Neurochemie ändern können (siehe auch Teil 3). Wir haben bloß, abgelenkt vom Konsumieren und vom Strampeln in unseren Hamsterrädern, diese Geräte entweder schon lange nicht mehr abgestaubt oder sie noch nicht zusammengebaut. Beides will ich in dem Bereich, der sich mir als Arzt und Theologe aufdrängt, nachholen. Und zwar anhand von fünf ganz einfachen Dingen, von denen wir alle schon gehört haben, die teilweise altmodisch geworden sind und die wir nur mit neuen Augen betrachten müssen. Willkommen auf einem kleinen Fitness-Parcours der Seele mit seinem Fitness-Code.

Charakterfitness-Trainingsstufe eins:
Gut werden im Schlaf

Um gute Menschen sein zu können, müssen wir unser Gehirn von den Spuren von Stress und negativen Gedanken wie Ängsten, Sorgen und Wut reinigen. Diese Spuren haben biochemischen Charakter und die Evolution hat uns ein Mittel zur Verfügung gestellt, sie zu beseitigen: den Schlaf. Was genau dabei passiert, entdeckte die Wissenschaft erst 2012 in Form des sogenannten glymphatischen Systems. Halten wir uns bei unseren Entscheidungen konsequent an dessen von der Natur vorgegebenen Regeln, setzen wir einen Kreislauf in Gang, der uns ganz von selbst zu besseren Menschen macht.15

Die Evolution hat uns mit einer Anlage zur Reinigung unseres Gehirns von den Spuren unserer schlechten Gedanken beschenkt. Die Naturwissenschaft entdeckte sie im Jahr 2012, also vor relativ einigen Jahren, und nannte sie »das glymphatische System«. Diese Anlage sorgt dafür, dass sich die Gehirnzellen nachts ein wenig zusammenziehen und zwischen den Zellen Freiräume entstehen, die wir uns als winzige Autobahnen vorstellen können. Als Autobahnen, auf denen noch winzigere Müllwägen die Abfälle abtransportieren, die während eines langen Tages in einem Gehirn so anfallen, in Form von biochemischen Spuren von Stress, von Sorgen und Ängsten, aber auch von Wut und Hass.

Das glymphatische System sammelt diese Rückstände und entsorgt sie wie eine fantastisch organisierte Müllabfuhr. Ganz von selbst, Nacht für Nacht. Wir müssen uns dazu nur hinlegen und schlafen, idealerweise vor Mitternacht, weil dann die Müllabfuhr am effizientesten funktioniert. Für die Entdeckung und jahrelange Untersuchung dieser medizinischen Frohbotschaft könnte die Forscherin Maiken Nedergaard, die in Rochester und Kopenhagen wirkt, schon bald den Nobelpreis bekommen.

Das glymphatische System hat zwei wunderbare Vorteile. Es steht uns allen jederzeit zur Benützung zur Verfügung und es hat das Zeug, uns zu besseren Menschen zu machen. Wir müssen seine Funktion dazu nur noch um einen Schritt genauer durchdenken: Während wir schlafen, wie gesagt idealerweise vor Mitternacht, arbeitet es. Morgens, wenn wir ausgeruht aufstehen, ist es fertig. Der Müll und auch die Müllwägen sind wieder verschwunden. Sogar die Autobahnen sind wieder verschwunden, weil sich unsere Gehirnzellen wieder ausgedehnt haben.16

Nun beginnt der Tag mit Nachrichten über Klimawandel, vielleicht mit Kindern, die nicht aufstehen wollen und mit Menschen, denen wir etwas sagen wollen, die wir aber nicht erreichen können, mit Gedrängel in öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit Stau auf der Straße, mit beruflichem Stress und gesundheitlichen Sorgen, und mit allem, was sonst noch so an Unerquicklichem zu einem ganz normalen Leben gehört. Kurz gesagt: Neuer Müll sammelt sich im Gehirn an, neue biochemische Materialisierungen negativer Gedanken. Er wird im Verlauf des Tages immer mehr.

Was bedeutet das für uns bei dem Versuch, bessere Menschen zu sein? Es bedeutet, dass wir uns darin üben sollten, wichtige Entscheidungen nicht gleich zu treffen. Wir sollten uns, sozusagen aus glymphatischen Gründen, darin üben, dem ersten Impuls zu widerstehen. Wir sollten vor allem wichtige Entscheidungen immer am Morgen oder am Vormittag treffen, wenn die nächtliche Müllabfuhr gerade da war und unser Gehirn sauber, frisch und frei ist. Dann tun wir uns am leichtesten mit Entscheidungen gemäß der besten Version von uns selbst, anstatt mitten in einer vielleicht schon kräftig angewachsenen Müllhalde die falschen Reflexe zu zeigen.

Das ideale Zeitfenster für den wachen, gereinigten Geist sind also der Morgen und der Vormittag. Im Laufe des Tages nimmt diese Geistesschärfe wieder ab und unser Realitätssinn trübt sich wieder ein. Am Nachmittag und vor allem spät am Abend und nachts tragen wir dann schon wieder viel Gedankenmüll mit uns herum.

Wer dann noch wichtige Entscheidungen trifft, beraubt sich selbst des glymphatischen Vorteils. Überschlafe die wichtigen Dinge erst einmal, besagt völlig zu Recht eine Weisheit des Volksmundes, auf die wir uns wieder besinnen sollten.

Leben wir glymphatisch und machen wir uns damit sympathisch: Während wir abends eine E-Mail noch wütend beantwortet hätten, bemerken wir am nächsten Vormittag vielleicht, dass sich der Absender nur im Ton vergriffen oder wir einfach etwas falsch gedeutet oder überinterpretiert haben.

Wenn wir trotzdem sofort in die Tasten gegriffen und eine deftige Antwort mit vielen bösen Rufzeichen losgeschickt hätten, hätten wir uns vielleicht in Schwierigkeiten manövriert, die im schlechtesten Fall irreversibel gewesen wären.

Nur weil irgendjemand in Unkenntnis seiner Neurobiologie irgendetwas nicht überschlafen wollte und mit einem dafür falsch konfigurierten Mindset reagierte, haben in Unternehmen bestimmt schon viele Kriege begonnen, und nicht nur dort.

Was gesunder Schlaf, der übrigens auch das Abnehmen erleichtert und Wunden schneller heilen lässt, für unser Gehirn so alles tun kann, zeigten Experimente bereits im Jahr 2004. Versuchspersonen mussten Zahlenrätsel lösen, die mehrere Einzelschritte erforderten. Es gab eine Abkürzung, durch die sich einige Schritte vermeiden ließen. Nach der Einübungsphase durfte ein Teil der Probanden acht Stunden lang schlafen. Danach erkannten in dieser Gruppe mehr als doppelt so viele die schnelle Lösung. Jene Gruppe, die wach geblieben war, sah nur den langen Weg der Einzelschritte.

Die verbrauchte Energie des Tages legt sich über die Wahrnehmung wie ein Gazeschleier. Wir können uns bei einem Vorhaben noch so sehr anstrengen und abmühen, das Ergebnis wird nur mit ausreichend Schlaf und einer glymphatischen Terminplanung richtig gut.

Die Verhaltens- und Neurowissenschaftlerin Rebecca Spencer von der University of Massachusetts erklärte dazu in einem Interview mit der Harvard Business Review: »Ein Mangel an Schlaf hat alle möglichen negativen Effekte.« Man könne nicht mehr so sehr auf Details achten und reagiere langsamer. Außerdem reagiere man sehr viel emotionaler auf negative Nachrichten. Schlaf dagegen sorge dafür, dass die Informationen in eine andere Hirnregion gelangten, die eine nüchternere Betrachtung ermögliche.17

Schon im Epheserbrief, einem Buch des Neuen Testaments, gibt Paulus, ein erfolgreicher Missionar des Urchristentums, seinen Lesern den Rat: »Zürnet, und sündiget nicht. Lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.«

Schon am Abend soll der Mensch demnach den Entschluss fassen, schlechte Gedanken und böse Emotionen zu schubladisieren. Dann soll er darüber schlafen. Am nächsten Tag finden die negativen Gedanken dann besonders leicht fast von selbst in diese »Schublade«, ohne Schaden anrichten zu können. Das »gereinigte« Gehirn des Morgens hilft dabei mit.

Die Endokrinologie beschäftigt sich mit Schlafproblemen, die bei Frauen oft in der Lebensmitte auftreten und die Betroffenen stark belasten. Eine interessante Studie unterstreicht dies mit einem neuen Detail: Schlafstörungen können Verkalkungen begünstigen, die wiederum möglichweise jene Hirnareale beeinträchtigen, die für Geduld und Entspannung mitverantwortlich sind. Konkret unterdrückt oftmaliges Aufwachen das Hormon Hypocretin, wodurch mehr Stammzellen aus dem Knochenmark ausgeschwemmt werden, die sich dann in den Blutgefäßen niederlassen und eine Verkalkung bewirken.18

Die australischen Forscher Drew Dawson von der Central Queensland University und Kathryn Reid von der Northwestern University maßen die Reaktionszeit von Probanden nach 28 Stunden Schlafentzug. Am Computer mussten sie Linien nachfahren, um ihre Motorik zu testen. Ergebnis: 28 Stunden Schlafentzug entsprechen etwa 0,9 Promille Alkohol im Blut.19 Auch hier zeigte sich deutlich, dass wir wichtige Entscheidungen tunlichst erst am nächsten Tag treffen sollten. Wir können sonst zum Beispiel aggressiver sein, und aggressiv ist nie »gut«.

Ein anderer Nachweis für die Vorteile des glymphatischen Lebens schon vor der Entdeckung des glymphatischen Systems glückte mit einer Gruppe elfjähriger Kinder und der Vergleichsgruppe ihrer Eltern. Bei einem Kasten mit mehreren Knöpfen mussten sie möglichst schnell immer jene drücken, die gerade aufleuchteten. Blink und push! Blink und push!

Was nicht gesagt wurde, war, dass es eine bestimmte Regelmäßigkeit in der Abfolge des Aufleuchtens gab. Nach der ersten Übungsphase und einer Wiederholung hatte keines der Kinder und auch kein Erwachsener diese rhythmische Systematik bemerkt. Als das Experiment mit anderen Versuchspersonen wiederholt wurde und diesmal zwischen Übung und Wiederholung eine Schlafphase lag, war manchen Erwachsenen und fast allen Kindern die Regelmäßigkeit klar. Das veröffentlichten die Forschergruppe Wilhelm, Rose & Konsorten in einem Artikel in Nat Neurosci.20

Unbewusste Denkprozesse

Der niederländische Sozialpsychologe Ap Dijksterhuis fand anhand mehrerer Studien heraus, dass intensives, bewusstes Nachdenken nicht automatisch zu den besten Entscheidungen führt. Entspannt zu sein dagegen hilft sehr wohl.21

Sogar wenn wir mit aller Kraft versuchen, eine sinnvolle Entscheidung zu treffen, klappt es oft nicht, meint Dijksterhuis. Denn das Gehirn kann die Informationen zwar sammeln, aber nicht gleichzeitig verarbeiten. Anders ausgedrückt: Grübeln bring nichts. Je komplexer das Problem ist, desto eher sollten wir es deshalb unbewussten Denkprozessen anvertrauen, rät er. Was begründet, warum manche Menschen ihre besten Ideen morgens unter der Dusche haben.

