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Rock Star

Rock Star

Copyright © 2020 von Jessa James

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln, elektronisch, digital oder mechanisch, reproduziert oder übertragen werden, einschließlich, aber nicht beschränkt auf Fotokopieren, Aufzeichnen, Scannen oder durch irgendeine Art von Datenspeicherungs- und Datenabfragesystem ohne ausdrückliche, schriftliche Genehmigung des Autors.

Veröffentlich von Jessa James

James, Jessa

Cover design copyright 2020 by Jessa James, Author

Images/Photo Credit: Deposit Photos: melis82; feedough; shime02; anterovium

Hinweis des Herausgebers:

Dieses Buch wurde für ein erwachsenes Publikum geschrieben. Das Buch kann explizite sexuelle Inhalte enthalten. Sexuelle Aktivitäten, die in diesem Buch enthalten sind, sind reine Fantasien, die für Erwachsene gedacht sind, und jegliche Aktivitäten oder Risiken, die von fiktiven Personen innerhalb der Geschichte übernommen werden, werden vom Autor oder Herausgeber weder befürwortet noch gefördert.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

ERWEITERTER EPILOG – Serena

ERWEITERTER EPILOG – Rhys

Bücher von Jessa James

Also by Jessa James (English)

Über die Autorin

1

Serena Woods starrte ihr Spiegelbild im Badezimmerspiegel an, erleichtert, dass ihre Augen nicht das Hämmern preisgaben, das dahinter vor sich ging. Sie hätte sich gerne ein wenig Wasser ins Gesicht gespritzt, aber ihre Mutter hätte sicherlich irgendeine medizinische Reaktion erlitten, hätte sie auch nur darüber nachgedacht, ihr sorgfältig aufgetragenes Makeup zu verschmieren. Vielleicht einen Herzinfarkt oder eventuell einen Schlaganfall.

Serena hätte beim Dinner vermutlich mehr als die häppchengroßen Appetizer essen sollen, aber da ihre Mutter direkt neben ihr gesessen hatte, war es einfach nicht möglich gewesen, beim Hauptgang richtig zuzuschlagen. Geschweige denn mit dem Genuss, den der arme Lachs verdient hätte.

Also stand sie nun hier in dem winzigen Designerkleid, das von ihrer Mutter ausgesucht und gekauft worden war. Sie litt unter üblen Kopfschmerzen, die zweifellos von der Besessenheit ihrer Mutter während der vergangenen Wochen herrührten, sicherzustellen, dass Serena heute Abend problemlos in ihr Kleid passte.

Serena seufzte und wusch ihre Hände zu Ende. Anschließend lief sie hinaus in den Ballsaal, wo die Wohltätigkeitsveranstaltung in vollem Gange war. Nicht, dass ihre verräterischen Gedanken jemals in Form von Worten Gestalt annehmen würden, aber sie hasste es wirklich, wie ein dressierter Affe vorgeführt zu werden. Ihre Mutter bestand stets darauf, wie eine perfekte kleine Familie aufzutreten. Die meisten Leute spendeten bei solchen Benefizveranstaltungen nur wegen der Außenwirkung Geld, nicht weil es ihnen ein Bedürfnis war oder ihnen der Zweck am Herzen lag.

Serena unterstützte die Zwecke aus voller Überzeugung, aber sie hasste diese Veranstaltungen. Das einzig Positive für sie war, dass sie die Gäste beim Ankommen beobachten konnte. Sie betrachtete deren hübsche Designerkleidung und überlegte schweigend, ob der jeweilige Designer damit wohl einverstanden wäre oder nicht.

Die Veranstaltung des heutigen Abends fand zur Unterstützung einer örtlichen Sozialeinrichtung statt, die ihre Eltern bereits seit mehreren Jahren unterstützten. Serena und ihre Schwester hatten während ihrer Highschoolzeit sogar freiwillig dort gearbeitet. Daher freute es Serena besonders, dass die Besucherzahlen dieses Jahr sogar den Rekord des Vorjahres übertroffen hatten. Anscheinend hatte irgendeine berühmte Band selbst ein Musikvideo für ihren neuesten Song gedreht, wodurch sie sich eine ordentliche Summe gespart hatten. Die Band hatte sämtliche daraus gewonnenen Beträge an die Stiftung gespendet.

Man plante, die Videopremiere später am Abend zu zeigen, und es ging das Gerücht um, dass sogar ein paar der Bandmitglieder einen Auftritt hinlegen würden. Serena wusste nicht, um wen es sich handelte, obwohl ihre Mutter den Namen auf dem Weg zur Gala erwähnt hatte, aber er war ihr nicht bekannt vorgekommen. Wie dem auch sei, sie war dankbar für das, was sie für die Stiftung getan hatten. Das angestiegene Interesse an der Veranstaltung war zweifelsohne der Band zu verdanken. Also würden sie, wer auch immer sie waren, viele nicht privilegierte und obdachlose Kinder sehr, sehr glücklich machen.

Serena schritt durch den Ballsaal, wobei ihre blauen Augen nach links und rechts huschten und nach ihren Eltern Ausschau hielten. Sie konnte es nicht erwarten, wieder zu gehen. Ihre Kopfschmerzen wurden schlimmer und sie wollte einfach nur noch nach Hause gehen, ein Aspirin einwerfen und vielleicht Bryan anrufen.

Bryan. Schmetterlinge begannen bei dem Gedanken an ihren Verlobten und dem, was der morgige Tag für sie bereit halten würde, in ihrem Magen zu flattern. Sie waren seit ungefähr achtzehn Monaten ein Paar gewesen, als er vor grob sechs Monaten die Frage gestellt hatte. Es war nicht ganz unerwartet gekommen, da er bereits dabei war, sich eine gute Position in der exklusiven Kanzlei, die ihn beschäftigte, zu erarbeiten. Eine nigelnagelneue Ehefrau war der nächste Schritt bei seinem Plan.

Sie hatte seinen Antrag begeistert angenommen trotz der Tatsache, dass er mit seinem zunehmenden Erfolg immer arroganter und eingebildeter geworden war. Sie nahm an, dass er einfach nur eine Phase durchmachte und wenn sie nächstes Jahr erst einmal verheiratet waren, würde er sich bestimmt wieder beruhigen. Er hatte in letzter Zeit so viel gearbeitet, dass er nicht in der Lage gewesen war, heute Abend die Gala mit ihr zu besuchen.

Sie fand, dass er sehr geduldig mit ihr war in Anbetracht der Tatsache, dass sie mittlerweile knapp zwei Jahre ein Paar waren und ihre Beziehung noch nicht vollzogen hatten. Morgen jedoch würden sie den ganzen Tag miteinander verbringen, da sie zum ersten Mal bei ihm übernachten würde. Sie hoffte, dass das nicht das Einzige sein würde, das sie zum ersten Mal tun würde…

„Serena“, erklang die Stimme ihrer Mutter direkt vor ihr. „Wo warst du denn? Ich möchte dir gerne Dr. und Mrs. Kent vorstellen. Sie sitzen im Vorstand der Stiftung.“ Diese Leute waren meiner Mutter eindeutig wichtig, denn ihre normalerweise verkniffenen Augen waren jetzt vor Aufregung weit aufgerissen. Serena drehte sich um, um sich einem freundlich wirkenden älteren Paar zuzuwenden. „Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte sie, während sie höflich ihre Hand ausstreckte. „Serena Woods.“ Sie erwiderten irgendwelche Höflichkeiten, während Serena ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Mutter richtete. „Mom, ich weiß, dass es noch früh ist, aber mein Kopf bringt mich um. Daher werde ich jetzt nach Hause gehen.“

Die Augen ihrer Mutter verzogen sich bei ihrer Ankündigung wieder zu schmalen Schlitzen, aber vor den Kents wollte sie offensichtlich keine Szene veranstalten, weshalb sie lediglich nickte und in die Luft neben ihrer Wange küsste, während sie murmelte: „Ich hoffe, dir geht’s bald wieder besser, Schatz. Wir sehen dich dann morgen Früh.“ Ihr Dad nickte zum Abschied bloß, da er in ein Gespräch mit dem guten Dr. Kent vertieft war.

Sie sah ihre Schwester nicht, weshalb sie beschloss, zu gehen, ohne sich vorher von ihr zu verabschieden. So wie sie ihre Schwester kannte, war sie vermutlich in irgendeiner Ecke und machte mit dem nächsten Mr. Right herum. Ihre Schwester würde es nicht riskieren, den Zorn ihrer Mutter auf sich zu lenken, indem sie dabei erwischt wurde, etwas so Unangemessenes an einem öffentlichen Ort zu machen. Deshalb bezweifelte Serena, dass ihre Schwester so einfach zu finden sein würde.

Sie war mit ihrer Familie hierhergefahren. Daher würde sie vor dem Hotel erst einmal ein Taxi anhalten müssen, um nach Hause zu gelangen, was tatsächlich ein aufregender Gedanke für sie war.

Sie war wegen dieser Aussicht so in Gedanken versunken, dass sie irgendwo falsch abbog und sich jetzt auf einem Balkon wiederfand auf der, wie sie annahm, völlig falschen Seite des Hotels. Verflixt. Sie sah sich nach einer Karte um, auf der ihre aktuelle Position verzeichnet war, aber es war weit und breit keine zu finden. Allerdings befand sich ein Mann auf dem Balkon, der ihr den Rücken zugekehrt hatte. Er drehte sich jedoch um, sowie sie auf den Balkon stolperte.

Heiliger Bimbam. Sie mochte zwar verlobt sein, aber sie war nicht blind und der Mann, der vor ihr stand, war bei weitem die bestaussehendste Person, die sie jemals erblickt hatte. Er hatte lange, lockige dunkle Haare, die ihm bis zu den auf die Schultern fielen, und obgleich sie in dem dämmrigen Licht seine Augenfarbe nicht ausmachen konnte, konnte sie spüren, wie seine Augen sich in ihre bohrten. Seine vollen Lippen hatten sich zu einem schmalen Strich verzogen. Er trug einen dunklen Anzug, der wie maßgeschneidert aussah, und von einer Hand schlängelten sich Tattoos nach oben unter den Ärmel seines Hemdes. Er schien sie zu mustern und mit magnetischer Kraft zu sich zu ziehen, die jedes Härchen an ihrem Körper strammstehen und ihren Magen warm werden ließ. Nun, das war merkwürdig. Und definitiv nichts von dem, was sie verspürte, sollte sie für einen Mann empfinden, der nicht ihr Verlobter war.

„Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie nicht stören. Ich muss nach der Spendengala falsch abgebogen sein.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab, ohne auf eine Erwiderung des Fremden zu warten, und machte sich schleunigst auf den Weg den Gang hinab, wobei ihr Gesicht vor Scham brannte.

2

„Wohin, Miss?“, fragte der Taxifahrer, nachdem sie sicher auf dem Rücksitz saß. Ihr erster Gedanke war nach Hause, doch dann wurde ihr bewusst, dass ihre Eltern wahrscheinlich noch einige Stunden auf der Gala bleiben würden angesichts dessen, wie früh es noch war. Aufregung durchfluchtete sie, während sie stattdessen Bryans Adresse stammelte.

Sein neues Apartment befand sich in einem modernen Gebäude nicht allzu weit entfernt und sie kannte den Türsteher sowie den Sicherheitscode, um hineinzugelangen. Also überlegte sie, dass sie ihn überraschen würde, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Vielleicht würde sie ihm sogar ein Abendessen kochen und ihm einen Vorgeschmack auf das geben, wie es sein würde, nachdem sie geheiratet hatten. Dann, dachte sie schüchtern und mit geröteten Wangen, würde sie ihm vielleicht einen Vorgeschmack auf etwas ganz anderes geben. Bryan hatte sie noch nie zuvor oral befriedigt, aber laut den Geschichten, die Mary – ihre beste Freundin – ihr immer wieder erzählte, war es ein wahres Erlebnis. Ihr Geschlecht zog sich bei dem Gedanken zusammen. Sie war noch immer leicht neben der Spur wegen ihrer Begegnung mit dem extrem heißen Mann, als sie die Spendengala verlassen hatte.

Ja, das ist eine gute Idee, überzeugte sie sich leise. Er wird die Überraschung bestimmt lieben. Vielleicht ist es zu aufdringlich, merkte die laute Stimme ihrer Selbstzweifel in ihrem Kopf an. Sie grübelte darüber nach. Nein, falls er müde ist, wenn er nach Hause kommt oder falls er wütend wird, wenn er mich dort vorfindet, dachte sie, werde ich mich einfach entschuldigen und gehen.

Nachdem sie sich nun entschieden hatte, gerade als der Taxifahrer vor dem Gebäude langsamer wurde, bezahlte sie die Fahrt und grüßte den Türsteher, als sie an ihm vorbei und in die prächtige, weiße Lobby spazierte. Mit den klaren modernen Linien und unpersönlichen verspiegelten Aluminiumverkleidungen war es nicht unbedingt die Sorte Gebäude, von dem sie sich vorgestellt hatte, dass sie dort eines Tages einziehen würde, aber es war natürlich auch in keiner Weise schrecklich.

Der Aufzug gab ein leises digitales Ping von sich, als er nach unten gefahren kam, um sie nach oben zu ihrem zukünftigen Apartment zu befördern. Ein weiterer Schwall Aufregung durchzuckte sie. Das war das Wildeste, das sie jemals getan hatte. Traurig, das wusste sie, aber es änderte leider nichts an der Wahrheit.

Ihre Eltern hatten sie immer beschützt und behütet. Also lebte Serena mit zweiundzwanzig nach wie vor zu Hause, arbeitete im Familienunternehmen und ihre Mutter kontrollierte noch immer so gut wie jeden Aspekt ihres Lebens. Da ist nicht viel Platz für wilde Abenteuer, dachte sie wehmütig.

Der Aufzug trug sie direkt hinauf zu seinem Stockwerk und setzte sie dort mit einem weiteren leisen Ping ab. Sie lief zu seinem Apartment und tippte den Sicherheitscode ein, den er ihr vor noch nicht einmal einer Woche gegeben hatte, damit sie eines nachmittags seine Kleidung aus der Wäscherei vorbeibringen hatte können.

Sein Apartment war nicht riesig, wenngleich es sich aufgrund der cleveren Architektur geräumig anfühlte. Es war ein Apartment mit einem Schlafzimmer sowie einem Esszimmer im offenen Stil, das nahtlos in ein Wohnzimmer und Küche überging und von dem ein Balkon abzweigte. Die Miete in diesem Teil der Stadt war hoch. Bryan hatte diese Wohnung dem gemütlichen Haus mit drei Schlafzimmern, das sie bevorzugt hatte, vorgezogen mit dem Argument, dass es näher an seinem Büro und in einer hervorragenden Straße lag, weshalb es eine bessere Investition war.

Das Erste, das sie bemerkte, als sie durch die Tür trat, war, dass das Apartment nicht so dunkel und ruhig war, wie sie angenommen hatte. Die Lichter im Wohnzimmer brannten, auch wenn sie auf die niedrigste Einstellung gedimmt worden waren, und leise Musik dudelte durch das eingebaute Soundsystem. Die leise Musik war allerdings nicht das einzige Geräusch, das sie vernahm.

