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Jochen Oppermann
Der Deutsch-Französische Krieg
1870/71

»Warum bleiben die Leute nicht einfach zu Hause,
statt in die Fremde zu ziehen
und sich gegenseitig abzuschlachten?«
William Howard Russell, Kriegsreporter der Times
INHALT
VORWORT
I.RINGEN UM DIE DEUTSCHE NATION
II.DAS ZWEITE FRANZÖSISCHE KAISERREICH
III.JULIKRISE 1870
EXKURS: WAFFEN, TRUPPEN, PLÄNE
IV.DER EISENBAHNAUFMARSCH
V.DER WEG NACH LOTHRINGEN
EXKURS: HEIMATFRONT UND KRIEGSWIRTSCHAFT
VI.KÄMPFE IM ELSASS
VII.DIE SCHLACHTEN UM METZ
EXKURS: DAS ROTE KREUZ UND DAS SANITÄTSWESEN
VIII.SEDAN
EXKURS: FRANC-TIREURS
IX.DIE AUSRUFUNG DER DRITTEN REPUBLIK
X.KAPITULATIONEN
XI.KEIN ENDE IN SICHT
XII.AUF MESSERS SCHNEIDE
EXKURS: DIE MARINE
XIII.DIE NATION IST GEMACHT
XIV.PARIS KAPITULIERT
XV.FRIEDEN
XVI.DIE KOMMUNE
XVII.DAS REICHSLAND ELSASS-LOTHRINGEN
LITERATUR
VORWORT
»Bei euren Taten, euren Siegen
wortlos, beschämt hat mein Gesang geschwiegen:
und manche, die mich darum schalten,
hätten auch besser den Mund gehalten.«
Eduard Mörike
Am 30. Januar 1933 ernannte der Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847–1934) Adolf Hitler (1889–1945) zum Reichskanzler. Mit diesem Datum begann die Geschichte des »Dritten Reiches«, die für immer mit dem Namen des aus altem ostpreußischen Adel stammenden Generalfeldmarschall verbunden sein wird. Auch bei der Gründung des »Zweiten Reiches« am 18. Januar 1871 war Hindenburg als Statist zugegen (Pyta, S. 16). Als Vertreter seines Regiments, des 3. Garderegimentes zu Fuß, erlebte er im Spiegelsaal zu Versailles die Geburt eines Reiches, das er als propagierter Held 1914 im Osten verteidigte und letztlich als alternder »Ersatzkaiser« demjenigen anvertraute, der es und die ganze Welt in eine Katastrophe stürzen sollte.
Eben diese Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben dazu beigetragen, dass man sich fast gar nicht an den Deutsch-Französischen Krieg erinnert. Auch in der Schule wird dieser kaum gelehrt, ist oftmals nur einen Satz im Schulbuch wert. Zugleich stolpert man in vielen deutschen Dörfern oder Städten über die Mahnmale zur Erinnerung an den Krieg der Jahre 1870/71. Die wenigen, völlig überdimensionierten Monumente aus dem Deutschen Kaiserreich dienen noch als Kuriosum für Gruppen in- und ausländischer Touristen, jedoch kaum als geschichtliches Memorial. Wenn man in Rüdesheim am Rhein durch die engen Gassen schlendert, bei einem Glas Wein einkehrt, gehört eine Fahrt mit der Seilbahn zum Niederwalddenkmal dazu. Wenn man in Koblenz am Deutschen Eck dem Zufluss der Mosel in den Rhein zuschaut, hat man das Reiterdenkmal Kaiser Wilhelms I. (1797–1888) im Nacken. Wenn man den Ort der antiken Teutoburger Schlacht durchwandert, vielleicht sogar in Gedanken an die drei römischen Legionen, die hier einst mehrere Tage um ihr Leben kämpften, stößt man bei Detmold auf das Hermannsdenkmal, das Schwert mahnend nach Frankreich hin erhoben. Und die »Goldelse« auf der Berliner Siegessäule hatte jahrzehntelang vor dem Reichstag den Abgeordneten vor Augen geführt, wie das Reich geschaffen wurde, bevor man sie zur Verzierung der geplanten Welthauptstadt Germania versetzte. Heute wird sie gerne als Staffage für Großveranstaltungen genutzt, wobei oftmals die wenigsten Anwesenden wissen, woher die vergoldeten Kanonenrohre eigentlich stammen. Ist dies aber eigentlich wichtig? Warum lohnt sich die Beschäftigung mit dem letzten der sogenannten Einigungskriege?
Militärisch gesehen war der Deutsch-Französische Krieg der erste moderne Krieg auf dem europäischen Kontinent (Nipperdey, Machtstaat, S. 64). Als solcher war er ein Vorgeschmack auf den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. So gingen mit der Kapitulation von Metz an einem Tag fast 200 000 französische Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft (Moltke, S. 114). Diese Zahl sollte erst im Spätsommer 1941 beim deutschen Überfall auf die Sowjetunion übertroffen werden, wie bei der Doppelschlacht von Białystok und Minsk mit 300 000 russischen Gefangenen (Hart, S. 210). Dabei zeigte sich der Unterschied, dass man sich 1870 gemäß der Genfer Konvention von 1864 um die französischen Soldaten kümmerte, während man 72 Jahre später nicht nur den Tod der Gefangenen in Kauf nahm, sondern oftmals gezielt herbeiführte. Den Hass auf den anderen Soldaten als Folge einer rassistischen Indoktrinierung gab es 1870 nicht. Es gab Vorurteile vor allem deutscher Soldaten gegen die nordafrikanischen Truppen der Franzosen, die mit rassistischen Stereotypen einhergingen. Diese offenbarten jedoch keinen Willen zur Vernichtung (vgl. Ganschow, S. 338 ff.). Die Aktionen, die wir heute als Kriegsverbrechen bezeichnen, waren meistens der eigenen Hilflosigkeit und Überforderung geschuldet und lösten bereits bei einigen Zeitgenossen Empörung aus, unabhängig von der Nationalität.
Mit Paris wurde ab dem 19. September 1870 auch erstmals in der Weltgeschichte eine Millionenstadt vollständig von einem Heer eingeschlossen und belagert (Howard, S. 325). Erst am 8. September 1941 wurde mit Leningrad wieder die Bevölkerung einer Millionenstadt von der Außenwelt abgeschnitten. 1870 wollte man im deutschen Hauptquartier damit einen schnellen Friedensschluss herbeiführen und stritt monatelang heftig darüber, ob man die Stadt beschießen sollte. Das Ziel 1941 war die vollständige Vernichtung der Menschen und des Ortes. Deutsche Soldaten ließen es hingegen nicht nur zu, dass im November 1870 arme Pariser Bürger vor ihren Linien nach Essbarem suchten, sondern steckten dem ein oder anderen Hungernden etwas Tabak oder Essen zu (Arand, S. 480 f). Sie hatten Mitleid! Paris kapitulierte nach 132 Tagen, Leningrad sollte knapp zweieinhalb Jahre aushalten und nie kapitulieren. Aber beide Städte warten noch mit einem anderen Vergleich auf. Kommt einem beim Gedanken an die blutigste Revolution gemeinhin die russische Oktoberrevolution 1917 in den Sinn, die in St. Petersburg, dem späteren Leningrad, ausbrach, so wird man mit dem Blick auf Paris im Frühjahr 1871 auch dahingehend eines Besseren belehrt. Schätzungen gehen davon aus, dass zur Zeit der Pariser Kommune im Mai innerhalb einer Woche zwischen 20 000 (Koechlin, S. 35) und 35 000 Menschen (Arand, S. 601) getötet wurden. Der Bürgerkrieg zwischen den Sozialisten (Kommunarden) und den konservativ-bürgerlichen Kräften war ein kurzer, lokal begrenzter, dafür umso entfesselter, der zwischen Soldaten, Frauen und Kindern keine Unterschiede machte.
Das sind einige wenige Zahlen. Nichts weiter. Doch hinter diesen stecken menschliche Schicksale, Existenzen, die für den Rest des Lebens eine tiefe Prägung erfuhren. So war der Bürgermeister des Montmartre-Bezirks während der Belagerung von Paris und den blutigen Unruhen niemand anderes als Georges Clemenceau (1841–1929). Dieser sollte als unerbittlicher Gegner der Deutschen bei den Versailler Verhandlungen 1919 auftreten. Die größtmögliche Schwächung Deutschlands war sein Ziel und nur durch den mäßigenden Einfluss der Engländer und Amerikaner fiel der Versailler Vertrag für die Deutschen nicht noch härter aus (Winkler, S. 402). Toujours y penser, jamais en parler, ›Immer daran denken, niemals davon sprechen‹, bestimmte als Leitfaden die französische Revanchepolitik vor dem Ersten Weltkrieg und hielt damit die Erinnerung an das Trauma des verlorenen Krieges aufrecht, während die Deutschen dem unheilvollen Gedanken anhingen, dass sie die besten Soldaten der Welt hätten und deshalb den Kampf bestehen könnten, auch »gegen eine Welt von Feinden« (Wilhelm II. am 6. August 1914, zitiert nach: Krockow, Wilhelm II., S. 234). Für das Vaterland zu sterben wurde dadurch im Deutschen Kaiserreich besonders süß und ehrenvoll, weil man definitiv zu den Gewinnern zählte. Diese Erzählung fand vor allem bei den Nachkommen der Kämpfer von 1870/71 Gehör. Vom Krieg Gezeichnete und Traumatisierte schwiegen oder wurden nicht beachtet. Dass es gerade nach den blutigen Schlachten im August viele Soldaten gab, die – so würde man heute sagen – an posttraumatischen Belastungsstörungen litten, wurde im Jubel über die Siege verdrängt. Stolze Sieger durften nicht leiden.
Auch der spätere Reichspräsident von Hindenburg erfuhr in den Schlachten 1870 seine Prägung fürs Leben. So schilderte er nach der Schlacht bei Sedan: »Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, übertrafen alle Schrecken, die mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind« (Aus meinem Leben, S. 36). Und diese Zeilen schrieb er nach dem Ersten Weltkrieg, der an maschineller Tötung alles bis dahin Gewesene in den Schatten stellte. Ins kollektive Gedächtnis der Franzosen und Deutschen im 20. Jahrhundert sind die Schreckensbilder von Verdun und Stalingrad eingegangen. In der Generation Hindenburgs war dies hingegen für die, die dabei waren, Sedan und Saint-Privat. Für Hindenburg war es immer wichtig gewesen, sich mit den Veteranen von 1870/71 zu treffen.
In den Jahren 1871 bis 1914 bestand die historische Chance, aus dem Deutsch-Französischen Krieg die richtigen Schlüsse zu ziehen. Mit diesen wäre es vielleicht zu keinem dem Ersten Weltkrieg vergleichbaren Ereignis gekommen. Doch die Generation Hindenburgs hatte dies versäumt. Man betonte lieber das Ergebnis des Krieges, statt sich dessen Verlauf und dem Leiden der Menschen zuzuwenden. Dies war höchst unpopulär in jener Zeit. Heute haben wir einen anderen Blick auf Kriege. Mit diesem lohnt es sich, auf die Ereignisse von 1870/71 zurückzublicken.
Meisenheim, 2019/20
I. RINGEN UM DIE DEUTSCHE NATION
»Die Worte ›Vaterland, Deutschland, Glauben der Väter usw.‹ elektrisieren die unklaren Volksmassen noch immer weit sicherer als die Worte:
›Menschheit, Weltbürgertum, Vernunft der Söhne, Wahrheit …!«
Heinrich Heine
Im Jahr 1814 brach die Herrschaft desjenigen zusammen, der maßgeblich dafür verantwortlich gewesen war, dass das Heilige Römische Reich deutscher Nation nach fast 900 Jahren sein Ende gefunden hatte. Napoleon Bonaparte (1769–1821) war 1806 auf dem Höhepunkt seiner Macht und hatte mithilfe des neu entstandenen Rheinbundes die Herrschaft über die meisten Länder übernommen, die einst das Reich der Deutschen bildeten. Doch Napoleon wurde niedergerungen, auch von deutschen Patrioten, die sich ihrer Nationalität immer bewusster wurden. Nicht umsonst entstanden in diesen Befreiungskriegen die Farben Schwarz-Rot-Gold als Ausdruck eines deutschen Nationalgefühls (vgl. u. a. Langewiesche, 2019, S. 64). Daran war Frankreich sowohl als Vorbild als auch als Gegner mitschuldig. Fast schon obsessiv sollte der Blick der Deutschen in der Folgezeit immer wieder über den Rhein gleiten.
Derweil hatte Preußen im Nordosten seine ganz eigenen Lehren aus dem militärischen Zusammenbruch gegen Napoleon gezogen. Die Reformen, die auf vielen Ebenen eingeleitet wurden, legten den Grundstein für den Aufstieg Preußens zur Führungsmacht innerhalb der deutschen Staaten. Gerade die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Öffnung des Offizierskorps für alle Schichten wirkten wie ein Brandbeschleuniger auf die Hoffnungen der jungen Menschen (Dierk, S. 470 ff.). Diese hatten im nationalen Kampf den Beginn größerer persönlicher Freiheiten gesehen. Waren dies nicht die revolutionären Gedanken aus Frankreich, die endlich in Deutschland, hier Preußen, Einzug hielten und für die es sich zu kämpfen lohnte? Vor allem, dass jeder »Anspruch auf Versorgung im Civildienst erhalten soll« (zitiert nach: Alter/Rumpf, S. 31), machte die Armee für die jungen Männer attraktiv. Dies hatte zum Anstieg der Freiwilligen in der preußischen Armee geführt, die im Anschluss, zusammen mit Österreich, England und Russland, Napoleon besiegen konnte.
Beim Wiener Kongress, der von September 1814 bis Juni 1815 stattfand, wurden die Hoffnungen dieser Freiwilligen auf nationale Einheit und politische Mitwirkung bitter enttäuscht. Außenpolitisch war der Kongress indes ein Erfolg. Nach Jahrzehnten des Krieges und unzähliger Kriegstoter und Verstümmelter mutet es wie eine besondere Leistung der Kongressteilnehmer an, mit dem besiegten Frankreich einen Versöhnungsfrieden ausgehandelt zu haben. Schon zu Beginn wurde eine französische Delegation unter Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754–1838) als gleichberechtigte Verhandlungspartner eingeladen (Langewiesche, 1993, S. 7). Selbst als Napoleon, aus seiner Verbannung zurückgekehrt, während des Kongresses nochmals für hundert Tage die Macht an sich reißen konnte, wurde von dieser Haltung nicht abgerückt. Besonders wichtig – im Hinblick auf die in diesem Buch dargestellte Entwicklung – ist das fehlende Gefühl von Demütigung in einem besiegten Frankreich trotz Entschädigungszahlungen und anderen, vor allem materiellen, Forderungen nach der Unterzeichnung der Wiener Schlussakte am 9. Juni 1815. Bereits 1818 nach Erfüllung aller Forderungen wurde Frankreich wieder als vollberechtigtes Mitglied in den Kreis der Großmächte aufgenommen (ebd., S. 11). Blieb noch die Frage nach dem, was aus den deutschen Staaten werden sollte. Diese fanden sich in einem mehr oder weniger lockeren Bund aus verschiedenen Einzelstaaten mit unterschiedlicher politischer Auffassung wieder. Manche zeigten sich recht liberal, manche eher weniger. Die ständig tagende Bundesversammlung und der Bundesrat waren die gemeinsamen Organe, die in Frankfurt am Main saßen. Den Vorsitz des Rates hatte Österreich, das im Kriegsfall ein Bundesheer einberufen konnte, das sich aus den verschiedenen Ländern zusammensetzte. Eine 1821/22 eingeführte Kriegsverfassung regelte Genaueres, musste allerdings niemals ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen (Nipperdey, Bürgerwelt, S. 355). Generell kann bereits hier gesagt werden, dass die Jahre, die auf die Gründung des Deutschen Bundes folgten, eine für Zentraleuropa ungewöhnlich friedliche Zeit waren, die jedoch innenpolitisch mit Zensur und Unterdrückungsmaßnahmen einherging. Erst 1848/49 sollten in dieser Region wieder Schlachten geschlagen werden, die aber lokal sehr begrenzt blieben, wie die Italienischen Unabhängigkeitskriege oder der Schleswig-Holsteinische Krieg von 1848–51.
