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Menschliches Maß und Königliche Kunst
Johann Gottfried Schadow. Künstler - Menschenfreund - Freimaurer
Jens Oberheide

Print: ISBN 978-3-96285-042-5

eBook EPUB: ISBN 978-3-96285-161-3

1. Auflage 2021

Copyright © by Salier Verlag, Leipzig

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Christine Friedrich-Leye, Leipzig

Satz, Layout, Herstellung: Salier Verlag, Bosestr. 5, 04109 Leipzig

Autor und Verlag danken herzlich für die großzügige Unterstützung der Großen Loge Royal York, ohne die dieses Werk nicht zustande gekommen wäre.


«Im Einklang mit seiner ganzen Natur erschien ihm die Kunst nicht als ein allein dastehendes, einfach dem Schönheitsideal nachstrebendes Ding, vielmehr sollte sie dem wirklichen Leben in der Vielheit seiner Erscheinungen und Ansprüche dienen … So entstanden jene Arbeiten, die unser Stolz und unsere Freude sind.»

Theodor Fontane (1819–1898)deutscher Schriftsteller, Dichter und Denker über Johann Gottfried Schadow


Die Quadriga auf dem Brandenburger Tor


Johann Gottfried Schadow, Selbstbildnis, 1824

Inhalt

Vorwort

1. Ein Talent lernt Handwerkskunst

2. Darstellende Kunst und menschlicher Ausdruck

3. Moralische Bildung

4. Begegnungen mit Folgen

5. Italienische Impressionen

6. Königliche Kunst

7. Hofbildhauer

8. Schadows Loge

9. Meister vom Stuhl

10. Aufnahme

11. Das Logenhaus

12. Familienleben

13. Das Brandenburger Tor

14. Ideal und Wirklichkeit

15. Menschenbilder

16. Die Prinzessinnengruppe

Friederike

Luise

17. Helden und Menschen

18. Vereinsleben

19. Selbstsichten

20. Karikaturen aus dem Logenleben

21. Der Reformer

Der Billardsaal

Gartenfest

Logengeheimnisse

22. Der Philosoph

23. Der Logiker

24. Das Schadow-Haus

25. Napoléon

26. Die Quadriga als Kriegsbeute

27. Napoléon-Karikaturen

28. Triumphale Rückkehr eines Symbols

29. Marianne Schadow

30. Die Söhne

31. Alleingelassen

32. Henriette Schadow

33. Königlich Preußische Akademie der Künste

34. Goethe und Blücher

35. Luther-Denkmal

36. Der Alte Fritz und seine Hunde

37. Ehre, wem Ehre gebührt

38. Logenleben

39. Schadows 50. Freimaurer-Jubiläum

Die Arbeit am Steine

40. Das Schadow-Fest

41. Abschied

Editorische Notiz

Zeittafel. Johann Gottfried Schadow

Quellen und Literatur

Personenregister

Bildnachweis

Vorwort

Was er an Ämtern, Titeln und Ehren im Laufe seines langen Lebens erarbeitet, erworben und verliehen bekommen hatte, steht in seinen Memoiren («Kunst-Werke und Kunst-Ansichten», Berlin, 1849) gleich anfangs hinter seinem (Verfasser-)Namen: «Hofbildhauer Seiner Majestät des Königs von Preußen, Direktor der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin, Ritter des Roten Adler-Ordens Zweiter Klasse mit dem Stern, des Ordens Pour le mérite für Wissenschaft und Kunst und des Königlich-Schwedischen Nordstern-Ordens; Mitglied der Kunstakademien zu Stockholm, Kopenhagen, Wien, München, Rom, Kassel, Dresden; korrespondierendes Mitglied der Akademien zu Paris und Brüssel,; Mitglied des Mecklenburgischen Patriotischen Vereins, der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur und des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde.» Eine wahrlich beeindruckende Aufzählung, die sich in europäischen Dimensionen bewegt. Sie ließe sich gewichtig fortsetzen, zum Beispiel mit dem Professorentitel und dem Ehrendoktor der Philosophie der Berliner Universität.


Johann Gottfried Schadow, Lithografie nach einer aquarellierten Silberstiftzeichnung von Ludwig Buchhorn, 1815

Dass Schadow 60 Jahre lang Freimaurer war, steht nicht darin. Dieser «Weltbund der Menschlichkeit» war schon damals eine eher diskrete Gesellschaft. Dennoch hat die Freimaurerei mit ihren Ideen und Idealen seit jeher auch anregend und ansteckend auf Geisteshaltung und Lebensstil ihrer Mitglieder gewirkt – und durch diese auch nach außen. Das war sicherlich auch bei Schadow so.

Freimaurer gehen im Grundverständnis davon aus, dass sie zwar nicht die Welt verändern, wohl aber dazu anstiften können, dass aus guten Menschen bessere werden, die sich dann für die bessere Welt und das bessere Miteinander der Menschen einsetzen. Schadows Geisteshaltung entsprach diesem Grundgedanken.

Johann Gottfried Schadows Persönlichkeit war geprägt durch eine »in der Aufklärung wurzelnde Bildung», durch «humanitäres Denken», dadurch, dass er «geistreich, energisch und gesellig» war und einen «ausgeprägten Familiensinn» besaß (Gisold Lammel: «Johann Gottfried Schadow», Berlin, 1987). Er besaß zudem eine große «Gelassenheit», viel «Selbstsicherheit» und sehr viel «Humor» (Joachim Lindner: «Wo die Götter wohnen», Berlin, 2008). «In schwierigen Zeiten bewies er Haltung und Charakter. Er bewahrte einen wachen Sinn für Soziales.» Er hatte ein «kraftvolles und im Wesentlichen hochgestimmtes Naturell» (Ulrike Krenzlin: «Johann Gottfried Schadow», Berlin, 1990). Er besaß «ironischen Witz und diese Art der direkten, unverblümten Sprache» (Claudia Czok: «Schadows Berlin», Berlin,1999). Die Freimaurerei hatte gewiss auch ihren Anteil an diesen Eckpunkten eines Charakterbildes.

Bis auf die gelegentliche Erwähnung in einigen Aufsätzen und Vorträgen ist Schadows Zugehörigkeit zum Bund der Freimaurer bisher noch nicht näher herausgearbeitet worden. Das soll hier versucht werden.

Jens Oberheide, im Februar 2021

1

Ein Talent lernt Handwerkskunst


Man lerne erst das Handwerk der Kunst! Wisse bevor – und dichte dann!