Es war auch Stöhnen zu hören. Lautes, weibliches Stöhnen. Sie bog um die Ecke des kleinen Eingangsbereiches in das offene Wohnzimmer und dort, nackt auf dem Sofa ausgestreckt, das Serena ausgesucht hatte, lag eine dunkelhaarige Frau eindeutig in den Fängen eines Orgasmus. Auf ihr – und in sie hämmernd, als hinge sein Leben davon ab – war ihr geliebter Bryan, die Augen fest zusammengekniffen.

Was. Zum. Kuckuck. Ihr Magen sackte mehrere Etagen nach unten, ihr Mund wurde staubtrocken und ihr Kopf fühlte sich plötzlich ganz wattig an, als hätte sie zu viel Wein getrunken. Sie musste unbeabsichtigt einen Laut von sich gegeben haben, denn in diesem Moment riss Bryan die Augen weit auf und starrte direkt in ihre.

„Serena?“, keuchte er ihren Namen beinahe unsicher, als dächte er, seine Augen würden ihm einen Streich spielen. Doch sie war schon aus der Tür und zurück im Aufzug, bevor sie sich diesbezüglich sicher sein konnte.

3

Sie hatte keine Ahnung, wie sie hier gelandet war. Sämtliche Gedanken hatten sich verflüchtigt, nachdem sie auf den Knopf zum Erdgeschoss von Bryans Wohnhaus gedrückt hatte. Doch jetzt stellte sie fest, dass sie gegen die Tür von Joshs winzigem Apartment in einem bedeutend weniger beeindruckenden Gebäude hämmerte.

Ihr Kindheitsfreund riss die Tür auf und warf einen Blick auf ihr Gesicht, ehe er sie in seine warmen Arme zog.

„Mom oder Bryan?“, fragte er, während sie ihr Gesicht an seine Brust presste.

„Bryan“, würgte sie hervor, denn die Tränen flossen jetzt heftig und schnell, wodurch sein dunkelgrünes T-Shirt feucht wurde.

Sie wusste nicht, wie lange sie dort standen und sie jämmerlich in der nach wie vor geöffneten Tür an seiner Brust weinte, aber irgendwann zog er sie in sein Apartment und trat die Tür hinter sich zu, während er sie in die Küche führte.

„Was zum Teufel hat dir dieses Arschloch angetan? Wenn er dir wehgetan hat, Serena…“, fing er an, seine dunklen Augen blickten mörderisch drein und seine langen braunen Haare fielen ihm ins Gesicht. „Nein, nein, so etwas war es nicht. Zumindest nicht in körperlicher Hinsicht“, erklärte sie. Sie brach auf einem der Hocker zusammen, die vor seiner Küchentheke standen. „Ich wollte ihn nach der Spendengala überraschen. Er hatte mir erzählt, dass er lange arbeiten müsste und deswegen nicht mitkommen könnte. Also dachte ich, es wäre doch eine schöne Überraschung, wenn ich ihm ein spätes Abendessen kochen würde, wenn er nach Hause kommt. Nur“, sie wischte sich über die Augen und atmete ein paar Mal tief und beruhigend ein, bevor sie fortfuhr, „war er schon zu Hause. Und er war nicht allein.“

Sie war mit Josh befreundet, seit seine Familie in das Haus neben ihrem gezogen war, als sie sieben und er acht Jahre alt gewesen war. Sie musste nichts weiter sagen, bevor er wieder zu ihr marschierte und sie abermals an seine Brust zog. Er streichelte mit seiner Hand ihren Rücken hoch und runter, um sie zu trösten, während er sie weinen ließ. Er flüsterte, wie sie vermutete, tröstliche Worte in ihr Ohr, auch wenn sie sie über ihre lauten Schluchzer nicht so recht verstehen konnte.

Serena war beim Weinen kein schöner Anblick und war es noch nie in ihrem Leben gewesen. Deswegen hasste sie es auch vor Leuten zu weinen, aber Josh kannte sie mittlerweile so lange, dass es keine Rolle mehr zu spielen schien. Außerdem war es ja nicht so, als hätte sie aufhören können, hätte sie es versucht.

Sie verharrten eine Weile in dieser Position, in der Josh ihren Rücken streichelte, bis ihre Tränen versiegten. Er ließ sie erst los, als sie wieder ruhig war. Daraufhin wandte er sich ab, um den Wasserkocher anzuschalten, bevor er vor sich hin brummelte, „Nein, etwas Stärkeres“, und den Wasserkocher wieder ausschaltete. Er griff in den Kühlschrank und zog eine Flasche Wein heraus.

Die meisten Leute betrachten Wein vermutlich nicht als „etwas Stärkeres“, dachte sie bei sich. Aber sie war keine große Trinkerin, weshalb Wein mehr als stark genug für sie war. Hätte es sich um Katie, ihre Schwester, oder Mary, ihre beste Freundin, gehandelt, wäre eine Flasche Wodka angebrachter gewesen. Vielleicht sogar mehr als eine.

Josh öffnete die Flasche und füllte zwei riesige Gläser, ehe er den kleinen Rest, der in der Flasche zurückblieb, zurück in den Kühlschrank stellte. Er schwieg und wartete darauf, dass sie redete, denn er wusste, dass ihre Gedanken völlig durcheinander sein mussten und sie Zeit brauchen würde, um alles zu verarbeiten, bevor sie ihm den Rest der Geschichte erzählen konnte. Also saßen sie nur da und nippten an ihrem Wein in der Sorte angenehmer Stille, die nur aus jahrelanger Freundschaft geboren wurde, bis Serena zu reden begann.

„Ich bin so eine Idiotin. Natürlich wäre ich nie genug für ihn gewesen. Warum zum Kuckuck habe ich mir weiß gemacht, dass so ein Kerl für immer mit einem Mädchen wie mir glücklich sein würde? Du hättest diese andere Frau sehen sollen, Josh. Mit so jemandem könnte ich niemals mithalten.“

Er schwieg weiterhin und wartete darauf, dass sie weitersprach. Seine einzige Reaktion bestand in einem leichten Anheben seiner Augenbrauen, als hätte sie etwas Überraschendes gesagt. Allerdings konnte sie sich nicht vorstellen, was das gewesen sein könnte, weshalb sie einfach weiter Dampf abließ.

„Ich meine, wie lange habe ich gedacht, würde es dauern, bis ihm klar wird, wie stinklangweilig ich bin? Ich meine, ich kenne den Kerl seit drei Jahren. Ich bin tatsächlich überrascht, dass er so lange gebraucht hat. Ich meine, fuck. Wir sind seit zwei Jahren zusammen und wir haben es noch nicht mal getan. Nun, ich habe es noch nicht getan. Wie es scheint, hat er es schon getan.“

Bei diesen Worten öffnete sich Joshs Mund einen Spaltbreit und er sog leise Luft ein. Scheiße, dachte sie, jetzt bin ich auch noch hingegangen und habe dafür gesorgt, dass er sich unwohl fühlt. Sex war das Einzige, über das sie nicht sprachen. Wann immer dieses Thema aufkam, hielt er den Mund.

In all den Jahren ihrer Freundschaft hatte sie ihn einmal danach gefragt. Katie und Mary hatten sich an einem der seltenen Abende, an denen sie alle gemeinsam in einen Club gegangen waren, über ihre „Sexploits“, wie sie sie nannten, lustig gemacht und waren nach dem Gespräch auf die Tanzfläche verschwunden. Josh hatte bloß dagesessen und den Kopf geschüttelt. Serena hegte keinerlei Zweifel daran, dass er nicht im Zölibat lebte, denn sie hatte ihn im Verlauf der Jahre mit vielen Mädchen gesehen, wenn auch nie mit dem gleichen länger als ein paar Wochen. Dennoch hatte er vor ihr nie auch nur ein Wort über Sex verloren.

Seine Antwort an jenem Abend war schlicht gewesen. „Das ist nichts, das ich näher mit dir besprechen möchte“, hatte er gesagt und war dann zur Bar gegangen, womit er diese Fragen effektiv unterbunden hatte.

Schnell vorwärts zu weiß der Himmel wie vielen Jahren später und hier war sie und platzte einfach mit diesem Thema heraus. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie heute Abend wirklich exzellent darin, die Dinge zu vermasseln.

„Serena, Süße“, sagte Josh schließlich, „ich kenne dich länger, als ich mir eingestehen möchte, und glaub mir, wenn ich sage, dass an dir überhaupt nichts stinklangweilig ist. Wenn er seinen Schwanz nicht in der Hose lassen konnte, bis du bereit warst, dann zur Hölle mit ihm! Du kannst einen so viel besseren Kerl finden als diesen arroganten Lackaffen. Und nein, das sage ich nicht einfach nur so. Du solltest mit jemandem zusammen sein, der den Boden anbetet, auf dem du läufst. Nicht jemandem, der dir nur Fitzelchen seiner Zeit schenkt und dich bloß als Trophäenfrau für seine öden Arbeitsveranstaltungen will“, wütete er.

Er schien wirklich sauer zu sein. Nach dieser Erkenntnis ließ sie einen Teil ihrer eigenen Wut ziehen und erlaubte ihm, diese für sie zu kanalisieren. Er war wirklich ein toller Freund.

So saßen sie mehrere Stunden da, in denen sie sich unterhielten und an ihrem Wein nippten, wobei sie gelegentlich weinte. Irgendwann schrieb sie ihrer Mutter eine Nachricht, um ihr mitzuteilen, dass sie bei Josh war und dass sie sich am Morgen mit ihnen treffen würde. Im Anschluss fiel sie in Joshs Gästezimmer in den Schlaf, noch immer in dem winzigen Designerkleid, das ihre Mutter für die Spendengala auf ihr Bett gelegt hatte. Das schien Jahrzehnte her zu sein.

4

Sechs Tage. So lange hatte es gedauert, bis ihr hübsch geplantes Leben den Bach runtergegangen war. Oder vielleicht war „in Flammen aufgehen“ ein besserer Ausdruck. Nun, wie auch immer man es nennen wollte, genau das war jedenfalls geschehen.

Sie spulte die Ereignisse der vergangenen sechs Tage in ihrem schmerzenden Kopf nochmal ab. Das war ihr zweiter Weinkater innerhalb einer Woche. Für jemanden, der eigentlich nichts trank, schien das etwas zu ausufernd zu sein.

Nachdem sie bei Josh übernachtet hatte, war sie am Morgen nach Hause zurückgekehrt. Dort hatte sie ihre Eltern und Bryan vorgefunden, die durch das prächtige Wohnzimmer im gut ausgestatteten Haus ihrer Familie getigert waren. Anscheinend hatte er ihnen von ihrem Überraschungsbesuch in seinem Apartment am Vorabend erzählt sowie von ihrem darauffolgenden Verschwinden. Er hatte es selbstverständlich vermieden den Grund für ihren abrupten Abgang zu erwähnen und sie als eine Art hormonelle Irre dargestellt.

Serena hatte sie nur fassungslos angestarrt, als ihre Mutter und Bryan sich auf sie gestürzt, befragt und sich über ihr Verhalten aufgeregt hatten. Ihre Mutter hatte sie gescholten, weil sie so unhöflich gewesen war, unangekündigt bei Bryan vorbeizuschauen und dann zu fliehen. Bryan hatte irgendetwas darüber gebrüllt, wie sie es wagen konnte, die Nacht allein im Apartment eines anderen Mannes zu verbringen. Zudem hatte er eine schneidende Bemerkung dazu gemacht, dass sie tatsächlich die Unverfrorenheit besaß, am folgenden Morgen ohne jegliche Scham einfach in dem gleichen Outfit, das sie am Vorabend getragen hatte, „angetanzt zu kommen“.

Sie hatte die beiden nur blöde angestarrt und dann das Einzige getan, das ihr in diesem Moment in den Sinn gekommen war. Sie hatte Bryans Ring von ihrem Finger gezogen und ihn ihm an den Kopf geworfen. Ihre Treffsicherheit hatte jedoch zu wünschen übriggelassen. Der Ring war an Bryans Kopf vorbeigeflogen und durch die Luft gesegelt, nur um dann im Kaffee ihres Vaters zu landen. Dieser hatte schweigend in dem Ohrensessel hinter Bryan gesessen und die Szene mit unbeteiligtem Blick beobachtet.

Das hatte sie alle zum Schweigen gebracht. „Mutter“, hatte sie ausgespuckt, während sie sich zuerst an sie gewandt hatte. „Ich bin zum Apartment meines Verlobten gegangen. Dem, in dem wir gemeinsam wohnen wollten. Dem, bei dessen Auswahl und Möblierung ich geholfen habe, wenn ich dich erinnern dürfte. Ich bin hingegangen, weil ich mir Sorgen gemacht habe, da er in letzter Zeit so hart gearbeitet hat, und ich wollte ihm wie eine anständige, brave Ehefrau ein Essen kochen. Nur hat er nicht hart gearbeitet, wie es scheint, hat er hart gefickt.“ Sie hatte auf diese Aussage hin ein scharfes Einatmen gehört. Allerdings wusste sie nicht, von wem es gekommen war, da ihr Zorn ihren vom Wein in Mitleidenschaft gezogenen Kopf zum Drehen gebracht hatte. „Ich bin gegangen, weil er damit beschäftigt war, es mit irgendeiner anderen Frau zu treiben.“

„Serena“, hatte ihre Mutter geschimpft, „wie kannst du es wagen, solche Wörter in den Mund zu nehmen?“ Sie hatte sie ignoriert und sich stattdessen an Bryan gewandt.

„Und du, du dreckiges…“ Einige Kraftausdrücke waren ihr in den Sinn gekommen, doch um des Herzens ihrer Mutter willen, entschied sie sich stattdessen für: „Schwein! Ich habe unsere Hochzeit geplant und du hast das getan?“ Sie hatte endlich alles rausgelassen.

Das Zornesgeschrei hatte seinen Höhepunkt darin erreicht, dass ihre Mutter ohnmächtig geworden war – ja, sie war so dramatisch – und ihr Vater Bryan mit der Warnung, nie wieder vor seiner Tür aufzutauchen, aus eben dieser befördert hatte. Sie war die Treppe nach oben und in ihr Schlafzimmer gerannt.

Die darauffolgenden Tage hatte sie sich größtenteils in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen. Ihr Vater und Katie hatten ab und zu nach ihr gesehen. Seit dem großen Streit hatte sie nicht mehr mit ihrer Mutter gesprochen, aber sie hatte Gesprächsfetzen aufgeschnappt, wann immer sie sich aus ihrem Zimmer in die Küche geschlichen hatte, um sich mit frischem Tee oder Eiscreme zu versorgen. Ihre Mutter war fuchsteufelswild, dass sie ihre Verlobung mit „einem so geeigneten Mann“ gelöst hatte, und hatte darüber lamentiert, dass sie sich „wie eine Lady benehmen und ihm seinen einzigen Ausrutscher hätte vergeben können“, der nur in einem, wie sie es bezeichnete, „Moment der Schwäche“ geschehen war.