Preußen verfolgte bereits früh Bestrebungen, die nord- und süddeutschen Staaten zu einer Zollunion zusammenzuschließen. Am 1. Januar 1834 wurde der »Deutsche Zollverein« gegründet, der die meisten deutschen Staaten außer Österreich umfasste. Mit der Gründung des Zollvereins war Preußen endgültig zur Führungsmacht zunächst in wirtschaftlicher Hinsicht aufgestiegen (Winkler, S. 85). Auch wenn sich der kleindeutsche Nationalstaat – also ein Staat ohne Österreich – damit andeutete, war noch längst nicht klar, dass dieser genauso entstehen würde.
1840 kam es zur »Rheinkrise«, der Forderung Frankreichs nach linksrheinischen Gebieten. Ihren Anstoß hatte diese zwar nicht in Europa, sondern in Frankreichs Engagement im Nahen Osten (Langewiesche, 1993, S. 17), jedoch waren die Folgen zutiefst europäisch, weil dadurch die seit 1815 abgeklungene Franzosenfeindlichkeit wieder an Nahrung gewann. Die »Wacht am Rhein«, das Lied, das zur inoffiziellen Nationalhymne im Deutschen Kaiserreich werden sollte, entstand zu diesem Anlass. Doch man war im Deutschen Bund gerade stark innenpolitisch beschäftigt, weshalb die »Rheinkrise« nur einen kurzen Aufreger darstellte. Frankreich war zu sehr Vorbild, um den deutschen Fürsten als Feindbild zu dienen. Sie hatten andere Sorgen: ein immer stärker werdendes Bürgertum, das politisches Mitspracherecht forderte, und verelendende Arbeiter, die ein menschenwürdiges Leben haben wollten. Auch dieses Mal flogen die Funken aus dem Westen herüber und entzündeten die deutschen Pulverfässer. In Berlin versammelten sich am 13. März 1848 rund 20 000 Menschen, um gegen Wucherer und Kapitalisten zu demonstrieren. In Paris war es bereits ab dem 21. Februar zu Unruhen gekommen, die nach drei Tagen den französischen »Bürgerkönig« Louis-Philippe (1773–1850) ins Exil trieben. Doch König Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861) in Berlin dachte nicht daran, seinen von Gott gegebenen Thron zu verlassen, und zog sein Militär zusammen. Häuserkampf, Erstürmung und Verteidigung von Barrikaden, der Einsatz von Artillerie und letztlich ein besonnener General, der seinem König davon abriet, weiter auf das eigene Volk zu schießen – das waren die Zutaten der »Märzrevolution« in Berlin (Nipperdey, Bürgerwelt, S. 599). Letztlich senkte König Friedrich Wilhelm IV. sein Haupt vor den »Märzgefallenen«. Die Revolution schien gesiegt zu haben.
Daraufhin wurde ein Jahr lang in Frankfurt heftig zwischen den Abgeordneten debattiert, bis schließlich am 28. März 1849 die »Paulskirchenverfassung« verabschiedet wurde. Diese war eine kleindeutsche Lösung ohne Österreich, bei der der preußische König als Kaiser vorgesehen war. Dieser musste nur noch zustimmen, und die Hoffnung so vieler Deutscher seit den Befreiungskriegen gegen Napoleon auf Freiheit und Einheit ginge in Erfüllung. Am 3. April 1849 traf die Delegation aus Frankfurt in Berlin ein, um Friedrich Wilhelm die Kaiserkrone anzubieten. Er, der König von Gottes Gnaden, sollte eine Krone tragen, die Bauern, Handwerker, einfache Bürger ihm anboten? Friedrich Wilhelm lehnte den »imaginäre[n] Reif, gebacken aus Dreck und Lettern« ab, weil der »Ludergeruch der Revolution« an ihm klebe (zitiert nach: Winkler, S. 122). Dies bedeutete das Ende der Nationalversammlung, die ohne eine Exekutive gescheitert war. Gleichzeitig sammelte sich die Gegenrevolution und es kam zu Kämpfen, die mit der Niederschlagung des Maiaufstandes am 23. Juli 1849 bei Rastatt endeten. Preußen versuchte noch im Nachgang der Revolution, einen deutschen Nationalstaat unter seiner Führung zu etablieren, was jedoch in die Herbstkrise 1850 mündete. Krieg zwischen Österreich, Russland, einigen deutsche Staaten wie Bayern einerseits und Preußen andererseits stand kurz bevor und wurde gerade noch verhindert. Im Vertrag von Olmütz, unterschrieben am 29. November 1850, gab Preußen nach und stimmte der Wiederherstellung des Deutschen Bundes zu (Gall, 1997, S. 42). Im Grunde war damit der Preußisch-Österreichische Dualismus unaufhebbar geworden – eine Entscheidung lag in der Luft.
Noch während der Revolution war es 1848 zur Schleswig-Holsteinischen Erhebung gekommen. Die Herzogtümer Schleswig und Holstein waren Teil des Deutschen Bundes, aber in Personalunion mit dem Königreich Dänemark verbunden. Im Großen und Ganzen ging es darum, dass die meist deutsche Bevölkerung sich einem deutschen Nationalstaat, der 1848 ja noch möglich war, anschließen wollte. Es wurde eine provisorische schleswig-holsteinische Regierung gebildet, die, vom Deutschen Bund unterstützt, gegen Dänemark kämpfte. Der Krieg endete nach drei Jahren mit dem Londoner Protokoll, das dem Sieger Dänemark die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg garantierte, aber dennoch deren Selbstständigkeit betonte (Buk-Swienty, Düppel, S. 137 f.). Sowohl der Deutsch-Deutsche (1866) als auch der Deutsch-Dänische Krieg (1864), die beiden ersten »Einigungskriege« also, haben somit ihre unmittelbaren Vorläufer in der Revolution von 1848/49. Doch nunmehr war nicht mehr Freiheit die Triebfeder im Hintergrund des Geschehens, was sich in einer liberalen Verfassung mit Grundrechten gezeigt hätte, sondern die Einheit der Nation. Und diese sollte nun von »oben« kommen mithilfe von »Eisen und Blut« (Krockow, 2000, S. 154).
Im August 1863 lud der österreichische Kaiser Franz Joseph (1830–1916) nach Frankfurt ein, um über eine Reform des Deutschen Bundes zu beraten. Das Kaiserreich Österreich war als Vielvölkerstaat lange dem Druck der Nationalbewegungen ausgesetzt gewesen und hatte diese geflissentlich ignoriert oder bekämpft. Nun wollte man zu ersten zaghaften Reformen übergehen und auch im Deutschen Bund Zugeständnisse machen. Die Frankfurter Reformakte vom 1. September 1863 sollte der Startschuss für eine Entwicklung von einem Staatenbund hin zu einem Bundesstaat sein. Doch Preußen war den Verhandlungen ferngeblieben, weil die Vorschläge ihnen nicht weit genug gingen. Gerade die mittleren Staaten des Bundes befürchteten daraufhin eine hegemoniale Stellung Österreichs, weshalb auch sie das Projekt letztlich scheitern ließen (Winkler, S. 159). Wenn es eines letzten Beweises bedurft hätte, dass der Deutsche Bund dank des preußisch-österreichischen Dualismus nicht zu reformieren war, hatte ihn der gescheiterte Frankfurter Fürstentag endgültig erbracht.
Im Norden des Deutschen Bundes bahnte sich derweil Unheil an. Die Schleswig-Holsteinische Erhebung gegen Dänemark, die mit der Niederlage und einem Sonderfrieden Preußens mit Dänemark geendet hatte, war weder vergessen noch verarbeitet. An der Darstellung, worum es eigentlich genau ging, scheiterten bereits Fachleute. Jedenfalls wurden die jeweiligen Kriegserklärungen förmlich korrekt am 31. Januar 1864 übergeben. Auch wenn jede Polemik beiseitegelassen wird, so bleibt dennoch die Feststellung, dass sich das Königreich Dänemark selbst überschätzte. Es verließ sich auf einen jahrhundertealten Mythos, das Danewerk. Diese Befestigungsanlage aus dem Mittelalter war an die modernen Begebenheiten des Krieges angepasst worden. Schanzen und Befestigungen sollten Eindringlinge aus dem Süden aufhalten. Die beinahe 70 Kilometer langen Schanzanlagen im Süden Jütlands erwarteten im strengen Winter 63/64 die bundesdeutschen Truppen. Am 21. Dezember 1863 hatte nämlich der Deutsche Bund eine Bundesexekution über Holstein verhängt. Dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck (1815–1898) war es damit gelungen, den Krieg gegen Dänemark zunächst nicht als preußischen, sondern als deutschen zu führen. Es wurde eine Exekutionsarmee des gesamten Deutschen Bundes in den Norden verlegt, was eine völlig legitime und auch innenpolitische Maßnahme war. Holstein gehörte zum Bund. Alles, was darüber hinausging, war keine Bundesexekution mehr, sondern der Deutsch-Dänische Krieg. Dafür wurden die preußischen und österreichischen Truppen aus den Exekutionstruppen herausgelöst.
Am 1. Februar marschierten diese in Schleswig ein und bereits am 2. Februar mussten die Truppen unter Prinz Friedrich Karl von Preußen (1828–1885) bei Missunde an der Schlei feststellen, dass es kein Spaziergang werden würde. Die Preußen wurden zurückgeschlagen. Trotzdem ließ der dänische General Christian Julius de Meza (1792–1865) vier Tage später die Befestigungen des Danewerks räumen und zog sich nach Norden zurück (Buk-Swienty, Düppel, S. 177 ff.). Bei Düppel erwartete er in gut ausgebauten Schanzanlagen die heranrückenden Truppen unter dem Neffen des preußischen Königs. Am 14. April erstürmten die Preußen die Düppeler Schanzen und entschieden damit den Krieg. Schon am 12. Mai fanden in London Verhandlungen statt. Nach kurzer Wiederaufnahme der Kämpfe schwiegen die Waffen endgültig ab 20. Juli und am 30. Oktober wurde der »Friede von Wien« geschlossen. Im folgenden Jahr am 18. August einigten sich Preußen und Österreich in einem Hotel in Bad Gastein darauf, dass Preußen Schleswig und Österreich Holstein verwalten sollte. Im »Kondominium« wurde die wechselseitige Verwaltung der Herzogtümer geregelt und die Pflicht festgeschrieben, bei Streitfragen in den verwalteten Gebieten gemeinsam abzustimmen. Konflikte waren dabei vorprogrammiert. Der Gasteiner Vertrag begünstigte Preußen, das natürlich auch geografisch näher an seinem Verwaltungsgebiet war, und machte es leicht, Österreich zu provozieren. Was wollte Wien überhaupt mit der Enklave im hohen Norden?
Für Preußen bedeutete der Deutsch-Dänische-Krieg die erste militärische Aktion, wenn man von der Niederschlagung der 48er-Revolution absieht, seit den Kämpfen gegen Napoleon Bonaparte. Er war dahingehend für Preußen wichtig, die militärische Stärke zu testen und Selbstbewusstsein in einer Welt zu erlangen, in der Krieg ein übliches Mittel der Politik war. Nebenbei konnten die Kanonen der Firma Krupp aus Essen ihre Leistungsfähigkeit beim Beschuss der Düppeler Schanzen zeigen. Der dänische Kriegskorrespondent Grove beschreibt aus zehn Kilometer Entfernung ihre Wirkung: »Wer dies nicht miterlebt hat, kann sich keine Vorstellung von einem derartigen Beschuss machen. Es ist, als wären Himmel und Erde in Aufruhr, als hätte die Hölle die Pforten geöffnet und ihre Teufel losgelassen, die nun mit einem dämonischen Heulen umherfahren, um das Menschengeschlecht zu vernichten und es in seinen Qualen zu verspotten. Man empfindet Entrüstung, Entsetzen über diese Macht, die den Tod verspricht, den Einzelnen aber nicht warnt, wen der Tod ereilen wird« (zitiert nach: ebd., S. 246 f.). Der maschinelle, anonyme Tod hatte die Schlachtfelder Europas bei Düppel das erste Mal erreicht.
Hinsichtlich des Deutschen Bundes zeigte sich, dass die beiden tonangebenden Mächte, Preußen und Österreich, ihre eigene Politik verfolgten. Auf wirtschaftlicher Ebene war der »Deutsche Zollverein« das preußische Instrument, um eine Entscheidung über das künftige Deutschland herbeizuführen. Diesen richtete Berlin nach Westen hin aus; Österreichs Beitritt war nie eine ernsthafte Option, weil Wiens Interessen eher in Mittel- und Osteuropa lagen. Bereits im März 1862 war zwischen Preußen und Frankreich ein Handelsvertrag geschlossen worden, der im Prinzip nur noch die Frage ungeklärt ließ, welche von den übrigen deutschen Staaten sich auf wessen Seite, Österreich oder eben Preußen, stellen würden. Traditionsgemäß standen die süddeutschen Staaten Österreich näher. Als eine Art inoffizielle Grenze zwischen den Blöcken galt der Main, zumal ab 1864 alle nördlich des Mains gelegenen deutschen Staaten dem preußisch-französischen Freihandelsbund beitraten. Im Prinzip war damit bereits das Territorium des »Norddeutschen Bundes« abgesteckt. Bismarck konnte den nächsten Schritt machen zur Verwirklichung einer alleinigen preußischen Vormachtstellung in Deutschland. Und dies war der sogenannte Deutsch-Deutsche Krieg, der sich an der Schleswig-Holsteinischen Frage entzündete.
Am 7. Juni 1866 waren preußische Truppen in das Herzogtum Holstein einmarschiert. Damit reagierte Berlin auf den Bruch des »Gasteiner Abkommens«, als Wien die Weisung an den Statthalter Holsteins gab, die Ständeversammlung möge den Bundestag in Frankfurt über die Zukunft des Herzogtums entscheiden lassen. Österreich tat nach dem preußischen Einmarsch nun das, was im Deutschen Bund in einem solchen Fall zu tun war. Es beantragte am 9. Juni in Frankfurt die Mobilisierung der Bundestruppen zum Zwecke einer Bundesexekution gegen Preußen. Auf diesen Antrag hin tagte der Bundestag am 14. Juni, wobei Preußen den österreichischen Antrag bereits im Vorfeld als rechtswidrig ansah (Neuhold, S. 57).
Am 14. Juni 1866 wurde auf Antrag Österreichs der Kriegszustand mit Preußen beschlossen. Der damit verbundenen vertraglichen Bündnispflicht kamen alle großen Staaten nach. Kleinere Mitgliedsstaaten, die nahe an Preußen lagen, wie die Hansestädte, verweigerten sich diesem Bündnisfall und hielten zu Preußen, wobei man an deren freiwilliger Entscheidung durchaus zweifeln darf. Preußen trat mit diesem Tag offiziell aus dem Deutschen Bund aus, sodass man korrekterweise nun von einem Krieg zwischen dem Deutschen Bund und Preußen sprechen muss. Aber natürlich war es der seit Jahrzehnten erwartete Krieg zwischen Österreich und Preußen um die endgültige Vorherrschaft in Deutschland.
