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Jasmin Winter
Ich will brennen
Flucht aus der heilen Welt
Roman
Texte: © Copyright by Kathrin Reinprecht
Umschlaggestaltung: © Copyright by Kathrin Reinprecht
Verlag:
Kathrin Reinprecht
kathrin.reinprecht@gmail.com
Vertrieb: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Für Christina
Schwieriger Start
Kapitel 1
„They tried to make me go to Rehab, but I said no, no, no“ -
Amy Winehouse
Die Tür fällt zu. Jetzt ist es so weit: ich bin allein. Liege auf dem Bett in einem Zimmer der Klinik Roseneck am Chiemsee, das in den nächsten Wochen und Monaten mein zu Hause sein wird. Wie konnte es nur so weit kommen? Ich breche erst einmal in ein leises Schluchzen aus und steigere mich in einen nicht mehr enden wollenden Heulanfall. Verzweifelt, eingerollt wie ein Embryo, lasse ich mich völlig fallen und gebe mich meinem Elend hin. Ich hatte mir das Aufnahmeverfahren schlimm vorgestellt und so war es auch. Knallhart. Fragen, die ich zu beantworten hatte. Und ich habe Antworten gegeben über intime und persönliche Details, die ich noch nie zuvor laut ausgesprochen hatte und auch mir selbst gegenüber nicht eingestehen wollte. Ja, ich hatte definitiv ein Problem (oder mehrere?) und das galt es nun in den Griff zu bekommen.
Am Morgen war ich aufgeregt und müde nach einer schlaflosen Nacht angekommen. Mein Freund Andi hatte mich in die Klinik gebracht und meine zwei großen Reisetaschen hineingetragen. Verschiedene ärztliche Untersuchungen und „Befragungen“ folgten, bis hin zum großen Moment der Wahrheit: das Wiegen. Die Waage sagte 41,2 Kilo. Wenig. Aber doch immer noch zu viel. Ich hatte es nicht geschafft grazil und zart zu werden. So war ich nun einmal: untergewichtig laut Definition, gefühlt aber immer noch zu dick und plump. Ein Foto wird gemacht, damit mich die Schwester und der seltsame Mann, der die Station C3 betreut, auch erkennen und dann bin ich erlöst. Zurück in meinem Zimmer verabschiede ich mich von Andi und bin nun auf mich allein gestellt. Ja, ich möchte etwas ändern und gesund werden, denn so kann es nicht weitergehen. Andererseits fällt es mir wirklich schwer, loszulassen und mein lang erkämpftes niedriges Gewicht aufzugeben.
Wieder einmal ein Zwiespalt, der mich quält. Wie so oft in meinem bisherigen jungen Leben fühle ich mich innerlich zerrissen. Gefangen zwischen Extremen, zwischen Schwarz und Weiß. Gesund werden oder krank bleiben? Doch warum wurde ich krank?
Rückblick
Es begann alles im Februar 1986. Ich wurde als Jasmin Winter geboren, ein Kind von zwei Akademikern. Meine Eltern hatten sich auf dem Gymnasium in meiner Heimatstadt kennengelernt, drei Jahre Altersunterschied. Nach dem Abitur studierten sie beide in München und lebten dort mit einem Freund in einer Wohngemeinschaft. Danach wurde geheiratet und ein Kind bekommen. Alles so, wie sich das nun einmal gehörte, wie „man das eben machte“ und es „normal“ war – in einer Kleinstadt und zu dieser Zeit. Vier Jahre später kam dann mein Bruder zur Welt. Wir waren eine ganz normale Familie. Der Vater musste früh los zur Arbeit und kam spät wieder. Vermisst haben wir ihn nicht. Die Mutter war an der örtlichen Grundschule, die ich auch besuchte, als Lehrerin tätig. Zu Mittag wurde bei meiner Oma gegessen, die uns Kinder natürlich sehr verwöhnte. Wir bekamen immer, was wir wollten, mussten nie essen, was uns nicht schmeckte. Ich war ein schlankes Mädchen und stolz darauf. Auch hörte ich gerne, wenn meine Oma sich Sorgen machte, ich könnte magersüchtig werden. Das hieß, ich war schlank, ohne dass ich etwas dafür tun musste. Schließlich aß ich einfach alles, worauf ich Lust hatte, ich war ein Kind und es gab keinerlei Veranlagung zu Übergewicht.
Mit der Zeit, etwa als ich zwölf Jahre alt war, entglitt diese vermeintlich heile Welt. Ich bemerkte, dass mein Vater, wenn er abends nach Hause kam, ein Bier nach dem anderen trank. Ich hörte das Zischen beim Öffnen der Erdinger Weißbier-Flasche und vernahm das Klackern des Getränkekastens, als er eine leere Flasche zurückstellte, um sich daraufhin eine neue zu holen, um diese wieder zu öffnen. Bei jeder Mahlzeit zierte ein Weizenglas unseren Esstisch. Außer beim Mittagessen an den Wochenenden. Da wurde gerne auch einmal eine Flasche Wein geleert. Mein Vater hatte Probleme. Deutlich bewusst wurde mir dies, als sich der Standort seines Arbeitsplatzes um ca. 100 Kilometer weiter weg verlagerte. Nun stand eine Entscheidung an. Sollte die ganze Familie umziehen? Wir weigerten uns. Ich hatte Freunde gefunden, war fest eingebunden in die Musikschule der Stadt und auch meine Mutter wollte bleiben. Für meinen Vater hieß das nun, dass er noch weniger zu Hause bei seiner Familie sein konnte als bisher. Er nahm sich ein kleines Appartement auf dem Gelände seiner Firma, wo er als Bauingenieur unterrichtete und zudem die Position des stellvertretenden Chefs innehatte. Dort war er jemand. Er hatte Macht und genoss diese auch, was man an seinen Geschichten aus der Arbeit, die er zu jeglichen Feiern erzählte, erkennen konnte. Einmal während der Woche und dann an den Wochenenden kam er nach Hause zu seiner Familie und sorgte dort für Anspannung. Vor seiner Ankunft wurde fieberhaft das Haus in Ordnung gebracht und aufgeräumt. Schon allein das Geräusch, welches das Garagentor, direkt unter meinem Zimmer gelegen, verursachte, ließ in mir das Gefühl von Panik aufkommen. Streit über die Unordnung meiner Mutter und die Untätigkeit meines Vaters an den Wochenenden stand regelmäßig auf dem Plan. Sie wollte etwas erleben, hinausgehen und Unternehmungen mit Bekannten vereinbaren, während er lieber zu Hause bleiben und in seinem Garten oder auf der Terrasse relaxen wollte. Die Atmosphäre war angespannt und ich verließ mein Zimmer nur zu den gemeinsamen Mahlzeiten, die natürlich Pflicht für alle Familienmitglieder waren.
