Читать книгу: «Traum oder wahres Leben»
Joachim R. Steudel
Traum oder wahres Leben
Gifuto - Das Geschenk
Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Wiedersehen
Nach dem Kampf
Das Angebot
Fehlverhalten mit Folgen
Ninja und Kazuko
Der Schmied
Informationen
Gefahr
Wechselbad der Gefühle
Zwei von vier Tagen
Gastmahl und Heilversuch
Der Auftrag des Daimyo
Kampf und Gespräche
Feuer in Bandai
Kinderwunsch und Abschied von Sendai
Die neue Heimat, Dauerregen und Ronin
Zeit der Trauer
Glossar und Nachbemerkung
Buchliste
Impressum neobooks
Das Wiedersehen
Schon seit geraumer Zeit lief die junge Frau suchend durch Lauscha. Sie hatte fast den ganzen Ort durchwandert und auf Grund der Gebirgslage einige Straßen auch mehrfach erkundet. Nun lief sie zum zweiten Mal an dieser Straßenbaustelle vorbei, und die Männer dort blickten sie wieder mit unverhohlener Neugier an. Sofort stellte sich bei ihr dieses ungute Gefühl ein. Sie fühlte sich durchschaut, erkannt und erniedrigt.
Nur schnell vorbei, dachte sie, doch das sollte ihr nicht gelingen. Einer der Bauarbeiter steuerte direkt auf sie zu.
Nachdem er sich mehrfach bewundernd über die junge Frau geäußert hatte, wurde er von seinen Kollegen so lange angestachelt, bis er allen Mut zusammennahm und auf sie zuging. Sie bemerkte das und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken oder umgekehrt, doch dazu war es bereits zu spät.
»Hallo, Sie sehen so suchend aus, kann ich Ihnen helfen?«
Oh, der scheint ja recht freundlich und nicht nur auf eine dumme Anmache aus zu sein, stellte sie erleichtert fest.
»Ja, vielleicht. Ich suche das Haus eines Bekannten und habe dummerweise seine Adresse nicht aufgeschrieben«, antwortete sie ausweichend.
»Wie heißt denn ihr Bekannter? Lauscha ist überschaubar, vielleicht kenne ich ihn ja.«
Ihr Gesicht hellte sich auf.
»Günter Kaufmann heißt er, und nach den Bildern, die er mir gezeigt hat, wohnt er in einem relativ neuen Einfamilienhaus. Er hat vor etwas mehr als einem Jahr seine gesamte Familie bei einem schweren Verkehrsunfall verloren.«
Das Gesicht des Bauarbeiters veränderte sich schlagartig und mit einem traurigen Blick deutete er nach rechts den Hang hinauf.
»Dort oben, hinter den zwei größeren Häusern, ist eine schmale Zufahrtsstraße, an der mehrere neue Einfamilienhäuser stehen. Das vorletzte gehört Herrn Kaufmann. Wenn Sie hier vorn rechts einbiegen, sich an der nächsten Kreuzung links halten und anschließend immer wieder rechts abbiegen, können Sie es nicht verfehlen.«
»Danke!«, sagte sie hocherfreut und wollte sich auf den Weg machen, doch der Bauarbeiter hielt sie noch einmal auf.
»Warten Sie! Etwas muss ich Ihnen noch sagen! Ich weiß nicht, wann und wo Sie Herrn Kaufmann zum letzten Mal gesehen haben, doch seit dem Unfall hat er sich sehr verändert. Ich wohne ganz in der Nähe, und wir haben uns früher manchmal getroffen, aber nach dem Tod seiner Familie war er nicht mehr derselbe. Erst war er total am Boden und nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hat sein Geschäft vernachlässigt, und viele haben schon befürchtet, dass es den Bach runtergeht. Manchmal ist er, ohne zu sagen wohin, einfach verschwunden und Tage später erst wieder aufgetaucht. Dann hat er ohne irgendeine Begründung sein Geschäft plötzlich abgegeben. Man munkelt, er hätte so eine Art Aktienfonds eingerichtet und diesen unter seinen Angestellten aufgeteilt. Die fähigsten von ihnen hat er zur Leitung der Firma bestimmt und ihnen alle weiteren Entscheidungen überlassen. Er soll zwar bei Fragen und Problemen immer noch zur Verfügung stehen, aber ansonsten kümmert er sich nicht mehr um das Geschäft.«
Er holte tief Luft und schüttelte den Kopf.
»Ich sehe ihn noch ab und zu, doch ich habe das Gefühl, dass er jetzt ein ganz anderer Mensch ist. Er meidet den Kontakt mit anderen und sucht die Einsamkeit. Manchmal habe ich ihn in den Bergen stundenlang still an einem Fleck sitzen sehen, und er schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Irgendwie ist er sehr seltsam geworden. Also wenn Sie ihn von früher her kennen, dann sollten Sie keinen überschwänglichen Empfang erwarten.«
Sie lächelte ihn an und sagte:
»Danke für den Tipp, aber ich denke, er wird mich schon erwarten. Wir haben uns erst vor einigen Tagen zufällig getroffen und hatten ein langes und interessantes Gespräch. Also nochmals danke für alles und: Auf Wiedersehen!«
Mit diesen Worten wendete sie sich ab und folgte dem beschriebenen Weg.
Ihr nachdenklich nachschauend, ging der Bauarbeiter zurück zu seinen Kollegen, und diese empfingen ihn mit neugierigen Worten:
»Eh, das war ja anscheinend eine sehr erfolgreiche Anmache! Du hast ihr wohl gleich den Weg zu dir nach Hause beschrieben?«
»Quatschkopp, seh ich so aus, als ob so ne Frau auf mich fliegen würde!? Ne, sie wollte wissen, wo der Kaufmann wohnt. Kennt ihn irgendwoher und will ihn besuchen.«
»Na, dann viel Spaß! Der lässt sich doch auf kein Gespräch mehr ein.«
»Glaub ich nicht! Sie scheint ihn erst vor kurzem getroffen zu haben. Auf alle Fälle kennt sie ihn recht gut, denn nichts von dem, was ich über ihn gesagt habe, hat sie wirklich überrascht.«
»Vielleicht ist das ja so ne Psycho-Tante, die ihn wieder auf die Reihe kriegen will«, sagte ein Dritter und schaute ihr noch einmal hinterher.
In diesem Augenblick bog die junge Frau in die Seitenstraße ein und entschwand ihren Blicken. Zügig schritt sie den beschriebenen Weg entlang, und als sie die Zufahrtsstraße erreichte, beschlich sie das Gefühl, dieses Bild schon einmal gesehen zu haben. Sie dachte einen Augenblick nach und erinnerte sich an Bilder aus der Geschichte des Mannes, den sie suchte. Nun brauchte sie die Beschreibung des Bauarbeiters nicht mehr. Schnell und sicher strebte sie dem Haus zu und erkannte es sofort wieder. Ein Blick auf die Klingel, und sie wusste, sie war richtig.
Sie holte tief Luft, drückte auf den Klingelknopf und schaute erwartungsvoll zur Haustür. Doch nichts bewegte sich, kein Geräusch war zu hören, und niemand war zu sehen. Noch zweimal wiederholte sie diesen Versuch, dann war ihr klar, es war niemand zu Hause.
Was nun? Sollte sie umkehren und ein anderes Mal wiederkommen? Aber da wären die Chancen auch nicht besser. Genauso gut konnte sie warten, vielleicht war er ja nur kurz weggegangen und kam bald zurück. Sie schaute sich um und stellte fest, dass das Haus in einer sehr schönen Lage stand. Nicht weit hinter dem Haus begann der Wald, der sich über den gesamten restlichen Hang bis zum Gipfel des Berges hinzog. Nur noch ein Haus folgte, und dann endete die Straße in einer sanft abfallenden Wiese. Dieser strebte sie nun zu. Das Gras war noch nicht lange gemäht, und die jungen frischen Spitzen verliehen der Wiese eine saftig grüne Farbe. Nachdenklich setzte sie sich und schaute ins Tal.
Eine angenehme Ruhe umgab sie. Nur Vogelstimmen und der leichte Wind, der mit den Blättern der Bäume spielte, waren zu hören. Erst wenn man sich sehr anstrengte, konnte man die Geräusche aus der im Tal liegenden Stadt wahrnehmen. Diese wirkten jedoch nicht störend, im Gegenteil, sie waren leise und nahmen einem das Gefühl der Einsamkeit.
Langsam wanderte ihr Blick über die schöne Landschaft, und es dauerte nicht lange, bis sie sich in diesen Ort verliebt hatte. Träumerisch schaute sie von einem Fleck zum anderen, doch nach einiger Zeit nahm sie nichts mehr davon wahr. In ihren Gedanken tauchten Bilder der Geschichte auf, die sie hierher geführt hatte.
Sie konnte nicht sagen, wie lange sie so gesessen hatte, als hinter ihr eine wohlbekannte Stimme ertönte.
»Wenn Sie keinen Sonnenbrand haben wollen, sollten Sie nicht so in der prallen Sonne sitzen.«
Sie fuhr herum und schaute in das freundliche Gesicht des Mannes, den Sie gesucht hatte.
»Hallo!«, sagte sie und stand auf. »Ich denke, Sie werden mich erwartet haben, und ich möchte gerne erfahren, wie diese Geschichte ausgegangen ist.«
Schmunzelnd sah er sie an.
»Naja, sagen wir, ich habe gehofft, dass Sie nicht tun, was Sie auf diesen Berg geführt hatte, und wenn Sie es möchten, dann werde ich Ihnen auch den Rest der Geschichte erzählen. Aber eins sollten Sie wissen. Es könnte länger dauern.«
»Das hab ich mir schon gedacht, doch die Bilder dieser Geschichte lassen mich nicht mehr los, und ich denke auch, dass es nicht nur eine Geschichte ist, sondern ein gelebtes Leben. Ich weiß zwar nicht, wie das möglich ist, doch vielleicht werde ich es ja noch erfahren.«
»Na, dann kommen Sie mal mit. Wir können uns auf die Terrasse hinterm Haus setzen, dort ist es jetzt etwas schattig, und das dürfte Ihrer Haut guttun.«
Sie sah sich ihre schon leicht geröteten Arme an und stimmte dankbar zu. Auf dem Weg zum Haus musterte sie ihn prüfend. Das Bild, das sie von ihm hatte, und seine Ausstrahlung passten so gar nicht zu dem, was der Bauarbeiter über ihn geäußert hatte. Doch wahrscheinlich ist das so, wenn sich ein Mensch geändert hat und nicht mehr in die Schablone passt, die man anlegt. Nur Außenstehende konnten sein neues und wahres Ich erkennen, alle anderen hielten ihn für übergeschnappt oder bestenfalls von den tragischen Ereignissen gezeichnet.
Sie betraten den kleinen Vorgarten, und er führte sie um das Haus herum zu der schön angelegten Terrasse. Dort bat er sie, auf der Hollywoodschaukel Platz zu nehmen, und rückte einen kleinen Tisch heran. Anschließend schloss er die Tür auf, die von der Terrasse ins Wohnzimmer führte. Von da ging er in die Küche, um Gläser und etwas zum Trinken zu holen.
»Was möchten Sie trinken? Ich habe gut gekühlten Apfelsaft, Orangenlimonade und einfachen Sprudel«, rief er aus dem Haus heraus.
»Vielleicht den Apfelsaft. Oder warten Sie, bringen Sie den Sprudel doch mit. Mit Wasser verdünnten Apfelsaft trink ich eigentlich sehr gerne.«
Mit den beiden Flaschen und zwei Gläsern in der Hand kam er wieder heraus. Nachdem er ihr eingegossen hatte, zog er einen Gartenstuhl heran und setzte sich ihr gegenüber hin. Lange und eindringlich schaute er sie an.
Seltsamerweise empfand sie diesen Blick nicht als unangenehm, sondern es wurde ihr dabei richtig warm ums Herz. Sie hielt seinem Blick lange stand, und erst als er sie ansprach, griff sie zum Glas und trank in tiefen Zügen.
»Was hat Ihre Meinung geändert? Was hat Sie bewogen, doch das Leben zu wählen?«
»Ich kann es Ihnen nicht genau sagen! Zum einen sicherlich die Neugierde, denn ich möchte zu gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht.«
Sie machte eine Pause und dachte angestrengt nach, doch als sie eine Weile später immer noch nicht fortfuhr, fragte er:
»Und zum anderen?«
Ruckartig blickte sie von dem Glas hoch, das sie angestrengt fixiert hatte.
»Ja, und zum anderen hat mich einiges nachdenklich gemacht. Das, was Sie mir erzählt haben, oder besser gesagt, was ich mit Ihnen erlebt habe, hat mich sehr beschäftigt. Jetzt frage ich mich, ob ich das Recht habe, einfach so aus meinem Leben zu flüchten. Vielleicht kann ich diesem ja ein neues Ziel geben, einen neuen Weg finden, um ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen.«
Sie holte tief Luft, schüttelte den Kopf und sah ihm in die Augen.
»Ich weiß es nicht. Doch ich möchte gerne mehr hören von Ihrer Geschichte. Sie haben bei unserem ersten Treffen so plötzlich abgebrochen und sind dann so schnell verschwunden. Warum? Was hat Sie dazu veranlasst?«
Nun war er es, der tief Luft holte und überlegte. Was und wie viel durfte er ihr erzählen? Schließlich schüttelte er den Kopf und sagte, sie dabei anlächelnd:
»Das ist schwierig zu erklären, aber ich merke, dass ich das, was ich einmal begonnen habe, auch irgendwie zu Ende führen muss. Ich hoffe, Sie haben genügend Zeit mitgebracht!?«
»Ja, natürlich! Nur deshalb bin ich hier.«
»Gut, dann würde ich vorschlagen, wir lassen das mit dem Sie sein, denn Sie, oder besser gesagt, du tauchst so tief in meine Welt ein und erfährst so viele intime, persönliche Dinge, dass es schon ein wenig seltsam klingt, wenn wir uns weiter siezen.«
»Ja doch! Gerne! Ich heiße Sarah, Sarah Liebherr, und wie soll ich dich nennen? Günter Kaufmann, Gü Mann, Xu Shen Po oder vielleicht noch anders?«
»He, du kannst ja sogar sarkastisch sein!«, sagte er mit einem kurzen Auflachen. »Doch Spaß beiseite, ich bin Günter Kaufmann, denn das ist der Name, den ich bei meiner Geburt erhalten habe, alles andere war nur zweckbedingt und spielt keine Rolle im Jetzt und Hier.«
»Also Günter, warum bist du letztens so schnell verschwunden?«
»Du hast ja Leute getroffen, als du zu deinem Auto gelaufen bist, und hast sicherlich auch gemerkt, dass mit mir und um mich manches anders ist als bei anderen.«
Sie nickte und sah ihn gespannt an.
»Nun ja, es waren zwar andere Leute, als ich befürchtet hatte, aber auch solche können von dem, was sie gesehen und gehört haben, berichten. Durch die weltweite Vernetzung und durch den problemlosen Zugang zu bestimmten Medien gelangt eine Nachricht dann sehr schnell von einem zum anderen. Es ist also bloß eine Frage der Zeit, bis bestimmte Menschen davon erfahren. Inzwischen haben sich Gruppen gebildet, die jedem ungewöhnlichen Ereignis nachspüren, es auswerten, sich Meinungen dazu bilden und dann einer breiten Masse zugänglich machen.«
Er lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen.
»Nun, stell dir vor, diese Menschen würden von meiner Geschichte erfahren. Was würde wohl geschehen? Wo könnte ich noch in Frieden leben, ohne dass mir ständig jemand an den Fersen klebt? Und außerdem ...«
Mit einem Ruck richtete er sich wieder auf und öffnete die Augen. »Außerdem könnte es ja auch nur ein Traum sein.«
Sie schüttelte den Kopf, deutete auf seine linke Brust und sagte:
»Das glaub ich nicht! Dazu hab ich diese Geschichte viel zu deutlich erlebt und nicht nur gehört. Und da, auf deiner linken Brust, dass könnte die Narbe sein, die von dem Trainingsunfall in Wudang stammt.«
Auf Grund des warmen Sommertages hatte er das Hemd weit aufgeknöpft, und nun war es im Sitzen verrutscht. Dadurch war der Blick auf die pflaumengroße Narbe, die auf seiner linken Brust prangte, frei geworden. Er schaute hinunter und knöpfte lächelnd sein Hemd weiter zu.
»Gut aufgepasst! Aber es könnte auch anders sein, und die Narbe hat vielleicht einen ganz anderen Hintergrund. Doch das spielt jetzt keine Rolle! Du sollst selbst festlegen, was du glauben willst und was nicht. Ich denke, jede Geschichte und jedes Leben ist es wert, dass man genauer darüber nachdenkt. Vielleicht kann man ja einiges daraus lernen, für sich verwerten und mit diesen Erfahrungen etwas besser machen. Vieles von dem, was das Leben und die Menschheit verändert hat, baut auf solchen Erfahrungen auf.«
»Ich weiß, das hab ich schon bei den Gesprächen erkannt, die du mit Han Liang Tian und Tiang Li Yang geführt hast. Was ist eigentlich aus deinen chinesischen Freunden geworden? Du hast bei unserem Abschied angedeutet, dass du China dann verlassen hast.«
»Ja, das war auch so, und von meinen Freunden, die ich in dieser Zeit gewonnen hatte, habe ich bis auf Lei Cheng keinen mehr zu Gesicht bekommen. Doch das war viel, viel später und ein sehr großer Zufall. Aber diese Geschichte werde ich vielleicht ein anderes Mal erzählen. Jetzt möchte ich erst einmal dort fortfahren, wo wir bei unserem letzten Treffen unterbrochen wurden.«
Er beugte sich vor und legte seine Hand auf den Tisch.
»Gib mir deine Hand, Sarah. Du weißt, dass du die Geschichte so besser erleben kannst, und es ist auch einfacher für mich.“
Sie legte Ihre Hand in die seine und schloss die Augen. Jetzt hatte sie keine Angst mehr davor, sich so zu ergeben und fallen zu lassen. Beim ersten Mal war es eine neue beängstigende Erfahrung gewesen, doch nun wartete sie mit Spannung darauf, wieder in diese Geschichte einzutauchen.
Kaum hatte sie ihre Hand in die seine gelegt, spürte sie wieder diese Ruhe und Kraft, die sie durchströmte. Alles um sie herum verblasste, und die Bilder der letzten Ereignisse stiegen in ihr auf, während sie die erklärenden Gedanken von ihm wahrnahm.
Nach dem Kampf
»Nachdem wir die japanische Gesandtschaft aus ihrer gefährlichen Lage befreit hatten, habe ich mich an dem kleinen Fluss gereinigt. Wang Lees Versuche, mich zu beruhigen, hatten nicht wirklich Erfolg. Es war für mich das erste Mal gewesen, dass ich an einem Kampf teilgenommen hatte, bei dem Menschen zu Tode kamen. Meine Gedanken kreisten darum, ob ich das Recht gehabt hatte, hier einzugreifen. Nur der Umstand, dass im anderen Fall die Japaner vermutlich umgekommen wären, beruhigte mich ein wenig. Dennoch sollte mich dieses Geschehen noch lange beschäftigen.
Aber vorerst hatte ich keine Zeit, mich diesen Gedanken weiter hinzugeben. Der japanische Fürst kam mit seinem Gefolgsmann auf mich zu. Als sie uns erreicht hatten, neigten sie leicht den Kopf, und der Gefolgsmann des Daimyo sprach mich an. Sein Chinesisch war ein wenig gebrochen, aber gut verständlich.
›Fürst Date Masamune möchte sich bei Ihnen für Ihr hilfreiches Eingreifen bedanken! Wir stehen tief in Ihrer Schuld, und unsere Dankbarkeit kann Ihnen gewiss sein.‹
Die rechte Hand senkrecht vor die Brust haltend, neigte ich ebenfalls den Kopf und grüßte zurück.
›Jeder, der in Bedrängnis gerät, kann meiner Hilfe gewiss sein, doch ich habe nichts getan, was nicht auch alle anderen Brüder aus Shaolin tun würden.‹
›Ja, wir haben gemerkt, dass das, was der Abt uns vorspielen ließ, nicht der Wahrheit entspricht. Ihr seid große Kämpfer und habt ein starkes Chi. Ich habe auch bemerkt, dass schon die Kraft Eures Chi starke Krieger dazu bringen kann, ihre Schwerter zu senken‹, sagte er mit einem hintergründigen Lächeln.
Ich wusste, dass er auf den Zusammenstoss, den Wang Lee und ich mit zwei seiner Männer gehabt hatten, anspielte. Doch darauf wollte ich nicht eingehen, und glücklicherweise richtete nun der Daimyo sein Wort an mich. Da dieser aber nicht Chinesisch sprach, musste sein Gefolgsmann übersetzen.
›Fürst Date Masamune möchte wissen, wie es kommt, dass ihr uns gefolgt seid, und wer diese Angreifer waren!?‹
›Wer diese Angreifer waren, kann ich auch noch nicht sagen, doch wir werden versuchen, es herauszubekommen. Und dass wir hierher kamen, war eigentlich Zufall. Ich wollte eine längere Reise antreten, und meine Freunde haben mich bis Dengfeng begleitet. Als wir dort erfuhren, dass Sie nicht durch diesen Ort gekommen waren, war uns klar, dass etwas nicht stimmte. Dieser Weg hier ist der einzige, den Sie noch nehmen konnten, doch er ist beschwerlich, man kommt nicht schneller ans Ziel, und nur wenige kennen ihn. Als uns das bewusst wurde, verstärkte sich mein ungutes Gefühl, und wir beeilten uns, Sie zu erreichen. Auf halbem Weg fanden wir dann einen Ihrer verwundeten Soldaten, der Hilfe holen wollte, aber nicht weiterkam.‹
Beim letzten Satz hatte der Samurai aufgehorcht und ließ sich den Soldaten genau beschreiben. Er nickte verstehend und übersetzte das bisher Gehörte dem Daimyo. Ungeduldig forderte mich dieser durch den Übersetzer auf weiterzuerzählen. Ich verstand dies nicht ganz, kam aber schulterzuckend seiner Aufforderung nach.
›Nun, da gibt es nicht mehr viel zu erzählen. Aus den Gesten und dem Zustand des Soldaten schloss ich, dass es einen Überfall gegeben hatte und dass Ihre Gruppe dringend Hilfe brauchte. Einer meiner Freunde blieb zurück, um sich um den Verwundeten zu kümmern, und wir anderen beeilten uns, Sie zu erreichen. Tja, den Rest haben Sie ja mitbekommen.‹
›Der Verwundete, wie geht es ihm?‹, fragte der Samurai ungeduldig.
Verwundert über so viel Anteilnahme an einem einfachen Soldaten sah ich ihm und dem Daimyo in die Augen. Sie schienen beide sehr besorgt um das Leben dieses Mannes zu sein, und ich kam ihrem Wunsch nach:
›Er ist ein tapferer Mann und obwohl er so schwer verletzt ist, dass er sich nicht aufrichten konnte, blickte ich erst einmal in sein Schwert. Ich denke, bei guter Pflege, und wir haben im Kloster sehr gute Wundheiler, wird er wieder völlig genesen. Es wird zwar etwas dauern, doch er wird seinen Dienst bei Ihnen wieder aufnehmen können.‹
Der Samurai beeilte sich, das Gehörte seinem Fürsten zu übersetzen, und dieser schien sichtlich erleichtert. Wieder verneigte er sich vor mir und richtete einige Worte an mich. Mit einem freundlichen Lächeln übersetzte sie sein Gefolgsmann:
›Der Fürst ist Ihnen nun noch mehr verpflichtet, denn es ist sein Sohn, den Sie da gefunden haben. Er ist Ihnen auch sehr dankbar, dass gleich einer Ihrer Freunde bei ihm geblieben ist, um ihn zu pflegen.‹
Ich war sehr erstaunt. Dieser junge Mann hatte nicht den Eindruck einer höhergestellten Person erweckt. Er war immer mit den einfachen Soldaten unterwegs und im Kloster auch so untergebracht gewesen. Sein Auftreten und seine Behandlung durch die anderen hatten immer auf einen untergeordneten Soldaten hingedeutet. Der Grund dafür interessierte mich sehr, und ich wollte mich schon danach erkundigen. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das jetzt nicht angebracht wäre. Deshalb beließ ich es vorerst dabei und sagte in der Hoffnung, später mehr zu erfahren:
›Es gibt keinen Grund für besondere Dankbarkeit, denn wie ich schon sagte, jeder, der in Not ist, kann auf unsere Hilfe zählen.‹
Die beiden verneigten sich noch einmal achtungsvoll vor uns, und dann begaben wir uns zu den Verwundeten. Chen Shi Mal war schon bei ihnen und schaute sich die Verletzungen der Überlebenden an. Außer dem Daimyo und dem Samurai, der als Übersetzer auftrat, hatten nur noch zwei mit relativ geringfügigen Verletzungen überlebt. Diese bedurften unserer Hilfe nicht, und wir kümmerten uns um die fünf Schwerverletzten, die etwas weiter hinten in der Seitenschlucht lagen.
Sie hatten unterschiedliche, aber teilweise sehr tiefe und gefährliche Wunden davongetragen. Eine Gemeinsamkeit verband sie aber alle. Sie hatten sehr viel Blut verloren und waren sehr schwach.
Vorsichtig trugen wir sie in das weite Tal und richteten dort ein provisorisches Lager ein. Wir versorgten die Verletzungen, so gut das unter den derzeitigen Bedingungen möglich war, kamen dann aber überein, dass wir Hilfe benötigen würden. Deshalb berieten wir, wie das geschehen sollte.
›Es muss jemand zurück nach Shaolin und Hilfe holen, denn ins Kloster können wir die Verletzten nicht transportieren. Zum einen sind wir zu wenige dazu, und zum anderen würden das einige nicht überleben.‹
›Da stimm ich dir zu, Chen Shi Mal!‹, antwortete ich. ›Ich bin der Schnellste von uns, vielleicht wäre es am besten, ich würde mich gleich auf den Weg machen. Wenn ich keine Pause einlege, könnte ich morgen Vormittag mit Hilfe wieder zurück sein.‹
Wang Lee machte ein bedenkliches Gesicht und warf ein:
›Ich weiß nicht?! Habt Ihr euch die toten Angreifer einmal genauer angeschaut? Ich hatte den Eindruck, einige dieser Gesichter schon einmal gesehen zu haben, und zwar im Kloster.‹
›Stimmt, wenn ich mich nicht irre, gehörte zumindest einer zu der Gruppe, die mit Mao Lu Peng vom Kaiserhof zurückkam. Ich hab diese Männer aber nur kurz gesehen, und ich kann mich auch täuschen. Es gibt mittlerweile so viele, die zu Kämpfern ausgebildet werden, aber keine Mönche sind, dass man sich nicht mehr jedes Gesicht merken kann‹, erwiderte Chen Shi Mal.
Wang Lee nickte bestätigend.
›Und genau aus diesem Grund ist es vielleicht nicht so gut, wenn Xu Shen Po noch einmal im Kloster auftaucht. Alle denken, er hat es für immer verlassen, und wenn Mao Lu Peng in die Sache verwickelt sein sollte, müssen wir ihn nicht darauf aufmerksam machen, dass es vielleicht nicht so lief, wie er es sich gewünscht hat.‹
Erstaunt sah ich ihn an.
›Wie kommst du denn darauf? Ich dachte, das wären Banditen gewesen.‹
›Ich kann es dir nicht erklären! Doch ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache, und wir müssen doch kein Risiko eingehen! Wenn Chen Shi Mal oder ich wieder im Kloster auftauchen, erweckt das keinen Verdacht, und wir können ein paar wenige vertrauenswürdige Leute mitbringen. Ansonsten sollten wir aber erst einmal Stillschweigen über die Vorgänge von hier wahren.‹
Nachdenklich schaute ich von einem zum anderen.
›Na ja. Wenn ihr denkt. Aber vielleicht wäre es gut, wenn ihr zusammen losgeht und einer von euch dann mit Liu Shi Meng den verletzten Sohn des Fürsten hierher bringt. Vielleicht könnt ihr euch eine Trage bauen und ihn hertragen. Ich bleib erst mal hier und kümmere mich so lange um die anderen Verletzten.‹
Die beiden stimmten zu und brachen sofort auf. Anschließend erklärte ich den Japanern, was wir beschlossen hatten.
Da der Daimyo und sein Gefolgsmann mit der Pflege der Verwundeten nicht viel im Sinn hatten, war ich auf mich allein gestellt. Während ich versuchte, alles Wissen, das ich in dieser Beziehung von den Mönchen erhalten hatte, aus meinem Gedächtnis hervorzukramen, machten sich der Daimyo mit seinen noch aktionsfähigen Männern auf, um die Pferde wieder einzufangen. Auch ihre verstreut herumliegenden Sachen sammelten sie wieder ein.
Bald brachten sie mir einige Nahrungsmittel und Kleidungsstücke, aus denen ich Stoffstreifen zum Verbinden machte. So gelang es mir, die Verwundeten notdürftig zu versorgen.
Als das letzte Tageslicht schon fast geschwunden war, kamen Wang Lee und Liu Shi Meng mit dem verletzten Sohn des Fürsten in unserem Lager an. Ich hatte erwartet, dass der Daimyo sich gleich um seinen Sohn kümmern würde, doch er warf nur einen kurzen Blick auf diesen und beachtete ihn dann nicht weiter.
Das konnte ich überhaupt nicht verstehen, und in einem günstigen Augenblick erkundigte ich mich bei dem chinesisch sprechenden Samurai nach dem Grund dieses Verhaltens.
›Gestatten Sie eine Frage?‹
›Natürlich, warum denn nicht!?‹
›Nun, ich kann einiges nicht verstehen, habe aber das Gefühl, dass es ein Tabuthema ist.‹
›Wir werden sehen!‹
›Als ich Ihnen erzählte, dass wir den Sohn des Fürsten schwer verletzt gefunden hatten, schienen Sie beide sehr besorgt um ihn zu sein und waren froh, dass er Pflege erhielt. Doch als er hier im Lager ankam, wurde er von Ihnen kaum eines Blickes gewürdigt. Wieso? Und warum ist er als Sohn des Fürsten unter den einfachen Soldaten und wird von allen auch so behandelt?‹
Im ersten Augenblick verschloss sich die Miene des Samurai, und ich hatte den Eindruck, er würde mich aufbrausend abweisen, aber dann besann er sich.
