Читать книгу: «Traum oder wahres Leben»

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Joa­chim R. Steu­del

Traum oder wah­res Le­ben

Gi­fu­to - Das Ge­schenk

In­halts­ver­zeich­nis

Ti­tel

Das Wie­der­se­hen

Nach dem Kampf

Das An­ge­bot

Fehl­ver­hal­ten mit Fol­gen

Nin­ja und Ka­zu­ko

Der Schmied

In­for­ma­tio­nen

Ge­fahr

Wech­sel­bad der Ge­füh­le

Zwei von vier Ta­gen

Gast­mahl und Heil­ver­such

Der Auf­trag des Dai­myo

Kampf und Ge­sprä­che

Feu­er in Ban­dai

Kin­der­wunsch und Ab­schied von Sen­dai

Die neue Hei­mat, Dau­er­re­gen und Ro­nin

Zeit der Trau­er

Glossar und Nach­be­mer­kung

Buch­lis­te

Impressum neobooks

Das Wie­der­se­hen

Schon seit ge­rau­mer Zeit lief die jun­ge Frau su­chend durch Lau­scha. Sie hat­te fast den gan­zen Ort durch­wan­dert und auf Grund der Ge­birgs­la­ge ei­ni­ge Stra­ßen auch mehr­fach er­kun­det. Nun lief sie zum zwei­ten Mal an die­ser Stra­ßen­bau­stel­le vor­bei, und die Män­ner dort blick­ten sie wie­der mit un­ver­hoh­le­ner Neu­gier an. So­fort stell­te sich bei ihr die­ses un­gu­te Ge­fühl ein. Sie fühl­te sich durch­schaut, er­kannt und er­nied­rigt.

Nur schnell vor­bei, dach­te sie, doch das soll­te ihr nicht ge­lin­gen. Ei­ner der Bau­ar­bei­ter steu­er­te di­rekt auf sie zu.

Nach­dem er sich mehr­fach be­wun­dernd über die jun­ge Frau ge­äu­ßert hat­te, wur­de er von sei­nen Kol­le­gen so lan­ge an­ge­sta­chelt, bis er al­len Mut zu­sam­men­nahm und auf sie zu­ging. Sie be­merk­te das und such­te ver­zwei­felt nach ei­nem Aus­weg. Am liebs­ten wäre sie im Erd­bo­den ver­sun­ken oder um­ge­kehrt, doch dazu war es be­reits zu spät.

»Hal­lo, Sie se­hen so su­chend aus, kann ich Ih­nen hel­fen?«

Oh, der scheint ja recht freund­lich und nicht nur auf eine dum­me An­ma­che aus zu sein, stell­te sie er­leich­tert fest.

»Ja, viel­leicht. Ich su­che das Haus ei­nes Be­kann­ten und habe dum­mer­wei­se sei­ne Ad­res­se nicht auf­ge­schrie­ben«, ant­wor­te­te sie aus­wei­chend.

»Wie heißt denn ihr Be­kann­ter? Lau­scha ist über­schau­bar, viel­leicht ken­ne ich ihn ja.«

Ihr Ge­sicht hell­te sich auf.

»Gün­ter Kauf­mann heißt er, und nach den Bil­dern, die er mir ge­zeigt hat, wohnt er in ei­nem re­la­tiv neu­en Ein­fa­mi­li­en­haus. Er hat vor et­was mehr als ei­nem Jahr sei­ne ge­sam­te Fa­mi­lie bei ei­nem schwe­ren Ver­kehrs­un­fall ver­lo­ren.«

Das Ge­sicht des Bau­ar­bei­ters ver­än­der­te sich schlag­ar­tig und mit ei­nem trau­ri­gen Blick deu­te­te er nach rechts den Hang hi­n­auf.

»Dort oben, hin­ter den zwei grö­ße­ren Häu­sern, ist eine schma­le Zu­fahrts­s­tra­ße, an der meh­re­re neue Ein­fa­mi­li­en­häu­ser ste­hen. Das vor­letz­te ge­hört Herrn Kauf­mann. Wenn Sie hier vorn rechts ein­bie­gen, sich an der nächs­ten Kreu­zung links hal­ten und an­schlie­ßend im­mer wie­der rechts ab­bie­gen, kön­nen Sie es nicht ver­feh­len.«

»Dan­ke!«, sag­te sie hoch­er­freut und woll­te sich auf den Weg ma­chen, doch der Bau­ar­bei­ter hielt sie noch ein­mal auf.

»War­ten Sie! Et­was muss ich Ih­nen noch sa­gen! Ich weiß nicht, wann und wo Sie Herrn Kauf­mann zum letz­ten Mal ge­se­hen ha­ben, doch seit dem Un­fall hat er sich sehr ver­än­dert. Ich woh­ne ganz in der Nähe, und wir ha­ben uns frü­her manch­mal ge­trof­fen, aber nach dem Tod sei­ner Fa­mi­lie war er nicht mehr der­sel­be. Erst war er to­tal am Bo­den und nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst. Er hat sein Ge­schäft ver­nach­läs­sigt, und vie­le ha­ben schon be­fürch­tet, dass es den Bach run­ter­geht. Manch­mal ist er, ohne zu sa­gen wo­hin, ein­fach ver­schwun­den und Tage spä­ter erst wie­der auf­ge­taucht. Dann hat er ohne ir­gend­ei­ne Be­grün­dung sein Ge­schäft plötz­lich ab­ge­ge­ben. Man mun­kelt, er hät­te so eine Art Ak­ti­en­fonds ein­ge­rich­tet und die­sen un­ter sei­nen An­ge­stell­ten auf­ge­teilt. Die fä­higs­ten von ih­nen hat er zur Lei­tung der Fir­ma be­stimmt und ih­nen alle wei­te­ren Ent­schei­dun­gen über­las­sen. Er soll zwar bei Fra­gen und Pro­ble­men im­mer noch zur Ver­fü­gung ste­hen, aber an­sons­ten küm­mert er sich nicht mehr um das Ge­schäft.«

Er hol­te tief Luft und schüt­tel­te den Kopf.

»Ich sehe ihn noch ab und zu, doch ich habe das Ge­fühl, dass er jetzt ein ganz an­de­rer Mensch ist. Er mei­det den Kon­takt mit an­de­ren und sucht die Ein­sam­keit. Manch­mal habe ich ihn in den Ber­gen stun­den­lang still an ei­nem Fleck sit­zen se­hen, und er schi­en nichts um sich he­r­um wahr­zu­neh­men. Ir­gend­wie ist er sehr selt­sam ge­wor­den. Also wenn Sie ihn von frü­her her ken­nen, dann soll­ten Sie kei­nen über­schwäng­li­chen Emp­fang er­war­ten.«

Sie lä­chel­te ihn an und sag­te:

»Dan­ke für den Tipp, aber ich den­ke, er wird mich schon er­war­ten. Wir ha­ben uns erst vor ei­ni­gen Ta­gen zu­fäl­lig ge­trof­fen und hat­ten ein lan­ges und in­ter­essan­tes Ge­spräch. Also noch­mals dan­ke für al­les und: Auf Wie­der­se­hen!«

Mit die­sen Wor­ten wen­de­te sie sich ab und folg­te dem be­schrie­be­nen Weg.

Ihr nach­denk­lich nach­schau­end, ging der Bau­ar­bei­ter zu­rück zu sei­nen Kol­le­gen, und die­se emp­fin­gen ihn mit neu­gie­ri­gen Wor­ten:

»Eh, das war ja an­schei­nend eine sehr er­folg­rei­che An­ma­che! Du hast ihr wohl gleich den Weg zu dir nach Hau­se be­schrie­ben?«

»Quatsch­kopp, seh ich so aus, als ob so ne Frau auf mich flie­gen wür­de!? Ne, sie woll­te wis­sen, wo der Kauf­mann wohnt. Kennt ihn ir­gend­wo­her und will ihn be­su­chen.«

»Na, dann viel Spaß! Der lässt sich doch auf kein Ge­spräch mehr ein.«

»Glaub ich nicht! Sie scheint ihn erst vor kur­zem ge­trof­fen zu ha­ben. Auf alle Fäl­le kennt sie ihn recht gut, denn nichts von dem, was ich über ihn ge­sagt habe, hat sie wirk­lich über­rascht.«

»Viel­leicht ist das ja so ne Psy­cho-Tan­te, die ihn wie­der auf die Rei­he krie­gen will«, sag­te ein Drit­ter und schau­te ihr noch ein­mal hin­ter­her.

In die­sem Au­gen­blick bog die jun­ge Frau in die Sei­ten­stra­ße ein und ent­schwand ih­ren Bli­cken. Zü­gig schritt sie den be­schrie­be­nen Weg ent­lang, und als sie die Zu­fahrts­s­tra­ße er­reich­te, be­schlich sie das Ge­fühl, die­ses Bild schon ein­mal ge­se­hen zu ha­ben. Sie dach­te einen Au­gen­blick nach und er­in­ner­te sich an Bil­der aus der Ge­schich­te des Man­nes, den sie such­te. Nun brauch­te sie die Be­schrei­bung des Bau­ar­bei­ters nicht mehr. Schnell und si­cher streb­te sie dem Haus zu und er­kann­te es so­fort wie­der. Ein Blick auf die Klin­gel, und sie wuss­te, sie war rich­tig.

Sie hol­te tief Luft, drück­te auf den Klin­gel­knopf und schau­te er­war­tungs­voll zur Haus­tür. Doch nichts be­weg­te sich, kein Ge­räusch war zu hö­ren, und nie­mand war zu se­hen. Noch zwei­mal wie­der­hol­te sie die­sen Ver­such, dann war ihr klar, es war nie­mand zu Hau­se.

Was nun? Soll­te sie um­keh­ren und ein an­de­res Mal wie­der­kom­men? Aber da wä­ren die Chan­cen auch nicht bes­ser. Ge­nau­so gut konn­te sie war­ten, viel­leicht war er ja nur kurz weg­ge­gan­gen und kam bald zu­rück. Sie schau­te sich um und stell­te fest, dass das Haus in ei­ner sehr schö­nen Lage stand. Nicht weit hin­ter dem Haus be­gann der Wald, der sich über den ge­sam­ten rest­li­chen Hang bis zum Gip­fel des Ber­ges hin­zog. Nur noch ein Haus folg­te, und dann en­de­te die Stra­ße in ei­ner sanft ab­fal­len­den Wie­se. Die­ser streb­te sie nun zu. Das Gras war noch nicht lan­ge ge­mäht, und die jun­gen fri­schen Spit­zen ver­lie­hen der Wie­se eine saf­tig grü­ne Far­be. Nach­denk­lich setz­te sie sich und schau­te ins Tal.

Eine an­ge­neh­me Ruhe um­gab sie. Nur Vo­gel­stim­men und der leich­te Wind, der mit den Blät­tern der Bäu­me spiel­te, wa­ren zu hö­ren. Erst wenn man sich sehr an­streng­te, konn­te man die Ge­räusche aus der im Tal lie­gen­den Stadt wahr­neh­men. Die­se wirk­ten je­doch nicht stö­rend, im Ge­gen­teil, sie wa­ren lei­se und nah­men ei­nem das Ge­fühl der Ein­sam­keit.

Lang­sam wan­der­te ihr Blick über die schö­ne Land­schaft, und es dau­er­te nicht lan­ge, bis sie sich in die­sen Ort ver­liebt hat­te. Träu­me­risch schau­te sie von ei­nem Fleck zum an­de­ren, doch nach ei­ni­ger Zeit nahm sie nichts mehr da­von wahr. In ih­ren Ge­dan­ken tauch­ten Bil­der der Ge­schich­te auf, die sie hier­her ge­führt hat­te.

Sie konn­te nicht sa­gen, wie lan­ge sie so ge­ses­sen hat­te, als hin­ter ihr eine wohl­be­kann­te Stim­me er­tön­te.

»Wenn Sie kei­nen Son­nen­brand ha­ben wol­len, soll­ten Sie nicht so in der pral­len Son­ne sit­zen.«

Sie fuhr he­r­um und schau­te in das freund­li­che Ge­sicht des Man­nes, den Sie ge­sucht hat­te.

»Hal­lo!«, sag­te sie und stand auf. »Ich den­ke, Sie wer­den mich er­war­tet ha­ben, und ich möch­te ger­ne er­fah­ren, wie die­se Ge­schich­te aus­ge­gan­gen ist.«

Schmun­zelnd sah er sie an.

»Naja, sa­gen wir, ich habe ge­hofft, dass Sie nicht tun, was Sie auf die­sen Berg ge­führt hat­te, und wenn Sie es möch­ten, dann wer­de ich Ih­nen auch den Rest der Ge­schich­te er­zäh­len. Aber eins soll­ten Sie wis­sen. Es könn­te län­ger dau­ern.«

»Das hab ich mir schon ge­dacht, doch die Bil­der die­ser Ge­schich­te las­sen mich nicht mehr los, und ich den­ke auch, dass es nicht nur eine Ge­schich­te ist, son­dern ein ge­leb­tes Le­ben. Ich weiß zwar nicht, wie das mög­lich ist, doch viel­leicht wer­de ich es ja noch er­fah­ren.«

»Na, dann kom­men Sie mal mit. Wir kön­nen uns auf die Ter­ras­se hin­term Haus set­zen, dort ist es jetzt et­was schat­tig, und das dürf­te Ih­rer Haut gut­tun.«

Sie sah sich ihre schon leicht ge­röte­ten Arme an und stimm­te dank­bar zu. Auf dem Weg zum Haus mus­ter­te sie ihn prü­fend. Das Bild, das sie von ihm hat­te, und sei­ne Aus­strah­lung pass­ten so gar nicht zu dem, was der Bau­ar­bei­ter über ihn ge­äu­ßert hat­te. Doch wahr­schein­lich ist das so, wenn sich ein Mensch ge­än­dert hat und nicht mehr in die Scha­blo­ne passt, die man an­legt. Nur Au­ßen­ste­hen­de konn­ten sein neu­es und wah­res Ich er­ken­nen, alle an­de­ren hiel­ten ihn für über­ge­schnappt oder bes­ten­falls von den tra­gi­schen Er­eig­nis­sen ge­zeich­net.

Sie be­tra­ten den klei­nen Vor­gar­ten, und er führ­te sie um das Haus he­r­um zu der schön an­ge­leg­ten Ter­ras­se. Dort bat er sie, auf der Hol­ly­wood­schau­kel Platz zu neh­men, und rück­te einen klei­nen Tisch he­r­an. An­schlie­ßend schloss er die Tür auf, die von der Ter­ras­se ins Wohn­zim­mer führ­te. Von da ging er in die Kü­che, um Glä­ser und et­was zum Trin­ken zu ho­len.

»Was möch­ten Sie trin­ken? Ich habe gut ge­kühl­ten Ap­fel­saft, Oran­gen­li­mo­na­de und ein­fa­chen Spru­del«, rief er aus dem Haus he­r­aus.

»Viel­leicht den Ap­fel­saft. Oder war­ten Sie, brin­gen Sie den Spru­del doch mit. Mit Was­ser ver­dünn­ten Ap­fel­saft trink ich ei­gent­lich sehr ger­ne.«

Mit den bei­den Fla­schen und zwei Glä­sern in der Hand kam er wie­der he­r­aus. Nach­dem er ihr ein­ge­gos­sen hat­te, zog er einen Gar­ten­stuhl he­r­an und setz­te sich ihr ge­gen­über hin. Lan­ge und ein­dring­lich schau­te er sie an.

Selt­sa­mer­wei­se emp­fand sie die­sen Blick nicht als un­an­ge­nehm, son­dern es wur­de ihr da­bei rich­tig warm ums Herz. Sie hielt sei­nem Blick lan­ge stand, und erst als er sie an­sprach, griff sie zum Glas und trank in tie­fen Zü­gen.

»Was hat Ihre Mei­nung ge­än­dert? Was hat Sie be­wo­gen, doch das Le­ben zu wäh­len?«

»Ich kann es Ih­nen nicht ge­nau sa­gen! Zum einen si­cher­lich die Neu­gier­de, denn ich möch­te zu ger­ne wis­sen, wie die Ge­schich­te wei­ter­geht.«

Sie mach­te eine Pau­se und dach­te an­ge­strengt nach, doch als sie eine Wei­le spä­ter im­mer noch nicht fort­fuhr, frag­te er:

»Und zum an­de­ren?«

Ruck­ar­tig blick­te sie von dem Glas hoch, das sie an­ge­strengt fi­xiert hat­te.

»Ja, und zum an­de­ren hat mich ei­ni­ges nach­denk­lich ge­macht. Das, was Sie mir er­zählt ha­ben, oder bes­ser ge­sagt, was ich mit Ih­nen er­lebt habe, hat mich sehr be­schäf­tigt. Jetzt fra­ge ich mich, ob ich das Recht habe, ein­fach so aus mei­nem Le­ben zu flüch­ten. Viel­leicht kann ich die­sem ja ein neu­es Ziel ge­ben, einen neu­en Weg fin­den, um ein sinn­vol­les und er­füll­tes Le­ben zu füh­ren.«

Sie hol­te tief Luft, schüt­tel­te den Kopf und sah ihm in die Au­gen.

»Ich weiß es nicht. Doch ich möch­te ger­ne mehr hö­ren von Ih­rer Ge­schich­te. Sie ha­ben bei un­se­rem ers­ten Tref­fen so plötz­lich ab­ge­bro­chen und sind dann so schnell ver­schwun­den. Warum? Was hat Sie dazu ver­an­lasst?«

Nun war er es, der tief Luft hol­te und über­leg­te. Was und wie viel durf­te er ihr er­zäh­len? Schließ­lich schüt­tel­te er den Kopf und sag­te, sie da­bei an­lä­chelnd:

»Das ist schwie­rig zu er­klä­ren, aber ich mer­ke, dass ich das, was ich ein­mal be­gon­nen habe, auch ir­gend­wie zu Ende füh­ren muss. Ich hof­fe, Sie ha­ben ge­nü­gend Zeit mit­ge­bracht!?«

»Ja, na­tür­lich! Nur des­halb bin ich hier.«

»Gut, dann wür­de ich vor­schla­gen, wir las­sen das mit dem Sie sein, denn Sie, oder bes­ser ge­sagt, du tauchst so tief in mei­ne Welt ein und er­fährst so vie­le in­ti­me, per­sön­li­che Din­ge, dass es schon ein we­nig selt­sam klingt, wenn wir uns wei­ter sie­zen.«

»Ja doch! Ger­ne! Ich hei­ße Sa­rah, Sa­rah Lieb­herr, und wie soll ich dich nen­nen? Gün­ter Kauf­mann, Gü Mann, Xu Shen Po oder viel­leicht noch an­ders?«

»He, du kannst ja so­gar sar­kas­tisch sein!«, sag­te er mit ei­nem kur­zen Auf­la­chen. »Doch Spaß bei­sei­te, ich bin Gün­ter Kauf­mann, denn das ist der Name, den ich bei mei­ner Ge­burt er­hal­ten habe, al­les an­de­re war nur zweck­be­dingt und spielt kei­ne Rol­le im Jetzt und Hier.«

»Also Gün­ter, warum bist du letz­tens so schnell ver­schwun­den?«

»Du hast ja Leu­te ge­trof­fen, als du zu dei­nem Auto ge­lau­fen bist, und hast si­cher­lich auch ge­merkt, dass mit mir und um mich man­ches an­ders ist als bei an­de­ren.«

Sie nick­te und sah ihn ge­spannt an.

»Nun ja, es wa­ren zwar an­de­re Leu­te, als ich be­fürch­tet hat­te, aber auch sol­che kön­nen von dem, was sie ge­se­hen und ge­hört ha­ben, be­rich­ten. Durch die welt­wei­te Ver­net­zung und durch den pro­blem­lo­sen Zu­gang zu be­stimm­ten Me­di­en ge­langt eine Nach­richt dann sehr schnell von ei­nem zum an­de­ren. Es ist also bloß eine Fra­ge der Zeit, bis be­stimm­te Men­schen da­von er­fah­ren. In­zwi­schen ha­ben sich Grup­pen ge­bil­det, die je­dem un­ge­wöhn­li­chen Er­eig­nis nach­spü­ren, es aus­wer­ten, sich Mei­nun­gen dazu bil­den und dann ei­ner brei­ten Mas­se zu­gäng­lich ma­chen.«

Er lehn­te sich zu­rück und schloss kurz die Au­gen.

»Nun, stell dir vor, die­se Men­schen wür­den von mei­ner Ge­schich­te er­fah­ren. Was wür­de wohl ge­sche­hen? Wo könn­te ich noch in Frie­den le­ben, ohne dass mir stän­dig je­mand an den Fer­sen klebt? Und au­ßer­dem ...«

Mit ei­nem Ruck rich­te­te er sich wie­der auf und öff­ne­te die Au­gen. »Au­ßer­dem könn­te es ja auch nur ein Traum sein.«

Sie schüt­tel­te den Kopf, deu­te­te auf sei­ne lin­ke Brust und sag­te:

»Das glaub ich nicht! Dazu hab ich die­se Ge­schich­te viel zu deut­lich er­lebt und nicht nur ge­hört. Und da, auf dei­ner lin­ken Brust, dass könn­te die Nar­be sein, die von dem Trai­nings­un­fall in Wu­dang stammt.«

Auf Grund des war­men Som­mer­ta­ges hat­te er das Hemd weit auf­ge­knöpft, und nun war es im Sit­zen ver­rutscht. Da­durch war der Blick auf die pflau­men­große Nar­be, die auf sei­ner lin­ken Brust prang­te, frei ge­wor­den. Er schau­te hi­n­un­ter und knöpf­te lä­chelnd sein Hemd wei­ter zu.

»Gut auf­ge­passt! Aber es könn­te auch an­ders sein, und die Nar­be hat viel­leicht einen ganz an­de­ren Hin­ter­grund. Doch das spielt jetzt kei­ne Rol­le! Du sollst selbst fest­le­gen, was du glau­ben willst und was nicht. Ich den­ke, jede Ge­schich­te und je­des Le­ben ist es wert, dass man ge­nau­er dar­über nach­denkt. Viel­leicht kann man ja ei­ni­ges dar­aus ler­nen, für sich ver­wer­ten und mit die­sen Er­fah­run­gen et­was bes­ser ma­chen. Vie­les von dem, was das Le­ben und die Mensch­heit ver­än­dert hat, baut auf sol­chen Er­fah­run­gen auf.«

»Ich weiß, das hab ich schon bei den Ge­sprä­chen er­kannt, die du mit Han Li­ang Tian und Ti­ang Li Yang ge­führt hast. Was ist ei­gent­lich aus dei­nen chi­ne­si­schen Freun­den ge­wor­den? Du hast bei un­se­rem Ab­schied an­ge­deu­tet, dass du Chi­na dann ver­las­sen hast.«

»Ja, das war auch so, und von mei­nen Freun­den, die ich in die­ser Zeit ge­won­nen hat­te, habe ich bis auf Lei Cheng kei­nen mehr zu Ge­sicht be­kom­men. Doch das war viel, viel spä­ter und ein sehr großer Zu­fall. Aber die­se Ge­schich­te wer­de ich viel­leicht ein an­de­res Mal er­zäh­len. Jetzt möch­te ich erst ein­mal dort fort­fah­ren, wo wir bei un­se­rem letz­ten Tref­fen un­ter­bro­chen wur­den.«

Er beug­te sich vor und leg­te sei­ne Hand auf den Tisch.

»Gib mir dei­ne Hand, Sa­rah. Du weißt, dass du die Ge­schich­te so bes­ser er­le­ben kannst, und es ist auch ein­fa­cher für mich.“

Sie leg­te Ihre Hand in die sei­ne und schloss die Au­gen. Jetzt hat­te sie kei­ne Angst mehr da­vor, sich so zu er­ge­ben und fal­len zu las­sen. Beim ers­ten Mal war es eine neue be­ängs­ti­gen­de Er­fah­rung ge­we­sen, doch nun war­te­te sie mit Span­nung dar­auf, wie­der in die­se Ge­schich­te ein­zu­tau­chen.

Kaum hat­te sie ihre Hand in die sei­ne ge­legt, spür­te sie wie­der die­se Ruhe und Kraft, die sie durch­ström­te. Al­les um sie he­r­um ver­blass­te, und die Bil­der der letz­ten Er­eig­nis­se stie­gen in ihr auf, wäh­rend sie die er­klä­ren­den Ge­dan­ken von ihm wahr­nahm.

Nach dem Kampf

»Nach­dem wir die ja­pa­ni­sche Ge­sandt­schaft aus ih­rer ge­fähr­li­chen Lage be­freit hat­ten, habe ich mich an dem klei­nen Fluss ge­rei­nigt. Wang Lees Ver­su­che, mich zu be­ru­hi­gen, hat­ten nicht wirk­lich Er­folg. Es war für mich das ers­te Mal ge­we­sen, dass ich an ei­nem Kampf teil­ge­nom­men hat­te, bei dem Men­schen zu Tode ka­men. Mei­ne Ge­dan­ken kreis­ten dar­um, ob ich das Recht ge­habt hat­te, hier ein­zu­grei­fen. Nur der Um­stand, dass im an­de­ren Fall die Ja­pa­ner ver­mut­lich um­ge­kom­men wä­ren, be­ru­hig­te mich ein we­nig. Den­noch soll­te mich die­ses Ge­sche­hen noch lan­ge be­schäf­ti­gen.

Aber vor­erst hat­te ich kei­ne Zeit, mich die­sen Ge­dan­ken wei­ter hin­zu­ge­ben. Der ja­pa­ni­sche Fürst kam mit sei­nem Ge­folgs­mann auf mich zu. Als sie uns er­reicht hat­ten, neig­ten sie leicht den Kopf, und der Ge­folgs­mann des Dai­myo sprach mich an. Sein Chi­ne­sisch war ein we­nig ge­bro­chen, aber gut ver­ständ­lich.

›Fürst Date Ma­sa­mu­ne möch­te sich bei Ih­nen für Ihr hilf­rei­ches Ein­grei­fen be­dan­ken! Wir ste­hen tief in Ih­rer Schuld, und un­se­re Dank­bar­keit kann Ih­nen ge­wiss sein.‹

Die rech­te Hand senk­recht vor die Brust hal­tend, neig­te ich eben­falls den Kopf und grüß­te zu­rück.

›Je­der, der in Be­dräng­nis ge­rät, kann mei­ner Hil­fe ge­wiss sein, doch ich habe nichts ge­tan, was nicht auch alle an­de­ren Brü­der aus Shao­lin tun wür­den.‹

›Ja, wir ha­ben ge­merkt, dass das, was der Abt uns vor­spie­len ließ, nicht der Wahr­heit ent­spricht. Ihr seid große Kämp­fer und habt ein star­kes Chi. Ich habe auch be­merkt, dass schon die Kraft Eu­res Chi star­ke Krie­ger dazu brin­gen kann, ihre Schwer­ter zu sen­ken‹, sag­te er mit ei­nem hin­ter­grün­di­gen Lä­cheln.

Ich wuss­te, dass er auf den Zu­sam­men­sto­ss, den Wang Lee und ich mit zwei sei­ner Män­ner ge­habt hat­ten, an­spiel­te. Doch dar­auf woll­te ich nicht ein­ge­hen, und glück­li­cher­wei­se rich­te­te nun der Dai­myo sein Wort an mich. Da die­ser aber nicht Chi­ne­sisch sprach, muss­te sein Ge­folgs­mann über­set­zen.

›Fürst Date Ma­sa­mu­ne möch­te wis­sen, wie es kommt, dass ihr uns ge­folgt seid, und wer die­se An­grei­fer wa­ren!?‹

›Wer die­se An­grei­fer wa­ren, kann ich auch noch nicht sa­gen, doch wir wer­den ver­su­chen, es he­r­aus­zu­be­kom­men. Und dass wir hier­her ka­men, war ei­gent­lich Zu­fall. Ich woll­te eine län­ge­re Rei­se an­tre­ten, und mei­ne Freun­de ha­ben mich bis Deng­feng be­glei­tet. Als wir dort er­fuh­ren, dass Sie nicht durch die­sen Ort ge­kom­men wa­ren, war uns klar, dass et­was nicht stimm­te. Die­ser Weg hier ist der ein­zi­ge, den Sie noch neh­men konn­ten, doch er ist be­schwer­lich, man kommt nicht schnel­ler ans Ziel, und nur we­ni­ge ken­nen ihn. Als uns das be­wusst wur­de, ver­stärk­te sich mein un­gu­tes Ge­fühl, und wir be­eil­ten uns, Sie zu er­rei­chen. Auf hal­bem Weg fan­den wir dann einen Ih­rer ver­wun­de­ten Sol­da­ten, der Hil­fe ho­len woll­te, aber nicht wei­ter­kam.‹

Beim letz­ten Satz hat­te der Sa­mu­rai auf­ge­horcht und ließ sich den Sol­da­ten ge­nau be­schrei­ben. Er nick­te ver­ste­hend und über­setz­te das bis­her Ge­hör­te dem Dai­myo. Un­ge­dul­dig for­der­te mich die­ser durch den Über­set­zer auf wei­ter­zu­er­zäh­len. Ich ver­stand dies nicht ganz, kam aber schul­ter­zu­ckend sei­ner Auf­for­de­rung nach.

›Nun, da gibt es nicht mehr viel zu er­zäh­len. Aus den Ges­ten und dem Zu­stand des Sol­da­ten schloss ich, dass es einen Über­fall ge­ge­ben hat­te und dass Ihre Grup­pe drin­gend Hil­fe brauch­te. Ei­ner mei­ner Freun­de blieb zu­rück, um sich um den Ver­wun­de­ten zu küm­mern, und wir an­de­ren be­eil­ten uns, Sie zu er­rei­chen. Tja, den Rest ha­ben Sie ja mit­be­kom­men.‹

›Der Ver­wun­de­te, wie geht es ihm?‹, frag­te der Sa­mu­rai un­ge­dul­dig.

Ver­wun­dert über so viel An­teil­nah­me an ei­nem ein­fa­chen Sol­da­ten sah ich ihm und dem Dai­myo in die Au­gen. Sie schie­nen bei­de sehr be­sorgt um das Le­ben die­ses Man­nes zu sein, und ich kam ih­rem Wunsch nach:

›Er ist ein tap­fe­rer Mann und ob­wohl er so schwer ver­letzt ist, dass er sich nicht auf­rich­ten konn­te, blick­te ich erst ein­mal in sein Schwert. Ich den­ke, bei gu­ter Pfle­ge, und wir ha­ben im Klos­ter sehr gute Wund­hei­ler, wird er wie­der völ­lig ge­ne­sen. Es wird zwar et­was dau­ern, doch er wird sei­nen Dienst bei Ih­nen wie­der auf­neh­men kön­nen.‹

Der Sa­mu­rai be­eil­te sich, das Ge­hör­te sei­nem Fürs­ten zu über­set­zen, und die­ser schi­en sicht­lich er­leich­tert. Wie­der ver­neig­te er sich vor mir und rich­te­te ei­ni­ge Wor­te an mich. Mit ei­nem freund­li­chen Lä­cheln über­setz­te sie sein Ge­folgs­mann:

›Der Fürst ist Ih­nen nun noch mehr ver­pflich­tet, denn es ist sein Sohn, den Sie da ge­fun­den ha­ben. Er ist Ih­nen auch sehr dank­bar, dass gleich ei­ner Ih­rer Freun­de bei ihm ge­blie­ben ist, um ihn zu pfle­gen.‹

Ich war sehr er­staunt. Die­ser jun­ge Mann hat­te nicht den Ein­druck ei­ner hö­her­ge­stell­ten Per­son er­weckt. Er war im­mer mit den ein­fa­chen Sol­da­ten un­ter­wegs und im Klos­ter auch so un­ter­ge­bracht ge­we­sen. Sein Auf­tre­ten und sei­ne Be­hand­lung durch die an­de­ren hat­ten im­mer auf einen un­ter­ge­ord­ne­ten Sol­da­ten hin­ge­deu­tet. Der Grund da­für in­ter­es­sier­te mich sehr, und ich woll­te mich schon da­nach er­kun­di­gen. Doch ir­gend­wie hat­te ich das Ge­fühl, dass das jetzt nicht an­ge­bracht wäre. Des­halb beließ ich es vor­erst da­bei und sag­te in der Hoff­nung, spä­ter mehr zu er­fah­ren:

›Es gibt kei­nen Grund für be­son­de­re Dank­bar­keit, denn wie ich schon sag­te, je­der, der in Not ist, kann auf un­se­re Hil­fe zäh­len.‹

Die bei­den ver­neig­ten sich noch ein­mal ach­tungs­voll vor uns, und dann be­ga­ben wir uns zu den Ver­wun­de­ten. Chen Shi Mal war schon bei ih­nen und schau­te sich die Ver­let­zun­gen der Über­le­ben­den an. Au­ßer dem Dai­myo und dem Sa­mu­rai, der als Über­set­zer auf­trat, hat­ten nur noch zwei mit re­la­tiv ge­ring­fü­gi­gen Ver­let­zun­gen über­lebt. Die­se be­durf­ten un­se­rer Hil­fe nicht, und wir küm­mer­ten uns um die fünf Schwer­ver­letz­ten, die et­was wei­ter hin­ten in der Sei­ten­schlucht la­gen.

Sie hat­ten un­ter­schied­li­che, aber teil­wei­se sehr tie­fe und ge­fähr­li­che Wun­den da­von­ge­tra­gen. Eine Ge­mein­sam­keit ver­band sie aber alle. Sie hat­ten sehr viel Blut ver­lo­ren und wa­ren sehr schwach.

Vor­sich­tig tru­gen wir sie in das wei­te Tal und rich­te­ten dort ein pro­vi­so­ri­sches La­ger ein. Wir ver­sorg­ten die Ver­let­zun­gen, so gut das un­ter den der­zei­ti­gen Be­din­gun­gen mög­lich war, ka­men dann aber über­ein, dass wir Hil­fe be­nö­ti­gen wür­den. Des­halb be­rie­ten wir, wie das ge­sche­hen soll­te.

›Es muss je­mand zu­rück nach Shao­lin und Hil­fe ho­len, denn ins Klos­ter kön­nen wir die Ver­letz­ten nicht trans­por­tie­ren. Zum einen sind wir zu we­ni­ge dazu, und zum an­de­ren wür­den das ei­ni­ge nicht über­le­ben.‹

›Da stimm ich dir zu, Chen Shi Mal!‹, ant­wor­te­te ich. ›Ich bin der Schnells­te von uns, viel­leicht wäre es am bes­ten, ich wür­de mich gleich auf den Weg ma­chen. Wenn ich kei­ne Pau­se ein­le­ge, könn­te ich mor­gen Vor­mit­tag mit Hil­fe wie­der zu­rück sein.‹

Wang Lee mach­te ein be­denk­li­ches Ge­sicht und warf ein:

›Ich weiß nicht?! Habt Ihr euch die to­ten An­grei­fer ein­mal ge­nau­er an­ge­schaut? Ich hat­te den Ein­druck, ei­ni­ge die­ser Ge­sich­ter schon ein­mal ge­se­hen zu ha­ben, und zwar im Klos­ter.‹

›Stimmt, wenn ich mich nicht irre, ge­hör­te zu­min­dest ei­ner zu der Grup­pe, die mit Mao Lu Peng vom Kai­ser­hof zu­rück­kam. Ich hab die­se Män­ner aber nur kurz ge­se­hen, und ich kann mich auch täu­schen. Es gibt mitt­ler­wei­le so vie­le, die zu Kämp­fern aus­ge­bil­det wer­den, aber kei­ne Mön­che sind, dass man sich nicht mehr je­des Ge­sicht mer­ken kann‹, er­wi­der­te Chen Shi Mal.

Wang Lee nick­te be­stä­ti­gend.

›Und ge­nau aus die­sem Grund ist es viel­leicht nicht so gut, wenn Xu Shen Po noch ein­mal im Klos­ter auf­taucht. Alle den­ken, er hat es für im­mer ver­las­sen, und wenn Mao Lu Peng in die Sa­che ver­wi­ckelt sein soll­te, müs­sen wir ihn nicht dar­auf auf­merk­sam ma­chen, dass es viel­leicht nicht so lief, wie er es sich ge­wünscht hat.‹

Er­staunt sah ich ihn an.

›Wie kommst du denn dar­auf? Ich dach­te, das wä­ren Ban­di­ten ge­we­sen.‹

›Ich kann es dir nicht er­klä­ren! Doch ich habe ein un­gu­tes Ge­fühl bei der Sa­che, und wir müs­sen doch kein Ri­si­ko ein­ge­hen! Wenn Chen Shi Mal oder ich wie­der im Klos­ter auf­tau­chen, er­weckt das kei­nen Ver­dacht, und wir kön­nen ein paar we­ni­ge ver­trau­ens­wür­di­ge Leu­te mit­brin­gen. An­sons­ten soll­ten wir aber erst ein­mal Still­schwei­gen über die Vor­gän­ge von hier wah­ren.‹

Nach­denk­lich schau­te ich von ei­nem zum an­de­ren.

›Na ja. Wenn ihr denkt. Aber viel­leicht wäre es gut, wenn ihr zu­sam­men los­geht und ei­ner von euch dann mit Liu Shi Meng den ver­letz­ten Sohn des Fürs­ten hier­her bringt. Viel­leicht könnt ihr euch eine Tra­ge bau­en und ihn her­tra­gen. Ich bleib erst mal hier und küm­me­re mich so lan­ge um die an­de­ren Ver­letz­ten.‹

Die bei­den stimm­ten zu und bra­chen so­fort auf. An­schlie­ßend er­klär­te ich den Ja­pa­nern, was wir be­schlos­sen hat­ten.

Da der Dai­myo und sein Ge­folgs­mann mit der Pfle­ge der Ver­wun­de­ten nicht viel im Sinn hat­ten, war ich auf mich al­lein ge­stellt. Wäh­rend ich ver­such­te, al­les Wis­sen, das ich in die­ser Be­zie­hung von den Mön­chen er­hal­ten hat­te, aus mei­nem Ge­dächt­nis her­vor­zu­kra­men, mach­ten sich der Dai­myo mit sei­nen noch ak­ti­ons­fä­hi­gen Män­nern auf, um die Pfer­de wie­der ein­zu­fan­gen. Auch ihre ver­streut he­r­um­lie­gen­den Sa­chen sam­mel­ten sie wie­der ein.

Bald brach­ten sie mir ei­ni­ge Nah­rungs­mit­tel und Klei­dungs­stücke, aus de­nen ich Stoff­strei­fen zum Ver­bin­den mach­te. So ge­lang es mir, die Ver­wun­de­ten not­dürf­tig zu ver­sor­gen.

Als das letz­te Ta­ges­licht schon fast ge­schwun­den war, ka­men Wang Lee und Liu Shi Meng mit dem ver­letz­ten Sohn des Fürs­ten in un­se­rem La­ger an. Ich hat­te er­war­tet, dass der Dai­myo sich gleich um sei­nen Sohn küm­mern wür­de, doch er warf nur einen kur­zen Blick auf die­sen und be­ach­te­te ihn dann nicht wei­ter.

Das konn­te ich über­haupt nicht ver­ste­hen, und in ei­nem güns­ti­gen Au­gen­blick er­kun­dig­te ich mich bei dem chi­ne­sisch spre­chen­den Sa­mu­rai nach dem Grund die­ses Ver­hal­tens.

›Ge­stat­ten Sie eine Fra­ge?‹

›Na­tür­lich, warum denn nicht!?‹

›Nun, ich kann ei­ni­ges nicht ver­ste­hen, habe aber das Ge­fühl, dass es ein Ta­bu­the­ma ist.‹

›Wir wer­den se­hen!‹

›Als ich Ih­nen er­zähl­te, dass wir den Sohn des Fürs­ten schwer ver­letzt ge­fun­den hat­ten, schie­nen Sie bei­de sehr be­sorgt um ihn zu sein und wa­ren froh, dass er Pfle­ge er­hielt. Doch als er hier im La­ger an­kam, wur­de er von Ih­nen kaum ei­nes Blickes ge­wür­digt. Wie­so? Und warum ist er als Sohn des Fürs­ten un­ter den ein­fa­chen Sol­da­ten und wird von al­len auch so be­han­delt?‹

Im ers­ten Au­gen­blick ver­schloss sich die Mie­ne des Sa­mu­rai, und ich hat­te den Ein­druck, er wür­de mich auf­brau­send ab­wei­sen, aber dann be­sann er sich.

›Das lässt sich nicht so leicht be­ant­wor­ten, denn es be­steht ein recht ge­spann­tes Ver­hält­nis zwi­schen Va­ter und Sohn. Au­ßer­dem gibt es in un­se­rem Land einen an­de­ren Ver­hal­tens­ko­dex als in Ih­rem. Ehre und die Ver­pflich­tun­gen ge­gen­über Hö­her­ge­stell­ten wer­den bei uns an­ders be­wer­tet als bei Ih­nen.‹

›Das mag schon sein, doch ich habe die Sor­ge und die Lie­be zu sei­nem Sohn im Auge des Fürs­ten ge­se­hen. Was hin­dert ihn dar­an, ihm die­se auch zu zei­gen?‹

Der Sa­mu­rai hol­te tief Luft und stieß sie mit Druck wie­der aus.