Heute
Auch hier in der Klinik sind die drei Mahlzeiten am Tag Pflicht und ich werde dabei nun akribisch beobachtet. Die ca. 25 Mädels (inklusive zwei Jungs) unserer Station sitzen an drei Tischen, davon einer der Familientisch für die Fortgeschrittenen. Es ist beim Frühstück und Abendessen genau festgelegt, welcher Tisch welcher Station wann aufstehen und Essen fassen darf (oder besser muss?). Heute bei meinem ersten Abendessen in der Klinik sind wir vier Neuankömmlinge. Wir sind uns auf einen Schlag sympathisch, die neue Situation schweißt uns zusammen. Da gibt es einmal die zehn Jahre ältere Daniela (Bulimie), die beim Finanzamt arbeitet und mit ihrer Vergangenheit als Pflegekind zu kämpfen hat. Sie scheint eine lustige Person mit trockenem Humor zu sein, was mir auf Anhieb gut gefällt. Daniela ist weder dick noch dünn, sondern wie man so schön sagt: normal gebaut. Ungefähr im gleichen Alter ist Liane, eine groß gewachsene junge Frau, die ihr Haar auch kurz trägt. Liane hat bereits einen längeren Klinikaufenthalt hinter sich und möchte ihre Magersucht und die damit verbundene Sucht nach Sport völlig überwinden. Im richtigen Leben arbeitet sie als Lehrerin und nach einiger On-Off-Zeit hat sie auch schon ihren Mann fürs Leben gefunden. Dann ist da noch Laura, eine pummelige 18Jährige, die nur eben mal die drei Wochen Auszeit hier mitnehmen will, bevor ihr neues Leben in London beginnt. Laura macht einen sehr sympathischen Eindruck und versichert uns mit fester Überzeugung, dass sie eigentlich keine „richtige“ Essproblematik habe und irrtümlich hier gelandet sei. Diese drei Mädels schließe ich sofort in mein Herz und ich bin einfach nur froh, nicht die einzig Neue hier zu sein. Vor und nach dem Essen wird „geblitzt“. Das heißt, wir benennen unsere Gefühle und was uns heute beschäftigt. Zwei Brote mit Butter und Belag sind die Auflage, die es zu bewältigen gilt. Einige Mädchen weinen. Als „Neue“ muss die Mindestmenge noch nicht gegessen werden, erst in den nächsten Tagen soll gesteigert werden. Ich esse ein Brot und habe noch Hunger. Aber ich unterdrücke es, schließlich will ich nicht zu viel zunehmen und drin bleiben sollte es auch. Die Angst vor der Waage am nächsten Tag dominiert meine Gedanken, bis ich endlich erschöpft in den Schlaf falle.
Kapitel 2
„I am beautiful, no matter what they say!“ - Christina Aquilera
Die nächsten Tage in der Klinik plätschern ruhig dahin, schließlich ist es kurz vor Weihnachten und das Personal läuft auf Sparflamme. Auf dem Programm stehen ausnahmslos die Mahlzeiten, beginnend mit dem Frühstück. Dabei wird streng überwacht, dass jede die erforderliche Menge (zwei Semmeln mit Butter und Belag) zu sich nimmt. Das Mittagessen wird bereits portioniert an den Platz gebracht und es ist bei einigen stark untergewichtigen Mädchen sogar erwünscht, dass sie Nachschlag verlangen. Auch die Nachspeise, meist ein Pudding mit sehr unangenehmer Konsistenz, bei dem mir schon übel wird, wenn ich nur daran denke, muss zumindest mit drei Löffeln probiert werden. Ich halte mich an die Regeln, nehme mir aber fest vor, niemals Nachschlag zu verlangen und vom ekligen Pudding nie mehr als zwingend erforderlich zu essen. Abends läuft es dann ähnlich wie beim Frühstück, nur dass es statt zwei Semmeln nun drei Brote (bei neuen Patientinnen sind vorerst auch zwei Brote erlaubt) mit Belag sind. Da es sonst keine anderen Termine gibt, bleibt viel Zeit zum Grübeln. Wo stehe ich gerade in meinem Leben?
Rückblick
Nach dem Abitur 2005, also vor gut drei Jahren, bin ich nach Hannover gezogen und habe mein Studium begonnen: Pädagogik und Soziologie. Ich bin eine fleißige und zuverlässige Studentin und hatte eigentlich auch vor, meinen Abschluss vor Ablauf der Regelstudienzeit zu schaffen. Das kann ich nun auf Eis legen, weil ich hier in der Klinik bin, was als Urlaubssemester wegen Krankheit gilt. Während der Semesterferien habe ich Praktika absolviert, um mich von meinen immer stärker werdenden Depressionen abzulenken. Es fehlt nur noch meine Magisterarbeit und die Prüfung, dann wäre ich fertig. Es ärgert mich sehr, dass ich so kurz vor dem Ziel nun eine Zwangspause einlegen muss. Aber Andi und dessen Mutter haben mich quasi erpresst. Im Laufe meiner Beziehung mit Andi hat sich meine Essstörung manifestiert, was sicher auch damit zusammenhängt, dass in meiner eigenen Wohnung mein Essverhalten von niemandem kontrolliert wurde. In den letzten Wochen und Monaten war es wirklich so schlimm, dass sich alle meine Gedanken nur noch um Essen drehten: „Woher bekomme ich viel Essen für möglichst wenig Geld? Was esse ich wann? Wann habe ich „Zwangs-Esspause“, weil ich die Pille nehme und mich die Stunden danach nicht übergeben darf? Was ist eine normale Portion, die ich in der Öffentlichkeit vor anderen essen darf?“ Zudem stellte ich mich nach jeder Mahlzeit auf die Waage, um sicher zu gehen, dass ich nicht zugenommen hatte. Dieses Spiel „Essen - Wasser trinken - Kotzen - Wiegen - Wasser trinken - Kotzen - Wiegen“ beschäftigte mich den ganzen Tag bis zur völligen Erschöpfung. Klar muss das aufhören! Aber trotzdem wollte ich zuerst mein Studium beenden. Doch diese Wahl ließen mir die beiden (Andi und seine Mutter) nicht. Auf der Feier von Andis 30. Geburtstag im August setzten sie mir das Messer auf die Brust: Entweder ich lasse mir jetzt helfen oder sie werden meine Eltern über meinen Zustand informieren. Puh, Horror! Meine Eltern sollten natürlich auf keinen Fall etwas von meinen Problemen mitbekommen, das würden sie sowieso nicht begreifen können und – was viel ausschlaggebender als Verständnis ihrerseits ist – was würden denn da die Nachbarn denken? Das geht doch gar nicht! Die gute heile Familie, in der alles in Ordnung ist und dann so was! Die Tochter in einer Klinik? Nein, niemals!