›Das lässt sich nicht so leicht beantworten, denn es besteht ein recht gespanntes Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Außerdem gibt es in unserem Land einen anderen Verhaltenskodex als in Ihrem. Ehre und die Verpflichtungen gegenüber Höhergestellten werden bei uns anders bewertet als bei Ihnen.‹
›Das mag schon sein, doch ich habe die Sorge und die Liebe zu seinem Sohn im Auge des Fürsten gesehen. Was hindert ihn daran, ihm diese auch zu zeigen?‹
Der Samurai holte tief Luft und stieß sie mit Druck wieder aus.
›Sie geben aber auch keine Ruhe. Nun gut, ich werde versuchen, Ihnen die Situation zu erklären.‹
Er schaute sich kurz um, nickte zufrieden und sagte dann:
›Der zweitälteste Sohn des Fürsten wurde bis vor einem Jahr behandelt, wie es ihm zukommt. Er erhielt eine hervorragende Ausbildung und hatte alle Privilegien, die einem Sohn und Nachfolger des Provinzfürsten zustehen. Seine kämpferische Ausbildung oblag mir, und er war ein hervorragender Schüler, der mir am Ende fast gewachsen war. Doch all diese Dinge machten ihn überheblich, arrogant und herrschsüchtig. Er erkannte seine Grenzen nicht mehr und überschritt ständig seine Befugnisse. Nach Date Masamunes Tod soll er der neue Daimyo werden, und dann hätte ein solches Verhalten schwerwiegende Folgen. Die Provinzfürsten sind auf Gedeih und Verderb dem Shogun verpflichtet. Sie haben seit einiger Zeit nur noch eingeschränkte Rechte, viele Pflichten, und ihr Leben gehört dem Shogun. Unterwerfung diesem gegenüber ist oberstes Gebot. Der Sohn des Fürsten begann sich für unantastbar zu halten, und sein Leben wäre am Hofe des Shogun sicherlich bald verwirkt gewesen. Als sich Date Tadamune immer öfter in Schwierigkeiten brachte, erbat der Fürst vom Shogun, seinen Sohn als einfachen Soldaten in eine Truppe unter meinem Kommando zu stellen und nach Sendai, zur Burg des Fürsten, zu schicken. Da Date Masamune ein treu ergebener Diener des Shogun ist, wurde ihm dies gestattet. Offiziell handelte es sich um eine Bestrafung durch den Shogun für unangemessenes Verhalten. Keinem außer dem Fürst, dem Shogun, mir und jetzt Ihnen sind die wahren Hintergründe bekannt. Nur eine Bedingung gab es: Der Fürst musste diese Reise hier planen und antreten.‹
Ich sah ihn erstaunt an, und er beeilte sich, seine Worte genauer zu erklären:
›Nicht diese hier nach Shaolin, sie wurde nur wegen der Neugierde des Fürsten unternommen, der sehr viel über die Shaolin-Kämpfer am Kaiserhof gehört hatte. Nein, die Reise an den chinesischen Kaiserhof.‹
Da ich ihn immer noch fragend ansah, fuhr er mit seinen Erklärungen fort:
›Mehr kann ich darüber jetzt nicht sagen, nur eins noch: Der Shogun beauftragte Date Masamune damit, weil schon einmal ein Gefolgsmann von ihm eine diplomatische Reise angetreten hatte. Hasekura Tsunenaga war im Auftrag des Shogun bis nach Mexiko und Europa gereist. Der Shogun vertraut nun darauf, dass Date Masamune das gleiche Geschick bei dieser diplomatischen Mission an den Tag legen wird. Außerdem weiß er, dass ich als sein Gefolgsmann mit dabei bin und Date Masamune sich durch meine Chinesischkenntnisse nicht auf einen fremden Dolmetscher verlassen muss.‹
Ich horchte auf. Hier gab es eine Verbindung zu Europa, und obwohl es eine ganz andere Epoche war, hatte ich plötzlich ein seltsames Gefühl. Ich war neugierig geworden und begierig, mehr darüber zu erfahren, doch vorerst ergab sich diese Gelegenheit nicht. Der Samurai fuhr aber mit seinen Erklärungen fort.
›Bevor wir diese Reise antraten, war es mir gelungen, den Sohn des Fürsten ein wenig zur Ruhe zu bringen. Es fiel ihm schwer, sich unterzuordnen, doch er hatte keine andere Wahl. Ich denke, dass sein Vater im richtigen Moment die richtige Entscheidung getroffen hat. Er wollte ihn Demut lehren. Ihm zeigen, dass auch er sich in bestimmten Situationen unterwerfen muss, dass auch ihm Grenzen gesetzt sind und Willkür und Hochmut schnell zum Verderben werden können.‹
Ich dachte über das eben Gehörte nach. Zum Teil konnte ich den Fürsten verstehen, aber mich irritierte, dass er sich immer noch so abweisend verhielt und seinem Sohn nicht zeigte, wie sehr er ihn eigentlich liebte.
›Einiges kann ich nun besser verstehen, doch warum schließt er jetzt immer noch keinen Frieden mit ihm und verheimlicht ihm, wie besorgt er war?‹
›Zum einen ist er der Meinung, dass es noch zu früh dazu ist. Zum anderen ist das eine Eigenschaft unseres Volkes und unseres Standes. Es ist nicht so einfach, seine Gefühle einem anderen gegenüber zu zeigen, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren, und ich würde Ihnen raten, mit dem Fürst vorläufig nicht darüber zu sprechen. Date Masamune ist ein Tozama-Daimyo, der aber ein hohes Ansehen beim Shogun genießt. Er ist also ein relativ unabhängiger Fürst, und um diese Stellung zu wahren und in den folgenden Generationen weiter auszubauen, müssen auch seine Söhne über jeden Tadel erhaben sein. Ich kann nicht sagen, was mich bewogen hat, Ihnen das alles zu erzählen, doch Sie können sicher sein, dass es mein Ansehen beim Fürsten gewaltig untergräbt, wenn er davon erfährt.‹
Ich versprach ihm, darüber zu schweigen. Er war auch deshalb relativ beruhigt, da ich durch die Unkenntnis der japanischen Sprache im Moment sowieso nur über ihn mit dem Fürst sprechen konnte.
Als wir wieder im Lager angekommen waren, gesellte ich mich zu Wang Lee und Liu Shi Meng, doch vorläufig herrschte nur Schweigen. Ich hing meinen Gedanken nach, und die beiden merkten, dass mich etwas beschäftigte.
Ich machte mir Gedanken über das Verhalten des Fürsten und fragte mich, ob es wirklich der richtige Weg war, seinen Sohn zu erziehen. Aber anscheinend hatte er damit einen gewissen Erfolg. Außerdem war es ein anderes Land mit anderen Sitten, daher konnte ich meine Maßstäbe nicht bei ihnen anlegen. Mir hatte der Wehrdienst auch geholfen, selbständig und verantwortungsbewusst zu werden. Da man das hier fast genauso werten konnte, blieb nur das gespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn. Aber ich hatte auch die Liebe und Sorge unter der rauen Schale bemerkt, und so schien das Ganze nach außen schlimmer zu sein, als es war.
Inzwischen hatten sich Wang Lee und Liu Shi Meng über die letzten Ereignisse unterhalten, und die letzten Worte Liu Shi Mengs ließen mich aufhorchen.
›Ich bin der Meinung, wir sollten so schnell wie möglich hier verschwinden. Meiner Ansicht nach war die Aktion gut geplant und kein zufälliger Überfall von einer einzelnen Banditengruppe. Wenn bemerkt wird, dass sie ihr Ziel nicht erreicht haben, kommen vielleicht noch andere, und dann haben wir keine Chance mehr!‹
Da ich durch mein tiefes Nachsinnen nichts vom vorhergehenden Gespräch mitbekommen hatte, fragte ich nach:
›Wie kommst du denn darauf?‹
›Ich kann es dir nicht erklären, aber ich habe kein gutes Gefühl hier. Mag sein, dass es an diesem Ort mit den noch sichtbaren Kampfspuren liegt, wie Wang Lee meint, doch ich finde, wir sollten von hier verschwinden!‹
›Wo willst du hin, ins Kloster können wir die Verwundeten nicht schaffen, das ist zu weit, und einige von ihnen würden diesen langen Transport sicher nicht überleben‹, fiel Wang Lee ein.
›Na ja, vor einigen Jahren war mal ein alter Mann im Kloster. Er wollte Medizin für seine kranke Tochter von Han Liang Tian erbitten, doch der Abt ist damals gleich selbst mitgegangen und hat sie gesund gepflegt. Als er zurückkam, hat er uns erzählt, dass er noch nie von diesem kleinen Dorf hier oben in den Bergen gehört hatte und dass es sicherlich auch nicht so schnell von jemand gefunden würde. Wenn ich mich recht an seine Ortsbeschreibung erinnere, dürfte nicht weit von hier ein schmaler Weg in die Berge abzweigen, und etwas versteckt in einem Seitental stehen sechs oder sieben Hütten.‹
›Sechs oder sieben Hütten!? Liu Shi Meng, wo sollen wir denn da mit all den Verletzten unterkommen? Die Leute hier in den Bergen haben meist gerade mal genug Platz für sich selbst, sie leben schon auf engstem Raum, da ist niemals Platz für uns alle.‹
›Ist schon richtig, aber wo willst du sonst hin. Selbst wenn niemand mehr hierher kommt, auf dieser Wiese können wir die Verletzten niemals gesund pflegen.‹
›Da hast du schon recht‹, sagte ich nachdenklich. ›Und selbst wenn wir in den Hütten der Bergbauern nicht unterkommen, könnten wir dort sicherlich besser ein provisorisches Lager einrichten als hier. Weißt du genau, wo dieses Dorf liegt?‹, fragte ich Liu Shi Meng.
›Nein, nicht genau. Doch ich würde morgen früh so zeitig wie möglich aufbrechen und danach suchen. Ihr müsst sowieso auf die anderen warten, und erst dann können wir von hier verschwinden. Bis das so weit ist, werde ich das Dorf sicher gefunden haben.‹
Da uns nichts Besseres einfiel, einigten wir uns auf Liu Shi Mengs Vorschlag, und nachdem wir noch einmal nach den Verwundeten gesehen hatten, gingen wir zur Ruhe.
Die Nacht verlief ruhig, und am Morgen kümmerten wir uns als Erstes um die Verwundeten. Der Zustand von zwei der Verletzten erschien mir recht kritisch. Ich beriet mich mit Wang Lee, und auch er war der Meinung, dass die beiden schnellstens Hilfe benötigten.
Einer von ihnen hatte eine klaffende Wunde am Hals und sehr viel Blut verloren. Die Blutung hatten wir zwar stillen können, doch er war durch den hohen Blutverlust so schwach, dass wir um sein Leben bangten. Der andere hatte eine Bauchwunde, und um ihn sorgten wir uns eigentlich noch mehr, da wir nicht wussten, ob auch innere Organe verletzt waren. Wir hatten zwar in Ermangelung anderer Hilfsmittel die Wundränder mit dem Verband fest zusammengepresst, doch würde das reichen? Keiner von uns hatte Erfahrung in der Behandlung solcher Verletzungen.
Der Daimyo bemerkte unsere Sorge und kam mit dem dolmetschenden Samurai zu uns.
›Der Fürst Date Masamune möchte wissen, wie es um die Verletzten steht.‹
Ich stand auf und antwortete, den Fürst dabei anschauend:
›Den Verwundeten geht es so weit gut, nur um diese beiden hier machen wir uns Sorgen. Wir sind keine Heiler, und uns fehlt die Erfahrung in der Behandlung solcher Wunden. Doch die Hilfe aus dem Kloster müsste heute im Laufe des Tages eintreffen, und wir hoffen, dass es dann noch nicht zu spät ist.‹
Der Daimyo sah auf die beiden herunter, nickte, und der Samurai übersetzte uns dann seine Worte:
›Date Masamune sagt: Es sind gute und starke Männer, sie werden so lange durchhalten wie nötig, und wenn es so weit ist, werden sie gehen, ohne zu klagen.‹
Ich sah mir den Fürst genauer an, denn er verwirrte mich immer wieder. Auf der einen Seite wirkte er besorgt und aufmerksam seinen Männern gegenüber, doch nach außen schien er über diesen Dingen zu stehen. Es sah immer so aus, als dürfte keiner sehen, dass in diesem harten Mann auch ein weicher Kern steckte. Dieser Eindruck wurde noch durch sein Äußeres verstärkt, denn ihm fehlte das rechte Auge. Im Kloster hatte er eine Augenklappe getragen, doch jetzt sah man die verwachsene leere Augenhöhle, während das andere Auge aufmerksam alles um sich herum im Blick behielt. Später erfuhr ich, dass er das Auge durch eine schwere Erkrankung verloren hatte, aber er förderte auch andere Gerüchte. Diese und seine Ausstrahlung trugen dazu bei, dass er den Spitznamen einäugiger Drache erhalten hatte.
Währenddessen hatte der Fürst weiter gesprochen, und der Samurai übersetzte gewissenhaft seine Worte:
›Date Masamune möchte wissen, wie es weitergehen soll. Er findet den Platz hier nicht gut und möchte so schnell wie möglich diesen Ort verlassen.‹
Also hatte nicht nur Liu Shi Meng ein schlechtes Gefühl.
›Wir haben uns auch schon darüber unterhalten, und Liu Shi Meng möchte gerne ein Dorf suchen, das hier ganz in der Nähe sein muss‹, antwortete ich.
Der Daimyo nickte und gab zu verstehen, dass er so schnell wie möglich weiter möchte. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass wir wenigstens die Hilfe vom Kloster abwarten müssten und dass wir die Verletzten auch nicht sehr weit transportieren könnten, ging er missmutig davon.
Der Samurai war bei uns geblieben, und nachdem der Fürst außer Hörweite war, sagte er:
›Sie müssen Date Masamune verstehen, er macht sich Sorgen um unsere Sicherheit. Außerdem unternahmen wir diesen Abstecher ins Kloster nicht im Auftrag des Shogun. Wenn seine Mission jetzt deshalb gefährdet ist, könnte das seine Stellung sehr negativ beeinflussen. Er macht sich Vorwürfe, dass er diese Reise angetreten hat, denn das eigentliche Ziel war schon erreicht.‹
›Ich kann das ja verstehen, doch es ist nun einmal geschehen, und wir müssen sehen, dass wir das Beste daraus machen. Liu Shi Meng wird aufbrechen und nach dem Dorf suchen. Ich möchte aber mit Wang Lees Hilfe versuchen, diesen beiden Verletzten noch ein wenig Kraft zu geben, damit sie durchhalten, bis die anderen eintreffen.‹
Der Samurai und auch Wang Lee, mit dem ich noch nicht darüber gesprochen hatte, sahen mich erstaunt an.
›Was hast du vor? Du willst doch nicht etwa dasselbe versuchen wie damals Han Liang Tian bei Hu Kang?‹
›Doch, warum nicht? Schlimmer können wir es nicht machen, denke ich.‹
›Das weißt du nicht! Wir haben es noch niemals getan, und Han Liang Tian hat diese Fähigkeiten nur im äußersten Notfall angewendet.‹
›Ich weiß, aber ich habe Angst, dass die beiden uns wegsterben, bis Hilfe da ist.‹
Der Samurai war neugierig geworden und unterbrach uns.
›Darf ich erfahren, was Sie vorhaben und warum Sie nicht sicher sind, ob Sie es anwenden dürfen?‹
Ich sah Wang Lee an, und dieser zuckte die Schultern mit einem Blick, der sagte: Nun sieh zu, wie du da wieder rauskommst, ich hab nicht davon angefangen. Ich entschloss mich, dem Samurai meine Absicht so gut wie möglich zu erläutern.
›Es besteht die Möglichkeit, anderen Kraft zur Heilung zu geben, doch es gehört ein sehr starkes Chi dazu. Wir beide haben es noch nicht ohne Hilfe praktiziert. Ich habe zwar einmal an einer solchen Sitzung teilgenommen, aber unaufgefordert und nur durch die Hilfe eines in diesen Dingen sehr erfahrenen Mannes meine Kraft beisteuern können. Wir wissen also, wie es funktioniert, doch uns fehlt die Erfahrung.‹
›Ich verstehe nicht, warum Sie sich scheuen, es zu versuchen? Ich habe schon viele verwundete Männer gesehen, und diese beiden hier haben ohne sofortige Hilfe keine Hoffnung zu überleben. So viel kann ich nach meinen Erfahrungen einschätzen. Also versuchen Sie, was ihnen möglich ist, auch wenn es eine mir noch unbekannte Gefahr bergen sollte. Meiner Ansicht nach können Sie es nicht schlimmer machen.‹
Ich dachte genauso und sah Wang Lee fragend an.
›Wenn du meinst, dann versuchen wir’s, obwohl ich Zweifel habe!‹
›So wird’s aber nichts, Wang Lee. Wenn du Zweifel hast, kannst du nicht deine ganze Kraft beisteuern, und wir sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Du musst an die Möglichkeit glauben und die ganze Kraft deines Chi nutzen!‹
›Ich weiß! Lass mich einen Augenblick meditieren, um mich auf diese Aufgabe einzustimmen.‹
Ich nickte ihm zu und gedachte, das Gleiche zu tun. Beide ließen wir uns nieder und konzentrierten uns auf die bevorstehende Aufgabe, doch zuvor bat ich den Samurai, dafür zu sorgen, dass wir nicht gestört wurden. Er nickte und positionierte sich so, dass er sowohl uns als auch alle anderen im Blick hatte.
Inzwischen waren wir in tiefer Meditation versunken. Nach einiger Zeit öffnete ich die Augen, denn ich hatte das Gefühl, dass Wang Lee so weit war, und richtig, er schaute mich mit einem entspannten und konzentrierten Blick an.
Da wir gleich neben dem Mann mit der Halswunde saßen, nahmen wir uns diesen als Ersten vor. Wie ich es damals bei Han Liang Tian gesehen hatte, legte ich meine Hände auf Stirn und Brust des Verletzten, und Wang Lee legte die seinen auf meine. Nun konzentrierten wir unsere ganze Kraft in den Wunsch, dem Schwachen Energie von uns zu geben. Ich versuchte es auf die gleiche Art, wie ich es damals an Hu Kangs Krankenlager wahrgenommen hatte, und dachte im Gleichklang mit Wang Lee:
›Nimm diese Kraft von uns, nutze sie zu deiner Heilung! Nimm so viel, wie du brauchst, um wieder gesund zu werden! Wir geben dir gerne, was wir geben können! Nimm von uns, um deinen Körper zu heilen und die Kraft zu finden, dass dein Herz weiterschlägt. Dass deine Lunge weiterarbeitet und dein Körper das verlorene Blut wieder ersetzt.‹
Bei diesen Gedanken versuchte ich mich in den Körper des Verletzten hineinzuversetzen und dabei zu erkennen, wo die Hilfe am notwendigsten war. Nach einiger Zeit gelang es mir fast so gut wie in meinem eigenen Körper, und ich erkundete die betroffenen Stellen. Die Wunde am Hals würde wieder heilen, auch wenn Sehnen und Muskeln verletzt waren und der Hals vielleicht bis zu einem gewissen Grad steif bleiben würde. Ich erkannte auch die Ursache für seinen röchelnden Atem. Er hatte Blut verschluckt und einiges davon in seine Atemwege bekommen. Aber sein Körper war zu schwach, um das Blut wieder hinauszubefördern.
Ohne meine bisherigen Gedanken zu unterbrechen, fügte ich ihnen noch den Befehl hinzu, die Atemwege wieder frei zu machen. Das kostete mich und Wang Lee sehr viel Kraft, und ich versuchte wie damals Han Liang Tian, Energie aus meiner gesamten Umwelt aufzunehmen.
Katakura Shigenaga, der Samurai, der als Dolmetscher fungierte und nun dafür sorgen sollte, dass wir nicht gestört wurden, beobachtete erstaunt, was vorging. Mutete ihn die Handlungsweise auch seltsam an, so spürte er doch die Kraft und Energie, die uns wie eine Aura umgab. Er bemerkte, wie sich unser ganzer Körper straffte und sich alle Muskeln und Sehnen bis zum Zerreißen spannten, doch bis auf das leichte Zittern der Hände und Zucken im Gesicht war nichts Äußerliches sichtbar. Gebannt beobachtete er uns, und Date Masamune sah er erst, als dieser uns fast erreicht hatte. Schnell sprang er auf und verneigte sich vor ihm.
Immer noch verstimmt wegen des Aufenthalts an diesem ungünstigen Ort, fragte der Daimyo gereizt:
›Was geht hier vor?‹
›Mein Fürst, bitte stören Sie diese beiden nicht, sie wollen versuchen, dem Verletzen bei der Heilung zu helfen.‹
›So? Wie soll das gehen?‹
›Ich weiß es nicht genau, doch sehen Sie, es scheint sich etwas zu tun.‹
Der Verletzte hustete und würgte, und sein Gesicht wurde puterrot vor Anstrengung. Den beiden Beobachtern wurde angst, denn sie fürchteten um das Leben des Mannes. Date Masamune war drauf und dran, unsere Aktion abzubrechen, als der Verletzte spuckend das Blut aus den Atemwegen würgte. Der Fürst stockte mitten in der Bewegung und wartete ab, was weiter geschehen würde.
Der Verwundete schien schon freier zu atmen. Nachdem sich dieser Vorgang mehrfach wiederholt hatte, sank der Mann gleichmäßig atmend zurück. Seine Haut nahm eine gesündere Farbe an, und als wäre er in einen heilenden Schlaf gefallen, atmete er ruhig ein und aus.
Katakura Shigenaga beobachtete uns gebannt und erwartete jeden Augenblick, dass wir uns erheben würden, als das nicht geschah, wandte er sich wieder dem Fürsten zu:
›Anscheinend haben sie Erfolg gehabt. Warum und wie lange sie jetzt noch fortfahren, kann ich aber nicht sagen.‹
›Wir werden sehen, doch ihr Wortführer scheint kein Chinese zu sein. Ich habe das damals im Kloster schon gedacht, weil er da aber immer mit den Mönchen zusammen war, mich nicht weiter darum gekümmert. Irgendein Geheimnis umgibt ihn, und seine Ausstrahlung ist sehr groß. Ich möchte, dass du ihn darauf ansprichst, wenn sie das hier beendet haben.‹
›Ja mein Fürst!‹, sagte der Samurai und schaute dem Daimyo hinterher, der sich wieder zu den anderen begab.
Von alldem hatten wir nichts mitbekommen, und erst später hat mir Katakura Shigenaga davon erzählt. Uns war aber nicht entgangen, dass wir eine Wirkung erzielt hatten. Nun wollten wir dem Mann noch Energie für die weitere Heilung mitgeben und konzentrierten uns auf die anfänglichen Gedanken.
Erst geraume Zeit später verständigte ich mich in Gedanken mit Wang Lee, und wir öffneten die Augen. Wir sahen nicht nur, dass es dem Verwundeten besserging, wir hatten es auch gespürt. Erfreut über den Erfolg, standen wir auf.
In diesem Augenblick merkten wir, wie viel Kraft uns diese Aktion gekostet hatte. Wang Lee taumelte einige Schritte zur Seite, und ich musste die Augen schließen, da sich alles zu drehen begann. Erst nach einer Weile konnte ich sie wieder öffnen, und auch Wang Lee kam, ein wenig blass, wieder zur Ruhe. Katakura Shigenaga war in der Zwischenzeit zu uns herangekommen und fragte nun:
›Ist es so erfolgreich verlaufen, wie Sie gehofft hatten?‹
›Allem Anschein nach, ja. Für den Augenblick ist die Gefahr gebannt, wie sich sein Zustand weiterentwickelt, kann ich aber nicht sagen.‹
›Versuchen Sie es jetzt auch bei dem anderen?‹
›Ich denke, so schnell geht das nicht! Wir müssen selbst erst einmal wieder Kraft schöpfen. Es hat uns mehr angestrengt, als ich dachte. Bitte gönnen Sie uns ein wenig Ruhe, bevor wir uns um den Zweiten kümmern.‹
Der Samurai nickte und kniete sich bei dem Mann nieder, um den wir uns gerade bemüht hatten.
Da ich mich mit Wang Lee auch ohne Worte verständigen konnte, genügte ein kurzer Blick, und wir suchten uns eine ruhige Stelle, um zu meditieren. Ich ließ mich vollkommen fallen und konzentrierte mich nur darauf, so schnell wie möglich wieder zu Kräften zu kommen.
Als ich mich einige Zeit später, die Sonne hatte inzwischen fast ihren höchsten Stand erreicht, wieder erhob, merkte ich schnell, dass die verbrauchte Energie noch nicht wieder vollständig aufgefüllt war. Wang Lee ging es nicht anders, und nun machten wir uns Sorgen, ob unsere Kraft reichen würde, um dem zweiten Mann zu helfen. Dummerweise hatten wir uns entschieden, dem zuerst zu helfen, bei dem es leichter erschien, und jetzt befürchteten wir zu versagen.
Wir gingen zuerst noch einmal zu Katakura Shigenaga, der immer noch bei dem zuerst Versorgten saß. Er stand auf und fragte:
›Helfen Sie jetzt dem anderen? Bei dem hier haben Sie ein Wunder bewirkt. Er ist jetzt viel kräftiger, röchelt überhaupt nicht mehr und hat vorhin schon die Augen geöffnet. Ich hoffe, es war nicht falsch, dass ich ihm Wasser gebracht habe, als er danach verlangt hat?‹
›Nein, im Gegenteil! Er hat sehr viel Blut verloren und muss viel trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.‹
Er atmete erleichtert aus, und ich beantwortete, mich dem mit der Bauchwunde zuwendend, seine andere Frage:
›Wir werden jetzt versuchen, diesem hier zu helfen, doch ich kann nicht sagen, ob unsere Kraft dafür noch ausreicht. Bitte sorgen Sie wieder dafür, dass wir nicht gestört werden!‹
Er nickte bestätigend, und wir verfuhren wieder wie beim Ersten. Als wir uns niederknieten und dem Mann ins Gesicht blickten, wurde uns angst, denn sein Zustand schien sich sehr verschlechtert zu haben. Als ich in Wang Lees Augen sah, bemerkte ich, dass er die Hoffnung schon aufgegeben hatte, und ich setzte mich in Gedanken mit ihm in Verbindung:
›Erst wenn wir alles versucht haben, Wang Lee! Erst wenn wir all unsere Kraft gegeben haben!‹
›Ich werde mich bemühen, doch ich habe wenig Hoffnung.‹
›Denke anders, sonst wirkt es nicht, Wang Lee! Bitte, denk anders!‹
›Ich bemühe mich!‹, antwortete er, und ich spürte, wie er sich konzentrierte.
Wir verfuhren auf die gleiche Weise wie bei unserem ersten Patienten. Aber nach einer Weile merkte ich, dass es nicht so lief wie beim ersten Mal. Wir drangen gar nicht richtig zu ihm vor, und er schien nicht in der Lage zu sein, unsere Hilfe anzunehmen. Er war so schwach, dass wir den Eindruck hatten, er wäre schon halb in einer anderen Welt.
Nach einiger Zeit gaben wir frustriert auf. Katakura Shigenaga, der das bemerkt hatte, kam zu uns heran und erkundigte sich besorgt:
›Was ist? Sie sind bei ihm so schnell fertig? Ich habe auch nicht wie vorhin das Gefühl, dass sich sein Zustand gebessert hat.‹
Ich sah ihm in die Augen und sagte:
›Ich weiß nicht, ob wir nicht mehr genügend Kraft haben oder ob er schon so schwach ist, dass er unsere Hilfe nicht mehr annehmen kann. Auf jeden Fall dringen wir gar nicht mehr bis zu ihm vor.‹
›Steht es so schlecht um ihn?‹
›Ich denke, ja! Wir kennen leider nur diese Methode, um jemand Kraft zu geben, und der Betroffene muss bereit sein, sie anzunehmen. Wenn es möglich wäre, ihm die Kraft auf eine andere Art zu geben, hätten wir vielleicht Erfolg, aber so ...‹
Bestützt sah der Samurai auf den nur noch schwach atmenden Mann. Ich hatte den Eindruck, dass ihm jeder dieser Männer wirklich ans Herz gewachsen war. Er würde sich einem Japaner gegenüber sicherlich niemals eine solche Empfindung anmerken lassen, doch bei uns schien ihm diese Maßnahme nicht nötig zu sein.
›Haben Sie alles versucht?‹
Ich nickte nur bestätigend.
›Dann werden wir ihn wohl auch noch verlieren‹, sagte er traurig und wendete sich ab.
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, und auch Wang Lee, den ich ratlos ansah, ging es nicht besser. Das währte aber nur wenige Augenblicke, dann sprach uns der Samurai wieder an:
›Sie haben geholfen, so gut Sie konnten, und ohne Ihre Hilfe wären wir jetzt alle tot. Auch bei den Verwundeten haben Sie mehr getan, als ich erwartet hatte. Seien Sie versichert, dass wir das niemals vergessen werden!‹
Er verneigte sich wieder einmal leicht vor uns, und mir wurde das langsam peinlich, denn so viel Ehrerbietung schien mir unangebracht.
›Sie brauchen sich nicht immer vor uns zu verneigen. Wir sind nur einfache Mönche, und Ihre Stellung ist viel bedeutender als die unsere.‹
Geschickt nutzte Katakura Shigenaga die Möglichkeit, um den Auftrag seines Herrn zu erfüllen.
›Ich denke, auch in China ist es nicht unüblich, einem anderen auf diese Art und Weise seine Dankbarkeit zu zeigen. Der Rang oder die Stellung spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Doch ich habe, obwohl Sie chinesisch sprechen, als wäre es Ihre Muttersprache, den Eindruck, dass Sie kein Chinese sind.‹
Wie sollte ich jetzt reagieren? Ich war unsicher, wie viel und was ich ihm überhaupt erzählen sollte oder durfte. Meine Unsicherheit mit einem Lächeln überspielend, sagte ich ausweichend:
›Sie liegen nicht falsch, aber vielleicht auch nicht ganz richtig mit Ihrer Vermutung, aber das ist eine lange Geschichte, die wir uns für eine ruhigere Zeit aufheben sollten.‹
Ich wollte erst einmal Zeit gewinnen, um mir über meine weitere Vorgehensweise klar zu werden. Glücklicherweise erforderten in diesem Moment andere Dinge unsere Aufmerksamkeit. Von dem Weg, den wir am Vortag gekommen waren, drangen Geräusche zu uns. Schnell griffen die noch kampffähigen Japaner zu ihren Waffen, und auch wir beobachteten, auf alles gefasst, die Wegbiegung.
Erleichtert atmete ich aus, als ich erkannte, dass Chen Shi Mal mit der Hilfe aus dem Kloster kam. Zehn Mönche hatte er mitgebracht, und unter ihnen war der beste Wundheiler des Klosters. Auch einige Packpferde, die verschiedene Dinge trugen, waren dabei, und ich schöpfte wieder Hoffnung, dass wir dem Mann mit der Bauchwunde noch helfen konnten.