Wir sollten also bei unserem Versuch, gut zu sein und gute Entscheidungen zu treffen, auch die Hintergrundaktivitäten unseres Gehirns zulassen, seine Eigeninitiativen sozusagen, zu denen es immer dann fähig ist, wenn wir es nicht gerade selbst beschäftigen. Die Religionen sprechen in diesem Zusammenhang von Medita tion und Gebet.

Die Wissenschaft bezeichnet die für die Hintergrundaktivitäten des Gehirns zuständigen Regionen als Default Mode Network. Dieses Netzwerk ist sozusagen unsere körpereigene Kreativagentur. Und unsere Kreativität ist gefragt, wenn wir uns verändern wollen. Denn dieses Vorhaben konfrontiert uns ständig mit neuen Situationen oder zwingt uns, mit vertrauten Situationen neu umzugehen.

Glymphatisch zu leben bedeutet, bis zum Ende durchgedacht, auch einen positiven Kreislauf in Gang zu setzen, der uns irgendwann von selbst vorwärtsbringt. Wer es schafft, den ersten Impuls systematisch verstreichen zu lassen und wichtige sowie emotional besonders stark aufgeladene Entscheidungen erst am nächsten Vormittag zu treffen, wird mit seinen Mitmenschen besser im Einklang stehen und deshalb insgesamt weniger Gedankenmüll aufbauen.

Er wird weniger Stress und Ängste haben und damit auch unaufschiebbare, sofort nötige Entscheidungen besser treffen. Letztendlich ist die Kunst, den ersten Impuls möglichst verstreichen zu lassen und die Sache erst einmal zu überschlafen, die wichtigste Vorstufe für die Kunst der Gelassenheit.

Charakterfitness-Trainingsstufe zwei:
Entgifte deine Emotionen

Die regelmäßige Beichte ist mehr als eine von der Kirche auferlegte Pflicht im Sinne christlicher Traditionen. Im Grunde versucht sie, etwas zu systematisieren, das uns tatsächlich hilft, bessere Menschen zu werden: Die Entgiftung unseres Gehirns durch Reden über die Dinge, die wir uns selbst vorwerfen. Das wir uns damit befreien und bereit für gutes Neues machen, wissen längst auch die Gehirn- und Verhaltensforschung.

Jeder Mensch macht Fehler. Kleine oder gravierende, unbedeutende oder unbedachte. Ein falsches Wort hier, eine Notlüge da. Die Patzer summieren sich und bilden einen Schmierfilm rund um unsere Seele. Falsche Entscheidungen, vielleicht verbunden mit weitreichenden Konsequenzen, lasten auf unserer Seele. Einmal falsch abgebogen, und schon scheint es kein Zurück mehr zu geben. Der Weg scheint verbaut, die Türen scheinen zugeschlagen zu sein, die Aussichten wirken trüb. Wie ein riesiger Stein liegt die Vergangenheit auf unserem Gemüt. Ein schwarzer Monolith, der ein unangenehmes Grundrauschen erzeugt, negative Wellen aussendet und nach und nach unsere Gefühle, unsere Gedanken und am Ende unsere Taten vergiftet.

Um diesen Monolithen loszuwerden und unsere Gedanken damit zu entgiften, gibt es eine bewehrte Methode. Sie besteht darin, uns mitzuteilen. Die Regelung, die das Christentum dafür anbietet, ist die Beichte. Den Erfindern ging es wahrscheinlich weniger um ein paar Gebete, die der Beichtende zur Vergebung seiner Sünden zu beten hatte, sondern vielmehr um die Entgiftung des Geistes, auch wenn sie es so kaum genannt hätten.

Der Mensch benennt dabei seine Fehler. Er spricht sie aus. Das Gespräch mit einem Menschen, dem er vertraut, befreit ihn und nimmt den Krampf von seiner Seele. Diese Vertrauensperson muss jeder für sich selbst auswählen, und es macht dabei jedenfalls Sinn, dass sie an ein Schweigegelübde gebunden ist. Schließlich wollen wir nicht jedermann in unsere Abgründe blicken lassen.

Dass eine andere Berufsgruppe, die ebenfalls schweigen muss, das ebenso gut und mitunter auch besser kann als Geistliche, das sieht sogar der Wiener Dompfarrer Anton Faber so. Seit 2018 bietet der Wiener Stephansdom Beichten von 7 bis 22 Uhr an, und zwar in fünfzig Sprachen. Der heftige Ansturm veranlasste ihn, »schwere Fälle«, wie er es nannte, an Psychotherapeuten weiterzuleiten.

Ein Geistlicher, ein Psychotherapeut oder ein vertrauter Freund – wen immer wir auswählen, um uns mitzuteilen und unsere Gedanken dabei zu entgiften, muss wertfrei zuhören können. Er darf nicht urteilen. Er muss in diesem Gespräch über den Dingen stehen. Auf diese Art nimmt er uns am ehesten eine Last ab, sodass wir danach wieder flexibler, beweglicher und leichtfüßiger sind, und uns frei von Dunklem in unserem Kopf leichter tun, gut im Sinne des von uns gewollten Gutseins zu sein. Es ist eine Übung, der wir uns regelmäßig widmen sollten, und nicht erst, wenn der Druck besonders groß ist. Wir sollten sehr bewusst damit umgehen und sie zum Teil unserer Zeitplanung machen.

Christliche Gepflogenheiten gehören auch zum Weisheitsschatz der Menschheit. Das Bekennen und das Suchen nach Vergebung ist seit den Zeiten der griechischen Tragödie alteuropäisches Erbe, das sich bis in die heutige Psychoanalyse und Logotherapie fortgesetzt hat. Schon in der antiken Orestie, der einzigen erhaltenen Trilogie griechischer Tragödien, lebte diese Sehnsucht im Hintergrund des alten Mythos. Nur die Gnade der Gottheit spricht deren Orest, den Sohn des Agamemnon, frei. Der Dichter Aischillos hat daraus in großartiger Schau den Kampf zwischen den alten Göttern der Gerechtigkeit und den jungen Göttern der Gnade gemacht und damit zum ersten Mal betont, dass der Mensch sich selbst von seiner Untat gar nicht befreien kann. Auch weil er möglicherweise gar nicht allein dafür verantwortlich ist.

Christliches Vokabular mit Worten wie »Schuld«, »Eingestehen« oder »Vergebung« bereinigt also unser Leben, und wenn wir das Ganze naturwissenschaftlich betrachten, sehen wir rasch, dass da einiges dran ist.

So beschäftigte sich eine Studie der Universität von Iowa, durchgeführt an älteren Menschen, mit dem Zusammenhang zwischen der Sterblichkeit und der Anzahl der Kirchenbesuche. Die Forscher entdeckten eine eigentümliche Korrelation. Je häufiger die Probanden die Kirche besuchten, desto geringer war der Anteil eines bestimmten Entzündungsmarkers. Was im Rahmen der durchgeführten Langzeitbeobachtung auch das Sterblichkeitsrisiko senkte. Als hätte ein höheres Wesen seine schützende Hand über die Gläubigen ausgebreitet.

Die Studie erregte naturgemäß den Zorn der Atheisten. Kirchen als Jungbrunnen darzustellen, wäre ein Wunschtraum, zu dem nur Spinner in der Lage wären, meinten sie. Dem hielten die verantwortlichen Wissenschaftler entgegen, dass die Probanden eben an etwas glaubten, und schon allein diese Gewissheit brächte inneren Frieden. Doch dazu wie angekündigt mehr im zweiten Teil.

Absurderweise haben sich im Internet auch Hunderte digitale Möglichkeiten etabliert, Abbitte zu leisten, etwa auf www.beichthaus.com: Sünde wählen, Klick, dann die Vergehen im Raster definieren. Aggression, Begehrlichkeit, Eitelkeit, Faulheit, Fremdgehen, Lügen, Masturbation, Schamlosigkeit, Trägheit, Trunksucht, Vandalismus, Verschwendung und Verrat.

Per E-Mail kann der Sünder präzisieren, was er sich im Detail vorwirft beziehungsweise was er verbrochen hat. Was natürlich nicht funktioniert. Der dunkle Monolith bleibt dabei im Kopf. Es braucht die persönliche menschliche Interaktion, um ihn aufzulösen. Nur der Dialog von Mensch zu Mensch reinigt die Seele und den Körper gleich mit dazu.

Zu den großen Vorteilen des sich Mitteilens bei unserem Versuch, gut zu sein, gehört, dass wir damit eine Ventilfunktion bedienen. Es federt den Zorn ab, den wir andernfalls vielleicht an anderen auslassen, was uns zwangsläufig zu schlechten Menschen machen würde. Auch hier sind einige positive medizinische Begleiterscheinungen evident, die ich vorwegnehmen möchte: Forscher fanden heraus, dass sich gewisse Formen von Autoimmunkrankheiten als sogenannte Autoaggressionskrankheiten interpretieren lassen. Sie entstehen, wenn Zorn oder Wut nicht ausgedrückt werden. Stattdessen sorgen sie dafür, dass sich unsere Physiologie und unsere Biochemie gegen uns selbst richten. Wie eine Strafe, die wir uns selbst auferlegen.22

Die Beichte, wem gegenüber wir sie nun auch ablegen, ist also ein Geständnis, das nur gute Folgen hat. Ein Lächeln, eine Linderung. Belastungen fallen ab, Bürden verschwinden. Trost stellt sich ein. Wir sind erlöst und nun erst recht bereit, gute Menschen zu sein.

Ebenso wie wir dafür aus einem Kreis unterschiedlichen Vertrauenspersonen wählen können, wählen viele Menschen dafür auch besondere Orte aus. Die Kirche, das Sofa eines Psychotherapeuten, die Natur. Besonders beliebt ist der Berg Athos. Er bildet eine orthodoxe Mönchsrepublik mit autonomem Status unter griechischer Souveränität in Griechenland. Mein Arztkollege Prof. Rudolf Likar und ich besuchen ein Kloster, das hoch in den Bergen liegt und in der Dämmerung wie ein Geheimversteck aus einem alten James-Bond-Film wirkt, einmal im Jahr. Der russische Präsident Wladimir Putin selbst ließ es einst revitalisieren und besucht es auch. Die Räume glänzen in Gold und es sind kontemplative Tage, die man dort verbringt, mit Beichte, Fasten, Meditation und Gebet. Erwünscht sind nur Männer, Frauen dürfen den Berg Athos leider nicht betreten. Besucher aus allen sozialen Schichten finden sich dort ein, orthodoxe Büßer ebenso wie Verbrecher aus Russland.

Bei der Beichte sitzt ein Priester vorne im Saal. Alle singen. Jeweils ein Mann steht auf, geht nach vorn und flüstert ihm etwas ins Ohr. Der Priester legt ihm seine eigene Stola um, spricht ihn frei und zieht die Stola wieder weg. Dabei wird vielleicht eine besondere Energie frei, die alle im Saal zu spüren vermeinen.

Beichten als regelmäßige Übung könnte uns sogar vor Krankheit schützen und macht uns als Menschen besser. Probieren Sie’s aus.