Wow, Mom, so viel zu weiblicher Emanzipation. Ich weiß nicht, warum sie uns überhaupt wählen lassen, hatte sie sarkastisch gedacht, als sie die Zornesrede ihrer Mutter gehört hatte. Doch auch diese verräterischen Gedanken würden niemals in Worten Gestalt annehmen. Serena hatte sich selbst verflucht, weil sie ihren Mund nicht aufgemacht hatte.

Drei Tage nach dem Streit hatte ihre Mutter ihre Zimmertür und ihre zugezogenen Vorhänge so gewaltsam aufgerissen, dass sie gedacht hatte, sie würden reißen – allerdings wäre das kaum ein Verlust gewesen, da ihre Mutter während ihres letzten Umgestaltungs-Anfalls beschlossen hatte, dass Prinzessinnenpink eine angemessene Farbe für eine Einundzwanzigjährige wäre. Sie hatte Serenas aufgequollene Augen ignoriert und sich elegant, aber dramatisch auf die Bettkante gesetzt.

„Nun Serena, du scheinst einen Plan für deine Zukunft zu haben, von dem ich nichts weiß, da du den Plan, von dem ich wusste, mit beiden Händen aus dem Fenster geworfen hast. Würde es dir daher etwas ausmachen, mir mitzuteilen, was du jetzt mit dir anzufangen gedenkst?“

Sie hatte in die schmalen grauen Augen ihrer Mutter geblickt und eine Welle der Scham war über sie geschwappt. Ihre Mutter hatte hart daran gearbeitet, jemanden zu finden, den sie für einen geeigneten Partner hielt, und sie hatte die Beziehung so sehr unterstützt – an manchen Abenden war sie lange wachgeblieben, um mit Serena über die Probleme zu reden, die sie mit Bryan gehabt hatte, und sie hatte sich in den letzten sechs Monaten in die Hochzeitsvorbereitungen gestürzt.

„Es tut mir so leid, Mom“, hatte sie geflüstert, während Tränen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie noch in ihr steckten, überzulaufen gedroht hatten. „Ich war nur so verletzt und schockiert, dass ich nicht einmal an die Konsequenzen meines Handelns gedacht habe, bis jetzt.“ Ein vertrautes Gefühl überwältigender Scham und Schuld hatte sich auf Serena gesenkt.

Ihre Mutter hatte recht gehabt, es hatte einen Plan gegeben. Einen, den ihre Mutter sorgfältig geschmiedet und an dem sie Serenas gesamtes Leben lang gearbeitet hatte. Und mit einem Wutanfall hatte Serena das alles fortgeworfen. Kein Wunder, dass ihre Mutter so wütend auf sie war. Immerhin gingen Männer nun einmal fremd, oder? Sie fragte sich plötzlich, ob ihre Mutter ihrem Vater derartige Fehltritte vergeben hatte, doch sie schob diesen Gedanken rasch beiseite. Nein, ihr Vater würde so etwas niemals tun.

Nichtsdestotrotz hatte sie von ihren Freunden unzählige Geschichten über die Eskapaden ihrer Väter gehört und dennoch waren die meisten nach wie vor verheiratet. Vielleicht gehörte das einfach dazu, aber woher sollte sie das wissen? Bryan war ihr erster ernsthafter Freund gewesen und ihre Mutter hatte nie über solche Dinge geredet.

Sie hatte sich an den Moment erinnert, in dem sie die Szene erblickt hatte, die sich auf Bryans Couch abgespielt hatte, und wie sie sich dabei gefühlt hatte, und sie war sich sicher, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Zum Teufel mit dem Plan, was er ihr angetan hatte, war unverzeihlich.

„Es tut mir leid, Mom. Ich wusste einfach, dass ich nach dem, was ich gesehen hatte, nie wieder mit Bryan zusammen sein könnte. Ich weiß, wie hart du gearbeitet hast, aber ich werde es wiedergutmachen. Ich werde mich an einem College einschreiben. Ich werde mich wirklich anstrengen und ich werde dich wieder stolz machen“, hatte sie leise geschworen.

Es war alles so schnell aus ihr herausgepurzelt und sie hatte sich so verzweifelt gewünscht, etwas zu sagen, das die Situation verbessern würde, dass sie zum zweiten Mal in drei Tagen aus Versehen in einen lebensverändernden Streit geschlittert war.

„College?“, hatte ihre Mutter kühl wiederholt. „Und wofür genau würdest du dich anmelden, Schatz? Du bist seit vier Jahren aus der Highschool, du hast dich bei keinen Colleges beworben und du hast keine andere Arbeitserfahrung als das Aushelfen in der Firma deines Vaters.“

Und abermals hatte ihre Mutter recht gehabt. Ihr Lebensplan hatte nie ein College enthalten. Katie, ihre Schwester, der es irgendwie gelungen war, bis zu einem gewissen Grad den starren Grenzen des Masterplans ihrer Mutter zu entkommen, hatte darauf bestanden, einen Collegeabschluss zu machen, bevor sie sesshaft wurde. Sie hatte sich auf die Hinterfüße gestellt, bis ihr Vater schließlich ihre Mutter überredet hatte, sie gewähren zu lassen.

Katie war ein Jahr jünger als Serena und fast fertig mit ihrem Studium. An irgendeinem Punkt hatte sie es zudem geschafft, in ein Apartment außerhalb des Campus zu ziehen, obgleich es natürlich Regeln gab. Ihre Schwester musste mindestens einmal alle paar Tage nach Hause kommen, an allen Familienfeiern teilnehmen und ihre Mutter kaufte ihr nach wie vor Kleider und Lebensmittel. Trotzdem war das bedeutend mehr Freiheit, als Serena hatte.

Serena hingegen hatte direkt nach der Highschool angefangen, für die Firma ihres Vaters zu arbeiten. Sie hatte als Assistentin eines rangniedrigen Marketing Managers bei Woods Co. begonnen, dem Familienimperium, das ihr Großvater vor über sechzig Jahren gegründet hatte. Der Plan hatte vorgesehen, dass sie dort arbeiten würde, bis sie verheiratet war und Kinder großzog.

Also war sie versorgt gewesen, hatte einen vernünftigen Lohn verdient, war sehr gut in ihrem Job geworden und hatte sich eine Routine erarbeitet unter den konstant wachsamen Augen ihrer Mutter.

Ihr Job in der Marketingabteilung war nicht schlecht, da er bedeutete, dass sie an kleinen Werbekampagnen für die Firma arbeiten durfte und gelegentlich die führenden Designer kennenlernte. Sie war nicht viel mehr als eine glorifizierte Sekretärin, aber es war nicht allzu schlimm.

„Ich weiß, Mom“, hatte sie erwidert, „aber ich habe ein wenig darüber nachgedacht und ich würde wirklich gerne Design studieren.“

Sie hatte an all die Skizzen gedacht, die sie im Verlauf der vergangenen Jahre gezeichnet und sicher unter ihrem Bett sowie in ihrem Schreibtisch im Büro verstaut hatte. Sie hatte gerade in Erwägung gezogen, sie ihrer Mutter zu zeigen, als sie bemerkt hatte, dass ihre Mutter sie auslachte. „Designstudium?“, hatte sie geprustet. „Das ist kein Plan, Schatz!“

Und so war es zu einem Streit ausgeartet. Sie hatte die nächsten zwei Tage vergeblich versucht, ihre Eltern zu überzeugen. Ihr Vater war jedoch unglaublich wütend geworden, als sie erklärt hatte, dass sie die Firma verlassen und stattdessen studieren wollte – nicht, dass er jemals irgendein Interesse daran gezeigt hätte, sie mehr in die Firma zu involvieren.

In der Tat hatte er sich immer darüber beschwert, dass er keine Söhne hatte, die das Geschäft später übernehmen konnten, wenn er bereit für die Rente war. Dabei hatte er versäumt, zu erkennen, dass seine Töchter den Job genauso gut tun könnten. Er schien zufrieden damit, ihrer Mutter zu erlauben, ihnen geeignete Ehemänner zu suchen, damit er vielleicht eines Tages einen Schwiegersohn hätte, den er dazu heranziehen könnte, sein Imperium zu übernehmen.

Ihre Mom hatte sie zuerst ausgelacht, doch je mehr ihr klar geworden war, dass Serena es ernst meinte, desto uneinsichtiger war sie geworden. An irgendeinem Punkt während eines besonders hitzigen Wortgefechts hatte Serena die Skizzen unter ihrem Bett hervorgezogen und ihren Eltern ins Gesicht geschleudert. Ihr Fehler.

Ihre Mutter war weiß wie die Wand geworden, als wäre allein die Tatsache, dass sie diese Skizzen angefertigt hatte, ein Verrat und Beweis dafür, dass sie von Anfang an geplant hatte, den sorgfältig ersonnenen Plan, den ihre Mutter für ihr Leben gehabt hatte, zu zerstören. Ihr Vater hatte sie nur angestarrt, bevor er sie beschuldigt hatte, der Firma Zeit gestohlen zu haben, falls sie die Skizzen während ihrer Arbeitszeit angefertigt habe, und dann war er schnaubend davongestürmt.

In diesem Moment war es ihr bewusst geworden. Anstatt sie zu unterstützen, nachdem sie erfahren hatten, was Bryan getan hatte, anstatt ihr zu helfen, herauszufinden, wie es nun weitergehen sollte, hatten sie sie ausgelacht, sie verhöhnt, ihr die Schuld an Bryans Fehltritt gegeben, sie angeschrien und sie letzten Endes auch noch beschuldigt, ihnen Geld gestohlen zu haben.

Wenn sie jemals ihrer Leidenschaft folgen und ihr Leben führen wollte, musste sie hier weg. Weg von ihren Eltern und deren kontrollierender Art und übermäßigem Beschützerinstinkt.

Es hatte sie sämtliche Kraft gekostet und sie hatte tief graben müssen, um das eine Fitzelchen Durchsetzungskraft, über das sie verfügte, zu finden, aber sie hatte es irgendwie getan. Sie war gegangen.

Noch in dem Moment war sie die Treppe hinauf geeilt, hatte einige Kleider und Hygieneartikel in eine Reisetasche geworfen und ihren verblüfften Eltern auf dem Weg nach draußen zu ihrem Auto verkündet, dass sie ginge und dass sie einen Weg finden würde, allein ihre Träume zu verwirklichen.

Erst nachdem sie mit quietschenden Reifen aus der Einfahrt gerast und eine Weile herumgefahren war, hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie realisiert hatte, was sie gerade getan hatte. Sie hatte nicht zurück nach Hause gehen können und stark bezweifelt, dass sie ihren Job in der Firma wieder aufnehmen würde können. Ihre Schwester lebte mit drei Mitbewohnern in ihrem Apartment, weshalb es unmöglich war, dort zu übernachten, und Mary war für ein paar Tage nicht in der Stadt. Zu spät hatte sie realisiert, dass sie das Ganze gründlicher durchdenken hätte sollen, aber nun hatte es kein Zurück mehr gegeben.

Sie hatte keinen Platz zum Wohnen, keinen Job, nur wenig Geld gespart und keine Ahnung, wie sie sich aus dieser misslichen Lage befreien sollte.

Sie hatte den Wagen gewendet und war in Richtung von Joshs Apartment gefahren. Vielleicht würde er noch einmal Mitleid mit ihr haben und sie in seinem Gästezimmer schlafen lassen, bis Mary nach Hause kam. Sie hatte gehofft, dass er allermindestens da wäre, damit sie Dampf ablassen konnte.

Wie sich herausgestellt hatte, war er zu Hause gewesen. Ein Blick auf ihr tränenüberströmtes Gesicht, ihre hängenden Schultern und Reisetasche, und er hatte sie ohne eine Frage in sein Apartment gezogen.

Es hatte sich auch herausgestellt, dass Josh nicht allein gewesen war, aber er hatte sie direkt in die Küche gezerrt, ihr ein großes Glas gekühlten Weißwein eingeschenkt und angewiesen, sich eine Sekunde nicht vom Fleck zu rühren.

Aus seinem Wohnzimmer hatte sie eine schrille – eindeutig nicht gerade erfreute – weibliche Stimme gehört. „Im Ernst, Josh, jemand klopft an deine Tür und jetzt wirfst du mich einfach raus? Mitten in dem hier?“, hatte die mysteriöse Frau mehr oder weniger gebrüllt.

Josh hatte mit so leiser Stimme geantwortet, dass sie die Worte, die er zu der Frau gesprochen hatte, nicht hatte hören können. Doch die Antwort der Frau hatte sie laut und deutlich vernehmen können. „Mir ist scheißegal, was passiert ist. So behandelt man Frauen nicht, Josh. Man wirft sie nicht einfach raus, Sekunden nachdem man… Arschloch!“

Da hatte die Frau wirklich gebrüllt. Hätte sie einen noch schlechteren Zeitpunkt wählen können?

Erneut war Joshs Erwiderung zu leise gewesen, als dass sie etwas hätte verstehen können, doch die Antwort der Frau machte es nicht schwer, zu erraten, was er gesagt hatte.

„Kontaktier mich nie wieder, Josh. Vergiss meine Nummer. Fick dich!“ und dann war die Tür krachend ins Schloss gefallen.

Als Josh in die Küche zurückgekehrt war, hatte sie zum ersten Mal seine zerzausten Haare bemerkt und dass der oberste Knopf seiner Jeans verräterischer Weise geöffnet war, aber sie hatte kein Wort darüber verloren. Sie war errötet.

„Was ist passiert, Ser?“

Zuerst hatte sie diesen Spitznamen gehasst. Als sie sich als Kinder kennengelernt hatten, hatte er beschlossen, dass die zweite Hälfte ihres Namens irgendwie überflüssig wäre und es sich angewöhnt, sie stattdessen „Ser“ zu nennen. Über die Jahre war er ihr ans Herz gewachsen und sobald sie den Namen gehört hatte, war die ganze Geschichte der vergangenen Tage aus ihrem Mund geströmt.

Er hatte ihr sofort sein Gästezimmer angeboten und ihr gesagt, sie solle es sich gemütlich machen und sich einfach entspannen und dass er ihr helfen würde, eine Lösung zu finden.

Und so war es gekommen, dass sie innerhalb von einer Woche zum zweiten Mal mit einem Weinkater aufgewacht war und keinem blassen Schimmer, was sie als Nächstes tun sollte.

5

Eine Woche später hatte sich nicht viel verändert. Josh war so lieb gewesen, ihr anzubieten, fürs Erste bei ihm einzuziehen. Er hatte ihr versichert, dass sie so viel oder wenig an Miete zahlen konnte, wie sie momentan erübrigen konnte. Sie hatte sein Angebot dankend angenommen, denn es gab keinen anderen Ort, an den sie hätte gehen können.

Ohne die Unterstützung ihrer Eltern kam ein Designstudium nicht in Frage, bis sie genügend Geld für die Anmeldung gespart und sich vielleicht ein Darlehn besorgt hatte.

Katie hatte während ihrer Besuche heimliche Dinge aus dem Haus mitgehen lassen, sodass ihr kleines Zimmer bei Josh mittlerweile ziemlich vollgestopft war. Sie hatte ihre Schwester gebeten, vorerst keine weiteren Sachen mehr mitzubringen.