Johann Gottfried Schadow

Der Schneidermeister Gottfried Schadow (1738–1788) und seine Ehefrau Anna Katharina, geb. Nilles, (1740–1797) hatten fünf Kinder, zwei Jungen und drei Mädchen.

Johann Gottfried, der Erstgeborene, erblickte am 20. Mai 1764 des Licht der Welt. Die Schadows wohnten damals in Berlin zunächst in der Lindenstraße, nahe dem Halleschen Tor, bevor sie 1766 eine Wohnung in der Heiligengeiststraße Nr. 6/7 bezogen, in der Vater Schadow selbstständig als Schneider arbeitete.

Seine Hauptkundschaft fand er unter den bei Hofe tätigen Kunsthandwerkern und unter den Mitarbeitern der Königlichen Bildhauerwerkstatt. Darunter waren viele Franzosen, Nachfahren der Hugenotten, die in Berlin alle Freiheiten in Brauchtum, Sprache, Religion und Kunst wahrnehmen durften und das auch in Sachen Mode taten (was dem Schneider Schadow entgegenkam).

Nach dem «Edikt von Potsdam» (1685) des «Großen Kurfürsten» waren die Hugenotten als protestantische Glaubensflüchtlinge («Réfugiés») aus Frankreich in Berlin und Brandenburg herzlich willkommen gewesen. Um 1700 waren schon rund ein Fünftel der Einwohner Berlins aus Frankreich Zugewanderte.

Der zu Schadows Jugendzeit regierende Friedrich der Große (1712–1786), Freund französischer Sprache und Lebensart, der nicht nur mit Voltaire (1694–1778) gern französisch parlierte und philosophierte, war durchaus kunstsinnig. Er hielt allerdings relativ wenig «von deutschen Künstlern, ob es nun Schriftsteller, Komponisten, Sänger, Maler oder Bildhauer waren. Italiener oder Franzosen mussten es sein» (Joachim Lindner: «Wo die Götter wohnen», Berlin, 2008).

Diese Kunsthandwerker, «die sich nach des Tages Last und Mühe mit echt romanischer Grazie und Lebenslust in ihren goldbordierten Samtröcken mit bestickten Manschetten, Jabots und seidenen Kniehosen … wie Kavaliere bewegten» (ders.), bildeten die «Zielgruppe» des Schneidermeisters Gottfried Schadow. Er lieferte gute, modische Arbeit, doch die Zahlungsmoral seiner Künstler-Kunden war oft schlecht. Er brauchte aber dringend Geld, um seine Familie zu ernähren und die Stadtschule «Zum Grauen Kloster» zu bezahlen, die seine beiden Söhne besuchten.

Der älteste Schadow-Sohn, Johann Gottfried, hatte schon als Schüler großes Talent zum Zeichnen offenbart. Lehrer, Nachbarn, aber auch Fremde von der Straße, denen er Zeichnungen anbot, zeigten sich erstaunt und angetan von den Künsten des Knaben.

So kam es, wie Schadow später rückblickend schreibt, «zu einer zufälligen Veranlassung». Ein immer wieder säumiger Kunde seines Vaters, Giovanni Battista Selvino, Italiener, Modellzeichner und Bildhauergehilfe aus dem Königlichen Atelier, stand beim Schneidermeister derart «in der Kreide», dass man nach einer Lösung suchte. Wie wäre es, dachten die Schadows, wenn Selvino seine Schulden abarbeitete, indem er dem talentierten Knaben als «Gegenwert» Zeichenunterricht erteilte?

Und daraus entwickelte sich mehr. Während des Unterrichts bei Selvino entdeckte Madame Marie-Edmée Tassaert das Talent des jungen Schadow. Madame Tassaert, erfolgreiche Pastell- und Fächermalerin, französische Gattin des flämisch-stämmigen preußischen Hofbildhauers Jean Pierre Antoine Tassaert, nahm sich des vierzehnjährigen «garçon allemand» an und machte «Godefroi», wie sie Gottfried nannte, zum Zeichenschüler, der fortan ganztägig in den Ateliers der Künstler arbeiten und lernen durfte. Das alles fand in französischer Sprache statt, die Schadow bald auch perfekt beherrschte. Zusätzlich besuchte er gemeinsam mit Jean-Joseph Tassaert, dem Sohn des Hofbildhauers, Vorlesungen in der «Akademie der mechanischen Wissenschaften und Schönen Künste» im alten Marstallgebäude in Berlin Unter den Linden.

Schließlich wurde er «garçon d’atelier» beim Hofbildhauer Tassaert. Bei ihm lernte er in aller Gründlichkeit das Handwerk des Künstlers.

Tassaert (1727–1788) hatte in England und in Paris gearbeitet, bevor er 1770 nach Berlin übersiedelte und in die Dienste des preußischen Königshauses trat. Er schuf mehrere Statuen und Gruppen für das Palais des Prinzen Heinrich und fertigte etliche Porträtbüsten und Denkmale. Schließlich wurde er Rektor der Kunstakademie. Sein eifrigster Schüler wurde später sein Nachfolger: Johann Gottfried Schadow.


Schadows Lehrmeister Jean Pierre Antoine Tassaert, Mezzotinto, 1788

Der junge Schadow durchlief eine strenge handwerkliche und künstlerische Schule und nahm durchaus auch schon kritisch auf, was er sah. Er schildert beispielsweise, dass er dabei war, als Tassaert Moses Mendelssohn (1729–1786), den ersten bedeutenden jüdischen Philosophen deutscher Sprache, porträtiert und seine Büste aus Marmor herausgearbeitet hatte. Der junge Schadow selbst hatte den großen Mendelssohn, der körperlich ein kleiner, buckliger, feingliedriger Mann war, persönlich auf die Stellage geholfen, auf der er Modell sitzen musste, und er durfte das Entstehen des Werkes verfolgen. Vom Ergebnis war er allerdings deswegen nicht so sehr angetan, weil Tassaert nach seiner Auffassung das Wesen des klugen Denkers und feinsinnigen Philosophen nicht so getroffen hatte, wie es Schadows elementarem Kunstverständnis entsprach. Also versuchte er, dieses selbst zeichnerisch in einem Mendelssohn-Porträt auszudrücken.


Johann Gottfried Schadow: Moses Mendelssohn, Radierung, 1787

2

Darstellende Kunst und menschlicher Ausdruck


Von da, wo die Gemütsbewegungen dargestellt werden, beginnt eigentlich die Kunst.

