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Joachim Ringelnatz
Einfach
schöne Gedichte
Mit einer Einleitung von Alexander Kluy

Dieser unvergleichliche Ringelnatz hat den Stein der Narren entdeckt …, welcher dem der Weisen zum Verwechseln ähnlich sieht.
Alfred Polgar
Inhalt
Einleitung von Alexander Kluy
Ernster Rat an Kinder
Wer hört ein Stäubchen lachen?
Als ich noch ein Seepferdchen war
Freiübungen
Schiffersentiment
Flugzeuggedanken
Kurz vor der Weiterreise
Das Sonderbare und das Wunderbare
Bürger, den ich meine
Dritter Klasse
Nie bist du ohne Nebendir
Allein zu zwein
Du, meine Frau, wirst mich verstehen
Warten auf Weißnichtwas
Inhalt
Gedichte, die keine Überschrift haben, wurden mit ihrer ersten Zeile in das Inhaltsverzeichnis aufgenommen.
Einleitung
Ernster Rat an Kinder
Kinder, spielt mit einer Zwirnsrolle!
Bist du schon auf der Sonne gewesen?
Eine Erfindung machen
Abzähl-Reime
Die Feder
Der Funke
Der Edelstein
Die Seifenblase
Das Ei
Die Nadel
Das Samenkorn
Der Knopf
Der Stein
Wer hört ein Stäubchen lachen?
Wer hört ein Stäubchen lachen?
Arm Kräutchen
Das scheue Wort
Im Park
Der Globus
Bumerang
Logik
Weiß nicht mehr, was ich sagen wollte
Ein Kehlkopf litt an Migräne
Abschiedsworte an Pellka
Meine Schuhsohlen
Es war einmal ein Kragenknopf
Die Schnupftabaksdose
Ein männlicher Briefmark
Emanuel Pips
Schwefelholz
Ringelnatter
Sie faule, verbummelte Schlampe
Das Schlüsselloch
Es trafen sich von ungefähr
Ein Pflasterstein
Ruhe ist viel wert
Es lebte an diskretem Orte
Die Badewanne
Es waren einmal zwei Gummischuh
Ein Gemisch
Der Lackschuh
Ein Taschenkrebs
Frau Teemaschine
Man stirbt hier vor Langeweile
Im dunklen Erdteil Afrika
Der Mensch
Tante Qualle und der Elefant
Unterm Tisch
Ein Nagel
Der Spiegel
Es war eine gelbe Zitrone
Das Nadelkissen
Es war einmal ein Kannibale
Ein bettelarmer, braver Mann
Ein kühnes Roßhaar
Es war ein Stahlknopf irgendwo
Als ich noch ein Seepferdchen war
Seepferdchen
Seehund zum Robbenjäger
Übergewicht
Pinguine
Ein ganzes Leben
Meine Musca Domestica
Die Krähe
Die Rakete und der Kater
Heimatlose
Dickhäuter
Blindschl
Meditation
Das Käferconzert
Im See
Freiübungen
Turnermarsch
Zum Aufstellen der Geräte
Freiübungen
Klimmzug
Wettlauf
Fußball
Zum Wegräumen der Geräte
Ringkampf
Der Athlet
Am Hängetau
Kniehang
Box-Kampf
Kniebeuge
Zum Bockspringen
Felgeaufschwung
Rundlauf
Sorge dividiert durch 2 hoch x
Schiffersentiment
Vom Seemann Kuttel Daddeldu
Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu
Kuttel Daddeldu und Fürst Wittgenstein
Kuttel Daddeldu und die Kinder
Seemannsgedanken übers Ersaufen
Sieben Lieder einer Heimfahrt
I Das Lied von der Hochseekuh
II Duett des Schiffsjungen mit einem Passagier
III Daddeldu verprügelt den Schiffsjungen
IV Klage einer unbeliebten Passagierin
V Land in Sicht
VI An Land, die Whiskyberauschten
VII Abschied der Seeleute
Schiffer-Sentiment
Daddeldus Lied an die feste Braut
Seemannstreue
Chansonette
Avant-Propos
Jene brasilianischen Schmetterlinge
Flugzeuggedanken
Ein ehemaliger Matrose fliegt
Aus der Vogelkunde
An ein startendes Flugzeug
Flugzeug am Winterhimmel
Fallschirmsprung
meiner Begleiterin
Ein Freund erzählt mir
Flugzeuggedanken
Helfen
Frühling
An der alten Elster
Fliegerleute
Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter?
Museumsschweigen
Raketenwagen auf der Avus
Giraffen im Zoo
Freiballonfahrt mit Autoverfolgung
Zwischen Lipp und Kelchesrand
Kuttel Daddeldu über Nobile
Begrüßung eines soeben Gelandeten
Trostworte an einen Luftkranken
Abgesehen von der Profitlüge
Eine Zuschauerin im Flughafen
Köln – Brüssel – London
7. August 1929
Wer hat gewonnen?
Kurz vor der Weiterreise
Kurz vor der Weiterreise
Hamburg
Bremen
Frankfurt an der Oder
Cassel
Leipzig
Mannheim
Frankfurt am Main
Frankfurt am Main
Aus Amsterdam
Wien
Zürich
Abschied von Paris
Chartres
Augsburg
München
Ein Stück Rheinfahrt
Rheinkähne
Platzmusik in Stuttgart
Brief aus Düsseldorf nach München
Der große Christoph
Ausflug nach Tirol
Schneiderhüpfl vor dem Ochsen am Spieß
Frühling hinter Bad Nauheim
In Eltville 1932
Großplatztauben
Insel Hiddensee
Abstecher: Reichenbach im Vogtland
Berlin
Sehnsucht nach Berlin
Berlin
Kanäle in Berlin
Müde in Berlin
Unter den Linden
Die Litfaßsäulen
An Berliner Kinder
Eisenach
Betrachtungen
in einer Bahnhofswartehalle
Hanau
Eisenbahnfahrt
Wilhelmshöhe
Hinterm Hotel
Frankfurt am Main
Straßenbahn 23 und 13
Darmstadt
Worte in den Wind
Guter Rausch
Dresden
Stettin
Ab Kopenhagen
Über Asta Nielsen
Die Strömung
Aus Breslau
München – Hamburg – Altona – Amerika
Weltverkehr
Amberg
Über Finnland
Ruf zum Sport
Wirrsal
Hannover
Aus meiner Kinderzeit
Stuttgart
Wien
Graz
Königsberg in Preußen
Hong-Kong
Abschied von Pascin
Die Brüder
Jerusalem
München
Übralldaß a. d. Elbe
Antwort an einen Kollegen
Das Sonderbare und das Wunderbare
Doch ihre Sterne kannst du nicht verschieben
Bleibt uns und treibt uns
Und ich darf noch
Nachtgalle
Nächtlicher Heimweg
Du und die Nacht
Blues
Morgenwonne
Die Ameisen
Weißt du?
Sommerfrische
Natur
Es lebe die Mode!
Enttäuschter Badegast
Lebhafte Winterstraße
Stille Winterstraße
Landregen
Herbst
Steine am Meeresstrand
Kindersand
Don Quijote
Wenn es unversehns ganz finster wird
Was dann?
Und auf einmal steht es neben dir
Überall
Schwebende Zukunft
Über eine Weile – –
Vergehe Zeit!
Auf dem Kirchhof
Ein Traum
Draußen und drinnen
Der Verschmähte
Der Geliebten
Melancholie
Der Sängerin
Freude
Das Andenken
Herzenstreue
Abend am Strand
Es ist besser so
Gartenbäume und Wegblumen
Der letzte Weg
Das Loreley-Lied
Einer Unglücklichen
Zwei Frauen
Die lange Nase
Die Dünenwälder bei Riga
Der Weihnachtsbaum
In Zelle 108
An meinen Lehrer
Bohème
Durchmarsch
Kunst
Feierstunden
Jung sterben
Geradewegs
Ehe du Schuhe kaufst
Was du erwirbst an Geist und Gut
Trost an eine Mutter
Ich ward beschenkt für ein Gedicht
Vor meinem Kinderporträt
Rückblick
An meinen längst verstorbenen Vater
Ein Liebesbrief
Marter in Bielefeld
Wiedersehen mit einem Kriegsfreund
Abglanz
Herbst im Fluß
Der mir viel Leid antat
Die Überholten
Nach der Premiere
Bürger, den ich meine
Bürger, den ich meine
Auskehr
Wie mag er aussehn?
Sonntags
Ruinenkult
So gut wie schlecht
Regenschauer
Berta und ich gehn zum Maskenball
Das Original
Wenn die sich Künstler einladen
Kunstgewerbe
Nach geballten Enttäuschungen
Nach dem Gewitter
Umweg
Marschierende Krieger
Schlummerlied
Mensch und Tier
Hilflose Tiere
Tierschutz-Worte
Maler und Tierfreund
Landflucht
Der Glückwunsch
Stuttgarts Wein- und Bäckerstübchen
Und keins von diesen schönen Mädchen weiß …
Herbst in der Bodega
Der Seriöse
Dritter Klasse
Dem Mann, der …
Kauderwelscher Bettlerdank
Angstgebet in Wohnungsnot
Jenem Stück Bindfaden
Nacht ohne Dach
Eine Passagierin Dritter Klasse
Frühlingsanfang auf der Bank vorm Anhalter Bahnhof
Das Geschwätz in der Bedürfnisanstalt in der Schellingstraße
August 1930
Frucht-Zucht-Frucht
Spielen Kinder doch …
Entomologische Liebe
Sonntagspublikum vor Bühnen
Hundstagsgespräch
Offener Antrag auf der Straße
Aus der Kundenkunde
Geld allein
Die Fliege im Flugzeug
Und glaubte doch es überwunden
Mein Wannenbad
Humorvolle Spinner
Trennung von einer Sächsin
Silvester
Winterflug 1929
Entschuldigungsbrief
Brief auf Hotelpapier
Nie bist du ohne Nebendir
Nie bist du ohne Nebendir
Schenken
Zu einem Geschenk
Schweigende Fahrgäste
So kann ein Wiedersehn sein …
Es lohnt sich doch
An meine Kollegen
Gedenken an Wedekind
Asta Nielsen weiht einen Pokal
Freunde, die wir nie erlebten
Sehnsucht nach Zufall
Freundschaft
Freundschaft
Ein Herz laviert nicht
Humpelnde Welt
Einer meiner Bürsten
Brief in die Sommerfrische
Essen ohne dich
Privat-Telegramm
Sag mir’s besser!