Sie hatte beschlossen, dass sie definitiv eine Karriere im Fashionbereich anstreben würde. Ihr Stolz ließ es einfach nicht zu, dass sie den Schwanz einzog nach allem, was geschehen war. Doch der einzig mögliche Weg, dies zu erreichen, bestand momentan darin, sich einen Job im Verkauf zu suchen. Also hatte sie die vergangene Woche damit verbracht, sich für jede offene Stelle zu bewerben, die sie hatte finden können, und im Apartment Trübsal zu blasen.

Sie hatte nicht viel, aber sie hatte ein wenig Geld gespart, denn sie hatte kaum persönliche Ausgaben gehabt, während sie zu Hause gelebt hatte. Also hatte sie darauf bestanden, Josh etwas Geld für die Miete zu geben und frische Lebensmittel zu kaufen. Sie war so gewissenhaft gewesen, die zwei Weinflaschen zu ersetzen, die sie während ihrer zwei Mini-Zusammenbrüche geleert hatte.

Sie glaubte, dass sie eine Weile klarkommen würde, solange sie aufhörte, zu shoppen, so unwahrscheinlich das auch klang, und ihr Geld weise ausgab. Doch für ein Designstudium hatte sie nicht genügend Ersparnisse und das Ziel wäre unmöglich zu erreichen, wenn sie keinen Job fand.

Mary war gestern von ihrer Reise nach Hause gekommen und stinksauer, dass Serena sie nicht sofort angerufen hatte. Sie hatte es sich zu ihrer Lebensmission gemacht, Serena aufzumuntern. Zumindest in dieser Woche.

Gestern Abend war sie vorbeigekommen und sie hatten Chick Flicks angeschaut, gefolgt von schlechten Actionfilmen, während sie Popcorn, Eiscreme und viel zu viele Snacks gegessen hatten, bis sie auf dem Sofa eingeschlafen waren.

Mary hatte sie vor kurzem angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie sich anziehen sollte. „Wir gehen tanzen!“, hatte sie aus irgendeinem Grund triumphierend gerufen und sich schlichtweg geweigert, ein Nein als Antwort zu akzeptieren.

„Du bist jetzt lang genug in diesem Apartment gehockt und hast darauf gewartet, dass dir das Leben passiert. Heute Abend werden wir dafür sorgen, dass es passiert. Heute Abend wird dein Leben daraus bestehen, zu viele Cocktails zu trinken, zu rockiger Musik mit deinem Knackarsch zu wackeln und hoffentlich ein paar schlechte Entscheidungen zu treffen, die wir morgen Früh bereuen können!“ Marys Enthusiasmus hatte sie nicht widerstehen können, weshalb sie zugestimmt hatte.

Sie war kein großer Freund von Clubs und sie besuchte sie definitiv nicht oft, aber Mary hatte recht. Sie brauchte das, musste dieses Tief hinter sich lassen.

Außerdem waren ihr nach ihrer Selbstmitleidsorgie mit Mary gestern Abend die Snacks ausgegangen und sie hatte so viel Zucker konsumiert, dass es mehrere Leben reichen würde. Eine Wiederholung des Ganzen klang daher nicht gerade verlockend. Zudem wusste sie, dass Mary einfach herkommen und sie buchstäblich aus dem Apartment schleifen würde, wenn sie nicht in dem Club auftauchen und sich mit Mary und ihren Freundinnen treffen würde. Also schnappte sie sich, nach einem letzten Blick in den Spiegel, ihre Handtasche und winkte ein Taxi herbei, das sie zum Club fahren sollte.

Sie entdeckte Mary und zwei ihrer Freundinnen, die in der Schlange darauf warteten, eingelassen zu werden. Sie war Marys Collegefreundinnen schon ein oder zwei Mal zuvor begegnet und sie hatten ganz nett gewirkt. Der Lärm, der aus dem Inneren des Clubs dröhnte, war jedoch ohrenbetäubend. Sie fragte sich, ob sie dort drinnen Ohrstöpsel verkauften…

„Ich liebe diesen Song! Liebst du diesen Song nicht auch?“, rief Mary und begann, direkt dort auf dem Gehweg einen kleinen Tanz aufzuführen.

„Ähm, wer singt den nochmal?“ Sie wählte die sichere Option; sie war sich ziemlich sicher, dass sie den Song noch nie zuvor gehört hatte, und nach dem zu urteilen, was sie gerade hören konnte, liebte sie ihn nicht.

Alle drei Mädchen starrten sie an, als wären ihr plötzlich Hörner gewachsen. Sie überlegte, ob sie sich heimlich über ihre Stirn reiben sollte, um das zu überprüfen, bevor sie fast wie aus einem Mund „Misery, Mann!“ brüllten.

„Klar, natürlich.“ Sie hatte immer noch keine Ahnung, von wem sie redeten. Sie dachte, dass sie den Namen vielleicht schon mal im Radio gehört hatte, aber diese Art von Musik war definitiv nichts, das sie im Haus ihrer Eltern angehört hatte.

Klassische Musik, ja. Zu seltenen Gelegenheiten, Pop. Aber Rock? Falls es das überhaupt war, absolut nicht.

Sie plauderten ein bisschen miteinander, bis die Blonde – Ashley, glaubte sie – „da ist er“ kreischte und sie ans vordere Ende der Schlange zerrte. Ein neuer Türsteher hatte an der Tür Stellung bezogen und schien Ashley zu kennen, denn er zog das Seil für sie aus dem Weg, als sie näher kamen, und scheuchte sie hindurch.

„Ihr Bruder ist hier Barkeeper!“, brüllte Mary über ihre Schulter Serena zu, als sie in den dunklen Club traten. Ihre Stimme wurde beinahe vollständig von der ohrenbetäubenden Musik verschluckt.

„Sie muss ihn gebeten haben, den Türsteher zu bitten, uns reinzulassen!“, schrie sie, während sie die Hände über den Kopf in die Luft streckte und anfing, zur Bar zu tänzeln.

Sie waren erst wenige Minuten hier, aber Serena hoffte wirklich, dass sie irgendwo im Club Ohrstöpsel würde kaufen können. Andererseits war sie sich ziemlich sicher, dass sie schon bald taub sein würde, und dann würde es ohnehin keine Rolle mehr spielen.

Ashley war bereits an der Bar und besorgte jeder von ihnen ein Bier, bevor sie sie auf die überfüllte Tanzfläche schleifte. Zuerst fühlte sich Serena etwas gehemmt, doch sie verlor sich schon bald in der Musik und elektrischen Atmosphäre und begann tatsächlich, Spaß zu haben. Sie schloss die Augen und erlaubte ihrem Körper, sich so zu bewegen, wie er wollte, wobei ihre langen dunklen Haare über ihren Rücken schwangen.

Die Zeit verlangsamte sich für sie, wurde in Bieren gemessen. Sie trank langsamer als die anderen Mädchen, dennoch fühlte es sich an, als wären nur Sekunden vergangen, als sie die Augen aufriss, weil Ashley ihr das dritte Bier aus der Hand nahm, einen wilden Blick in den Augen.

„Leute!“ Sie konnte Ashley kaum über die Musik hören, aber es gelang ihr mehr oder weniger, zu verstehen, was sie sagte, während sie ein Stück Papier mit einer Adresse in ihrer Hand von sich streckte. „Wir wurden zu einer verdammten Mystery Party eingeladen!“ Die anderen Mädchen sahen aus, als würden sie gleich in Ohnmacht fallen.

Serena hatte keinen blassen Schimmer, was eine „Mystery Party“ war, aber sie folgte ihnen trotzdem aus dem Club. Auf keinen Fall würde sie ganz allein dort drin zurückbleiben.

Ihre Ohren klingelten, als sie aus dem Club und auf den Gehweg traten, und sie war sich ziemlich sicher, dass sie einen leichten Hörschaden davongetragen hatte. Sie vermutete, dass sie sich wahrscheinlich damit abfinden sollte, dass sie nie zu klingeln aufhören würden, so wie es sich anfühlte.

„Was ist eine Mystery Party?“, fragte sie Mary mit, wie sie hoffte, leiser Stimme.

Mary kannte ihre Eltern und wusste, wie sehr sie stets auf sie aufgepasst hatten, weshalb sie hoffte, dass Mary sie nicht für ihr Unwissen verurteilen würde. Sie machte sich Sorgen, was die anderen Mädchen denken könnten, da sie sie nicht so gut kannten. Doch die waren so sehr beschäftigt damit, zu feiern, dass sie bezweifelte, dass sie ihre Frage gehört hatten, auch wenn ihre Stimme nicht so leise gewesen war, wie sie es beabsichtigt hatte.

„Keine Mystery Party, eine Misery Party! Wie die Band, Misery? Die, von der wir vorhin geredet haben? Die, zu deren Songs wir drinnen getanzt haben? Im Moment die größte Rockband auf dem Planten? Klingelt da irgendwas?“

Das tat es nicht, aber das würde sie Mary nicht verraten.

Sie glaubte, Mary würde verstehen, dass sie nicht wusste, was eine Mystery Party war, aber sie bezweifelte, dass Mary Verständnis dafür hätte, Misery nicht zu kennen oder den Grund, warum sie zu deren Party gingen. „Oh, wow! Klasse!“, rief sie in der Hoffnung, dass das die angemessene Reaktion war. Sie stieg in das Taxi, das Ashley hergewinkt hatte.

Jetzt, da sie zu der riesigen Villa hinaufstarrte, die sich vor ihnen erstreckte, war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie wirklich hier sein wollte. Mary und die anderen Mädchen rannten jedoch förmlich auf das Haus zu und sie würde unter keinen Umständen allein hier draußen bleiben, weshalb sie ihnen widerwillig nach drinnen folgte.

6

Super. Sie war allein. Genau das, was sie gewollt hatte.

Ashley und das andere Mädchen – an dessen Namen sich Serena nicht mehr erinnern konnte – waren, sowie sie angekommen waren, auf den gigantischen Infinitypool zu gerannt und vollständig bekleidet hineingesprungen.

Mary war zuerst noch mit ihr herumgeschlendert, dann aber von einem wirklich süßen Typen zum Tanzen aufgefordert worden. Wenigstens hatte sie den Anstand besessen, Serena einen entschuldigenden Blick zuzuwerfen, ehe sie ihm auf die Tanzfläche gefolgt war.

Der weitläufige Garten hinter den riesigen Mauern und dem Tor, durch das sie hierhergefahren waren, wurde von einer Einfahrt geteilt, der breit genug für die Landung eines Jumbojets zu sein schien. Vielleicht war das ja etwas, das Rockstars taten. Vielleicht nahmen sie einen Jumbojet überallhin…

Die Einfahrt führte direkt zu einem beeindruckenden Paar Flügeltüren, welche weit geöffnet waren, da Leute frei rein und raus gingen. Nachdem sie die Villa betreten hatte, hatte Serena einen ersten Blick auf die Opulenz des Hauses werfen können. Die Villa verfügte über eine schwebende Treppe, von der sie dachte, dass sie doch unmöglich zu noch mehr Räumen führen konnte. Allerdings musste das der Fall sein, denn von außen hatte sie drei Stockwerke gezählt.

Direkt hinter dem Wohnzimmer befand sich eine Terrasse, die so groß war wie das Haus ihrer Eltern. Nun, vielleicht war das etwas übertrieben, aber nicht viel. Ganz am Ende lag ein Pool, der momentan mindestens dreißig Leute beherbergte.

Die Partygänger waren alles hübsche Menschen, die ihr das Gefühl gaben, völlig fehl am Platz zu sein.

Laute Musik dröhnte aus versteckten Lautsprechern und jede Sorte Alkohol, die ihr auf die Schnelle einfiel, wurde herumgereicht.

Nachdem sie Mary an die Tanzfläche verloren hatte, war sie durch das Haus gelaufen und hatte die spektakulären Kleider bewundert, die von all den hübschen Menschen getragen wurden. Ihr Mund wurde leicht trocken, als sie all die luxuriösen Designerfetzen um sie herum betrachtete, so weit das Auge reichte.

Männer und Frauen waren, ihrer Meinung nach, alle gleichermaßen beeindruckend gekleidet.

Sie hatte vorhin sogar ein Mädchen entdeckt, das ein Kleid getragen hatte, dass ihrem Wissen nach, erst nächsten Monat in den exklusivsten Designerboutiquen zu erhalten sein würde. Wah!

Aufgrund ihres Staunens über die vielfältige Designerkleidung der Partymenschen lief sie gegen eine Wand. Sie hoffte wirklich, dass das niemand bemerkt hatte. Zum Glück befand sie sich außerhalb des Hauptbereiches der Party und hatte sich an die weniger dicht bevölkerten Areale gehalten.

Diese Wand roch jedoch wirklich gut. Und sie schien sich bei dem Aufprall leicht… bewegt zu haben?

Keine Wand, wurde ihr bewusst, ein Mann. Ein Mann mit den grünsten Augen, die sie jemals gesehen hatte, glänzenden, dunklen, gewellten Haaren, die über seine Schulter flossen, und ein Gesicht, das einfach… ah, sie mit einer Mischung aus Sorge und milder Verärgerung anstarrte.

Sie konnte spüren, wie sich Hitze von ihren Wangen ausbreitet und ihr gesamtes Gesicht aufleuchten ließ, als sie wie eine Vollidiotin errötete und zur Salzsäule erstarrte.

„Es tut mir so leid, ich habe nicht aufgepasst. Beim Laufen zumindest. Es tut mir so leid. Geht es dir gut?“

Die Verärgerung auf seinem Gesicht wich etwas anderem oder zumindest glaubte sie das. Sie kannte diesen Mann überhaupt nicht, also wieso maß sie sich an, seine Gesichtsausdrücke analysieren zu können?

„Yeah, mir geht’s gut. Und dir?“, fragte er in der schönsten, tiefsten melodischen Stimme, die sie jemals gehört hatte. Jetzt, da sie Gelegenheit gehabt hatte, ihn eine Sekunde zu betrachten, erkannte sie, dass er ihr vage bekannt vorkam. Waren sie sich schon mal begegnet?

„Ja, mir geht’s gut. Es tut mir so leid. Ich kenne hier nur einfach niemanden. Meine Freundinnen sind im Pool und in der Menge verschwunden und dann habe ich bewundert, was alle anhaben und versucht, einen Ort zu finden…“ Da stoppte sie, denn sie registrierte, dass sie plapperte und dass er bestimmt kein Interesse daran hätte, was sie gerade machte.

„Du kennst hier niemanden, hm?“ Jetzt wirkte er tatsächlich leicht belustigt. Und wieder tat sie es und analysierte den Gesichtsausdruck eines Fremden. Er schien die Silbe „nie“ des Wortes niemanden besonders betont zu haben, und es dämmerte ihr, dass sie gerade, noch dazu im gleichen Atemzug, erwähnt hatte, dass sie ihre Freundinnen verloren hatte. Also kannte sie theoretisch jemanden. Drei Jemande, um genau zu sein.