Die Entscheidung des Krieges sollte jedoch nicht im hohen Norden, sondern in Böhmen fallen. Maßgeblich dafür war das strategische Konzept der »Äußeren Linie«, das der preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke (1800–1891) in Anlehnung an Clausewitz’ »Innerer Linie« entworfen hatte. Dafür ließ er drei Armeen getrennt voneinander konzentrisch aufeinander zumarschieren – eine riskante Strategie, die den Österreichern lange das Gefühl des Sieges gab. In achteinhalb Korps eingeteilt sollten sich die drei Armeen zwischen Elbe und Schlesien nach Böhmen hineinbewegen. Die größte Gefahr war dabei, dass die Österreicher die Armeen einzeln schlagen würden. Die Möglichkeit lag hingegen in einer Einschließung der Gegner.
Am Abend des 3. Juli 1866 ging eine der größten Schlachten des 19. Jahrhunderts zu Ende, bei der sich rund 440 000 Soldaten 24 Stunden lang gegenübergestanden und versucht hatten, sich gegenseitig zu töten. Dementsprechend sah es auf den wenigen Quadratkilometern zwischen Elbe und Bistritz auch aus. Kronprinz Friedrich (1831–1888) war erschüttert vom Anblick. »Das Schlachtfeld zu bereiten war grauenvoll, und es lassen sich die entsetzlichen Verstümmelungen, die sich dem Blicke darstellten, gar nicht beschreiben. Der Krieg ist doch etwas furchtbares, und derjenige Nichtmilitär, der mit einem Federstrich am grünen Tisch denselben herbeiführt, ahnt nicht, was er heraufbeschwört« (Friedrich, 1929, S. 450). Wahre Worte, die keinen Nachhall fanden.
Die Preußen trieben die Reste der österreichischen Nordarmee vor sich her und standen Mitte Juli an den Vororten Wiens. Nun begann im Grunde bereits die Vorbereitung des Krieges gegen Frankreich. Bismarck musste seinen König von einem raschen und mäßigenden Frieden mit Österreich überzeugen. Dieser war im Siegestaumel und wollte die Österreicher weiter über die Donau verfolgen. Sogar der ansonsten eher kühle von Moltke stimmte dem König zu, doch Bismarcks Hinweis auf die Nachschublinie brachte die Herren zum Nachdenken: »Sind wir ganz drüben, so verlieren wir die Verbindungen nach rückwärts; es würde dann das geratenste sein, auf Konstantinopel zu marschieren, ein neues byzantinisches Reich zu gründen und Preußen seinem Schicksal zu überlassen.« (zitiert nach: Krockow, 2000, S. 203). Auch wenn Bismarck hier weniger mit Argumenten als mit Emotionen begründete, so konnte schließlich vor den in den preußischen Truppen ausbrechenden Cholera-Erkrankungen niemand mehr die Augen verschließen (ebd.). Im Süden wartete die österreichische Südarmee unter Erzherzog Albrecht von Österreich-Teschen (1817–1895), der vom geschlagenen Ludwig von Benedek (1804–1881) den Oberbefehl übernommen hatte, hinter gut ausgebauten Stellungen an der Donau.
Der preußische König forderte ganz im Stile des 19. Jahrhunderts Gebietsabtretungen von Österreich und Sachsen. Am 24. Juli kam es zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen Bismarck und Wilhelm. Jeder Punkt eines eventuellen Friedens wurde ohne Konsens durchgegangen, bis man sich im Streit trennte, »und ich mit dem Eindruck, meine Auffassung sei abgelehnt, das Zimmer verließ mit dem Gedanken, den König zu bitten, daß er mir erlauben möge, in meiner Eigenschaft als Offizier in mein Regiment einzutreten.« (Bismarck, Gedanken, S. 332). Sogar Selbstmordgedanken will Bismarck gehabt haben, doch sein König gab nach. Am 26. Juli wurde zwischen Österreich und Preußen der Vorfriede von Nikolsburg geschlossen. Dabei sollte Preußen nicht völlig ohne Annexionen bleiben. Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt gehörten fortan zu Preußen. Ebenso stimmte Österreich zu, dass der Deutsche Bund aufgelöst wurde und es selbst bei einer Neugestaltung keine Rolle spielte. Der Prager Frieden vom 23. August 1866 bestätigte dies alles nochmals.
Mit den norddeutschen Staaten schloss Preußen am 18. August das »Augustbündnis«, das als militärischer Beistandspakt die Vorstufe zum Norddeutschen Bund war. In einem norddeutschen Reichstag wurde eine Verfassung vorbereitet. Im »Frieden von Prag« war ein Südbund vorgesehen (Artikel 4), der jedoch nicht realisiert werden konnte. Bis zum 21. Oktober 1866 schlossen 21 deutsche Staaten ein Bündnis mit Preußen, das den Namen »Norddeutscher Bund« erhielt (Krockow, 2000, S. 214 f.).
Gerade die Uneinigkeit, die sich beim Mainfeldzug unter den Süddeutschen auf militärischer Ebene gezeigt hatte, wurde nun auf die politische Ebene übertragen. Insbesondere Bayern, das sich als größter Staat in einem solchen Bund sah, gelang es nicht, seinen Anspruch als Führungsmacht auch durchzusetzen. Da der Friedensvertrag einen Beitritt zum Norddeutschen Bund untersagte, die Auflösung des Deutschen Bundes die süddeutschen Staaten aber ohne militärischen Schutz gegen Frankreich zurückließ, wurden mit Preußen einzelne Verträge geschlossen. Diese »Schutz- und Trutzbündnisse« waren rein defensiver Natur und wurden vom französischen Kaiser Napoleon III. (1808–1873) und seinen militärischen Beratern nicht besonders ernst genommen (Arand, S. 72). Das sollte sich noch als fatal erweisen.
II. DAS ZWEITE FRANZÖSISCHE KAISERREICH
»Frankreich war nie republikanisch, weil es das Reich der Eitelkeit ist. […]
Der Kaiser ist ein Überlebender von Waterloo: unter diesem Gesichtspunkt und keinem andern ist die Rolle zu beurteilen, die er in der Welt verkörpert. Es ist zugleich seine Entschuldigung, seine Schwäche und seine Größe.«
Horace de Viel-Castel
Die Geschichte des zweiten französischen Kaiserreiches begann mit der Präsidentschaftswahl am 10. Dezember 1848. Bei ihr setzte sich Charles Louis Napoleon Bonaparte knapp durch. Er wurde als Neffe des großen Napoleon Bonaparte geboren und hatte bereits 1836 vergeblich gegen den Bürgerkönig Louis-Philippe geputscht, was ihm die Verbannung bescherte. Aus dem Exil in England versuchte er dies abermals 1840, und da er nun zweimal gescheitert war, schien seine politische Karriere in Frankreich beendet. Zumal er zu lebenslanger Festungshaft verurteilt worden war, aus der er nach sechs Jahren nach England fliehen konnte. Doch die Februarrevolution 1848 brachte ihm nun die Möglichkeit, auf legalem Wege die Macht in Frankreich zu erlangen (vgl. Fontane, Okkupation, S. 169). Neben seinem berühmten Namen sprach bei seiner Wahl auch sein Programm die Menschen an, das den Spagat zwischen Wiederherstellung nationaler Größe und sozialen Reformen versprach. Jedoch hatte er nur den Namen seines Onkels geerbt – nicht dessen kriegerischen Charakter.
Schon im April 1849 hatte Napoleon Gelegenheit zu außenpolitischen Aktionen, als er nach der Ausrufung der Römischen Republik den Papst unterstützte und dessen Kirchenstaat mit Truppen wiederherstellte. Fortan sah er sich als Schutzmacht des Vatikans. Dennoch stand zunächst die innenpolitische Machtsicherung auf seiner Agenda. Während seiner ersten Jahre tauschte Napoleon die Minister immer wieder aus, bis er eine ihm loyale Basis für sein nächstes Vorhaben hatte. Kurz vor Ablauf seiner Amtszeit putschte er ein drittes Mal und diesmal erfolgreich. Als Zeitpunkt hatte er sich den 2. Dezember gewählt, den Tag, an dem sich sein Onkel 1804 die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt hatte. Mit einer Volksabstimmung verschaffte sich Napoleon die Legitimation seiner Herrschaft. Am 21. Dezember 1851 stimmte ein Großteil der Wahlberechtigten für eine neue Verfassung, die ihm diktatorische Vollmachten garantierte. Ein knappes Jahr später, am 21. November 1852, ließ er abermals abstimmen, diesmal über die Frage, ob das Kaisertum wiederhergestellt werden sollte. Auch hier stimmte eine große Mehrheit dafür und Napoleon ließ sich am 2. Dezember 1852 zum Kaiser ausrufen (Langewiesche, 1993, S. 109). Als Namen trug er fortan »Napoleon III.« – Nach Napoleons I. Abdankung hatte dessen Sohn Napoleon Franz Joseph Karl Bonaparte (1811–1832) als kurzzeitiger Titularkaiser Frankreichs den Namen »Napoleon II.« geführt.
Da sich Napoleons III. Staatsstreich hauptsächlich auf das Militär gestützt hatte, musste er diesem nun etwas bieten. Auch das übrige Volk wollte den Beweis geliefert bekommen, dass das nunmehr Zweite Kaiserreich mit dem ersten, was Ruhm und Ehre anbelangte, mithalten konnte. Deswegen kam dem Kaiser der Krimkrieg gerade recht. Als neunter in der langen Reihe der russisch-türkischen Kriege nahm dieser 1853 seinen Anfang und hatte seine Ursache vor allem im Niedergang des Osmanischen Reiches und dem kulturellen und religiösen Gegensatz zu Russland. Da aber vor allem England um seine Macht im östlichen Mittelmeer bangte, stellte es sich auf die Seite der Osmanen, um eine Erweiterung des russischen Einflusses zu verhindern. Als ein »echter« Napoleon hatte man seit 1812 mit Russland sowieso noch eine Rechnung offen, und so gelang es dem Kaiser mühelos, die französische Öffentlichkeit für ein militärisches Eingreifen zu begeistern. Der Konflikt gipfelte in der Belagerung von Sewastopol auf der Krim, die von Oktober 1854 bis September 1855 dauerte. Am 30. März 1856 wurde in Paris der »Dritte Pariser Frieden« geschlossen, der den Krieg schließlich beendete. Hinsichtlich des bis dahin auf dem Kontinent herrschenden Mächtegleichgewichtes war der Friedensvertrag eine Zäsur (Gall, 1997, S. 43). Die 1815 geschlossene Heilige Allianz zwischen Österreich, Russland und Preußen zerbrach, und Frankreich wurde die neue (alte) Großmacht, ganz wie es Napoleon III. versprochen hatte.
Doch auch hinsichtlich der Geschichte der Kriegsführung war der Krimkrieg eine Zäsur. Er gilt als erster »moderner« Krieg und hält alle Zutaten künftiger militärischer Auseinandersetzungen bereit. Es tauchten gepanzerte Dampfschiffe auf, Geschütze mit immenser Sprengkraft und großer Reichweite kamen zum Einsatz, Gewehre mit gezogenen Läufen stabilisierten die Flugbahn der Projektile und erhöhten somit die Durchschlagskraft und Reichweite, die Eisenbahn wurde militärisch genutzt und Befehle wurden per Feldtelegrafen weitergegeben (Arand, S. 80).
Napoleon III. konnte mit den eingerichteten Telegrafenleitungen unmittelbar per Befehl eingreifen, obwohl er sich weit entfernt aufhielt – nicht immer zum Vorteil der eigenen Truppen. Auch die Nachrichten von der Front kamen schneller in die europäischen Hauptstädte, sodass die Bevölkerung gut und zeitnah über die Vorgänge informiert war. Die erste echte unmittelbare Begegnung mit dem modernen Krieg sollte Napoleon 1859 bei Solferino haben. Beim Ritt über das Schlachtfeld am 25. Juni, einen Tag nach der Schlacht, war er so schockiert, dass er zusammenbrach. Offensichtlich fehlten ihm die Kaltblütigkeit und Nervenstärke seines Onkels (ebd., S. 81).
Dennoch erlebte Frankreich und insbesondere Paris unter seiner Herrschaft eine wirtschaftliche Blütephase. Die Stadt wurde neben London zum wichtigsten Finanzzentrum Europas. Am offensichtlichsten kann man jene Jahre des Zweiten Kaiserreiches in der Architektur noch heute sehen. Georges-Eugène Baron Haussmann (1809–1891) wurde die Neugestaltung übertragen. Die »Transformation von Paris« sollte stärkster Ausdruck seiner Herrschaft werden und der Stadt ein modernes Antlitz geben. Doch damit ging nicht nur eine ästhetische Überlegung einher, sondern auch eine machtpolitische, weil man auf den breiten Boulevards – die breiteste Straße, die er anlegen ließ, war 120 Meter breit! – unmöglich effiziente Barrikaden errichten konnte (Willms, S. 150 ff.). Aufständische hatten so weniger Möglichkeiten zum Widerstand.
Die Krux der napoleonischen Herrschaft war, dass es Stagnation nicht geben durfte. Sichtbare Erfolge waren die Legitimität der Herrschaft, ganz gleich in welcher Hinsicht. Wer sich davon nicht blenden ließ, konnte die nahende Katastrophe sehen. Selbst der Kaiser überspielte seine stetig zerfallende Gesundheit, wobei immer stärker seine Frau, Kaiserin Eugénie (1826–1920), das Zünglein an der Waage spielte. Sie war es, die die Bälle und Soireen organisierte und es gar soweit brachte, dass sich ihre modische Extravaganz in der Wirtschaft, eben der Textilwirtschaft positiv niederschlug. Jede Frau, die etwas von sich hielt, musste dem kaiserlichen Vorbild folgen und stets über den neuen Stil informiert sein (Arand, S. 75). Dafür wurde sie bereits von Zeitgenossen kritisiert, aber man sollte ihr zugutehalten, dass eben die gesamte Herrschaft auf jener Repräsentation aufbaute. Dass sie alles andere als nur ein modisches Aushängeschild des Zweiten Kaiserreiches war, sollte ihre Rolle in der Entstehung des Deutsch-Französischen Krieges zeigen. Bis dahin musste das Kaiserpaar jedoch darauf achten, dem Glanze Frankreichs Erfolge jeder Art zuzuführen (Gall, 1997, S. 44). Doch es kam anders.