So war das. Psychische Probleme existierten in meiner Familie nicht. Dabei gab es inzwischen allen Grund dazu, sich damit auseinander zu setzen. Ich war zum Zeitpunkt meiner Abiturprüfungen sehr instabil und wusste mit dem Druck und sämtlichen anderen Belastungen nicht mehr anders umzugehen als mich selbst zu verletzen. Lange habe ich versucht meine Schnittwunden zu verstecken, doch es wurde Sommer und meine Eltern konnten schließlich Blicke auf meine Arme und Beine erhaschen. Von seitens meiner Mutter kam nie eine Reaktion, wohingegen mich mein Vater zum Gespräch zitierte. Ich solle doch damit wieder aufhören und auch die Tabletten (Antidepressiva, die ich mir heimlich vom Neurologen und Psychiater meines Vertrauens habe geben lassen) nicht mehr nehmen. Keine Fragen, kein Interesse, wieso ich das tat, wie es dazu gekommen ist. Es zählte nur der äußere Schein. Also hörte ich damit auf. Aus Angst vor meinem Vater. Besser ging es mir dadurch natürlich nicht. Im Gegenteil! Es war mein Ventil gewesen, das mir Erleichterung schaffte. Ein tiefer Schnitt mit der Rasierklinge, dann das fließende Blut und der Adrenalinstoß mit dem Schmerz und ich fühlte mich lebendig. Am liebsten zelebrierte ich meine Selbstverletzung – auch Ritzen genannt – in der Badewanne, wo sich das Wasser dann langsam rot färbte und das heiße Wasser in den frischen Wunden noch einmal zusätzlich schmerzte. Aber nun tat ich das nicht mehr, das Ritzen war Vergangenheit und somit hatte ich keine sichtbaren Wunden mehr, also ging es mir wieder gut. So ist das in unserer Gesellschaft.
Eine weitere Geschichte, die eindeutig auf psychische Krankheiten in unserer Familie hinweist, war mein Cousin. Dieser hatte bereits im Alter von 19 Jahren versucht sich das Leben zu nehmen, indem er sich zu viel (oder zu wenig?) Insulin spritzte. David war Diabetiker und wurde zum Glück zufällig am Morgen noch rechtzeitig gefunden. Dass dies ein Suizidversuch war, wurde natürlich vertuscht und nicht thematisiert. Stattdessen tat man das als Unfall ab und ging nicht mehr weiter darauf ein. Von nun an nahm er Medikamente und war besonders gut drauf. Er lebte noch weitere 4 Jahre, bis es dann bei seinem zweiten Versuch geklappt hat. Die ganze Familie fiel aus allen Wolken, als wir erfuhren, dass sich mein 23jähriger Cousin vor einen Zug geworfen hatte. Auch bei mir löste diese Nachricht im Januar dieses Jahres eine Verschlechterung meines Zustandes aus. Ich konnte nicht mehr weinen und war von nun an gleichgültig und verschlossen und verlor mich immer weiter in meiner Depression und Essstörung. Psychische Probleme existierten also sehr wohl in unserer Familie, doch was sollte noch alles passieren, damit diese wahrgenommen werden?
Heute
Durch meine – wenn auch nicht ganz freiwillige – Entscheidung, mir in einer psychosomatischen Klinik helfen zu lassen, habe ich das Muster durchbrochen. Das Bild der heilen Familie ist nun gänzlich zerstört. Ich bin nun also die sichtbar gewordene Störung. Ich bin nicht normal und ich will, dass alle das sehen können. Dennoch ist es aber an der Zeit, etwas zu ändern und neu zu beginnen. Davor habe ich Angst, weil das auch bedeutet, dass ich irgendwann wieder Verantwortung für mein Leben übernehmen muss. Dieses Nichts-Tun nervt unglaublich. Ich muss das Wochenende abwarten, bis wieder Termine (außer Essen) auf dem Plan stehen. Andererseits bin ich auch so froh, hier zu sein. Endlich muss ich nicht mehr funktionieren und etwas leisten. Außerdem kann ich Abstand bekommen und mich um mich kümmern. Wer bin ich wirklich und was brauche ich jetzt? Bin ich auf dem richtigen Weg oder muss ich mich völlig neu orientieren? So viele Fragen, die sich hoffentlich in den nächsten Einzeltherapiesitzungen klären lassen.
Kapitel 3
„I´m Mrs. she´s too big, now she´s too thinn.“ - Britney Spears
Nachdem das erste Wochenende in der Klinik geschafft ist, läuft langsam mein Alltag für die nächsten Monate an. Montags findet nach dem Frühstück immer die Stationsversammlung in der Kanzel, wie die gemütliche Sitzgruppe auf unserer Station genannt wird, statt. Dort sitzen wir alle gemeinsam auf den großen Eckbänken, die Ärzte, Therapeuten und Pfleger auf Stühlen uns gegenüber und wir besprechen den Verlauf der letzten Woche. Es geht ganz schön zur Sache und wer es nicht schafft, über oder zumindest auf seiner Gewichtskurve zu liegen, muss sich hier vor allen dazu äußern. Nach dem Mittagessen habe ich meine erste Gruppentherapie. Alles ist aufregend und neu, ich lerne langsam meine Mitpatientinnen und meine Mitpatienten kennen. Es gibt viel Erschreckendes zu sehen. Zum ersten Mal begegne ich Mädchen, die unter 40 Kilo wiegen, mit einem BMI von 13 und zwei werden sogar mit einer Magensonde ernährt, die über einen Schlauch durch die Nase die Kalorien direkt in den Magen transportieren. Der Schritt vor der Magensonde ist das Einnehmen eines hochkalorischen Getränks, das auch manche mehrmals täglich trinken müssen. Ich komme mir im Vergleich dazu so gar nicht krank vor, was mich fast etwas enttäuscht, weil ich auch das nicht richtig geschafft habe. Da sind tatsächlich andere, die die Essstörung um Welten besser perfektioniert haben als ich! Vielleicht verstehe ich mich deshalb besonders gut mit der Gruppe, die zeitgleich mit mir angekommen ist. Liane, Daniela und Laura sind alle nicht (mehr) anorektisch und wir sind uns eine gute Stütze, leiden und lachen gemeinsam.
Nach der Gruppentherapie werde ich zum EKG gerufen, meine Werte sind nicht in Ordnung. Ich erfahre, dass ich Kaliummangel habe und nun täglich Brausetabletten nehmen muss. Kaliummangel kann laut Ärztin dazu führen, dass mein Herz versagt und ich einfach tot umfalle. Etwas mulmig wird mir bei dem Gedanken schon: ich habe mit meinem Leben gespielt! Durch die Mangelernährung und die Bulimie habe ich meinen Elektrolythaushalt derart durcheinandergebracht, dass ich hätte sterben können. Nun bin ich erleichtert und froh, dass ich hier angekommen bin und mir endlich helfen lasse. Nach meiner ersten Einzeltherapie verfalle ich in richtige Hochstimmung: es kann mir gar nicht schnell genug gehen. Endlich kann ich mit jemandem über alles sprechen. Ich möchte gesund werden und bemühe mich auch um die Erlaubnis, schwimmen gehen oder mich anderweitig sportlich betätigen zu dürfen. So groß ist meine Angst, dass ich unkontrolliert zunehme. Auf der einen Seite möchte ich ja gesund werden und diese ganze Essproblematik endlich hinter mir lassen, andererseits will ich dabei schlank bleiben. Also warum fange ich nicht gleich damit an und stähle meinen Körper! Hihi, da muss ich wirklich selbst lachen! Ich bekomme die Erlaubnis, zunächst zweimal wöchentlich 15 Minuten schwimmen zu gehen – wegen meines noch zu niedrigen Body-Mass-Index´. Aber der Anfang ist gemacht und ich bin wirklich motiviert.