Wenn die Kaffeemaschine …
In Betrachtung eines Teppichs
Berge, Meer und Ebene
Freundestreue
Allein zu zwein
Begegnung
Fluidum
Wupper-Wippchen
Schöne Frau mit schönen Katzen
Schöne Frau ging vorbei
Vor einem Kleid
Nahm mich mit in ihrem Auto
An Gabriele B.
Ich habe dich so lieb
Abschied von Renée
Volkslied
Mein Riechtwieich
Ferngruß von Bett zu Bett
Aus
Schroffer Abbruch
Umarm ihn nicht
Das Mädchen mit dem Muttermal
Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument
Alter Mann spricht junges Mädchen an
Rückkehr zweier Thüringer aus England
Einem ängstlich Einsteigenden
Dorthin geh, wo die Andern nicht sind
Stimmungen
Was willst du von mir?
Mein erste Liebe?
Gedicht in Bi-Sprache
Straßenerlebnisse
Erinnerung an ein Erlebnis am Rhein
Meine alte Schiffsuhr
Du, meine Frau, wirst mich verstehen
Zu dir
An M. zum Einzug in Berlin
Reiseabschied von der Frau
Nach der Trennung
Telefonischer Ferngruß
Unterwegs
Ehebrief
Über meinen gestrigen Traum
Ich bringe der Frau eine Freundin
Die Freundin bringt mich ihrem Mann
Die Bitte um Verzeihung
Sehnsucht nach zwei Augen
An M.
… als eine Reihe von guten Tagen
Frohe, sich besinnende Stunde
Entgleite nicht
Warten auf Weißnichtwas
Der Abenteurer
Ehrgeiz
Flucht
Viel gesiebt
Die sonnige Kinderstraße
Wo ist der Mensch, den …
An die Masse
Warten auf Weißnichtwas
Psst!
Zwischen meinen Wänden
Traurig geworden
Nichts geschieht
So ist es uns ergangen
Großer Vogel
Kopf hoch, mein Freund!
Wort auf den Weg
Schwerer Fisch am Nagel
Dichter und erster Anhörer
Kammer-Kummer
Arm Ding
Einleitung
»Nein ernst, als ob das komisch wär« Joachim Ringelnatz – Kobold, Artist, Kunstmaler, Wortfeuerwerker
von Alexander Kluy
Spukschlösser gibt es nicht wenige. In Frankreich, in Österreich, in Irland. Natürlich und erst recht im spooky Vereinigten Königreich und Nordirland. Im hohen Norden Englands, am Übergang zu Schottland, steht etwa das so passend benannte wie unheimlich heimgesuchte Chillingham Castle (chill heißt auf Deutsch Schauer oder kühler Hauch). Es gibt Spukburgen und Spukhäuser. Vor Längerem gelesene Bücher spuken durch die Nebel der Erinnerung und des eigenen Gedächtnisses. Gibt es auch längst verstorbene Autoren, die herumspuken? Zumindest gab es einige, die an Geister und an Spukerscheinungen glaubten. Nach weitaus mehr Autorinnen und Autoren sind Häuser benannt und Literaturmuseen, Plätze und Straßen. Joachim Ringelnatz, einst im Leben schon nicht groß, machte sich diesbezüglich noch kleiner. Und trat noch bescheidener auf. Denn selber wünschte er sich im Gedicht Ehrgeiz wahrhaftig nicht viel: nur ein Gässchen, das nach ihm benannt werde, zum alleinigen Herumspuken. München, die Stadt, in der er am längsten lebte, benannte im Jahr 1953 einen rund 100 Meter kurzen schnurgeraden Weg im Stadtteil Solln nach ihm. Er aber hatte sich ein »krummes Gäßchen, mit niedrigen Türchen« gewünscht, »mit steilen Treppchen und feilen Hürchen / Mit Schatten und schiefen Fensterluken«. (In seiner Geburtsstadt Wurzen ist die Ringelnatzstraße noch kürzer als der Weg in München.) Dort, ja dort, in dieser Gasse, »würde ich«, schrieb Ringelnatz, »spuken«. Und nicht auf Chillingham Castle, wohin er nie kam.
Woher kam er denn? Wo kam Joachim Ringelnatz her?
»DER RINGELNATZ kam die bordeauxweinroten Ozeane heruntergeschwommen, zwischen bottle and battle, weiß Gott woher, setzt er unvermittelt auf tiefsten Grund eines Witzes höchste Spitze. Vielleicht aus des Wanderers Rimbaud Lenden entsprungen irgendwo zwischen Abessynien, dem Niederrhein und der Welt.«1 Als Franz Blei 1922 Ringelnatz so im Großen Bestiarium der Literatur besang, war dieser der jüngste Autor, der darin mit spitzer Feder kurzporträtiert wurde. War er doch gerade einmal drei Jahre alt.
»Joachim Ringelnatz« war erst im Dezember 1919 in die Welt und auf ihre Bühnen gesprungen. Von einem Schriftstellersohn erfunden, der geboren wurde im sächsischen Wurzen, in Leipzig aufwuchs, aus romantischer Neigung zur See fuhr und zwischen Surinam, Odessa und Norwegen die Meere durchkreuzte und durchlitt, der zum Hungerkünstler aus Not wurde und in tausend Nöten war, der sich in vielen bürgerlichen Berufen erprobte und in einem jeden scheiterte, der träge Kriegsjahre hinter sich hatte – und 1919 neu erstand: Joachim Ringelnatz. Und mit ihm Kuttel Daddeldu, der Mariner larger than life, in dessen Körper sein Finder/Erfinder, einst Leutnant zur See, derart überzeugend ungebärdig schlüpfte, dass er im Lauf der Jahre so manchen Brief als »Kuttel« zeichnete. Und der ein solch artistisches Verwirrspiel präsentierte, zwischen Raffinesse und Frivolem, zwischen hochamüsantem Pathosbruch und herzbrechender Einfühlsamkeit schillernd, wie es das Publikum bis dato noch nicht erlebt hatte.
Dabei war es in seiner facettenreichen verspielten Art, von vielen fälschlich als naiv eingeordnet, ein anarchisch-modernes Maskenspiel des Ichs, waren seine Gedichte so unverwechselbar und eingängig, dass sie Allgemeingut wurden, populär waren, bis heute rezitiert werden und hinreißend lebendig geblieben sind.
»Der kürzlich verstorbene Joachim Ringelnatz ›Aus Wurzen an der Wurze‹ (= Hans Bötticher 1883–1934) ist gebürtiger Wurzener und der Sohn eines Zeichners aus der Tapetenfabrik, der selbst poetische Schilderungen des Kleinstadtlebens (Allotria, Neues Allotria) brachte. Nach langen Jahren des Umherschweifens als Matrose begann er zu dichten und zu zeichnen, war mehrfach Bibliothekar in großen Privatbüchersammlungen und trat schließlich als Vortragskünstler auf. In seinen Gedichten mischt sich in eigenartiger Weise groteske Phantastik mit warmem Empfinden. Nach Jahren schweren Leidens starb er in völliger Armut in Berlin«, das schrieb bemüht ein sächsischer Lokalhistoriker.2
»Wurzen!?!?! – ach du liebe Zeit! Mein Wurzen.«3 Alles begann in der Mulde-Stadt. Mit Nässe und Feuchtigkeit. Mit Farben. Mit Angst und mit Weinen. Und mit der Sonne. »Ein Dienstmädchen trug mich auf dem Arm oder führte mich an der Hand.« So lautet der erste Satz seines Erinnerungsbuches Mein Leben bis zum Kriege (1931). »Es war noch jemand dabei. Wir standen am Rande eines trostlos schlammfarbenen Wassers, das in die Stadt eingedrungen war und – wenn mein Kleinkindergehirn recht verstand – immer höher stieg. Und der Himmel war gewittergelb. So schlimm, so trostlos war das!«4 Am 7. August 1883 kam Hans Gustav zur Welt. Sein Vater, Georg Bötticher, war gefragter Musterzeichner von Tapeten und Teppichen. Ende März 1888 verließ die Familie Wurzen und zog ins 30 Kilometer entfernte Leipzig. Die Musterzeichnungen des Vaters gingen nach Paris und Schweden, nach Russland und in die USA. Nach 1900 verschlechterte sich seine Sehkraft. Ab dem Jahr 1905 war er nur noch literarisch tätig. Was er schon seit Mitte der 1870-er Jahre gewesen war, er hatte beliebte Humoresken, Parodien, ironische Gedichte verfasst. War Leipzig 1871 die achtgrößte deutsche Großstadt gewesen, so 1895 mit 566 000 Einwohnern nach Berlin, Hamburg und München die vierte. Leipzig war nach der Jahrhundertwende Industriekapitale und Zentrum der Arbeiterbewegung. Und: Leipzig war Bücherstadt, Deutschlands literarisches Epizentrum.