In das zweite Jahrzehnt der Kaiserherrschaft fällt ein äußerst desaströses außenpolitisches Abenteuer, das man durchaus als beginnenden Niedergang deuten kann. Nach dem Bürgerkrieg in Mexiko von 1857–1861 war das Land unter der liberalen Regierung Benito Juárez’ (1806–1872) wirtschaftlich am Boden und beschloss, alle Zahlungsverpflichtungen einzustellen. Frankreich hatte, wie England und Spanien auch, Kredite gegeben und beschloss nun, eine Strafexpedition nach Amerika zu schicken. Zusammen mit den Alliierten besiegten die Franzosen die Mexikaner rasch und handelten neue Zahlungsmodalitäten aus. Nachdem die Engländer und Spanier sich wieder aus dem Land zurückgezogen hatten, beschloss Napoleon III., seine 7000 Mann starke Truppe im Land zu belassen, um ein politisches Gegengewicht zu den USA aufzubauen. Natürlich sollte dies unter französischer Kontrolle geschehen und da die Vereinigten Staaten gerade ihren Bürgerkrieg ausfochten, sah der Kaiser die Gunst der Stunde, ein mexikanisches Kaiserreich zu errichten. Eine lateinamerikanische Republik in eine europäisch geprägte Monarchie umzuwandeln, darf durchaus als tollkühn bezeichnet werden. Dennoch fand sich ein europäischer Monarch, der sich auf den mexikanischen Thron setzte. Erzherzog Ferdinand Maximilian Joseph Maria von Österreich (1832–1867) bestieg am 10. April 1864 den neu geschaffenen mexikanischen Kaiserthron als Kaiser Maximilian I. Um seine Herrschaft gegen ein wütendes mexikanisches Volk zu sichern, befanden sich bald 50 000 französische Soldaten im Land, die unter dem Kommando Marschall François-Achille Bazaines (1811–1888) standen. Bazaine war ein erfahrener General, der schon im Krimkrieg und bei Solferino gekämpft hatte. Doch bereits ein Jahr nach der Thronbesteigung wendete sich das Blatt, und die Mexikaner, von den USA nach Beendigung ihres Bürgerkrieges unterstützt, entfachten einen entnervenden Guerillakrieg gegen die Franzosen. Auch die explodierenden Kosten brachten Napoleon III. letztlich zu der Einsicht, dass das Vorhaben abzubrechen sei. Anfang 1866 wurde der Rückzug der französischen Truppen aus Mexiko begonnen. Kaiser Maximilian I. konnte sich noch ein knappes Jahr mehr schlecht als recht auf dem Thron halten, dann wurde er gestürzt und am 19. Juni 1867 erschossen. Der impressionistische Maler Édouard Manet (1832–1883) hat die Hinrichtung Maximilians in mehreren Bildern verewigt, in denen die erschießenden Soldaten Uniformen tragen, die den französischen ähneln. Ein Soldat trägt die Züge Napoleons III., weshalb das Bild der Zensur zum Opfer fiel. Jedoch gab das Bild gut die Stimmung in Frankreich wieder, wo das gescheiterte mexikanische Abenteuer dem Ansehen des Kaisers ungemein schaden sollte (Bremm, 2019, S. 25).
Es musste dringend ein außenpolitischer Erfolg für den Kaiser her. Jedoch befand er sich in der Lage, dass er einen weiteren Krieg nicht so leicht im Volk durchsetzen konnte nach dem kostspieligen Mexikoabenteuer. Der Erfolg musste also auf einem anderen Weg her, und der französische Kaiser gedachte, sich den Deutsch-Deutschen Krieg 1866 zunutze zu machen (Ohnezeit, S. 35). Als militärisch stärkste Macht auf dem Kontinent hatte Frankreich bei jedem militärischen Konflikt gewissermaßen ein Mitspracherecht. Die rasche Entscheidung im Deutsch-Deutschen Krieg verhinderte dieses zwar nicht, schränkte aber die Möglichkeiten des Kaisers ein. Immerhin konnte er durch Einspruch verhindern, dass sich Preußen Sachsen einverleibte und seinen Machtbereich südlich des Mains ausdehnte.
Bismarck hatte Kaiser Napoleon III. Kompensationen in Aussicht gestellt für den Fall, dass das Kaiserreich eine Intervention im Krieg gegen Österreich unterließ. Ohne konkrete Zusage stellte Bismarck Belgien und Luxemburg als möglichen französischen Erwerb dar; genau wie es der französische Botschafter in Berlin, Graf Vincent Benedetti (1817–1900), im August 1866 vorgeschlagen hatte (ebd., S. 34). Einzige Bedingung: Preußens Beteiligung musste geheim bleiben. Der Kuhhandel, der diskutiert wurde, war ganz simpel und völlig im Geiste der Zeit: Frankreich könne sich Belgien und Luxemburg aneignen, wenn es selbst wohlwollend einer Eingliederung der süddeutschen Staaten in den Norddeutschen Bund gegenüberstehe. Doch bald erhöhte der französische Botschafter die Forderungen nach linksrheinischen Territorien. Angedacht waren die Grenzen von 1814, was unter anderem die französische Annexion Saarbrückens, Saarlouis’ und Landaus bedeutet hätte (Nipperdey, Band II., S. 17). Von Österreich hatte sich Napoleon im Falle dessen Sieges als möglichen Preis die Errichtung eines Klientelstaates links des Rheines versprechen lassen, was aber mit der Niederlage von Königgrätz hinfällig geworden war. Inwiefern der Kaiser in die Gespräche in Berlin involviert war, ist unklar, immerhin sollte sich im Sommer 1870 zeigen, dass Benedetti ganz gerne Anordnungen des Kreises um die Kaiserin entgegennahm, die einen Krieg durchaus begrüßten. Er selbst legte nach dem Krieg dar, dass die gesamte französische Regierung involviert gewesen sei (Benedetti, S. 177). Jedenfalls gab Bismarck deutlich zu verstehen, dass das Abtreten linksrheinischer Gebiete nicht infrage komme. Hinsichtlich Luxemburg und Belgien blieb er vage, ohne abzulehnen (Ohnezeit, S. 34).
Im Frühjahr 1867 kam nun der Kauf Luxemburgs ins Spiel, nachdem sich die Einverleibung Belgiens zunächst als unmöglich erwiesen hatte. Strategisch machte es für Frankreich durchaus Sinn, Luxemburg zu erwerben, da man bei einem eventuellen Aufmarsch der deutschen Truppen deren rechten Flügel bedrohen könnte, andererseits hatte man eine gute Ausgangsposition, um Belgien zu erobern. Dementsprechend konnte Benedetti im Überschwang ausrufen: »Sind wir erst in Luxemburg, so sind wir auf dem Wege nach Brüssel« (zitiert nach: ebd., S. 35).
Generell schien der Erwerb Luxemburgs der einfachste Weg für Napoleon III., einen dringend benötigten außenpolitischen Erfolg in einen innenpolitischen umzumünzen. Prinzipiell würde dieser am wenigsten Schaden in der Beziehung zu den anderen Mächten anrichten. Deswegen wandte man sich ganz offiziell an den König der Niederlande und unterbreitete ihm das Angebot. Dieser wusste nichts von den Geheimverhandlungen zwischen Frankreich und Preußen und fragte pflichtschuldig in Berlin nach, da er prinzipiell zu einer Abtretung bereit sei. Das Großherzogtum Luxemburg war Teil des »Deutschen Zollvereins«. Die Niederlande waren gerüchteweise mit ihrer Provinz Limburg selbst in den Fokus einer preußischen Annexion geraten, weshalb diese einerseits vermeiden wollten, Berlin zu verärgern und einen Einmarschgrund zu liefern, andererseits mit einem Verkauf Luxemburgs erhofften, in Frankreich eine ihnen wohlgesonnene Schutzmacht zu bekommen. Frankreich würde in diesem Fall für die Unabhängigkeit der Niederlande vom »Norddeutschen Bund« garantieren. Jedoch erwiesen sich diese Gerüchte bald als das, was sie waren, und die Niederlande nahmen Abstand von dem französischen Garantieversprechen.
Als die Anfrage aus Den Haag in Berlin eintraf, reagierte Bismarck wieder unverbindlich. Er lehnte nicht ab, gab auch keine bindenden Zusagen; stattdessen bemühte er abermals die Geheimdiplomatie. Dieses Mal nahm er Kontakte mit England und Russland auf, indem er diese in einem Telegramm vom 30. März 1867 aufforderte, der geplanten Abtretung Luxemburgs an Frankreich zu widersprechen (Gall, 1980, S. 405 f.). Gerade England sah sich als Schutzmacht Belgiens – was die Deutschen im Jahre 1914 völlig unterschätzen sollten! –, und konnte sich deshalb an einer Hand abzählen, dass nach Luxemburg eben Belgien in den Fokus einer französischen Annexion geraten würde. Das besagte Telegramm hatte ebenso die Funktion, von den Verhandlungen Preußens mit den norddeutschen Staaten abzulenken, die während dieser Zeit stattfanden. Gerade Frankreich fiel auf diese Hinhaltetaktik herein. Doch jedes Geheimnis sickert irgendwann in die Öffentlichkeit durch. Und diese war äußerst erregt. Am 1. April 1867 wurde eine Anfrage im Reichstag an die preußische Regierung gerichtet, ob man gewillt sei, die deutschen Ansprüche auf Luxemburg zu wahren. Selbstverständlich war die Anfrage des Nationalliberalen Rudolf von Bennigsen (1824–1902) mit Bismarck abgesprochen. Die Öffentlichkeit wusste davon natürlich nichts und erging sich, wie geplant, in nationaler Leidenschaft (Winkler, S. 196). Bismarck selbst blieb bei der Antwort unbestimmt wie eh und je, um sich alle Optionen offen zu halten. Damit war Napoleon III. bloßgestellt, weil er nun als Monarch galt, der sich seine Erfolge, die ja in dem Geist der Zeit in Gebietsgewinnen bestanden, erkaufen musste. Auch der König der Niederlande war blamiert, da er nun als Handlanger des französischen Kaisers gesehen wurde. Er ließ unverzüglich den Rücktritt vom Verkauf in Paris bekanntgeben. Nun tobte auch in Frankreich die Öffentlichkeit, die sich gedemütigt fühlte (Arand, S. 88).
Mittlerweile hatte Bismarck die »Schutz- und Trutzbündnisse« mit den süddeutschen Staaten nicht nur ausgehandelt, sondern im Wortlaut veröffentlicht, was Frankreich vor aller Welt deutlich die Grenzen seiner Annexionswünsche aufzeigte. Napoleon III. stand wie ein Tölpel in der Weltöffentlichkeit dar. Ebenfalls zeigte sich, dass er die Stimmung in Deutschland unterschätzt hatte. Die deutsche Öffentlichkeit war keineswegs bereit, deutschsprachige Gebiete an Frankreich abzutreten, und besonders seine Vorstellung, Preußen gäbe sich als zweitrangige Macht zufrieden und ordnete sich kleinlaut und bescheiden in Europa hinter Frankreich unter, durfte nun ins Reich der Fantasie geschoben werden. Es gab jetzt eigentlich nur noch einen Weg für Frankreich und insbesondere den Kaiser: Krieg. Diesen konnte indes die Zweite Londoner Konferenz noch verhindern (Winkler, S. 196).
Preußen in Person Bismarcks vollzog danach eine plötzliche Wende. Statt auf weitere Demütigung und Provokation zu setzen, ließ er über das Auswärtige Amt die regierungsnahe Presse den Zweiten Londoner Vertrag als französischen Erfolg darstellen. Dies geschah natürlich nicht aus völliger Selbstlosigkeit, sondern aus einfachen, kühlen Überlegungen. Denn zunächst war König Wilhelm I. strikt gegen einen Krieg mit Frankreich. Besonders die noch nicht gefestigten Beziehungen zu den süddeutschen Staaten machten ihm Sorgen, während im Norden noch nicht einmal die Verfassung des Norddeutschen Bundes verabschiedet war (Arand, S. 89). Dennoch war Bismarck nicht so blauäugig, um zu denken, dass mit einigen netten Worten in der Presse die Kriegsgefahr gebannt war. Bereits Anfang Juli 1867 sagte er: »Luxemburg war das Äußerste unserer Friedfertigkeit, ist der Friede damit nicht gesichert, dann ist er nicht zu halten« (zitiert nach: Gall, 1980, S. 408). Insgesamt konnte Preußen im Sommer 1867 mit dem Ausgang der Luxemburg-Krise zufrieden sein und genüsslich beobachten, wie es in Paris weiterging. Dort tobte weiterhin die öffentliche Meinung.
Die nationalistische Presse, die mit der Kriegspartei am französischen Kaiserhof im Bunde war, sah den Grund allen Übels im preußischen Sieg bei Königgrätz, bei dem Frankreich hinsichtlich seiner Belohnung für die Neutralität betrogen worden sei. Auch die Deutung, dass bei Königgrätz die Österreicher stellvertretend für Frankreich besiegt worden seien, waberte durch die Gazetten und setzte den Ausruf in die Welt, dass man Rache nehmen müsse. Jedoch nicht für Königgrätz, weil man dies in Frankreich nicht gut aussprechen konnte, sondern für das Dörfchen 15 Kilometer davor. »Sadowa! … – Voilà le grand, le vrai, le seul mot de la situation dont nous gémissions.«, ›Sadowa! Das ist das große, das wahre, das einzige Wort, das uns in unserer Situation aufstöhnen lässt.‹ (T***, S. 9, Übers. d. Autors).
Die Forderung »Rache für Sadowa« (Vengeance pour Sadowa) bestimmte fortan einen Großteil der öffentlichen Meinung. Dabei ging fast unter, dass es auch andere, weniger martialische Stimmen gab, die zur Durchsetzung französischer Interessen für eine Zusammenarbeit mit Preußen warben. Gerade die Wirtschaft war gegen einen Krieg und das Volk, sofern es nicht durch »Sadowa« aufgestachelt wurde, war ebenfalls größtenteils dagegen (Craig, S. 29).
Im krassen Gegensatz zur schwindenden körperlichen Verfassung des Kaisers steigerte sich die Kriegsrhetorik in den einzelnen französischen Parlamenten (Arand, S. 89). Ob er wollte oder nicht – immerhin nahm Bismarck in einem Gespräch Ende März 1867 mit dem Grafen Bethusy-Huc (1829–1893) an, dass der Kaiser keinen Krieg wollte –, musste Napoleon einen möglichen Krieg in seine Außenpolitik mit einbeziehen (Ohnezeit, S. 40). Deswegen versuchte er, die süddeutschen Staaten von Preußen zu entfremden, und warb um Österreich. Den Süddeutschen machte er klar, dass der Plan des Erwerbs linksrheinischer Gebiete durch Frankreich vom Tisch sei, während Österreich als Kriegsverlierer 1866 trotz preußischer Mäßigung beim Frieden naturgemäß an einem Bündnis interessiert war (Canis, S. 36). Immerhin konnte Frankreich bei einem erfolgreich verlaufenden Waffengang gegen Preußen Wien ohne Schwierigkeiten Schlesien versprechen, das im vorigen Jahrhundert von den Preußen erobert und annektiert worden war. Doch auch in Österreich hatte der Nationalismus keinen Winterschlaf gehalten, und so agierte man in Wien diesbezüglich vorsichtig, weil es sonnenklar war, dass Napoleon III. bei einem gemeinsamen Sieg gegen Preußen Gebiete annektieren würde, die von Deutschen bewohnt werden. Dies würde in den süddeutschen Ländern, die den Habsburgern durchaus wohlwollend gegenüberstanden, sehr verstörend wirken (Ohnezeit, S. 41). Im Herbst 1869 kam es zu einem intensiveren brieflichen Austausch zwischen den Monarchen Frankreichs, Österreichs und Italiens bezüglich eines Bündnisses. Jedoch scheiterten konkrete Vereinbarungen an den unterschiedlichsten Streitpunkten. Zwar war eine grundsätzliche Abneigung Preußen gegenüber bei allen Anwesenden erkennbar, jedoch kam es zu keiner vertraglich abgesicherten antipreußischen Koalition. Im folgenden Jahr trafen sich ebenfalls nochmal französische und österreichische Offiziere, um ein gemeinsames Vorgehen gegen Preußen zu besprechen. Dem nunmehr ungeduldigen Drängen Napoleons III., der bereits einen Feldzugsplan in der Tasche hatte, der Österreicher und Italiener miteinbezog, gab weder Wien noch Florenz (wo zu diesem Zeitpunkt die Hauptstadt Italiens lag) nach (Howard, S. 46). Bismarck war derweil ebenfalls nicht untätig geblieben.