Doch meine gute Stimmung hält nicht lange an. Mit der Einnahme der Antidepressiva habe ich erst begonnen, da dauert es noch mindestens zwei Wochen, bis die Wirkung einsetzt. Außerdem steht Weihnachten vor der Tür. Den heiligen Abend verbringe ich allein in meinem Zimmer und mit einem kurzen Spaziergang am See. Abends sitzen die letzten verbliebenen Mädchen bei entspannter Stimmung in der Kanzel. Ich bin froh, dass ich hier sein kann und mich nicht verstellen muss. Hier kann ich so sein, wie ich bin, ich muss nicht funktionieren. Weihnachten zu Hause bedeutet vor allem viel Stress. Wer verhält sich nicht richtig, wer sagt das Verkehrte, habe ich in der Kirche vielleicht einmal mit den Augen gerollt? So viel Druck und Äußerlichkeiten. Andererseits werde ich auch etwas wehmütig, weil ich die Rituale trotz allem vermisse.
Rückblick
Seit frühster Kindheit an verlief bei uns der Heilige Abend nach dem gleichen Muster. Am Nachmittag wurde der Baum geschmückt und dann fuhren wir gemeinsam in die Kirche. Früher habe ich im Kinderchor und dann in der Jugendkantorei gesungen, genau wie meine Mutter auch schon in ihrer Jugend. Danach warteten wir in unseren Kinderzimmern gemeinsam mit Oma und Tante Lina. auf die Bescherung. Diese wurde dann durch das Klingeln der Glocke verkündet. Voller Vorfreude auf die Geschenke gingen mein Bruder und ich die Treppe ins Wohnzimmer hinunter, welches im Glanz des Kerzenlichtes erstrahlte. Wir sangen gemeinsam einige Weihnachtslieder und packten dann die Geschenke aus. Nach dem Essen widmeten wir uns unseren neuen Spielzeugen, Computerspielen usw., während die Erwachsenen noch einige Gläschen alkoholische Kaltgetränke zu sich nahmen, bis mein Vater schließlich auf der Couch einschlief und meine Mutter unsere Gäste nach Hause fuhr.
Heute
Ich bin sehr erleichtert, dass das alles dieses Jahr ohne mich stattfindet und ich hier in der Klinik am Chiemsee in Sicherheit vor dieser anstrengenden Außenwelt bin. Doch schon am 1. Weihnachtsfeiertag werde ich frühmorgens auf der Waage aus meiner schönen heilen Welt gerissen. Die Waage zeigt 44 Kilo, das sind 2,1 Kilo mehr als beim letzten Mal und bedeutet natürlich den absoluten Weltuntergang für mich. Ich male mir aus, wie dick ich wohl werde, wenn ich in diesem Tempo weiter mache. Absolute Panik und das an einem Feiertag. Kein Therapeut anwesend, keine Gespräche möglich. Ich kann in meinem Zimmer sitzen oder am See spazieren gehen. Bis auf meine Mitpatientinnen bin ich völlig auf mich allein gestellt und die haben natürlich auch mit sich zu kämpfen. So ist das hier: jeder hat sein Päckchen zu tragen.
Am Nachmittag kommt mich dann Andi besuchen. Wir verstehen uns gut, tauschen Weihnachtsgeschenke aus und unterhalten uns einige Stunden, bis er schließlich wieder nach Hause fährt. Den restlichen Abend verbringe ich mit den wenigen Mädels, die wie ich über die Feiertage in der Klinik bleiben, und ich merke, dass ich deren Gesellschaft mehr genießen kann als die von Andi. Ich fühle mich frei und ungezwungen, das erste Mal seit Jahren!
Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester vergehen eher schleppend, es passiert nichts und ich bin gefrustet, weil es mir viel zu langsam geht, abgesehen von der Gewichtszunahme. Zwischen den Jahren finden keine Therapien statt. So gerne würde ich endlich alles anpacken und vorankommen. Ein weiteres Ereignis ist der Silvesterabend. Diesen möchte ich gerne zu Hause verbringen. Die Vorbereitungen für die erste Heimfahrt seit meinem Klinikaufenthalt wühlen mich auf und ich stehe dem Ganzen zwiespältig gegenüber. Letztendlich organisiere ich die Zugfahrt und versuche dann in der kurzen Zeit meines Aufenthalts, möglichst viele Menschen zu sehen. Andi holt mich vom Zug ab und wir treffen uns in Amberg in einer Kneipe mit guten Freunden (Caro und Leif), schauen im Anschluss kurz im Jugendtreff der Stadt vorbei und fahren dann nach Hause. Wie jedes Jahr zu Silvester gibt es Raclette und ich komme erstaunlich gut zurecht mit dem Essen. Kurz vor Mitternacht besuchen wir dann die Geschwister von Andi und feiern dort das neue Jahr. Am Neujahrstag machen wir zunächst einen Abstecher zu seinen und dann zu meinen Eltern und endlich geht es für mich wieder zurück in meine wohlbehütete Käseglocke. Ich bin unendlich froh, wieder zurück in meinem Zimmer zu sein und merke, dass mir der ganze Stress da draußen in der „echten“ Welt viel zu viel ist und es noch dauern wird, bis ich bereit bin, mich dem zu stellen.
Kapitel 4
„I hear glasses breaking as I sit up in my bed.“ - Pink
Nach den Feiertagen geht es weiter mit der Auseinander-setzung mit meiner Vergangenheit. Unterstützt werde ich dabei von meiner Therapeutin in der Einzeltherapie.