Charakterfitness-Trainingsstufe drei:
Pflege den Kompromiss

In unserer von Egomanie geprägten Gesellschaft hat sich der Kompromiss den Ruf als etwas erworben, bei dem beide verlieren. In Wirklichkeit ist er viel mehr als eine Vereinbarung mit wechselseitigen Vor- und natürlich auch Nachteilen. Er ist ein Grundprinzip der Evolution und als Muster tief in unserem Genom eingeschrieben. Denn wir sind nichts anderes als der Kompromiss zwischen den Genen unserer Eltern. Wenn wir uns im Kompromiss üben, üben wir uns in nichts Geringerem als dem Einhalten der Verfassung der Natur.

Lange war ich Mitglied der Bioethikkommission, die der vormalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eingerichtet hatte. Sechs Jahre davon leitete ich sie auch. Die Essenz aus der schönen Tätigkeit steckt im Wort Kompromiss. Sich einigen auf etwas Gemeinsames, statt stur auf dem Eigenen zu beharren.

Singuläre Kurzsichtigkeit führt immer über eine Einbahnstraße an eine Wand. Sackgasse. Ende. Hier geht es nicht weiter.

Gute Menschen zeichnet das Zugehen auf Menschen mit anderer Gesinnung aus. Annäherung ist ein Zeichen des Verständnisses. Kompromissbereitschaft ist der rote Teppich des Respekts.

Kooperation ist die einzige Verhaltensweise, die immer zum Erfolg führt. Zusammenarbeit auf allen Ebenen macht Individuen, Gruppen, ganze Staaten und Kontinente fitter und erfolgreicher. Wer auf andere zugeht, Wünsche und Vorstellungen respektiert und den Mittelweg der Vernunft sucht, kommt ans Ziel. Vielleicht nicht immer schnell, aber dafür sicher.

Die Evolution ist seit Millionen Jahren voller Kompromisse. Es geht also, wenn wir wollen. Jeder einzelne Mensch ist ein Kompromiss, und zwar der zwischen den Genen seines Vaters und den Genen seiner Mutter.

Die biologische männliche Rolle ist es dabei, das Kind möglichst groß, stark und robust zu machen. Die väterlichen Gene haben den Ehrgeiz, das Baby wachsen zu lassen und nehmen auf die Mutter, die es auszutragen hat, wenig Rücksicht. Bei der biologischen weiblichen Rolle kommt hinzu, dass die Mutter überleben will und muss, damit auch das Kind überleben kann. Das Kind darf also nicht zu groß, zu stark und zu robust für ihren Körper werden. Die mütterlichen Gene versuchen also, den schwangeren Körper der Frau zu schützen.

Die Überlebens-Gene des Vaters und die Schutz-Gene der Mutter bilden also einen Kompromiss zwischen »Das Kind soll groß und stark werden« und »Ja schon, aber überleben möchte ich bitte auch.«

Diesen Mega-Kompromiss gibt es seit 300 Millionen Jahren. Seit damals schlüpfen die Nachkommen einer Art nicht mehr ausschließlich aus Eiern, sondern bei einigen Arten werden sie im Körper groß. Dieser Kompromiss ist in uns verankert, in jeder Zelle, in unserer kompletten DNA. Wir sind sozusagen ein genetischer Überlebenspakt zwischen dem männlichen und dem weiblichen Prinzip in der Evolution der Säugetiere.

Die Evolution entschloss sich auch beim Vorgang der Geburt zu einem Kompromiss. Auf der einen Seite wünscht sie sich möglichst viele Exemplare einer Spezies. Eine Frau soll also möglichst viele Kinder gebären. Dem gegenüber steht der nahezu unerträgliche Schmerz, den Frauen während der Wehen und der Geburt erleben. Einmal und dann nie wieder wäre ihre folgerichtige Entscheidung danach.

Der Kompromiss, den die Evolution hier schloss, ist fast ein wenig unfair. Okay, sagte sie, ich kann dir den Schmerz nicht nehmen, aber ich kann immerhin dafür sorgen, dass du ihn vergisst. Sie schuf ein eigenes Hormon, das die Erinnerungen an die Wehen und an die Schmerzen der Geburt einfach ausradiert.

Obwohl die Fortpflanzung für die Evolution den höchsten Stellenwert hat, geht sie selbst hier Kompromisse ein, bei denen sie notfalls auf Nachwuchs verzichtet. Das tut sie dann, wenn es um altes gegen neues Leben geht. Wenn sie den Eindruck gewinnt, dass die Frau zu wenige Ressourcen hat, um eine Geburt zu überstehen, zum Beispiel zu wenig Energie oder zu wenig Gewicht, stellt sie die Fortpflanzung im Körper der betreffenden Frau bis auf Weiteres ruhig. Die Frau hat keine Regel und keinen Eisprung mehr.

Unser Körper ist voller Kompromisse, ohne die das System Mensch nicht funktionieren würde. Doch der Kompromiss ist nicht nur das grundlegende biologische Erfolgskonzept. Auch innerhalb der menschlichen Gemeinschaft gewinnen auf Dauer immer nur die, die von ihrer Sturheit ablassen, einlenken und mit anderen einen gemeinsamen Weg finden.

Frieden ist immer ein einziger Kompromiss

Der erste Friedensvertrag der Geschichte ist im Gebäude der Vereinten Nationen in New York ausgestellt. Unterschrieben haben ihn am 10. November des Jahres 1259 v. Chr. Pharao Ramses II. und der hethitische Großkönig Hattušili III.23 Beide Herrscher erkannten einander mit dem Vertrag als gleichrangige Partner an. Als solche versprachen sie sich wechselseitig militärischen Beistand gegen innere und äußere Bedrohungen. Somit waren sie gemeinsam stärker. Dass dieser Vertrag an einem so exponierten Ort zu bewundern ist, hat gute Gründe. Kompromisse und die menschliche Fähigkeit dazu schaffen Zuversicht, und Zuversicht gibt Kraft, die Zukunft zu bewältigen.

Ein besonders interessanter Friede war der Westfälische. Er umfasste zu viele und so weitreichende Kompromisse, dass ihm Juristen bis heute hohe historische Bedeutung beimessen. Wobei dieser Friede auch ein erzwungener war. Denn alle Kriegsparteien waren am Boden und konnten einfach nicht mehr. Kompromisse zu schließen war die einzige Möglichkeit, wie es irgendwie weitergehen konnte. Wobei sich angesichts der derzeitigen Entwicklung der Welt der Gedanke aufdrängt: Fangen wir doch besser gleich jetzt zu reden an als später, wenn schon alles kaputt ist.

Erfolgsmodell Kooperation

Die Grundlage für das Schließen von Kompromissen ist die Bereitschaft zur Kooperation. Wer kooperieren will, muss meist Kompromisse schließen, und wer Kompromisse schließt, will meist kooperieren. Interessante Hinweise auf die Erforschung der Kompromissbereitschaft gibt das sogenannte Gefangenendilemma.

Das Gefangenendilemma ist ein mathematisches Spiel aus der Spieltheorie. Es modelliert die Situation zweier Gefangener, die beschuldigt werden, gemeinsam ein Verbrechen begangen zu haben. Ein Staatsanwalt verhört die beiden Gefangenen einzeln. Sie können also nicht miteinander kommunizieren. Leugnen beide das Verbrechen, erhalten beide eine niedrige Strafe, da ihnen nur eine weniger streng bestrafte Tat nachgewiesen werden kann. Gestehen beide, erhalten beide wegen ihres Geständnisses eine hohe Strafe, aber nicht die Höchststrafe. Gesteht jedoch nur einer der beiden Gefangenen, geht dieser als Kronzeuge straffrei aus, während der andere als überführter, aber nicht geständiger Täter die Höchststrafe bekommt.

Das Dilemma besteht nun darin, dass sich jeder Gefangene entscheiden muss, entweder zu leugnen, also mit dem anderen Gefangenen zu kooperieren, oder zu gestehen, also den anderen zu verraten, ohne die Entscheidung des anderen zu kennen. Das letztlich verhängte Strafmaß richtet sich allerdings danach, wie die beiden Gefangenen zusammengenommen ausgesagt haben und hängt damit nicht nur von der eigenen Entscheidung, sondern auch von der Entscheidung des anderen Gefangenen ab.

Die auf Dauer für alle Beteiligten erfolgversprechendste Strategie ist die Kooperation. In Experimenten waren viele Mitspieler dazu auch bereit. In einem mit vierzig Mitspielern, die jeweils zwanzig Spiele paarweise absolvierten, betrug die Kooperationsrate im Durchschnitt allerdings doch nur relativ bescheidene 22 Prozent.

Schon Aristoteles hielt allerdings in der Nikomachischen Ethik fest: »Die beste Art Freundschaft erfordert ein Verhältnis unter Gleichrangigen, das ein wechselseitiges Geben und Nehmen ermögliche.«

Kooperation heißt demnach immer, dass wir einen Preis zahlen, um einem anderen einen Nutzen zu verschaffen. Auf diese Art erkaufen wir uns selbst Nutzen sowie Reputation. Reputation spielt dabei eine bedeutendere Rolle, als wir zunächst glauben würden.

Wir opfern zum Beispiel wertvolle Zeit, um einem Fremden zu helfen und nehmen dafür in Kauf, zu einem wichtigen Termin zu spät zu kommen. Wir bauen so aber auf lange Sicht eine Reputation auf, die mehr wert ist, als sie an Zeit gekostet hat.

Denn niemand verweigert gerne einer Person mit hoher Reputation Hilfe, das schadet der eigenen Reputation ganz besonders. Bei egoistischen Personen mit geringem Ansehen ist das etwas anderes. Ihre Bitte um Hilfe können wir viel eher unbeschadet ignorieren.

Das gilt übrigens nicht nur für jeden einzelnen Menschen, sondern auch für Gruppen und für Gruppen von Gruppen bis hin zu Staaten. Wenn Griechenland Hilfe braucht, ist die Staatengemeinschaft zur Stelle. Wenn ein Schurkenstaat Hilfe braucht, wendet sie sich ab und denkt, dass die jeweilige Regierung besser die Lehren aus der Not ziehen sollte.

Interessant ist hier übrigens auch der medizinische Zusammenhang von Kooperation und Kapital. Wenn wir uns mit etwas eine gute Reputation verschaffen, werden im Belohnungszentrum des Gehirns dieselben Schaltungen aktiv wie beim Geldverdienen. Reden ist Silber, Schenken ist Gold.

Faule Kompromisse

Hinter Kompromissen können sich also immer auch egoistische Abwägungen verbergen, was immer noch besser ist als Krieg. Allerdings gibt es auch faule Kompromisse, etwa zwischen Ethik und Pragmatik, zu denen es immer dann kommt, wenn der Zweck die Mittel heiligen soll. Kann der Zweck die Mittel überhaupt heiligen, und wenn ja, inwieweit heiligt er sie?

Im Zuge der Corona-Krise etwa tauchte die Frage auf, ob individuelle Freiheitsrechte aus Gründen der Staatsräson beschnitten werden dürfen. Heiligt der Zweck wirklich die Mittel oder bekommen wir irgendwann auf jeden Fall die Rechnung dafür präsentiert, in Form einer Erosion unserer Zivilgesellschaft?

Ein Beispiel aus der Vergangenheit ist die Exekution Osama bin Ladens. Die emotional verständliche, aber rechtsstaatlich fragliche Ermordung eines Terrorchefs, die per Video ins Oval Office von Barack Obama übertragen wurde, ist zumindest diskussionswürdig.