Schon Ende März 1866 war es zwischen Preußen und Russland zu einem diplomatischen Schriftwechsel gekommen, bei dem es im Gegensatz zu Frankreichs Bemühungen zu einer konkreten Vereinbarung gekommen war. Im Falle eines preußisch-französischen Krieges sollte Russland Truppen an die gemeinsame Grenze mit Österreich verlegen, um dieses davon abzuhalten, in den Krieg zugunsten der Franzosen einzugreifen. Im Gegenzug verpflichtete sich Preußen, Truppen an die Grenze zu Frankreich zu entsenden, falls es zu einem russisch-österreichischen Krieg käme, um eben Napoleon von einer Waffenhilfe abzuhalten (Ohnezeit, S. 41). Es handelte sich zwar auch hier um kein festes Bündnis, wie es sie beispielsweise 1914 geben sollte, jedoch zeigte sich bald, dass Preußens diplomatische Vorkehrungen wirksamer waren. Um wirklich »Rache für Sadowa« nehmen zu können, hätte es für Frankreich des Bündnisses mit Österreich bedurft. Bismarck wusste dies und arbeitete dem wirkungsvoll entgegen. In den Jahren vor 1870 machte sich der persönliche Einsatz, Wien im Sommer 1866 nicht gedemütigt zu haben, bezahlt. Dennoch war die Gefahr eines Eingreifens Österreichs niemals gebannt. Auch ein anderer Kriegsverlierer sollte mit seinen Revanchegedanken die französische Geheimdiplomatie beschäftigen. Im Norden beobachtete Dänemark die Entwicklung zwischen Frankreich und Preußen aufmerksam (Buk-Swienty, Dinesen, S. 256). Würde es vielleicht eine Chance bekommen, Schleswig zurückzuerhalten? Als das Jahr 1870 begann, war vieles möglich, nur eines war recht sicher. Es würde bald zum Krieg zwischen Frankreich und Preußen kommen. Dass dieser ausgerechnet in einem Kurstädtchen an der Lahn seinen Ausgang nehmen würde, ahnte niemand.
III. JULIKRISE 1870
»Nichts fröhlicher, nichts friedlicher als die
Mittsommerzeit der 70er Saison im schönen Ems.«
Theodor Fontane
Trotz allen Gottesgnadentums und aller mittelalterlichen Vorstellungen vom gottgleichen Herrscher, die auch von der Französischen Revolution 1789 nicht vollends beseitigt werden konnten, war eine Tatsache zu jeder Zeit völlig plausibel: Ein König ist auch nur ein Mensch. Und als ein solcher Mensch brauchte er hin und wieder Erholung. Nun war König Wilhelm I. von Preußen im Jahr 1870 73 Jahre alt, also in einem Alter, in dem man gemeinhin seinen Ruhestand genießt. Die Auszeit vom mühsamen Regierungsgeschäft nahm der alternde Monarch seit dem 20. Juni in Ems, ab 1913 mit dem Zusatz »Bad«, wo er traditionell zum Kururlaub verweilte. Hier war er nicht alleine, wenn er sich den heilenden Wassern hingab, sondern wurde neugierig von anderen Kurgästen beäugt, sodass man den Eindruck haben konnte, eine »normale«, wenn auch berühmte Person genieße einige ruhige Tage (Fontane, Bd. I., S. 3 f.). Auf die anderen Gäste wirkte die erhabene Gestalt des Preußen den Schilderungen nach beruhigend. »Ueber alle aber kam auf Augenblicke eine Ruhe im Gemüth, wenn die hohe Gestalt König Wilhelms, hinausragend über das Kleine und Krankhafte, grüßend an ihnen vorüberschritt« (ebd.).
Dass ein Krieg aber ausgerechnet in Gestalt des französischen Botschafters Benedetti in die Kuridylle von Ems einbrechen würde, hätte wohl niemand geahnt. Genauso wenig wie der Umstand, dass dieser etwas mit Spanien zu tun haben würde, das bisher in diesem schwelenden preußisch-französischen Konflikt keinerlei Rolle gespielt hatte.
Dort war es im September 1868 zu einer Revolution gekommen, die Königin Isabella II. (1830–1904) den Thron gekostet hatte. Spanien war im 19. Jahrhundert weit entfernt von den glorreichen Tagen der Habsburgerherrscher des 16. Jahrhunderts und hatte mit großen ökonomischen und sozialen Problemen zu kämpfen. In Madrid rangen England und Frankreich um ihren Einfluss auf die immer noch, zumindest hinsichtlich ihrer Geschichte strahlende spanische Krone. Innenpolitisch herrschte in Spanien immenses Chaos. Isabella II. stammte aus dem Hause der Bourbonen und stand deswegen Frankreich nahe. Nach dem Sturz der Königin wechselten innerhalb kurzer Zeit 55 Kabinette einander ab – eine Zeit, die »Sexenio Revolucionario« genannt wurde (Ohnezeit, S. 43). In den zwei Jahren nach ihrem Sturz wurde ein König gesucht, der kein Spanier sein musste.
Für Napoleon III. war Spanien ökonomisch besonders wichtig, weil dieses mithilfe französischen Geldes und französischer Ingenieure das Land modernisierte. Vor allem der Eisenbahnbau stand unter großem französischem Einfluss und beide Schienennetze sollten miteinander verbunden werden, was große wirtschaftliche Vorteile brachte (Kleinmann, S. 133). Auch politisch sollte das Land an Paris gebunden werden und dabei nur die Rolle einer Hilfsmacht spielen. Jedoch zeigte sich bereits beim Mexikoabenteuer, dass Spanien nicht gewillt war, nur den Juniorpartner zu geben. Daher suchte es auch Kontakte nach England. Als nun die für Frankreich bequeme Isabella II. gestürzt wurde, beobachtete Paris die Nachfolgesuche sehr genau. Der Sohn Isabellas, Alfons (1857–1885), war für Paris zwar nicht die ideale, dafür aber eine akzeptierte Lösung. Deswegen bemühte sich Napoleon III., diesen auf den Thron zu bringen. Damit wäre an der französischen Südgrenze in einem eventuellen Krieg mit Preußen für Ruhe gesorgt (Ohnezeit, S. 45). Nur war die neue spanische Regierung nicht gewillt, abermals einen Bourbonen auf den Thron zu setzen.
In Berlin beobachtete Bismarck die Entwicklung in Madrid genau. Grundsätzlich war Preußen froh, dass die franzosenfreundliche Königin ihren Thron verloren hatte. Der neue starke Mann Spaniens, Ministerpräsident Juan Prim (1814–1870), galt Preußen gegenüber als durchaus freundlich gesinnt. Für Prim kamen zunächst einige Kandidaten für die Krone in Frage. Der aus dem Hause Sachsen-Coburg stammende Ferdinand II. von Portugal (1816–1885), der Herzog von Montpensier, Antoine Marie Philippe Louis von Orléans (1824–1890), oder Prinz Amadeus (1845–1890), Herzog von Aosta, waren im Gespräch und wurden von Napoleon III. abgelehnt und von Frankreich aus publizistisch bekämpft (ebd., S. 45). Doch der Thronkandidat, der nun ernsthaft diskutiert wurde, ließ das Pariser Blut völlig in Wallung geraten: Prinz Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen (1835–1905).
Prinz Leopold war mit einer portugiesischen Prinzessin verheiratet und mit Napoleon III. durch seine Großmutter sogar enger verwandt als mit dem preußischen Herrscherhaus. Er entstammte der katholischen Linie der Hohenzollern mit ihrem Stammsitz Sigmaringen und damit aus einem Land, das auf den spanischen Thron keine antifranzösische Politik exportieren würde. Dennoch wirkte der Name »Hohenzollern« wie ein rotes Tuch auf die Franzosen – natürlich wusste dies Bismarck. Für ihn war es die Gelegenheit, seine Geheimdiplomatie in Madrid von der Leine zu lassen (Howard, S. 48).
Bereits im 16. Jahrhundert hatte sich Frankreich durch die Habsburger eingekreist gesehen. Eine spanische Hohenzollernlinie rief die Erinnerung an die spanische Habsburgerlinie wieder wach und bereitete der französischen Regierung schlaflose Nächte. Als das erste Mal der Name Leopold in Spanien auftauchte, lehnten die Sigmaringer im September 1868 eine Kandidatur entschieden ab. Das hatte vor allem Gründe, die in Spanien selbst lagen. Alles andere als verlockend erschien der Thron dank der immensen wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, die durch die Revolution nicht besser geworden waren. Auch die Aussicht, mit Frankreich an der unmittelbaren Grenze eine unversöhnliche Großmacht zu haben, die keine Gelegenheit auslassen würde, dem Land Schwierigkeiten zu bereiten, war alles andere als verlockend. Doch nachdem die anderen Kandidaten ebenfalls dankend oder auf Druck Napoleons abgelehnt hatten, wurde das Angebot im Februar 1870 abermals durch die spanische Regierung nach Sigmaringen übermittelt (Gall, 1980, S. 423). Nun, zwei Jahre nach dem ersten Angebot, bei dem Bismarck auf Rücksicht Frankreichs Zurückhaltung geübt hatte, gab er den zögernden Sigmaringern zu verstehen, dass sie das Angebot annehmen sollten. Berlin sah es mal wieder an der Zeit, Frankreich zu provozieren. Auch machte Madrid Druck, sodass Bismarck die Thronfolgefrage gegen den Willen seines Königs vorantrieb (Howard, S. 49). Wilhelm I. hatte aber keinerlei Interesse daran, einen katholischen Verwandten auf dem spanischen Thron zu sehen. Als Oberhaupt der Hohenzollern musste er die Einwilligung zu einer Kandidatur geben, was er weder tat noch verweigerte. Er gab nur zu verstehen, dass er, wenn Leopold aus tiefster Überzeugung gewillt sei, den Thron zu besteigen, ihm nicht im Weg stehen würde. Doch – wie gesagt – Leopold wollte eigentlich nicht (Dittrich, Bismarck, S. 15 f.).
Am 9. März 1870 verfasste Bismarck einen Bericht an seinen König, der diesem die Vorteile eines Hohenzollern auf dem spanischen Thron darlegte. Sechs Tage später erläuterte er diese nochmals persönlich vor dem König, dem Prinzen, geladenen Sigmaringern und Moltke. Jedoch gelang es weder jetzt noch in den folgenden Wochen, den König davon zu überzeugen, seine Zusage zu geben. Und ohne das Einverständnis des Königs konnte Leopold den Thron nicht besteigen. Deswegen wurde am 20. April 1870 die Ablehnung des Angebotes an die spanische Regierung übermittelt. Damit konnte Frankreich durchaus zufrieden sein und die gefürchtete Einkreisung war vom Tisch. Doch nicht lange!
Im Mai wurde der persönliche Mitarbeiter und Freund Bismarcks, Lothar Bucher (1817–1892), aktiv, indem er den spanischen Ministerpräsidenten bat, ein erneutes Angebot abzugeben. Der Vater Leopolds, Fürst Karl Anton (1811–1885), war zwar wie sein Sohn dem spanischen Thron gegenüber abgeneigt, aber die Aussicht, der eigenen Dynastie eine weitere Krone zuzuführen, war sehr verlockend (Dittrich, Bismarck, S. 32). Ende Mai erklärten beide, wenn es im preußischen Staatsinteresse sei, würden sie die Krone Spaniens annehmen. Inwieweit Bismarck in diese Gedankenspiele im Hause Sigmaringen involviert war, ist ungewiss. Jedenfalls nahm er diese neuerliche Wendung dankbar an und instruierte Bucher, der sich in Madrid befand (Gall, 1980, S. 428). Nur von Spanien konnte ein abermaliges, das nunmehr dritte Angebot kommen, da nach der Ablehnung vom 20. April keine offizielle Wiederaufnahme der Verhandlungen von Preußen ausgehen konnte. König Wilhelm I. wurde von Bismarck die Zusage abgerungen, bei einer abermaligen Anfrage zuzustimmen (Bremm, 2019, S. 38). Bismarck zog sich daraufhin aus den Verhandlungen zurück, und alle spanischen Anfragen wurden nach Sigmaringen weitergeleitet. In Berlin harrte man der Dinge, die da aus Paris kommen sollten.
Auf der persönlichen Ebene war ein spanischer König Leopold für Napoleon III. gar nicht schlimm. Man kannte sich von gemeinsamen Jagdausflügen aus Jugendzeiten und Leopold war ein freundlicher und besonnener Mann, der in einem heruntergewirtschafteten und von sozialen Spannungen erschütterten Spanien ganz andere Sorgen haben würde, als Frankreich zu schaden (Kleinmann, S. 147). Leopold würde also hart und bieder arbeiten müssen auf seinem Thron, fernab von Ambitionen nach militärischer Ehre oder neuen europäischen Mächtekonstellationen. Napoleon III. soll den jungen Mann sogar bemitleidet und in Bezug auf Frankreich intern gesagt haben, dass »ein Hohenzoller auf dem spanischen Thron seine ›Rache für Sadowa‹« sei (zitiert nach: Willms, S. 247). Für den Kaiser selbst mochte dies persönlich alles halb so schlimm sein, doch er musste Frankreich verkörpern, und das Volk sah den feinen Unterschied nicht zwischen einem katholischen Hohenzollern aus dem Süden und einem protestantischen aus dem Norden, zwei Linien, die seit vielen Jahrhunderten ihre eigenen Wege gingen.
Napoleon III. hatte sich erst durch ein Plebiszit Anfang Mai seine im Schwinden begriffene Macht als Kaiser erneut gesichert (Bremm, 2019, S. 40). Derart vom Volk bestätigt, traute sich die neue Regierung unter Ministerpräsident Émile Ollivier (1825–1913) eine Kraftprobe mit den Preußen durchaus zu. Man sah insbesondere die Möglichkeit, einen ähnlich demütigenden Coup zu landen, wie er den Preußen mit der »Luxemburg-Frage« geglückt war. Die Hardliner um die Kaiserin und den am 15. Mai ernannten neuen Außenminister, Herzog Antoine de Gramont (1819–1880), drängten zu entschlossenem Handeln.
Es ist bis heute Gegenstand intensiver Debatten, inwieweit Bismarck mit einem Krieg im Frühjahr rechnete, oder ob er eine weitere Demütigung Frankreichs forcieren wollte. Zumindest mit der Ernennung Gramonts musste Bismarck mit einem Krieg rechnen (Dittrich, Ursachen, S. 76). In Berlin sah man zunächst keinen echten Kriegsgrund in dieser Affäre. Bismarcks Absicht könnte vielmehr gewesen sein, Spanien als engen Partner Frankreichs abzulösen und näher an Preußen zu binden. Dies hätte Frankreich dazu gebracht, seine Militärpräsenz Richtung Rhein auszudünnen, um Truppen an die Pyrenäen zu verlegen. Frankreich rechnete mit 200 000 Mann, die in diesem Fall am Rhein fehlen würden (Zahlen nach: Hawig, S. 325). 1866 war Bismarck ähnlich verfahren, als er den Bruder Leopolds, Karl (1839–1914), zum Fürsten von Rumänien ausrufen ließ, womit man ein Druckmittel gegen Österreich erhalten hatte. Doch 1870 gelang ein solcher Schachzug gegen Frankreich nicht (Baumgart, S. 397).