Als uns diese Gruppe fast erreicht hatte, bemerkte ich Liu Shi Meng, der aus der anderen Richtung auf uns zustrebte. Seinem Gesichtsausdruck zufolge hatte er Erfolg gehabt, denn er wirkte fröhlich und entspannt.
Bevor ich mit ihm sprechen konnte, erreichte uns aber Chen Shi Mal und berichtete, wie es ihm ergangen war.
So schnell ihn seine Beine tragen konnten, war er zum Kloster gelaufen und hatte es spät in der Nacht erreicht. Ohne Aufmerksamkeit zu erregen, weckte er den Abt, Hu Kang, und berichtete ihm von den letzten Ereignissen. Dieser überlegte nicht lange, suchte zehn vertrauenswürdige Mönche aus und bat sie, Chen Shi Mal zu begleiten. Nachdem alles Notwendige verschnürt war, brachen sie mit den Packpferden auf. Ihrer Meinung nach hatte sie niemand bemerkt, und der Abt wollte den wahren Grund ihrer Abwesenheit auch erst einmal geheim halten. So hofften wir, selbst wenn die Vermutungen, die wir teilweise hegten, zutrafen, vorläufig unbehelligt zu bleiben.
Ich hielt die Gespräche sehr kurz, denn die Versorgung der Verletzten erschien mir wichtiger. Als Erstes führte ich den Wundheiler zu dem Mann mit der Bauchwunde, den er eingehend untersuchte. Nachdem er den Verband entfernt und die Wunde ausgiebig begutachtet hatte, stand er mit einem bedauernden Gesichtsausdruck auf.
›Ich werde alles versuchen, was ich kann, doch ich mache mir wenig Hoffnung, dass dieser Mann den morgigen Tag überlebt. Selbst wenn ich sofort zu Stelle gewesen wäre, hätte er vermutlich nicht überlebt, denn es sind innere Organe verletzt.‹
Ich sah hinunter auf die freigelegte Wunde und erschrak über deren Aussehen. Die Wundränder waren zwar verklebt, doch es war alles gerötet, und die ganze Haut des Verletzten hatte eine ungesunde gelbe Farbe. Es sah aus, als würde jeden Augenblick Eiter aus der Wunde hervorbrechen. Auch der allgemeine Zustand des Mannes schien sich von Minute zu Minute zu verschlechtern. Ich machte mir immer mehr Vorwürfe, dass wir nicht zuerst diesem Mann geholfen hatten. Vielleicht hätte unsere Kraft ausgereicht, um ihn zu retten.
Der Mönch hatte mich die ganze Zeit beobachtete, bemerkte meinen Seelenkampf, konnte sich aber nicht erklären, warum ich so bedrückt war.
›Wieso bedrückt dich der Zustand dieses Mannes so sehr? Als welchem Grund bist du so niedergeschlagen?‹
Aus meinen Gedanken hochgeschreckt, sah ich ihn an.
›Ich mache mir Vorwürfe, dass ich vielleicht einen Fehler begangen habe.‹
Er schüttelte den Kopf und stand auf.
›Die Wunde hättet ihr mit dem Wissen und den Mitteln, die ihr habt, nicht besser versorgen können. Selbst ich kann nichts an den inneren Verletzungen machen. Wenn der Körper sie nicht selbst heilen kann, sind auch mir die Hände gebunden.‹
›Ja, und gerade deshalb hätten wir erst diesem hier helfen müssen, um ihm genügend Kraft zur Selbstheilung zu geben!‹, sagte ich traurig.
Ratlos sah er mich an und erkundigte sich dann nach dem, was wir getan hatten, und warum ich so dachte. Ich führte ihn zu dem Mann mit der Halsverletzung und schilderte ihm unser Vorgehen. Mit jedem Wort, das ich sagte, wurden seine Augen größer. Er musterte mich und Wang Lee mit einer Mischung aus Erstaunen und Hochachtung.
›Ich wusste nicht, dass Han Liang Tian sein Wissen um diese Kräfte weitergegeben hat und dass es ihm gelungen ist, jemand zu finden, der diese Kräfte auch nutzen kann. Ich selbst hatte es versucht, doch mir fehlt die innere Kraft, um das zu bewirken, was ihr beherrscht.‹
Er schaute sich den Mann mit der Halsverletzung näher an und ließ sich den Verlauf noch einmal genau schildern.
›Ich denke, ohne die Hilfe, die ihr ihm gegeben habt, hätte er nicht überlebt. Das Blut, das er herauswürgte, wäre nach und nach in die Lungen geraten und hätte ihm ein qualvolles Ende bereitet. Ihr habt mit eurer Kraft etwas bewirkt, was kein Heiler mit normalen Mitteln erreichen kann. Und ich bin sicher, wenn ihr das erst bei dem anderen getan hättet, dann wäre Hilfe bei diesem hier nicht mehr möglich gewesen.‹
Er schaute noch einmal von einem zum anderen und schüttelte wieder mit dem Kopf.
›Nein, so grausam es klingt, ihr habt unbewusst die richtige Entscheidung getroffen, denn so hat wenigstens einer die Möglichkeit zu überleben!‹
Ich spürte, dass es ihm ernst war mit dem, was er sagte, doch es beruhigte mich nur wenig. Noch lange machte ich mir Vorwürfe, dass ich zu diesem Zeitpunkt eine falsche Entscheidung getroffen hatte.
Der Heiler ging wieder zu dem mit der Bauchverletzung. Zusammen mit einem anderen Mönch, der sich in der Zwischenzeit schon um den Mann gekümmert hatte, reinigten und verbanden sie die Wunde noch einmal. Dann flößten sie dem Mann einen stärkenden Trunk ein, doch fast unmittelbar danach wand er sich in Krämpfen, bis er zitternd und schwach atmend in eine tiefe Ohnmacht fiel.
Da ich die Verletzten in guten Händen wusste, ging ich zu Liu Shi Meng. Ihn hatte ich seit seiner Ankunft noch nicht gesprochen, und ich wollte gerne wissen, wie seine Suche verlaufen war.
Er stand bei Chen Shi Mal, und sie unterhielten sich gerade über die letzten Ereignisse.
›Warst du erfolgreich Liu Shi Meng?‹, fragte ich, als ich bei ihnen ankam.
›Ja, ich hatte doch noch sehr gut in Erinnerung, wie Han Liang Tian mir damals den Weg in das Dorf beschrieben hatte. Als ich den Dorfbewohnern von den letzten Ereignissen berichtete und sie fragte, ob sie uns helfen würden, versprachen sie es sofort. Sie bereiten alles für unsere Ankunft vor, und Männer des Dorfes werden morgen früh hier sein, um uns beim Transport zu helfen.‹
›Das ist wirklich eine gute Nachricht! Nun müssen wir nur noch sehen, dass wir auch bereit sind, morgen früh aufzubrechen.‹
›Wieso sollten wir nicht?‹, warf Chen Shi Mal ein.
›Nun, wir müssen uns ja noch um die Toten kümmern! Oder willst du sie einfach so liegen lassen?‹
Chen Shi Mal sah sich erstaunt um, denn er hatte die Leichen nirgendwo gesehen. Das konnte er auch nicht, denn die Japaner hatten alle Toten am Vortag in die Seitenschlucht getragen, aus der der kleine Fluss kam.
Wir machten uns auf den Weg, um uns vor Ort einen Überblick zu verschaffen, und kurz vor dem Ziel erhielten wir Gesellschaft. Wang Lee, Date Masamune und der Dolmetscher schlossen sich uns an.
Der Blick in die Seitenschlucht öffnete sich, und wir sahen die toten Japaner, die, so gut das mit den vorhandenen Mitteln ging, ehrenvoll aufgebart waren. Davor stand einer der nur leicht verletzten Soldaten und hielt Wache. In einiger Entfernung an der Felswand waren die toten Chinesen lieblos auf einen Haufen geworfen. Es war ein trauriger Anblick, und ich stockte kurz, um das zu verarbeiten.
Der Fürst sah mich fragend an, und der Samurai sprach aus, was dieser dachte:
›Finden Sie die Behandlung der toten Angreifer ungerechtfertigt?‹
Ihm in die Augen blickend, antwortete ich:
›So würde ich das nicht ausdrücken. Ich finde den sinnlosen Tod so vieler Menschen bedrückend und bedaure, dass Ihnen und Ihren Männern so viel Leid zugefügt wurde.‹
Katakura Shigenaga nickte und übersetzte dem Fürsten meine Antwort, um mir gleich darauf dessen Worte zu übermitteln.
›Date Masamune bedankt sich für Ihre freundlichen Worte und möchte wissen, wie es weitergeht.‹
Ich erklärte ihm, dass wir am nächsten Morgen in das Dorf aufbrechen wollten, uns aber vorher noch um die Toten kümmern müssten. Der Fürst stimmte zu und fragte, ob es uns möglich wäre, seine Landsmänner mit buddhistischen Bräuchen zu bestatten.
Ich beriet mich kurz mit meinen Freunden, und wir kamen überein, dass Chen Shi Mal mit zwei weiteren Mönchen die Sutren, also die Reden des Buddha, vorlesen würde. Außerdem sollte jeder, der ein wenig Zeit hatte, sich zu ihnen gesellen, um der Toten zu gedenken. Ich wollte in der Zwischenzeit mit Hilfe von Wang Lee und Liu Shi Meng die Gräber am Flussrand ausheben.
Als wir die Japaner schließlich bestattet hatten, häuften wir über ihren Gräbern kleine Steinpyramiden an, damit dieser Ort auch von zufällig Vorbeikommenden entsprechend geehrt wurde. Anschließend wollten wir die Chinesen daneben bestatten, doch der Fürst verwahrte sich energisch dagegen, und um keine Missstimmung aufkommen zu lassen, wurden sie an der Felswand begraben. Da es dort nicht möglich war, tief genug in den Boden einzudringen, war es am Ende nur ein großer Steinhaufen, der das Grab kennzeichnete.
Die Sutren wurden auch bei diesen Toten gelesen, doch zu deren Gedenken fand sich keiner außer Wang Lee und mir ein. Jeder von uns beiden hing stumm seinen eigenen Gedanken nach.
Ich überlegte, was diese Männer wohl bewogen hatte, so eine Tat zu begehen, und warum sich Menschen immer wieder gegenseitig umbringen. Doch ich kam zu keinem rechten Ergebnis, da es so viele Gründe gibt, die zu solchen Taten führen, dass einfach keine Verallgemeinerung möglich war. Nur eins ist in allen Fällen gleich: Alle, die eine solche Tat begehen, sind in diesem Moment von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt, und nur wenige machen sich am Ende Gedanken darüber oder bereuen, was sie getan haben. Ich hatte bisher keinem Menschen persönlich das Leben genommen, doch indirekt zum Tod einiger dieser Chinesen beigetragen. Nun stand ich da und versuchte, vor meinem Gewissen dieses Handeln zu rechtfertigen.
Im Grunde wusste ich, dass mein Eingreifen die einzige Möglichkeit gewesen war, den Bedrängten zu helfen. Es würde wohl auch keinen geben, der mich deswegen verurteilen würde, dennoch war ich bedrückt.
Als ich durch Chen Shi Mal aus diesen sich ständig im Kreis drehenden Gedanken gerissen wurde, war ich sehr froh.
›Darf ich dich kurz stören, Xu Shen Po?‹
Ich richtete mich auf und sah ihn an.
›Natürlich! Was gibt es denn?‹
›Der japanische Fürst möchte dich gerne sprechen und bittet dich, zu ihm zu kommen.‹
Ich nickte Wang Lee zu, der seine Andacht gleichfalls beendet hatte, und begab mich zum Fürsten, der mich mit dem dolmetschenden Samurai erwartete.
›Entschuldigen Sie, das wir Sie gestört haben, doch der Fürst muss einige wichtige Dinge klären!‹
›Kein Problem! Um was handelt es sich denn?‹
›Da wir morgen in dieses Dorf aufbrechen, in dem die Verletzten gesund gepflegt werden sollen, möchte Date Masamune gerne wissen, wie lange es wohl dauern wird, bis wir weiterreisen können?‹
›Oh, das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Doch ich denke, dass die Schwerverletzten erst in zwei bis drei Wochen dazu fähig sind. Selbst dann wird es nur langsam und mit Behinderungen vorangehen.‹
Mit einem mürrischen Gesichtsausdruck diskutierte der Fürst nach meiner Antwort mit dem Samurai. Erst nach einiger Zeit sprach mich Katakura Shigenaga wieder an.
›Der Fürst befindet sich derzeit in einer schwierigen Lage. Zum einen ist dieser lange Aufenthalt in keiner Form beim Shogun entschuldbar, und der Fürst möchte so zeitig wie nur irgend möglich aufbrechen. Außerdem hat er unser Schiff zur Mündung des Qjangwei He nach Lianyungang beordert, das uns dort in den nächsten Tagen erwartet. Wenn wir uns gar zu sehr verspäten, wird es vielleicht wieder davonsegeln. Aber er möchte auch seine Männer nicht im Stich lassen und nicht ohne sie aufbrechen. Nun überlegt er, ob er ohne die Verletzten losgehen sollte. Er könnte sich bei dem Schiff melden und anschließend am Kaiserhof eine offizielle Beschwerde über den Vorgang einreichen. Die Verwundeten könnten sich nach ihrer Genesung zur Küste begeben und würden dann mit aufgenommen, um gemeinsam die Rückreise anzutreten.‹
Ich überlegte einen Augenblick und war mir nicht sicher, ob ich unseren Verdacht erwähnen sollte, doch schließlich entschloss ich mich, sie ohne eine direkte Aussage auf die gleichen Gedanken zu bringen.
›Ich weiß nicht, ob der Gedanke gut ist! Vor allem wegen der Beschwerde am Kaiserhof. Als Sie dort den Wunsch zu dieser Reise äußerten, hatten Sie da den Eindruck, dass man begeistert über das Ansinnen war?‹
›Nein, eigentlich nicht! Im Gegenteil, man hat lange versucht, es dem Fürsten auszureden. Doch wieso fragen Sie jetzt danach?‹
›Nun, kurz bevor Sie kamen, wurden wir durch einen Boten vom Kaiserhof angewiesen, nichts von den Kampfkünsten der Mönche preiszugeben. Wir sollten den Eindruck erwecken, dass es sich nur um ein einfaches buddhistisches Kloster handelt und die Gerüchte um die Kampfmönche maßlos übertrieben seien. Der Überbringer dieser Nachricht hat sich während Ihrer Anwesenheit noch im Kloster aufgehalten und alles beobachtet. Er war aber mit einigen Dingen nicht ganz zufrieden. Vor allem der Zwischenfall, bei dem zwei Ihrer Männer Wang Lee und mir auswichen, hat ihm sehr missfallen.‹
Ich stockte kurz, denn ich war drauf und dran, alles preiszugeben. Ein wenig vorsichtiger sagte ich deshalb:
›Nun, was glauben Sie, was geschieht, wenn sich der Fürst am Kaiserhof beschwert? Ich denke, man wird sein Bedauern ausdrücken, versprechen, den Vorfall zu untersuchen, und vielleicht auch eine unliebsame Person als Sündenbock hinstellen. Doch insgeheim wird man sich höchstens ärgern, dass nicht die gesamte Gesandtschaft in den Bergen verschollen ist.‹
Nachdenklich sah mich der Samurai an und übersetzte das Gehörte wieder dem Fürsten. Dessen Gesichtsausdruck verfinsterte sich bei jedem Wort mehr, und es folgte eine sehr gereizte Diskussion zwischen den beiden. Nach einiger Zeit wandte sich Katakura Shigenaga wieder an mich und sagte:
›Der Fürst ist sehr aufgebracht über das Verhalten des Kaiserhofes, hat aber selbst schon diese Vermutungen gehabt. Er überlegt nun, wie er sich verhalten soll.‹
›Warum will er unbedingt darauf reagieren? Wie hätte er sich denn in der Situation des Kaiserhofes verhalten? Sicherlich nicht viel anders, denke ich. Außerdem ist nicht darauf reagieren viel belastender für die Betroffenen. Ich würde in der Situation des Fürsten jedenfalls so handeln.‹
Der Samurai sah mich an und schien zu überlegen, ob und wie er das dem Daimyo übersetzen sollte.
›Übersetzen Sie ruhig, was ich gesagt habe. Ich stehe dazu, und wenn der Fürst ehrlich ist, wird er mir zustimmen.‹
Katakura Shigenaga zögerte immer noch und überlegte krampfhaft, wie er es beschönigen könnte. Doch der Daimyo wurde ungeduldig und fragte barsch nach. Daraufhin gab der Samurai meine Worte unverändert wieder. Im ersten Moment stieg Zornröte in das Gesicht des Fürsten, doch schon wenige Augenblicke später lächelte er und sagte mit einem versöhnlichen Gesichtsausdruck:
›Sie haben recht, ich hätte sicher ähnlich gehandelt! Aber es ist schwierig, das hinzunehmen und nicht darauf zu reagieren, ohne sein Gesicht zu verlieren.‹
Der Samurai übersetzte seine Worte sofort und schien sichtlich erleichtert zu sein. In der Zwischenzeit hatte der Fürst schon weitergesprochen, und Katakura Shigenaga hatte Mühe, mit dem Übersetzen nachzukommen.
›Die weitere Handlungsweise, die sich der Fürst überlegt hatte, ist also hinfällig. Nun steht er wieder am Anfang und fragt, was Sie tun würden.‹
Ich hatte mir schon während des vorangegangenen Gesprächs Gedanken über den weiteren Verlauf gemacht und sagte nun:
›Das Beste wäre nach meiner Ansicht, erst einmal einen Boten zum Schiff zu schicken, der es auf die Verspätung hinweist und zum Warten auffordert. Einer von uns könnte mit einem Schriftstück des Fürsten diese Aufgabe übernehmen. Dann würde ich ihm empfehlen, hier auszuharren, bis sich alle wieder auf die Reise begeben können. Vielleicht ist es auch möglich, dass einige von uns diesen Zug begleiten, um eine sichere Rückkehr zu gewährleisten. Dem Shogun würde ich diese Reise als notwendig und dementsprechend erfolgreich schildern. Ich kenne nicht den Grund Ihres Besuches am chinesischen Kaiserhof, doch ich denke, dass es irgendwie in Ihren Auftrag passen würde, wenn Sie so vorgehen. Mit ein wenig Geschick können Sie das sogar als Erfolg verbuchen.‹
Wieder stockte der Samurai beim Übersetzen und sah mich prüfend an. Auch der Daimyo reagierte so, als ihm das Gesagte übersetzt wurde.
›Sie erstaunen uns immer wieder!‹, fasste Katakura Shigenaga seine und des Fürsten Gedanken zusammen. ›Nachdem wir Sie nun besser kennen gelernt haben, fällt es uns schwer, in Ihnen den einfachen Mönch zu sehen, der Sie nach außen zu sein scheinen. Der Fürst und auch ich denken mittlerweile, dass Sie eher ein gewandter Diplomat sind, der irgendwie hier gestrandet ist.‹
Ich lachte kurz auf.
›Nun, Sie haben recht und auch wieder nicht! Ich bin nicht von hier, sondern durch seltsame Umstände hierher gelangt! Ein Mönch bin ich nicht, wie Sie richtig erkannt haben, doch bin ich nach den Jahren, die ich hier schon lebe, ein Mitglied des Klosters und ein Teil dieses Landes. Aber ein Diplomat bin ich bestimmt nicht! Obwohl ich in meinem alten Leben ein Händler oder nach Ihrem Verständnis eher ein Kaufmann war und diese Arbeit einiges diplomatisches Geschick verlangt. Daher weiß ich auch, dass man, ohne zu lügen oder den anderen zu betrügen, oft Dinge erreichen kann, die der Verhandlungspartner vorher gar nicht wollte. Mit Geschick und Feingefühl kann ich die Gedanken meines Gegenspielers in eine mir günstige Richtung lenken und mein Ziel erreichen, obwohl der andere denkt, dass er sein Ziel erreicht hat.‹
Lächelnd übersetzte der Samurai diese Worte seinem Fürsten. Dieser nickte anerkennend und sagte:
›Es ist Date Masamune eine Ehre, Sie kennen gelernt zu haben, und er fragt, ob es Ihnen möglich ist, ihm diese Kunst näherzubringen. Er war immer ein Kriegsherr, in diplomatischen Dingen hat er sich meist auf andere verlassen, doch jetzt wird es immer dringender, auch darin bewandert zu sein.‹
Wieder lachte ich kurz auf.
›Kunst!? Na ja, vielleicht ist es etwas in dieser Art, und vielleicht könnte ich dem Fürsten auch den einen oder anderen Ratschlag geben, aber das Gefühl dafür muss er selbst entwickeln, und das dauert seine Zeit.‹
Der Daimyo war mit meinem Vorschlag über das weitere Vorgehen einverstanden und begab sich zu seinem Gepäck, um ein Schriftstück aufzusetzen, das einer von uns zu seinem Schiff bringen würde.
Katakura Shigenaga blieb noch kurz stehen und sagte zu mir:
›Seien Sie sich der großen Ehre bewusst, die der Fürst Ihnen eben erwiesen hat, denn Kaufleute sind bei uns die unterste Standesriege und werden meist nur verachtet. Ich nehme aber an, dass er in Ihnen nicht den Kaufmann, sondern den großen Krieger sieht, der Sie auch sind. Aber ich würde Ihnen raten, einem japanischen Samurai gegenüber niemals wieder zu erwähnen, dass Sie Kaufmann waren. Es würde Ihnen nur zum Nachteil gereichen.‹
Er nickte mir freundlich zu und folgte dem Fürsten.«
Das Angebot
»Am nächsten Morgen weckte mich eine Unruhe, die bei den Verletzten ausgebrochen war. Der Heiler hatte sich gleich beim ersten Tageslicht zu ihnen begeben und festgestellt, dass der Mann mit der Bauchverletzung in der Nacht gestorben war. Als ich hinzukam, sah er mich mit einem bedauernden Blick an und sagte:
›Was ich befürchtet hatte, ist eingetreten. Die Verletzungen dieses Mannes waren so schwer, dass es uns nicht gelungen ist, ihm zu helfen. Schon der erste Eindruck hatte mich das befürchten lassen, dennoch haben wir ihn nicht aufgegeben, aber all unser Bemühen war vergeblich.‹
Traurig blickte ich auf diesen weiteren Toten, und die Gedanken, etwas versäumt oder falsch gemacht zu haben, stiegen wieder in mir auf. Der Heiler, der dies sah, überlegte schon, wie er mir helfen könnte, als wir vom Daimyo und seinem dolmetschenden Samurai gestört wurden.
›Gibt es Probleme mit den Verletzten?‹, fragte Katakura Shigenaga.
Ich holte tief Luft und antwortete:
›Leider ist dieser Mann seinen schweren Verletzungen erlegen. Alle Kunst der Mönche konnte ihm nicht mehr helfen, und wir müssen den anderen Gräbern ein weiteres hinzufügen.‹
Bedauernd betrachteten ihn die beiden Japaner, und der Samurai übersetzte die Worte des Fürsten:
›Er war ein guter Mann, und er wird als solcher wiedergeboren. Wir werden ihm die gebührende Ehre erweisen.‹
Da wir bald aufbrechen wollten, ging ich mit Wang Lee daran, ein neues Grab auszuheben, während einige Mönche die nötigen buddhistischen Riten vollzogen.
Die Sonne hatte schon einen großen Teil ihrer Vormittagsbahn hinter sich, als auch dieser Japaner seine letzte Ruhe gefunden hatte. Die Männer aus dem Dorf waren inzwischen angekommen und hatten mitgeholfen, die Verwundeten transportfähig zu machen. Nachdem das alles geschehen war, verließen wir diesen Ort, den ich auch niemals wiedersehen sollte.
Die nächsten drei Wochen vergingen auf Grund der vielen Arbeit, die wir hatten, wie im Fluge. Mit unserer Hilfe bauten die Dorfbewohner innerhalb kurzer Zeit eine neue Hütte auf, in der alle Verwundeten untergebracht wurden. Es war bestimmt kein Meisterwerk, doch für die vorläufige Unterbringung in diesen warmen Sommermonaten war die Behausung ausreichend. Die Dorfbewohner gingen danach erleichtert wieder ihren täglichen Arbeiten nach. Froh über ihre bisherige Hilfe, unterstützten wir sie, wo wir nur konnten.
In einigen Nacht-und-Nebel-Aktionen wurde Nachschub aus dem Kloster geholt, und auch die Dorfbewohner wurden reichlich entschädigt. Allerdings mussten sie dafür versprechen, für immer über diese Vorgänge zu schweigen, und auf Grund der abgelegenen Lage des Dorfes bestand die berechtigte Hoffnung, dass das auch geschehen würde. Außerdem hatten sie mit der Hütte, die wir gebaut hatten, einen Speicherraum gewonnen, den sie gemeinsam nutzen wollten, und waren froh, dass sie diese Unannehmlichkeiten auf sich genommen hatten.
Der Tag des Aufbruchs kam näher, und ich saß mit Wang Lee, Chen Shi Mal und den Japanern beisammen, um das weiter Vorgehen zu besprechen.
›Meine Männer haben sich so weit erholt, dass wir unsere Reise fortsetzen können. Die zwei, die noch nicht so gut zu Fuß sind, bekommen die Pferde, die uns das Kloster freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Ich möchte deshalb in den nächsten Tagen aufbrechen. Werden die Kampfmönche, die uns begleiten sollen, bis dahin hier sein?‹, fragte der Daimyo.
Alle außer mir, Wang Lee und Chen Shi Mal waren, soweit sie nicht mehr gebraucht wurden, nach und nach ins Kloster zurückgekehrt. Dem Abt war es gelungen, die wahren Hintergründe ihrer Abwesenheit zu verschleiern, und jetzt sollten zehn Kampfmönche zur Begleitung der Japaner kommen. Ich wusste nicht, wie Hu Kang das begründen wollte, doch ihm würde schon etwas einfallen. Wir erwarteten täglich ihre Ankunft, was ich dem Fürsten auch mitteilte:
›Ich denke, sie könnten heute schon kommen, und dann steht Ihrem Aufbruch nichts mehr im Wege.‹
›Und Sie, werden Sie Ihre Reise zu dem anderen Kloster jetzt fortsetzen?‹, fragte mich Katakura Shigenaga.
Ich hatte mich über diesen Punkt schon mit Wang Lee und Chen Shi Mal unterhalten. Bei diesen Gesprächen hatte ich beschlossen, dass mich eigentlich nichts drängte und ich deshalb gerne die Reise zur Küste mitmachen würde. Auch Wang Lee und Chen Shi Mal wollten mitkommen, um dann gemeinsam mit ihrem Freund Liu Shi Meng, der mit dem Schriftstück des Fürsten zum Schiff aufgebrochen war, wieder zurückzureisen. Ich hatte mir vorgenommen, von der Küste aus auf einem anderen Weg nach Wudang zu wandern, um so Land und Leute noch besser kennen zu lernen. Deshalb sagte ich:
›Ich hatte gehofft, Sie würden mir und meinen Freunden gestatten, Sie bis zu Ihrem Schiff zu begleiten.‹
›Natürlich gerne, doch wir hatten angenommen, dass es Sie auf Grund dieses langen Aufenthalts drängen würde, Ihre Reise zu dem anderen Kloster so schnell wie nur möglich fortzusetzen.‹
›Mich drängt nichts, und ich werde auch nicht erwartet. Also spielt es keine Rolle, wann ich ankomme. Diese Reise ist ohnehin ein Abschied von Shaolin, da ich das Kloster verlassen möchte, um nicht ständig Konflikte heraufzubeschwören.‹
Katakura Shigenaga übersetzte mit vielsagenden Miene meine Antwort, und der Daimyo blickte überrascht auf.
›Der Fürst möchte gerne wissen, ob das nur ein zeitweiliger Abschied von Shaolin ist und warum Ihre Anwesenheit für Konflikte sorgt.‹
›Nun, darauf kann ich nicht so einfach antworten, aber einige sind der Meinung, dass ich nicht in dieses Kloster gehöre, und sie lassen es mich auch unmissverständlich spüren. Zu einem Teil haben sie durchaus recht, denn ich bin kein Mönch, sondern nur ein Gast, und Gäste sollten nach einer gewissen Zeit den Ort verlassen, den sie besuchen.‹
Wang Lee wollte widersprechen, doch ich unterbrach ihn mit einer Handbewegung und fuhr fort:
›Es wäre nicht weiter schlimm, da nur wenige so denken, mittlerweile leiden aber auch jene darunter, die sich zu mir bekennen und die ich zu meinen Freunden zähle. Um diesen Zustand zu beenden, habe ich mich entschlossen, in das andere Kloster zu gehen, da ich dort bei meinen bisherigen Besuchen immer willkommen war. Das Dumme ist aber, dass ich auch dort nur ein Gast bin‹, sagte ich nachdenklich.
Das Angebot, dass mir der Daimyo daraufhin machte, überraschte mich sehr.
›Da Sie an nichts gebunden sind, möchte der Fürst Sie fragen, ob Sie ihn nach Japan begleiten würden? Er ist Ihnen dankbar für all die Hilfe, die Sie uns geleistet haben, und möchte sich auf diese Art dafür bedanken.‹
Ich muss wohl ein wenig seltsam dreingeschaut haben, denn er fügte schnell hinzu:
›Nicht als Gast, sondern als Lehrer in diplomatischen Dingen, was entsprechend entlohnt würde. Date Masamune hat sehr viel Achtung vor Ihnen und Ihren Fähigkeiten, und er möchte einiges davon lernen.‹
›Ich bin mir nicht sicher, ob ich dazu in der Lage bin. Denn mich führt in solchen Dingen oft mein Chi, und das kann man nicht so einfach weitergeben.‹
›Machen Sie sich darüber keine Gedanken, der Fürst ist überzeugt davon, und das reicht. Sie müssen sich auch nicht gleich entscheiden. Da es Date Masamune sehr recht ist, wenn Sie uns bis zur Küste begleiten, ist es ausreichend, wenn Sie Ihre Entscheidung an unserem Ziel bekannt geben.‹
Mit diesem Gedanken musste ich mich erst einmal anfreunden, würde es doch bedeuten, dass ich wieder in eine neue, unbekannte Umgebung wechseln müsste. Mich wieder mit einer neuen Sprache, anderen Sitten und Gebräuchen anzufreunden erschien mir im ersten Moment auch wenig erstrebenswert. Deshalb war ich unschlüssig, was ich antworten sollte. Doch dieses Thema wurde erst einmal fallengelassen, und wir wandten uns wieder den anstehenden Aufgaben zu.