Natürlich hat bin Laden die freiheitliche Seele der Welt verletzt. Amerika drängte darauf, die Mordopfer von 9/11 zu rächen. Aber ein Todesurteil, und das ist der Punkt, kann nicht das Weiße Haus verhängen und, außerhalb von Kriegszeiten, auch nicht das Militär. Natürlich wäre seine Übergabe an ein Gericht der korrekte Weg gewesen. Inwieweit machen sich sogenannte zivilisierte Staaten mit so einem Vorgehen selbst zu Schurkenstaaten, zumindest schleichend? Interessanterweise waren die, die dabei am meisten applaudiert haben, die amerikanischen Medien selbst. Gut so, meinten sie. Yes we can.

Ein anderes Beispiel. Der Dichter Hans Magnus Enzensberger nahm 2013 gemeinsam mit dem deutschen Journalisten Frank Schirrmacher an einer Diskussion teil. Dabei ging es auch um die Frage, ob Staaten Terroristen überwachen dürfe. »In jeder Verfassung der Welt steht das Recht auf Privatsphäre«, sagte er dazu. »Dieses Recht auf die Unverletzlichkeit der Wohnung wird abgeschafft. Das heißt, wir befinden uns nicht mehr in einem demokratischen Zeitalter.«

Für Enzensberger heiligt also auch der Schutz der Rechtsstaatlichkeit nicht jedes Mittel. So drängt sich auch nach der Veröffentlichung des sogenannten Ibiza-Videos, an dem 2019 die österreichische Bundesregierung zerbrach, die Frage auf, ob hier der Zweck tatsächlich die Mittel geheiligt hatte. Ob es tatsächlich Ziele gibt, die so bedeutend sind, dass sie die Verletzung des Datenschutzes beziehungsweise der Privatsphäre rechtfertigen. Im Falle von Politikern scheint das Medienrecht das zu bejahen.

Wobei es hier im medienrechtlichen Detail nicht darum geht, dass dieses Video veröffentlicht wurde, sondern wie. Jene Passagen, die Empörung auszulösen in der Lage waren, standen mit Bild und Text im Vordergrund, jene Passagen, in denen die Inkriminierten, vor allem der ehemalige österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache, betonten, dass sie nichts tun würden, dass gegen die Gesetze sei oder Österreich schaden würde, standen im Kleingedruckten. Die unter medialem Applaus gefeierte Gewichtung Enzensbergers und Schirrmachers der Privatsphäre fanden dabei jedenfalls keine Berücksichtigung.

Heiligt der Zweck die Mittel? Bertolt Brecht, ein einflussreicher deutscher Dramatiker, beschäftigte sich ebenfalls mit dieser Frage. 1930 wurde sein Stück Die Maßnahme uraufgeführt. Darin findet sich der Schlüsselsatz: »Wer eine bessere Welt will, muss töten können.« Und zwar mit gutem Gewissen und auch ohne Gerichte.

Die Frage, wie weit die Revolution moralische und rechtliche Grundsätze verletzen darf, um Ausbeutung und Unterdrückung wirksam zu bekämpfen, die Brecht damit aufwarf, war eigentlich an die marxistische, menschenverachtende Terrorherrschaft Lenins und Stalins gestellt. Heute ließe sich der Schlüsselsatz aus Die Maßnahme so formulieren: Wer die Welt von politisch Andersdenkenden befreien möchte, dem sind keine ethischen Grenzen gesetzt, auch nicht in den sozialen Medien und beim Dirty Campaigning.

Heiligt der Zweck die Mittel?

Auch Thomas Mann befasste sich in seinem großen Bildungsroman Zauberberg damit. Anhand der düsteren Figur des Fanatikers Leo Naphta zeichnet er eine Gestalt, die bemüht war, allen Unmenschlichkeiten eine dogmatische Grundlage zu geben. Er schuf damit eine »zweite Ethik«, die den Terror rechtfertigt, wenn damit das Ziel erreicht wird.

Auch heute scheint es eine Tendenz zu geben, die eigene politische Meinung über demokratische Grundlagen zu stellen und so den Zweck die Mittel heiligen zu lassen. So verbot die linke Stadtregierung in Berlin, wo Demonstrationen zum Stadtbild gehören, Corona-Großdemonstrationen und vermischte dabei virologische und weltanschauliche Bedenken. Die Argumente des SPD-Senators Andreas Geisels waren fragwürdig. »Sie wecken Zweifel an der Verfassungstreue des rot-rot-grünen Berliner Senats. Und sie nähren den Verdacht, der Kampf gegen die Pandemie werde missbraucht, um missliebige Meinungen zum Schweigen zu bringen«, hieß es dazu in einem Kommentar der Neuen Zürcher Zeitung.24

Das alles sind Hinweise darauf, dass wir uns auch als Gesellschaft nie selbstgefällig unseres Gutseins sicher sein dürfen. Auch wir haben den Charakter-Fitness-Parcours dringend nötig. Wenn wir müde werden, ihn zu benützen, erodiert die Zivilgesellschaft tatsächlich.

Charakterfitness-Trainingsstufe vier:
Halte die andere Wange hin

Die Königsdisziplin ist das Nachgeben. Auf den ersten Blick sieht es immer so aus, als wären wir damit die Verlierer. Doch eine nähere Betrachtung zeigt, dass das Nachgeben die höchste Form des Kompromisses und damit mindestens ebenso erfolgsversprechend ist. Und würden wir alle, bildlich gesprochen, die zweite Wange hinhalten, statt zurückzuschlagen, würde sich das Gute auf der Welt mit exponentieller Geschwindigkeit ausbreiten.

Ein umfangreicher Teil der Weltgeschichte, nämlich jener des Kriegsgeschehens, lässt sich mit zwei Sätzen erklären: Kriege können entstehen, wenn jemand eine Ohrfeige bekommt und sofort zurückschlägt. Schlägt er nicht zurück, sondern hält er, bildlich gesprochen, die zweite Wange hin, gibt es keinen Krieg. Die Botschaft lautet: Üben wir uns im Nachgeben, denn es verbessert die Welt und bringt uns dem Himmel näher.

Die Kunst besteht darin, Aggressionen, die uns widerfahren, nicht sofort mit Aggression zu beantworten. Das verlangt nach innerer Kraft. Jemand behandelt uns ungerecht, doch wir fahren ihm nicht sofort mit unseren Krallen ins Gesicht, sondern warten, denken nach und zügeln unsere negative Energie. Dadurch bleibt ein Kampf aus. Dadurch erhöhen wir uns. Dadurch wachsen wir über uns hinaus. Dadurch wird die Welt besser. Nachzugeben ist die erweiterte Form des Kompromisses. Es ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Königsdisziplin.

Einlenken tut gut. Das ist wissenschaftlich evident. Wir leben gesünder, wenn wir darauf verzichten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Die Studien dazu sind in einer Meta-Analyse zum Thema Herzerkrankungen zusammengefasst. Sie zeigen das Naheliegende: Zorn erhöht das Herzinfarktrisiko signifikant.25

Der Blutdruck steigt rapide an, der Puls hämmert, der Atem wird heiß, die Augen sehen rot. Wer sich wie ein Pitbull auf seinen Widersacher stürzt, versetzt auf Dauer seiner eigenen Gesundheit den Todesstoß. Denn das Herz ist das Organ der Liebe. Es sieht es nicht gerne, wenn der Hass dominiert. Wird der Groll zur treibenden Kraft, gibt das Herz irgendwann auf.

Wir lächeln heute über die Bibelstelle, die uns sinngemäß empfiehlt, die zweite Wange hinzuhalten, wenn uns jemand ohrfeigt. Wie dumm ist das denn? Wer will sich denn auf die Art als Weichei outen? Irgendwann scheinen wir das Gefühl für das Majestätische am Nachgeben verloren zu haben.

Dabei ist die Aggression, derer wir uns gerade in unserer Empörungsgesellschaft so gerne bedienen, nichts weiter als die simpelste Art, einem Zwist zu begegnen. Es ist das Schwert des Stümpers, nicht das Florett des Weisen. Die Geschichte ist voll von Beispielen dafür, dass Nachgeben die bessere Strategie ist.

Eines davon geben Napoleon Bonaparte und sein Kratzbaum Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Während Napoleon zum Jähzorn neigte, war Talleyrand, ehemals Bischof von Autun, später Außenminister Napoleons und sein engster Berater, ein Ausbund an Selbstkontrolle. Niemals widersprach Talleyrand seinem Herrn, den er auch wie einen solchen behandelte. Ihm wird folgender Satz zugeschrieben: »Ich bin ein alter Parapluie, auf den es seit vierzig Jahren regnet, was macht mir da ein Tropfen mehr oder weniger?«

Überliefert ist eine Szene, in der sich Napoleon mit hochrotem Kopf auf die Zehen stellte, um ganz nahe an das Gesicht des größeren Talleyrand heranzukommen. »Wissen Sie, was Sie sind?«, schrie er ihn an. »Sie sind nichts als Scheiße in Seidenstrümpfen!« Daraufhin rannte der Kaiser aus dem Zimmer, um gleich darauf wieder zurückzukehren und weiter auf seinen Getreuen einzuschreien. Wenn es »eine Revolution, einen Putsch oder sonst irgendwas« gäbe, werde er, Talleyrand, einer der ersten sein, die dran glauben würden. »Merken Sie sich das!«, schrie er.

An dem majestätisch gelassenen Talleyrand perlte derlei ab. »Schade, dass ein so großer Mann so schlechte Manieren hat«, soll er bloß beim Hinausgehen gesagt haben. Napoleon musste dann auch vor ihm »dran glauben«. Als Napoleon nach St. Helena verbannt wurde und dort an Magenkrebs mit Lymphknotenbefall starb, blieb Talleyrand ein Faktor in der Politik. Er diente in seinem politischen Leben sechs Regimen. Zuerst der vorrevolutionären Kirche, danach der Revolution, dem Direktorium, dem Kaiserreich, den Bourbonen und am Ende dem Bürgerkönig Louis Philippe. Das Geheimnis hinter seiner Strategie war, einstecken zu können, ohne auszuteilen. In seiner Branche gibt es dafür auch ein Wort mit zehn Buchstaben: Diplomatie. Der Zornige gewinnt vielleicht eine Schlacht, aber nie den Krieg.26

In dieser Kunst übte sich im Mai 2020 übrigens auch der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz in bemerkenswerter Weise. Es ging um die Situation der Kunst in der Corona-Krise. In einer Einblendung kritisierte ihn der Direktor des Theaters an der Josefstadt ungewöhnlich hart und teilweise untergriffig. Der Kanzler nickte. »Der Herr Direktor hat recht. Wir werden uns das überlegen.«

Am Sonntag war der Theaterdirektor erneut eingeladen. Der Direktor war nun wie ausgewechselt. Sinngemäß sagte er, dass die Meinung des Kanzlers viele interessante Aspekte habe, dass er sich offenbar ehrlich bemühe und dass man sehen werde, was die Zeit bringe. Besonnenheit, auch wenn sie glatt ist und bloß als politische Methode der Empfehlung von Spin-Doktoren folgt, führt offenbar zu Besonnenheit.