„Äh, es tut mir leid. Ich meinte, ich kenne niemand anderen als meine drei verlorenen Freundinnen.“

„Ist das so?“

„Jepp. Und ich habe es geschafft alle drei nur ungefähr dreißig Sekunden, nachdem wir hier angekommen sind, zu verlieren. Ich bin übrigens Serena. Entschuldigung nochmal. Ab jetzt werde ich aufpassen, wohin ich gehe. Vielleicht werde ich einfach in der Ecke ein Nickerchen machen, bis meine Freundinnen mich finden, damit ich niemandem weiteren Schaden zufüge“, plapperte sie wieder los.

„Rhys. Freut mich, dich kennenzulernen. Serena, stimmt’s?“ Er schien auf etwas zu warten. Allerdings wusste sie nicht worauf, weshalb sie einfach nur nickte, um ihren Namen zu bestätigen.

„Wie bist du hier gelandet, Serena? Du wirkst nicht wie die Sorte Mädchen, die sich normalerweise auf diesen Partys herumtreibt.“ Er reichte ihr seine Hand und sie streckte ihre automatisch aus, um sie zu schütteln.

Sie hätte vermutlich beleidigt sein sollen wegen seiner Unterstellung, welche Sorte Mädchen sie war, aber das war sie nicht.

Ihr gesamtes Sein war viel zu beschäftigt damit, sich auf die warme Hand in ihrer zu konzentrieren sowie auf das Summen, das sich wie Feuer in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Obgleich sie keine echten Funken von ihren verschränkten Händen auffliegen sah, verstand sie nun endlich diese Analogie.

„Freut mich auch, dich kennenzulernen, Rhys.“ Sie rief sich zur Ordnung, damit sie aufhörte, länger in diese faszinierenden Augen, auf diesen markanten Kiefer, die schwarzen Linien des Tattoos zu starren, das unter seinem schwarzen Shirt mit V-Ausschnitt verschwand…

„Also“, sie ließ wiederwillig seine Hand los und zwang sich dazu, ihre grenzwertig perverse Inspektion von ihm einzustellen, „wie bist du hier gelandet?“

„Ich komme rum“, erwiderte er mit einem neugierigen Lächeln im Gesicht. Einem Lächeln, das vermutlich jedes hübsche Mädchen auf dieser Party dazu bringen könnte, innerhalb von zehn Sekunden ihr Höschen fallen zu lassen. Sie mochte keiner der hübschen Menschen auf der Party gewesen sein, aber ihr Höschen schien definitiv bereit zu sein, sich fallen zu lassen. Erbärmlich, das wusste sie.

„Okay, Mr. Ich Komme Rum. Wie ist diese Band so? In deiner offiziellen Funktion als jemand, der rumkommt, sind sie wirklich das, was man ihnen hinterher sagt? Und wenn das ihre Party ist, wo sind sie dann?“

Dieses Mal ließ er tatsächlich ein leises Lachen verlauten, bevor er antwortete: „Sie sind hier irgendwo, vermute ich. Also gehe ich richtig in der Annahme, dass du kein Fan bist?“

„Nicht wirklich. Ich meine, ich glaube nicht. Ich habe in meiner Kindheit hauptsächlich klassische Musik gehört. Später habe ich mich ein wenig zu Pop vorgewagt, aber bis zu Rock habe ich es noch nicht ganz geschafft.“

Er lachte erneut. Sie wusste zwar nicht so genau, warum er lachte, aber sie wollte es herausfinden und ihn so oft sie konnte, so lange sie konnte zum Lachen bringen. Sie war sich ziemlich sicher, dass es keinen besseren Anblick – oder Laut, was das betraf – irgendwo auf diesem, oder jedem anderen, Planeten gab als diesen Mann, der lachte.

„Okay, wenn du wissen willst, ob Misery wirklich das ist, was man ihnen hinterhersagt, dann komm mit mir.“ Er schnappte sich ihre Hand, ohne auf ihre Antwort zu warten, und führte sie die schwebende Treppe hinauf. Während sie die Treppe bis zur nächsten Etage erklommen, gluckste er noch immer. Serena war begeistert von der Rückkehr des Ganzkörper-Summens, das wieder eingesetzt hatte, sobald er ihre Hand in seine genommen hatte.

Hier oben war es ruhiger, aber auch im ersten Stock liefen Leute hin und her. Die Geräusche, die aus manchen der Zimmer drangen, an denen sie vorbeigingen, verschafften ihr eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wo sich die Band aufhielt. Er zögerte nicht, als er sie selbstbewusst die Treppe hoch zum zweiten Stock führte.

Dort oben angekommen führte er sie zu einer Tür ganz am Ende des Ganges. Jetzt waren nur noch sie beide hier. „Bist du dir sicher, dass wir überhaupt hier hoch kommen dürfen?“, erkundigte sie sich skeptisch.

„Yeah, klar, die Jungs sind – äh – Freunde von mir.“ Sein Gesicht nahm belustigte Züge an, als er diese Worte aussprach.

Er trat durch die Tür, die er geöffnet hatte, als gehörte ihm dieses Haus, und sie folgte ihm in einen kleinen, spärlich dekorierten Raum.

Auf dem Weg die Treppe hoch hatte er ziemlich selbstbewusst gewirkt und niemand hatte ihn gestoppt oder ihm Fragen gestellt, weshalb sie davon ausging, dass es okay war, hier zu sein. Trotzdem hatte sie das Gefühl, als würde sie in jemandes Privatsphäre eindringen.

Sie sah sich um und betrachtete ihre Umgebung. Der Raum verfügte auf zwei Seiten über Glaswände, wodurch eine Aussicht offenbar wurde, die ihr die Luft aus den Lungen quetschte.

Abgesehen von der Tür, durch die sie eingetreten waren, gab es noch eine andere, geschlossene, Tür, die zu einem angeschlossenen Zimmer hinter diesem zu führen schien. Der Raum war mit einem dicken Teppich ausgestattet sowie ein paar Sofas, einem Wohnzimmertisch, einer Stereoanlage, die topmodern zu sein schien, und eine Menge zerknüllte Papierkugeln bedeckten so gut wie jede Oberfläche.

Er beobachtete sie, während sie das Zimmer betrachtete und die Aussicht bestaunte. Aber als sie ihm schließlich wieder ihre ganze Aufmerksamkeit widmete, spielte er an der Stereoanlage herum.

„Komm, mach es dir bequem und hör dir das an.“ Er deutete auf eines der gemütlich und unscheinbar aussehenden Sofas und nahm ihr gegenüber neben der Stereo Platz. Alles an diesem Haus zeugte von Opulenz, mit Ausnahme dieses Zimmers. So wie es aussah, schien es eine Art Zufluchtsstätte zu sein, in der eine echte Person lebte.

Genau in diesem Moment drangen die wunderschönen Klänge eines Gitarrensolos durch die Lautsprecher, dem kurz darauf eine samtene, kraftvolle männliche Stimme folgte. Sie hörte genau hin und erschrak leicht, als die anderen, sehr viel lauteren Instrumente einsetzten.

Wieder beobachtete Rhys sie konzentriert, wodurch ihr Bauch ganz warm und kribblig wurde und ihre Gedanken von der Musik, die aus den Lautsprechern über ihm strömte, zu den gefährlichen Stellen des Mannes darunter gelenkt wurden. Seine linke Hand und Unterarm waren mit den schwarzen Linien von Tattoos bedeckt, die sich bis unter den Ärmel seines T-Shirts erstreckten. Ein anderes Tattoo lugte unter dem Ärmel seines rechten Armes hervor. Seine Arme waren göttlich, definierte Muskeln, die jedoch nicht aufgepumpt wirkten. Seine Brust war breit und kräftig und seine Schultern waren ebenfalls breit, fast schon wie die eines Schwimmers. Ihre Augen glitten über sie und hoch zu seinem wie gemeißelt wirkenden Gesicht. Er achtete aufmerksam auf ihre Reaktionen, als würde er ihre Gedanken zu erraten versuchen und als wäre es ihm wirklich wichtig, was sie dachte.

Auf ihre offenkundige Bewunderung hin zog er eine Augenbraue hoch und ein selbstgefälliges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er sagte jedoch nichts. Er ließ ihr Zeit, dem Song zu lauschen, und stürzte sich dann in eine Erklärung der Akkorde, des Rhythmus und der Melodie und andere Worte, die alle zu einem zusammenzufließen schienen, da sie sich in dem Klang seiner Stimme verlor. Wenn er über Musik sprach, schien die Begeisterung und Leidenschaft, die er ausstrahlte, den Raum zu füllen.

Er nahm eine Gitarre in die Hand, die sie zuvor nicht entdeckt hatte, und spielte mit geschlossenen Augen einige Akkorde. „… verstehst du es jetzt?“ Sie hatte nur das Ende seiner Frage aufgeschnappt und ihre Wirbelsäule knackste, als sie sich hastig gerade hinsetzte, damit es so aussah, als hätte sie seinen Worten volle Aufmerksamkeit geschenkt und nicht nur dem Mann selbst.

„Ja, irgendwie schon, denke ich. Es ist wirklich nicht nur der Lärm, nach dem es sich zuerst anhört. Wenn man richtig hinhört, ist es etwas ganz anderes. Aber weißt du, was ich noch besser verstehe?“

„Was?“

„Du hast eine wirklich große Leidenschaft für Musik, oder? Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor jemanden so leidenschaftlich über irgendetwas habe reden hören, wie du es gerade getan hast.“

Es war eher eine Aussage als eine Frage, aber er leugnete es nicht. Stattdessen blickte er ihr direkt in die Augen, fixierte sie mit seinem durchdringenden Blick und fragte leise: „Und was ist deine Leidenschaft, Serena?“

Urplötzlich machte etwas in ihrem Kopf Klick, als er ihren Blick hielt. Deswegen kam er ihr bekannt vor! Er war der hübsche Mann vom Balkon auf der Benefizveranstaltung neulich abends, da war sie sich sicher!

„Warst du zufällig vor ein paar Abenden auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung für eine Stiftung von Sozialeinrichtungen?“, platzte es aus ihr heraus, bevor sie sich stoppen konnte, aber sie ließ ihm keine Chance, ihr zu antworten.

„Es tut mir leid, das muss sich wirklich gruselig anhören! Es ist nur so, dass ich unten dachte, du kämst mir irgendwie bekannt vor, und mir ist gerade eingefallen, dass du genauso wie jemand aussiehst, den ich auf dem Balkon auf meinem Weg von der Gala gesehen habe.“

„Yeah, das war ich.“ Er wirkte eine Sekunde leicht überrascht, doch dann bogen sich seine Mundwinkel zu einem atemberaubenden, frechen Grinsen. „Lila Kleid, richtig?“, fragte er mit funkelnden Augen.

Er erinnert sich an mich? Wow, das ist seltsam. Ich bin nicht gerade jemand, den man als erinnerungswürdig beschreiben würde. Also muss er sich daran erinnert haben, dass ich seine Gedanken unterbrochen habe, dachte sie. Er hatte so konzentriert hinaus auf die Stadt gestarrt… sie fragte sich, worüber er wohl nachgedacht hatte, nicht, dass sie ihn das jemals fragen würde.

„Ja, ähm, es tut mir leid, dass ich dich gestört habe. Ich habe nicht darauf geachtet, wohin ich ging.“

„Das scheint dir oft zu passieren, hm?“, sinnierte er und lächelte heiter, als sie errötete. „Also, unaufmerksame Serena mit dem lila Kleid, gestehe. Wofür hast du eine Leidenschaft?“

„Nun, okay. Mal schauen. Vor ein paar Wochen hätte ich vermutlich gesagt meine Eltern, vielleicht jemand anderen. Ich denke, das Einzige, das nach den vergangenen Wochen noch übrig ist, ist Mode. Ich liebe sie. Das habe ich auch gemacht, als ich in dich gelaufen bin. Ich habe all die umwerfenden Outfits unten bewundert.“

„Mode, hm? Das ist cool. Und es hat dich zu mir geführt“, feixte er. „Also schätze ich mal, dass du dadurch im weiteren Sinne auch eine Leidenschaft für mich hegst?“

Sie lief abermals tiefrot an, entgegnete allerdings nichts. Sie schüttelte lediglich den Kopf, als wäre er ein Verrückter, so etwas anzudeuten. Sie würde es nicht zugeben, aber er war definitiv jemand, für den sie eine Leidenschaft entwickeln könnte. Er war so intensiv, dennoch gelassen und sie… seine Stimme lockte sie ein weiteres Mal aus ihrer Träumerei.

„Klingt, als hättest du ein paar harte Wochen hinter dir, wenn du etwas verloren hast, wofür du eine Leidenschaft hattest. An die erinnere ich mich so gut…“

„In einem Haus, das so aussieht, gefüllt mit umwerfenden Mädchen und Rockstars?“, scherzte sie in dem Versuch, seine plötzlich düstere Laune aufzuhellen. „Du musst ja wirklich schlimme Zeiten hier haben.“

„Dir gefällt das Haus also?“

„Nun, ja. Ich meine, wem würde es nicht gefallen? Das lässt Joshs, ich meine, unsere Wohnung wie eine erbärmliche, kleine Schuhschachtel aussehen, die sich in die Ecke setzen und weinen sollte.“

„Bist bei einem Kerl eingezogen, hm?“

„Ja, aber es ist nicht so, wie du denkst. Er ist einer meiner ältesten Freunde. Er hatte Mitleid mit mir und lässt mich jetzt vorerst in seinem Gästezimmer schlafen. Ich hatte einen riesigen Streit mit meinen Eltern, weil sie nicht wollten, dass ich Design studiere… also musste ich mir schnell etwas überlegen.“

Seine Augen waren noch immer dunkel, seine Stimme war jetzt weicher. „Glaub mir, ich habe nicht immer so gewohnt. Die Orte, an denen ich aufgewachsen bin, lassen deine Bude im Vergleich wahrscheinlich wie einen verdammten Palast aussehen. Ich erinnere mich an diesen einen Ort –“

Die Tür, von der sie gar nicht bemerkt hatte, dass sie sich hinter ihnen geschlossen hatte, platzte in diesem Moment auf und unterbrach Rhys mitten im Satz.

Noch ein hübscher Mann stolzierte in den Raum und sie zuckte leicht zusammen, weil sie sich nach wie vor nicht ganz sicher war, dass sie hier drin auch wirklich erlaubt waren.

Dieser Mann war fast so groß wie Rhys und strahlte das gleiche Selbstvertrauen aus, aber er verfügte nicht über eine ganz so magnetische Anziehungskraft wie der Mann, der ihr gegenüber saß. „Ich brauche dich Rhys, JETZT!“, blaffte er schon fast, wobei er ihre Anwesenheit kaum zur Kenntnis nahm.

Rhys sah alarmiert aus, all seine Gesichtszüge wirkten plötzlich finsterer. „Serena, du findest selbst nach unten, oder? Es war mir eine Freude. Du bist nett. Ich mag dich. Hoffe, du denkst darüber nach, ein Fan zu werden“, sagte er, während er den Raum durchquerte und aus der Tür verschwand, ohne auch nur einen zweiten Blick hinter sich zu werfen.