Für den kleinen Hans war »der größte Eindruck der Fluss mit seiner Uferromantik. Zwischen den Löchern und dem wirren Gestrüpp der steilen Abhänge kletternd, kämpfend, forschend, erlebte ich die Abenteuer meiner Sehnsucht voraus. Der Fluss trug seltsame Gegenstände vorbei. Am andern Ufer war eine Pferdeschwemme. Es war ein spannendes Schauspiel, wenn dort Rosse ins Wasser geritten oder geführt wurden. Einmal, zweimal trieben dort Leichen an. Noch unheimlicher waren die hohen alten Pappeln an unserem Ufer. Die hohen Pappeln mit ihrem zitternden und schillernden Blättermillionen-Gewoge. Im Sturme neigten sie sich so beängstigend tief hin und her, als drohten sie, jeden Moment auf uns hereinzubrechen. Sie rauschten unsagbar unheimlich in meine einsame Kinderphantasie.«5
Der Vater war die Leitfigur des Drittgeborenen. Ihm eiferte er nach. Zur Mutter bestand ein eher gespanntes Verhältnis. »Mutterliebe fehlt uns beiden. Schade! aber es muß auch ohne die gehn«, bekannte er Jahre später.6 Hans war ein aufgeweckter Junge, fing sich blaue Flecken und so manche Beule ein. Er fing an zu malen, heitere Verse zu verfassen, kleine Geschichten zu erfinden. Mit neun Jahren schenkte er dem Vater zu Weihnachten ein selbst geschriebenes und eigenhändig illustriertes Büchlein.
Die Schulzeit war bis zum Ende quälend. In den Pausen war er der Allotria treibende Clown, der Streiche spielte, bockte und wider Disziplin und Regeln löckte. Die Zeugnisse stürzten nicht nur ihn in Not und Verzweiflung. Das Betragen des Jungen mit dem hellblonden Haar und dem offenen, gewitzten Gesicht wurde mit der schlechtesten Kopfnote, einer Fünf, bewertet.7 Mit 14 wurde er des Staatsgymnasiums verwiesen. Die Eltern steckten ihren ungebärdigen Sohn in eine der gefürchtetsten »Pressen« Leipzigs, in eine Drill-Einrichtung. Rettung war der weichherzige, sensible Vater. Was Hans durch den öden Alltag des Paukens brachte, war seine Passion fürs Zeichnen und Malen. Und Lesen. Er las viel, sehr viel. Im März 1901 bestand er die Abschlussprüfungen – am verblüfftesten darüber: er selbst. Nun entschied sich Hans Bötticher für Schwankendes. Fürs Meer.
Die Marine löste um 1900 mythische Träume von Macht, Kolonien und einem »Platz an der Sonne« aus. 1901, mit 17, fuhr Hans Bötticher zur See. Statt maritimer Romantik erlebte er mit den O-Beinen, der großen Nase und dem sächsischen Tonfall das Gegenteil: Entbehrungen, Härte und schwere körperliche Arbeit, eine rigide Hackordnung, Hänseleien und Demütigungen. Die abenteuerlichen Szenen an fernen Küsten, die er sich in Leipzig ausgemalt hatte, blieben aus. Er kam weit herum, nach Britisch-Honduras, dem heutigen Belize, nach Großbritannien, befuhr Nord- und Ostsee, die Levante, den Atlantik.
1903 endete sein wechselhafter Dienst. Da Hans Bötticher die neuen gesetzlichen Vorgaben einer bestimmten Sehstärke nicht erfüllte, verbot ihm die Berufsgenossenschaft fürderhin anzuheuern. Nicht übermäßig geknickt, entschied er sich für eine Arbeit als Kaufmann. In Hamburg. Für ein Jahr. 1904 wurde er zum einjährigen Dienst bei der Kriegsmarine eingezogen. Danach retour ins Kaufmannskontor. Die Metamorphose zum bürgerlichen Angestellten schien perfekt: Handelsschule, Tanzkurs, Pianola-Unterricht. Daneben schrieb er. Seine Gedichte und Reime sendete er an Zeitschriften. Und bekam alles retourniert. Nach zwei Jahren brach er aus, reiste nach England. Die Hafenstadt Hull war sein Ziel, in Erinnerung an eine unerfüllt gebliebene amouröse Begegnung aus seiner Matrosenzeit. Bötticher schlug sich als Mandolinensänger durch. Sein Repertoire umfasste nur eine Handvoll Melodien, darunter sein Lieblingslied La Paloma. In Belgien geriet er in Haft und wurde zwangsweise nach Deutschland expediert.
Die nächste Attraktion lag im Süden. München, die Stadt in Oberbayern, brachte Hans Bötticher Anderes, sie ließ ihn Neues ausprobieren und entdecken – sich. In einer Metamorphose. In einer neuen Verwandlungsstufe.
Das Leben war südlich leicht. Und er nahm es so. Er entdeckte Schwabing. München mit seinem speziellen Klima leuchtete jedoch entgegen der Behauptung Thomas Manns nachts nur in begrenztem Umfang. 1907 hatten rund zwei Drittel der Wohnungen in der Altstadt elektrisches Licht, in der Maxvorstadt und in Schwabing war es nur knapp die Hälfte. Um so auffälliger war die Laterne über dem Eingang eines Gasthauses in der Türkenstraße, die zweite Querstraße hinter dem Hauptgebäude der Universität. Diese Straße reicht vom Rand der Altstadt bis zum topografischen, wenn auch nicht kulturellen Auftakt Schwabings, jenem Stadtteil, der einen Ruf genoss als Ort der Boheme, eines fröhlichen Künstlervölkchens, wilder Atelierfeste und ebensolcher Liebespraktiken, als Bezirk politischer Wirrköpfe und Revolutionärer im Exil, von Kaffeehausliteraten, Schnorrern, Lebenskünstlern. Noch auffälliger war im Herbst 1908 das Schild dieses Wirtshauses namens Simplicissimus.
»An einem Nachmittag schlenderten wir durch die Türkenstraße. Da lasen wir ein gelbes Plakat an der Tür eines Restaurants: ›Simplicissimus-Künstlerkneipe‹, illustriert durch einen roten Hund, der eine Sektflasche zu entkorken suchte.
Künstlerkneipe! Künstlerkneipe! Das war ja was wir ersehnten. Wir wagten uns hinein. In dem spärlich beleuchteten Zimmer standen die Stühle noch auf den Tischen. Eine Kellnerin gab uns Auskunft. Die Künstler und Gäste kämen erst abends gegen zehn Uhr.«8 Anfangs war er noch unwissend, wer wer in diesem stets dichtgepackten Lokal war und welcher Poet gerade auf dem winzigen hölzernen Podium stand und eigene Verse rezitierte. Dann, im Fasching, wagte er sich selber darauf, trug Eigenes vor – und fiel krachend, völlig applauslos durch. Er war geknickt. Ließ aber nicht locker. Nach einigen Tagen trat er wieder auf mit einem extra auf die Lokalität gemünzten Poem, das humorvoll und ironisch war, leicht karikierend und in seiner Witzesschärfe genau in die von Alkohol, Geselligkeit und Bonmots aufgeheizte Atmosphäre passte. Als er am Ende des Simplicissimus-Lieds angelangt war, brandete lauter Beifall auf, der kein Ende nehmen wollte. Kathi Kobus, die stämmige, leutselige, finanziell gerissene Wirtin war stolz, derart gewürdigt worden zu sein. Hans Bötticher wurde von ihr zum Leib- und Magenpoeten erkoren.
Der neue Status war mit etwas Geld verbunden. Abends trat er nun regelmäßig im Simplicissimus auf. Er lernte, auch infolge seiner neuen prominenten Position inmitten der Klientel des Künstlertreffpunkts, unzählige neue Menschen kennen. Auch sein Vater kam einmal nach München und erlebte den abendlichen Auftritt des Sohnes mit, der recht kümmerlich honoriert wurde von der Kobus mit einer Mark und einem Teller warmer Suppe pro Abend. Er eröffnete im März 1909 eine Tabakhandlung und musste sie im Dezember desselben Jahres wieder schließen. Er lernte Malerinnen, Künstler, Bohemiens, Komponisten, Autoren und Literaturbesessene kennen, manche Beziehung hielt ein Leben lang. Einige gaben ihm Privatunterricht in alten Sprachen, Geschichte, Literaturhistorie. Ein wenig linderte dies seinen seelischen Minderwertigkeitskomplex wie seinen physischen Selbsthass – Bötticher: »Ich weiß, daß ich häßlich bin. Meine Beine sind krumm. Ich habe ein schiefes, vorstehendes Kinn. In mancher Gesellschaft scherze ich selbst über meine Fehler. Wenn meine Bekannten darüber spaßen, lache ich. In beiden Fällen bin ich unaufrichtig, denn es schmerzt mich innerlich. Ich pflege bei anderen Menschen immer erst auf Kinn und Beine zu sehen. Wie muß das herrlich sein, normale Gliedmaßen zu besitzen. Gewiß ebenso angenehm als das Gefühl gute Kleider, Wäsche und ordentliches Schuhzeug zu haben.«9 Der Journalist René Leclère, der 1910 in der Luxemburger Zeitung einen großen Artikel über den »Simplicissimus« veröffentlichte, erspürte dies beim Auftritt des »Hausdichters«:
Ein hagerer, bleicher Mann, mit einer Adlernase und scharfen, durchdringenden Augen bestieg das Podium.
»Das ist der Bötticher!« raunte mir mein Freund zu.
Der Mann mit dem unruhigen fahlen Gesicht begann Gedichte zu rezitieren.
Gedichte von ihm selbst; aber von solch sprudelnder Lustigkeit, daß es mir unerklärlich war, wie ein Mensch, in dessen Zügen soviel Gram und innere Zerrissenheit lagen, überhaupt noch wissen konnte, was Heiterkeit und Lebensbejahung sei. – Und alles lachte mit ihm; aber ich bemerkte trotzdem, daß in seinen Augen eine endlose Trauer war, eine Trauer, die er zu verbergen suchte und die doch immer hervorsprang, ungebändigt.