Manche Menschen tun sich damit leichter, andere schwerer. Denn die Ursachen für Jähzorn liegen oft in der Endokrinologie. Sie haben zum Beispiel mit dem Testosteronspiegel zu tun, der bei jedem Menschen genetisch determiniert ist. Mit ihm steigt der Hang zur Aggression. Davon mehr im dritten Teil, in dem wir uns auch mit der Wirkung unseres Hormonhaushaltes auf unser Verhalten und mit der Wirkung unseres Verhaltens auf unsere Hormone befassen werden.

Am Nordufer des Sees Genezareth

Die Geisteshaltung des Nachgebens und Hinnehmens, selbst wenn wir ungerecht behandelt werden, wurzelt im Christentum. Genau genommen entstand sie am Nordufer des Sees Genezareth. Es ist ein magischer Ort mit warmen Quellen, und wo warme Quellen sprudeln, schwimmen meist auch viele Fische, die wiederum Fischer anlocken. Dort, auf einer Erhebung, hielt Jesus Christus die Bergpredigt, vor Fischern, die seine Apostel wurden, und in der er die Sache mit der zweiten Wange erstmals verkündete.

Im Matthäus-Evangelium finden wir die Bergpredigt mit ihrer zeitlosen Gesetzmäßigkeit. Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg, heißt es dort. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Dann kommt Jesus zur Sache. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

Der Verzicht auf Gegenwehr hat freilich auch in der Bibel nichts mit Kapitulation zu tun. Um das zu erkennen, bedarf es einen Blick auf die sprachlichen Feinheiten. Im Griechischen und im Hebräischen bedeutet »keinen Widerstand leisten« eigentlich, »du sollst deine Art überwinden«.

Unsere »Art« meint grob gesagt unseren Egoismus, das von unserem Willen geschaffene Konstrukt unserer Überzeugungen, Ideen und Wünsche, das wir vor uns hertragen, und mit dem wir uns oft genug selbst im Weg stehen. Als der Rabbi Akiba, einer der bedeutendsten Väter des Judentums, gefragt wurde, wie er sein hohes Alter erreicht habe, antwortete er: »Ich habe nicht auf meine Art bestanden.«

Das bedeutet, er konnte nachgeben.

»Leiste keinen Widerstand und lass dich auf die andere Wange schlagen« heißt in Wahrheit »Entledige dich deiner alten Muster, sei nicht dein altes Du, dein erzürnbares Ego, sondern wachse über deine Art hinaus«. Mit Schwäche hat das ganz bestimmt nichts zu tun.

Dass wir diese Art der Demut, die Kunst des Nachgebens, nicht einfach von heute auf morgen lernen können, ist klar. Entscheiden wir uns dafür, wird unser erster Impuls, wenn uns jemand auf die Zehen steigt, wohl trotzdem noch eine Weile kein herzliches Dankeschön sein. Das verlangt Übung. Askese. Und Training der inneren Ausgeglichenheit, denn je unruhiger unser Geist ist, desto leichter lassen wir uns reizen.

Die Feldrede nach der Bergpredigt

In der Feldrede, einem Teil des Lukasevangeliums, in dem Jesus seine Lehre verkündet, klingt die Botschaft ganz ähnlich. Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!

Egoismus, der sich im Kleid der Nächstenliebe verbirgt, hat da keine Chance mehr. Der Effekt eines solchen Verhaltens, ins Heute umgelegt, wäre sicht- und messbar. Wir bräuchten weniger Rechtsanwälte und würden unser Herz-Kreislauf-System entlasten. Mahatma Gandhi hat gezeigt, dass sich damit auch Politik machen lässt. Gewaltlos lässt sich die Welt verändern. Das gilt für jeden Menschen und jedes politische Problem. Würden wir das Wangen-Gebot im Nahen Osten einhalten, gäbe es dort möglicherweise schon Frieden. Das ist die große Conclusio: Böses mit Bösem zu vergelten, führt zu einer exponentiellen Ausbreitung des Bösen. Böses mit Gutem zu vergelten, führt zu einer exponentiellen Ausbreitung des Guten.

Umso nachdenklicher stimmt es, wenn die Symbole dieser Botschaft in Flammen aufgehen. In Frankreich und Amerika brennen immer öfter Kirchen und Heiligenstatuen werden geköpft.27 Weltweit werden immer mehr Christen verfolgt. Wer darüber spricht, wird schnell als islamophob oder rechtsextrem gebrandmarkt.28 Und Brüssel schweigt dazu.

Charakterfitness-Trainingsstufe fünf:
Höre auf den Wald

In der Natur liegt eine Kraft, die uns zu besseren Menschen macht. Wenn wir uns mit ihr vereinen, vereinen wir uns letztlich auch mit uns selbst und mit einem größeren Ganzen, das uns die Dinge relativer sehen lässt. Doch Natur ist mehr als Blumen, Wald und Wiesen. Uns die Natur bewusst zu machen und uns mit ihr zu vereinigen, hat auch etwas mit Viren zu tun, ohne die es uns gar nicht gäbe.

Das Dekameron ist der Titel einer Novellensammlung des italienischen Autors Giovanni Boccaccio, einem Stück Weltliteratur.29 Die Handlung: Als im 14. Jahrhundert in Europa die Pest wütet, fliehen zehn junge Edelleute, sieben Frauen und drei Männer, in ein von üppigen Gärten umgebenes Landhaus bei Florenz und vertreiben sich die Zeit, indem sie einander zehn Tage lang Geschichten erzählen.

Die Flucht in die Natur, auch Retreat genannt, ist wieder massentauglich geworden. Sie hat den Rang eines spirituellen Rückzugs aus dem Alltag und dient als Ruhepause für Körper und Geist. Man fährt aufs Land und lässt die Seele in den Himmel schauen. Man macht kreative Seminare und erweitert den Horizont. Der Wald heilt. Bäume sind gute Ärzte. Dass das keine verträumte Romantik einiger Esoteriker ist, die barfuß über die Wiese hopsen und Bäume umarmen, zeigen Wissenschaft jede Menge Fachliteratur.

Eine Studie aus Dänemark besagt: Wer in seiner Wohnung von Grün umgeben ist, hat ein um 55 Prozent geringeres Risiko, an psychischen Problemen zu erkranken. Eine amerikanische Studie bestätigt: Nur dreißig Minuten im Grünen senken den Cortisolspiegel bereits deutlich. Eine britische Studie ergab: Ausgeglichenheit und Wohlbefinden sind dann am größten, wenn wir mindestens zwei Stunden pro Woche im Freien verbringen. Eine japanische Studie wiederum ergab: Der Mensch hat mehr Immunzellen, wenn er die Nacht über eine Luft einatmet, die aus dem Wald kommt. Das stärkt die natural killer cells, die durch Terpenoide gestärkten, natürlichen Killerzellen. Und eine Studie aus Pennsylvania, schon von 1993, belegte: Wenn wir von einem Krankenzimmer aus ins Grüne blicken, ist die Heilungswahrscheinlichkeit viel größer. Ähnlich eine Arbeit über Gefängnisinsassen: Die Aggressionen werden weniger, wenn die Häftlinge ins Grüne können, etwa indem sie in einem Park spazieren gehen.30

Wir dürfen nicht vergessen, es gibt den Homo sapiens seit dreihunderttausend Jahren, das sind zehntausend Generationen. Wir tragen deshalb das Genprofil der Natur in uns. Glück und Furcht zum Beispiel. Wenn wir eine Schlange sehen, sind wir verängstigt. Aber wenn ein Rowdy in seinem Sportwagen mit 150 Sachen an uns vorbeirast, schreckt uns das kaum.

Die universelle Schönheit

Gewisse Gefühle sind im Erbgut verankert, bei allen Menschen. Die Schönheit der Natur, ein weißer Sandstrand, ein Wasserfall, ein Sonnenuntergang, ein See, ein Bergmassiv im Morgenlicht. Warum empfinden wir manche Landstriche als besonders schön? Der Forschungsreisende Alexander von Humboldt fragte sich das schon im 18. Jahrhundert.

Eine Arbeit aus dem Max-Planck-Institut gibt heute Antwort darauf. Bei der Kunst existieren unterschiedliche Geschmäcker, aber ob die Natur schön ist oder nicht, beantworten alle Menschen gleich. Für das Leuchten des Planeten hat jeder das gleiche Empfinden. Glück und Natur liegen nah beieinander.

Deswegen ist, was wir heute gardening nennen, nichts anderes als eine Therapie für Körper und Seele.31 Es baut Stress ab, fördert körperliche Aktivität und bringt rasch ein Erfolgserlebnis. Sich mit der Erde zu beschäftigen, Dinge anzupflanzen, wachsen und sprießen zu sehen, das ist schön. Wir lieben das Graben und Anbauen und Warten, bis die Saat gedeiht. Jeden Tag zeigt sich die Natur dabei von einer anderen Seite. Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm fasste es in einer These zusammen, in der sogenannten Biophilie, der »leidenschaftlichen Liebe zum Leben und allem Lebendigen«.

Wir fühlen uns am lebendigsten, wenn wir mit der Umwelt in Verbindung treten. Wenn wir in der Natur sind, ändern sich die Gehirnströme. Der Körper schüttet nicht nur weniger Stresshormone aus, auch das Herz schlägt ruhiger. Studien zeigen, dass wir in Parks und baumbewachsenen Straßen langsamer gehen. Wir sind dort sogar freundlicher zu anderen. Wenn wir uns zum Teil der Natur machen, sehen wir das Leben als Ganzes und nehmen uns nicht so wichtig. Die Natur macht uns zu besseren Menschen.

Auch Viren sind Natur

Weil, während ich das im Sommer 2020 schreibe, die COVID-19-Pandemie eine tiefe Angst vor Viren geweckt hat, sollten wir uns an dieser Stelle kurz daran erinnern, dass auch sie ein Teil der Natur sind, und zwar ein wesentlicher. Ohne Viren gäbe es uns nicht. Sie sind schon viel länger auf der Erde als wir, rund zwei Milliarden Jahre lang. Nicht sie waren die Eindringlinge auf diesem Planeten, sondern wir waren es, denn die Viren hatten es sich hier bereits gemütlich gemacht, lange bevor wir kamen. Wahrscheinlich werden sie auch noch da sein, wenn wir Menschen längst wieder ausgestorben sind. Das heißt, dass sie uns nicht brauchen, wie wir vielleicht denken. Im Gegenteil. Wir brauchen sie. Wir verdanken ihnen sogar unsere Existenz.

Lassen Sie uns, um das besser zu verstehen, ein paar Jahre in die Vergangenheit und dort durchs Mikroskop schauen. Es war wirklich eine große Enttäuschung, als der amerikanische Biochemiker und Unternehmer Craig Venter das menschliche Genom dechiffrierte hatte und, in Anwesenheit des amerikanischen Präsidenten, erkennen musste, dass der Mensch gerade einmal 20.000 Gene hat. Der einfache Reis hat doppelt so viele, der Weizen fünf Mal so viel. Die Krone der Schöpfung, das vermeintlich großartigste Lebewesen, hatte einen läppischen Genpool.

Woraus bestehen wir dann letzten Endes? Aus Knochen, Knorpeln und Körpersäften? Aus guten Ideen? Wie konnten wir zu einer so dominanten Spezies werden?

Ein überraschendes Ergebnis des Humangenomprojekts, das 1990 mit dem Ziel ins Leben gerufen wurde, das menschliche Genom vollständig zu entschlüsseln, war, dass große Teile unseres Erbguts von Viren stammen.32 Diese viralen Sequenzen machen mehr als die Hälfte unseres gesamten Genoms aus. Es ist ein Patchwork zwischen Viren und Mensch.