›Sie ge­ben aber auch kei­ne Ruhe. Nun gut, ich wer­de ver­su­chen, Ih­nen die Si­tua­ti­on zu er­klä­ren.‹

Er schau­te sich kurz um, nick­te zu­frie­den und sag­te dann:

›Der zwei­t­äl­tes­te Sohn des Fürs­ten wur­de bis vor ei­nem Jahr be­han­delt, wie es ihm zu­kommt. Er er­hielt eine her­vor­ra­gen­de Aus­bil­dung und hat­te alle Pri­vi­le­gi­en, die ei­nem Sohn und Nach­fol­ger des Pro­vinz­fürs­ten zu­ste­hen. Sei­ne kämp­fe­ri­sche Aus­bil­dung ob­lag mir, und er war ein her­vor­ra­gen­der Schü­ler, der mir am Ende fast ge­wach­sen war. Doch all die­se Din­ge mach­ten ihn über­heb­lich, ar­ro­gant und herrsch­süch­tig. Er er­kann­te sei­ne Gren­zen nicht mehr und über­schritt stän­dig sei­ne Be­fug­nis­se. Nach Date Ma­sa­mu­nes Tod soll er der neue Dai­myo wer­den, und dann hät­te ein sol­ches Ver­hal­ten schwer­wie­gen­de Fol­gen. Die Pro­vinz­fürs­ten sind auf Ge­deih und Ver­derb dem Sho­gun ver­pflich­tet. Sie ha­ben seit ei­ni­ger Zeit nur noch ein­ge­schränk­te Rech­te, vie­le Pflich­ten, und ihr Le­ben ge­hört dem Sho­gun. Un­ter­wer­fung die­sem ge­gen­über ist obers­tes Ge­bot. Der Sohn des Fürs­ten be­gann sich für un­an­tast­bar zu hal­ten, und sein Le­ben wäre am Hofe des Sho­gun si­cher­lich bald ver­wirkt ge­we­sen. Als sich Date Ta­da­mu­ne im­mer öf­ter in Schwie­rig­kei­ten brach­te, er­bat der Fürst vom Sho­gun, sei­nen Sohn als ein­fa­chen Sol­da­ten in eine Trup­pe un­ter mei­nem Kom­man­do zu stel­len und nach Sen­dai, zur Burg des Fürs­ten, zu schi­cken. Da Date Ma­sa­mu­ne ein treu er­ge­be­ner Die­ner des Sho­gun ist, wur­de ihm dies ge­stat­tet. Of­fi­zi­ell han­del­te es sich um eine Be­stra­fung durch den Sho­gun für un­an­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten. Kei­nem au­ßer dem Fürst, dem Sho­gun, mir und jetzt Ih­nen sind die wah­ren Hin­ter­grün­de be­kannt. Nur eine Be­din­gung gab es: Der Fürst muss­te die­se Rei­se hier pla­nen und an­tre­ten.‹

Ich sah ihn er­staunt an, und er be­eil­te sich, sei­ne Wor­te ge­nau­er zu er­klä­ren:

›Nicht die­se hier nach Shao­lin, sie wur­de nur we­gen der Neu­gier­de des Fürs­ten un­ter­nom­men, der sehr viel über die Shao­lin-Kämp­fer am Kai­ser­hof ge­hört hat­te. Nein, die Rei­se an den chi­ne­si­schen Kai­ser­hof.‹

Da ich ihn im­mer noch fra­gend an­sah, fuhr er mit sei­nen Er­klä­run­gen fort:

›Mehr kann ich dar­über jetzt nicht sa­gen, nur eins noch: Der Sho­gun be­auf­trag­te Date Ma­sa­mu­ne da­mit, weil schon ein­mal ein Ge­folgs­mann von ihm eine di­plo­ma­ti­sche Rei­se an­ge­tre­ten hat­te. Ha­se­ku­ra Ts­une­n­a­ga war im Auf­trag des Sho­gun bis nach Me­xi­ko und Eu­ro­pa ge­reist. Der Sho­gun ver­traut nun dar­auf, dass Date Ma­sa­mu­ne das glei­che Ge­schick bei die­ser di­plo­ma­ti­schen Missi­on an den Tag le­gen wird. Au­ßer­dem weiß er, dass ich als sein Ge­folgs­mann mit da­bei bin und Date Ma­sa­mu­ne sich durch mei­ne Chi­ne­sisch­kennt­nis­se nicht auf einen frem­den Dol­met­scher ver­las­sen muss.‹

Ich horch­te auf. Hier gab es eine Ver­bin­dung zu Eu­ro­pa, und ob­wohl es eine ganz an­de­re Epo­che war, hat­te ich plötz­lich ein selt­sa­mes Ge­fühl. Ich war neu­gie­rig ge­wor­den und be­gie­rig, mehr dar­über zu er­fah­ren, doch vor­erst er­gab sich die­se Ge­le­gen­heit nicht. Der Sa­mu­rai fuhr aber mit sei­nen Er­klä­run­gen fort.

›Be­vor wir die­se Rei­se an­tra­ten, war es mir ge­lun­gen, den Sohn des Fürs­ten ein we­nig zur Ruhe zu brin­gen. Es fiel ihm schwer, sich un­ter­zu­ord­nen, doch er hat­te kei­ne an­de­re Wahl. Ich den­ke, dass sein Va­ter im rich­ti­gen Mo­ment die rich­ti­ge Ent­schei­dung ge­trof­fen hat. Er woll­te ihn De­mut leh­ren. Ihm zei­gen, dass auch er sich in be­stimm­ten Si­tua­tio­nen un­ter­wer­fen muss, dass auch ihm Gren­zen ge­setzt sind und Will­kür und Hoch­mut schnell zum Ver­der­ben wer­den kön­nen.‹

Ich dach­te über das eben Ge­hör­te nach. Zum Teil konn­te ich den Fürs­ten ver­ste­hen, aber mich ir­ri­tier­te, dass er sich im­mer noch so ab­wei­send ver­hielt und sei­nem Sohn nicht zeig­te, wie sehr er ihn ei­gent­lich lieb­te.

›Ei­ni­ges kann ich nun bes­ser ver­ste­hen, doch warum schließt er jetzt im­mer noch kei­nen Frie­den mit ihm und ver­heim­licht ihm, wie be­sorgt er war?‹

›Zum einen ist er der Mei­nung, dass es noch zu früh dazu ist. Zum an­de­ren ist das eine Ei­gen­schaft un­se­res Vol­kes und un­se­res Stan­des. Es ist nicht so ein­fach, sei­ne Ge­füh­le ei­nem an­de­ren ge­gen­über zu zei­gen, ohne da­bei sein Ge­sicht zu ver­lie­ren, und ich wür­de Ih­nen ra­ten, mit dem Fürst vor­läu­fig nicht dar­über zu spre­chen. Date Ma­sa­mu­ne ist ein Toz­a­ma-Dai­myo, der aber ein ho­hes An­se­hen beim Sho­gun ge­nießt. Er ist also ein re­la­tiv un­ab­hän­gi­ger Fürst, und um die­se Stel­lung zu wah­ren und in den fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen wei­ter aus­zu­bau­en, müs­sen auch sei­ne Söh­ne über je­den Ta­del er­ha­ben sein. Ich kann nicht sa­gen, was mich be­wo­gen hat, Ih­nen das al­les zu er­zäh­len, doch Sie kön­nen si­cher sein, dass es mein An­se­hen beim Fürs­ten ge­wal­tig un­ter­gräbt, wenn er da­von er­fährt.‹

Ich ver­sprach ihm, dar­über zu schwei­gen. Er war auch des­halb re­la­tiv be­ru­higt, da ich durch die Un­kennt­nis der ja­pa­ni­schen Spra­che im Mo­ment so­wie­so nur über ihn mit dem Fürst spre­chen konn­te.

Als wir wie­der im La­ger an­ge­kom­men wa­ren, ge­sell­te ich mich zu Wang Lee und Liu Shi Meng, doch vor­läu­fig herrsch­te nur Schwei­gen. Ich hing mei­nen Ge­dan­ken nach, und die bei­den merk­ten, dass mich et­was be­schäf­tig­te.

Ich mach­te mir Ge­dan­ken über das Ver­hal­ten des Fürs­ten und frag­te mich, ob es wirk­lich der rich­ti­ge Weg war, sei­nen Sohn zu er­zie­hen. Aber an­schei­nend hat­te er da­mit einen ge­wis­sen Er­folg. Au­ßer­dem war es ein an­de­res Land mit an­de­ren Sit­ten, da­her konn­te ich mei­ne Maß­stä­be nicht bei ih­nen an­le­gen. Mir hat­te der Wehr­dienst auch ge­hol­fen, selb­stän­dig und ver­ant­wor­tungs­be­wusst zu wer­den. Da man das hier fast ge­nau­so wer­ten konn­te, blieb nur das ge­spann­te Ver­hält­nis zwi­schen Va­ter und Sohn. Aber ich hat­te auch die Lie­be und Sor­ge un­ter der rau­en Scha­le be­merkt, und so schi­en das Gan­ze nach au­ßen schlim­mer zu sein, als es war.

In­zwi­schen hat­ten sich Wang Lee und Liu Shi Meng über die letz­ten Er­eig­nis­se un­ter­hal­ten, und die letz­ten Wor­te Liu Shi Mengs lie­ßen mich auf­hor­chen.

›Ich bin der Mei­nung, wir soll­ten so schnell wie mög­lich hier ver­schwin­den. Mei­ner An­sicht nach war die Ak­ti­on gut ge­plant und kein zu­fäl­li­ger Über­fall von ei­ner ein­zel­nen Ban­di­ten­grup­pe. Wenn be­merkt wird, dass sie ihr Ziel nicht er­reicht ha­ben, kom­men viel­leicht noch an­de­re, und dann ha­ben wir kei­ne Chan­ce mehr!‹

Da ich durch mein tie­fes Nach­sin­nen nichts vom vor­her­ge­hen­den Ge­spräch mit­be­kom­men hat­te, frag­te ich nach:

›Wie kommst du denn dar­auf?‹

›Ich kann es dir nicht er­klä­ren, aber ich habe kein gu­tes Ge­fühl hier. Mag sein, dass es an die­sem Ort mit den noch sicht­ba­ren Kampf­spu­ren liegt, wie Wang Lee meint, doch ich fin­de, wir soll­ten von hier ver­schwin­den!‹

›Wo willst du hin, ins Klos­ter kön­nen wir die Ver­wun­de­ten nicht schaf­fen, das ist zu weit, und ei­ni­ge von ih­nen wür­den die­sen lan­gen Trans­port si­cher nicht über­le­ben‹, fiel Wang Lee ein.

›Na ja, vor ei­ni­gen Jah­ren war mal ein al­ter Mann im Klos­ter. Er woll­te Me­di­zin für sei­ne kran­ke Toch­ter von Han Li­ang Tian er­bit­ten, doch der Abt ist da­mals gleich selbst mit­ge­gan­gen und hat sie ge­sund ge­pflegt. Als er zu­rück­kam, hat er uns er­zählt, dass er noch nie von die­sem klei­nen Dorf hier oben in den Ber­gen ge­hört hat­te und dass es si­cher­lich auch nicht so schnell von je­mand ge­fun­den wür­de. Wenn ich mich recht an sei­ne Orts­be­schrei­bung er­in­ne­re, dürf­te nicht weit von hier ein schma­ler Weg in die Ber­ge ab­zwei­gen, und et­was ver­steckt in ei­nem Sei­ten­tal ste­hen sechs oder sie­ben Hüt­ten.‹

›Sechs oder sie­ben Hüt­ten!? Liu Shi Meng, wo sol­len wir denn da mit all den Ver­letz­ten un­ter­kom­men? Die Leu­te hier in den Ber­gen ha­ben meist ge­ra­de mal ge­nug Platz für sich selbst, sie le­ben schon auf engs­tem Raum, da ist nie­mals Platz für uns alle.‹

›Ist schon rich­tig, aber wo willst du sonst hin. Selbst wenn nie­mand mehr hier­her kommt, auf die­ser Wie­se kön­nen wir die Ver­letz­ten nie­mals ge­sund pfle­gen.‹

›Da hast du schon recht‹, sag­te ich nach­denk­lich. ›Und selbst wenn wir in den Hüt­ten der Berg­bau­ern nicht un­ter­kom­men, könn­ten wir dort si­cher­lich bes­ser ein pro­vi­so­ri­sches La­ger ein­rich­ten als hier. Weißt du ge­nau, wo die­ses Dorf liegt?‹, frag­te ich Liu Shi Meng.

›Nein, nicht ge­nau. Doch ich wür­de mor­gen früh so zei­tig wie mög­lich auf­bre­chen und da­nach su­chen. Ihr müsst so­wie­so auf die an­de­ren war­ten, und erst dann kön­nen wir von hier ver­schwin­den. Bis das so weit ist, wer­de ich das Dorf si­cher ge­fun­den ha­ben.‹

Da uns nichts Bes­se­res ein­fiel, ei­nig­ten wir uns auf Liu Shi Mengs Vor­schlag, und nach­dem wir noch ein­mal nach den Ver­wun­de­ten ge­se­hen hat­ten, gin­gen wir zur Ruhe.

Die Nacht ver­lief ru­hig, und am Mor­gen küm­mer­ten wir uns als Ers­tes um die Ver­wun­de­ten. Der Zu­stand von zwei der Ver­letz­ten er­schi­en mir recht kri­tisch. Ich be­riet mich mit Wang Lee, und auch er war der Mei­nung, dass die bei­den schnells­tens Hil­fe be­nö­tig­ten.

Ei­ner von ih­nen hat­te eine klaf­fen­de Wun­de am Hals und sehr viel Blut ver­lo­ren. Die Blu­tung hat­ten wir zwar stil­len kön­nen, doch er war durch den ho­hen Blut­ver­lust so schwach, dass wir um sein Le­ben bang­ten. Der an­de­re hat­te eine Bauch­wun­de, und um ihn sorg­ten wir uns ei­gent­lich noch mehr, da wir nicht wuss­ten, ob auch in­ne­re Or­ga­ne ver­letzt wa­ren. Wir hat­ten zwar in Er­man­ge­lung an­de­rer Hilfs­mit­tel die Wun­drän­der mit dem Ver­band fest zu­sam­men­ge­presst, doch wür­de das rei­chen? Kei­ner von uns hat­te Er­fah­rung in der Be­hand­lung sol­cher Ver­let­zun­gen.

Der Dai­myo be­merk­te un­se­re Sor­ge und kam mit dem dol­met­schen­den Sa­mu­rai zu uns.

›Der Fürst Date Ma­sa­mu­ne möch­te wis­sen, wie es um die Ver­letz­ten steht.‹

Ich stand auf und ant­wor­te­te, den Fürst da­bei an­schau­end:

›Den Ver­wun­de­ten geht es so weit gut, nur um die­se bei­den hier ma­chen wir uns Sor­gen. Wir sind kei­ne Hei­ler, und uns fehlt die Er­fah­rung in der Be­hand­lung sol­cher Wun­den. Doch die Hil­fe aus dem Klos­ter müss­te heu­te im Lau­fe des Ta­ges ein­tref­fen, und wir hof­fen, dass es dann noch nicht zu spät ist.‹

Der Dai­myo sah auf die bei­den he­r­un­ter, nick­te, und der Sa­mu­rai über­setz­te uns dann sei­ne Wor­te:

›Date Ma­sa­mu­ne sagt: Es sind gute und star­ke Män­ner, sie wer­den so lan­ge durch­hal­ten wie nö­tig, und wenn es so weit ist, wer­den sie ge­hen, ohne zu kla­gen.‹

Ich sah mir den Fürst ge­nau­er an, denn er ver­wirr­te mich im­mer wie­der. Auf der einen Sei­te wirk­te er be­sorgt und auf­merk­sam sei­nen Män­nern ge­gen­über, doch nach au­ßen schi­en er über die­sen Din­gen zu ste­hen. Es sah im­mer so aus, als dürf­te kei­ner se­hen, dass in die­sem har­ten Mann auch ein wei­cher Kern steck­te. Die­ser Ein­druck wur­de noch durch sein Äu­ße­res ver­stärkt, denn ihm fehl­te das rech­te Auge. Im Klos­ter hat­te er eine Au­gen­klap­pe ge­tra­gen, doch jetzt sah man die ver­wach­se­ne lee­re Au­gen­höh­le, wäh­rend das an­de­re Auge auf­merk­sam al­les um sich he­r­um im Blick be­hielt. Spä­ter er­fuhr ich, dass er das Auge durch eine schwe­re Er­kran­kung ver­lo­ren hat­te, aber er för­der­te auch an­de­re Ge­rüch­te. Die­se und sei­ne Aus­strah­lung tru­gen dazu bei, dass er den Spitz­na­men ein­äu­gi­ger Dra­che er­hal­ten hat­te.

Wäh­rend­des­sen hat­te der Fürst wei­ter ge­spro­chen, und der Sa­mu­rai über­setz­te ge­wis­sen­haft sei­ne Wor­te:

›Date Ma­sa­mu­ne möch­te wis­sen, wie es wei­ter­ge­hen soll. Er fin­det den Platz hier nicht gut und möch­te so schnell wie mög­lich die­sen Ort ver­las­sen.‹

Also hat­te nicht nur Liu Shi Meng ein schlech­tes Ge­fühl.

›Wir ha­ben uns auch schon dar­über un­ter­hal­ten, und Liu Shi Meng möch­te ger­ne ein Dorf su­chen, das hier ganz in der Nähe sein muss‹, ant­wor­te­te ich.

Der Dai­myo nick­te und gab zu ver­ste­hen, dass er so schnell wie mög­lich wei­ter möch­te. Nach­dem ich ihm er­klärt hat­te, dass wir we­nigs­tens die Hil­fe vom Klos­ter ab­war­ten müss­ten und dass wir die Ver­letz­ten auch nicht sehr weit trans­por­tie­ren könn­ten, ging er miss­mu­tig da­von.

Der Sa­mu­rai war bei uns ge­blie­ben, und nach­dem der Fürst au­ßer Hör­wei­te war, sag­te er:

›Sie müs­sen Date Ma­sa­mu­ne ver­ste­hen, er macht sich Sor­gen um un­se­re Si­cher­heit. Au­ßer­dem un­ter­nah­men wir die­sen Ab­ste­cher ins Klos­ter nicht im Auf­trag des Sho­gun. Wenn sei­ne Missi­on jetzt des­halb ge­fähr­det ist, könn­te das sei­ne Stel­lung sehr ne­ga­tiv be­ein­flus­sen. Er macht sich Vor­wür­fe, dass er die­se Rei­se an­ge­tre­ten hat, denn das ei­gent­li­che Ziel war schon er­reicht.‹

›Ich kann das ja ver­ste­hen, doch es ist nun ein­mal ge­sche­hen, und wir müs­sen se­hen, dass wir das Bes­te dar­aus ma­chen. Liu Shi Meng wird auf­bre­chen und nach dem Dorf su­chen. Ich möch­te aber mit Wang Lees Hil­fe ver­su­chen, die­sen bei­den Ver­letz­ten noch ein we­nig Kraft zu ge­ben, da­mit sie durch­hal­ten, bis die an­de­ren ein­tref­fen.‹

Der Sa­mu­rai und auch Wang Lee, mit dem ich noch nicht dar­über ge­spro­chen hat­te, sa­hen mich er­staunt an.

›Was hast du vor? Du willst doch nicht etwa das­sel­be ver­su­chen wie da­mals Han Li­ang Tian bei Hu Kang?‹

›Doch, warum nicht? Schlim­mer kön­nen wir es nicht ma­chen, den­ke ich.‹

›Das weißt du nicht! Wir ha­ben es noch nie­mals ge­tan, und Han Li­ang Tian hat die­se Fä­hig­kei­ten nur im äu­ßers­ten Not­fall an­ge­wen­det.‹

›Ich weiß, aber ich habe Angst, dass die bei­den uns wegs­ter­ben, bis Hil­fe da ist.‹

Der Sa­mu­rai war neu­gie­rig ge­wor­den und un­ter­brach uns.

›Darf ich er­fah­ren, was Sie vor­ha­ben und warum Sie nicht si­cher sind, ob Sie es an­wen­den dür­fen?‹

Ich sah Wang Lee an, und die­ser zuck­te die Schul­tern mit ei­nem Blick, der sag­te: Nun sieh zu, wie du da wie­der raus­kommst, ich hab nicht da­von an­ge­fan­gen. Ich ent­schloss mich, dem Sa­mu­rai mei­ne Ab­sicht so gut wie mög­lich zu er­läu­tern.

›Es be­steht die Mög­lich­keit, an­de­ren Kraft zur Hei­lung zu ge­ben, doch es ge­hört ein sehr star­kes Chi dazu. Wir bei­de ha­ben es noch nicht ohne Hil­fe prak­ti­ziert. Ich habe zwar ein­mal an ei­ner sol­chen Sit­zung teil­ge­nom­men, aber un­auf­ge­for­dert und nur durch die Hil­fe ei­nes in die­sen Din­gen sehr er­fah­re­nen Man­nes mei­ne Kraft bei­steu­ern kön­nen. Wir wis­sen also, wie es funk­tio­niert, doch uns fehlt die Er­fah­rung.‹

›Ich ver­ste­he nicht, warum Sie sich scheu­en, es zu ver­su­chen? Ich habe schon vie­le ver­wun­de­te Män­ner ge­se­hen, und die­se bei­den hier ha­ben ohne so­for­ti­ge Hil­fe kei­ne Hoff­nung zu über­le­ben. So viel kann ich nach mei­nen Er­fah­run­gen ein­schät­zen. Also ver­su­chen Sie, was ih­nen mög­lich ist, auch wenn es eine mir noch un­be­kann­te Ge­fahr ber­gen soll­te. Mei­ner An­sicht nach kön­nen Sie es nicht schlim­mer ma­chen.‹

Ich dach­te ge­nau­so und sah Wang Lee fra­gend an.

›Wenn du meinst, dann ver­su­chen wir’s, ob­wohl ich Zwei­fel habe!‹

›So wird’s aber nichts, Wang Lee. Wenn du Zwei­fel hast, kannst du nicht dei­ne gan­ze Kraft bei­steu­ern, und wir sind von vorn­he­r­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt. Du musst an die Mög­lich­keit glau­ben und die gan­ze Kraft dei­nes Chi nut­zen!‹

›Ich weiß! Lass mich einen Au­gen­blick me­di­tie­ren, um mich auf die­se Auf­ga­be ein­zu­stim­men.‹

Ich nick­te ihm zu und ge­dach­te, das Glei­che zu tun. Bei­de lie­ßen wir uns nie­der und kon­zen­trier­ten uns auf die be­vor­ste­hen­de Auf­ga­be, doch zu­vor bat ich den Sa­mu­rai, da­für zu sor­gen, dass wir nicht ge­stört wur­den. Er nick­te und po­si­tio­nier­te sich so, dass er so­wohl uns als auch alle an­de­ren im Blick hat­te.

In­zwi­schen wa­ren wir in tiefer Me­di­ta­ti­on ver­sun­ken. Nach ei­ni­ger Zeit öff­ne­te ich die Au­gen, denn ich hat­te das Ge­fühl, dass Wang Lee so weit war, und rich­tig, er schau­te mich mit ei­nem ent­spann­ten und kon­zen­trier­ten Blick an.

Da wir gleich ne­ben dem Mann mit der Hals­wun­de sa­ßen, nah­men wir uns die­sen als Ers­ten vor. Wie ich es da­mals bei Han Li­ang Tian ge­se­hen hat­te, leg­te ich mei­ne Hän­de auf Stirn und Brust des Ver­letz­ten, und Wang Lee leg­te die sei­nen auf mei­ne. Nun kon­zen­trier­ten wir un­se­re gan­ze Kraft in den Wunsch, dem Schwa­chen Ener­gie von uns zu ge­ben. Ich ver­such­te es auf die glei­che Art, wie ich es da­mals an Hu Kangs Kran­ken­la­ger wahr­ge­nom­men hat­te, und dach­te im Gleich­klang mit Wang Lee:

›Nimm die­se Kraft von uns, nut­ze sie zu dei­ner Hei­lung! Nimm so viel, wie du brauchst, um wie­der ge­sund zu wer­den! Wir ge­ben dir ger­ne, was wir ge­ben kön­nen! Nimm von uns, um dei­nen Kör­per zu hei­len und die Kraft zu fin­den, dass dein Herz wei­ter­schlägt. Dass dei­ne Lun­ge wei­ter­ar­bei­tet und dein Kör­per das ver­lo­re­ne Blut wie­der er­setzt.‹

Bei die­sen Ge­dan­ken ver­such­te ich mich in den Kör­per des Ver­letz­ten hi­n­ein­zu­ver­set­zen und da­bei zu er­ken­nen, wo die Hil­fe am not­wen­digs­ten war. Nach ei­ni­ger Zeit ge­lang es mir fast so gut wie in mei­nem ei­ge­nen Kör­per, und ich er­kun­de­te die be­trof­fe­nen Stel­len. Die Wun­de am Hals wür­de wie­der hei­len, auch wenn Seh­nen und Mus­keln ver­letzt wa­ren und der Hals viel­leicht bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad steif blei­ben wür­de. Ich er­kann­te auch die Ur­sa­che für sei­nen rö­cheln­den Atem. Er hat­te Blut ver­schluckt und ei­ni­ges da­von in sei­ne Atem­we­ge be­kom­men. Aber sein Kör­per war zu schwach, um das Blut wie­der hi­n­aus­zu­be­för­dern.

Ohne mei­ne bis­he­ri­gen Ge­dan­ken zu un­ter­bre­chen, füg­te ich ih­nen noch den Be­fehl hin­zu, die Atem­we­ge wie­der frei zu ma­chen. Das kos­te­te mich und Wang Lee sehr viel Kraft, und ich ver­such­te wie da­mals Han Li­ang Tian, Ener­gie aus mei­ner ge­sam­ten Um­welt auf­zu­neh­men.

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga, der Sa­mu­rai, der als Dol­met­scher fun­gier­te und nun da­für sor­gen soll­te, dass wir nicht ge­stört wur­den, be­ob­ach­te­te er­staunt, was vor­ging. Mu­te­te ihn die Hand­lungs­wei­se auch selt­sam an, so spür­te er doch die Kraft und Ener­gie, die uns wie eine Aura um­gab. Er be­merk­te, wie sich un­ser gan­zer Kör­per straff­te und sich alle Mus­keln und Seh­nen bis zum Zer­rei­ßen spann­ten, doch bis auf das leich­te Zit­tern der Hän­de und Zu­cken im Ge­sicht war nichts Äu­ßer­li­ches sicht­bar. Ge­bannt be­ob­ach­te­te er uns, und Date Ma­sa­mu­ne sah er erst, als die­ser uns fast er­reicht hat­te. Schnell sprang er auf und ver­neig­te sich vor ihm.

Im­mer noch ver­stimmt we­gen des Auf­ent­halts an die­sem un­güns­ti­gen Ort, frag­te der Dai­myo ge­reizt:

›Was geht hier vor?‹

›Mein Fürst, bit­te stö­ren Sie die­se bei­den nicht, sie wol­len ver­su­chen, dem Ver­let­zen bei der Hei­lung zu hel­fen.‹

›So? Wie soll das ge­hen?‹

›Ich weiß es nicht ge­nau, doch se­hen Sie, es scheint sich et­was zu tun.‹

Der Ver­letz­te hus­te­te und würg­te, und sein Ge­sicht wur­de pu­ter­rot vor An­stren­gung. Den bei­den Be­ob­ach­tern wur­de angst, denn sie fürch­te­ten um das Le­ben des Man­nes. Date Ma­sa­mu­ne war drauf und dran, un­se­re Ak­ti­on ab­zu­bre­chen, als der Ver­letz­te spu­ckend das Blut aus den Atem­we­gen würg­te. Der Fürst stock­te mit­ten in der Be­we­gung und war­te­te ab, was wei­ter ge­sche­hen wür­de.

Der Ver­wun­de­te schi­en schon frei­er zu at­men. Nach­dem sich die­ser Vor­gang mehr­fach wie­der­holt hat­te, sank der Mann gleich­mä­ßig at­mend zu­rück. Sei­ne Haut nahm eine ge­sün­de­re Far­be an, und als wäre er in einen hei­len­den Schlaf ge­fal­len, at­me­te er ru­hig ein und aus.

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga be­ob­ach­te­te uns ge­bannt und er­war­te­te je­den Au­gen­blick, dass wir uns er­he­ben wür­den, als das nicht ge­schah, wand­te er sich wie­der dem Fürs­ten zu:

›An­schei­nend ha­ben sie Er­folg ge­habt. Warum und wie lan­ge sie jetzt noch fort­fah­ren, kann ich aber nicht sa­gen.‹

›Wir wer­den se­hen, doch ihr Wort­füh­rer scheint kein Chi­ne­se zu sein. Ich habe das da­mals im Klos­ter schon ge­dacht, weil er da aber im­mer mit den Mön­chen zu­sam­men war, mich nicht wei­ter dar­um ge­küm­mert. Ir­gend­ein Ge­heim­nis um­gibt ihn, und sei­ne Aus­strah­lung ist sehr groß. Ich möch­te, dass du ihn dar­auf an­sprichst, wenn sie das hier be­en­det ha­ben.‹

›Ja mein Fürst!‹, sag­te der Sa­mu­rai und schau­te dem Dai­myo hin­ter­her, der sich wie­der zu den an­de­ren be­gab.

Von all­dem hat­ten wir nichts mit­be­kom­men, und erst spä­ter hat mir Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga da­von er­zählt. Uns war aber nicht ent­gan­gen, dass wir eine Wir­kung er­zielt hat­ten. Nun woll­ten wir dem Mann noch Ener­gie für die wei­te­re Hei­lung mit­ge­ben und kon­zen­trier­ten uns auf die an­fäng­li­chen Ge­dan­ken.

Erst ge­rau­me Zeit spä­ter ver­stän­dig­te ich mich in Ge­dan­ken mit Wang Lee, und wir öff­ne­ten die Au­gen. Wir sa­hen nicht nur, dass es dem Ver­wun­de­ten bes­ser­ging, wir hat­ten es auch ge­spürt. Er­freut über den Er­folg, stan­den wir auf.

In die­sem Au­gen­blick merk­ten wir, wie viel Kraft uns die­se Ak­ti­on ge­kos­tet hat­te. Wang Lee tau­mel­te ei­ni­ge Schrit­te zur Sei­te, und ich muss­te die Au­gen schlie­ßen, da sich al­les zu dre­hen be­gann. Erst nach ei­ner Wei­le konn­te ich sie wie­der öff­nen, und auch Wang Lee kam, ein we­nig blass, wie­der zur Ruhe. Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga war in der Zwi­schen­zeit zu uns he­r­an­ge­kom­men und frag­te nun:

›Ist es so er­folg­reich ver­lau­fen, wie Sie ge­hofft hat­ten?‹

›Al­lem An­schein nach, ja. Für den Au­gen­blick ist die Ge­fahr ge­bannt, wie sich sein Zu­stand wei­ter­ent­wi­ckelt, kann ich aber nicht sa­gen.‹

›Ver­su­chen Sie es jetzt auch bei dem an­de­ren?‹

›Ich den­ke, so schnell geht das nicht! Wir müs­sen selbst erst ein­mal wie­der Kraft schöp­fen. Es hat uns mehr an­ge­strengt, als ich dach­te. Bit­te gön­nen Sie uns ein we­nig Ruhe, be­vor wir uns um den Zwei­ten küm­mern.‹

Der Sa­mu­rai nick­te und knie­te sich bei dem Mann nie­der, um den wir uns ge­ra­de be­müht hat­ten.

Da ich mich mit Wang Lee auch ohne Wor­te ver­stän­di­gen konn­te, ge­nüg­te ein kur­zer Blick, und wir such­ten uns eine ru­hi­ge Stel­le, um zu me­di­tie­ren. Ich ließ mich voll­kom­men fal­len und kon­zen­trier­te mich nur dar­auf, so schnell wie mög­lich wie­der zu Kräf­ten zu kom­men.

Als ich mich ei­ni­ge Zeit spä­ter, die Son­ne hat­te in­zwi­schen fast ih­ren höchs­ten Stand er­reicht, wie­der er­hob, merk­te ich schnell, dass die ver­brauch­te Ener­gie noch nicht wie­der voll­stän­dig auf­ge­füllt war. Wang Lee ging es nicht an­ders, und nun mach­ten wir uns Sor­gen, ob un­se­re Kraft rei­chen wür­de, um dem zwei­ten Mann zu hel­fen. Dum­mer­wei­se hat­ten wir uns ent­schie­den, dem zu­erst zu hel­fen, bei dem es leich­ter er­schi­en, und jetzt be­fürch­te­ten wir zu ver­sa­gen.

Wir gin­gen zu­erst noch ein­mal zu Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga, der im­mer noch bei dem zu­erst Ver­sorg­ten saß. Er stand auf und frag­te:

›Hel­fen Sie jetzt dem an­de­ren? Bei dem hier ha­ben Sie ein Wun­der be­wirkt. Er ist jetzt viel kräf­ti­ger, rö­chelt über­haupt nicht mehr und hat vor­hin schon die Au­gen ge­öff­net. Ich hof­fe, es war nicht falsch, dass ich ihm Was­ser ge­bracht habe, als er da­nach ver­langt hat?‹

›Nein, im Ge­gen­teil! Er hat sehr viel Blut ver­lo­ren und muss viel trin­ken, um den Flüs­sig­keits­ver­lust aus­zu­glei­chen.‹

Er at­me­te er­leich­tert aus, und ich be­ant­wor­te­te, mich dem mit der Bauch­wun­de zu­wen­dend, sei­ne an­de­re Fra­ge:

›Wir wer­den jetzt ver­su­chen, die­sem hier zu hel­fen, doch ich kann nicht sa­gen, ob un­se­re Kraft da­für noch aus­reicht. Bit­te sor­gen Sie wie­der da­für, dass wir nicht ge­stört wer­den!‹

Er nick­te be­stä­ti­gend, und wir ver­fuh­ren wie­der wie beim Ers­ten. Als wir uns nie­der­knie­ten und dem Mann ins Ge­sicht blick­ten, wur­de uns angst, denn sein Zu­stand schi­en sich sehr ver­schlech­tert zu ha­ben. Als ich in Wang Lees Au­gen sah, be­merk­te ich, dass er die Hoff­nung schon auf­ge­ge­ben hat­te, und ich setz­te mich in Ge­dan­ken mit ihm in Ver­bin­dung:

›Erst wenn wir al­les ver­sucht ha­ben, Wang Lee! Erst wenn wir all un­se­re Kraft ge­ge­ben ha­ben!‹

›Ich wer­de mich be­mü­hen, doch ich habe we­nig Hoff­nung.‹

›Den­ke an­ders, sonst wirkt es nicht, Wang Lee! Bit­te, denk an­ders!‹

›Ich be­mü­he mich!‹, ant­wor­te­te er, und ich spür­te, wie er sich kon­zen­trier­te.

Wir ver­fuh­ren auf die glei­che Wei­se wie bei un­se­rem ers­ten Pa­ti­en­ten. Aber nach ei­ner Wei­le merk­te ich, dass es nicht so lief wie beim ers­ten Mal. Wir dran­gen gar nicht rich­tig zu ihm vor, und er schi­en nicht in der Lage zu sein, un­se­re Hil­fe an­zu­neh­men. Er war so schwach, dass wir den Ein­druck hat­ten, er wäre schon halb in ei­ner an­de­ren Welt.

Nach ei­ni­ger Zeit ga­ben wir frus­triert auf. Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga, der das be­merkt hat­te, kam zu uns he­r­an und er­kun­dig­te sich be­sorgt:

›Was ist? Sie sind bei ihm so schnell fer­tig? Ich habe auch nicht wie vor­hin das Ge­fühl, dass sich sein Zu­stand ge­bes­sert hat.‹

Ich sah ihm in die Au­gen und sag­te:

›Ich weiß nicht, ob wir nicht mehr ge­nü­gend Kraft ha­ben oder ob er schon so schwach ist, dass er un­se­re Hil­fe nicht mehr an­neh­men kann. Auf je­den Fall drin­gen wir gar nicht mehr bis zu ihm vor.‹

›Steht es so schlecht um ihn?‹

›Ich den­ke, ja! Wir ken­nen lei­der nur die­se Me­tho­de, um je­mand Kraft zu ge­ben, und der Be­trof­fe­ne muss be­reit sein, sie an­zu­neh­men. Wenn es mög­lich wäre, ihm die Kraft auf eine an­de­re Art zu ge­ben, hät­ten wir viel­leicht Er­folg, aber so ...‹

Be­stützt sah der Sa­mu­rai auf den nur noch schwach at­men­den Mann. Ich hat­te den Ein­druck, dass ihm je­der die­ser Män­ner wirk­lich ans Herz ge­wach­sen war. Er wür­de sich ei­nem Ja­pa­ner ge­gen­über si­cher­lich nie­mals eine sol­che Emp­fin­dung an­mer­ken las­sen, doch bei uns schi­en ihm die­se Maß­nah­me nicht nö­tig zu sein.

›Ha­ben Sie al­les ver­sucht?‹

Ich nick­te nur be­stä­ti­gend.

›Dann wer­den wir ihn wohl auch noch ver­lie­ren‹, sag­te er trau­rig und wen­de­te sich ab.

Ich wuss­te nicht, was ich dar­auf ant­wor­ten soll­te, und auch Wang Lee, den ich rat­los an­sah, ging es nicht bes­ser. Das währ­te aber nur we­ni­ge Au­gen­bli­cke, dann sprach uns der Sa­mu­rai wie­der an:

›Sie ha­ben ge­hol­fen, so gut Sie konn­ten, und ohne Ihre Hil­fe wä­ren wir jetzt alle tot. Auch bei den Ver­wun­de­ten ha­ben Sie mehr ge­tan, als ich er­war­tet hat­te. Sei­en Sie ver­si­chert, dass wir das nie­mals ver­ges­sen wer­den!‹

Er ver­neig­te sich wie­der ein­mal leicht vor uns, und mir wur­de das lang­sam pein­lich, denn so viel Ehr­er­bie­tung schi­en mir un­an­ge­bracht.

›Sie brau­chen sich nicht im­mer vor uns zu ver­nei­gen. Wir sind nur ein­fa­che Mön­che, und Ihre Stel­lung ist viel be­deu­ten­der als die un­se­re.‹

Ge­schickt nutz­te Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga die Mög­lich­keit, um den Auf­trag sei­nes Herrn zu er­fül­len.

›Ich den­ke, auch in Chi­na ist es nicht un­üb­lich, ei­nem an­de­ren auf die­se Art und Wei­se sei­ne Dank­bar­keit zu zei­gen. Der Rang oder die Stel­lung spie­len da­bei nur eine un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Doch ich habe, ob­wohl Sie chi­ne­sisch spre­chen, als wäre es Ihre Mut­ter­spra­che, den Ein­druck, dass Sie kein Chi­ne­se sind.‹

Wie soll­te ich jetzt re­agie­ren? Ich war un­si­cher, wie viel und was ich ihm über­haupt er­zäh­len soll­te oder durf­te. Mei­ne Un­si­cher­heit mit ei­nem Lä­cheln über­spie­lend, sag­te ich aus­wei­chend:

›Sie lie­gen nicht falsch, aber viel­leicht auch nicht ganz rich­tig mit Ih­rer Ver­mu­tung, aber das ist eine lan­ge Ge­schich­te, die wir uns für eine ru­hi­ge­re Zeit auf­he­ben soll­ten.‹

Ich woll­te erst ein­mal Zeit ge­win­nen, um mir über mei­ne wei­te­re Vor­ge­hens­wei­se klar zu wer­den. Glück­li­cher­wei­se er­for­der­ten in die­sem Mo­ment an­de­re Din­ge un­se­re Auf­merk­sam­keit. Von dem Weg, den wir am Vor­tag ge­kom­men wa­ren, dran­gen Ge­räusche zu uns. Schnell grif­fen die noch kampf­fä­hi­gen Ja­pa­ner zu ih­ren Waf­fen, und auch wir be­ob­ach­te­ten, auf al­les ge­fasst, die Weg­bie­gung.

Er­leich­tert at­me­te ich aus, als ich er­kann­te, dass Chen Shi Mal mit der Hil­fe aus dem Klos­ter kam. Zehn Mön­che hat­te er mit­ge­bracht, und un­ter ih­nen war der bes­te Wund­hei­ler des Klos­ters. Auch ei­ni­ge Pack­pfer­de, die ver­schie­de­ne Din­ge tru­gen, wa­ren da­bei, und ich schöpf­te wie­der Hoff­nung, dass wir dem Mann mit der Bauch­wun­de noch hel­fen konn­ten.

Als uns die­se Grup­pe fast er­reicht hat­te, be­merk­te ich Liu Shi Meng, der aus der an­de­ren Rich­tung auf uns zu­streb­te. Sei­nem Ge­sichts­aus­druck zu­fol­ge hat­te er Er­folg ge­habt, denn er wirk­te fröh­lich und ent­spannt.

Be­vor ich mit ihm spre­chen konn­te, er­reich­te uns aber Chen Shi Mal und be­rich­te­te, wie es ihm er­gan­gen war.