Der Hausdichter hielt inne. Man klatschte ihm wütend Beifall. Er dankte kühl und fast wie spöttisch.
Als er an uns vorbeiging, faßte ihn mein Freund am Arm. »Wie geht’s, Bötticher? Setzen Sie sich einen Augenblick zu uns. – Elsa! eine Bowle!«
Der Mann nahm Platz in unserer Nähe.
Bald war ich in ein Gespräch mit ihm vertieft. –
Ich fragte, ob die humoristische Poesie ihm so sehr liege; ob er sich ausschließlich damit beschäftigte. – »Nein«, sagte er darauf, und es schien als sei die Stimmung ernster geworden, – das tue ich, um Geld zu verdienen. Die Leute wollen lachen, und da muß ich mit ihnen lachen.« – »Ein Pierrot- oder Bajazzomotiv«, dachte ich. – Hierauf erzählte er mir lange, daß er andere Gedichtemache, lyrische; wie kein Verleger seine Sachen drucken wolle, weil sie nicht nach dem Geschmack des Publikums seien; wie er es trotzdem nicht lassen könne zu dichten, weil es sein Lebenszweck sei. – Hier sei er lustig, weil er bezahlt werde.10
Seine Unzufriedenheit und Unrast nahmen zu. Aktiv kontaktierte er Verlage. Er wollte die nächste Stufe nehmen: sich, endlich!, als Buchautor gedruckt sehen. 1910 erschien das Kinderbilderbuch Kleine Wesen mit Texten von ihm. Nur wenige Wochen später kam sein erster, dünner Lyrikband heraus. Ein drittes Projekt bahnte sich an, ein autobiografisches, das Schiffsjungentagebuch. Es lag im Januar 1911 in den Buchhandlungen. Im Winter 1911 schwer erkrankt, bedrängten ihn neuerlich akute Geldprobleme. Ein guter Freund lud ihn auf das Anwesen seiner adeligen Familie in Kurland im Baltikum ein. Natur, Idylle, Ruhe! Bald bezog er ein kleines Häuschen in Bilderlingshof (heute Bulduri) von Riga-Strand (heute Jurmala, Lettland). Den Winter verbrachte er dort – und erfror fast. Im Januar 1912 fand er neue Anstellung, beim Grafen Yorck von Wartenburg auf Schloss Klein Oels, Kreis Ohlau, in Niederschlesien, als Bibliothekar (»50 000 Bände u. wertvolle Kunstsammlungen ordnen, 3 Stunden Arbeit täglich; kein Honorar aber alles frei u. Zeit zu eigenen Arbeiten!«).11 Bis Ende 1912 sollte er dort sein. Danach für drei Monate Hannover, Bibliothekar bei Freiherrn Börries von Münchhausen. Anschließend Eisenach in Thüringen. Er kam bei einer Bekannten und literarischen Verehrerin unter, die ein Mädchenpensionat betrieb. Im Jahr 1913 fand er dort seine erste größere Liebe. Verlobung. Entlobung. Dann Bibliothekar auf Burg Lauenstein in Oberfranken – nur gab es dort kein einziges Buch. Stattdessen: Fremdenführer, der Lügenmärchen auftischte. Rückkehr nach München. Er hielt sich mit dem Verkauf antiquarischer Bücher über Wasser. Wieder Boheme-Leben. Groß die Geldsorgen, immer größer die Schulden. Texte, die er an Zeitschriften schickte, wurden abgelehnt.
Dann brach der Krieg aus. Er wurde zur Marine eingezogen. Langweiliger Dienst in der Deutschen Bucht, in Wilhelmshaven, Cuxhaven, Kiel. Nichts mit heldenhaften Kämpfen. Stattdessen: einfache Tätigkeiten, Stillstehen, Kohleschippen, Antreten, Abzählen, Stillstehen, Rekruten schleifen, Exerzieren, Kohlen schaufeln, Antreten, Abzählen. Abwehr feindlicher Kampfschiffe. Die nie kamen. Dann Baltikum, Kiel und Warnemünde. Und wieder Cuxhaven. Er schrieb weiter; und trat bei Weihnachtsfeiern auf. Für ein Gedicht wurde er an Weihnachten 1916 zum Vizefeuerwerker befördert, im Oktober 1917 zum Leutnant. Die letzte Kriegszeit verbrachte er auf einem abgelegenen Außenposten, wo er sich ein Terrarium einrichtete. Anfang 1918 starb der Vater. Nach einigem rastlosem Kreuz- und Quer-Reisen hörte Hans Bötticher auf zu existieren – und es trat auf: Joachim Ringelnatz. »Im November 19 schrieb ich neuartige Gedichte unter dem Pseudonym Wandelhub«, wie er in seiner Autobiografie verrätselt anmerkte.12 Ganz ungewöhnlich waren Umbenennungen damals nicht. So wählte sich der Berliner Journalist Kurt Tucholsky gleich vier Pseudonyme. Gewandelt und herausgehoben hatte sich Hans Bötticher. Aber wie? Und wieso? Und weshalb Ringelnatz, ausgerechnet »Joachim Ringelnatz«?
Einem Freund soll er einmal gesagt haben, der Name »Ringelnatz« habe keinerlei Bedeutung, er gefalle ihm, weil er ihn schützen würde wie eine Tarnkappe.13 Zumindest das Bild von der Tarnkappe sollte sich als gegenstandslos erweisen. Denn Ringelnatz trat mit Macht und bald auch mit Erfolg, mit immer größerem Erfolg auf. Und mit ihm eine andere Figur, Kuttel Daddeldu. Die Physiognomie beider wurde zur literarischen Fusion. Doch vor Kuttel stand anderes. Das erste Nachkriegsbuch nämlich, das unter dem Namen »Joachim Ringelnatz« veröffentlicht wurde, im Oktober 1920, enthielt die skandalös lustigen Turngedichte, die ihm Durchbruch und Anerkennung brachten. Sie waren parodistisch subversiv, weil sie den manisch betriebenen Turnsport tief durch den Kakao zogen. Martialischem Körperpathos entzog Ringelnatz durch grotesken Klamauk und abseitige Pointen und unerwartet große Fallhöhen – nicht jede leibliche Äußerung ist eine diskret kontrollierbare (Stichwort: Darmwind) – jeden Grund. Unter der Hand waren seine so witzsprühenden Poeme hochliterarisch, spielten mit Gedichten Goethes, Heines, anderer heute vergessener, einst beliebter Autoren des 19. Jahrhunderts. Und waren dabei hochmodern, etwa das lautmalerische Gedicht über einen Boxkampf, das so einsetzt: »Bums! – Kock, Canada: – Bums! / Käsow aus Moskau: Puff! Puff! / Kock der Canadier: – Plumps!«.
Ebenfalls 1920 erschien Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid: der zweite, der endgültige Durchbruch. Beide Bücher werden rasch nachgedruckt. Noch rascher wurde Ringelnatz nun gebucht, als Vortragskünstler. Er wurde zum »reisenden Artisten«. Und trug seine Texte auf der Bühne vor, in Sälen, großen Theatern und Cabarets. Die nächsten zwölf Jahre sollte er, neun bis zehn Monate pro Kalenderjahr, unablässig reisen. Fand so neue Stoffe, Themen, Impressionen, etwa für seine Stadtgedichte. Und schrieb immer und überall, Gedichte, Prosa, Briefe, sehr viele Briefe, in der Bahn, im Hotelzimmer, im Restaurant, auf der Aussichtsterrasse. Wurde überaus gefragter und umworbener Mitarbeiter vieler Zeitungen, Zeitschriften und Magazine, die seine Gedichte abdruckten; daneben malte er bemerkenswert gut; das ihm gewidmete feine Museum in Cuxhaven präsentiert heute die größte Auswahl seiner Gemälde.
Mit Kuttel Daddeldu verschmolz er für jene, die glaubten, auch im Privatleben trage Ringelnatz Matrosenanzug und sei immer angetrunken. Das Gegenteil stimmte, er schätzte gepflegte Kleidung und war immens produktiv: In 15 Jahren entstand ein Werk, das insgesamt 3000 (!) Buchseiten umfasst. Kuttel – das ist der Mariner, der alle Vorurteile der »Landratten« über das Leben der Matrosen glänzend bestätigt, ein jederzeit wie allerorten angetrunkener Seebär. Und ein naiver Trickster, sobald er die nassen maritimen Planken verlässt und einen Fuß auf festen Boden setzt. Wetterfest ist er, kosmopolitisch diverse Sprachen miteinander verschneidend – »Gud morning! – Sdrastwuide! – Bong Jur, Daddeldü! / Bon tscherno! Ok phosphor! Tsching – tschung! Bablabü!«14 – aufschneiderisch, bramabarsierend, prahlerisch. Als Schwerenöter sucht er das Herz am rechten Fleck der Seemannsbräute, die allzu oft abgewrackte Huren sind, in Hafenstädten, in denen ihm seine Heuer wie Sand aus den Taschen rinnt.
»Vielleicht«, meinten 1928 Hermann Sinsheimer und Peter Scher in ihrem Buch von München – und Scher war ein langjähriger, enger Freund Ringelnatzens –, »ist es überhaupt die Zeit, die, selber ringelnatzend, ihn erwählt hat, sie in all ihrer verwegenen, munteren und trotz scheinbar übertriebener Sachlichkeit doch eben wieder phantastischen Art so humorvoll auszudrücken.«15
Schon früh verstand sich der Sohn eines Schriftstellers auch als Sprachspieler, hatte Sprachspiele artistisch und verliebt in Klang, Alliteration, Reim und Assonanzen durchexerziert. Er hatte in München Umgang mit Mitgliedern der Hermetischen Gesellschaft gehabt, die, als handele es sich um ein Kloster oder einen Orden, für den Eintritt in ihre Reihen neue Namen ausgegeben hatten.16 Während seiner Jahre auf See hatte er erlebt, dass einem jeden ein Kurz- oder Spitzname angehängt wurde, etwa »Schlangenmensch« für einen gelenkigen Matrosen, »Stiefbeen« für einen ungelenkigen. Er selber war an Bord als Aas, als Bengel oder, seine Nase im Blick, als Specht tituliert worden.17 Er selber hatte seinen Hund »Frau Werner« genannt. Vor allem aber in seinen Korrespondenzen hatte er außergewöhnliche Anreden kreiert: »Mi« und »Bampf« und »Schneehase« für Freundinnen, »Muckelmann« für einen Hamburger Bekannten, »Otterfell« für seine Schwester Ottilie.18 Und die wichtigste Frau seines Lebens, Leonharda Pieper, die ihn um 43 Jahre überleben sollte, nannte er zärtlich »Muschelkalk«.