Johann Gottfried Schadow

Gemeinsam mit dem Tassaert-Sohn Jean-Joseph begeisterte sich «Godefroi» Schadow auch für die darstellende Kunst. Madame Tassaert hatte ihnen ein Theater-Abonnement geschenkt, weil sie meinte, auch das gehöre zur umfassenden Bildung von Kunstjüngern.

So erlebten die beiden schon sehr früh den großen Mimen Friedrich Ludwig Schröder (1744–1816), der in Berlin «Hamlet» inszenierte und 1777 selbst die Hauptrolle übernahm. Im Dezember desselben Jahres spielte Schröder den König Lear, und im März 1780 war er erneut auf Gastspielreise in Berlin.

Schröder «war der erste, der es wagte, auf der Bühne natürlich zu sprechen» (Manfred Barthel: «Theater in Briefen», München, 1983). Er «spielte keine Rolle gut, er war immer der Mann selbst» (Friedrich Gottlieb Klopstock). «Seine Nachahmungsgabe überstieg alles Dagewesene» (Johann Wolfgang von Goethe). Schröder «hat versucht, Musik, Malerei, Poesie und Denken mit dem wirklichen Leben zu einigen» (Ludwig Tieck).

War es bisher üblich, am Theater mit großer Gestik und Gebärde zu agieren, so war gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit Schröder erstmals ein Schauspieler als wahrhafter Menschendarsteller präsent, der Charaktere überzeugend darstellen konnte und mit Gemütsregungen angemessen ausdrucksvoll umging.


Johann Gottfried Schadow: Szene aus «König Lear», Radierung, 1784

Schadow war deswegen so begeistert von Schröders Schauspielkunst, weil es ihm selbst künstlerisch um den menschlichen Ausdruck ging und weil er immer bemüht war, in seinen Zeichnungen und später auch in seinen bildhauerischen Arbeiten alles Pathetische, überzogen Gebärdenreiche zu vermeiden. Auch ein dargestellter Held war schließlich nur ein Mensch. Auf dem Zeichenblatt, in Marmor oder auf der Bühne.

Inspiriert vom Ausdrucksspiel Schröders, modellierte Schadow zusammen mit dem jungen Tassaert Handpuppen für das Puppenspiel, das sich damals einiger Beliebtheit erfreute. Für Schadow war es ein erster, noch spielerischer Entwicklungsschritt vom Zeichner zum Skulpteur.


Friedrich Ludwig Schröder als «König Lear», zeitgen. Grafik

Bei Friedrich Ludwig Schröder muss man neben dessen Schauspielkunst noch eine andere prägende Seite seiner Persönlichkeit ansprechen. Schröder war 1774 Freimaurer geworden, Mitglied der Loge «Emanuel zur Maienblume» in Hamburg, bei der er 1787 zum «Meister vom Stuhl» gewählt wurde. Das war die Zeit, als sich ein mystisch überhöhtes System von Ritualen und «Erkenntnisstufen» in den deutschen Landen verbreitet hatte. Schröder, Anhänger der geradlinigen «historischen» englischen Freimaurerei, trat gegen diese bunten Strömungen an und wurde fortan zum bedeutenden Reformator der deutschen Freimaurerei. Am Schröder’schen Lehrsystem orientieren sich bis heute viele Logen.

Ein anderer Reformer wirkte in den 1790er Jahren in Berlin: Ignaz Aurelius Feßler (1756–1839). Feßler war Mitglied der Loge, der auch Johann Gottfried Schadow ab 1790 angehörte. Es wird noch viel von ihm die Rede sein. Auch nach Feßlers Reformideen wird noch heute in den Logen gearbeitet.

Schröder und Feßler diskutierten über Form und Fassung ritueller Abläufe. Feßler sah diesen Gedankenaustausch «im Dienste der Vernunft und Tugend, im Kampfe und Arbeit für Wahrheit und Recht» (1798 in Schröders Stammbuch).

Schadow wird später noch in Verbindung zu diesen beiden Logenbrüdern stehen.

Das Theater hat Schadow sein Leben lang fasziniert. Er hat selbst Gedichte verfasst und vorgetragen, schrieb kleine Bühnenstücke und inszenierte Theater für private Kreise. Seine Stücke «Das Intermezzo» und «Der Teekessel» sind im Nachlass erhalten.

Im Theater fand er viele seiner Modelle. Schadow: «Schauspielerinnen sind für mich die interessantesten weiblichen Wesen und ziehen gewöhnlich die Aufmerksamkeit auf sich». So porträtierte er die Schauspielerinnen Friederike Unger, Henriette Sontag oder Louise Fleck. Eng verbunden war er mit dem Mann der Letztgenannten, dem Regisseur des Königlichen Nationaltheaters, Johann Ferdinand Fleck, dessen Grabmal er gestaltete (1801). Auch die Reliefs an der Fassade des Nationaltheaters am Gendarmenmarkt hatten (natürlich!) Theaterbezug. Schadow hat sie ebenso entworfen, wie die Figuren der Musen für den Theatervorhang.

Der künstlerische Ausdruckstanz interessierte ihn. Es gibt eine Reihe von Bewegungsstudien der Tänzer Salvatore Vigano und seiner Partnerin Josefa Maria.

Schließlich muss man Schadows Verbindung zum Direktor der Königlichen Schauspiele erwähnen, zu August Wilhelm Iffland (1759–1814), «…der auf der Bühne jeden seiner Finger mitsprechen ließ …» (Schadow).

Näher gekommen sind sich die beiden über das Theater, aber auch über die Freimaurerei. Iffland war von Friedrich Ludwig Schröder in Hamburg zum Freimaurer aufgenommen worden. Iffland schrieb Schröder die schönen (vielleicht freimaurerisch inspirierten) Worte ins Stammbuch: «Der bessere Mensch ist der bessere Künstler.»

Eine solche Grundhaltung hatte wohl auch Johann Gottfried Schadow. Sie musste sich freilich erst entwickeln. Die Lehrjahre bei Tassaert stehen am Anfang der Selbstfindung.