So schnell ihn sei­ne Bei­ne tra­gen konn­ten, war er zum Klos­ter ge­lau­fen und hat­te es spät in der Nacht er­reicht. Ohne Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen, weck­te er den Abt, Hu Kang, und be­rich­te­te ihm von den letz­ten Er­eig­nis­sen. Die­ser über­leg­te nicht lan­ge, such­te zehn ver­trau­ens­wür­di­ge Mön­che aus und bat sie, Chen Shi Mal zu be­glei­ten. Nach­dem al­les Not­wen­di­ge ver­schnürt war, bra­chen sie mit den Pack­pfer­den auf. Ih­rer Mei­nung nach hat­te sie nie­mand be­merkt, und der Abt woll­te den wah­ren Grund ih­rer Ab­we­sen­heit auch erst ein­mal ge­heim hal­ten. So hoff­ten wir, selbst wenn die Ver­mu­tun­gen, die wir teil­wei­se heg­ten, zu­tra­fen, vor­läu­fig un­be­hel­ligt zu blei­ben.

Ich hielt die Ge­sprä­che sehr kurz, denn die Ver­sor­gung der Ver­letz­ten er­schi­en mir wich­ti­ger. Als Ers­tes führ­te ich den Wund­hei­ler zu dem Mann mit der Bauch­wun­de, den er ein­ge­hend un­ter­such­te. Nach­dem er den Ver­band ent­fernt und die Wun­de aus­gie­big be­gut­ach­tet hat­te, stand er mit ei­nem be­dau­ern­den Ge­sichts­aus­druck auf.

›Ich wer­de al­les ver­su­chen, was ich kann, doch ich ma­che mir we­nig Hoff­nung, dass die­ser Mann den mor­gi­gen Tag über­lebt. Selbst wenn ich so­fort zu Stel­le ge­we­sen wäre, hät­te er ver­mut­lich nicht über­lebt, denn es sind in­ne­re Or­ga­ne ver­letzt.‹

Ich sah hi­n­un­ter auf die frei­ge­leg­te Wun­de und er­schrak über de­ren Aus­se­hen. Die Wun­drän­der wa­ren zwar ver­klebt, doch es war al­les ge­rö­tet, und die gan­ze Haut des Ver­letz­ten hat­te eine un­ge­sun­de gel­be Far­be. Es sah aus, als wür­de je­den Au­gen­blick Ei­ter aus der Wun­de her­vor­bre­chen. Auch der all­ge­mei­ne Zu­stand des Man­nes schi­en sich von Mi­nu­te zu Mi­nu­te zu ver­schlech­tern. Ich mach­te mir im­mer mehr Vor­wür­fe, dass wir nicht zu­erst die­sem Mann ge­hol­fen hat­ten. Viel­leicht hät­te un­se­re Kraft aus­ge­reicht, um ihn zu ret­ten.

Der Mönch hat­te mich die gan­ze Zeit be­ob­ach­te­te, be­merk­te mei­nen See­len­kampf, konn­te sich aber nicht er­klä­ren, warum ich so be­drückt war.

›Wie­so be­drückt dich der Zu­stand die­ses Man­nes so sehr? Als wel­chem Grund bist du so nie­der­ge­schla­gen?‹

Aus mei­nen Ge­dan­ken hoch­ge­schreckt, sah ich ihn an.

›Ich ma­che mir Vor­wür­fe, dass ich viel­leicht einen Feh­ler be­gan­gen habe.‹

Er schüt­tel­te den Kopf und stand auf.

›Die Wun­de hät­tet ihr mit dem Wis­sen und den Mit­teln, die ihr habt, nicht bes­ser ver­sor­gen kön­nen. Selbst ich kann nichts an den in­ne­ren Ver­let­zun­gen ma­chen. Wenn der Kör­per sie nicht selbst hei­len kann, sind auch mir die Hän­de ge­bun­den.‹

›Ja, und ge­ra­de des­halb hät­ten wir erst die­sem hier hel­fen müs­sen, um ihm ge­nü­gend Kraft zur Selbst­hei­lung zu ge­ben!‹, sag­te ich trau­rig.

Rat­los sah er mich an und er­kun­dig­te sich dann nach dem, was wir ge­tan hat­ten, und warum ich so dach­te. Ich führ­te ihn zu dem Mann mit der Hals­ver­let­zung und schil­der­te ihm un­ser Vor­ge­hen. Mit je­dem Wort, das ich sag­te, wur­den sei­ne Au­gen grö­ßer. Er mus­ter­te mich und Wang Lee mit ei­ner Mi­schung aus Er­stau­nen und Hoch­ach­tung.

›Ich wuss­te nicht, dass Han Li­ang Tian sein Wis­sen um die­se Kräf­te wei­ter­ge­ge­ben hat und dass es ihm ge­lun­gen ist, je­mand zu fin­den, der die­se Kräf­te auch nut­zen kann. Ich selbst hat­te es ver­sucht, doch mir fehlt die in­ne­re Kraft, um das zu be­wir­ken, was ihr be­herrscht.‹

Er schau­te sich den Mann mit der Hals­ver­let­zung nä­her an und ließ sich den Ver­lauf noch ein­mal ge­nau schil­dern.

›Ich den­ke, ohne die Hil­fe, die ihr ihm ge­ge­ben habt, hät­te er nicht über­lebt. Das Blut, das er he­r­aus­würg­te, wäre nach und nach in die Lun­gen ge­ra­ten und hät­te ihm ein qual­vol­les Ende be­rei­tet. Ihr habt mit eu­rer Kraft et­was be­wirkt, was kein Hei­ler mit nor­ma­len Mit­teln er­rei­chen kann. Und ich bin si­cher, wenn ihr das erst bei dem an­de­ren ge­tan hät­tet, dann wäre Hil­fe bei die­sem hier nicht mehr mög­lich ge­we­sen.‹

Er schau­te noch ein­mal von ei­nem zum an­de­ren und schüt­tel­te wie­der mit dem Kopf.

›Nein, so grau­sam es klingt, ihr habt un­be­wusst die rich­ti­ge Ent­schei­dung ge­trof­fen, denn so hat we­nigs­tens ei­ner die Mög­lich­keit zu über­le­ben!‹

Ich spür­te, dass es ihm ernst war mit dem, was er sag­te, doch es be­ru­hig­te mich nur we­nig. Noch lan­ge mach­te ich mir Vor­wür­fe, dass ich zu die­sem Zeit­punkt eine falsche Ent­schei­dung ge­trof­fen hat­te.

Der Hei­ler ging wie­der zu dem mit der Bauch­ver­let­zung. Zu­sam­men mit ei­nem an­de­ren Mönch, der sich in der Zwi­schen­zeit schon um den Mann ge­küm­mert hat­te, rei­nig­ten und ver­ban­den sie die Wun­de noch ein­mal. Dann flöß­ten sie dem Mann einen stär­ken­den Trunk ein, doch fast un­mit­tel­bar da­nach wand er sich in Krämp­fen, bis er zit­ternd und schwach at­mend in eine tie­fe Ohn­macht fiel.

Da ich die Ver­letz­ten in gu­ten Hän­den wuss­te, ging ich zu Liu Shi Meng. Ihn hat­te ich seit sei­ner An­kunft noch nicht ge­spro­chen, und ich woll­te ger­ne wis­sen, wie sei­ne Su­che ver­lau­fen war.

Er stand bei Chen Shi Mal, und sie un­ter­hiel­ten sich ge­ra­de über die letz­ten Er­eig­nis­se.

›Warst du er­folg­reich Liu Shi Meng?‹, frag­te ich, als ich bei ih­nen an­kam.

›Ja, ich hat­te doch noch sehr gut in Er­in­ne­rung, wie Han Li­ang Tian mir da­mals den Weg in das Dorf be­schrie­ben hat­te. Als ich den Dorf­be­woh­nern von den letz­ten Er­eig­nis­sen be­rich­te­te und sie frag­te, ob sie uns hel­fen wür­den, ver­spra­chen sie es so­fort. Sie be­rei­ten al­les für un­se­re An­kunft vor, und Män­ner des Dor­fes wer­den mor­gen früh hier sein, um uns beim Trans­port zu hel­fen.‹

›Das ist wirk­lich eine gute Nach­richt! Nun müs­sen wir nur noch se­hen, dass wir auch be­reit sind, mor­gen früh auf­zu­bre­chen.‹

›Wie­so soll­ten wir nicht?‹, warf Chen Shi Mal ein.

›Nun, wir müs­sen uns ja noch um die To­ten küm­mern! Oder willst du sie ein­fach so lie­gen las­sen?‹

Chen Shi Mal sah sich er­staunt um, denn er hat­te die Lei­chen nir­gend­wo ge­se­hen. Das konn­te er auch nicht, denn die Ja­pa­ner hat­ten alle To­ten am Vor­tag in die Sei­ten­schlucht ge­tra­gen, aus der der klei­ne Fluss kam.

Wir mach­ten uns auf den Weg, um uns vor Ort einen Über­blick zu ver­schaf­fen, und kurz vor dem Ziel er­hiel­ten wir Ge­sell­schaft. Wang Lee, Date Ma­sa­mu­ne und der Dol­met­scher schlos­sen sich uns an.

Der Blick in die Sei­ten­schlucht öff­ne­te sich, und wir sa­hen die to­ten Ja­pa­ner, die, so gut das mit den vor­han­de­nen Mit­teln ging, eh­ren­voll auf­ge­bart wa­ren. Da­vor stand ei­ner der nur leicht ver­letz­ten Sol­da­ten und hielt Wa­che. In ei­ni­ger Ent­fer­nung an der Fels­wand wa­ren die to­ten Chi­ne­sen lieb­los auf einen Hau­fen ge­wor­fen. Es war ein trau­ri­ger An­blick, und ich stock­te kurz, um das zu ver­ar­bei­ten.

Der Fürst sah mich fra­gend an, und der Sa­mu­rai sprach aus, was die­ser dach­te:

›Fin­den Sie die Be­hand­lung der to­ten An­grei­fer un­ge­recht­fer­tigt?‹

Ihm in die Au­gen bli­ckend, ant­wor­te­te ich:

›So wür­de ich das nicht aus­drücken. Ich fin­de den sinn­lo­sen Tod so vie­ler Men­schen be­drückend und be­dau­re, dass Ih­nen und Ih­ren Män­nern so viel Leid zu­ge­fügt wur­de.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga nick­te und über­setz­te dem Fürs­ten mei­ne Ant­wort, um mir gleich dar­auf des­sen Wor­te zu über­mit­teln.

›Date Ma­sa­mu­ne be­dankt sich für Ihre freund­li­chen Wor­te und möch­te wis­sen, wie es wei­ter­geht.‹

Ich er­klär­te ihm, dass wir am nächs­ten Mor­gen in das Dorf auf­bre­chen woll­ten, uns aber vor­her noch um die To­ten küm­mern müss­ten. Der Fürst stimm­te zu und frag­te, ob es uns mög­lich wäre, sei­ne Lands­män­ner mit bud­dhis­ti­schen Bräu­chen zu be­stat­ten.

Ich be­riet mich kurz mit mei­nen Freun­den, und wir ka­men über­ein, dass Chen Shi Mal mit zwei wei­te­ren Mön­chen die Su­tren, also die Re­den des Bud­dha, vor­le­sen wür­de. Au­ßer­dem soll­te je­der, der ein we­nig Zeit hat­te, sich zu ih­nen ge­sel­len, um der To­ten zu ge­den­ken. Ich woll­te in der Zwi­schen­zeit mit Hil­fe von Wang Lee und Liu Shi Meng die Grä­ber am Fluss­rand aus­he­ben.

Als wir die Ja­pa­ner schließ­lich be­stat­tet hat­ten, häuf­ten wir über ih­ren Grä­bern klei­ne Stein­py­ra­mi­den an, da­mit die­ser Ort auch von zu­fäl­lig Vor­bei­kom­men­den ent­spre­chend ge­ehrt wur­de. An­schlie­ßend woll­ten wir die Chi­ne­sen da­ne­ben be­stat­ten, doch der Fürst ver­wahr­te sich ener­gisch da­ge­gen, und um kei­ne Miss­s­tim­mung auf­kom­men zu las­sen, wur­den sie an der Fels­wand be­gra­ben. Da es dort nicht mög­lich war, tief ge­nug in den Bo­den ein­zu­drin­gen, war es am Ende nur ein großer Stein­hau­fen, der das Grab kenn­zeich­ne­te.

Die Su­tren wur­den auch bei die­sen To­ten ge­le­sen, doch zu de­ren Ge­den­ken fand sich kei­ner au­ßer Wang Lee und mir ein. Je­der von uns bei­den hing stumm sei­nen ei­ge­nen Ge­dan­ken nach.

Ich über­leg­te, was die­se Män­ner wohl be­wo­gen hat­te, so eine Tat zu be­ge­hen, und warum sich Men­schen im­mer wie­der ge­gen­sei­tig um­brin­gen. Doch ich kam zu kei­nem rech­ten Er­geb­nis, da es so vie­le Grün­de gibt, die zu sol­chen Ta­ten füh­ren, dass ein­fach kei­ne Ver­all­ge­mei­ne­rung mög­lich war. Nur eins ist in al­len Fäl­len gleich: Alle, die eine sol­che Tat be­ge­hen, sind in die­sem Mo­ment von der Rich­tig­keit ih­res Han­delns über­zeugt, und nur we­ni­ge ma­chen sich am Ende Ge­dan­ken dar­über oder be­reu­en, was sie ge­tan ha­ben. Ich hat­te bis­her kei­nem Men­schen per­sön­lich das Le­ben ge­nom­men, doch in­di­rekt zum Tod ei­ni­ger die­ser Chi­ne­sen bei­ge­tra­gen. Nun stand ich da und ver­such­te, vor mei­nem Ge­wis­sen die­ses Han­deln zu recht­fer­ti­gen.

Im Grun­de wuss­te ich, dass mein Ein­grei­fen die ein­zi­ge Mög­lich­keit ge­we­sen war, den Be­dräng­ten zu hel­fen. Es wür­de wohl auch kei­nen ge­ben, der mich des­we­gen ver­ur­tei­len wür­de, den­noch war ich be­drückt.

Als ich durch Chen Shi Mal aus die­sen sich stän­dig im Kreis dre­hen­den Ge­dan­ken ge­ris­sen wur­de, war ich sehr froh.

›Darf ich dich kurz stö­ren, Xu Shen Po?‹

Ich rich­te­te mich auf und sah ihn an.

›Na­tür­lich! Was gibt es denn?‹

›Der ja­pa­ni­sche Fürst möch­te dich ger­ne spre­chen und bit­tet dich, zu ihm zu kom­men.‹

Ich nick­te Wang Lee zu, der sei­ne An­dacht gleich­falls be­en­det hat­te, und be­gab mich zum Fürs­ten, der mich mit dem dol­met­schen­den Sa­mu­rai er­war­te­te.

›Ent­schul­di­gen Sie, das wir Sie ge­stört ha­ben, doch der Fürst muss ei­ni­ge wich­ti­ge Din­ge klä­ren!‹

›Kein Pro­blem! Um was han­delt es sich denn?‹

›Da wir mor­gen in die­ses Dorf auf­bre­chen, in dem die Ver­letz­ten ge­sund ge­pflegt wer­den sol­len, möch­te Date Ma­sa­mu­ne ger­ne wis­sen, wie lan­ge es wohl dau­ern wird, bis wir wei­ter­rei­sen kön­nen?‹

›Oh, das kann ich Ih­nen nicht ge­nau sa­gen. Doch ich den­ke, dass die Schwer­ver­letz­ten erst in zwei bis drei Wo­chen dazu fä­hig sind. Selbst dann wird es nur lang­sam und mit Be­hin­de­run­gen vor­an­ge­hen.‹

Mit ei­nem mür­ri­schen Ge­sichts­aus­druck dis­ku­tier­te der Fürst nach mei­ner Ant­wort mit dem Sa­mu­rai. Erst nach ei­ni­ger Zeit sprach mich Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga wie­der an.

›Der Fürst be­fin­det sich der­zeit in ei­ner schwie­ri­gen Lage. Zum einen ist die­ser lan­ge Auf­ent­halt in kei­ner Form beim Sho­gun ent­schuld­bar, und der Fürst möch­te so zei­tig wie nur ir­gend mög­lich auf­bre­chen. Au­ßer­dem hat er un­ser Schiff zur Mün­dung des Qjang­wei He nach Lia­nyun­gang be­or­dert, das uns dort in den nächs­ten Ta­gen er­war­tet. Wenn wir uns gar zu sehr ver­spä­ten, wird es viel­leicht wie­der da­v­on­se­geln. Aber er möch­te auch sei­ne Män­ner nicht im Stich las­sen und nicht ohne sie auf­bre­chen. Nun über­legt er, ob er ohne die Ver­letz­ten los­ge­hen soll­te. Er könn­te sich bei dem Schiff mel­den und an­schlie­ßend am Kai­ser­hof eine of­fi­zi­el­le Be­schwer­de über den Vor­gang ein­rei­chen. Die Ver­wun­de­ten könn­ten sich nach ih­rer Ge­ne­sung zur Küs­te be­ge­ben und wür­den dann mit auf­ge­nom­men, um ge­mein­sam die Rück­rei­se an­zu­tre­ten.‹

Ich über­leg­te einen Au­gen­blick und war mir nicht si­cher, ob ich un­se­ren Ver­dacht er­wäh­nen soll­te, doch schließ­lich ent­schloss ich mich, sie ohne eine di­rek­te Aus­sa­ge auf die glei­chen Ge­dan­ken zu brin­gen.

›Ich weiß nicht, ob der Ge­dan­ke gut ist! Vor al­lem we­gen der Be­schwer­de am Kai­ser­hof. Als Sie dort den Wunsch zu die­ser Rei­se äu­ßer­ten, hat­ten Sie da den Ein­druck, dass man be­geis­tert über das An­sin­nen war?‹

›Nein, ei­gent­lich nicht! Im Ge­gen­teil, man hat lan­ge ver­sucht, es dem Fürs­ten aus­zu­re­den. Doch wie­so fra­gen Sie jetzt da­nach?‹

›Nun, kurz be­vor Sie ka­men, wur­den wir durch einen Bo­ten vom Kai­ser­hof an­ge­wie­sen, nichts von den Kampf­küns­ten der Mön­che preis­zu­ge­ben. Wir soll­ten den Ein­druck er­we­cken, dass es sich nur um ein ein­fa­ches bud­dhis­ti­sches Klos­ter han­delt und die Ge­rüch­te um die Kampf­mön­che maß­los über­trie­ben sei­en. Der Über­brin­ger die­ser Nach­richt hat sich wäh­rend Ih­rer An­we­sen­heit noch im Klos­ter auf­ge­hal­ten und al­les be­ob­ach­tet. Er war aber mit ei­ni­gen Din­gen nicht ganz zu­frie­den. Vor al­lem der Zwi­schen­fall, bei dem zwei Ih­rer Män­ner Wang Lee und mir aus­wi­chen, hat ihm sehr miss­fal­len.‹

Ich stock­te kurz, denn ich war drauf und dran, al­les preis­zu­ge­ben. Ein we­nig vor­sich­ti­ger sag­te ich des­halb:

›Nun, was glau­ben Sie, was ge­schieht, wenn sich der Fürst am Kai­ser­hof be­schwert? Ich den­ke, man wird sein Be­dau­ern aus­drücken, ver­spre­chen, den Vor­fall zu un­ter­su­chen, und viel­leicht auch eine un­lieb­sa­me Per­son als Sün­den­bock hin­stel­len. Doch ins­ge­heim wird man sich höchs­tens är­gern, dass nicht die ge­sam­te Ge­sandt­schaft in den Ber­gen ver­schol­len ist.‹

Nach­denk­lich sah mich der Sa­mu­rai an und über­setz­te das Ge­hör­te wie­der dem Fürs­ten. Des­sen Ge­sichts­aus­druck ver­fins­ter­te sich bei je­dem Wort mehr, und es folg­te eine sehr ge­reiz­te Dis­kus­si­on zwi­schen den bei­den. Nach ei­ni­ger Zeit wand­te sich Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga wie­der an mich und sag­te:

›Der Fürst ist sehr auf­ge­bracht über das Ver­hal­ten des Kai­ser­ho­fes, hat aber selbst schon die­se Ver­mu­tun­gen ge­habt. Er über­legt nun, wie er sich ver­hal­ten soll.‹

›Warum will er un­be­dingt dar­auf re­agie­ren? Wie hät­te er sich denn in der Si­tua­ti­on des Kai­ser­ho­fes ver­hal­ten? Si­cher­lich nicht viel an­ders, den­ke ich. Au­ßer­dem ist nicht dar­auf re­agie­ren viel be­las­ten­der für die Be­trof­fe­nen. Ich wür­de in der Si­tua­ti­on des Fürs­ten je­den­falls so han­deln.‹

Der Sa­mu­rai sah mich an und schi­en zu über­le­gen, ob und wie er das dem Dai­myo über­set­zen soll­te.

›Über­set­zen Sie ru­hig, was ich ge­sagt habe. Ich ste­he dazu, und wenn der Fürst ehr­lich ist, wird er mir zu­stim­men.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga zö­ger­te im­mer noch und über­leg­te krampf­haft, wie er es be­schö­ni­gen könn­te. Doch der Dai­myo wur­de un­ge­dul­dig und frag­te barsch nach. Dar­auf­hin gab der Sa­mu­rai mei­ne Wor­te un­ver­än­dert wie­der. Im ers­ten Mo­ment stieg Zorn­rö­te in das Ge­sicht des Fürs­ten, doch schon we­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter lä­chel­te er und sag­te mit ei­nem ver­söhn­li­chen Ge­sichts­aus­druck:

›Sie ha­ben recht, ich hät­te si­cher ähn­lich ge­han­delt! Aber es ist schwie­rig, das hin­zu­neh­men und nicht dar­auf zu re­agie­ren, ohne sein Ge­sicht zu ver­lie­ren.‹

Der Sa­mu­rai über­setz­te sei­ne Wor­te so­fort und schi­en sicht­lich er­leich­tert zu sein. In der Zwi­schen­zeit hat­te der Fürst schon wei­ter­ge­spro­chen, und Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga hat­te Mühe, mit dem Über­set­zen nach­zu­kom­men.

›Die wei­te­re Hand­lungs­wei­se, die sich der Fürst über­legt hat­te, ist also hin­fäl­lig. Nun steht er wie­der am An­fang und fragt, was Sie tun wür­den.‹

Ich hat­te mir schon wäh­rend des vor­an­ge­gan­ge­nen Ge­sprächs Ge­dan­ken über den wei­te­ren Ver­lauf ge­macht und sag­te nun:

›Das Bes­te wäre nach mei­ner An­sicht, erst ein­mal einen Bo­ten zum Schiff zu schi­cken, der es auf die Ver­spä­tung hin­weist und zum War­ten auf­for­dert. Ei­ner von uns könn­te mit ei­nem Schrift­stück des Fürs­ten die­se Auf­ga­be über­neh­men. Dann wür­de ich ihm emp­feh­len, hier aus­zu­har­ren, bis sich alle wie­der auf die Rei­se be­ge­ben kön­nen. Viel­leicht ist es auch mög­lich, dass ei­ni­ge von uns die­sen Zug be­glei­ten, um eine si­che­re Rück­kehr zu ge­währ­leis­ten. Dem Sho­gun wür­de ich die­se Rei­se als not­wen­dig und de­ment­spre­chend er­folg­reich schil­dern. Ich ken­ne nicht den Grund Ih­res Be­su­ches am chi­ne­si­schen Kai­ser­hof, doch ich den­ke, dass es ir­gend­wie in Ih­ren Auf­trag pas­sen wür­de, wenn Sie so vor­ge­hen. Mit ein we­nig Ge­schick kön­nen Sie das so­gar als Er­folg ver­bu­chen.‹

Wie­der stock­te der Sa­mu­rai beim Über­set­zen und sah mich prü­fend an. Auch der Dai­myo re­agier­te so, als ihm das Ge­sag­te über­setzt wur­de.

›Sie er­stau­nen uns im­mer wie­der!‹, fass­te Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga sei­ne und des Fürs­ten Ge­dan­ken zu­sam­men. ›Nach­dem wir Sie nun bes­ser ken­nen ge­lernt ha­ben, fällt es uns schwer, in Ih­nen den ein­fa­chen Mönch zu se­hen, der Sie nach au­ßen zu sein schei­nen. Der Fürst und auch ich den­ken mitt­ler­wei­le, dass Sie eher ein ge­wand­ter Di­plo­mat sind, der ir­gend­wie hier ge­stran­det ist.‹

Ich lach­te kurz auf.

›Nun, Sie ha­ben recht und auch wie­der nicht! Ich bin nicht von hier, son­dern durch selt­sa­me Um­stän­de hier­her ge­langt! Ein Mönch bin ich nicht, wie Sie rich­tig er­kannt ha­ben, doch bin ich nach den Jah­ren, die ich hier schon lebe, ein Mit­glied des Klos­ters und ein Teil die­ses Lan­des. Aber ein Di­plo­mat bin ich be­stimmt nicht! Ob­wohl ich in mei­nem al­ten Le­ben ein Händ­ler oder nach Ih­rem Ver­ständ­nis eher ein Kauf­mann war und die­se Ar­beit ei­ni­ges di­plo­ma­ti­sches Ge­schick ver­langt. Da­her weiß ich auch, dass man, ohne zu lü­gen oder den an­de­ren zu be­trü­gen, oft Din­ge er­rei­chen kann, die der Ver­hand­lungs­part­ner vor­her gar nicht woll­te. Mit Ge­schick und Fein­ge­fühl kann ich die Ge­dan­ken mei­nes Ge­gen­spie­lers in eine mir güns­ti­ge Rich­tung len­ken und mein Ziel er­rei­chen, ob­wohl der an­de­re denkt, dass er sein Ziel er­reicht hat.‹

Lä­chelnd über­setz­te der Sa­mu­rai die­se Wor­te sei­nem Fürs­ten. Die­ser nick­te an­er­ken­nend und sag­te:

›Es ist Date Ma­sa­mu­ne eine Ehre, Sie ken­nen ge­lernt zu ha­ben, und er fragt, ob es Ih­nen mög­lich ist, ihm die­se Kunst nä­her­zu­brin­gen. Er war im­mer ein Kriegs­herr, in di­plo­ma­ti­schen Din­gen hat er sich meist auf an­de­re ver­las­sen, doch jetzt wird es im­mer drin­gen­der, auch dar­in be­wan­dert zu sein.‹

Wie­der lach­te ich kurz auf.

›Kunst!? Na ja, viel­leicht ist es et­was in die­ser Art, und viel­leicht könn­te ich dem Fürs­ten auch den einen oder an­de­ren Rat­schlag ge­ben, aber das Ge­fühl da­für muss er selbst ent­wi­ckeln, und das dau­ert sei­ne Zeit.‹

Der Dai­myo war mit mei­nem Vor­schlag über das wei­te­re Vor­ge­hen ein­ver­stan­den und be­gab sich zu sei­nem Ge­päck, um ein Schrift­stück auf­zu­set­zen, das ei­ner von uns zu sei­nem Schiff brin­gen wür­de.

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga blieb noch kurz ste­hen und sag­te zu mir:

›Sei­en Sie sich der großen Ehre be­wusst, die der Fürst Ih­nen eben er­wie­sen hat, denn Kauf­leu­te sind bei uns die un­ters­te Stan­des­rie­ge und wer­den meist nur ver­ach­tet. Ich neh­me aber an, dass er in Ih­nen nicht den Kauf­mann, son­dern den großen Krie­ger sieht, der Sie auch sind. Aber ich wür­de Ih­nen ra­ten, ei­nem ja­pa­ni­schen Sa­mu­rai ge­gen­über nie­mals wie­der zu er­wäh­nen, dass Sie Kauf­mann wa­ren. Es wür­de Ih­nen nur zum Nach­teil ge­rei­chen.‹

Er nick­te mir freund­lich zu und folg­te dem Fürs­ten.«

Das An­ge­bot

»Am nächs­ten Mor­gen weck­te mich eine Un­ru­he, die bei den Ver­letz­ten aus­ge­bro­chen war. Der Hei­ler hat­te sich gleich beim ers­ten Ta­ges­licht zu ih­nen be­ge­ben und fest­ge­stellt, dass der Mann mit der Bauch­ver­let­zung in der Nacht ge­stor­ben war. Als ich hin­zu­kam, sah er mich mit ei­nem be­dau­ern­den Blick an und sag­te:

›Was ich be­fürch­tet hat­te, ist ein­ge­tre­ten. Die Ver­let­zun­gen die­ses Man­nes wa­ren so schwer, dass es uns nicht ge­lun­gen ist, ihm zu hel­fen. Schon der ers­te Ein­druck hat­te mich das be­fürch­ten las­sen, den­noch ha­ben wir ihn nicht auf­ge­ge­ben, aber all un­ser Be­mü­hen war ver­geb­lich.‹

Trau­rig blick­te ich auf die­sen wei­te­ren To­ten, und die Ge­dan­ken, et­was ver­säumt oder falsch ge­macht zu ha­ben, stie­gen wie­der in mir auf. Der Hei­ler, der dies sah, über­leg­te schon, wie er mir hel­fen könn­te, als wir vom Dai­myo und sei­nem dol­met­schen­den Sa­mu­rai ge­stört wur­den.

›Gibt es Pro­ble­me mit den Ver­letz­ten?‹, frag­te Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga.

Ich hol­te tief Luft und ant­wor­te­te:

›Lei­der ist die­ser Mann sei­nen schwe­ren Ver­let­zun­gen er­le­gen. Alle Kunst der Mön­che konn­te ihm nicht mehr hel­fen, und wir müs­sen den an­de­ren Grä­bern ein wei­te­res hin­zu­fü­gen.‹

Be­dau­ernd be­trach­te­ten ihn die bei­den Ja­pa­ner, und der Sa­mu­rai über­setz­te die Wor­te des Fürs­ten:

›Er war ein gu­ter Mann, und er wird als sol­cher wie­der­ge­bo­ren. Wir wer­den ihm die ge­büh­ren­de Ehre er­wei­sen.‹

Da wir bald auf­bre­chen woll­ten, ging ich mit Wang Lee dar­an, ein neu­es Grab aus­zu­he­ben, wäh­rend ei­ni­ge Mön­che die nö­ti­gen bud­dhis­ti­schen Ri­ten voll­zo­gen.

Die Son­ne hat­te schon einen großen Teil ih­rer Vor­mit­tags­bahn hin­ter sich, als auch die­ser Ja­pa­ner sei­ne letz­te Ruhe ge­fun­den hat­te. Die Män­ner aus dem Dorf wa­ren in­zwi­schen an­ge­kom­men und hat­ten mit­ge­hol­fen, die Ver­wun­de­ten trans­port­fä­hig zu ma­chen. Nach­dem das al­les ge­sche­hen war, ver­lie­ßen wir die­sen Ort, den ich auch nie­mals wie­der­se­hen soll­te.

Die nächs­ten drei Wo­chen ver­gin­gen auf Grund der vie­len Ar­beit, die wir hat­ten, wie im Fluge. Mit un­se­rer Hil­fe bau­ten die Dorf­be­woh­ner in­ner­halb kur­zer Zeit eine neue Hüt­te auf, in der alle Ver­wun­de­ten un­ter­ge­bracht wur­den. Es war be­stimmt kein Meis­ter­werk, doch für die vor­läu­fi­ge Un­ter­brin­gung in die­sen war­men Som­mer­mo­na­ten war die Be­hau­sung aus­rei­chend. Die Dorf­be­woh­ner gin­gen da­nach er­leich­tert wie­der ih­ren täg­li­chen Ar­bei­ten nach. Froh über ihre bis­he­ri­ge Hil­fe, un­ter­stütz­ten wir sie, wo wir nur konn­ten.

In ei­ni­gen Nacht-und-Ne­bel-Ak­tio­nen wur­de Nach­schub aus dem Klos­ter ge­holt, und auch die Dorf­be­woh­ner wur­den reich­lich ent­schä­digt. Al­ler­dings muss­ten sie da­für ver­spre­chen, für im­mer über die­se Vor­gän­ge zu schwei­gen, und auf Grund der ab­ge­le­ge­nen Lage des Dor­fes be­stand die be­rech­tig­te Hoff­nung, dass das auch ge­sche­hen wür­de. Au­ßer­dem hat­ten sie mit der Hüt­te, die wir ge­baut hat­ten, einen Spei­cher­raum ge­won­nen, den sie ge­mein­sam nut­zen woll­ten, und wa­ren froh, dass sie die­se Un­an­nehm­lich­kei­ten auf sich ge­nom­men hat­ten.

Der Tag des Auf­bruchs kam nä­her, und ich saß mit Wang Lee, Chen Shi Mal und den Ja­pa­nern bei­sam­men, um das wei­ter Vor­ge­hen zu be­spre­chen.

›Mei­ne Män­ner ha­ben sich so weit er­holt, dass wir un­se­re Rei­se fort­set­zen kön­nen. Die zwei, die noch nicht so gut zu Fuß sind, be­kom­men die Pfer­de, die uns das Klos­ter freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung ge­stellt hat. Ich möch­te des­halb in den nächs­ten Ta­gen auf­bre­chen. Wer­den die Kampf­mön­che, die uns be­glei­ten sol­len, bis da­hin hier sein?‹, frag­te der Dai­myo.

Alle au­ßer mir, Wang Lee und Chen Shi Mal wa­ren, so­weit sie nicht mehr ge­braucht wur­den, nach und nach ins Klos­ter zu­rück­ge­kehrt. Dem Abt war es ge­lun­gen, die wah­ren Hin­ter­grün­de ih­rer Ab­we­sen­heit zu ver­schlei­ern, und jetzt soll­ten zehn Kampf­mön­che zur Be­glei­tung der Ja­pa­ner kom­men. Ich wuss­te nicht, wie Hu Kang das be­grün­den woll­te, doch ihm wür­de schon et­was ein­fal­len. Wir er­war­te­ten täg­lich ihre An­kunft, was ich dem Fürs­ten auch mit­teil­te:

›Ich den­ke, sie könn­ten heu­te schon kom­men, und dann steht Ih­rem Auf­bruch nichts mehr im Wege.‹

›Und Sie, wer­den Sie Ihre Rei­se zu dem an­de­ren Klos­ter jetzt fort­set­zen?‹, frag­te mich Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga.

Ich hat­te mich über die­sen Punkt schon mit Wang Lee und Chen Shi Mal un­ter­hal­ten. Bei die­sen Ge­sprä­chen hat­te ich be­schlos­sen, dass mich ei­gent­lich nichts dräng­te und ich des­halb ger­ne die Rei­se zur Küs­te mit­ma­chen wür­de. Auch Wang Lee und Chen Shi Mal woll­ten mit­kom­men, um dann ge­mein­sam mit ih­rem Freund Liu Shi Meng, der mit dem Schrift­stück des Fürs­ten zum Schiff auf­ge­bro­chen war, wie­der zu­rück­zu­rei­sen. Ich hat­te mir vor­ge­nom­men, von der Küs­te aus auf ei­nem an­de­ren Weg nach Wu­dang zu wan­dern, um so Land und Leu­te noch bes­ser ken­nen zu ler­nen. Des­halb sag­te ich:

›Ich hat­te ge­hofft, Sie wür­den mir und mei­nen Freun­den ge­stat­ten, Sie bis zu Ih­rem Schiff zu be­glei­ten.‹

›Na­tür­lich ger­ne, doch wir hat­ten an­ge­nom­men, dass es Sie auf Grund die­ses lan­gen Auf­ent­halts drän­gen wür­de, Ihre Rei­se zu dem an­de­ren Klos­ter so schnell wie nur mög­lich fort­zu­set­zen.‹

›Mich drängt nichts, und ich wer­de auch nicht er­war­tet. Also spielt es kei­ne Rol­le, wann ich an­kom­me. Die­se Rei­se ist oh­ne­hin ein Ab­schied von Shao­lin, da ich das Klos­ter ver­las­sen möch­te, um nicht stän­dig Kon­flik­te he­r­auf­zu­be­schwö­ren.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga über­setz­te mit viel­sa­gen­den Mie­ne mei­ne Ant­wort, und der Dai­myo blick­te über­rascht auf.

›Der Fürst möch­te ger­ne wis­sen, ob das nur ein zeit­wei­li­ger Ab­schied von Shao­lin ist und warum Ihre An­we­sen­heit für Kon­flik­te sorgt.‹

›Nun, dar­auf kann ich nicht so ein­fach ant­wor­ten, aber ei­ni­ge sind der Mei­nung, dass ich nicht in die­ses Klos­ter ge­hö­re, und sie las­sen es mich auch un­miss­ver­ständ­lich spü­ren. Zu ei­nem Teil ha­ben sie durch­aus recht, denn ich bin kein Mönch, son­dern nur ein Gast, und Gäs­te soll­ten nach ei­ner ge­wis­sen Zeit den Ort ver­las­sen, den sie be­su­chen.‹

Wang Lee woll­te wi­der­spre­chen, doch ich un­ter­brach ihn mit ei­ner Hand­be­we­gung und fuhr fort:

›Es wäre nicht wei­ter schlimm, da nur we­ni­ge so den­ken, mitt­ler­wei­le lei­den aber auch jene dar­un­ter, die sich zu mir be­ken­nen und die ich zu mei­nen Freun­den zäh­le. Um die­sen Zu­stand zu be­en­den, habe ich mich ent­schlos­sen, in das an­de­re Klos­ter zu ge­hen, da ich dort bei mei­nen bis­he­ri­gen Be­su­chen im­mer will­kom­men war. Das Dum­me ist aber, dass ich auch dort nur ein Gast bin‹, sag­te ich nach­denk­lich.

Das An­ge­bot, dass mir der Dai­myo dar­auf­hin mach­te, über­rasch­te mich sehr.

›Da Sie an nichts ge­bun­den sind, möch­te der Fürst Sie fra­gen, ob Sie ihn nach Ja­pan be­glei­ten wür­den? Er ist Ih­nen dank­bar für all die Hil­fe, die Sie uns ge­leis­tet ha­ben, und möch­te sich auf die­se Art da­für be­dan­ken.‹

Ich muss wohl ein we­nig selt­sam drein­ge­schaut ha­ben, denn er füg­te schnell hin­zu:

›Nicht als Gast, son­dern als Leh­rer in di­plo­ma­ti­schen Din­gen, was ent­spre­chend ent­lohnt wür­de. Date Ma­sa­mu­ne hat sehr viel Ach­tung vor Ih­nen und Ih­ren Fä­hig­kei­ten, und er möch­te ei­ni­ges da­von ler­nen.‹

›Ich bin mir nicht si­cher, ob ich dazu in der Lage bin. Denn mich führt in sol­chen Din­gen oft mein Chi, und das kann man nicht so ein­fach wei­ter­ge­ben.‹

›Ma­chen Sie sich dar­über kei­ne Ge­dan­ken, der Fürst ist über­zeugt da­von, und das reicht. Sie müs­sen sich auch nicht gleich ent­schei­den. Da es Date Ma­sa­mu­ne sehr recht ist, wenn Sie uns bis zur Küs­te be­glei­ten, ist es aus­rei­chend, wenn Sie Ihre Ent­schei­dung an un­se­rem Ziel be­kannt ge­ben.‹

Mit die­sem Ge­dan­ken muss­te ich mich erst ein­mal an­freun­den, wür­de es doch be­deu­ten, dass ich wie­der in eine neue, un­be­kann­te Um­ge­bung wech­seln müss­te. Mich wie­der mit ei­ner neu­en Spra­che, an­de­ren Sit­ten und Ge­bräu­chen an­zu­freun­den er­schi­en mir im ers­ten Mo­ment auch we­nig er­stre­bens­wert. Des­halb war ich un­schlüs­sig, was ich ant­wor­ten soll­te. Doch die­ses The­ma wur­de erst ein­mal fal­len­ge­las­sen, und wir wand­ten uns wie­der den an­ste­hen­den Auf­ga­ben zu.

Am Ende un­se­rer Zu­sam­men­kunft ka­men wir über­ein, al­les für die Rei­se vor­zu­be­rei­ten und nur noch die Kampf­mön­che ab­zu­war­ten. Die Dorf­be­woh­ner hat­ten zwar auch Vor­tei­le von un­se­rer An­we­sen­heit ge­habt, aber al­les in al­lem wa­ren sie froh, dass wie­der Ruhe ein­keh­ren wür­de. Um die Mit­tags­zeit des fol­gen­den Ta­ges tra­fen die Kampf­mön­che im Dorf ein, und der Auf­bruch wur­de auf den nächs­ten Mor­gen fest­ge­legt.

Die Grup­pe be­stand aus­schließ­lich aus Mön­chen, die in das alte Klos­ter­le­ben zu­rück­ge­kehrt wa­ren und die ich alle sehr gut kann­te. Je­der von ih­nen war ver­trau­ens­wür­dig, und kei­ner wür­de je­mals mit Nicht­ein­ge­weih­ten dar­über spre­chen.