»Mit meinesgleichen, den sogenannten Humoristen,« klagte schon anno 1918 der österreichische Humorist Alexander Roda Roda, »pflegt sich die Literaturgeschichte nur ganz hinten im Anhang zu befassen, flüchtig und in kleiner Schrift; auch das erst, wenn unsereins lange genug tot ist.«19 »Humoristische«, unterhaltsame, leichte und scheinbar leichthändige Literatur ist noch immer das kleine, schiefe Stiefkind der Germanistik, das nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen wird. Offenbar weil dieses Genre sich mit diebischem Vergnügen den humorbefreiten Anstrengungen der Deutungswissenschaften entzieht. Auf Ringelnatzens Schultern standen und stehen Heinz Erhardt und unzählig viele Nachfolgende, vom Hochseil-Lyriker Peter Rühmkorf (der sich eines erbat: »daß ihr vielleicht in die unterste Stufe / der Ringelnatztreppe / meinen Namen einkerbt.«20) bis zu Harry Rowohlt, Heino Jaeger oder Robert Gernhardt – die aber Ringelnatz nie imitieren konnten. Denn dessen an der Oberfläche konventionell gereimte Gedichte scheinen kleingroße À propos, Scheinbar-Nebenher-Verse, zu sein, sind aber ausgefeilt bis ins Kleinste und hochliterarisch – man hört immer wieder Heinrich Heine hindurch, Carl Michael Bellman und andere –, und viel nachdenklicher und tiefer, als das erste Hören, das erste Lachen es glauben machen wollen, die erste Lektüre trügt immer wieder. Sie sind ironisch und tragisch. Trotz der immensen Fülle finden sich in jedem eine überraschende Formulierung, Reiz und Glanz und stilistische Geistesblitzigkeit. Ringelnatz war mehr als »nur« ein »Humorist«, viel mehr als ein Komiker. Er kannte Zerrissenheit und Melancholie und Niederlagen und Aufschwung (nicht nur am Reck) und überschwänglichen Witz und gewaltiges Glück im Moment. Er besaß einen untrüglichen Sensus für den schief-absurden Anhauch der Welt, die von ihm wieder und wieder Lacher und Unterhaltung erwartete. Diesen Zwiespalt von Ablehnung und Rollenerwartung, Konformitätsattitüde und dissonant erklingender origineller Kreativität erkannte Ringelnatz selber und brachte dies im Gedicht Der Komiker auf den Punkt:21
Ein Komiker von erstem Rang
Ging eine Straße links entlang.
Die Leute sagten rings umher
Hindeutend: »Das ist der und der!«
Der Komiker fuhr aus der Haut
Nach Haus und würgte seine Braut.
Nicht etwa wie von ungefähr,
Nein ernst, als ob das komisch wär.
Das Ende von Joachim Ringelnatz war alles andere als komisch. 1930 aus München nach Berlin umgezogen und Autor im namhaften Ernst Rowohlt Verlag, sah er nun akut und scharf die Bedrohung der Demokratie und den Aufstieg der Nationalsozialisten. Ab 1933 konnte er kaum mehr publizieren, verdiente immer weniger, weil seine Bücher nicht nachgedruckt oder aus dem Buchhandel entfernt wurden. Da war er bereits unheilbar an Tuberkulose erkrankt. Er starb am 17. November 1934 im Alter von 51 Jahren. Drei Tage später wurde er auf dem Friedhof an der Heerstraße in Berlin beigesetzt (hier wurde auch Loriot begraben), seine Grabstätte befindet sich noch heute dort (Feld 12-D-21). »Dienstag, ½ 3 Uhr ganz nahe in einem Waldfriedhof, der in dichtem Nebel lag«, so seine Schwester, »war eine wunderschöne kleine Feier in einer mit Kerzen u. Lorbeeren reich geschmückten Halle, auf dem Sarg lag die Fahne u. ein Sträußchen von Muschelkalk u. es erklangen von der Orgel Seemannslieder u. zuletzt ›La Paloma‹ u. unter diesen Klängen wurde der Sarg hinaus getragen.«22
Von Joachim Ringelnatz ausgefüllter Fragebogen im Gästebuch seines Hamburger Freundes Carl H. Wilkens [Hautana, die Antwort bei Nr. 16, war der erste seriell hergestellte und 1913 patentierte Büstenhalter]:23
| 1. Frage: | Was essen Sie am liebsten? | Austern. |
| 2. Frage: | Welches Temperament ist bei Ihnen vorherrschend? | Das linke. |
| 3. Frage: | Haben Sie eine Weltanschauung? | Eine ganz kleine. |
| 4. Frage: | Wie heißt Ihre Lieblingsblume? | Seegras. |
| 5. Frage: | Was ist Ihnen die Erotik? | Heimlicher Sport. |
| 6. Frage: | Welchen Duft schätzen Sie sehr? | W. C. |
| 7. Frage: | Was verstehen Sie unter Glück? | Dito. |
| 8. Frage: | Wie denken Sie über Frauen? | Ähnlich. |
| 9. Frage: | Was trinken Sie am liebsten? | Terpentinöl. |
| 10. Frage: | Welche Meinung haben Sie von der Ehe? | Eine dicke Ehrfurcht. |
| 11. Frage: | Sind Sie diskret? | Warum nicht! |
| 12. Frage: | Warum nicht? | Weshalb denn? |
| 13. Frage: | Haben Sie Takt? | Ja, mehrere. |
| 14. Frage: | Welches Buch lieben Sie vor allem? | Das Hamburger Adreßbuch. |
| 15. Frage: | Wie ist Ihr Verhältnis zu Kunst und Wissenschaft? | Ein inniges. |
| 16. Frage: | Welche Ausdrucksform und Richtung bevorzugen Sie? | Hautana. |
| 17. Frage: | Haben Sie ein Ziel? | Nicht bei mir. |
| 18. Frage: | Was erregt Ihre absolute Abneigung? | Der Tod. |
In dem postum erschienenen Kasperle-Bilderbuch, das Joachim Ringelnatz im Winter 1933 für die kleine Tochter eines Bekannten getextet hatte, ist zu lesen:
Ich komme und gehe wieder,
Ich, der Matrose Ringelnatz.
Die Wellen des Meeres auf und nieder
Tragen mich und meine Lieder
Von Hafenplatz zu Hafenplatz.
Ihr kennt meine lange Nase,
Mein vom Sturm zerknittertes Gesicht.
Daß ich so gern spaße
Nach der harten Arbeit draußen,
Versteht ihr das?
Oder nicht?24
1Franz Blei, Das große Bestiarium der Literatur, hrsg. und mit einem Nachwort von Rolf-Peter Baacke, Hamburg 1995, S. 58 f.
2Heinz Mattick: Wurzen. Landschaft Geschichte Menschen. Ein Führer durch das Städtische Heimatmuseum, zugleich ein Versuch, die Heimatgeschichte vom Gegenständlichen her darzustellen, Wurzen 1938, S. 45
3Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden (GW), hrsg. von Walter Pape, Zürich 1994, Bd. 5, S. 314
4GW, Bd. 6, S. 5
5Ebd., Bd. 6, S. 7
6Joachim Ringelnatz: Briefe, hrsg. von Walter Pape, Berlin 1988, S. 228
7GW, Bd. 6, S. 19
8GW, Bd. 6, S. 222
9GW, Bd. 4, S. 358
10GW, Bd. 6, S. 381
11Joachim Ringelnatz: Briefe, hrsg. von Walter Pape, Berlin 1988, S. 18
12GW, Bd. 5, S. 232
13Herbert Günther: Joachim Ringelnatz mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 2011, S. 43
14GW, Bd. 1, S. 131
15Hermann Sinsheimer und Peter Scher: Das Buch von München, München 1928, S. 103
16GW, Bd. 6, S. 282
17GW, Bd. 6, S. 59
18Ringelnatz: Briefe, S. 18, 390
19Rotraut Hackermüller: Einen Handkuß der Gnädigsten. Roda Roda. Bildbiographie, Wien und München 1986, S. 8
20Peter Rühmkorf: Wenn – aber dann. Vorletzte Gedichte, Reinbek 1999, S. 125
21GW, Bd. 1, S. 309
22Ottilie Mitter in einem Brief an ihren Sohn vom 25.11.1934, zit. nach Friederike Schmidt-Möbus und Frank Möbus: Böses Ende 34, in: Frank Möbus, Friederike Schmidt-Möbus, Frank Woesthoff und Indina Woesthoff (Hrsg.): Ringelnatz! Ein Dichter malt seine Welt, Göttingen 2000, S. 256–262, hier S. 261
23Zit. Nach: In memoriam Joachim Ringelnatz. Privatdruck veranstaltet von Muschelkalk Ringelnatz. Leipzig 1937. Neu hrsg. von Frank Möbus, Berlin 2010, S. 79
24Helmut Heintel (Hrsg.): Das Kasperle-Bilderbuch, Ostfildern-Ruit 1993, S. 32
Ernster Rat an Kinder
Kinder, spielt mit einer Zwirnsrolle!