Vom 3. bis zum 5. Juli bemühte sich die französische Regierung, Hintergründe und Absichten der erneuten Hohenzollernkandidatur in Erfahrung zu bringen, und erhielt aus Preußen nur die Mitteilung, dass man damit nichts zu tun hätte (Ohnezeit, S. 58). Paris wusste natürlich, dass dies eine Unwahrheit war. Der neue Außenminister Gramont gelangte nun zu der Überzeugung, dass nur eine harte Haltung gegenüber Preußen den französischen Interessen entsprechen würde (Kolb, Kriegsausbruch, S. 85), die unzweifelhaft durch die Thronkandidatur berührt seien und deswegen verteidigt werden müssten. Doch diese Interessen waren nicht durch irgendein Völkerrecht oder gar moralisch begründet – in der französischen Öffentlichkeit setzte man sie aber als selbstverständlich voraus.
Am 6. Juli kam es zu einer Ministerratssitzung in Paris, die von völlig falschen Annahmen ausging. Es wurde angenommen, dass die französische Armee kriegsbereit und der preußischen überlegen sei. Ferner wertete man den Briefwechsel mit Italien und Österreich des Jahres 1869, den die Monarchen über ein eventuelles Bündnis geführt hatten, bereits als Abschluss eines solchen (Bremm, 2019, S. 40). Schließlich kam noch die angenommene Neutralität Süddeutschlands in einem Krieg hinzu, sodass Gramont am folgenden Tag vor der Gesetzgebenden Körperschaft in Paris eine aggressive Erklärung zur spanischen Thronkandidatur Leopolds abgab (Howard, S. 51). Obwohl die Rede dem heimischen Publikum galt, horchte dennoch die europäische Politik aufgrund der unverhohlenen Kriegsdrohung auf. Es war bis dahin unüblich, einem anderen souveränen Staat öffentlich zu drohen, sodass dies bei den anderen Mächten einen negativen Eindruck hinterließ (Ohnezeit, S. 60).
Mit Gramonts Rede vor dem Corps législatif hatte sich Frankreich unnötig unter Druck gesetzt. Bisher gab weder Spanien noch Preußen, das sich offiziell aus allem heraushielt, Anlass für eine solch martialische Rede. Napoleon III. musste nun, wollte er seinen neuerlichen Kredit beim eigenen Volk nicht verspielen, den Worten Taten folgen lassen. Die Beschränkung der Handlungsfähigkeit war ein großer politischer Fehler, den die Verantwortlichen so noch nicht einsahen, denn nun konnte nur noch eine öffentliche Verzichtserklärung Preußens auf den spanischen Thron – das damit ja faktisch gar nichts zu tun hatte – das Ansehen Frankreichs bewahren; dies jedoch auf Kosten Preußens, das damit gedemütigt würde (Dittrich, Bismarck, S. 94). Falls nicht, gab es nur eine Option, wie Gramont in einem Brief an den französischen Botschafter in St. Petersburg mitteilte: »Wenn Preußen fest bleibt, so bedeutet das den Krieg!« (zitiert nach: Ohnezeit, S. 60).
In Preußen selbst war man dann doch ob der Aggressivität und Unbeherrschtheit einigermaßen überrascht. Dass eine konservativ-monarchisch geprägte Zeitung wie die Neue Preußische Zeitung die Rede Gramonts auseinandernahm, dürfte klar sein, aber auch die liberale National-Zeitung zeigte ihr Entsetzen: »Dieses Volk, welches sich so gern der aufgeklärtesten, modernsten Anschauung rühmt, welches täglich die Volkssouveränität im Mund führt, verirrt sich hier bei der spanischen Thronfrage in den Anschauungen und den Aberglauben der zopfigsten Diplomatie. Da wird von Karl V. gefaselt, von der Wiederherstellung seines Weltreiches, von der Störung des europäischen Gleichgewichts, von der Umschnürung und Erdrückung Frankreichs […]« (National-Zeitung Nr. 311 vom 08.07.1870, o. S.).
Seltsamerweise richtete sich der französische Groll nur gegen Preußen. Immerhin hätte man in Paris auch gegen Spanien einen aggressiven Ton anschlagen können, doch man wollte die guten Verbindungen nicht gefährden. Gramont wies sogar den Botschafter in Madrid an, sich zurückzuhalten (Hawig, S. 325 f.). Oberstes Ziel war ein diplomatischer Triumph über Preußen nach den Rückschlägen der letzten Jahre. Zeitgleich trieb der Außenminister die Kriegsvorbereitungen voran, indem er am 9. Juli die französischen Truppen aus Nordafrika nach Europa einschiffen ließ. Am Tag zuvor schickte Napoleon III. an Österreich und Italien ein Telegramm mit der Bitte um Waffenhilfe, so wie er annahm, dass es vereinbart sei (Ohnezeit, S. 61). Italien und Österreich erklärten sich jedoch für neutral, ebenso England und Russland, denen die ehrgeizigen Pläne Napoleons III. sowieso zu weit gingen. Dänemark, das man noch kurz vor Kriegsbeginn an die alte Feindschaft zu Preußen erinnernd in militärische Überlegungen miteinbeziehen wollte, lehnte ebenfalls ab. Frankreich war im Juli 1870 isoliert.
Botschafter Benedetti hatte am 7. Juli die Order Gramonts erhalten, König Wilhelm aufzufordern, sich öffentlich hinsichtlich eines Thronverzichtes zu äußern. Wilhelm war darüber äußerst verärgert, weil er ja nicht derjenige war, der Leopold zum Thron riet. Auch ließe er sich als souveräner Monarch nicht so einfach von einem fremdländischen Außenminister bedrängen (Bremm, 2019, S. 44). Vielleicht hatte er auch die Heuchelei im Kopf, mit der Frankreich auf der Souveränität der spanischen Thronkandidatur pochte – hatte Napoleon III. doch wenige Jahre zuvor einen mexikanischen Kaiser gegen jedes Selbstbestimmungsrecht installiert. Wahrscheinlich aber dachte Wilhelm gar nicht in diesen Dimensionen, sondern es war schlichtweg gegen seine Würde, die Forderungen Gramonts zu erfüllen. Dennoch war er – mal wieder – vor allem zornig auf Bismarck, und wollte einen Krieg unter allen Umständen vermeiden (Howard, S. 52). Der preußische Botschafter in Paris, Karl Freiherr von Werther (1809–1894), verstand sich überraschend gut mit dem »Preußenfresser« Gramont und warnte diesen, es mit der Provokation Wilhelms nicht zu übertreiben (Arand, S. 100). Der König war nämlich, sehr zum Verdruss Bismarcks, bereit, alles für den Erhalt des Friedens zu tun, nur musste seine monarchische Würde gewahrt bleiben. Auch in Madrid war mittlerweile die Erkenntnis gereift, dass man sich mit der Thronkandidatur Leopolds einen europäischen Krieg heranzüchtete, und man gab nun auch zu verstehen, dass der Hohenzollern von sich aus verzichten solle. Im fernen Paris atmete Minister Ollivier erleichtert auf, da er, trotz martialischer Rhetorik, kein wirkliches Interesse an einem Krieg hatte (Dittrich, Ursachen, S. 84). Nur sein Außenminister sah dies anders.
Am 10. Juli bat König Wilhelm I. den Vater Leopolds, diesen zum Verzicht zu bewegen. Die Kriegsdrohungen Gramonts zeigten beim König Wirkung. »Es grenzt an Wahnsinn« (Arand, S. 100), schrieb er an Karl Anton und zeigte damit sein Unverständnis hinsichtlich der eskalierenden Entwicklung. Zwei Tage später war es dann tatsächlich geschafft! Der Frieden war gerettet. Denn am 12. Juli 1870 erklärte Karl Anton von Hohenzollern den Verzicht auf den spanischen Thron im Namen seines Sohnes Leopold, der gerade in den Alpen wanderte und von all dem nichts mitbekam.
Währenddessen wurden die Anweisungen Gramonts, die er Benedetti zukommen ließ, immer drängender. Wie die am 10. Juli: »Sie müssen alle Ihre Kräfte einsetzen, um eine entschiedene Antwort zu erhalten; denn wir können nicht warten angesichts der Gefahr, daß Preußen unseren Vorbereitungen zuvorkommt. Der Tag darf nicht zu Ende gehen, ohne daß wir beginnen« (zitiert nach: ebd., S. 101). Im Prinzip hatte Gramont am 12. Juli schon seinen und damit Napoleons außenpolitischen Erfolg über Preußen erhalten. Der Kaiser war zufrieden. Auch Ollivier, der liberale Ministerpräsident, sah nun ebenfalls die spanische Angelegenheit als erledigt an. Napoleon III. schrieb am 12. Juli an Ollivier. »Das Land wird enttäuscht sein, aber was soll man machen?« (zitiert nach: Ohnezeit, S. 65). Damit wäre alles gut gewesen. Die Stimmung war allerdings in weiten Kreisen Frankreichs derart aufgeheizt, dass der Preis eines Thronverzichtes als zu gering angesehen wurde. Phalanx dieser überreizten Bewegung war weiterhin Gramont, der den Krieg oder zumindest Preußen weiter demütigen wollte (Howard, S. 52). Diesem ebenfalls nicht abgeneigt war Bismarck, der am 12. Juli von seinem Gut Varzin nach Berlin reiste, um sich mit Moltke und Kriegsminister Albrecht von Roon (1803–1879) zu beratschlagen. Er war alles andere als glücklich über die, seiner Meinung nach, zu lasche Haltung seines Königs, und er bekam Schützenhilfe aus Paris. Gramont gab Benedetti den Auftrag, vom König das Zugeständnis zu erhalten, dass nie wieder ein Hohenzollern Ansprüche auf den spanischen Thron erheben würde. Eine solche Erklärung sollte dann in der Kammer in Paris verlesen werden. Auch Kaiser Napoleon III. bestand nun plötzlich auf einer solchen Erklärung. Der Verzicht aus Sigmaringen war kein offizielles Schriftstück und beinhaltete zudem einen Seitenhieb auf Frankreichs Einmischung in innerspanische Angelegenheiten, sodass man in Paris auf eine offizielle, aus Berlin stammende Verzichtserklärung bestand (Benedetti, S. 372).
Am 13. Juli traf Graf Benedetti morgens den König auf der Promenade von Ems. Wilhelm spazierte in Zivil und wurde vom Franzosen fern jeglicher Etikette bedrängt, die von Gramont erwünschte Erklärung abzugeben. Obwohl Wilhelm, der stets großen Wert auf standesgemäßes Verhalten legte, empört war, sprach er dennoch mit dem Botschafter. Im Prinzip teilte der König ihm mit, dass er mit der ganzen Sache wenig zu tun habe und der falsche Ansprechpartner sei. Die geforderte Verzichtserklärung, die Benedetti kannte, wurde Wilhelm erst gegen 13 Uhr vorgelegt. Auf Rat des preußischen Innenministers, den er kontaktierte, sollte er auf ein weiteres Treffen mit Benedetti verzichten. Er ließ ihm die Verzichtserklärung zukommen und schlug die Bitte für ein weiteres Gespräch aus. Die Angelegenheit war für den König damit erledigt. Konsequenterweise verweigerte er sich auch einem dritten Wunsch auf ein Treffen (Ohnezeit, S. 66). Selbst wenn er es gewollt hätte, hätte Wilhelm die Garantie auf einen zukünftigen Thronverzicht der katholischen Hohenzollern gar nicht geben können. Doch genau dies wollte Paris, ansonsten würden sie ihre Kriegsvorbereitungen nicht einstellen. Um die erregte Volksstimmung in Frankreich zu besänftigen, verlangten Gramont und Ollivier über die preußische Gesandtschaft in Paris am Abend, dass sich Wilhelm I. in einem persönlichen Brief an Napoleon III. entschuldige (ebd.). Dies war selbst für den ansonsten beherrschten Wilhelm zu viel: »Hat man je eine solche Insolenz [= Unverschämtheit, Anm. d. Autors] gesehen? Ich soll also als reuiger Sünder vor der Welt auftreten in einer Sache, die ich gar nicht angeregt, geführt und geleitet habe, sondern Prim, und den läßt man ganz aus dem Spiel?« (Brief an Königin Augusta, zitiert nach: Deuerlein, S. 38).
Doch da war ein Telegramm über das morgendliche Treffen auf der Emser Kurpromenade bereits in Berlin eingetroffen. Über das Gespräch mit Benedetti hatte Wilhelm eine Abschrift anfertigen lassen und sie zu Bismarck geschickt. Er könne diese veröffentlichen, falls er es für notwendig erachte. Heinrich Abeken (1809–1872) war von Wilhelm beauftragt worden, Bismarck über die Vorgänge in Ems genauestens zu informieren. Die Erlaubnis zur Veröffentlichung befindet sich am Ende des dreiteiligen Berichtes und war der Zündstoff, den Bismarck benötigte (Deuerlein, S. 37). Um 18:09 Uhr traf das Telegramm in Berlin ein, wurde zwei Stunden lang entziffert und beim Abendessen gereicht. Hier saßen Bismarck, Moltke und Roon zusammen. »Nachdem mir die Entzifferung überbracht war, welche ergab, daß Abeken das Telegramm auf Befehl Sr. Majestät redigiert und unterzeichnet hatte, las ich dasselbe meinen Gästen vor, deren Niedergeschlagenheit so tief wurde, daß sie Speise und Trank verschmähten.« (Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, S. 364). Doch Bismarck las aufmerksam. Am Ende stand, dass er ermächtigt sei, »ganz oder teilweise« zu veröffentlichen. Den anwesenden Moltke fragte er nach dem Stand der Rüstung des preußischen Militärs und nachdem dieser angab, dass ein rascher Kriegsausbruch gar von Vorteil sei, holte Bismarck seinen Stift heraus. Er verfälschte nicht – er kürzte. Ganz so, wie es das königliche »teilweise« erlaubte. Heraus kam die sogenannte »Emser Depesche«. Und diese schlug ein wie eine Bombe.
Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung druckte diese bereits am 13. in der Abendausgabe um 22 Uhr. In der französischen Zeitung Soir wurde Bismarcks Version zum ersten Mal in Frankreich am 14. Juli abends um 18:30 Uhr gedruckt.
»Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der Kaiserlich Französischen Regierung von der Königl. Spanischen amtlich mitgetheilt worden sind, hat der Französische Botschafter in Ems an S. Maj. den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisiren, daß er nach Paris telegraphire, daß S. Maj. der König sich verpflichte, niemals wieder Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. Seine Maj. der König hat es darauf abgelehnt, den Franz. Botschafter nochmals zu empfangen, und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, daß S. Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzutheilen habe.« (zitiert nach: Arand, S. 105 f.)