Hu Kang hat­te als of­fi­zi­el­len Grund eine Hil­fe­leis­tung für ein ent­fern­te­res Dorf an­ge­ge­ben und die Dau­er die­ses Ein­sat­zes of­fen ge­las­sen. Auch für die lan­ge Ab­we­sen­heit von Wang Lee, Chen Shi Mal und Liu Shi Meng hat­te er eine gute Be­grün­dung ge­fun­den. Alle glaub­ten, dass sie mich aus Freund­schaft nun doch wei­ter be­glei­te­ten als ur­sprüng­lich ge­plant, und so ganz un­wahr war das ja auch nicht.

Als wir am Mor­gen des nächs­ten Ta­ges auf­bra­chen, wur­den wir freund­lich von den Dorf­be­woh­nern ver­ab­schie­det. An der Spit­ze un­se­rer Ge­sell­schaft gin­gen Wang Lee, Chen Shi Mal und ich. Uns folg­te die ja­pa­ni­sche Ge­sandt­schaft, die zum großen Teil be­rit­ten war. Die bei­den ja­pa­ni­schen Sol­da­ten, die als ein­zi­ge zu Fuß gin­gen, führ­ten die Pack­pfer­de. Ih­nen folg­ten am Ende un­se­rer Rei­se­ge­sell­schaft die Kampf­mön­che. Es wur­de nicht viel ge­spro­chen, und ich konn­te un­ge­hin­dert mei­nen Ge­dan­ken nach­hän­gen. Die­se dreh­ten sich haupt­säch­lich um das An­ge­bot des Fürs­ten. Lan­ge wäg­te ich das Für und das Wi­der ab, be­vor ich einen Ent­schluss fass­te, der erst an der Küs­te fest­stand.

Nach­dem wir das Song-Shan-Ge­bir­ge ver­las­sen hat­ten, streb­ten wir der al­ten Han­dels­s­tra­ße zu, die über Kai­feng, Shang­qiu und Tongshan an die Küs­te führ­te. Auf ihr er­reich­ten wir ohne be­son­de­re Vor­komm­nis­se nach vier­zehn Ta­gen Lia­nyun­gang.

Liu Shi Meng hat­te sei­nen Auf­trag aus­ge­führt und dem Füh­rer des ja­pa­ni­schen Schif­fes die Nach­richt des Fürs­ten über­bracht. Der Ka­pi­tän hat­te den lan­gen Auf­ent­halt ge­nutzt, um Sil­ber, Kup­fer und chi­ne­si­sche Sei­de zu kau­fen. Es war für ihn die ein­ma­li­ge Ge­le­gen­heit in Chi­na Wa­ren auf­zu­neh­men, denn nor­ma­ler­wei­se war es den ja­pa­ni­schen Schif­fen nicht ge­stat­tet, chi­ne­si­sche Hä­fen an­zu­lau­fen. Nur die di­plo­ma­ti­sche Missi­on des Fürs­ten hat­te es er­mög­licht, doch die See­leu­te wa­ren ge­zwun­gen, sich stän­dig an Bord auf­zu­hal­ten, da sie das Fest­land nicht be­tre­ten durf­ten.

Das Schiff war ein so­ge­nann­tes Rot­sie­gel-Schiff, das eine Li­zenz des Sho­gun hat­te, um Han­del mit an­de­ren asia­ti­schen Län­dern zu trei­ben. Es ge­hör­te zwar Date Ma­sa­mu­ne, aber der Ka­pi­tän fun­gier­te gleich­zei­tig als Händ­ler und war am Ge­winn be­tei­ligt. Des­halb war er auch er­freut, als der Fürst end­lich ein­traf, denn je län­ger er in ei­nem Ha­fen ver­weil­te, umso grö­ßer war sein Ver­lust. Ob­wohl ihn der Dai­myo für die lan­ge Lie­ge­zeit ent­schä­di­gen wür­de, wäre sein Ge­winn bei ei­nem gu­ten Han­del grö­ßer ge­we­sen.

Als wir im Ha­fen an­ka­men, wur­de dem Ka­pi­tän so­fort das Ein­tref­fen des Fürs­ten ge­mel­det und er emp­fing den Dai­myo, noch be­vor die­ser das Schiff be­trat. Die sich an­schlie­ßen­de Un­ter­hal­tung konn­te ich, da sie ja­pa­nisch ge­führt wur­de, nicht ver­ste­hen, und weil Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga nicht dol­metsch­te, hat­te ich Muße, mir das Schiff ge­nau­er zu be­trach­ten.

Ich hat­te noch nie ein Se­gel­schiff aus der Nähe ge­se­hen, und die, die ich von Bil­dern her kann­te, wa­ren mit die­sem hier nicht ver­gleich­bar. An­schei­nend misch­ten sich in die­ser Schiffs­kon­struk­ti­on meh­re­re Bau­wei­sen. Der Rumpf hat­te ein sehr ho­hes Heck und einen we­sent­lich nied­ri­ge­ren Bug. Das Heck mit den Auf­bau­ten er­in­ner­te mich an spa­ni­sche und por­tu­gie­si­sche Se­gel­schif­fe, die ich auf Bil­dern ge­se­hen hat­te. Den Bug aber konn­te ich gar nicht zu­ord­nen, denn un­ter­halb des ei­gent­li­chen Decks war noch ein­mal so eine Art Vor­bau oder Ga­le­rie, die um den Bug he­r­um­führ­te. Dort wur­de der An­ker ab­ge­legt, wenn das Schiff auf See war, und ei­ni­ge Taue, die zur Spit­ze des Bugs­priets und dem dort be­fes­tig­ten Se­gel führ­ten, deu­te­ten dar­auf hin, dass die­ses von hier aus be­dient wur­de. Des Wei­te­ren hat­te das Schiff drei Mas­ten. Einen im vor­de­ren Teil des Schif­fes, fast am Bug, die­ser war an­nä­hernd so hoch wie der Haupt­mast, der sich un­ge­fähr in der Mit­te des Schif­fes be­fand. Der drit­te Mast hat­te höchs­tens die hal­be Höhe des Haupt­mas­tes und be­fand sich im Heck­be­reich des Schif­fes.

Die Be­se­ge­lung schi­en wie­der eine Mi­schung aus ver­schie­de­nen Schiffs­bau­wei­sen zu sein. Ob­wohl sie gerefft wa­ren, konn­te man er­ken­nen, dass die Se­gel am Bugs­priet und am Heck­mast nor­ma­le Lei­nen­se­gel wa­ren, wäh­rend die an den großen Mas­ten mit Bam­bus­lat­ten durch­zo­gen wa­ren. Das Steu­er­ru­der schi­en wie der ge­sam­te Heckauf­bau ei­nem por­tu­gie­si­schen Schiff ent­lehnt zu sein, und drei Lu­ken, die sich auf je­der Sei­te des Auf­baus be­fan­den, deu­te­ten auf eine Be­waff­nung mit sechs Ka­no­nen hin.

Ich war ge­ra­de da­bei, die De­tails in mich auf­zu­neh­men, als ich durch den Auf­marsch ei­ner Grup­pe chi­ne­si­scher Sol­da­ten aus mei­nen Be­trach­tun­gen ge­ris­sen wur­de. Eine Ein­heit von zwan­zig Sol­da­ten, ge­führt von ei­nem Of­fi­zier, mar­schier­te im Gleich­schritt auf uns zu.

Der Fürst und der Ka­pi­tän un­ter­bra­chen ihr Ge­spräch und blick­ten der Trup­pe ent­ge­gen. Als sie uns er­reicht hat­ten, fuhr der Of­fi­zier die Ja­pa­ner barsch an.

›Sie ha­ben kein Recht, sich hier an Land auf­zu­hal­ten! Be­ge­ben Sie sich so­fort wie­der auf Ihr Schiff, sonst sehe ich mich ge­zwun­gen, Sie in Ge­wahr­sam zu neh­men!‹

Die Ja­pa­ner schie­nen nach dem Ge­spräch, das der Fürst mit dem Ka­pi­tän ge­führt hat­te, in we­nig gu­ter Stim­mung zu sein und hat­ten die Hän­de schon am Schwert­heft, doch Wang Lee be­hielt die Ruhe, trat vor den Of­fi­zier und frag­te:

›Darf ich er­fah­ren, warum Sie die­se Gäs­te Chinas so un­höf­lich be­han­deln?‹

›Gäs­te Chinas? Es müss­te doch je­dem be­kannt sein, das nach ei­nem Kai­ser­li­chen Er­lass kei­ne ja­pa­ni­schen See­leu­te das chi­ne­si­sche Fest­land be­tre­ten dür­fen, und die­ses Schiff hier durf­te den Ha­fen nur mit ei­ner Son­der­ge­neh­mi­gung an­lau­fen! Doch bein­hal­tet sie nicht die Ge­neh­mi­gung des Land­gangs! Also, ge­hen Sie uns aus dem Weg, und las­sen Sie uns un­se­re Pflicht tun!‹

Wang Lee wich nicht von der Stel­le, lä­chel­te freund­lich und er­wi­der­te:

›Es tut mir leid, doch ich muss Ih­nen wi­der­spre­chen. Die­se Leu­te hier sind Teil ei­ner ja­pa­ni­schen Ge­sandt­schaft, die am Kai­ser­hof weil­te. Der Fürst, Date Ma­sa­mu­ne, hat­te die Ge­neh­mi­gung des Kai­sers, dass Shao­lin-Klos­ter zu be­su­chen, und wir Mön­che ha­ben die Ge­sandt­schaft zu ih­rem Schiff ge­lei­tet. Es ist also kei­nes­falls un­be­rech­tigt, dass sich die­se Ja­pa­ner an Land auf­hal­ten.‹

Der Of­fi­zier war sicht­lich ver­un­si­chert und be­trach­te­te die Kampf­mön­che, die zwi­schen ihm und den Ja­pa­nern stan­den. Doch so ganz ohne Wi­der­re­de woll­te er sich nicht ge­schla­gen ge­ben.

›Das müs­sen Sie mir erst ein­mal be­wei­sen! Von ei­ner sol­chen Ge­neh­mi­gung habe ich kei­ne Kennt­nis, und ich er­fül­le hier auch nur mei­ne Pflicht!‹

›Der Fürst hat ein Do­ku­ment vom Kai­ser­hof, das die­se Rei­se ge­neh­migt. Er wird es Ih­nen auf Wunsch be­stimmt zei­gen. Au­ßer­dem müss­te Ih­nen die Son­der­ge­neh­mi­gung des Schif­fes dies auch be­stä­ti­gen, denn es ist hier, um die Ge­sandt­schaft an Bord zu neh­men.‹

In die­sem Au­gen­blick misch­te sich Date Ma­sa­mu­ne ein. Der dol­met­schen­de Sa­mu­rai, hat­te das bis­he­ri­ge Ge­spräch über­setzt und kam mit der Rei­se­ge­neh­mi­gung, die ihm der Fürst ge­ge­ben hat­te, nach vorn. Er hielt sie dem Of­fi­zier hin und sag­te:

›Der Fürst Date Ma­sa­mu­ne ver­steht die Un­ru­he nicht und möch­te das Miss­ver­ständ­nis mit der Vor­la­ge die­ses Do­ku­men­tes be­en­den.‹

Nach­dem der Of­fi­zier einen kur­zen Blick auf das Kai­ser­li­che Sie­gel ge­wor­fen hat­te, setz­te er eine an­de­re Mie­ne auf und ant­wor­te­te, ohne den In­halt der Ge­neh­mi­gung über­haupt zu le­sen:

›Ent­schul­di­gen Sie! Ich tue nur mei­ne Pflicht, und mir war die­se Ge­neh­mi­gung nicht be­kannt. Dürf­te ich noch er­fah­ren, wie lan­ge Sie sich in Lia­nyun­gang auf­hal­ten wer­den?‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga dreh­te sich zum Dai­myo um und lei­te­te die Fra­ge wei­ter. Der mach­te eine weg­wer­fen­de Hand­be­we­gung und gab eine ge­reiz­te Ant­wort, doch ich hat­te das Ge­fühl, dass der Sa­mu­rai sie nicht wort­wört­lich über­setz­te.

›So­bald das Schiff zum Aus­lau­fen be­reit ist, wer­den wir den Ha­fen ver­las­sen. Da sich der Tag aber be­reits dem Ende zu­neigt, wird es ver­mut­lich erst mor­gen früh ge­sche­hen.‹

Der Of­fi­zier be­dank­te sich für die Aus­kunft und mach­te mit sei­ner Trup­pe kehrt.

Der Zwi­schen­fall zeig­te, wie ge­spannt das Ver­hält­nis zwi­schen Ja­pan und Chi­na im­mer noch war. Kei­ne der bei­den Sei­ten trau­te der an­de­ren über den Weg, und der kleins­te Zwi­schen­fall konn­te zu ei­ner blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung füh­ren.

Date Ma­sa­mu­ne war im­mer noch sehr ver­stimmt, vor al­lem weil ihm der Ka­pi­tän be­rich­tet hat­te, dass sie das Schiff nicht ver­las­sen durf­ten. Der Han­del war des­halb nur über Mit­tels­män­ner und mit zu­sätz­li­chen fi­nan­zi­el­len Auf­wen­dun­gen mög­lich ge­we­sen.

Miss­mu­tig dreh­te er sich um und woll­te aufs Schiff ge­hen. Da­bei fiel sein Blick auf mich, und er ließ mich durch Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga fra­gen, ob ich mich ent­schie­den hät­te.

›Ja!‹, sag­te ich. ›Ich habe lan­ge über­legt, al­les ab­ge­wo­gen und bin zu dem Schluss ge­kom­men, Ihr An­ge­bot an­zu­neh­men.‹

Das Ge­sicht des Fürs­ten hell­te sich auf, doch Wang Lee und Chen Shi Mal be­gehr­ten auf:

›Xu Shen Po, das kannst du nicht ma­chen. Du ge­hörst hier­her, und es ist schon schlimm ge­nug, dass du nach Wu­dang ge­hen willst. Dort ha­ben wir aber we­nigs­tens die Mög­lich­keit, dich zu be­su­chen, und viel­leicht kommst du ir­gend­wann doch zu uns zu­rück. Aber wenn du mit nach Ja­pan gehst, wer­den wir dich be­stimmt nicht wie­der­se­hen.‹

Er hat­te ge­wiss recht, doch in die­sem Mo­ment schi­en es mir die ver­nünf­tigs­te Ent­schei­dung zu sein.

›Lass gut sein, Wang Lee, es ist ver­mut­lich egal, wo­hin ich mich wen­de, denn un­se­re Wege tren­nen sich hier auf je­den Fall. Auch wenn ich nach Wu­dang gin­ge, wäre ein Wie­der­se­hen un­wahr­schein­lich, denn auch dort bin ich nur Gast, und Gäs­te sol­len nach ei­ner ge­wis­sen Zeit wie­der ge­hen.‹

›Wie kannst du nur so et­was sa­gen! Für mich ge­hörst du zu uns, und der Abt von Wu­dang sieht dich auch als einen zu uns Ge­hö­ri­gen.‹

›Ja, so­lan­ge ich der Schü­ler war, war das in Ord­nung. Doch der bin ich nicht mehr, und wel­ches Recht soll­te ich ha­ben, mich jetzt noch für län­ge­re Zeit in eu­ren Klös­tern auf­zu­hal­ten. Ich bin kein bud­dhis­ti­scher und auch kein taois­ti­scher Mönch und habe we­der Rech­te noch Auf­ga­ben in eu­ren Klös­tern. Lei Cheng hat mir das bei un­se­rem Ab­schieds­ge­spräch be­wusst ge­macht. Ich muss und will mir also eine Auf­ga­be su­chen, mit der ich mei­nen Le­bens­un­ter­halt ver­die­nen kann und die mir das Recht gibt, mich an ei­nem Ort auf­zu­hal­ten. Bei euch kann ich das nicht, da ich we­der den einen noch den an­de­ren Glau­ben an­neh­men will oder kann. Aber der Fürst hat mir ein An­ge­bot ge­macht, mit dem ich mei­ne An­we­sen­heit viel­leicht recht­fer­ti­gen kann. Zu­min­dest für eine ge­wis­se Zeit, und dann sehe ich wei­ter.‹

›Aber eine Auf­ga­be kannst du doch auch bei uns fin­den. Du bist jetzt ein Meis­ter und kannst un­ter­rich­ten oder ...‹

›Nein, Wang Lee, ich bin kein Mönch. Ich war hier ge­stran­det, und Han Li­ang Tian hat­te, aus wel­chem Grund auch im­mer, mich er­war­tet und sah es als sei­ne Auf­ga­be an, mich in al­lem zu un­ter­rich­ten, was er wuss­te. Er sag­te im­mer, dass er die­se Auf­ga­be von Bud­dha oder ei­nem an­de­ren er­hal­ten habe, und das diente ihm und mir als Rech­fer­ti­gung mei­nes Auf­ent­halts. Doch er lebt nicht mehr, und sei­ne Auf­ga­be ist er­füllt. Ich brau­che ein neu­es Ziel, und ich hof­fe, dass ich das viel­leicht bei Date Ma­sa­mu­ne fin­den kann.‹

›Aber, aber ich ...‹

Chen Shi Mal leg­te ihm die Hand auf die Schul­ter.

›Gib auf, Wang Lee! Er hat sich ent­schie­den, und viel­leicht ist es der rich­ti­ge Weg für ihn. Wir soll­ten ihn nicht von et­was zu über­zeu­gen ver­su­chen, was er nicht will.‹

Bei­de hol­ten tief Luft und sa­hen mich mit trau­ri­gen Au­gen an. Wang Lee schi­en es be­son­ders hart zu tref­fen, denn sei­ne Au­gen be­ka­men einen feuch­ten Schim­mer. Er war mir in der Zeit, die ich in Chi­na zu­ge­bracht hat­te, im­mer ein treu­er Freund ge­we­sen. Nie hat­te er mich im Stich ge­las­sen, auch nicht, als wir in Wu­dang wa­ren und er sei­ne ge­wohn­te Um­ge­bung für mich ver­las­sen hat­te. Es fiel mir nicht leicht, vor mir selbst mei­ne Ent­schei­dung zu recht­fer­ti­gen, denn einen treue­ren und bes­se­ren Weg­be­glei­ter als ihn kann man sich nicht wün­schen. Doch auf der an­de­ren Sei­te stan­den die Kon­flik­te, die mei­ne An­we­sen­heit in Shao­lin her­vor­rief und un­ter de­ren Fol­gen die, die mir na­he­stan­den, mit­lei­den muss­ten. Das war der ein­zi­ge Grund, mit dem ich mei­ne Ent­schei­dung vor mir selbst recht­fer­ti­gen konn­te.

Als ich mit mei­nen Ge­dan­ken so weit ge­kom­men war, gab ich mir einen Ruck und ver­ab­schie­de­te mich von mei­nen chi­ne­si­schen Freun­den. Kei­ner konn­te sei­ne Emo­tio­nen ver­ber­gen, und re­spekt­voll wen­de­ten sich der Dai­myo und Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga ab. Ich wuss­te zu die­ser Zeit noch nicht, dass die­se Hand­lungs­wei­se für einen Sa­mu­rai kei­nes­wegs ty­pisch war und dass ich wie­der einen Weg mit sehr un­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­te­ren be­schrei­ten wür­de. Doch ge­ra­de des­halb soll­te ich wie­der sehr gute Freun­de fin­den.

Die chi­ne­si­sche Küs­te war schon lan­ge mei­nen Bli­cken ent­schwun­den, und da ich kei­ne Auf­ga­be hat­te, ver­brach­te ich die Tag- und Nacht­stun­den zu ei­nem großen Teil in Me­di­ta­ti­on. Am Mor­gen des drit­ten Ta­ges tauch­te vor uns eine im Dunst lie­gen­de Küs­ten­li­nie auf. Mei­nen Ge­dan­ken nach­hän­gend, lehn­te ich an der Re­ling und schau­te er­war­tungs­voll in die­se Rich­tung. Wir hat­ten bis­her sehr gu­tes Se­gel­wet­ter ge­habt, so dass das Schiff re­la­tiv ru­hig da­hing­litt. Die gut ein­ge­ar­bei­te­te Mann­schaft be­weg­te sich fast laut­los und ge­mäch­lich auf dem Deck, wäh­rend ich mich in die­sem Mo­ment ein we­nig ein­sam fühl­te. Schon ka­men Zwei­fel in mir auf, ob es rich­tig war, die­sen Weg ein­zu­schla­gen, doch in dem Mo­ment ge­sell­te sich Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga zu mir.

›Darf ich Ih­nen ein we­nig Ge­sell­schaft leis­ten?‹

›Aber ja‹, sag­te ich er­freut. ›Ist das dort vorn schon die ja­pa­ni­sche Küs­te?‹, setz­te ich hin­zu.

›Nein‹, sag­te er lei­se auf­la­chend. ›Bis wir die zu se­hen be­kom­men, dau­ert es noch, und un­ser ei­gent­li­ches Ziel ist noch viel wei­ter ent­fernt.‹ Er schau­te sich kurz um und über­leg­te. ›Es müss­te eine der klei­ne­ren oder grö­ße­ren In­seln sein, die Ko­rea vor­ge­la­gert sind, doch ge­nau weiß ich es nicht. Der Schiffs­füh­rer kann es uns aber be­stimmt sa­gen.‹

Er dreh­te sich um und rief dem Ka­pi­tän et­was auf Ja­pa­nisch zu. Bei des­sen Ant­wort nick­te er be­frie­digt und sag­te dann zu mir:

›Ja, es ist, wie ich ver­mu­tet habe, eine der grö­ße­ren In­seln vor Ko­rea. Sie heißt Che­ju oder so ähn­lich. Wir las­sen sie rechts lie­gen und steu­ern ge­nau auf die Mee­ren­ge zwi­schen Kyus­hu und Hons­hu zu. Ha­ben wir die­se hin­ter uns, se­geln wir mehr oder we­ni­ger an Kyus­hus Küs­te ent­lang. Links se­hen wir dann die große In­sel Shi­ko­ku, de­ren Küs­ten­ver­lauf wir fol­gen, bis wir wie­der auf Hons­hu tref­fen. Wei­ter geht es Rich­tung Nord­os­ten bis zur Halb­in­sel Izu. Wenn wir sie um­schifft ha­ben, sind wir schon fast am Ziel, denn dann ist Edo nicht mehr weit.‹

›Oh, ich dach­te nicht, dass wir eine so lan­ge Fahrt vor uns ha­ben. Für mich war Ja­pan im­mer nur einen Kat­zen­sprung von Chi­na oder Ko­rea ent­fernt.‹

›Einen Kat­zen­sprung?‹, er lach­te kurz auf. ›Das hab ich ja noch nie ge­hört. Si­cher ist die Fahrt re­la­tiv kurz, wenn man an­de­re große See­rei­sen da­mit ver­gleicht, aber ein Kat­zen­sprung ...‹ Er ver­such­te ein wei­te­res Auf­la­chen zu un­ter­drücken. ›Nein, ein Kat­zen­sprung ist es be­stimmt nicht.‹

Mir in die Au­gen bli­ckend, füg­te er nach­denk­lich hin­zu, ›Du weißt an­schei­nend noch nicht all­zu viel über un­ser Land, und ich den­ke, es wird das Bes­te sein, wenn ich die wei­te­re Rei­se nut­ze und dir ei­ni­ges er­klä­re.‹

Er nahm eine be­que­me­re Hal­tung ein und fuhr fort:

›Ich darf doch du sa­gen, oder?‹

Ich nick­te be­stä­ti­gend. Er­freut und we­sent­lich ent­spann­ter sag­te er:

›Wir wer­den ver­mut­lich, da du noch kein Ja­pa­nisch kannst, in nächs­ter Zeit viel mit­ein­an­der zu tun ha­ben, und ich fin­de es ein­fach we­sent­lich ent­spann­ter, wenn wir nicht so förm­lich mit­ein­an­der um­ge­hen.‹

Er nick­te wie zur Selbst­be­stä­ti­gung und hol­te tief Luft.

›Also, die See­rei­se bis zu der Küs­te, die Ko­rea oder Chi­na am nächs­ten liegt, ist nicht gar so lang und führt übers of­fe­ne Meer. Doch dann müs­sen wir zwi­schen den großen ja­pa­ni­schen In­seln hin­durch­se­geln, um auf die an­de­re Sei­te Ja­pans zu ge­lan­gen, denn Edo liegt in ei­ner großen Bucht an der ge­gen­über­lie­gen­den Küs­te Ja­pans. Wenn wir die Re­si­denz des Sho­gun er­rei­chen, ha­ben wir mehr als die Hälf­te un­se­res Lan­des um­se­gelt. Das Lang­wie­rigs­te und viel­leicht auch Ge­fähr­lichs­te die­ser Rei­se ist die Fahrt zwi­schen den In­seln und an der an­de­ren Küs­te. Dort we­hen um die­se Jah­res­zeit oft un­s­te­te star­ke Win­de, meis­tens in un­er­wünsch­ter Rich­tung.‹

›Sie ... Ent­schul­di­gung, du hast die Rei­se wohl schon öf­ter ge­macht?‹

›Nein, ich war bis jetzt nur ein­mal in Chi­na, und das auch nicht of­fi­zi­ell. Wie­so fragst du? Weil ich die See­rei­se so ge­nau be­schrie­ben habe?‹

›Zum einen ja und zum an­de­ren we­gen dei­ner gu­ten Chi­ne­sisch­kennt­nis­se.‹

›Nun, bei­des ist leicht zu er­klä­ren. Die chi­ne­si­sche Spra­che habe ich schon als Kind ge­lernt. In der Nähe mei­nes El­tern­hau­ses ist ein bud­dhis­ti­scher Schrein, und ei­ni­ge der Mön­che, die dort le­ben, ka­men aus Chi­na. Wir wur­den in be­stimm­ten Din­gen von die­sen Män­nern un­ter­rich­tet, und da­bei habe ich ihre Spra­che er­lernt.‹

Er mach­te eine klei­ne Pau­se, und sein Ge­sicht nahm einen leicht ver­trä­um­ten Aus­druck an. Es schie­nen schö­ne Er­in­ne­run­gen an jene Zeit zu sein, die ihm ge­ra­de in den Sinn ka­men. Doch das dau­er­te nur kurz. Er blick­te wie­der hoch und fuhr fort:

›Ja, und die See­rei­se in Ja­pans Ge­wäs­sern kann ich so gut be­schrei­ben, weil ich im Auf­trag des Dai­myo schon mehr­fach zur In­sel Shi­ko­ku und auch dar­über hi­n­aus ge­fah­ren bin. Date Hi­demu­ne, der äl­tes­te Sohn mei­nes Herrn, hat vom Sho­gun das Le­hen Uwa­ji­ma auf der In­sel Shi­ko­ku er­hal­ten, und ich habe ihn öf­ter dort auf­su­chen müs­sen.‹

›Ist es bei euch nicht üb­lich, dass der äl­tes­te Sohn die Nach­fol­ge sei­nes Va­ters an­tritt?‹

›Das schon, doch Date Hi­demu­ne ist kein Sohn von Meg­o­hi­me, der Frau mei­nes Herrn. Er ist der Sohn ei­ner Kon­ku­bi­ne und kann des­halb das Erbe sei­nes Va­ters nicht an­tre­ten. Er darf zwar den Na­men sei­nes Va­ters füh­ren, aber in der Rang­fol­ge kommt im­mer erst der erst­ge­bo­re­ne Sohn aus der ehe­li­chen Ver­bin­dung.‹

›O je, ist das kom­pli­ziert. Kommt es da nicht zu Kon­flik­ten und Rei­be­rei­en?‹

›Eher sel­ten, es ist al­les klar ge­re­gelt, und al­les un­ter­liegt ei­ner stren­gen Rang­ord­nung. Frü­her kam es öf­ter vor, dass in Fa­mi­li­en der eine oder an­de­re aus die­ser Ord­nung aus­bre­chen woll­te, doch un­ter der stren­gen Füh­rung des Sho­gun ist das nicht mehr so ein­fach.‹

›Warum hat der Fürst eine Kon­ku­bi­ne? Ist er mit sei­ner Frau nicht glück­lich?‹

Shi­ge­na­ga sah mich ver­ständ­nis­los an.

›Das eine hat mit dem an­de­ren nichts zu tun. Date Ma­sa­mu­ne ist ein großer Dai­myo. Es ist üb­lich und ge­hört zum gu­ten Ton, dass sich ein Mann in ei­ner sol­chen Po­si­ti­on eine oder meh­re­re Kon­ku­bi­nen hält. Mein Herr hat sie­ben, aber in letz­ter Zeit sucht er sie nicht mehr so oft auf, denn er denkt mitt­ler­wei­le ein we­nig an­ders über die­sen Brauch. Doch das ist nur in­of­fi­zi­ell. Mehr möch­te ich dar­über nicht sa­gen.‹

Mein Blick ruh­te auf dem Meer, ohne das ich et­was da­von wahr­nahm. Ich dach­te über das Ge­hör­te nach, und Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga be­ob­ach­te­te mich ge­spannt.

Nach ei­ner Wei­le durch­brach er die Stil­le und frag­te:

›Es hat den An­schein, dass du die­sen Brauch noch nicht kennst? Gibt es dort, wo du her­kommst, kei­ne Kon­ku­bi­nen?‹

›Of­fi­zi­ell nicht. Si­cher­lich ha­ben man­che Män­ner eine Ge­lieb­te, aber das wird meist ge­heim ge­hal­ten. Wenn sich man­che Män­ner da­mit brüs­ten, dann in der Re­gel nur von Mann zu Mann, un­ter Gleich­ge­sinn­ten. Im All­ge­mei­nen scha­det es dem Ruf, vor al­lem dann, wenn es eine hoch­ge­stell­te Per­sön­lich­keit be­trifft. Ich per­sön­lich emp­fin­de Ne­ben­frau­en als we­nig sinn­voll, denn es schafft nur Pro­ble­me. Aber ich möch­te mir da kein Ur­teil er­lau­ben, weil ich noch viel zu we­nig über euer Land und Volk weiß. Es hat si­cher­lich sei­ne Grün­de und Ur­sa­chen und viel­leicht ...‹, ich stock­te kurz, ›viel­leicht auch sei­ne Be­rech­ti­gung.‹

Er lach­te kurz auf.

›Ja, sei­ne Grün­de und Ur­sa­chen hat es auf je­den Fall, ob es des­we­gen sei­ne Be­rech­ti­gung hat, weiß ich nicht.‹

Er schau­te über Bord und be­ob­ach­te­te einen Schwarm Fi­sche, der knapp un­ter der Was­ser­ober­flä­che ne­ben dem Schiff da­hing­litt. Da­bei sprach er lei­se und mehr zu sich:

›Un­ser Volk und vor al­lem der Stand, dem ich an­ge­hö­re, schätzt die krie­ge­ri­schen Fä­hig­kei­ten und die Macht ei­nes Man­nes mehr als al­les an­de­re. Aus die­sem und an­de­ren Grün­den ha­ben wir uns in den letz­ten Jahr­hun­der­ten im­mer wie­der ge­gen­sei­tig zer­fleischt. Es wur­den stän­dig Krie­ge ge­führt und ter­ri­to­ria­le Macht­kämp­fe aus­ge­foch­ten. Vie­le Ban­di­ten und her­ren­lo­se Krie­ger zo­gen durchs Land. Sie raub­ten und mor­de­ten ohne Gna­de. Das Re­sul­tat war und ist, dass es einen Frau­en­über­schuss und vie­le Wit­wen gibt. Schon vor vie­len hun­dert Jah­ren kam der Brauch auf, dass Män­ner, die es sich leis­ten konn­ten, sol­che Frau­en in Dienst ge­nom­men ha­ben, um ih­nen Schutz zu ge­wäh­ren. Der Weg bis zur Kon­ku­bi­ne war dann nicht mehr weit. Doch mitt­ler­wei­le ha­ben sich die­se Grün­de ver­lo­ren, und es geht jetzt meist mehr dar­um, Fa­mi­li­en an sich zu bin­den, oder die Fa­mi­li­en der Kon­ku­bi­nen möch­ten sich das Wohl­wol­len ei­nes ho­hen Her­ren da­mit er­kau­fen. Und na­tür­lich be­frie­di­gen vie­le Män­ner da­mit Ihre Be­dürf­nis­se.‹

Er sah hoch und mir in die Au­gen, ›Doch ich rede hier über Din­ge, die ein ge­fähr­li­ches Ge­dan­ken­gut sind, denn kei­ner möch­te an die­sen Bräu­chen und Ri­tua­len rüh­ren. Auch er­in­nern sol­che Re­den an die christ­li­chen Missio­na­re, die seit ei­ni­ger Zeit aus dem Land ver­bannt sind. Date Ma­sa­mu­ne und ich ha­ben des Öf­te­ren über sol­che Sa­chen ge­spro­chen. Wir se­hen mitt­ler­wei­le vie­les ein we­nig an­ders als die an­de­ren Män­ner un­se­res Stan­des, doch öf­fent­lich dazu be­ken­nen dür­fen wir uns nicht. Es wäre un­ser To­des­ur­teil. Also, wenn du uns und un­se­re Fa­mi­li­en nicht ins Un­glück stür­zen willst, dann be­hal­te es für dich, und sprich mög­lichst nicht mit dem Fürs­ten dar­über.‹

Ich nick­te und be­müh­te mich, das The­ma zu wech­seln.

›Ist Edo eine sehr große Stadt?‹

Er er­kann­te mei­ne Ab­sicht, lä­chel­te und ging dar­auf ein.

›Das kommt dar­auf an, was für Ver­glei­che du hast. Du kannst Edo si­cher­lich nicht mit der Re­si­denz­stadt des chi­ne­si­schen Kai­sers ver­glei­chen, denn Edo ist noch jung. Die Stadt wird ge­ra­de erst rich­tig auf­ge­baut, es ist al­les neu und wohl­ge­ord­net. Vie­le tau­send Ar­bei­ter sind da­mit be­schäf­tigt, den sump­fi­gen Bo­den zu be­fes­ti­gen so­wie Stra­ßen und neue Ge­bäu­de zu bau­en. Die Burg des Sho­gun und eine Grund­struk­tur sind schon vor­han­den. Als ich noch ein Kind war, war Edo ein klei­nes Fi­scher­dorf, doch To­ku­ga­wa Ieya­su, der ers­te große Sho­gun, er­kor sich die­ses Dorf zur Re­si­denz. Seit die­ser Zeit wird in Edo ge­baut. Erst noch zu­rück­hal­tend und jetzt, nach­dem sich die Macht des am­tie­ren­den Sho­gun über ganz Ja­pan er­streckt, mehr. Alle Dai­myo müs­sen sich am Auf­bau der Stadt be­tei­li­gen und ver­brin­gen auch einen großen Teil ih­res Le­bens hier.‹

Er wen­de­te sich wie­der um und blick­te aufs Was­ser.

›Was für ein Auf­wand und was für Kos­ten! Die Mit­tel könn­ten in den Pro­vin­zen der Dai­myo gut ge­braucht wer­den. Doch kei­ner wagt es, sich da­ge­gen auf­zu­leh­nen. Der Sho­gun hat die Macht, und alle sind ihm auf Ge­deih und Ver­derb aus­ge­lie­fert.‹

Er schüt­tel­te den Kopf.

›Aber die Stadt wird schön. Der Stadt­kern ist die Burg, und um sie he­r­um scha­ren sich die An­we­sen der rang­höchs­ten Sa­mu­rai. Da­mit mei­ne ich die der Dai­myos und et­was wei­ter von der Burg ent­fernt die Häu­ser von de­ren di­rek­ten Un­ter­ge­be­nen. Also Bus­hi wie mich. Je wei­ter weg von der Burg das Haus, des­to ge­rin­ger der Rang des Be­sit­zes. Noch wei­ter ent­fernt ste­hen die Häu­ser der Cho­nin. Die­se Stadt­men­schen, Kauf­leu­te, Hand­wer­ker und an­de­re un­rei­ne Men­schen, ge­hö­ren zur un­ters­ten Stan­des­rie­ge. Am Fluss Oka­wa be­fin­den sich La­ger­häu­ser und Re­gie­rungs­ge­bäu­de. An der Bucht liegt der Ha­fen. Doch über­all wird noch ge­baut, und nur im Kern ist das meis­te schon fer­tig.‹

Er wen­de­te sich wie­der mir zu.

›Wenn wir an Land ge­gan­gen sind, müs­sen wir ei­ni­ges be­ach­ten, und du musst dich un­be­dingt in mei­ner Nähe auf­hal­ten, da­mit ich dir Ver­hal­tens­re­geln im Um­gang ...‹

In die­sem Mo­ment wur­den wir vom Fürs­ten un­ter­bro­chen.

Date Ma­sa­mu­ne saß in der Nähe des Heck­mas­tes un­ter ei­nem Son­nen­schirm und hat­te sich bis zu die­sem Zeit­punkt mit dem Ka­pi­tän un­ter­hal­ten. Sich von die­sem ab­wen­dend, rief er Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga et­was zu. Die­ser ver­beug­te sich leicht vor dem Dai­myo und for­der­te mich dann auf, mit zum Fürs­ten zu kom­men. Als wir vor ihm stan­den und ich ihn un­schlüs­sig an­blick­te, sprach der Dai­myo in bar­schem Ton­fall mit Shi­ge­na­ga. Er­staunt sah ich von ei­nem zum an­de­ren. Es war al­les sehr wi­der­sprüch­lich und un­ge­wohnt für mich. Zum einen sah ich im Ge­sicht des Fürs­ten ein hin­ter­grün­di­ges Lä­cheln, und zum an­de­ren war der Ton­fall wie eine stren­ge Rüge. Mein Dol­met­scher mach­te eine un­ter­wür­fi­ge Ges­te, ant­wor­te­te knapp und wen­de­te sich mir zu.

›Date Ma­sa­mu­ne hat mich so­eben ge­rügt, weil ich dir noch nichts von un­se­ren Sit­ten und Ge­bräu­chen bei­ge­bracht habe. Auch wenn der Fürst in den Mo­men­ten, wenn wir un­ter uns sind, mit dir oder mir einen ver­trau­li­chen Um­gang pflegt, darf er das nach au­ßen nicht zei­gen. Er muss das Ge­sicht wah­ren, und wir müs­sen ihm den ge­büh­ren­den Re­spekt zol­len. Es ist von der Sa­che her nur ge­spielt, aber wich­tig für den Er­halt sei­ner Stel­lung. Das heißt, wenn du in Ge­gen­wart an­de­rer zum Fürs­ten ge­ru­fen wirst, nä­herst du dich ihm lang­sam und mit ge­senk­tem Blick bis auf fünf Schrit­te.‹

Ich schau­te nach un­ten und trat zwei Schrit­te zu­rück, denn ich war schon bis auf drei he­r­an­ge­tre­ten.

Ein kaum wahr­nehm­ba­res Lä­cheln husch­te über die Ge­sich­ter der bei­den, und Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga sprach wei­ter:

›Dann beugst du vor ihm das Knie. Das lin­ke Knie und die lin­ke Faust auf dem Bo­den. Die rech­te Hand, da du kei­ne Schwer­ter be­sitzt, auf den rech­ten Ober­schen­kel ge­stützt. Wärst du ein Sa­mu­rai, müss­te dei­ne rech­te Hand hin­ter dem Rücken die Schei­de dei­nes Schwer­tes um­fas­sen, um da­mit zu zei­gen, dass du den Fürs­ten nicht an­grei­fen willst.‹

Die gan­ze Ze­re­mo­nie er­schi­en mir nach un­se­rem bis­he­ri­gen zwang­lo­sen Um­gang ein we­nig selt­sam, doch ich war im Be­griff, ein frem­des Land mit mir noch un­be­kann­ten Sit­ten zu be­tre­ten, und emp­fand es als un­pas­send, ihre Ge­bräu­che in Fra­ge zu stel­len. Ich beug­te also das Knie und be­folg­te die wei­te­ren An­wei­sun­gen mei­nes Dol­met­schers.

Mit ei­nem leich­ten Nei­gen des Kop­fes quit­tier­te der Dai­myo mei­ne Hand­lungs­wei­se, und Shi­ge­na­ga fuhr in sei­nen Er­läu­te­run­gen fort:

›Dein Blick ist da­bei auf den Bo­den ge­rich­tet, und erst wenn dich der Fürst dazu auf­for­dert, schaust du ihn an.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga hat­te sich ähn­lich ver­hal­ten, nur mit dem Un­ter­schied, dass er sich ein we­nig vor mir, dem Dai­myo die rech­te Sei­te zu­wen­dend, be­fand.

In har­schem Ton­fall, von ei­ner auf­for­dern­den Ges­te be­glei­tet, die ich aus den Au­gen­win­keln sah, sprach Date Ma­sa­mu­ne uns an. Ich ent­nahm der Ges­te, dass ich auf­bli­cken konn­te, und sah dem Fürs­ten ins Auge. Ein klein we­nig Schalk lag in sei­nem Blick, doch das währ­te nur kurz, und ein Au­ßen­ste­hen­der hät­te es si­cher­lich nicht be­merkt.

›Gut, du hast die Auf­for­de­rung teil­wei­se schon ver­stan­den‹, Shi­ge­na­ga nick­te mir an­er­ken­nend zu. ›Der Fürst hat dir er­laubt, sich ihm bis auf drei Schrit­te – das ist der üb­li­che Ab­stand – zu nä­hern und ihm ge­gen­über Platz zu neh­men.‹

Um­ge­hend folg­te ich der An­wei­sung.