August Wilhelm Iffland als Pygmalion, Gemälde von Anton Graff, 1800

3

Moralische Bildung


Gerader Sinn und gerades Herz, … um richtig wahrzunehmen und unparteiisch zu handeln …

Marcus Herz

Ein künstlerisch eher ungewöhnliches Motiv steht am Anfang von Schadows künstlerischer Reputation. In der Nacht zum 28. Juli 1781 stürzte der Turm der neuen deutschen Kirche am Gendarmenmarkt ein. Ein Konstruktionsfehler? Auf jeden Fall ein Aufsehen erregendes Ereignis. Meister Tassaert schickte seinen jungen Schüler Schadow zum Ort des Geschehens, damit er die Ruine zeichnerisch erfasse. Er tat das von einem Fester des französischen Komödienhauses aus und hielt detailgenau fest, was er sah. Das Blatt wurde vielfach reproduziert und publiziert und fand höchste Aufmerksamkeit, so etwa, wie es heute mit einem aktuellen weitverbreiteten Pressefoto geschehen würde.


Johann Gottfried Schadow: Selbstbildnis als 17-jähriger Zeichner, Radierung, 1781

Diese aktuelle Prominenz, seine künstlerische Vielseitigkeit, sein sprachgewandtes Auftreten und seine Lebensart führten bald zu Einladungen in die damals so beliebten «Salons». Ab 1781 war Schadow gern gesehener Gast im Haus von Marcus und Henriette Herz. Da war er 17 Jahre jung.

Der gesellschaftlich angesehene Preuße jüdischen Glaubens, Marcus Herz (1747–1803), war Mediziner, aber auch Philosoph der Aufklärung mit vielfältigen Verbindungen zu Persönlichkeiten der Zeit. Er hatte u. a. bei Kant in Königsberg studiert, und Kant hatte ihm ein Empfehlungsschreiben an den Philosophen Moses Mendelssohn mitgegeben, bei dem er in Berlin seine Studien fortsetzte und schließlich mit Promotion und Professur reüssierte. Herz hatte auch Verbindung zu Gotthold Ephraim Lessing, den er sehr verehrte.

Die Salonnière Henriette Herz (1764–1847), gleichaltrig mit Johann Gottfried Schadow, war nach jüdischem Brauch als Zwölfjährige mit Marcus Herz verlobt worden und hatte diesen als Fünfzehnjährige geheiratet. Henriette Herz saß Schadow für eine Porträtbüste Modell. Er gestaltete das Bildnis einer der schönsten Frauen Berlins – sein plastisches Erstlingswerk. «Die nach dem Leben modellierte Büste der Henriette Herz offenbart, dass Schadow nicht einem Schönheitskanon folgte, sondern den Ausgleich zwischen Natur und Ideal sucht» (Götz Eckardt: «Johann Gottfried Schadow», Leipzig,1990).

Und den Hofrat Herz zeichnete er für seine «Profile nach dem Leben». Daneben entstand eine Fülle grafischer Arbeiten. Physiognomiestudien, Porträts, Karikaturen, Spottbilder, Satiren. Feder-, Kreide-, Rötelzeichnungen, Aquarelle, aber auch weit verbreitete Auflagen als Radierungen und Kupferstiche, später auch Lithografien.


Marcus Herz, 1795, Gemälde von Johann Friedrich Weitsch


Johann Gottfried Schadow: Henriette Herz, Zeichnung, 1783

Aus dem Berliner Salon der hochgebildeten Henriette Herz entwickelte sich der intellektuelle Mittelpunkt Berlins. «Freimaurerische und pietistische Einflüsse» hatten dazu geführt (Ingeborg Drewitz: «Herz, Henriette» in Deutsche Biografie 8, 1969). Auf Anregung der Brüder Humboldt, die zu den Stammgästen zählten, nannte sich die Gruppe, die sich regelmäßig im Salon traf «Tugendbund zur Übung werktätiger Liebe». Henriette Herz sagte gern «Verbündung» dazu.

Der Salon war überkonfessionell und aufklärerisch gesinnt, und entsprechend waren die Gäste. Man diskutierte über Ideal und Wirklichkeit, Lebensqualität und Sinn und las gemeinsam einschlägige Literatur. «Der Tugendbund, der sich als eine Art Loge wie in der Freimaurerei verstand, hatte hohe Ziele» (Udo Quak: «Glückliche Stunden hatte ich», Berlin, 2014). Als Ziele nannte Henriette Herz selbst «gegenseitige sittliche und geistige Heranbildung».


Johann Gottfried Schadow: Salon der Henriette Herz: literarisch, musikalisch, gesellschaftlich, Federzeichnung um 1800

Wilhelm von Humboldt an Henriette Herz: «Weil der Zweck der Loge Beglückung durch Liebe ist» und diese im «Verhältnis mit dem Grade moralischer Vollkommenheit … steht, so ist moralische Bildung das, wonach jeder Verbündete am eifrigsten strebt …» (in einem Brief vom 11. November 1787).

Die Teilnehmer gaben sich gewisse Rituale, die sich bei jedem Treffen wiederholten. So kreiste beispielsweise ein Zirkel, über den man im Sinne von Bezugspunkten und Gedankenkreisen nachdachte, und es gab ein Symbol für den Zirkelschlag: Einen Kreis mit einem Mittelpunkt, eine Art «Logo» des Salons. »Die Mitglieder nannten sich Brüder und Schwestern» (Udo Quak, ebd.) und verstanden sich als gleichberechtigt und gleichgesinnt, verbunden durch Dichtung, Kunst, Wissenschaft, Ethik und Moral. So war Freimaurerei durchaus ein «salonfähiges» Thema, vor allem aber deren Ideale vom besseren Miteinander für eine bessere Welt.

Auch Henriettes Mann Marcus hing diesen Idealen nach. Das führte ihn in die Berliner «Loge zur Toleranz». Diese «sollte auch aufgeklärten Juden offenstehen, die einen hohen Grad kultureller und moralischer Reife erlangt haben» (Anne Purschwitz: «Jude oder preußischer Bürger», Göttingen, 2018). Das ist deswegen so hervorgehoben, weil damals den Juden in beschämender Weise der Zutritt zu den überwiegend christlich orientierten preußischen Logen verwehrt war.

«Innerhalb der Gemeinschaft der Freimaurer wurde diese Loge (zur Toleranz) jedoch isoliert und konnte keine Vorbildfunktion entwickeln» (Anne Purschwitz, ebd.), obwohl die «Loge zur Toleranz» erklärtermaßen offen war für alle freien Geister und auf dem Boden der «Alten Pflichten» von 1723 stand. «In ihr fanden» auch «Isaak Daniel Itzig und Marcus Herz Aufnahme» (Anne Purschwitz, ebd.).