Dass diese Nachricht in Frankreich ausgerechnet am 14. Juli veröffentlicht wurde, ist einer jener unerklärlichen zeitlichen Zufälle, die dann und wann in der Geschichte vorkommen. Mittags traf sich der erregte Ministerrat in den Tuilerien, während sich auf den Straßen die aufgebrachte Menge sammelte. »Zum Rhein!«, war überall zu hören (Howard, S. 55). Der Kaiser war krank und hatte seine liebe Mühe, seinen Wunsch nach Vermeidung eines Krieges durchzusetzen. Er schlug eine internationale Konferenz vor, die den Streit schlichten sollte. Überraschenderweise wurde dieser Vorschlag angenommen. Napoleon III. ging sich ausruhen, seine Blasenkoliken machten ihm zu schaffen. Am Abend wurde der Ministerrat abermals zusammengerufen, und nun hatte der Kaiser, der in der Zwischenzeit von Eugénie beeinflusst worden war, eine andere Meinung. Die Konferenz sollte nicht stattfinden, sondern die Reserve sollte mobilisiert werden (Bremm, 2019, S. 44). Man kann den kaiserlichen Wankelmut durchaus auf dessen körperliche Verfassung zurückführen. Die schweren Koliken mussten mit Schmerzmitteln erträglich gemacht werden, die im 19. Jahrhundert aus Wirkstoffen bestanden, die heutzutage unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Neben Kokain und Opium wirkten weitere psychoaktive Substanzen – Bismarck ließ sich beispielsweise manchmal zum Einschlafen Morphium spritzen (vgl. Tagebuch der Baronin Spitzemberg, S. 110). Völlige geistige Klarheit war also von Napoleon III. im Sommer 1870 nicht zu erwarten, und seine Blasenschwäche, deren Folgen mit in die Hose gestopften Servietten bekämpft werden sollten, gab auch kein Bild bei seinen Ministern ab, das vor Autorität strotzte (Arand, S. 109). Vielleicht war er so in der Verfassung, besonders ehrliche Worte zu finden, als er zu Ollivier sagte: »Sehen Sie, in welcher Lage sich eine Regierung manchmal befinden kann: wir haben keinen richtigen Kriegsgrund, trotzdem werden wir uns für den Krieg entscheiden müssen, um dem Willen des Landes zu gehorchen« (zitiert nach: Kolb, Kriegsausbruch, S. 142 f.).
Am 15. Juli traf sich nochmals der Ministerrat in Paris, der im Grunde die Entscheidung zur Mobilmachung vom Vortag bestätigte (Howard, S. 56). Hinzu kam die Formulierung der Kriegserklärung an Preußen, jedoch war bereits am Vortag klar, dass es nun zum Krieg kam. Deswegen reiste Wilhelm am 15. früh morgens aus Ems ab, nicht ohne sich nochmals förmlich von Benedetti zu verabschieden. Gegen neun Uhr abends kam der König in Potsdam an, wo ihn eine jubelnde Menge empfing. Von hier aus fuhr er mit der Kutsche nach Berlin, durchs Brandenburger Tor zum Stadtschloss – ganz Berlin schien an der Straße »Unter den Linden« zu stehen und ihrem König zuzujubeln. Ihm selbst war dies eher unangenehm (vgl. Deuerlein, S. 40 ff.). In der Nacht wurde noch der Mobilmachungsbefehl an alle preußischen Standorte ausgegeben. Für den 19. war eine Sitzung des Norddeutschen Reichstages anberaumt. Es sollten Kriegskredite bewilligt und Entschlossenheit demonstriert werden. Beides gelang, da die norddeutschen Staaten längst schon fest auf preußischem Kurs waren. Aber es gab ja noch das »Dritte Deutschland«. Wie war dort die Stimmung im Juli?
Für die bayerische Regierung lag eindeutig der Bündnisfall vor, sodass sie am 16. Juli ihre Streitkräfte mobilisierte. Dies sah das Parlament jedoch zunächst anders. Auch wenn am 17. Juli rund 30 000 Menschen in München nationale Lieder sangen und den Krieg freudig begrüßten, empfahl der bayerische Haushaltsausschuss, die Kriegskredite nur für eine bewaffnete Neutralität zu gewähren (Winkler, S. 204). Tumultuarische Zustände brachen im Parlament aus. Erst nach den Reden des Ministerpräsidenten und des Kriegsministers beruhigte sich die Lage und der bayerische König Ludwig II (1845–1886) konnte am 20. Juli an Wilhelm schreiben: »Mit Begeisterung werden Meine Truppen an der Seite Ihrer ruhmgekrönten Waffengenossen für deutsches Recht und deutsche Ehre den Kampf aufnehmen.« (zitiert nach: Arand, S. 116). Dennoch hielt sich die bayerische »Begeisterung« besonders beim König in Grenzen. Man war sich durchaus bewusst, welche Rolle Bismarck bei der ganzen Sache spielte und was sein Ziel war.
Ebenfalls nüchtern waren die Reaktionen in Württemberg und Baden. Beide Länder lagen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Frankreich und würden somit von einer einmarschierenden französischen Armee zuerst betroffen sein. Vor allem Württemberg besaß eine große antipreußische Bewegung. Dennoch gelang es, die Kriegskredite einfacher als im bayerischen Parlament zu bewilligen und den Bündnisfall zu akzeptieren, auch wenn ein zu großer preußischer Einfluss befürchtet wurde. In Baden erging am 15. Juli der Befehl zur Mobilmachung, da man hier eng zu Preußen stand, das man als einzigen großen Bündnispartner gegen Frankreich betrachtete (vgl. ebd., S. 117 f.). In beiden Ländern sah man letztlich in Napoleon – den feinen Unterschied zwischen Gramont und dem Kaiser ließ man beiseite – einen Aggressor, der sich in die Angelegenheiten anderer Staaten einmischte. Im Großherzogtum Hessen war man indes alles andere als preußenfreundlich. Im Gegenteil zürnte man immer noch ob der Abtretung Nassaus, Frankfurts und Kurhessens an Preußen im Jahr 1866. Der Ministerpräsident Freiherr Dalwigk zu Lichtenfels (1802–1880) versuchte in den Jahren vor dem Krieg alles, um das Großherzogtum vollständig wiederherzustellen und die »Schutz- und Trutzbündnisse« auszuhebeln – jedoch vergebens (ebd., S. 119). Letztlich musste auch er sich fügen, und die hessischen Truppen wurden in die 2. preußische Armee eingegliedert.
Es standen also recht zügig alle deutschen Staaten Frankreich gegenüber, natürlich mit Ausnahme Österreichs. Jetzt galt es nur noch auf die offizielle Kriegserklärung zu warten. Diese traf am 19. Juli in Berlin ein. In ihr »hat die Regierung Seiner Majestät die Verpflichtung zu haben geglaubt, unverzüglich für die Verteidigung ihrer Ehre und ihrer verletzten Interessen […] alle […] gebotenen Maßregeln zu ergreifen […]« (zitiert nach: Deuerlein, S. 49). Für diese »Ehre« mussten in den nächsten Monaten zigtausende Männer ihre Gesundheit ruinieren oder ihr Leben lassen. Gleich, ob Deutsche oder Franzosen.
EXKURS: WAFFEN, TRUPPEN, PLÄNE
»Keinen Augenblick waren wir vor den feindlichen Kugeln und Bagonetten sicher vielweniger das wir einmal mit Ruhe schlafen können.«
Reservist Peter Joseph Peters
Die Schusswaffe unterlag im 19. Jahrhundert einem unablässigen Wandel (Haselhorst, Waffe, S. 229). Hauptziele waren die Verbesserung der Reichweite und der Zielgenauigkeit. Auch das Laden änderte sich, indem es effektiver und schneller wurde. Zeitgleich kämpfte man aber noch wie hundert Jahre zuvor. Das hieß vor allem, dass sich die Soldaten in Linien aufeinander zubewegten, während die Kavallerie mit gezücktem Säbel Attacken ritt und die bunten Uniformen bei den nun genauer feuernden Gewehren zum treffsicheren Schießen einluden. Die Geschosse rissen furchtbare Wunden, da sie sich aufgrund ihrer weichen Beschaffenheit im Körper verformten und damit ungeheuren Schaden anrichteten, dem die Feldchirurgie völlig überfordert gegenüberstand. Was diesen Aspekt des Leidens betraf, muss man z. B. den Krimkrieg und den Amerikanischen Bürgerkrieg als besonders grausam charakterisieren, auch wenn das 20. Jahrhundert noch ganz andere Schrecken bereithalten sollte. Da sowohl die französischen als auch die deutschen Soldaten oftmals Kriegserfahrung hatten, wussten sie, auf was sie sich im Sommer 1870 einließen. Die Begeisterung hielt sich besonders bei den Deutschen in Grenzen (Howard, S. 55). Auch wussten weder der einfache französische Soldat noch der deutsche etwas Genaues über ihren Gegner. Da halfen auch die Infobroschüren wenig, die zu Beginn des Krieges verteilt wurden. Zumal diese meist nur den Offizieren zugänglich waren (Bremm, 2019, S. 133). Gerade die Wirkungsweise der jeweiligen Waffen sollte rasch auf blutige Weise in Erfahrung gebracht werden.
Der aus dem thüringischen Sömmerda stammende Büchsenmacher Nikolaus von Dreyse (1787–1867) hatte für die Preußen ein Gewehr entwickelt, bei dem ein federgetriebener Stift das Pulver entzündete (Chandler, S. 137). Dazu musste das Zündmittel nun direkt mit der Patrone verbunden sein, damit die Zündnadel diese aktivierte. Dabei bestand die Gefahr, dass beim Einführen in den Lauf von vorne, was die damalig übliche Ladetechnik war, die Patrone zu früh auslöste. Dreyse eliminierte diese, indem er von Vorder- auf Hinterlader umrüstete. Im übrigen Europa dominierte noch bis in die 1860er-Jahre das Vorderladergewehr, das ebenfalls stetig verbessert wurde. Dennoch zeigte sich spätestens im Deutsch-Deutschen Krieg von 1866 die Überlegenheit des Hinterladers, vor allem weil dieser Typ eine höhere Schussfrequenz aufwies. Die in Schützenreihen anrennenden Österreicher mussten dies schmerzlich erfahren. Dreyse versah den Lauf bei seinen Gewehren mit »Zügen«, also spiralförmig eingearbeiteten Rillen im Inneren des Laufes, die dem Projektil einen Drall und damit eine stabilere Flugbahn und größere Reichweite gaben. 1840 wurden die ersten Gewehre dieser Bauart für die preußische Armee bestellt. Der Soldat konnte nun aus der Deckung schießen und nachladen, während man sich beim Einführen von Patrone und Schießpulver bei einem Vorderlader aufstellen musste. Auch geschah das Laden nun viel schneller, sodass geübte Schützen auf zwölf Schuss in der Minute kamen. Dies konnte aufgrund der Technik des »Dreyse« nicht lange durchgehalten werden, weil sich in der Kammer immer wieder Rückstände sammelten, die mühsam entfernt werden mussten. Die dünne Zündnadel, die dem Gewehr seinen Namen gab, deformierte schnell, da sie der ständigen Explosion ausgesetzt war. Sie musste je nach Schussrate häufiger gewechselt werden. Probleme konnten auch beim Abschuss des »Langbleis« – so wurden die preußischen Projektile genannt – auftreten, wenn dieses nicht mittig im Lauf lag. Wenn die Kammer nicht völlig dicht war, entwichen Explosionsgase, deren Energie dem Langblei fehlte (Arand, S. 141). Verlust an Präzision und Reichweite waren die Folge. Generell war das »Dreyse« nur bis rund 250 Meter recht präzise, auch wenn es bis zu 600 Meter weit schießen konnte. Die preußische Armee war sich dieser Mängel durchaus bewusst und arbeitete an Verbesserungen, hatte die Schwächen im Jahre 1870 jedoch noch nicht behoben. Dennoch wurde das Kampfgeschehen durch das Dreyse dramatisch verändert.
Aufgrund der hohen Schussrate entwickelte die Armeeführung das Prinzip des Schnellfeuers. Der Soldat durfte ohne Befehl so schnell und häufig wie möglich schießen, wenn es die Umstände verlangten. Hier hielten sich Vor- und Nachteile einigermaßen die Waage, weil dieses Prinzip zwar sehr effektiv war, jedoch ebenso rasch die 60 mitgeführten Patronen verbraucht wurden. Als erzieherische Maßnahme, sinnvoll mit den Patronen umzugehen, wurden dem Schützen deswegen nur wenige Zündnadeln mitgegeben, deren Ersatz er sich beim nächsten Offizier besorgen musste (Arand, S. 143). Dies war während des Gefechts in jeglicher Hinsicht kein angenehmer Gang!
Bessere Gewehre als die Preußen hatten die Bayern im Kriegsjahr 1870. Ihr Podewilsgewehr – benannt nach dem bayerischen Generalleutnant Philipp Freiherr von Podewils (1809–1885) – war ursprünglich ein Vorderlader gewesen. Nach den Erfahrungen 1866 rüsteten die Bayern ihr Podewils nach dem Vorbild erbeuteter preußischer Zündnadelgewehre zum Hinterlader um. Das beste Gewehr aller deutschen Truppen besaßen die bayerischen Jägerbataillone mit dem Werder-Gewehr, bei dem standardmäßig Metallpatronen verschossen wurden (Kühlich, S. 329). Dieses »Werder« war sogar dem französischen Hinterlader überlegen. Und dieser sollte den deutschen Soldaten das Fürchten lehren.
Der französische Erfinder Antoine Chassepot (1833–1905) hatte bereits Anfang der 1860er-Jahre eine Kopie des Dreyse dem Kriegsministerium vorgelegt. Aber erst nach 1866 interessierte man sich in Paris für diesen Hinterlader und führte ihn in der Armee unter der Bezeichnung fusil modèle 1866 ein (Shann, S. 34). Schon 1868 war die gesamte französische Armee mit dem Chassepot ausgerüstet, nachdem es im Jahr zuvor bei der Schlacht bei Mentana erstmals erfolgreich eingesetzt worden war. Im Vergleich zum Dreyse hatte das Chassepot eine besser abgedichtete Treibkammer und die Zündnadel nutzte sich weniger schnell ab. Die Schussweite war mit 1200 Meter doppelt so hoch wie beim Dreyse, was den französischen Gedanken, in der Defensive auf den anrückenden Feind zu warten, begünstigte (Chandler, S. 23). Bereits ab einer Entfernung von 1500 Meter gaben französische Infanteristen ein ungezieltes Streufeuer ab, das natürlich, je näher die Feinde kamen, effektiver wurde. Die Preußen ließen dagegen die Gegner auf bis zu 150 Meter herankommen, um gezielt schießen zu können (Dierks, S. 142). Die französischen Befehlshaber hatten aufgrund ihres Gewehres sogar ihre Taktik geändert, die traditionell auf Offensive ausgerichtet war. Die Schussweite ließ die Infanterieregimenter nun defensiver agieren, indem sie Schützengräben und andere Feldbefestigungen anlegten, aus denen nur selten ein Gegenangriff gestartet wurde. Die deutschen Soldaten, die sich ab 1500 Meter in Feuerentfernung befanden, konnten sich beim Beschuss aus dieser Distanz sogar noch rechtzeitig ducken. Rund drei Sekunden benötigte die Kugel aus dieser Entfernung. Beim weiteren Annähern entfiel diese Möglichkeit natürlich. Daraus resultierte die Absicht, sich möglichst schnell den französischen Linien zu nähern.
Wie auch das Dreyse hatte das Chassepot seine Schwächen, die beim französischen Fabrikat hauptsächlich in den Dichtungsringen lagen. Schon nach wenigen Schüssen konnten diese Kautschukringe porös werden und mussten gewechselt werden. Drei Ersatzringe trug jeder Soldat zusammen mit 68 Schuss stets bei sich. Der Rückstoß des Chassepot war so stark, dass viele Franzosen aus der Hüfte schossen, weil sie keine »Ohrfeige« haben wollten (Kühlich, S. 328). Die Treffgenauigkeit war dementsprechend gering. Mobilgardisten und Nationalgardisten hatten selten das Chassepot und waren stattdessen mit umgebauten Vorderladergewehren ausgerüstet.