›Halt, nicht so schnell und mit ge­senk­tem Kopf.‹

Ich stock­te und neig­te den Kopf.

›Gut, und nun knie nie­der und set­ze dich auf dei­ne Un­ter­schen­kel.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga wen­de­te sich dem Dai­myo zu, ver­beug­te sich leicht und rich­te­te ei­ni­ge Wor­te an ihn. Nach des­sen Ant­wort dreh­te er sich wie­der zu mir um und sag­te:

›Der Fürst wünscht, dass ich dir die­ses Ver­hal­ten er­klä­re.‹

Ich wen­de­te mich wie­der Shi­ge­na­ga zu und wur­de so­fort kor­ri­giert:

›Nein, schau nicht mich an, denn ich bin nur der Dol­met­scher, dein ei­gent­li­cher Ge­sprächs­part­ner ist Date Ma­sa­mu­ne.‹

Als ich sei­ner An­wei­sung folg­te, konn­te ich noch ein leich­tes Kopf­nei­gen von ihm se­hen, dann fuhr er fort:

›Du er­weist dem Dai­myo da­mit den nö­ti­gen Re­spekt‹, er hol­te tief Luft. ›Mein Herr hat mich vor­hin zu Recht ge­rügt, denn ich habe sehr un­be­dacht ge­han­delt. Auf die­ser Rei­se nach Chi­na war es nicht not­wen­dig, sol­che Ze­re­mo­ni­en auf­recht­zu­er­hal­ten, doch jetzt, vor al­lem in Edo, ist es un­um­gäng­lich, um Date Ma­sa­mu­ne nicht zu scha­den. Auch dir könn­te bei ei­nem Fehl­ver­hal­ten Scha­den ent­ste­hen, und das möch­te der Fürst, da du ja auf sei­nen Wunsch hin mit­ge­kom­men bist, ver­hin­dern. Du musst in nächs­ter Zeit sehr vor­sich­tig sein und ge­nau auf mich ach­ten, da­mit ich dir al­les Not­wen­di­ge ver­mit­teln kann.‹

Ich nick­te zur Be­stä­ti­gung, ohne den Blick vom Fürs­ten ab­zu­wen­den.

›Gut, nun zum ei­gent­li­chen Zweck die­ses Ge­sprä­ches.‹

Die An­span­nung der letz­ten Mi­nu­ten schi­en ein klein we­nig von Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga ab­zu­fal­len.

›Der Fürst muss, so­bald wir in Edo sind, beim Sho­gun um eine Au­di­enz bit­ten und ihm Be­richt er­stat­ten. Zu die­ser Au­di­enz darf ihn kei­ner be­glei­ten, schon gar nicht du mit dei­nem of­fen­kun­dig aus­län­di­schen Aus­se­hen.‹

Ich hol­te Luft, um einen Ein­wurf zu ma­chen, doch er un­ter­brach mich so­fort.

›Ich er­klä­re das spä­ter in Ruhe!‹

Ich at­me­te aus und neig­te leicht den Kopf.

›Gut, Date Ma­sa­mu­ne hät­te gern einen Rat von dir. In ei­nem Ge­spräch nach dem Kampf hat­test du ge­sagt, du wür­dest dem Sho­gun die Rei­se nach Shao­lin als not­wen­dig und er­folg­reich schil­dern. Der Fürst möch­te wis­sen, wie er das ma­chen soll.‹

›Nun, dazu wäre es sinn­voll, wenn ich wüss­te, was der ei­gent­li­che Zweck des Be­suchs am chi­ne­si­schen Kai­ser­hof war.‹

Da Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga nicht gleich mit der Über­set­zung be­gann, mach­te ich eine auf­for­dern­de Hand­be­we­gung, denn ich woll­te, ein­ge­denk sei­ner Wor­te, den Blick nicht vom Dai­myo ab­wen­den.

Zö­gernd über­setz­te er mei­ne Fra­ge und ern­te­te nur zwei Wor­te und ein Kopf­schüt­teln.

›Der Fürst kann und darf dir den Grund die­ser Rei­se nicht mit­tei­len!‹

›Hm, ich hat­te et­was in der Art er­war­tet. Nun gut, ich muss also ein we­nig ra­ten und gehe des­halb da­von aus, dass es mit den im­mer wie­der auf­tre­ten­den Feind­se­lig­kei­ten zwi­schen Chi­na und Ja­pan zu­sam­men­hängt.‹

Shi­ge­na­ga über­setz­te flie­ßend mei­ne Wor­te, und Date Ma­sa­mu­ne hob am Ende leicht die Schul­tern. Da­bei mach­te er eine Ges­te, die ich als »viel­leicht« deu­te­te. Ich ver­such­te, ein Grin­sen zu un­ter­drücken, und fuhr fort:

›Gut. In ei­nem un­se­rer Ge­sprä­che, die wir nach dem Kampf in Chi­na ge­führt ha­ben, sprach der Fürst da­von, dass er an ei­ner In­va­si­on in Ko­rea be­tei­ligt war, in der es auch zu Kämp­fen mit den Trup­pen des chi­ne­si­schen Kai­sers kam. In­so­fern gehe ich da­von aus, dass die Rei­se den Zweck hat­te, ent­we­der in Er­fah­rung zu brin­gen, ob eine neu­er­li­che In­va­si­on er­folg­reich sein könn­te, oder ob die Ge­fahr be­steht, dass Chi­na oder Ko­rea et­was in der Art pla­nen.‹

Ich mach­te eine Pau­se und schau­te den Dai­myo fra­gend an.

Wie­der die glei­che Ges­te, doch auch er konn­te ein Grin­sen kaum un­ter­drücken.

›Wenn das so sein soll­te, dann sind na­tür­lich alle In­for­ma­tio­nen, die mit der Aus­bil­dung der chi­ne­si­schen Trup­pen zu tun ha­ben, von Be­deu­tung. Date Ma­sa­mu­ne hat Ge­rüch­te ge­hört oder un­ter der Hand von Zu­trä­gern ei­ni­ges über die kämp­fen­den Shao­lin-Mön­che er­fah­ren. Ihm kam zu Oh­ren, dass sie die kai­ser­li­chen Wa­chen und hohe Of­fi­zie­re aus­bil­den, ein ge­wis­ses Trup­pen­po­ten­ti­al ha­ben und ak­tiv in Kon­flik­te ein­grei­fen. Dar­über hi­n­aus wur­den sie als her­vor­ra­gen­de Kämp­fer ge­rühmt, die von ei­nem großen Ge­ne­ral an­ge­führt wer­den.‹

Ich mach­te eine klei­ne Pau­se, denn ich be­merk­te die An­span­nung in Ma­sa­mu­nes Blick und Hal­tung. Sei­ne auf­ge­wühl­ten Ge­dan­ken wa­ren von mei­nem ge­schul­ten Geist leicht zu be­mer­ken, da ich sei­ne Spra­che noch nicht ver­stand, nahm ich je­doch im Mo­ment nur wir­re Bil­der wahr. Es ge­lang mir nicht, die­se rich­tig zu­zu­ord­nen, und mir wur­de klar, dass ich ihm ver­mut­lich mehr ver­ra­ten hat­te, als er be­reits wuss­te.

War das rich­tig von mir?

Mir blieb kei­ne Zeit, dar­über nach­zu­den­ken, denn mit ei­ner Ges­te for­der­te er mich auf wei­ter­zu­spre­chen.

›Wenn mei­ne bis­he­ri­gen Ver­mu­tun­gen rich­tig sind, dann ist es lo­gisch und im Sin­ne des Auf­tra­ges zwin­gend er­for­der­lich, den Wahr­heits­ge­halt die­ser In­for­ma­tio­nen zu prü­fen. Da dies am Kai­ser­hof nicht mög­lich war, blieb nur die Rei­se zum Shao­lin-Klos­ter üb­rig. Man könn­te dem Sho­gun die Fra­ge stel­len, ob er in die­ser Si­tua­ti­on nicht die glei­che Ent­schei­dung ge­trof­fen hät­te.‹

Ich schau­te er­war­tungs­voll in das Ge­sicht des Fürs­ten, und nach ei­ner klei­nen Pau­se, in der er sei­ne Hän­de in­ten­siv be­trach­tet hat­te, be­gann er lang­sam und ru­hig zu spre­chen:

›Das sind sehr in­ter­essan­te Ge­dan­ken, die du da ge­äu­ßert hast. Wo­mit Date Ma­sa­mu­ne na­tür­lich nicht sa­gen will, dass dei­ne Ver­mu­tun­gen zu­tref­fen.‹

Ich konn­te das Lä­cheln in Shi­ge­na­gas Ge­sicht wahr­neh­men, ohne dass ich es sah.

›Der Dai­myo muss dir viel­leicht noch ei­ni­ge Hin­ter­grün­de er­klä­ren, die die­se Si­tua­ti­on et­was kom­pli­zier­ter ma­chen.‹

Ma­sa­mu­ne mach­te eine kur­ze Pau­se, um zu war­ten, bis der Dol­met­scher mir das bis­her Ge­sag­te über­setzt hat­te.

›Bis­her ha­ben wir im­mer nur vom Sho­gun als dem am­tie­ren­den Macht­ha­ber und obers­ten Lan­des­herrn ge­spro­chen. In Wahr­heit sind die Macht­ver­hält­nis­se in un­se­rem Land um ei­ni­ges kom­pli­zier­ter. Auch wir ha­ben einen Kai­ser, den Ten­no. Er wird als Gott­kai­ser ver­ehrt und soll­te mit dem Ho­fadel ei­gent­lich das Land re­gie­ren. Doch die Macht liegt in den Hän­den des Sho­gun und sei­ner engs­ten Be­ra­ter. Der am­tie­ren­de Sho­gun ist To­ku­ga­wa Ie­mit­su, aber das ist nur nach au­ßen hin so, denn er hat das Amt von sei­nem Va­ter vor­zei­tig ver­erbt be­kom­men, um Macht­kämp­fen vor­zu­beu­gen. Die ei­gent­li­che Macht liegt im­mer noch in den Hän­den von To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da.‹

Date Ma­sa­mu­ne sprach im glei­chen ru­hi­gen Ton­fall wei­ter:

›Im­mer wie­der ent­ste­hen klei­ne­re und grö­ße­re Kon­flik­te, da der Sohn nur un­gern den Ein­fluss sei­nes Va­ters gel­ten lässt. Mein Herr ist To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da in meh­re­ren Punk­ten sehr ver­pflich­tet. Sein erst­ge­bo­re­ner Sohn – Date Hi­demu­ne – ist nur dank der gu­ten Be­zie­hun­gen des Date-Clans zu ihm, Dai­myo von Uwa­ji­ma ge­wor­den. Der Sho­gun kann ihm die­ses Le­hen aber je­der Zeit wie­der ent­zie­hen. Auch die Ver­ein­ba­rung be­treffs Date Ta­da­mu­ne wur­de mit dem Va­ter ge­trof­fen, wes­halb der Fürst die Chi­na-Rei­se an­tre­ten muss­te.‹

Mein Dol­met­scher hol­te tief Luft.

›Mein Herr ist also dem al­ten Sho­gun in vie­ler­lei Hin­sicht ver­pflich­tet. An­de­rer­seits wird ir­gend­wann To­ku­ga­wa Ie­mit­su der al­lei­ni­ge Macht­ha­ber sein, und des­halb darf sich Date Ma­sa­mu­ne ihn nicht zum Feind ma­chen. Auch die­ser kann dem Date-Clan je­der­zeit großen Scha­den zu­fü­gen. Als wir die Rei­se an­ge­tre­ten ha­ben, hat der am­tie­ren­de Sho­gun un­miss­ver­ständ­lich kund­ge­tan, dass er das Un­ter­neh­men nicht gut­heißt. Doch konn­te er sich sei­nem Va­ter ge­gen­über nicht durch­set­zen, und nun be­fürch­tet Date Ma­sa­mu­ne, dass ihm das, auch we­gen der Rei­se nach Shao­lin, zum Scha­den ge­reicht.‹

›Warum stand der am­tie­ren­de Sho­gun die­ser Rei­se ab­leh­nend ge­gen­über?‹

›Nun, der Va­ter ist ein we­nig weltof­fe­ner als der Sohn. Auch er ist vor­sich­tig und be­merkt, dass die christ­li­che Missio­nie­rung der Macht­po­si­ti­on un­se­res Stan­des nicht för­der­lich ist. Er ist wie der Sohn der Mei­nung, dass die Ei­gen­stän­dig­keit un­se­res Lan­des durch den Ein­fluss der west­li­chen Län­der ge­fähr­det wird. Aber im Ge­gen­satz zum Sohn be­fürch­tet er mehr Nach­tei­le durch eine Ab­schot­tung nach au­ßen. Er denkt, dass es der Lan­des­ent­wick­lung för­der­li­cher wäre, wenn wir uns vor­sich­tig öff­nen und einen gut kon­trol­lier­ten Han­del mit an­de­ren Län­dern füh­ren. Vor al­lem Chi­na als un­ser nächs­ter großer Nach­bar könn­te in die­sem Punkt sehr wich­tig wer­den. Ent­we­der als ein gu­ter Han­del­s­part­ner oder, na ja, viel­leicht auch als ...‹

Er ließ die­sen Satz un­voll­en­det und schloss sei­ne Er­läu­te­rung mit der In­for­ma­ti­on, dass der am­tie­ren­de Sho­gun das Land nach au­ßen kom­plett ab­schir­men möch­te, um alle frem­den Ein­flüs­se zu un­ter­bin­den.

›Hm, das sind na­tür­lich schwie­ri­ge Ver­hält­nis­se, aber viel­leicht ist es gar nicht so schlimm, wie es auf den ers­ten Blick scheint.‹

Nach­denk­lich strich ich mir mit der rech­ten Hand über Mund und Kinn.

›Muss der Fürst nur dem al­ten Sho­gun, bei­den gleich­zei­tig oder in ge­trenn­ten Ge­sprä­chen Be­richt er­stat­ten?‹

Shi­ge­na­ga über­setz­te mei­ne Fra­ge, und ohne groß nach­zu­den­ken, kam die Ant­wort vom Dai­myo:

›Er denkt, dass es eher un­wahr­schein­lich ist, dass er bei­de gleich­zei­tig in­for­mie­ren muss. Ver­mut­lich wird ihn erst der Va­ter zur Be­richt­er­stat­tung ein­be­stel­len, bei dem das Ze­re­mo­ni­ell nicht so um­fang­reich ist. Doch auch dem am­tie­ren­den Sho­gun muss er auf je­den Fall Rede und Ant­wort ste­hen, da er nach au­ßen hin die Rei­se an­ge­ord­net hat.‹

›Nun, viel­leicht ist das ganz güns­tig. Dem al­ten Sho­gun, Taka ... Wie hieß er doch gleich?‹

›To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da.‹

›Ach ja, To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da wür­de ich so in­for­mie­ren, wie wir es vor­hin be­spro­chen ha­ben. Ich wür­de ver­su­chen, das Ge­spräch so zu len­ken, dass es ihm wich­tig er­scheint, ein star­kes Chi­na nicht zu un­ter­schät­zen. Dass es aber gleich­zei­tig not­wen­dig ist, ge­wis­se Ver­bin­dun­gen auf­recht­zu­er­hal­ten, um auf dem Lau­fen­den zu blei­ben.‹

Ich mach­te eine kur­ze Pau­se, um mei­ne Ge­dan­ken zu ord­nen.

›Dem Sohn wür­de ich den glei­chen Be­richt er­stat­ten, doch das Ge­spräch ein we­nig an­ders len­ken. Er soll­te am Ende zu der Ein­sicht kom­men, dass sei­ne Denk­wei­se rich­tig ist und er ein star­kes, ei­ni­ges Land re­gie­ren muss, das al­len äu­ße­ren Ein­flüs­sen ge­wach­sen ist. Na­tür­lich birgt das auch die Ge­fahr, dass sich die bei­den dar­über aus­tau­schen und dann den­ken, der Fürst hat je­dem einen an­de­ren Be­richt ge­ge­ben. Aber in die­sem Fall kann sich Date Ma­sa­mu­ne dar­auf be­ru­fen, dass er je­dem das Glei­che er­zählt hat und je­der nur zu an­de­ren Schuss­fol­ge­run­gen ge­kom­men ist.‹

Nach­dem Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga das über­setzt hat­te, ent­stand eine klei­ne Pau­se, in der Date Ma­sa­mu­ne ge­bannt auf sei­ne Hän­de blick­te. Dann schau­te er mir in die Au­gen und sag­te:

›Die Ge­fahr, dass sich die bei­den dar­über aus­tau­schen, ist eher ge­ring, denn sie pfle­gen meist nur Kon­takt, wenn es öf­fent­lich not­wen­dig er­scheint. Aber wie soll ich die Ge­sprä­che in die ge­wünsch­te Rich­tung len­ken, wenn ich je­dem den glei­chen Be­richt er­stat­te.‹

Ich lä­chel­te und schlug vor, dass wir den Ge­sprächs­ver­lauf üben, in­dem er den Sho­gun spielt und ich sei­nen Part über­neh­me.

Die sich an­schlie­ßen­den Dia­lo­ge nah­men viel Zeit in An­spruch, da wir ver­schie­de­ne Va­ri­an­ten durch­spiel­ten. Erst als uns eine Schlecht­wet­ter­front er­reich­te, be­en­de­ten wir das Ge­spräch, denn die Mann­schaft hat­te alle Hän­de voll zu tun, um das Schiff si­cher auf Kurs zu hal­ten. Wir räum­ten den Platz beim Heck­mast, um nicht im Weg zu sein, und ich sah ge­bannt der Mann­schaft bei ih­rer Ar­beit zu. Die Sicht wur­de im­mer schlech­ter, star­ker Re­gen setz­te ein, und das Schiff muss­te mit ho­hen Wel­len­ber­gen kämp­fen. Un­ter hef­ti­gem Schlin­gern und Schau­keln ging es die gan­ze Nacht und auch den fol­gen­den Tag wei­ter. Erst als wir die ja­pa­ni­sche Küs­te er­reich­ten, wur­de das Wet­ter bes­ser. Aber als wir in die Mee­ren­ge zwi­schen Kyus­hu und Hons­hu ein­lie­fen, ver­schlech­ter­ten sich die Be­din­gun­gen wie­der. Der Ka­pi­tän ent­schloss sich, den nächs­ten Ha­fen an­zu­lau­fen und erst bei Wet­ter­bes­se­rung die Fahrt fort­zu­set­zen. Der klei­ne Ha­fen lag in ei­ner Bucht, die durch eine Hü­gel­ket­te vor dem Wind ge­schützt war. Da es nur ein Fi­scher­ha­fen war ver­ließ kei­ner das Schiff, und ich wur­de wie­der zu Date Ma­sa­mu­ne ge­ru­fen, um un­ser Ge­sprächs­trai­ning fort­zu­set­zen.

Am nächs­ten Mor­gen bes­ser­te sich das Wet­ter, und wir setz­ten un­se­re Rei­se fort. Shi­ge­na­ga soll­te recht be­hal­ten, denn auf der gan­zen rest­li­chen Fahrt hat­te das Schiff ge­gen wid­ri­ge Win­de an­zu­kämp­fen. Zwi­schen den großen In­seln gab es vie­le klei­ne­re und kleins­te, manch­mal nur Fels­klip­pen, de­ren Um­schif­fen der Be­sat­zung die vol­le Auf­merk­sam­keit ab­ver­lang­te. Erst als wir das of­fe­ne Meer er­reich­ten und in nord­öst­li­che Rich­tung um­schwenk­ten, wur­de es ein­fa­cher. Der Wind war nicht mehr ganz so stark und sei­ne Rich­tung auch ein we­nig güns­ti­ger. Wir folg­ten mehr oder we­ni­ger dem Küs­ten­ver­lauf von Shi­ko­ku und ka­men bes­ser vor­an. Die­se See­rei­se nahm fast drei Wo­chen in An­spruch, in de­ren Ver­lauf ich im­mer wie­der zum Dai­myo ge­ru­fen wur­de, da sei­ne Be­den­ken noch nicht rest­los zer­streut wa­ren. Die Ge­sprä­che wa­ren sehr lang­wie­rig, weil ich ja im­mer noch Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga als Dol­met­scher brauch­te. Aus die­sem Grund und we­gen des un­auf­hör­li­chen Re­gens be­kam ich auf der gan­zen Fahrt nicht viel zu se­hen. Zur Ent­schä­di­gung hat­ten wir seit der Ein­fahrt in die Bucht, in der Edo lag, das schöns­te Wet­ter. Die Son­ne wärm­te von ei­nem strah­lend blau­en Him­mel, und das Schiff durch­pflüg­te ru­hig und gleich­mä­ßig das nur leicht ge­kräu­sel­te Was­ser. Ich stand mit Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga an der Re­ling und schau­te auf die wei­te Ebe­ne, der wir ent­ge­gen­streb­ten.

›Was er­war­test du von un­se­rem Land, und wie stellst du dir dein wei­te­res Le­ben hier vor?‹, frag­te mich Shi­ge­na­ga un­ver­mit­telt.

Aus mei­nen Ge­dan­ken ge­ris­sen, schau­te ich hoch und über­leg­te.

›Ich weiß es nicht. Ich bin mir auch nicht si­cher, ob es rich­tig war, dem Ruf von Date Ma­sa­mu­ne zu fol­gen. Die we­ni­gen Bro­cken eu­rer Spra­che, die du mir bis­her bei­brin­gen konn­test, sind auch nicht dazu an­ge­tan, mei­ne Un­si­cher­heit zu zer­streu­en. Des­we­gen füh­le ich mich im Mo­ment sehr un­wohl bei dem Ge­dan­ken, wie­der ein­mal ganz von vorn an­zu­fan­gen.‹

Er lach­te kurz auf.

›Was er­war­te­test du denn? Hast du wirk­lich ge­glaubt, dass ich dir in den we­ni­gen Stun­den, die uns bis­her zur Ver­fü­gung stan­den, un­se­re Spra­che hät­te bei­brin­gen kön­nen? Ging das bei dei­nem Ein­tref­fen in Chi­na so schnell?‹

›Nein‹, ich schüt­tel­te den Kopf. ›Na­tür­lich nicht, doch was ich bis­her von dir er­fah­ren habe, er­scheint mir ziem­lich kom­pli­ziert, und ich habe ein­fach Be­den­ken, dass ich mich falsch ver­hal­te oder die Er­war­tun­gen des Fürs­ten nicht er­fül­len kann.‹

›Mach dir nicht schon jetzt Ge­dan­ken über Din­ge, die du noch gar nicht ein­schät­zen kannst. Ich habe mit mei­nem Herrn dar­über ge­spro­chen, und er hat mich be­auf­tragt, dir un­se­re Spra­che bei­zu­brin­gen. Au­ßer­dem soll ich in der ers­ten Zeit im­mer in dei­ner Nähe sein, um dich mit un­se­ren Sit­ten und Ge­bräu­chen ver­traut zu ma­chen.‹

Er wand­te sich von mir ab und deu­te­te in die Fer­ne.

›So­bald wir im Ha­fen von Edo an Land ge­gan­gen sind, ach­test du bit­te ge­nau auf das, was ich tue. Da du kei­ne Schwer­ter trägst und alle nach dei­nem äu­ße­ren Er­schei­nungs­bild dar­auf schlie­ßen wer­den, dass du zur un­te­ren Stan­des­rie­ge ge­hörst, musst du be­stimm­te Din­ge ge­nau be­ach­ten. Ich wer­de dir im­mer die ent­spre­chen­den Hin­wei­se ge­ben.‹

Shi­ge­na­ga dreh­te sich zu mir um und sag­te fast ein we­nig fei­er­lich:

›Date Ma­sa­mu­ne hat mir mit­ge­teilt, dass er so­bald als mög­lich die­sen Um­stand ver­än­dern möch­te. Ich weiß es nicht ge­nau, aber ich ver­mu­te, dass er dich zu ei­nem Bus­hi mit ei­nem an­ge­mes­se­nen Rang ma­chen will. Doch dazu musst du un­se­re Spra­che schon ei­ni­ger­ma­ßen be­herr­schen, und zu­dem wird es erst in Sen­dai ge­sche­hen kön­nen.‹

›Sen­dai?‹

›Hab ich dir noch nichts von Sen­dai er­zählt?‹

Ich schüt­tel­te den Kopf.

›Oh, dann wird es Zeit, denn Sen­dai ist die Re­si­denz­stadt des Fürs­ten. Er hat vor vier­und­zwan­zig Jah­ren die­ses klei­ne Dorf dazu aus­er­ko­ren. Auf dem Hü­gel der grü­nen Blät­ter ne­ben dem Fluss Hi­ro­se ließ er sei­ne neue Burg er­rich­ten. Dass er die Er­laub­nis des Sho­gun be­kam, war eine große Ehre, denn fast al­len Dai­myos wur­de es un­ter­sagt, Bur­gen zu bau­en, und vie­le be­ste­hen­de Bur­gen wur­den zer­stört oder ih­rer Ver­tei­di­gungs­an­la­gen be­raubt.‹

Er schau­te mich er­war­tungs­voll an, um zu se­hen, wel­chen Ein­druck die­se Wor­te auf mich mach­ten. Doch ich wuss­te im­mer noch zu we­nig über die hie­si­gen Ver­hält­nis­se, um es auch nur an­nä­hernd ein­schät­zen zu kön­nen.

Ein we­nig ent­täuscht fuhr er fort:

›Nun, vor zwan­zig Jah­ren sind wir in Sen­dai ein­ge­zo­gen. Aber fast die Hälf­te der seit­dem ver­gan­ge­nen Zeit war der Fürst im Auf­trag des Sho­gun un­ter­wegs oder in Edo. Auch ich habe Sen­dai schon län­ger nicht mehr be­sucht und freue mich, es bald wie­der­zu­se­hen.‹

Sehn­süch­tig wan­der­te sein Blick in die Fer­ne.

›So­bald wir die Er­laub­nis be­kom­men, wer­den wir Edo ver­las­sen. Doch wer kann schon sa­gen, wann das sein wird.‹

Nach ei­nem kur­zen Schwei­gen setz­ten wir mit be­lang­lo­se­ren The­men un­se­re Un­ter­hal­tung fort, bis wir in den Ha­fen von Edo ein­lie­fen.

Das Schiff hat­te, seit es ge­sich­tet wor­den war, große Auf­merk­sam­keit er­regt, denn am Haupt­mast war das Wap­pen des Date-Clans ge­hisst. Die Men­schen am Kai deu­te­ten auf­ge­regt zum Schiff, und im­mer mehr Be­woh­ner ström­ten in den Ha­fen.

Als Date Ma­sa­mu­ne an Land ging, wur­de ihm ehr­er­bie­tig Platz ge­macht, und alle ver­neig­ten sich tief vor ihm. Er setz­te eine ziem­lich hoch­mü­ti­ge Mie­ne auf, die ich bis jetzt noch gar nicht an ihm wahr­ge­nom­men hat­te. Auch Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga ver­hielt sich ähn­lich, und die­se hoch­mü­ti­ge Art mach­te ihn für den Au­gen­blick ein we­nig un­sym­pa­thisch. Doch die Bli­cke, die er mir zu­warf, und die Zei­chen die er mir gab, lie­ßen mich er­ken­nen, dass es nur der Wah­rung der Stel­lung diente. Wie ver­ab­re­det, wur­de ich von den an­de­ren Be­glei­tern des Fürs­ten in die Mit­te ge­nom­men, so dass mich die Bli­cke der Neu­gie­ri­gen kaum er­reich­ten.

Zwei Trä­ger mit ei­ner Sänf­te und eine Es­kor­te eil­ten her­bei. In dem Mo­ment ver­stand ich erst, warum es so lan­ge ge­dau­ert hat­te, bis wir von Bord ge­gan­gen wa­ren. Der Fürst muss­te sich stan­des­ge­mäß zu sei­ner Re­si­denz in Edo be­ge­ben, wes­halb er die An­kunft der Sänf­te ab­war­te­te.

Nach­dem Date Ma­sa­mu­ne in der Sänf­te Platz ge­nom­men hat­te, setz­te sich un­ser Zug in Be­we­gung. Durch mei­ne Po­si­ti­on in die­ser Pro­zes­si­on konn­te ich fast nichts von der Um­ge­bung wahr­neh­men, und nach ei­ner Wei­le gab ich es auf, die Dä­cher der meist ein­stö­cki­gen Ge­bäu­de an­zu­star­ren.

Eine hal­be Stun­de moch­te der Marsch durch die en­gen Stra­ßen und Gas­sen ge­dau­ert ha­ben, als wir das nahe bei der Burg des Sho­gun er­bau­te fürst­li­che An­we­sen er­reich­ten. Wir folg­ten eine Wei­le dem Ka­nal, der die Burg­mau­er um­floss, und bo­gen schließ­lich in das An­we­sen des Dai­myo ein. Ma­sa­mu­ne ver­ließ die Sänf­te, wur­de von sei­nem Hof­staat emp­fan­gen, und der Zug lös­te sich auf. Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga kam zu mir und for­der­te mich auf, ihm zu fol­gen. Wir gin­gen auf ein nicht weit ent­fern­tes klei­ne­res Ge­bäu­de zu, und Shi­ge­na­ga er­klär­te mir, dass es sein Haus sei. Mit Stolz wies er dar­auf hin, dass er auf Grund sei­ner her­vor­ra­gen­den Stel­lung, die er bei sei­nem Herrn in­ne­hat­te, im An­we­sen des Dai­myo woh­nen durf­te, wenn er sich in Edo auf­hielt. Wir be­tra­ten das Ge­bäu­de durch einen mit vie­len Schnit­ze­rei­en ver­zier­ten Ein­gang, und ich wur­de in das Gäs­te­zim­mer ge­lei­tet. Dort ver­ließ er mich, um sei­ne An­ge­hö­ri­gen zu be­grü­ßen.

Ver­un­si­chert ließ ich mich in der Mit­te des Rau­mes in Me­di­ta­ti­ons­hal­tung nie­der, um zur Ruhe zu kom­men. Doch es dau­er­te nicht lan­ge, als eine jun­ge Frau die Tür öff­ne­te und mich durch Zei­chen bat ihr zu fol­gen. Wir be­ga­ben uns zu einen klei­ne­ren Ge­bäu­de, das als Ba­de­haus ge­nutzt wur­de. Dort be­fand sich ein großer Zu­ber mit war­mem Was­ser, und fri­sche Klei­dung lag für mich be­reit. Nach­dem mir mei­ne Be­glei­te­rin dies be­greif­lich ge­macht hat­te, ver­ließ sie mich, und ich be­gann mich aus­gie­big zu rei­ni­gen. Ein we­nig un­schlüs­sig stand ich vor der Klei­dung, doch ein­ge­denk der Er­fah­run­gen, die ich bei mei­ner An­kunft in Shao­lin ge­macht hat­te, leg­te ich sie an. Es war un­ge­wohnt, und ich hat­te ei­ni­ge Pro­ble­me da­mit. Un­schlüs­sig, was nun zu tun war, öff­ne­te ich die Tür, und so­fort er­hob sich die jun­ge Frau, die auf der klei­nen Ter­ras­se ge­war­tet hat­te. Mit ei­ner freund­li­chen Ges­te for­der­te sie mich auf, ihr zu fol­gen. Be­vor wir Shi­ge­na­gas Haus durch den Gäs­te­ein­gang wie­der be­tra­ten, zog sie ihre Reiss­troh­san­da­len aus. Ich folg­te ih­rem Bei­spiel, was sie mit ei­nem freund­li­chen Lä­cheln quit­tier­te. Mei­ne Be­glei­te­rin ging am Gäs­te­zim­mer vor­bei und ge­lei­te­te mich zum Emp­fangs­raum. Dort blieb ich, mei­ne Um­ge­bung mus­ternd, ste­hen. Mir ge­gen­über, am an­de­ren Ende des Rau­mes, saß mein Dol­met­scher auf ei­nem klei­nen Hocker, rechts ne­ben ihm ein jun­ger Sa­mu­rai und auf der an­de­ren Sei­te eine Frau mitt­le­ren Al­ters. Mit ihr hat­te er sich ge­ra­de un­ter­hal­ten, als er zu mir auf­blick­te.

Kurz auf­la­chend wink­te er mich zu sich he­r­an.

›Oje, ich muss dir wirk­lich noch viel bei­brin­gen und er­klä­ren.‹

Er deu­te­te auf einen Platz vor sich und for­der­te mich zum Sit­zen auf. Der jun­ge Mann ne­ben ihm mach­te ein er­staun­tes Ge­sicht, und sei­ne Hand zuck­te schon in Rich­tung sei­ner Schwer­ter. Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga be­merk­te es und wies ihn barsch zu­recht. Nach ei­nem kur­zen Wort­wech­sel wur­de ich ein we­nig freund­li­cher, doch for­schend ge­mus­tert. Der Herr des Hau­ses wand­te sich wie­der mir zu und sag­te:

›Du musst das Ver­hal­ten mei­nes Soh­nes ent­schul­di­gen, die­ser form­lo­se Um­gang mit ei­nem an­schei­nend dem nied­rigs­ten Stand An­ge­hö­ri­gen ist für ihn un­ge­wohnt. Ich habe ihm ge­ra­de er­klärt, dass du kei­nes­wegs das bist, was er ver­mu­tet. Nach mei­nen Er­klä­run­gen hält er dich jetzt für einen So­hei. So wer­den bei uns die Krie­ger­mön­che ge­nannt. Das kommt dem, was du bist, ja auch am nächs­ten, und vom Stand her ste­hen die­se Män­ner nur we­nig un­ter den Bus­hi. Ich habe ihm er­klärt, dass du Date Ma­sa­mu­nes und mein Le­bens­ret­ter bist. Aber ich glau­be, am meis­ten hat ihn be­ein­druckt, dass ich sag­te, dass du ein weit bes­se­rer Krie­ger bist als die meis­ten Sa­mu­rai, die er kennt.‹

Ich hol­te Luft und setz­te zu ei­ner Er­wi­de­rung an, doch er un­ter­brach mich.

›Ich weiß, dass du das nicht magst‹, fuhr er lä­chelnd fort. ›Aber du musst be­den­ken, dass bei uns an­de­re Wer­te gel­ten, und ich habe auf kei­nen Fall ge­lo­gen.‹

Da­mit war für ihn das The­ma ab­ge­schlos­sen, und er deu­te­te auf den jun­gen Mann.

›Also, das ist mein Sohn Yos­hi­mo­to‹, ich neig­te das Haupt vor ihm, und er grüß­te zö­gernd zu­rück.

Shi­ge­na­ga wand­te sich nach der an­de­ren Sei­te und deu­te­te auf die Frau.

›Und das ist sei­ne Mut­ter, mei­ne Kon­ku­bi­ne.‹

Auch sie be­grüß­te ich auf die glei­che Wei­se, und lä­chelnd neig­te sie den Kopf.

›Eine mei­ner Töch­ter hast du ja auch schon ken­nen ge­lernt‹, er deu­te­te zum Ein­gang und zeig­te auf die jun­ge Frau, die sich dort nie­der­ge­las­sen hat­te.

Ich wand­te mich um und ern­te­te eine höf­li­che Ver­beu­gung.

›Nun, in mei­nem Haus und wenn kei­ne an­de­ren Per­so­nen an­we­send sind, ist es nicht not­wen­dig, einen förm­li­chen Un­gang zu pfle­gen. Wir kön­nen so zwang­los wie auf dem Schiff mit­ein­an­der um­ge­hen, doch nun muss ich dich in ei­ni­gen Re­geln und Ri­tua­len un­ter­wei­sen.‹

Er sprach kurz mit sei­nen Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen, und nach­dem sei­ne Toch­ter uns Tee ge­reicht hat­te, ver­lie­ßen sie uns.

Als wir al­lein wa­ren, er­klär­te er mir, dass die­se drei die ein­zi­gen en­gen Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen sei­en, die sich in Edo auf­hiel­ten. Alle an­de­ren, dar­un­ter auch sei­ne Frau, be­fan­den sich in Sen­dai.

Nach die­ser kur­zen Ein­lei­tung be­gann er mich dar­über auf­zu­klä­ren, wie ich mich im An­we­sen des Dai­myo zu ver­hal­ten hät­te. Bei die­ser Ge­le­gen­heit setz­ten wir auch mei­nen Sprach­un­ter­richt fort. Das Er­ler­nen der ja­pa­ni­schen Spra­che ge­stal­te­te sich et­was leich­ter als der ers­te Sprach­un­ter­richt, den ich in mei­nem neu­en Le­ben be­kom­men hat­te. Zum einen lag es dar­an, dass mein Leh­rer dies­mal das Chi­ne­si­sche, in dem wir uns gut ver­stän­di­gen konn­ten, zur Er­klä­rung nutz­te. Zum an­de­ren fiel es mir sehr viel leich­ter, weil ich gleich­zei­tig sei­ne Ge­dan­ken­bil­der wahr­nahm. Das Wort hat­te also ein Bild oder bes­ser ge­sagt, eine Ge­stalt, wo­durch es sich mir bes­ser ein­präg­te.«

Fehl­ver­hal­ten mit Fol­gen

»Der ers­te Tag, den ich in Ja­pan zu­ge­bracht hat­te, war re­la­tiv er­eig­nis­los ver­gan­gen. Am nächs­ten Vor­mit­tag war ich noch nicht lan­ge im Ge­spräch mit Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga, als wir von ei­nem Bo­ten des Dai­myo ge­stört wur­den. Mein Gast­ge­ber wur­de zum Fürs­ten ge­ru­fen, und ich war­te­te vor dem Haus auf sei­ne Rück­kehr. In Ge­dan­ken ging ich das durch, was er mir zu­letzt bei­ge­bracht hat­te, doch es dau­er­te nicht lan­ge, bis Shi­ge­na­ga zu­rück­kam. Er steu­er­te di­rekt auf mich zu und teil­te mir mit, dass der Dai­myo wi­der Er­war­ten schon jetzt zur Be­richt­er­stat­tung bei dem al­ten Sho­gun er­schei­nen sol­le. Ihn hat­te er be­auf­tragt, das Schiff im Ha­fen auf­zu­su­chen und dem Ka­pi­tän mit­zu­tei­len, dass er ihn vor­läu­fig nicht mehr be­nö­ti­ge. Er möge zu sei­ner nächs­ten Han­dels­rei­se auf­bre­chen, so­bald das Schiff zum Aus­lau­fen be­reit sei. Wei­ter­hin soll­te Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga einen Ver­tre­ter der hol­län­di­schen De­le­ga­ti­on, die kurz nach uns in Edo ein­ge­trof­fen war, auf­su­chen und ihm wich­ti­ge Mit­tei­lun­gen des Fürs­ten über­brin­gen. Die An­we­sen­heit von Eu­ro­pä­ern in un­mit­tel­ba­rer Nähe weck­te mein In­ter­es­se, und Shi­ge­na­ga war ger­ne be­reit, mich bei die­sem Bo­ten­gang mit­zu­neh­men.

Durch die ja­pa­ni­sche Klei­dung, die ich seit der An­kunft in Edo trug, fiel ich nicht mehr gar so sehr auf, und um mei­ne frem­den Ge­sichts­zü­ge ein we­nig zu ver­ber­gen, be­kam ich einen großen Reiss­troh­hut. Da ich nicht dem Sa­mu­rai­stand an­ge­hör­te, soll­te ich seit­lich hin­ter Shi­ge­na­ga lau­fen. Es sah so aus, als wäre ich sein Die­ner. Auf­merk­sam folg­te ich sei­nen mir zu­ge­raun­ten An­wei­sun­gen. Nach­dem der Ka­pi­tän des Schif­fes un­ter­rich­tet war, woll­ten wir den Ha­fen ver­las­sen, um die Hol­län­der auf­zu­su­chen. In dem Mo­ment lief uns der Vor­ste­her der hol­län­di­schen Fak­to­rei von Hi­ra­do, den mein Be­glei­ter schon mehr­fach ge­trof­fen hat­te, über den Weg.

Nach ei­ner knap­pen Be­grü­ßung, die von hol­län­di­scher Sei­te de­mü­ti­ger aus­fiel, als ich er­war­tet hat­te, stell­te mich Shi­ge­na­ga als einen in Chi­na ge­stran­de­ten Eu­ro­pä­er vor. Mich ge­nau mus­ternd, er­kun­dig­te sich der Fak­to­rei­vor­ste­her nach mei­ner Na­tio­na­li­tät. Ich teil­te ihm mit, dass ich aus Thü­rin­gen stamm­te, und so­fort ver­such­te er es mit Hol­län­disch, Fran­zö­sisch und ei­nem Kau­der­welsch, das nach Deutsch klang. Ver­le­gen schüt­tel­te ich den Kopf und ver­such­te es mit mei­nem Deutsch. Da­bei hat­te ich aber nicht be­dacht, dass es die­se Art von Deutsch zu je­ner Zeit noch gar nicht gab, wes­we­gen er mich ver­ständ­nis­los an­sah. Da­bei war es mir nicht leicht ge­fal­len, die rich­ti­gen Wör­ter zu fin­den, denn mitt­ler­wei­le dach­te ich in Chi­ne­sisch. Glück­li­cher­wei­se er­in­ner­te er sich in die­sem Mo­ment dar­an, dass Shi­ge­na­ga mit mir chi­ne­sisch ge­spro­chen hat­te. Er wech­sel­te in die­se Spra­che, die er ganz pas­sa­bel be­herrsch­te, und stell­te sich als Cor­ne­lis van Neyen­ro­de vor.