Karlheinz Gerlach («Die Loge zur Toleranz …», in: «Zeitschrift für Internationale Freimaurerforschung», Heft 2, 1999) kommentiert einen Aufsatz von 1790 mit dem Titel «Bekenntnis zur Loge der Toleranz» : «Es ist ein Dokument der Berliner Aufklärung. Die klare Gedankenführung spricht für die Autorenschaft des Lessing-Verehrers Marcus Herz.»

Freimaurerei ist für den Autor «Verbindungsmittel aller Künste, Wissenschaften, Stände, Religionen, Systeme und Regierungsformen». Das freimaurerische Geheimnis bestehe in nichts anderem als im «Verbinden allen Wissens und Denkens der verschiedenen Menschen …, das durch die vereinigten Kräfte einer stets tätigen Gesellschaft bewirkt werden» könne. Wesentliche Eigenschaften eines Freimaurers seien «gerader Sinn und gerades Herz …, um richtig wahrzunehmen und unparteilich zu handeln». Idealistisches Ziel: «… wenn wir ohne alles Dunkel im vollen Lichte und ganzer Wahrheit die reine Glückseligkeit genießen und in ihr unzerrüttbare Menschen sein werden». Marcus Herz fungierte als Redner der «Loge zur Toleranz». Seine Worte stehen auch dafür, dass für die aufgeklärten Kreise in Berlin die Freimaurerei ein durchaus attraktives Thema war.

Sie sollte auch eins für Johann Gottfried Schadow werden. Im Hause Herz wurden freimaurerische Gedanken thematisiert, und Schadow nahm lebhaften Anteil: «Einigen seiner Bekannten aus dem Hause Herz ist Schadow später, ab 1790, unter den Freimaurern wieder begegnet. Auch die Freimaurerlogen des 18. Jahrhunderts wollten über alle Zufälligkeiten des Lebens – wie Geburt, Stand, Glauben – hinweg wohlgesinnte Menschen zusammenbringen.» (Angelika Wesenberg: «Zwischen Aufklärung und Frühromantik», in «Johann Gottfried Schadow und die Kunst seiner Zeit», Köln, 1994)

4

Begegnungen mit Folgen


Streben nach allem Wahren, Guten, Schönen …

Logenordnung

Im März des Jahres 1785 war «die schöne Jüdin aus Wien», Marianne (Mattel) Devidels, zum Salon-Kreis der Henriette Herz gestoßen. Sie war eine junge Frau «mit Vergangenheit». Sie hatte ein uneheliches Kind. Der Kindesvater hatte sie schmählich sitzenlassen. Aus Gram und Scham war sie ins Kloster gegangen. Dafür musste sie jedoch vom Judentum zum Christentum konvertieren und katholisch werden. Ihr Kind wuchs bei den Großeltern auf.


Johann Gottfried Schadow: Marianne Devidels, Rötel auf Papier

Mariannes Vater Samuel Devidels war ein wohlhabender Wiener Juwelier. Er sorgte sich um das Schicksal seiner Tochter und erreichte schließlich nach fast sechs quälenden Jahren, dass seine Mattel aus dem strengen Klosterdasein «befreit» wurde. Er brachte sie zu entfernten Verwandten nach Berlin. Über jüdische Verwandtschafts-Kreise kam sie zu Henriette Herz und fand Gefallen an deren Salon, wo sie den fünf Jahre jüngeren Johann Gottfried Schadow kennenlernte.

Es war Sympathie auf den ersten Blick. Das geschah zu der Zeit, als Schadows Ausbilder Tassaert im Einvernehmen mit seiner Frau Marie-Edmée die gemeinsame Tochter Félicité «unter die Haube» zu bringen gedachte. Auserwählter war ausgerechnet der junge Schadow. Sie waren sicher, dass dieser eine glänzende Karriere machen und den gut dotierten Posten des Hofbildhauers als Nachfolger Tassaerts übernehmen würde. «Obwohl erst 19 Jahre alt, gedachte mein Meister, mir eine Frau zu geben. Die Bestimmte war ein artiges Kind, aber es hatte sich meine Neigung anderswo hingewendet. In stiller Verlegenheit verblieb ich bis zum Mai 1785, entfloh dann …, ließ fahren des Meisters Gunst, Pension und sonstige Aussichten …» (Johann Gottfried Schadow).

Hauptsächliches Fluchtmotiv war seine Marianne. Ein zweites Motiv «zu entfliehen» hatte zu tun mit dem Roman «Eusèbe» von Jean-Charles Tiebaut de la Veaux, für den Schadow den Titelkupfer mit dem «Triumph des Lasters» gestaltet hatte. Das Ganze war eine Satire gegen den Minister Graf Hertzberg. Das Buch wurde konfisziert. Dem Autor und seinem Illustrator drohten Schwierigkeiten. Zeitgleich dazu verbreiteten sich mehrere mutige satirische und gesellschaftskritische Blätter von Schadow, die ihm viel Bekanntheit, aber auch erheblichen Ärger mit den preußischen Tugendwächtern einbrachten.

So suchte und fand Schadow eine glaubwürdige Begründung dafür, allen Konflikten aus dem Wege zu gehen. Er beschloss und verkündete einen Studienaufenthalt in Rom, um sich an den klassischen Vorbildern weiterzubilden. Dagegen konnte keiner etwas sagen, und ein langgehegter Traum des Künstlers war es ohnehin.

Heimlich gab es freilich noch den Hintergedanken, vorher seine Mattel zu heiraten und Mariannes Eltern in Wien zu besuchen.

Vater Devidels war so großzügig, dem künftigen Schwiegersohn die Reise und ein durchaus üppiges Stipendium für die Rom-Studien zu finanzieren, und so «floh» Schadow mit seiner Geliebten 1785 aus Berlin. Die geplante Hochzeit stellte sich allerdings als schwierig heraus. Eine katholische Jüdin und ein noch nicht «ehemündiger» protestantischer Künstler konnten damals vor Kirche, Staat und Gesellschaft noch nicht standhalten. So lebten die beiden zunächst in «wilder Ehe».

Eine der Zwischenstationen auf dem Weg nach Wien und Rom war Dresden. Schadow folgte damit der Einladung des berühmten Porträtmalers Anton Graff (1736–1813), mit dem er in Verbindung stand und dessen Kunst er verehrte. Graff verstand es, in seinen Bildnissen den Charakter des Menschen zu erfassen, über die äußere Ähnlichkeit hinaus. Das war genau die Intention, die Schadow bei seinen eigenen Arbeiten verfolgte.