„Hoffe, du denkst darüber nach, ein Fan zu werden?“, hörte sie den anderen Kerl wiederholen, bevor die Tür hinter ihnen zufiel.

Sie lief zu den Fenstern, um die Aussicht ein letztes Mal zu bewundern und drehte sich dann zur Tür, um den Versuch zu unternehmen, ihre Freundinnen zu finden, bevor sie nach Hause ging. Es war wirklich spät oder früh, je nach dem, wie man es betrachtete, und sie musste ins Bett.

In der Abwesenheit von Rhys‘ Gegenwart fühlte sie sich plötzlich erschöpft und müde, wenn nicht sogar ein bisschen leichter, weil sie ihm einen Teil ihrer Geschichte erzählt hatte.

Auf dem Weg aus der Tür entdeckte sie ein Poster, das vorher dahinter verborgen gewesen war. Dicke, dunkle Buchstaben rahmten die obere Hälfte einer Fotografie, die eine Gruppe von fünf Männern zeigte. „Misery“. Das war also die Band, hm? Die größte Band auf dem Planeten laut dem, was sie gehört hatte. Daher nahm sie an, dass sie besser mal einen Blick auf ihre abwesenden Gastgeber werfen sollte, ehe sie ging.

Als sie näher zu dem Foto trat, kam ihr zum zweiten Mal seit Betreten des Zimmers ihr Atem abhanden und ihr wurde leicht schwindlig.

Von der Mitte des Posters starrte ihr derselbe Mann entgegen, dem sie gerade gegenüber gesessen und ihr Herz ausgeschüttet hatte. So wie es auf dem Bild aussah, war er die Hauptperson der Band. Miserys ureigener Leadgitarrist.

Scheiße. Sie hatte so eine Idiotin aus sich gemacht. Da sie die Tränen für einen guten alten hässlichen Heulkrampf kommen spürte, stürmte sie aus dem Zimmer, die Treppe hinab und ging nach Hause, ohne auch nur daran zu denken, ihre Freundinnen zu suchen.

Das musste der Grund dafür sein, dass er bei der Spendengala gewesen war, wurde ihr irgendwo in ihrem Hinterkopf auf dem Weg nach Hause klar. Misery musste die Band gewesen sein, die all das Geld gespendet hatte. Sie hatte nie behauptet, sie wäre klug, aber jetzt fühlte sie sich wirklich idiotisch.

7

Josh hatte bereits geschlafen, als sie nach Hause gekommen war, und war bereits fort, als sie schließlich aufwachte. Die Freuden eines verantwortungsbewussten, arbeitenden Erwachsenen. Jemand sollte Kinder wirklich davor warnen, sich zu wünschen, erwachsen zu werden, dachte sie.

Die grünen Lichter ihres Weckers leuchteten ihr entgegen. Okay, sie hatte gar nicht so lange in den Tag geschlafen, vor allem in Anbetracht der Uhrzeit, zu der sie gestern Nacht schließlich ins Bett gefallen war. Nicht zu vergessen die Zeit, die es gebraucht hatte, bis sie trotz ihrer Müdigkeit endlich eingeschlafen war. Die Peinlichkeit des Abends hing ihr noch nach und schien ein lebendes, atmendes Ding zu sein, das sie in ihrem kleinen, vollgestopften Zimmer auslachte.

Nun ja, Kopf hoch und nach vorne schauen. Es war ja nicht so, als würde sie ihn jemals wiedersehen. Also war es jetzt an der Zeit für eine Dusche, vielleicht eine kurze Joggingrunde und dann hieß es, zurück an die Jobsuche. Okay, wem machte sie hier etwas vor? Sie joggte nicht. Sie rannte auch nicht. Außer irgendetwas verfolgte sie und es war wirklich groß und furchteinflößend. Und falls dort niemand sonst war, den es ins Visier nehmen konnte. Und wenn sie plötzlich etwas fand, für das es sich zu leben lohnte, weshalb das Wegrennen einen Sinn hätte. Und… nein, sie war schon wieder abgeschweift.

Dusche und Jobsuche standen heute auf dem Plan. Sie griff sich einen weichen, bequemen Rock und ein Oberteil aus ihrem Schrank und lief zu dem Badezimmer, das sie sich mit Josh teilte. Nur weil sie sich mies fühlte, musste sie nicht auch so aussehen. Gut auszusehen, bedeutete nicht zwangsläufig, dass man sich auch unwohl fühlen musste.

Sie trat gerade aus der Dusche, als sie ein Klopfen an der Tür hörte. „Eine Minute!“, brüllte sie in der Hoffnung, dass derjenige, wer auch immer dort draußen war, sie hören konnte. Sie zog sich rasch an und wickelte ihre Haare in ein Handtuch, bevor sie zur Tür eilte. Josh musste sich etwas bestellt haben, oder, Scheiße, hatte sie Mary geschrieben, dass sie sicher nach Hause gekommen war? Sie wird mich umbringen, dachte sie.

Sie riss die Tür auf, ihr Mund setzte bereits dazu an, eine Entschuldigung an ihre beste Freundin zu formulieren. „Ich bin… Rhys?“ Sie blinzelte. Was?

„Nein, eigentlich bin ich Rhys. Aber es freut mich, dass du dich erinnerst. Ich habe Frühstück mitgebracht.“ Er deutete auf die Pizzaschachtel, die er in seinem Arm hielt.

Heilige Scheiße. Er war wirklich hier.

Und, wenn das überhaupt möglich war, sah er im sanften Morgenlicht dort draußen im Flur noch umwerfender aus als am Vorabend. Gekleidet in eine dunkle skinny Jeans, ein enges schwarzes T-Shirt und einer in die Haare hochgeschobenen Sonnenbrille, schienen sich seine grünen Augen durch ihre eigenen blauen direkt in ihre Seele zu bohren.

Es war nicht zu leugnen, dass dies der Mann höchstpersönlich war, so unglaublich das auch war. Obwohl sie wusste, dass er nicht viel früher als sie Schlaf gefunden haben konnte und es vermutlich sehr viel später als sie getan hatte, sah er kein bisschen mitgenommen aus.

Da sie aufgrund ihrer Beschämung nicht hatte schlafen können, hatte sie ihn gegooglet, bevor sie endlich eingeschlafen war. Die grundlegenden Fakten, die sie innerhalb von ungefähr einer Millisekunde über die Band gefunden hatte, waren überwältigend. Die schiere Menge an Interviews auf YouTube ließ es unmöglich erscheinen, dass sie im Verlauf der letzten fünf Jahre, als ihr erstes Album veröffentlicht worden war, jemals länger als ein paar Stunden nicht vor einer Kamera gestanden hatten.

Die kalten Fakten waren:

Geboren: Rhys Jason Grand. Hört auf den Namen Rhys.

Alter: 27

Geschwister: Anders Donald Grant. Ja, Donald.

Aktive Jahre: 5 Jahre. Leadgitarrist und Hintergrundgesang bei Misery.

Fast 30 Millionen Follower allein auf Twitter, noch mehr auf Instagram.

Fünf Touren in fünf Jahren. Zwei davon Welttourneen. Die letzte hatte nur Tage vor dem Abend geendet, an dem sie Bryan erwischt und ihre unaufhörliche Abwärtsspirale begonnen hatte.

Sie hatte vorgehabt, heute Morgen noch ein wenig mehr Cyberstalking zu praktizieren. War es möglich, dass er das wusste und dass er hergekommen war, um sie daran zu hindern, in seine Privatsphäre einzudringen? Sie wunderte sich für den Bruchteil einer Sekunde darüber, ehe ihr klarwurde, dass er das unter keinen Umständen hatte wissen können.

Sie hatte sich mittlerweile wieder so weit gefangen, dass sie zur Seite trat. Sie war sich schmerzlich bewusst, dass ihr Gesicht und Füße nackt und ihre Haare in ein Handtuch gewickelt waren. Klasse. Anscheinend war es ihr bestimmt, sich ständig vor diesem Kerl der Lächerlichkeit preiszugeben.

Er trat in das Apartment und betrachtete schweigend seine Umgebung. „Nicht annähernd so schlimm, wie du es dargestellt hast. Definitiv ein Palast im Vergleich zu ein paar der Bruchbuden, in denen wir gehaust haben.“

„Äh, danke. Und selbstverständlich bist du Rhys. Sorry, ich war einfach überrascht. Ich dachte, du wärst meine Freundin Mary, der ich gestern Abend davongelaufen bin. Danke, dass du Frühstück mitgebracht hast. Aber Pizza? Und äh, nicht, dass es nicht toll ist, dass du hier bist, aber warum bist du hier?“ Sie bemühte sich, selbstbewusst zu klingen, aber ihre Stimme war leise, zögerlich.

„Pizza ist die perfekte Mahlzeit zu jeder Tageszeit. Außerdem ist das eine Frühstückspizza mit Eiern, Käse, Pilzen, Speck, Brot… Was könnte man sonst noch zum Frühstück wollen? Und was die Frage betrifft, warum ich hier bin… wie wäre es damit, dass wir dich erst einmal mit Essen versorgen?“

Er marschierte selbstsicher zur Küche. Als es ihr schließlich gelang, ihre Füße in Bewegung zu setzen und ihm zu folgen, hatte er bereits die Teller gefunden und die Pizza auf die Mitte der Küchentheke gestellt. Sie schnappte sich ein Stück und zögerte nur eine Sekunde bei dem Gedanken an eine Frühstückspizza, ehe sie ein kleines Stück abbiss.

Wow, das ist wirklich gut, dachte sie. Ihre Mutter würde sie umbringen, würde sie jemals herausfinden, dass sie zum Frühstück Pizza aß, aber sie verdrängte diesen Gedanken aus ihrem Kopf, bevor er den Moment ruinieren konnte.

Der Moment bestand natürlich darin, dass sie einen Rock ´n´ Roll Gott und den beliebtesten Gitarristen der Welt in ihrer Küche sitzen hatte und sich eine lächerliche Frühstückspizza mit ihm teilte. Er verschlang drei Stücke, ehe sie auch nur ihr erstes aufgegessen hatte, und schien merkwürdig glücklich, dass sie aß. Er war definitiv eine Anomalie.

„Weißt du“, hob er leise zu sprechen an, während er sie nach wie vor mit zufriedener Miene beim Essen beobachtete. „Die Jungs und ich sind seit langer Zeit zusammen. Lange bevor Misery groß rausgekommen ist. Anders und ich… mittlerweile weißt du vermutlich, dass er mein biologischer Bruder ist. Die anderen Jungs sind zwar nicht durch Blutsbande mit uns verknüpft, aber sie sind genauso sehr unsere Brüder, wie wenn das gleiche Blut durch unsere Adern fließen würde. Aber fuck sei Dank, dass sie nicht den gleichen Start ins Leben hatten wie wir.“

Sie nickte nur. Sie hatte ihr zweites Pizzastück angefangen, hauptsächlich, damit sie ihren Mund mit etwas anderem als Reden beschäftigen konnte, und es lieferte ihr auch eine praktische Ausrede dafür, einfach nur zuzuhören. Allerdings hatte sie überhaupt keine Ahnung, warum er ihr das erzählte.

„Milo und ich haben uns auf der Highschool kennengelernt. Er hat damals jede freie Sekunde mit Anders und mir verbracht. Wir haben gemeinsam eine Menge Scheiß durchgemacht. Also haben wir einfach irgendwie zusammengehalten. Wir lernten Jett kennen, als wir siebzehn waren in… yeah, damals als wir siebzehn waren. Luc ist uns eines Abends mehr oder weniger nach Hause gefolgt, als wir neunzehn waren, und bei uns geblieben. Wir waren alle zweiundzwanzig, als ´Hit the Road´ groß rausgekommen ist. Seitdem haben wir nicht zurückgeschaut.“

Sie nickte einfach erneut, wobei sie die Pizza nicht mehr richtig schmeckte. Stattdessen wartete sie darauf, dass er weitersprach, während sie nach wie vor keinen blassen Schimmer hatte, warum er ihr all das um gerade mal 10:30Uhr am Morgen erzählte. Bestimmt gingen Rockstars um diese Uhrzeit erst ins Bett? Aber andererseits, was wusste sie schon…

„Die Sache ist die, Serena, wie ich dir gestern Abend erzählt habe, mag ich dich. Du gibst mir das Gefühl, Scheiße, ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist, aber du gibst mir das Gefühl, normal zu sein. Als würdest du nicht nur versuchen, meinen Schwanz zu blasen, damit du eine Geschichte erzählen kannst. Dir scheint es scheißegal zu sein, wer jemand ist, und das ist erfrischend.“

Sie fand keine Worte, obgleich sie allmählich das Gefühl hatte, sie sollte wenigstens irgendetwas sagen. Es beschlich sie der Verdacht, dass er mit seiner kleinen Geschichte auf irgendetwas hinauswollte, auch wenn sie noch immer keine Ahnung hatte, was dieses irgendetwas sein könnte. Außerdem überkam sie so langsam ein wenig Angst. Und was ihr sogar noch mehr Angst einflößte, war, dass sie vielleicht auch ein wenig begeistert war? Dennoch nickte sie nur. Ihr Mund fühlte sich trocken an und dass er sich mit seiner tätowierten Hand durch seine weichen dunklen Haare fuhr, half der Sache auch kein bisschen.

„Nach dieser letzten Tour steht die Band etwas unter Kritik. Wir sind auf dem Weg ein wenig außer Kontrolle geraten.“ Er lachte erneut, dann korrigierte er sich. „Ein paar von uns sind etwas mehr als üblich außer Kontrolle geraten, meine ich.“

Oh, dieses Lachen. Sie hatte gehofft, dass es nicht mehr als eine leicht betrunkene Erinnerung sei, doch nein, ihr Inneres schmolz bei diesem Klang noch immer dahin.

„Gestern Abend, als du gegen mich gelaufen bist, habe ich über eine Idee nachgedacht. Eine Idee, für die ich dich für perfekt geeignet halte. Du bist charmant, absolut heiß genug, und was noch wichtiger ist, ich denke, es könnte dir gefallen. Du wirst alle möglichen Kontakte zur Modewelt, die du dir je wünschen könntest, knüpfen können. Designer werden sich überschlagen, um dich kennenzulernen, dich einzukleiden.“

Jetzt hatte er definitiv ihre Aufmerksamkeit. „Okay, das klingt nicht furchtbar“, brachte sie hervor, wenngleich sie spürte, dass sie wegen seines beiläufigen Kommentars, sie sei „absolut heiß genug“ für was auch immer er im Sinn hatte, rot wurde. Rhys fand sie heiß?

„Ich habe es heute Morgen mit meinem Anwalt und unserem Manager besprochen und sie sind beide der Meinung, dass es funktionieren wird. Ich kenne niemanden, der perfekter dafür geeignet wäre. Es wird eine rein geschäftliche Abmachung. Mein Anwalt kann die nötigen Verträge sofort aufsetzen. Ich werde dir selbstverständlich bezahlen, was auch immer du willst – für ein paar Ausgestoßene haben wir es ziemlich weit gebracht.“

„Für was genau wirst du mich bezahlen?“, fragte sie jetzt vorsichtig. Das Ganze fing an, ernsthaft gefährlich und vielleicht sogar leicht illegal zu klingen.