Da wir uns nun recht gut ver­stän­di­gen konn­ten, be­gann ein re­ges Hin und Her.

Als Ers­tes woll­te er wis­sen, in was für einen selt­sa­men Dia­lekt ich geant­wor­tet hat­te. Ich ver­such­te mich da­mit he­r­aus­zu­re­den, dass es eine re­gio­nal be­grenz­te Sprach­va­ri­an­te aus dem Thü­rin­ger Wald sei, die ich je­doch durch mei­nen lan­gen Auf­ent­halt in Chi­na nicht mehr rich­tig be­herr­schen wür­de. Das ak­zep­tier­te er, er­kun­dig­te sich aber gleich nach den Um­stän­den und der Län­ge mei­nes Chi­na-Auf­ent­hal­tes. Wie schon bei mei­nen ja­pa­ni­schen Freun­den muss­te ich wie­der zu ei­ner Not­lü­ge grei­fen, die mir gar nicht ge­fiel. Auch ihm er­zähl­te ich, dass ich über die Mar­co-Polo-Rou­te Chi­na er­reicht hät­te und schließ­lich in Shao­lin ge­stran­det wäre. Van Neyen­ro­de lausch­te ge­spannt und frag­te dann:

›Und Sie ha­ben wirk­lich die letz­ten Jah­re nur in die­sem Klos­ter ge­lebt?‹

›Ja, was ist dar­an so er­staun­lich?‹

›Nun, zum einen, dass Sie sich dort so ein­ge­lebt ha­ben und an­schei­nend gar nicht mehr den Wunsch heg­ten, in Ihre Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren. Und zum an­de­ren, dass Sie an­schei­nend gar kei­ne Vor­stel­lung da­von ha­ben, was in Ih­rer Hei­mat los ist.‹

›Nein, hab ich wirk­lich nicht. Ich weiß ja nicht ein­mal ge­nau, wel­ches Jahr wir ha­ben. Durch das Le­ben im Shao­lin-Klos­ter habe ich ir­gend­wie den Fa­den ver­lo­ren.‹

Cor­ne­lis lach­te kurz auf.

›Kaum vor­stell­bar. Doch egal. Wir schrei­ben das Jahr 1624 nach Chris­ti Ge­burt, und es gibt seit sechs Jah­ren Krieg in Eu­ro­pa, in den mitt­ler­wei­le auch Ihre Hei­mat ver­strickt ist.‹

›Krieg? Was für einen Krieg?‹

Hier zeig­te sich wie­der ein­mal, dass ich von der deut­schen Ge­schich­te nicht viel be­hal­ten hat­te.

›Nun, die ka­tho­li­sche Liga und die pro­tes­tan­ti­sche Uni­on be­kämp­fen sich we­gen ih­res Glau­bens‹, er schnaub­te ver­ächt­lich durch die Nase. ›Sa­gen sie je­den­falls, doch ei­gent­lich will der Papst sei­nen Ein­fluss nicht ver­lie­ren, und mitt­ler­wei­le hat der dä­ni­sche Kö­nig in den Krieg ein­ge­grif­fen. Doch der will si­cher nur sein Land ver­grö­ßern. Über­all wird ge­raubt und ge­brand­schatzt. Der Han­del kommt zum Er­lie­gen, und die Men­schen lei­den Hun­ger.‹

Bei ei­nem Blick in sei­ne Au­gen, konn­te ich wirk­li­ches Be­dau­ern be­mer­ken.

›Sei­en Sie froh, dass Sie nicht in Ih­rer Hei­mat sind, denn dort wä­ren Sie ent­we­der in ei­nem der Hee­re oder Sie müss­ten viel­leicht hun­gern wie vie­le der Ein­woh­ner Ih­res Lan­des.‹

1624, was für ein Krieg herrsch­te da­mals? Ich brauch­te eine gan­ze Wei­le, bis mir klar wur­de, dass es nur der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg sein konn­te. Die­ser Krieg wür­de ja noch mehr als zwan­zig Jah­re dau­ern, und ich konn­te wirk­lich froh sein, dass ich mich hier be­fand.

Cor­ne­lis deu­te­te mein Schwei­gen an­ders und riss mich aus mei­nen Ge­dan­ken.

›Sie ma­chen sich wohl Sor­gen um Ihre An­ge­hö­ri­gen?‹

›Oh, nein‹, sag­te ich, ohne nach­zu­den­ken, wor­auf er mich fra­gend mus­ter­te.

›Nein, da brau­che ich mir kei­ne Sor­gen zu ma­chen, da ich von kei­nen An­ge­hö­ri­gen weiß, die jetzt dort le­ben.‹

Er hob die Au­gen­brau­en noch ein we­nig wei­ter, und ich merk­te, dass ihm die­se Er­klä­rung nicht ge­nüg­te.

›Nun, ich habe alle, die mir lieb und teu­er wa­ren, durch einen tra­gi­schen Un­fall ver­lo­ren. Aus die­sem Grund kam es auch zu die­ser Rei­se, und es gibt nichts, was mich wie­der in die Hei­mat zieht.‹

Ich fuhr mir mit der Hand übers Ge­sicht und schob den Stroh­hut ein we­nig ins Ge­nick.

›Nach die­sen Nach­rich­ten schon gar nicht. Ich den­ke, dass ich im Mo­ment hier viel bes­ser auf­ge­ho­ben bin.‹

›Na, da sind Sie sich mal nicht zu si­cher. Hier ist es für einen Aus­län­der auch nicht leicht. Die Mi­li­tär­re­gie­rung macht seit ei­ni­ger Zeit im­mer mehr Front ge­gen al­les, was nicht ja­pa­nisch ist. Be­son­ders auf die Je­sui­ten­mis­sio­na­re und auf alle, die sich of­fen zum christ­li­chen Glau­ben be­ken­nen, hat es die Re­gie­rung ab­ge­se­hen. Es wur­den auch schon vie­le hin­ge­rich­tet. Ich glau­be, Ihre Hei­mat könn­te sich viel­leicht als we­ni­ger ge­fähr­lich he­r­aus­stel­len, denn es dau­ert im­mer lan­ge, bis neue Nach­rich­ten hier ein­tref­fen. In der Zwi­schen­zeit könn­te der Krieg schon be­en­det sein.‹

›Hm, ich weiß nicht. Ich wur­de vom Dai­myo, Date Ma­sa­mu­ne, ein­ge­la­den, und Sie hal­ten sich ja auch hier auf‹, ant­wor­te­te ich und ver­schwieg mein Wis­sen über die lan­ge Kriegs­dau­er in Eu­ro­pa.

Jetzt misch­te sich Ka­ta­ku­ra wie­der in das Ge­spräch ein.

›Ja es stimmt. Mein Herr hat ihn hier­her ein­ge­la­den, und er steht als sein Gast un­ter sei­nem Schutz.‹

›Was will der Dai­myo ma­chen, wenn der Sho­gun et­was an­de­res im Sinn hat?‹

Eine fra­gen­de Ges­te be­glei­te­te die Wor­te des Nie­der­län­ders.

›Nun, so ganz ohne Ein­fluss ist mein Herr nicht‹, stolz rich­te­te sich Shi­ge­na­ga ein we­nig auf. ›Und ge­nau des­halb soll­te ich Sie auch auf­su­chen. Date Ma­sa­mu­ne hat er­fah­ren, dass Sie eine Au­di­enz beim Sho­gun er­bit­ten wol­len. Er geht da­von aus, dass Sie ge­gen die Auf­la­gen pro­tes­tie­ren wol­len, die ihre Fak­to­rei ge­trof­fen ha­ben.‹

Cor­ne­lis van Neyen­ro­de schnapp­te nach Luft.

›Wo­her weiß er das denn? Of­fi­zi­ell bin ich hier, um mei­ne Auf­war­tung zu ma­chen und die üb­li­chen Ge­schen­ke zu über­rei­chen.‹

›Ich sag­te doch, mein Herr hat mehr Ein­fluss, als Sie den­ken.‹

Der leicht ver­är­ger­te Hol­län­der woll­te et­was er­wi­dern, aber Shi­ge­na­ga schnitt ihm das Wort ab.

›Sie müss­ten doch mitt­ler­wei­le ge­merkt ha­ben, dass alle Aus­län­der schär­fer be­ob­ach­tet wer­den. Mein Fürst hat sehr gute Kon­tak­te, er er­fährt man­ches so­gar eher als der Sho­gun.‹

Er wur­de im­mer lei­ser, als er sag­te:

›Date Ma­sa­mu­ne war län­ge­re Zeit nicht im Lan­de und be­kommt jetzt nach und nach alle wich­ti­gen In­for­ma­tio­nen. Er bit­tet Sie, die Au­di­enz noch ein we­nig hi­n­aus­zu­zö­gern oder, wenn sie schon in den nächs­ten Ta­gen statt­fin­den soll­te, wirk­lich nur den An­stands­be­such bei To­ku­ga­wa Ie­mit­su zu ma­chen.‹

Wie­der schau­te sich Shi­ge­na­ga ver­stoh­len um und fuhr fast flüs­ternd fort:

›Mein Herr ist jetzt bei To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da, dem al­ten Sho­gun, und wird vor­sich­tig auch Ihre Sor­gen zur Spra­che brin­gen. Sie wis­sen si­cher, dass To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da ein nicht ganz so stren­ges Vor­ge­hen wünscht, doch auch er ist ver­är­gert we­gen der il­le­ga­len Aus­fuhr be­stimm­ter Wa­ren.‹

›Was soll denn das hei­ßen? Wol­len Sie uns des Dieb­stahls be­zich­ti­gen?‹, warf van Neyen­ro­de mit ge­spiel­ter Ent­rüs­tung ein.

›Wie könn­te ich‹, schnaub­te Shi­ge­na­ga be­lus­tigt. ›Wir wis­sen doch bei­de, dass ver­schie­de­ne Dai­myos Ge­schäf­te mit Ih­nen ma­chen, die nicht beim Han­dels­mi­nis­te­ri­um an­ge­zeigt wer­den. Und ge­nau das ver­är­gert To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da und To­ku­ga­wa Ie­mit­su. Doch viel­leicht ...‹

Ich ver­lor das In­ter­es­se an die­sem Dis­put, hier ging es um In­tri­gen, die mich nicht be­tra­fen und in die ich auch nicht ver­strickt wer­den woll­te. Da ich vor­läu­fig kei­ne Ge­le­gen­heit sah, mit dem Hol­län­der wie­der ins Ge­spräch zu kom­men, ging ich ei­ni­ge Schrit­te zur Sei­te und schau­te mir das Ha­fen­ge­tüm­mel an. Ein klei­ne­res Schiff hat­te, aus der Fluss­mün­dung kom­mend, den Ha­fen an­ge­steu­ert und wur­de ent­la­den. Ha­fen­ar­bei­ter schlepp­ten mit Reis ge­füll­te Kör­be in ein La­ger­haus, und ein Be­am­ter prüf­te, ob sie auch bis zum Rand ge­füllt wa­ren. Auf ei­ner Lis­te wur­de je­der Korb re­gis­triert, und zwei Sa­mu­rai, die die Ar­bei­ten mit über­wach­ten, trie­ben die Trä­ger im­mer wie­der an. Von der Stadt her nä­her­te sich ein of­fen­sicht­lich hoch­ran­gi­ger Sa­mu­rai. Er war gut ge­klei­det, und vor ihm scheuch­ten zwei we­ni­ger gut aus­ge­stat­te­te Krie­ger die ein­fa­chen Leu­te zur Sei­te.

Ge­bannt be­ob­ach­te­te ich die­sen Auf­zug und mus­ter­te da­bei den Sa­mu­rai ge­nau. Er hat­te hoch­mü­ti­ge Ge­sichts­zü­ge, eine klei­ne Nase, aber einen kräf­ti­gen Schnauz­bart. Ein wei­ßes Stirn­band mit ei­ner Art Wap­pen zeig­te an­schei­nend sei­nen Rang an. Sei­ne Ober­be­klei­dung be­stand aus ei­nem wei­ßen Ki­mo­no mit wei­ten, am un­te­ren Rand schwarz ge­mus­ter­ten Är­meln. Der Ki­mo­no war vorn of­fen, und man konn­te einen bunt ge­mus­ter­ten Brust- und Bauch­pan­zer se­hen. Im Obi, dem tra­di­tio­nel­len Gür­tel der Sa­mu­rai, steck­ten ein klei­nes und ein großes Schwert, so wie ich es schon von mei­nen neu­en Freun­den kann­te. In der rech­ten Hand hielt er einen ge­schlos­se­nen Fä­cher, und aus sei­nem schwar­zen Ho­sen­rock schau­ten die nack­ten Füße, die in Reiss­troh­san­da­len steck­ten. Zwei of­fen­sicht­lich nie­der­ran­gi­ge Sa­mu­rai folg­ten ihm und die ein­fa­chen Men­schen am Weges­rand ver­such­ten ent­we­der Ab­stand zu ge­win­nen, oder sie neig­ten ehr­er­bie­tig das Haupt.

Die­ser Zug kam di­rekt an uns vor­bei, und ich konn­te den Blick nicht ab­wen­den. Plötz­lich, ohne dass ich wuss­te, wie mir ge­schah, stürmt ei­ner der vor­aus­lau­fen­den Sa­mu­rai auf mich zu. Ein wü­ten­der Wort­schwall er­goss sich über mich, und er schwang sein Schwert, das noch in der Schei­de steck­te, wie einen Knüp­pel. Re­flexar­tig hob ich die Arme, um die dro­hen­den Schlä­ge ab­zu­weh­ren, doch das war nicht nö­tig. Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga war durch die Schimpf­ti­ra­de auf­merk­sam ge­wor­den und stand blitz­ar­tig zum Schutz vor mir. Al­les ging sehr schnell, und durch das, was mir Shi­ge­na­ga zu­rief, ging mir lang­sam ein Licht auf.

›Schnell, beu­ge dein Knie, und nei­ge das Haupt!‹

Auch er hat­te das Haupt ge­neigt, doch sein Schwert hielt er plötz­lich, mit der lin­ken Hand an der Schei­de, waa­ger­recht in Brust­hö­he. Die rech­te konn­te je­der­zeit das Schwert zie­hen, und sein gan­zes Auf­tre­ten mach­te nicht den Ein­druck, dass er von der Stel­le wei­chen wür­de. Aus dem Au­gen­win­kel sah ich, dass Cor­ne­lis van Neyen­ro­de mit ge­neig­tem Kopf auf das lin­ke Knie ge­sun­ken war, und ich folg­te sei­nem Bei­spiel. Ich hat­te of­fen­sicht­lich einen schwe­ren Feh­ler be­gan­gen, als ich die­sen an­schei­nend be­deu­ten­den Mann so un­ver­hoh­len an­starr­te.

Mein Be­schüt­zer lie­fer­te sich mit dem An­grei­fer ein hit­zi­ges Wort­ge­fecht, von dem ich lei­der nur ein­zel­ne Wor­te ver­stand. Ich schärf­te mei­ne Sin­ne und ver­such­te sei­ne Ge­dan­ken auf­zu­neh­men, und mir stock­te der Atem. Bil­der nah­men Ge­stalt an, die mehr als be­droh­lich wa­ren. Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga be­schäf­tig­te sich schon mit dem Ge­dan­ken, dass Schwert ge­gen die­se Män­ner zu zie­hen. Das konn­te ich nicht zu­las­sen und woll­te mich er­he­ben, als sich eine Hand auf mein Knie leg­te. Es war Cor­ne­lis, der an mei­ne Sei­te ge­rutscht war. Er hat­te mich aus dem Au­gen­win­kel be­ob­ach­tet und raun­te mir lei­se zu:

›Um Got­tes wil­len, blei­ben Sie un­ten! Un­ter­neh­men Sie auf kei­nen Fall et­was! Ihr Be­glei­ter schützt Sie mit sei­nem Le­ben und sei­ner Ehre. Wenn Sie sich jetzt ein­mi­schen, es­ka­liert die Si­tua­ti­on, und es kommt un­wei­ger­lich zum Kampf.‹

In der Zwi­schen­zeit war der hoch­ran­gi­ge Sa­mu­rai he­r­an­ge­tre­ten und fuhr Shi­ge­na­ga in bar­schem Ton­fall an. Aber auch wenn mein Be­schüt­zer ihm of­fen­sicht­lich ehr­er­bie­tig ge­gen­über­stand, schi­en er nicht be­reit, sei­nen Platz zu räu­men.

›Was ha­ben Sie nur ge­tan?‹, flüs­ter­te van Neyen­ro­de. ›Das ist der Po­li­zei­prä­fekt von Edo, und je­der, der nicht min­des­tens sei­nen Rang in­ne­hat, muss vor ihm das Haupt nei­gen. Sie ha­ben ihn be­gafft wie einen Bett­ler und wur­den zu­dem noch als Aus­län­der er­kannt. Das ist für die­sen Mann eine der schlimms­ten Be­lei­di­gun­gen, und wie Ihr Freund die Si­tua­ti­on ret­ten will, ist mir schlei­er­haft.‹

Ich zuck­te bei die­sen Wor­ten wie­der ein Stück nach oben, doch die Hand des Hol­län­ders drück­te wei­ter­hin auf mein Knie.

›Wenn Sie uns nicht alle zum Tode ver­ur­tei­len wol­len, un­ter­neh­men Sie um Him­mels wil­len nichts. Ich habe es nicht er­war­tet, aber Ihr Freund hat of­fen­sicht­lich ein paar Trümp­fe in der Hand, die nicht zu ver­ach­ten sind.‹

Die Ag­gres­si­vi­tät des Wort­wech­sels ließ lang­sam nach, und kur­ze Zeit spä­ter dreh­te sich der Prä­fekt um und setz­te sei­nen Weg fort. Nach­dem er sich ei­ni­ge Schrit­te ent­fernt hat­te, hol­te Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga tief Luft und wand­te sich uns zu. Cor­ne­lis er­hob sich, und ich folg­te sei­nem Bei­spiel. Da­bei schau­te ich in das Ge­sicht mei­nes Be­schüt­zers und er­war­te­te, Wut oder min­des­tens Ver­är­ge­rung zu se­hen. Doch das was ich nun er­leb­te, konn­te ich kaum fas­sen. Shi­ge­na­ga neig­te vor mir mit ei­nem be­stürzt-be­schäm­ten Aus­druck den Kopf.

›Es ist un­ent­schuld­bar! Ich habe kläg­lich ver­sagt! Ich kann nur hof­fen, dass du und mein Herr mir ir­gend­wann ver­ge­ben könnt.‹

›Wie, was? Ver­ge­ben? Ich ver­steh gar nichts mehr.‹

Ich starr­te, nach Auf­klä­rung su­chend, in sein Ge­sicht.

›Das ist es ja. Ich habe dich nicht rich­tig vor­be­rei­tet. Habe dir zu we­nig über un­se­re Ge­bräu­che mit­ge­teilt und hät­te dich des­halb nie­mals hier­her mit­neh­men dür­fen.‹

Be­küm­mert schüt­tel­te er den Kopf.

›Es ist al­lein mei­ne Schuld, und ich muss mich da­für ver­ant­wor­ten.‹

Er hob den Blick.

›Vor dir, vor mei­nem Herrn und vor ihm‹, da­bei nick­te er mit dem Kopf in die Rich­tung des Da­v­on­schrei­ten­den.

Sei­ne Au­gen zeig­ten einen Kum­mer, den ich nicht be­grei­fen konn­te.

›Das ver­ste­he ich nicht. Ich habe aus Un­ver­stand einen Feh­ler be­gan­gen, und für den kannst du doch un­mög­lich ver­ant­wort­lich sein.‹

›Oje, Sie ver­ste­hen noch nicht viel von dem, was die­se Ge­sell­schaft aus­macht‹, warf van Neyen­ro­de ein. ›Er hat vom Dai­myo die Ver­ant­wor­tung für Sie über­tra­gen be­kom­men. Er bürgt also mit sei­nem Le­ben für Ihre Si­cher­heit.‹

Ich schluck­te und ich blick­te in der Hoff­nung, dass all das nur ein schlech­ter Scherz sei, von ei­nem zum an­de­ren. Doch es stimm­te, und mir wa­ren in die­sem Mo­ment noch nicht ein­mal alle mög­li­chen Kon­se­quen­zen be­kannt.

›Was kann ich tun, um das Un­heil, dass ich an­ge­rich­tet habe, wie­der gutz­u­ma­chen?‹

›Du kannst und musst gar nichts un­ter­neh­men. Ich bin da­für ver­ant­wort­lich und wer­de auch da­für ge­ra­de­ste­hen.‹

›Aber ...‹, ich wur­de mit ei­ner weg­wi­schen­den Ges­te von Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga un­ter­bro­chen. ›Nicht jetzt und hier! Wir ge­hen zu­rück zum An­we­sen, und wenn der Fürst da ist, wird al­les wei­te­re be­spro­chen.‹

Er wand­te sich noch ein­mal kurz an den Hol­län­der.

›Ich den­ke, al­les Not­wen­di­ge ist ge­sagt. Soll­te es Neu­ig­kei­ten ge­ben, wer­den wir Sie in­for­mie­ren.‹

Cor­ne­lis van Neyen­ro­de nick­te zur Be­stä­ti­gung und sag­te be­drückt zu mir:

›So viel zu dem Ge­dan­ken, dass Sie hier si­che­rer sind als in Ih­rer Hei­mat. Ich hof­fe, es geht al­les gut aus und wir se­hen uns noch ein­mal wie­der.‹

Er nick­te mir zu und ent­fern­te sich.

Ich schau­te ihm hin­ter­her, und in mei­nem Kopf ging al­les wirr durch­ein­an­der. Doch Shi­ge­na­ga dräng­te zum Auf­bruch. Ich woll­te mit ihm über das Ge­sche­he­ne spre­chen, doch er wink­te nur mür­risch ab. Be­drückt folg­te ich ihm und hing, im Gäs­te­zim­mer sei­nes Hau­ses al­lein ge­las­sen, mei­nen Ge­dan­ken nach. Doch ich kam zu kei­nem Er­geb­nis. Ich ver­stand nicht ein­mal voll­stän­dig, was ei­gent­lich ge­sche­hen war. Um die­sen ziel­lo­sen Grü­beln zu ent­ge­hen, ver­senk­te ich mich in Me­di­ta­ti­on.

Es war Abend ge­wor­den, als ich von Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga ab­ge­holt wur­de. Ohne dass er sich auf ein Ge­spräch ein­ließ, führ­te er mich zum Emp­fangs­raum des Fürs­ten. Als wir den Raum be­tre­ten hat­ten, be­deu­te­te er mir, dass ich war­ten soll­te, und ging al­lein nach vorn. Dort fiel er auf die Knie und sprach in trau­ri­gem, un­ter­wür­fi­gem Ton mit Date Ma­sa­mu­ne. Des­sen Mie­ne wur­de bei je­dem Wort erns­ter, und schließ­lich scheuch­te er ihn mit ei­ner un­wir­schen Hand­be­we­gung zur Sei­te und wink­te mich he­r­an.

Nach­dem ich, wie ich es ge­lernt hat­te, nach vorn ge­kom­men war, über­setz­te Shi­ge­na­ga sei­ne Wor­te ohne mich da­bei an­zu­se­hen.

›Ich bin be­stürzt! Mein Die­ner hat kläg­lich ver­sagt, und er muss nun für sei­ne Feh­ler ge­ra­de­ste­hen! Ich bin sehr be­trübt, dass Sie we­gen die­ser Un­acht­sam­keit in Ge­fahr ge­kom­men sind. Aus die­sem Grund wer­de ich vor­läu­fig auch nicht er­lau­ben, dass Sie die­ses Ge­län­de ver­las­sen.‹

Ab­wei­send hat­te er Shi­ge­na­ga be­ob­ach­tet, bis die­ser mit der Über­set­zung fer­tig war.

›Doch nun zu ei­nem wich­ti­ge­ren The­ma.‹

Ich riss er­staunt die Au­gen auf. Was soll­te wich­ti­ger sein als das eben An­ge­spro­che­ne.

›Das Ge­spräch mit dem al­ten Sho­gun ver­lief so, wie Sie es er­war­tet ha­ben, und er war zu­frie­den mit dem Ver­lauf der Missi­on. Aber lei­der wur­de ich nach der Au­di­enz, als ich schon den Rück­weg an­tre­ten woll­te, von ei­nem Die­ner sei­nes Soh­nes ab­ge­fan­gen. To­ku­ga­wa Ie­mit­su hat­te er­fah­ren, dass ich zu­erst bei sei­nem Va­ter Be­richt er­stat­tet hat­te, und schä­um­te vor Wut. Er ließ eine an­de­re Au­di­enz ab­sa­gen, und ich muss­te so­fort bei ihm vor­spre­chen.‹

Ich folg­te Ma­sa­mu­nes Wor­ten mit im­mer grö­ße­rem Un­be­ha­gen. Dass er jetzt über sol­che Din­ge spre­chen woll­te, konn­te ich nicht ver­ste­hen. Für mich war es viel wich­ti­ger, wie die miss­li­che Lage, in die mein Be­schüt­zer durch mich ge­kom­men war, ent­schärft wer­den konn­te. Ich muss­te al­ler­dings auf die Wün­sche des Fürs­ten ein­ge­hen, denn links und rechts an den Wän­den sa­ßen an­de­re Sa­mu­rai und ver­folg­ten das Ge­sche­hen.

Ma­sa­mu­ne hat­te er­klärt, dass der am­tie­ren­de Sho­gun durch die Art des Be­rich­tes zwar be­sänf­tigt wur­de, doch das er of­fen Zwei­fel am Wahr­heits­ge­halt an­mel­de­te. Er zwei­fel­te die Kampf­taug­lich­keit der Shao­lin-Mön­che an, und das war schon fast eine Be­lei­di­gung des Dai­myo. Ir­gend­wie hat­te Ie­mit­su von mei­ner An­we­sen­heit er­fah­ren und woll­te, weil er mich für einen die­ser Mön­che hielt, eine Vor­füh­rung von mir ha­ben. Da ich aber Ma­sa­mu­nes Gast war, woll­te die­ser das nur zu­ge­ste­hen, wenn ich mich da­mit ein­ver­stan­den er­klär­te.

Ich konn­te mir gar nicht vor­stel­len, dass er eine sol­che Wahl hat­te, und frag­te des­halb:

›Kön­nen Sie denn die­sen Wunsch ab­leh­nen?‹

Kopf­schüt­telnd ant­wor­te­te er:

›Das ist kein Wunsch, das ist eine Auf­for­de­rung, der ich ei­gent­lich nach­kom­men muss. Da Sie aber mein Gast sind, bin ich nicht be­reit, es ohne Ihr Ein­ver­ständ­nis zu­zu­las­sen, egal, was für Kon­se­quen­zen es hat.‹

Na pri­ma, er sag­te, er wol­le es nicht zu­las­sen, wenn ich nicht will, und setz­te mich gleich­zei­tig un­ter Druck, in­dem er mir kund­tat, dass es Kon­se­quen­zen für ihn ha­ben wür­de. Au­ßer­dem nahm ich Bil­der aus Shi­ge­na­gas Ge­dan­ken wahr, die mich be­ängs­tig­ten. Wie ich er­kann­te, sah er sich schon in einen Schwert­kampf mit dem Po­li­zei­prä­fek­ten ver­wi­ckelt, dem er sich of­fen­kun­dig un­ter­le­gen fühl­te.

Nach­denk­lich senk­te ich den Kopf und such­te nach ei­ner Lö­sung aus die­sem Di­lem­ma. Eine Be­we­gung des Fürs­ten ver­an­lass­te mich, hoch­zu­schau­en, und ich be­merk­te sei­ne Un­ge­duld. Ich hol­te schon Luft, um mein Ein­ver­ständ­nis zu die­ser Schau­stel­lung zu ge­ben, als mir ein Ge­dan­ke kam. Ein kur­zer Blick in Shi­ge­na­gas be­drück­tes Ge­sicht, und ich wuss­te, was zu tun war.

›Wie se­hen die Fol­gen aus, die Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga we­gen mei­ner Un­acht­sam­keit zu er­war­ten hat?‹

Stil­le! Mein Be­schüt­zer wag­te es nicht, das zu über­set­zen, und schau­te mich be­stürzt an.

›Über­setz es bit­te.‹

Er schwieg im­mer noch.

›Kei­ne Sor­ge, ich den­ke, ich kann sein und un­ser Pro­blem ge­mein­sam lö­sen. Sag ihm das bit­te auch.‹

Zö­gernd kam er mei­nem Wunsch nach. Im ers­ten Mo­ment mach­te der Fürst eine zor­ni­ge Be­we­gung, doch nach­dem auch der Rest über­setzt war, schau­te er mir in die Au­gen und frag­te:

›Wie?‹

›Da­mit ich mir ganz si­cher sein kann, muss ich ver­ste­hen, was im Ha­fen ge­sche­hen ist.‹

Date Ma­sa­mu­ne for­der­te Shi­ge­na­ga auf, mei­nem Wunsch nach­zu­kom­men, und die­ser frag­te mich dar­auf­hin, was mir denn un­klar sei.

›Ich habe zwar be­grif­fen, dass ich es die­sem be­deu­ten­den Mann ge­gen­über an Re­spekt habe feh­len las­sen. Aber mir sind die Fol­gen, die die­ses Fehl­ver­hal­ten nach sich zie­hen kön­nen, nicht klar. Au­ßer­dem ver­ste­he ich nicht, wie es dir ge­lun­gen ist, die­se we­nigs­tens für den Mo­ment ab­zu­wen­den.‹

Er hol­te tief Luft.

›Die Fol­gen ei­ner sol­chen Be­lei­di­gung, denn das ist dein Ver­hal­ten für ihn ge­we­sen, wä­ren in die­sem Au­gen­blick im güns­tigs­ten Fall mit Schlä­gen ab­ge­gol­ten wor­den. Da du aber als Aus­län­der er­kannt wur­dest, hät­te es auch mit dei­nem Tod en­den kön­nen.‹

Ich schluck­te. Das hat­te ich nicht er­war­tet.

›Ich konn­te das durch mein Ein­grei­fen erst ein­mal ver­hin­dern. Der Met­su­ke, Sa­na­da Ma­sa­no­ri, will das aber nicht auf sich be­ru­hen las­sen.‹

›Met­su­ke?‹

›Der Hol­län­der Cor­ne­lis van Neyen­ro­de über­setz­te es als Po­li­zei­prä­fekt, doch bin ich mir nicht si­cher, ob das die Po­si­ti­on rich­tig um­schreibt. Die Met­su­ke ste­hen näm­lich über der Po­li­zei, also den Si­cher­heits­kräf­ten, die für die öf­fent­li­che Ord­nung zu­stän­dig sind. Sie sind für weit mehr zu­stän­dig. Selbst mein Herr muss sich ih­nen ge­gen­über vor­sich­tig ver­hal­ten und darf sie sich nicht zum Feind ma­chen.‹

Oje, das war kein Fett­napf, in den ich ge­tre­ten war, das war sie­den­des Öl. Doch es kam noch schlim­mer.

›Sa­na­da Ma­sa­no­ri ist der Met­su­ke von Edo und als ein her­vor­ra­gen­der Schwert­kämp­fer be­kannt. Ge­rüch­te be­sa­gen, dass er jede Ge­le­gen­heit zu ei­nem Zwei­kampf nutzt. Die Aus­sicht auf einen sol­chen hat ihn dann auch da­von ab­ge­hal­ten, dich zu be­stra­fen.‹

›Ein Du­ell mit dir, neh­me ich an?‹

›Ja, ich den­ke, so könn­te man es aus­drücken.‹

›Aber ich war es doch, der ihn, wenn auch aus Un­wis­sen­heit, be­lei­digt hat.‹

›Und ich bin für dei­ne Si­cher­heit ver­ant­wort­lich. Ich konn­te es nicht zu­las­sen, dass du Scha­den nimmst, und habe ihn da­von in Kennt­nis ge­setzt, dass du Gast von Date Ma­sa­mu­ne bist, dass ich für dich ver­ant­wort­lich bin und für dei­nen Feh­ler ein­ste­he. Dar­auf­hin hat er Ge­nug­tu­ung ge­for­dert und woll­te sich zu die­sem Zweck mit mei­nem Herrn in Ver­bin­dung set­zen.‹ Sei­ne Mie­ne wur­de noch be­trüb­ter. ›Der Fürst hat mir vor­hin mit­ge­teilt, dass dies be­reits ge­sche­hen ist. Ich wer­de also mit ihm kämp­fen und mein Bes­tes ge­ben.‹

Das klang über­haupt nicht zu­ver­sicht­lich. Ich sann über das wei­te­re Vor­ge­hen nach, doch Date Ma­sa­mu­ne zeig­te im­mer mehr Un­ge­duld.

›Gut, über­setz jetzt dem Dai­myo al­les ge­nau so, wie ich es sage. Frag nicht nach, und un­ter­brich mich bit­te nicht.‹

Er nick­te, und ich be­gann:

›Ich wer­de nicht zu­las­sen, dass ein an­de­rer für mei­ne Feh­ler bü­ßen muss!‹

Shi­ge­na­ga schau­te mich mit großen Au­gen an und schwieg. Erst nach­dem ich eine auf­for­dern­de Hand­be­we­gung ge­macht hat­te, be­gann er sto­ckend zu über­set­zen.

›Also, ich wer­de die­sem Mann zur Ge­nug­tu­ung zur Ver­fü­gung ste­hen.‹

Ma­sa­mu­ne setz­te zu ei­ner Ant­wort an, da­her sprach ich schnell wei­ter:

›Ich den­ke, dass wir in die­sem Zu­sam­men­hang auch das an­de­re Pro­blem lö­sen kön­nen.‹

In die­sem Mo­ment hat­te ich sei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit.

›Der Kampf, den der Met­su­ke zur Her­stel­lung sei­ner Ehre wünscht, soll­te im Bei­sein des al­ten und des neu­en Sho­gun statt­fin­den. Date Ma­sa­mu­ne wür­de da­mit die For­de­rung des Sho­gun er­fül­len, und ich kann mei­ne Ehre ver­tei­di­gen.‹

Ich be­dien­te mich die­ses Schach­zugs, da ich be­merkt hat­te, wie hoch die Ehre ei­nes Man­nes in die­ser Ge­sell­schaft ein­ge­stuft wur­de, und der Er­folg blieb nicht aus.

›Wie­so dei­ne Ehre?‹, frag­te Shi­ge­na­ga nach, ohne vor­her zu über­set­zen.

›Denkt ihr denn, dass es eh­ren­voll für mich ist, wenn ein an­de­rer für mei­ne Feh­ler ein­ste­hen muss?‹

›Ich wuss­te nicht, dass es in dei­ner Hei­mat so ...‹

›Bit­te, über­set­ze es und dis­ku­tie­re jetzt nicht mit mir!‹

Re­si­gnie­rend kam er mei­ner Auf­for­de­rung nach.

Beim Dai­myo er­reich­te ich ge­nau das, was ich be­ab­sich­tigt hat­te. Ich schi­en in sei­ner Ach­tung zu wach­sen, ob­wohl er ei­ni­ge Be­den­ken hat­te. Er er­kun­dig­te sich so­fort, ob ich Er­fah­run­gen im ja­pa­ni­schen Schwert­kampf hät­te. Als ich das ver­nein­te, mach­te er ein be­denk­li­ches Ge­sicht, doch ich hat­te zwei Ar­gu­men­te, die ihn über­zeug­ten.

Zum Ers­ten frag­te ich ihn, ob er in Chi­na den Ein­druck ge­won­nen hät­te, dass ich mich nicht ver­tei­di­gen kön­ne. Das ver­nein­te er so­fort, und ich wies zum Zwei­ten dar­auf hin, dass der Sho­gun et­was von den Kampf­fer­tig­kei­ten der Shao­lin se­hen woll­te. Das über­zeug­te ihn, und wir be­gan­nen so­fort mit der Pla­nung.

Ich bat den Fürs­ten, mir mehr über die Re­geln und den Ver­lauf ei­nes sol­chen Kamp­fes mit­zu­tei­len. Auf­merk­sam lausch­te ich den Aus­füh­run­gen und for­der­te ihn dann auf, mir einen Übungs­part­ner zur Ver­fü­gung zu stel­len. Er be­nann­te Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga, der nach sei­ner Rüs­tung schi­cken ließ, denn ich woll­te, dass es mög­lichst rea­lis­tisch statt­fand.

Bei nä­he­rer Be­trach­tung der Um­stän­de wur­den uns ei­ni­ge Pro­ble­me be­wusst. Der Dai­myo heg­te Zwei­fel, dass es über­haupt zu ei­nem Kampf kom­men wür­de. Da ich kein Sa­mu­rai war, wür­de es der Met­su­ke ver­mut­lich für un­ter sei­ner Wür­de er­ach­ten, sich auf einen Zwei­kampf mit mir ein­zu­las­sen. Ich über­leg­te kurz und frag­te dann:

›Was bin ich denn in sei­nen Au­gen?‹

›Nun, zu­al­ler­erst ein Aus­län­der und dann viel­leicht ein Mönch. Bei­des wäre aber un­ter sei­ner Wür­de.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga gab zu be­den­ken:

›Aber er ist ein kämp­fen­der Mönch. Mei­nem Sohn ge­gen­über habe ich ihn als einen So­hei aus­ge­ge­ben. Viel­leicht wür­de Ya­ma­bus­hi es noch bes­ser tref­fen.‹

Die an­de­ren Sa­mu­rai hat­ten sich bis­her an dem Ge­spräch nicht be­tei­ligt. Ver­mut­lich wur­de Shi­ge­na­ga des­halb auch zu­recht­ge­wie­sen, weil er den Fürs­ten sehr ver­trau­lich an­ge­spro­chen hat­te. Un­ter­wür­fig ver­beug­te er sich vor dem Dai­myo, über­setz­te mir aber auf des­sen Be­fehl hin sei­nen Ein­wurf.

Um die Si­tua­ti­on zu ent­schär­fen, ant­wor­te­te ich schnell.

›Wenn ich ihm als So­hei oder Ya­ma­bus­hi vor­ge­stellt wer­de, was ja, wenn ich rich­tig ver­stan­den habe, Krie­ger­mön­che sind, wird er dann den Kampf im­mer noch ab­leh­nen?‹

›Das sind zwar al­les kei­ne Sa­mu­rai, wenn er aber Lust auf ein Du­ell ha­ben soll­te, könn­te es viel­leicht klap­pen.‹

Ich lä­chel­te et­was zwei­deu­tig.

›Viel­leicht könn­te man ihm den Ge­dan­ken ein­ge­ben, der Sho­gun wol­le die­sen Kampf gern se­hen, um die Kampf­fä­hig­keit des So­hei zu tes­ten.‹

Date Ma­sa­mu­ne schnaub­te leicht und ver­zog den Mund zu ei­nem Grin­sen.

›Schon wie­der der Di­plo­mat! Ja, ich den­ke, das könn­te man, und es könn­te auch funk­tio­nie­ren. Aber dann ha­ben wir schon das nächs­te Pro­blem. Da Sie kein Sa­mu­rai sind, be­sit­zen Sie kei­ne Schwer­ter und kei­ne Rüs­tung. Es kann Ih­nen auch kei­ner sein Schwert ge­ben, denn das Schwert ge­hört zum Sa­mu­rai und sein Ver­lust wäre der Ver­lust sei­ner Ehre. Au­ßer­dem dür­fen nur Sa­mu­rai Schwer­ter tra­gen.‹

›Was be­nut­zen denn die So­hei für Waf­fen? Viel­leicht ... Oder Mo­ment, noch bes­ser, Date Ma­sa­mu­ne hat doch die Waf­fen der chi­ne­si­schen An­grei­fer als Tro­phä­en mit­ge­nom­men?! Hat er sie hier? Da wa­ren Schwer­ter da­bei, mit de­nen ich schon ge­übt habe und die ich gut be­herr­sche.‹

Der Fürst be­stä­tig­te, dass sich die Schwer­ter im An­we­sen be­fan­den, und ließ so­fort ei­ni­ge ho­len.

Ich wähl­te eins mit ei­ner Klin­gen­län­ge von etwa sech­zig bis fünf­und­sech­zig Zen­ti­me­tern, das gut in der Hand lag und scharf ge­schlif­fen war.

Der Dai­myo for­der­te einen an­de­ren Sa­mu­rai auf, ihm das Schwert zu brin­gen, und be­trach­te­te es ein­ge­hend. Er schwang es ei­ni­ge Male prü­fend und schüt­tel­te dann den Kopf.