Am Ende unserer Zusammenkunft kamen wir überein, alles für die Reise vorzubereiten und nur noch die Kampfmönche abzuwarten. Die Dorfbewohner hatten zwar auch Vorteile von unserer Anwesenheit gehabt, aber alles in allem waren sie froh, dass wieder Ruhe einkehren würde. Um die Mittagszeit des folgenden Tages trafen die Kampfmönche im Dorf ein, und der Aufbruch wurde auf den nächsten Morgen festgelegt.
Die Gruppe bestand ausschließlich aus Mönchen, die in das alte Klosterleben zurückgekehrt waren und die ich alle sehr gut kannte. Jeder von ihnen war vertrauenswürdig, und keiner würde jemals mit Nichteingeweihten darüber sprechen.
Hu Kang hatte als offiziellen Grund eine Hilfeleistung für ein entfernteres Dorf angegeben und die Dauer dieses Einsatzes offen gelassen. Auch für die lange Abwesenheit von Wang Lee, Chen Shi Mal und Liu Shi Meng hatte er eine gute Begründung gefunden. Alle glaubten, dass sie mich aus Freundschaft nun doch weiter begleiteten als ursprünglich geplant, und so ganz unwahr war das ja auch nicht.
Als wir am Morgen des nächsten Tages aufbrachen, wurden wir freundlich von den Dorfbewohnern verabschiedet. An der Spitze unserer Gesellschaft gingen Wang Lee, Chen Shi Mal und ich. Uns folgte die japanische Gesandtschaft, die zum großen Teil beritten war. Die beiden japanischen Soldaten, die als einzige zu Fuß gingen, führten die Packpferde. Ihnen folgten am Ende unserer Reisegesellschaft die Kampfmönche. Es wurde nicht viel gesprochen, und ich konnte ungehindert meinen Gedanken nachhängen. Diese drehten sich hauptsächlich um das Angebot des Fürsten. Lange wägte ich das Für und das Wider ab, bevor ich einen Entschluss fasste, der erst an der Küste feststand.
Nachdem wir das Song-Shan-Gebirge verlassen hatten, strebten wir der alten Handelsstraße zu, die über Kaifeng, Shangqiu und Tongshan an die Küste führte. Auf ihr erreichten wir ohne besondere Vorkommnisse nach vierzehn Tagen Lianyungang.
Liu Shi Meng hatte seinen Auftrag ausgeführt und dem Führer des japanischen Schiffes die Nachricht des Fürsten überbracht. Der Kapitän hatte den langen Aufenthalt genutzt, um Silber, Kupfer und chinesische Seide zu kaufen. Es war für ihn die einmalige Gelegenheit in China Waren aufzunehmen, denn normalerweise war es den japanischen Schiffen nicht gestattet, chinesische Häfen anzulaufen. Nur die diplomatische Mission des Fürsten hatte es ermöglicht, doch die Seeleute waren gezwungen, sich ständig an Bord aufzuhalten, da sie das Festland nicht betreten durften.
Das Schiff war ein sogenanntes Rotsiegel-Schiff, das eine Lizenz des Shogun hatte, um Handel mit anderen asiatischen Ländern zu treiben. Es gehörte zwar Date Masamune, aber der Kapitän fungierte gleichzeitig als Händler und war am Gewinn beteiligt. Deshalb war er auch erfreut, als der Fürst endlich eintraf, denn je länger er in einem Hafen verweilte, umso größer war sein Verlust. Obwohl ihn der Daimyo für die lange Liegezeit entschädigen würde, wäre sein Gewinn bei einem guten Handel größer gewesen.
Als wir im Hafen ankamen, wurde dem Kapitän sofort das Eintreffen des Fürsten gemeldet und er empfing den Daimyo, noch bevor dieser das Schiff betrat. Die sich anschließende Unterhaltung konnte ich, da sie japanisch geführt wurde, nicht verstehen, und weil Katakura Shigenaga nicht dolmetschte, hatte ich Muße, mir das Schiff genauer zu betrachten.
Ich hatte noch nie ein Segelschiff aus der Nähe gesehen, und die, die ich von Bildern her kannte, waren mit diesem hier nicht vergleichbar. Anscheinend mischten sich in dieser Schiffskonstruktion mehrere Bauweisen. Der Rumpf hatte ein sehr hohes Heck und einen wesentlich niedrigeren Bug. Das Heck mit den Aufbauten erinnerte mich an spanische und portugiesische Segelschiffe, die ich auf Bildern gesehen hatte. Den Bug aber konnte ich gar nicht zuordnen, denn unterhalb des eigentlichen Decks war noch einmal so eine Art Vorbau oder Galerie, die um den Bug herumführte. Dort wurde der Anker abgelegt, wenn das Schiff auf See war, und einige Taue, die zur Spitze des Bugspriets und dem dort befestigten Segel führten, deuteten darauf hin, dass dieses von hier aus bedient wurde. Des Weiteren hatte das Schiff drei Masten. Einen im vorderen Teil des Schiffes, fast am Bug, dieser war annähernd so hoch wie der Hauptmast, der sich ungefähr in der Mitte des Schiffes befand. Der dritte Mast hatte höchstens die halbe Höhe des Hauptmastes und befand sich im Heckbereich des Schiffes.
Die Besegelung schien wieder eine Mischung aus verschiedenen Schiffsbauweisen zu sein. Obwohl sie gerefft waren, konnte man erkennen, dass die Segel am Bugspriet und am Heckmast normale Leinensegel waren, während die an den großen Masten mit Bambuslatten durchzogen waren. Das Steuerruder schien wie der gesamte Heckaufbau einem portugiesischen Schiff entlehnt zu sein, und drei Luken, die sich auf jeder Seite des Aufbaus befanden, deuteten auf eine Bewaffnung mit sechs Kanonen hin.
Ich war gerade dabei, die Details in mich aufzunehmen, als ich durch den Aufmarsch einer Gruppe chinesischer Soldaten aus meinen Betrachtungen gerissen wurde. Eine Einheit von zwanzig Soldaten, geführt von einem Offizier, marschierte im Gleichschritt auf uns zu.
Der Fürst und der Kapitän unterbrachen ihr Gespräch und blickten der Truppe entgegen. Als sie uns erreicht hatten, fuhr der Offizier die Japaner barsch an.
›Sie haben kein Recht, sich hier an Land aufzuhalten! Begeben Sie sich sofort wieder auf Ihr Schiff, sonst sehe ich mich gezwungen, Sie in Gewahrsam zu nehmen!‹
Die Japaner schienen nach dem Gespräch, das der Fürst mit dem Kapitän geführt hatte, in wenig guter Stimmung zu sein und hatten die Hände schon am Schwertheft, doch Wang Lee behielt die Ruhe, trat vor den Offizier und fragte:
›Darf ich erfahren, warum Sie diese Gäste Chinas so unhöflich behandeln?‹
›Gäste Chinas? Es müsste doch jedem bekannt sein, das nach einem Kaiserlichen Erlass keine japanischen Seeleute das chinesische Festland betreten dürfen, und dieses Schiff hier durfte den Hafen nur mit einer Sondergenehmigung anlaufen! Doch beinhaltet sie nicht die Genehmigung des Landgangs! Also, gehen Sie uns aus dem Weg, und lassen Sie uns unsere Pflicht tun!‹
Wang Lee wich nicht von der Stelle, lächelte freundlich und erwiderte:
›Es tut mir leid, doch ich muss Ihnen widersprechen. Diese Leute hier sind Teil einer japanischen Gesandtschaft, die am Kaiserhof weilte. Der Fürst, Date Masamune, hatte die Genehmigung des Kaisers, dass Shaolin-Kloster zu besuchen, und wir Mönche haben die Gesandtschaft zu ihrem Schiff geleitet. Es ist also keinesfalls unberechtigt, dass sich diese Japaner an Land aufhalten.‹
Der Offizier war sichtlich verunsichert und betrachtete die Kampfmönche, die zwischen ihm und den Japanern standen. Doch so ganz ohne Widerrede wollte er sich nicht geschlagen geben.
›Das müssen Sie mir erst einmal beweisen! Von einer solchen Genehmigung habe ich keine Kenntnis, und ich erfülle hier auch nur meine Pflicht!‹
›Der Fürst hat ein Dokument vom Kaiserhof, das diese Reise genehmigt. Er wird es Ihnen auf Wunsch bestimmt zeigen. Außerdem müsste Ihnen die Sondergenehmigung des Schiffes dies auch bestätigen, denn es ist hier, um die Gesandtschaft an Bord zu nehmen.‹
In diesem Augenblick mischte sich Date Masamune ein. Der dolmetschende Samurai, hatte das bisherige Gespräch übersetzt und kam mit der Reisegenehmigung, die ihm der Fürst gegeben hatte, nach vorn. Er hielt sie dem Offizier hin und sagte:
›Der Fürst Date Masamune versteht die Unruhe nicht und möchte das Missverständnis mit der Vorlage dieses Dokumentes beenden.‹
Nachdem der Offizier einen kurzen Blick auf das Kaiserliche Siegel geworfen hatte, setzte er eine andere Miene auf und antwortete, ohne den Inhalt der Genehmigung überhaupt zu lesen:
›Entschuldigen Sie! Ich tue nur meine Pflicht, und mir war diese Genehmigung nicht bekannt. Dürfte ich noch erfahren, wie lange Sie sich in Lianyungang aufhalten werden?‹
Katakura Shigenaga drehte sich zum Daimyo um und leitete die Frage weiter. Der machte eine wegwerfende Handbewegung und gab eine gereizte Antwort, doch ich hatte das Gefühl, dass der Samurai sie nicht wortwörtlich übersetzte.
›Sobald das Schiff zum Auslaufen bereit ist, werden wir den Hafen verlassen. Da sich der Tag aber bereits dem Ende zuneigt, wird es vermutlich erst morgen früh geschehen.‹
Der Offizier bedankte sich für die Auskunft und machte mit seiner Truppe kehrt.
Der Zwischenfall zeigte, wie gespannt das Verhältnis zwischen Japan und China immer noch war. Keine der beiden Seiten traute der anderen über den Weg, und der kleinste Zwischenfall konnte zu einer blutigen Auseinandersetzung führen.
Date Masamune war immer noch sehr verstimmt, vor allem weil ihm der Kapitän berichtet hatte, dass sie das Schiff nicht verlassen durften. Der Handel war deshalb nur über Mittelsmänner und mit zusätzlichen finanziellen Aufwendungen möglich gewesen.
Missmutig drehte er sich um und wollte aufs Schiff gehen. Dabei fiel sein Blick auf mich, und er ließ mich durch Katakura Shigenaga fragen, ob ich mich entschieden hätte.
›Ja!‹, sagte ich. ›Ich habe lange überlegt, alles abgewogen und bin zu dem Schluss gekommen, Ihr Angebot anzunehmen.‹
Das Gesicht des Fürsten hellte sich auf, doch Wang Lee und Chen Shi Mal begehrten auf:
›Xu Shen Po, das kannst du nicht machen. Du gehörst hierher, und es ist schon schlimm genug, dass du nach Wudang gehen willst. Dort haben wir aber wenigstens die Möglichkeit, dich zu besuchen, und vielleicht kommst du irgendwann doch zu uns zurück. Aber wenn du mit nach Japan gehst, werden wir dich bestimmt nicht wiedersehen.‹
Er hatte gewiss recht, doch in diesem Moment schien es mir die vernünftigste Entscheidung zu sein.
›Lass gut sein, Wang Lee, es ist vermutlich egal, wohin ich mich wende, denn unsere Wege trennen sich hier auf jeden Fall. Auch wenn ich nach Wudang ginge, wäre ein Wiedersehen unwahrscheinlich, denn auch dort bin ich nur Gast, und Gäste sollen nach einer gewissen Zeit wieder gehen.‹
›Wie kannst du nur so etwas sagen! Für mich gehörst du zu uns, und der Abt von Wudang sieht dich auch als einen zu uns Gehörigen.‹
›Ja, solange ich der Schüler war, war das in Ordnung. Doch der bin ich nicht mehr, und welches Recht sollte ich haben, mich jetzt noch für längere Zeit in euren Klöstern aufzuhalten. Ich bin kein buddhistischer und auch kein taoistischer Mönch und habe weder Rechte noch Aufgaben in euren Klöstern. Lei Cheng hat mir das bei unserem Abschiedsgespräch bewusst gemacht. Ich muss und will mir also eine Aufgabe suchen, mit der ich meinen Lebensunterhalt verdienen kann und die mir das Recht gibt, mich an einem Ort aufzuhalten. Bei euch kann ich das nicht, da ich weder den einen noch den anderen Glauben annehmen will oder kann. Aber der Fürst hat mir ein Angebot gemacht, mit dem ich meine Anwesenheit vielleicht rechtfertigen kann. Zumindest für eine gewisse Zeit, und dann sehe ich weiter.‹
›Aber eine Aufgabe kannst du doch auch bei uns finden. Du bist jetzt ein Meister und kannst unterrichten oder ...‹
›Nein, Wang Lee, ich bin kein Mönch. Ich war hier gestrandet, und Han Liang Tian hatte, aus welchem Grund auch immer, mich erwartet und sah es als seine Aufgabe an, mich in allem zu unterrichten, was er wusste. Er sagte immer, dass er diese Aufgabe von Buddha oder einem anderen erhalten habe, und das diente ihm und mir als Rechfertigung meines Aufenthalts. Doch er lebt nicht mehr, und seine Aufgabe ist erfüllt. Ich brauche ein neues Ziel, und ich hoffe, dass ich das vielleicht bei Date Masamune finden kann.‹
›Aber, aber ich ...‹
Chen Shi Mal legte ihm die Hand auf die Schulter.
›Gib auf, Wang Lee! Er hat sich entschieden, und vielleicht ist es der richtige Weg für ihn. Wir sollten ihn nicht von etwas zu überzeugen versuchen, was er nicht will.‹
Beide holten tief Luft und sahen mich mit traurigen Augen an. Wang Lee schien es besonders hart zu treffen, denn seine Augen bekamen einen feuchten Schimmer. Er war mir in der Zeit, die ich in China zugebracht hatte, immer ein treuer Freund gewesen. Nie hatte er mich im Stich gelassen, auch nicht, als wir in Wudang waren und er seine gewohnte Umgebung für mich verlassen hatte. Es fiel mir nicht leicht, vor mir selbst meine Entscheidung zu rechtfertigen, denn einen treueren und besseren Wegbegleiter als ihn kann man sich nicht wünschen. Doch auf der anderen Seite standen die Konflikte, die meine Anwesenheit in Shaolin hervorrief und unter deren Folgen die, die mir nahestanden, mitleiden mussten. Das war der einzige Grund, mit dem ich meine Entscheidung vor mir selbst rechtfertigen konnte.
Als ich mit meinen Gedanken so weit gekommen war, gab ich mir einen Ruck und verabschiedete mich von meinen chinesischen Freunden. Keiner konnte seine Emotionen verbergen, und respektvoll wendeten sich der Daimyo und Katakura Shigenaga ab. Ich wusste zu dieser Zeit noch nicht, dass diese Handlungsweise für einen Samurai keineswegs typisch war und dass ich wieder einen Weg mit sehr ungewöhnlichen Charakteren beschreiten würde. Doch gerade deshalb sollte ich wieder sehr gute Freunde finden.
Die chinesische Küste war schon lange meinen Blicken entschwunden, und da ich keine Aufgabe hatte, verbrachte ich die Tag- und Nachtstunden zu einem großen Teil in Meditation. Am Morgen des dritten Tages tauchte vor uns eine im Dunst liegende Küstenlinie auf. Meinen Gedanken nachhängend, lehnte ich an der Reling und schaute erwartungsvoll in diese Richtung. Wir hatten bisher sehr gutes Segelwetter gehabt, so dass das Schiff relativ ruhig dahinglitt. Die gut eingearbeitete Mannschaft bewegte sich fast lautlos und gemächlich auf dem Deck, während ich mich in diesem Moment ein wenig einsam fühlte. Schon kamen Zweifel in mir auf, ob es richtig war, diesen Weg einzuschlagen, doch in dem Moment gesellte sich Katakura Shigenaga zu mir.
›Darf ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten?‹
›Aber ja‹, sagte ich erfreut. ›Ist das dort vorn schon die japanische Küste?‹, setzte ich hinzu.
›Nein‹, sagte er leise auflachend. ›Bis wir die zu sehen bekommen, dauert es noch, und unser eigentliches Ziel ist noch viel weiter entfernt.‹ Er schaute sich kurz um und überlegte. ›Es müsste eine der kleineren oder größeren Inseln sein, die Korea vorgelagert sind, doch genau weiß ich es nicht. Der Schiffsführer kann es uns aber bestimmt sagen.‹
Er drehte sich um und rief dem Kapitän etwas auf Japanisch zu. Bei dessen Antwort nickte er befriedigt und sagte dann zu mir:
›Ja, es ist, wie ich vermutet habe, eine der größeren Inseln vor Korea. Sie heißt Cheju oder so ähnlich. Wir lassen sie rechts liegen und steuern genau auf die Meerenge zwischen Kyushu und Honshu zu. Haben wir diese hinter uns, segeln wir mehr oder weniger an Kyushus Küste entlang. Links sehen wir dann die große Insel Shikoku, deren Küstenverlauf wir folgen, bis wir wieder auf Honshu treffen. Weiter geht es Richtung Nordosten bis zur Halbinsel Izu. Wenn wir sie umschifft haben, sind wir schon fast am Ziel, denn dann ist Edo nicht mehr weit.‹
›Oh, ich dachte nicht, dass wir eine so lange Fahrt vor uns haben. Für mich war Japan immer nur einen Katzensprung von China oder Korea entfernt.‹
›Einen Katzensprung?‹, er lachte kurz auf. ›Das hab ich ja noch nie gehört. Sicher ist die Fahrt relativ kurz, wenn man andere große Seereisen damit vergleicht, aber ein Katzensprung ...‹ Er versuchte ein weiteres Auflachen zu unterdrücken. ›Nein, ein Katzensprung ist es bestimmt nicht.‹
Mir in die Augen blickend, fügte er nachdenklich hinzu, ›Du weißt anscheinend noch nicht allzu viel über unser Land, und ich denke, es wird das Beste sein, wenn ich die weitere Reise nutze und dir einiges erkläre.‹
Er nahm eine bequemere Haltung ein und fuhr fort:
›Ich darf doch du sagen, oder?‹
Ich nickte bestätigend. Erfreut und wesentlich entspannter sagte er:
›Wir werden vermutlich, da du noch kein Japanisch kannst, in nächster Zeit viel miteinander zu tun haben, und ich finde es einfach wesentlich entspannter, wenn wir nicht so förmlich miteinander umgehen.‹
Er nickte wie zur Selbstbestätigung und holte tief Luft.
›Also, die Seereise bis zu der Küste, die Korea oder China am nächsten liegt, ist nicht gar so lang und führt übers offene Meer. Doch dann müssen wir zwischen den großen japanischen Inseln hindurchsegeln, um auf die andere Seite Japans zu gelangen, denn Edo liegt in einer großen Bucht an der gegenüberliegenden Küste Japans. Wenn wir die Residenz des Shogun erreichen, haben wir mehr als die Hälfte unseres Landes umsegelt. Das Langwierigste und vielleicht auch Gefährlichste dieser Reise ist die Fahrt zwischen den Inseln und an der anderen Küste. Dort wehen um diese Jahreszeit oft unstete starke Winde, meistens in unerwünschter Richtung.‹
›Sie ... Entschuldigung, du hast die Reise wohl schon öfter gemacht?‹
›Nein, ich war bis jetzt nur einmal in China, und das auch nicht offiziell. Wieso fragst du? Weil ich die Seereise so genau beschrieben habe?‹
›Zum einen ja und zum anderen wegen deiner guten Chinesischkenntnisse.‹
›Nun, beides ist leicht zu erklären. Die chinesische Sprache habe ich schon als Kind gelernt. In der Nähe meines Elternhauses ist ein buddhistischer Schrein, und einige der Mönche, die dort leben, kamen aus China. Wir wurden in bestimmten Dingen von diesen Männern unterrichtet, und dabei habe ich ihre Sprache erlernt.‹
Er machte eine kleine Pause, und sein Gesicht nahm einen leicht verträumten Ausdruck an. Es schienen schöne Erinnerungen an jene Zeit zu sein, die ihm gerade in den Sinn kamen. Doch das dauerte nur kurz. Er blickte wieder hoch und fuhr fort:
›Ja, und die Seereise in Japans Gewässern kann ich so gut beschreiben, weil ich im Auftrag des Daimyo schon mehrfach zur Insel Shikoku und auch darüber hinaus gefahren bin. Date Hidemune, der älteste Sohn meines Herrn, hat vom Shogun das Lehen Uwajima auf der Insel Shikoku erhalten, und ich habe ihn öfter dort aufsuchen müssen.‹
›Ist es bei euch nicht üblich, dass der älteste Sohn die Nachfolge seines Vaters antritt?‹
›Das schon, doch Date Hidemune ist kein Sohn von Megohime, der Frau meines Herrn. Er ist der Sohn einer Konkubine und kann deshalb das Erbe seines Vaters nicht antreten. Er darf zwar den Namen seines Vaters führen, aber in der Rangfolge kommt immer erst der erstgeborene Sohn aus der ehelichen Verbindung.‹
›O je, ist das kompliziert. Kommt es da nicht zu Konflikten und Reibereien?‹
›Eher selten, es ist alles klar geregelt, und alles unterliegt einer strengen Rangordnung. Früher kam es öfter vor, dass in Familien der eine oder andere aus dieser Ordnung ausbrechen wollte, doch unter der strengen Führung des Shogun ist das nicht mehr so einfach.‹
›Warum hat der Fürst eine Konkubine? Ist er mit seiner Frau nicht glücklich?‹
Shigenaga sah mich verständnislos an.
›Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Date Masamune ist ein großer Daimyo. Es ist üblich und gehört zum guten Ton, dass sich ein Mann in einer solchen Position eine oder mehrere Konkubinen hält. Mein Herr hat sieben, aber in letzter Zeit sucht er sie nicht mehr so oft auf, denn er denkt mittlerweile ein wenig anders über diesen Brauch. Doch das ist nur inoffiziell. Mehr möchte ich darüber nicht sagen.‹
Mein Blick ruhte auf dem Meer, ohne das ich etwas davon wahrnahm. Ich dachte über das Gehörte nach, und Katakura Shigenaga beobachtete mich gespannt.
Nach einer Weile durchbrach er die Stille und fragte:
›Es hat den Anschein, dass du diesen Brauch noch nicht kennst? Gibt es dort, wo du herkommst, keine Konkubinen?‹
›Offiziell nicht. Sicherlich haben manche Männer eine Geliebte, aber das wird meist geheim gehalten. Wenn sich manche Männer damit brüsten, dann in der Regel nur von Mann zu Mann, unter Gleichgesinnten. Im Allgemeinen schadet es dem Ruf, vor allem dann, wenn es eine hochgestellte Persönlichkeit betrifft. Ich persönlich empfinde Nebenfrauen als wenig sinnvoll, denn es schafft nur Probleme. Aber ich möchte mir da kein Urteil erlauben, weil ich noch viel zu wenig über euer Land und Volk weiß. Es hat sicherlich seine Gründe und Ursachen und vielleicht ...‹, ich stockte kurz, ›vielleicht auch seine Berechtigung.‹
Er lachte kurz auf.
›Ja, seine Gründe und Ursachen hat es auf jeden Fall, ob es deswegen seine Berechtigung hat, weiß ich nicht.‹
Er schaute über Bord und beobachtete einen Schwarm Fische, der knapp unter der Wasseroberfläche neben dem Schiff dahinglitt. Dabei sprach er leise und mehr zu sich:
›Unser Volk und vor allem der Stand, dem ich angehöre, schätzt die kriegerischen Fähigkeiten und die Macht eines Mannes mehr als alles andere. Aus diesem und anderen Gründen haben wir uns in den letzten Jahrhunderten immer wieder gegenseitig zerfleischt. Es wurden ständig Kriege geführt und territoriale Machtkämpfe ausgefochten. Viele Banditen und herrenlose Krieger zogen durchs Land. Sie raubten und mordeten ohne Gnade. Das Resultat war und ist, dass es einen Frauenüberschuss und viele Witwen gibt. Schon vor vielen hundert Jahren kam der Brauch auf, dass Männer, die es sich leisten konnten, solche Frauen in Dienst genommen haben, um ihnen Schutz zu gewähren. Der Weg bis zur Konkubine war dann nicht mehr weit. Doch mittlerweile haben sich diese Gründe verloren, und es geht jetzt meist mehr darum, Familien an sich zu binden, oder die Familien der Konkubinen möchten sich das Wohlwollen eines hohen Herren damit erkaufen. Und natürlich befriedigen viele Männer damit Ihre Bedürfnisse.‹
Er sah hoch und mir in die Augen, ›Doch ich rede hier über Dinge, die ein gefährliches Gedankengut sind, denn keiner möchte an diesen Bräuchen und Ritualen rühren. Auch erinnern solche Reden an die christlichen Missionare, die seit einiger Zeit aus dem Land verbannt sind. Date Masamune und ich haben des Öfteren über solche Sachen gesprochen. Wir sehen mittlerweile vieles ein wenig anders als die anderen Männer unseres Standes, doch öffentlich dazu bekennen dürfen wir uns nicht. Es wäre unser Todesurteil. Also, wenn du uns und unsere Familien nicht ins Unglück stürzen willst, dann behalte es für dich, und sprich möglichst nicht mit dem Fürsten darüber.‹
Ich nickte und bemühte mich, das Thema zu wechseln.
›Ist Edo eine sehr große Stadt?‹
Er erkannte meine Absicht, lächelte und ging darauf ein.
›Das kommt darauf an, was für Vergleiche du hast. Du kannst Edo sicherlich nicht mit der Residenzstadt des chinesischen Kaisers vergleichen, denn Edo ist noch jung. Die Stadt wird gerade erst richtig aufgebaut, es ist alles neu und wohlgeordnet. Viele tausend Arbeiter sind damit beschäftigt, den sumpfigen Boden zu befestigen sowie Straßen und neue Gebäude zu bauen. Die Burg des Shogun und eine Grundstruktur sind schon vorhanden. Als ich noch ein Kind war, war Edo ein kleines Fischerdorf, doch Tokugawa Ieyasu, der erste große Shogun, erkor sich dieses Dorf zur Residenz. Seit dieser Zeit wird in Edo gebaut. Erst noch zurückhaltend und jetzt, nachdem sich die Macht des amtierenden Shogun über ganz Japan erstreckt, mehr. Alle Daimyo müssen sich am Aufbau der Stadt beteiligen und verbringen auch einen großen Teil ihres Lebens hier.‹
Er wendete sich wieder um und blickte aufs Wasser.
›Was für ein Aufwand und was für Kosten! Die Mittel könnten in den Provinzen der Daimyo gut gebraucht werden. Doch keiner wagt es, sich dagegen aufzulehnen. Der Shogun hat die Macht, und alle sind ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.‹
Er schüttelte den Kopf.
›Aber die Stadt wird schön. Der Stadtkern ist die Burg, und um sie herum scharen sich die Anwesen der ranghöchsten Samurai. Damit meine ich die der Daimyos und etwas weiter von der Burg entfernt die Häuser von deren direkten Untergebenen. Also Bushi wie mich. Je weiter weg von der Burg das Haus, desto geringer der Rang des Besitzes. Noch weiter entfernt stehen die Häuser der Chonin. Diese Stadtmenschen, Kaufleute, Handwerker und andere unreine Menschen, gehören zur untersten Standesriege. Am Fluss Okawa befinden sich Lagerhäuser und Regierungsgebäude. An der Bucht liegt der Hafen. Doch überall wird noch gebaut, und nur im Kern ist das meiste schon fertig.‹
Er wendete sich wieder mir zu.
›Wenn wir an Land gegangen sind, müssen wir einiges beachten, und du musst dich unbedingt in meiner Nähe aufhalten, damit ich dir Verhaltensregeln im Umgang ...‹
In diesem Moment wurden wir vom Fürsten unterbrochen.
Date Masamune saß in der Nähe des Heckmastes unter einem Sonnenschirm und hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt mit dem Kapitän unterhalten. Sich von diesem abwendend, rief er Katakura Shigenaga etwas zu. Dieser verbeugte sich leicht vor dem Daimyo und forderte mich dann auf, mit zum Fürsten zu kommen. Als wir vor ihm standen und ich ihn unschlüssig anblickte, sprach der Daimyo in barschem Tonfall mit Shigenaga. Erstaunt sah ich von einem zum anderen. Es war alles sehr widersprüchlich und ungewohnt für mich. Zum einen sah ich im Gesicht des Fürsten ein hintergründiges Lächeln, und zum anderen war der Tonfall wie eine strenge Rüge. Mein Dolmetscher machte eine unterwürfige Geste, antwortete knapp und wendete sich mir zu.
›Date Masamune hat mich soeben gerügt, weil ich dir noch nichts von unseren Sitten und Gebräuchen beigebracht habe. Auch wenn der Fürst in den Momenten, wenn wir unter uns sind, mit dir oder mir einen vertraulichen Umgang pflegt, darf er das nach außen nicht zeigen. Er muss das Gesicht wahren, und wir müssen ihm den gebührenden Respekt zollen. Es ist von der Sache her nur gespielt, aber wichtig für den Erhalt seiner Stellung. Das heißt, wenn du in Gegenwart anderer zum Fürsten gerufen wirst, näherst du dich ihm langsam und mit gesenktem Blick bis auf fünf Schritte.‹
Ich schaute nach unten und trat zwei Schritte zurück, denn ich war schon bis auf drei herangetreten.
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über die Gesichter der beiden, und Katakura Shigenaga sprach weiter:
›Dann beugst du vor ihm das Knie. Das linke Knie und die linke Faust auf dem Boden. Die rechte Hand, da du keine Schwerter besitzt, auf den rechten Oberschenkel gestützt. Wärst du ein Samurai, müsste deine rechte Hand hinter dem Rücken die Scheide deines Schwertes umfassen, um damit zu zeigen, dass du den Fürsten nicht angreifen willst.‹
Die ganze Zeremonie erschien mir nach unserem bisherigen zwanglosen Umgang ein wenig seltsam, doch ich war im Begriff, ein fremdes Land mit mir noch unbekannten Sitten zu betreten, und empfand es als unpassend, ihre Gebräuche in Frage zu stellen. Ich beugte also das Knie und befolgte die weiteren Anweisungen meines Dolmetschers.