„Nein, nein. Nicht das. Da war ich etwas vorschnell. Was ich fragen möchte, Serena“, er ging neben ihr auf ein Knie, nahm ihre Hände in seine und lächelte dieses international herzerschütternde Lächeln, ehe er sie fragte, „wirst du mir die unglaubliche Ehre erweisen, meine fake Freundin zu sein?“

Vor Schock kippte sie fast vom Stuhl. Ihr Kopf war wie leergefegt. Anscheinend war sie gleichzeitig ihrer Stimme, ihrer Vernunft und ihres freien Willens beraubt worden. „W-warum?“, stammelte sie, während eine Million Gedanken durch ihren Kopf rauschten. Doch sie entschied sich für die zwei lautesten. „Warum ich? Und warum brauchst du eine fake Freundin?“

Er blieb auf einem Knie, seine kräftigen und schwieligen Hände in ihren. „Ich hab dir schon gesagt warum. Hab dir schon erzählt, warum ich das brauche. Wir brauchen etwas, um den Druck von der Band zu nehmen. Die anderen Jungs sehen es noch nicht. Manche, weil sie im Moment nicht in der Lage dazu sind, und andere, weil sie es nicht wollen. Sie müssen wenigsten versuchen, sich verdammt nochmal zu konzentrieren. Das hier wird die perfekte Ablenkung für die Paparazzi. Ich habe mich noch nie hingestellt und zugegeben, dass ich eine Beziehung führe. Die Presse wird über diesen Scheiß herfallen. Wir werden eine Geschichte erfinden und die Leute werden sie glauben. Das wird den Jungs eine Pause von all der Aufmerksamkeit geben und ich werde für ein paar Monate eine absolut heiße Freundin haben.“

„Also, nur damit ich es richtig verstehe, du bittest mich, die Welt zu belügen, um deiner Band eine Pause von den Medien zu verschaffen?“

„Nicht meiner Band, meinen Brüdern… und yeah, ich schätze, das ist genau das, worum ich dich bitte. Es wird aber auch viele Vorteile für dich haben. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass du jedem vorgestellt wirst, den du kennenlernen willst, und ich werde dein Designstudium finanzieren. Und auch alles andere, was du willst.“

Er war immer noch auf einem Knie und es fing jetzt an, sich wirklich bizarr anzufühlen, während sie so auf ihn hinabschaute.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, war seine Stimme jetzt leiser, während er zu ihr hochsah, seine grünen Augen funkelten und ein Loch in ihre Seele brannten. „Komm schon, was sagst du? Ich bin noch nie zuvor für eine Frau auf ein Knie runtergegangen. Ich hätte verdammt nochmal nie gedacht, dass ich betteln würde müssen, wenn ich es dann mal tue.“

„Ich…“, sie rang um die richtigen Worte. „Nun, erstens bist du nicht in echt auf einem Knie und zweitens ist das eine riesige Lüge, die ich da auf deinen Wunsch hin allen auftischen soll. Könnte ich wenigstens ein bisschen Zeit zum Nachdenken bekommen?“

„Schau, fuck, du hast recht.“ Er zog eine seiner tätowierten Hände aus ihren und fuhr sich durch seine Haare, wodurch er die fürchterlich teure Sonnenbrille, die auf seinem Kopf thronte, hinabfegte. Er bewegte sich nicht, als sie leise auf den Boden fiel.

„Okay, wie wäre es damit? Wie wäre es, wenn du es einfach auf einen Versuch ankommen lässt? Heute Abend mit mir auf ein Date gehst? Ein Date, bevor du dich entscheidest?“

Sie holte tief Luft. Hatte sie in letzter Zeit nicht genügend Leute enttäuscht? Er machte allerdings wirklich den Eindruck, als würde er ihre Hilfe brauchen. Ohne richtig darüber nachzudenken und in dem Wissen, dass sie ihn niemals einfach so abweisen könnte, hörte sie sich also sagen: „Okay, ein Date. Dann werde ich darüber nachdenken und dir meine Entscheidung mitteilen.“ Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander; konnte sie das wirklich tun?

Er blieb auf einem Knie, hielt ihre Hand und starrte noch eine Sekunde in ihre Augen, wodurch sich das Ganze wie etwas ganz anderes anfühlte, bevor er seinen Kopf kaum merklich schüttelte und sich auf die Füße erhob.

Er wölbte seine Augenbrauen, während er zur Tür lief. „Mach dich bereit, vollkommen umgehauen zu werden, Serena. Ich akzeptiere kein Nein als Antwort.“ Damit verschwand er aus der Tür, um zu tun, was auch immer Rockstars mit ihren Tagen so anfingen.

Ihre Knie fühlten sich ganz wacklig an, als sie zurück in ihr Zimmer ging. Ihr Kopf pochte ungläubig. Positiv war jedoch, dass sie heute wenigstens schon mal ein Jobangebot erhalten hatte. Da sie nicht glaubte, dass sich heute noch andere aufregende Jobangebote auftun würden, beschloss sie, sich für das bereit zu machen, was sie jetzt als ihr Vorstellungsgespräch heute Abend betrachtete. Sie schnappte sich sämtliche Nagellacke, die sie für eine klassische französische Mani-Pediküre brauchen würde, und begann, sich zu verwöhnen.

Gegen drei Uhr am Nachmittag erklang ein weiteres unerwartetes Klopfen an der Tür. Sie hatte gerade angefangen, ihren aus allen Nähten platzenden Schrank zu durchforsten, um zu entscheiden, was angemessene Kleidung für ein Date mit einem Rockstar sein könnte.

Nachdem Rhys gegangen war, hatte sie Mary eine kurze SMS geschickt, um ihr mitzuteilen, dass es ihr leidtat, dass sie einfach abgehauen war, und dass es ihr gut ging. Daher bezweifelte sie, dass Mary vor der Tür stehen würde. Deswegen öffnete sie die Tür dieses Mal wachsamer und fand sich Nase an Nase einem Lieferanten gegenüber, der aussah, als hätte er genug Schachteln und Kleidersäcke dabei, um einem neuen Mieter beim Einzug zu helfen.

„Es tut mir leid, ich glaube, Sie haben das falsche Apartment erwischt.“

„Miss Woods?“, hakte er nach, wobei er um einiges weniger gelangweilt wirkte, nachdem er ihr züchtiges Dekolleté entdeckt hatte, das von dem Shirt, das sie anhatte, entblößt wurde.

„Äh, ja. Ich bin sie. Ich meine, die bin ich.“

„Dann ist das hier eine Lieferung für Sie. Würden Sie bitte hier unterschreiben?“

Er hielt ihr ein Klemmbrett unter die Nase und tippte auf den Strich am Ende der Seite, wo er wollte, dass sie unterschrieb.

„Es tut mir leid, aber ich habe nichts bestellt?“ Bei näherer Inspektion stellte sie fest, dass die Gegenstände alle aus Edelboutiquen stammten, in denen sie nicht einmal hatte einkaufen können, bevor ihre Eltern ihr den Geldhahn zugedreht hatten.

„Ma’am, man teilt mir nur mit wem und wohin ich das Zeug liefern soll. Sie sind Miss Serena Woods und Sie wohnen unter der Adresse, die auf diesem Blatt Papier steht, oder?“

„Ja.“

„Dann ist das hier für Sie. Wenn Sie bitte einfach unterschreiben würden, Ma’am, werde ich wieder gehen.“

Vollkommen verwirrt unterschrieb sie den dämlichen Wisch und er erteilte sofort jemandem außerhalb ihres Sichtfeldes einen Befehl: „Bring alles her!“ Ein Mann tauchte irgendwo am Ende des Flurs auf und die zwei Männer hatten sämtliche Pakete innerhalb von Sekunden in Joshs Wohnzimmer verfrachtet. Scheiße, jetzt würde er sie wirklich umbringen.

Sobald die Lieferanten fort waren, machte sie sich daran, die Kleidersäcke zu öffnen. Zuerst ging sie zögerlich vor, doch als sie die wundervollen Schätze entdeckte, die darin verborgen waren, spürte sie, wie ihre Aufregung mit jedem neuen Sack zunahm.

Als sie schließlich den letzten Kleidersack öffnete, war sie bereits in Verzückung geraten. Sie war nie ein großer Fan von Science-Fiction gewesen, aber sie stellte sich vor, dass sich so bestimmte Fans des Genres fühlten, wenn sie neue Fanartikel erhielten.

Im Inneren der Säcke steckten einige der schönsten Kleider, die sie jemals gesehen hatte, von Designern, die zu tragen sie nicht einmal in ihren kühnsten Träumen zu hoffen gewagt hätte. Dennoch waren sie jetzt hier und lagen sorgfältig auf Joshs willkürlicher Ansammlung Sofas ausgebreitet.

Sie machte sich als nächstes an die Schachteln und weinte fast vor Freude, während sie die Schuhe, die sie in den Händen hielt, fest an ihre Brust presste. Sie öffnete noch eine Schachtel, die ein wenig anders geformt war. Sie war ganz erpicht darauf, weitere hinreißende Schuhe zu sehen, nur um dann festzustellen, dass gar keine Schuhe in der Schachtel lagen.

Stattdessen enthielt die Schachtel, sowie die drei darauffolgenden Schachteln, die edelsten Dessous, die sie jemals gesehen hatte – nicht einmal in den Katalogen, die sie sich angeschaut hatte, was sie jedoch nie zugeben würde, weil es ihr zu peinlich war, hatte sie solche Unterwäsche gesehen. Sie überprüfte die kleinen Schildchen an jedem Set und jedes hatte exakt ihre Größe. Sicher, das war leicht gruselig, aber sie konnte den Schauer, der ihr Rückgrat hinaufjagte, nicht zurückhalten.

Die nächste Schachtel hatte ebenfalls eine andere Form. Da sie nun nicht mehr wusste, womit sie zu rechnen hatte, öffnete sie diese Schachtel wieder langsamer. Das Erste, das sie bemerkte, war weiches, weißes Seidenpapier, in dem eine kleine Karte steckte.

Hab Spaß. Hoffe, dir gefällt alles.

Bis um acht.

-R

Sie legte das Kärtchen vorsichtig beiseite und fragte sich, ob er es selbst geschrieben hatte. Es roch schwach nach ihm, aber wenn sie ehrlich mit sich war, glaubte sie, dass sie einfach nur high von all den Designerkleidern war.

Sie hob das Seidenpapier an und entdeckte ein Fläschchen Parfüm darunter, das sie schon seit Jahren im Auge hatte, sich aber nie gekauft hatte. Allerdings hatte sie sich stets etwas von den Testflakons auf ihren Hals und Dekolleté gesprüht, wenn sie durch einen Laden gelaufen war, der es vorrätig gehabt hatte. Neben dem Parfüm fand sie einige der besten Kosmetika der Branche.

Sie lächelte. Für einen Mann, den sie weniger als vierundzwanzig Stunden kannte, kannte er ihren Stil verdammt gut.

Sie brauchte den Rest des Tages, um sich für das Outfit zu entscheiden, das sie perfekt für unbekannte Umstände hielt, und sie wurde gerade rechtzeitig fertig.

Um Punkt 20 Uhr klopfte es leise an ihrer Tür. Josh war noch nicht zu Hause, weshalb sie die Tür selbst öffnete.

Sie bekam so langsam das Gefühl, als sollte sie anfangen, eine Sauerstoffflasche mit sich zu führen, wenn sie sich in Gegenwart dieses Mannes aufhielt. Denn wenn sie sich in seiner Nähe befand, neigte ihr Atem dazu, ihr in der Kehle stecken zu bleiben, wenn nicht sogar komplett zu verschwinden. Er war in dunkle Jeans gekleidet sowie einem dazu passenden schwarzen und engen Button-up-Hemd, dessen Ärmel nach oben gerollt waren, wodurch seine Tattoos hervorlugten. Es juckte sie in den Fingern, die Konturen dieser Tattoos nachzuzeichnen, sie zu inspizieren und die Geschichte hinter jedem einzelnen zu erfahren…

„Bereit, dich umhauen zu lassen?“, fragte er zur Begrüßung, womit er diesen Gedankengang effektiv unterbrach.

„Ich wurde bereit geboren!“, log sie. Sie würde darauf wetten, dass ihn nichts nervös machte, weshalb sie verzweifelt versuchte, ihre eigene Nervosität und fehlende Selbstsicherheit zu verbergen.

Es musste funktioniert haben, denn daraufhin nahm er sie an der Hand und führte sie die Treppe nach unten zu seinem Motorrad. Nicht, womit sie gerechnet hatte. Sie war noch nie zuvor auf einem Motorrad gefahren, aber sie war auch noch nie zuvor auf ein Date mit einem Rockstar gegangen. Es gab für alles ein erstes Mal, sinnierte sie.

Sie nahm den Helm entgegen, den er ihr reichte, und war unfassbar glücklich, dass sie sich für einen schlichten Pferdeschwanz entschieden hatte im Gegensatz zu einer komplizierteren Frisur. Sie setzte ihn auf und schlüpfte in die dunkle Lederjacke, die er ihr hinhielt. Anschließend klammerte sie sich an ihn, während er durch die kühle Nachtluft raste. Das Geschwindigkeitslimit hatte für Rockstars offenkundig keine Bedeutung. Sie drückte ihr Gesicht an seinen Rücken und hielt sich mit aller Kraft an ihm fest.

Ihr war nicht unbedingt kalt, aber sie war dankbar, als er schließlich langsamer wurde. Nur jetzt, da das Röhren des Motors verklungen war und sie endlich den Mut hatte, wieder aufzuschauen, ließ sich eine Kälte in ihrem Magen nieder. Sie befanden sich auf einem Outdoor Rave. Lichter blitzten und die Musik pulsierte bis in ihre Knochen. Das war definitiv nicht ihre Szene.

Ohne nachzudenken, murmelte sie: „Ich, äh, nehme keine Drogen. Hab ich nie, will ich nie.“ Sie hatte gesehen, wie mehr als genug Schüler ihrer Highschool von dem giftigen Zeug abhängig geworden waren, und sie hatte nicht vor, auch nur in Berührung mit diesem Teufelszeug zu kommen. Sie trank nicht einmal gerne Alkohol, wenn man mal von Joshs Wein absah, der eine winzig kleine Ausnahme bildete.

„Keine Sorge, das ist okay. Wir sind heute Abend drogenfrei.“ Er griff erneut nach ihrer Hand und führte sie durch die Menge zu einem Bereich, der mit Seilen abgesperrt und von riesigen, muskulösen Männern in dunklen Anzügen bewacht wurde. VIP, ging ihr auf. Ihr ganzer Körper schien unter seiner Berührung aufzuleben. Sie hatten ganze dreißig Minuten konstanten Körperkontakts hinter sich und ihr Körper schien bereits zum Zerreißen gespannt zu sein.

Nach seinem Besuch und ihrer kurzen Googlesuche hatte sie beschlossen, nicht weiter in seine Privatsphäre einzudringen, wie das jedes Fangirl tat, sondern sich einfach von ihm erzählen zu lassen, was er sie wissen lassen wollte, wann er es sie wissen lassen wollte.