Gewaltigen Erfolg erzielt,
Wer eine große Rolle spielt.
Im Leben spielt zum Beispiel so,
Ganz große Rolle: der Popo.
Denkt nach, dann könnt ihr zwischen Zeilen
Auch mit geschlossenen Augen lesen,
Daß Onkel Ringelnatz bisweilen
Ein herzbetrunkenes Kind gewesen.
Bist du schon auf der Sonne gewesen?
Bist du schon auf der Sonne gewesen?
Nein? – Dann brich dir aus einem Besen
Ein kleines Stück Spazierstock heraus
Und schleiche dich heimlich aus dem Haus
Und wandere langsam in aller Ruh
Immer direkt auf die Sonne zu.
So lange, bis es ganz dunkel geworden.
Dann öffne leise dein Taschenmesser,
Damit dich keine Mörder ermorden.
Und wenn du die Sonne nicht mehr erreichst,
Dann ist es fürs erstemal schon besser,
Daß du dich wieder nach Hause schleichst.
Eine Erfindung machen
Nur für Kinder, die keinen Schiß haben
Wer was erfindet, wird furchtbar reich.
Was man erfindet, ist ganz gleich.
Wenn man nur allerlei Dinge zusammenmischt,
Noch länger, als bis es zischt, und das Richtige rausfischt,
Dann wird man in wenigen Stunden
Berühmt oder macht Gold.
Ich hab auch schon mal was zur Hälfte erfunden,
Aber Wolfgang, mein Bruder, wollte nicht mehr. –
Wenn ihr das etwa fertig erfinden wollt,
Will ich’s euch sagen. Aber es ist sehr, furchtbar sehr schwer.
Das allerwichtigste ist die teure
Furchtbar gefährliche Salzsäure.
Entweder findet ihr die im Klosett
Hoch oben auf einem Brett.
Oder ihr müßt euch unter das Dienstmädchen stecken.
Dürft aber ja nicht dran lecken.
Erst legt ihr einen Goldfisch oder anderen Fisch –
Es kann auch ein Rollmops sein –
Nicht etwa auf den Tisch,
Sondern: Auf Elfenbein.
Und zwar auf die weißen Tasten von dem Klavier.
Müßt aber die Fische vorher mit Bier
Und Zahnpulver kneten
Und auch erst tottreten,
Damit sie auch liegenbleiben.
Nun müßt ihr Seife, dann Zwiebel darüber reiben.
Dann müßt ihr Pfennige, Nachtleuchterstücken
und anderes Kupfer tief in die Fische drücken
Und nun darüber langsam Salzsäure träufeln.
Dann holt ihr schnell eine Schaufel (eigentlich zwei Schäufeln)
Voll glühender Kohlen.
Wolfgany ließ mich damals die zweite Schaufel nicht holen.
Der dumme Ochse ist ja zu unverschämt.
Aber ihr müßt das zu Ende bringen.
Wenn ihr noch Soda und Wachs und so was zu nehmt,
Dann wird’s schon gelingen.
Und wenn eure Eltern was wollen,
Dann müßt ihr zum Trotz in die glühenden Kohlen fassen.
Und sagt nur ganz barsch: Sie sollen
Sich lieber und recht bald begraben lassen.
Abzähl-Reime
Bülow, Nolle, Witte, Zoo …
Auf dem Dache sitzt ein Floh,
Der sich nicht zu helfen wo.
Konikoki Kakadu …
Rose auf und Rose zu.
Ferkel Ei und Ferkel Zwei.
Wer nicht fehlt, ist mit dabei.
Stachus, Kios, Kaos, Kies,
Spinne, Speise, Scheiße, schieß.
Sexu Elefant Asie.
Fische haben nie kein Knie.
Ritze Rotze Ringelratz
Zwei Miezeschwein, ein Grunzekatz.
Mein Großpapa heißt Lali,
Der wird des Nachts ganz lila.
Die Feder
Ein Federchen flog über Land;
Ein Nilpferd schlummerte im Sand.
Die Feder sprach: »Ich will es wecken!«
Sie liebte, andere zu necken.
Aufs Nilpferd setzte sich die Feder
Und streichelte sein dickes Leder.
Das Nilpferd öffnete den Rachen
Und mußte ungeheuer lachen.
Der Funke
Es war einmal ein kleiner Funke.
Das war ein großer Erzhallunke.
Er sprang vom Herd und wie zum Spaß
Gerade in ein Pulverfaß.
Das Pulverfaß, das knallte sehr;
Da kam sofort die Feuerwehr
Und spritzte dann mit Müh und Not
Das Feuer und das Fünkchen tot.
Der Edelstein
Der gute König Magarone
Trug einen Stein in seiner Krone.
Es war ein schöner Edelstein,
Er funkelte wie Sonnenschein.
Ein böser König kam aus Polen,
Um sich den Edelstein zu holen.
Sie stritten sich fast zehn Minuten,
Der böse König mit dem guten.
Dann kam ein fürchterlicher Krieg.
Der gute König kam zum Sieg.
Und schenkte – weil er sich so freute –
Den Edelstein an arme Leute.
Die Seifenblase
Es schwebte eine Seifenblase
Aus einem Fenster auf die Straße.
»Ach nimm mich mit dir«, bat die Spinne
Und sprang von einer Regenrinne.
Und weil die Spinne gar nicht schwer,
Fuhr sie im Luftschiff übers Meer.
Da nahte eine böse Mücke,
Sie stach ins Luftschiff voller Tücke.
Die Spinne mit dem Luftschiff sank
Ins kalte Wasser und ertrank.
Das Ei
Es fiel einmal ein Kuckucksei
Vom Baum herab und ging entzwei.
Im Ei da war ein Krokodil;
Am ersten Tag war’s im April.
Der Floh
Herr Müller hatte einen Floh,
Der stach Herrn Müller irgendwo.
Herr Müller dankte für die Ehre,
Dann nahm er eine lange Schere
Und schnitt ihn in zwei gleiche Teile.
Jedoch, nach einer kurzen Weile,
Da wurden aus dem einen Floh
Zwei neue Flöh’ daraus. – Oho!
Da sprach der eine von den beiden:
»Man muß nicht einen Floh zerschneiden.«
Die Nadel
Ein Schneider eine Nadel fand,
Die stach den Schneider in die Hand.
Der Schneider sprang entsetzt zurück,
Die Nadel sprach, ich bring’ dir Glück.
Der König hörte Schneiders Leid,
Und er bestellte sich ein Kleid.
Der Schneider nähte dieses gleich;
Am andern Tage war er reich.
So hat die Nadel über Nacht
Dem armen Schneider Glück gebracht.
Das Samenkorn
Ein Samenkorn lag auf dem Rücken,
Die Amsel wollte es zerpicken.
Aus Mitleid hat sie es verschont
und wurde dafür reich belohnt.
Das Korn, das auf der Erde lag,
Das wuchs und wuchs von Tag zu Tag.
Jetzt ist es schon ein hoher Baum
Und trägt ein Nest aus weichem Flaum.
Die Amsel hat das Nest erbaut;
Dort sitzt sie nun und zwitschert laut.
Der Wassertropfen
Ein Wassertropfen fiel vom Himmel;
Es war ein ungezog’ner Lümmel.
Im Grase schlief ein dummer Hase,
Der Tropfen fiel auf seine Nase.
Der Hase dachte sich dabei,
Daß er jetzt totgeschossen sei.
Er sprang in seinem großen Schreck
Aus seinem sicheren Versteck.
Der Jägersmann stand an der Straße
Und schoß ihn wirklich in die Nase.
Der Knopf
Es war ein Knopf an Fritzens Mütze,
Der machte ungezogne Witze.
Erst strampelte er stundenlang,
Worauf er von der Mütze sprang.
Er fiel auf einen Kieselstein,
Dort schlief er ganz ermüdet ein.
Und eine Schlange sah den Schläfer;
Sie dachte sich, es sei ein Käfer.
Und weil der Käfer ihr gefiel,
So fraß sie ihn mit Stumpf und Stiel.
Der Stein
Ein kleines Steinchen rollte munter
Von einem hohen Berg herunter.
Und als es durch den Schnee so rollte,
Ward es viel größer als es wollte.
Da sprach der Stein mit stolzer Miene:
»Jetzt bin ich eine Schneelawine.«
Er riß im Rollen noch ein Haus
Und sieben große Bäume aus.
Dann rollte er ins Meer hinein,
Und dort versank der kleine Stein.
Wer hört ein Stäubchen lachen?
Wer hört ein Stäubchen lachen?
Stäubchen stob durch die Stube.
Dort saß ein kleiner Bube
(Der Stäubchen wie ein Riese erschien)
Vor einem Stadtplan von Berlin.
Stäubchen lachte: »Berlin ist klein!«
Drang in Bübchens Nase hinein
Und ließ sich von dem Riesen
Wieder ins Weltall niesen.
Arm Kräutchen
Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen
Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.
Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn,
Sah niemals einen Dampfer.
Das scheue Wort
Es war ein scheues Wort.
Das war ausgesprochen
Und hatte sich sofort
Unter ein Sofa verkrochen.
Samstags, als Berta das Sofa klopfte,
Flog es in das linke, verstopfte
Ohr von Berta. Von da aus entkam es.
Ein Windstoß nahm es,
Trug es weit und dann hoch empor,
Wo es sich in das halbe, bange
Gedächtnis eines Piloten verlor.
Fiel dann an einem Wiesenhange
Auf eine umarmte Arbeiterin nieder,
Trocknete deren Augenlider.
Wobei ein Literat es erwischte
Und, falsch belauscht,
Eitel aufgebauscht,
Mittags dann seichten Fressern auftischte.
Und das arme, mißbrauchte,
Zitternde scheue Wort
Wanderte weiter und tauchte
Wieder auf, hier und dort.