Eine wichtige Ursache für meine Erkrankung sehe ich definitiv in meiner Kindheit; konkret bei meinen Eltern. Das hört sich immer so grausam und unfair an: den Eltern die Schuld geben und dann ist man aus dem Schneider. So ist das aber definitiv nicht! Ich bin sehr wohl der Meinung, dass sie zur Entstehung meiner Essstörung und anderen Problematiken beigetragen haben. Sie haben mir praktisch vorgelebt, dass man ohne Leistung nichts wert ist und außerdem die Frau unter dem Mann steht. Mein Vater hat meine Mutter ständig heruntergemacht und gedemütigt. Innerhalb der Familie und auch in der Öffentlichkeit. Dabei ging es wahrscheinlich nicht unbedingt darum, sie schlecht zu machen, sondern – wie ich inzwischen begriffen habe – darum, sich selbst besser aussehen zu lassen. Anerkennung kann man nur durch besondere Leistung in der Schule oder in der Musik (vermutlich auch im Sport, aber da war ich ja sowieso ein Totalversager) erlangen und selbst dann reicht es auch nie. Das war mein ständiger Begleiter in Kindheit und vor allem Jugend: egal was ich tue und erreiche, es ist nie genug! Vielleicht schon mal ein Hinweis auf eine Essstörung. Ich muss immer mehr und mehr essen, weil ich nie satt werde. Es muss immer noch besser, noch mehr sein, ein unendlicher Hunger nach mehr Anerkennung. Diese musste ich mir dann selbst geben und das ging sehr gut in Form von Bergen an fettigem Essen. Das war dann aber der Beginn eines Teufelskreises: um etwas wert zu sein, wollte ich auch gut aussehen, was in unserer Gesellschaft eng verknüpft ist mit schlank sein. Früher hatte ich Glück und war das von selbst. Mit der Pubertät kamen dann die Probleme und auch die Kilos auf den Hüften. Ich musste mir von meinem Vater anhören, dass ich nun auch so „Elefantenstampfer“ wie meine Mutter bekäme. Nicht gerade der beste Umgang mit seiner pubertierenden, verunsicherten Tochter und auch nicht respektvoll gegenüber seiner Ehefrau. Aber dieser Ton gehörte leider zur Normalität. Neben verbalen Sticheleien kam es hin und wieder leider auch zu körperlicher Gewalt, deren Zeuge ich bereits als 12-jähriges Mädchen sein musste. Besonders eingeprägt hat sich eine Szene aus den Osterferien, als wir im Skiurlaub in den französischen Alpen waren. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, aber plötzlich hatte mein Vater seine Hände um den Hals meiner Mutter geschlungen und drückte zu. Ich entwickelte Bärenkräfte und stürzte mich auf meinen Vater, riss ihm die Hände auseinander, sodass er locker ließ und sich schließlich abwandte. Die Erinnerungen sind nur bruchstückhaft vorhanden. Allerdings weiß ich noch, dass meine Mutter am Ende dieses Urlaubs ein blaues Auge hatte und wir auf der Heimfahrt einen Abdeckstift kaufen mussten, damit nur ja niemand aus der Verwandtschaft oder sonst jemand etwas mitbekam. Puh, bei diesen Erinnerungen wird es mir ganz komisch. Es erscheint alles so unwirklich und doch weiß ich, dass das wirklich passiert ist und einen Einfluss auf meine Entwicklung hatte. Ich will auf keinen Fall so werden wie meine Eltern. Weder so gewalttätig und eiskalt, noch will ich mich in einer Partnerschaft so behandeln lassen.
Viele dieser Erinnerungen an meine Kindheit kann ich in der Einzeltherapie abgeklärt und emotionslos erzählen. Meine Therapeutin sagt, dass dies mein Weg sei, damit klarzukommen. Die Essstörung bedeutet für mich eine Möglichkeit der Verarbeitung. In der weiteren Therapie soll es vor allem darum gehen, den Zugang zu meinen Gefühlen wieder zu finden und auch herauszufinden, was hinter der Angst vor dem Zunehmen steckt. Was bedeutet die Gewichtszunahme denn für mich? Ist es die Angst davor, die Kontrolle zu verlieren? Ich klammere mich so sehr an mein niedriges Gewicht, als wäre ich mit mehr Kilos nicht mehr begehrenswert und minderwertig.
Neben der Einzeltherapie beginnen nun auch verschiedene Gruppen wie die Depressionsbewältigungstherapie oder die Essstörungsbewältigungstherapie. Die Kurse sind anstrengend und fordern mich sehr. Es geht darum, die Ursachen der Krankheit zu erforschen, Auslöser zu erkennen und Strategien zu finden, die schwierige Situationen bewältigen helfen. Meist kommt heraus, dass wir Kranken nicht mit unseren Gefühlen umgehen können oder sogar gar nichts empfinden können. Um dieser Abstumpfung entgegenzuwirken, suchen wir nach Möglichkeiten, uns wieder zu spüren und auszudrücken. Eine andere Theorie ist die des Kontrollieren-Wollens. Das bedeutet, dass wir als klassische Perfektionistinnen die Kontrolle über unser Leben behalten oder zurückerlangen wollen, indem wir die Kontrolle über unser Gewicht gewinnen. Was neben den ganzen Therapien stattfindet, hilft mir mindestens genau soviel. Nach Silvester genieße ich das Beisammensein mit meinen Mädels in der Klinik sehr. Ich lerne die 17jährige Julia besser kennen und wir unternehmen gemeinsame Spaziergänge ins Dorf. Auch ihre Geschichte ist nicht einfach: aus einer überbehüteten Familie stammend hat sie eine Magersucht entwickelt. Sie ist extrem perfektionistisch und selbstkritisch. Wir verstehen uns sehr gut und ich finde sie total süß, möchte eine Art Vorbild für sie sein. Außerdem entwickelt sich eine großartige Freundschaft mit Daniela, die seit Jahren mit Bulimie zu kämpfen hat. Wenn man sie so kennenlernt, würde man niemals auf die Idee kommen, dass sie ein Problem mit ihrem Körper haben könnte. Sie wirkt wahnsinnig stark und selbstbewusst. Mit ihr kann ich viele ungezwungene Momente erleben. Gerade waren wir noch in der Kneipe gegenüber, im König Ludwig (genannt KL) ein Bier trinken. Das Quatschen und Herumblödeln mit ihr tut so gut, da kann ich mal den ganzen Ernst des Lebens ausblenden. Ich bin so froh, dass wir uns hier am Chiemsee gefunden haben! Im Moment fühl ich mich wirklich glücklich, ich wünschte, diese Zeit fernab der Realität würde niemals enden...
Doch leider muss ich mich auch noch mit den Vorgängen in der echten Welt auseinandersetzen. Der 50. Geburtstag meiner Mutter steht bevor. Dieses Ereignis setzt mich unter Druck. Das ist eine große Familienfeier, die „man“ eben feiern muss - im Kreis der gesamten Familie. Wie es mir dabei geht oder wie schwierig die Situation im Gasthaus mit Unmengen an Essen ist, kann meine liebe Mutter natürlich nicht sehen. Für sie geht es wie immer nur um ihr persönliches Schicksal. Es ist ihr Geburtstag und da habe ich natürlich dabei zu sein. Schlimm genug, dass ich bereits über Weihnachten in der Klinik war und meinen Aufenthalt dort nicht mal verheimlicht habe. Was sollen denn die Leute denken? Na gut. Da muss ich wohl durch. In mehreren Gesprächen mit meiner Therapeutin bereite ich mich auf die Heimfahrt vor und übe mögliche bevorstehende Situationen sogar im Rollenspiel in der Gruppentherapie. Auf Andi freue ich mich ja – zumindest rede ich mir das ein. Am Samstag ganz früh geht es los: ich fahre mit dem Zug bis in die nächstgrößere Stadt und treffe mich dort mit Andi. Wir gehen etwas bummeln, verstehen uns gut und dann beginnt auch schon die Feier. Es verläuft, wie ich schon vorher wusste: viele Oberflächlichkeiten und Essen, aber auch ein sehr gutes Gespräch mit meiner Patentante. Diese war die Einzige in meiner Familie, die Bescheid wusste, wie es mir wirklich geht. Zu ihr habe ich großes Vertrauen und ich weiß, dass ich mich bei ihr nicht verstellen muss. Ein tolles Gefühl! Nach vielen Gesängen und viel zu viel Essen verabschiede ich mich gemeinsam mit Andi, den Rest des Abends wollen wir zu zweit in seiner Wohnung verbringen. Trotz der üblichen Proteste, ich solle doch noch etwas länger bleiben, machen wir uns schließlich auf den Heimweg. Das war wirklich wieder einmal eine Herausforderung, die ich aber gut gemeistert habe! Ein wichtiger Schritt in Punkto Selbstfürsorge.