Rhys schlenderte an den Wachen vorbei und hielt kaum an, um ihnen dankend mit dem Kinn zuzunicken. Diese blieben unbeeindruckt und hängten das Seil wieder ein, sowie sie in den VIP-Bereich hindurchgetreten waren.

Rockgötter und deren Mädel für die Woche interessierten sie eindeutig nicht allzu sehr. Der VIP-Bereich war sehr viel geräumiger und ruhiger als die Menschenmenge, der sie sich hatten stellen müssen, um hierher zu gelangen. Wie es kam, dass Rhys vorhin nicht erkannt worden war, überstieg ihre Vorstellungskraft, bis ihr einfiel, dass niemand erwarten würde, dass ihr Gitarrenprinz ein Mädchen wie sie durch die Menge schleifen würde.

Rhys ließ seinen Blick über die Menge schweifen und entdeckte schnell den blonden Eindringling der vergangenen Nacht, der entspannt in einer Sitznische in der Ecke saß. Sie hatte gelernt, dass das Milo war, Rhys bester Freund von der Highschool und der Mann hinter dem Keyboard bei Misery.

Laut den Artikeln, die sie gelesen hatte, bevor sie beschlossen hatte, die Band nicht mehr online zu stalken, war Milo genauso sehr ein Rockgott wie Rhys. Er brachte einen einzigartigen Klang in die Band und war sehr beliebt bei den Fans.

Während sie zwar nichts über Keyboards wusste, wusste sie doch, dass Milo umwerfend war. So groß und selbstbewusst wie sein Bandkollege hatte er hellblaue Augen und kurze, leicht gelockte Haare. Er sprang auf die Füße, als er entdeckte, dass sie auf ihn zukamen.

Er und Rhys tauschten diese unbeholfene einhändige Umarmung aus, die die Grenzen männlicher Intimität definierte. Nur war diese Umarmung überhaupt nicht unbeholfen, da sie sich ehrlich zu freuen schienen, gemeinsam hier zu sein.

Merkwürdig, dachte sie. Nach dem zu urteilen, was sie gestern Abend gesehen hatte, wohnten sie zusammen und sie arbeiteten zusammen und dennoch schienen sie wirklich glücklich, einander zu sehen.

„Hast du’s erledigt, Mann?“, fragte Milo, der sie beäugte.

„Klar, hab ich das, Kumpel. Glaube ich zumindest. Die Zeit wird es zeigen.“ Rhys nickte in ihre Richtung.

Ah, deswegen waren sie also so glücklich. Milo dachte offensichtlich, sie hätte bereits unwiderruflich Rhys‘ „Vereinbarung“ zugestimmt.

„Serena, das ist Milo. Mein ältester und bester Freund und mein Lieblingsbruder.“

8

„Du bist also die berühmte Serena, yeah?“

„Und du musst der tatsächlich berühmte Milo sein, stimmt’s?“

„Du hast recht, Rhy, sie ist wirklich eine Nummer für sich!“, erwiderte Milo, mehr an Rhys gewandt als an sie.

„Rhysie hier hat mir erzählt, dass du bis gestern Abend nicht wusstest, wer wir sind. Lügt er?“

„Ich hatte natürlich von Misery gehört.“ Sie machte sich nicht die Mühe, ihm zu erzählen, wie kurz davor sie erst von ihrer Band gehört hatte. „Ich bin nur kein Fangirl, das gleich sein Höschen fallen lässt… das ist alles…“

Milo hielt Rhys die Ghettofaust hin und grölte vor Lachen.

„Noch nicht, meinst du wohl“, konterte er. Am vergangenen Abend war Milo während des kurzen Austausches, den sie mit ihm geführt hatte, attraktiv gewesen, doch jetzt erkannte sie, dass so viel mehr in dem blonden Sahneschnittchen steckte, als sie gedacht hatte. Er strahlte einen jungenhaften, lebensfrohen Charme aus.

„Vielleicht, aber ich hatte die Gelegenheit, euren Leadgitarristen unplugged zu hören, so nennt ihr Jungs das doch, glaube ich, und er ist kein Beethoven.“

„Du verletzt mich, Prinzessin.“ Rhys lachte und in seinen Augen funkelte eine heitere Belustigung, während er eine Hand auf sein Herz legte.

Ihr Herz setzte den winzigsten aller Herzschläge aus, weil er sie „Prinzessin“ genannt hatte, aber sie bemühte sich, das zu ignorieren.

„Also, keine Drogen heute Abend, hm. Sind deswegen die anderen nicht hier?“, fragte sie keinen von beiden im speziellen.

„Ne, sie sind hier irgendwo“, antwortete Milo kurz, ehe er effektiv von Rhys‘ finsterem Blick zum Schweigen gebracht wurde.

Die Kellnerin kam mit einem Tumbler Bourbon für jeden der Männer und erkundigte sich höflich, was sie trinken wolle. Ihre Augen deuteten jedoch eher daraufhin, dass sie Serena in Wahrheit fragte, wie sie zu sterben wünschte. Man musste Rhys allerdings zu Gute halten, dass er der Kellnerin, die definitiv ein Hingucker war, keinerlei Aufmerksamkeit schenkte.

„Nur ein Glas Weißwein, bitte.“

Rhys mischte sich ein, riss ihr die Weinkarte aus der Hand und studierte diese beflissen.

„Das können wir aber besser.“

Milo blickte kurz über Rhys‘ Schulter und sie schienen sich auf einen Wein zu einigen. „Eine Flasche davon, bitte.“

Rhys deutete auf etwas und reichte der Kellnerin die Karte, ohne Serenas Meinung einzuholen. Die Kellnerin kam Sekunden später mit einer Flasche Weißwein und drei Gläsern zurück. Die Männer lehnten ihre Gläser ab und nahmen stattdessen Schlucke von ihren Bourbons, während die Kellnerin Serena ein Glas einschenkte und die Flasche in einen silbernen, mit Eis gefüllten Eimer stellte.

Was für ein Glück, dass sie nicht wusste, dass die beiden noch nicht von dem Wein trinken würden. Sonst hätte sie bestimmt in die Flasche gespuckt, so wie sie mich mit ihren Blicken erdolcht, dachte Serena.

Zu ihrer großen Überraschung konnte man sich mit Milo und Rhys nicht nur gut unterhalten, sondern es machte ihr auch Spaß. Keiner von beiden schien sich nach den Drogen zu sehnen, die über all um sie herum eingeworfen wurden, und beide schienen die Gesellschaft zu genießen und zufrieden zu sein mit dem Gespräch und dem konstant fließenden Bourbon.

Angenehm beschwipst von fast einer halben Flasche Weißwein für sie und einer Tonne Bourbon für die Männer, hatte Milo begonnen, sie Sese zu nennen.

Sie war an irgendeinem Punkt unter Rhys‘ Arm gekrabbelt und er schien glücklich damit, in der Öffentlichkeit mit ihr zu kuscheln. Jetzt war Milo derjenige, der überrascht aussah, als Rhys an ihrem Hals und Ohren knabberte und einen kleinen Kuss auf ihren Scheitel drückte, während er hin und wieder über die Dinge lachte, die sie sagte.

„Also, ich nehme mal an, Rhysie hier hat dir von unserem Problem erzählt?“, fragte Milo, der urplötzlich ernst wurde. Rhys sagte nichts, aber bedachte Milo mit einem warnenden Blick.

„Wir sind gerade von unserer zweiten Welttournee zurückgekommen und die Bosse sitzen uns jetzt im Nacken, dass wir anfangen sollen, neuen Scheiß zu produzieren. Aber Rhysie hier scheint sich ausgeschrieben zu haben. Und Jett… nun… er hilft nicht, genauso wenig wie Luc. In den alten Zeiten gab es immer ein Konzept, weißt du?“ Sie wusste es nicht wirklich, aber sie nickte trotzdem. „Wir einigten uns alle auf das Konzept und dann zogen wir in unterschiedliche Richtungen los, um die Songs zu schreiben. Anschließend kamen wir mit allem zurück und fanden gemeinsam die Magie. Heutzutage passiert das einfach nicht mehr so oft.“

Wieder nickte sie, als würde sie es verstehen, auch wenn das nicht der Fall war. Doch in ihrem Hinterkopf glaubte sie, es allmählich zu verstehen.

„Wir brauchen diese Magie wieder und zwar schnell. Und bis wir sie gefunden haben, brauchen wir jemanden, der die Aasgeier ablenkt.“ Milo starrte sie an, als würde er ihr eine Aufgabe stellen.

„Und ihr braucht mich, damit ich die Beute spiele?“, fragte sie, wobei sie die Augen auf Rhys richtete.

„Yeah, Prinzessin. Ich hab dir ja gesagt, du bist perfekt dafür geeignet.“

Okay, sie konnte spielen, zumindest dachte sie, sie könnte das. Sie holte tief Luft. Sie musste mehr sie selbst sein, wenn sie es wenigstens versuchen wollte. „Dieser DJ ist schrecklich. Ein richtiges Misery Mädchen würde dafür sorgen, dass er die Ehrengäste ehrt, während sie hier sind.“ Sie brüllten abermals vor Lachen.

„Tatsächlich Prinzessin haben sie bis jetzt ungefähr drei Remixes von unseren Songs gespielt. Und wir sind heute Abend keine Ehrengäste, nur stinknormale Partygänger.“ Sie konnte spüren, wie sich ihre Ohrenspitzen rosa färbten, aber hoffentlich verbarg ihr Pferdeschwanz sie ausreichend.

„Aber er spielt auch Songs von Leuten, die wir nicht mögen“, warf Milo ein. „Also hat sie vielleicht tatsächlich recht. Ist das nicht das Miststück, das behauptet hat, du hättest sie letztes Jahr gevögelt?“

„Ihr habt beide recht.“ Rhys lachte, während er aufstand und ihre Hand nahm. „Komm, Sese“, sagte er, indem er Milos Spitznamen für sie übernahm. „Lass uns dem DJ zeigen, wie man es richtig macht.“

Milo kugelte sich hinter ihnen vor Lachen, doch Rhys achtete nicht mehr auf ihn, während er selbstsicher an das DJ-Pult trat. Niemand stoppte den Gitarrenkronprinzen.

Der DJ stammelte bei Rhys Anblick, aber es war nicht so, als würde er zur aktuellen Rockhoheit Nein sagen, und daher überließ er Rhys eiligst das Mischpult.

Rhys gab einen Song ein und führte sie hinab auf die Tanzfläche. Sie hatte weit mehr Wein getrunken, als üblich für sie war, und ihr Kopf drehte sich leicht, aber ihr Körper war im Gleichklang mit jeder seiner Bewegungen.

Die Öffnungsakkorde des Songs, den er gewählt hatte, begannen zu spielen, gerade als sie auf die Tanzfläche traten. „Ich liebe diesen Song!“, brüllte sie ihm zu und er nahm sie in seine Arme. In diesem Moment wirkte in ihren Gedanken alles glänzend und magisch und hübsch.

Sie wiegte sich zur Musik in seinen Armen, bewegte ihre Hüften mit seinen, schlang ihre Arme um seine starken Schultern und presste ihren Körper an seinen. Seine Hände lagen auf ihren Hüften und die Hitze, die von ihnen ausging, brannte sich in ihre Seiten. Sie tanzten ungefähr drei Songs lang. Als sie nach oben in seine Augen blickte, starrte er eindringlich auf sie hinab, als wäre sie eine besonders schwierige mathematische Gleichung. Plötzlich beugte er sich nach unten und küsste sie, wie sie noch nie zuvor geküsst worden war.

Sein Kuss war heiß und alles verzehrend. Sie konnte spüren, wie sich dessen Wärme von ihren Lippen in ihre Zehen und Finger ausbreitete, bis hin zu ihrer Schädeldecke. Ihr Gehirn, Herz und Mitte stimmten alle darin überein, dass dieser Kuss alle anderen um Längen übertraf. Sämtliche Gedanken verflüchtigten sich und das Einzige, woran sie denken konnte, war Rhys, seine Hände auf ihrem Körper, seine Zunge, während sie über ihre rieb.

Er schien in dem Moment mit ihr versunken zu sein, küsste ihre Hand, während seine in ihrem Nacken lag und die andere Hand um ihre Taille und sie eng an seinen Körper zog. Er rieb seine Hüften an ihr, bis etwas in seiner Hose vibrierte. Er entließ sie sanft aus dem Kuss.

„Ich denke, es ist Zeit, dass du nach Hause gehst, Serena.“

„Was, wenn ich noch nicht ausreichend umgehauen wurde?“ Sie keuchte von dem Kuss, fühlte noch immer dieses Feuer in ihrem Blut und ein schmerzendes Verlangen an Stellen, die noch nie zuvor auf diese Weise geschmerzt hatten. Stellen, an denen sie seit langer Zeit nichts mehr empfunden hatte. Sie fühlte sich jedoch erbärmlich und abgewiesen, als er von ihr zurückwich. Dennoch atmete Rhys ebenfalls schwer, also ließ ihn das Ganze vielleicht doch nicht so kalt. Aber vielleicht rührte die schwere Atmung auch vom Tanzen oder so etwas, wer konnte das schon sagen? Unter keinen Umständen würde ein Mann wie er sich von einem Mädchen ihresgleichen beeindrucken lassen… Vielleicht hatte sie sich die Energie, die zwischen ihnen geknistert hatte, nur eingebildet. Das musste es sein, oder?

Er blickte unter halb gesenkten Lidern auf sie hinab und studierte ihren Gesichtsausdruck. „Wenn ich der Einzige bin, der hier umgehauen wurde, haben wir andere Probleme, Sese“, flüsterte er ihr zu, wobei er sich einfach wieder Milos Spitznamen für sie bediente und sein Atem heiß über ihr Ohr strich. „Ich muss ein paar Dinge regeln, aber ich melde mich bald wieder bei dir, yeah?“

„Ja, Rhys, wenn du es sagst. Sag Milo Tschüss von mir.“ Kurz darauf brach sie auf dem Rücksitz des luxuriösen SUV zusammen, der auf sie gewartet hatte. Nachdem sie zu Hause angekommen war, schleppte sie sich die Treppe zu dem Apartment, das sie sich mit Josh teilte, hoch. Ihre Gedanken wirbelten von dem Wein und Lust und der Erinnerung an diesen Kuss wild durcheinander.

Sie kroch in ihr Bett und ihre Gedanken verweilten bei Rhys, während sie nur in der Unterwäsche, die er für sie ausgewählt hatte, dalag. Unterwäsche, von der sie nun unbedingt wollte, dass er sie darin sah, weil er hier neben ihr lag. Sie schob den Gedanken aus ihrem matschigen Gehirn. Das ist nicht das, was er von mir will. Das wird er niemals von mir wollen. Das war der letzte deprimierende Gedanke, den sie dachte, bevor sie in einen erholsamen Schlaf sank. Sie träumte von eindringlichen grünen Augen, muskulösen und tätowierten Armen um ihre Taille und Händen in ihren Haaren sowie seinem Körper, der sich an ihren presste.

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537,07 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
07 ноября 2025
Объем:
271 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783969871058
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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