Bis ein Dichter es sanft einträumte,
Ihm ein stilles Palais einräumte. –
Kam aber sehr bald ein Parodist
Mit geschäftlich sicherem Blick,
Tauchte das Wort mit Speichel und Mist
In einen Aufguß gestohlner Musik.
So ward es publik.
So wurde es volkstümlich laut.
Und doch nur sein Äußeres, seine Haut,
Das Klangliche und das Reimliche.
Denn das Innerste, Heimliche
An ihm war weder lauschend noch lesend
Erreichbar, blieb öffentlich abwesend.
Im Park
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
Gegen den Wind an den Baum
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
Der Globus
»Wo sitzt«, so frug der Globus leise
Und naseweise die weise, weiße,
Unübersehbar weite Wand,
»Wo sitzt bei uns wohl der Verstand?«
Die Wand besann sich eine Weile,
Sprach dann: »Bei dir – im Hinterteile!«
Nun dreht seitdem der Globus leise
Sich um und um herum im Kreise –
Als wie am Bratenspieß ein Huhn,
Und wie auch wir das schließlich tun –,
Dreht stetig sich und sucht derweil
Sein Hinterteil, sein Hinterteil.
Bumerang
War einmal ein Bumerang;
War ein weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.
Logik
Die Nacht war kalt und sternenklar,
Da trieb im Meer bei Norderney
Ein Suahelischnurrbarthaar. –
Die nächste Schiffsuhr wies auf drei.
Mir scheint da mancherlei nicht klar,
Man fragt doch, wenn man Logik hat,
Was sucht ein Suahelihaar
Denn nachts um drei am Kattegat?
Lustig quasselt
Lustig quasselt der seichte Bach.
Scheinchen scheppern darüber flach.
Stumm gegen die Wellchen steht ein Stein,
Sieht – wie mir scheint –
Ernst aus und verweint.
Denn es macht traurig, unbequem zu sein.
Weiß nicht mehr, was ich sagen wollte
Angegriffen und doch unversehrt
Rollt ein Bächlein zu Tale.
Und ein Stahlhelm ist umgekehrt
Eine stillende Schale.
Mancher Dieb wird erwischt.
Jedes Leben erlischt.
Zu dem Staubgefäß in der Dolde
Schleicht sich auch mancher Dieb –
Ich weiß gar nicht mehr, was ich sagen wollte –
Sei lieb!
Ein Kehlkopf litt an Migräne
Ein Kehlkopf litt an Migräne
Und schrie wie eine Hyäne,
Er schrie sich wund.
Doch als ihm niemand zu Hilfe kam
Und niemand ein Geschrei vernahm,
War er auf einmal – – – gesund.
Abschiedsworte an Pellka
Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
Du Ungleichrunde,
Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
Du Vielgequälte,
Du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! – – Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Mußt nicht so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist ein so rührend junges Blut. –
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, daß du eine Edelknolle
Warst und daß dich ein Kenner verschlingt.
Meine Schuhsohlen
Sie waren mir immer nah.
Obwohl ich sie selten sah,
Die Sohlen meiner Schuhe.
Sie waren meinen Fußsohlen hold.
An ihnen klebt ewige Unruhe
Und Dreck und Blut und vielleicht sogar Gold.
Sie haben sich aufgerieben
Für mich und sahen so selten das Licht.
Wer seine Sohlen nicht lieben
Kann, liebt auch die Seelen nicht.
Mir ist seit einigen Tagen
Das Herz so schwer.
Ich muß meine Sohlen zum Schuster tragen,
Sonst tragen sie mich nicht mehr.
Es war einmal ein Kragenknopf
Es war einmal ein Kragenknopf
Mit einer Mechanik am Kopf.
Der Kragenknopf saß im Genick.
Er schnipste mit der Mechanik,
Worauf mit unheilvollem Klang
Ein Kragen, der den Hals umschlang,
Elastisch aus der Angel sprang.
Ein Finger mühte sich durch Knipsen,
Ihn wieder richtig einzuschnipsen,
Doch weil ihm das nicht wollte glücken,
Ergriff besagter Kragenknopf
Schnell die Gelegenheit beim Schopf
Und rutschte an des Menschen Rücken
Mit nie geahnter Blitzesschnelle
Hinab nach jener düstern Stelle,
Die sich der arme Mensch verletzt,
Wenn er sich auf was Spitzes setzt.
Die Schnupftabaksdose
Es war eine Schnupftabaksdose,
Die hatte Friedrich der Große
Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz.
Und darauf war sie natürlich stolz.
Da kam ein Holzwurm gekrochen,
Der hatte Nußbaum gerochen.
Die Dose erzählte ihm lang und breit
Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.
Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös
Und sagte, indem er zu bohren begann:
»Was geht mich Friedrich der Große an!«
Der Briefmark
Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!
Emanuel Pips
Zu seinem 81. Geburtstag
Den Kammerjäger Emanuel Pips
Vom linken Ufer des Mississipps
Mochte jedermann leiden.
Er war äußerst bescheiden.
Er trug acht Zentimeter Rips
Als Anzug und einen Seiden-
Faden in Grün als Schlips,
Fragte niemals nach Rennbahntips,
Hatte überhaupt keinen Grips,
Aß einmal am Tage (potato-ships),
Trank alkoholfreie Salzwasserflips,
Wurde trotz alledem magenkrank
Und starb am Schwips.
Seine kleine Büste aus Gips
Steht unter anderen Nippes
Heute auf meinem Bücherschrank.
Berichtigung: Kammerjäger Pips
Schrieb sich eigentlich innen mit Yps-
Ilon, doch war so bescheiden und lieb,
Daß es ihm gleich war, wie man ihn schrieb.
Schwefelholz
War einmal ein Schwefelholz,
Das sich mit erhabnem Stolz
Einen Anarchisten nannte
Und ein ganzes Haus verbrannte.
Dieses war schon ungewöhnlich,
Doch es kannte auch persönlich
Meyers Taschenlexika,
Ganz speziell das Bändchen »A«,
Weshalb es sich nach dem Brande
An besagtes Bändchen wandte
Mit den Worten: »Sag, was ist
Eigentlich ein Anarchist?«
Ringelnatter
»Nein«, schimpfte die Ringelnatter, »die Mode
Von heutzutage, die wurmt mich zu Tode.
Jetzt soll man täglich, sage und schreibe,
Zweimal die Wäsche wechseln am Leibe.
Und immer schlimmer wird’s mit den Jahren.
Es ist rein um aus der Haut zu fahren!«
So schimpfte die Ringelnatter laut,
Und wirklich fuhr sie aus der Haut.
Der Vorfall war nicht ohne Bedeutung,
Denn zoologisch nennt man das Häutung.
Sie faule, verbummelte Schlampe
»Sie faule, verbummelte Schlampe«,
Sagte der Spiegel zur Lampe.
»Sie altes, schmieriges Scherbenstück«,
Gab die Lampe dem Spiegel zurück.
Der Spiegel in seiner Erbitterung
Bekam einen ganz gewaltigen Sprung.
Der zornigen Lampe verging die Puste.
Sie fauchte, rauchte, schwelte und rußte.
Das Stubenmädchen ließ beide in Ruhe
Und doch: Ihr schob man die Schuld in die Schuhe.
Das Schlüsselloch
Das Schlüsselloch, das im Haustor saß,
Erlaubte sich nachts einen Spaß.
Es nahten Studenten
Mit Schlüsseln in Händen.
Da dachte das listige Schlüsselloch:
Ich will mich verstecken,
Um sie zu necken!
Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.
Alsbald nun tasteten die Studenten
Suchend,
Fluchend,
Mit Händen
An Wänden.
Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.
Schlüsselloch lachte heiter.
(Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer.
Eigentlich war die Sache noch schlimmer.
Ich selbst war nämlich bei den Studenten –
Doch lassen wir es dabei bewenden.)
Es trafen sich von ungefähr
Es trafen sich von ungefähr
Ein Wolf, ein Mensch sowie ein Bär,
Und weil sie lange nichts gegessen,
So haben sie sich aufgefressen.
Der Wolf den Menschen, der den Bär,
Der Bär den Wolf. – Es schmeckte sehr
Und blieb nichts übrig als ein Tuch,
Drei Haare und ein Wörterbuch.
Das war der Nachlaß dieser drei.
Der eine Mensch, der hieß Karl May.
Ein Pflasterstein
Ein Pflasterstein, der war einmal
Und wurde viel beschritten.
Er schrie: »Ich bin ein Mineral
Und muß mir ein für allemal
Dergleichen streng verbitten!«
Jedoch den Menschen fiel’s nicht ein,
Mit ihm sich zu befassen,
Denn Pflasterstein bleibt Pflasterstein
Und muß sich treten lassen.
Ruhe ist viel wert
»Ruhe ist viel wert«,
Sagte das Nilpferd
Und setzte sich in ’was Weiches.
Der Elefant tat ein Gleiches.
Es lebte an diskretem Orte
Es lebte an diskretem Orte
Ein Stückchen Seife, bester Sorte,
In einem Porzellanbehälter.
Das ward mit jedem Tage älter.
Weil es mit Moschusduft durchhaucht,
Ward es vom Menschen gern gebraucht.
Einstmals – das wann und wie ist schnuppe –
Geriet es in die Erbsensuppe.
Der Mensch benahm sich miserabel.
Er stach die Seife mit der Gabel,
Beroch sie roh und rief: »Pfui, Spinne!«
Da schwanden ihr vor Angst die Sinne.
Die Badewanne
Die Badewanne prahlte sehr.
Sie hielt sich für das Mittelmeer
Und ihre eine Seitenwand
Für Helgoländer Küstenland.
Die andre Seite – gab sie an –
Sei das Gebirge Hindustan,
Und ihre große Rundung sei
Bestimmt die Delagoabai.
Von ihrem spitzen Ende vorn
Erklärte sie, es sei Kap Horn.