Die viralen Anteile stammen überwiegend von sogenannten Retroviren, die die Vorfahren des Menschen infizierten und es dabei schafften, ihr Erbgut dauerhaft in das Genom ihres Wirtes einzubauen. Viren waren also unsere ersten Kooperationspartner, denen wir verdanken, wie wir aussehen, wie wir sind und was wir können.

Es sieht fast so aus, als hätten wir über die Viren die Qualitäten früherer Lebewesen eingesammelt und für uns nutzbar gemacht, als hätten wir damit in einer Art Evolutionsarchiv die Weisheit der Erdgeschichte in uns aufgenommen.

Durch Viren haben in erster Linie die Bakterien, aber auch andere, einfache Lebewesen immer neue DNA und RNA geschenkt bekommen. Das bedeutet, Viren sorgten für evolutionäre Fortschritte, und interessanterweise sind es auch Viren, die uns, kurz gesagt, vor Viren schützen. Die guten schützen uns vor jenen, die uns schaden. Denn Viren wehren sich gegen Viren, indem sie eigene Strategien entwickeln. Sie betreiben taktische, biochemische Kriegsführung, als kleine Generäle mit großem Wirkungsbereich.

Viren sind also keineswegs nur unsere ausgewiesenen Feinde und jene Krankmacher, als die sie heute gelten. Respektsabstand zu ihnen zu halten, ist trotzdem erforderlich. Es geht hier nicht um den Babyelefanten, der mit dem oft kindischen Getöse um die COVID-19-Pandemie bekannt wurde. Es geht um einen gedanklichen Respektsabstand. Viren sind keine Kuscheltiere. Wer zu leutselig mit ihnen umgeht, wird funktionell überrannt.

Die Natur, Lehrmeisterin und Förderin auf unserem Weg, gute Menschen zu sein, besteht also aus mehr als Wiesen, Blumen und Wäldern. Das müssen wir auf dem Charakter-Fitness-Parcours verstehen: Eins mit der Natur zu werden, heißt, eins mit uns selbst zu werden. Wenn wir das schaffen, tragen wir nicht nur zu unserem Glück, sondern zum Glück der Welt bei. Das ist das Biophilia-Gesetz.

Der Respekt vor der Natur

Machen wir an dieser Stelle noch einen kleinen Vorgriff auf den zweiten Teil, in dem es, wie gesagt, darum geht, welchen Nutzen es uns bringt, gut zu sein, und welchen Schaden es bringen kann, wenn wir es nicht sind. Gut zu sein heißt, wie schon angedeutet, nicht nur gut zu unseren Mitmenschen zu sein und sie zu achten, sondern auch gut zur Natur zu sein und sie zu respektieren.

Wiederholt haben Wissenschaftler darauf hingewiesen, dass die COVID-19-Pandemie zustande kam, weil wir die Grenzen zwischen Tier und Mensch überschritten haben. Das war wahrscheinlich immer schon ein Problem, seit Menschen sesshaft sind und Tierzucht betreiben, aber heute ist es offensichtlich so, dass das Übermaß mehr Probleme schafft. Wir kriegen den Rand nicht voll.

Obwohl wir es besser wissen sollten: Das Grippe-Virus kommt von den Schweinen und das hoch ansteckende Rotavirus, die weltweit häufigste Ursache für schwere Durchfallerkrankungen bei Säuglingen und Kindern, von den Kälbern. Wir importieren solche Erreger, seit wir Ackerbau, Viehzucht und vor allem Völlerei betreiben aus dem Tierreich.

Viren mögen unsere ersten und vielleicht wichtigsten Kooperationspartner sein, doch sie können zu Raubtieren werden, wenn wir die Balance stören. Was das bedeuten kann, hat Professor Harald zur Hausen herausgefunden. Er entdeckte, dass Viren Krebs auslösen können und erhielt dafür den Nobelpreis. Er ist auch fest überzeugt davon, dass im Fleisch, das wir essen, so viele RNA-Bestandteile sind, dass deren Konsum für das Kolonkarzinom mitverantwortlich ist. Kurzum: Rotes Fleisch kann Darmkrebs verursachen.33

Am fünften Tag schuf Gott der biblischen Schöpfungsgeschichte zufolge das »Getier« und er gab uns, die er demnach erst tags darauf schuf, den Auftrag, damit wie mit der gesamten Natur respektvoll umzugehen. Was wir nicht tun. Die industrielle Tierhaltung ist nach den von Menschen an Menschen begangenen Genoziden eines der großen Menschheitsverbrechen. Die Industrie und wir alle als Konsumenten begehen es bloß nicht aus böser, unmittelbarer Absicht, sondern aus Gier und Fresslust. Die Folgen mildert das nicht.

Wir produzieren dabei Tote auf vielfältige Weise. Durch die Zivilisationskrankheiten, die mit übermäßigem Fleischverzehr einhergehen. Durch die genannten Krankheiten, die aus dem Tierreich auf Menschen übergesprungenen sind. Durch die Vernichtung von Regenwäldern, um Anbauflächen für Futtermittel zu schaffen. Durch mangelnde Anbauflächen für den Kampf gegen den Hunger auf der Welt, weil wir sie als Weideland verwenden. Durch die Treibhausgase, die die derzeit lebenden eine Milliarde Rinder, 600 Millionen Schweine und 50 Milliarden Hühner in die Atmosphäre absondern. Durch die Vergiftung des Grundwassers durch tierische Exkremente sogar schon in der bisher noch heilen Welt der Berge und Almen, weil Bauern selbst dort extensive Viehwirtschaft betreiben.34

Zählen wir die Opfer zusammen, die das alles schon gefordert hat und die es noch fordern wird, dann sind das bei Weitem mehr als die Opfer aller Genozide zusammen. Ganz abgesehen davon, dass das alles das Zeug hat, unser Ökosystem kollabieren zu lassen und damit die sogenannte Carrying Capacity des Planeten zu reduzieren. Sinkt sie in einem durchaus realistischen Katastrophenszenario zum Beispiel auf fünf Milliarden, heißt das, dass drei Milliarden Menschen sterben müssen, weil der Planet sie einfach nicht mehr ernähren kann.

Dazu noch einige Fakten: Shefali Sharma vom Institute for Agriculture and Trade Policy wies 2018 in einer Studie nach, dass die fünf weltweit größten Fleisch- und Molkereikonzerne zusammen mehr Treibhausgas-Emissionen verursachen als die drei größten Ölkonzerne Exxon Mobil, Shell und BP zusammen.35

Eine deutsche Studie zeigte 2015, dass 88 Prozent von 57 Putenfleischproben antibiotikaresistente Keime enthielten.36 Eine 2020 publizierte Studie der Northwestern Medicine and Cornell University ergab, dass Personen, die mehrmals pro Woche rotes oder verarbeitetes Fleisch essen, ein bis zu sieben Prozent höheres Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und eines frühzeitigen Todes haben.37

Andere Studien zeigten einen Zusammenhang zwischen Fleisch und Krebserkrankungen, Übergewicht und Depressionen. Letzten Endes sieht die Rechnung so aus: Der Profit aus der Nahrungsindustrie wirkt sich direkt proportional auf unseren Körper, unseren Geist und den ganzen Planeten aus.

Es wäre Unfug zu behaupten, dass Gott uns damit bestraft für unsere krassen Verstöße gegen die Regeln, die er uns in seiner Heiligen Schrift, der Bibel, mitgegeben hat. Es scheint aber doch so zu sein, dass diese Heilige Schrift in Teilen die uralte Verfassung der Natur abbildet. Eine Verfassung, in der alles mit allem verbunden ist und die deshalb gerade uns Menschen, die wir durch unsere Vielzahl und unsere Erkenntnisfähigkeit alles dominieren, Respekt abverlangt. Man könnte es so formulieren: Wir bestrafen uns selbst, wenn wir diese Verfassung mit Füßen treten. Die Industrie, indem sie alles andere ihrer Gewinnmaximierung unterordnet, und wir alle, indem wir möglichst viel möglichst billiges Fleisch essen wollen. Vielleicht straft uns nicht Gott dafür, aber die Natur rächt sich, und wir sehen das noch immer viel zu wenig.

Woraus sich die Frage nach den Alternativen ergibt. In einer Milliardenindustrie, die vegane fleischähnliche Lebensmittel mit fragwürdigen gesundheitlichen Aspekten herstellt, können sie kaum bestehen. Die Alternativen ließen sich, da wir nun schon einmal dabei sind, auch aus der Bibel ableiten. Gott der Herr setzte den Menschen in den Garten, dass er ihn bebaue und bewahre, heißt es darin. Respekt vor der Natur gebietet uns also, die Balance zu halten. Als Allesfresser brauchen wir Fleisch, doch es muss darum gehen, wie viel davon wir brauchen, welches wir essen wollen und wie wir es herstellen.

Konrad Lorenz, der österreichischer Zoologe, Medizin-Nobelpreisträger und Hauptvertreter der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung, war oft bei meinem einstigen Arbeitgeber und Mentor, dem Wiener Kardinal König, zum Mittagessen geladen. Obwohl Lorenz Atheist war, unterhielten sich die beiden immer angeregt. »Es ist der Balanceakt, der den Menschen fehlt«, sagte Lorenz.

Der Balanceakt, den Lorenz meinte, ist es, was uns zu guten Menschen und im Sinne des in der Verfassung der Natur verankerten Gesetzes des Ausgleichs auch zu glücklichen Menschen macht, die gesund, im Wohlstand und in Harmonie mit ihren Mitmenschen, mit sich selbst und mit der Natur leben.

TEIL 2
GUT SEIN LOHNT SICH

Wenn wir diesen Planeten als das wahrnehmen, was er sein sollte, ein Trainingsplanet des Charakters, dann verfügen wir jetzt über einige einfache Mittel, um dem zu entsprechen. Wir können den ersten Impulsen widerstehen und unsere Entscheidungen glymphatisch treffen. Wir können unsere Gedanken entgiften, indem wir uns einer Vertrauensperson mitteilen. Wir können uns in der Kunst des Kompromisses und in der des Nachgebens üben, auch wenn es manchmal noch so schwer zu sein scheint. Und wir können uns in die Natur begeben, regelmäßig und absichtsvoll, weil wir uns dabei auf gute Art kleiner fühlen und weil sie uns dabei verbindet mit etwas größerem Ganzen.

Wir brauchen für all das zum einen Selbstreflexion. Wir müssen »Maß an uns selbst« nehmen, unsere guten aber auch unsere schlechten Seiten mit offenen Augen wahrnehmen, um die Menschen werden zu können, von denen wir vielleicht glauben, sie bereits zu sein. In der Aufklärung bediente man sich dabei der Symbole des Zirkels und des Winkelmaßes. Das Winkelmaß steht auch dafür, ein aufrechtes Leben zu führen, für Werte wie Ehrlichkeit und Geradlinigkeit, für Regeln und Ordnung. Der Zirkel steht für den Kreislauf des Lebens, aber auch für die Unendlichkeit und die Unsterblichkeit der Gemeinschaft und für den inneren Kreis, den inneren persönlichen Freiraum des Menschen, sich zu entwickeln.