›Hm, es mag für einen Kampf in Chi­na mit gleich­wer­ti­gen Schwer­tern tau­gen, doch hier ist es eine un­ter­le­ge­ne Waf­fe.‹

Er ließ es mir durch den Sa­mu­rai zu­rück­brin­gen und fuhr fort:

›Ich habe schon ei­ni­ge Kämp­fe von Sa­na­da Ma­sa­no­ri mit­er­lebt, bei de­nen er fast im­mer ein lan­ges Ta­chi be­nutz­te. Des­sen Klin­ge ist be­stimmt sie­ben Sun län­ger als die­ses chi­ne­si­sche Schwert und hat des­halb eine viel grö­ße­re Reich­wei­te. Da­mit sind Sie ihm un­ter­le­gen.‹

›Ta­chi, Sun?‹, frag­te ich.

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga ver­stand, dass ich mit die­sen Be­grif­fen noch nichts an­fan­gen konn­te, und hol­te sich beim Fürs­ten die Er­laub­nis, mir sein Ta­chi zu zei­gen. Die­se Waf­fe war in der Zwi­schen­zeit mit der Rüs­tung, die sich in ei­ner großen Kis­te be­fand, her­ge­bracht wor­den. Dann entließ der Fürst alle an­de­ren mit der Be­grün­dung, der Platz wer­de für die Übun­gen ge­braucht. Ei­ni­ge ver­lie­ßen den Raum mit ver­stimm­ter Mie­ne, doch Ma­sa­mu­ne at­me­te er­leich­tert auf, als wir nur noch zu dritt im Raum wa­ren. Er war­te­te, bis alle au­ßer Hör­wei­te wa­ren, und sag­te dann:

›Es ist er­mü­dend, im­mer die­se Zwän­ge und die­ser äu­ße­re Schein‹, bei die­sen Wor­ten stand er auf und setz­te sich ne­ben uns. Nach­dem er kurz mit Shi­ge­na­ga ge­spro­chen und die­ser mehr­fach ge­nickt hat­te, wand­te er sich schließ­lich an mich.

›Date Ma­sa­mu­ne hat mich dar­an er­in­nert, dass ich die Eti­ket­te wah­ren muss, so­bald an­de­re an­we­send sind, was na­tür­lich auch für dich gilt. So­bald wir aber un­ter uns sind, möch­te er, dass wir zwang­los mit­ein­an­der um­ge­hen. Er wird dich des­halb, wenn du da­mit ein­ver­stan­den bist, in Zu­kunft mit du an­spre­chen.‹

Ich nick­te er­freut.

›Gut, der Ein­fach­heit hal­ber wer­de ich es in Zu­kunft im­mer so über­set­zen, au­ßer ich weiß, dass ei­ner die chi­ne­si­sche Spra­che be­herrscht.‹

›Ich füh­le mich ge­ehrt!‹

Ma­sa­mu­ne wink­te ab.

›Lass den Un­sinn, in Chi­na war es auch nicht nö­tig, und ich emp­fin­de es seit ei­ni­gen Jah­ren als be­las­tend! Frü­her wa­ren mir sol­che Din­ge sehr wich­tig, doch jetzt den­ke ich an­ders dar­über. Au­ßer­dem bist du mein Le­bens­ret­ter, und ich ste­he in dei­ner Schuld!‹

Jetzt war ich es, der ab­wink­te, doch er fuhr schon fort, und sein Ge­sicht nahm einen be­sorg­ten Aus­druck an.

›Im ers­ten Au­gen­blick war ich sehr an­ge­tan von dei­nem Vor­schlag, doch nun meh­ren sich mei­ne Be­den­ken. Ich fürch­te, dass es für dich nicht gut aus­ge­hen wird, und das möch­te ich ver­hin­dern. Viel­leicht fin­den wir doch noch eine an­de­re Mög­lich­keit, um den Met­su­ke zu be­sänf­ti­gen.‹

›Nein, zum einen ste­he ich zu mei­nem Wort, und zum an­de­ren habe ich kei­ne Angst. Seit ei­ni­gen Jah­ren, habe ich fast täg­lich Kamp­f­übun­gen ab­sol­viert, und die Shao­lin ha­ben mich in den Meis­ter­stand er­ho­ben, was doch zu ir­gend­was gut ge­we­sen sein muss. Ich möch­te auch nicht mehr dar­über re­den, denn wir ha­ben Wich­ti­ge­res zu tun.‹

Ich sah Shi­ge­na­ga an und frag­te:

›Woll­test du mir nicht er­klä­ren, was Ta­chi und Sun ist?‹

Er nick­te, stand auf und hol­te sein Schwert, zog es aus der Schei­de und leg­te es ne­ben das chi­ne­si­sche, das ich aus­ge­wählt hat­te.

›Ein sol­ches Schwert nennt man Ta­chi. Es wird mit zwei Hän­den ge­führt, ob­wohl es ei­ni­ge Meis­ter gibt, die es ein­hän­dig be­nut­zen.‹

Er deu­te­te auf die Schwer­ter, die er so ge­legt hat­te, dass das Stich­blatt sei­nes Schwer­tes auf glei­cher Höhe mit der Pa­rier­stan­ge des chi­ne­si­schen war.

›Mein Ta­chi ist vier­und­zwan­zig Sun lang und über­ragt dei­nes um eine Hand­breit. Das von Sa­na­da Ma­sa­no­ri ist, nach dem, was der Fürst sagt, etwa acht­und­zwan­zig Sun lang. Er hat also eine viel grö­ße­re Reich­wei­te, da­her dürf­te es dir schwer­fal­len, mit die­sem kür­ze­ren Schwert an ihn he­r­an­zu­kom­men.‹

›Hmmm, es kommt im­mer dar­auf an, wie man kämpft. Ich habe nicht vor, es auf die glei­che Art wie der Met­su­ke zu tun, da ich die­se nicht be­herr­sche. Aber ich kann recht gut, was ich in Shao­lin und Wu­dang ge­lernt habe. Wür­dest du jetzt bit­te die Rüs­tung an­le­gen und mir ei­ni­ges von eu­rer Schwert­kampf­tech­nik zei­gen, da­mit ich mir ein Bild ma­chen kann.‹

Er nick­te, und ein Die­ner, der vor der Tür ge­war­tet hat­te, wur­de he­r­ein­ge­ru­fen. Die­ser half beim An­le­gen der Rüs­tung, und ich be­ob­ach­te­te ge­nau, wie die ein­zel­nen Tei­le mit­ein­an­der ver­bun­den wur­den.

Von je­dem Teil der Rüs­tung nann­te mir Shi­ge­na­ga den Na­men und die Funk­ti­on. Es war gleich­zei­tig wie­der Sprach­un­ter­richt, und mir wur­de zum ers­ten Mal be­wusst, dass es mir dies­mal leich­ter fiel als beim chi­ne­si­schen. Da ich sei­ne Ge­dan­ken­bil­der wahr­nahm, konn­te ich mir die Be­grif­fe viel bes­ser ein­prä­gen. Das Er­ler­nen der laut­lo­sen Spra­che, wie sie Wang Lee im­mer ge­nannt hat­te, war also noch bei an­de­ren Din­gen hilf­reich.

›Das, was ich jetzt an­le­ge, ist eine do-maru-Rüs­tung. Sie wird im Feld kaum noch ver­wen­det, denn sie bie­tet kei­nen aus­rei­chen­den Schutz vor Feu­er­waf­fen. Bei ei­nem Du­ell hin­ge­gen wird sie der mo­der­nen to­sei-gu­so­ku-Rüs­tung vor­ge­zo­gen, da sie leich­ter ist und der Kämp­fer in ihr mehr Be­we­gungs­frei­heit hat.‹

Er be­nann­te je­des ein­zel­ne Teil, und mir fiel auf, dass die­se Rüs­tung Schwach­stel­len hat­te, die ich aus­zu­nut­zen ge­dach­te. Als er fer­tig war, soll­te ich eine gleich­ar­ti­ge Rüs­tung aus Ma­sa­mu­nes Be­sitz an­le­gen, doch ich wehr­te ab.

›Nein, ich wer­de ohne Rüs­tung in mei­ner Shao­lin-Klei­dung ge­gen ihn an­tre­ten.‹

Sie sa­hen mich an, als hät­te ich den Ver­stand ver­lo­ren. Dann woll­ten sie mich so­fort vom Ge­gen­teil über­zeu­gen.

›Ohne Schutz kann er dir mit ei­nem ein­zi­gen Hieb den Schä­del spal­ten oder den Arm ab­tren­nen! Du hast ...‹

Hier un­ter­brach ich sie:

›Er hat den Vor­teil der grö­ße­ren Schwer­treich­wei­te und des bes­se­ren Schut­zes durch die Rüs­tung, doch ich bin ohne Rüs­tung viel be­weg­li­cher. Ich habe ein kür­ze­res Schwert und noch nie in ei­ner sol­chen Rüs­tung ge­kämpft, wäre also noch mehr be­hin­dert, weil ich an Be­weg­lich­keit ver­lie­re. Ihr habt mir ge­sagt, dass die­ses Ta­chi zweihän­dig ge­führt wird und ich mit mei­nem Schwert nicht di­rekt pa­rie­ren darf, da ein gu­tes Ta­chi die­ses zer­schla­gen könn­te. Wenn ich die­sen Kampf über­le­ben will, bleibt mir also nur eine Art des Kamp­fes, die mein Geg­ner nicht kennt und ein­schät­zen kann. Ich habe vor, ihn mit Schnel­lig­keit und List zu schla­gen.‹

›Nein, du ver­stehst im­mer noch nicht. Die­ser Kampf kann in we­ni­gen Au­gen­bli­cken vor­bei sein, denn dein Geg­ner baut wie du auf Schnel­lig­keit und die si­che­re Füh­rung sei­nes Ta­chi. Oft ste­hen sich die Kämp­fer lan­ge ge­gen­über, be­ob­ach­ten und um­krei­sen ein­an­der. Sie su­chen nach ei­ner Schwach­stel­le in der Ver­tei­di­gung oder sind dar­auf aus, sich ge­gen­sei­tig ein­zu­schüch­tern. In man­chen Du­el­len wird nur ein ein­zi­ger schnel­ler Hieb aus­ge­führt, der al­les ent­schei­det. Des­halb ist eine gute Rüs­tung so wich­tig, sie ret­tet dir un­ter Um­stän­den das Le­ben.‹

Bei die­sen Er­läu­te­run­gen wur­de ich un­si­cher. Ich hat­te eine ganz an­de­re Vor­stel­lung von so ei­nem Schwert­kampf ge­habt. In mei­nen Er­in­ne­run­gen, die vor al­lem auf Fil­men ba­sier­ten, hat­ten sich die Sa­mu­rai aus­dau­ern­de Schwert­kämp­fe ge­lie­fert. Ähn­lich wie bei ei­nem Fecht­kampf in Eu­ro­pa hat­ten sich ihre Klin­gen oft ge­kreuzt. Doch nun wur­de ich von Shi­ge­na­ga ei­nes Bes­se­ren be­lehrt, und ich muss­te um­den­ken.

›Ohh, gut, dann muss ich eine an­de­re Tak­tik an­wen­den. Aber trotz­dem wer­de ich es erst ein­mal ohne Rüs­tung ver­su­chen.‹

Bei­de schüt­tel­ten den Kopf und woll­ten wie­der auf mich ein­re­den, aber ich bat sie um eine Pro­be. Na­tür­lich soll­te da­bei das Schwert in der Schei­de blei­ben, denn so si­cher wie vor­her war ich mir nicht mehr.

Wi­der­wil­lig stell­te sich mein Dol­met­scher in Po­si­ti­on. Mein Schwert wur­de eben­falls mit ei­nem Schutz ver­se­hen, und wir stan­den uns fi­xie­rend ge­gen­über. Lang­sam be­gann Shi­ge­na­ga mich zu um­krei­sen und wech­sel­te da­bei im­mer wie­der die Po­si­ti­on sei­nes Ta­chi. Ein­mal hat­te er es hoch er­ho­ben, so dass er mit ei­nem star­ken zweihän­di­gen Hieb von oben be­gin­nen konn­te. Dann wie­der hielt er es mehr seit­lich, mal rechts, mal links, und er fi­xier­te mich da­bei ge­nau. Der An­griff er­folg­te so plötz­lich, dass ich kaum noch aus­wei­chen konn­te. Das Ende der Schwert­schei­de streif­te noch mei­nen Hals, und ohne den Schutz hät­te ich be­stimmt eine kräf­ti­ge Schnitt­wun­de da­von­ge­tra­gen. Ich war nicht we­nig er­schro­cken, doch ich ließ mir nichts an­mer­ken. Das jah­re­lan­ge Trai­ning hat­te mich ge­lehrt, mit sol­chen Si­tua­tio­nen um­zu­ge­hen. Aber ich merk­te auch, dass der Trai­nings­aus­fall, den ich durch un­se­re Rei­se ge­habt hat­te, nicht leicht zu kom­pen­sie­ren war.

Der Fürst und Shi­ge­na­ga ver­such­ten noch ein­mal, mich zum An­le­gen der Rüs­tung zu über­re­den, doch ich bat sie um eine klei­ne Pau­se. Kopf­schüt­telnd be­ob­ach­te­ten sie, wie ich mich in Me­di­ta­ti­on ver­senk­te. Nun ließ ich mich voll­kom­men fal­len und überg­ab al­les an mein Chi. Es soll­te mich füh­ren und alle mei­ne Re­ak­tio­nen über­neh­men. Des wei­te­ren ge­dach­te ich, zum ers­ten Mal auch mei­ne an­de­ren Fä­hig­kei­ten mit ein­zu­be­zie­hen, was ich in Chi­na im­mer ver­mie­den hat­te.

Nach kur­zer Zeit stand ich wie­der auf, und Shi­ge­na­ga be­gann mich er­neut zu um­krei­sen. Ich hat­te die Au­gen auf mei­nen Geg­ner ge­rich­tet und nahm die Bil­der doch nicht di­rekt war. Mein Chi ver­ar­bei­te­te all die­se In­for­ma­tio­nen. Alle un­wich­ti­gen Ge­dan­ken wa­ren aus­ge­blen­det, und mein Geist kon­zen­trier­te sich auf das, was in Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­gas Kopf vor­ging. Wie­der er­folg­te nach kur­zer Zeit ein ra­scher An­griff. Dies­mal ziel­te der Schlag von oben auf mei­ne rech­te Schul­ter, doch ich nahm die Be­we­gung wahr, be­vor sie aus­führt wur­de. Mit ei­ner schnel­len Dre­hung wich ich im glei­chen Mo­ment zur Sei­te aus und ließ den Schlag ins Lee­re lau­fen. Da­mit hat­te mein Trai­nings­part­ner nicht ge­rech­net, so dass er von dem Schwung des Hie­bes nach vorn ge­ris­sen wur­de. Ich ver­zich­te­te auf eine Ge­gen­wehr, da ich erst noch ei­ni­ges he­r­aus­fin­den woll­te. Ver­blüfft schau­ten mich die bei­den an, aber ich woll­te kei­ne Pau­se ent­ste­hen las­sen und bat Shi­ge­na­ga, gleich wei­ter­zu­ma­chen.

Wir trai­nier­ten die hal­be Nacht, und am Ende hat­ten bei­de kei­ne Ein­wän­de mehr ge­gen das Du­ell.

Der Fürst woll­te am nächs­ten Mor­gen alle not­wen­di­gen Schrit­te ein­lei­ten, da­mit der Kampf nach un­se­ren Wün­schen statt­fin­den konn­te. Mein Schwert soll­te noch ein­mal ge­schlif­fen wer­den, um eine mög­lichst hohe Schär­fe der Schwert­spit­ze zu er­rei­chen, denn das war der Schlüs­sel zu mei­nem Plan. Wir trenn­ten uns, und ich fiel in mei­nem Quar­tier in einen ru­hi­gen kur­zen Schlaf.

Den nächs­ten Mor­gen be­gann ich mit Tai-Chi-Übun­gen. Gleich zu Be­ginn stell­ten sich Shi­ge­na­ga und, wie ich spä­ter er­fuhr, auch Mit­glie­der der Date Fa­mi­lie ein, von de­nen kei­ner es wag­te, mich zu stö­ren. Sie stan­den oder sa­ßen still am Ran­de des gut ge­pfleg­ten Zier­gar­tens und be­ob­ach­te­ten ge­nau, was ich tat. Zwei jun­ge Frau­en, die nicht un­ter­schied­li­cher sein konn­ten, fie­len mir be­son­ders auf. Die zwei Schrit­te vor­an­ge­hen­de Frau trug einen hell­gel­ben eng an­lie­gen­den, mit schö­nen Mus­tern ver­se­he­nen und von ei­nem Stoff­gür­tel zu­sam­men­ge­hal­te­nen Ki­mo­no. Er war so straff bis in Brust­hö­he ge­wi­ckelt, dass man von ih­ren Kör­per­for­men kaum et­was wahr­neh­men konn­te. Im Rücken war ein Pols­ter mit ei­ner großen Schlei­fe be­fes­tigt. An den nack­ten Fü­ßen trug sie Holz­san­da­len, und durch den en­gen Ki­mo­no konn­te sie nur sehr klei­ne Schrit­te ma­chen. Die rech­te Hand hielt einen bun­ten Son­nen­schirm, und in der lin­ken hat­te sie einen ge­öff­ne­ten Fä­cher. Ihr tief­schwar­zes hoch­ge­steck­tes Haar wur­de von ei­ner bun­ten Span­ge zu­sam­men­ge­hal­ten. Zwei Blu­men­blü­ten­ar­ran­ge­ments ver­voll­stän­dig­ten ihre Fri­sur. Doch am auf­fäl­ligs­ten war ihr stark ge­schmink­tes Ge­sicht. Von der nor­ma­len Haut­far­be konn­te man nur am Hals ein Stück se­hen.

Die zwei­te Frau, die seit­lich hin­ter der ers­ten lief, war das gan­ze Ge­gen­teil. Ihr Äu­ße­res war we­ni­ger he­r­aus­ge­putzt. Auch sie trug einen Ki­mo­no, der aber weit ge­schnit­ten war, da­mit die Bei­ne mehr Be­we­gungs­frei­heit hat­ten. Ob­wohl we­ni­ger auf­fäl­lig ge­mus­tert, wirk­te er den­noch edel. Ein schma­ler, nicht ganz so eng ge­wi­ckel­ter Stoff­gür­tel hielt ihn zu­sam­men. Das Rücken­pols­ter fehl­te ganz, und statt des Son­nen­schir­mes trug sie in der rech­ten Hand einen Stab, auf den sie sich beim Ge­hen stütz­te. Ihr Haar war ähn­lich ar­ran­giert, aber nur we­ni­ge Blü­ten und eine klei­ne Span­ge zier­ten die Pracht. In dem de­zent ge­schmink­ten Ge­sicht war die hell­brau­ne Haut gut zu er­ken­nen. Am auf­fäl­ligs­ten war aber ihr wie­gen­der Gang. Es sah so aus, als müss­te sie ein Bein im­mer mit et­was Schwung nach vorn set­zen und sich dann wie­gend nach oben drücken. Um das zu ge­währ­leis­ten, steck­ten ihre Füße in fest ge­schnür­ten Reiss­troh­san­da­len und nicht in zier­li­chen Holz­san­da­len.

Was mich aber bei mei­nen Übun­gen fast ein we­nig aus dem Gleich­ge­wicht brach­te, war ihre Aus­strah­lung. Ob­wohl die ers­te Frau ohne Ma­kel und äu­ßer­lich schö­ner zu sein schi­en, hat­te die hin­ter ihr ge­hen­de eine in­ne­re Schön­heit, die viel­leicht nur ei­nem un­vor­ein­ge­nom­me­nen Be­ob­ach­ter auf­fiel. Das Ge­sicht war nicht ganz so voll wie bei der an­de­ren Frau, und ein schma­ler Mund wur­de von zwei schalk­haf­ten Grüb­chen be­grenzt. Die nicht zu klei­ne Nase gab dem Ge­sicht eine an­ge­neh­me Form und mach­te es wett, dass die Au­gen in all­zu fla­chen Au­gen­höh­len la­gen. Aber die­se Au­gen hat­ten es in sich. Sie wa­ren leb­haft, und ein zu­frie­de­ner Glanz ging von ih­nen aus. Ihr gan­zes We­sen strahl­te große in­ne­re Zu­frie­den­heit aus, was bei der kör­per­li­chen Be­hin­de­rung er­staun­lich er­schi­en.

Als ich be­merk­te, dass sich un­se­re Bli­cke tra­fen, schlug ich be­schämt mei­ne Au­gen nie­der. Ich woll­te nie­man­den be­gaf­fen, denn was dar­aus ent­ste­hen konn­te, wuss­te ich ja. In die­sem Fall konn­te es zu­dem ver­let­zend sein, was ich auf kei­nen Fall be­ab­sich­tig­te.

Ich rich­te­te mei­nen Blick wie­der nach in­nen und kon­zen­trier­te mich auf mein Tai Chi. Nach ei­ni­ger Zeit ging ich zum Shao­lin-Bo­xen über. Bes­ser ge­sagt, ich trai­nier­te eine Mi­schung aus Shao­lin- und Wu­dang-Stil, die ich mir in Chi­na an­ge­eig­net hat­te. Da­bei blen­de­te ich die Be­ob­ach­ter voll­kom­men aus, um mich gut auf den Kampf vor­zu­be­rei­ten.

Als ich nach meh­re­ren Stun­den auf­hör­te, war nur noch Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga an­we­send. Er kam zu mir und sag­te:

›Jetzt weiß ich, was uns in Shao­lin vor­ent­hal­ten wur­de. Be­herr­schen das alle Mön­che so?‹

Ich schüt­tel­te den Kopf.

›Nein, der Stil, den ich hier trai­niert habe, wird nur von we­ni­gen ver­wen­det, doch auch der nor­ma­le Shao­lin-Stil hat sei­ne Vor­zü­ge, nur dass er viel kraft­auf­wen­di­ger und of­fen­si­ver ist. Was ich be­vor­zu­ge, ist mehr auf Ver­tei­di­gung aus­ge­rich­tet, wo­mit ich mich auch gut ge­gen un­se­ren Groß­meis­ter be­haup­ten konn­te.‹

Jetzt erst be­merk­te ich das chi­ne­si­sche Schwert in sei­ner Hand.

›Oh, ist es das, das ich aus­ge­wählt hat­te?‹

›Ja, der Schwert­schlei­fer hat es ge­ra­de zu­rück­ge­bracht, du bist mit sei­ner Ar­beit be­stimmt zu­frie­den.‹

Er reich­te es mir, und ich be­gut­ach­te­te die Klin­ge. Dann schwang ich es leicht mit der Spit­ze durch das Gras zu un­se­ren Fü­ßen. Mehr als zu­frie­den blick­te ich auf die lie­gen ge­blie­be­nen Hal­me.

›Sehr gut, doch ich muss acht­ge­ben und den Ab­stand ge­nau ein­schät­zen. Das Bes­te wird sein, wenn ich noch ein we­nig mit die­sen Schwert trai­nie­re, da­mit ich beim Kampf kei­ne Feh­ler ma­che.‹

›Wie du meinst, doch ich glau­be nicht, dass das Du­ell schon heu­te statt­fin­det.‹

›Umso bes­ser, da ich viel nach­ho­len muss. Schon zu lan­ge habe ich nicht mehr rich­tig trai­niert.‹

›Wird dir dann nicht die Kraft im Kampf feh­len?‹

Ich lach­te auf.

›Wo denkst du hin?! Wir ha­ben im Klos­ter von früh bis zur Däm­me­rung trai­niert und die Übun­gen nur für eine Mahl­zeit mit an­schlie­ßen­der Ge­bets- und Me­di­ta­ti­ons­pau­se un­ter­bro­chen.‹

Er mach­te große Au­gen.

›Ich glau­be, un­se­re In­for­man­ten am chi­ne­si­schen Kai­ser­hof ha­ben weit un­ter­trie­ben.‹

Schmun­zelnd wink­te ich ab und woll­te mich schon um­dre­hen, als mir die wei­te­ren Be­ob­ach­ter ein­fie­len.

›Wer wa­ren denn die an­de­ren, die vor­hin hier stan­den?‹

›Date Ma­sa­mu­nes äl­tes­te Toch­ter, Iro­ha­hi­me. Sie ist die Frau von Mat­su­dai­ra Ta­da­te­ru, was lei­der kei­ne Emp­feh­lung mehr ist, da ihr Mann ver­bannt wur­de. Ihr steht es aber frei, den Ver­ban­nungs­ort zu ver­las­sen. Zur Zeit weilt sie hier, um ih­ren Va­ter zu be­su­chen.‹

›Und die an­de­ren?‹

›Ach, das wa­ren nur zwei ih­rer Leib­wäch­ter und Die­ner.‹

›Die an­de­re Frau war auch eine Die­ne­rin?‹

›Ka­zu­ko, nein, das ist kei­ne Die­ne­rin. Es ist ihre Halb­schwes­ter, doch das zählt nicht, ob­wohl sie einen ge­wis­sen Son­der­sta­tus hat. Aber es steht mir nicht zu, dar­über zu spre­chen.‹

O weh, nun hat­te ich auch noch an ein Fa­mi­li­en­ge­heim­nis ge­rührt. Ich muss­te un­be­dingt vor­sich­ti­ger wer­den, denn in die­ser Ge­sell­schaft gab es mehr Ge­heim­nis­se und Re­geln, als ich mir hat­te träu­men las­sen. Um ab­zu­len­ken, sag­te ich Shi­ge­na­ga, dass ich wei­ter­trai­nie­ren wol­le, wor­auf­hin er mich ver­ließ.

Am Nach­mit­tag saß ich me­di­tie­rend un­ter ei­nem Baum, der ne­ben Shi­ge­na­gas Haus stand. Nach ei­ner Wei­le hat­te ich das Ge­fühl, be­ob­ach­tet zu wer­den, und öff­ne­te die Au­gen.

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga stand vor mir, hat­te es aber nicht ge­wagt, mich zu un­ter­bre­chen. Al­lem An­schein nach woll­te er mich spre­chen. Ich mach­te eine ein­la­den­de Ges­te und deu­te­te auf einen Platz ne­ben mir, doch er wink­te ab.

›Ich möch­te dich nicht wei­ter stö­ren. Der Fürst hat mich be­auf­tragt, dir mit­zu­tei­len, dass al­les nach un­se­ren Wün­schen zu ver­lau­fen scheint. Wie du an­ge­regt hast, wur­de dem Met­su­ke der Ein­druck ver­mit­telt, dass der Sho­gun ger­ne ein Kräf­te­mes­sen zwi­schen dir, dem frem­den Ya­ma­bus­hi, und ei­nem gu­ten Bus­hi se­hen möch­te. Dar­auf­hin hat er selbst dem Sho­gun an­ge­bo­ten, ein Du­ell, das zu sei­ner Ge­nug­tu­ung statt­fin­den soll, da­für zu nut­zen. To­ku­ga­wa Ie­mit­su war hoch er­freut und ver­füg­te, dass der Kampf mor­gen, wenn die Son­ne am höchs­ten steht, in ei­nem der Burg­vor­hö­fe statt­fin­den soll. Sein Va­ter und ei­ni­ge an­de­re hohe Wür­den­trä­ger wer­den an­we­send sein.‹

›Date Ma­sa­mu­ne doch auch, oder?‹

›Ja, er wur­de auf­ge­for­dert zu er­schei­nen, schließ­lich bist du sein Gast. Auch ich soll mit­kom­men, weil zur Zeit kein an­de­rer ver­füg­bar ist, der chi­ne­sisch spricht.‹

›Gut, ich hof­fe der Fürst ist zu­frie­den?‹

›Sehr so­gar. Aus die­sem Grund soll­te ich es dir auch so­fort mit­tei­len.‹

Wir ver­ab­schie­de­ten uns, denn ich woll­te mich, so gut es ging, auf den kom­men­den Tag vor­be­rei­ten.

Am nächs­ten Tag, eine gan­ze Wei­le vor der fest­ge­leg­ten Zeit, be­tra­ten wir den Vor­hof. Ein Be­am­ter des Sho­gun teil­te mir die Ver­hal­tens­re­geln mit. Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga über­setz­te ge­wis­sen­haft alle An­wei­sun­gen und er­mahn­te mich mehr­fach, al­les ge­nau ein­zu­hal­ten.

Der Sho­gun wur­de an­ge­kün­digt, und wir war­fen uns auf die Knie. Den Kopf ge­senkt und auf un­se­re Hän­de bli­ckend, war­te­ten wir, bis die Er­laub­nis zum Si­cher­he­ben kam.

Mir war es un­ter An­dro­hung des To­des ver­bo­ten, den Sho­gun an­zu­bli­cken. Des­halb fi­xier­te ich den Bo­den vor mir, doch aus den Au­gen­win­keln konn­te ich das wei­te­re Ge­sche­hen ver­fol­gen. Für den Sho­gun war un­ter ei­nem Bal­da­chin ein mit Pols­tern ver­se­he­ner Stuhl be­reit­ge­stellt. Rechts da­ne­ben, aber nicht mehr un­ter dem Bal­da­chin, stand eine Sitz­ge­le­gen­heit ohne Rücken­leh­ne, über die eine reich­ver­zier­te De­cke ge­brei­tet war. Un­mit­tel­bar nach­dem der Sho­gun Platz ge­nom­men hat­te, ließ sich ein Mann auf die­ser nie­der, der viel Ähn­lich­keit mit ihm hat­te. Spä­ter be­stä­tig­te sich mei­ne Ver­mu­tung, dass es der Va­ter des am­tie­ren­den Sho­gun sei. Date Ma­sa­mu­ne er­hielt die Ge­neh­mi­gung, nach vorn zu kom­men und in ei­ni­gem Ab­stand seit­lich vom Sho­gun auf ei­nem Kis­sen Platz zu neh­men. Eine Ehre, die auch ei­ni­gen wei­te­ren ho­hen Per­sön­lich­kei­ten zu­teil wur­de.

Als alle ih­ren Platz ge­fun­den hat­ten, wur­de der Met­su­ke nach vorn ge­ru­fen. Vor dem Sho­gun kni­end, sprach er kurz mit ihm. Da­nach be­gab er sich zu Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga, der ne­ben mir den Bo­den an­starr­te. Nach­dem Sa­na­da Ma­sa­no­ri ei­ni­ge Wor­te an ihn ge­rich­tet hat­te, er­hob er sich und for­der­te auch mich dazu auf. Wie mir ein­dring­lich mit­ge­teilt wor­den war, soll­te ich mög­lichtst nicht di­rekt zum Sho­gun schau­en. Ich dreh­te mich also et­was seit­lich und hielt den Kopf leicht ge­senkt, konn­te da­bei aber se­hen, dass mein Geg­ner schon in vol­ler Rüs­tung war. Er trug, wie mei­ne neu­en Freun­de ver­mu­tet hat­ten, eine do-maru-Rüs­tung. Sie äh­nel­te der von Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga, nur ein De­tail war an­ders, doch das er­schi­en mir eher noch hilf­reich zu sein. Zu­sätz­lich zum Helm trug er eine Halb­mas­ke, die Stirn und Wan­gen schüt­ze. Die­ser Typ von Ge­sichts­mas­ke, Hap­pu­ri ge­nannt, hat­te an den Wan­gen Ösen, durch die Schnü­re lie­fen, die den Helm hiel­ten. Die Wahr­schein­lich­keit, dass ich mit der Stra­te­gie, die ich mir zu­recht­ge­legt hat­te, er­folg­reich sein wür­de, er­schi­en mir nun sehr hoch. Ich war froh, dass mir an je­nem Abend so viel über die Rüs­tun­gen und ihre ein­zel­nen Tei­le er­klärt wor­den war.

Der Met­su­ke sprach mich an, und Shi­ge­na­ga über­setz­te al­les ohne Um­schwei­fe.

›Sa­na­da Ma­sa­no­ri möch­te wis­sen ob du be­reit bist, für die Schmach, die du ihm an­ge­tan hast, ein­zu­ste­hen?‹

›Ja, das bin ich!‹, mein Dol­met­scher über­setz­te al­les laut und deut­lich, da­mit es je­der der An­we­sen­den ver­ste­hen konn­te.

›Dann wird er dich jetzt auf dem Kampf­feld in der Mit­te des Ho­fes er­war­ten. Du sollst dei­ne Rüs­tung an­le­gen und mit dei­nem Schwert dort er­schei­nen.‹

Ich ver­beug­te mich vor dem Met­su­ke, deu­te­te auf mei­ne Shao­lin-Klei­dung und sag­te:

›Ich wer­de kei­ne Rüs­tung an­le­gen, denn ich bin es ge­wohnt, in die­ser Klei­dung zu kämp­fen.‹

Alle au­ßer de­nen, die es schon wuss­ten, sa­hen mich an, als hät­te ich den Ver­stand ver­lo­ren. Doch Ma­sa­no­ri brach­te es auf den Punkt.

›Willst du mich be­lei­di­gen, oder bist du ein­fach nur le­bens­mü­de?‹

Bei die­sen Wor­ten mach­te er ein mehr als wü­ten­des Ge­sicht.

›We­der das eine noch das an­de­re. Ich kom­me aus ei­nem an­de­ren Land, bin es nicht ge­wohnt, in ei­ner sol­chen Rüs­tung zu kämp­fen, und habe auch kein Ta­chi. Mei­ne Waf­fe ist ein ein­fa­ches chi­ne­si­sches Schwert, und ich habe bis­her im­mer ohne Rüs­tung ge­kämpft. Von ei­ner Be­lei­di­gung kann also kei­ne Rede sein, da es mei­ne tra­di­tio­nel­le Klei­dung ist, und ob ich le­bens­mü­de bin, mag der Kampf ent­schei­den.‹

Sa­na­da Ma­sa­no­ri mach­te eine weg­wer­fen­de Hand­be­we­gung, ging in die Mit­te des Ho­fes und schnaub­te ei­ni­ge mür­ri­sche Wor­te vor sich hin.

›Das ist kei­ne Ehre für mich‹, über­setz­te Shi­ge­na­ga, doch ich hat­te den Ein­druck, dass es nicht al­les war, was der Met­su­ke ge­sagt hat­te.

Mein chi­ne­si­sches Schwert wur­de mir ge­bracht, und ich folg­te mei­nem Geg­ner. Bei die­sen Schrit­ten ließ ich mich voll­kom­men fal­len und überg­ab al­les an mein Chi. Das Schwert in mei­ner Hand wur­de eins mit mei­nem Kör­per. Die Um­ge­bungs­ge­räusche re­du­zier­ten sich auf das We­sent­li­che, und al­les um mich he­r­um wur­de von mei­nem Chi prä­zi­se aus­ge­wer­tet. Jede Be­we­gung ei­nes Schat­tens, je­der Luft­hauch, durch eine Be­we­gung ver­ur­sacht, wur­de ge­wer­tet und al­les aus­ge­blen­det, was nicht un­mit­tel­bar wich­tig war für mei­nen Kampf.

Ich stand vor Ma­sa­no­ri, ver­neig­te mich leicht und nahm eine voll­kom­men ent­spann­te Hal­tung ein. Der Met­su­ke ant­wor­te­te sei­ner­seits mit ei­nem leich­ten Ni­cken und be­gann mich fi­xie­rend zu um­krei­sen. Wie ich es schon bei mei­nem nächt­li­chen Trai­ning mit Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga er­lebt hat­te, wech­sel­te auch er stän­dig die Schwert­po­si­ti­on. Nach we­ni­gen Se­kun­den hät­te ich die Au­gen schlie­ßen kön­nen, denn sei­ne Ge­dan­ken wa­ren so stark auf sei­ne Schwert­füh­rung kon­zen­triert, dass ich jede Po­si­ti­ons­än­de­rung schon vor der Aus­füh­rung wahr­nahm. Ich pass­te mei­ne Be­we­gun­gen den sei­nen an, was ihn sicht­lich ir­ri­tier­te. Aus die­sem Grun­de dau­er­te es eine gan­ze Wei­le, bis er sei­nen ers­ten An­griff star­te­te.

Er täusch­te einen Po­si­ti­ons­wech­sel des Schwer­tes von rechts nach links an. Doch als er mit sei­nem Ta­chi nur ein klein we­nig am Kopf vor­bei war hol­te er Schwung und ziel­te mit ei­ner zie­hen­den, schnei­den­den Be­we­gung auf mei­nen rech­ten Ober­arm. Mein Vor­teil war, dass ich in sei­nen Ge­dan­ken schon ge­se­hen hat­te, was er be­ab­sich­tig­te. Im sel­ben Mo­ment, wie sein An­griff be­gann, er­folg­ten mei­ne Aus­weich­be­we­gung und so­gleich auch mein Ge­gen­an­griff. Mit ei­ner Rechts­dre­hung um mei­ne Ach­se und drei kur­zen Schrit­ten ver­hin­der­te ich, dass er ef­fek­tiv dar­auf re­agie­ren konn­te. Dann nutz­te ich die Blö­ße, die er sich durch die er­ho­be­nen Arme ge­ge­ben hat­te. Ein schnel­ler Schnitt und sein Obi war durch­trennt.

Als wirk­lich gu­ter Schwert­kämp­fer re­agier­te er so­fort auf mei­ne Be­we­gung. Da er we­gen des Über­ra­schungs­ef­fek­tes nur we­nig Schwung ho­len konn­te, ge­lang es ihm, dem Ta­chi eine neue Rich­tung zu ge­ben. Um nicht doch noch ge­trof­fen zu wer­den, muss­te ich den Schwung mei­ner Dre­hung nut­zen. Der Ab­wärts­be­we­gung, die ich mach­te, um den Gür­tel zu durch­tren­nen, folg­te ich mit mei­nem gan­zen Ober­kör­per. Als mein Ge­sicht und die Hän­de nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter über dem Bo­den wa­ren, schwang sein Ta­chi über mei­nen Rücken und hin­ter­ließ einen Schnitt in mei­nem Ober­ge­wand. Ich stand nur auf dem rech­ten Bein, hol­te mit dem lin­ken Schwung und wir­bel­te mich durch die ge­sam­mel­te Ener­gie aus Dre­hung und Bein­schwung in einen si­che­ren Stand au­ßer­halb sei­ner Reich­wei­te. Aber das wäre gar nicht not­wen­dig ge­we­sen, denn er war auf Grund des durch­trenn­ten Obi in sei­nen Be­we­gun­gen ein­ge­schränkt.

Wie mir Shi­ge­na­ga er­klärt hat­te, ver­la­ger­te ein gut ge­bun­de­ner Obi einen Teil der Rüs­tungs­last auf die Hüf­ten, wäh­rend bei ihm jetzt die gan­ze Last auf den Schul­tern lag. Die konn­te er nach die­sem Ge­gen­an­griff nicht mehr so gut he­ben und die Ober­ar­me auch nicht mehr ef­fek­tiv dre­hen. Er war mit sei­nem Schwert­streich mei­ner Dre­hung ge­folgt und be­müh­te sich wie­der um einen si­che­ren Stand. Sein Ta­chi hat­te er er­neut in An­griffs­po­si­ti­on er­ho­ben, und sei­ne Au­gen fun­kel­ten mich wü­tend an.

Das Gan­ze hat­te nur we­ni­ge Au­gen­bli­cke ge­dau­ert. Ein kaum wahr­nehm­ba­res Rau­nen war zu hö­ren ge­we­sen, doch ich konn­te kei­nen Blick zur Sei­te wa­gen, denn schon um­kreis­te er mich wie­der, und nur kur­ze Zeit spä­ter er­folg­te der nächs­te An­griff. Er schwang sein Schwert von rechts nach links, wie­der in ei­ner zie­hen­den, schnei­den­den Be­we­gung. Doch auch dies­mal ge­lang es mir, gleich­zei­tig mit sei­ner At­ta­cke mei­ne Aus­weich­be­we­gung zu star­ten. Glück­li­cher­wei­se hat­te ich durch mei­ne gu­ten Lehr­meis­ter in Shao­lin mei­ne Be­weg­lich­keit so ver­bes­sert, dass es mir mög­lich war, mei­nen Ober­kör­per nach hin­ten fast in die Waa­ge­rech­te zu drücken. In die­ser Po­si­ti­on führ­te ich eine leicht dre­hen­de Be­we­gung aus, zog da­bei das Schwert über mei­nen Bauch hin­weg und führ­te es dann zie­hend nach oben. Ich war sei­nen Hän­den ge­folgt und hat­te das Be­fes­ti­gungs­band, das nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter ober­halb des Hand­ge­lenks den Hand- und Un­ter­arm­schutz am rech­ten Arm hielt, durch­trennt. An­schlie­ßend schwang ich den Ober­kör­per wie­der nach oben, nahm eine Ab­wehr­hal­tung ein und schau­te mei­nem Geg­ner in die Au­gen.