Am nächsten Tag setze ich mich wieder in den Zug zurück in die Klinik. Während der Fahrt denke ich viel nach und bin erleichtert, dass es wieder zurück in meine geschützte Parallelwelt geht. Ich bin für das „normale“ Leben da draußen noch nicht bereit. Erschöpft komme ich am Abend auf meiner Station bei meinen Mädels an. Ich freue mich so, sie alle wiederzusehen und genieße den Abend mit Daniela & Co. in der Kanzel. Es zählt nur der Augenblick und ich verschwende keinen Gedanken mehr an die Waage, die mich morgen früh erwartet.
Kapitel 5
„This is just a Punk Rock Song!“ - Bad Religion
Die Waage am nächsten Morgen verschont mich: seit dem letzten Mal Wiegen habe ich 300 Gramm abgenommen. Ich bin erleichtert, weil ich nun weiß, dass die Gewichtszunahme nicht ewig unkontrolliert weitergeht. Aber natürlich ist mir klar, dass ich noch nicht am Ziel bin und mein Gewicht weiter steigern muss, wenn ich wieder gesund werden möchte.
Weil ich mich hier in der Klinik so wohl fühle und das Leben außerhalb überhaupt nicht vermisse, kommt es immer öfter zum Streit mit meinem Freund Andi. Er ist verletzt, wenn ich sage, dass ich jetzt endlich wieder glücklich bin. Zum Streiten fehlt mir aber wirklich die Kraft, ich bin hier, weil ich krank bin und Hilfe brauche. Ich fühle mich unverstanden von ihm, er fühlt sich nicht verstanden von mir und so geraten wir immer wieder am Telefon aneinander. Ich beginne zu grübeln und stelle unsere Beziehung immer mehr in Frage. Bin ich überhaupt noch glücklich mit ihm? Er hat mir wirklich eine Zeit lang gutgetan. Aber wenn ich ehrlich bin, ist das schon sehr lange her. Zu Beginn unserer – hmm, wie soll ich es nennen? - Affäre, Liebschaft oder was auch immer, ging es mir auch nicht gut. Ich zweifle und stelle mir vor, wie mein Leben aussehen könnte, wenn ich noch mit meinem vorherigen Partner Vincent zusammen wäre. Mein Vincent, mein Vince-Schatz. Ich habe ihn wirklich von ganzem Herzen geliebt und tue es irgendwie immer noch. Vielleicht war die Beziehung mit Andi ein Fehler. Aber Vincent wird mir das alles nie verzeihen und ich kann es sogar verstehen. Aber wie kam es eigentlich so weit, dass wir uns letztendlich trennten?
Rückblick
Angefangen hatte Vincents und meine gemeinsame Geschichte als ich gerade einmal 16 Jahre alt war. Ich hatte sehr wenig Selbstbewusstsein und stand zu dieser Zeit total im Schatten meiner damaligen besten Freundin Miri. Was ich zu der Zeit nicht wusste: ich wurde auch tatsächlich so genannt: „der Schatten von der Miri“. Als ob ich kein eigenständiger Mensch mit Wünschen, Träumen und Bedürfnissen wäre. Auf jeden Fall hatte besagte Miri seit einigen Monaten einen Freund, was unsere bis dahin innige Freundschaft stark beeinträchtigte. Dennoch profitierte ich auch davon, denn oft nahmen sie mich mit. Ihr Freund Markus war bereits 18 und hatte ein eigenes Auto. So lernte ich im Dezember, als ich 15 war, mein geliebtes Happy Rock kennen. Die berühmt-berüchtigte Diskothek am Stadtrand, in der sich noch viele Dramen meines Lebens abspielen sollten. Jedenfalls war Markus Mitglied in einer Band, der auch ein sehr attraktiver Schlagzeuger mit Dreadlocks angehörte. Nachdem ich mir schon Fotos im Internet angesehen hatte und von diesem mysteriösen interessanten Typen geträumt hatte, nahm uns Markus endlich einmal mit zu einer Bandprobe in Vincents Wohnung. Ich habe ihn nur fasziniert beobachtet und es war klar: dieser Wahnsinns-Mann ist absolut unerreichbar für jemanden wie mich. Ich war doch eine kleine graue Maus, die keinem besonders auffiel. Alle interessierten sich für Miri, auch wenn ich nicht erkennen konnte, was sie so viel besser oder attraktiver als mich machte. Schließlich war ich definitiv schlanker als sie und meiner Meinung nach insgesamt auch hübscher. Außerdem hatte Vincent sowieso bereits eine Freundin. Damit erledigte sich die Spinnerei für mich vorerst und ich vergaß ihn wieder. Mein Leben zeigte sich auch so gerade von der wilden Seite mit diversen Sturmfrei-Partys und unerlaubten Happy Rock Besuchen. Ich hatte angefangen zu leben - ohne Rücksicht auf Verluste. Durch viele Kränkungen in der Vergangenheit war ich bereits richtig abgebrüht. Auf der einen Seite war ich eine gute, brave Schülerin, die noch nie wirklich etwas angestellt hatte, auf der anderen Seite kam die Abenteuerlust und ich wollte endlich etwas erleben. Meine Gefühle hatte ich bereits abgestellt, weil diese sowieso nie erwidert wurden und ich ging dazu über, Party zu machen: weggehen, betrinken, wahllos herumknutschen, alles selbstverständlich ohne Gefühle und Erwartungen. Inzwischen fiel mir das nicht mehr schwer.