So einfach, wie es sich in ein Buch schreiben lässt, ist es natürlich nicht. Impulskontrolle zum Beispiel lässt sich lernen, aber es ist etwa so, wie mit dem Rauchen aufzuhören. Selbstbeobachtung spielt dabei eine Rolle: In welchen Situationen verliere ich die Kontrolle? Was kündigt den Verlust meiner Selbstkontrolle an? Ein heißer Kopf? Zitternde Hände? Dabei helfen neben dem Aufenthalt in der Natur auch Sport, Entspannungsübungen wie Meditation und Yoga oder Autogenes Training.

Neben der Selbstreflexion bedarf es dabei unseres Willens. Ganz im Sinne von William Shakespeares Othello, wo es heißt: Unser Körper ist unser Garten, der Gärtner ist unser Wille.38

Hier das ganze Shakespeare-Zitat, weil dem hinsichtlich unserer eigenen Verantwortlichkeit dafür, ob wir gute oder schlechte Menschen sind, zumindest auf poetischer Ebene wenig hinzuzufügen ist:

… In uns selber liegts, ob wir so sind oder anders.

Unser Körper ist ein Garten und unser Wille der Gärtner,

so dass, ob wir Nesseln drin pflanzen wollen oder Salat bauen,

Ysop aufziehn oder Thymian ausjäten,

ihn dürftig mit einerlei Kraut besetzen

oder mit mancherlei Gewächs aussaugen,

ihn müßig verwildern lassen oder fleißig in Zucht halten

– ei, das Vermögen dazu und die bessernde Macht

liegt durchaus in unserm freien Willen.

Hätte der Waagbalken unsres Lebens

nicht eine Schale von Vernunft,

um eine andre von Sinnlichkeit aufzuwiegen,

so würde unser Blut und die Bösartigkeit unsrer Triebe

uns zu den ausschweifendsten Verkehrtheiten führen;

aber wir haben die Vernunft, um die tobenden Leidenschaften,

die fleischlichen Triebe,

die zügellosen Lüste zu kühlen …

Wir könnten es kürzer auch mit Friedrich Schiller sagen, dem Arzt, Philosophen und Dichter: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Vorausgesetzt, wir ermöglichen es ihm, indem wir den nötigen Willen aufbringen.

Wir brauchen auch Motivation für unser Charakter-Trainingsprogramm. Sie kann nur dem Glauben entspringen, nicht ausschließlich dem Glauben an Gott oder an ein anderes höheres Wesen, sondern dem Glauben daran, dass es uns in dem von Laurie Santos in ihren Online-Kursen präsentierten Sinn tatsächlich etwas bringt, wenn wir gute Menschen sind.

Es liegt im Geist unserer Zeit, dass wir nicht mehr gerne Dinge glauben, wir wollen sie bewiesen haben. Genau da springen zum Glück die modernen Naturwissenschaften ein, die aus verschiedenen Disziplinen Erkenntnisse dazu liefern, wie gut zu sein mit einem guten Leben zusammenhängt, und umgekehrt. Darum wird es in diesem zweiten Teil dieses Buches gehen.

GUTSEIN STÄRKT DAS IMMUNSYSTEM

Es gibt einen medizinisch längst erforschten Zusammenhang zwischen der Psyche und der körperlichen Gesundheit. Innerlich ausgeglichene, psychisch stabile Menschen haben ein geringeres Risiko, körperlich zu erkranken. Angesichts der ausgleichenden und stabilisierenden Wirkung altruistischen und empathischen Verhaltens könnte man verkürzt sagen: Gute Menschen sind besser vor Virenattacken geschützt.

In Bayern arbeitet ein Tierarzt, der mit seiner Familie allem Anschein nach ein gutes Leben hat. Seine Praxis liegt am Land, in einer schönen grünen Region, er hat einigen Wohlstand erworben und sein Beruf wirkt auf den ersten Blick sinnerfüllend. Trotzdem ist der Mann unleidlich, und zwar in bemerkenswertem Ausmaß.

Es scheint ihn eher zu ärgern als zu freuen, wenn ihm Menschen ihre kranken Hunde, Katzen, Vögel oder Meerschweinchen bringen. Er schließt seine Praxis jeden Tag um 17 Uhr, aber bereits um 15 Uhr schreit er, allgemein hörbar, seine Mitarbeiter an, dass das Wartezimmer zu voll ist, dass er »sicher nicht« alle drannehmen werde und dass einige gleich wieder heimgehen mögen.

Seine ruppige Art wirkt weder erdig noch hemdsärmelig, sie hat gar nichts sympathisches. Der Mann gilt dementsprechend und wohl nicht ganz zu Unrecht als überlastet und hochfahrend, und es dürfte vor allem an der mangelnden Konkurrenz in seiner Region liegen, dass sein Wartezimmer trotzdem oft voll ist. Man könnte ihn als unausgeglichen bezeichnen, ihm psychische Probleme beziehungsweise Belastungen zugutehalten, oder ihn verkürzend auch einfach ungut nennen.

Als die COVID-19-Pandemie ausbrach, kam dieser Tierarzt in seiner Region vorübergehend zu zusätzlicher Prominenz, über die er sich allerdings kaum gefreut haben dürfte. Denn er war einer der ersten, die an COVID-19 erkrankten. Kann es sein, dass böse, innerlich belastete Menschen infektionsgefährdeter als ausgeglichen gute sind, lautete damals die meist nicht gestellte aber oft gedachte Frage jener, die ihn kannten. Sind böse Menschen ohne Impulskontrolle bei Epidemien und Pandemien weniger gut geschützt? Haben sie ein schwächeres Immunsystem? Schützt dann auch Gutsein sozusagen vor Corona?

Derartige Vermutungen mögen naiv klingen, doch medizinisch betrachtet steckt mehr dahinter, als es zunächst den Anschein hat. Zumindest dann, wenn wir das Gutsein als dem Menschen in die Wiege gelegten psychischen und seelischen Normalzustand und das unkontrolliert mitunter Bösesein tatsächlich als Folge mangelnder innerer Ausgeglichenheit und psychischer Belastungen betrachten. Denn dass es einen Zusammenhang zwischen psychischer Stabilität, die sich durch Gutsein in einem tieferen Sinne stärken lässt, mit der Infektions- und allgemeinen Krankheitsanfälligkeit gibt, ist schon lange evident.

Die Leistungsfähigkeit des Immunsystems, das nach einer Verletzung für den Schutz vor Krankheitserregern, für die Regulierung von Entzündungen und die Wiederherstellung des gesunden Gewebes sorgt, hängt spürbar von emotionalen, psychologischen und kognitiven Faktoren ab.39,40,41 Mehrere Untersuchungen zeigen, dass innere Unausgeglichenheit, Angst, Trauer und »böse« Emotionen wie Wut, Zorn und Hass mit einer höheren Anfälligkeit für Infektionskrankheiten einhergehen.42,43

Das heißt, dass wir nicht nur die alten Menschen vor einer COVID-Infektion geschützt haben, wenn wir ihre Einkäufe erledigt haben, sondern auch uns selbst, weil altruistische, empathische und hilfsbereite Verhaltensweisen unser eigenes Immunsystem stärken. Menschen, die solche Verhaltensweisen aufgrund ihrer Überzeugungen, ihrer Erziehung oder ihrer genetischen und epigenetischen Prägungen schon immer gelebt haben, sind demnach besonders gut geschützt vor Virenattacken.44

Der Geist gestaltet unser Immunsystem mit

Virologen waren schon lange vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie mit den Wechselwirkungen zwischen Psyche und Immunsystem befasst, etwa während und nach der MERS-CoV- und der SARS-Epidemie. MERS-CoV ist ein im Jahr 2012 erstmals identifiziertes Virus aus der Familie der Coronaviren, das beim Menschen schwere Infektionen der Atemwege, Lungenentzündungen und Nierenversagen verursachen kann und oft zum Tod führt. SARS, oder genauer gesagt SARS-CoV-1, brach in größerem Stil zu ersten Mal im Zeitraum 2002 und 2003 mit 800 Todesopfern aus. Bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung beider Epidemien stellte sich heraus, dass in manchen Studienkollektiven mehr als die Hälfte der mit MERS oder SARS infizierten Menschen psychisch angeschlagen waren.45

Experimentell hat den Zusammenhang zwischen psychischer Stabilität und dem Immunsystem, die sogenannte Geist-Körper-Achse, etwa die israelische Forscherin Tamar L. Ben-Shaanan belegt. Sie zeigte, dass bei Mäusen die künstliche Stimulation positiver Belohnungssignale im Gehirn eine verbesserte körperliche Gesundheit fördert, indem sie die Immunabwehr gegen Bakterien verstärkte. Glücksgefühle, auch wenn sie wie in diesem Experiment durch eine medizinische Intervention ausgelöst sind, verbessern demnach den Schutz vor Infektionen.46 Genau aus diesem Grund befasste sich die Forschung auch bereits vor COVID-19 mit der Frage, ob Impfungen besser wirken, wenn das Belohnungssystem stimuliert ist. Stimmt das, zahlt sich impfen am meisten bei Menschen aus, die innerlich stabil, ausgeglichen und glücklich, und zu diesem Zweck auch gut sind. Bei unkontrolliert bösen Menschen wäre die Impfwirkung, wieder verkürzt gesagt, im Umkehrschluss geringer.

»In zukünftigen Studien wird noch näher zu überprüfen sein, ob die Stimulation des Belohnungszentrums die Immunität gegen virale Infektionen und Tumore fördert und auch, ob Impfungen in Zusammenhang mit einem stimulierten Belohnungssystem effektiver sind«, so die Forscher Elizabeth L. Frost und John R. Lukens von der Universität Virginia in einer Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Medicine des Jahres 2016.

Die vorher genannte Geist-Körper-Achse erklärt übrigens auch den Placeboeffekt: Schon das Vertrauen und die Erwartung positiver Gesundheitsergebnisse führt bei Menschen, denen ein Placebo verabreicht wird, zu einer besseren Genesung. Das rechtfertigt natürlich nicht den Einsatz von Placebos anstelle von echten Medikamenten, zeigt aber, welche Macht der Geist über unsere Gesundheit hat.

Ein gesunder Geist schafft einen gesunden Körper

Anhand schwerer psychischer Erkrankungen lässt sich das besonders deutlich zeigen. Menschen mit solchen Diagnosen gehören neben alten Menschen und solchen mit körperlichen Vorerkrankungen zur Hauptrisikogruppe, wie auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannte.

In China zeigte sich, dass Patienten in geschlossenen Einrichtungen besonders gefährdet sind. Deshalb gab das chinesische National Health Center bereits am 17. Februar 2020, also noch bevor die Pandemie mit voller Wucht in Europa ankam, bekannt, dass mehr als 300 schwer psychisch erkrankte Patienten mit COVID-19 infiziert seien.47

Ähnlich war das Bild in Korea. Dort brach COVID-19 überhaupt zum ersten Mal in einer psychiatrischen Abteilung aus. Von 103 Patienten in dieser Abteilung infizierten sich 102. Sieben von ihnen, alle zwischen fünfzig und siebzig Jahre alt, starben innerhalb einer Woche. Das heißt, dass die Sterblichkeit bei rund sieben Prozent lag, und damit weit über jener der koreanischen Allgemeinbevölkerung, wo sie nur ein Prozent erreichte.48

In Taiwan haben die dortige Vereinigung gegen Depressionen und die taiwanesische Gesellschaft für Ernährungspsychiatrieforschung deshalb mehrere Programme zur psychischen Unterstützung gestartet.