Mit einem leichten Neigen des Kopfes quittierte der Daimyo meine Handlungsweise, und Shigenaga fuhr in seinen Erläuterungen fort:
›Dein Blick ist dabei auf den Boden gerichtet, und erst wenn dich der Fürst dazu auffordert, schaust du ihn an.‹
Katakura Shigenaga hatte sich ähnlich verhalten, nur mit dem Unterschied, dass er sich ein wenig vor mir, dem Daimyo die rechte Seite zuwendend, befand.
In harschem Tonfall, von einer auffordernden Geste begleitet, die ich aus den Augenwinkeln sah, sprach Date Masamune uns an. Ich entnahm der Geste, dass ich aufblicken konnte, und sah dem Fürsten ins Auge. Ein klein wenig Schalk lag in seinem Blick, doch das währte nur kurz, und ein Außenstehender hätte es sicherlich nicht bemerkt.
›Gut, du hast die Aufforderung teilweise schon verstanden‹, Shigenaga nickte mir anerkennend zu. ›Der Fürst hat dir erlaubt, sich ihm bis auf drei Schritte – das ist der übliche Abstand – zu nähern und ihm gegenüber Platz zu nehmen.‹
Umgehend folgte ich der Anweisung.
›Halt, nicht so schnell und mit gesenktem Kopf.‹
Ich stockte und neigte den Kopf.
›Gut, und nun knie nieder und setze dich auf deine Unterschenkel.‹
Katakura Shigenaga wendete sich dem Daimyo zu, verbeugte sich leicht und richtete einige Worte an ihn. Nach dessen Antwort drehte er sich wieder zu mir um und sagte:
›Der Fürst wünscht, dass ich dir dieses Verhalten erkläre.‹
Ich wendete mich wieder Shigenaga zu und wurde sofort korrigiert:
›Nein, schau nicht mich an, denn ich bin nur der Dolmetscher, dein eigentlicher Gesprächspartner ist Date Masamune.‹
Als ich seiner Anweisung folgte, konnte ich noch ein leichtes Kopfneigen von ihm sehen, dann fuhr er fort:
›Du erweist dem Daimyo damit den nötigen Respekt‹, er holte tief Luft. ›Mein Herr hat mich vorhin zu Recht gerügt, denn ich habe sehr unbedacht gehandelt. Auf dieser Reise nach China war es nicht notwendig, solche Zeremonien aufrechtzuerhalten, doch jetzt, vor allem in Edo, ist es unumgänglich, um Date Masamune nicht zu schaden. Auch dir könnte bei einem Fehlverhalten Schaden entstehen, und das möchte der Fürst, da du ja auf seinen Wunsch hin mitgekommen bist, verhindern. Du musst in nächster Zeit sehr vorsichtig sein und genau auf mich achten, damit ich dir alles Notwendige vermitteln kann.‹
Ich nickte zur Bestätigung, ohne den Blick vom Fürsten abzuwenden.
›Gut, nun zum eigentlichen Zweck dieses Gespräches.‹
Die Anspannung der letzten Minuten schien ein klein wenig von Katakura Shigenaga abzufallen.
›Der Fürst muss, sobald wir in Edo sind, beim Shogun um eine Audienz bitten und ihm Bericht erstatten. Zu dieser Audienz darf ihn keiner begleiten, schon gar nicht du mit deinem offenkundig ausländischen Aussehen.‹
Ich holte Luft, um einen Einwurf zu machen, doch er unterbrach mich sofort.
›Ich erkläre das später in Ruhe!‹
Ich atmete aus und neigte leicht den Kopf.
›Gut, Date Masamune hätte gern einen Rat von dir. In einem Gespräch nach dem Kampf hattest du gesagt, du würdest dem Shogun die Reise nach Shaolin als notwendig und erfolgreich schildern. Der Fürst möchte wissen, wie er das machen soll.‹
›Nun, dazu wäre es sinnvoll, wenn ich wüsste, was der eigentliche Zweck des Besuchs am chinesischen Kaiserhof war.‹
Da Katakura Shigenaga nicht gleich mit der Übersetzung begann, machte ich eine auffordernde Handbewegung, denn ich wollte, eingedenk seiner Worte, den Blick nicht vom Daimyo abwenden.
Zögernd übersetzte er meine Frage und erntete nur zwei Worte und ein Kopfschütteln.
›Der Fürst kann und darf dir den Grund dieser Reise nicht mitteilen!‹
›Hm, ich hatte etwas in der Art erwartet. Nun gut, ich muss also ein wenig raten und gehe deshalb davon aus, dass es mit den immer wieder auftretenden Feindseligkeiten zwischen China und Japan zusammenhängt.‹
Shigenaga übersetzte fließend meine Worte, und Date Masamune hob am Ende leicht die Schultern. Dabei machte er eine Geste, die ich als »vielleicht« deutete. Ich versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, und fuhr fort:
›Gut. In einem unserer Gespräche, die wir nach dem Kampf in China geführt haben, sprach der Fürst davon, dass er an einer Invasion in Korea beteiligt war, in der es auch zu Kämpfen mit den Truppen des chinesischen Kaisers kam. Insofern gehe ich davon aus, dass die Reise den Zweck hatte, entweder in Erfahrung zu bringen, ob eine neuerliche Invasion erfolgreich sein könnte, oder ob die Gefahr besteht, dass China oder Korea etwas in der Art planen.‹
Ich machte eine Pause und schaute den Daimyo fragend an.
Wieder die gleiche Geste, doch auch er konnte ein Grinsen kaum unterdrücken.
›Wenn das so sein sollte, dann sind natürlich alle Informationen, die mit der Ausbildung der chinesischen Truppen zu tun haben, von Bedeutung. Date Masamune hat Gerüchte gehört oder unter der Hand von Zuträgern einiges über die kämpfenden Shaolin-Mönche erfahren. Ihm kam zu Ohren, dass sie die kaiserlichen Wachen und hohe Offiziere ausbilden, ein gewisses Truppenpotential haben und aktiv in Konflikte eingreifen. Darüber hinaus wurden sie als hervorragende Kämpfer gerühmt, die von einem großen General angeführt werden.‹
Ich machte eine kleine Pause, denn ich bemerkte die Anspannung in Masamunes Blick und Haltung. Seine aufgewühlten Gedanken waren von meinem geschulten Geist leicht zu bemerken, da ich seine Sprache noch nicht verstand, nahm ich jedoch im Moment nur wirre Bilder wahr. Es gelang mir nicht, diese richtig zuzuordnen, und mir wurde klar, dass ich ihm vermutlich mehr verraten hatte, als er bereits wusste.
War das richtig von mir?
Mir blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, denn mit einer Geste forderte er mich auf weiterzusprechen.
›Wenn meine bisherigen Vermutungen richtig sind, dann ist es logisch und im Sinne des Auftrages zwingend erforderlich, den Wahrheitsgehalt dieser Informationen zu prüfen. Da dies am Kaiserhof nicht möglich war, blieb nur die Reise zum Shaolin-Kloster übrig. Man könnte dem Shogun die Frage stellen, ob er in dieser Situation nicht die gleiche Entscheidung getroffen hätte.‹
Ich schaute erwartungsvoll in das Gesicht des Fürsten, und nach einer kleinen Pause, in der er seine Hände intensiv betrachtet hatte, begann er langsam und ruhig zu sprechen:
›Das sind sehr interessante Gedanken, die du da geäußert hast. Womit Date Masamune natürlich nicht sagen will, dass deine Vermutungen zutreffen.‹
Ich konnte das Lächeln in Shigenagas Gesicht wahrnehmen, ohne dass ich es sah.
›Der Daimyo muss dir vielleicht noch einige Hintergründe erklären, die diese Situation etwas komplizierter machen.‹
Masamune machte eine kurze Pause, um zu warten, bis der Dolmetscher mir das bisher Gesagte übersetzt hatte.
›Bisher haben wir immer nur vom Shogun als dem amtierenden Machthaber und obersten Landesherrn gesprochen. In Wahrheit sind die Machtverhältnisse in unserem Land um einiges komplizierter. Auch wir haben einen Kaiser, den Tenno. Er wird als Gottkaiser verehrt und sollte mit dem Hofadel eigentlich das Land regieren. Doch die Macht liegt in den Händen des Shogun und seiner engsten Berater. Der amtierende Shogun ist Tokugawa Iemitsu, aber das ist nur nach außen hin so, denn er hat das Amt von seinem Vater vorzeitig vererbt bekommen, um Machtkämpfen vorzubeugen. Die eigentliche Macht liegt immer noch in den Händen von Tokugawa Hidetada.‹
Date Masamune sprach im gleichen ruhigen Tonfall weiter:
›Immer wieder entstehen kleinere und größere Konflikte, da der Sohn nur ungern den Einfluss seines Vaters gelten lässt. Mein Herr ist Tokugawa Hidetada in mehreren Punkten sehr verpflichtet. Sein erstgeborener Sohn – Date Hidemune – ist nur dank der guten Beziehungen des Date-Clans zu ihm, Daimyo von Uwajima geworden. Der Shogun kann ihm dieses Lehen aber jeder Zeit wieder entziehen. Auch die Vereinbarung betreffs Date Tadamune wurde mit dem Vater getroffen, weshalb der Fürst die China-Reise antreten musste.‹
Mein Dolmetscher holte tief Luft.
›Mein Herr ist also dem alten Shogun in vielerlei Hinsicht verpflichtet. Andererseits wird irgendwann Tokugawa Iemitsu der alleinige Machthaber sein, und deshalb darf sich Date Masamune ihn nicht zum Feind machen. Auch dieser kann dem Date-Clan jederzeit großen Schaden zufügen. Als wir die Reise angetreten haben, hat der amtierende Shogun unmissverständlich kundgetan, dass er das Unternehmen nicht gutheißt. Doch konnte er sich seinem Vater gegenüber nicht durchsetzen, und nun befürchtet Date Masamune, dass ihm das, auch wegen der Reise nach Shaolin, zum Schaden gereicht.‹
›Warum stand der amtierende Shogun dieser Reise ablehnend gegenüber?‹
›Nun, der Vater ist ein wenig weltoffener als der Sohn. Auch er ist vorsichtig und bemerkt, dass die christliche Missionierung der Machtposition unseres Standes nicht förderlich ist. Er ist wie der Sohn der Meinung, dass die Eigenständigkeit unseres Landes durch den Einfluss der westlichen Länder gefährdet wird. Aber im Gegensatz zum Sohn befürchtet er mehr Nachteile durch eine Abschottung nach außen. Er denkt, dass es der Landesentwicklung förderlicher wäre, wenn wir uns vorsichtig öffnen und einen gut kontrollierten Handel mit anderen Ländern führen. Vor allem China als unser nächster großer Nachbar könnte in diesem Punkt sehr wichtig werden. Entweder als ein guter Handelspartner oder, na ja, vielleicht auch als ...‹
Er ließ diesen Satz unvollendet und schloss seine Erläuterung mit der Information, dass der amtierende Shogun das Land nach außen komplett abschirmen möchte, um alle fremden Einflüsse zu unterbinden.
›Hm, das sind natürlich schwierige Verhältnisse, aber vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick scheint.‹
Nachdenklich strich ich mir mit der rechten Hand über Mund und Kinn.
›Muss der Fürst nur dem alten Shogun, beiden gleichzeitig oder in getrennten Gesprächen Bericht erstatten?‹
Shigenaga übersetzte meine Frage, und ohne groß nachzudenken, kam die Antwort vom Daimyo:
›Er denkt, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass er beide gleichzeitig informieren muss. Vermutlich wird ihn erst der Vater zur Berichterstattung einbestellen, bei dem das Zeremoniell nicht so umfangreich ist. Doch auch dem amtierenden Shogun muss er auf jeden Fall Rede und Antwort stehen, da er nach außen hin die Reise angeordnet hat.‹
›Nun, vielleicht ist das ganz günstig. Dem alten Shogun, Taka ... Wie hieß er doch gleich?‹
›Tokugawa Hidetada.‹
›Ach ja, Tokugawa Hidetada würde ich so informieren, wie wir es vorhin besprochen haben. Ich würde versuchen, das Gespräch so zu lenken, dass es ihm wichtig erscheint, ein starkes China nicht zu unterschätzen. Dass es aber gleichzeitig notwendig ist, gewisse Verbindungen aufrechtzuerhalten, um auf dem Laufenden zu bleiben.‹
Ich machte eine kurze Pause, um meine Gedanken zu ordnen.
›Dem Sohn würde ich den gleichen Bericht erstatten, doch das Gespräch ein wenig anders lenken. Er sollte am Ende zu der Einsicht kommen, dass seine Denkweise richtig ist und er ein starkes, einiges Land regieren muss, das allen äußeren Einflüssen gewachsen ist. Natürlich birgt das auch die Gefahr, dass sich die beiden darüber austauschen und dann denken, der Fürst hat jedem einen anderen Bericht gegeben. Aber in diesem Fall kann sich Date Masamune darauf berufen, dass er jedem das Gleiche erzählt hat und jeder nur zu anderen Schussfolgerungen gekommen ist.‹
Nachdem Katakura Shigenaga das übersetzt hatte, entstand eine kleine Pause, in der Date Masamune gebannt auf seine Hände blickte. Dann schaute er mir in die Augen und sagte:
›Die Gefahr, dass sich die beiden darüber austauschen, ist eher gering, denn sie pflegen meist nur Kontakt, wenn es öffentlich notwendig erscheint. Aber wie soll ich die Gespräche in die gewünschte Richtung lenken, wenn ich jedem den gleichen Bericht erstatte.‹
Ich lächelte und schlug vor, dass wir den Gesprächsverlauf üben, indem er den Shogun spielt und ich seinen Part übernehme.
Die sich anschließenden Dialoge nahmen viel Zeit in Anspruch, da wir verschiedene Varianten durchspielten. Erst als uns eine Schlechtwetterfront erreichte, beendeten wir das Gespräch, denn die Mannschaft hatte alle Hände voll zu tun, um das Schiff sicher auf Kurs zu halten. Wir räumten den Platz beim Heckmast, um nicht im Weg zu sein, und ich sah gebannt der Mannschaft bei ihrer Arbeit zu. Die Sicht wurde immer schlechter, starker Regen setzte ein, und das Schiff musste mit hohen Wellenbergen kämpfen. Unter heftigem Schlingern und Schaukeln ging es die ganze Nacht und auch den folgenden Tag weiter. Erst als wir die japanische Küste erreichten, wurde das Wetter besser. Aber als wir in die Meerenge zwischen Kyushu und Honshu einliefen, verschlechterten sich die Bedingungen wieder. Der Kapitän entschloss sich, den nächsten Hafen anzulaufen und erst bei Wetterbesserung die Fahrt fortzusetzen. Der kleine Hafen lag in einer Bucht, die durch eine Hügelkette vor dem Wind geschützt war. Da es nur ein Fischerhafen war verließ keiner das Schiff, und ich wurde wieder zu Date Masamune gerufen, um unser Gesprächstraining fortzusetzen.
Am nächsten Morgen besserte sich das Wetter, und wir setzten unsere Reise fort. Shigenaga sollte recht behalten, denn auf der ganzen restlichen Fahrt hatte das Schiff gegen widrige Winde anzukämpfen. Zwischen den großen Inseln gab es viele kleinere und kleinste, manchmal nur Felsklippen, deren Umschiffen der Besatzung die volle Aufmerksamkeit abverlangte. Erst als wir das offene Meer erreichten und in nordöstliche Richtung umschwenkten, wurde es einfacher. Der Wind war nicht mehr ganz so stark und seine Richtung auch ein wenig günstiger. Wir folgten mehr oder weniger dem Küstenverlauf von Shikoku und kamen besser voran. Diese Seereise nahm fast drei Wochen in Anspruch, in deren Verlauf ich immer wieder zum Daimyo gerufen wurde, da seine Bedenken noch nicht restlos zerstreut waren. Die Gespräche waren sehr langwierig, weil ich ja immer noch Katakura Shigenaga als Dolmetscher brauchte. Aus diesem Grund und wegen des unaufhörlichen Regens bekam ich auf der ganzen Fahrt nicht viel zu sehen. Zur Entschädigung hatten wir seit der Einfahrt in die Bucht, in der Edo lag, das schönste Wetter. Die Sonne wärmte von einem strahlend blauen Himmel, und das Schiff durchpflügte ruhig und gleichmäßig das nur leicht gekräuselte Wasser. Ich stand mit Katakura Shigenaga an der Reling und schaute auf die weite Ebene, der wir entgegenstrebten.
›Was erwartest du von unserem Land, und wie stellst du dir dein weiteres Leben hier vor?‹, fragte mich Shigenaga unvermittelt.
Aus meinen Gedanken gerissen, schaute ich hoch und überlegte.
›Ich weiß es nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es richtig war, dem Ruf von Date Masamune zu folgen. Die wenigen Brocken eurer Sprache, die du mir bisher beibringen konntest, sind auch nicht dazu angetan, meine Unsicherheit zu zerstreuen. Deswegen fühle ich mich im Moment sehr unwohl bei dem Gedanken, wieder einmal ganz von vorn anzufangen.‹
Er lachte kurz auf.
›Was erwartetest du denn? Hast du wirklich geglaubt, dass ich dir in den wenigen Stunden, die uns bisher zur Verfügung standen, unsere Sprache hätte beibringen können? Ging das bei deinem Eintreffen in China so schnell?‹
›Nein‹, ich schüttelte den Kopf. ›Natürlich nicht, doch was ich bisher von dir erfahren habe, erscheint mir ziemlich kompliziert, und ich habe einfach Bedenken, dass ich mich falsch verhalte oder die Erwartungen des Fürsten nicht erfüllen kann.‹
›Mach dir nicht schon jetzt Gedanken über Dinge, die du noch gar nicht einschätzen kannst. Ich habe mit meinem Herrn darüber gesprochen, und er hat mich beauftragt, dir unsere Sprache beizubringen. Außerdem soll ich in der ersten Zeit immer in deiner Nähe sein, um dich mit unseren Sitten und Gebräuchen vertraut zu machen.‹
Er wandte sich von mir ab und deutete in die Ferne.
›Sobald wir im Hafen von Edo an Land gegangen sind, achtest du bitte genau auf das, was ich tue. Da du keine Schwerter trägst und alle nach deinem äußeren Erscheinungsbild darauf schließen werden, dass du zur unteren Standesriege gehörst, musst du bestimmte Dinge genau beachten. Ich werde dir immer die entsprechenden Hinweise geben.‹
Shigenaga drehte sich zu mir um und sagte fast ein wenig feierlich:
›Date Masamune hat mir mitgeteilt, dass er sobald als möglich diesen Umstand verändern möchte. Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, dass er dich zu einem Bushi mit einem angemessenen Rang machen will. Doch dazu musst du unsere Sprache schon einigermaßen beherrschen, und zudem wird es erst in Sendai geschehen können.‹
›Sendai?‹
›Hab ich dir noch nichts von Sendai erzählt?‹
Ich schüttelte den Kopf.
›Oh, dann wird es Zeit, denn Sendai ist die Residenzstadt des Fürsten. Er hat vor vierundzwanzig Jahren dieses kleine Dorf dazu auserkoren. Auf dem Hügel der grünen Blätter neben dem Fluss Hirose ließ er seine neue Burg errichten. Dass er die Erlaubnis des Shogun bekam, war eine große Ehre, denn fast allen Daimyos wurde es untersagt, Burgen zu bauen, und viele bestehende Burgen wurden zerstört oder ihrer Verteidigungsanlagen beraubt.‹
Er schaute mich erwartungsvoll an, um zu sehen, welchen Eindruck diese Worte auf mich machten. Doch ich wusste immer noch zu wenig über die hiesigen Verhältnisse, um es auch nur annähernd einschätzen zu können.
Ein wenig enttäuscht fuhr er fort:
›Nun, vor zwanzig Jahren sind wir in Sendai eingezogen. Aber fast die Hälfte der seitdem vergangenen Zeit war der Fürst im Auftrag des Shogun unterwegs oder in Edo. Auch ich habe Sendai schon länger nicht mehr besucht und freue mich, es bald wiederzusehen.‹
Sehnsüchtig wanderte sein Blick in die Ferne.
›Sobald wir die Erlaubnis bekommen, werden wir Edo verlassen. Doch wer kann schon sagen, wann das sein wird.‹
Nach einem kurzen Schweigen setzten wir mit belangloseren Themen unsere Unterhaltung fort, bis wir in den Hafen von Edo einliefen.
Das Schiff hatte, seit es gesichtet worden war, große Aufmerksamkeit erregt, denn am Hauptmast war das Wappen des Date-Clans gehisst. Die Menschen am Kai deuteten aufgeregt zum Schiff, und immer mehr Bewohner strömten in den Hafen.
Als Date Masamune an Land ging, wurde ihm ehrerbietig Platz gemacht, und alle verneigten sich tief vor ihm. Er setzte eine ziemlich hochmütige Miene auf, die ich bis jetzt noch gar nicht an ihm wahrgenommen hatte. Auch Katakura Shigenaga verhielt sich ähnlich, und diese hochmütige Art machte ihn für den Augenblick ein wenig unsympathisch. Doch die Blicke, die er mir zuwarf, und die Zeichen die er mir gab, ließen mich erkennen, dass es nur der Wahrung der Stellung diente. Wie verabredet, wurde ich von den anderen Begleitern des Fürsten in die Mitte genommen, so dass mich die Blicke der Neugierigen kaum erreichten.
Zwei Träger mit einer Sänfte und eine Eskorte eilten herbei. In dem Moment verstand ich erst, warum es so lange gedauert hatte, bis wir von Bord gegangen waren. Der Fürst musste sich standesgemäß zu seiner Residenz in Edo begeben, weshalb er die Ankunft der Sänfte abwartete.
Nachdem Date Masamune in der Sänfte Platz genommen hatte, setzte sich unser Zug in Bewegung. Durch meine Position in dieser Prozession konnte ich fast nichts von der Umgebung wahrnehmen, und nach einer Weile gab ich es auf, die Dächer der meist einstöckigen Gebäude anzustarren.
Eine halbe Stunde mochte der Marsch durch die engen Straßen und Gassen gedauert haben, als wir das nahe bei der Burg des Shogun erbaute fürstliche Anwesen erreichten. Wir folgten eine Weile dem Kanal, der die Burgmauer umfloss, und bogen schließlich in das Anwesen des Daimyo ein. Masamune verließ die Sänfte, wurde von seinem Hofstaat empfangen, und der Zug löste sich auf. Katakura Shigenaga kam zu mir und forderte mich auf, ihm zu folgen. Wir gingen auf ein nicht weit entferntes kleineres Gebäude zu, und Shigenaga erklärte mir, dass es sein Haus sei. Mit Stolz wies er darauf hin, dass er auf Grund seiner hervorragenden Stellung, die er bei seinem Herrn innehatte, im Anwesen des Daimyo wohnen durfte, wenn er sich in Edo aufhielt. Wir betraten das Gebäude durch einen mit vielen Schnitzereien verzierten Eingang, und ich wurde in das Gästezimmer geleitet. Dort verließ er mich, um seine Angehörigen zu begrüßen.
Verunsichert ließ ich mich in der Mitte des Raumes in Meditationshaltung nieder, um zur Ruhe zu kommen. Doch es dauerte nicht lange, als eine junge Frau die Tür öffnete und mich durch Zeichen bat ihr zu folgen. Wir begaben uns zu einen kleineren Gebäude, das als Badehaus genutzt wurde. Dort befand sich ein großer Zuber mit warmem Wasser, und frische Kleidung lag für mich bereit. Nachdem mir meine Begleiterin dies begreiflich gemacht hatte, verließ sie mich, und ich begann mich ausgiebig zu reinigen. Ein wenig unschlüssig stand ich vor der Kleidung, doch eingedenk der Erfahrungen, die ich bei meiner Ankunft in Shaolin gemacht hatte, legte ich sie an. Es war ungewohnt, und ich hatte einige Probleme damit. Unschlüssig, was nun zu tun war, öffnete ich die Tür, und sofort erhob sich die junge Frau, die auf der kleinen Terrasse gewartet hatte. Mit einer freundlichen Geste forderte sie mich auf, ihr zu folgen. Bevor wir Shigenagas Haus durch den Gästeeingang wieder betraten, zog sie ihre Reisstrohsandalen aus. Ich folgte ihrem Beispiel, was sie mit einem freundlichen Lächeln quittierte. Meine Begleiterin ging am Gästezimmer vorbei und geleitete mich zum Empfangsraum. Dort blieb ich, meine Umgebung musternd, stehen. Mir gegenüber, am anderen Ende des Raumes, saß mein Dolmetscher auf einem kleinen Hocker, rechts neben ihm ein junger Samurai und auf der anderen Seite eine Frau mittleren Alters. Mit ihr hatte er sich gerade unterhalten, als er zu mir aufblickte.
Kurz auflachend winkte er mich zu sich heran.
›Oje, ich muss dir wirklich noch viel beibringen und erklären.‹
Er deutete auf einen Platz vor sich und forderte mich zum Sitzen auf. Der junge Mann neben ihm machte ein erstauntes Gesicht, und seine Hand zuckte schon in Richtung seiner Schwerter. Katakura Shigenaga bemerkte es und wies ihn barsch zurecht. Nach einem kurzen Wortwechsel wurde ich ein wenig freundlicher, doch forschend gemustert. Der Herr des Hauses wandte sich wieder mir zu und sagte:
›Du musst das Verhalten meines Sohnes entschuldigen, dieser formlose Umgang mit einem anscheinend dem niedrigsten Stand Angehörigen ist für ihn ungewohnt. Ich habe ihm gerade erklärt, dass du keineswegs das bist, was er vermutet. Nach meinen Erklärungen hält er dich jetzt für einen Sohei. So werden bei uns die Kriegermönche genannt. Das kommt dem, was du bist, ja auch am nächsten, und vom Stand her stehen diese Männer nur wenig unter den Bushi. Ich habe ihm erklärt, dass du Date Masamunes und mein Lebensretter bist. Aber ich glaube, am meisten hat ihn beeindruckt, dass ich sagte, dass du ein weit besserer Krieger bist als die meisten Samurai, die er kennt.‹
Ich holte Luft und setzte zu einer Erwiderung an, doch er unterbrach mich.
›Ich weiß, dass du das nicht magst‹, fuhr er lächelnd fort. ›Aber du musst bedenken, dass bei uns andere Werte gelten, und ich habe auf keinen Fall gelogen.‹
Damit war für ihn das Thema abgeschlossen, und er deutete auf den jungen Mann.
›Also, das ist mein Sohn Yoshimoto‹, ich neigte das Haupt vor ihm, und er grüßte zögernd zurück.
Shigenaga wandte sich nach der anderen Seite und deutete auf die Frau.
›Und das ist seine Mutter, meine Konkubine.‹
Auch sie begrüßte ich auf die gleiche Weise, und lächelnd neigte sie den Kopf.
›Eine meiner Töchter hast du ja auch schon kennen gelernt‹, er deutete zum Eingang und zeigte auf die junge Frau, die sich dort niedergelassen hatte.
Ich wandte mich um und erntete eine höfliche Verbeugung.
›Nun, in meinem Haus und wenn keine anderen Personen anwesend sind, ist es nicht notwendig, einen förmlichen Ungang zu pflegen. Wir können so zwanglos wie auf dem Schiff miteinander umgehen, doch nun muss ich dich in einigen Regeln und Ritualen unterweisen.‹
Er sprach kurz mit seinen Familienangehörigen, und nachdem seine Tochter uns Tee gereicht hatte, verließen sie uns.
Als wir allein waren, erklärte er mir, dass diese drei die einzigen engen Familienangehörigen seien, die sich in Edo aufhielten. Alle anderen, darunter auch seine Frau, befanden sich in Sendai.
Nach dieser kurzen Einleitung begann er mich darüber aufzuklären, wie ich mich im Anwesen des Daimyo zu verhalten hätte. Bei dieser Gelegenheit setzten wir auch meinen Sprachunterricht fort. Das Erlernen der japanischen Sprache gestaltete sich etwas leichter als der erste Sprachunterricht, den ich in meinem neuen Leben bekommen hatte. Zum einen lag es daran, dass mein Lehrer diesmal das Chinesische, in dem wir uns gut verständigen konnten, zur Erklärung nutzte. Zum anderen fiel es mir sehr viel leichter, weil ich gleichzeitig seine Gedankenbilder wahrnahm. Das Wort hatte also ein Bild oder besser gesagt, eine Gestalt, wodurch es sich mir besser einprägte.«
Fehlverhalten mit Folgen
»Der erste Tag, den ich in Japan zugebracht hatte, war relativ ereignislos vergangen. Am nächsten Vormittag war ich noch nicht lange im Gespräch mit Katakura Shigenaga, als wir von einem Boten des Daimyo gestört wurden. Mein Gastgeber wurde zum Fürsten gerufen, und ich wartete vor dem Haus auf seine Rückkehr. In Gedanken ging ich das durch, was er mir zuletzt beigebracht hatte, doch es dauerte nicht lange, bis Shigenaga zurückkam. Er steuerte direkt auf mich zu und teilte mir mit, dass der Daimyo wider Erwarten schon jetzt zur Berichterstattung bei dem alten Shogun erscheinen solle. Ihn hatte er beauftragt, das Schiff im Hafen aufzusuchen und dem Kapitän mitzuteilen, dass er ihn vorläufig nicht mehr benötige. Er möge zu seiner nächsten Handelsreise aufbrechen, sobald das Schiff zum Auslaufen bereit sei. Weiterhin sollte Katakura Shigenaga einen Vertreter der holländischen Delegation, die kurz nach uns in Edo eingetroffen war, aufsuchen und ihm wichtige Mitteilungen des Fürsten überbringen. Die Anwesenheit von Europäern in unmittelbarer Nähe weckte mein Interesse, und Shigenaga war gerne bereit, mich bei diesem Botengang mitzunehmen.
Durch die japanische Kleidung, die ich seit der Ankunft in Edo trug, fiel ich nicht mehr gar so sehr auf, und um meine fremden Gesichtszüge ein wenig zu verbergen, bekam ich einen großen Reisstrohhut. Da ich nicht dem Samuraistand angehörte, sollte ich seitlich hinter Shigenaga laufen. Es sah so aus, als wäre ich sein Diener. Aufmerksam folgte ich seinen mir zugeraunten Anweisungen. Nachdem der Kapitän des Schiffes unterrichtet war, wollten wir den Hafen verlassen, um die Holländer aufzusuchen. In dem Moment lief uns der Vorsteher der holländischen Faktorei von Hirado, den mein Begleiter schon mehrfach getroffen hatte, über den Weg.