Der erste Höhepunkt meiner wilden Zeit spielte sich in einer Woche in den Osterferien ab, als ich 16 Jahre alt war. Zum ersten Mal erlaubten mir meine Eltern, dass ich alleine zu Hause bleiben durfte und nicht mit nach Frankreich zum Skifahren musste. Ich verbrachte diese Woche vor allem mit meiner besten Freundin Miri und ihrem Freund Markus. Wir feierten wilde Partys bei mir zu Hause, nachdem wir noch einen Ex-Knacki (Dani) aus dem Happy Rock aufgegabelt hatten. Diesen fand eigentlich Miri süß, aber da sie vergeben war, hatte ich ihn abbekommen. Was sich jetzt aber schlimmer anhört als es tatsächlich war. In Wahrheit war das eine sehr unschuldige Geschichte mit Kuscheln und Knutschen. Ich gab mich zwar nach außen hin hart und wild, war aber innerlich weiterhin schüchtern und auf dem Gebiet der Intimität nach wie vor unerfahren. Mein Selbstbewusstsein profitierte aber dennoch davon: ein älterer, attraktiver Typ zeigte Interesse an mir! Am Ende dieser Woche stand der 21. Geburtstag von Vincent an, zu dem wir eingeladen waren. Markus, Miri, ich und besagter Dani, der übrigens bereits 23 war; damals für mich quasi uralt. Das wichtigste an diesem Abend war für mich, den tollen Vincent zu bewundern. Der Geburtstagsumarmung habe ich sehr entgegengefiebert und auch die Gespräche waren schön. Aber er hatte ja zu diesem Zeitpunkt eine Freundin und ich war mit meinem 23-jährigen Ex-Knacki da. Irgendwann habe ich mir mit Miri so richtig die Kante gegeben. Unser gemeinsamer Tequila-Absturz an diesem Abend sorgte noch lange für Gesprächsstoff. Ein Freund von Vincent schenkte uns einen Kurzen nach dem anderen ein, die wir ohne viel nachzudenken einfach hinunterstürzten. Dieser Freund und wir beide trafen uns dann wieder im Badezimmer, um uns zu übergeben. Gleichzeitig hingen wir alle drei über Kloschüssel, Badewanne und Waschbecken. Was musste das für ein grandioses Bild gewesen sein! Außerdem habe ich auf dieser Party auch zum ersten Mal Bong geraucht. Ich war sehr stolz auf mich, dass ich diese wichtige Hürde für mein neues Rebellen-Leben so gut gemeistert habe! Völlig erschöpft fiel ich auf dem Wohnzimmerboden von Vincent – in den Armen von Dani – in einen unruhigen Halbschlaf. Wie im Delirium höre ich noch Gesprächsfetzen der anderen Partygäste: „Ja! Schon krass: 15 Tequila! Und auch das erste Mal gekifft.“
Die nächste Woche habe ich versucht, mit Dani eine „Beziehung“ zu führen. Im Nachhinein betrachtet erscheint das Ganze völlig lächerlich. Er hat mich nie wirklich interessiert, war vielmehr ein Symbol geworden gegen meine Eltern, gegen Miri und überhaupt für meine Freiheit. Ein paarmal haben wir uns getroffen und dann kam der Kontakt auch nicht mehr zu Stande. Die nächste Geburtstagsfeier im Freundeskreis fand dann auch schon ohne Dani statt. Dafür war aber Vincent dabei und ich fing wieder an, für ihn zu schwärmen. Es war ein schöner Abend und wir haben dann zu viert ein Zimmer geteilt: Miri und Markus im Bett, ich und Vincent auf der Schlafcouch. Puh, war ich aufgeregt! Wir haben uns sehr angestrengt, uns nicht in die Quere zu kommen und am nächsten Morgen haben wir uns auch noch alleine unterhalten. Sehr harmonisch und ich total geflasht: sein Oberkörper mit den Tattoos, die Dreadlocks, seine Piercings... ich war hin und weg!
Aber dann zu Hause angekommen, sollte sich einiges ändern. Meine Eltern hatten die Geschichte mit der Sturmfrei-Party in den vergangenen Ferien herausgefunden. Aufgeflogen war das Ganze, weil zwei dumme Freundinnen meines Cousins in der Küche mit rohen Eiern geworfen hatten. Die Spuren hatten sich nicht vollständig beseitigen lassen und führten nun dazu, dass alles ans Licht kam. Mein Vater bereitete mir die Hölle auf Erden. Das erste und einzige Mal in meinem Leben hatte ich Hausarrest und wurde gedemütigt. Ausgestoßen als schwarzes Schaf der Familie. Er nötigte mich sogar, einen ausführlichen Bericht über meine Woche allein zu Hause zu verfassen. Ohne Lügen und mit allen Details. Sollte er bekommen. Es schien ihm aber dennoch zu harmlos und meine Eltern hackten immer wieder darauf herum, dass man es überprüfen könne, ob ich noch Jungfrau sei. War ich übrigens auch noch. Zu guter Letzt wurde mir mein Handy abgenommen. Das war erst einmal das Ende meiner Sozialkontakte, ich isolierte mich und lebte zurückgezogen – die Ausnahme bestand im Gang zur Schule, denn da musste ich schon noch hin.
Kapitel 6
„Now I´m stronger than yesterday!“ - Britney Spears
In meiner Hausarrest-Zeit konzentrierte ich mich soweit es ging auf die Schule. Auf das Konzert unserer lokalen Lieblingsband durfte ich dann aber nach vielem Betteln doch gehen. So herzlos waren nicht einmal meine Eltern! Nach ungefähr einem Monat in der Isolation fing ich mit heimlichen Happy Rock-Besuchen an und griff mein Party-Leben wieder auf. Offiziell wollte ich nur einen gemütlichen Mädels-Abend bei Miri genießen. Vincent schien vergessen, ich konzentrierte mich auf oberflächliche Eroberungen und fand es besonders prickelnd, dabei gesehen zu werden. Unter anderem widmete ich mich leidenschaftlichen Knutschereien auf der Tanzfläche mit meinem quasi „Ex-Freund“ Dani und genoss es, beobachtet zu werden. Damit ging ich als „böses Mädchen“ durch und gewann an Bekanntheit, wobei mir egal war, ob diese neue Aufmerksamkeit, die ich erfuhr, negativ oder positiv war. Hauptsache irgendeine Form von Aufmerksamkeit!
Um meinem neuen „Ich“ die Krone aufzusetzen und meine innere Verwandlung auch äußerlich sichtbar zu machen, hatten Miri und ich beschlossen, dass wir uns Dreadlocks machen lassen würden. Wir beide: zuerst sie und das Wochenende darauf dann auch ich. Wir fanden das eine sehr gute Idee und schafften es sogar, unsere Eltern davon zu überzeugen. Immerhin waren wir beide erst 16! Die Verwandlung vollzog kein geringerer als – tada! - Vincent. Der begehrenswerte, heiße Vincent, der mich noch immer faszinierte. Bereits am Nachmittag war ich bei Vincent und er fing an, mir die Dreads zu machen. Ich genoss es wirklich, mit ihm allein zu sein... später kam dann auch Miri und hatte schlechte Laune. Jeden noch so aufkeimenden Streit konnte ich aber wieder ersticken und in Harmonie umlenken durch Lachen über einen unserer berühmten „Insider“. Abends waren die Dreads dann fertig, ich sah aus, als hätte ich einen fluffigen Pudel auf dem Kopf. Aber ich war glücklich über meine Verwandlung: endlich nicht mehr das brave Mädchen mit den langen, glatten blonden Haaren! Nachdem noch weitere Freunde von uns gekommen waren, gab es Abendessen und ein gemütliches Beisammensein. Die Situation mit Miri war irgendwie angespannt und ich wusste aber nicht, wieso. Es war nichts vorgefallen und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, warum sie so schlecht drauf war. Als wir dann alleine waren, fragte ich sie, was denn los sei und dann platzte die Bombe: ich würde sie nerven, sie „packe“ mich nicht mehr, schließlich seien wir nicht verheiratet, sie habe jetzt Markus und brauche mich nicht mehr. Puh. Was war denn das? Ich konnte mich überhaupt nicht äußern und war fix und fertig. Was sollte das? Schließlich waren wir seit über zwei Jahren beste Freundinnen und hatten so ziemlich alles geteilt, was man sich nur vorstellen kann! Wir hatten gemeinsam unsere Pubertät durchlebt und unglaublich viel miteinander durchgestanden. Zahlreiche verrückte und einmalige Erlebnisse, waren durch dick und dünn gegangen. Sie war immer die Heldin und ich stand in ihrem Schatten. Was störte sie jetzt plötzlich daran? Ich verstand es nicht und ging erschöpft schlafen, nachdem ich etwas Trost bei Vincent gefunden hatte. Am nächsten Morgen ließ ich mich, ohne mich zu verabschieden, von meiner Mutter abholen. Die darauffolgenden Tage waren wie ein schlimmer Kater. Ich wollte nicht wahrhaben, dass dieser Streit wirklich passiert ist und unsere Freundschaft zu Ende ist. Andererseits erweckte der verletzte Stolz auch eine Trotzreaktion in mir. Ich fühlte mich stark, so stark wie nie. Nun war ich frei und unabhängig und mein veränderter, coolerer Style, unterstrich diese Tatsache. Ich fing an, allein wegzugehen und suchte mir neue Freunde, mit denen ich von nun an meine Zeit verbrachte. Es tat mir wirklich gut, endlich eine eigenständige Persönlichkeit zu sein. Ich bin aus dem Schatten ins Licht hervorgetreten und wurde endlich gesehen. Miri versuchte hin und wieder, mich „zurückzugewinnen“, aber ich wollte nicht mehr. Ich wollte jetzt mein eigenes Leben fühern und nicht mehr ihre persönliche Sklavin sein. Von diesem Zeitpunkt an suchte ich meine Freunde selbst aus und entschied auch allein, was ich unternehmen würde und mit wem. Das war das Ende unserer siamesischen Mädels-Freundschaft. Es sollte nie mehr so werden, wie es war.