Anton Graff, Selbstbildnis mit grünem Augenschirm, 1813

Bei Graff und dessen Frau gaben sich Schadow und seine Marianne als Verheiratete aus. Es wurde nicht hinterfragt. Graff interessierte sich mehr für die grafische Mappe Schadows und nahm sich Blatt für Blatt vor. Sie sprachen über Rom und die Kunst der Vorväter. Schließlich gab Graff seinem Besucher ein Empfehlungsschreiben an den Bildhauer Franz Anton von Zauner in Wien, der ihn zu römischen Verbindungen weiter vermitteln sollte.

Ende Mai 1785 trafen Schadow und seine Marianne in Wien ein, wo sie von den Schwiegereltern herzlich in Empfang genommen wurden. Sie mussten gestehen, dass es ihnen noch nicht gelungen war zu heiraten. Vater Devidels hatte aber die Nachricht von der Hochzeit unter Verwandten und Bekannten bereits verbreitet. So mussten sie das Spiel – nun freilich familiär geduldet – weiterspielen.

Als Schadow mit dem Empfehlungsschreiben von Graff den Wiener Bildhauer Franz Anton von Zauner besuchte, traf er auf eine Lebenseinstellung und auf Ideale, die ihm schon vertraut vorkamen.

Franz Anton von Zauner (1746–1822) war Freimaurer, 1784 in der Loge «Zur wahren Eintracht» in Wien aufgenommen, einer «Gemeinschaft in brüderlicher Liebe und gemeinsamen Streben nach allem Wahren, Guten, Schönen» (so steht es in der Logenordnung).


Porträt von Franz Anton von Zauner an der Fassade des Landesmuseums Ferdinandeum in Innsbruck, 2016

Meister vom Stuhl der Loge «Zur wahren Eintracht» war Ignaz Edler von Born (1742–1791), der für Mozart und Schikaneder Vorbild des weisen Sarastro in der «Zauberflöte» wurde und sich beziehungsreich zitieren lässt: «Ist Wahrheit, Weisheit und die Beförderung der Glückseligkeit des ganzen Menschengeschlechts nicht auch der eigentliche Endzweck unserer Verbindung?» (Ignaz von Born im «Journal für Freymaurer»)

Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791), Mitglied der Wiener Loge «Zur Wohltätigkeit», war häufig Gast in der «wahren Eintracht» und wurde dort auch durch Ignaz von Born zum freimaurerischen Gesellen befördert. Zu den Mitgliedern der Loge «Zur wahren Eintracht» zählte neben vielen Wiener Persönlichkeiten auch Joseph Haydn (1732–1809).

Zauner, Schöpfer des Wiener Kaiser-Joseph-Denkmals und des Grabmals für Leopold II. in der Augustinerkirche, hat übrigens später auch ein Denkmal für Ignaz von Born gestaltet und am Sockel freimaurerische Symbolik untergebracht.

Schadow hatte die freimaurerisch inspirierte Ausrichtung des Salons von Henriette Herz in bester und frischer Erinnerung. Er hatte sich möglicherweise auch in Gesprächen mit Marcus Herz über Ideale des Bundes ausgetauscht. Nun war Franz Anton von Zauner ein weiterer Stichwortgeber. Vier Wochen lang weilte Schadow in der Donaumetropole. In dieser Zeit traf er sich immer wieder mit Zauner, und zwischen den beiden entwickelte sich eine herzliche Freundschaft.

«Mit dem Bildhauer Franz Zauner verbündet er sich innig, so dass sie lange nach Schadows Abreise noch einen fruchtbaren Gedankenaustausch führen. Dieses Bündnis hat tiefreichende menschliche und künstlerische Wurzeln.» (Joachim Lindner: «Wo die Götter wohnen», Berlin, 2008)

5

Italienische Impressionen


Es war «die heftigste Erschütterung, welche aus Bewunderung für die Schönheiten der Kunst in ihm erregt wurde …»

Johann Gottfried Schadow

Zwischenstation auf dem Weg nach Rom war Florenz. Schadow begab sich begeistert auf die Spuren der «alten Meister», wie die der Renaissance, die immer wieder die Proportionierung nach den Maßverhältnissen des menschlichen Körpers gesucht haben. «Als er nach Florenz kam», schrieb er in seinen Erinnerungen, «und die kolossalen Arbeiten des Michelangelo und Giovan di Bologna auf offenem Platze sah, liefs ihm eiskalt über den Rücken». Er verfolgte die künstlerischen Gedanken von Johann Joachim Winckelmann, der die «edle und stille Größe» als Schönheitsideal des «archäologischen Klassizismus» aufgefasst hatte (1755). Er durchstreifte die Kirchen und Paläste, besuchte die Gemäldegalerien und fühlte sich nahezu heimisch in den Uffizien. Das war seine Welt. Kunst zu sehen, zu erleben, in sich aufzunehmen und sich anregen zu lassen. Es war «die heftigste Erschütterung, welche aus Bewunderung für die Schönheiten der Kunst in ihm erregt wurde» (Schadow). Schadow war ständig mit dem Skizzenbuch unterwegs, hielt fest, was die alten Meister geschaffen hatten und interpretierte sie. Marianne war seine geduldige Begleiterin.


Römische Inspirationen: Michelangelos «Die Erschaffung des Adam» (Detail)

Im Juli 1785 trafen sie in Rom ein, und die «Ewige Stadt» faszinierte ihn über alle Maßen. Mit dem Empfehlungsbrief von Zauner aus Wien wurden die Reisenden herzlich durch Alexander Trippel (1744–1793) empfangen. Trippel, ein Schweizer Bildhauer, wohnte und arbeitete seit 1778 in Rom, wo er mit seiner Bildhauerwerkstatt großes Ansehen genoss. Bekannt wurde Trippel vor allem durch zwei von ihm geschaffene Marmorbüsten Goethes.

Trippel, dem sich die Unverheirateten anvertrauten, nutzte seine Verbindungen zur Kirche, um das Ersehnte – eine legitimierte Hochzeit – wahr werden zu lassen. Trippel knüpfte klerikale Fäden. Da Mischehen natürlich auch in Rom nicht erlaubt waren, musste Schadow zum Katholizismus konvertieren. Über Trippels Netzwerke war das ein kurzer formeller Akt. Damit stand der Hochzeit nichts mehr im Wege, und so konnte am 24. August 1785 die Ehe geschlossen werden. Da war Schadow gerade 21 Jahre alt (aber damit «volljährig»).