Den Kettenzug am Regulator
Hielt sie sogar für den Äquator.
Sie war – nicht wahr, das merken Sie? –
Sehr schwach in der Geographie.
Dies eingebildete Bassin.
Es wohnte im Quartier latin.
Es waren einmal zwei Gummischuh
Es waren einmal zwei Gummischuh,
Die waren stehen gelassen.
Ihr Herr, der suchte sie immerzu
Und konnte sie nirgend fassen.
Er suchte sie nah und suchte sie fern,
Er suchte sie vorn und hinten,
Und die Gummischuhe suchten den Herrn
Und konnten ihn nirgend finden.
Der Herr durchsuchte die ganze Welt;
Die Gummischuhe desgleichen,
Und wenn die Sache so weitergeht,
So werden sie nie sich erreichen.
Ein Gemisch
Es bildete sich ein Gemisch
Von Stachelschwein und Tintenfisch.
Die Wissenschaft, die teilt es ein
In Stachelfisch und Tintenschwein.
Der Fisch bewohnt den Ozean.
Gefährlich ist es, ihm zu nahn.
Das Tintenschwein trifft man in Büchern,
An Fingerspitzen, Taschentüchern.
Es ist – das liegt ja auf der Hand –
Dem Igelschwein noch sehr verwandt.
Der Lackschuh
Lackschuh sprach zum Wasserstiebel:
»Lieber Freund, du riechst so übel.
Und du bist nach meiner Meinung
Eine störende Erscheinung.
Darum muß wohl von uns beiden
Einer dieses Schuhhaus meiden.«
Stiefel lächelte dazu
Und begann: »Verehrter Schuh,
Wenn du jenes Sprichwort kennst:
Alles ist nicht Gold, was glänzt,
Nimm es besser dir zu Herzen,
Denn die Welt, sie liebt zu schwärzen,
Was da glänzt, auch zieht sie keck
Das Erhabne in den Dreck.
Will dein Lack mir auch gefallen,
Teurer Schuh, bedenke doch,
Wenn der Lack in Staub zerfallen,
Lebt das fette Leder noch.
Niemals hieltest du den nassen
Kalten Wasserfluten stand,
Denn die Elemente hassen
Das Gebild von Menschenhand.«
Und der Schuh verbeugte sich.
Darauf sprach er ernst und würdig:
»Freund, ich überzeugte mich,
Daß du mir ganz ebenbürtig.
Leider war mir anfangs duster,
Was mir jetzt Gewißheit ist,
Daß du Meisterwerk vom Schuster
Wasser-Dichter Stiefel bist.«
Ein Taschenkrebs
Ein Taschenkrebs und ein Känguruh,
Die wollten sich ehelichen.
Das Standesamt gab es nicht zu,
Weil beide einander nicht glichen.
Da riefen sie zornig: »Verflucht und verdammt
Sei dieser Bureaukratismus!«
Und hingen sich auf vor dem Standesamt
An einem Türmechanismus.
Frau Teemaschine
Frau Teemaschine sang auf dem Feuer.
Der Beifall war ganz ungeheuer.
Ja, ihre Base Petroleumkanne
War von dem Liede ganz gefangen.
Ihr rannen die Tränen über die Wangen
Und tropften gerade in eine Pfanne,
In der ein Schweinebraten briet,
Der ausgezeichnet dann geriet.
War auch Petroleum drauf geflossen,
Er wurde trotzdem doch genossen.
Sein Herr war mit dem Koch zufrieden.
(Besagter Herr war ein Kosak;
Sein Leibgericht war Siegellack.)
Ja, die Geschmäcker sind verschieden.
Man stirbt hier vor Langeweile
Man stirbt hier vor Langeweile,
Dachte die Nagelfeile
Beim Mittagessen!
Und machte sich, wie von ungefähr,
Über den Fingernagel her,
Beim Mittagessen!
Da begann eine silberne Gabel zu schrein:
»Meine Dame – – Sie sind hier nicht allein!«
Im dunklen Erdteil Afrika
Im dunklen Erdteil Afrika
Starb eine Ziehharmonika.
Sie wurde mit Musik begraben.
Am Grabe saßen zwanzig Raben.
Der Rabe Num’ro einundzwanzig
Fuhr mit dem Segelschiff nach Danzig
Und gründete dort etwas später
Ein Heim für kinderlose Väter.
Und die Moral von der Geschicht? –
Die weiß ich leider selber nicht.
Der Mensch
Der Mensch braucht – ohne sich zu sputen –
Zum Kilometer zwölf Minuten.
Die Wanderratte läuft so weit
In ungefähr derselben Zeit.
Da nun genannte Wanderratte
Bis dato stets vier Beine hatte,
Wie schnell läuft da ein Tausendfuß? – –
Ich weiß es wirklich nicht. Weißt du’s?
Tante Qualle und der Elefant
Die Tante Qualle schwamm zum Strand.
Es liebte sie ein Elefant,
Mit Namen Hildebrand genannt.
Der wartete am Meeresstrand
Mit einem Sträußchen in der Hand.
Das übergab er ihr galant
Und bat um Tante Quallens Hand.
Da knüpften sie ein Eheband.
Der Doktor Storch, der abseits stand,
Der dachte: »Armer Hildebrand!«
Worauf er weiterging und lachte.
– – – – – – – – – – – – – – – –
Warum der Storch wohl so was dachte?
Unterm Tisch
Es war ein Stückchen Fromage de brie,
Das fiel untern Tisch. Man sah nicht wie.
Dort standen zwei Lackschuh mit silbernen Schnallen.
Die fanden an dem Fromage Gefallen
Und traten nach einiger Überwindung
Mit ihm in ganz intime Verbindung.
Als abends die beiden Schnallengezierten
In einer feudalen Gesellschaft soupierten,
Erhoben sich plötzlich zwei andere Schuhe
Und knarrten verlegen und baten um Ruhe
Und sagten, als alles ruhig war:
»Verehrte, es – riecht hier so sonderbar.«
Ein Nagel
Ein Nagel saß in einem Stück Holz.
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
Und war eine Messingschraube.
Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
In einem Astloch. Sie wurden intim.
Kurz, eines Tages entfernten sie sich
Und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
So bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube, wieder zurück.
Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht!
Der Spiegel
Der Spiegel, der Kamm
Und der Schwamm
Und das weiße Handtuch an der Wand
Und ein Mann, der hinter dem Kleiderschrank stand,
Die warteten auf das schöne Mädchen
Käthchen.
Und endlich, endlich kam Käthchen gegangen.
Da küßte der Schwamm ihr Mund und Wangen,
Und sie küßte den Schwamm und beugte sich nieder
Und küßte das Handtuch und küßte es wieder.
Sie ließ sich von dem Spiegel umschmeicheln
Und von dem Kamme ihr Goldhaar streicheln.
Dann sagte sie allen recht schönen Dank.
Dann sah sie den Mann hinterm Kleiderschrank
Und rannte davon und schrie dabei:
»Zu Hilfe! Mörder!« und »Polizei!« – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Der Mensch glaubt über den Dingen zu stehen.
Hier war das Gegenteil deutlich zu sehen.
Es war eine gelbe Zitrone
Es war eine gelbe Zitrone,
Die lag unter einer Kanone,
Und deshalb bildete sie sich ein,
Eine Kanonenkugel zu sein.
Der Kanonier im ersten Glied,
Der merkte aber den Unterschied.
– – – – – – – – – – – – – – – – –
Bemerkt sei noch zu diesem Lied,
Ein Unterschied ist kein Oberschied.
Das Nadelkissen
Das Nadelkissen bildete sich ein,
Mit dem Stachelschwein
Verwandt zu sein.
Das Nadelkissen
Ist, wie wir wissen,
Eine recht nützliche Erscheinung.
Natürlich sind wir ganz seiner Meinung.
Es war einmal ein Kannibale
Es war einmal ein Kannibale,
Der war aus Halle an der Saale.
Man sah ihn oft am Bodensee
Für zwanzig Pfennige Entree.
Ein bettelarmer, braver Mann
Ein bettelarmer, braver Mann,
Der Tag und Nacht nur Gutes sann
Und gar nichts mehr zu essen hatte
Als eine halbverweste Ratte,
Der auch kein Bett besaß zum Schlafen,
Der ging in seiner höchsten Not
Zu einem reichen, stolzen Grafen
Und bat ihn um ein Stückchen Brot.
Der Graf nahm das gewaltig übel
Und schlug mit dem Champagnerkübel
Den braven Bettler lächelnd tot.
Doch niemand wagte es, den Grafen
Für solche Freveltat zu strafen.
Und deshalb wurde sein Betragen
Dann mit den Jahren noch viel schlimmer. –
So manchen Leser hör’ ich sagen:
Ja, ja! – Ja, ja! – So ist das immer!
Ich aber denke still für mich:
Der Leser ist ein Gänserich.
Ein kühnes Roßhaar
Ein kühnes Roßhaar erklärte den andern:
Es müsse aus der Matratze wandern.
Es poche auf seine Großjährigkeit,
Und es liege in seiner Roßhärigkeit
Der Trieb zum Wandern. Da rief es: »Adieu!«
Und damit schnellte es sich in die Höh’.
Ein Mensch saß auf besagter Matratze.
Das Roßhaar hüpfte auf seine Glatze,
Und weil es sehr gut gedieh an dem Orte,
So wuchsen dort bald noch mehr von der Sorte.
Es war ein Stahlknopf irgendwo
Es war ein Stahlknopf irgendwo,
Der ohne Grund sein Knopfloch floh.
(Vulgär gesprochen: Es stand offen.)
Ihm saß ein Fräulein vis-à-vis.
Das lachte plötzlich: Hi hi hi.
Da fühlte sich der Knopf getroffen
Und drehte stumm
Sich um.
Solch’ Peinlichkeiten sind halt nur
Die schlimmen Folgen der Kultur.
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