Nach einer knappen Begrüßung, die von holländischer Seite demütiger ausfiel, als ich erwartet hatte, stellte mich Shigenaga als einen in China gestrandeten Europäer vor. Mich genau musternd, erkundigte sich der Faktoreivorsteher nach meiner Nationalität. Ich teilte ihm mit, dass ich aus Thüringen stammte, und sofort versuchte er es mit Holländisch, Französisch und einem Kauderwelsch, das nach Deutsch klang. Verlegen schüttelte ich den Kopf und versuchte es mit meinem Deutsch. Dabei hatte ich aber nicht bedacht, dass es diese Art von Deutsch zu jener Zeit noch gar nicht gab, weswegen er mich verständnislos ansah. Dabei war es mir nicht leicht gefallen, die richtigen Wörter zu finden, denn mittlerweile dachte ich in Chinesisch. Glücklicherweise erinnerte er sich in diesem Moment daran, dass Shigenaga mit mir chinesisch gesprochen hatte. Er wechselte in diese Sprache, die er ganz passabel beherrschte, und stellte sich als Cornelis van Neyenrode vor.
Da wir uns nun recht gut verständigen konnten, begann ein reges Hin und Her.
Als Erstes wollte er wissen, in was für einen seltsamen Dialekt ich geantwortet hatte. Ich versuchte mich damit herauszureden, dass es eine regional begrenzte Sprachvariante aus dem Thüringer Wald sei, die ich jedoch durch meinen langen Aufenthalt in China nicht mehr richtig beherrschen würde. Das akzeptierte er, erkundigte sich aber gleich nach den Umständen und der Länge meines China-Aufenthaltes. Wie schon bei meinen japanischen Freunden musste ich wieder zu einer Notlüge greifen, die mir gar nicht gefiel. Auch ihm erzählte ich, dass ich über die Marco-Polo-Route China erreicht hätte und schließlich in Shaolin gestrandet wäre. Van Neyenrode lauschte gespannt und fragte dann:
›Und Sie haben wirklich die letzten Jahre nur in diesem Kloster gelebt?‹
›Ja, was ist daran so erstaunlich?‹
›Nun, zum einen, dass Sie sich dort so eingelebt haben und anscheinend gar nicht mehr den Wunsch hegten, in Ihre Heimat zurückzukehren. Und zum anderen, dass Sie anscheinend gar keine Vorstellung davon haben, was in Ihrer Heimat los ist.‹
›Nein, hab ich wirklich nicht. Ich weiß ja nicht einmal genau, welches Jahr wir haben. Durch das Leben im Shaolin-Kloster habe ich irgendwie den Faden verloren.‹
Cornelis lachte kurz auf.
›Kaum vorstellbar. Doch egal. Wir schreiben das Jahr 1624 nach Christi Geburt, und es gibt seit sechs Jahren Krieg in Europa, in den mittlerweile auch Ihre Heimat verstrickt ist.‹
›Krieg? Was für einen Krieg?‹
Hier zeigte sich wieder einmal, dass ich von der deutschen Geschichte nicht viel behalten hatte.
›Nun, die katholische Liga und die protestantische Union bekämpfen sich wegen ihres Glaubens‹, er schnaubte verächtlich durch die Nase. ›Sagen sie jedenfalls, doch eigentlich will der Papst seinen Einfluss nicht verlieren, und mittlerweile hat der dänische König in den Krieg eingegriffen. Doch der will sicher nur sein Land vergrößern. Überall wird geraubt und gebrandschatzt. Der Handel kommt zum Erliegen, und die Menschen leiden Hunger.‹
Bei einem Blick in seine Augen, konnte ich wirkliches Bedauern bemerken.
›Seien Sie froh, dass Sie nicht in Ihrer Heimat sind, denn dort wären Sie entweder in einem der Heere oder Sie müssten vielleicht hungern wie viele der Einwohner Ihres Landes.‹
1624, was für ein Krieg herrschte damals? Ich brauchte eine ganze Weile, bis mir klar wurde, dass es nur der Dreißigjährige Krieg sein konnte. Dieser Krieg würde ja noch mehr als zwanzig Jahre dauern, und ich konnte wirklich froh sein, dass ich mich hier befand.
Cornelis deutete mein Schweigen anders und riss mich aus meinen Gedanken.
›Sie machen sich wohl Sorgen um Ihre Angehörigen?‹
›Oh, nein‹, sagte ich, ohne nachzudenken, worauf er mich fragend musterte.
›Nein, da brauche ich mir keine Sorgen zu machen, da ich von keinen Angehörigen weiß, die jetzt dort leben.‹
Er hob die Augenbrauen noch ein wenig weiter, und ich merkte, dass ihm diese Erklärung nicht genügte.
›Nun, ich habe alle, die mir lieb und teuer waren, durch einen tragischen Unfall verloren. Aus diesem Grund kam es auch zu dieser Reise, und es gibt nichts, was mich wieder in die Heimat zieht.‹
Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht und schob den Strohhut ein wenig ins Genick.
›Nach diesen Nachrichten schon gar nicht. Ich denke, dass ich im Moment hier viel besser aufgehoben bin.‹
›Na, da sind Sie sich mal nicht zu sicher. Hier ist es für einen Ausländer auch nicht leicht. Die Militärregierung macht seit einiger Zeit immer mehr Front gegen alles, was nicht japanisch ist. Besonders auf die Jesuitenmissionare und auf alle, die sich offen zum christlichen Glauben bekennen, hat es die Regierung abgesehen. Es wurden auch schon viele hingerichtet. Ich glaube, Ihre Heimat könnte sich vielleicht als weniger gefährlich herausstellen, denn es dauert immer lange, bis neue Nachrichten hier eintreffen. In der Zwischenzeit könnte der Krieg schon beendet sein.‹
›Hm, ich weiß nicht. Ich wurde vom Daimyo, Date Masamune, eingeladen, und Sie halten sich ja auch hier auf‹, antwortete ich und verschwieg mein Wissen über die lange Kriegsdauer in Europa.
Jetzt mischte sich Katakura wieder in das Gespräch ein.
›Ja es stimmt. Mein Herr hat ihn hierher eingeladen, und er steht als sein Gast unter seinem Schutz.‹
›Was will der Daimyo machen, wenn der Shogun etwas anderes im Sinn hat?‹
Eine fragende Geste begleitete die Worte des Niederländers.
›Nun, so ganz ohne Einfluss ist mein Herr nicht‹, stolz richtete sich Shigenaga ein wenig auf. ›Und genau deshalb sollte ich Sie auch aufsuchen. Date Masamune hat erfahren, dass Sie eine Audienz beim Shogun erbitten wollen. Er geht davon aus, dass Sie gegen die Auflagen protestieren wollen, die ihre Faktorei getroffen haben.‹
Cornelis van Neyenrode schnappte nach Luft.
›Woher weiß er das denn? Offiziell bin ich hier, um meine Aufwartung zu machen und die üblichen Geschenke zu überreichen.‹
›Ich sagte doch, mein Herr hat mehr Einfluss, als Sie denken.‹
Der leicht verärgerte Holländer wollte etwas erwidern, aber Shigenaga schnitt ihm das Wort ab.
›Sie müssten doch mittlerweile gemerkt haben, dass alle Ausländer schärfer beobachtet werden. Mein Fürst hat sehr gute Kontakte, er erfährt manches sogar eher als der Shogun.‹
Er wurde immer leiser, als er sagte:
›Date Masamune war längere Zeit nicht im Lande und bekommt jetzt nach und nach alle wichtigen Informationen. Er bittet Sie, die Audienz noch ein wenig hinauszuzögern oder, wenn sie schon in den nächsten Tagen stattfinden sollte, wirklich nur den Anstandsbesuch bei Tokugawa Iemitsu zu machen.‹
Wieder schaute sich Shigenaga verstohlen um und fuhr fast flüsternd fort:
›Mein Herr ist jetzt bei Tokugawa Hidetada, dem alten Shogun, und wird vorsichtig auch Ihre Sorgen zur Sprache bringen. Sie wissen sicher, dass Tokugawa Hidetada ein nicht ganz so strenges Vorgehen wünscht, doch auch er ist verärgert wegen der illegalen Ausfuhr bestimmter Waren.‹
›Was soll denn das heißen? Wollen Sie uns des Diebstahls bezichtigen?‹, warf van Neyenrode mit gespielter Entrüstung ein.
›Wie könnte ich‹, schnaubte Shigenaga belustigt. ›Wir wissen doch beide, dass verschiedene Daimyos Geschäfte mit Ihnen machen, die nicht beim Handelsministerium angezeigt werden. Und genau das verärgert Tokugawa Hidetada und Tokugawa Iemitsu. Doch vielleicht ...‹
Ich verlor das Interesse an diesem Disput, hier ging es um Intrigen, die mich nicht betrafen und in die ich auch nicht verstrickt werden wollte. Da ich vorläufig keine Gelegenheit sah, mit dem Holländer wieder ins Gespräch zu kommen, ging ich einige Schritte zur Seite und schaute mir das Hafengetümmel an. Ein kleineres Schiff hatte, aus der Flussmündung kommend, den Hafen angesteuert und wurde entladen. Hafenarbeiter schleppten mit Reis gefüllte Körbe in ein Lagerhaus, und ein Beamter prüfte, ob sie auch bis zum Rand gefüllt waren. Auf einer Liste wurde jeder Korb registriert, und zwei Samurai, die die Arbeiten mit überwachten, trieben die Träger immer wieder an. Von der Stadt her näherte sich ein offensichtlich hochrangiger Samurai. Er war gut gekleidet, und vor ihm scheuchten zwei weniger gut ausgestattete Krieger die einfachen Leute zur Seite.
Gebannt beobachtete ich diesen Aufzug und musterte dabei den Samurai genau. Er hatte hochmütige Gesichtszüge, eine kleine Nase, aber einen kräftigen Schnauzbart. Ein weißes Stirnband mit einer Art Wappen zeigte anscheinend seinen Rang an. Seine Oberbekleidung bestand aus einem weißen Kimono mit weiten, am unteren Rand schwarz gemusterten Ärmeln. Der Kimono war vorn offen, und man konnte einen bunt gemusterten Brust- und Bauchpanzer sehen. Im Obi, dem traditionellen Gürtel der Samurai, steckten ein kleines und ein großes Schwert, so wie ich es schon von meinen neuen Freunden kannte. In der rechten Hand hielt er einen geschlossenen Fächer, und aus seinem schwarzen Hosenrock schauten die nackten Füße, die in Reisstrohsandalen steckten. Zwei offensichtlich niederrangige Samurai folgten ihm und die einfachen Menschen am Wegesrand versuchten entweder Abstand zu gewinnen, oder sie neigten ehrerbietig das Haupt.
Dieser Zug kam direkt an uns vorbei, und ich konnte den Blick nicht abwenden. Plötzlich, ohne dass ich wusste, wie mir geschah, stürmt einer der vorauslaufenden Samurai auf mich zu. Ein wütender Wortschwall ergoss sich über mich, und er schwang sein Schwert, das noch in der Scheide steckte, wie einen Knüppel. Reflexartig hob ich die Arme, um die drohenden Schläge abzuwehren, doch das war nicht nötig. Katakura Shigenaga war durch die Schimpftirade aufmerksam geworden und stand blitzartig zum Schutz vor mir. Alles ging sehr schnell, und durch das, was mir Shigenaga zurief, ging mir langsam ein Licht auf.
›Schnell, beuge dein Knie, und neige das Haupt!‹
Auch er hatte das Haupt geneigt, doch sein Schwert hielt er plötzlich, mit der linken Hand an der Scheide, waagerrecht in Brusthöhe. Die rechte konnte jederzeit das Schwert ziehen, und sein ganzes Auftreten machte nicht den Eindruck, dass er von der Stelle weichen würde. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Cornelis van Neyenrode mit geneigtem Kopf auf das linke Knie gesunken war, und ich folgte seinem Beispiel. Ich hatte offensichtlich einen schweren Fehler begangen, als ich diesen anscheinend bedeutenden Mann so unverhohlen anstarrte.
Mein Beschützer lieferte sich mit dem Angreifer ein hitziges Wortgefecht, von dem ich leider nur einzelne Worte verstand. Ich schärfte meine Sinne und versuchte seine Gedanken aufzunehmen, und mir stockte der Atem. Bilder nahmen Gestalt an, die mehr als bedrohlich waren. Katakura Shigenaga beschäftigte sich schon mit dem Gedanken, dass Schwert gegen diese Männer zu ziehen. Das konnte ich nicht zulassen und wollte mich erheben, als sich eine Hand auf mein Knie legte. Es war Cornelis, der an meine Seite gerutscht war. Er hatte mich aus dem Augenwinkel beobachtet und raunte mir leise zu:
›Um Gottes willen, bleiben Sie unten! Unternehmen Sie auf keinen Fall etwas! Ihr Begleiter schützt Sie mit seinem Leben und seiner Ehre. Wenn Sie sich jetzt einmischen, eskaliert die Situation, und es kommt unweigerlich zum Kampf.‹
In der Zwischenzeit war der hochrangige Samurai herangetreten und fuhr Shigenaga in barschem Tonfall an. Aber auch wenn mein Beschützer ihm offensichtlich ehrerbietig gegenüberstand, schien er nicht bereit, seinen Platz zu räumen.
›Was haben Sie nur getan?‹, flüsterte van Neyenrode. ›Das ist der Polizeipräfekt von Edo, und jeder, der nicht mindestens seinen Rang innehat, muss vor ihm das Haupt neigen. Sie haben ihn begafft wie einen Bettler und wurden zudem noch als Ausländer erkannt. Das ist für diesen Mann eine der schlimmsten Beleidigungen, und wie Ihr Freund die Situation retten will, ist mir schleierhaft.‹
Ich zuckte bei diesen Worten wieder ein Stück nach oben, doch die Hand des Holländers drückte weiterhin auf mein Knie.
›Wenn Sie uns nicht alle zum Tode verurteilen wollen, unternehmen Sie um Himmels willen nichts. Ich habe es nicht erwartet, aber Ihr Freund hat offensichtlich ein paar Trümpfe in der Hand, die nicht zu verachten sind.‹
Die Aggressivität des Wortwechsels ließ langsam nach, und kurze Zeit später drehte sich der Präfekt um und setzte seinen Weg fort. Nachdem er sich einige Schritte entfernt hatte, holte Katakura Shigenaga tief Luft und wandte sich uns zu. Cornelis erhob sich, und ich folgte seinem Beispiel. Dabei schaute ich in das Gesicht meines Beschützers und erwartete, Wut oder mindestens Verärgerung zu sehen. Doch das was ich nun erlebte, konnte ich kaum fassen. Shigenaga neigte vor mir mit einem bestürzt-beschämten Ausdruck den Kopf.
›Es ist unentschuldbar! Ich habe kläglich versagt! Ich kann nur hoffen, dass du und mein Herr mir irgendwann vergeben könnt.‹
›Wie, was? Vergeben? Ich versteh gar nichts mehr.‹
Ich starrte, nach Aufklärung suchend, in sein Gesicht.
›Das ist es ja. Ich habe dich nicht richtig vorbereitet. Habe dir zu wenig über unsere Gebräuche mitgeteilt und hätte dich deshalb niemals hierher mitnehmen dürfen.‹
Bekümmert schüttelte er den Kopf.
›Es ist allein meine Schuld, und ich muss mich dafür verantworten.‹
Er hob den Blick.
›Vor dir, vor meinem Herrn und vor ihm‹, dabei nickte er mit dem Kopf in die Richtung des Davonschreitenden.
Seine Augen zeigten einen Kummer, den ich nicht begreifen konnte.
›Das verstehe ich nicht. Ich habe aus Unverstand einen Fehler begangen, und für den kannst du doch unmöglich verantwortlich sein.‹
›Oje, Sie verstehen noch nicht viel von dem, was diese Gesellschaft ausmacht‹, warf van Neyenrode ein. ›Er hat vom Daimyo die Verantwortung für Sie übertragen bekommen. Er bürgt also mit seinem Leben für Ihre Sicherheit.‹
Ich schluckte und ich blickte in der Hoffnung, dass all das nur ein schlechter Scherz sei, von einem zum anderen. Doch es stimmte, und mir waren in diesem Moment noch nicht einmal alle möglichen Konsequenzen bekannt.
›Was kann ich tun, um das Unheil, dass ich angerichtet habe, wieder gutzumachen?‹
›Du kannst und musst gar nichts unternehmen. Ich bin dafür verantwortlich und werde auch dafür geradestehen.‹
›Aber ...‹, ich wurde mit einer wegwischenden Geste von Katakura Shigenaga unterbrochen. ›Nicht jetzt und hier! Wir gehen zurück zum Anwesen, und wenn der Fürst da ist, wird alles weitere besprochen.‹
Er wandte sich noch einmal kurz an den Holländer.
›Ich denke, alles Notwendige ist gesagt. Sollte es Neuigkeiten geben, werden wir Sie informieren.‹
Cornelis van Neyenrode nickte zur Bestätigung und sagte bedrückt zu mir:
›So viel zu dem Gedanken, dass Sie hier sicherer sind als in Ihrer Heimat. Ich hoffe, es geht alles gut aus und wir sehen uns noch einmal wieder.‹
Er nickte mir zu und entfernte sich.
Ich schaute ihm hinterher, und in meinem Kopf ging alles wirr durcheinander. Doch Shigenaga drängte zum Aufbruch. Ich wollte mit ihm über das Geschehene sprechen, doch er winkte nur mürrisch ab. Bedrückt folgte ich ihm und hing, im Gästezimmer seines Hauses allein gelassen, meinen Gedanken nach. Doch ich kam zu keinem Ergebnis. Ich verstand nicht einmal vollständig, was eigentlich geschehen war. Um diesen ziellosen Grübeln zu entgehen, versenkte ich mich in Meditation.
Es war Abend geworden, als ich von Katakura Shigenaga abgeholt wurde. Ohne dass er sich auf ein Gespräch einließ, führte er mich zum Empfangsraum des Fürsten. Als wir den Raum betreten hatten, bedeutete er mir, dass ich warten sollte, und ging allein nach vorn. Dort fiel er auf die Knie und sprach in traurigem, unterwürfigem Ton mit Date Masamune. Dessen Miene wurde bei jedem Wort ernster, und schließlich scheuchte er ihn mit einer unwirschen Handbewegung zur Seite und winkte mich heran.
Nachdem ich, wie ich es gelernt hatte, nach vorn gekommen war, übersetzte Shigenaga seine Worte ohne mich dabei anzusehen.
›Ich bin bestürzt! Mein Diener hat kläglich versagt, und er muss nun für seine Fehler geradestehen! Ich bin sehr betrübt, dass Sie wegen dieser Unachtsamkeit in Gefahr gekommen sind. Aus diesem Grund werde ich vorläufig auch nicht erlauben, dass Sie dieses Gelände verlassen.‹
Abweisend hatte er Shigenaga beobachtet, bis dieser mit der Übersetzung fertig war.
›Doch nun zu einem wichtigeren Thema.‹
Ich riss erstaunt die Augen auf. Was sollte wichtiger sein als das eben Angesprochene.
›Das Gespräch mit dem alten Shogun verlief so, wie Sie es erwartet haben, und er war zufrieden mit dem Verlauf der Mission. Aber leider wurde ich nach der Audienz, als ich schon den Rückweg antreten wollte, von einem Diener seines Sohnes abgefangen. Tokugawa Iemitsu hatte erfahren, dass ich zuerst bei seinem Vater Bericht erstattet hatte, und schäumte vor Wut. Er ließ eine andere Audienz absagen, und ich musste sofort bei ihm vorsprechen.‹
Ich folgte Masamunes Worten mit immer größerem Unbehagen. Dass er jetzt über solche Dinge sprechen wollte, konnte ich nicht verstehen. Für mich war es viel wichtiger, wie die missliche Lage, in die mein Beschützer durch mich gekommen war, entschärft werden konnte. Ich musste allerdings auf die Wünsche des Fürsten eingehen, denn links und rechts an den Wänden saßen andere Samurai und verfolgten das Geschehen.
Masamune hatte erklärt, dass der amtierende Shogun durch die Art des Berichtes zwar besänftigt wurde, doch das er offen Zweifel am Wahrheitsgehalt anmeldete. Er zweifelte die Kampftauglichkeit der Shaolin-Mönche an, und das war schon fast eine Beleidigung des Daimyo. Irgendwie hatte Iemitsu von meiner Anwesenheit erfahren und wollte, weil er mich für einen dieser Mönche hielt, eine Vorführung von mir haben. Da ich aber Masamunes Gast war, wollte dieser das nur zugestehen, wenn ich mich damit einverstanden erklärte.
Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass er eine solche Wahl hatte, und fragte deshalb:
›Können Sie denn diesen Wunsch ablehnen?‹
Kopfschüttelnd antwortete er:
›Das ist kein Wunsch, das ist eine Aufforderung, der ich eigentlich nachkommen muss. Da Sie aber mein Gast sind, bin ich nicht bereit, es ohne Ihr Einverständnis zuzulassen, egal, was für Konsequenzen es hat.‹
Na prima, er sagte, er wolle es nicht zulassen, wenn ich nicht will, und setzte mich gleichzeitig unter Druck, indem er mir kundtat, dass es Konsequenzen für ihn haben würde. Außerdem nahm ich Bilder aus Shigenagas Gedanken wahr, die mich beängstigten. Wie ich erkannte, sah er sich schon in einen Schwertkampf mit dem Polizeipräfekten verwickelt, dem er sich offenkundig unterlegen fühlte.
Nachdenklich senkte ich den Kopf und suchte nach einer Lösung aus diesem Dilemma. Eine Bewegung des Fürsten veranlasste mich, hochzuschauen, und ich bemerkte seine Ungeduld. Ich holte schon Luft, um mein Einverständnis zu dieser Schaustellung zu geben, als mir ein Gedanke kam. Ein kurzer Blick in Shigenagas bedrücktes Gesicht, und ich wusste, was zu tun war.
›Wie sehen die Folgen aus, die Katakura Shigenaga wegen meiner Unachtsamkeit zu erwarten hat?‹
Stille! Mein Beschützer wagte es nicht, das zu übersetzen, und schaute mich bestürzt an.
›Übersetz es bitte.‹
Er schwieg immer noch.
›Keine Sorge, ich denke, ich kann sein und unser Problem gemeinsam lösen. Sag ihm das bitte auch.‹
Zögernd kam er meinem Wunsch nach. Im ersten Moment machte der Fürst eine zornige Bewegung, doch nachdem auch der Rest übersetzt war, schaute er mir in die Augen und fragte:
›Wie?‹
›Damit ich mir ganz sicher sein kann, muss ich verstehen, was im Hafen geschehen ist.‹
Date Masamune forderte Shigenaga auf, meinem Wunsch nachzukommen, und dieser fragte mich daraufhin, was mir denn unklar sei.
›Ich habe zwar begriffen, dass ich es diesem bedeutenden Mann gegenüber an Respekt habe fehlen lassen. Aber mir sind die Folgen, die dieses Fehlverhalten nach sich ziehen können, nicht klar. Außerdem verstehe ich nicht, wie es dir gelungen ist, diese wenigstens für den Moment abzuwenden.‹
Er holte tief Luft.
›Die Folgen einer solchen Beleidigung, denn das ist dein Verhalten für ihn gewesen, wären in diesem Augenblick im günstigsten Fall mit Schlägen abgegolten worden. Da du aber als Ausländer erkannt wurdest, hätte es auch mit deinem Tod enden können.‹
Ich schluckte. Das hatte ich nicht erwartet.
›Ich konnte das durch mein Eingreifen erst einmal verhindern. Der Metsuke, Sanada Masanori, will das aber nicht auf sich beruhen lassen.‹
›Metsuke?‹
›Der Holländer Cornelis van Neyenrode übersetzte es als Polizeipräfekt, doch bin ich mir nicht sicher, ob das die Position richtig umschreibt. Die Metsuke stehen nämlich über der Polizei, also den Sicherheitskräften, die für die öffentliche Ordnung zuständig sind. Sie sind für weit mehr zuständig. Selbst mein Herr muss sich ihnen gegenüber vorsichtig verhalten und darf sie sich nicht zum Feind machen.‹
Oje, das war kein Fettnapf, in den ich getreten war, das war siedendes Öl. Doch es kam noch schlimmer.
›Sanada Masanori ist der Metsuke von Edo und als ein hervorragender Schwertkämpfer bekannt. Gerüchte besagen, dass er jede Gelegenheit zu einem Zweikampf nutzt. Die Aussicht auf einen solchen hat ihn dann auch davon abgehalten, dich zu bestrafen.‹
›Ein Duell mit dir, nehme ich an?‹
›Ja, ich denke, so könnte man es ausdrücken.‹
›Aber ich war es doch, der ihn, wenn auch aus Unwissenheit, beleidigt hat.‹
›Und ich bin für deine Sicherheit verantwortlich. Ich konnte es nicht zulassen, dass du Schaden nimmst, und habe ihn davon in Kenntnis gesetzt, dass du Gast von Date Masamune bist, dass ich für dich verantwortlich bin und für deinen Fehler einstehe. Daraufhin hat er Genugtuung gefordert und wollte sich zu diesem Zweck mit meinem Herrn in Verbindung setzen.‹ Seine Miene wurde noch betrübter. ›Der Fürst hat mir vorhin mitgeteilt, dass dies bereits geschehen ist. Ich werde also mit ihm kämpfen und mein Bestes geben.‹
Das klang überhaupt nicht zuversichtlich. Ich sann über das weitere Vorgehen nach, doch Date Masamune zeigte immer mehr Ungeduld.
›Gut, übersetz jetzt dem Daimyo alles genau so, wie ich es sage. Frag nicht nach, und unterbrich mich bitte nicht.‹
Er nickte, und ich begann:
›Ich werde nicht zulassen, dass ein anderer für meine Fehler büßen muss!‹
Shigenaga schaute mich mit großen Augen an und schwieg. Erst nachdem ich eine auffordernde Handbewegung gemacht hatte, begann er stockend zu übersetzen.
›Also, ich werde diesem Mann zur Genugtuung zur Verfügung stehen.‹
Masamune setzte zu einer Antwort an, daher sprach ich schnell weiter:
›Ich denke, dass wir in diesem Zusammenhang auch das andere Problem lösen können.‹
In diesem Moment hatte ich seine volle Aufmerksamkeit.
›Der Kampf, den der Metsuke zur Herstellung seiner Ehre wünscht, sollte im Beisein des alten und des neuen Shogun stattfinden. Date Masamune würde damit die Forderung des Shogun erfüllen, und ich kann meine Ehre verteidigen.‹
Ich bediente mich dieses Schachzugs, da ich bemerkt hatte, wie hoch die Ehre eines Mannes in dieser Gesellschaft eingestuft wurde, und der Erfolg blieb nicht aus.
›Wieso deine Ehre?‹, fragte Shigenaga nach, ohne vorher zu übersetzen.
›Denkt ihr denn, dass es ehrenvoll für mich ist, wenn ein anderer für meine Fehler einstehen muss?‹
›Ich wusste nicht, dass es in deiner Heimat so ...‹
›Bitte, übersetze es und diskutiere jetzt nicht mit mir!‹
Resignierend kam er meiner Aufforderung nach.
Beim Daimyo erreichte ich genau das, was ich beabsichtigt hatte. Ich schien in seiner Achtung zu wachsen, obwohl er einige Bedenken hatte. Er erkundigte sich sofort, ob ich Erfahrungen im japanischen Schwertkampf hätte. Als ich das verneinte, machte er ein bedenkliches Gesicht, doch ich hatte zwei Argumente, die ihn überzeugten.
Zum Ersten fragte ich ihn, ob er in China den Eindruck gewonnen hätte, dass ich mich nicht verteidigen könne. Das verneinte er sofort, und ich wies zum Zweiten darauf hin, dass der Shogun etwas von den Kampffertigkeiten der Shaolin sehen wollte. Das überzeugte ihn, und wir begannen sofort mit der Planung.
Ich bat den Fürsten, mir mehr über die Regeln und den Verlauf eines solchen Kampfes mitzuteilen. Aufmerksam lauschte ich den Ausführungen und forderte ihn dann auf, mir einen Übungspartner zur Verfügung zu stellen. Er benannte Katakura Shigenaga, der nach seiner Rüstung schicken ließ, denn ich wollte, dass es möglichst realistisch stattfand.
Bei näherer Betrachtung der Umstände wurden uns einige Probleme bewusst. Der Daimyo hegte Zweifel, dass es überhaupt zu einem Kampf kommen würde. Da ich kein Samurai war, würde es der Metsuke vermutlich für unter seiner Würde erachten, sich auf einen Zweikampf mit mir einzulassen. Ich überlegte kurz und fragte dann:
›Was bin ich denn in seinen Augen?‹
›Nun, zuallererst ein Ausländer und dann vielleicht ein Mönch. Beides wäre aber unter seiner Würde.‹
Katakura Shigenaga gab zu bedenken:
›Aber er ist ein kämpfender Mönch. Meinem Sohn gegenüber habe ich ihn als einen Sohei ausgegeben. Vielleicht würde Yamabushi es noch besser treffen.‹
Die anderen Samurai hatten sich bisher an dem Gespräch nicht beteiligt. Vermutlich wurde Shigenaga deshalb auch zurechtgewiesen, weil er den Fürsten sehr vertraulich angesprochen hatte. Unterwürfig verbeugte er sich vor dem Daimyo, übersetzte mir aber auf dessen Befehl hin seinen Einwurf.
Um die Situation zu entschärfen, antwortete ich schnell.
›Wenn ich ihm als Sohei oder Yamabushi vorgestellt werde, was ja, wenn ich richtig verstanden habe, Kriegermönche sind, wird er dann den Kampf immer noch ablehnen?‹
›Das sind zwar alles keine Samurai, wenn er aber Lust auf ein Duell haben sollte, könnte es vielleicht klappen.‹
Ich lächelte etwas zweideutig.
›Vielleicht könnte man ihm den Gedanken eingeben, der Shogun wolle diesen Kampf gern sehen, um die Kampffähigkeit des Sohei zu testen.‹
Date Masamune schnaubte leicht und verzog den Mund zu einem Grinsen.
›Schon wieder der Diplomat! Ja, ich denke, das könnte man, und es könnte auch funktionieren. Aber dann haben wir schon das nächste Problem. Da Sie kein Samurai sind, besitzen Sie keine Schwerter und keine Rüstung. Es kann Ihnen auch keiner sein Schwert geben, denn das Schwert gehört zum Samurai und sein Verlust wäre der Verlust seiner Ehre. Außerdem dürfen nur Samurai Schwerter tragen.‹
›Was benutzen denn die Sohei für Waffen? Vielleicht ... Oder Moment, noch besser, Date Masamune hat doch die Waffen der chinesischen Angreifer als Trophäen mitgenommen?! Hat er sie hier? Da waren Schwerter dabei, mit denen ich schon geübt habe und die ich gut beherrsche.‹
Der Fürst bestätigte, dass sich die Schwerter im Anwesen befanden, und ließ sofort einige holen.