So kam es, dass ich in diesem Sommer, der nun folgte, viel unterwegs war und neue Leute kennenlernte und schließlich eine Beziehung mit einem netten und anständigen 19-jährigen Jungen einging. Er hatte gerade sein Fachabitur in der Tasche und musste ab Oktober seinen Dienst bei der Bundeswehr antreten. Es war schön mit ihm, wir verbrachten eine angenehme Zeit miteinander, gingen ins Kino und auf Feste, die es im Sommer haufenweise gibt. Ziemlich schnell war mir aber klar, dass es auf eine Freundschaft hinauslaufen würde, weil ich keine Gefühle entwickeln konnte. Zeitgleich hatte auch Vincent eine neue Beziehung und somit standen wir nur wenig in Kontakt. Dennoch fand ich einen Weg, wie ich ihn – gemeinsam mit meinem Freund natürlich – auch außerhalb verschiedener Veranstaltungen treffen konnte. Wir besuchten ihn hin und wieder, damit er meine Dreadlocks pflegen konnte. Ich fühlte mich in seiner Nähe unglaublich wohl und freute mich darüber, dass sich die beiden Jungs recht gut verstanden. Auf den verschiedenen Events mit Bands und natürlich in meinem geliebten Happy Rock genoss ich weiterhin mein neues Leben in vollen Zügen. Ich tanzte, trank und guckte mir die Jungs an. Dass ich meine Beziehung früher oder später beenden würde, war mir bewusst, denn ich liebte es, einfach „böse“ zu sein und mit zahlreichen süßen Jungs zu flirten und den ein oder anderen auch zu küssen. Nach ca. 4 Monaten beendete ich dann also die Beziehung und erlitt so eine Art „Miri-Rückfall“. Sie bat mich darum, ihr zu verzeihen und wir versöhnten uns – vorübergehend. Sie hatte inzwischen Markus verlassen und unserer Freundschaft erlebte ein Revival, in dem es wieder hieß: wir gegen den Rest der Welt!
In meiner Single-Zeit feierte ich viel mit ihr und der ganzen Clique, zu der nun auch Vincent gehörte. Aber unsere Zeit war noch nicht gekommen und so schnappte ich mir bei einem Konzert im Jugendtreff einen neuen hübschen Dreadlock-Träger und nach ein paar Dates waren wir dann auch zusammen. Felix hatte wunderbare schwarze Dreads und ein Lippenpiercing, was mir sehr gut gefiel. Außerdem war er etwas schüchtern und machte gerade seinen Zivildienst in einer Sozialstation. Bald schon lernte ich seine Freunde kennen und integrierte ihn ebenfalls in meinen gemeinsamen Freundeskreis mit Miri. Den 17. Geburtstag von Miri feierten wir mit einer Party in ihrem Keller und auch Vincent war da. Nach ein paar Caipirinhas führten wir ein langes Gespräch, in dem er mir offenbarte, dass er mich durchaus gernhatte. Ich schwebte auf Wolke sieben und schließlich vereinbarten wir, dass wir heiraten würden, wenn wir beide mit 30 gerade solo seien. Wow! Was für ein Kompliment von meinem heimlichen Schwarm! Trotz dieser tollen Aussichten blieb ich bei Felix und ließ mich sogar von ihm entjungfern. Mit wahrer Liebe hatte das nichts zu tun; es reichte mir nur so, die scheinbar letzte 16jährige zu sein, die „diese Sache“ noch nicht erlebt hatte. Also suchte ich mir einen Samstag vor Weihnachten aus und brachte es endlich hinter mich. Wir waren in seinem Zimmer, redeten vorher darüber, wie es sein würde, auch dass es mein erstes Mal wäre. Es war ok, relativ unspektakulär und ich war froh, diese Hürde genommen zu haben.
Weiterhin ging mir aber Vincent nicht aus dem Kopf und das nächste Highlight unserer bisher recht unschuldigen Beziehung war die Silvesterparty bei ihm. Wir feierten alle bei Raclette auf dem Wohnzimmerboden und der gesamte Freundeskreis inklusive Felix war dabei. Zu späterer Stunde gab es unter anderem Feuerzangenbowle, welche mich dann einschlafen ließ. Als ich wieder wach wurde, waren Vincent, Markus, Miri und deren neuer Schwarm Jan noch übrig. Ich setzte mich auf die Couch zu Vincent und mit der Zeit lehnte ich mich an ihn, während er – bewusst oder unbewusst? - sanft über meinen Arm streichelte. Ich wusste, dass sowohl Felix im selben Raum lag und schlief sowie Vincents aktuelle Flamme in seinem Bett bereits auf ihn wartete. Aber dieser Gedanke spornte mich eher noch an und verlieh mir mehr Mut für den nächsten Schritt. Ich nahm seine Hand, streichelte sie behutsam und legte vorsichtig meinen Kopf auf seinen Schoß. Statt mich zurückzuweisen, setzte er das Streicheln fort und arbeitete sich weiter vor über meinen Kopf, mein Gesicht und berührte schließlich mit dem Finger meine Lippen. Mir wohligem Kribbeln hauchte ich leichte Küsse auf seinen Finger und wünschte mir, dass der Moment niemals zu Ende ginge. Ich war mir jetzt sicher: Irgendwann wird unsere Zeit schon noch kommen!
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