Wirklich Angst verbreitete jedoch zu Beginn des Krieges eine andere Waffe bei den deutschen Truppen. Im Amerikanischen Bürgerkrieg waren schon erste verschiedene Modelle eines Maschinengewehres benutzt worden. Die Union Repeating Gun und etwas später die Gatling Gun wurden per Handkurbel bedient und fanden nur begrenzten Einsatz auf den Schlachtfeldern Amerikas. Berühmtheit erlangte dagegen die Mitrailleuse der Franzosen, die bereits 1850 in Belgien entwickelt worden war. Von den französischen Soldaten erhielt sie den Namen »Moulin à café« (Kaffeemühle) und wurde von den Preußen unter anderem etwas uninspiriert »Kugelspritze« genannt (Haselhorst, Waffe, S. 231). Bis heute ist in Frankreich »Mitrailleuse« die Bezeichnung für Maschinengewehre. Die Mitrailleuse war während des Krieges der Artillerie unterstellt, was sich als taktisch schwerer Fehler herausstellen sollte, weil es ihren Einsatz beschränkte. Die Entwicklung dieser Waffe unterlag in den Jahren vor dem Krieg allerstrengster Geheimhaltung. Anfang Juli 1870 besaß das französische Heer mehr als 190 Mitrailleusen, doch die Mannschaften wurden erst ab August in diese eingewiesen (Kühlich, S. 330). Das Bronzerohr mit seinen 25 Läufen lag auf einer Holzlafette und wurde von hinten bedient, indem die Besatzung die 25 Kugeln mithilfe eines Patronenrahmens in die Rohre einführte (Chandler, S. 26). Diese wurden fast gleichzeitig abgeschossen, während ein Soldat an einer Kurbel drehte. Geriet man in den Streubereich der Salven war die Mitrailleuse tatsächlich eine furchtbare Waffe, doch genau darin lag das Problem für die Franzosen. Den deutschen Soldaten gelang es, nachdem sie erste Erfahrungen mit der Waffe gemacht hatten, den Streubereich einfach zu umgehen. Die Mitrailleuse war derart schwerfällig, dass es kaum gelang, sie rasch neu auszurichten. Meist feuerte sie starr auf einen ganz bestimmten Bereich. Auch das Knarren der Kurbel verriet den anrückenden Gegnern die Anwesenheit der gefürchteten französischen Geheimwaffe. Nur die wenigen gut ausgebildeten Bedienungsmannschaften konnten das halten, was sich die französischen Militärs versprochen hatten, nämlich Tod und Verheerung in die anrückenden deutschen Soldaten zu tragen. Insgesamt aber lebte die Mitrailleuse von ihrer Symbolkraft, besonders nach dem Krieg, als sie als Beute und Denkmalschmuck Verwendung in der staunenden, nun geeinten deutschen Heimat fand. Auf den Schlachtfeldern sollte sich zeigen, dass zu wenige Soldaten an ihr ausgebildet waren und die anstürmenden deutschen Truppen deshalb schnell die Furcht vor ihr verloren.
Ganz konkrete Wirkung entfaltete dagegen die Artillerie, die ähnlich wie das Gewehr in den Jahrzehnten vor dem Krieg eine große Entwicklung mitgemacht hatte. Besonders die Umstellung von glatten Rohren, mit einer durchschnittlichen Schussweite von 1500 Metern, auf gezogene Läufe, die bis zu 3800 Meter weit schießen konnten, war signifikant. 1867 hatte die preußische Armee alle glatten Rohre ausgetauscht und durch gezogene Hinterlader ersetzt. Obwohl die Feuergeschwindigkeit mit zwei bis drei Schuss pro Minute gleichblieb, stieg die Treffgenauigkeit. Die französischen Vorderlader hatten wie bei den Gewehren das Problem, dass durch das Einführen des Projektils von vorne das Rohr etwas breiter als das Projektil selbst sein musste, was wiederum einen Verlust an Energie bedeutete. Auch wurden die Granaten mit Zeitzündern versehen, die diese auf eine bestimmte Entfernung zum Explodieren brachten. Damit hatte die Armeeführung versucht, die Aufprallwirkung mit der Splitterwirkung zu kombinieren. In der Praxis zeigte sich jedoch, dass die Aufprallwirkung völlig über-, die Splitterwirkung unterschätzt worden war (Arand, S. 145). Seltsamerweise hatte Napoleon III., immerhin gelernter Artillerist, diese Waffengattung vernachlässigt. Die Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges hätte durchaus eine andere Wendung nehmen können, wenn Napoleon III. im Jahre 1867 den Preisträger der Pariser Weltausstellung nicht nur als netten Gesprächspartner, sondern als Geschäftspartner angenommen hätte.
Alfred Krupp (1812–1887) wurde im Nachhinein gerne als deutscher Patriot dargestellt, der seinen Anteil an der Entstehung des Deutschen Kaiserreiches hatte. Doch in den 1860er-Jahren war er nur eines: Ein Geschäftsmann, der sich überall auf der Welt den Spitznamen »Kanonenkönig« erworben hatte. Obwohl er seine Kanonen auf besagter Weltausstellung dem Kaiser persönlich vorführen konnte, ließ dieser sich von seinem Kriegsminister Edmond Lebœuf (1809–1888) überzeugen, lieber auf den französischen Stahlmagnaten Eugène Schneider (1805–1875) zu setzen (ebd., S. 195). Stattdessen bemühten sich danach Bismarck und König Wilhelm I. um Krupp, der im Juli 1870 ein großes Geschäft witterte. Nun entdeckte er auch seinen Patriotismus und bot Kriegsminister von Roon an, ihm Kanonen im Wert von einer Million Talern zu schenken. Von Roon lehnte deswegen dankend ab, weil der fein ausgearbeitete Aufmarschplan dadurch durcheinandergekommen wäre. Dennoch begann Krupp mit der Produktion weiterer Kanonen auf eigene Faust.
Von Roon hatte aber auch Bedenken gegen Krupps Ingenieurkunst, weil sich dessen Kanonen im Deutsch-Deutschen Krieg noch als einigermaßen unzuverlässig erwiesen hatten (Bremm, 2019, S. 64). Es gab ferner Probleme bei den Hinterladern und ihren Verschlüssen, die für die Bedienungsmannschaften lebensgefährlich werden konnten. Bei den Bronzerohren war die Gefahr eines »Rohrkrepierers«, also der Explosion des Geschosses im Lauf, deutlich geringer. Man sah in der Armeeführung in Berlin deshalb die gusseisernen Geschütze aus Essen mit großem Misstrauen. Deswegen hatte man noch Bronzekanonen mit Vorderladertechnik in der Planung – doch Krupp konnte schließlich überzeugen.
Mit der Feldkanone C/67 hatte Krupp das anfällige Modell C/64, das 1866 zum Einsatz gekommen war, weiterentwickelt und die Probleme im Guss behoben. Ebenfalls wurde die Möglichkeit zur Ausrichtung verbessert und die Beweglichkeit erhöht (Solka, S. 39). Wenn gegen die Chassepot-Gewehre der Franzosen der Angriff ins Stocken geriet, wurde eine C/67 nach vorne gerollt und in Stellung gebracht. Neben den 8,75-Pfund-Granaten konnte man Kartätschen mit 7,5 Pfund Gewicht verschießen, die großen Schaden anrichteten. Theoretisch betrug die Feuerrate der C/67 bis zu zehn Schuss in der Minute, doch eine Schussfrequenz von drei Schuss die Minute wurde üblich (Hormann, S. 42).
Die Franzosen vertrauten auf Geschütze des Typs »La Hitte«, benannt nach dem General Jean-Ernest Ducos de La Hitte (1789–1878), der 1858 das System des gezogenen Laufes in der Artillerie einführte (Chandler, S. 28). Auch hier war eine Steigerung der Schussweite und Treffgenauigkeit die Folge. Insgesamt aber mussten die Franzosen feststellen, dass ihre »La Hitte« den Krupp’schen Geschützen in allen Belangen unterlegen war. Deswegen konnte Napoleon III. voller Überzeugung nach der Schlacht von Sedan sagen: »C’est votre artillerie, qui a gagné la bataille; l’artillerie prussienne est la première du monde«, ›Es ist Eure Artillerie, die die Schlacht gewonnen hat; die preußische Artillerie ist die beste der Welt.‹ (zitiert nach: Revue D’Artillerie, S. 435, Übers. d. Autors).
Hinsichtlich der Kommandostrukturen gab es zwischen Franzosen und Preußen mehrere große Unterschiede. Zunächst einmal hatte Preußen seit der ersten Reform in den Napoleonischen Kriegen einen Generalstab, womit die höchsten Kommandobehörden vereint waren (Howard, S. 23 ff.). Jeder Infanteriedivision wurde ein Verbindungsoffizier zugeteilt, der im Generalstab seinen Dienst tat. Dies ermöglichte die Koordination komplexer militärischer Manöver wie in der Schlacht bei Königgrätz. Dennoch war in den einzelnen Ebenen eigenständiges Handeln nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Beim Aufeinandertreffen riesiger Heere, wie eben bei Königgrätz, mussten die einzelnen Unterführer situativ reagieren, um das höhere Ziel zu erreichen. In der französischen Armee gab es dies so nicht. Hier musste die Befehlshierarchie streng eingehalten werden. Dadurch wurde diese insgesamt unflexibler (Shann, S. 24). Doch auch die preußische Auftragstaktik hatte ihre Nachteile. Nicht selten handelten einzelne Generäle trotz Unkenntnis der Gesamtlage eigenmächtig, was einen hohen Blutzoll zur Folge hatte. Dies sollte sich schon in den ersten Schlachten des Krieges von 1870/71 zeigen.
Unabhängig von der Entscheidungsfreiheit der unteren Kommandoebene musste es einen übergreifenden Plan geben. Bereits seit 1857 arbeitete Moltke unablässig an verschiedenen Szenarien eines Krieges mit Frankreich. Zunächst war der angedachte preußische Aufmarsch noch rein defensiv. Gerade die Stärke des napoleonischen Zweiten Kaiserreiches machte dabei eine enge Bindung an Österreich notwendig, so wie es 1815 auch gegen das napoleonische Erste Kaiserreich notwendig war. Doch nach 1866 sahen sich die Preußen nicht als Schutzsuchende, sondern mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht sogar als Führungsmacht einer solchen Allianz. Gerade die Erweiterungen Preußens im Westen machten eine solche Schutzmachtstellung gegenüber den kleineren deutschen Staaten vor allem im Süden folgerichtig (vgl. Nipperdey, Band II, S. 23 ff.). Aber war die Verteidigung der Bündnisstaaten am Rhein durch Preußen überhaupt realistisch? Wenn wir uns die Zeit für eine Mobilmachung Preußens in der Mitte des 19. Jahrhunderts anschauen, so stellen wir fest, dass eine Armee, die mit Aussicht auf militärischen Widerstand im Rheinland aufgestellt wird, rund 33 Tage benötigte. Berechnungen, die von einer Ausgeglichenheit der Kräfte ausgingen, gaben 7 Wochen für die Mobilisierung in Preußen an (Howard, S. 42 f.). In das Konzept der Verteidigung drang unweigerlich der sinnvolle Gedanke, die linksrheinischen Gebiete aufzugeben und sich hinter dem Rhein und dem Main zu verschanzen. Damit aber würde man im Kriegsfall garantiert keine patriotische Begeisterung auslösen. Dies war zwar auch nicht die Absicht Moltkes zu Beginn seiner Planungen, doch die politische Realität der späten 1860er-Jahre ließ ihn umdisponieren, da ein Preußen, das die deutsche Führungsmacht sein wollte, keinesfalls die linksrheinischen Gebiete aufgeben durfte.
Jedoch gab es eine Besonderheit. Der Generalstabschef von Moltke hielt von Feldzugsplänen nicht viel. Dies verwundert zunächst, da er ja Initiator eines exakt ausgearbeiteten Aufmarschplanes war. Er musste in seiner Position natürlich seinem König einen Plan vorlegen, der im Großen und Ganzen das Ziel ausgab, »den Feind, wo man ihn traf, unverzüglich anzugreifen« (Moltke, S. 5) und die französische Streitmacht vom ressourcenreichen Süden abzuschneiden. Wie genau das geschehen sollte, konnte er dem König indessen nicht sagen. »Durch welche besonderen Maßnahmen diese Ziele zu erreichen seien, blieb der Entschließung an Ort und Stelle vorbehalten, nur der erste Vormarsch bis an die Landesgrenze war bis in das Einzelne im Voraus geregelt« (ebd.). Dies war die Auftragstaktik auf höchster Ebene, die das preußische Militär so flexibel machte. Denn nach der ersten Schlacht sei Vieles »unausführbar, was man beabsichtigt haben mochte, Manches möglich, was vorher nicht zu erwarten stand« (ebd.).
In den Gedankenspielen der französischen Generäle wurde der Annahme viel Platz eingeräumt, dass die süddeutschen Staaten und Österreich auf der Seite Frankreichs in den Krieg eintreten würden (Nipperdey, Band II, S. 20). Dazu musste diesen rasch vor Augen geführt werden, wie stark Frankreich war, um jeden Zweifel an einer Koalition auszuräumen. Deswegen sahen die Planer vor, in einer Blitzoffensive über den Rhein zwischen Germersheim und Rastatt, beides Festungsstädte, an den Main vorzustoßen (Howard, S. 45). Dies sollte am 16. Tag der Mobilmachung geschehen – also im Falle von 1870 bereits Ende Juli. Die Zuversicht dabei war so groß, dass die französischen Offiziere nur Karten von Deutschland erhielten; keine vom französischen Gebiet in Lothringen oder dem Elsass (Moltke, S. 3).
Was eine Invasion nach Deutschland hinein betraf, gab die Topographie deren Stoßrichtung im Prinzip vor. Einen großen Anteil der Grenze hatte der Rhein, dessen rasches Überqueren der Feind leicht verhindern konnte. Dazu sind bei gelungenem Übersetzen der angreifenden Truppen die Vogesen im Westen und der Schwarzwald im Osten massive Hindernisse. An der Mosel hingegen befindet sich der Hochwald, der ebenfalls ungeeignet für größere Truppenbewegungen ist. So bleibt im Grunde nur der Raum zwischen Mosel und Rhein, der ja bereits in den Jahrhunderten zuvor Durchmarschgebiet war. Von diesem sollte im umgekehrten Falle auch eine Invasionsarmee von Osten her in Frankreich eindringen. General Charles Auguste Frossard (1807–1875) hatte zu diesem Szenario einen rein defensiven Plan erarbeitet, der von einem Angriff Preußens durch die Pfalz mit 470 000 Mann ausging (Howard, S. 45). Er rechnete mit dem Moseltal und dem Elsass als Stoßrichtung und nahm an, dass eine geringe Anzahl französischer Truppen den Angriff zunächst stoppen könnte. Im Elsass würde ein neuralgischer Punkt bei Frœschwiller liegen, den es zu verteidigen gebe, und das Hochplateau bei Forbach. Im Großen und Ganzen entsprach dies dem Plan, den Napoleon III. seit 1868 für den Kriegsfall hatte ausarbeiten lassen und mit der Aufteilung in drei Armeen verfolgte. Darin ging er recht optimistisch von einer Stärke der französischen Truppen von 490 000 Mann aus, die er jeweils in Metz, Straßburg und Châlons positionierte (ebd., S. 46).
Wir werden sehen, dass viele Überlegungen und Befürchtungen sich als richtig herausstellen sollten, während im Augenblick des Kampfes jener kleine psychologische Moment all diese ad absurdum führte – ähnlich wie es Moltke geahnt hatte.
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