Ich wählte eins mit einer Klingenlänge von etwa sechzig bis fünfundsechzig Zentimetern, das gut in der Hand lag und scharf geschliffen war.
Der Daimyo forderte einen anderen Samurai auf, ihm das Schwert zu bringen, und betrachtete es eingehend. Er schwang es einige Male prüfend und schüttelte dann den Kopf.
›Hm, es mag für einen Kampf in China mit gleichwertigen Schwertern taugen, doch hier ist es eine unterlegene Waffe.‹
Er ließ es mir durch den Samurai zurückbringen und fuhr fort:
›Ich habe schon einige Kämpfe von Sanada Masanori miterlebt, bei denen er fast immer ein langes Tachi benutzte. Dessen Klinge ist bestimmt sieben Sun länger als dieses chinesische Schwert und hat deshalb eine viel größere Reichweite. Damit sind Sie ihm unterlegen.‹
›Tachi, Sun?‹, fragte ich.
Katakura Shigenaga verstand, dass ich mit diesen Begriffen noch nichts anfangen konnte, und holte sich beim Fürsten die Erlaubnis, mir sein Tachi zu zeigen. Diese Waffe war in der Zwischenzeit mit der Rüstung, die sich in einer großen Kiste befand, hergebracht worden. Dann entließ der Fürst alle anderen mit der Begründung, der Platz werde für die Übungen gebraucht. Einige verließen den Raum mit verstimmter Miene, doch Masamune atmete erleichtert auf, als wir nur noch zu dritt im Raum waren. Er wartete, bis alle außer Hörweite waren, und sagte dann:
›Es ist ermüdend, immer diese Zwänge und dieser äußere Schein‹, bei diesen Worten stand er auf und setzte sich neben uns. Nachdem er kurz mit Shigenaga gesprochen und dieser mehrfach genickt hatte, wandte er sich schließlich an mich.
›Date Masamune hat mich daran erinnert, dass ich die Etikette wahren muss, sobald andere anwesend sind, was natürlich auch für dich gilt. Sobald wir aber unter uns sind, möchte er, dass wir zwanglos miteinander umgehen. Er wird dich deshalb, wenn du damit einverstanden bist, in Zukunft mit du ansprechen.‹
Ich nickte erfreut.
›Gut, der Einfachheit halber werde ich es in Zukunft immer so übersetzen, außer ich weiß, dass einer die chinesische Sprache beherrscht.‹
›Ich fühle mich geehrt!‹
Masamune winkte ab.
›Lass den Unsinn, in China war es auch nicht nötig, und ich empfinde es seit einigen Jahren als belastend! Früher waren mir solche Dinge sehr wichtig, doch jetzt denke ich anders darüber. Außerdem bist du mein Lebensretter, und ich stehe in deiner Schuld!‹
Jetzt war ich es, der abwinkte, doch er fuhr schon fort, und sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an.
›Im ersten Augenblick war ich sehr angetan von deinem Vorschlag, doch nun mehren sich meine Bedenken. Ich fürchte, dass es für dich nicht gut ausgehen wird, und das möchte ich verhindern. Vielleicht finden wir doch noch eine andere Möglichkeit, um den Metsuke zu besänftigen.‹
›Nein, zum einen stehe ich zu meinem Wort, und zum anderen habe ich keine Angst. Seit einigen Jahren, habe ich fast täglich Kampfübungen absolviert, und die Shaolin haben mich in den Meisterstand erhoben, was doch zu irgendwas gut gewesen sein muss. Ich möchte auch nicht mehr darüber reden, denn wir haben Wichtigeres zu tun.‹
Ich sah Shigenaga an und fragte:
›Wolltest du mir nicht erklären, was Tachi und Sun ist?‹
Er nickte, stand auf und holte sein Schwert, zog es aus der Scheide und legte es neben das chinesische, das ich ausgewählt hatte.
›Ein solches Schwert nennt man Tachi. Es wird mit zwei Händen geführt, obwohl es einige Meister gibt, die es einhändig benutzen.‹
Er deutete auf die Schwerter, die er so gelegt hatte, dass das Stichblatt seines Schwertes auf gleicher Höhe mit der Parierstange des chinesischen war.
›Mein Tachi ist vierundzwanzig Sun lang und überragt deines um eine Handbreit. Das von Sanada Masanori ist, nach dem, was der Fürst sagt, etwa achtundzwanzig Sun lang. Er hat also eine viel größere Reichweite, daher dürfte es dir schwerfallen, mit diesem kürzeren Schwert an ihn heranzukommen.‹
›Hmmm, es kommt immer darauf an, wie man kämpft. Ich habe nicht vor, es auf die gleiche Art wie der Metsuke zu tun, da ich diese nicht beherrsche. Aber ich kann recht gut, was ich in Shaolin und Wudang gelernt habe. Würdest du jetzt bitte die Rüstung anlegen und mir einiges von eurer Schwertkampftechnik zeigen, damit ich mir ein Bild machen kann.‹
Er nickte, und ein Diener, der vor der Tür gewartet hatte, wurde hereingerufen. Dieser half beim Anlegen der Rüstung, und ich beobachtete genau, wie die einzelnen Teile miteinander verbunden wurden.
Von jedem Teil der Rüstung nannte mir Shigenaga den Namen und die Funktion. Es war gleichzeitig wieder Sprachunterricht, und mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass es mir diesmal leichter fiel als beim chinesischen. Da ich seine Gedankenbilder wahrnahm, konnte ich mir die Begriffe viel besser einprägen. Das Erlernen der lautlosen Sprache, wie sie Wang Lee immer genannt hatte, war also noch bei anderen Dingen hilfreich.
›Das, was ich jetzt anlege, ist eine do-maru-Rüstung. Sie wird im Feld kaum noch verwendet, denn sie bietet keinen ausreichenden Schutz vor Feuerwaffen. Bei einem Duell hingegen wird sie der modernen tosei-gusoku-Rüstung vorgezogen, da sie leichter ist und der Kämpfer in ihr mehr Bewegungsfreiheit hat.‹
Er benannte jedes einzelne Teil, und mir fiel auf, dass diese Rüstung Schwachstellen hatte, die ich auszunutzen gedachte. Als er fertig war, sollte ich eine gleichartige Rüstung aus Masamunes Besitz anlegen, doch ich wehrte ab.
›Nein, ich werde ohne Rüstung in meiner Shaolin-Kleidung gegen ihn antreten.‹
Sie sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Dann wollten sie mich sofort vom Gegenteil überzeugen.
›Ohne Schutz kann er dir mit einem einzigen Hieb den Schädel spalten oder den Arm abtrennen! Du hast ...‹
Hier unterbrach ich sie:
›Er hat den Vorteil der größeren Schwertreichweite und des besseren Schutzes durch die Rüstung, doch ich bin ohne Rüstung viel beweglicher. Ich habe ein kürzeres Schwert und noch nie in einer solchen Rüstung gekämpft, wäre also noch mehr behindert, weil ich an Beweglichkeit verliere. Ihr habt mir gesagt, dass dieses Tachi zweihändig geführt wird und ich mit meinem Schwert nicht direkt parieren darf, da ein gutes Tachi dieses zerschlagen könnte. Wenn ich diesen Kampf überleben will, bleibt mir also nur eine Art des Kampfes, die mein Gegner nicht kennt und einschätzen kann. Ich habe vor, ihn mit Schnelligkeit und List zu schlagen.‹
›Nein, du verstehst immer noch nicht. Dieser Kampf kann in wenigen Augenblicken vorbei sein, denn dein Gegner baut wie du auf Schnelligkeit und die sichere Führung seines Tachi. Oft stehen sich die Kämpfer lange gegenüber, beobachten und umkreisen einander. Sie suchen nach einer Schwachstelle in der Verteidigung oder sind darauf aus, sich gegenseitig einzuschüchtern. In manchen Duellen wird nur ein einziger schneller Hieb ausgeführt, der alles entscheidet. Deshalb ist eine gute Rüstung so wichtig, sie rettet dir unter Umständen das Leben.‹
Bei diesen Erläuterungen wurde ich unsicher. Ich hatte eine ganz andere Vorstellung von so einem Schwertkampf gehabt. In meinen Erinnerungen, die vor allem auf Filmen basierten, hatten sich die Samurai ausdauernde Schwertkämpfe geliefert. Ähnlich wie bei einem Fechtkampf in Europa hatten sich ihre Klingen oft gekreuzt. Doch nun wurde ich von Shigenaga eines Besseren belehrt, und ich musste umdenken.
›Ohh, gut, dann muss ich eine andere Taktik anwenden. Aber trotzdem werde ich es erst einmal ohne Rüstung versuchen.‹
Beide schüttelten den Kopf und wollten wieder auf mich einreden, aber ich bat sie um eine Probe. Natürlich sollte dabei das Schwert in der Scheide bleiben, denn so sicher wie vorher war ich mir nicht mehr.
Widerwillig stellte sich mein Dolmetscher in Position. Mein Schwert wurde ebenfalls mit einem Schutz versehen, und wir standen uns fixierend gegenüber. Langsam begann Shigenaga mich zu umkreisen und wechselte dabei immer wieder die Position seines Tachi. Einmal hatte er es hoch erhoben, so dass er mit einem starken zweihändigen Hieb von oben beginnen konnte. Dann wieder hielt er es mehr seitlich, mal rechts, mal links, und er fixierte mich dabei genau. Der Angriff erfolgte so plötzlich, dass ich kaum noch ausweichen konnte. Das Ende der Schwertscheide streifte noch meinen Hals, und ohne den Schutz hätte ich bestimmt eine kräftige Schnittwunde davongetragen. Ich war nicht wenig erschrocken, doch ich ließ mir nichts anmerken. Das jahrelange Training hatte mich gelehrt, mit solchen Situationen umzugehen. Aber ich merkte auch, dass der Trainingsausfall, den ich durch unsere Reise gehabt hatte, nicht leicht zu kompensieren war.
Der Fürst und Shigenaga versuchten noch einmal, mich zum Anlegen der Rüstung zu überreden, doch ich bat sie um eine kleine Pause. Kopfschüttelnd beobachteten sie, wie ich mich in Meditation versenkte. Nun ließ ich mich vollkommen fallen und übergab alles an mein Chi. Es sollte mich führen und alle meine Reaktionen übernehmen. Des weiteren gedachte ich, zum ersten Mal auch meine anderen Fähigkeiten mit einzubeziehen, was ich in China immer vermieden hatte.
Nach kurzer Zeit stand ich wieder auf, und Shigenaga begann mich erneut zu umkreisen. Ich hatte die Augen auf meinen Gegner gerichtet und nahm die Bilder doch nicht direkt war. Mein Chi verarbeitete all diese Informationen. Alle unwichtigen Gedanken waren ausgeblendet, und mein Geist konzentrierte sich auf das, was in Katakura Shigenagas Kopf vorging. Wieder erfolgte nach kurzer Zeit ein rascher Angriff. Diesmal zielte der Schlag von oben auf meine rechte Schulter, doch ich nahm die Bewegung wahr, bevor sie ausführt wurde. Mit einer schnellen Drehung wich ich im gleichen Moment zur Seite aus und ließ den Schlag ins Leere laufen. Damit hatte mein Trainingspartner nicht gerechnet, so dass er von dem Schwung des Hiebes nach vorn gerissen wurde. Ich verzichtete auf eine Gegenwehr, da ich erst noch einiges herausfinden wollte. Verblüfft schauten mich die beiden an, aber ich wollte keine Pause entstehen lassen und bat Shigenaga, gleich weiterzumachen.
Wir trainierten die halbe Nacht, und am Ende hatten beide keine Einwände mehr gegen das Duell.
Der Fürst wollte am nächsten Morgen alle notwendigen Schritte einleiten, damit der Kampf nach unseren Wünschen stattfinden konnte. Mein Schwert sollte noch einmal geschliffen werden, um eine möglichst hohe Schärfe der Schwertspitze zu erreichen, denn das war der Schlüssel zu meinem Plan. Wir trennten uns, und ich fiel in meinem Quartier in einen ruhigen kurzen Schlaf.
Den nächsten Morgen begann ich mit Tai-Chi-Übungen. Gleich zu Beginn stellten sich Shigenaga und, wie ich später erfuhr, auch Mitglieder der Date Familie ein, von denen keiner es wagte, mich zu stören. Sie standen oder saßen still am Rande des gut gepflegten Ziergartens und beobachteten genau, was ich tat. Zwei junge Frauen, die nicht unterschiedlicher sein konnten, fielen mir besonders auf. Die zwei Schritte vorangehende Frau trug einen hellgelben eng anliegenden, mit schönen Mustern versehenen und von einem Stoffgürtel zusammengehaltenen Kimono. Er war so straff bis in Brusthöhe gewickelt, dass man von ihren Körperformen kaum etwas wahrnehmen konnte. Im Rücken war ein Polster mit einer großen Schleife befestigt. An den nackten Füßen trug sie Holzsandalen, und durch den engen Kimono konnte sie nur sehr kleine Schritte machen. Die rechte Hand hielt einen bunten Sonnenschirm, und in der linken hatte sie einen geöffneten Fächer. Ihr tiefschwarzes hochgestecktes Haar wurde von einer bunten Spange zusammengehalten. Zwei Blumenblütenarrangements vervollständigten ihre Frisur. Doch am auffälligsten war ihr stark geschminktes Gesicht. Von der normalen Hautfarbe konnte man nur am Hals ein Stück sehen.
Die zweite Frau, die seitlich hinter der ersten lief, war das ganze Gegenteil. Ihr Äußeres war weniger herausgeputzt. Auch sie trug einen Kimono, der aber weit geschnitten war, damit die Beine mehr Bewegungsfreiheit hatten. Obwohl weniger auffällig gemustert, wirkte er dennoch edel. Ein schmaler, nicht ganz so eng gewickelter Stoffgürtel hielt ihn zusammen. Das Rückenpolster fehlte ganz, und statt des Sonnenschirmes trug sie in der rechten Hand einen Stab, auf den sie sich beim Gehen stützte. Ihr Haar war ähnlich arrangiert, aber nur wenige Blüten und eine kleine Spange zierten die Pracht. In dem dezent geschminkten Gesicht war die hellbraune Haut gut zu erkennen. Am auffälligsten war aber ihr wiegender Gang. Es sah so aus, als müsste sie ein Bein immer mit etwas Schwung nach vorn setzen und sich dann wiegend nach oben drücken. Um das zu gewährleisten, steckten ihre Füße in fest geschnürten Reisstrohsandalen und nicht in zierlichen Holzsandalen.
Was mich aber bei meinen Übungen fast ein wenig aus dem Gleichgewicht brachte, war ihre Ausstrahlung. Obwohl die erste Frau ohne Makel und äußerlich schöner zu sein schien, hatte die hinter ihr gehende eine innere Schönheit, die vielleicht nur einem unvoreingenommenen Beobachter auffiel. Das Gesicht war nicht ganz so voll wie bei der anderen Frau, und ein schmaler Mund wurde von zwei schalkhaften Grübchen begrenzt. Die nicht zu kleine Nase gab dem Gesicht eine angenehme Form und machte es wett, dass die Augen in allzu flachen Augenhöhlen lagen. Aber diese Augen hatten es in sich. Sie waren lebhaft, und ein zufriedener Glanz ging von ihnen aus. Ihr ganzes Wesen strahlte große innere Zufriedenheit aus, was bei der körperlichen Behinderung erstaunlich erschien.
Als ich bemerkte, dass sich unsere Blicke trafen, schlug ich beschämt meine Augen nieder. Ich wollte niemanden begaffen, denn was daraus entstehen konnte, wusste ich ja. In diesem Fall konnte es zudem verletzend sein, was ich auf keinen Fall beabsichtigte.
Ich richtete meinen Blick wieder nach innen und konzentrierte mich auf mein Tai Chi. Nach einiger Zeit ging ich zum Shaolin-Boxen über. Besser gesagt, ich trainierte eine Mischung aus Shaolin- und Wudang-Stil, die ich mir in China angeeignet hatte. Dabei blendete ich die Beobachter vollkommen aus, um mich gut auf den Kampf vorzubereiten.
Als ich nach mehreren Stunden aufhörte, war nur noch Katakura Shigenaga anwesend. Er kam zu mir und sagte:
›Jetzt weiß ich, was uns in Shaolin vorenthalten wurde. Beherrschen das alle Mönche so?‹
Ich schüttelte den Kopf.
›Nein, der Stil, den ich hier trainiert habe, wird nur von wenigen verwendet, doch auch der normale Shaolin-Stil hat seine Vorzüge, nur dass er viel kraftaufwendiger und offensiver ist. Was ich bevorzuge, ist mehr auf Verteidigung ausgerichtet, womit ich mich auch gut gegen unseren Großmeister behaupten konnte.‹
Jetzt erst bemerkte ich das chinesische Schwert in seiner Hand.
›Oh, ist es das, das ich ausgewählt hatte?‹
›Ja, der Schwertschleifer hat es gerade zurückgebracht, du bist mit seiner Arbeit bestimmt zufrieden.‹
Er reichte es mir, und ich begutachtete die Klinge. Dann schwang ich es leicht mit der Spitze durch das Gras zu unseren Füßen. Mehr als zufrieden blickte ich auf die liegen gebliebenen Halme.
›Sehr gut, doch ich muss achtgeben und den Abstand genau einschätzen. Das Beste wird sein, wenn ich noch ein wenig mit diesen Schwert trainiere, damit ich beim Kampf keine Fehler mache.‹
›Wie du meinst, doch ich glaube nicht, dass das Duell schon heute stattfindet.‹
›Umso besser, da ich viel nachholen muss. Schon zu lange habe ich nicht mehr richtig trainiert.‹
›Wird dir dann nicht die Kraft im Kampf fehlen?‹
Ich lachte auf.
›Wo denkst du hin?! Wir haben im Kloster von früh bis zur Dämmerung trainiert und die Übungen nur für eine Mahlzeit mit anschließender Gebets- und Meditationspause unterbrochen.‹
Er machte große Augen.
›Ich glaube, unsere Informanten am chinesischen Kaiserhof haben weit untertrieben.‹
Schmunzelnd winkte ich ab und wollte mich schon umdrehen, als mir die weiteren Beobachter einfielen.
›Wer waren denn die anderen, die vorhin hier standen?‹
›Date Masamunes älteste Tochter, Irohahime. Sie ist die Frau von Matsudaira Tadateru, was leider keine Empfehlung mehr ist, da ihr Mann verbannt wurde. Ihr steht es aber frei, den Verbannungsort zu verlassen. Zur Zeit weilt sie hier, um ihren Vater zu besuchen.‹
›Und die anderen?‹
›Ach, das waren nur zwei ihrer Leibwächter und Diener.‹
›Die andere Frau war auch eine Dienerin?‹
›Kazuko, nein, das ist keine Dienerin. Es ist ihre Halbschwester, doch das zählt nicht, obwohl sie einen gewissen Sonderstatus hat. Aber es steht mir nicht zu, darüber zu sprechen.‹
O weh, nun hatte ich auch noch an ein Familiengeheimnis gerührt. Ich musste unbedingt vorsichtiger werden, denn in dieser Gesellschaft gab es mehr Geheimnisse und Regeln, als ich mir hatte träumen lassen. Um abzulenken, sagte ich Shigenaga, dass ich weitertrainieren wolle, woraufhin er mich verließ.
Am Nachmittag saß ich meditierend unter einem Baum, der neben Shigenagas Haus stand. Nach einer Weile hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden, und öffnete die Augen.
Katakura Shigenaga stand vor mir, hatte es aber nicht gewagt, mich zu unterbrechen. Allem Anschein nach wollte er mich sprechen. Ich machte eine einladende Geste und deutete auf einen Platz neben mir, doch er winkte ab.
›Ich möchte dich nicht weiter stören. Der Fürst hat mich beauftragt, dir mitzuteilen, dass alles nach unseren Wünschen zu verlaufen scheint. Wie du angeregt hast, wurde dem Metsuke der Eindruck vermittelt, dass der Shogun gerne ein Kräftemessen zwischen dir, dem fremden Yamabushi, und einem guten Bushi sehen möchte. Daraufhin hat er selbst dem Shogun angeboten, ein Duell, das zu seiner Genugtuung stattfinden soll, dafür zu nutzen. Tokugawa Iemitsu war hoch erfreut und verfügte, dass der Kampf morgen, wenn die Sonne am höchsten steht, in einem der Burgvorhöfe stattfinden soll. Sein Vater und einige andere hohe Würdenträger werden anwesend sein.‹
›Date Masamune doch auch, oder?‹
›Ja, er wurde aufgefordert zu erscheinen, schließlich bist du sein Gast. Auch ich soll mitkommen, weil zur Zeit kein anderer verfügbar ist, der chinesisch spricht.‹
›Gut, ich hoffe der Fürst ist zufrieden?‹
›Sehr sogar. Aus diesem Grund sollte ich es dir auch sofort mitteilen.‹
Wir verabschiedeten uns, denn ich wollte mich, so gut es ging, auf den kommenden Tag vorbereiten.
Am nächsten Tag, eine ganze Weile vor der festgelegten Zeit, betraten wir den Vorhof. Ein Beamter des Shogun teilte mir die Verhaltensregeln mit. Katakura Shigenaga übersetzte gewissenhaft alle Anweisungen und ermahnte mich mehrfach, alles genau einzuhalten.
Der Shogun wurde angekündigt, und wir warfen uns auf die Knie. Den Kopf gesenkt und auf unsere Hände blickend, warteten wir, bis die Erlaubnis zum Sicherheben kam.
Mir war es unter Androhung des Todes verboten, den Shogun anzublicken. Deshalb fixierte ich den Boden vor mir, doch aus den Augenwinkeln konnte ich das weitere Geschehen verfolgen. Für den Shogun war unter einem Baldachin ein mit Polstern versehener Stuhl bereitgestellt. Rechts daneben, aber nicht mehr unter dem Baldachin, stand eine Sitzgelegenheit ohne Rückenlehne, über die eine reichverzierte Decke gebreitet war. Unmittelbar nachdem der Shogun Platz genommen hatte, ließ sich ein Mann auf dieser nieder, der viel Ähnlichkeit mit ihm hatte. Später bestätigte sich meine Vermutung, dass es der Vater des amtierenden Shogun sei. Date Masamune erhielt die Genehmigung, nach vorn zu kommen und in einigem Abstand seitlich vom Shogun auf einem Kissen Platz zu nehmen. Eine Ehre, die auch einigen weiteren hohen Persönlichkeiten zuteil wurde.
Als alle ihren Platz gefunden hatten, wurde der Metsuke nach vorn gerufen. Vor dem Shogun kniend, sprach er kurz mit ihm. Danach begab er sich zu Katakura Shigenaga, der neben mir den Boden anstarrte. Nachdem Sanada Masanori einige Worte an ihn gerichtet hatte, erhob er sich und forderte auch mich dazu auf. Wie mir eindringlich mitgeteilt worden war, sollte ich möglichtst nicht direkt zum Shogun schauen. Ich drehte mich also etwas seitlich und hielt den Kopf leicht gesenkt, konnte dabei aber sehen, dass mein Gegner schon in voller Rüstung war. Er trug, wie meine neuen Freunde vermutet hatten, eine do-maru-Rüstung. Sie ähnelte der von Katakura Shigenaga, nur ein Detail war anders, doch das erschien mir eher noch hilfreich zu sein. Zusätzlich zum Helm trug er eine Halbmaske, die Stirn und Wangen schütze. Dieser Typ von Gesichtsmaske, Happuri genannt, hatte an den Wangen Ösen, durch die Schnüre liefen, die den Helm hielten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit der Strategie, die ich mir zurechtgelegt hatte, erfolgreich sein würde, erschien mir nun sehr hoch. Ich war froh, dass mir an jenem Abend so viel über die Rüstungen und ihre einzelnen Teile erklärt worden war.
Der Metsuke sprach mich an, und Shigenaga übersetzte alles ohne Umschweife.
›Sanada Masanori möchte wissen ob du bereit bist, für die Schmach, die du ihm angetan hast, einzustehen?‹
›Ja, das bin ich!‹, mein Dolmetscher übersetzte alles laut und deutlich, damit es jeder der Anwesenden verstehen konnte.
›Dann wird er dich jetzt auf dem Kampffeld in der Mitte des Hofes erwarten. Du sollst deine Rüstung anlegen und mit deinem Schwert dort erscheinen.‹
Ich verbeugte mich vor dem Metsuke, deutete auf meine Shaolin-Kleidung und sagte:
›Ich werde keine Rüstung anlegen, denn ich bin es gewohnt, in dieser Kleidung zu kämpfen.‹
Alle außer denen, die es schon wussten, sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Doch Masanori brachte es auf den Punkt.
›Willst du mich beleidigen, oder bist du einfach nur lebensmüde?‹
Bei diesen Worten machte er ein mehr als wütendes Gesicht.
›Weder das eine noch das andere. Ich komme aus einem anderen Land, bin es nicht gewohnt, in einer solchen Rüstung zu kämpfen, und habe auch kein Tachi. Meine Waffe ist ein einfaches chinesisches Schwert, und ich habe bisher immer ohne Rüstung gekämpft. Von einer Beleidigung kann also keine Rede sein, da es meine traditionelle Kleidung ist, und ob ich lebensmüde bin, mag der Kampf entscheiden.‹
Sanada Masanori machte eine wegwerfende Handbewegung, ging in die Mitte des Hofes und schnaubte einige mürrische Worte vor sich hin.
›Das ist keine Ehre für mich‹, übersetzte Shigenaga, doch ich hatte den Eindruck, dass es nicht alles war, was der Metsuke gesagt hatte.
Mein chinesisches Schwert wurde mir gebracht, und ich folgte meinem Gegner. Bei diesen Schritten ließ ich mich vollkommen fallen und übergab alles an mein Chi. Das Schwert in meiner Hand wurde eins mit meinem Körper. Die Umgebungsgeräusche reduzierten sich auf das Wesentliche, und alles um mich herum wurde von meinem Chi präzise ausgewertet. Jede Bewegung eines Schattens, jeder Lufthauch, durch eine Bewegung verursacht, wurde gewertet und alles ausgeblendet, was nicht unmittelbar wichtig war für meinen Kampf.
Ich stand vor Masanori, verneigte mich leicht und nahm eine vollkommen entspannte Haltung ein. Der Metsuke antwortete seinerseits mit einem leichten Nicken und begann mich fixierend zu umkreisen. Wie ich es schon bei meinem nächtlichen Training mit Katakura Shigenaga erlebt hatte, wechselte auch er ständig die Schwertposition. Nach wenigen Sekunden hätte ich die Augen schließen können, denn seine Gedanken waren so stark auf seine Schwertführung konzentriert, dass ich jede Positionsänderung schon vor der Ausführung wahrnahm. Ich passte meine Bewegungen den seinen an, was ihn sichtlich irritierte. Aus diesem Grunde dauerte es eine ganze Weile, bis er seinen ersten Angriff startete.
Er täuschte einen Positionswechsel des Schwertes von rechts nach links an. Doch als er mit seinem Tachi nur ein klein wenig am Kopf vorbei war holte er Schwung und zielte mit einer ziehenden, schneidenden Bewegung auf meinen rechten Oberarm. Mein Vorteil war, dass ich in seinen Gedanken schon gesehen hatte, was er beabsichtigte. Im selben Moment, wie sein Angriff begann, erfolgten meine Ausweichbewegung und sogleich auch mein Gegenangriff. Mit einer Rechtsdrehung um meine Achse und drei kurzen Schritten verhinderte ich, dass er effektiv darauf reagieren konnte. Dann nutzte ich die Blöße, die er sich durch die erhobenen Arme gegeben hatte. Ein schneller Schnitt und sein Obi war durchtrennt.
Als wirklich guter Schwertkämpfer reagierte er sofort auf meine Bewegung. Da er wegen des Überraschungseffektes nur wenig Schwung holen konnte, gelang es ihm, dem Tachi eine neue Richtung zu geben. Um nicht doch noch getroffen zu werden, musste ich den Schwung meiner Drehung nutzen. Der Abwärtsbewegung, die ich machte, um den Gürtel zu durchtrennen, folgte ich mit meinem ganzen Oberkörper. Als mein Gesicht und die Hände nur wenige Zentimeter über dem Boden waren, schwang sein Tachi über meinen Rücken und hinterließ einen Schnitt in meinem Obergewand. Ich stand nur auf dem rechten Bein, holte mit dem linken Schwung und wirbelte mich durch die gesammelte Energie aus Drehung und Beinschwung in einen sicheren Stand außerhalb seiner Reichweite. Aber das wäre gar nicht notwendig gewesen, denn er war auf Grund des durchtrennten Obi in seinen Bewegungen eingeschränkt.
Wie mir Shigenaga erklärt hatte, verlagerte ein gut gebundener Obi einen Teil der Rüstungslast auf die Hüften, während bei ihm jetzt die ganze Last auf den Schultern lag. Die konnte er nach diesem Gegenangriff nicht mehr so gut heben und die Oberarme auch nicht mehr effektiv drehen. Er war mit seinem Schwertstreich meiner Drehung gefolgt und bemühte sich wieder um einen sicheren Stand. Sein Tachi hatte er erneut in Angriffsposition erhoben, und seine Augen funkelten mich wütend an.
Das Ganze hatte nur wenige Augenblicke gedauert. Ein kaum wahrnehmbares Raunen war zu hören gewesen, doch ich konnte keinen Blick zur Seite wagen, denn schon umkreiste er mich wieder, und nur kurze Zeit später erfolgte der nächste Angriff. Er schwang sein Schwert von rechts nach links, wieder in einer ziehenden, schneidenden Bewegung. Doch auch diesmal gelang es mir, gleichzeitig mit seiner Attacke meine Ausweichbewegung zu starten. Glücklicherweise hatte ich durch meine guten Lehrmeister in Shaolin meine Beweglichkeit so verbessert, dass es mir möglich war, meinen Oberkörper nach hinten fast in die Waagerechte zu drücken. In dieser Position führte ich eine leicht drehende Bewegung aus, zog dabei das Schwert über meinen Bauch hinweg und führte es dann ziehend nach oben. Ich war seinen Händen gefolgt und hatte das Befestigungsband, das nur wenige Zentimeter oberhalb des Handgelenks den Hand- und Unterarmschutz am rechten Arm hielt, durchtrennt. Anschließend schwang ich den Oberkörper wieder nach oben, nahm eine Abwehrhaltung ein und schaute meinem Gegner in die Augen.