Alexander Trippel, nach einer Zeichnung von Joh. Friedr. Clemens, 1775

Auf die Gelegenheit, den «zweckgebundenen» Übertritt zum Katholizismus zurückzunehmen und wieder zum Protestantismus zurückzukehren, hoffte er nach der Rückkehr in die Heimat.

Die Schadows wohnten in Rom in der Nähe der Spanischen Treppe, in der Via Babuino, wo am 10. Juli 1786 ihr erster Sohn geboren wurde, getauft auf den Namen Carolus Zenon Ridolfus, genannt Ridolfo (Rudolf).

Schadow zeichnete während seines Romaufenthaltes unentwegt, auch seine Familie, seine schwangere Frau beispielsweise und nach der glücklichen Geburt auch seinen kleinen Sohn.

Schadow arbeitete auch plastisch. Er beteiligte sich sogar an einem Wettbewerb und gewann mit der Skulptur «Perseus befreit Andromeda» den zweiten Preis. Schadow: «… das ganze Schauspiel, wozu sich fast alle Einwohner Roms, Vornehme und Geringe, versammelt haben, ist mit viel Pomp begleitet …» Viele «Günstlinge» seien wohl unter den Preisträgern gewesen, umso «schmeichelhafter» war es für Schadow, «dass ihm die Akademie den Preis zuerkannte, da er ihn ohne alle vornehme Beschützer einzig und allein seinem Talente zu verdanken hatte».

Zum ersten Mal wurde ein Preuße von der Römischen Akademie mit dem begehrten Balestrapreis ausgezeichnet. Das sorgte für Furore.

Schadow schloss Bekanntschaft mit Antonio Canova (1757–1822), dem Hauptvertreter des italienischen Klassizismus. «Am engsten verband Canova und Schadow die übereinstimmende Auffassung von der Kunst. Beide fühlten sich der Antike verpflichtet, aber sie waren sich darin einig, dass die Harmonie und Schönheit der Alten nicht durch bloße Nachahmung zu erreichen sei, dabei leide die Lebensfrische und Natürlichkeit.» (Joachim Lindner: «Wo die Götter wohnen», Berlin 2008)


Antonio Canova, Selbstbildnis, 1792

So arbeitete Schadow in Rom weiter an der menschlichen Vertiefung des Abbildlichen. Einige seiner «römischen Blätter» zeugen davon.

Es gab viel Beifall, aber es gab auch ganz persönliche Kritik. Die durfte sich einer seiner engsten Freunde erlauben: Karl August Böttiger (1760–1835): Der bemängelte in einem Brief beispielsweise Schadows «Künstlerstolz», der ihm in Rom «viel Achtung», aber «wenig Liebe» einbrächte.

Kritik von Böttiger konnte Schadow selbstkritisch ertragen, manchmal fühlte er sich aber auch herausgefordert, wenn Böttiger Schadows Kunstwerke analysierte (es gibt eine ganze Reihe überlieferter Kritiken und gegenseitiger Argumente). Andererseits waren die beiden so gut befreundet, dass Schadow so ganz nebenbei auch intime Details aus seiner täglichen Arbeit ausplaudern mochte. Kleine Randnotiz für Böttiger: Da saß ihm beispielsweise ein Prominenter Modell. Dieser

«… machte sich jung, frisé, poudré, cacadou … Alle seine Gesichtsbewegungen Grimasse …» Und das ihm, Schadow, der doch stets um die Darstellung des rein Menschlichen und Ungeschminkten bemüht war.


Karl August Böttiger, Gemälde von Joh. F. August Tischbein, 1795

Karl August Böttiger war Philologe, Archäologe und Schriftsteller, seit 1783 auch Freimaurer, aufgenommen in der Loge «Zum goldenen Apfel» in Dresden. Später wirkte Böttiger in Weimar, wo er sich Goethes Loge «Anna Amalia zu den drei Rosen» anschloss. Die Tatsache, dass sie sich nicht oft treffen konnten, überbrückten Schadow und Böttiger mit einer lebenslangen Korrespondenz. Auch Böttiger zählt sicherlich zu den Wegbegleitern, die Schadow der freimaurerischen Idee nähergebracht haben.

Während Schadows Rom-Aufenthalt starb Friedrich II., der Große, in Berlin (am 17. August 1786). Friedrich Wilhelm II. wurde preußischer König. Schadow konzipierte in Rom ein monumentales Friedrich-Denkmal und schickte die Entwürfe nach Berlin, wo man sie mit viel Interesse studierte. Das führte dazu, dass man darüber nachdachte, den inzwischen renommierten Künstler in die preußische Hauptstadt zurückzuholen.

In Berlin hatte es einige Veränderungen der Kulturlandschaft gegeben. Die Führung der Akademie der Künste lag nun erstmals in den Händen eines Deutschen: Christian Bernhard Rode (1725–1797). Reformen waren angesagt. Verantwortlich dafür war Staatsminister Friedrich Anton Freiherr von Heinitz (1725–1802), der die bis dahin dem König unterstellte Hofbildhauerwerkstatt an die Akademie anschloss. Im Zuge dieser Veränderungen begann Heinitz, sich für den jungen Bildhauer Schadow in Rom zu interessieren, der sich bereits mit etlichen Arbeiten einen Namen gemacht hatte. Heinitz unterbreitete Schadow mehrere Vorschläge, wie dieser der Akademie der Künste «nützliche Dienste» leisten könne. Schadow durfte sich auf interessante Perspektiven freuen.


Schadows Förderer Friedrich Anton Frhr. von Heinitz, Radierung von Daniel Berger, 1789

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Königliche Kunst


… der Künstler, der weniger am Buchstaben hängt, als am Geist …

Charles Lenient

Im Herbst 1787 verließ Schadow mit seiner Familie nach einem zweijährigen Aufenthalt Rom und kehrte nach Berlin zurück. Die wegen der Heirat notwendig gewordene Konversion lastete allerdings «wie ein Alpdruck auf Schadow» (Ulrike Krenzlin: «Johann Gottfried Schadow», Berlin 1990). Es gelang ihm, dem protestantischen Pfarrer der Marienkirche, Johann Friedrich Zöllner (1753–1804), sein Problem vorzutragen und den Geistlichen zu bitten, die Konversion rückgängig zu machen. Zöllner galt als liberaler aufklärerischer Denker. Nicht von ungefähr: Zöllner war Freimaurer (später sogar Nationalgroßmeister der Großen National-Mutterloge «Zu den drei Weltkugeln»). Und er war ein Liebhaber der Satire, wie Johann Gottfried Schadow. Hier folgt eine seiner bezeichnenden Spötteleien, ein «Fabelchen», wie er es nannte. Frei nach Kant augenzwinkernd «Was ist Aufklärung?»:


Ein Affe steckt’ einst einen Hain

von Zedern nachts in Brand,

und freute sich dann ungemein,

als er’s so helle fand.