In sei­nen zor­ni­gen Blick misch­te sich lang­sam ach­tungs­vol­les Stau­nen. Ohne in sei­ner Auf­merk­sam­keit nach­zu­las­sen, schau­te er auf sein rech­tes Hand­ge­lenk. So­bald er sei­nen Arm seit­lich oder mit dem Hand­rücken nach un­ten hielt, rutsch­te der Hand- und Un­ter­arm­schutz weg, da er nur noch un­ter­halb des El­len­bo­gens ge­hal­ten wur­de. Das Hand­ge­lenk war in die­sem Au­gen­blick un­ge­schützt und die Be­we­gungs­frei­heit be­hin­dert. Schnell ka­men sei­ne nächs­ten An­grif­fe. Bei ei­nem trug ich eine klei­ne Schnitt­wun­de am Un­ter­arm da­von, bei an­de­ren wur­de mei­ne Klei­dung wie­der in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen. Doch fast je­des Mal konn­te ich einen Ge­gen­an­griff aus­füh­ren, und nach ei­ni­ger Zeit stand er in ei­ner Rüs­tung vor mir, die ihn mehr be­hin­der­te als schütz­te. Der lin­ke Schi­en­bein- und Wa­den­schutz, der nur noch un­ten be­fes­tigt war, hing lose an sei­nem Bein und brach­te ihn bei man­chen Be­we­gun­gen fast zu Fall. Die rech­te Reiss­troh­san­da­le hat­te sich ge­löst, so dass er auf der So­cke stand. Bei die­sem Schnitt hat­te er auch die ein­zi­ge Ver­let­zung da­von­tra­gen müs­sen, eine klei­ne Wun­de auf dem Ober­fuß. Der rech­te Schul­ter- und Ober­arm­schutz war nur noch vorn be­fes­tigt und schlug in be­stimm­ten Si­tua­tio­nen vor sein Ge­sicht.

Als er sich noch ein­mal eine Blö­ße auf der rech­ten Sei­te gab, konn­te ich die un­te­re Ver­schnü­rung des Kü­rass durch­tren­nen. Den ef­fek­tivs­ten Scha­den rich­te­te aber mein letz­ter Ge­gen­an­griff an. Es war mir ge­lun­gen, die Schnur zu durch­tren­nen, mit der der Helm un­ter dem Kinn be­fes­tig­te war, so dass er nur noch von dem Haar­zopf ge­hal­ten wur­de, der durch das Loch in der Mit­te des Helms ge­zo­gen war. Er rutsch­te im­mer wie­der ins Ge­sicht, und die Halb­mas­ke ver­deck­te die Au­gen. Wenn er die nicht ge­tra­gen hät­te, hät­te ich die­sen Schnitt nicht ge­wagt, denn eine Ver­let­zung des Ge­sich­tes woll­te ich auf kei­nen Fall pro­vo­zie­ren. Doch da die Schnur über die Halb­mas­ke ge­zo­gen war, hat­te ich nur auf die­ser einen star­ken Krat­zer hin­ter­las­sen.

Schwer at­mend stand er vor mir. Ihm war mit Si­cher­heit klar, dass er aus die­sem Du­ell nicht mehr sieg­reich her­vor­ge­hen konn­te, aber ein­ge­ste­hen woll­te er es nicht. Um ihm die Ent­schei­dung ab­zu­neh­men, trat ich drei Schrit­te zu­rück, senk­te das Schwert und neig­te den Kopf.

Es war für ihn ein Di­lem­ma, denn er hat­te mich züch­ti­gen wol­len, weil ich es ihm ge­gen­über an Re­spekt hat­te feh­len las­sen und nun war ihm die nächs­te Schmach zu­ge­fügt wor­den. Er, ein Meis­ter des Schwert­kamp­fes, muss­te sich ein­ge­ste­hen, dass mei­ne An­grif­fe auch an­de­re Fol­gen hät­ten ha­ben kön­nen. Wenn er sich jetzt ge­schla­gen gab, war sei­ne Ehre noch mehr be­fleckt.

Doch nun tat Date Ma­sa­mu­ne, was wir vor­her ab­ge­spro­chen hat­ten. Er wand­te sich mit der Bit­te, et­was sa­gen zu dür­fen, an den Sho­gun. Nach­dem er die Er­laub­nis er­hal­ten hat­te, stand er auf, trat an Sa­na­da Ma­sa­no­ri he­r­an und sag­te so laut, dass alle es hö­ren konn­ten:

›Met­su­ke Sa­na­da Ma­sa­no­ri, es ist kei­ne Schan­de, die­sem Mann un­ter­le­gen zu sein. Er ist ein Groß­meis­ter der chi­ne­si­schen Ya­ma­bus­hi und in vie­len Kampf­ar­ten be­wan­dert. Er hat mir und mei­nen Die­nern das Le­ben ge­ret­tet, und ich bin ihm ver­pflich­tet, wes­halb ich ihn in un­ser Land ein­lud. Lei­der ha­ben ich und auch Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga ver­sagt, denn wir ha­ben ihn nicht ge­nü­gend mit un­se­ren Sit­ten und Ge­bräu­chen ver­traut ge­macht. Also trifft uns die Schuld an sei­nem un­höf­li­chen Ver­hal­ten. Wir müss­ten dir Ge­nug­tu­ung ge­ben, doch das ver­wei­ger­te er uns. Bei ei­nem Ge­spräch vor die­sem Kampf teil­te er mir mit, wie sehr er sein Fehl­ver­hal­ten be­dau­ert und dass er nichts sehn­li­cher wünscht, als die­se Schmach zu til­gen.‹

Er wand­te sich kurz mir zu und gab mir da­mit ein ver­ab­re­de­tes Zei­chen.

›Wenn­gleich es sei­ne Ehre nicht zu­lässt, sich schwä­cher zu zei­gen, als er ist, wird er sich dei­ner Gna­de oder Un­gna­de un­ter­wer­fen.‹

Bei die­sen Wor­ten hat­te ich mich auf mein lin­kes Knie her­ab­ge­las­sen, das Schwert ne­ben mein an­ge­win­kel­tes rech­tes Bein auf den Bo­den ge­legt und mei­nen Kopf ge­senkt. In die­ser Stel­lung war­te­te ich auf sei­ne Ent­schei­dung, denn der Dai­myo mein­te, er kön­ne nichts an­de­res mehr tun, als die Sa­che fried­lich bei­zu­le­gen. Da der Fürst in­des nichts dem Zu­fall über­las­sen woll­te, hat­te er noch ein paar Fä­den ge­zo­gen.

Die Ent­schei­dung fiel dem Met­su­ke nicht leicht, denn er emp­fand es als be­schä­mend, ei­nem wie mir so of­fen­sicht­lich un­ter­le­gen zu sein. Auf der an­de­ren Sei­te wäre es nicht mehr eh­ren­voll ge­we­sen, mich in die­ser Si­tua­ti­on zu züch­ti­gen. Die Zeit ver­rann, und un­schlüs­sig schau­te er auf mich her­ab. Aus den Au­gen­win­keln konn­te ich se­hen, dass sich To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da zu sei­nem Sohn hin­über­beug­te und ihm et­was zu­raun­te. Un­wil­lig sah der Sho­gun sei­nen Va­ter an, er­hob sich je­doch und for­der­te die Auf­merk­sam­keit al­ler An­we­sen­den.

Es wa­ren nur we­ni­ge Sät­ze, die er sprach, doch in sei­ner Stim­me lag et­was Be­stim­men­des. Als er ge­en­det hat­te, schau­te er fra­gend zu dem Met­su­ke. Der ver­neig­te sich tief vor ihm, dreh­te sich um, kam auf mich zu und for­der­te mich mit ei­ner Ges­te zum Auf­ste­hen auf. Als ich mich lang­sam, das Schwert lie­gen­las­send, er­ho­ben hat­te, schau­te er sich kurz um und rief Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga he­r­an, mit dem er ein paar Wor­te wech­sel­te, die Shi­ge­na­ga über­setz­te:

›Sa­na­da Ma­sa­no­ri hat mich ge­fragt, ob du ver­stan­den hast, was der Sho­gun ge­sagt hat?‹

›Nein.‹

›Das sag­te ich ihm auch schon, da du erst ei­ni­ge we­ni­ge Wor­te un­se­rer Spra­che ver­stehst. Des­halb soll ich dir das Ge­sag­te über­set­zen.‹

Er mach­te eine kur­ze Pau­se und ver­neig­te sich leicht in Rich­tung des Sho­gun.

›To­ku­ga­wa Ie­mit­su hat den Met­su­ke auf­ge­for­dert, die Strei­tig­kei­ten mit dir bei­zu­le­gen. Er sag­te, für ihn sehe es so aus, als wür­de dei­ne ver­meint­li­che Un­höf­lich­keit auf zwei Miss­ver­ständ­nis­sen be­ru­hen. Zum einen, weil Sa­na­da Ma­sa­no­ri an­nahm, dass du mit un­se­ren Um­gangs­for­men ver­traut seist, und zum an­de­ren, weil du nach dei­nem äu­ße­ren Er­schei­nungs­bild an­schei­nend im Rang weit un­ter ihm stehst. Na­tür­lich schützt Un­wis­sen­heit nicht vor Stra­fe. Da du aber ein Gast von Date Ma­sa­mu­ne bist und er die Ver­ant­wor­tung über­nom­men hat, wünscht er eine fried­li­che Bei­le­gung des Kon­flikts. Au­ßer­dem wur­de ihm be­rich­tet, du seist so et­was wie ein Ge­ne­ral.‹

Er­staunt zog ich die Brau­en hoch, doch Shi­ge­na­ga gab mir mit den Au­gen einen Wink und fuhr fort:

›Was ja be­deu­ten wür­de, dass ihr bei­de in etwa den glei­chen Rang habt, wes­halb die Höf­lich­keits­for­men dei­ner­seits gar nicht so hät­ten aus­fal­len müs­sen, wie er es er­war­tet hat­te.‹

Er deu­te­te nun auf mei­nen Geg­ner und über­setz­te, was die­ser dazu ge­sagt hat­te.

›Sa­na­da Ma­sa­no­ri hat er­kannt, dass du ein großer Bus­hi bist, und er ist sehr be­ein­druckt von dei­nen Fä­hig­kei­ten. Aus die­sem Grund und na­tür­lich weil der Sho­gun es so wünscht, wird er da­mit die­se un­glück­li­che Be­geg­nung als ver­ges­sen be­trach­ten. Doch er stellt eine Be­din­gung!‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga hol­te tief Luft und sah mir un­si­cher in die Au­gen.

›Er möch­te mehr über dei­ne Art zu kämp­fen er­fah­ren. Aus die­sem Grund wünscht er, dass wei­te­re Tref­fen statt­fin­den, in de­nen du ihn un­ter­weist.‹

Das ge­fiel mir nicht so sehr, denn ich wuss­te ja nicht, was dar­aus ent­ste­hen wür­de. An­de­rer­seits war es in die­sem Mo­ment kaum mög­lich, ab­zu­leh­nen, ohne ihn schon wie­der zu be­lei­di­gen. Des­halb ver­such­te ich es mit ei­nem Kom­pro­miss.

›Ich wer­de sei­nem Wunsch na­tür­lich nach­kom­men, doch der Met­su­ke soll­te eins be­den­ken. Um den Stand der Kampf­fer­tig­kei­ten zu er­rei­chen, den ich jetzt habe, muss­te ich acht Jah­re lang täg­lich von mor­gens bis abends trai­nie­ren. Es gab in die­ser Zeit nur we­ni­ge Tage, an de­nen das Trai­ning aus­fiel, und vie­le an­de­re er­rei­chen die­sen Stand nie oder erst nach vie­len Jah­ren.‹

Shi­ge­na­ga über­setz­te syn­chron, was ich ge­sagt hat­te, und ich konn­te be­ob­ach­ten, wie sich die Mie­ne von Ma­sa­no­ri wan­del­te, erst ins Är­ger­li­che, dann ins In­ter­es­sier­te und schließ­lich in ein Lä­cheln.

›Ich mer­ke schon, es gibt viel zu er­fah­ren und zu ler­nen, auch wenn ich Ihre Kampf­fer­tig­keit viel­leicht nie­mals er­lan­ge.‹

In sei­ner Mie­ne war der Schalk nicht zu über­se­hen, also hat­te er mei­ne Tak­tik durch­schaut.

›Ich freue mich auf die Tref­fen mit ... Oh, ich ken­ne ja noch nicht ein­mal den Na­men mei­nes neu­en Freun­des. Wie darf ich Sie denn nen­nen?‹

›In Shao­lin nann­te man mich Gü Man und spä­ter als Meis­ter Xu Shen Po.‹

Er lach­te kurz auf, bück­te sich, hob das chi­ne­si­sche Schwert auf und prüf­te die Klin­ge.

›Nun denn, Xu Shen Po! Denn der an­de­re Name wäre eine Be­lei­di­gung.‹

Bei die­sen Wor­ten hielt er mir das Schwert mit Heft ent­ge­gen, doch als ich zu­grei­fen woll­te, zog er es wie­der et­was zu­rück.

›Aber bit­te vor­sich­tig, denn aus Er­fah­rung weiß ich, dass die Schnei­de recht scharf ist.‹

Ich nahm es ent­ge­gen und stell­te es mit der Spit­ze auf den Bo­den.

›Ich wünsch­te, es wäre nie ge­sche­hen‹, da­bei neig­te ich leicht den Kopf.

›Oh, nein, nein. Es ist gut so, denn ich mer­ke, dass die­se Be­geg­nung eine Be­rei­che­rung für mich sein wird. Es wäre nur bes­ser, wenn auch alle an­de­ren Sie als das er­ken­nen könn­ten, was Sie sind, und Sie nicht we­gen ih­res Äu­ße­ren für einen Cho­nin hal­ten.‹

Jetzt misch­te sich Date Ma­sa­mu­ne, der im­mer noch ne­ben uns stand, ins Ge­spräch.

›Das soll auch ge­sche­hen, doch lei­der geht es nicht so schnell, wie ich es wünsch­te. Zum einen möch­te ich, da er ja kein Ein­hei­mi­scher ist, die Er­laub­nis un­se­res Herrn ein­ho­len‹, er nick­te mit dem Kopf in Rich­tung Sho­gun. ›Und es ist auch noch zu klä­ren, wel­che Fa­mi­lie ihn auf­nimmt. Ich habe zwar schon ei­ni­ge in der en­ge­ren Wahl, doch ich muss erst mit de­ren Fa­mi­li­eno­ber­häup­tern spre­chen.‹

Als Shi­ge­na­ga das über­setz­te, horch­te ich auf und schau­te ihn ver­blüfft an.

›Nicht jetzt. Der Fürst woll­te und wird es dir er­klä­ren. Er ....‹

To­ku­ga­wa Ie­mit­su un­ter­brach un­ser Ge­spräch und for­der­te den Dai­myo auf, ihm zu fol­gen. Date Ma­sa­mu­ne kam der Auf­for­de­rung so­fort nach, denn der Sho­gun hat­te sich schon er­ho­ben. To­ku­ga­wa Hi­de­ta­da und zwei wei­te­re hohe Be­am­te schlos­sen sich an. Kaum wa­ren die ho­hen Her­ren un­se­ren Bli­cken ent­schwun­den, wur­den wir auch schon auf­ge­for­dert, das Burg­ge­län­de zu ver­las­sen. Mir war es nur recht, hoff­te ich doch, noch ein­mal glimpf­lich aus die­ser Si­tua­ti­on he­r­aus­ge­kom­men zu sein. Zu­sam­men mit Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga ging ich zu­rück zum fürst­li­chen An­we­sen. Un­ter­wegs er­klär­te mir mein Dol­met­scher al­les, was ich nicht ver­stan­den hat­te. Da­bei wur­de mir be­wusst, dass ich die Spra­che so schnell wie mög­lich er­ler­nen muss­te, um nicht noch ein­mal in der­lei Schwie­rig­kei­ten zu ge­ra­ten.«

Nin­ja und Ka­zu­ko

»Die nächs­ten Tage ver­lie­fen recht ru­hig, und ich füll­te sie mit Trai­ning und Me­di­ta­ti­on. Date Ma­sa­mu­ne wirk­te auch sehr zu­frie­den, denn das letz­te Ge­spräch mit dem Sho­gun war sei­nen Wün­schen ent­spre­chend ver­lau­fen. Es hat­te kei­ner­lei Kri­tik mehr we­gen der Rei­se nach Shao­lin ge­ge­ben. Im Ge­gen­teil, er wur­de so­gar für die­se Ent­schei­dung ge­lobt und soll­te, wenn neue Er­kennt­nis­se be­kannt wur­den, so­fort mit dem Sho­gun Kon­takt auf­neh­men. Auch die Ent­schei­dung, mich in ei­ner der Sa­mu­rai-Fa­mi­li­en zu in­te­grie­ren, wur­de in die­sem Zu­sam­men­hang gut­ge­hei­ßen. Aber erst nach ei­nem län­ge­ren Ge­spräch mit dem Fürs­ten ver­stand ich, was und warum dies ge­sche­hen soll­te.

Ein dem Dai­myo treu er­ge­be­ner Clan soll­te mich ad­op­tie­ren. Da­durch wäre ich nach gel­ten­dem Recht kein Aus­län­der mehr und könn­te auch in den Krie­gera­del auf­stei­gen. Das wie­der­um wür­de mir das Recht ge­ben, Schwer­ter zu tra­gen und einen un­ge­zwun­ge­nen Kon­takt zu den an­de­ren Sa­mu­rai zu pfle­gen, die stän­dig mit Date Ma­sa­mu­ne zu tun hat­ten.

Zum Leid­we­sen des Fürs­ten konn­te dies erst in Sen­dai ge­sche­hen, da das Cla­no­ber­haupt der ad­op­tie­ren­den Fa­mi­lie zu­stim­men muss­te. Weil sich kei­ner der in Fra­ge kom­men­den Män­ner in Edo auf­hielt, muss­te Ma­sa­mu­ne war­ten, bis er wie­der in sein Le­hen rei­sen konn­te. Der Sho­gun hat­te die Er­laub­nis noch nicht er­teilt, aber an­ge­deu­tet, dass dies bald ge­sche­hen wür­de. In den nächs­ten Ta­gen soll­ten noch ei­ni­ge Ge­sprä­che im Bei­sein wich­ti­ger Rat­ge­ber ge­führt und das wei­te­re Ver­hal­ten zu Chi­na fest­ge­legt wer­den. Date Ma­sa­mu­ne muss­te, da sei­ne Rei­se nach Chi­na vie­le wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen er­bracht hat­te, dar­an teil­neh­men. Er be­auf­trag­te Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga, mich in der Zwi­schen­zeit über al­les zu in­for­mie­ren, was eine Ad­op­ti­on mit sich brach­te. In die­sem Zu­sam­men­hang er­fuhr ich viel über das Land.

Er klär­te mich über die Rech­te und Pflich­ten ei­nes Sa­mu­rai auf und er­wähn­te im Ver­lauf des Ge­sprä­ches wie­der ein­mal einen Eu­ro­pä­er.

›Die meis­ten Pflich­ten, die ein ein­fa­cher Bus­hi sei­nem Herrn ge­gen­über hat, wer­den für dich nicht in Fra­ge kom­men, denn Date Ma­sa­mu­ne will dich zu ei­nem sei­ner Ha­ta­mo­to ma­chen.‹

Da­bei schau­te er mich an, als er­war­te er eine be­son­de­re Re­ak­ti­on von mir, wes­halb ich ihn frag­te:

›Was ist ein Ha­ta­mo­to?‹

Er nick­te ver­ständ­nis­voll.

›Es ist eine große Ehre für dich, denn ein Ha­ta­mo­to ist ein Ban­ner­trä­ger, ein per­sön­li­cher Ver­trau­ter sei­nes Herrn. Die­se Män­ner neh­men eine be­son­de­re Stel­lung ein und sind nur ih­rem Herrn ver­pflich­tet. Das be­deu­tet, wenn du die­se Stel­lung hast, habe ich dir nichts mehr zu sa­gen. Du stehst dann im Rang so­gar über mir. Wel­che Auf­ga­be du ha­ben wirst, ist dir ja be­kannt, und da­für wirst du vom Fürs­ten ent­lohnt.‹

Ich schau­te nach­denk­lich auf mei­ne Hän­de und schwieg. Bei mei­ner Ein­wil­li­gung, den Dai­myo zu be­glei­ten, hat­te ich kei­ne di­rek­te Vor­stel­lung von mei­nem wei­te­ren Le­ben ge­habt. Nun soll­te ich ein Sa­mu­rai und Ha­ta­mo­to des Fürs­ten wer­den. Das war für mich eine un­ge­wöhn­li­che Zu­kunfts­vor­stel­lung. An­de­rer­seits war ich wie­der vor eine Auf­ga­be ge­stellt, was ja mei­nen Wün­schen ent­sprach. Aber es gab so vie­le Re­geln und Zwän­ge, dass mir doch et­was Angst wur­de, dem Gan­zen ge­wach­sen zu sein.

Shi­ge­na­ga, der ein gu­ter Be­ob­ach­ter war, hat­te mei­ne Ge­dan­ken er­ra­ten.

›Du brauchst dir kei­ne Sor­gen zu ma­chen, dass der Fürst von dir Din­ge er­war­tet, die du nicht er­fül­len kannst. Du hast ihm in den letz­ten Ta­gen schon sehr hilf­rei­che Ratschlä­ge ge­ge­ben, und an­de­res er­war­tet er vor­läu­fig nicht von dir. Wich­tig ist, dass du un­se­re Spra­che so schnell wie mög­lich er­l­ernst, aber da bist du ja schon auf dem bes­ten Wege‹, er lach­te kurz auf. ›Auch an­de­re Aus­län­der ha­ben es ge­schafft, in so eine Po­si­ti­on zu kom­men, und das so­gar sehr er­folg­reich beim Sho­gun.‹

›Es gibt noch an­de­re Aus­län­der, die Sa­mu­rai wur­den?‹

›Nun, gab, müss­te ich sa­gen, denn die­ser ist vor vier Jah­ren ge­stor­ben. Mi­ura Anjin war ein Ha­ta­mo­to vom Sho­gun To­ku­ga­wa Ieya­su und hat ...‹, Shi­ge­na­ga ver­zog das Ge­sicht leicht. ›Na ja, sa­gen wir, er hat eine zwie­späl­ti­ge Rol­le ge­spielt.‹

›Der Name klingt aber nicht sehr eu­ro­pä­isch?‹

›Es soll­te dir ei­gent­lich klar sein, dass er als Sa­mu­rai un­mög­lich sei­nen al­ten Na­men be­hal­ten konn­te. Da er ein Günst­ling des Sho­guns war, muss­te ihn kei­ne Fa­mi­lie ad­op­tie­ren. To­ku­ga­wa Ieya­su hat ihn ein­fach zum Sa­mu­rai ge­macht und ihm den Na­men ver­lie­hen.‹

›Und wie­so hat er eine zwie­späl­ti­ge Rol­le ge­spielt?‹

›Weil wir es zu ei­nem Groß­teil die­sem Mann zu ver­dan­ken ha­ben, dass die To­ku­ga­wa Sho­gu­ne den Aus­län­dern und be­son­ders den Chris­ten so ab­leh­nend ge­gen­über­ste­hen. Mi­ura Anjin war Eng­län­der und hat­te kein gu­tes Ver­hält­nis zu den Por­tu­gie­sen. Die­se wa­ren schon vor sei­ner An­kunft hier ge­we­sen, und ei­ni­ge der Je­sui­ten-Pries­ter hat­ten im­mer wie­der Är­ger mit Mi­ura Anjin oder er mit ih­nen, das weiß kei­ner so ge­nau. Aus dem, was er dem Sho­gun über Por­tu­gal, Spa­ni­en und den Papst be­rich­te­te, ent­stand der Ein­druck, als woll­ten die­se bei­den Na­tio­nen un­ser Land zu ih­rer Ko­lo­nie ma­chen. Die Je­sui­ten-Pa­ter ha­ben das be­stä­tigt, in­dem sie sich im­mer wie­der in ja­pa­ni­sche An­ge­le­gen­hei­ten ein­misch­ten. Aus die­sem Grun­de muss­ten sie das Land ver­las­sen und das Chris­ten­tum wur­de ver­bo­ten.‹

Er senk­te den Blick und schüt­tel­te den Kopf.

›Date Ma­sa­mu­ne und auch ich hal­ten das nicht für den rich­ti­gen Weg, doch wir dür­fen das nie­mals of­fen zu­ge­ben, wenn wir uns und un­se­re Fa­mi­li­en nicht ge­fähr­den wol­len. Zu­mal die Be­rich­te von Ha­se­ku­ra Ts­une­n­a­ga mit zu die­sen Ent­schei­dun­gen ge­führt ha­ben. Als er von sei­ner großen Rei­se, die ihn auch nach Spa­ni­en ge­führt hat­te, zu­rück­ge­kehrt war, hat er vie­les be­stä­tigt. Zu­gleich wur­de auch klar, dass die Hei­mat von Mi­ura Anjin nicht viel bes­ser ist, und nun möch­te der Sho­gun un­ser Land vor al­len äu­ße­ren Ein­flüs­sen be­wah­ren.‹

Er schau­te wie­der hoch und mir in die Au­gen.

›Wir kön­nen froh sein, dass du für ihn ein Chi­ne­se bist. Auch wenn du kein ty­pi­sches Aus­se­hen ei­nes sol­chen hast, hin­ter­fragt er dei­ne Her­kunft nicht wei­ter. Chi­ne­sen und die Hol­län­der sind die Ein­zi­gen, die bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de ak­zep­tiert wer­den.‹

Et­was ver­le­gen füg­te er lei­se hin­zu:

›Date Ma­sa­mu­ne hat mir bei un­se­rem letz­ten Ge­spräch ge­sagt, dass er dich nie­mals ein­ge­la­den hät­te, wenn ihm zu die­sem Zeit­punkt schon be­kannt ge­we­sen wäre, wie schlimm es jetzt in die­ser Hin­sicht bei uns steht.‹

›Egal, es ist, wie es ist, und wir soll­ten das Bes­te dar­aus ma­chen. Das heißt, ich wer­de so schnell wie mög­lich al­les ler­nen, was ich wis­sen muss, um der neu­en Auf­ga­be ge­wach­sen zu sein. Zu­nächst muss ich un­be­dingt wis­sen, was es be­deu­tet, wenn ich von ei­ner Sa­mu­rai-Fa­mi­lie ad­op­tiert wer­de. Habe ich dann Ver­pflich­tun­gen ihr ge­gen­über?‹

›Nor­ma­ler­wei­se schon, doch der Fürst hat es so ge­plant, dass die­se Ver­pflich­tun­gen mög­lichst ge­ring ge­hal­ten wer­den kön­nen. Au­ßer­dem bil­det dei­ne Stel­lung als Ha­ta­mo­to eine Art Ge­gen­ge­wicht. In­so­fern kannst du auch nicht in sei­ne oder mei­ne Fa­mi­lie auf­ge­nom­men wer­den, das wür­de zu vie­le Kom­pli­ka­tio­nen mit sich brin­gen.‹

Shi­ge­na­gas Toch­ter brach­te uns Tee, füll­te je­dem sei­ne Scha­le und ver­ließ uns wie­der. Mein Gast­ge­ber über­leg­te kurz, wo er ste­hen ge­blie­ben war, und teil­te mir dann mit, dass der Dai­myo mit Is­hi­ka­wa Mu­nehi­ro we­gen der Auf­nah­me in des­sen Clan ver­han­deln wol­le. Die­ser Clan stand sich gut mit der Fa­mi­lie des Sho­gun, er war au­ßer­dem in meh­re­re Ne­ben­clans zer­split­tert, und nur ei­ner weil­te im Le­hen von Date Ma­sa­mu­ne. Nach An­sicht des Fürs­ten wa­ren das sehr gute Vor­aus­set­zun­gen für die Ad­op­ti­on.

Un­ser Ge­spräch dreh­te sich noch eine Wei­le um die­ses The­ma, doch dann gin­gen wir lang­sam zum Sprach­un­ter­richt über. Am Abend wur­den wir zum Fürs­ten ein­ge­la­den, der uns mit­teil­te, dass der Met­su­ke ein Tref­fen mit mir wünsch­te. Ma­sa­mu­ne hat­te ihn dar­auf­hin in sein An­we­sen ein­ge­la­den, was be­stimmt nicht in Sa­na­da Ma­sa­no­ris Sin­ne lag. Doch da al­les über Bo­ten ge­lau­fen war, hat­te er zu­ge­stimmt, am nächs­ten Tag der Ein­la­dung zu fol­gen. Die­ser Be­such drück­te auf die Stim­mung mei­ner neu­en Freun­de. Sie mach­ten sich er­heb­li­che Sor­gen, und wie­sen mich mehr­fach dar­auf­hin, die­sen Mann nicht zu un­ter­schät­zen.

Da die ge­naue An­kunfts­zeit des Met­su­ke nicht be­kannt war, be­gann ich den nächs­ten Mor­gen mit Tai-Chi-Übun­gen, wor­an sich ein Kraft­trai­ning an­schloss, das ohne die Hilfs­mit­tel, die ich in Shao­lin zur Ver­fü­gung hat­te, gar nicht so ein­fach war. Ich war noch nicht fer­tig, als der Met­su­ke ein­traf. Ich bat dar­um, mir den Schweiß ab­wa­schen zu dür­fen, um ihm ge­rei­nigt ge­gen­über­zu­tre­ten. Doch Ma­sa­no­ri ließ mir durch Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga mit­tei­len, dass er ger­ne mehr von mei­nen Kampf­küns­ten se­hen wür­de und ich des­halb mit dem Trai­ning fort­fah­ren sol­le. Da mir das lie­ber war als ein Aus­hor­chen, ging ich ger­ne dar­auf ein.

Ich be­gann die Übun­gen zu­nächst ohne Waf­fen, dann mit Stock und schließ­lich mit dem Schwert. Der Met­su­ke schau­te ge­dul­dig und in­ter­es­siert zu. Nach ei­ni­ger Zeit ließ er mich durch Shi­ge­na­ga fra­gen, ob wir im­mer al­lein üb­ten. Ich ver­nein­te, gab aber zu be­den­ken, dass ich hier kei­nen Trai­nings­part­ner hät­te. Dar­auf­hin rief er einen sei­ner Be­glei­ter zu sich. Die­ser war wie ein ein­fa­cher Ashi­ga­ru ge­klei­det, trug aber ein Schwert­paar, das dazu nicht so recht zu pas­sen schi­en. Shi­ge­na­ga hat­te mir er­klärt, dass die ein­fa­chen Fuß­sol­da­ten nicht zu den Sa­mu­rai zähl­ten. Doch die Klei­dung die­ses Man­nes war nicht die ein­zi­ge Auf­fäl­lig­keit an ihm. Sei­ne Aus­strah­lung und sein Auf­tre­ten wa­ren au­ßer­ge­wöhn­lich. Ich hat­te ihn bis zu die­sem Zeit­punkt gar nicht wahr­ge­nom­men, denn er hat­te es ver­stan­den, sich im­mer so im Hin­ter­grund zu hal­ten, dass er nicht auf­fiel. Als er von Sa­na­da Ma­sa­no­ri nach vorn ge­ru­fen wur­de, schi­en er wie aus dem Nichts auf­zut­au­chen. Die Ruhe und Ge­las­sen­heit, die er aus­strahl­te, war be­mer­kens­wert. Und ob­wohl ich ihn mir ge­nau an­ge­schaut hat­te, war ich am Abend nicht mehr in der Lage, sei­ne Ge­sichts­zü­ge zu be­schrei­ben. Ein­zig die Au­gen, die al­les zu durch­drin­gen schie­nen, blie­ben mir im Ge­dächt­nis.

Ma­sa­no­ri ließ mir mit­tei­len, die­ser Mann sei auch ein Ya­ma­bus­hi und be­herr­sche eine Kampf­tech­nik, die der mei­nen äh­nel­te. Ein Übungs­kampf mit ihm wäre si­cher für alle in­ter­essant.

Es war of­fen­sicht­lich, dass er mich auf die­se Wei­se tes­ten woll­te, doch ich sah kei­ne Mög­lich­keit, das ab­zu­leh­nen. Au­ßer­dem nahm ich an, dass es nicht viel an­ders wer­den wür­de wie bei dem Kampf, den ich ge­gen ihn ge­führt hat­te.

Ich stimm­te also zu, und der Ya­ma­bus­hi leg­te sei­ne Schwer­ter ab. An­schlie­ßend stell­te er sich mir ge­gen­über auf, neig­te zur Be­grü­ßung kurz sei­nen Ober­kör­per und griff mich dann so­fort mit ei­ner schnel­len Schlag-Tritt-Kom­bi­na­ti­on an. Die­ser An­griff kam so un­ver­mu­tet, dass ich es fast nicht schaff­te, ihn ab­zu­weh­ren. Nur mit Mühe ent­ging ich ei­nem kräf­ti­gen Tritt, der mein rech­tes Schlüs­sel­bein hät­te bre­chen kön­nen. Zwei­fel­los über­schritt das den Rah­men ei­nes Trai­nings­kamp­fes. Mein Geg­ner brems­te kei­nen Tritt und kei­nen Schlag recht­zei­tig ab, die An­grif­fe er­folg­ten ge­zielt und mit vol­ler Kraft. Nach dem zwei­ten An­griff mach­te Date Ma­sa­mu­ne An­stal­ten, den Kampf ab­zu­bre­chen. Bei ei­nem kur­zen Blick­kon­takt schüt­tel­te ich aber den Kopf, und er sank in sei­ne teil­nahms­lo­se Hal­tung zu­rück.

Nach­dem mir klar ge­wor­den war, wie sehr ich die­sen Kämp­fer un­ter­schätzt hat­te, be­müh­te ich mich um höchs­te Kon­zen­tra­ti­on. Wie im­mer in sol­chen Mo­men­ten überg­ab ich die Füh­rung an mein Chi, ver­such­te aber auch, die Ge­dan­ken mei­nes Geg­ners zu er­ken­nen. Das Er­geb­nis brach­te mich bei­na­he wie­der aus der Fas­sung, denn ich be­merk­te, dass er das Glei­che tat oder zu­min­dest ver­such­te. Ich konn­te nicht in ihn ein­drin­gen, und wie Han Li­ang Tian es mich ge­lehrt hat­te, ver­schloss ich mei­nen Geist, da­mit es ihm auch nicht bei mir ge­lang.

Wir hat­ten in die­sem Au­gen­blick bei­de die glei­chen Vor­aus­set­zun­gen, da kei­ner von uns auf die­se Art einen Vor­teil für sich er­rin­gen konn­te. Sei­ne nächs­ten An­grif­fe zeig­ten, dass sei­ne Tech­nik der von Shao­lin äh­nel­te. Sie war zwar et­was ru­hi­ger, aber ihr durch­aus eben­bür­tig. Ich ging also da­von aus, dass ich nur einen Vor­teil er­rin­gen konn­te, wenn ich die Mi­schung aus Shao­lin- und Wu­dang-Tech­nik ein­setz­te, was sich beim nächs­ten An­griff be­stä­tig­te.

Er täusch­te einen Schlag mit sei­ner Rech­ten an, doch ich be­merk­te, dass er sei­nen lin­ken Fuß ein we­nig ent­las­tet hat­te. Wie ich in die­sem Au­gen­blick ver­mu­te­te, schnell­te sein Bein nach oben, um einen Tritt auf mei­nen un­ge­schütz­ten rech­ten Rip­pen­an­satz aus­zu­füh­ren. Mit ei­ner leich­ten Dre­hung schlug ich mit mei­nem rech­ten Arm sein Bein nach oben weg, brach­te da­bei mei­nen Ober­kör­per aus dem Ge­fah­ren­be­reich, dreh­te mich wei­ter und schlug ihm mei­nen lin­ken El­len­bo­gen hart in die Sei­te. Das raub­te ihm den Stand, und er schlug hin­ten­über. Doch blitz­schnell war er mit ei­ner Rol­le wie­der auf den Bei­nen. Ohne eine er­kenn­ba­re Re­ak­ti­on zu zei­gen, kam er wie­der auf mich zu. Da­bei fi­xier­te er mich und ver­such­te, eine Lücke in mei­ner Ver­tei­di­gung zu fin­den. Nur we­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter er­folg­te ein völ­lig un­er­war­te­ter An­griff. Mit sei­ner Rech­ten täusch­te er einen Schlag an, und als mein Arm zur Ab­wehr nach oben schnell­te, griff er mit sei­ner lin­ken Hand nach ihm und zog mich über sein plat­zier­tes Bein. Ich konn­te mich ge­ra­de noch ab­fan­gen und auf den Rücken rol­len, als er schon zu ei­nem Tritt auf mei­ne Brust an­setz­te. Im letz­ten Au­gen­blick warf ich mich he­r­um, stieß mich mit den Hän­den ab, voll­führ­te eine Dre­hung und trat ihm in die Knie­keh­le des Stand­beins. Er lag nun eben­falls am Bo­den, und ich hat­te Zeit, wie­der auf die Bei­ne zu kom­men.

Was war denn das ge­we­sen? Es er­schi­en mir wie eine Mi­schung aus Judo und Ka­ra­te. Mir war es nicht mehr mög­lich, die Art sei­ner An­grif­fe ein­zu­schät­zen, und eine Zeit lang be­schränk­te ich mich auf rei­ne Ver­tei­di­gung. Nach ei­ner Wei­le er­kann­te ich ein be­stimm­tes Mus­ter in sei­nen An­grif­fen und konn­te eine ent­stan­de­ne Schwach­stel­le aus­nut­zen. Wie­der ein­mal hat­te er mei­nen rech­ten Arm ge­grif­fen und woll­te mich über sein Bein wer­fen, doch da ich die­sen An­griff er­war­tet hat­te, hol­te ich mit mei­nem noch frei­en lin­ken Arm Schwung, warf mich zu Bo­den und zog ihn hin­ter­her. Das lin­ke Knie hat­te ich hoch­ge­zo­gen und ramm­te es ihm in den Bauch. Ge­räusch­voll ent­wich die Luft aus sei­ner Lun­ge. Ohne große An­stren­gung ge­lang es mir, ihn auf den Rücken zu be­för­dern. Ein Knie auf sei­nen Arm, das an­de­re auf sei­ner Brust, die Fin­ger­knö­chel mei­ner Rech­ten an sei­nem Kehl­kopf, so en­de­te der Kampf. Einen Wim­pern­schlag lang konn­te ich maß­lo­ses Er­stau­nen in sei­nen Au­gen se­hen, dann wa­ren sie ge­schlos­sen. Es war die ein­zi­ge Ge­fühls­re­gung, die ich in die­ser gan­zen Zeit an ihm wahr­nahm, und sie war so kurz, dass ich mir nicht ein­mal si­cher war, ob ich mich nicht ge­täuscht hat­te.

Ich stand auf und bot ihm die Hand als Hil­fe, doch er er­hob sich erst, nach­dem der Met­su­ke ei­ni­ge bar­sche Wor­te an ihn ge­rich­tet hat­te. Ohne auf mei­ne Ges­te ein­zu­ge­hen, ging er zu sei­nen Schwer­tern. Nach­dem er sie auf­ge­nom­men hat­te, ge­sell­te er sich zu den an­de­ren Leib­wäch­tern von Sa­na­da Ma­sa­no­ri.

›Sehr be­ein­dru­ckend! Sie sind der Ers­te, der aus ei­nem Kampf mit ihm sieg­reich her­vor­ge­gan­gen ist. Jetzt kann ich so­gar mei­ne Nie­der­la­ge bei un­se­rem Schwert­kampf hin­neh­men.‹

Ka­ta­ku­ra Shi­ge­na­ga über­setz­te flie­send, was der Met­su­ke sag­te, doch ich konn­te mich kaum auf das fol­gen­de Ge­spräch kon­zen­trie­ren, weil mich mein Geg­ner zu sehr be­schäf­tig­te.

›Es ging mir nicht dar­um, die­sen Kampf zu ge­win­nen. Es soll­te nur ein Trai­ning sein, aber die An­grif­fe wa­ren an­ders, als ich es ge­wohnt bin‹, ant­wor­te­te ich leicht ab­we­send.

›Hmm, das liegt si­cher an der Art der Übun­gen. Man­che ge­hen eben här­ter mit­ein­an­der um als an­de­re.‹

Er ver­such­te mir ein­zu­re­den, dass das Trai­ning bei ih­nen auf die­se Art durch­ge­führt wür­de, was ich kaum glau­ben konn­te, denn dann wä­ren Kno­chen­brü­che und an­de­re schwe­re Ver­let­zun­gen an der Ta­ges­ord­nung. Wahr­schein­lich woll­te er mich mit die­sem Mann tes­ten und de­mü­ti­gen.

›Nun, ich zie­he un­se­re Art des Trai­nings vor, weil ich dann weiß, dass mir mein Trai­nings­part­ner auch am nächs­ten Tag wie­der zur Sei­te steht.‹

Er lach­te kurz auf.

›Aber es gab doch si­cher­lich nicht nur einen oder zwei, mit de­nen sie in Shao­lin trai­nier­ten?‹

Ahh, dar­auf lief es hi­n­aus, auf In­for­ma­tio­nen über Shao­lin. Ich muss­te wirk­lich auf der Hut sein und mei­ne Wor­te ge­nau wäh­len.

›Ge­wiss gab es mehr als einen, doch das Kämp­fen mit- und ge­gen­ein­an­der stand nicht im Vor­der­grund. An­de­res nahm mehr Übungs­zeit in An­spruch.‹

Grrr, was war bloß mit mir los!? Der zwei­te Satz hät­te nicht sein müs­sen. Ir­gend­was lenk­te mich ab. Was be­schäf­tig­te mich nur so sehr, dass ich mich kaum kon­zen­trie­ren konn­te?

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9783738074062
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