In seinen zornigen Blick mischte sich langsam achtungsvolles Staunen. Ohne in seiner Aufmerksamkeit nachzulassen, schaute er auf sein rechtes Handgelenk. Sobald er seinen Arm seitlich oder mit dem Handrücken nach unten hielt, rutschte der Hand- und Unterarmschutz weg, da er nur noch unterhalb des Ellenbogens gehalten wurde. Das Handgelenk war in diesem Augenblick ungeschützt und die Bewegungsfreiheit behindert. Schnell kamen seine nächsten Angriffe. Bei einem trug ich eine kleine Schnittwunde am Unterarm davon, bei anderen wurde meine Kleidung wieder in Mitleidenschaft gezogen. Doch fast jedes Mal konnte ich einen Gegenangriff ausführen, und nach einiger Zeit stand er in einer Rüstung vor mir, die ihn mehr behinderte als schützte. Der linke Schienbein- und Wadenschutz, der nur noch unten befestigt war, hing lose an seinem Bein und brachte ihn bei manchen Bewegungen fast zu Fall. Die rechte Reisstrohsandale hatte sich gelöst, so dass er auf der Socke stand. Bei diesem Schnitt hatte er auch die einzige Verletzung davontragen müssen, eine kleine Wunde auf dem Oberfuß. Der rechte Schulter- und Oberarmschutz war nur noch vorn befestigt und schlug in bestimmten Situationen vor sein Gesicht.
Als er sich noch einmal eine Blöße auf der rechten Seite gab, konnte ich die untere Verschnürung des Kürass durchtrennen. Den effektivsten Schaden richtete aber mein letzter Gegenangriff an. Es war mir gelungen, die Schnur zu durchtrennen, mit der der Helm unter dem Kinn befestigte war, so dass er nur noch von dem Haarzopf gehalten wurde, der durch das Loch in der Mitte des Helms gezogen war. Er rutschte immer wieder ins Gesicht, und die Halbmaske verdeckte die Augen. Wenn er die nicht getragen hätte, hätte ich diesen Schnitt nicht gewagt, denn eine Verletzung des Gesichtes wollte ich auf keinen Fall provozieren. Doch da die Schnur über die Halbmaske gezogen war, hatte ich nur auf dieser einen starken Kratzer hinterlassen.
Schwer atmend stand er vor mir. Ihm war mit Sicherheit klar, dass er aus diesem Duell nicht mehr siegreich hervorgehen konnte, aber eingestehen wollte er es nicht. Um ihm die Entscheidung abzunehmen, trat ich drei Schritte zurück, senkte das Schwert und neigte den Kopf.
Es war für ihn ein Dilemma, denn er hatte mich züchtigen wollen, weil ich es ihm gegenüber an Respekt hatte fehlen lassen und nun war ihm die nächste Schmach zugefügt worden. Er, ein Meister des Schwertkampfes, musste sich eingestehen, dass meine Angriffe auch andere Folgen hätten haben können. Wenn er sich jetzt geschlagen gab, war seine Ehre noch mehr befleckt.
Doch nun tat Date Masamune, was wir vorher abgesprochen hatten. Er wandte sich mit der Bitte, etwas sagen zu dürfen, an den Shogun. Nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, stand er auf, trat an Sanada Masanori heran und sagte so laut, dass alle es hören konnten:
›Metsuke Sanada Masanori, es ist keine Schande, diesem Mann unterlegen zu sein. Er ist ein Großmeister der chinesischen Yamabushi und in vielen Kampfarten bewandert. Er hat mir und meinen Dienern das Leben gerettet, und ich bin ihm verpflichtet, weshalb ich ihn in unser Land einlud. Leider haben ich und auch Katakura Shigenaga versagt, denn wir haben ihn nicht genügend mit unseren Sitten und Gebräuchen vertraut gemacht. Also trifft uns die Schuld an seinem unhöflichen Verhalten. Wir müssten dir Genugtuung geben, doch das verweigerte er uns. Bei einem Gespräch vor diesem Kampf teilte er mir mit, wie sehr er sein Fehlverhalten bedauert und dass er nichts sehnlicher wünscht, als diese Schmach zu tilgen.‹
Er wandte sich kurz mir zu und gab mir damit ein verabredetes Zeichen.
›Wenngleich es seine Ehre nicht zulässt, sich schwächer zu zeigen, als er ist, wird er sich deiner Gnade oder Ungnade unterwerfen.‹
Bei diesen Worten hatte ich mich auf mein linkes Knie herabgelassen, das Schwert neben mein angewinkeltes rechtes Bein auf den Boden gelegt und meinen Kopf gesenkt. In dieser Stellung wartete ich auf seine Entscheidung, denn der Daimyo meinte, er könne nichts anderes mehr tun, als die Sache friedlich beizulegen. Da der Fürst indes nichts dem Zufall überlassen wollte, hatte er noch ein paar Fäden gezogen.
Die Entscheidung fiel dem Metsuke nicht leicht, denn er empfand es als beschämend, einem wie mir so offensichtlich unterlegen zu sein. Auf der anderen Seite wäre es nicht mehr ehrenvoll gewesen, mich in dieser Situation zu züchtigen. Die Zeit verrann, und unschlüssig schaute er auf mich herab. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass sich Tokugawa Hidetada zu seinem Sohn hinüberbeugte und ihm etwas zuraunte. Unwillig sah der Shogun seinen Vater an, erhob sich jedoch und forderte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
Es waren nur wenige Sätze, die er sprach, doch in seiner Stimme lag etwas Bestimmendes. Als er geendet hatte, schaute er fragend zu dem Metsuke. Der verneigte sich tief vor ihm, drehte sich um, kam auf mich zu und forderte mich mit einer Geste zum Aufstehen auf. Als ich mich langsam, das Schwert liegenlassend, erhoben hatte, schaute er sich kurz um und rief Katakura Shigenaga heran, mit dem er ein paar Worte wechselte, die Shigenaga übersetzte:
›Sanada Masanori hat mich gefragt, ob du verstanden hast, was der Shogun gesagt hat?‹
›Nein.‹
›Das sagte ich ihm auch schon, da du erst einige wenige Worte unserer Sprache verstehst. Deshalb soll ich dir das Gesagte übersetzen.‹
Er machte eine kurze Pause und verneigte sich leicht in Richtung des Shogun.
›Tokugawa Iemitsu hat den Metsuke aufgefordert, die Streitigkeiten mit dir beizulegen. Er sagte, für ihn sehe es so aus, als würde deine vermeintliche Unhöflichkeit auf zwei Missverständnissen beruhen. Zum einen, weil Sanada Masanori annahm, dass du mit unseren Umgangsformen vertraut seist, und zum anderen, weil du nach deinem äußeren Erscheinungsbild anscheinend im Rang weit unter ihm stehst. Natürlich schützt Unwissenheit nicht vor Strafe. Da du aber ein Gast von Date Masamune bist und er die Verantwortung übernommen hat, wünscht er eine friedliche Beilegung des Konflikts. Außerdem wurde ihm berichtet, du seist so etwas wie ein General.‹
Erstaunt zog ich die Brauen hoch, doch Shigenaga gab mir mit den Augen einen Wink und fuhr fort:
›Was ja bedeuten würde, dass ihr beide in etwa den gleichen Rang habt, weshalb die Höflichkeitsformen deinerseits gar nicht so hätten ausfallen müssen, wie er es erwartet hatte.‹
Er deutete nun auf meinen Gegner und übersetzte, was dieser dazu gesagt hatte.
›Sanada Masanori hat erkannt, dass du ein großer Bushi bist, und er ist sehr beeindruckt von deinen Fähigkeiten. Aus diesem Grund und natürlich weil der Shogun es so wünscht, wird er damit diese unglückliche Begegnung als vergessen betrachten. Doch er stellt eine Bedingung!‹
Katakura Shigenaga holte tief Luft und sah mir unsicher in die Augen.
›Er möchte mehr über deine Art zu kämpfen erfahren. Aus diesem Grund wünscht er, dass weitere Treffen stattfinden, in denen du ihn unterweist.‹
Das gefiel mir nicht so sehr, denn ich wusste ja nicht, was daraus entstehen würde. Andererseits war es in diesem Moment kaum möglich, abzulehnen, ohne ihn schon wieder zu beleidigen. Deshalb versuchte ich es mit einem Kompromiss.
›Ich werde seinem Wunsch natürlich nachkommen, doch der Metsuke sollte eins bedenken. Um den Stand der Kampffertigkeiten zu erreichen, den ich jetzt habe, musste ich acht Jahre lang täglich von morgens bis abends trainieren. Es gab in dieser Zeit nur wenige Tage, an denen das Training ausfiel, und viele andere erreichen diesen Stand nie oder erst nach vielen Jahren.‹
Shigenaga übersetzte synchron, was ich gesagt hatte, und ich konnte beobachten, wie sich die Miene von Masanori wandelte, erst ins Ärgerliche, dann ins Interessierte und schließlich in ein Lächeln.
›Ich merke schon, es gibt viel zu erfahren und zu lernen, auch wenn ich Ihre Kampffertigkeit vielleicht niemals erlange.‹
In seiner Miene war der Schalk nicht zu übersehen, also hatte er meine Taktik durchschaut.
›Ich freue mich auf die Treffen mit ... Oh, ich kenne ja noch nicht einmal den Namen meines neuen Freundes. Wie darf ich Sie denn nennen?‹
›In Shaolin nannte man mich Gü Man und später als Meister Xu Shen Po.‹
Er lachte kurz auf, bückte sich, hob das chinesische Schwert auf und prüfte die Klinge.
›Nun denn, Xu Shen Po! Denn der andere Name wäre eine Beleidigung.‹
Bei diesen Worten hielt er mir das Schwert mit Heft entgegen, doch als ich zugreifen wollte, zog er es wieder etwas zurück.
›Aber bitte vorsichtig, denn aus Erfahrung weiß ich, dass die Schneide recht scharf ist.‹
Ich nahm es entgegen und stellte es mit der Spitze auf den Boden.
›Ich wünschte, es wäre nie geschehen‹, dabei neigte ich leicht den Kopf.
›Oh, nein, nein. Es ist gut so, denn ich merke, dass diese Begegnung eine Bereicherung für mich sein wird. Es wäre nur besser, wenn auch alle anderen Sie als das erkennen könnten, was Sie sind, und Sie nicht wegen ihres Äußeren für einen Chonin halten.‹
Jetzt mischte sich Date Masamune, der immer noch neben uns stand, ins Gespräch.
›Das soll auch geschehen, doch leider geht es nicht so schnell, wie ich es wünschte. Zum einen möchte ich, da er ja kein Einheimischer ist, die Erlaubnis unseres Herrn einholen‹, er nickte mit dem Kopf in Richtung Shogun. ›Und es ist auch noch zu klären, welche Familie ihn aufnimmt. Ich habe zwar schon einige in der engeren Wahl, doch ich muss erst mit deren Familienoberhäuptern sprechen.‹
Als Shigenaga das übersetzte, horchte ich auf und schaute ihn verblüfft an.
›Nicht jetzt. Der Fürst wollte und wird es dir erklären. Er ....‹
Tokugawa Iemitsu unterbrach unser Gespräch und forderte den Daimyo auf, ihm zu folgen. Date Masamune kam der Aufforderung sofort nach, denn der Shogun hatte sich schon erhoben. Tokugawa Hidetada und zwei weitere hohe Beamte schlossen sich an. Kaum waren die hohen Herren unseren Blicken entschwunden, wurden wir auch schon aufgefordert, das Burggelände zu verlassen. Mir war es nur recht, hoffte ich doch, noch einmal glimpflich aus dieser Situation herausgekommen zu sein. Zusammen mit Katakura Shigenaga ging ich zurück zum fürstlichen Anwesen. Unterwegs erklärte mir mein Dolmetscher alles, was ich nicht verstanden hatte. Dabei wurde mir bewusst, dass ich die Sprache so schnell wie möglich erlernen musste, um nicht noch einmal in derlei Schwierigkeiten zu geraten.«
Ninja und Kazuko
»Die nächsten Tage verliefen recht ruhig, und ich füllte sie mit Training und Meditation. Date Masamune wirkte auch sehr zufrieden, denn das letzte Gespräch mit dem Shogun war seinen Wünschen entsprechend verlaufen. Es hatte keinerlei Kritik mehr wegen der Reise nach Shaolin gegeben. Im Gegenteil, er wurde sogar für diese Entscheidung gelobt und sollte, wenn neue Erkenntnisse bekannt wurden, sofort mit dem Shogun Kontakt aufnehmen. Auch die Entscheidung, mich in einer der Samurai-Familien zu integrieren, wurde in diesem Zusammenhang gutgeheißen. Aber erst nach einem längeren Gespräch mit dem Fürsten verstand ich, was und warum dies geschehen sollte.
Ein dem Daimyo treu ergebener Clan sollte mich adoptieren. Dadurch wäre ich nach geltendem Recht kein Ausländer mehr und könnte auch in den Kriegeradel aufsteigen. Das wiederum würde mir das Recht geben, Schwerter zu tragen und einen ungezwungenen Kontakt zu den anderen Samurai zu pflegen, die ständig mit Date Masamune zu tun hatten.
Zum Leidwesen des Fürsten konnte dies erst in Sendai geschehen, da das Clanoberhaupt der adoptierenden Familie zustimmen musste. Weil sich keiner der in Frage kommenden Männer in Edo aufhielt, musste Masamune warten, bis er wieder in sein Lehen reisen konnte. Der Shogun hatte die Erlaubnis noch nicht erteilt, aber angedeutet, dass dies bald geschehen würde. In den nächsten Tagen sollten noch einige Gespräche im Beisein wichtiger Ratgeber geführt und das weitere Verhalten zu China festgelegt werden. Date Masamune musste, da seine Reise nach China viele wichtige Informationen erbracht hatte, daran teilnehmen. Er beauftragte Katakura Shigenaga, mich in der Zwischenzeit über alles zu informieren, was eine Adoption mit sich brachte. In diesem Zusammenhang erfuhr ich viel über das Land.
Er klärte mich über die Rechte und Pflichten eines Samurai auf und erwähnte im Verlauf des Gespräches wieder einmal einen Europäer.
›Die meisten Pflichten, die ein einfacher Bushi seinem Herrn gegenüber hat, werden für dich nicht in Frage kommen, denn Date Masamune will dich zu einem seiner Hatamoto machen.‹
Dabei schaute er mich an, als erwarte er eine besondere Reaktion von mir, weshalb ich ihn fragte:
›Was ist ein Hatamoto?‹
Er nickte verständnisvoll.
›Es ist eine große Ehre für dich, denn ein Hatamoto ist ein Bannerträger, ein persönlicher Vertrauter seines Herrn. Diese Männer nehmen eine besondere Stellung ein und sind nur ihrem Herrn verpflichtet. Das bedeutet, wenn du diese Stellung hast, habe ich dir nichts mehr zu sagen. Du stehst dann im Rang sogar über mir. Welche Aufgabe du haben wirst, ist dir ja bekannt, und dafür wirst du vom Fürsten entlohnt.‹
Ich schaute nachdenklich auf meine Hände und schwieg. Bei meiner Einwilligung, den Daimyo zu begleiten, hatte ich keine direkte Vorstellung von meinem weiteren Leben gehabt. Nun sollte ich ein Samurai und Hatamoto des Fürsten werden. Das war für mich eine ungewöhnliche Zukunftsvorstellung. Andererseits war ich wieder vor eine Aufgabe gestellt, was ja meinen Wünschen entsprach. Aber es gab so viele Regeln und Zwänge, dass mir doch etwas Angst wurde, dem Ganzen gewachsen zu sein.
Shigenaga, der ein guter Beobachter war, hatte meine Gedanken erraten.
›Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass der Fürst von dir Dinge erwartet, die du nicht erfüllen kannst. Du hast ihm in den letzten Tagen schon sehr hilfreiche Ratschläge gegeben, und anderes erwartet er vorläufig nicht von dir. Wichtig ist, dass du unsere Sprache so schnell wie möglich erlernst, aber da bist du ja schon auf dem besten Wege‹, er lachte kurz auf. ›Auch andere Ausländer haben es geschafft, in so eine Position zu kommen, und das sogar sehr erfolgreich beim Shogun.‹
›Es gibt noch andere Ausländer, die Samurai wurden?‹
›Nun, gab, müsste ich sagen, denn dieser ist vor vier Jahren gestorben. Miura Anjin war ein Hatamoto vom Shogun Tokugawa Ieyasu und hat ...‹, Shigenaga verzog das Gesicht leicht. ›Na ja, sagen wir, er hat eine zwiespältige Rolle gespielt.‹
›Der Name klingt aber nicht sehr europäisch?‹
›Es sollte dir eigentlich klar sein, dass er als Samurai unmöglich seinen alten Namen behalten konnte. Da er ein Günstling des Shoguns war, musste ihn keine Familie adoptieren. Tokugawa Ieyasu hat ihn einfach zum Samurai gemacht und ihm den Namen verliehen.‹
›Und wieso hat er eine zwiespältige Rolle gespielt?‹
›Weil wir es zu einem Großteil diesem Mann zu verdanken haben, dass die Tokugawa Shogune den Ausländern und besonders den Christen so ablehnend gegenüberstehen. Miura Anjin war Engländer und hatte kein gutes Verhältnis zu den Portugiesen. Diese waren schon vor seiner Ankunft hier gewesen, und einige der Jesuiten-Priester hatten immer wieder Ärger mit Miura Anjin oder er mit ihnen, das weiß keiner so genau. Aus dem, was er dem Shogun über Portugal, Spanien und den Papst berichtete, entstand der Eindruck, als wollten diese beiden Nationen unser Land zu ihrer Kolonie machen. Die Jesuiten-Pater haben das bestätigt, indem sie sich immer wieder in japanische Angelegenheiten einmischten. Aus diesem Grunde mussten sie das Land verlassen und das Christentum wurde verboten.‹
Er senkte den Blick und schüttelte den Kopf.
›Date Masamune und auch ich halten das nicht für den richtigen Weg, doch wir dürfen das niemals offen zugeben, wenn wir uns und unsere Familien nicht gefährden wollen. Zumal die Berichte von Hasekura Tsunenaga mit zu diesen Entscheidungen geführt haben. Als er von seiner großen Reise, die ihn auch nach Spanien geführt hatte, zurückgekehrt war, hat er vieles bestätigt. Zugleich wurde auch klar, dass die Heimat von Miura Anjin nicht viel besser ist, und nun möchte der Shogun unser Land vor allen äußeren Einflüssen bewahren.‹
Er schaute wieder hoch und mir in die Augen.
›Wir können froh sein, dass du für ihn ein Chinese bist. Auch wenn du kein typisches Aussehen eines solchen hast, hinterfragt er deine Herkunft nicht weiter. Chinesen und die Holländer sind die Einzigen, die bis zu einem gewissen Grade akzeptiert werden.‹
Etwas verlegen fügte er leise hinzu:
›Date Masamune hat mir bei unserem letzten Gespräch gesagt, dass er dich niemals eingeladen hätte, wenn ihm zu diesem Zeitpunkt schon bekannt gewesen wäre, wie schlimm es jetzt in dieser Hinsicht bei uns steht.‹
›Egal, es ist, wie es ist, und wir sollten das Beste daraus machen. Das heißt, ich werde so schnell wie möglich alles lernen, was ich wissen muss, um der neuen Aufgabe gewachsen zu sein. Zunächst muss ich unbedingt wissen, was es bedeutet, wenn ich von einer Samurai-Familie adoptiert werde. Habe ich dann Verpflichtungen ihr gegenüber?‹
›Normalerweise schon, doch der Fürst hat es so geplant, dass diese Verpflichtungen möglichst gering gehalten werden können. Außerdem bildet deine Stellung als Hatamoto eine Art Gegengewicht. Insofern kannst du auch nicht in seine oder meine Familie aufgenommen werden, das würde zu viele Komplikationen mit sich bringen.‹
Shigenagas Tochter brachte uns Tee, füllte jedem seine Schale und verließ uns wieder. Mein Gastgeber überlegte kurz, wo er stehen geblieben war, und teilte mir dann mit, dass der Daimyo mit Ishikawa Munehiro wegen der Aufnahme in dessen Clan verhandeln wolle. Dieser Clan stand sich gut mit der Familie des Shogun, er war außerdem in mehrere Nebenclans zersplittert, und nur einer weilte im Lehen von Date Masamune. Nach Ansicht des Fürsten waren das sehr gute Voraussetzungen für die Adoption.
Unser Gespräch drehte sich noch eine Weile um dieses Thema, doch dann gingen wir langsam zum Sprachunterricht über. Am Abend wurden wir zum Fürsten eingeladen, der uns mitteilte, dass der Metsuke ein Treffen mit mir wünschte. Masamune hatte ihn daraufhin in sein Anwesen eingeladen, was bestimmt nicht in Sanada Masanoris Sinne lag. Doch da alles über Boten gelaufen war, hatte er zugestimmt, am nächsten Tag der Einladung zu folgen. Dieser Besuch drückte auf die Stimmung meiner neuen Freunde. Sie machten sich erhebliche Sorgen, und wiesen mich mehrfach daraufhin, diesen Mann nicht zu unterschätzen.
Da die genaue Ankunftszeit des Metsuke nicht bekannt war, begann ich den nächsten Morgen mit Tai-Chi-Übungen, woran sich ein Krafttraining anschloss, das ohne die Hilfsmittel, die ich in Shaolin zur Verfügung hatte, gar nicht so einfach war. Ich war noch nicht fertig, als der Metsuke eintraf. Ich bat darum, mir den Schweiß abwaschen zu dürfen, um ihm gereinigt gegenüberzutreten. Doch Masanori ließ mir durch Katakura Shigenaga mitteilen, dass er gerne mehr von meinen Kampfkünsten sehen würde und ich deshalb mit dem Training fortfahren solle. Da mir das lieber war als ein Aushorchen, ging ich gerne darauf ein.
Ich begann die Übungen zunächst ohne Waffen, dann mit Stock und schließlich mit dem Schwert. Der Metsuke schaute geduldig und interessiert zu. Nach einiger Zeit ließ er mich durch Shigenaga fragen, ob wir immer allein übten. Ich verneinte, gab aber zu bedenken, dass ich hier keinen Trainingspartner hätte. Daraufhin rief er einen seiner Begleiter zu sich. Dieser war wie ein einfacher Ashigaru gekleidet, trug aber ein Schwertpaar, das dazu nicht so recht zu passen schien. Shigenaga hatte mir erklärt, dass die einfachen Fußsoldaten nicht zu den Samurai zählten. Doch die Kleidung dieses Mannes war nicht die einzige Auffälligkeit an ihm. Seine Ausstrahlung und sein Auftreten waren außergewöhnlich. Ich hatte ihn bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht wahrgenommen, denn er hatte es verstanden, sich immer so im Hintergrund zu halten, dass er nicht auffiel. Als er von Sanada Masanori nach vorn gerufen wurde, schien er wie aus dem Nichts aufzutauchen. Die Ruhe und Gelassenheit, die er ausstrahlte, war bemerkenswert. Und obwohl ich ihn mir genau angeschaut hatte, war ich am Abend nicht mehr in der Lage, seine Gesichtszüge zu beschreiben. Einzig die Augen, die alles zu durchdringen schienen, blieben mir im Gedächtnis.
Masanori ließ mir mitteilen, dieser Mann sei auch ein Yamabushi und beherrsche eine Kampftechnik, die der meinen ähnelte. Ein Übungskampf mit ihm wäre sicher für alle interessant.
Es war offensichtlich, dass er mich auf diese Weise testen wollte, doch ich sah keine Möglichkeit, das abzulehnen. Außerdem nahm ich an, dass es nicht viel anders werden würde wie bei dem Kampf, den ich gegen ihn geführt hatte.
Ich stimmte also zu, und der Yamabushi legte seine Schwerter ab. Anschließend stellte er sich mir gegenüber auf, neigte zur Begrüßung kurz seinen Oberkörper und griff mich dann sofort mit einer schnellen Schlag-Tritt-Kombination an. Dieser Angriff kam so unvermutet, dass ich es fast nicht schaffte, ihn abzuwehren. Nur mit Mühe entging ich einem kräftigen Tritt, der mein rechtes Schlüsselbein hätte brechen können. Zweifellos überschritt das den Rahmen eines Trainingskampfes. Mein Gegner bremste keinen Tritt und keinen Schlag rechtzeitig ab, die Angriffe erfolgten gezielt und mit voller Kraft. Nach dem zweiten Angriff machte Date Masamune Anstalten, den Kampf abzubrechen. Bei einem kurzen Blickkontakt schüttelte ich aber den Kopf, und er sank in seine teilnahmslose Haltung zurück.
Nachdem mir klar geworden war, wie sehr ich diesen Kämpfer unterschätzt hatte, bemühte ich mich um höchste Konzentration. Wie immer in solchen Momenten übergab ich die Führung an mein Chi, versuchte aber auch, die Gedanken meines Gegners zu erkennen. Das Ergebnis brachte mich beinahe wieder aus der Fassung, denn ich bemerkte, dass er das Gleiche tat oder zumindest versuchte. Ich konnte nicht in ihn eindringen, und wie Han Liang Tian es mich gelehrt hatte, verschloss ich meinen Geist, damit es ihm auch nicht bei mir gelang.
Wir hatten in diesem Augenblick beide die gleichen Voraussetzungen, da keiner von uns auf diese Art einen Vorteil für sich erringen konnte. Seine nächsten Angriffe zeigten, dass seine Technik der von Shaolin ähnelte. Sie war zwar etwas ruhiger, aber ihr durchaus ebenbürtig. Ich ging also davon aus, dass ich nur einen Vorteil erringen konnte, wenn ich die Mischung aus Shaolin- und Wudang-Technik einsetzte, was sich beim nächsten Angriff bestätigte.
Er täuschte einen Schlag mit seiner Rechten an, doch ich bemerkte, dass er seinen linken Fuß ein wenig entlastet hatte. Wie ich in diesem Augenblick vermutete, schnellte sein Bein nach oben, um einen Tritt auf meinen ungeschützten rechten Rippenansatz auszuführen. Mit einer leichten Drehung schlug ich mit meinem rechten Arm sein Bein nach oben weg, brachte dabei meinen Oberkörper aus dem Gefahrenbereich, drehte mich weiter und schlug ihm meinen linken Ellenbogen hart in die Seite. Das raubte ihm den Stand, und er schlug hintenüber. Doch blitzschnell war er mit einer Rolle wieder auf den Beinen. Ohne eine erkennbare Reaktion zu zeigen, kam er wieder auf mich zu. Dabei fixierte er mich und versuchte, eine Lücke in meiner Verteidigung zu finden. Nur wenige Augenblicke später erfolgte ein völlig unerwarteter Angriff. Mit seiner Rechten täuschte er einen Schlag an, und als mein Arm zur Abwehr nach oben schnellte, griff er mit seiner linken Hand nach ihm und zog mich über sein platziertes Bein. Ich konnte mich gerade noch abfangen und auf den Rücken rollen, als er schon zu einem Tritt auf meine Brust ansetzte. Im letzten Augenblick warf ich mich herum, stieß mich mit den Händen ab, vollführte eine Drehung und trat ihm in die Kniekehle des Standbeins. Er lag nun ebenfalls am Boden, und ich hatte Zeit, wieder auf die Beine zu kommen.
Was war denn das gewesen? Es erschien mir wie eine Mischung aus Judo und Karate. Mir war es nicht mehr möglich, die Art seiner Angriffe einzuschätzen, und eine Zeit lang beschränkte ich mich auf reine Verteidigung. Nach einer Weile erkannte ich ein bestimmtes Muster in seinen Angriffen und konnte eine entstandene Schwachstelle ausnutzen. Wieder einmal hatte er meinen rechten Arm gegriffen und wollte mich über sein Bein werfen, doch da ich diesen Angriff erwartet hatte, holte ich mit meinem noch freien linken Arm Schwung, warf mich zu Boden und zog ihn hinterher. Das linke Knie hatte ich hochgezogen und rammte es ihm in den Bauch. Geräuschvoll entwich die Luft aus seiner Lunge. Ohne große Anstrengung gelang es mir, ihn auf den Rücken zu befördern. Ein Knie auf seinen Arm, das andere auf seiner Brust, die Fingerknöchel meiner Rechten an seinem Kehlkopf, so endete der Kampf. Einen Wimpernschlag lang konnte ich maßloses Erstaunen in seinen Augen sehen, dann waren sie geschlossen. Es war die einzige Gefühlsregung, die ich in dieser ganzen Zeit an ihm wahrnahm, und sie war so kurz, dass ich mir nicht einmal sicher war, ob ich mich nicht getäuscht hatte.
Ich stand auf und bot ihm die Hand als Hilfe, doch er erhob sich erst, nachdem der Metsuke einige barsche Worte an ihn gerichtet hatte. Ohne auf meine Geste einzugehen, ging er zu seinen Schwertern. Nachdem er sie aufgenommen hatte, gesellte er sich zu den anderen Leibwächtern von Sanada Masanori.
›Sehr beeindruckend! Sie sind der Erste, der aus einem Kampf mit ihm siegreich hervorgegangen ist. Jetzt kann ich sogar meine Niederlage bei unserem Schwertkampf hinnehmen.‹
Katakura Shigenaga übersetzte fliesend, was der Metsuke sagte, doch ich konnte mich kaum auf das folgende Gespräch konzentrieren, weil mich mein Gegner zu sehr beschäftigte.
›Es ging mir nicht darum, diesen Kampf zu gewinnen. Es sollte nur ein Training sein, aber die Angriffe waren anders, als ich es gewohnt bin‹, antwortete ich leicht abwesend.
›Hmm, das liegt sicher an der Art der Übungen. Manche gehen eben härter miteinander um als andere.‹
Er versuchte mir einzureden, dass das Training bei ihnen auf diese Art durchgeführt würde, was ich kaum glauben konnte, denn dann wären Knochenbrüche und andere schwere Verletzungen an der Tagesordnung. Wahrscheinlich wollte er mich mit diesem Mann testen und demütigen.
›Nun, ich ziehe unsere Art des Trainings vor, weil ich dann weiß, dass mir mein Trainingspartner auch am nächsten Tag wieder zur Seite steht.‹
Er lachte kurz auf.
›Aber es gab doch sicherlich nicht nur einen oder zwei, mit denen sie in Shaolin trainierten?‹
Ahh, darauf lief es hinaus, auf Informationen über Shaolin. Ich musste wirklich auf der Hut sein und meine Worte genau wählen.
›Gewiss gab es mehr als einen, doch das Kämpfen mit- und gegeneinander stand nicht im Vordergrund. Anderes nahm mehr Übungszeit in Anspruch.‹
Grrr, was war bloß mit mir los!? Der zweite Satz hätte nicht sein müssen. Irgendwas lenkte mich ab. Was beschäftigte mich nur so sehr, dass ich mich kaum konzentrieren konnte?
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