Kommt Brüder, seht, was ich vermag.

Ich, – ich verwandle Nacht in Tag!

Die Brüder kamen groß und klein,

bewunderten den Glanz,

und alle fingen an zu schrein:

Hoch lebe Bruder Hans!

Hans Affe ist des Nachruhms wert,

er hat die Gegend aufgeklärt!

Zöllner und Schadow waren sozusagen Brüder im Geiste. Spottlust und Ironie verband sie. Pastor Zöllner entsprach dem Wunsch Schadows, zum Protestantismus zurückzukehren, und zwischen den beiden entwickelte sich ein herzlich vertrautes Verhältnis.


Johann Friedrich Zöllner, 1797, verschollenes Porträt von Friederike Julie Lisiewska (Abb. aus «Mecklenburgische Monatshefte», 1929)

Der kontaktfreudige Schadow hatte auch Verbindung zu den führenden Architekten seiner Zeit. Zwei davon wurden Taufpaten bei der Geburt seines zweiten Sohnes Wilhelm im Juli 1788: Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff und Carl Gotthard Langhans. Beide Freimaurer.

Erdmannsdorff war Mitglied der Loge «Minerva zu den drei Palmen» in Leipzig und Langhans Mitglied der Loge «Zur Säule» in Breslau. Dritter Pate war der Kurator der Akademie, Staatsminister von Heinitz.

Schadow hatte natürlich auch Verbindungen zu Künstlerkollegen. Zwei davon sollten eine besondere Rolle spielen. Sie brachten Schadow zur Loge und wurden seine Bürgen bei der Aufnahme zum Freimaurer.

Edward Francis Cunningham (1742–1795), auch Francesco Calza genannt, war ein schottischer Porträtmaler, der nach Kunst-Studien in Parma, Rom, Venedig und Paris in Berlin gelandet war. Josef Friedrich August Darbes (1747–1810) war ebenfalls Maler, Professor an der Akademie der Künste. Karl August Varnhagen von Ense schrieb über ihn: «Professor Darbes, … vorzüglich … als heiterer und kundiger Lebemann geschätzt und gesucht, war in der Berliner Gesellschaftswelt sehr ausgebreitet; seine Kunst, sein unterhaltender Humor, seine gewandte Sprachfertigkeit und besonders auch die Freimaurerei, welche er von Grund aus zu kennen und mit Eifer zu treiben im Rufe stand, gaben ihm in den vornehmsten wie in den mittleren Kreisen leichten Zutritt und ein gewisses Ansehen.»

Cunningham und Darbes sprachen Schadow darauf an, ihn der Freimaurerloge «Royal York de l’Amitié» als Gast zuzuführen. Ob er aufgenommen werden wolle, müsse er selbst entscheiden.

Schadow hatte sich viel mit Inhalten und Idealen des Bundes beschäftigt und mehrere Freimaurer kennen und schätzen gelernt. Darunter war auch der Hauptvertreter der Berliner Aufklärung, Friedrich Nicolai (1733–1811), dessen Porträtbüste er später gestaltete.


Friedrich Nikolai, Gemälde von Ferdinand Kollmann (nach Anton Graff), 1783/1790

Nicolai, Schriftsteller, Freund Lessings und Mendelssohns, war Mitglied der Berliner Loge «Zur Eintracht». 1782 hatte er kurz und treffend geschrieben: Die Freimaurerei «… ist eine international verbreitete Vereinigung, die unter Achtung der Würde des Menschen für Toleranz, freie Entfaltung der Persönlichkeit, Brüderlichkeit und allgemeine Menschenliebe» eintritt.

In diesem Sinn ist die Freimaurerei die Idee des sinnvollen Bauens und Gestaltens von Zeit und Raum. Freimaurerei ist aber auch ein geselliger Freundschaftsbund mit vielfältigen kulturellen Bezügen.

Als Gründungsjahr der modernen Freimaurerei nimmt man das Jahr 1717 an, als sich am 24. Juni in London vier Logen zusammenschlossen, um eine «Großloge» zu gründen.

Die Vorgeschichte der Freimaurerei beginnt mit den mittelalterlichen Bauhütten, an denen sie sich bis heute symbolisch orientiert. Freimaurerei konnte sich aber erst im Zeitalter der Aufklärung entfalten und weltweit verbreiten. Die Emanzipation der Vernunft hat die Entstehung und Verbreitung stark beeinflusst. Die Definition des Philosophen Immanuel Kant (1724–1804): «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen», könnte auch (immer noch) Wahlspruch der Freimaurerei sein.

Ganz allgemein muss man davon ausgehen, dass die Vorsilbe «frei» nichts anderes bedeutet, als frei zu sein von etwas, also beispielsweise von Abhängigkeiten oder Zwängen (das waren früher z. B. auch Zunftzwänge). Und so ist der «freie Maurer» im übertragenen Sinn jemand, der selbstbewusst und ohne Fremdbestimmung sein eigenes Leben «ausbaut». Die frühen Freimaurer waren «freie Denker, zweifellos Männer des Glaubens, aber eines weiträumigen, unabhängigen Glaubens, wie der Künstler, der weniger am Buchstaben hängt, als am Geist» (Charles Lenient).

Selbst wenn man die geschichtliche Herkunft nicht eindeutig bei den Bauhütten festmachen kann, lässt sich die Symbolik gut darauf beziehen, denn diese meint eine ideelle Übersetzung von der Baukunst in eine Kunst zu leben.

Dass man Freimaurerei auch «Königliche Kunst» nennt, ist zurückzuführen auf den englischen Geistlichen Anderson, der in der freimaurerischen «Konstitution» von 1723 sinngemäß gesagt hatte, die Kunst, recht zu leben, sei die «edelste und vornehmste aller Künste», und darum könne man sie «königlich» nennen.

Zwischen 1788 und 1790 hatte Schadow mehrere vertiefende Gespräche mit verschiedenen Logenbrüdern. Sie wollten ihn, und er war «reif». Cunningham und Darbes unterstützten ihn beim Verfassen seines Aufnahmeantrages und übernahmen die Bürgschaft für ihn.

Zunächst ging es aber beruflich rasant bergauf.

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25 мая 2021
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9783962851613
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