Das Geheimnis der Rosetaner

Psychisch belastende Faktoren wie Stress, Zukunftsängste, fehlender Lebenssinn, Streit, Krieg, Hetze, Populismus, Demagogie, systematisierte Fake News oder wegbrechende Sicherheiten auf allen Ebenen können nicht nur das Infektionsrisiko einzelner Personen, sondern ganzer Gesellschaften erhöhen. Andersherum dienen gesellschaftspolitische Konzepte, die auf Altruismus, Empathie, Hilfsbereitschaft und Gemeinschaft basieren, sozialmedizinisch auch der Gesundheitsvorsorge.

Eindrucksvoll bewiesen hat das eine Gruppe von Menschen, deren Geschichte jahrzehntelang die Medizin beschäftigte, unzählige Male in der medizinischen Fach- und Populärliteratur auftauchte, und jetzt neue Aktualität erhält: die Geschichte der Rosetaner.

Roseto, das ist ein Dorf im amerikanischen Pennsylvania. Die Vorfahren der jetzigen Bewohner brachen im Jahr 1882 im verarmten süditalienischen Apulien auf, um gemeinsam eine bessere Heimat in Amerika zu finden.

Zunächst arbeiteten die Rosetaner in einem Steinbruch oder in einer ortsansässigen Hemdenfabrik. Auch dieses Leben war hart, doch sie verdienten genug, um ihre Kinder an die Universitäten schicken zu können. Nach ihren langen Arbeitstagen verbrachten die Rosetaner die Abende gerne gemeinsam, aßen und feierten miteinander. Fast alle engagierten sich in Vereinen und wohnten als Multigenerations-Familien unter einem Dach. Das wechselseitige Vertrauen in dem Dorf war groß, die Kriminalität gering.

Ende der 1950er-Jahre fiel dem Mediziner Steward Wolf von der Universität von Oklahoma auf, dass kaum einer der Bewohner Rosetos unter 65 Jahren an einer Herzerkrankung litt. Das wunderte ihn, zumal Herzleiden damals die Volkskrankheit Nummer eins in Amerika und die häufigste Todesursache war.

Wolf sah sich die Sache näher an. So gut wie kein Rosetaner unter 55 Jahren war je an einem Herzinfarkt gestorben oder hatte Anzeichen einer Herzerkrankung gezeigt. Bei Männern über 65 Jahren lag die Zahl der tödlichen Arterienverkalkungen um die Hälfte niedriger als im Rest des Landes. Auch die Todesrate sämtlicher untersuchter Krankheiten war in Roseto bis zu 35 Prozent niedriger als im amerikanischen Landesdurchschnitt.

Wolf und andere Ärzte kamen zu dem Schluss, dass der Schutz der Rosetaner vor Krankheiten etwas sein musste, das nur mit ihrem Dorf zu tun hatte. An der Ernährung dort, so viel war schnell klar, konnte es nicht liegen. Denn die Rosetaner waren bekannt für ihr Lieblingsgericht »Scarpetti«, das sie aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatten. Scarpetti sind in Schweineschmalz gebratene grüne Paprikaschoten, serviert mit Brot und einer üppigen Schweineschmalz-Sauce, also so ziemlich das Gegenteil gesunder Ernährung.

Woran lag es also? Machten die Rosetaner besonders viel Bewegung? Hatten sie besondere Gene? Lag es an ihrer Art der Wassernutzung oder der medizinischen Versorgung? Ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftlern machte sich an die Arbeit, um das Rätsel zu lösen.

Es dauerte Jahre, bis es ihnen gelang. Die eng verbundene Gemeinschaft in dem Dorf hatte einen überaus starken Einfluss auf die Gesundheit der Bewohner, stellten sie fest. Das Gefühl von Geborgenheit, von dem wir heute wissen, dass es die Herzfrequenz, den Blutdruck und den Cortisol-Spiegel senkt und das Immunsystem stärkt, war durch ihren Lebensstil in besonderem Maß gegeben.

Heute wissen wir auch, dass Einsamkeit, die vor allem dem modernen urbanen Lebensstil immanent zu sein scheint, chronischen Stress verursacht, dessen Gefährlichkeit mit den Folgen von Rauchen, ungesunder Ernährung oder mangelnder Bewegung gleichzusetzen ist. Was die weitere Geschichte des mit einem so hohen Gemeinschaftssinn gesegneten kleinen Dorfes Roseto leider auch belegt.

Denn Ende der 1960er-Jahre fielen den Forschern dort einige soziale Veränderungen auf. Kurz gesagt kamen die Rosetaner langsam so richtig in ihrer neuen Heimat an. Ihre spezielle Form des Zusammenlebens löste sich allmählich auf. Die Dorfbewohner wurden individualistischer und materialistischer und der Familien- und Gemeinschaftszusammenhalt lockerte sich. Was zur Folge hatte, dass nun auch in Roseto die Einsamkeit wuchs und damit die Herzprobleme zunahmen. Innerhalb von ungefähr einem Jahrzehnt, also in etwa innerhalb einer Generation, glichen sich die Statistiken der Herzkrankheiten des Dorfes dem Landesdurchschnitt an.

Klarerweise will heute niemand mehr zu einem Lebensstil zurück, wie ihn die Rosetaner in den 1950er-Jahren pflegten. Ihre Geschichte zeigt allerdings, welchen enormen Wert das Prinzip Gemeinschaft, die wechselseitige Unterstützung, der Altruismus und die Hilfsbereitschaft ganz allgemein über ihre pragmatischen Vorteile hinaus für die persönliche Lebensplanung, für gesellschaftspolitische Konzepte und für kommunale sowie staatliche Gesundheitspolitik haben sollte.

Jetzt erst recht (innerlich) umarmen?

Gerade in Zeiten des Social Distancings entsteht hier ein offenkundiger Widerspruch: Gemeinschaft, also persönliche Begegnung, das persönliche Gespräch und auch der Körperkontakt scheinen mit einem Mal gefährlich zu sein, dabei läge nach allem Besprochenen doch gerade darin eine enorme Schutzfunktion, besonders im Körperkontakt. So etwa gelang Psychologen der Carnegie Mellon University in Pittsburgh der Nachweis, dass Menschen, die oft körperlichen Kontakt mit anderen haben, seltener erkältet sind.49

Für ihre Studie infizierten sie rund 400 Teilnehmer mit einem Schnupfenvirus und beobachteten anschließend, bei welchen von ihnen die Krankheit ausbrach. Bei den Studienteilnehmern, die sich in einem intakten sozialen Umfeld bewegten und täglich Körperkontakt zu nahestehenden Menschen hatten, brach der Schnupfen weitaus seltener aus als in der Gruppe der Einzelgänger.

Wie also mit diesem Dilemma umgehen? Was schützt uns eher, der Verzicht auf Körperkontakt oder ebendieser?

Bereits im März 2020, als das Virus in Europa noch relativ neu war, gab die wissenschaftliche Fachzeitschrift Brain, Behaviour and Immunity, die offizielle Zeitschrift der internationalen Forschungsorganisation Psychoneuroimmunology Research Society, eine vorsichtige Antwort auf diese Fragen. Zunächst hieß es in dem Artikel wörtlich: »… Daher bleibt die beste Strategie die Prävention, nämlich die Verringerung der Exposition gegenüber Krankheitserregern und die Verbesserung der individuellen Immunität. Studien haben gezeigt, dass ein gesunder Lebensstil, regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, guter Schlaf und eine starke Verbindung zu ihren Familien und Gemeinschaften mit einer Stärkung des Immunsystems verbunden sind.«

Im nächsten Absatz folgt dann eine unmissverständliche Aufforderung der Verfasser, gleichsam ein guter Mensch zu sein: »Soziale Distanzierung oder das Tragen von Masken können dazu beitragen, Infektionen zu verhindern. Lassen Sie sich jedoch nicht von diesen Maßnahmen davon abhalten, Mitgefühl und Freundlichkeit auszudrücken. In der Tat sollten alle Formen der psychologischen Unterstützung routinemäßig implementiert werden, um nicht nur die psychologische Belastbarkeit zu berücksichtigen, sondern auch die Psychoneuro-Immunität gegen COVID-19 zu verbessern.«

In Zeiten einer Pandemie soll der äußere Körperkontakt unterbleiben, heißt das, aber der innere möge aufrecht erhalten werden – denn er schützt.

Die Heilkraft der Liebe

Eine bedeutende Rolle bei der Stärkung des Immunsystems und dem Aufbau der Heilkraft unseres Körpers spielt übrigens die Liebe. Worauf etwa auch der an der renommierten John-Hopkins-Universität tätige amerikanische Krebsforscher Bert Vogelstein, einer der bedeutendsten seines Faches, in einer seiner Berichte hinweist.

Er erzählt darin, wie er als junger Arzt während eines Nachtdienstes im OP vorbeischaute und ihm seine Kollegen erklärten, dass der Patient, dessen Blinddarm sie gerade ohne Komplikationen operierten, vor 15 Jahren bereits einmal dagewesen war. Wegen Bauchspeicheldrüsenkrebs. Damals hatten sie ihn aufgeschnitten, gesehen, dass der Fall hoffnungslos war und ihn wieder zugenäht.

Wieso war er immer noch am Leben und bis auf den Blinddarm kerngesund? Der Patient hatte sich damals in die Stationsschwester verliebt und sie sich in ihn.

Eine romantische Geschichte, die sich medizinisch allerdings längst begründen lässt. Etwa durch den Nervus Vagus, der vom Gehirn aus fast alle Organe steuert, und der stark von Emotionen beeinflusst ist, von guten wie Liebe ebenso wie von bösen wie Wut oder Hass. Natürlich darf das alles nicht eine schulmedizinische Betreuung in Frage stellen, es zeigt allerdings, welchen enormen Einfluss der innere Mensch auf den äußeren hat.

Hier noch eine abschließende Studie zur Wirkung positiver, psychisch stabilisierender Effekte. Sie trägt den langen Titel »Randomized controlled trial of a positive affect intervention for people newly diagnosed with HIV«50 und stammt aus dem Jahr 2017. Sie sollte gerade in Zeiten, in denen die Welt einen Virenangriff zu bewältigen hat, viel mehr Beachtung finden.

Forscher unterteilten dabei neu infizierte HIV-Patienten in zwei Gruppen. Eine Gruppe lebte weiter wie bisher, die andere plante ihren Tagesablauf nach vorgegebenen Parametern neu. Ihre Mitglieder sollten Aktivitäten identifizieren, die sie als positiv empfanden. Jeder Tag sollte etwas enthalten, das ihnen Freude machte. Sie sollten nicht nur über ihre Schwächen, sondern auch über ihre Stärken nachdenken, sich kleine Ziele setzen und sich über kleine Erfolge freuen. Sie sollten bewusst registrieren, was gut lief und sich in Dankbarkeit dafür üben. Dazu sollten sie ein bescheidenes Sportprogramm absolvieren und regelmäßig Atemübungen machen.

Nach sechs Monaten untersuchten die Wissenschaftler die Anzahl der HIV-Viren im Körper bei beiden Gruppen. Die Mitglieder der Programm-Gruppe hatten gegenüber ihren Mitpatienten eine deutlich reduzierte Viruslast.

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9783990014264
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